Hongloumeng/de/Chapter 31
Kapitel: [1-10] · [11-20] · [21-30] · 31 · 32 · 33 · 34 · 35 · 36 · 37 · 38 · 39 · 40 · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt
Kapitel 31
撕扇子作千金一笑
因麒麟伏白首双星
Hsi-jën war es also angesichts des Blutes, das sie ausgespuckt hatte, für einen Augenblick eiskalt ums Herz geworden. Sie mußte daran denken, daß sie oft hatte sagen hören „Wer in jungen Jahren Blut spuckt, der wird nicht alt; wird er es doch, bleibt er für immer ein Krüppel.“ Als ihr diese Worte jetzt einfielen, zerrann ihr üblicher Wunschtraum von Glanz und Ruhm im Nu zu nichts, und unwillkürlich begann sie zu weinen. Als Bau-yü ihre Tränen sah, wurde auch ihm weh ums Herz, und er fragte: „Wie fühlst du dich?“ Hsi-jën zwang sich zu einem Lächeln und antwortete: „Wie soll ich mich fühlen? Es ist alles in Ordnung.“ Bau-yü schlug vor, Reiswein warm zu machen und Li-dung-Pillen mit Goralblut holen zu lassen, aber Hsi-jën ergriff seine Hand und sagte lächelnd: „Mach doch nicht so viel Aufhebens darum! Wieviele Leute würdest du damit auf die Beine bringen, die deswegen mit mir grollen und mich überspannt nennen würden! Jetzt weiß mit Sicherheit noch niemand davon, aber wenn du so einen Wirbel darum machst, daß es bekannt wird, ist das für dich nicht günstig und für mich auch nicht. Richtiger ist, du schickst morgen einen der Jungen zu Hofarzt Wang, damit er ihn konsultiert, dann wird ein bißchen Medizin zubereitet, die ich einnehme, und schon ist alles wieder gut, ohne daß auch nur eine Menschenseele davon erfährt. Wäre das nicht besser?“ Bau-yü sagte sich, daß sie recht habe, und gab sich zufrieden. Er ging zum Tisch und goß Tee ein, den er Hsi-jën reichte, damit sie sich den Mund spülen konnte. Hsi-jën wußte, daß Bau-yü sich Sorgen machte und ihr deswegen sicher nicht gehorchen würde, wenn sie ihm sagte, er solle sich ihretwegen nicht bemühen. Außerdem würde er dann auf jeden Fall die anderen damit beauftragen, und so schien es ihr das beste, ihm seinen Willen zu lassen. Also blieb sie liegen und ließ sich von ihm bedienen. Kaum daß die fünfte Nachtwache angebrochen war, kleidete Bau-yü sich an, und ohne an Kämmen und Waschen zu denken, ging er hinaus. Er ließ Wang Dji-jën rufen und führte selbst ein eingehendes Gespräch mit ihm. Wang Dji-jën erkundigte sich, was vorgefallen sei, und als er hörte, es handle sich nur um eine Verletzung, nannte er Bau-yü den Namen von Pillen und erklärte, wie sie einzunehmen seien und womit die beschädigte Stelle betupft werden müsse. Bau-yü prägte sich alles ein und kehrte in den Garten zurück, wo er Hsi-jën in der angegebenen Weise behandelte. Mehr soll davon nicht die Rede sein. Heute nun war der große Feiertag des Drachenbootfestes. Büschel von Kalmus und Beifuß steckten an den Türrahmen, Binden mit Tigerbildern wurden um die Arme geschlungen. Zur Mittagszeit ließ Dame Wang eine Weintafel herrichten und lud Tante Hsüä mit Bau-tschai sowie die anderen zum Fest ein. Bau-yü bemerkte, daß Bau-tschai kühl zu ihm war, darum mochte auch er sie nicht ansprechen, denn er konnte sich denken, daß es wegen des Zwischenfalls vom Vortag war. Dame Wang, die sah, daß Bau-yü lustlos und niedergeschlagen war, glaubte, das müsse an der Sache mit Djin-tschuan liegen, über die er verdrossen sei, und schenkte ihm erst recht keine Beachtung. Dai-yü aber erklärte sich Bau-yüs Zurückhaltung aus der Tatsache, daß er Bau-tschai beleidigt hatte, und ärgerte sich darüber. Hsi-fëng war noch am Abend zuvor durch Dame Wang über den Vorfall mit Bau-yü und Djin-tschuan informiert worden, und da sie wußte, daß Dame Wang verärgert darüber war, konnte sie natürlich jetzt nicht wagen, zu scherzen und zu lachen. Also paßte sie ihr Verhalten der Stimmung von Dame Wang an und fühlte sich dementsprechend gelangweilt. Ying-tschun und die anderen beiden Mädchen des Hauses bemerkten nur, daß die anderen nicht bei Laune waren, und dadurch verging auch ihnen die Laune. So saßen alle nur ein Weilchen zusammen und gingen dann wieder auseinander. Dai-yü war es ohnehin lieber, wenn man auseinanderging, als wenn man sich traf. Und dafür hatte sie einen Grund. Sie sagte sich: „Wenn man sich trifft, muß man wieder auseinandergehen. Und fühlt man sich etwa bei der Trennung nicht kalt und einsam, nachdem man beim Zusammensein froh gewesen ist? Darum ist es besser, man trifft sich nicht. Das ist genauso wie mit den Blumen. Wenn sie aufblühen, hat man sie gern, aber wenn sie verwelken, steigert einem das nur den Schmerz. Darum wäre es besser, sie blühten nicht.“ So machte ihr Kummer, was den anderen Freude machte. Nach Bau-yüs Geschmack war es dagegen das Beste, immer zusammen zu bleiben, und vor dem Schmerz der Trennung hatte er die größte Angst. