Hongloumeng/de/Chapter 41
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Kapitel 41
贾宝玉品茶栊翠庵
刘老老醉卧怡红院
Oma Liu hatte also gesagt: „Fällt die Blüte ab, wächst so ein Kürbis daran.“ Und mit beiden Händen hatte sie gezeigt, wie groß der Kürbis sein sollte. Alle brachen in schallendes Gelächter darüber aus. Oma Liu trank ihren Becher leer, dann sagte sie, um die anderen gleich noch einmal zum Lachen zu bringen: „Offen gestanden, habe ich plumpe Hände und Füße, und nachdem ich jetzt auch noch getrunken habe, muß ich vorsichtig sein, daß mir der Porzellanbecher nicht aus der Hand fällt und zerbricht. Sind keine Holzbecher da, von denen ich einen bekommen kann? Denen geschieht nichts, wenn sie auf die Erde fallen.“ Wirklich lachten alle darüber, Hsi-fëng aber bot Oma Liu sofort lächelnd an: „Wenn du wirklich Holzbecher möchtest, lasse ich welche holen. Aber eins muß ich dir vorher sagen. Mit diesen Holzbechern ist es nicht so wie mit den Porzellanbechern. Sie bilden einen geschlossenen Satz, und benutzen darf sie nur, wer den ganzen Satz austrinkt.“ Als Oma Liu das hörte, überlegte sie: „Ich hatte das nur im Scherz gesagt, wie konnte ich ahnen, daß sie wirklich so etwas haben! Bei uns im Dorf bin ich oft bei Beamten außer Dienst und in großen Familien zu Tisch und habe dort Gold- und Silberbecher gesehen, aber von Holzbechern habe ich nie gehört. – Ach, richtig! Bestimmt meint sie Holzschalen, wie man sie Kindern gibt, und will mich nur verleiten, ein paar mehr davon auszutrinken. Aber wenn schon! Der Wein schmeckt schließlich wie Honigwasser. Was soll mir passieren, wenn ich ein bißchen mehr davon trinke?“ Und so sagte sie, nachdem sie diese Gedanken zu Ende gebracht hatte: „Laßt sie holen, und dann sehen wir weiter!“ Also erhielt Fëng-örl von Hsi-fëng den Befehl: „Geh hinüber und hol aus dem Innenraum den Zehnersatz Becher aus Bambuswurzeln, der dort auf dem Büchergestell steht!“ Fëng-örl sagte: „Jawohl!“ und wollte eben losgehen, als Yüan-yang mit lächelnder Miene bemerkte: „Die Becher kenne ich, die sind doch zu klein. Außerdem war eben von Holzbechern die Rede, und nun laßt Ihr welche aus Bambus holen. Was macht denn das für einen Eindruck! Wir lassen besser von uns drüben den Zehnersatz große Becher aus einer ganzen Buchsbaumwurzel holen, damit sie sich zehnmal vollaufen lassen kann.“ „Das ist noch besser!“ bestätigte Hsi-fëng, und so ließ Fëng-örl die Becher wirklich holen. Kaum daß Oma Liu dann diese Becher erblickte, war sie erstaunt und entzückt zugleich. Erstaunt war sie darüber, daß in jedem Becher immer noch ein kleinerer steckte, wobei der größte gut und gerne so groß war wie eine kleine Schüssel und der zehnte und kleinste immer noch doppelt so groß wie der Becher, den sie in der Hand hielt. Und was sie entzückte, waren die zauberhaften Schnitzereien auf den Bechern – Landschaften, Pflanzen und Menschen, dazu Inschriften in Grasschrift und Siegelabdrücke. „Gebt mir nur den kleinsten, dann ist es recht!“ sagte sie rasch. „Wozu denn so viele?“ Aber Hsi-fëng erwiderte lächelnd: „Nur aus einem einzelnen Becher darf nicht getrunken werden. Aus unserer Familie verträgt niemand so viel, darum wagt kein Mensch, diese Becher zu nehmen. Nur weil du sie verlangt hast, sind sie extra hierher gebracht worden. Jetzt mußt du auch der Reihe nach daraus trinken. Anders kommt es nicht in Frage!“ Erschrocken bat Oma Liu: „Das traue ich mich nicht! Habt doch Mitleid mit mir, beste junge Frau!“ Die Herzoginmutter, Tante Hsüä und Dame Wang, die sich darüber im klaren waren, daß ein älterer Mensch wie Oma Liu so viel Wein nicht vertragen konnte, legten sich rasch ins Mittel und sagten lächelnd: „Gesagt ist gesagt, und gescherzt ist gescherzt. Wenn du nicht so viel trinken kannst, trinkst du eben nur den größten Becher davon leer!“ „Buddha Amitabha!“ rief Oma Liu, „ich trinke lieber aus dem kleinen! Den großen nehme ich mit nach Hause und trinke ihn nach und nach leer.“ Wieder begannen alle zu lachen, Yüan-yang aber blieb nichts weiter übrig, als jemandem zu befehlen, nur den größten Becher zu füllen. Als Oma Liu ihn dann mit beiden Händen hochhob, um daraus zu trinken, warnten die Herzoginmutter und Tante Hsüä: „Trink langsam, damit du dich nicht verschluckst!