Hongloumeng/de/Chapter 29

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Kapitel 29

享福人福深还祷福

多情女情重愈斟情

Bau-yü saß also geistesabwesend da, als Dai-yü plötzlich mit dem Taschentuch ausholte und ihm genau in die Augen schlug. Erschrocken sprang er auf und fragte: „Wer war das?“ „Das wollte ich nicht“, sagte Dai-yü und schüttelte lächelnd den Kopf. „Mir ist die Hand ausgerutscht, als ich Kusine Bau-tschai eine dumme Gans zeigen wollte, die sie zu sehen verlangte.“ Bau-yü rieb sich die Augen und hätte gern etwas gesagt, das er aber nicht gut sagen konnte. Bald darauf kam Hsi-fëng, um mit ihnen über den Bittgottesdienst im Kloster der Reinen Leere zu sprechen, der am Ersten beginnen sollte. Sie forderte Bau-tschai, Bau-yü und Dai-yü zum Mitkommen auf, damit sie sich die Theatervorführungen ansehen könnten. „Ohne mich!“ sagte Bau-tschai lächelnd. „So heiß, wie es ist! Und was wird es schon für Stücke geben, die ich noch nicht gesehen hätte? Ich fahre nicht mit.“ „Aber dort ist es kühl“, versuchte Hsi-fëng, sie zu überreden. „Außerdem stehen auf beiden Seiten hohe Gebäude. Und wenn wir fahren, schicke ich ein paar Tage vorher unsere Leute hin, damit sie alle Mönche hinauswerfen, die Räume saubermachen und überall Bambusvorhänge anbringen. Auch dürfen sie keinen einzigen müßigen Gaffer in den Tempel lassen. Ich habe der gnädigen Frau schon über alles Bericht erstattet. Wenn ihr nicht fahrt, ich fahre! In der letzten Zeit war es so langweilig, und Theatervorführungen hier bei uns kann ich nie in Ruhe genießen.“ „Wenn das so ist, werde ich auch mitfahren!“ sagte die Herzoginmutter, die zugehört hatte. „Es ist natürlich ganz in Ordnung, wenn Ihr auch fahren wollt, alte Ahne“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd, „bloß dann habe ich wieder nichts davon.“ „Ich werde mich oben in den Mittelbau setzen, und du setzt dich in einen Seitenbau und brauchst nicht zur Aufwartung neben mir zu stehen“, bot ihr die Herzoginmutter an. „Wie fändest du das?“ „Das ist wirklich lieb von Euch, alte Ahne“, versicherte ihr Hsi-fëng lächelnd. Nun wandte sich die Herzoginmutter an Bau-tschai und sagte: „Du solltest doch mitkommen! Und deine Mutter kommt auch mit! Wenn du den lieben langen Tag zu Hause bliebest, würdest du doch nur schlafen.“ So hatte Bau-tschai keine andere Wahl, als zuzustimmen. Daraufhin schickte die Herzoginmutter ein Sklavenmädchen zu Tante Hsüä, um sie zum Mitfahren aufzufordern, und ließ bei dieser Gelegenheit auch Dame Wang Bescheid geben, daß sie die Mädchen mitnehmen werde. Dame Wang, die sich zum einen nicht wohlfühlte und zum anderen einen Boten von Yüan-tschun erwartete, hatte bereits Bescheid gegeben, sie werde nicht mitfahren. Als sie jetzt die Nachricht der Herzoginmutter erhielt, sagte sie lächelnd: „Daß sie noch immer so große Freude an so etwas hat!“ Und sie schickte jemanden in den Garten, um allen sagen zu lassen: „Wer einen Ausflug machen möchte, der kann am Ersten die alte gnädige Frau begleiten.“ Auch wenn das die anderen nicht sonderlich bewegte, gab es doch unter den Sklavenmädchen, die Tag für Tag nicht über die Türschwelle hinauskamen, keine, die nicht mit dabei sein wollte, als sie davon hörte. Und wenn ihre Herrinnen keine Lust hatten zu fahren, wandten sie hunderterlei Listen an, um sie doch dazu zu bringen. So kam es, daß selbst Li Wan und einige andere erklärten, sie würden fahren. Das aber vermehrte die Freude der Herzoginmutter. Inzwischen waren auch längst Leute ins Kloster abkommandiert worden, um dort sauberzumachen und alles instand zu setzen. Aber darüber braucht hier nicht ausführlich berichtet zu werden. Am Ersten standen dann vor dem Tor des Jung-guo-Anwesens die Wagen in Massen bereit, und Menschen und Pferde drängten sich zuhauf. Als die verantwortlichen Leute aus dem Gesinde erfahren hatten, es handle sich um ein gutes Werk der kaiserlichen Nebenfrau und die alte gnädige Frau werde persönlich den Weihrauch abbrennen, und das am Ersten, dem bedeutsamsten Tag des Monats, noch dazu am Vorabend des Drachenbootfestes, da hatten sie – ganz im Gegensatz zu sonst – alles, was gebraucht wurde, in bester Ordnung vorbereitet. Bald erschien die Herzoginmutter mit all den anderen vor dem Tor. Sie selbst nahm in einer großen Sänfte mit acht Trägern Platz, Li Wan, Hsi-fëng und Tante Hsüä aber jede in einer Sänfte mit vier Trägern. Bau-tschai und Dai-yü stiegen zu zweit in einen Wagen mit eisvogelblauem Verdeck, der mit Perlenschnüren und den Acht Kostbarkeiten verziert war, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun dagegen fuhren zu dritt in einem Wagen mit zinnoberroten Rädern und buntem Seidenverdeck. Nach ihnen kamen die Sklavenmädchen der Herzoginmutter: Yüan-yang, Ying-wu, Hu-po und Dschën-dschu sowie Dai-yüs Sklavenmädchen Dsï-djüan, Hsüä-yän und Tschun-hsiän, Bau-tschais Sklavenmädchen Ying-örl und