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten die Blumen nur immer blühen müssen, und vor ihrem Verwelken, das ihm die Freude verdarb, fürchtete er sich zutiefst. Aber wenn es einmal soweit war, daß man sich trennen mußte und die Blumen verwelkten, konnte er trotz seines tausendfachen Kummers dagegen nichts tun. So machte es Dai-yü nichts aus, als man heute lustlos auseinanderging, Bau-yü hingegen kehrte bedrückt und bekümmert in seine Räume zurück, wo er in einem fort klagte und seufzte. Dann glitt auch noch Tjing-wën, als sie ihm beim Umziehen behilflich war, aus Unachtsamkeit sein Fächer aus der Hand, fiel auf den Boden, und der Griff brach ab. „Du dummes, dummes Ding!“ sagte er mit einem Seufzer. „Wo soll das einmal enden? Wenn du erst eine eigene Familie hast und für alles sorgen mußt, willst du wohl immer noch so unvorsichtig sein, ja?“ „Was ist der junge Herr neuerdings so böse!“ sagte Tjing-wën schnippisch. „Bei jeder Gelegenheit muß er gleich ein Gesicht ziehen. Gestern hat sogar Hsi-jën einen Tritt bekommen, und heute werde ich geschulmeistert. Tretet mich doch oder schlagt mich, wenn Ihr wollt! Was ist denn daran Außergewöhnliches, wenn einem ein Fächer aus der Hand fällt? Früher sind sogar wer weiß wieviel Glasschüsseln und Achatschalen zerschlagen worden, ohne daß es Ärger gab, und jetzt regt Ihr Euch wegen eines Fächers auf. Warum nicht gar! Wenn ich Euch über bin, dann schickt mich nur weg und sucht Euch Bessere zu Eurer Bedienung. Wäre es nicht das beste, wir gingen auseinander und trennten uns?“ Über diese Worte geriet Bau-yü so außer sich, daß er vor Wut am ganzen Leib zitterte. „Nur keine Bange!“ stieß er hervor. „Der Tag wird kommen, an dem wir uns trennen!“ Hsi-jën hatte von draußen alles mit angehört. Jetzt kam sie rasch herein und fragte Bau-yü: „Was ist denn nun schon wieder? Ich habe es ja gesagt – kaum daß ich nicht da bin, passiert etwas!“ „Wenn deine Worte etwas ausrichten könnten, hättest du schon längst kommen müssen, um dem jungen Herrn den Ärger zu ersparen!“ sagte Tjing-wën höhnisch. „Von altersher hast nur du ihn bedienen dürfen, und ich nicht. Und weil du dich so gut darauf verstehst, hast du gestern einen Tritt vor die Brust bekommen. Wer weiß, wie ich demnächst noch bestraft werde, die ich ihm nicht zu dienen weiß!“ Ihre Worte machten Hsi-jën empört und verlegen, und schon wollte sie ein paar Sätze darauf erwidern, aber weil sie sah, daß Bau-yü vor Wut ganz fahl im Gesicht war, mußte sie sich notgedrungen beherrschen. Also gab sie Tjing-wën einen Schubs und forderte sie auf: „Geh draußen spazieren, gutes Schwesterchen! Wir waren schuld.“ Als Tjing-wën hörte, wie Hsi-jën ‚wir‘ sagte, womit sie natürlich sich und Bau-yü meinte, steigerte das ihre Eifersucht noch mehr, und unter Hohngelächter gab sie zurück: „Wer ist denn das – ‚wir‘? Man möchte sich ja schämen für euch! Was ihr heimlich und verstohlen miteinander treibt, könnt ihr vor mir nicht verbergen, und jetzt fängst du gar an, von ‚wir‘ zu reden. Auf offene und anständige Weise hast du‘s nicht einmal bis zum Rang einer Beischläferin gebracht, also bist du nichts Besseres als ich. Wir kannst du da ‚wir‘ sagen?“ Hsi-jën schämte sich so, daß ihr Gesicht blaurot davon anschwoll, aber sie sah ein, daß sie wirklich etwas Falsches gesagt hatte. „Wenn du so böse bist, lasse ich in der Tat etwas Besseres aus Hsi-jën machen!“ verkündete Bau-yü. Aber rasch zog ihn Hsi-jën an der Hand und sagte: „Sie ist nur ein dummes Ding, warum willst du dich mit ihr streiten? Außerdem warst du sonst immer so großmütig und hast vieles durchgehen lassen, was schlimmer war. Was hast du nur heute?“ „So, ein dummes Ding bin ich?“ schaltete Tjing-wën sich wieder ein. „Und du sprichst noch mit mir?“ „Zankst du eigentlich mit mir oder mit dem jungen Herrn?“ erkundigte sich Hsi-jën. „Wenn du auf mich einen Groll hast, dann sprich nur mit mir und zanke nicht statt dessen mit dem jungen Herrn! Wenn du aber dem jungen Herrn böse bist, dann darfst du nicht so mit ihm zanken, daß es alle Welt hört! Ich hatte es nur gut gemeint, als ich hereinkam, und wollte euch zu eurem eigenen Besten auseinanderbringen, du aber mußtest gleich an meine wunde Stelle rühren, und es ist nicht mehr klar, auf wen du nun böse bist, auf mich oder auf den jungen Herrn. Was willst du eigentlich mit all deinen spitzen Bemerkungen erreichen? Aber mehr sage ich nicht, jetzt kannst du reden!“ Und damit wandte sie sich zum Gehen. „Du brauchst dich gar nicht so aufzuregen“, sagte Bau-yü jetzt zu Tjing-wën. „Ich habe schon erraten, was du auf dem Herzen hast, und werde der gnädigen Frau melden, daß du groß bist und freigegeben werden solltest. Einverstanden?