Hongloumeng/de/Chapter 26

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Kapitel 26

蜂腰桥设言传心事

潇湘馆春困发幽情

Nach dreiunddreißigtägigem Krankenlager war Bau-yü nicht nur wieder gesund und munter, sondern auch die Wunde in seinem Gesicht war verheilt, und so konnte er wieder in den Garten des Großen Anblicks ziehen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Als Bau-yü krank geworden war, hatte Djia Yün mit den Sklavenjungen des Hauses bei ihm Nachtwache gehalten und hatte deswegen das Jung-guo-Anwesen Tag und Nacht nicht verlassen. Auch Hung-yü hatte mit den übrigen Sklavenmädchen zusammen bei Bau-yü Dienst getan, und so hatten sich die beiden tagelang sehen können und waren allmählich miteinander vertraut geworden. Dabei hatte Hung-yü ein Taschentuch in Djia Yüns Händen gesehen, das so aussah wie ihr eigenes, das sie verloren hatte. Sie hätte ihn gern danach gefragt, aber das ging schlecht an. Nachdem dann der buddhistische und der dauistische Mönch dagewesen waren und kein männliches Personal mehr bei Bau-yü gebraucht wurde, führte Djia Yün wieder die Aufsicht beim Bäumepflanzen. Nun hätte ja Hung-yü die Sache mit dem Taschentuch auf sich beruhen lassen können, aber das brachte sie nicht über sich. Zu fragen traute sie sich auch nicht, um bei den anderen keinen Verdacht zu erregen. Während sie noch im Zweifel war, was sie tun sollte, und ihr Herz sich in Unruhe verzehrte, hörte sie plötzlich, wie draußen vor dem Fenster jemand fragte: „Bist du im Zimmer, Schwester?“ Hung-yü schaute hinaus und erkannte ein kleines Sklavenmädchen aus ihrem Gehöft, das auf den Namen Djia-huee hörte. Also antwortete sie: „Ja, ich bin hier. Komm herein!“ Djia-huee kam flink hereingelaufen, setzte sich aufs Bett und sagte strahlend: „Habe ich ein Glück! Vorhin habe ich im Hof gewaschen, da hat Bau-yü befohlen, jemand solle Tee zu Fräulein Lin bringen, und Schwester Hua hat mich geschickt. Als ich hinkam, hatte die alte gnädige Frau Fräulein Lin eben Geld geschickt, und sie verteilte es gerade an ihre Mädchen. Als sie mich sah, hat sie mir auch zwei Handvoll gegeben, ich weiß nicht einmal, wieviel es ist. Heb du es bitte für mich auf!“ Damit knüpfte sie ihr Taschentuch auf und schüttete die Münzen aufs Bett. Hung-yü zählte sie sorgsam durch und legte sie dann weg. „Wie fühlst du dich eigentlich in der letzten Zeit?“ erkundigte sich Djia-huee jetzt. „Ich finde, du solltest für ein paar Tage zu dir nach Hause gehen, dich von einem Arzt untersuchen lassen und ein bißchen Medizin einnehmen, dann ist alles wieder gut.“ „Was redest du da?“ fragte Hung-yü. „Mir fehlt doch nichts. Wozu sollte ich nach Hause gehen?“ „Da fällt mir ein, Fräulein Lin ist auch schwächlich und nimmt ständig Medizin“, fuhr Djia-huee fort. „Du kannst dir also genausogut von ihr etwas geben lassen.“ „Unsinn!“ sagte Hung-yü. „Kann man denn mir nichts, dir nichts irgendwelche Medikamente einnehmen?“ „Aber so kann es mit dir auf die Dauer nicht weitergehen“, beharrte Djia-huee. „Du ißt nichts, du trinkst nichts, was soll denn aus dir werden?“ „Keine Bange!“ erwiderte Hung-yü. „Das beste ist, jung zu sterben, dann ist Schluß.“ „Wie kannst du nur so reden!“ sagte Djia-huee. „Du weißt ja nicht, wie mir ums Herz ist“, entgegenete ihr Hung-yü darauf. Djia-huee nickte und dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie: „Man kann es dir nicht verübeln, wenn du meinst, du hättest hier einen schweren Stand. Gestern zum Beispiel, als die alte gnädige Frau – weil Bau-yü doch die ganze Zeit über krank war und sein Gefolge es dadurch so schwer hatte – befahl, daß jetzt, wo er wieder gesund ist und alle Gelübde erfüllt sind, ein jeder seinem Rang nach belohnt werden soll. Ich will nichts dagegen sagen, daß unsereins nicht mit bedacht wurde, denn wir gelten ja noch als klein. Aber damit, daß auch du nichts bekommen hast, kann ich mich nicht abfinden. Hsi-jën mag meinetwegen die höchste Belohnung bekommen, dagegen will ich nichts sagen, das muß so sein. Denn wenn man ehrlich sein will, kann sich mit ihr keine andere messen. Ganz abgesehen davon, daß sie immer eifrig und aufmerksam ist. Selbst wenn sie das nicht wäre, könnte man auf sie nicht verzichten. Mich ärgert nur, daß auch solche wie Tjing-wën und Tji-hsiän allesamt mit zur höchsten Kategorie gehören sollen. Nur weil ihre Eltern Ansehen genießen, sind auch sie gut angeschrieben. Sag selbst, ob das ärgerlich ist oder nicht!“ „Was regst du dich über sie auf?