“ Und Tante Hsüä befahl Hsi-fëng, sie solle Oma Liu ein paar Zuspeisen in den Mund stecken. „Was möchtest du haben, Oma?“ fragte Hsi-fëng. „Sag mir nur, wie es heißt, und ich werde dich mit den Eßstäbchen füttern!“ „Was weiß denn ich, wie das heißt!“ sagte Oma Liu. „Gut schmeckt alles.“ „Steck ihr von den Eierfrüchten in den Mund!“ empfahl die Herzoginmutter. Als Hsi-fëng das hörte, tat sie wie befohlen, griff mit den Eßstäbchen etwas von den Eierfrüchten und schob es Oma Liu in den Mund. Dabei sagte sie lächelnd: „Eierfrüchte gibt es auch bei euch jeden Tag. Nun mußt du einmal kosten, ob sie dir auch so schmecken, wie wir sie zubereiten!“ Lächelnd sagte Oma Liu: „Ihr müßt mir nichts vormachen! Wenn so Eierfrüchte schmecken würden, brauchten wir kein Getreide mehr zu säen und würden nur noch Eierfrüchte anbauen.“ Alle lachten und versicherten ihr: „Es sind wirklich Eierfrüchte, wir belügen dich nicht.“ „Wenn das tatsächlich Eierfrüchte sind, habe ich sie bisher ohne Sinn und Verstand gegessen“, wunderte sich Oma Liu. „Gebt mir noch ein bißchen davon, junge Frau! Diesmal werde ich sorgfältiger kauen.“ Hsi-fëng schob ihr noch eine Portion davon mit den Eßstäbchen in den Mund, Oma Liu kaute sie lange Zeit gewissenhaft durch, dann erklärte sie: „Es schmeckt zwar ein wenig nach Eierfrüchten, trotzdem scheint mir, daß es keine Eierfrüchte sind. Verratet mir, wie sie zubereitet sind, dann werde ich sie mir auch so machen!“ „Das ist nicht weiter schwierig“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Du nimmst frisch geerntete Eierfrüchte und schälst sie ab. Gebraucht wird nur das reine Fruchtfleisch. Das schneidest du in Stäbchen und bäckst sie in heißem Hühnerschmalz. Dann brauchst du getrocknetes Hühnerfleisch, getrocknete Baumpilze, frische Bambussprossen, frische Champignons, gewürzten trockenen Bohnenkäse und alle Arten von Trockenobst. Das alles wird in feine Streifen geschnitten und mit den gebackenen Eierfruchtstäbchen zusammen in Hühnerbrühe eingekocht. Anschließend wird es mit Sesamöl abgeschmeckt und mit Weinmarinade begossen. Danach wird es gut vermischt und in einem Porzellangefäß fest verschlossen aufbewahrt. Wenn man davon essen möchte, nimmt man es heraus und mischt es mit gebratenen Hühnerfleischhäppchen. Das ist alles.“ Oma Liu schüttelte den Kopf und ließ die Zunge heraushängen, ehe sie sagte: „Ach, du mein Buddha! Dafür braucht man ja an die zehn Hühner! Kein Wunder, daß es so gut schmeckt!“ Während dieses Gesprächs hatte sie langsam ihren Wein ausgetrunken, hielt aber den Becher immer noch in der Hand und sah ihn unverwandt an. „Wenn es nicht gereicht hat, trink noch einen Becher!“ bot Hsi-fëng lächelnd an. „Auf keinen Fall! Das brächte mich um!“ lehnte Oma Liu ab. „Mir gefällt nur das Muster, und ich frage mich, wie das gemacht ist.“ „Nachdem du daraus getrunken hast, sag uns jetzt auch, aus was für Holz der Becher ist!“ verlangte Yüan-yang lächelnd von ihr. „Kein Wunder, daß Ihr Fräulein das nicht wißt“ sagte Oma Liu und lächelte dabei ebenfalls. „Ihr lebt hinter goldenen Toren und gestickten Vorhängen, woher solltet Ihr Euch da mit Holz auskennen! Für uns aber sind Bäume und Holz die täglichen Nachbarn. Wenn wir müde sind, legen wir den Kopf zum Schlafen auf Holz. Wenn wir erschöpft sind, setzen wir uns darauf. Und in Hungerjahren essen wir sogar Baumrinde. Holz sehen wir Tag für Tag, hören es Tag für Tag und reden davon Tag für Tag. Darum kann ich auch unterscheiden, was gut und was schlecht ist, was echt und was falsch. Also laßt mich einmal sehen!“ Nachdem sie den Becher eine ganze Zeitlang prüfend gemustert hatte, sagte sie: „In einer Familie wie der Euren gibt es gewiß kein billiges Zeug, und Holzsachen, die leicht zu bekommen sind, würdet Ihr nicht aufheben. Der Becher erscheint mir schwer, er ist also sicher nicht aus Pappelholz, bestimmt ist es Fichte.“ Ein weiteres Mal brachen alle in schallendes Gelächter aus, da erschien eine Sklavenfrau mit der Bitte, die Herzoginmutter etwas fragen zu dürfen. „Die Mädchen sind alle im Kiosk des Lotoswurzelduftes und bitten um eine Weisung, ob sie jetzt spielen sollen oder besser noch ein Weile warten“, meldete sie. „Ach ja!