Hongloumeng/de/Chapter 27
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Kapitel 27
滴翠亭杨妃戏彩蝶
埋香冢飞燕泣残红
Während also Dai-yü traurig vor sich hin weinte, hörte sie plötzlich das Hoftor knarren und sah Bau-tschai herauskommen. Bau-yü, Hsi-jën und ein ganzer Schwarm Sklavenmädchen gaben ihr das Geleit. Schon wollte Dai-yü zu ihnen treten und Bau-yü zur Rede stellen, aber dann hatte sie Angst, es könnte ihm vor den anderen peinlich sein, darum huschte sie beiseite und wartete, bis Bau-tschai verschwunden, Bau-yü mit seinem Gefolge hineingegangen und das Hoftor wieder geschlossen war, ehe sie hervorkam und mit Blick auf das Tor noch ein paar Tränen vergoß. Dann war sie der Sache überdrüssig, machte kehrt und ging in ihre Räume zurück, wo sie niedergeschlagen ihren restlichen Putz ablegte. Dsï-djüan und Hsüä-yän wußten, daß es Dai-yüs Art war, grundlos betrübt zu sein und dabei schmerzlich die Brauen zu runzeln und lange Seufzer auszustoßen oder gar aus heiterem Himmel ohne jeden Anlaß endlose Tränenströme zu vergießen. Zu Anfang hatte man noch versucht, sie zu trösten, weil man glaubte, sie gräme sich um ihre toten Eltern, sehne sich nach ihrer Heimat oder sei von jemandem gekränkt worden, so daß man ihr gut zureden müsse. Aber als es über Jahr und Tag so mit ihr blieb, hatten sich alle daran gewöhnt und kümmerten sich nicht mehr darum. Deshalb schenkte ihr auch diesmal niemand Beachtung, und alle gingen schlafen, während Dai-yü ans Bettgeländer gelehnt dasaß, die Knie mit den Armen umfaßt hielt und ihren Tränen freien Lauf ließ. So saß sie wie aus Holz geschnitzt oder aus Ton geformt bis spät in die zweite Nachtwache, ehe auch sie sich endlich hinlegte. Mehr ist über diese Nacht nicht zu berichten. Am nächsten Tag, dem sechsundzwanzigsten des vierten Monats, war der Stichtag ‚Ährenzeit‘, an dem nach uraltem Brauch die Blütengöttin mit allerlei Gaben verabschiedet wird. Denn kaum daß die ‚Ährenzeit‘ vorüber ist, wird es Sommer, und die Blüten fallen. Die Blütengöttin muß abdanken und wird daher mit einem Opfer verabschiedet. Besonders die Frauen und Mädchen pflegen diesen Brauch, und so standen im Garten des Großen Anblicks alle früh auf. Die Mädchen flochten Sänften und Pferde aus Blumen und Weidenzweigen, falteten Fähnchen und Schirmchen aus Seide und Gaze und banden das alles mit bunten Seidenfäden an Bäume und Sträucher, so daß der ganze Garten voll flatternder Seide und tanzender Blüten war. Die Mädchen aber waren so festlich geschmückt, daß sie die Pfirsich- und Aprikosenbäume beschämten und die Schwalben und Goldamseln neidisch machten. Aber das kann hier nicht alles ausführlich beschrieben werden. Bau-tschai, Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun, Li Wan und Hsi-fëng, aber auch Tjiau-djiä, Da-djiä und Hsiang-ling sowie die Sklavenmädchen vergnügten sich im Garten, nur Dai-yü war nicht zu sehen. Da sagte Ying-tschun: „Warum ist denn Kusine Dai-yü nirgends zu entdecken? So ein faules Ding! Sie wird doch nicht etwa noch schlafen?“ „Wartet!“ sagte Bau-tschai. „Ich werde sie aufscheuchen gehen!“ Und sie verließ die anderen, um sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zu machen. Unterwegs traf sie die zwölf kleinen Schauspielerinnen mit Wën-guan an der Spitze, die zu ihr herantraten und sie begrüßten. Nachdem sie ein Weilchen miteinander geplaudert hatten, wandte Bau-tschai sich um, wies mit der Hand die Richtung und sagte: „Die andern sind alle dort drüben. Geht nur zu ihnen! Ich will Fräulein Lin holen und komme dann auch.“ Und damit ging sie weiter auf gewundenem Pfad zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Aber als sie aufblickte, sah sie plötzlich, wie Bau-yü eben dort hineinging. Also blieb sie stehen und dachte nach. „Bau-yü und Dai-yü sind von klein auf zusammen aufgewachsen und haben in vielen Dingen keine Scheu voreinander“, sagte sie sich. „Ständig necken sie sich und sind einander mal gut und mal gram. Außerdem ist Dai-yü immer mißtrauisch und leicht eingeschnappt. Wenn ich jetzt zu ihnen hineinginge, würde das einerseits Bau-yü nicht recht sein und andererseits vielleicht Dai-yü auf dumme Gedanken bringen. Darum ist es das beste, ich gehe wieder!