“ Ohne daß sie es wollte, fühlte sich Tjing-wën durch diese Worte gekränkt und sagte unter Tränen: „Warum denn das? Du kannst mich doch nicht einfach unter einem Vorwand fortschicken, weil du mich nicht mehr magst!“ „Also dieses Gekeife halte ich nicht aus!“ erklärte Bau-yü. „Wenn du unbedingt fort willst, ist es das beste, ich sage der gnädigen Frau, sie solle dich freigeben.“ Bei diesen Worten stand er auf und wollte hinausgehen. Aber da wandte sich Hsi-jën wieder um und hielt ihn zurück. „Wohin willst du?“ fragte sie. „Ich will mit der gnädigen Frau sprechen“, erwiderte Bau-yü. „Ach, Unsinn!“ sagte Hsi-jën. „Schämst du dich denn nicht, das melden zu gehen? Selbst wenn sie wirklich fort möchte, solltest du warten, bis dein Zorn verraucht ist, und mit der gnädigen Frau darüber sprechen, wenn sie einmal keine anderen Sorgen hat. Dann ist es immer noch früh genug dafür. Muß nicht die gnädige Frau auf falsche Gedanken kommen, wenn du es ihr jetzt in heller Aufregung meldest und eine Staatsaktion daraus machst?“ „Die gnädige Frau wird bestimmt nicht auf falsche Gedanken kommen“, sagte Bau-yü. „Ich sage ihr klipp und klar, daß Tjing-wën tobt, sie wolle fort.“ „Wann habe ich denn getobt, ich wolle fort?“ fragte Tjing-wën weinend. „Nicht nur, daß du wütend bist, du legst mir auch noch etwas in den Mund, um mich unter Druck zu setzen! Geh es nur melden! Aber eher renne ich mir den Kopf ein, als daß ich das Haus verlasse!“ „Merkwürdig!“ wunderte sich Bau-yü. „Wenn du nicht weg willst, warum tobst du dann? Solchem Gezänk bin ich nicht gewachsen. Das beste ist doch, du kommst fort, und damit Schluß!“ Und er bestand darauf, es melden zu gehen. Als Hsi-jën erkannte, daß sie ihn nicht daran hindern konnte, blieb ihr kein anderes Mittel, als vor ihm niederzuknien. Bi-hën, Tjiu-wën, Schë-yüä und die übrigen Sklavenmädchen hatten sich während des Streits draußen mucksmäuschenstill verhalten und gelauscht. Als sie jetzt hörten, daß Hsi-jën niederkniete und Bau-yü anflehte, kamen sie alle zusammen herein und warfen sich ebenfalls auf die Knie. Bau-yü half Hsi-jën rasch auf, dann setzte er sich seufzend aufs Bett und bat die anderen, aufzustehen und wieder hinauszugehen. „Was soll ich nur machen?“ wandte er sich an Hsi-jën. „Es zerreißt mir das Herz, und niemand weiß auch nur davon.“ Unwillkürlich begannen ihm bei diesen Worten die Tränen zu fließen. Als Hsi-jën sah, daß er weinte, mußte sie ebenfalls weinen. Auch Tjing-wën weinte noch immer, aber als sie eben etwas sagen wollte, trat Dai-yü zur Tür herein, und darum ging sie hinaus. „Wie könnt ihr denn heute, an so einem großen Feiertag weinen?“ erkundigte Dai-yü sich lächelnd. „Konntet ihr etwa von den Klebreisklößchen nicht genug bekommen und seid euch deswegen in die Haare geraten?“ Aus: Jinyuyuan 1889b. Bau-yü und Hsi-jën mußten lachen, Dai-yü aber fuhr fort: „Wenn mein Vetter es mir nicht sagt, muß ich dich eben danach fragen, dann werde ich es wohl erfahren!“ Sie tätschelte Hsi-jën die Schulter und bat: „Sag es mir, Schwägerin! Bestimmt habt ihr euch gestritten. Sag es mir nur, damit ich zwischen euch schlichten kann!“ „Was ist Euch, Fräulein Lin?“ fragte Hsi-jën und schob sie weg. „Ich bin nur eine Magd, warum müßt Ihr so etwas sagen?“ „Du sagst, du seist nur eine Magd, ich aber will dich als Schwägerin betrachten!“ beharrte Dai-yü. „Wozu mußt du ihr einen Spottnamen anhängen? Auf diese Weise wirst du sie noch ins Gerede bringen. Wie soll sie es ertragen, wenn du sie so kränkst?“ fragte Bau-yü. Und Hsi-jën sagte: „Wie mir ums Herz ist, werdet Ihr nicht erfahren, Fräulein Lin, solange ich lebe. Und wenn ich tot bin, ist es sowieso egal.“ „Was andere machen, wenn du stirbst, weiß ich nicht“, sagte Dai-yü lächelnd. „Ich aber werde die erste sein, die sich deswegen zu Tode weint.“ „Und ich werde Mönch, wenn du stirbst“, verkündete Bau-yü. „Red nicht so einen Unsinn!“ tadelte Hsi-jën ihn lächelnd. „Wie kannst du nur so etwas sagen!“ Dai-yü aber streckte zwei Finger gegen Bau-yü aus und verzog den Mund zu einem Lächeln. „Jetzt willst du schon zweimal Mönch werden“, sagte sie. „Ich zähle mit, wie oft du es noch sagst!“ Bau-yü begriff, daß sie das Gespräch vom Vortag im Sinn hatte, und so ging er lächelnd darüber hinweg. Als Dai-yü bald darauf wieder fort war, wurde gemeldet: „Herr Hsüä läßt bitten!