“ sagte die Herzoginmutter sofort lächelnd, „ich hatte sie ganz vergessen. Sag ihnen, sie sollen jetzt spielen!“ Die Sklavin sagte: „Jawohl!“ und ging wieder fort. Bald darauf erklangen Pfeifen und Rohrblattinstrumente, und dann fielen auch die Flöten mit ein. Das Wetter war klar und frisch, und so wurden durch die Musik, die zwischen den Bäumen hindurch und über das Wasser hinweg herüberdrang, die Sinne beschwingt und die Herzen geweitet. Bau-yü konnte nicht an sich halten, er griff zur Weinkanne, füllte seinen Becher und trank ihn in einem Zug aus. Als er ihn dann zum zweiten Mal füllte und sich eben anschickte, ihn von neuem zu leeren, bemerkte er, daß auch Dame Wang etwas trinken wollte und jemandem befahl, frisch gewärmten Wein zu holen. Da nahm er seinen Becher, ging damit zu ihr und setzte ihn ihr an den Mund. Dame Wang trank zwei Schluck daraus, dann wurde der frische Wein gebracht, und Bau-yü kehrte wieder auf seinen Platz zurück. Dame Wang aber nahm die Weinkanne und stand vom Tisch auf. Daraufhin erhoben sich auch alle anderen, selbst Tante Hsüä nicht ausgenommen. Sofort befahl die Herzoginmutter, Li Wan und Hsi-fëng sollten die Weinkanne nehmen. „Bitte deine Tante, sich wieder zu setzen“, forderte sie Hsi-fëng auf, „nur so haben es alle bequem.“ Erst nach diesen Worten überließ Dame Wang die Kanne Hsi-fëng und kehrte selbst auf ihren Platz zurück. Lächelnd sagte die Herzoginmutter: „Alle müssen noch ein paar Becher trinken, denn heute macht es wirklich Spaß!“ Dann hob sie einen Becher empor und kredenzte ihn Tante Hsüä. Anschließend wandte sie sich an Hsiang-yün und Bau-tschai mit den Worten: „Ihr beide müßt ebenfalls einen Becher trinken! Auch für eure Kusine Dai-yü gibt es keinen Pardon, obwohl sie nicht viel verträgt.“ Und schon hatte sie ihren eigenen Becher geleert. Also tranken auch Hsiang-yün, Bau-tschai und Dai-yü ihre Becher leer. Inzwischen war Oma Liu durch die Klänge der Musik und vom Wein so fröhlich geworden, daß ihre Hände zuckten und ihre Füße sich regten. Da stand Bau-yü von seinem Platz auf, ging zu Dai-yü hinüber und sagte lächelnd: „Schau mal, wie Oma Liu sich aufführt!“ Und Dai-yü erwiderte lächelnd: „Als seinerzeit die heilige Musik erklang, tanzten sämtliche Tiere, heute aber tanzt bloß eine Kuh.“ Alle Mädchen lachten darüber. Als bald darauf die Musik verstummte, stand Tante Hsüä auf und sagte: „Seinen Wein hat wohl jeder gehabt. Jetzt wollen wir draußen spazierengehen, ehe wir uns von neuem zusammensetzen!“ Da auch die Herzoginmutter den Wunsch hatte, sich ein wenig die Beine zu vertreten, standen alle vom Tisch auf und schlenderten mit ihr herum. In dem Wunsch, sich mit Oma Liu die Zeit zu vertreiben, faßte die Herzoginmutter sie bei der Hand und ging mit ihr unter die Bäume am Fuße der Berge. Hier verharrte sie ein Weilchen und erläuterte ihr, dieser Baum, dieser Stein, diese Blume heiße soundso. Oma Liu ließ sich alles erklären, dann sagte sie: „Wer hätte gedacht, daß in der Stadt nicht nur die Menschen vornehm sind, sondern auch die Vögel! Sogar eine Krähe wird bei Euch so klug, daß sie sprechen kann!“ Niemand verstand, was sie meinte, darum wurde sie gefragt: „Was für eine Krähe ist klug geworden und kann sprechen?“ „Der grüne Vogel mit dem roten Schnabel, der auf der goldenen Stange unter dem Dachvorsprung sitzt, ist ein Papagei, das weiß ich“, antwortete Oma Liu, „aber warum hat die schwarze Krähe in dem Käfig einen Phönixkopf bekommen und kann ebenfalls sprechen?“ Alle mußten lachen, als sie das hörten. Bald darauf erschienen Sklavenmädchen und luden zu einem Imbiß ein. „Nach dem Weintrinken haben wir keinen Hunger“, sagte die Herzoginmutter, „Aber sei‘s drum! Bringt es her, und wer mag, bedient sich davon.“ Die Sklavenmädchen verschwanden und kamen mit zwei Tischchen wieder, auf die sie zwei Speiseschachteln setzten. Als die Schachteln geöffnet wurden, sah die Herzoginmutter, daß in jeder zwei Gerichte standen. In der einen war Konfekt aus Lotoswurzelmehl und Duftblüten sowie Gänseschmalzröllchen mit Zirbelnüssen, in der anderen bestand das eine Gericht aus nur ein Tsun großen gefüllten Klößchen. „Was für eine Füllung ist darin?