Hongloumeng/de/Chapter 24

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Kapitel 24

醉金刚轻财尚义侠

痴女儿遗帕惹相思

Dai-yü saß also gedankenverloren da, als jemand sie von hinten anstieß und fragte: „Was machst du hier ganz allein?“ Dai-yü schreckte auf und fuhr herum, doch es war niemand anders als Hsiang-ling. „Dummes Ding!“ sagte Dai-yü. „Mich so zu erschrecken! Wohin willst du?“ „Ich suche unser Fräulein Bau-tschai“, sagte Hsiang-ling lachend. „Sie ist einfach nicht zu finden. Und du wirst von Dsï-djüan gesucht. Die junge gnädige Frau hat dir irgendwelchen Tee schicken lassen. Komm, wir gehen zu dir!“ Damit faßte sie Dai-yü bei der Hand und ging mit ihr zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Tatsächlich hatte Hsi-fëng zwei Dosen frischen Tee geschickt, wie er im Kaiserpalast getrunken wurde. Dai-yü setzte sich mit Hsiang-ling zusammen hin, aber es gab nichts, worüber sie sich ernsthaft unterhalten konnten. So hieß es nur, dies sei schön gestickt und jenes fein gearbeitet, sie spielten eine Partie Schach, lasen ein paar Sätze in einem Buch, und dann ging Hsiang-ling wieder fort, und mehr soll davon nicht die Rede sein. Als Hsi-jën mit Bau-yü ins Haus zurückkam, lag dort Yüan-yang schräg auf dem Bett und sah sich Hsi-jëns Nadelarbeit an. Als sie Bau-yü hereinkommen sah, sagte sie: „Wo warst du denn? Die alte gnädige Frau wartet auf dich. Du sollst hinüberreiten, um dem alten gnädigen Herrn deinen Gruß zu entbieten. Also zieh dich rasch um!“ Nachdem Hsi-jën in den Innenraum gegangen war, um Bau-yüs Kleider zu holen, setzte dieser sich auf die Bettkante und streifte die Schuhe ab. Während er auf die Stiefel wartete, wandte er den Kopf und sah, daß Yüan-yang eine rosa Seidenjacke und darüber eine schwarze Satinweste trug, um den Leib hatte sie eine Binde aus weißem Krepp geschlungen. Den Kopf hielt sie gesenkt, um die Nadelarbeit zu betrachten, ihren Hals schmückte ein gemusterter Kragen. Bau-yü näherte sein Gesicht ihrem Nacken und sog den Duft ihrer Creme ein, wobei er ihr unaufhörlich mit den Fingern über den Nacken strich. In Weiße und Glätte stand ihre Haut der von Hsi-jën nicht nach. Jetzt umklammerte er sie wie ein Affe und drängte lächelnd: „Laß mich von der Schminke auf deinen Lippen kosten, liebste Schwester!“ Wie festgeklebt hing er an ihr.

Aus: Jingsi shanmin 1815.

„Hsi-jën, komm her und sieh dir das an!“ rief Yüan-yang. „Du bist doch ständig mit ihm zusammen, sagst du ihm denn nichts, daß er sich immer noch so benimmt?“

Mit den Kleidern im Arm trat Hsi-jën herein und sagte zu Bau-yü: „Was ist das nur mit dir, daß du dich nicht änderst, egal was man dir sagt? Wenn das nicht anders wird, kann ich hier nicht bleiben!“ Dann drängte sie ihn, sich umzuziehen und mit Yüan-yang zur Herzoginmutter zu gehen. Als Bau-yü mit der Herzoginmutter gesprochen hatte und aus dem Haus trat, standen seine Begleiter schon mit einem Pferd bereit. Eben wollte er aufsitzen, da kam Djia Liän von draußen zurück und stieg vom Pferd. Während die beiden einige Worte miteinander wechselten, trat jemand von der Seite heran und grüßte: „Guten Tag, Onkel Bau-yü!“ Bau-yü erblickte einen hochaufgeschossenen Jüngling von achtzehn, neunzehn Jahren mit einem länglichen Gesicht, das schön und edel geformt war. Doch obwohl ihm der Jüngling sehr bekannt vorkam, wollte ihm nicht einfallen, zu welchem Zweig der Familie er gehörte und wie er hieß. Lächelnd fragte Djia Liän: „Was guckst du so entgeistert? Erkennst du ihn etwa nicht? Das ist doch Yün, der Sohn der fünften Schwägerin aus dem Westanbau.“ „Richtig, richtig!“ sagte Bau-yü lächelnd, „wie konnte ich ihn nur vergessen?“ Dann fragte er Djia Yün, wie es seiner Mutter gehe und was ihn hergeführt habe. „Ich habe ein paar Sätze mit dem Onkel zu reden“, erwiderte Djia Yün und wies dabei auf Djia Liän. „Im Vergleich zu früher hast du dich ganz schön herausgemacht“, bemerkte Bau-yü lächelnd. „Du könntest glatt mein Sohn sein.“ „Schämst du dich nicht?“ fragte Djia Liän lachend. „Er ist vier oder fünf Jahre älter als du, und da soll er dein Sohn sein?“ „Wie alt bist du jetzt?“ fragte Bau-yü. „Achtzehn“, gab Djia Yün Auskunft, dann fügte er flink und gewitzt, wie er war, hinzu: „Nicht umsonst sagt der Volksmund: ‚Der Großvater liegt in der Wiege, der Enkel geht am Stock.‘ Ich bin zwar der Ältere, aber selbst der höchste Berg überragt nicht die Sonne. In den Jahren, seitdem mein Vater tot ist, hat mir niemand Fürsorge und Belehrung zuteil werden lassen. Wenn ich Euch nicht zu dumm bin und Ihr mich als Sohn annehmt, wäre das ein großes Glück für mich!“ „Hast du das gehört?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Aber jemanden an Sohnes Statt anzunehmen ist keine Kleinigkeit.“ Und damit ging er hinein. Lächelnd sagte Bau-yü: „Komm morgen zu mir, wenn du Zeit hast, und laß dich hier mit niemand auf krumme Geschäfte ein! Jetzt kann ich nicht, aber wenn du morgen zu mir in die Bibliothek kommst, können wir uns ausführlich unterhalten, und ich zeige dir den Garten.