“ So hatte Bau-yü keine andere Wahl, als auch fortzugehen. Weil es sich um einen Weinschmaus handelte, konnte er nicht ablehnen und kam erst wieder los, als das Fest zu Ende war. Daher war er ziemlich benebelt, als er am Abend zurückkam. Schwankend betrat er sein Gehöft und sah, daß man im Hof schon Bett und Nackenstütze für ihn vorbereitet hatte, damit er sich abkühlen konnte. Auf dem Bett aber hatte sich jemand schlafen gelegt. Bau-yü glaubte nicht anders, als daß es Hsi-jën sei, darum setzte er sich zu ihr, stieß sie an und fragte: „Hat der Schmerz nachgelassen?“ Da drehte sie sich herum und sagte: „Fängt das schon wieder an?“ Und Bau-yü erkannte, daß es nicht Hsi-jën war, sondern Tjing-wën. Er zog sie zu sich heran, so daß sie neben ihm saß, und warf ihr lächelnd vor: „Du wirst immer empfindlicher! Als dir heute morgen der Fächer heruntergefallen war und ich dir deswegen Vorhaltungen machte, mußtest du gleich solche Sachen
Bi-hën. Aus: Gai Qi 1879. sagen. Daß du mich beschimpft hast, ist nicht das Schlimmste, aber als Hsi-jën in bester Absicht hereinkam und dir zureden wollte, hast du auch sie mit hineingezogen. Überleg selbst, ob das recht war!“ „Schrecklich heiß ist es!“ sagte Tjing-wën statt dessen. „Was soll das Herumgezerre? Und was wird, wenn es jemand sieht? Außerdem bin ich es gar nicht wert, hier zu sitzen?“ „Und wie konntest du dich dann hier schlafen legen?“ fragte Bau-yü lächelnd. Hierauf wußte Tjing-wën zuerst nichts zu erwidern, dann lachte sie auf und sagte: „Solange du nicht hier warst, ging es an, aber nachdem du hier bist, bin ich dessen nicht würdig. Steh jetzt auf und laß mich baden gehen! Hsi-jën und Schë-yüä haben das Bad schon hinter sich, ich werde ihnen sagen, sie sollen herkommen!“ „Eben habe ich eine Menge Wein getrunken“, sagte Bau-yü lächelnd. „Ich sollte auch noch einmal baden! Wenn du noch nicht gebadet hast, dann hol Wasser, und wir baden zu zweit!“ Lächelnd winkte Tjing-wën ab. „Nein, nein!“ sagte sie, „wie dürfte ich es wagen, den jungen Herrn zu reizen! Ich kann mich noch entsinnen, wie Bi-hën dir beim Baden Gesellschaft leisten mußte. Zwei oder drei Doppelstunden hat das gedauert, und keiner konnte begreifen, was du da treibst. Hineingehen konnten wir auch nicht gut. Als du endlich fertig warst und ich hereinkam, da stand das Zimmer bis an die Beine vom Bett unter Wasser, und selbst auf der Matte war eine Wasserpfütze. Was das nur für ein Bad gewesen sein muß! Wir haben noch tagelang darüber gelacht. Jetzt habe ich nicht die Zeit, um hinterher aufzuwischen, und wozu willst du auch mit mir baden? Heute ist es kühl, und du hast schon vorhin ein Bad genommen, da brauchst du nicht noch ein zweites. Ich gieße dir eine Schüssel Wasser ein, und du wäschst dir das Gesicht und kämmst dir die Haare durch. Vorhin hat Yüan-yang Obst gebracht, es liegt gekühlt in der Kristallschale, und ich will den andern Bescheid sagen, damit sie dir beim Essen Gesellschaft leisten!“ „Wenn das so ist, darfst du auch nicht baden gehen“, sagte Bau-yü lächelnd. „Wasch dir nur die Hände, und dann bring das Obst! Wir essen es gemeinsam!“ „So zappelig, wie ich bin?“ fragte Tjing-wën. „Bin ich denn würdig, mit dir Obst zu essen, nachdem ich den Fächer zerbrochen habe? Nicht auszudenken, wenn ich dabei auch noch den Teller zerschlagen würde!“ „Wenn dir das Spaß macht, zerschlag ihn nur!“ bot ihr Bau-yü an. „Diese Dinge sind doch nur dazu da, um dem Menschen zum Gebrauch zu
Tjing-wën. Aus: Gai Qi 1879. dienen. Du magst sie hierzu, und ich mag sie dazu – jeder so, wie es seinem Geschmack entspricht. Der Fächer zum Beispiel ist dazu da, daß man sich Luft damit zufächelt. Aber wenn es dir Freude macht, ihn zu zerreißen, kann er auch dazu dienen. Nur darfst du nicht deine Wut daran auslassen, wenn du dich aufgeregt hast. Oder nimm das Geschirr. Eigentlich ist es dazu da, um etwas hineinzutun. Aber wenn du gern hörst, wie es zerbricht, und zerschlägst es deshalb absichtlich, kann es auch dazu dienen. Nur darfst du eben nicht deine Wut daran auslassen, wenn du dich aufgeregt hast. Das heißt Liebe zu den Dingen.“ Lächelnd verlangte Tjing-wën: „Dann gib mir den Fächer, damit ich ihn zerreiße! Das ist mir der größte Spaß!“ Lächelnd reichte ihr Bau-yü den Fächer, Tjing-wën nahm ihn wirklich, riß ihn, ratsch! mittendurch und dann die Stücke noch ein paarmal ritsch, ratsch! weiter. „Gut klingt das!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Versuch mal, ob es noch lauter geht!“ Da kam eben Schë-yüä gegangen und mahnte lächelnd: „Müßt ihr solchen sündhaften Unfug treiben?“ Rasch trat Bau-yü auf sie zu, nahm ihr ihren Fächer aus der Hand und gab ihn Tjing-wën, die ihn kurz und klein fetzte.r auch dazu dienen. Nur darfst du nicht deine Wut daran auslassen, wenn du dich aufgeregt hast. Oder nimm das Geschirr. Eigentlich ist es dazu da, um etwas hineinzutun. Aber wenn du gern hörst, wie es zerbricht, und zerschlägst es deshalb absichtlich, kann es auch dazu dienen. Nur darfst du eben nicht deine Wut daran auslassen, wenn du dich aufgeregt hast. Das heißt Liebe zu den Dingen.