“ fragte Hung-yü. „Sagt nicht das Sprich­wort: ‚Mag auch dein Festzelt tausend Li lang sein, es gibt keine Feier, die nicht zu Ende geht‘? Wer von uns bleibt schon sein Leben lang hier! In drei oder fünf Jahren geht jeder seines Weges und kümmert sich um die andern nicht mehr.“ Ihre Worte machten Djia-huee betroffen, und unwillkürlich bekam sie rote Augenränder. Aber weil es ihr peinlich war, einfach loszuheulen, zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Du hast ganz recht. Gestern hat Bau-yü davon gesprochen, wie er demnächst die Zimmer neu einrichten und was für Kleider er für uns machen lassen will. Das hörte sich an, als ob wir noch ein paar hundert Jahre hier auszuhalten hätten.“ Hung-yü lachte spöttisch und wollte eben etwas sagen, als plötzlich ein kleines Sklavenmädchen hereinkam, das sein Haar noch nicht wachsen ließ. In der Hand hielt sie ein paar Stickmuster und zwei Bogen Papier. „Hier sind Muster, die du abzeichnen sollst“, sagte sie, warf Hung-yü die Sachen hin, machte kehrt und lief wieder hinaus. „Von wem ist denn das?“ rief Hung-yü ihr hinterher. „Du kannst doch nicht einfach weglaufen, ohne ordentlich mit mir gesprochen zu sagen. Wartet vielleicht jemand mit frischen Dampfbrötchen auf dich, die kalt werden könnten?“ „Von Schwester Tji-wën ist es“, rief das Mädchen durchs Fenster, dann warf sie die Beine in die Höhe und lief trapp, trapp! davon. Ärgerlich warf Hung-yü die Stickmuster beiseite und suchte in der Schublade nach einem Pinsel. Aber so lange sie auch suchte, sie fand nur lauter abgenutzte. Darum sagte sie: „Wo habe ich neulich den neuen Pinsel gelassen? Warum fällt mir das nicht wieder ein?“ Und sie versank in Gedanken.aar noch nicht wachsen ließ. In der Hand hielt sie ein paar Stickmuster und zwei Bogen Papier. „Hier sind Muster, die du abzeichnen sollst“, sagte sie, warf Hung-yü die Sachen hin, machte kehrt und lief wieder hinaus. „Von wem ist denn das?“ rief Hung-yü ihr hinterher. „Du kannst doch nicht einfach weglaufen, ohne ordentlich mit mir gesprochen zu sagen. Wartet vielleicht jemand mit frischen Dampfbrötchen auf dich, die kalt werden könnten?“ „Von Schwester Tji-wën ist es“, rief das Mädchen durchs Fenster, dann warf sie die Beine in die Höhe und lief trapp, trapp! davon. Ärgerlich warf Hung-yü die Stickmuster beiseite und suchte in der Schublade nach einem Pinsel. Aber so lange sie auch suchte, sie fand nur lauter abgenutzte. Darum sagte sie: „Wo habe ich neulich den neuen Pinsel gelassen? Warum fällt mir das nicht wieder ein?“ Und sie versank in Gedanken. Dann lachte sie plötzlich auf und sagte: „Richtig! Ying-örl hat ihn sich neulich abend geholt.“ An Djia-huee gewandt, bat sie: „Geh du ihn mir holen!“ „Geh ihn selber holen! Schwester Hua wartet auf mich, ich soll Kästen für sie tragen“, erwiderte Djia-huee. „Wie konntest du dann hier mit mir schwatzen, wenn sie auf dich wartet?“ fragte Hung-yü. „Hätte ich dich nicht nach dem Pinsel schicken wollen, würde sie auch nicht auf dich warten, du verdorbenes kleines Spitzbein, du!“ Damit ging sie hinaus, verließ den Hof der Freude am Roten und schlug den Weg zu Bau-tschais Gehöft ein. Als sie eben am Duftgetränkten Pavillon war, kam ihr Bau-yüs alte Amme Li entgegen, und sie blieb stehen, um sich lächelnd zu erkundigen: „Wohin wollt Ihr, Amme Li? Was macht Ihr hier?“ Amme Li blieb stehen, schlug die Hände zusammen und sagte: „Stell dir vor, jetzt hat er Gefallen an diesem Yün oder Yü gefunden, der hier Bäume pflanzt, und hat mir zugesetzt, ich solle ihn herbestellen. Wenn das morgen der gnädige Herr erfährt, gibt es wieder Ärger.“ „Und habt Ihr ihn wirklich herbestellt?“ fragte Hung-yü und lächelte dazu. „Ja, was blieb mir denn anderes übrig!“ sagte Amme Li. „Wenn er nur etwas Anstand besitzt, wird er wissen, daß er besser nicht hierher kommt“, meinte Hung-yü lächelnd. „Aber er ist doch nicht dumm. Warum sollte er also nicht kommen?“ erwiderte Amme Li. „Aber dann hättet Ihr ihn begleiten müssen“, hielt Hung-yü ihr vor. „Es ist doch nicht gut, wenn er allein hier herumläuft.“ „So viel Zeit, um mit ihm hier herumzulaufen, habe ich nicht“, sagte Amme Li. „Ich schicke ihm zur Begleitung eins von den Mädchen oder eine von den Alten, und damit Schluß!“ Und schon ging sie auf ihren Stock gestützt davon. Hung-yü aber blieb stehen und hing ihren Gedanken nach, anstatt weiterzugehen und den Pinsel zu holen. Bald darauf kam ein kleines Sklavenmädchen gelaufen. Als es Hung-yü sah, machte es vor ihr halt und fragte: „Was tust du hier, Schwester Lin?