“ Damit schwang er sich in den Sattel und ritt, von seinen Sklavenjungen umringt, zu Djia Schë hinüber. Als Djia Schë ihn empfing, stellte sich heraus, daß es nur eine kleine Erkältung war, an der er litt. Bau-yü stellte zunächst die Fragen, die ihm die Herzoginmutter aufgetragen hatte, und dann entbot er Djia Schë seinen zeremoniellen Gruß. Stehend beantwortete Djia Schë die Fragen der Herzoginmutter, dann rief er jemanden und befahl: „Führ den kleinen Herrn in das Zimmer der gnädigen Frau!“ Also zog sich Bau-yü zurück und begab sich in den hinteren Hauptraum. Als Dame Hsing ihn hereinkommen sah, erhob sie sich und trug ihm einen Gruß an die Herzoginmutter auf. Dann erst konnte ihr Bau-yü seinen Gruß entbieten. Anschließend zog Dame Hsing ihn zu sich aufs Ofenbett und erkundigte sich nach dem Rest der Familie. Sie befahl, Tee einzugießen, und sie hatten die erste Tasse noch nicht geleert, als Djia Dsung hereinkam, um Bau-yü zu begrüßen. „Das ist ja ein Affe, wie er im Buche steht!“ tadelte Dame Hsing. „Sind denn deine Ammen alle gestorben, daß dich niemand in Ordnung halten kann? Sieht so vielleicht ein Kind aus einer alten Beamtenfamilie aus, das schon Unterricht hat – mit schwarzer Stirn und schmutziger Schnute?“ Während sie das sagte, kamen auch Onkel und Neffe Djia Huan und Djia Lan herein. Nachdem sie ihren Gruß entboten hatten, ließ Dame Hsing sie auf zwei Stühlen Platz nehmen.n Frau!“ Also zog sich Bau-yü zurück und begab sich in den hinteren Hauptraum. Als Dame Hsing ihn hereinkommen sah, erhob sie sich und trug ihm einen Gruß an die Herzoginmutter auf. Dann erst konnte ihr Bau-yü seinen Gruß entbieten. Anschließend zog Dame Hsing ihn zu sich aufs Ofenbett und erkundigte sich nach dem Rest der Familie. Sie befahl, Tee einzugießen, und sie hatten die erste Tasse noch nicht geleert, als Djia Dsung hereinkam, um Bau-yü zu begrüßen. „Das ist ja ein Affe, wie er im Buche steht!“ tadelte Dame Hsing. „Sind denn deine Ammen alle gestorben, daß dich niemand in Ordnung halten kann? Sieht so vielleicht ein Kind aus einer alten Beamtenfamilie aus, das schon Unterricht hat – mit schwarzer Stirn und schmutziger Schnute?“ Während sie das sagte, kamen auch Onkel und Neffe Djia Huan und Djia Lan herein. Nachdem sie ihren Gruß entboten hatten, ließ Dame Hsing sie auf zwei Stühlen Platz nehmen. Aber Djia Huan verdroß es, daß Bau-yü mit Dame Hsing auf demselben Sitzpolster saß und von ihr gestreichelt und gehätschelt wurde, darum gab er Djia Lan schon bald einen Wink, daß sie gehen wollten. Djia Lan mußte gehorchen, und so standen sie gemeinsam auf und verabschiedeten sich. Daraufhin erhob sich Bau-yü ebenfalls und wollte mit ihnen zusammen gehen, aber Dame Hsing sagte lächelnd zu ihm: „Bleib sitzen! Ich habe noch mit dir zu reden.“ Also mußte sich Bau-yü wieder hinsetzen. „Grüßt zu Hause eure Mütter von mir!“ trug Dame Hsing den beiden anderen auf. „Eure Mädchen sind alle hier und haben solchen Spektakel gemacht, daß mir ganz schwindlig davon ist, darum behalte ich euch heute nicht zum Essen hier.“ Djia Huan und Djia Lan sagten jawohl und gingen. „Warum sind die Mädchen nicht zu sehen, wenn sie alle hier sind?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Sie haben ein Weilchen hier gesessen und sind dann irgendwo nach hinten gegangen“, erwiderte Dame Hsing. „Ihr sagtet, Ihr wolltet mit mir reden“, fuhr Bau-yü fort. „Was gibt es denn?“ „Gar nichts“, sagte Dame Hsing lächelnd, „ich wollte nur, daß du noch bleibst und mit den Mädchen zusammen hier ißt. Außerdem habe ich etwas Schönes für dich, was du mitnehmen kannst.“ Tante und Neffe hatten nicht bemerkt, daß es über ihrem Gespräch Zeit geworden war, zu Abend zu essen, aber jetzt wurden Tische und Stühle zurechtgestellt und Becher und Schalen aufgetragen. Nachdem sie mit den Mädchen zusammen gegessen hatten, ging Bau-yü noch zu Djia Schë, um sich zu verabschieden, dann kehrte er mit den Mädchen nach Hause zurück, wo sie die Herzoginmutter und Dame Wang aufsuchten, ehe sich jeder in sein Wohngebäude begab und sich schlafen legte. Mehr ist davon nicht zu berichten. Als Djia Yün zu Djia Liän gekommen war, hatte er sich erkundigt: „Gibt es nicht irgendeinen Auftrag, den ich übertragen bekommen könnte?“ „Neulich gab es etwas“, sagte Djia Liän, „aber deine Tante hat mich so lange gebeten, bis ich Tjin den Auftrag verschaffte. Sie hat mir jedoch gesagt, im Garten sollten demnächst noch an einigen Stellen Blumen und Bäume gepflanzt werden, und wenn diese Arbeit an der Reihe sei, solltest du sie ganz bestimmt übertragen bekommen.“ „Dann warte ich eben!“ erklärte Djia Yün nach längerer Pause. „Aber sagt der Tante nichts davon, daß ich mich erkundigt habe. Wenn es soweit ist, können wir immer noch darüber sprechen.“ „Warum sollte ich es ihr sagen?“ fragte Djia Liän. „Für müßiges Geschwätz habe ich keine Zeit. Morgen früh muß ich schon in der fünften Nachtwache nach Hsing-i aufbrechen, um noch am selben Tag zurück zu sein. Also warte ab und hol dir übermorgen zur ersten Nachtwache Bescheid! Eher kann ich nicht.“ Damit verschwand er in den Innenraum, um sich umzuziehen. Djia Yün verließ das Jung-guo-Anwesen und grübelte unentwegt nach. Dann kam ihm ein Gedanke, und sofort ging er zu seinem Onkel mütterlicherseits, der mit Namen Bu Schï-jën hieß. Dieser Bu Schï-jën betrieb eine Spezereihandlung und war eben aus dem Geschäft nach Hause gekommen, als plötzlich Djia Yün hereintrat. „Was willst du denn um diese Zeit noch hier?