Wën-hsing, Ying-tschuns Sklavenmädchen Sï-tji und Hsiu-djü, Tan-tschuns Sklavenmädchen Dai-schu und Tsuee-mo, Hsi-tschuns Sklavenmädchen Ju-hua und Tsai-ping, Tante Hsüäs Sklavenmädchen Tung-hsi und Tung-guee mit Hsiang-ling und Hsiang-lings Sklavenmädchen Dschën-örl, Li Wans Sklavenmädchen Su-yün und Bi-yüä, Hsi-fëngs Sklavenmädchen Ping-örl, Fëng-örl und Hsiau-hung und schließlich Dame Wangs Sklavenmädchen Djin-tschuan und Tsai-yün, die heute Hsi-fëng begleiteten. Ein weiterer Wagen war für die Amme mit Da-djiä auf dem Arm und Tjiau-djiä an ihrer Seite bestimmt, außerdem waren auch zwei Sklavenmädchen bei ihr. Dann kamen noch die alten Ammen aus den einzelnen Häusern sowie die Frauen vom Gesinde, die ebenfalls mitfuhren. So war die Straße schwarz von Menschen, und als die Herzoginmutter und die anderen in ihren Sänften schon weit weg waren, hatten am Tor die letzten noch nicht in den Wagen Platz genommen. Hier sagte jemand: „Mit dir zusammen fahre ich nicht!“ Dort klagte jemand: „Du zerdrückst das Bündel der gnädigen Frau!“ Aus einem Wagen tönte es: „Du hast auf meine Blumen getreten!“ Aus einem anderen hörte man: „Du hast meinen Fächer zerbrochen!“ Alles lachte und schwatzte aufgeregt durcheinander, und Dschou Juees Frau ging überall hin und her, um alle zu ermahnen: „Mädchen, ihr seid hier auf der Straße! Ihr macht euch zum Gespött der Leute!“ Aber das half erst, wenn sie es zum zweitenmal sagte. Die Insignien und Opfergaben waren schon vorab ins Kloster der Reinen Leere geschafft worden. Bau-yü ritt auf seinem Pferd vor der Sänfte der Herzoginmutter. In den Straßen blieben zu beiden Seiten die Leute stehen. Als sich der Zug dem Kloster näherte, waren Glockenschläge und Trommelklang zu hören, und der Abt Dschang stand schon lange in vollem Ornat und mit dem Weihrauchfaß in der Hand an der Spitze aller Mönche am Straßenrand, um die Besucher zu empfangen. Nachdem die Sänfte der Herzoginmutter das äußere Klostertor passiert hatte und die Herzoginmutter aus der Sänfte heraus sah, daß hier die tönernen Götterfiguren der Torwächter, der Götterboten Tausend-Li-Auge und Horch-mit-dem-Wind sowie des örtlichen Bodengottes und des Stadtgottes standen, befahl sie zu halten. Djia Dschën trat an der Spitze aller jüngeren Männer des Hauses heran, um sie zu begrüßen. Hsi-fëng, die wußte, daß Yüan-yang und die anderen Sklavenmädchen sich zu weit hinten befanden und deshalb nicht rechtzeitig hier sein konnten, um die Herzoginmutter zu stützen, stieg selbst aus ihrer Sänfte und wollte rasch nähertreten, als plötzlich ein kleiner dauistischer Novize von zwölf, dreizehn Jahren mit einer Lichtschere in der Hand, der überall die Kerzen zu putzen hatte und eben das Weite suchte, unversehens mit voller Wucht gegen sie prallte. Im Nu hatte Hsi-fëng die Hand gehoben und schlug dem Jungen so ins Gesicht, daß er sich überschlug. Dazu schimpfte sie: „Paß auf, wo du hinläufst, du Stierbrut!“ Ohne seine Lichtschere aufzuheben, rappelte sich der kleine Novize auf und stürzte nach draußen, dort jedoch stieg eben Bau-tschai mit den anderen Mädchen aus den Wagen, und die Sklavenfrauen bildeten so ein dichtes Spalier, daß selbst Wind und Regen nur schwer hindurchgekonnt hätten. Als jetzt plötzlich der kleine Novize dazwischengeschossen kam, schrien sie alle auf: „Packt ihn, packt ihn!“ und „Haut ihn, haut ihn!“ Die Herzoginmutter hörte den Lärm und verlangte zu wissen, was da vorgefallen war. Sofort ging Djia Dschën hin, um sich zu erkundigen, aber schon trat Hsi-fëng heran, um die Herzoginmutter zu stützen, und berichtete ihr: „Ein kleiner Novize, der die Kerzen putzen sollte, hat sich nicht rechtzeitig aus dem Staub gemacht und läuft jetzt allen in die Quere.“ „Bringt den Jungen rasch her und erschreckt ihn nicht!“ befahl die Herzoginmutter. „Kleiner Leute Kinder sind allesamt schlecht erzogen und haben natürlich so einen Anblick noch nie im Leben gesehen. Es wäre wirklich nicht schön, wenn er durch euch verschreckt würde. Seine Eltern müßten sterben vor Kummer.“ Dann befahl sie Djia Dschën, er solle den Jungen im guten zu ihr bringen, und Djia Dschën hatte keine andere Wahl, als den kleinen Novizen herbeizuzerren. Seine Lichtschere in der Hand, kniete er nieder und zitterte am ganzen Leibe. Auf Anordnung der Herzoginmutter mußte Djia Dschën den Jungen auf die Beine stellen und ihm sagen, er brauche sich nicht zu fürchten. Dann mußte er ihn nach seinem Alter fragen, aber der Junge konnte kein Wort herausbringen. „Der Ärmste!“ sagte die Herzoginmutter. Dann befahl sie: „Bring ihn hinaus, Dschën, und gib ihm etwas Geld, damit er sich Obst kaufen kann! Und sorge mir dafür, daß ihm niemand etwas zuleide tut!“ Djia Dschën sagte: „Jawohl!“ und führte den kleinen Novizen hinaus, die Herzoginmutter aber ging mit ihrer Begleitung von einer Götterfigur zur anderen, um ihre Andacht zu verrichten und alles anzusehen.