“ Als sie diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging sie fort, um zu den anderen zurückzukehren, aber da erblickte sie mit einem Mal ein Paar jadefarbener Schmetterlinge vor sich, die so groß waren wie zwei runde Fächer und im Lufthauch auf und ab gaukelten. So schön waren sie, daß Bau-tschai sie zu gern gefangen hätte, um sich länger an ihnen zu erfreuen. Also holte sie ihren Fächer aus dem Ärmel und trat auf das Gras, um ihnen nachzulaufen. Die Schmetterlinge aber flogen auf und ab, kamen näher und entfernten sich wieder, flatterten zwischen Blumenstauden und Weidenzweigen hindurch und drohten schließlich über den Bach zu entkommen. So lockten sie Bau-tschai, die leichtfüßig hinter ihnen her eilte, bis zum Pavillon Tropfendes Grün inmitten des Teiches. In duftenden Schweiß gebadet und keuchend vor Anstrengung, hatte Bau-tschai keine Lust mehr, ihnen noch weiter nachzujagen, und wollte eben umkehren, als sie aus dem Pavillon Stimmengemurmel hörte. Dieser Pavillon war ringsherum von einem Wandelgang umgeben und stand, nur über Zickzackbrücken erreichbar, mitten im Teich. Seine Fenstergitter waren auf allen Seiten mit Papier beklebt. Als Bau-tschai die Stimmen vernahm, blieb sie stehen und lauschte. „Wenn das wirklich das Taschentuch ist, das du verloren hast, dann nimm es! Sonst gebe ich es dem jungen Herrn Yün zurück“, hörte sie. Und eine andere Stimme sagte: „Aber ja, es ist es. Gib es nur her!“ „Und was bekomme ich zum Dank?“ fragte die erste Stimme. „Meinst du, ich hätte es dir umsonst wiedergebracht?“ „Ich werde dich schon nicht anführen, nachdem ich einmal eine Belohnung ausgesetzt habe“, erwiderte die andere. „Mir steht natürlich eine Belohnung zu, weil ich es dir gebracht habe“, fuhr die erste wieder fort. „Aber willst du nicht auch den belohnen, der es gefunden hat?“ „Red keinen Unsinn!“ wies die andere sie ab. „Er gehört doch zu den Herrschaften. Da muß er es doch zurückgeben, wenn er etwas findet, was ich verloren habe. Womit sollte ich ihn belohnen?“ „Und was soll ich ihm sagen, wenn du ihn nicht belohnst?“ hielt ihr die erste nun vor. „Wo er mir doch immer wieder eingeschärft hat, wenn er keine Belohnung bekommt, darf ich dir das Taschentuch nicht geben!“ „Na, schön!“ sagte die andere nach längerem Schweigen. „Gib ihm das hier, das soll seine Belohnung sein. Aber wirst du auch niemand davon erzählen? Du mußt mir schwören!“ „Wenn ich jemand davon erzähle, soll mir ein Furunkel wachsen, und ich will eines schlimmen Todes sterben!“ beteuerte da die erste Stimme. Dann sagte die andere: „Auwei, wir reden und reden, dabei kann doch jemand kommen und uns von draußen belauschen. Das beste ist, wir machen die Fenster auf. Wenn uns dann jemand hier sieht, wird er denken, wir plaudern nur. Und wenn er näher kommt, sehen wir ihn auch und sind still!“ Als Bau-tschai draußen diese Worte hörte, bekam sie einen Schreck und dachte: „Kein Wunder, wenn man sagt, daß zu jeder Zeit schamlose Huren und hündische Räuber die scharfsinnigsten Leute waren. Wenn sie die Fenstergitter aufmachen und mich hier sehen, fühlen sie sich natürlich in Schande gebracht. Außerdem klang eine der Stimmen nach dieser Hsiau-hung, die in Bau-yüs Räumen dient, und das ist ein eingebildetes Ding mit einem verschrobenen Charakter. Nachdem ich jetzt von ihrer Verfehlung weiß, könnte es nicht nur einen peinlichen Vorfall ergeben, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlte, auch ich würde mir dadurch Ärger einhandeln. Darum ist es das beste, wenn ich mich rasch verstecke. Wenn ich das nicht mehr schaffe, muß ich zumindest sehen, wie ich mich aus der Affäre ziehe...“ Noch ehe sie mit ihren Überlegungen zum Schluß gekommen war, hörte sie es schon klappern, darum trat sie betont laut auf und sagte lachend: „Dai-yü, ich hab‘s ja gesehen, wie du dich versteckt hast!