Hongloumeng/de/Chapter 23

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: [1-10] · [11-20] · 21 · 22 · 23 · 24 · 25 · 26 · 27 · 28 · 29 · 30 · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 23

西厢记妙词通戏语

牡丹亭艳曲警芳心

Als Yüan-tschun nach ihrem Besuch im Garten des Großen Anblicks in den Palast zurückgekehrt war, hatte sie befohlen, Tan-tschun solle alle Namen, Mottos und Gedichte jenes Tages der Reihe nach sauber niederschreiben, sie selbst aber wollte sie ordnen und ihre Stärken und Schwächen kommentieren. Gleichzeitig hatte sie befohlen, alle diese Widmungen sollten im Garten in Stein gehauen werden, um das große Ereignis zu verewigen. Also hatte Djia Dschëng angeordnet, von überall geschickte Arbeiter und namhafte Handwerker kommen zu lassen, um im Garten des Großen Anblicks Steine zu glätten und Schriftzeichen darin einzugraben. Die Aufsicht sollten unter Djia Dschëns Leitung Djia Jung, Djia Ping und andere führen. Weil Djia Tjiang durch die Beaufsichtigung der zwölf kleinen Schauspielerinnen mit Wën-guan an der Spitze und durch die Verwaltung ihrer Garderobe nicht viel Zeit für weitere Dinge finden konnte, zog Djia Dschën zur Aufsicht über die Steinmetzen Djia Tschang und Djia Ling mit heran, und so wurde eines Tages damit begonnen, Steine mit Wachs zu polieren und die rot vorgezeichneten Inschriften auszuhauen. Aber nicht davon soll hier die Rede sein. Die zwölf kleinen buddhistischen Nonnen im Bodhidarma-Kloster und die zwölf kleinen dauistischen Nonnen im Tempel des Jadekaisers sollten jetzt den Garten des Großen Anblicks verlassen, und Djia Dschëng wollte sie auf verschiedene Klöster verteilen. Dann aber hörte zufällig Djia Tjins Mutter, Frau Dschou, davon, die in der hinteren Straße wohnte und die eben bei Djia Dschëng einen Auftrag für ihren Sohn zu erlangen hoffte, der ihnen ein bißchen Geld und Silber einbringen würde. Also stieg sie in eine Sänfte und kam zu Hsi-fëng, um ihre Bitte vorzutragen. Hsi-fëng, die sah, daß Frau Dschou sich nicht aufzuspielen versuchte, versprach, ihr zu helfen. Sie legte sich dann ein paar passende Sätze zurecht und sagte zu Dame Wang: „Die kleinen buddhistischen und dauistischen Nonnen sollten auf keinen Fall auseinandergebracht werden. Wenn die kaiserliche Nebenfrau das nächste Mal kommt und wir die Nonnen brauchen, um ihr aufzuwarten, würde das viele Umstände machen, wenn wir sie jetzt auseinanderreißen würden. Meiner Meinung nach wäre es das beste, sie in unseren Familientempel, das Kloster Eiserne Schwelle, zu stecken. Dann brauchen wir nur jeden Monat jemanden hinzuschicken, der ihnen ein paar Liang Silber für Reis und Feuerholz bringt, und das ist alles. Sobald sie aber gebraucht werden, macht es nicht die geringsten Umstände, sie holen zu lassen.“ Dame Wang besprach es mit Djia Dschëng, und dieser sagte lächelnd: „Gut, daß du mich darauf aufmerksam gemacht hast! So werden wir verfahren!“ Und sofort ließ er Djia Liän rufen. Djia Liän saß eben mit Hsi-fëng beim Essen, und als er diese Aufforderung vernahm, wußte er nicht, worum es ging. Er stellte seine Reisschale hin und wollte gehen, aber rasch hielt Hsi-fëng ihn fest und sagte lächelnd: „Warte noch und hör mich an! Wenn es um etwas anderes geht, soll es mich nicht kümmern, aber wenn es wegen der kleinen Nonnen ist, mußt du unbedingt machen, was ich dir sage!“ Und schon erteilte sie ihm ihre Unterweisung. „Ich weiß davon nichts“, erwiderte Djia Liän lächelnd. „Wenn du so tüchtig bist, geh nur selber hin und sprich mit ihm!“ Hsi-fëng warf den Kopf zurück, legte die Eßstäbchen aus der Hand, sah Djia Liän mit einem unergründlichen Lächeln an und fragte: „Ist das dein Ernst, oder machst du Spaß?“ „Yün, der Sohn der fünften Schwägerin aus dem Westanbau, hat mich schon ein paarmal um einen Auftrag gebeten“, erklärte Djia Liän lächelnd. „Ich habe ihm meine Zusage gegeben, bat ihn aber, sich zu gedulden. Und jetzt, wo endlich etwas kommt, schnappst du es mir weg!“ „Sei nur unbesorgt!