Aus: Jinyuyuan 1889b. Draußen hatten die Sklavenjungen die Herzoginmutter und ihren ganzen Anhang schon durchs innere Klostertor verschwinden sehen, als plötzlich Djia Dschën mit einem kleinen Novizen herauskam und befahl, ihn fortzuführen. Er solle ein paar hundert Bronzemünzen bekommen, und niemand solle ihm eine Kränkung zufügen. Als die Sklavenjungen das hörten, traten sie näher, um den Befehl auszuführen. Da fragte Djia Dschën von der Plattform herab: „Wo ist der Verwalter?“ Unten nahmen die Sklavenjungen die Frage auf und riefen im Chor: „Der Verwalter soll kommen!“ Sofort kam Lin Dschï-hsiau herbeigestürzt und rückte im Laufen seine Kopfbedeckung zurecht. Als er vor Djia Dschën stand, sagte dieser: „Der Tempel ist zwar sehr groß, aber niemand hat damit gerechnet, daß heute so viele Leute mitkommen würden. Geh mit allen, die du brauchst, in den Hof, den ich dir zugewiesen habe, und schick den Rest in den anderen Hof. Dann wählst du eine reichliche Anzahl von Dienerknaben aus und postierst sie am Innentor sowie an beiden Seitentoren für den Fall, daß etwas verlangt wird oder etwas mitzuteilen ist. Weißt du, daß heute alle Fräulein und jungen Herrinnen mit hier sind und deshalb kein einziger Fremder hineindarf?“ „Ich weiß es“, beeilte sich Lin Dschï-hsiau zu sagen und fügte gleich noch ein paarmal hinzu: „Sehr wohl, sehr wohl...“ „Geh jetzt!“ befahl Djia Dschën, um sich dann noch zu erkundigen: „Warum ist Jung nirgends zu sehen?“ Noch ehe seine Worte verklungen waren, kam Djia Jung aus dem Glockenturm gelaufen. „Schaut euch das an!“ empfing ihn Djia Dschën. „Mir ist wohl nicht heiß, was? Er aber hat sich ein kühles Plätzchen gesucht!“ Und schon befahl er den Sklavenjungen, sie sollten ihn anspucken. Da die Sklavenjungen mit Djia Dschëns Temperament vertraut waren, wußten sie, daß sie zu gehorchen hatten, und schon kam einer von ihnen auf die Plattform gestiegen und spuckte Djia Jung voll ins Gesicht. „Frag ihn!“ befahl Djia Dschën, und der Sklavenjunge fragte Djia Jung: „Wie konntet Ihr Euch schon abkühlen gehen, solange sich der gnädige Herr von der Hitze nichts anhaben läßt?“ Djia Jung ließ die Arme herabhängen und wagte keinen Ton zu erwidern. Nicht nur Djia Yün, Djia Ping und Djia Tjin fuhr der Schreck in die Glieder, als sie diese Szene mit ansehen mußten, auch Djia Huang, Djia Biän und Djia Tjiung wurden unsicher und traten langsam einer nach dem andern vom Fuße der Mauer fort. „Was stehst du hier herum?“ wurde Djia Jung inzwischen von Djia Dschën angefahren.en sie, daß sie zu gehorchen hatten, und schon kam einer von ihnen auf die Plattform gestiegen und spuckte Djia Jung voll ins Gesicht. „Frag ihn!“ befahl Djia Dschën, und der Sklavenjunge fragte Djia Jung: „Wie konntet Ihr Euch schon abkühlen gehen, solange sich der gnädige Herr von der Hitze nichts anhaben läßt?“ Djia Jung ließ die Arme herabhängen und wagte keinen Ton zu erwidern. Nicht nur Djia Yün, Djia Ping und Djia Tjin fuhr der Schreck in die Glieder, als sie diese Szene mit ansehen mußten, auch Djia Huang, Djia Biän und Djia Tjiung wurden unsicher und traten langsam einer nach dem andern vom Fuße der Mauer fort. „Was stehst du hier herum?“ wurde Djia Jung inzwischen von Djia Dschën angefahren. „Willst du nicht endlich aufs Pferd steigen und nach Hause reiten, um deiner Mutter zu sagen, die alte gnädige Frau sei mit den Fräulein hier und sie solle rasch herkommen, um ihr aufzuwarten?“ Sogleich eilte Djia Jung hinaus, rief in einem fort, man solle sein Pferd bringen, und grollte dazwischen: „Alle hatten sich längst davongemacht, und ausgerechnet mich sucht er sich aus, um mir eins auf den Deckel zu geben!“ Dann wieder schimpfte er auf die Sklavenjungen: „Hat man euch die Hände gebunden, oder was? Wo bleibt mein Pferd?“ Am liebsten hätte er einen Sklavenjungen losgeschickt, aber weil er Angst hatte, das könnte herauskommen, blieb ihm keine andere Wahl, als selbst zu reiten, und so machte er sich auf den Weg. Mehr soll hier nicht davon die Rede sein. Djia Dschën wollte eben wieder hineingehen, da sah er, daß der Abt Dschang neben ihm stand. „Eigentlich dürfte ich mich nicht mit anderen auf eine Stufe stellen und müßte drinnen aufwarten“, sprach der Abt ihn an, „aber so heiß, wie es ist, und da auch all die jungen Fräulein mit hier sind, wage ich nicht, einfach dort einzudringen, und bitte um Eure Weisungen. Wahrscheinlich wird die alte gnädige Frau wünschen, daß ich sie durch den Tempel führe, also will ich hier warten!“ Djia Dschën wußte zwar, daß der Abt Dschang seinerzeit stellvertre­tend für den Herzog Jung-guo ins Kloster gegeben worden war, aber auch, daß der verblichene Kaiser höchstselbst ihn einen ‚Unsterblichen in der Scheinwelt‘ genannt hatte, daß er heute das Siegel der Zentralen Dauistenkanzlei führte und daß er vom regierenden Herrscher mit dem Titel ‚Vollendeter Seliger‘ belehnt worden war, während ihn Prinzen, Herzöge und mächtige Beamte einen Heiligen nannten. Deshalb wagte er nicht, ihn geringzuschätzen. Außerdem pflegte der Abt häufig ihre beiden Anwesen zu besuchen und kannte alle Frauen und Mädchen von Angesicht. Und so erwiderte Djia Dschën jetzt lächelnd: „Mußt du solche Worte machen, wenn wir unter uns sind? Wenn du nicht gleich damit aufhörst, reiße ich dir den Bart aus! Auf der Stelle gehst du mit hinein!“ Laut auflachend schloß der Abt sich ihm an. Djia Dschën trat vor die Herzoginmutter und meldete mit einer Verbeugung: „Großvater Dschang ist gekommen, um seinen Gruß zu entbieten.“ Und sogleich befahl die Herzoginmutter: „Führ ihn her!“ Rasch faßte Djia Dschën den Abt unter und führte ihn hinüber. „Unsterblicher Buddha!“ redete der Abt die Herzoginmutter an. „Mögen Euch stets Glück und ein langes Leben, Friede und Wohlergehen zuteil werden, alte Ahne, und mögen sich auch die jungen Frauen und Fräulein des besten Glücks erfreuen! Ich bin lange nicht bei Euch gewesen, um Euch meinen Gruß zu entbieten. Ihr seht heute wieder besser aus als ehedem.