“ Lächelnd verlangte Tjing-wën: „Dann gib mir den Fächer, damit ich ihn zerreiße! Das ist mir der größte Spaß!“ Lächelnd reichte ihr Bau-yü den Fächer, Tjing-wën nahm ihn wirklich, riß ihn, ratsch! mittendurch und dann die Stücke noch ein paarmal ritsch, ratsch! weiter. „Gut klingt das!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Versuch mal, ob es noch lauter geht!“ Da kam eben Schë-yüä gegangen und mahnte lächelnd: „Müßt ihr solchen sündhaften Unfug treiben?“ Rasch trat Bau-yü auf sie zu, nahm ihr ihren Fächer aus der Hand und gab ihn Tjing-wën, die ihn kurz und klein fetzte. Dann brachen sie beide in lautes Lachen aus. „Was soll denn das?“ fragte Schë-yüä. „Wie könnt ihr, nur um euch zu belustigen, meine Sachen zerreißen?“ „Geh an den Fächerkasten und such dir einen Fächer aus!“ forderte Bau-yü sie auf. „Was ist so ein Fächer schon wert!“ „Dann wäre es wohl das Beste, den Fächerkasten herzuholen, damit sie zerreißt, soviel sie nur kann!“ höhnte Schë-yüä. „So hol ihn her!“ befahl Bau-yü. „Nein!“ sagte Schë-yüä. „Ich versündige mich nicht! Und sie hat sich schließlich nicht die Hand gebrochen, soll sie ihn selber holen!“ Lächelnd lehnte Tjing-wën sich auf dem Bett zurück und sagte: „Jetzt bin ich müde, reißen wir morgen weiter!“ „‚Selbst für tausend Liang Silber‘,sagten die Alten, ‚läßt sich ein Lachen schwerlich erkaufen‘“, bemerkte Bau-yü. „Was können so ein paar Fächer schon kosten!“ Dann rief er nach Hsi-jën. Hsi-jën, die sich eben umgezogen hatte, kam heraus. Das Sklavenmädchen Djia-huee mußte die Reste der Fächer auflesen, und dann genossen alle die Abendkühle. Aber das muß nicht näher beschrieben werden. Als am nächsten Tag um die Mittagszeit Dame Wang, Bau-tschai, Dai-yü und die Töchter des Hauses eben bei der Herzoginmutter im Zimmer saßen, wurde gemeldet: „Fräulein Schï ist gekommen!“ Nur wenig später sahen sie wirklich, wie Hsiang-yün in Begleitung zahlreicher Sklavenmädchen und -frauen in den Hof trat. Bau-tschai, Dai-yü und die anderen Mädchen gingen ihr bis zum Fuße der Plattform entgegen, wo sie sich gegenseitig begrüßten. Die Freude der jungen Mädchen, die einander monatelang nicht gesehen hatten, kann man sich denken. Bald darauf traten sie ins Zimmer, wo Hsiang-yün ihren Gruß entbot und Gesundheit wünschte. Nachdem sie alle begrüßt hatte, forderte die Herzoginmutter sie auf: „Der Tag ist heiß, leg doch dein Überkleid ab!“ Sofort stand Hsiang-yün wieder auf und zog es aus. „Warum hast du dich nur so dick angezogen?“ erkundigte Dame Wang sich lächelnd. „Das hat die zweite Tante so angeordnet“, gab Hsiang-yün Auskunft. „Wer zieht sich schon freiwillig so viel an!“ Lächelnd mischte Bau-tschai sich ein. „Ihr wißt ja nicht, Tante“, sagte sie, „daß es für Kusine Hsiang-yün keinen größeren Spaß gibt, als sich anderer Leute Kleider anzuziehen. Ich weiß noch, wie sie voriges Jahr im dritten oder vierten Monat hier war und sich die Robe von Vetter Bau-yü angezogen hat und auch seine Stiefel. Dann hat sie noch seine Stirnbinde umgemacht, und auf den ersten Blick sah sie aus wie Vetter Bau-yü, nur daß die Ohrgehänge zuviel waren. Dann hat sie sich dort hinter den Stuhl gestellt und die alte gnädige Frau zum Narren gehalten. ‚Komm hierher!‘ hat die alte gnädige Frau prompt gerufen. ‚Sonst bekommst du von den Troddeln der Deckenlampe Staub in die Augen, der dich blendet!‘ Kusine Hsiang-yün aber lachte nur und blieb dort stehen. Als wir andern uns das Lachen nicht mehr verbeißen konnten, hat die alte gnädige Frau auch darüber gelacht und gesagt: ‚Gut siehst du aus in Männerkleidern!‘“ „Das war ja noch gar nichts!“ sagte Dai-yü. „Als sie im Jahr davor im ersten Monat zu uns geholt worden war, hat es nach kaum zwei Tagen geschneit. Die alte gnädige Frau und die Frau Tante hatten wohl eben vor den Ahnenbildern ihren Stirnaufschlag vollzogen, und hier lag ein neuer Umhang der alten gnädigen Frau aus dunkelrotem Filz. Den hat Kusine Hsiang-yün sich umgelegt, ohne daß es jemand bemerkte, und weil er ihr zu weit und zu lang war, hat sie ihn mit einer Leibbinde hochgebunden. Dann wollte sie mit den Mägden zusammen im Hinterhof einen Schneemann bauen gehen, hat sich aber unterwegs mit den Füßen im Umhang verheddert und ist am Wassergraben der Länge lang hingefallen. Sie war über und über mit Schlamm bedeckt.“ Alles lachte in Erinnerung an diesen Vorfall, und Bau-tschai wandte sich lachend zu Amme Dschou. „Mutter Dschou“, fragte sie, „ist das Fräulein jetzt immer noch so unartig?