“ Hung-yü blickte auf und erkannte in dem Mädchen, das vor ihr stand, Dschuee-örl. „Wohin willst du?“ fragte sie ihrerseits. „Ich soll den jungen Herrn Yün hereinführen“, antwortete Dschuee-örl und lief mit schnellen Schritten davon. Hung-yü war eben an dem Tor vor der Wespentaillenbrücke angelangt, als ihr Dschuee-örl mit Djia Yün zusammen entgegenkam. Djia Yün warf im Gehen rasch einen Blick auf Hung-yü, und unter dem Vorwand, mit Dschuee-örl sprechen zu wollen, schaute Hung-yü ihn ebenfalls an. Als ihre Blicke sich dabei trafen, wurde Hung-yü rot im Gesicht. Da wandte sie sich ab und ging in den Haselwurzpark. Aber mehr soll davon hier nicht die Rede sein. Djia Yün folgte Dschuee-örl auf gewundenem Pfad in den Hof der Freude am Roten, und dort ging Dschuee-örl zunächst allein ins Haus, um ihn anzumelden, ehe sie ihn hineinführte. Als Djia Yün sich im Hof umsah, erblickte er ein paar künstliche Felsen und mehrere Bananenstauden. Unter Kiefernbäumen putzten zwei Mandschurenkraniche ihr Gefieder, und in einem Wandelgang hingen die verschiedensten Käfige mit seltenen Vögeln. Vor ihm lag ein kleiner Bau von fünf Säulenzwischenräumen Breite, dessen geschnitzte Gitter allerlei neuartige Muster zeigten. Oben hing eine Tafel mit der Aufschrift „Freude am Roten, Vergnügen am Grünen“. „Deshalb also heißt es ,Hof der Freude am Roten‘, weil hier diese Schriftzeichen auf der Tafel stehen!“ dachte Djia Yün eben, da hörte er durch das Gazefenster die Worte: „Komm schnell herein! Wie habe ich dich nur monatelang vergessen können?“ Und weil er Bau-yüs Stimme erkannte, trat er schnell ins Haus. Hier leuchtete es golden und grün, und die Ornamente funkelten, aber Bau-yü war nirgends zu sehen. Als Djia Yün sich umsah, erblickte er linker Hand einen großen Ankleidespiegel, hinter dem jetzt zwei große Sklavenmädchen von fünfzehn, sechzehn Jahren hervorkamen und zu ihm sagten: „Nehmt bitte drinnen im Zimmer des jungen Herrn Platz!“ Djia Yün wagte nicht einmal, die beiden unverhohlen anzusehen. Er antwortete rasch: „Jawohl!“ und trat durch die Öffnung der mit grüner Gaze bespannten Trennwand ein. Hier erblickte er ein niedliches Bett mit einem lackierten Gestell, das mit Einlegearbeiten geschmückt war, und dunkelroten, mit goldenen Streublumen verzierten Vorhängen. Bau-yü saß in Hauskleidung und Schuhen angelehnt auf dem Bett und hielt ein Buch in der Hand. Als er Djia Yün hereinkommen sah, warf er das Buch beiseite und stand mit lächelnder Miene vom Bett auf. Rasch trat Djia Yün näher und entbot seinen Gruß. Bau-yü bat ihn, er solle Platz nehmen, und so setzte er sich auf einen Stuhl. „Seit ich dich damals traf und dir sagte, du solltest zu mir in die Bibliothek kommen, hat sich so viel ereignet, daß ich dich ganz vergessen hatte“, sagte Bau-yü lächelnd. „Ich habe einfach kein Glück“, erwiderte Djia Yün, ebenfalls lächelnd. „Da hatte ich Euch einmal getroffen, und dann mußtet Ihr krank werden. Seid Ihr denn jetzt wieder ganz gesund?“ „Aber ja!“ versicherte Bau-yü. „Man sagte mir, daß du meinetwegen viel Mühe gehabt hast.“ „Das mußte doch sein“, sagte Djia Yün. „Wenn Ihr wieder gesund seid, ist das ein Glück für die ganze Familie.“ Bei diesen Worten kam ein Sklaven­mäd­chen herein und brachte Tee, den sie ihm reichte. Während Djia Yün weiter mit Bau-yü sprach, musterte er mit raschem Blick das Mädchen, das schlank gewachsen war und ein längliches Gesicht hatte. Gekleidet war sie in eine rosa Jacke mit einer schwarzen Satinweste darüber und einen Faltenrock aus weißer Seide. Es war niemand anders als Hsi-jën. Als Djia Yün wegen Bau-yüs Krankheit ein paar Tage im Jung-guo-Anwesen verbrachte, hatte er sich ein Großteil der wichtigsten Personen eingeprägt, und wußte auch, daß Hsi-jën in Bau-yüs Räumen etwas anderes darstellte als die übrigen Sklavenmädchen. Als sie jetzt den Tee brachte und Bau-yü dabeisaß, stand Djia Yün rasch auf und sagte lächelnd: „Ihr braucht mir doch keinen Tee einzugießen, Schwester! Ich bin ja kein Gast bei meinem Onkel Bau-yü und kann mir den Tee selber eingießen.“ „Bleib doch sitzen!“ sagte Bau-yü. „Vor den Mädchen brauchst du dich nicht so anzustellen.