“ Bei diesen Worten ging sie absichtlich noch näher an den Pavillon heran. Als drinnen Hung-yü und Dschuee-örl eben ein Fenster aufmachten und plötzlich Bau-tschais Stimme hörten, fuhren sie vor Schreck zusammen. Bau-tschai aber lächelte sie an und fragte: „Wo habt ihr Fräulein Lin versteckt?“ „Fräulein Lin haben wir gar nicht gesehen“, erklärte Dschuee-örl. „Aber ich habe doch eben noch von da drüben gesehen, wie sie hier hockte und im Wasser pantschte“, sagte Bau-tschai. „Ich wollte ihr heimlich einen Schreck einjagen, aber ehe ich hier war, hat sie mich entdeckt und ist in östlicher Richtung verschwunden. Hat sie sich wirklich nicht hier drinnen versteckt?“ Und sie trat in den Pavillon, um sich dort nach allen Seiten umzusehen. Dann machte sie kehrt und sagte dabei: „Bestimmt ist sie wieder in eine Felsgrotte geschlüpft. Wenn eine Schlange sie beißt, wird sie sehen, was sie davon hat!“ Mit diesen Worten ging sie weg und amüsierte sich im stillen bei dem Gedanken, wie geschickt sie die Sache überspielt hatte und wie den beiden jetzt wohl zumute sein mußte. Nun war Hung-yü tatsächlich auf das, was Bau-tschai ihnen vorgemacht hatte, hereingefallen. Sie wartete, bis diese weit genug fort war, dann faßte sie Dschuee-örl beim Ärmel und sagte: „Wenn Fräulein Lin wirklich hier gewesen ist, hat sie uns bestimmt gehört!“ Und als Dschuee-örl lange Zeit nichts darauf erwiderte, fragte sie: „Was machen wir jetzt nur?“ „Wen juckt das schon, wenn sie es gehört hat?“ gab Dschuee-örl zurück. „Soll sich doch jeder um seinen eigenen Kram kümmern!“ „Wenn es Fräulein Hsüä gehört hätte, wäre es nicht so schlimm“, sagte Hung-yü, „aber Fräulein Lin hat eine spitze Zunge und einen scharfen Verstand. Was machen wir, wenn sie uns gehört hat und die Sache herauskommt?“ Während sie noch so miteinander sprachen, sahen sie Wën-guan, Hsiang-ling, Sï-tji und Dai-schu auf den Pavillon zukommen, darum mußten sie das Gespräch abbrechen und statt dessen mit den anderen scherzen und lachen. Dann aber bemerkten sie, daß Hsi-fëng auf dem Berghang stand und winkte und rief. Rasch lief Hung-yü von den anderen fort, trat vor Hsi-fëng und fragte mit einem Lächeln: „Was habt Ihr zu befehlen, junge gnädige Frau?“ Hsi-fëng sah sie prüfend an, und da sie sie hübsch und sauber fand und auch ihre Redeweise ihr angenehm war, sagte sie lächelnd: „Meine Mädchen sind heute nicht mit hier, aber jetzt ist mir etwas eingefallen, und ich möchte jemanden hinüberschicken, um es zu erledigen. Wirst du das können und alles behalten, was ich dir sage?“ „Befehlt mir nur, junge gnädige Frau“, sagte Hung-yü lächelnd, „ich werde es bestellen, und wenn ich etwas vergesse und dadurch Schaden anrichte, könnt Ihr mich nach Belieben bestrafen.“ „Bei welchem unserer Fräulein tust du Dienst?“ fragte Hsi-fëng. „Wenn ich dich fortschicke und sie wiederkommt und dich vermißt, werde ich es ihr erklären.“ „Ich bin aus den Räumen des jungen Herrn Bau-yü“, sagte Hung-yü. „Ach, zu Bau-yü gehörst du“, sagte Hsi-fëng. „Kein Wunder! Aber das macht nichts! Wenn er nach dir fragen sollte, werde ich es ihm erklären.gnädige Frau?“ Hsi-fëng sah sie prüfend an, und da sie sie hübsch und sauber fand und auch ihre Redeweise ihr angenehm war, sagte sie lächelnd: „Meine Mädchen sind heute nicht mit hier, aber jetzt ist mir etwas eingefallen, und ich möchte jemanden hinüberschicken, um es zu erledigen. Wirst du das können und alles behalten, was ich dir sage?“ „Befehlt mir nur, junge gnädige Frau“, sagte Hung-yü lächelnd, „ich werde es bestellen, und wenn ich etwas vergesse und dadurch Schaden anrichte, könnt Ihr mich nach Belieben bestrafen.“ „Bei welchem unserer Fräulein tust du Dienst?“ fragte Hsi-fëng. „Wenn ich dich fortschicke und sie wiederkommt und dich vermißt, werde ich es ihr erklären.