“ „Und wie geht es dir, alter Heiliger?“ erkundigte sich die Herzogin­mut­ter lächelnd. „Euer Glück und Eure Gesundheit sind der Grund, daß es auch mir noch gut geht, alte gnädige Frau“, sagte der Abt Dschang. „Nur mache ich mir Sorgen, ob auch der kleine Herr wohlauf ist. Am sechsundzwanzigsten Tag des vierten Monats beging ich hier den Geburtstag des Himmelbe­schat­ten­den Fürsten. Es kamen nur wenige Besucher, und alles war sauber, darum ließ ich auch den kleinen Herrn einladen, damit er ein Vergnügen hat. Aber es hieß, er sei nicht zu Hause.“ „Er war wirklich nicht zu Hause“, versicherte die Herzoginmutter, dann wandte sie sich um und rief nach Bau-yü. Bau-yü, der eben austreten gewesen war, trat rasch vor und begrüßte den Abt Dschang. Dieser umarmte ihn, fragte, wie es ihm gehe, und bemerkte dann lächelnd zur Herzoginmutter: „Zu­ge­nom­men hat er!“ „Äußerlich macht er zwar einen guten Eindruck“, sagte die Herzogin­mut­ter, „aber innerlich ist er zart. Und so, wie sein Vater ihn zum Lernen drängt, wird er mir noch krank werden davon.“ „In der letzten Zeit habe ich bei einer Reihe von Leuten Kalligraphien und Gedichte zu sehen bekommen, die er geschrieben hat, und alles war unübertrefflich“, berichtete der Abt Dschang. „Warum muß ihm der alte Herr da vorwerfen, er sei nicht eifrig genug bei der Sache? Mir scheint, es ist genug so.“ Dann fuhr er mit einem Seufzer fort: „Nach Gesicht und Gestalt, Redeweise und Auftreten scheint er mir ganz das Ebenbild des alten gnädigen Herzogs zu sein.“ Und bei diesen Worten liefen ihm die Tränen herab. Auch der Herzoginmutter näßten unwillkürlich Tränen die Wangen, als sie ihm antwortete: „Ganz genau! Von allen meinen Kindern und Kindeskin­dern sieht keines ihm ähnlich, bis auf Bau-yü.“ An Djia Dschën gewandt, sagte der Abt: „Wie der alte gnädige Herzog aussah, haben die jungen Herren natürlich nicht mehr gesehen. Selbst der alte gnädige Herr und der zweite gnädige Herr werden sich wohl nicht mehr deutlich an ihn erinnern.“ Dann aber lachte er laut auf, ehe er fortfuhr: „Neulich habe ich in einer Familie ein fünfzehnjähriges Fräulein gesehen, das sehr schön gewachsen war. Ich denke, es wird Zeit, sich um die Heirat des kleinen Herrn zu kümmern, und dieses Fräulein schien mir nach Aussehen, Klugheit, Charakter und Vermögen gerade die Richtige für ihn zu sein. Ich weiß bloß nicht, wie Ihr darüber denkt, alte gnädige Frau, und deshalb wollte ich nichts übereilen. Erst wenn Ihr mir Eure Weisungen erteilt, will ich mit den Leuten sprechen.“ „Letztens hat ein buddhistischer Mönch uns gesagt, dem Jungen sei es nicht bestimmt, früh zu heiraten“, sagte die Herzoginmutter, „darum wollten wir warten, bis er ein wenig älter ist, ehe wir ihn verloben. Aber du kannst schon immer Erkundigungen einholen. Ob die Familie reich ist, spielt gar keine Rolle, die Hauptsache ist, das Mädchen paßt dem Wesen nach zu ihm. Dann kannst du uns Bescheid sagen. Wenn die Familie arm ist, gibt man ihr ein paar Liang Silber, und damit basta. Nur findet sich nach Art und Cha­rak­ter schwer etwas Gutes.“ Kaum hatte sie das gesagt, nahm Hsi-fëng lächelnd das Wort. „Großvater Dschang!“ sagte sie, „das neue Namensamulett für unsere Tochter hast du noch immer nicht bringen lassen, und trotzdem hattest du neulich die Stirn, jemand zu mir zu schicken und um blaßgelben Atlas zu bitten. Wenn du ihn nicht bekommen hättest, wärst du sicher beleidigt gewesen.“ „Ach“, sagte der Abt und lachte dabei, „da sieht man, wie mir schon die Augen flimmern. Die junge gnädige Frau hatte ich gar nicht bemerkt, darum habe ich mich auch noch nicht bedankt. Das Amulett ist längst fertig. Schon neulich wollte ich es bringen, aber dann ließ die kaiserliche Nebenfrau unverhofft den heutigen Gottesdienst ansetzen, und da habe ich es in der Aufregung vergessen. Es liegt noch vor dem Götterbild, ich gehe es holen!“ Und schon lief er in die große Tempelhalle. Bald darauf kam er mit einem Tablett zurück, auf dem eine Buchhülle aus dunkelrotem Atlas lag und darauf das Amulett. Da-djiäs Amme nahm es entgegen, und eben wollte der Abt nun Da-djiä auf den Arm nehmen, als Hsi-fëng lächelnd sagte: „Du hättest es doch einfach in der Hand herbringen können. Warum mußtest du es auf das Tablett legen?“ „Meine Hände sind nicht sauber“, erwiderte der Abt Dschang. „Wie hätte ich es da anfassen können! Mit dem Tablett ist es reinlicher.“ „Als du mit dem Tablett ankamst, habe ich schon einen Schreck be­kom­men“, fuhr Hsi-fëng fort. „Ich dachte, du willst um Almosen bitten, statt das Amulett zu bringen.“ Alles platzte laut heraus, selbst Djia Dschën mußte lachen. Die Herzo­gin­mutter aber wandte den Kopf und sagte: „Äffchen, Äffchen! Hast du keine Angst, in die Hölle zu kommen, wo die Zungen abgeschnitten werden?“ „Warum sollte ich?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Bin ich nicht immer von ihm angehalten worden, im verborgenen gute Taten zu vollbringen, weil es mein Leben verkürzen würde, wenn ich damit zögerte?“ Auch der Abt Dschang lächelte. „Das Tablett habe ich tatsächlich noch aus einem anderen Grund mitgebracht“, erklärte er. „Aber nicht, um Almosen zu erbetteln. Vielmehr wollte ich den kleinen Herrn bitten, seinen Jadestein darauf zu legen, damit ich ihn einmal meinen Freunden und Jüngern zeigen kann, die von weither zu mir gekommen sind.“ „Aber wozu mußt du – alt und gebrechlich, wie du bist – damit hin- und herlaufen?“ fragte die Herzoginmutter. „Nimm den Jungen mit hinüber, und wenn sich alle den Stein angesehen haben, kommt er wieder zurück. Ist das nicht einfacher?“ „Ihr habt nicht verstanden, worum es mir geht, alte gnädige Frau“, erwiderte der Abt Dschang. „Ich bin zwar über die achtzig schon hinaus, doch Euer Glück ist meine Stütze, so daß ich noch immer gesund und kräftig bin. Zum andern aber sind dort viele Menschen beisammen, und der Geruch ist schwer zu ertragen. Noch dazu ist heute ein heißer Tag, und da der kleine Herr so etwas nicht gewohnt ist, wäre es schlimm für ihn, diesen Gestank erdulden zu müssen.