“ erkundigte er sich bei seinem Neffen, nachdem sie einander begrüßt hatten. „Ich möchte Euch um Eure Hilfe bitten“, sagte Djia Yün. „Ich brauche etwas Kampfer und etwas Moschus. Gebt mir doch je vier Liang auf Pump! Im achten Monat zahle ich Euch die volle Summe Silber dafür.“ „Red mir nicht von Pumpgeschäften!“ sagte Bu Schï-jën mit abweisendem Lächeln. „Einer unserer Verkäufer hatte auch mal etwas für mehrere Liang Silber auf Pump an einen Verwandten verkauft, aber der hat sie ihm bis heute noch nicht bezahlt. Darum haben wir alle zusammengelegt, um die Schuld zu begleichen, und haben ausgemacht, daß niemand mehr seinen Verwandten oder Freunden etwas auf Pump geben darf. Wer es doch tut, muß die andern zur Strafe für zwanzig Liang Silber bewirten. Außerdem sind die Sachen, die du haben willst, im Augenblick sowieso knapp. Selbst wenn du sie mit barem Silber in unserem Lädchen kaufen wolltest, hätten wir sie nicht am Lager und müßten sie irgendwo anders kaufen gehen. Das ist das eine. Zum andern ist doch das bestimmt nichts Reelles, was du vorhast. Du kaufst die Sachen auf Pump und stellst dann irgendwelchen Blödsinn damit an. Du siehst, daß dein Onkel dir nur Vorhaltungen macht, sooft wir uns treffen. Aber jung, wie du bist, hast du von nichts eine Ahnung. Du solltest dir endlich etwas einfallen lassen, um zu ein wenig Geld zu kommen, damit du zu essen und anzuziehen hast, dann werde auch ich mich freuen.“ „Ihr habt ganz recht, Onkel!“ sagte Djia Yün und lächelte. „Als mein Vater starb, war ich noch klein und unverständig. Von meiner Mutter hörte ich später, wie Ihr alles in die Hand genommen und das Begräbnis ausgerichtet habt. Wißt Ihr da nicht, daß wir nicht mehr haben als ein Mu Land und das Haus mit zwei Räumen? Soll ich das jetzt verkaufen, oder wie? Die geschickteste Hausfrau kann ohne Reis keine Reissuppe kochen, sagt man. Was meint Ihr denn, was ich machen soll? Ihr habt noch Glück, daß ich bin wie ich bin und kein unverschämter Kerl, der Euch in drei Tagen zweimal auf die Pelle rückt und mal drei Schëng Reis und dann zwei Schëng Bohnen verlangt. Dann könntet Ihr nämlich auch nichts dagegen machen.“ „Du solltest ja alles kriegen, mein Junge, wenn ich es nur hätte!“ beteuerte Bu Schï-jën. „Tag für Tag sage ich zu deiner Tante, es sei ein Jammer, daß du so wenig Verstand besitzt. Du brauchtest dich nur aufzuraffen und zu deiner reichen Verwandtschaft zu gehen. Wenn du die Herrschaften nicht zu Gesicht bekommst, bescheide dich nur und stell dich mit ihren Verwaltern und Aufsehern gut, damit man dir einen Auftrag gibt, für den du verantwortlich bist. Neulich war ich außerhalb der Stadt und habe den viertältesten Sohn deines dritten Onkels getroffen. Er ritt auf einem kräftigen Esel und hatte fünf Wagen mit vierzig oder fünfzig jungen Nonnen bei sich, die er in den Familientempel brachte. Das ist ein tüchtiger Kerl, und ihm vertraut man auch Aufträge an.“ Djia Yün konnte das Geschwätz nicht länger anhören, darum stand er auf und verabschiedete sich. „Warum so eilig?“ fragte Bu Schï-jën. „Iß doch mit uns, bevor du gehst, und...“ Aber noch ehe er zu Ende gesprochen hatte, schaltete seine Frau sich ein und sagte: „Was redest du wieder für Unsinn? Ich habe dir doch gesagt, daß wir keinen Reis mehr im Haus haben. Ich habe ein halbes Djin Nudeln gekauft, die will ich dir kochen, und du tust hier wer weiß wie dick. Willst du deinen Neffen einladen, hungrig dabeizusitzen, oder was?“ „Dann kaufst du eben noch ein halbes Djin und tust es dazu!“ entschied Bu Schï-jën. Also befahl seine Frau, die Tochter Yin-djiä solle gegenüber bei Mutter Wang fragen, ob sie ihnen bis morgen zwanzig oder dreißig Bronzemünzen borgen könne. Aber während die Ehegatten noch miteinander sprachen, sagte Djia Yün mehrmals hintereinander: „Nur keine Umstände, bitte!“ und war im nächsten Augenblick spurlos verschwunden. Lassen wir also die Familie Bu und erzählen weiter von Djia Yün! Als er das Haus seines Onkels wütend verlassen hatte, ging er den Weg wieder zurück, den er gekommen war, und hing dabei zornigen Gedanken nach. Und während er so mit gesenktem Kopf dahinging, prallte er auf einmal unversehens mit voller Wucht gegen einen Betrunkenen. Erschrocken sprang Djia Yün beiseite und hörte den anderen fluchen: „Schänd deine Mutter! Hast du keine Augen im Kopf, daß du mich anrempeln mußt?“ Ehe Djia Yün sich aus dem Staube machen konnte, hatte der Betrunkene ihn schon gepackt, und jetzt erkannte Djia Yün, daß es niemand anders war als sein Nachbar Ni Örl. Dieser Ni Örl war ein Taugenichts, der von Wucherzinsen und vom Glücksspiel lebte und dessen ganzes Vergnügen Schlägereien und Saufgelage waren. Heute hatte er bei einem Schuldner Zinsen kassiert und kam eben betrunken zurück, als er plötzlich angerempelt wurde. Wütend fuchtelte er mit der Faust und wollte gerade zuschlagen, als der andere plötzlich rief: „Halt ein, Ni Örl, ich bin es doch!