“ „Auch wenn Ihr mir das sagt, Onkel, werde ich mir nicht erlauben, zu den Schwestern in Euren Räumen unhöflich zu sein“, erwiderte Djia Yün. Dann erst setzte er sich wieder hin und trank seinen Tee. Bau-yü sprach mit ihm über Belanglosigkeiten und erzählte ihm, in welchen Familien es die besten Schauspieler, die schönsten Gärten, die hübschesten Sklavenmädchen und die üppigsten Festessen gab, wer die ausgefallensten Waren besaß und wer die seltensten Antiquitäten. Djia Yün antwortete ihm im gleichen Sinne, und als er nach einiger Zeit merkte, wie Bau-yü träger wurde, stand er auf und verabschiedete sich. Bau-yü forderte ihn auch nicht groß zum Bleiben auf und sagte nur: „Komm ein andermal wieder, wenn du Zeit hast!“ Dann befahl er dem Sklavenmädchen Dschuee-örl, ihn wieder hinauszubegleiten. Als sie den Hof der Freude am Roten verlassen hatten und Djia Yün feststellte, daß ringsum niemand zu sehen war, ging er immer langsamer, bis er schließlich ganz stehenblieb, und dann begann er, sich des langen und breiten mit Dschuee-örl zu unterhalten. „Wie alt bist du?“, „Wie heißt du?“, „Was machen deine Eltern?“, „Wie lange bist du schon hier bei meinem Onkel?“, „Wieviel Geld bekommst du im Monat?“, „Wieviel Mädchen seid ihr hier insgesamt?“ fragte er zuerst. Und nachdem Dschuee-örl auf alle diese Fragen geantwortet hatte, fragte er weiter: „Wer war das Mädchen, das vorhin mit dir gesprochen hat? Wird sie nicht Hsiau-hung genannt?“ „Ja, das war Hsiau-hung“, bestätigte Dschuee-örl. „Warum erkundigt Ihr Euch nach ihr?“ „Hat sie dich nicht vorhin nach einem Taschentuch gefragt?“ wollte Djia Yün wissen. „Ich habe nämlich eines gefunden.“ „Sie hat mich schon so oft gefragt, ob ich nicht ihr Taschentuch gesehen habe“, erzählte Dschuee-örl. „Aber habe ich vielleicht die Zeit, mich um so etwas zu kümmern? Heute fragte sie wieder danach und versprach mir sogar eine Belohnung, falls ich es finde. Das war vorhin am Tor zum Haselwurzpark. Ihr habt es ja selbst gehört, junger Herr. Wenn Ihr das Taschentuch gefunden habt, lieber junger Herr, dann gebt es mir bitte! Ich will doch sehen, was sie als Belohnung dafür gibt!“ Nun hatte Djia Yün wirklich im vergangenen Monat, als er gekommen war, um Bäume zu pflanzen, ein Taschentuch aus dünner Seide gefunden und konnte sich denken, daß es jemand verloren hatte, der im Garten wohnte, nur wußte er nicht wer, darum hatte er nichts überstürzen wollen. Als er heute gehört hatte, wie sich Hung-yü bei Dschuee-örl danach erkundigte, und dadurch erfuhr, daß das Taschentuch ihr gehörte, war er unendlich froh. Und als ihn jetzt Dschuee-örl darum bat, stand sein Plan fest. Deshalb zog er sein eigenes Taschentuch aus dem Ärmel und sagte lächelnd zu Dschuee-örl: „Ich gebe es dir. Aber wenn du die Belohnung bekommst, darfst du sie mir nicht vorenthalten!“ Dschuee-örl versprach es bereitwillig und ließ sich das Taschentuch geben. Als sie Djia Yün hinausbegleitet hatte, kehrte sie zurück und machte sich auf die Suche nach Hung-yü, aber davon soll einstweilen nicht weiter die Rede sein. Nachdem Bau-yü seinen Besucher verabschiedet hatte, fühlte er sich so müde, daß er sich auf dem Bett ausstreckte und einzuschlummern drohte. Da trat Hsi-jën heran, setzte sich zu ihm auf die Bettkante, stieß ihn an und sagte: „Willst du schon wieder schlafen? Wenn du so viel Langeweile hast, geh lieber draußen spazieren!“ Bau-yü griff nach ihrer Hand und sagte lächelnd: „Ich würde schon gehen, aber ich kann mich nicht von dir trennen!“ „Steh schon auf!“ sagte Hsi-jën lachend und zog ihn hoch. „Aber wohin soll ich denn gehen?“ klagte Bau-yü. „Ich habe alles so satt!“ „Hauptsache, du gehst hinaus“, sagte Hsi-jën. „Vom Herumhocken wird es nur noch schlimmer.“ Lustlos gehorchte Bau-yü und trat taumelnd zur Tür hinaus. Im Wandelgang neckte er ein Weilchen die Vögel, dann verließ er das Gehöft und ging am Duftgetränkten Bach entlang, wo er ein Weilchen nach den Goldfischen schaute. Dann sah er auf einmal, wie zwei kleine Hirsche pfeilgeschwind den Hügel herabgelaufen kamen, und fragte sich, was das zu bedeuten habe. Während er sich noch darüber verwunderte, sah er, wie Djia Lan mit einem Bogen in der Hand den Hügel herabkam. Kaum daß er Bau-yü vor sich erblickt hatte, blieb er stehen und sagte lächelnd: „Ach, Ihr seid zu Hause, Onkel. Ich dachte, Ihr wäret ausgegangen.“ „Bist du schon wieder einmal unartig?“ schimpfte Bau-yü. „Was hast du auf die Hirsche zu schießen?“ „Ich habe keinen Unterricht“, erklärte Djia Lan lächelnd, „und wußte nicht, was ich machen soll, da wollte ich mich in der Jagd üben.