“ sagte Hsi-fëng. „Die kaiserliche Nebenfrau hat gesagt, im Nordostteil des Gartens müßten noch viele Kiefern und Lebensbäume gesetzt werden, und vor dem Hauptgebäude seien Blumen zu pflanzen. Wenn es soweit ist, werde ich dafür sorgen, daß Yün die Aufsicht darüber erhält!“ „Wenn das so ist, soll es mir recht sein“, sagte Djia Liän, „aber warum hast du dich gestern abend mit Händen und Füßen gesträubt, als ich mal etwas Neues probieren wollte?“ Als Hsi-fëng das hörte, lachte sie nur verächtlich und spuckte nach Djia Liän. Dann beugte sie sich über den Tisch und aß weiter. Djia Liän aber ging lachend hinaus und begab sich in den Hauptraum zu Djia Dschëng. Tatsächlich wollte dieser ihn wegen der kleinen Nonnen sprechen, und so, wie es Hsi-fëng ihn geheißen hatte, sagte Djia Liän: „Wie es aussieht, hat sich Tjin in der letzten Zeit sehr herausgemacht, darum sollte man ihm diese Sache übertragen. Er braucht ja nur jeden Monat den Hausregeln entsprechend das Geld in Empfang zu nehmen.“ Djia Dschëng, der sich um diese Dinge nicht besonders kümmerte, stimmte dem zu, was Djia Liän ihm vorschlug. Als Djia Liän in seine Wohnung zurückgekehrt war und Hsi-fëng Bescheid gab, schickte sie sogleich jemanden zu Frau Dschou. Daraufhin suchte Djia Tjin Djia Liän und seine Frau auf und bedankte sich ohne Ende. Hsi-fëng machte sich noch einmal zu Djia Tjins Fürsprecherin und bat Djia Liän, er solle ihm das Geld für drei Monate im Voraus auszahlen lassen. Also mußte Djia Tjin eine Empfangsbestätigung schreiben, Djia Liän aber fügte die Summe ein und setzte seine Unterschrift darunter. Sofort bekam Djia Tjin die Hausmarke, und in der Silberkammer zahlte man ihm die volle Unterhaltssumme für drei Monate aus, mehr als zweihundert Liang blitz­blan­kes Silber. Ein Stück davon legte Djia Tjin den Waagemeistern ‚für Tee‘ hin, den Rest ließ er von einem Sklavenjungen nach Hause tragen, wo er sich mit seiner Mutter beratschlagte. Dann mietete er einen kräftigen Esel, den er selber reiten wollte, und etliche Wagen, mit denen er sich an das Nebentor des Jung-guo-Anwesens begab, wo er die vierundzwanzig kleinen Nonnen herausrufen und in die Wagen steigen ließ, die dann geradewegs vor die Stadt zum Kloster Eiserne Schwelle fuhren. Mehr ist jetzt nicht davon zu berichten. Während Yüan-tschun im Kaiserpalast die Widmungen für den Garten des Großen Anblicks ordnete, kam ihr plötzlich der Gedanke, daß Djia Dschëng den schönen Garten nach ihrem Besuch bestimmt vor lauter Ehrfurcht zugesperrt hielt und niemanden hineinließ, damit dort nichts in Unordnung gebracht wurde. So mußte es dort sehr öde sein. Andererseits waren jetzt einige Mädchen im Haus, die sich aufs Dichten verstanden. Warum sollten sie nicht dort wohnen? So würden sich weder die Schönen beengt fühlen müssen, noch würde man den Blumen und Weiden eine Schmach antun. Dann dachte sie daran, daß Bau-yü von klein auf inmitten von Schwestern und Kusinen aufgewachsen war und nicht mit den anderen Jungen gleichgesetzt werden konnte. Wenn er nicht mit im Garten wohnen dürfte, würde er sich sehr einsam fühlen, und wenn er unglücklich wäre, würden sich die Herzoginmutter und Dame Wang unvermeidlich Sorgen machen. Darum würde es das beste sein, wenn auch er mit in den Garten zöge. Nachdem Yüan-tschun diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, beauftragte sie den Eunuchen Hsia Schou-dschung, den Befehl ins Jung-guo-Anwesen zu bringen, Bau-tschai und die anderen Mädchen sollten im Garten wohnen, und dieser solle nicht verriegelt und verrammelt werden. Bau-yü aber solle mit in den Garten ziehen und dort weiterlernen. Als Djia Dschëng und Dame Wang den Befehl empfangen hatten, warteten sie, bis Hsia Schou-dschung sich verabschiedet hatte, dann kamen sie, um die Herzoginmutter davon in Kenntnis zu setzen, und schickten Leute in den Garten, um überall aufzuräumen und auszufegen und um die Tür- und Bettvorhänge wieder anzubringen. Alle anderen nahmen den Befehl mit Fassung auf, Bau-yü aber wußte vor Freude weder ein noch aus. Eben besprach er sich mit der Herzoginmutter und bat sie um dieses und jenes, da kam ein Sklavenmädchen und meldete: „Der gnädige Herr läßt Bau-yü rufen!