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. „Es ist Krabbenfleisch“, berichteten die Sklavinnen sogleich. „Das ist ja so fett, wer soll das essen?“ bemängelte die Herzoginmutter mit gerunzelten Brauen. Das zweite Gericht in dieser Schachtel war in Butter gesottenes Weizenmehlgebäck in den verschiedensten Formen. Auch dieses mochte die Herzoginmutter nicht. Sie forderte Tante Hsüä auf, von den Speisen zu essen, aber Tante Hsüä nahm nur ein Stück Konfekt. Die Herzoginmutter wählte ein Gänseschmalzröllchen, kostete jedoch lediglich davon und überließ den Rest den Sklavenmädchen. Als Oma Liu sah, wie fein und zierlich das Mehlgebäck war, suchte sie sich ein Stück in Päonienblütenform aus und sagte lächelnd: „Solche Blumen können bei uns die geschicktesten Mädchen nicht einmal aus Papier schneiden. Ich würde das gern essen, aber dafür ist es mir zu schade. Das beste wird sein, wenn ich es einwickle und nach Hause mitnehme, um es ihnen als Muster zu zeigen.“ Alle lachten, die Herzoginmutter aber sagte: „Wenn du gehst, lasse ich dir einen ganzen Tontopf voll davon einpacken, aber jetzt iß davon, solange sie noch heiß sind!“ Die anderen nahmen jeder nur ein, zwei Häppchen, Oma Liu aber hatte so etwas Niedliches noch nicht gesehen. Mit Ban-örl zusammen probierte sie ein paar von jeder Form, und schon war der Teller halb leer. Die Reste ließ Hsi-fëng auf zwei kleinen Tellern in eine Speiseschachtel tun, die zu Wën-guan und den anderen Schauspielerinnen gebracht wurde. Jetzt erschien auf dem Arm ihrer Amme Da-djiä, und alle schäkerten ein Weilchen mit ihr. Da-djiä hielt eine große Pampelmuse in den Armen, mit der sie spielte, aber als sie plötzlich die Buddhahand-Zitrone sah, die Ban-örl im Arm hatte, verlangte sie auch eine solche Zitrone. Die Sklavenmädchen versprachen ihr, eine zu holen, aber Da-djiä mochte nicht warten und fing an zu greinen. Rasch gab man Ban-örl die Pampelmuse und nahm ihm die Buddhahand-Zitrone ab, um sie Da-djiä zu geben, die daraufhin Ruhe gab. Als Ban-örl, der schon lange genug mit der Buddhahand-Zitrone gespielt hatte und beide Hände voll Gebäck hielt, plötzlich die duftende runde Pampelmuse bekam, gefiel sie ihm besser als die Buddhahand-Zitrone, auf die er gern verzichtete. Statt dessen stieß er nun die Pampelmuse wie einen Ball mit dem Fuß hin und her. Nachdem alle zusammen Tee getrunken hatten, führte die Herzoginmutter Oma Liu zum Kloster Gefangenes Grün, wo Miau-yü ihnen rasch entgegenkam und sie hineingeleitete. Als sie in den Hof traten, sahen sie, daß dort Blumen und Sträucher in üppigem Wuchs standen, und die Herzoginmutter bemerkte: „Wer sich der Reinen Lehre widmet, hat nichts weiter zu tun und kann sich ständig um seinen Garten kümmern. Hier ist es schöner als in den anderen Höfen.“ Während sie das sagte, wandte sie sich nach Osten zur Meditationshalle, und Miau-yü forderte sie lächelnd auf einzutreten. „Eben haben wir alle Wein getrunken und Fleisch gegessen“, wandte die Herzoginmutter ein. „Dort drinnen aber hast du ein Bodhisattwabild, und so würden wir eine Sünde begehen. Wir setzen uns hier ein Weilchen, trinken eine Schale von deinem guten Tee und gehen dann wieder!“ Rasch ging Miau-yü fort, um den Tee aufzubrühen. Als sie wiederkam, beobachtete Bau-yü genau, was sie tat.merkte: „Wer sich der Reinen Lehre widmet, hat nichts weiter zu tun und kann sich ständig um seinen Garten kümmern. Hier ist es schöner als in den anderen Höfen.“ Während sie das sagte, wandte sie sich nach Osten zur Meditationshalle, und Miau-yü forderte sie lächelnd auf einzutreten. „Eben haben wir alle Wein getrunken und Fleisch gegessen“, wandte die Herzoginmutter ein. „Dort drinnen aber hast du ein Bodhisattwabild, und so würden wir eine Sünde begehen. Wir setzen uns hier ein Weilchen, trinken eine Schale von deinem guten Tee und gehen dann wieder!“ Rasch ging Miau-yü fort, um den Tee aufzubrühen. Als sie wiederkam, beobachtete Bau-yü genau, was sie tat. Er sah, daß sie eigenhändig auf einem lackgeschnitzten und mit Gold eingelegten Tablett in Zierapfelblütenform, das mit Wolkendrachen verziert war, die das Schriftzeichen schou – ‚Langlebigkeit‘ – in den Klauen hielten, ein Deckelschälchen aus fünffarbigem Tschëng-hua-Porzellan trug, das sie der Herzoginmutter brachte. „Ich mag aber keinen Liu-an-Tee “, sagte die Herzoginmutter. „Das weiß ich“, antwortete Miau-yü lächelnd. „Dies sind ‚Lau-dsïs Augenbrauen‘ .