“ Die Stimme kam Ni Örl bekannt vor, und als er seine Säuferaugen aufriß, erkannte er Djia Yün. Rasch ließ er ihn los, torkelte zurück und sagte lächelnd: „Ach, der junge Herr Djia ist das! Verflucht will ich sein! Wohin willst du?“ „Das kann ich dir schlecht sagen“, erwiderte Djia Yün. „Für nichts und wieder nichts habe ich mir eine Abfuhr geholt.“ „Nur keine falsche Bescheidenheit!“ forderte Ni Örl ihn auf. „Sag es mir nur, wenn dir jemand ein Unrecht getan hat, und ich rechne für dich mit ihm ab! In unsern drei Straßen und sechs Gassen hier gibt es niemand, den ich, der Betrunkene Himmelswächter, nicht in Teufels Küche brächte, wenn er meinen Nachbarn beleidigt.“ „Reg dich nicht auf, ich werde dir alles erzählen!“ sagte Djia Yün und berichtete ihm, was sich bei Bu Schï-jën zugetragen hatte. Ni Örl bebte vor Zorn, als er die Geschichte gehört hatte. „Wenn er nicht dein Onkel wäre, sollte ihm das schlecht bekommen!“ erklärte er. „Es bringt mich um vor Wut! Aber laß gut sein, du mußt dich deswegen nicht grämen! Ich habe ein paar Liang Silber bei mir. Nimm sie nur, wenn du etwas brauchst! Aber nur unter einer Bedingung. Wir sind nun schon so viele Jahre Nachbarn, und ich bin überall als Geldverleiher bekannt, aber du hast mich nie deswegen angesprochen. Nun weiß ich nicht, ob du mich für einen Taugenichts hältst und mich deswegen verachtest und meinst, du würdest dir dadurch etwas vergeben, oder ob du fürchtest, mit mir sei schlecht auszukommen und ich würde zu hohe Zinsen nehmen. Wenn es wegen der Zinsen ist – ich will für dieses Geld keine Zinsen, ich will nicht einmal etwas Schriftliches darüber. Wenn du aber Angst hast, du könntest dir mit mir etwas vergeben, dann will ich dir das Silber nicht aufdrängen, dann geht eben jeder von uns seines Weges.“ Bei diesen Worten holte er wirklich ein Päckchen Silber aus dem Gürtel. Djia Yün sagte sich: ‚Dieser Ni Örl ist zwar ein Taugenichts, aber er ist doch auch hilfsbereit und weithin dafür bekannt, daß er sich furchtlos für die Gerechtigkeit einsetzt. Wenn ich jetzt seine Großzügigkeit zurückweise, wird er beleidigt sein, und wer weiß, was dann daraus wird. Besser ist, ich nehme das Silber und gebe ihm später das Doppelte wieder. Also sei‘s drum!‘ Als er diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, sagte er lächelnd: „Ni Örl, du bist wirklich ein guter Kerl! Und natürlich hatte ich schon an dich gedacht und wollte mich an dich wenden. Aber ich habe gesehen, daß deine Freunde nur mutige und tüchtige Menschen sind und solche unfähigen Gestalten wie ich gar keine Beachtung bei dir finden. Bestimmt hättest du mir nichts borgen wollen, wenn ich mich an dich gewandt hätte. Wenn mir jetzt deine Großmut zuteil wird, sage ich natürlich nicht nein, und sobald ich zu Hause bin, schreibe ich dir einen Schuldschein, wie es sich gehört, und bringe ihn zu dir.“ Lachend erwiderte Ni Örl: „Du hast eine flinke Zunge, aber ich nehme dir das nicht ab. Wenn jemand mein Freund ist, kann ich ihm nicht Geld auf Zinsen leihen, und bei wem es mir um die Zinsen geht, der ist nicht mein Freund. Aber wir haben genug geschwatzt. Wenn du einverstanden bist, gebe ich dir hier etwas über fünfzehn Liang und drei Tjiän, und du kaufst dir dafür, was du brauchst. Aber wenn du darauf bestehst, mir einen Schuldschein zu schreiben, gib es nur gleich wieder her, und ich verborge es an jemand anders, bei dem etwas zu holen ist.“ Lächelnd nahm Djia Yün das Silber entgegen und sagte: „Also schreibe ich nichts! Das ist doch kein Grund, sich aufzuregen!“ „So ist es recht!“ erwiderte Ni Örl lächelnd. „Jetzt ist es schon dunkel, da will ich dich nicht noch zu Tee oder Wein einladen. Ich habe auch noch etwas zu erledigen, also geh du nur nach Hause und tu mir nur den Gefallen, meinen Leuten Bescheid zu sagen, sie sollen rechtzeitig das Tor schließen und schlafen gehen. Wenn etwas ist, kann mich die Tochter morgen früh beim Pferdehändler Wang Kurzbein finden.“ Damit ging er schwankenden Schrittes davon, und mehr soll hier nicht von ihm die Rede sein. Verwundert über dieses unverhoffte Erlebnis, sagte sich Djia Yün: „Dieser Ni Örl ist gar nicht so übel, aber vielleicht ist er nur so großzügig, wenn er betrunken ist, und verlangt morgen die doppelte Summe von mir? Was mache ich dann?“ Während er unschlüssig darüber nachgrübelte, fiel ihm plötzlich ein: „Wenn die Sache klappt und ich bekomme den Auftrag, kann ich ihm auch die doppelte Summe zahlen!“ Nun begab er sich geradewegs in eine Wechselstube , um das Silber abwiegen zu lassen, und es waren fünfzehn Liang, drei Tjiän, vier Fën und zwei Li. Ni Örl hatte ihn also nicht belogen, und das gab Djia Yün erst recht Grund zur Freude. Er packte das Silber wieder ein, und als er nach Hause kam, richtete er zuerst nebenan bei Ni Örls Frau dessen Botschaft aus. Als er dann in sein eigenes Haus trat, fand er seine Mutter auf dem Ofenbett, wo sie damit beschäftigt war, Garn zu drehen. „Wo warst du den ganzen Tag?