“ „Du wirst noch so lange üben, bis du hinfällst und dir die Zähne ausschlägst“, sagte Bau-yü und ging weiter, wohin ihn die Füße führten, bis er vor einem Gehöft stand, wo dichter Bambus wuchs, der im Windhauch leise raschelte. Bau-yü schaute auf und erblickte über dem Tor eine Tafel mit der Inschrift „Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß“. Er schlenderte in den Hof hinein und sah, daß der Türvorhang aus Bambus bis auf die Erde hing. Überall herrschte lautlose Stille. Als er ans Fenster trat, nahm er vage einen feinen Geruch wahr, der durch die grüne Gaze drang, und als er sein Gesicht dem Fenster näherte, um hineinzusehen, hörte er auf einmal einen langen Seufzer und anschließend die Verszeile: „Tag für Tag schlaf ich betäubt von Sehnsucht ein...“ Diese Worte kitzelten seine Seele, und als er bei genauerem Hinsehen Dai-yü erkannte, die sich auf dem Bett rekelte, fragte er lachend durchs Fenster: „Warum schläfst du jeden Tag betäubt von Sehnsucht ein?“ Und damit hob er den Türvorhang auf und trat ins Haus. Dai-yü begriff, daß sie sich verraten hatte, und wurde unwillkürlich rot. Sie verdeckte ihr Gesicht mit dem Ärmel, drehte sich zur Wand und stellte sich schlafend. Bau-yü trat zu ihr heran und wollte schon den Arm um sie legen, aber da sah er, daß Dai-yüs alte Amme und noch zwei Sklavenfrauen mit hereingekommen waren. „Eure Kusine schläft“, sagten sie. „Kommt wieder, wenn sie wach geworden ist!“ Aber kaum hatten sie das gesagt, drehte Dai-yü sich herum, setzte sich auf und fragte: „Wer schläft hier?“ Lächelnd erklärten die Frauen: „Wir dachten, Ihr schlaft, Fräulein.“ Und schon riefen sie nach Dsï-djüan: „Das Fräulein ist wach. Komm herein, um ihr aufzuwarten!“ Damit gingen sie wieder hinaus. Auf dem Bett sitzend, ordnete Dai-yü ihr Schläfenhaar und fragte Bau-yü dabei lächelnd: „Wozu schleichst du dich hier ein, während ich schlafe?“ Als Bau-yü sah, daß Dai-yüs Sternenaugen verschleiert und ihre duftigen Wangen rot überhaucht waren, gab das seiner Seele einen Stoß. Er nahm auf einem Stuhl Platz und fragte lächelnd: „Was hattest du da eben gesprochen?“ „Gar nichts habe ich gesprochen“, behauptete Dai-yü. „Na, warte! Ich habe alles gehört“, sagte Bau-yü. Bei diesen Worten trat Dsï-djüan herein, und Bau-yü bat lächelnd: „Dsï-djüan, gieß mir eine Schale von eurem guten Tee ein!“ „Was haben wir denn für einen guten Tee?“ fragte sie. „Wenn du guten Tee willst, mußt du warten, bis Hsi-jën kommt.“ „Kümmer dich nicht um ihn!“ mischte sich jetzt Dai-yü ein. „Geh mir erst einmal Wasser schöpfen!“ „Er ist doch ein Gast“, sagte Dsï-djüan lächelnd darauf. „Natürlich gieße ich ihm erst Tee ein, ehe ich Wasser schöpfen gehe.“ Und sie ging wirklich nach Tee. Da rezitierte Bau-yü lächelnd: „Du liebes Mädchen, du! Wenn ich mit deinem Fräulein sollt‘ das eheliche Lager teilen, bist du zu gut, das Bettzeug uns zu richten...“ Sofort blickte Dai-yü zu Boden und fragte: „Was hast du da gespro­chen?“ „Gar nichts habe ich gesprochen“, behauptete Bau-yü lächelnd. Dai-yü aber sagte unter Tränen: „Ist das jetzt das Neueste, daß du vor mir die bäurischen Schimpfwörter wiederholst, die du draußen aufgeschnappt hast, und dich mit Ausdrücken aus verdorbenen Büchern über mich lustig machst? Dazu bin ich den Herren gerade gut genug, um ihre Langeweile an mir auszulassen!“ Damit stieg sie weinend vom Bett und ging hinaus. Bau-yü wußte nicht, was er machen sollte, und ging ihr aufgeregt nach. „Liebste Kusine!“ bat er, „ich habe es verdient, auf der Stelle zu sterben. Geh es bitte niemandem sagen! Wenn ich so etwas noch einmal wage, soll mir ein Furunkel am Mund wachsen, und die Zunge soll mir verfaulen!“ Als er das eben sagte, trat Hsi-jën herein und forderte ihn auf: „Komm und zieh dich schnell um! Der gnädige Herr ruft nach dir.“ Bau-yü war wie vom Donner gerührt und hatte keinen Sinn mehr für andere Dinge. Hastig ging er sich umziehen und verließ den Garten. Als er am Innentor auf Bee-ming stieß, der dort auf ihn wartete, fragte er: „Weißt du, warum ich gerufen werde?“ „Macht nur schnell, Herr!“ erwiderte Bee-ming. „Hingehen müßt Ihr so oder so. Wenn Ihr dort seid, werdet Ihr es schon erfahren.“ Und er trieb ihn zur Eile an. Bangen Herzens bog Bau-yü um die Haupthalle, da schlug ihm plötz­lich aus einer Ecke lautes Gelächter entgegen, und er erblickte Hsüä Pan, der lachend und in die Hände klatschend dort hervorkam und sagte: „Hätte ich nicht behauptet, der Onkel lasse dich rufen, wärst du nie so schnell hier gewesen!“ Bee-ming aber bat: „Seid mir nicht böse, Herr!“ Und schon kniete er nieder.