“ Nunmehr befahl die Herzoginmutter, Bau-yü solle den beseelten Jadestein abnehmen und auf das Tablett legen. Behutsam nahm ihn der Abt Dschang auf der seidenen Unterlage entgegen und trug das Tablett mit beiden Händen hinaus. Dann ging die Herzoginmutter mit ihrer Begleitung zusammen umher und sah sich alles an. Als sie eben das mittlere Turmgebäude betrat, kam Djia Dschën mit der Meldung: „Großvater Dschang bringt den Jade.“ Kaum daß Djia Dschën ausgesprochen hatte, trat der Abt Dschang mit dem Tablett herein. Lächelnd sagte er: „Dank meinem Glück haben sich alle den Jade des kleinen Herrn ansehen können, und es war ihnen ein seltenes Erlebnis. Da sie sonst nichts parat hatten, um es dem kleinen Herrn als Zeichen der Ehrerbietung zu schenken, schicken sie hier Gegenstände, die ihnen zur Verbreitung der Lehre dienten, um sie ihm zu verehren. Wenn sich der kleine Herr nichts daraus macht, mag er sie immerhin in seinem Zimmer aufbewahren, um sich daran zu erfreuen oder jemand anders damit zu beschenken.“ Als die Herzoginmutter nach dem Tablett schaute, erblickte sie darauf Halbringe aus Gold und offene Ringe aus Jade, Inschriften wie „Alles nach Wunsch“ und „Jahr für Jahr Frieden“. Jedes Stück war mit Perlen oder Edelsteinen verziert, aus Jade geschliffen oder mit Gold eingelegt. Zusammen waren es wohl dreißig bis fünfzig solcher Kleinodien. Und so sagte sie: „Das ist doch Unsinn! Wie können sich Mönche solche Geschenke leisten? Was soll denn das? Auf gar keinen Fall können wir das annehmen!“ „Das sind nur unbedeutende Beweise ihrer Ehrerbietung, und ich habe sie nicht davon abbringen können, sie ihm zu schenken“, erklärte der Abt Dschang. „Wenn Ihr sie zurückweist, wird man mich für gering schätzen und mir nicht glauben, daß ich als Gefolgsmann zu Eurer Familie gehört habe.“ Jetzt erst befahl die Herzoginmutter, jemand solle die Sachen entgegennehmen. „Alte gnädige Frau!“ ließ sich jetzt Bau-yü vernehmen, „wenn wir, wie Großvater Dschang sagt, diese Gaben nicht zurückweisen dürfen, ich aber auch nichts damit anzufangen weiß, wäre es das Beste, wenn die Dienerknaben sie nähmen und mit mir zusammen hinausgingen, damit ich sie an die Armen verteile!“ „Das ist ein guter Gedanke!“ pflichtete die Herzoginmutter ihm lä­chelnd bei. Aber sofort schaltete sich der Abt Dschang wieder ein. „Es ist zwar ein gutes Werk, das der kleine Herr da vollbringen möchte“, sagte er, „aber wenn dies auch keine großen Kostbarkeiten sind, sind sie doch auch nicht so ganz ohne. Wenn die Bettler sie bekämen, hätten sie nichts davon, die Gegenstände aber wären verdorben. Wenn Ihr also den Armen spenden wollt, warum gebt Ihr ihnen nicht Geld?“ Diese Worte bewogen Bau-yü zu dem Befehl: „Nehmt die Geschenke entgegen und verteilt am Abend Geld unter die Armen!“ Erst nachdem Bau-yü das gesagt hatte, zog sich der Abt Dschang zurück. Während die Herzoginmutter mit ihrer Begleitung jetzt ins Obergeschoß des Mittelbaus hinaufstieg und dort Platz nahm, bekam Hsi-fëng mit ihren Leuten den östlichen Seitenbau, die zahlreichen Sklavenmäd­chen aber gingen in den westlichen Seitenbau und taten abwechselnd bei ihren Herrschaften Dienst. Bald kam Djia Dschën mit der Meldung: „Vor dem Götterbild sind die Stücke ausgelost worden, das erste ist ‚Die Geschichte von der weißen Schlange‘.“ „Was für eine Geschichte ist das?“ wollte die Herzoginmutter wissen. „Sie erzählt, wie der Han-Kaiser Gau-dsu eine Schlange erschlug, ehe er seine Erhebung begann“, gab Djia Dschën Auskunft. „Das zweite ist ‚Das ganze Bett voller Rangabzeichen‘.“ „So“, sagte die Herzoginmutter lächelnd, „das ist das zweite? Na, wenn es der Gott so will, dann muß es wohl so sein. Und was ist das dritte?“ „Das dritte ist ‚Der Traum vom Süd-Ast‘“, berichtete Djia Dschën. Hierzu äußerte die Herzoginmutter kein Wort, und Djia Dschën zog sich zurück und begab sich wieder nach unten, wo er sich um die Nachricht an die Gottheit, das Papiergeldopfer und den Beginn der Theatervorführung kümmerte, aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Inzwischen befahl Bau-yü, der oben neben der Herzoginmutter saß, einem kleinen Sklavenmädchen, sie solle das Tablett mit den Geschenken bringen, die er bekommen hatte, hängte seinen Jadestein wieder um und wühlte dann die übrigen Dinge durch, wobei er das eine oder das andere Stück auswählte und der Herzoginmutter zeigte. Dabei wurde sie auf ein Einhorn aus Rotgold aufmerksam, das mit Eisvogelfedern verziert war. Sie streckte die Hand danach aus, drehte es hin und her und nahm es schließlich hoch. „Genau so eines habe ich doch bei jemandes Kind schon gesehen“, sagte sie lächelnd. „Kusine Hsiang-yün hat eines, nur ist es etwas kleiner“, erklärte Bau-tschai lächelnd. „Richtig!“ erinnerte sich die Herzoginmutter. „Es war Hsiang-yün, bei der ich es sah.“ „Ich habe es nie gesehen, sooft sie auch bei uns gewohnt hat“, wunderte sich Bau-yü. „Kusine Bau-tschai ist eben scharfsinniger und merkt alles“, warf Tan-tschun lächelnd ein. „Bei anderen Dingen hat sie wohl ihre Grenzen“, bemerkte Dai-yü mit spöttischem Lächeln, „aber was jeder um den Hals trägt, darauf achtet sie.“ Bau-tschai wandte sich ab und tat so, als habe sie nichts gehört. Bau-yü aber griff, als er hörte, Hsiang-yün besitze das gleiche, rasch nach dem Einhorn und schob es sich in den Busen. Da er aber befürchtete, es könnte jemandem auffallen, daß er es behielt, nachdem er erfahren hatte, daß Hsiang-yün ein Pendant dazu besaß, schaute er sich nach allen Seiten um und stellte fest, daß niemand groß auf ihn achtete. Nur Dai-yü blickte ihn an und nickte ihm zu, als hätte sie damit sein Tun billigen wollen. Bau-yü überkam unwillkürlich Scham. Er holte das Einhorn wieder hervor und sagte lächelnd zu Dai-yü: „Es gefällt mir, darum wollte ich es für dich aufheben. Zu Hause mache ich eine Schnur daran, dann kannst du es umhängen!