“ fragte sie, als er hereinkam. Weil Djia Yün befürchtete, die Mutter könnte sich aufregen, wenn sie davon erfuhr, erzählte er nicht, was ihm bei Bu Schï-jën widerfahren war, und sagte nur, er habe so lange im Westanwesen auf Djia Liän gewartet. Dann erkundigte er sich, ob die Mutter schon gegessen habe. Ja, sagte sie, und sie habe auch etwas für ihn aufgehoben. Das kleine Sklavenmädchen brachte ihm das Essen, und da schon die Lampen brannten, machte sich Djia Yün gleich danach zum Schlafengehen zurecht und legte sich hin. Über die Nacht aber ist nichts zu berichten. Am nächsten Tag stand Djia Yün in aller Frühe auf, und nachdem er sich das Gesicht gewaschen hatte, begab er sich zu einer großen Spezereihandlung vor dem Südtor und kaufte dort Kampfer und Moschus. Dann begab er sich ins Jung-guo-Anwesen, und ging, als er erfahren hatte, Djia Liän sei wirklich außer Haus, bis zum Tor von Djia Liäns Wohngehöft hinein, wo ein paar kleine Sklavenjungen mit großen Bambusbesen den Hof fegten. Plötzlich kam Dschou Juees Frau aus dem Haus und befahl ihnen, für ein Weilchen damit aufzuhören, weil jetzt die junge Herrin herauskomme. Rasch trat Djia Yün an Dschou Juees Frau heran und fragte lächelnd: „Wohin geht denn meine Tante?“ „Die alte gnädige Frau hat sie rufen lassen“, sagte Dschou Juees Frau. „Sie soll wohl Stoff zuschneiden.“ Als sie das eben sagte, trat Hsi-fëng, von einem ganzen Schwarm Begleiterinnen umringt, aus dem Haus. Djia Yün wußte genau, daß Hsi-fëng es mochte, wenn man im Umgang mit ihr alle Formen des Anstands wahrte, darum legte er rasch die Hände zusammen, trat respektvoll näher und wünschte ihr Gesundheit. Hsi-fëng aber sah ihn kaum an und fragte nur im Weitergehen: „Wie geht es deiner Mutter? Warum kommt sie uns nie besuchen?“ „Sie fühlt sich nicht recht wohl“, erwiderte Djia Yün. „Sie denkt immer an Euch, Tante, und möchte Euch gern sehen, aber sie ist leider nicht imstande herzukommen.“ „Du kannst aber lügen!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Wenn ich nicht nach ihr gefragt hätte, wärst du doch nicht darauf gekommen zu sagen, sie denke an mich.“ „Glaubt Ihr, ich hätte keine Angst, daß mich der Donner erschlägt, wenn ich Ältere anlüge?“ sagte Djia Yün, ebenfalls lächelnd. „Noch gestern abend hat Mutter gesagt, so zart, wie Ihr seid, müßtet Ihr eine Menge Energie haben, um hier alles so umsichtig zu leiten, und wenn es Euch auch nur ein bißchen daran mangeln würde, müßtet Ihr wer weiß wie erschöpft sein.“ Als Hsi-fëng das hörte, strahlte sie über das ganze Gesicht und blieb unwillkürlich stehen. „Was hattet ihr denn hinter meinem Rücken über mich zu schwatzen?“ fragte sie. „Das hatte seinen Grund“, erwiderte Djia Yün. „Ein Freund von mir, der einiges Geld besitzt, hatte bisher eine Spezereihandlung, aber dann hat er sich den Posten eines Präfekturassistenten gekauft und neulich irgendwo in Yün-nan eine Anstellung bekommen. Nun fährt er mit der ganzen Familie dorthin und hat deshalb seinen Laden aufgegeben. Er machte eine Bestandsaufnahme und gab den Leuten, was er ihnen schuldig war. Anderes hat er billig verkauft, aber die besseren Waren hat er an Verwandte und Freunde verschenkt. Ich habe dabei etwas Kampfer und Moschus bekommen und habe nun mit meiner Mutter beratschlagt, was wir damit machen sollen. Wenn wir es verkauften, würden wir nicht den vollen Preis dafür bekommen.Wer hätte schon das Silber, um so viel zu kaufen, und was soll er auch damit? Selbst den großen, begüterten Familien fällt es schwer genug, die wenigen Fën oder Tjiän zu kaufen, die sie davon brauchen. Wenn wir es aber verschenken wollten, haben wir niemand, der selbst Verwendung dafür hätte. Jeder würde es für ein Spottgeld verkaufen. Und dann seid Ihr mir eingefallen, Tante. Früher habe ich selbst gesehen, wie Ihr dicke Silberpakete für so etwas ausgegeben habt. Ganz zu schweigen von der kaiserlichen Nebenfrau im Palast, werdet Ihr allein zum Drachenbootfest zehnmal so viel Duftstoffe brauchen wie sonst. So haben wir hin und her überlegt, und schließlich sagten wir uns, daß es das beste sei, diese Sachen Euch zum Geschenk zu machen, denn nur so sind sie nicht sinnlos verschwendet.“ Und mit diesen Worten hielt er ihr ein brokatbezogenes Kästchen hin. Hsi-fëng hatte gerade die Gaben zum Drachenbootfest zu beschaffen und brauchte deshalb auch Duft- und Arzneistoffe. Darum war sie froh und zufrieden, als Djia Yün so plötzlich auftauchte und ihr seine Geschichte erzählte. „Nimm ihm das ab“, befahl sie Fëng-örl, „und bring es ins Haus zu Ping-örl!“ Dann wandte sie sich wieder zu Djia Yün und sagte: „So verständig, wie du bist, ist es kein Wunder, daß dein Onkel oft von dir spricht und sagt, du wüßtest dich klar auszudrücken und hättest einen wachen Verstand.“ Als Djia Yün merkte, daß er mit seinen Worten gut angekommen war, trat er einen Schritt näher und vergewisserte sich: „Der Onkel hat also von mir gesprochen?“ Schon wollte Hsi-fëng ihm sagen, daß er einen Auftrag bekommen sollte, aber dann beherrschte sie sich, weil sie dachte: „Wenn ich es ihm jetzt