“ „Und was ist es für Wasser?“ fragte die Herzoginmutter, als sie das Schälchen entgegengenommen hatte. „Abgestandenes Regenwasser vom vorigen Jahr“, gab Miau-yü Auskunft. Da schlürfte die Herzoginmutter das Schälchen zur Hälfte aus und gab es dann lächelnd an Oma Liu weiter. „Koste mal diesen Tee!“ sagte sie. Oma Liu trank das Schälchen mit einem Schluck leer und sagte lächelnd: „Gut schmeckt er schon, bloß ein bißchen dünn ist er. Wenn er stärker wäre, würde er besser schmecken.“ Die Herzoginmutter wie auch alle anderen lachten nur. Anschließend bekam jeder der anderen ein Deckelschälchen aus Seladonporzellan mit weiß durchschimmerndem Muster. Indes zupfte Miau-yü sowohl Bau-tschai als auch Dai-yü am Gewand, und die beiden folgten ihr nach draußen. Unauffällig ging Bau-yü hinterher und sah, wie Miau-yü sie in eines der Nebengebäude bat, wo sich Bau-tschai auf das Polsterbett setzte, während sich Dai-yü auf Miau-yüs Schilfmatte niederließ. Miau-yü fachte mit einem Fächer das Feuer im Öfchen an, brachte Wasser zum Sieden und brühte eine weitere Kanne Tee auf. Da trat Bau-yü in den Raum und sagte lächelnd: „Ihr trinkt also euren eigenen Tee!“ „Bist du uns wieder einmal hinterhergekommen, um dir etwas von unserem Tee zu erschleichen?“ fragten die beiden lächelnd. „Für dich gibt es nichts!“ Miau-yü wollte eben Trinkgefäße hervorholen, als eine Klosterdienerin die Schalen zurückbrachte, aus denen die anderen getrunken hatten. Rasch befahl Miau-yü: „Die Schale aus Tschëng-hua-Porzellan brauchst du nicht wegzustellen, laß sie draußen!“ Da war Bau-yü klar, daß Miau-yü die Teeschale nicht mehr haben wollte, weil Oma Liu daraus getrunken hatte und sie ihr nun als verschmutzt galt. Dann sah er, wie Miau-yü zwei andere Gefäße herausnahm. Eines davon hatte einen Henkel und trug die Inschrift ‚Der Kalebassenkrug‘ im altertümlichen Kanzleiduktus. Daneben stand in kleinen Normalschriftzeichen „Geliebt und geschätzt von Wang Kai unter der Herrschaft der Djin.“ Eine weitere Inschrift besagte „Gesehen von Su Schï aus Mee-schan im vierten Monat des fünften Jahres der Ära Yüan-fëng der Sung-Herrschaft in der Schatzkammer.“ Miau-yü goß Tee in den Krug und reichte ihn Bau-tschai. Das andere Gefäß hatte die Form einer Patra, war aber kleiner. Die drei Schriftzeichen in Perlsiegelschrift, die darauf eingraviert waren, bedeuteten „Kumme aus gepunktetem Rhinozeroshorn“. Miau-yü füllte auch die Kumme und gab sie Dai-yü. Dann nahm sie den grünen Jadebecher, aus dem sie gewöhnlich selber trank, und füllte ihn für Bau-yü.
Miau-yü. Aus: Gai Qi 1879. Lächelnd sagte Bau-yü: „Es heißt doch aber ‚Vor meinem Gesetz gelten alle gleichviel.‘ Aber die beiden bekommen seltene alte Kostbarkeiten und ich nur so ein gewöhnliches Ding.“ „Wenn das ein gewöhnliches Ding ist, möchte ich ohne jede Übertreibung behaupten, daß sich in eurer Familie wohl kaum so ein ‚gewöhnliches Ding‘ findet“, entgegnete Miau-yü. Lächelnd gab Bau-yü zurück: „‚Jedes Dorf hat seine Bräuche‘, sagt das Sprichwort, und so sinken bei dir natürlich Perlen, Gold und Jade zu gewöhnlichen Dingen herab.“ Höchlich geschmeichelt durch diese Worte, suchte Miau-yü einen Drachenhumpen hervor, der aus einer einzigen knorrig verkrümmten Bambuswurzel geschnitzt war, und sagte lächelnd: „Sonst habe ich nur noch diesen hier. Kannst du den austrinken?“ „Aber ja!“ versicherte Bau-yü fröhlich. Miau-yü jedoch sagte lächelnd: „Wenn du ihn auch austrinken könntest, habe ich doch nicht so viel Tee zu verschwenden. Hast du nie gehört, daß man sagt ‚Eine Schale ist zum Kosten, mit zweien stillt ein Dummkopf den Durst, mit dreien werden Rindviecher und Maultiere getränkt‘? Was wärst dann du, wenn du so einen Humpen leerst?“ Über diese Worten brachen Bau-tschai, Dai-yü und auch Bau-yü in Gelächter aus. Miau-yü aber nahm die Teekanne und goß nur so viel Tee in den Bambushumpen, wie ein Teeschälchen fassen mochte. Bau-yü trank mit viel Bedacht und fand den Tee wirklich unvergleichlich lieblich und rein. Sein Lob dafür nahm kein Ende. „Diesen Tee verdankst du nur ihnen beiden“, sagte Miau-yü ernsthaft. „Wenn du allein gekommen wärst, hätte ich dich nicht damit bewirtet.