“ „Ich bin aus den Räumen des jungen Herrn Bau-yü“, sagte Hung-yü. „Ach, zu Bau-yü gehörst du“, sagte Hsi-fëng. „Kein Wunder! Aber das macht nichts! Wenn er nach dir fragen sollte, werde ich es ihm erklären. Geh zu mir hinüber und sage dort Schwester Ping-örl, daß im äußeren Raum auf dem Tisch hinter dem Ständer mit dem Teller aus Ju-dschou-Keramik ein Päckchen Silber liegt. Es sind einhundertundsechzig Liang, und sie sind als Lohn für den Sticker bestimmt. Wenn Dschang Tsais Frau danach kommt, soll Ping-örl ihr das Silber vorwiegen und dann geben. Außerdem liegt im Innenraum auf dem Bett ein besticktes Täschchen, das bringst du mir!“ Als Hung-yü den Auftrag vernommen hatte, ging sie los, doch als sie wiederkam, war Hsi-fëng auf dem Berghang nicht mehr zu finden. Da eben Sï-tji aus einer Felsgrotte schlüpfte und stehenblieb, um sich den Rock wieder festzuschnüren, trat Hung-yü auf sie zu und fragte: „Schwester, weißt du nicht, wo die Frau des zweiten jungen Herrn hingegangen ist?“ „Dazu kann ich nichts sagen“, antwortete Sï-tji. Hung-yü sah sich nach allen Seiten um und erblickte Tan-tschun und Bau-tschai, die am Teich standen und nach den Fischen schauten. Also trat sie zu ihnen heran und fragte lächelnd: „Wissen die Fräulein nicht, wo die Frau des zweiten jungen Herrn hingegangen ist?“ „Schau im Hof der Frau des ersten jungen Herrn nach ihr!“ sagte Tan-tschun, und Hung-yü machte sich auf den Weg nach dem Reisduftdorf. Da kamen ihr auf einmal Tjing-wën, Tji-hsiän, Bi-hën, Dsï-hsiau, Schë-yüä, Dai-schu, Ju-hua und Ying-örl entgegen, und kaum daß Tjing-wën Hung-yü erblickt hatte, sagte sie: „Du mußt doch wohl verrückt geworden sein! Bei uns im Hof sind die Blumen nicht gegossen, die Vögel sind nicht gefüttert, und das Teeöfchen ist auch nicht angeheizt, aber du gehst spazieren.“ „Gestern sagte der junge Herr, die Blumen brauchten heute nicht gegossen zu werden, es reiche, wenn sie jeden zweiten Tag Wasser bekommen“, verteidigte sich Hung-yü. „Und als ich die Vögel gefüttert habe, hast du noch geschlafen.“ „Und was ist mit dem Teeöfchen?“ fragte Bi-hën. „Heute bin ich mit Heizen nicht an der Reihe“, erwiderte Hung-yü. „Ob Tee gebrüht worden ist oder nicht, mußt du schon jemand anders fragen.“ „Hört euch nur an, was sie für ein Mundwerk hat!“ sagte Tji-hsiän. „Laßt sie bloß in Ruhe, soll sie doch spazierengehen!“ „Wenn ihr meint, ich ginge spazieren, dann irrt ihr euch“, entgegnete Hung-yü darauf. „Ich hatte für die Frau des zweiten jungen Herrn etwas auszurichten und etwas zu holen.“ Bei diesen Worten hob sie zum Beweis das gestickte Täschchen in die Höhe, nach dem sie gegangen war, und das brachte die anderen endlich zum Schweigen. Als sie sich trennten, um weiterzugehen, sagte Tji-wën mit spöttischem Lachen: „Kein Wunder, daß sie uns nicht mehr für voll nimmt, wenn sie es so weit gebracht hat! Da hat jemand einen halben Satz mit ihr gesprochen und wahrscheinlich nicht mal nach ihrem Namen gefragt, aber sie ist gleich in Hochstimmung. Dieser kleine Auftrag besagt doch noch gar nichts. Warten wir ab, was die Zukunft bringt! Wenn sie so tüchtig ist, soll sie nur auf der Stelle den Garten verlassen und für immer und ewig in ihrer feinen Stellung bleiben. Das wäre etwas!“ Und mit diesen Worten ging sie davon. Hung-yü hatte alles gehört, aber da sie sich schlecht auf einen Streit einlassen konnte, unterdrückte sie ihre Wut und suchte weiter nach Hsi-fëng. Sie fand sie tatsächlich in den Räumen von Li Wan, wo sich die beiden unterhielten. Hung-yü trat auf sie zu und berichtete: „Schwester Ping-örl sagte, gleich nachdem Ihr gegangen wart, habe sie das Silber an sich genommen, und eben sei Dschang Tsais Frau dagewesen, um es zu holen. Schwester Ping-örl habe es in ihrer Gegenwart abgewogen und ihr dann gegeben.“ Dann reichte sie ihr das Täschchen und fuhr fort: „Schwester Ping-örl hat mich beauftragt, Euch zu melden, Lai Wang sei dagewesen, um sich Eure Instruktionen zu holen, damit er zu jener Familie gehen könne. Schwester Ping-örl habe ihm alles gesagt, so wie Ihr es befohlen hattet.“ „Was hat sie ihm denn gesagt?