“ Dai-yü wandte sich ab. „Ich mache mir nichts daraus“, sagte sie. „Wenn du dir wirklich nichts daraus machst, werde ich es selber behalten“, erklärte Bau-yü und steckte es wieder ein. Bevor er noch etwas sagen konnte, erschien Djia Dschëns Frau mit ihrer Schwiegertochter. Nachdem alle einander begrüßt hatten, fragte die Herzoginmutter: „Was wollt ihr denn hier? Ich hatte nichts zu tun, darum wollte ich einen Ausflug machen, und...“ Noch ehe sie ausgesprochen hatte, wurde gemeldet: „Es sind Leute aus dem Hause des Marschalls Fëng da!“ In Fëng Dsï-yings Familie hatte man nämlich, als bekannt geworden war, die Familie Djia sei im Kloster, um einen Bittgottesdienst abzuhalten, sogleich Schweine, Schafe, Weihrauch, Kerzen, Tee, Silber und ähnliche Gaben zurechtgemacht, die nun als Geschenke gebracht wurden. Als Hsi-fëng davon erfuhr, kam sie unverzüglich in den Mittelbau geeilt, schlug die Hände zusammen und sagte lächelnd: „O weh, darauf war ich nicht gefaßt! Es war angekündigt worden, daß wir mit Müttern und Töchtern einen Vergnügungsausflug machen wollen, und nun denken die Leute, wir wollten ein feierliches Opfer darbringen, und schicken Geschenke. Aber das ist nur Eure Schuld, alte gnädige Frau! Jetzt muß ich wohl oder übel für Botengeschenke sorgen.“ Kaum hatte sie das gesagt, kamen zwei Verwalterfrauen des Hauses Fëng herauf, und noch ehe sie wieder gegangen waren, wurden schon Geschenke des stellvertretenden Ministers Dschau gebracht, und so ging es dann pausenlos weiter. Denn als bekannt geworden war, die Familie Djia halte einen Bittgottesdienst ab und alle weiblichen Familienangehörigen seien im Kloster, schickten sämtliche Verwandten, Freunde und Bekannten ihre Geschenke. Jetzt wurde der Herzoginmutter die Sache leid, und sie sagte: „Es ist ja gar kein richtiges Opfer, wir sind doch nur zum Spaß hier. Wer konnte denn ahnen, daß uns alle Geschenke schicken! Wozu mußten wir die Leute in Aufruhr versetzen!“ So sah sie sich zwar den Tag über die Theatervorfüh­run­gen an, aber schon am Nachmittag ließ sie sich zurückbringen, und am nächsten Tag hatte sie keine Lust, sich noch einmal ins Kloster zu begeben. Hsi-fëng aber meinte: „Sind die Mauern eingerissen, muß man auch anfangen zu bauen! Nachdem wir die Leute einmal auf Trab gebracht haben, können wir gut und gerne noch einmal hinfahren und uns vergnügen!“ Die Herzoginmutter, die bemerkt hatte, daß Bau-yü den ganzen Tag über nicht mehr froh war, nachdem der Abt Dschang seine Verheiratung zur Sprache gebracht hatte, und zu Hause immer wieder wütend verkündete, in Zukunft wolle er den Abt Dschang nicht mehr sehen, was sich keiner erklären konnte, und die außerdem noch erfahren mußte, Dai-yü sei mit einem Hitzschlag nach Hause gekommen, blieb beharrlich dabei, sie wolle nicht noch einmal ins Kloster. Daraufhin fuhr Hsi-fëng mit ihrer Begleitung allein. Aber davon muß hier nicht die Rede sein. Als Bau-yü sah, daß Dai-yü wieder einmal krank war, fand er keine Ruhe und mochte nicht einmal mehr essen. Immer wieder kam er sich nach ihr erkundigen. Dai-yü wiederum befürchtete, er könne sich dadurch leicht selbst etwas zuziehen, darum sagte sie ihm: „Geh nur und sieh dir deine Theatervorführung an! Was willst du zu Hause?“ Bau-yü war nicht recht wohl zumute, seitdem der Abt Dschang am Vortag von seiner Heirat gesprochen hatte, und als er jetzt von Dai-yü diese Worte zu hören bekam, sagte er sich: „Wenn die andern mein Herz nicht kennen, ist das noch zu verzeihen, aber jetzt fängt auch sie an, sich über mich lustig zu machen.“ Und so fühlte er sich noch hundertmal bedrückter als zuvor. Vor jemand anderem hätte er seinen Ärger auf keinen Fall gezeigt, wenn aber Dai-yü so etwas sagte, war das nicht dasselbe, als wenn jemand anders es sagen würde. Darum machte Bau-yü unwillkürlich ein finsteres Gesicht und sagte: „Wozu habe ich dich bloß kennengelernt! Schluß, Schluß!“ „Ja, wozu?“ fragte Dai-yü und lachte ein paarmal höhnisch auf. „Ich besitze ja nichts, wodurch ich zu dir passen würde wie gewisse andere!“ Als Bau-yü das hörte, trat er näher und sagte ihr mitten ins Gesicht: „Also wünschst du mir allen Ernstes, daß der Himmel mich straft und die Erde mich vernichtet?“ Dai-yü verstand nicht, was er damit meinte, und so fuhr Bau-yü fort: „Neulich erst habe ich deswegen geschworen, und heute fängst du wieder damit an! Was versprichst du dir davon, wenn der Himmel mich straft und die Erde mich vernichtet?“ Jetzt erst fiel Dai-yü das Gespräch wieder ein, das sie vor ein paar Tagen miteinander geführt hatten, und sie begriff, daß sie eben etwas Verkehrtes gesagt hatte. Erregt und zugleich beschämt, sagte sie mit zitternder Stimme: „Sollte ich dich allen Ernstes verwünschen, so will auch ich vom Himmel bestraft und von der Erde vernichtet werden! Warum denn nicht? Ich weiß ja, als der Abt Dschang gestern von deiner Hochzeit sprach, hast du Angst bekommen, man würde dir nicht die Richtige geben, und hast dich deswegen aufgeregt. Jetzt willst du deinen Ärger an mir auslassen.“ Nun war Bau-yü von klein auf eine niedrige Torheit zu eigen, noch dazu war er mit Dai-yü von Kindheit an so vertraut wie Ohr und Schläfenhaar, und alle ihre Gedanken und Gefühle waren aufeinander eingestellt. Da sich Bau-yü inzwischen ein wenig auskannte im Leben und auch noch jene verdorbenen Bücher gelesen hatte, schien ihm, daß kein einziges der Mädchen, die er in den Familien von Freunden und Verwandten zu Gesicht bekommen hatte, Dai-yü auch nur das Wasser reichen konnte. Deshalb stand sein Entschluß längst fest, nur konnte er schlecht darüber reden, und so stellte er Dai-yü im Guten wie im Bösen mit immer neuen Mitteln heimlich auf die Probe. Aber auch Dai-yü war ja ein wenig von derselben Torheit befallen, und so stellte sie ihrerseits Bau-yü stets von neuem mit vorgetäuschten Gefühlen auf die Probe. Da nun der eine seine wahren Gedanken und Gefühle verheimlichte und statt dessen Absichten vortäuschte, die er nicht hatte, und der andere genau dasselbe tat, trafen zwei Unwahrheiten aufeinander, und zutage kam letztendlich die Wahrheit. Nur war bei dem ständigen kleinlichen Hin und Her Streit schlecht zu vermeiden. Jetzt dachte Bau-yü: „Wenn die andern mein Herz nicht kennen, ist das noch zu verzeihen, aber glaubst du etwa nicht, daß es in meinem Herzen und meinen Augen nur dich allein gibt? Mußt du mich denn mit dieser Sache, anstatt darüber genauso bedrückt zu sein wie ich, verspotten und verletzen? Wie man sieht, ist es ganz umsonst, daß ich stets und ständig nur dich im Sinn habe, denn du hast mich nicht im Sinn!