“ Bau-yü stand wie vom Donner gerührt, und seine Freude war wie weggeblasen. Mit bleichem Gesicht klammerte er sich verzweifelt an die Herzoginmutter und hätte sich lieber umbringen lassen, als zu seinem Vater zu gehen. So blieb der Herzoginmutter nichts weiter übrig, als ihn zu beruhigen. „Geh nur, mein Schatz!“ sagte sie. „Ich bin ja auch noch da. Er wird es nicht wagen, dich zu kränken, zumal du so etwas Gutes geschrieben hast. Wahrscheinlich will er dir ein paar Verhaltensmaßregeln erteilen, weil die kaiserliche Nebenfrau befohlen hat, daß du mit in den Garten ziehst. Sicher will er dir bloß sagen, du sollst dort nicht ungezogen sein. Sag nur zu allem, was er anordnet, schön ja, dann wird dir nichts passieren.“ Auf diese Weise redete sie ihm zu und rief dann zwei alte Ammen, denen sie befahl: „Ihr begleitet Bau-yü und sorgt dafür, daß sein Vater ihn nicht erschreckt!“ Die Ammen sagten: „Jawohl!“ Und nun mußte Bau-yü notgedrungen gehen, aber er schlich so langsam, daß ihn jeder Schritt kaum drei Tsun vorwärtsbrachte. Drüben befand sich Djia Dschëng eben in den Räumen von Dame Wang, mit der er etwas zu besprechen hatte, und die Sklavenmädchen Djin-tschuan, Tsai-yün, Tsai-hsia, Hsiu-luan und Hsiu-fëng standen draußen unter dem Dachvorsprung. Als sie Bau-yü kommen sahen, lächelten sie ihm zu, Djin-tschuan aber hielt ihn fest und sagte leise zu ihm: „Eben habe ich mir die Lippen mit duftender Schminke eingerieben. Willst du nicht davon kosten?“ Sofort schob Tsai-yün sie beiseite und sagte lächelnd: „Mußt du dich über ihn lustig machen, wo ihm ohnehin nicht wohl zumute ist? – Geh schnell hinein, Bau-yü, solange der gnädige Herr guter Laune ist!“ Also trat Bau-yü ins Haus. Djia Dschëng und Dame Wang waren im Innenraum. Nebenfrau Dschau schlug den Türvorhang zurück, und Bau-yü trat mit einer Verbeugung ein. Djia Dschëng und Dame Wang saßen sich auf dem Ofenbett gegenüber und sprachen miteinander. Auf einer Stuhlreihe davor saßen Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun und Djia Huan. Nur Tan-tschun, Hsi-tschun und Djia Huan standen auf, als sie sahen, daß Bau-yü hereinkam. Djia Dschëng hob die Augen und erblickte Bau-yü, der mit wachem Geist und gewinnendem Äußeren vor ihm stand. Er verglich ihn mit Djia Huan, dessen Haltung schlaff und dessen Benehmen ungeschliffen war, und plötzlich fiel ihm Djia Dschu ein. Dann blickte er auf Dame Wang, der nur dieser eine leibliche Sohn geblieben war, den sie nun liebte wie eine Perle. Und er selbst bekam schon einen grauen Bart! Angesichts all dieser Umstände verlor sich das Gefühl der Verachtung, mit dem er Bau-yü für gewöhnlich behandelte, zu acht oder neun Zehnteln, und er sagte nach einiger Zeit: „Die kaiserliche Nebenfrau meint, du gehst draußen Tag für Tag nur deinen Vergnügungen nach und wirst allmählich übermütig. Darum hat sie jetzt angeordnet, du sollst unter Kontrolle gehalten werden und mit deiner Schwester und deinen Kusinen zusammen im Garten deine Lese- und Schreibübungen machen. Also lerne nur fleißig und nimm dich in acht, wenn du nicht vernünftig bist und dich nicht in dein Los fügst!“ Bau-yü antwortete gleich mehrmals hintereinander: „Jawohl!“ Dann zog ihn Dame Wang zu sich heran und ließ ihn sich setzen. Auch Djia Huan und die beiden Mädchen nahmen jetzt wieder Platz. Dame Wang strich Bau-yü über den Nacken und fragte: „Ist die Medizin von neulich schon alle?“ „Eine Kugel ist noch übrig“, erwiderte Bau-yü. „Dann laß dir morgen noch zehn Stück holen, und jedesmal vor dem Schlafengehen soll Hsi-jën dir eine davon geben!“ befahl Dame Wang. „Seitdem Ihr es angeordnet habt, hat Hsi-jën jeden Abend daran gedacht und hat mich immer eine Kugel nehmen lassen“, gab Bau-yü Auskunft. „Wer ist Hsi-jën?“ erkundigte sich Djia Dschëng. „Ein Sklavenmädchen“, gab ihm Dame Wang zur Antwort. „Für ein Sklavenmädchen ist jeder Name recht“, sagte Djia Dschëng. „Aber wer war so einfallsreich, gerade diesen Namen zu wählen?“ Dame Wang merkte, daß Djia Dschëng unzufrieden war, und um Bau-yü zu decken, behauptete sie: „Die alte gnädige Frau hat den Namen gewählt.“