“ Da mußte auch Amme Dschou lachen. Lächelnd nahm jetzt Ying-tschun das Wort. „Ihre Ungezogenheiten sind nicht das Schlimmste“, sagte sie, „was ich ihr übelnehme ist, daß sie gern schwatzt. Hat man so etwas schon gesehen? Sogar im Schlaf muß sie noch lachen und reden. Ich möchte wissen, was sie so viel zu reden hat!“ „Jetzt wird sie sich wohl bessern“, sagte Dame Wang. „Neulich wurde ihre Verlobung ausgesprochen, und nachdem sie erst Schwiegereltern hat, wird sie sich auch anders benehmen müssen.“ „Bleibst du, oder fährst du wieder nach Hause?“ erkundigte sich nun die Herzoginmutter. „Ihr habt es nicht gesehen, alte gnädige Frau“, sagte Amme Dschou lächelnd. „Wir sind ja mit Garderobe hier, da werden wir auch ein paar Tage bleiben.“ „Ist Vetter Bau-yü nicht zu Hause?“ fragte Hsiang-yün. „An niemand denkt sie als an Vetter Bau-yü“, sagte Bau-tschai. „Sie sind alle beide genauso albern, und man sieht daran, daß sie ihre Ungezogenheit noch nicht abgelegt hat.“ „Ihr seid jetzt schon groß“, schaltete die Herzoginmutter sich ein, „da solltet ihr nicht mehr eure Kindheitsnamen gebrauchen!“ Im selben Moment trat Bau-yü in den Raum und rief freudestrahlend: „Kusine Hsiang-yün! Warum bist du nicht gekommen, als wir dich holen lassen wollten?“ „Eben erst hat die alte gnädige Frau davon gesprochen“, klagte Dame Wang, „und nun kommt er und redet sie wieder mit Namen an!“ „Der Vetter hat etwas Schönes für dich!“ verkündete Dai-yü inzwischen. „Was ist es denn?“ wollte Hsiang-yün wissen. „Glaub ihr kein Wort!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Du bist in der Zeit, die wir uns nicht gesehen haben, noch größer geworden.“ „Wie geht es Schwester Hsi-jën?“ erkundigte sich Hsiang-yün. „Danke für die Nachfrage!“ erwiderte Bau-yü. „Ich habe etwas für sie mitgebracht“, fuhr Hsiang-yün fort und holte ein Taschentuch hervor, das zu einem Knoten gebunden war. „Was wird das schon sein!“ sagte Bau-yü. „Du hättest ihr besser zwei solcher Karneolringe mitbringen sollen, wie du neulich welche geschickt hast!“ „Und was ist das?“ fragte Hsiang-yün lächelnd und knotete das Taschentuch auf. Da sahen alle, daß es in der Tat vier Karneolringe waren, wie Hsiang-yün sie schon letztens geschickt hatte. Lächelnd bemerkte Dai-yü: „Schaut euch an, was sie sich ausgedacht hat! – Voriges Mal, als du uns welche schicktest, hättest du die für sie doch gleich mitgeben können. Wäre das nicht einfacher gewesen? Jetzt kommst du extra selber damit an, und ich dachte schon, du hättest irgend etwas ganz Außergewöhnliches, dabei sind es nur noch einmal solche Ringe. Du bist wirklich ein Dummkopf!“ „Du bist ein Dummkopf!“ gab Hsiang-yün lächelnd zurück. „Ich werde es erklären, und dann sollen die andern entscheiden, wer dumm ist! Als ihr die Geschenke bekamt, sandte ich sie durch einen Boten, und damit war ohne jede Erläuterung klar, daß sie für die Fräulein bestimmt waren. Hätte ich dem Boten die übrigen Sachen auch mitgegeben, dann hätte ich ihn vorher instruieren müssen, das ist für dieses Mädchen, und dies ist für jenes. Bei einem aufgeweckten Boten geht so etwas noch an, er braucht aber nur ein bißchen dümmlich zu sein, und schon kann er sich die Namen der Mädchen nicht merken und macht den größten Unsinn daraus. So einer würde selbst die Geschenke für euch noch durcheinanderbringen. Wenn ich eine Frau schicken kann, die sich auskennt, geht es wohl auch in Ordnung, aber letztens mußte ich einen Knaben schicken, und was hätte der mit den Namen der Mädchen anzufangen gewußt! War es da nicht sicherer, daß ich die Ringe selber mitbringe?“ Damit legte sie die Ringe hin und fuhr dann fort: „Einer ist für Schwester Hsi-jën, einer für Schwester Yüan-yang, einer für Schwester Djin-tschuan und einer für Schwester Ping-örl. Hätte wohl eine Knabe diese vier Namen richtig behalten können?“ Alle bestätigten lächelnd: „Das ist wirklich vernünftig gedacht!“ Und Bau-yü ergänzte: „Redegewandt ist sie wie eh und je, niemandem gibt sie etwas nach!“ Worauf Dai-yü spitz erwiderte: „Ja, aber auch wenn sie nicht zu reden verstünde, sagt ihr goldenes Einhorn schon genug!“ Damit stand sie auf und ging hinaus. Glücklicherweise hatte es sonst niemand gehört, nur Bau-tschai verzog lächelnd den Mund. Und als Bau-yü, der nach Dai-yüs Bemerkung bereute, wieder einmal etwas Falsches gesagt zu haben, dieses Lächeln gewahr wurde, lächelte er unwillkürlich zurück. Doch als Bau-tschai ihn lächeln sah, stand sie hastig auf und ging ebenfalls nach draußen, wo sie Dai-yü suchte, um mit ihr zu sprechen. „Ruh dich ein wenig aus, wenn du den Tee getrunken hast, und sieh dann nach deinen Schwägerinnen!