“ So dachte er, aber er sprach es nicht aus. Dai-yü wiederum dachte: „Natürlich hast du mich im Sinn, und obwohl es heißt, Gold und Jade gehörten zusammen, bin ich dir wichtiger als dieses dumme Gerede. Aber wenn ich trotzdem immer wieder von Gold und Jade spreche, müßtest du einfach so tun, als ob du nichts davon wüßtest, damit ich sehe, daß du mich wirklich vorziehst und mit der andern nichts im Sinn hast. Daß du dich aber sofort aufregst, kaum daß ich von Gold und Jade spreche, zeigt mir, daß du auch an Gold und Jade denkst. Kaum daß ich davon anfange, fürchtest du, ich könnte mißtrauisch sein, und deshalb regst du dich absichtlich auf, um mich hinters Licht zu führen.“ Wie man sieht, waren sie sich in Gedanken längst einig, aber durch die Zweige und Blätter, die sie um ihre Gedanken wuchern ließen, hatten sie sich entzweit. Inzwischen dachte Bau-yü: „Wie dem auch sei, damit du nur zufrieden bist, bin ich bereit, auf der Stelle für dich zu sterben. Egal, ob du das weißt oder nicht, ich möchte nur, daß du mir nah bist und nicht fern.“ Und Dai-yü dachte: „Mach, was du willst! Wenn es dir gut geht, geht es auch mir gut. Warum sollst du meinetwegen dir selbst untreu werden? Weißt du nicht, daß auch ich mir untreu werde, wenn du dir untreu wirst? Es ist ganz klar, du willst nicht, daß ich dir nah, sondern daß ich dir fern bin.“ Wie man sieht, hatten sie beide den Wunsch, einander nahe zu sein, machten aber daraus die Absicht, sich voneinander fernzuhalten. Solche Gedanken waren es, die die beiden seit jeher im Herzen trugen, aber sie können hier nicht gut vollständig wiedergegeben werden. Beschreiben wir also weiter, was sich äußerlich zwischen ihnen zutrug! Als Bau-yü hörte, wie Dai-yü von „der Richtigen“ sprach, die man ihm geben sollte, ging ihm das so gründlich gegen den Strich, daß sein Herz davon versengt wurde und ihm die Stimme versagte. Wütend riß er sich den beseelten Jadestein vom Hals und schleuderte ihn zähneknirschend mit aller Kraft auf den Boden. Dann schrie er: „Du widerliches Ding! Zerschmettern will ich dich, damit es aus ist und vorbei!“ Aber hart, wie der Stein war, schadete es ihm nicht im mindesten, auf den Boden geschleudert zu werden. Alarmiert durch den Lärm, den die beiden gemacht hatten, eilten Dsï-djüan und Hsüä-yän herbei, um ihnen gut zuzureden. Aber dann sahen sie, wie Bau-yü aus Leibeskräften auf seinen Jadestein einschlug, und traten schnell näher, um ihm den Stein wegzunehmen. Als ihnen das mißlang und klar wurde, daß es schlimmer stand als gewöhnlich, blieb ihnen kein anderer Ausweg, als Hsi-jën zu holen. Diese kam sofort herübergeeilt, und ihr gelang es, den Jadestein in Sicherheit zu bringen. „Was geht es euch an, wenn ich meine Sachen zerschlage!“ rief Bau-yü mit höhnischem Lachen. Hsi-jën, die an Bau-yüs fahlem Gesicht und seinem entstellten Blick erkannte, daß er so wütend war wie noch nie, ergriff seine Hand und sagte lächelnd: „Nur weil du dich mit deiner Kusine gezankt hast, brauchst du doch nicht den Stein zu zerschlagen! Was müßte sie empfinden und wie würde sie dastehen, wenn du ihn entzweischlügest!“ Als Dai-yü unter Tränen hörte, wie sich Hsi-jën ihrer Gefühle wegen Sorgen machte, sagte sie sich, Bau-yü komme nicht einmal Hsi-jën gleich, und dadurch wurde sie erst recht betrübt, so daß sie laut zu schluchzen begann. Vor lauter Kummer konnte sie den Goldmohnabsud, den sie kurz vorher gegen ihren Hitzschlag getrunken hatte, nicht bei sich behalten und brach ihn heftig würgend aus. Rasch trat Dsï-djüan heran, um das Ausgebrochene mit einem Tuch aufzufangen, und im Nu war das Tuch völlig durchnäßt. Nun kam auch Hsüä-yän herüber, um Dai-yü den Rücken zu klopfen, und Dsï-djüan sagte: „Auch wenn Ihr Euch ärgert, solltet Ihr an Eure Gesundheit denken, Fräulein! Eben erst habt Ihr die Medizin eingenommen, aber kaum war Euch ein wenig besser geworden, da zankt Ihr Euch mit dem jungen Herrn und spuckt die Medizin wieder aus. Wie sollte der junge Herr das ertragen, wenn Ihr krank würdet?“ Als Bau-yü hörte, wie sich Dsï-djüan seiner Gefühle wegen Sorgen machte, sagte er sich, Dai-yü komme nicht einmal Dsï-djüan gleich, aber als er sah, wie Dai-yü weinte und ihr rotes, verschwollenes Gesicht verzog, das naß von Schweiß und von Tränen war, unfähig, ihre Schwäche zu bezwingen, da bereute er, mit ihr gestritten zu haben, und bedauerte nur, daß er ihr ihren elenden Zustand nicht abnehmen konnte. Von diesen Gedanken bewegt, kamen auch ihm unwillkürlich die Tränen. Hsi-jën sah, daß nun beide weinten, und aus Sorge um Bau-yü wurde auch ihr traurig zumute. Sie griff nach Bau-yüs Händen und spürte, daß sie eiskalt waren. Schon wollte sie ihm zureden, nicht mehr zu weinen, aber zum einen fürchtete sie, daß sich dann die Kränkung, die er erfahren hatte, in seinem Herzen anstauen würde, und zum anderen hatte sie Angst, Dai-yü könnte sich beleidigt fühlen. So erschien es ihr am besten, wenn die beiden sich ausweinten, darum ließ sie Bau-yüs Hände wieder fahren und begann ebenfalls zu weinen. Dsï-djüan, die die ausgebrochene Medizin aufgewischt hatte und nun Dai-yü mit einem Fächer behutsam Luft zufächelte, sah die drei stumm vor sich hin weinen, und ohne daß sie es wollte, wurde auch sie von Schmerz überwältigt und mußte sich mit einem Tuch die Tränen abtupfen. Nachdem sich alle vier eine Zeitlang wortlos etwas vorgeheult hatten, zwang sich Hsi-jën schließlich zu einem Lächeln und sagte zu Bau-yü: „Auch wenn dir alles andere nichts bedeutet, solltest du schon wegen der Quaste an deinem Jadestein nicht mit Fräulein Lin zanken!