„Wie sollte die alte gnädige Frau auf so einen Ausdruck kom­men?“ fragte Djia Dschëng. „Bestimmt war das Bau-yü!“


Im Laternenrätsel sieht Djia Dschëng böse Omen. Aus: Jinyuyuan 1889b. Bau-yü erkannte, daß er um die Wahrheit nicht herumkam, also stand er auf und erklärte: „Mir hatte sich beim Gedichtelesen die Zeile eingeprägt ‚Hüllt Blumenduft den Menschen ein, sind die Tage wieder warm.‘ Und weil das Mädchen mit Familiennamen Hua – ‚Blume‘ – heißt, habe ich sie, ohne viel nachzudenken, so genannt.“ „Gib ihr einen anderen Namen, sobald du wieder in deinem Zimmer bist, Bau-yü!“ befahl Dame Wang. Dann fuhr sie, an Djia Dschëng gewandt, fort: „Ihr solltet wegen so einer Kleinigkeit nicht ärgerlich sein!“ „Warum sollte das Mädchen schließlich nicht so heißen dürfen?“ sagte Djia Dschëng. „Der Name braucht gar nicht geändert zu werden. Nur sieht man daran, daß Bau-yü seine Zeit mit schwülstigen Liebesgedichten vertut, anstatt sich mit etwas Ordentlichem zu beschäftigen.“ Und er fuhr Bau-yü an: „Raus mit dir, du unheilverheißendes Viech!“ Auch Dame Wang sagte rasch: „Geh nur! Sicher wartet die alte gnädige Frau mit dem Essen auf dich!“ „Jawohl!“ sagte Bau-yü und ging langsam hinaus. Im Vorbeigehen streckte er Djin-tschuan lächelnd die Zunge heraus, dann verschwand er mit den beiden alten Ammen wie ein flüchtiger Rauch. Als sie an die Durchgangshalle kamen, stand dort Hsi-jën an die Tür gelehnt, und kaum daß sie Bau-yü wohlbehalten zurückkommen sah, strahlte sie vor Freude und fragte: „Was war denn?“ „Ach, nichts Besonderes“, erwiderte Bau-yü, „nur ein paar Ermahnungen, nicht ungezogen zu sein, wenn ich im Garten wohne.“ Damit kehrte er zur Herzoginmutter zurück und berichtete ihr, wie es ihm ergangen war. Da sich auch Dai-yü mit im Zimmer befand, fragte er sie: „Wo möchtest du gern wohnen?“ Dai-yü, die gerade selbst über diese Frage nachdachte, antwortete ihm lächelnd: „Am liebsten wäre mir die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo der Bambushain den gewundenen Wandelgang verdeckt. Dort ist es abgeschiedener und ruhiger als anderswo." „Genau, wie ich es mir gedacht habe!“ sagte Bau-yü und klatschte vor Freude in die Hände. „Ich wollte auch, daß du dort wohnst. Ich ziehe in den Hof der Freude am Roten. So wohnen wir dicht beieinander und leben beide still und zurückgezogen.“ Während sie noch miteinander beratschlagten, kam eine Botin von Djia Dschëng, um der Herzoginmutter zu melden: „Der zweiundzwanzigste ist ein Glückstag, da können die Kinder ihren Einzug halten. Bis dahin sollen Leute in den Garten geschickt werden, um alles vorzubereiten.“ Bau-tschai zog dann in den Haselwurzpark, Dai-yü in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, Ying-tschun in den Brokatbestückten Turm, Tan-tschun in die Studierstube Herbstfrische, Hsi-tschun in die Laube des Knöterichwindes, Li Wan ins Reisduftdorf und Bau-yü in den Hof der Freude am Roten. Jeder bekam außer den eigenen Ammen und Sklavinnen zur persönlichen Bedienung noch zwei alte Ammen und vier Sklavenmädchen zugeteilt, und zusätzlich waren noch Sklavinnen da, die nur aufräumen und saubermachen mußten. Am zweiundzwanzigsten zogen alle ein, und sofort flatterten gestickte Bänder zwischen den Blumen und zogen Weihrauchschwaden durch den Weidenhain, so daß es jetzt nicht mehr öde im Garten war. Aber genug der müßigen Worte, besser soll davon die Rede sein, wie froh und glücklich Bau-yü war, nachdem er im Garten wohnte! Er hatte kein anderes Verlangen mehr, als tagtäglich mit Schwestern, Kusinen und Sklavenmädchen zusammen zu sein, um zu lesen und zu schreiben, die Zither zu schlagen und Schach zu spielen, Bilder zu malen und Gedichte zu deklamieren oder gar Muster zu zeichnen und auszusticken, das Pflanzenspiel zu spielen und sich mit Blumen zu schmücken, mit leiser Stimme zu rezitieren und zu singen, mit Schriftzeichen zu orakeln und Faustraten zu spielen und schließlich überallhin zu gehen. So war er vollkommen zufrieden. Seine Gedichte über die vier Jahreszeiten sind zwar nichts Besonderes, aber da sie in Stimmung und Bildern doch echt sind, sollen sie hier aufgezeichnet werden.