“ „Das ist mir klar“, versicherte Bau-yü lächelnd. „Darum werde ich auch nicht dir, sondern ihnen meinen Dank abstatten.“ „Das ist verständig gesprochen“, erwiderte Miau-yü. „Ist das auch vorjähriges Regenwasser?“ erkundigte sich Dai-yü. „Du mußt wirklich ein ganz gewöhnliches Geschöpf sein, wenn du das nicht herausschmeckst“, sagte Miau-yü mit abschätzigem Lächeln. „Das ist Schnee, den ich vor fünf Jahren, als ich im Kloster des Gekräuselten Weihrauchs am Hsüan-mu-Berg lebte, von Aprikosenblüten gesammelt habe. Ich hatte nur die kleine Kruke mit der schwarzblauen Glasur voll davon und hatte sie in der Erde vergraben, weil mir das Wasser zu schade war. Erst in diesem Sommer habe ich die Kruke aufgemacht und erst einmal davon getrunken. Heute ist das zweite Mal. Und das schmeckst du nicht heraus? Kann denn vorjähriges Regenwasser diesen lieblichen Geschmack haben? Das kann man doch nicht trinken!“ Dai-yü wußte, daß Miau-yü von Natur aus einen verschrobenen Charakter hatte, darum sagte sie nichts weiter und wollte auch nicht länger bleiben als nötig. Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, verständigte sie sich mit Bau-tschai, und beide gingen hinaus. „Jene Teeschale ist zwar besudelt, aber es wäre doch schade, sie unbenutzt herumstehen zu lassen“, sagte Bau-yü nun lächelnd zu Miau-yü. „Ich finde, es wäre das Beste, sie dieser armen alten Frau zu schenken. Wenn sie sie verkauft, kann sie davon leben. Bist du einverstanden?“ Miau-yü dachte kurz nach, dann erklärte sie nickend: „Meinetwegen! Glücklicherweise habe ich nie daraus getrunken. Sonst hätte ich sie eher zerschlagen, als sie der Alten zu geben. Wenn du sie ihr geben willst, bitte, es kümmert mich nicht! Ich überlasse sie dir, nur schaff sie schnell fort.“ „So muß es sein, das ist nur natürlich!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Wie könntest du mit ihr sprechen, ihr etwas geben oder etwas von ihr nehmen. Du würdest dich auch noch beschmutzen. Also gib die Schale nur mir!“ Miau-yü ließ sich die Schale bringen und reichte sie Bau-yü. Bau-yü nahm sie entgegen, dann bot er an: „Wenn wir gegangen sind, werde ich den Dienerknaben sagen, sie sollen dir ein paar Eimer Flußwasser bringen, damit du Wasser zum Wischen hast für den Boden. Einverstanden?“ „Das ist lieb“, sagte Miau-yü. „Nur sag ihnen, sie sollen die Eimer vor dem Tor an die Mauer stellen und nicht hereinkommen!“ „Das versteht sich von selbst“, versicherte Bau-yü, steckte die Teeschale in seine Ärmeltasche und gab sie dann einem der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter. „Wenn Oma Liu morgen geht, gibst du ihr das Teeschälchen mit!“ trug er ihr auf. Kaum hatte er diesen Befehl erteilt, trat die Herzoginmutter in den Hof hinaus, um zu gehen. Miau-yü gab sich auch keine besondere Mühe, sie zum Bleiben zu bewegen, und begleitete sie bis vor das Klostertor. Dort machte sie kehrt, ging wieder hinein und schloß hinter sich ab. Mehr ist hier von ihr nicht zu berichten. Die Herzoginmutter fühlte sich müde, darum ordnete sie an, Dame Wang und die Mädchen des Hauses sollten Tante Hsüä beim Weintrinken Gesellschaft leisten, während sie selbst sich im Reisduftdorf der Ruhe hingab. Rasch befahl Hsi-fëng, einen kleinen Tragstuhl aus Bambus zu bringen, die Herzoginmutter setzte sich darauf, und zwei Sklavenfrauen trugen sie, von Li Wan, Hsi-fëng und ihren Sklavenfrauen und -mädchen begleitet, fort. Mehr muß jetzt auch von ihr nicht die Rede sein. Nun verabschiedete sich auch Tante Hsüä, Dame Wang aber schickte Wën-guan und die anderen Schauspielerinnen weg, ließ die Speiseschachteln an die Sklavenmädchen verteilen und machte sich dann die Ruhepause zunutze, um sich auf dem Polsterbett auszustrecken, auf dem zuvor die Herzoginmutter gesessen hatte. Eines der kleineren Sklavenmädchen mußte den Türvorhang herunterlassen und ihr die Beine klopfen, dann befahl sie noch: „Wenn eine Nachricht von der alten gnädigen Frau kommt, machst du mich wach!