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Sie hat ihm gesagt, unsere junge gnädige Frau ließe die gnädige Frau grüßen, und unser zweiter junger Herr sei außer Haus, aber die gnädige Frau könne beruhigt sein, auch wenn es ein paar Tage später werde“, antwortete Hung-yü. „Außerdem habe unserer junge gnädige Frau mit der fünften jungen gnädigen Frau verabredet, die gnädige Frau besuchen zu kommen, sobald es der fünften jungen gnädigen Frau etwas besser gehe. Die fünfte junge gnädige Frau habe der gnädigen Frau neulich ausrichten lassen, daß die gnädige Frau Tante geschrieben habe und die gnädige Frau grüßen lasse, außerdem habe sie bei der hiesigen Frau Kusine angefragt, ob sie von den lebensverlängernden Wunderpillen zwei Stück für sie übrig habe. Wenn die gnädige Frau davon übrig habe, könne sie sie unbesorgt zu unserer jungen gnädigen Frau bringen lassen, denn es führe demnächst jemand zur gnädigen Frau Tante, der sie mitnehmen könne, und...“ Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, wurde sie von Li Wan unterbrochen: „O weh, ich verstehe kein Wort! Was ist das für ein Haufen gnädiger Herrschaften?“ „Kein Wunder, daß du das nicht verstehst“, erwiderte Hsi-fëng. „Hier geht es um vier Familien auf einmal.“ Dann lächelte sie Hung-yü zu und sagte: „Ich staune, wie ordentlich und vollständig du das alles gesagt hast, mein Kind, nicht so gequält und mit so einem Mückengesumm wie die anderen. – Du weißt ja nicht, Schwägerin“, wandte sie sich wieder an Li Wan, „daß ich direkt Angst habe, mit den Mädchen und Frauen zu sprechen, außer mit denen, die zu meinem unmittelbaren Gefolge gehören. Jeden Satz ziehen sie dermaßen in die Länge, daß nur ein paar Bruchstücke daraus werden. Sie suchen so lange nach Worten und sprechen so geziert und so zögernd, daß ich platzen könnte vor Ungeduld, und sie merken das nicht einmal. Unsere Ping-örl war früher genauso, da habe ich sie gefragt: ,Glaubst du vielleicht, das wirkt besonders schön, wenn du summst wie eine Mücke?‘ Erst nachdem ich ihr das ein paarmal gesagt hatte, hat sie sich ein wenig gebessert.“ „Du bist erst zufrieden, wenn alle so sind wie du selbst, du heruntergekommener Taugenichts“, sagte Li Wan lachend.
Aus: Jinyuyuan 1889a. „Das Mädchen hier ist Ordnung“, fuhr Hsi-fëng fort, „was sie diese beiden Male zu sagen hatte, war nicht viel, aber sie hat sich knapp und einfach ausgedrückt. – Du solltest in Zukunft bei mir dienen!“ wandte sie sich dann lächelnd an Hung-yü. „Ich nehme dich als Patenkind an, und wenn ich mich um deine Ausbildung kümmere, kann etwas aus dir werden.“ Als Hung-yü das hörte, platzte sie laut heraus, und Hsi-fëng fragte: „Warum lachst du? Weil ich deine Patin sein will, obwohl ich nicht viel älter bin als du selbst? Bilde dir nur nichts ein! Erkundige dich mal, wie viele es gibt, die noch viel älter sind als du und mich gern ihre Patin nennen würden, wenn ich nur einverstanden wäre. Das ist doch eine Auszeichnung für dich!“ „Ich habe nicht deswegen gelacht“, sagte Hung-yü lächelnd, „ich habe gelacht, weil Ihr die Generationen durcheinanderbringt. Meine Mutter ist doch schon Eure Patentochter, und jetzt wollt Ihr auch mich als Eure Patentochter annehmen.“ „Wer ist denn deine Mutter?“ fragte Hsi-fëng. „Du kanntest sie also gar nicht?“ sagte Li Wan lächelnd. „Sie ist die Tochter von Lin Dschï-hsiau.“ „Was?“ fragte Hsi-fëng ganz verwundert. „Seine Tochter ist das?“ Und lächelnd fuhr sie fort: „Aus Lin Dschï-hsiau und seiner Frau würde man keinen Ton herausbekommen, selbst wenn man sie mit einer Ahle stäche, und ich habe schon immer gesagt, daß die beiden gut zueinander passen – tauber Himmel, stumme Erde. Das habe ich mir nicht träumen lassen, daß sie so eine aufgeweckte Tochter haben. – Wie alt bist du?“ „Siebzehn“, sagte Hung-yü, und als sie nach ihrem Namen gefragt wurde, erklärte sie: „Eigentlich heiße ich Hung-yü, aber weil sich das wegen des Namens des jungen Herrn Bau-yü nicht schickt, werde ich jetzt nur noch Hsiau-hung genannt.“ Bei diesen Worten runzelte Hsi-fëng die Brauen, wandte sich ab und sagte: „Es ist nicht auszuhalten! Als ob einem das Zeichen yü einen Vorteil brächte! Jeder heißt hier Yü.“ Dann fuhr sie fort: „Also kommst du zu mir!