Frühlingsnacht

Locker von Wolken aus Seide umhüllt, hör ich von fernher den Stundenschlag. Kühl ist das Kissen, der Regen tropft, die Frühlingsnacht ist ein flüchtiger Traum. Wem weint die Kerze die Tränen nach? Sind mir die fallenden Blüten gram? Immer noch schwatzen die Mägde draußen, hilflos vergrab ich im Kissen den Kopf.

Sommernacht

Müde vom Sticken liegt die Schöne im Traum. „Bringt Tee!“ schreit im Käfig der Papagei. Hell wie ein Spiegel strahlt draußen der Mond, durchs Zimmer ziehn Schwaden von Kampferrauch. Taufrischer Trank füllt die Bernsteinbecher, nachtkühler Wind streicht durchs Glasgebälk. Am Wasser bauschen sich Seidenkleider, und im Haus rüstet man sich zum Schlaf.

Herbstnacht

Endlich verstummt ist das Stimmengewirr, und Mondlicht durchtränkt den Gazebehang. Die Kraniche schlafen im moosigen Hof, die Krähen am Brunnen benetzt der Tau. Schon ist die Phönixdecke entfaltet, und die Schöne kehrt sich vom Fenster ab. Durstig vom Wein, kann ich nicht schlafen, entzünde Weihrauch und rufe nach Tee.