“ Anschließend drehte sie sich auf die Seite und schlief ein. Bau-yü, Hsiang-yün und die anderen sahen zu, wie die Sklavenmädchen die Speiseschachteln auf Felsbrocken stellten und sich entweder ebenfalls auf die Felsbrocken oder aber ins Gras setzten, während andere sich an die Bäume lehnten oder ans Wasser stellten, was ein abwechslungsreiches Bild ergab. Bald darauf kam Yüan-yang zurück, um Oma Liu überall herumzuführen, und die anderen schlossen sich ihnen an, um etwas zum Lachen zu haben. Als sie an das Ehrentor mit der Inschrift ‚Villa des Elternbesuchs‘ kamen, sagte Oma Liu: „Oh, hier ist ja noch ein großer Tempel!“ Sie warf sich nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden, und schon krümmte sich alles vor Lachen. „Was gibt es da zu lachen?“ fragte Oma Liu. „Ich kenne doch diese Schriftzeichen auf dem Schmucktor. Es gibt bei uns viele solcher Tempel, und jeder hat so ein Tor. Die Inschrift darauf ist der Name des Tempels.“ „Und was haben wir hier für einen Tempel?“ fragten alle lächelnd. Oma Liu blickte auf und zeigte nach der Namenstafel. „Sind das nicht die vier Schriftzeichen ‚Thronsaal des Jadekaisers‘?“ fragte sie. Alle schlugen vor Vergnügen die Hände zusammen und stampften mit den Füßen auf. Sie hätten sich gern noch länger über Oma Liu lustig gemacht, aber diese spürte ein Rumoren im Bauch, deshalb zupfte sie rasch ein kleines Sklavenmädchen am Ärmel, erbat sich ein paar Blatt Papier von ihr und begann, ihre Kleider zu lösen. Alles lachte und schrie sie an: „Doch nicht hier!“ Eine alte Sklavin mußte dann Oma Liu nach Nordosten führen. Dort zeigte sie ihr, wo es war, und dann verschwand sie, froh, die Gelegenheit für eine Mittagsruhe nutzen zu können. Oma Liu hatte zuviel von dem Reiswein getrunken, der ihr nicht bekam, dazu hatte sie viel Fettes gegessen. Davon hatte sie dann Durst bekommen und deshalb reichlich Tee getrunken. Da war es kein Wunder, daß sie jetzt an Durchfall litt und ihr Geschäft erst nach längerer Zeit beenden konnte. Als sie den Abtritt verließ, wirkte zum einen der Wein, zum anderen stellte sich bei einem älteren Menschen wie ihr, der zu lange gehockt und zu plötzlich wieder aufgestanden war, ein Flimmern vor den Augen ein, so daß ihr der Kopf davon schwindelte und sie den rechten Weg nicht mehr fand. Als sie sich nach allen Seiten umschaute, waren ringsum Bäume und Felsen, Türme und Häuser zu sehen, aber wohin sie zu gehen hatte, wußte sie nicht. Darum folgte sie langsamen Schrittes einem gepflasterten Weg und kam bald an ein Gebäude, fand aber den Eingang nicht. Nach längerem Suchen stieß sie auf ein Flechtwerk aus Bambus und fragte sich: „Werden denn auch hier Kletterbohnen gezogen?“ Mit diesem Gedanken ging sie am Blumenspalier entlang und kam an ein kreisrundes Mondtor. Als sie hindurchtrat, stand sie vor einem Wasserbecken von nur sieben oder acht Tschï Breite, das mit Stein eingefaßt war und von klarem grünen Wasser durchflossen wurde. Über das Wasser führte eine Platte aus weißem Stein. Oma Liu schritt darüber hinweg und erreichte einen mit Steinen ausgelegten Durchgang, der sie zweimal um die Ecke führte und vor einer Tür endete. Sie trat ins Haus und erblickte ein Mädchen, das ihr lächelnd entgegenkam. Sofort sagte Oma Liu: „Ich bin den Fräulein verlorengegangen, da mußte ich mir selber einen Weg suchen und bin hierher geraten.“ Als das Mädchen nicht antwortete, trat Oma Liu näher, um es bei der Hand zu fassen, aber bums!, knallte sie an eine Holzwand, daß ihr der Schädel brummte. Da sah sie genauer hin und entdeckte, daß sie vor einem Bild stand. „Wie kann ein Bild nur so plastisch hervortreten?“ fragte sie sich. Dabei sah sie das Bild genauer an und befühlte es mit der Hand. Es war glatt und eben. Da nickte Oma Liu und seufzte ein paarmal, dann wandte sie sich um und fand sich vor einer kleinen Tür, in der ein weicher lauchgelber Vorhang mit Streublumenmuster hing. Als sie ihn hochhob und durch die Tür ins Zimmer trat, sah sie, daß hier alle vier Wände in zierlichster Weise mit Zithern, Schwertern, Vasen und Räuchergefäßen geschmückt waren, die man in die Wände eingelassen hatte. Überall gab es Atlasbezüge und Seidenhüllen, alles strahlte von Gold und Perlen, selbst die grünglasierten Fußbodenfliesen waren mit Mustern verziert. Von alledem flimmerte es Oma Liu dermaßen vor den Augen, daß sie nach der Tür suchte, um wieder hinauszugehen. Aber