“ sagte die Herzoginmutter jetzt zu Hsiang-yün. „Im Garten ist es kühler, dort kannst du mit deinen Kusinen spazieren gehen!“ Hsiang-yün sagte: „Jawohl!“, wickelte drei von den Ringen wieder ein, und nachdem sie sich ein wenig verschnauft hatte, stand sie auf, um Hsi-fëng und die anderen aufzusuchen. Alle ihre Ammen und Sklavenmädchen gingen mit. Mit Hsi-fëng lachte und schwatzte Hsiang-yün ein Weilchen, dann ging sie in den Garten des Großen Anblicks hinüber. Nachdem sie dort erst Li Wan begrüßt und für einen Moment bei ihr gesessen hatte, schlug sie den Weg zum Hof der Freude am Roten ein, wo sie Hsi-jën besuchen wollte. Sie wandte den Kopf und befahl: „Ihr andern braucht nicht mitzukommen, geht nur zu euren Freundinnen und Angehörigen! Es reicht, wenn Tsuee-lü bei mir bleibt, um mir aufzuwarten.“ Nach dieser Aufforderung ging jede ihres Weges, um Tante oder Schwägerin zu besuchen, und schon war Hsiang-yün mit Tsuee-lü allein. Da sagte Tsuee-lü: „Wie kommt es, daß die Lotosblumen noch nicht blühen?“ „Die Zeit ist noch nicht heran“, antwortete Hsiang-yün. „Und haben sie auch gefüllte Blüten wie die Lotosblumen bei uns im Teich?“ fragte Tsuee-lü weiter. „Nein“, sagte Hsiang-yün, „bei uns sind sie schöner als hier.“ „Aber dort steht ein Granatapfelbaum, bei dem die Blüten an vier oder fünf Zweigen nebeneinander sogar doppelt gefüllt sind. Darauf könnte man schon neidisch werden“, fuhr Tsuee-lü fort. „Mit den Pflanzen ist es wie mit den Menschen“, sagte Hsiang-yün. „Wenn sie über üppige Lebenskraft und kräftige Adern verfügen, dann wachsen sie auch gut.“ „Das glaube ich nicht!“ gab Tsuee-lü zurück und wandte sich dabei zu ihr um. „Wenn es bei den Menschen genauso sein soll, warum habe ich dann noch keinen Menschen mit doppeltem Kopf gesehen?“ Hsiang-yün mußte lachen, dann erwiderte sie: „Sage ich nicht immer, du tätest besser daran zu schweigen? Aber du tust natürlich nichts so gern wie schwatzen. Wie soll ich dir darauf antworten? Alle Dinge zwischen Himmel und Erde entstehen, weil ihnen die beiden Urkräfte yin und yang innewohnen. Ob etwas normal ist oder abnorm, selten oder absonderlich, und wie sich alles
Schï Hsiang-yün. Aus: Gai Qi 1879. formt und verwandelt, kommt dadurch zustande, ob und in welchem Maße yin und yang günstig oder ungünstig wirken. Was man nicht oft zu sehen bekommt, das ist selten, aber das Prinzip bleibt doch dasselbe.“ „Dann war also von alters her bis heute und seit der Entstehung von Himmel und Erde alles yin und yang?“ erkundigte sich Tsuee-lü. „Dummes Ding!“ sagte Hsiang-yün. „Je mehr du schwatzt, desto größer wird der Unsinn. Was soll denn das heißen‚ ‚alles yin und yang‘? Gibt es vielleicht ein yin und ein yang? Das yin und yang ist eins. So, wie sich das yang erschöpft, erstarkt das yin, und so, wie sich das yin erschöpft, erstarkt das yang, nicht daß ein yin entsteht, wenn das yang verbraucht ist, und ein yang entsteht, wenn das yin verbraucht ist.“ „Es bringt mich um, so verworren ist das“, klagte Tsuee-lü. „Was ist das für ein yin und yang ohne Form und Gestalt? Ich will ja nur von Euch wissen, wie es aussieht, dieses yin und yang.“ „Wie soll es denn aussehen?“ sagte Hsiang-yün. „Es ist doch nicht mehr als die Urkraft, und erst wenn es einem Ding innewohnt, nimmt es Gestalt an. Der Himmel zum Beispiel ist yang, die Erde ist yin. Die Sonne ist yang, der Mond ist yin.“ „Richtig, richtig! Jetzt wird es mir klar“, sagte Tsuee-lü. „Kein Wunder, daß man die Sonne als ‚das große yang‘ bezeichnet und daß die Wahrsager den Mond ‚großer yin-Stern‘ nennen. Daher kommt das also!“ „Buddha Amitabha!“ sagte Hsiang-yün lächelnd, „endlich hast du es verstanden!“ „Wenn diese großen Dinge das yin und yang haben, haben dann etwa auch Mücken, Flöhe und Gnitzen, Blumen und Gräser, Dachziegel und Mauersteine das yin und yang?“ fragte Tsuee-lü. „Wie könnten sie es nicht haben?“ erwiderte Hsiang-yün. „Auch die Blätter an den Bäumen haben zum Beispiel ihr yin und yang. Die Oberseite, die dem Licht zugewandt ist, ist yang, und die Unterseite, die im Schatten liegt, ist yin.“ Tsuee-lü nickte dazu lächelnd und sagte: „Das kann ich begreifen, aber wo ist bei den Fächern, die wir in den Händen halten, yin und yang?“ „Die Vorderseite ist yang, und die Rückseite ist yin“, erklärte ihr Hsiang-yün. Wieder nickte Tsuee-lü lächelnd und wollte dieselbe Frage noch auf andere Dinge beziehen, aber es fiel ihr nichts weiter ein, bis sie auf einmal den Kopf senkte und das goldene Einhornfigürchen erblickte, das Hsiang-yün an ihrem Palastgürtel trug. Sie nahm es in die Hand und fragte dann lächelnd: „Fräulein, gibt es hierbei etwa auch yin und yang?“
Tsuee-lü. Aus: Gai Qi 1879.