“ Und zu Li Wan gewandt: „Dabei hatte ich noch zu ihrer Mutter gesagt: ‚Lai Das Frau hat zuviel zu tun, außerdem weiß sie auch nicht, wer hier wer ist, also such du ein paar Mädchen aus, die ich bei mir anstellen kann!‘ Genau so hat sie es mir versprochen, und dann schickt sie ihre eigene Tochter woandershin. Geradeso als ob die es bei mir nicht gut haben würde.“ „Du bist wieder einmal zu mißtrauisch“, sagte Li Wan lächelnd. „Das Mädchen war doch schon hier, als du das gesagt hast, also kannst du ihrer Mutter keinen Vorwurf machen.“ „Dann werde ich morgen mit Bau-yü sprechen, damit er sich jemand anders geben läßt, und dieses Mädchen kommt zu mir“, sagte Hsi-fëng. „Aber ich weiß ja nicht, ob sie selber möchte.“ „Wer von uns wagt schon zu sagen, er möchte oder er möchte nicht“, erwiderte Hung-yü und lächelte dazu. „Aber bei Euch kann man lernen, wie alles zu beurteilen ist, und auch drinnen und draußen, mit hoch und niedrig, im Großen wie im Kleinen muß man ja seine Erfahrungen sammeln.“ Als sie das eben sagte, kam ein Sklavenmädchen von Dame Wang, die Hsi-fëng zu sich bitten ließ. Diese verabschiedete sich also von Li Wan und ging fort. Hung-yü aber kehrte in den Hof der Freude am Roten zurück, und mehr soll jetzt von ihr nicht die Rede sein. Dai-yü war nach schlaflos verbrachter Nacht spät aufgestanden, und als sie erfuhr, alle ihre Kusinen seien im Garten, um zur Verabschiedung der Blütengöttin ein Opfer zu bringen, kämmte und wusch sie sich rasch und ging dann ebenfalls hinaus, um sich nicht nachsagen zu lassen, sie sei stumpf und träge. Gerade war sie in den Hof getreten, als Bau-yü zum Tor hereinkam und lächelnd fragte: „Liebste Kusine, hast du mich nun gestern verpetzt oder nicht? Die ganze Nacht habe ich deinetwegen keine Ruhe gefunden.“ Dai-yü aber wandte sich ab, um Dsï-djüan zu befehlen: „Wenn die Zimmer aufgeräumt sind, läßt du die Gazeeinsätze in den Fenstern herunter, und wenn du siehst, daß die Mauersegler wieder kommen, läßt du den Türvorhang herab und beschwerst ihn mit dem Steinlöwen! Nachdem du geräuchert hast, tust du den Deckel auf den Räucherkessel!“ Mit diesen Worten ging sie zum Tor. Als Bau-yü sie so sah, dachte er nicht anders, als daß es noch immer um die Sache vom Mittag des Vortages ginge, denn von dem Vorfall am Abend wußte er ja nichts. Also verbeugte er sich mit zusammengelegten Händen, aber Dai-yü würdigte ihn keines Blickes, trat zum Tor hinaus und machte sich auf die Suche nach den Kusinen. Bedrückt überlegte Bau-yü: „Wie es aussieht, geht es gar nicht um die Sache von gestern mittag. Aber danach bin ich doch spät zurückgekommen und habe sie nicht noch einmal gesehen, so daß ich ihr nichts getan haben kann.“ Während er darüber nachdachte, trugen ihn seine Füße hinter ihr her, und er erblickte Bau-tschai und Tan-tschun, die den tanzenden Kranichen zusahen. Dann trat Dai-yü zu ihnen und sprach sie an. Als Bau-yü näher kam, empfing Tan-tschun ihn lächelnd mit den Worten: „Wie geht es dir, Bruder? Ich habe dich schon volle drei Tage nicht gesehen.“ „Wie geht es selbst, Schwester?“ fragte er lächelnd zurück. „Neulich habe ich mich schon bei der Schwägerin nach dir erkundigt.“ „Komm bitte hier herüber!“ bat Tan-tschun. „Ich muß mit dir reden.“ Bau-yü verließ Bau-tschai und Dai-yü und folgte Tan-tschun unter einen Granatapfelbaum, wo sie ihn fragte: „Hat Vater dich in der letzten Zeit rufen lassen?“ „Nein“, sagte Bau-yü lächelnd. „Aber gestern war mir so, als hätte ich gehört, Vater habe dich zu sich bestellt“, beharrte Tan-tschun. „Da wird sich irgendwer verhört haben“, erklärte Bau-yü lächelnd, „er hat mich wirklich nicht rufen lassen.“ „In den letzten Monaten habe ich wieder mehr als zehn Schnüre Münzen zusammengespart“, fuhr Tan-tschun fort. „Nimm sie an dich, und wenn du demnächst einmal ausreitest, bringst du mir schöne Kalligraphien und Bilder oder auch ein paar hübsche Kleinigkeiten dafür mit.