Aus: Jinyuyuan 1889b. Bau-yü stand lange mit verdutztem Gesicht da, ehe er endlich begriff, daß Hsüä Pan ihn angeführt hatte, um ihn aus dem Garten zu locken. Rasch verbeugte sich Hsüä Pan mit zusammengelegten Händen vor ihm, um sich zu entschuldigen, und bat auch: „Mach dem Jungen keine Schwierigkeiten, ich war es, der ihn dazu gezwungen hat.“ Bau-yü blieb nichts weiter übrig, als zu lächeln, dann sagte er: „Daß du mich angeführt hast, macht ja weiter nichts, aber wie konntest du dich als mein Vater ausgeben? Das werde ich der Tante sagen, soll sie entscheiden, ob du das durftest oder nicht!“ „Liebster Vetter“, sagte Hsüä Pan, „ich wollte ja nur, daß du dich ein bißchen beeilst, und habe darüber ganz vergessen, daß so etwas tabu ist. Ein andermal führst du mich genauso an, dann sind wir quitt!“ „O weh“, stöhnte Bau-yü, „das wird ja immer schlimmer.“ Dann wandte er sich Bee-ming zu. „Was kniest du noch immer da unten, du Verräterbrut?“ fragte er. Rasch machte Bee-ming einen Stirnaufschlag und stand dann auf. „Ich hätte ja nicht gewagt, dich zu stören“, erklärte Hsüä Pan jetzt, „aber am dritten fünften habe ich Geburtstag, und der Antiquitätenhändler Tschëng Jï-hsing hat irgendwoher so dicke und so lange knackig frische Lotoswurzeln, so große Melonen, so einen langen frischen Stör und so ein großes mit feinstem Zypressenholz geräuchertes Schwein besorgt, das als Tributgabe aus Siam gekommen ist. Sag selbst, ob das nicht ein paar seltene Geschenke sind! Der Fisch und das Schwein sind einfach selten und teuer, aber bei den Lotoswurzeln und den Melonen fragt man sich, wie sie die wohl gezüchtet haben. Ich habe sofort meiner Mutter einiges davon verehrt und habe auch eurer alten gnädigen Frau, dem Onkel und der Tante etwas geschickt. Jetzt ist noch ein Teil übrig, aber wenn ich es allein äße, verdürbe ich wahrscheinlich mein Glück. Darum habe ich hin und her überlegt, aber außer mir bist nur du allein würdig, davon zu essen. Darum wollte ich dich einladen. Eben ist auch noch ein Sängerknabe gekommen. Also wollen wir uns einen vergnügten Tag machen, ja?“ Bei diesen Worten traten sie in Hsüä Pans Bibliothek, wo sie Dschan Guang, Tschëng Jï-hsing, Hu Sï-lai, Schan Ping-jën und den Sängerknaben vorfanden. Als diese Bau-yü hereinkommen sahen, begrüßten sie ihn und er-

Djia Lan. Aus: Gai Qi 1879. kundigten sich nach seiner Gesundheit. Und nachdem er mit allen seinen Gruß gewechselt und dann seinen Tee getrunken hatte, befahl Hsüä Pan, den Wein aufzutragen. Kaum hatte er das gesagt, begann eine ganze Schar von Sklavenjungen Hals über Kopf, den Tisch herzurichten, und als sie endlich damit fertig waren, nahm alles Platz. Bau-yü überzeugte sich, daß die Melonen und die Lotoswurzeln wirklich seltene Exemplare waren, dann sagte er lächelnd: „Meine Geschenke habe ich dir noch nicht geschickt, und du bewirtest mich schon.“ „Aber ja!“ erwiderte Hsüä Pan darauf und fragte: „Was wirst du mir denn schenken?“ „Was kann ich dir schon schenken?“ sagte Bau-yü. „Silber und Geld, Essen und Kleider gehören nicht mir. Wirklich von mir wären nur eine Kalligraphie, die ich schreibe, oder ein Bild, das ich male.“ „Weil du gerade vom Malen sprichst, fällt mir ein, daß ich gestern bei jemand ein erotisches Bild gesehen habe, das wirklich gut gemalt war“, sagte Hsüä Pan lächelnd. „Es stand noch eine Menge Schriftzeichen darauf, die ich mir nicht näher angesehen habe, aber unterzeichnet war es mit ‚Gëng Huang‘. Ein ganz tolles Bild war das.“ „Ich habe doch wirklich nicht wenig alte und neue Bilder und Kalligraphien gesehen“, sagte sich Bau-yü verwundert. „Seit wann gibt es einen Gëng Huang?“ Nach einigem Überlegen lachte er plötzlich auf und ließ sich einen Schreibpinsel bringen, mit dem er zwei Schriftzeichen auf seinen Handteller schrieb. Dann fragte er Hsüä Pan: „Hast du wirklich gesehen, daß dort Gëng Huang stand?“ „Warum denn nicht?“ fragte Hsüä Pan zurück. Da ließ ihn Bau-yü die beiden Schriftzeichen auf seinem Handteller sehen und fragte: „Waren es nicht vielleicht diese beiden Zeichen? Viel unterscheiden sie sich nicht von den Zeichen gëng und huang.“ Alle sahen hin und lasen den Namen Tang Yin . Lachend erklärten sie: „Bestimmt waren es diese beiden Zeichen, und der hohe Herr hatte Augenflimmern.“ Hsüä Pan aber sagte unwillig: „Wen kümmert das schon, ob es Bonbonsilber oder Obstsilber ist!“ Bei diesen Worten meldete ein Sklavenjunge: „Herr Fëng ist gekommen!