“ Kaum hatte jedoch Dai-yü dies vernommen, als sie trotz ihrer Schwäche hinüberstürzte, den Jadestein an sich riß, nach einer Schere griff und anfing, die Quaste abzuschneiden. Ehe Hsi-jën und Dsï-djüan ihr den Stein wegnehmen konnten, hatte Dai-yü schon mehrere Stränge durchgeschnitten. Schluchzend stieß sie hervor: „Ganz umsonst habe ich mich damit abgemüht. Er macht sich doch nichts aus der Quaste. Soll er sich doch von jemand anders eine bessere daranmachen lassen!“ Bau-yü aber sagte zu Dai-yü: „Schneid die Quaste nur ab! Ich trage den Stein sowieso nicht mehr, es macht also nichts!“ Während so im Innenraum der Zank kein Ende nahm, fragten sich draußen die alten Sklavenfrauen, wohin das noch führen würde, wenn Dai-yü weinte und erbrach und Bau-yü seinen Jade zerschlagen wollte. Deshalb waren sie aus Sorge, man könnte sie dafür zur Verantwortung ziehen, gemeinsam hinübergegangen, um den Vorfall der Herzoginmutter und Dame Wang zu melden, die nicht schlecht darüber erschraken. Da ihnen die Sache als so dringend und so bedrohlich geschildert wurde und sie sich nicht erklären konnten, was für ein großes Unglück da geschehen sein mochte, kamen die Herzoginmutter und Dame Wang in den Garten, um selber nach den beiden zu sehen. Und während Hsi-jën aufgeregt Dsï-djüan vorwarf, sie habe die alte gnädige Frau und die gnädige Frau beunruhigt, glaubte Dsï-djüan nicht anders, als daß Hsi-jën die Sache habe melden lassen, und machte ihrerseits Hsi-jën deswegen Vorwürfe. Als die Herzoginmutter und Dame Wang ins Zimmer traten, war Bau-yü genauso still wie Dai-yü, und die Frage, was eigentlich geschehen sei, blieb unbeantwortet. Daher schoben sie die ganze Schuld auf Hsi-jën und Dsï-djüan und hielten ihnen vor: „Könnt ihr euren Dienst nicht ordentlich versehen? Warum habt ihr euch nicht darum gekümmert, als sich die beiden zu zanken begannen?“ So wurden die beiden Sklavenmädchen mit Schimpfe und Schelte abgekanzelt, aber sie erwiderten nichts darauf und ließen alles über sich ergehen. Schließlich nahm die Herzoginmutter Bau-yü mit sich fort, und der Tag ging still zu Ende. Der nächste Tag war der Dritte, Hsüä Pans Geburtstag. Er hatte eine Weintafel hergerichtet und ließ Theater spielen, die ganze Familie Djia kam zu ihm zu Besuch. Bau-yü aber, der es bereute, Dai-yü, die er seitdem nicht wiedergesehen hatte, gekränkt zu haben, konnte es nicht über sich bringen, zu einer Theaterschau zu gehen, und ließ sich wegen Krankheit entschuldigen. Dai-yü hatte zwar zwei Tage zuvor einen leichten Hitzschlag erlitten, aber eine ernsthafte Erkrankung war das nicht. Als sie jetzt hörte, Bau-yü gehe nicht zu Hsüä Pans Geburtstagsfeier, sagte sie sich: „Er trinkt gern Wein und sieht gern Theater. Wenn er heute trotzdem nicht hingeht, liegt das natürlich daran, daß er sich gestern zu sehr aufgeregt hat, es sei denn, er hat keine Lust zu gehen, weil er weiß, daß ich nicht gehe. Hätte ich gestern bloß nicht die Quaste an seinem Jadestein zerschnitten! Jetzt wird er den Stein bestimmt nicht mehr tragen, ehe ich eine neue Quaste darangemacht habe!“ Und sie bereute zutiefst, was sie getan hatte. Als die Herzoginmutter erfahren hatte, Bau-yü und Dai-yü seien miteinander verzankt, glaubte sie, sie würden sich wieder vertragen, wenn sie gemeinsam die Theatervorführung besuchten. Nun aber gingen sie beide nicht hin, und die alte Dame klagte bekümmert: „In welcher meiner früheren Existenzen habe ich wohl eine Sünde begangen, daß sich zwei so unverständige Kinder, die mir Tag für Tag Sorgen bereiten, in meinem Hause treffen mußten? Das Sprichwort hat wahrhaftig recht, wenn es sagt ,Wer nicht füreinander bestimmt ist, begegnet sich auch nicht.‘ Wenn ich erst einmal die Augen zugemacht und den letzten Atem ausgehaucht habe, können sie sich von mir aus zanken, soviel sie wollen. Was meine Augen nicht sehen, macht meinem Herzen keinen Kummer. Aber noch ist es nicht soweit.“ So klagte sie und brach nun auch noch in Tränen aus. Kaum waren ihre Worte Bau-yü und Dai-yü zu Ohren gekommen, die beide nichts davon gewußt hatten, daß der Volksmund sagt ‚Wer nicht füreinander bestimmt ist, begegnet sich auch nicht,‘ da überkam es sie wie eine Erleuchtung. Eins wie das andere ließ sich das Sprichwort gesenkten Hauptes gleichsam auf der Zunge zergehen und begann dann unversehens, bitterlich zu weinen. Zwar konnte keiner den anderen dabei sehen, aber die eine weinte in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß einsam im Windhauch, und der andere seufzte im Hof der Freude am Roten schmerzlich im Mondschein. Waren sie nicht wirklich zwei Menschenkinder, die zwar räumlich voneinander getrennt waren, deren Gefühle aber aus einem Herzen zu kommen schienen? „An allem bist nur du ganz allein schuld“ hielt Hsi-jën dann Bau-yü vor. „Wenn du früher hörtest, wie sich die Dienerknaben mit den Schwestern hier zankten oder wie sich ein Ehepaar stritt, hast du geschimpft, die Diener seien stumpfsinnig und könnten sich nicht in das Herz eines Mädchens hineinversetzen. Heute aber benimmst du dich genauso wie sie. Wenn ihr beide euch zum großen Feiertag am Fünften weiter wie Feinde behandelt, wird sich die alte gnädige Frau bestimmt noch mehr aufregen, und dann gibt es hier für niemand mehr Ruhe. Wenn ich dir raten kann, dann laß ab von deinem Zorn und entschuldige dich! Vertragt euch wieder so wie früher, und euch wird beiden wohler sein!“ Bau-yü wußte nicht, ob er ihrem Rat folgen sollte oder nicht. Wer erfahren möchte, was er tat, muß das nächste Kapitel lesen.