Winternacht

Pflaume und Bambus, sie träumen schon lang, mich aber flieht trotz der Decken der Schlaf. Draußen im Schatten die Kraniche stehn, im Neuschnee verstummt ist der Vogelruf. Fröstelnd murmelt das Mädchen Gedichte, den Jüngling im Pelz wärmt der Wein nicht auf. Wie gut, daß die Magd auf Tee sich versteht, sie brüht ihn aus frisch gefallenem Schnee.

Als gewisse Schmeichler sahen, daß im Jung-guo-Anwesen ein Herrensohn von zwölf, dreizehn Jahren solche Gedichte verfaßte, schrieben sie sie ab und rühmten sie überall. Es fanden sich dann auch genug leichtfertige junge Leute, die Gefallen an solcherart losen Versen hatten, sie auf Fächer und Wände schrieben und ständig im Munde führten. Schließlich gingen sie Bau-yü um Gedichte und Kalligraphien, Bilder und Widmungen an, und das war so recht nach Bau-yüs Geschmack. Ganze Tage saß er zu Hause und war mit diesen Nebensächlichkeiten beschäftigt. Dann aber hatte er es auf einmal satt. Plötzlich war ihm nicht mehr wohl dabei, an nichts fand er mehr Freude, und er fühlte sich bedrückt, wo er ging und stand. Im Garten wohnte er fast nur mit Mädchen zusammen, die noch einfältig und naiv waren und sich in ihrem Benehmen keinen Zwang antaten. Was verstanden sie davon, wie Bau-yü jetzt zumute war! Unfroh, wie er war, hielt es ihn nicht mehr im Garten. Nun lungerte er ziellos draußen herum und wurde dabei dumpf und stumpf. Als Ming-yän sah, wie es mit Bau-yü bestellt war, wollte er ihn gern aufmuntern und überlegte hin und her, aber aller Dinge, die ihm einfallen wollten, war Bau-yü längst überdrüssig, und sie konnten nichts helfen. Dann aber kam er doch auf etwas, was Bau-yü noch nicht kannte, und so ging er in die Buchläden und kaufte eine Menge alter und neuer Erzählungen, die inoffiziellen Lebensbeschreibungen der Fee-yän und der Hë-dë, der Wu Dsë-tiän und der Yang Guee-fee sowie Operntexte, und das gab er Bau-yü zu lesen. Woher hätte Bau-yü solche Bücher kennen sollen! Kaum daß er sie ansah, glaubte er, ihm sei ein unermeßlicher Schatz zuteil geworden. „Ihr dürft aber solche Bücher nicht in den Garten mitnehmen!“ warnte ihn Ming-yän. „Wenn jemand davon erfährt, geht es mir schlecht.“ Doch wie sollte Bau-yü es fertigbringen, nichts davon im Garten zu haben! Nach einigem Zögern wählte er ein paar Bücher aus, die in feinerem Stil geschrieben waren, nahm sie mit und verbarg sie am Kopfende seines Bettes, um heimlich darin zu lesen, wenn niemand es sah. Was aber zu offensichtlich grob und vulgär war, versteckte er in seiner Studierstube außerhalb des Gartens. Eines Tages in der Mitte des dritten Monats nahm Bau-yü nach der Morgenmahlzeit das „Westzimmer“ und ging damit zu der Brücke am Duftgetränkten Wehr, wo er sich unter blühenden Pfirsichbäumen auf einen Stein setzte und das Buch aufschlug, um es noch einmal von Anfang an zu genießen. Eben kam er zu der Stelle „ein Schauer von roten Blüten fiel“, da fuhr unversehens ein Windstoß in die Pfirsichbäume und überschüttete ihn, das Buch und den Erdboden über und über mit Blütenblättern. Schon wollte Bau-yü die Blütenblätter abschütteln, aber aus Sorge, daß er sie dann zertreten könnte, trug er sie vorsichtig zum Rand des Teiches und schüttelte sie ins Wasser, wo sie auf der Oberfläche hin und her schwammen und dann über das Duftgetränkte Wehr nach draußen trieben. Immer noch lagen viele Blütenblätter auf der Erde, und Bau-yü war sich unschlüssig, wie er damit verfahren sollte, da sprach ihn jemand von hinten an: „Was machst du denn hier?“ Als Bau-yü sich umwandte, erblickte er Dai-yü, die eine Blumenhacke über der Schulter trug und einen Beutel daran, während sie in der Hand einen Blumenbesen hielt. Lächelnd sagte Bau-yü: „Das ist schön! Komm, wir wollen die Blütenblätter zusammenfegen und dort ins Wasser werfen! Eben habe ich schon eine Menge hineingetan.“ „Sie ins Wasser zu werfen ist nicht gut“, sagte Dai-yü. „Hier ist das Wasser sauber, aber wo es weiterfließt, wohnen Leute am Ufer, und es kommen Schmutz und Unrat hinein, so daß die Blüten doch verdorben werden. Ich habe drüben in der Ecke ein Blumengrab. Ich fege die Blütenblätter zusammen, tue sie in diesen Seidenbeutel hier, dann schütte ich dort Erde darüber, und mit der Zeit zergehen sie darin. Ist das nicht reinlicher?“ Bau-yü freute sich ungemein und sagte lächelnd: „Ich lege nur das Buch weg, dann helfe ich dir beim Einsammeln!“ „Was ist das für ein Buch?“ erkundigte sich Dai-yü. Verwirrt steckte Bau-yü das Buch weg und sagte: „Nur Das Rechte Maß und Das Große Lernen .“ Aber lächelnd sagte Dai-yü: „Du willst mich wohl wieder einmal anführen? Zeig lieber schnell her, was du da hast!“ „Liebstes Kusinchen“, sagte Bau-yü, „vor dir habe ich keine Angst, aber sag es bloß niemand anders! Es ist wirklich ein gutes Buch, und man vergißt das Essen darüber, wenn man es liest.“ Damit reichte er ihr das Buch, und Dai-yü legte ihre Gerätschaften beiseite, um es entgegenzunehmen. Sie las es von Anfang an, und je länger sie las, desto besser gefiel es ihr. Es dauerte nicht einmal so lange, wie man braucht, um eine Schale Reis zu