“ „Ich war in den großen Tempeln und den kleinen Tempelchen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadt, habe aber nirgends etwas entdeckt, was hübsch und neuartig gewesen wäre“, erwiderte Bau-yü. „Es gibt überall nur Gold und Jade, Bronze und Porzellan, Antiquitäten, die man sich nirgends hinstellen kann, sonst aber Seide, Eßwaren und Kleider.“ „Wer möchte denn so etwas?“ fragte Tan-tschun. „Solche Sachen, wie du sie letztens gekauft hast, Körbchen aus Weidenruten, Weihrauchdosen aus ganzen Bambuswurzeln und Kochöfchen aus Ton, die sind das Richtige. Aber an allem, was mir gefällt, fanden auf einmal auch die anderen Gefallen und haben alles weggeschleppt, als ob es Kostbarkeiten wären.“ „Ach, so etwas willst du haben!“ sagte Bau-yü. „Das kostet nicht viel. Für fünfhundert Bronzemünzen bringen dir die Dienerknaben einen ganzen Wagen voll.“ „Was verstehen schon die Dienerknaben davon!“ gab Tan-tschun zurück. „Du mußt Sachen für mich aussuchen, die schlicht, aber nicht vulgär sind, ungekünstelt und anspruchslos. Davon bring mir nur recht viel mit, und ich mache dir dafür wieder so ein Paar Schuhe wie letztes Mal, nur daß ich mir noch mehr Mühe gebe. Wie wäre das?“ „Da du gerade von den Schuhen sprichst, fällt mir etwas ein“, sagte Bau-yü. „Einmal, als ich sie anhatte, mußte ich ausgerechnet Vater begegnen, und sie gefielen ihm nicht. Also fragte er, wer sie gemacht habe. Ich konnte natürlich nicht wagen, deinen Namen zu nennen, darum habe ich geantwortet, ich hätte sie von der Tante zum Geburtstag bekommen. Da konnte er nun schlecht etwas sagen, aber nach einigem Schweigen bemerkte er doch: ‚Was mußte sie ihre Kräfte vergeuden und den Seidenstoff verderben, um so etwas anzufertigen!‘ Als ich zurückkam und Hsi-jën davon erzählte, sagte sie: ‚Das ist ja noch gar nichts! Tante Dschau hat sich schrecklich darüber aufgeregt. ,Ihr leiblicher Bruder geht in schlappenden Schuhen und Strümpfen, aber das sieht sie nicht. Statt dessen näht sie für Bau-yü solche Schuhe‘, hat sie gesagt.‘“ Sofort machte Tan-tschun ein ärgerliches Gesicht und sagte: „Das ist aber auch ein Blödsinn! Bin ich vielleicht zum Schuhenähen verpflichtet? Bekommt nicht Huan seinen Unterhalt? Hat er nicht seine Leute? Und besitzt er nicht Kleider, Schuhe und Strümpfe, soviel er braucht? Das ganze Zimmer sitzt dort voller Frauen und Mägde. Wie also kann sie so etwas sagen? Und vor wem hat sie das gesagt! Ich nähe doch nur mal ein Paar Schuhe, wenn ich gerade Muße habe und nichts anderes zu tun ist. Und ich schenke sie, wem ich will. Den möchte ich sehen, der mir da Vorschriften zu machen wagt! Ganz ohne Grund regt sie sich auf.“ Lächelnd nickte Bau-yü. „Du weißt wohl nicht, daß sie ihre eigenen Gedanken dabei hat?“ fragte er. Jetzt ärgerte Tan-tschun sich erst recht. Sie wandte sich ab und sagte: „Du bist mir ein Spinner! Natürlich hat sie ihre eigenen Gedanken dabei, aber die entsprechen ihrer niedrigen Gesinnung, die sie zu verbergen trachtet. Soll sie nur immer so denken! Für mich gelten nur unser Vater mit der gnädigen Frau, und sonst niemand! Unter den Geschwistern aber bin ich nett zu jedem, der auch nett zu mir ist, und bin weder für noch gegen jemanden voreingenommen. Eigentlich dürfte ich ja nichts gegen sie sagen, aber sie ist einfach zu dumm! Da war noch so eine lächerliche Geschichte. Als ich dir letztens das Geld gab, damit du für mich einkaufst, hat sie mir zwei Tage später, als wir uns trafen, vorgestöhnt, wie schwer es für sie ohne Geld sei. Ich habe nichts dazu gesagt, aber als dann meine Mädchen bei ihr waren, beklagte sie sich, ich hätte mein Gespartes nicht Huan, sondern dich ausgeben lassen. Als ich das zu hören bekam, wußte ich nicht, ob ich lachen oder böse sein sollte. Also bin ich zur gnädigen Frau gegangen und...“ Ohne sie ausreden zu lassen, rief Bau-tschai herüber: „Seid ihr bald fertig? Dann kommt her! Ihr seid doch Bruder und Schwester, müßt ihr da die andern links liegen lassen und Heimlichkeiten haben, von denen keiner auch nur einen einzigen Satz hören darf?