Aus: Jinyuyuan 1889b. sage, glaubt er womöglich, ich sei so dumm, ihm den Auftrag zu verschaffen, bloß weil er mir diese Kleinigkeit von Duftstoffen geschenkt hat. Besser, ich sage noch nichts davon!“ Also erwähnte sie mit keinem Wort, daß er beim Anpflanzen der Bäume und Blumen die Aufsicht führen sollte, sprach nur noch ein paar belanglose Sätze mit ihm und ging dann zur Herzoginmutter. Auch Djia Yün konnte schlecht von sich aus danach fragen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder zu gehen. Da Bau-yü ihn am Tag zuvor aufgefordert hatte, in seiner Bibliothek auf ihn zu warten, kam Djia Yün nach dem Essen noch einmal ins Jung-guo-Anwesen zurück und ging zur Studierstube der Seidenwolken außerhalb des Innentors zum Wohngehöft der Herzoginmutter. Hier fand er die beiden Sklavenjungen Bee-ming und Tschu-yau beim Hsiang-tji-Schach , als sie sich eben eines Steins wegen stritten, während Yin-tjüan, Sau-hua, Tiau-yün und Bau-hë auf dem Dach hockten und ein Nest mit jungen Sperlingen ausnahmen. Als Djia Yün in den Hof trat, stampfte er mit dem Fuß auf und sagte: „Seht ihr nicht, daß Besuch da ist, ihr ungezogenen Affen?“ Worauf die Knaben vom Dach verschwanden. Djia Yün trat ins Haus, nahm auf einem Stuhl Platz und fragte: „Ist der junge Herr Bau-yü noch nicht hier gewesen?“ „Er war heute überhaupt noch nicht hier“, erwiderte Bee-ming, „aber ich werde auskundschaften, was er Euch sagen läßt!“ Und damit ging er hinaus. Djia Yün sah sich Bilder, Kalligraphien und Antiquitäten an, doch dann war schon so viel Zeit vergangen, wie man sie braucht, um eine Schale Reis zu essen, ohne daß Bee-ming wiedergekommen war. Die anderen Sklavenjungen aber waren alle verschwunden, um irgendwo anders zu spielen. Djia Yün wurde schon ungeduldig, da ertönte draußen plötzlich eine zarte Stimme und rief: „Bruder!“ Djia Yün schaute hinaus und erblickte ein Sklavenmädchen von sechzehn, siebzehn Jahren, das schlank und sauber aussah. Als sie ihn sah, verbarg sie sich rasch, aber da kam gerade Bee-ming zurück, und als er das Mädchen vor der Tür fand, sagte er: „Das trifft sich gut! Eben konnte ich niemand finden, der eine Bestellung ausrichtet.“ Als Djia Yün bemerkte, daß Bee-ming zurück war, kam er vor die Tür und fragte: „Nun, was ist?“ „Ich habe die ganze Zeit gewartet, und es ist niemand gekommen. Aber hier ist jemand aus den Räumen des jungen Herrn“, sagte Bee-ming. Dann wandte er sich an das Mädchen und fuhr fort: „Sei so gut und richte drinnen aus, der zweite junge Herr aus dem Westanbau sei hier!“ Jetzt wußte das Mädchen, daß der Besucher zur Familie gehörte, darum war sie nicht mehr ganz so zurückhaltend und sah ihn ein paarmal unverwandt an. „Was soll der Anbau? Sag ihm einfach, sein Neffe Yün sei hier!“ hörte sie Djia Yün sagen, und nach einer Pause erwiderte sie kühl: „Meiner Meinung nach solltet Ihr nach Hause gehen und morgen wiederkommen, wenn Ihr etwas besprechen wollt. Heute abend werde ich es ausrichten, wenn sich eine Gelegenheit bietet.“ „Wie meinst du das?“ fragte Bee-ming. „Unser junger Herr hat keinen Mittagsschlaf gehalten und wird bestimmt früh zu Abend essen und dann nicht mehr hierher kommen“, sagte das Mädchen. „Soll der junge Herr vielleicht zum Spaß hier sitzen und hungern? Da ist es doch besser, er geht jetzt und kommt morgen wieder. Es hat nicht einmal Sinn, jemand zu bitten, er solle Bescheid sagen, denn auf wen ist schon Verlaß? Versprechen wird er es sicher, aber halten nicht unbedingt.“ Djia Yün fand den Gedanken vernünftig, aber auch schön gesagt und wollte das Mädchen schon nach ihrem Namen fragen, aber dann schien ihm das unangebracht, weil sie zu Bau-yüs Bedienung gehörte, und so sagte er einfach: „Das ist richtig, ich komme morgen wieder!“ Und damit ging er hinaus. „Ich werde Euch Tee eingießen!“ bot Bee-ming an. „Trinkt erst einmal, ehe Ihr geht!“ Aber Djia Yün wandte nur den Kopf und sagte: „Nicht nötig, ich habe noch etwas zu erledigen!“ Dabei ruhten seine Augen auf dem Sklavenmädchen, das noch immer da stand. Dann ging er geradewegs nach Hause. Als er am nächsten Tag wiederkam, traf er am Außentor auf Hsi-fëng, die eben ins Ning-guo-Anwesen fahren wollte, um ihren Gruß zu entbieten. Sie saß schon im Wagen, als sie Djia Yün kommen sah, und befahl, man solle ihn zu ihr rufen. Dann sagte sie lächelnd durchs Wagenfenster zu ihm: „Du hast also doch die Stirn gehabt, mir etwas vorzumachen! Kein Wunder, daß du mir Geschenke machst, wenn du etwas von mir willst! Gestern hat mir dein Onkel erzählt, du hättest dich schon an ihn gewandt.“ „Erinnert mich nur nicht daran, Tante!“ sagte Djia Yün lächelnd. „Ich habe es wirklich bereut. Hätte ich vorher gewußt, wie das ausgeht, hätte ich mich gleich zu Anfang an Euch gewandt, und die Sache wäre längst erledigt. Wie konnte ich ahnen, daß der Onkel nichts zuwege bringt!“ „Da bist du also erst zu mir gekommen, als du bei ihm nichts erreichtest?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Ihr dürft meine kindliche Ehrerbiertung nicht falsch verstehen, Tante!“ sagte Djia Yün. „Das habe ich durchaus nicht gewollt. Wenn das meine Absicht gewesen wäre, hätte ich Euch doch gestern darum gebeten. Aber nachdem Ihr es einmal wißt, muß ich den Onkel aus dem Spiel lassen und statt dessen Euch bitten, mir ein wenig Liebe zu erweisen!