Hsiu-luan und Hsiu-fëng. Aus: Gai Qi 1879. essen, da hatte sie alle sechzehn Akte gelesen. Die Sprache des Stücks erschien ihr erschütternd schön, und sie hatte einen angenehmen Nachgeschmack davon im Mund. Obwohl sie das Buch schon ausgelesen hatte, saß sie gedankenverloren da und wiederholte still für sich einzelne Stellen. „Nun, ist das nicht gut?“ fragte Bau-yü. „Es ist wirklich fesselnd“, sagte Dai-yü. „Ich bin ‚der Mann, von Sorge und Krankheit geplagt,‘ und du bist ‚die Schönheit, die Länder und Städte zu Fall bringt‘“, sagte Bau-yü. Kaum hatte Dai-yü das gehört, wurde sie rot bis über die Ohren. Ihre Brauen, die ohnehin stets aussahen wie gerunzelt, gingen steil in die Höhe. Ihre Augen, die auch sonst schon wirkten wie schmerzlich geweitet, starrten ihn an. Die zarten Wangen verrieten Zorn, das kränkliche Gesicht zeigte Empörung. Sie wies mit dem Finger auf Bau-yü und sagte: „Red nicht solchen fluchwürdigen Unsinn! Schleppst hier verdorbene Liebesstücke an und beleidigst mich mit ungezogenen Ausdrücken daraus. Das gehe ich dem Onkel und der Tante sagen!“ Schon hatten sich ihre Augenränder gerötet, und nun machte sie kehrt, um zu gehen. Erregt trat Bau-yü zu ihr heran, um sie aufzuhalten, und sagte: „Liebstes Kusinchen, verzeih mir dies eine Mal! Ich habe etwas Falsches gesagt, aber wenn ich das in der Absicht tat, dich zu beleidigen, will ich in den Teich fallen, und eine grindköpfige Schildkröte soll mich verschlucken, auf daß ich mich selbst in eine Schildkröte verwandle! Und wenn du dann als Gattin eines Beamten der ersten Rangstufe alt und krank geworden bist und eines Tages ins Paradies eingehst, werde ich ein Leben lang an deinem Grab die Grabstele tragen!“ Dai-yü lachte auf, rieb sich die Augen und sagte lächelnd: „Warum redest du erst solchen Unsinn, wenn du dann doch Angst bekommst? ‚Oh, das Pflänzchen, das nicht gedeiht,‘ ‚die Speerspitze von Lot, die sich den Anschein gibt, sie sei aus Silber...‘“ „Schau an!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Das gehe ich dann aber auch petzen!“