“ Und Bau-yü begriff, daß es Fëng Dsï-ying sein mußte, der Sohn von Fëng Tang, Marschall Schën-wu. „Bitte ihn schnell herein!“ befahlen Hsüä Pan und seine Gäste. Und noch ehe sie richtig ausgesprochen hatten, kam Fëng Dsï-ying auch schon lachend und redend herein. Sofort standen alle auf und baten ihn, Platz zu nehmen. Lächelnd bemerkte Fëng Dsï-ying: „Auch nicht schlecht, zu Hause vergnügt zu sein, anstatt auszugehen!“ Bau-yü und Hsüä Pan aber sagten: „Wir haben uns lange nicht gesehen. Ist dein Herr Vater wohlauf?“ „Danke! Mein Vater ist gesund“, sagte Fëng Dsï-ying, „nur meine Mutter ist seit zwei Tagen erkältet.“ Hsüä Pan hatte ein paar blaue Flecke in Fëng Dsï-yings Gesicht entdeckt und erkundigte sich lächelnd: „Wer hat da wieder mit den Fäusten seine Visitenkarte auf deinem Gesicht hinterlassen?“ „Seit ich damals bei der Schlägerei den Sohn von Oberst Tjiu verletzte, habe ich mir das eine Lehre sein lassen und bin nicht mehr so aufbrausend“, entgegnete Fëng Dsï-ying. „Warum also sollte ich mich geschlagen haben! Nein, da hat mir neulich auf der Jagd in den Tiän-wang-schan-Bergen der Jagdfalke einen Hieb mit dem Flügel versetzt.“ „Wann war das?“ wollte Bau-yü wissen. „Am achtundzwanzigsten des dritten Monats brach ich auf, und vorgestern war ich zurück“, gab Fëng Dsï-ying Auskunft. „Dann ist es kein Wunder, daß ich dich vorigen Monat am dritten oder vierten nicht gesehen habe, als ich bei Schën zu Besuch war“, sagte Bau-yü. „Ich wollte noch nach dir fragen, aber dann habe ich es aus irgendeinem Grunde vergessen. Warst du allein auf der Jagd, oder war dein Herr Vater auch mit?“ „Wo denkst du hin?“ fragte Fëng Dsï-ying. „Hätte nicht mein Vater auf die Jagd gewollt, dann wäre ich auch nicht gegangen. Meinst du, ich sei verrückt geworden, daß ich mir lieber diese Strapazen auflade, als hier mit euch zu trinken und Lieder anzuhören? Aber diesmal hatte ich noch Glück im Unglück.“ Weil Hsüä Pan und die anderen sahen, daß Fëng Dsï-ying seinen Tee inzwischen ausgetrunken hatte, forderten sie ihn auf: „Setz dich zu uns an den Tisch und erzähle in aller Ruhe!“ Aber Fëng Dsï-ying stand auf und sagte: „Eigentlich müßte ich wirklich ein paar Becher mittrinken, aber da ist noch eine ganz, ganz wichtige Sache, über die ich meinem Vater mündlich berichten muß, wenn ich nach Hause komme. Darum wage ich nicht, eure Einladung anzunehmen.“ Damit waren Hsüä Pan, Bau-yü und die anderen natürlich nicht einverstanden, darum hielten sie Fëng Dsï-ying mit aller Kraft fest. Lächelnd erklärte Fëng Dsï-ying: „Komisch! Wir kennen uns doch lange genug, und so etwas hat es zwischen uns nie gegeben. Ich kann eurem Befehl wirklich nicht Folge leisten. Aber wenn ihr darauf besteht, dann holt einen ordentlichen Humpen, den ich zweimal leeren will, und damit hat sich die Sache!“ Hiermit mußten sie sich zufrieden geben, und Hsüä Pan führte die Kanne, während Bau-yü den Becher hielt. Zweimal wurde er gefüllt, und beide Male trank Fëng Dsï-ying ihn stehend in einem Zug aus. „Erzähl doch wenigstens, was das für ein Glück im Unglück war, bevor du gehst“, bat Bau-yü. „Wenn ich es jetzt erzähle, macht es nicht den richtigen Spaß“, entgegnete Fëng Dsï-ying. „Ich werde euch einmal extra einladen, um euch alles ausführlich zu erzählen. Außerdem will ich euch dann um etwas bitten.“ Damit erhob er die Hände zum Gruß und wollte gehen. „Nun hast du uns erst recht neugierig gemacht“, sagte Hsüä Pan. „Verrate uns wenigstens, wann du uns einladen willst, damit wir nicht ganz im Ungewissen sind!“ „Spätestens in zehn und frühestens in acht Tagen“, antwortete Fëng Dsï-ying, ging hinaus, stieg auf sein Pferd und ritt davon. Die anderen kehrten ins Zimmer zurück und setzten sich wieder an den Tisch. Erst nachdem sie noch ein Weilchen getrunken hatten, gingen sie auseinander. Als Bau-yü in den Garten zurückkam, wurde er dort von Hsi-jën ungeduldig erwartet, weil sie nicht wußte, ob es Glück oder Unglück zu bedeuten hatte, daß Djia Dschëng ihn zu sich gerufen hatte. Als sie ihn jetzt angeheitert zurückkommen sah, fragte sie, was sich ereignet habe, und er gab ihr einen genauen Bericht. „Da sitzt man hier wie auf glühenden Kohlen, und du amüsierst dich dort“, warf Hsi-jën ihm vor. „Hättest du wenigstens jemand mit einer Nachricht hergeschickt!“ „Das wollte ich ja“, versicherte Bau-yü. „Aber als dann der junge Fëng kam, habe ich es vergessen.“ Bei diesen Worten trat Bau-tschai herein und sagte lächelnd: „All die schönen Sachen hast du uns weggegessen!