“ „Wenn du so einen Umweg machst, wird es mir auch nicht leicht“, sagte Hsi-fëng mit kühlem Lächeln. „Hättest du mir nur früher einen Ton davon gesagt, dann könnte schon alles erledigt sein. Was ist das schon für eine großartige Sache, daß sie bis heute hinausgezögert werden mußte? Im Garten sind noch Bäume und Blumen zu pflanzen, und mir war niemand eingefallen, den man damit beauftragen konnte. Wärst du nur früher gekommen, hätte alles längst perfekt sein können.“ „Dann setzt mich doch morgen dafür ein, Tante!“ bat Djia Yün lächelnd. Hsi-fëng ließ ihn eine Weile warten, ehe sie sagte: „Das erscheint mir nicht so sehr gut. Warte, bis nächstes Jahr im ersten Monat der große Auftrag für Feuerwerk und Kerzen kommt, und laß dich dafür einsetzen!“ „Beste Tante, setzt mich doch erst für den Gartenauftrag ein, und wenn ich es gut mache, gebt Ihr mir später den anderen Auftrag auch“, bat Djia Yün weiter. „Na, du verstehst es ja wirklich, auf lange Sicht Vorsorge zu treffen“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Aber genug jetzt! Wenn nicht dein Onkel darum gebeten hätte, würde ich nichts für dich tun. Nach dem Essen bin ich zurück. Also komm am Nachmittag wieder und nimm das Silber in Empfang! Übermorgen fängst du im Garten zu pflanzen an!“ Damit befahl sie abzufahren. Vor Freude ganz außer sich, ging Djia Yün zur Studierstube der Seidenwolken und fragte nach Bau-yü, aber dieser war schon seit dem Morgen beim Prinzen Bee-djing. Also saß Djia Yün bis zum Mittag müßig herum, und als er erfuhr, Hsi-fëng sei zurückgekehrt, schrieb er eine Empfangsbescheinigung und wollte sich die Hausmarke geben lassen. Vom Hoftor aus schickte er jemanden hinein, um Bescheid sagen zu lassen, und daraufhin kam Tsai-ming heraus, verlangte die Empfangsbescheinigung und verschwand damit im Haus, wo sie die Summe und das Datum eintragen ließ. Dann brachte sie Djia Yün den Schein mit der Hausmarke zusammen wieder. Djia Yün sah, daß als Betrag zweihundert Liang Silber eingetragen waren, und seine Freude kannte keine Grenze. Er machte kehrt und ging zur Silberkammer, wo er die Empfangsbescheinigung und die Hausmarke dem Verantwortlichen übergab und das Silber ausgehändigt bekam. Dann kehrte er nach Hause zurück und sagte seiner Mutter Bescheid, die sich genauso darüber freute wie er selbst. Am nächsten Morgen ging Djia Yün noch in der fünften Nachtwache zu Ni Örl, um ihm das geliehene Silber zurückzuerstatten. Und weil Ni Örl sah, daß Djia Yün jetzt genügend Silber hatte, nahm er es ohne weiteres an. Mit fünfzig Liang Silber begab sich Djia Yün dann zum Haus des Gärtners Fang Tschun vor dem Westtor, um Bäume zu kaufen. Mehr soll davon einstweilen nicht die Rede sein. Als Bau-yü vor zwei Tagen Djia Yün traf und ihn einlud, am nächsten Tag zu ihm zu kommen, war das nur so dahingesagt, wie es bei reichen Herrensöhnen die Art ist, und er hatte nicht weiter daran gedacht. Als er jetzt am Abend vom Prinzen Bee-djing zurückkam und sich bei der Herzoginmutter und Dame Wang gemeldet hatte, ging er in den Garten, zog sich um und wollte sich baden. Nun war Hsi-jën von Bau-tschai gebeten worden, ihr beim Knüpfen von Zierknoten zu helfen. Tjiu-wën und Bi-hën waren wegen des Wassers unterwegs. Tan-yün war nach Hause geholt worden, weil ihre Mutter Geburtstag hatte. Schë-yüä schließlich lag krank zu Hause. Die anderen Sklavenmädchen aber, die die gröberen Arbeiten und Handreichungen verrichteten, hatten gemeint, man werde sie nicht brauchen, und waren alle fortgegangen, um sich Gesellschaft zu suchen und Vergnügungen nachzugehen. So war Bau-yü allein im Zimmer, und als er Tee trinken wollte, kamen nach mehrmaligem Rufen nur ein paar alte Ammen herein. Als Bau-yü sie sah, winkte er rasch ab und sagte: „Nein, euch brauche ich nicht!“ Also gingen sie wieder hinaus, Bau-yü aber mußte sich selbst eine Schale nehmen und zur Teekanne gehen, um sich einzuschenken. Da hörte er plötzlich, wie hinter ihm jemand sagte: „Seid vorsichtig, junger Herr, damit Ihr Euch nicht die Hand verbrüht! Laßt lieber mich eingießen!"“Und schon trat jemand heran und nahm ihm die Teeschale aus der Hand. Erschrocken fuhr Bau-yü zurück und fragte: „Wo kommst du denn so plötzlich her? Du hast mir einen schönen Schreck eingejagt!“ Das Sklavenmädchen reichte ihm den Tee und sagte dabei: „Ich war hinten im Hof und bin durch die Hintertür des Innenraums hereingekommen. Habt Ihr denn meine Schritte nicht gehört?“ Bau-yü trank seinen Tee und musterte dabei sorgfältig das Sklavenmädchen. Ihre Kleider waren zwar abgetragen, aber sie hatte tiefschwarzes Haar, das zu einem Knoten geschlungen war, ihr Gesicht war schmal, ihr Körper schlank, und sie machte einen hübschen und reinlichen Eindruck. „Gehörst du mit in meine Räume?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ja“, antwortete das Mädchen. „Aber warum kenne ich dich dann nicht?“ fragte er sie verwundert. Das Mädchen lachte spöttisch auf, ehe sie sagte: „Ich bin nicht die einzige, die ihr nicht kennt. Solche wie mich gibt es viele. Ich habe Euch nie Tee oder Wasser gereicht oder irgend etwas gebracht. Ich mache nichts, was Ihr zu sehen bekommt. Woher solltet Ihr mich also kennen?“ „Und warum machst du nichts, was ich sehe?