Aus: Jingsi shanmin 1815. „Du brüstest dich, nach einem Mal Lesen könntest du einen Text auswendig“, sagte Dai-yü. „Meinst du, ich lese nicht zehn Zeilen auf einen Blick?“ Bau-yü legte das Buch beiseite und sagte lächelnd: „Wir täten besser daran, rasch die Blüten zu begraben und nicht mehr an diese Sache zu rühren!“ Kaum hatten sie dann die abgefallenen Blüten zusammengefegt und ordentlich begraben, als Hsi-jën kam und sagte: „Da konnte ich dich ja nicht finden, wenn du hier steckst! Drüben ist der alte gnädige Herr krank geworden, und die Fräulein haben sich alle zu ihm begeben, um ihren Gruß zu entbieten. Die alte gnädige Frau hat befohlen, daß auch du es tust. Also komm, zieh dich schnell um und reite hinüber!“ Rasch nahm Bau-yü sein Buch, verabschiedete sich von Dai-yü und ging mit Hsi-jën ins Haus, um sich umzukleiden. Aber davon soll jetzt nicht weiter die Rede sein. Als Bau-yü fortgegangen war und sie gehört hatte, auch die Mädchen seien nicht zu Hause, blieb Dai-yü bedrückt allein zurück. Eben ging sie auf ihre Wohnräume zu, da hörte sie, als sie an der Umfassungsmauer des Birnendufthofes vorüberkam, Musik und Gesang. Sie sagte sich, das müßten die zwölf kleinen Schauspielerinnen sein, die dort ihre Texte übten, aber da sie sich aus Theaterstücken nicht viel machte, ging sie weiter, ohne darauf zu achten. Plötzlich aber drang klar und deutlich der Satz in ihr Ohr: „Wie herrlich leuchtet der Blumenflor zwischen verfall‘nen Mauern und Brunnen...“ Betroffen blieb sie stehen, um zu lauschen, und hörte weiter: „Ein schöner Tag und ein prächtiger Blick, doch wer kann sich daran erfreuen?“ Unwillkürlich nickte Dai-yü mit einem Seufzer und sagte sich: „Auch unter den Theaterstücken ist gute Literatur zu finden. Schade, daß es den Leuten, die ins Theater gehen, nur um das äußerliche Schauspiel zu tun ist und daß sie den inneren Sinn nicht erfassen!“ Dann bereute sie, daß sie sich durch ihre dummen Gedanken hatte ablenken lassen, anstatt weiter zuzuhören, und spitzte wieder die Ohren: „Du bist schön wie die Blumen,

	 doch die Jahre gehen dahin...“

hörte sie jetzt, und diese Worte erschütterten ihr Herz und Gemüt. Dann ging es weiter: „Einsam sitzt du in stiller Kammer...“, und Dai-yü setzte sich wie betäubt auf einen Brocken Felsgestein, weil ihre Kniee sie nicht mehr tragen wollten. Dort grübelte sie über die Worte nach „Du bist schön wie die Blumen, doch die Jahre gehen dahin“, und plötzlich fiel ihr ein altes Gedicht wieder ein, in dem es hieß: „Das Wasser fließt, und die Blumen welken, doch kennen sie kein Gefühl“, und ein anderes mit den Worten: „Wasser fließet, Blüten fallen, Frühling geht vorbei, und wir sind getrennt wie Himmel und Erde...“ Dazu paßte auch die Zeile, die sie vorhin im ‚Westzimmer‘ gelesen hatte: „Das Wasser fließt, von Blüten rot, zehntausendfach ist mein Kummer...“ Alle diese Sätze kamen ihr plötzlich in den Sinn und flossen in eins zusammen, und als sie genauer darüber nachdachte, wurde ihr weh ums Herz, ihre Sinne waren benommen, und Tränen strömten aus ihren Augen. Ehe sie sich wieder gefaßt hatte, stieß sie plötzlich jemand von hinten an, und wenn ihr wissen wollt, wer das war, müßt ihr das nächste Kapitel lesen. Wahrlich: Vergessen die Morgentoilette, vergessen das Sticken am Abend, dem Mond und dem Winde zugewandt, verzehrt sich ihr Herz vor Kummer.