“ Lachend gingen Tan-tschun und Bau-yü zu ihr hinüber, und da Dai-yü nicht mehr zu sehen war, konnte Bau-yü sich denken, daß sie vor ihm Reißaus genommen hatte. Aber er sagte sich, es mache nichts aus, erst in ein paar Tagen wieder zu ihr zu gehen, wenn sich ihr Zorn gelegt haben würde. Als er dann niederblickte, sah er, daß der Boden dicht mit Balsaminen- und Granatapfelblüten bedeckt war, und seufzte still bei sich: „In ihrer Wut hat sie nicht einmal die Blüten weggeräumt. Ich werde sie forttragen und sie dann später danach fragen!“ Als Bau-tschai im selben Augenblick vorschlug, den Garten zu verlassen, sagte Bau-yü: „Ich komme gleich nach!“ Dann wartete er, bis die beiden fort waren, raffte die Blüten zusammen und ging damit über Hügel und Wasser, zwischen Bäumen und Blumen hindurch zu der Stelle, wo er mit Dai-yü zusammen die Pfirsichblüten begraben hatte. Als er schon fast da war und nur noch um einen Felsvorsprung biegen mußte, hörte er von dorther ein Weinen, das immer wieder verstummte und von neuem aufklang und das ganz jämmerlich anzuhören war. „Das muß irgendein Sklavenmädchen sein, das von jemand gekränkt worden ist und sich jetzt hier ausheult“, dachte er und blieb stehen. Da hörte er, wie das Mädchen unter Tränen sprach: „Blüten fallen, Blüten wirbeln zahllos durch die Luft; Rot vergeht, Duft erstirbt, tut das niemand leid? Weich sich Sommerfäden legen um das Gartenhaus, leicht sich Weidenflocken setzen auf den Bettvorhang. Einsam das Mädchen trauert dem scheidenden Frühling nach, für ihres Herzens Kummer findet sie kein Gehör. Die Blumenhacke in Händen, tritt sie aus ihrem Haus, den Blütenflur zu betreten zögert ihr scheuer Fuß. Weiden und Ulmen stehen üppig im grünen Kleid, die Leiden von Pfirsich und Pflaume sind ihnen einerlei. Pfirsich und Pflaume erblühen wohl neu im kommenden Jahr, doch wer wird dann hier wohnen im stillen Gartenhaus? Schon zeitig war vollendet aus Blüten ein duftiges Nest, so herzlos sind die Schwalben dort in dem Dachgebälk. Im nächsten Frühling finden sie neue Blüten zum Bau, doch leerstehn wird die Wohnung, verfallen sein das Nest. Wie endlos viele Tage hat so ein langes Jahr mit schneidend scharfen Winden und eisigkaltem Reif! Wie soll denn dabei dauern die Schönheit und die Pracht? Der Sturmwind eines Morgens macht ihnen den Garaus. Die abgefallenen Blüten verstreute ringsum der Wind, bekümmert steht das Mädchen draußen vor dem Tor. Als endlich sie verstohlen die Augen trockenwischt, entdeckt von Blut sie Flecken in ihrer Tränenspur. Der Kuckucksruf verstummte, der Abenddämmer kam, das Mädchen mit der Hacke geht heim und schließt die Tür. Im bleichen Schein der Lampe sucht sie den ersten Schlaf, der Regen klopft ans Fenster, die Decke wärmt sie nicht. Du fragst, was ich mich gräme und was mich so betrübt? Teils dauert mich der Frühling, und teils bin ich ihm gram. Die wechselvollen Gefühle, sie kommen, und sie gehen, sie überfall‘n mich schweigend, und schweigend schwinden sie. Gestern abend ertönte draußen ein qualvolles Lied. War‘n das der Vögel Seelen? Der Blüten Seelen gar? Doch war‘n es ihre Seelen, so hältst du sie nicht auf, den Vögeln fehlen die Worte, die Blüten, sie sind scheu. Mein Wunsch wär es, ich hätte ein kräftiges Flügelpaar, dann wollt ich den Blüten folgen bis fern zum Himmelsrand, dort haben vielleicht die Blüten ein stilles, duftiges Grab. So aber ist‘s das Beste, ich hüll‘ in Seide sie ein und decke mit reinlicher Erde die welken Reste der Pracht. Sauber, wie einst sie kamen, gehen sie dann wieder fort und werden nicht besudelt mit Grabenschlamm und Schmutz. Ihr meine toten Blüten, ich lege euch heute ins Grab und weiß nicht, ob ich selber nicht bald schon sterben muß. Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich törichtes Kind, doch wer wird mich begraben, wenn ich gestorben bin? Geht die Frühlingszeit zu Ende und die Blüten fall‘n vom Baum, ist für rote Mädchenwangen auch die Schicksalsstunde nah. Unversehens sind verflossen Frühlingstage, Mädchenglück, Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon.“ Als Bau-yü das hörte, stürzte er, von törichtem Schmerz überwältigt, zu Boden. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.