„Bei allen Vierfüßern und Vögeln ist das Männchen yang und das Weibchen yin. Warum also nicht?“ antwortete Hsiang-yün.
„Ist Euer Einhorn ein Männchen oder ein Weibchen?“ wollte Tsuee-lü wissen. „Das weiß ich auch nicht“, gab Hsiang-yün zur Antwort. „Und wenn es bei allem und jedem yin und yang gibt“, sagte Tsuee-lü, „warum gibt es dann bei uns Menschen nicht yin und yang?“ „Du verdorbenes Ding!“ schalt Hsiang-yün und spuckte ihr ins Gesicht. „Geh jetzt endlich weiter! Je mehr du mich fragst, desto schlimmer werden deine Fragen.“ Aber lächelnd fuhr Tsuee-lü fort: „Wieso könnt Ihr mir das nicht sagen? Ich weiß es ja doch! Warum müßt Ihr mir deshalb Vorhaltungen machen?“ „Was weißt du?“ fragte Hsiang-yün lächelnd. „Daß Ihr yang seid, und ich bin yin“, erwiderte Tsuee-lü. Über diese Antwort lachte Hsiang-yün prustend in ihr Taschentuch. „Warum lacht Ihr denn so, wo es doch stimmt?“ fragte Tsuee-lü. „Und wie das stimmt!“ sagte Hsuiang-yün. „Nach den Regeln des menschlichen Anstands sind die Herrschaften yang und die Sklaven yin“, nahm Tsuee-lü wieder das Wort. „Meint Ihr, ich hätte nicht einmal diesen Grundsatz verstanden?“ „Du hast ihn sehr gut verstanden“, bestätigte Hsiang-yün lächelnd. Bei diesen Worten gelangten sie an das Rosenspalier, und Hsiang-yün sagte: „Schau mal nach, wer da seinen Kopfschmuck verloren hat, der dort so blinkt!“ Rasch hob Tsuee-lü auf, was da lag, schloß ihre Hand darum und sagte lächelnd: „Nun können wir doch yin und yang unterscheiden!“ Und sie griff noch einmal nach Hsiang-yüns Einhorn und sah es sich an. Hsiang-yün verlangte zu sehen, was Tsuee-lü aufgehoben hatte, aber diese gab den Fund nicht aus der Hand und sagte lächelnd: „Es ist eine Kostbarkeit, die Ihr nicht sehen dürft, Fräulein! Wie es wohl hierher kommen mag? Merkwürdig! Ich hatte nie bemerkt, daß hier jemand so etwas hat.“ „Gib her, ich will es sehen!“ forderte Hsiang-yün. Lächelnd öffnete Tsuee-lü die Hand und sagte: „Bitte sehr!“ Da erblickte Hsiang-yün ein reich verziertes goldenes Einhorn, das ein größeres und schöneres Gegenstück zu ihrem eigenen darstellte. Sie streckte die Hand danach aus, und als es auf ihrem Handteller lag, musterte sie es still und stumm. Während sie so in Gedanken versunken dastand, trat auf einmal Bau-yü zu ihr heran und fragte lächelnd: „Was macht ihr denn hier in der Sonnenglut? Wolltest du nicht zu Hsi-jën?“ Schnell verbarg Hsiang-yün das Einhorn und sagte: „Eben will ich zu ihr, gehen wir zusammen!“ Im Nu waren sie im Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën eben auf der Treppe am Geländer lehnte und den Luftzug genoß. Als sie Hsiang-yün erblickte, kam sie ihr rasch entgegen, griff nach ihren Händen und erkundigte sich lächelnd, wie es ihr seit der letzten Begegnung ergangen sei. Als sie bald darauf ins Haus traten und sich hinsetzten, sagte Bau-yü lächelnd: „Du hättest schon längst kommen sollen! Ich habe auf dich gewartet, weil ich hier etwas Schönes habe.“ Dabei tastete er lange an sich herum, bis er endlich hervorstieß: „O weh!“ Dann fragte er Hsi-jën: „Hast du es vielleicht weggetan?“ „Was denn?“ erkundigte sich Hsi-jën. „Das Einhorn, das ich neulich bekommen habe“, sagte Bau-yü. „Du trägst es doch Tag für Tag bei dir, und jetzt fragst du mich danach?“ wunderte sich Hsi-jën. Bau-yü schlug die Hände zusammen. „Dann habe ich es verloren!“ sagte er. „Wie soll ich es jetzt wiederfinden?“ Und schon wollte er aufstehen und sich selbst auf die Suche machen. Seine Worte hatten Hsiang-yün verraten, daß er es war, dem es gehörte, und so fragte sie lächelnd: „Seit wann hattest du denn ein Einhorn?“ „Erst unlängst bin ich mit viel Mühe dazu gekommen, und nun habe ich es verloren“, klagte Bau-yü. „Ich bin wirklich ein Trottel.“ „Aber das ist doch nur ein Spielzeug, und dennoch regst du dich dermaßen darüber auf?“ sagte Hsiang-yün. Dann öffnete sie ihre Hand und fuhr fort: „Schau mal! Ist es vielleicht das?“ Kaum daß Bau-yü das Einhorn erblickte, war er vor Freude ganz außer sich. Wer wissen will, was er sagte, muß das nächste Kapitel lesen.
Aus: Chengjiaben 1791.