“ „Ihr hattet doch bestimmt schon davon genascht!“ gab Bau-yü lächelnd zurück. Aber Bau-tschai schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Mein Bruder hatte mich gestern extra eingeladen, davon zu kosten, aber ich habe nichts gegessen und habe ihm gesagt, er solle es aufheben und sich Gäste einladen und auch einen Teil verschenken. Ich weiß ja, daß mir ein ärmliches Geschick bestimmt ist und daß es mir nicht zukommt, solche guten Sachen zu essen.“ Ein Sklavenmädchen goß Tee ein, und sie plauderten beim Teetrinken weiter. Davon soll aber hier nicht die Rede sein. Als Dai-yü gehört hatte, Djia Dschëng lasse Bau-yü rufen, und er dann den ganzen Tag lang nicht wiedergekommen war, hatte sie sich ebenfalls Sorgen um ihn gemacht. Nach dem Abendessen erfuhr sie, er sei jetzt zurück, und so drängte es sie, zu ihm zu gehen und sich zu erkundigen, was gewesen sei. Während sie langsamen Schrittes hinüberging, sah sie, wie Bau-tschai eben in Bau-yüs Hof verschwand. Da sie gerade an der Duftgetränkten Brücke war, wo die verschiedensten Wasservögel auf dem Teich schwammen, von denen sie nicht einmal wußte, wie die einzelnen Arten hießen, und nur sah, daß jeder einzelne bunt und prächtig war, blieb sie stehen, um ihnen ein Weilchen zuzuschauen. Als sie dann zum Hof der Freude am Roten kam, war das Hoftor geschlossen, und so pochte sie mit der Hand dagegen. Nun hatte sich Tjing-wën mit Bi-hën verzankt und war deshalb schlechter Laune. Als Bau-tschai unerwartet gekommen war, hatte Tjing-wën ihren Ärger auf sie übertragen und im Hof gegrollt: „Egal, ob etwas ist oder nicht, sie kommt angelaufen und sitzt hier herum, und wir kommen dann vor Mitternacht nicht ins Bett!“ Als jetzt plötzlich wieder jemand am Tor war und rief, sie solle aufmachen, ärgerte das Tjing-wën erst recht, und ohne zu fragen, wer es war, sagte sie: „Alle haben sich schon schlafen gelegt, kommt morgen wieder!“ Dai-yü kannte die Art der Sklavenmädchen und wußte auch, wie sie einander anzuführen pflegten. Sie glaubte, das Mädchen im Hof müsse ihre Stimme nicht erkannt haben und denken, es sei ein anderes Sklavenmädchen, das vor dem Tor stand, und wolle deshalb nicht aufmachen. Darum sagte sie laut: „Ich bin es. Willst du nicht bald aufmachen?!“ Aber Tjing-wën hatte immer noch nicht herausgehört, wer es war, und sagte wütend: „Ganz egal, wer da ist, der junge Herr hat befohlen, niemand mehr einzulassen!“ Unwillkürlich packte jetzt auch Dai-yü die Wut, und schon wollte sie laut herausplatzen, aber dann überlegte sie: „Es heißt zwar, ich sei bei der Tante wie zu Hause, trotzdem bin ich bei ihr nur zu Gast. Vater und Mutter sind tot, und ich habe nirgendwo anders eine Zuflucht als hier. Es ist sinnlos, wenn ich mich aufrege.“ Und bei diesem Gedanken begannen ihre Tränen zu fließen. Während sie unschlüssig dastand, weil es ihr ebensowenig richtig erschien zu gehen wie zu bleiben, hörte sie von drinnen Wortfetzen und Gelächter, und bei genauem Hinhören unterschied sie die Stimmen von Bau-yü und Bau-tschai. Das machte sie nur um so wütender, und als sie hin und her überlegte, fiel ihr plötzlich der Vorfall vom Morgen wieder ein. „Bau-yü“, dachte sie, „bestimmt bist du mir gram, weil ich mich über dich beschweren wollte. Dabei habe ich es doch gar nicht getan, und du hättest dich wenigstens erkundigen müssen, ehe du so böse zu mir bist. Jetzt läßt du mich nicht herein, aber morgen werden wir uns doch wiedersehen.“ Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr grämte sie sich, und ohne darauf zu achten, wie kalt das betaute Moos war und wie kühl der Wind wehte, stand sie einsam in einem Mauerwinkel im Schatten der blühenden Bäume und weinte bitterlich. Nun war Dai-yü von einmaliger Schönheit und einzigartiger Wohlgestalt. Als jetzt die Vögel, die sich auf den Bäumen und Sträuchern ringsum ein Nachtquartier gesucht hatten, ihr Weinen hörten, flogen sie mit rauschendem Flügelschlag auf und davon, weil sie es nicht ertragen konnten, dies mit anzuhören. Wahrlich: Stumm stehn die fühllosen Blumen da, erschreckt fliehn die traumwirren Vögel. Ein Gedicht sagt: Schön und begabt ist das Mädchen Dai-yü, das einsam sein keusches Gemach verläßt. Noch ehe ihr klägliches Schluchzen verstummt, fall‘n die Blüten zu Boden, die Vögel fliehn. Während Dai-yü noch vor sich hin weinte, ging auf einmal knarrend das Hoftor auf. Und wer wissen möchte, wer da heraustrat, muß das nächste Kapitel lesen.