“ erkundigte sich Bau-yü. „Das kann ich wohl schlecht sagen“, erwiderte das Mädchen, „aber ich habe Euch etwas auszurichten. Gestern war ein gewisser Yün da und hat Euch gesucht. Ich glaubte, Ihr hättet bestimmt keine Zeit für ihn, und habe Bee-ming beauftragt, ihm zu sagen, er solle heute früh wiederkommen. Aber da seid Ihr beim Prinzen Bee-djing gewesen.“ Gerade als sie das sagte, kamen Tjiu-wën und Bi-hën kichernd und gackernd mit einem Eimer Wasser ins Haus, wobei sie ihre Kleider mit einer Hand hochgerafft hielten, weil das Wasser durch ihren schwankenden Gang überschwappte. Rasch ging ihnen das Mädchen entgegen, um ihnen den Eimer abzunehmen. Eben warfen sich Tjiu-wën und Bi-hën gegenseitig vor: „Du hast mir den Rock naßgespritzt!“ – „Du hast mir auf den Schuh getreten!“ Da sahen sie plötzlich, wie jemand kam, um ihnen den Eimer abzunehmen, und entdeckten bei näherem Hinsehen, daß es Hsiau-hung war. Verblüfft stellten sie den Eimer ab und traten ins Zimmer, wo sie sich nach allen Seiten umsahen und niemand weiter als Bau-yü entdeckten, was sie reichlich verwirrte. Nachdem sie Bau-yü das Bad gerichtet hatten, warteten sie noch, bis er sich auszog, dann verließen sie das Zimmer und machten die Tür hinter sich zu. In den anderen Räumen suchten sie nach Hsiau-hung und fragten sie: „Was hattest du denn vorhin im Zimmer zu erzählen?“ „Ich bin ja gar nicht im Zimmer gewesen“, verteidigte sich Hsiau-hung. „Ich vermißte mein Taschentuch und war nach hinten gegangen, um es zu suchen. Da rief der junge Herr auf einmal nach Tee, und weil von euch niemand hier war, bin ich hineingegangen. Kaum daß ich ihm den Tee eingegossen hatte, seid ihr gekommen.“ Zur Antwort spuckte Tjiu-wën sie an und schimpfte: „Du gemeines, schamloses Ding! Als du dich um das Wasser kümmern solltest, hast du gesagt, du hättest etwas anderes zu tun und wir sollten gehen. In Wirklichkeit hast du nur auf einen günstigen Augenblick gelauert, um dich rasch vorzudrängen. Du meinst wohl, wir könnten nicht mithalten mit dir? Sieh dich mal im Spiegel an, ob du wohl das Zeug hast, ihm den Tee zu reichen!“ Und Bi-hën sagte: „Morgen werde ich allen sagen, immer wenn der junge Herr Tee oder Wasser verlangt oder sonst etwas gebracht haben will, rühren wir uns nicht von der Stelle, und sie soll gehen!“ „Ach, das allerbeste wäre, wir gingen alle weg und ließen sie alleine hier!“ nahm wieder Tjiu-wën das Wort. So krakeelten sie abwechselnd weiter, bis endlich eine alte Amme erschien, um im Auftrag von Hsi-fëng zu melden: „Morgen wird jemand mit Gärtnern kommen, um hier Bäume zu setzen. Ihr sollt euch zurückhalten und nicht überall eure Röcke und Kleider zum Lüften hinhängen. Die Hügel werden mit Blendvorhängen abgeschirmt, und ihr dürft auch nicht überall herumlaufen.“ „Wer wird denn die Gärtner begleiten und die Aufsicht führen?“ fragte Tjiu-wën. „Ein gewisser Yün aus dem Westanbau soll es sein“, sagte die Alte. Da weder Tjiu-wën noch Bi-hën ihn kannten, erkundigten sie sich weiter nach anderen Dingen, Hsiau-hung aber begriff, daß es sich um den jungen Mann handelte, den sie am Tag zuvor draußen in Bau-yüs Studierstube gesehen hatte. Diese Hsiau-hung hieß mit Familiennamen Lin, ihr Rufname lautete eigentlich Hung-yü – ‚Rotjade‘, weil sich aber das yü der Namen Dai-yü und Bau-yü wegen verbot, nannte man sie Hsiau-hung – ‚Rotchen‘. Hung-yüs Vorfahren dienten schon seit Generationen im Jung-guo-Anwesen, und Hung-yüs Eltern waren jetzt mit der Verwaltung des auswärtigen Haus- und Grundbesitzes betraut. Hung-yü war erst sechzehn Jahre alt, und als das Personal für den Garten des Großen Anblicks eingeteilt worden war, hatte man sie in den Hof der Freude am Roten geschickt, der still und abgeschieden lag. Als dann aber die kaiserliche Nebenfrau befohlen hatte, die jungen Leute sollten im Garten wohnen, war ausgerechnet dieser Platz Bau-yü zugefallen. Nun war Hung-yü nur ein unerfahrenes Sklavenmädchen, weil sie jedoch über drei Zehntel Schönheit verfügte, hegte sie den törichten Wunsch, etwas Besseres zu werden, und hatte sich schon lange vor Bau-yü produzieren

Hsiau-hung. Aus: Gai Qi 1879. wollen. Aber die Mädchen in Bau-yüs Gefolge hatten so scharfe Zähne und so spitze Krallen, daß sie nicht zum Zuge kommen konnte. Heute nun hatte sich endlich etwas ergeben, doch als sie dafür den Haß von Tjiu-wën und Bi-hën hatte ernten müssen, hatte sie ihre Hoffnungen zur Hälfte wieder begraben. Dann hatte sie mitten in ihrem Kummer den Namen Djia Yün gehört, und unversehens hatte sich dabei in ihrem Herzen etwas geregt. Benommen ging sie in ihr Zimmer und legte sich auf das Bett, um alles in Ruhe zu überdenken. Da hörte sie, während sie sich noch unschlüssig hin und her wälzte, auf einmal, wie vor dem Fenster jemand mit leiser Stimme rief: „Hung-yü! Hier ist dein Taschentuch, ich habe es gefunden!“ Als sie rasch hinaustrat, erblickte sie dort niemand anders als Djia Yün. Unwillkürlich rötete ihr die Scham die gepuderten Wangen, als sie fragte: „Wo habt Ihr es gefunden, junger Herr?“ „Komm her, ich will es dir sagen!“ erwiderte Djia Yün lächelnd, trat auf sie zu und griff nach ihr. Hastig wandte sich Hung-yü zur Flucht, aber da stolperte sie über die Türschwelle. Wer wissen will, was dann geschah, muß das nächste Kapitel lesen.