Aus: Jinyuyuan 1889a. wo war die Tür? Links stand ein Büchergestell, rechts ein Wandschirm. Und als sie hinter diesem die Tür fand, trat ihr daraus die Mutter ihres Schwiegersohns entgegen. „Du hast dich wohl nach mir auf die Suche gemacht, weil ich so lange nicht nach Hause gekommen bin?“ fragte Oma Liu verwundert. „Welches von den Mädchen hat dich hierher geführt?“ Aber die Schwägerin lächelte nur und erwiderte nichts. „Du kennst dich wirklich nicht aus in der Welt!“ warf Oma Liu ihr lächelnd vor. „Da hast du gesehen, wie schön hier im Garten die Blumen blühen, und hast dir mir nichts, dir nichts den ganzen Kopf damit vollgesteckt.“ Als die andere wieder nichts sagte, fuhr Oma Liu plötzlich der Gedanke durch den Kopf: „Ich habe oft gehört, bei den reichen Leuten gebe es große Ankleidespiegel. Ist das etwa mein Spiegelbild?“ Sie streckte tastend die Hand aus und blickte genauer hin, da war es tatsächlich so. Ringsherum war eine durchbrochene Trennwand aus Padoukholz, in die der Spiegel eingefügt war. „Hier ist also zu“, sagte Oma Liu laut zu sich selbst. „und wo geht es hinaus?“ Während sie das sagte, tastete sie weiter mit den Händen herum und berührte dabei einen europäischen Schnapper, der am Spiegel angebracht war, gerade so stark, daß er aufging und der Spiegel eine Türöffnung freigab. Froh und verwundert trat Oma Liu durch die Tür und stand vor dem prächtigsten Bettvorhang, den man sich denken kann. Und weil sie zu sieben, acht Zehnteln betrunken war und sich müde gelaufen hatte, ließ sie sich auf das Bett plumpsen und murmelte: „Nur ein bißchen ausruhen!“ Ehe sie es sich versah, war sie hintenüber gesunken. Die Beine folgten von selber nach, die Augen fielen ihr zu, und während sie ihren Körper in die richtige Lage brachte, schlief sie auch schon. Im Garten aber warteten alle auf sie, und Ban-örl fing an zu heulen, weil seine Oma nicht wiederkam. „Sie wird doch nicht in die Abortgrube gefallen sein?“ fragte man sich schmunzelnd. „Wir müssen schnell jemand hinschicken, der nach ihr sieht!“ Also erhielten zwei Sklavenfrauen den Befehl, sich nach ihr auf die Suche zu machen, aber als sie wiederkamen, sagten sie: „Sie ist nicht da.“ Jetzt schauten sich alle an den verschiedensten Stellen um, doch Oma Liu blieb verschwunden. Da vergegenwärtigte sich Hsi-jën den Weg: „Wenn sie sich in ihrer Trunkenheit verlaufen hat, ist sie hier entlang von hinten an unser Gehöft gekommen. Durch das Blumenspalier müßte sie an die Hintertür gelangt sein, und wenn sie dort umhergeirrt ist, waren die kleineren Mädchen da und müssen sie bemerkt haben. Ist sie aber nicht durch das Blumenspalier gegangen, sondern weiter nach Südwesten, dann hat sie im besten Fall aus dem Garten hinausgefunden. Und wenn nicht, kann sie noch ein schönes Stück herumlaufen. Ich gehe nachsehen!“ Mit diesem Vorsatz ging sie zum Hof der Freude am Roten und rief dort. Aber die kleineren Sklavenmädchen hatten sich die Ruhe zunutze gemacht und waren verschwunden, um spielen zu gehen. Also trat Hsi-jën ins Haus, und als sie dort um die Stellage mit den Nippsachen bog, hörte sie ein donnerndes Schnarchen. Schnell ging sie weiter hinein und roch ein Gemisch von Weindunst und Fürzen. Sie sah sich um und entdeckte Oma Liu, die – alle viere von sich gestreckt – rücklings auf dem Bett lag. Hsi-jën bekam keinen schlechten Schreck. Rasch trat sie näher und rüttelte Oma Liu unsanft wach. Erschrocken riß Oma Liu die Augen auf, und als sie Hsi-jën erblickte, rappelte sie sich eilig hoch. „Es war unrecht von mir, Fräulein“, bekannte sie. „Aber ich habe den Bettvorhang nicht schmutzig gemacht.“ Und sie klopfte mit der Hand auf den Vorhang. Aus Furcht, Bau-yü würde davon erfahren, wenn Oma Liu noch jemand anders auf sich aufmerksam machte, gab Hsi-jën ihr mit der Hand ein Zeichen zu schweigen. Dann tat sie ein paar Hände voll gemischten Weihrauch in den Dreifußkessel und setzte anschließend den durchbrochenen Aufsatz wieder darauf. Sie schaffte ein wenig Ordnung und war nur froh, daß Oma Liu sich nicht übergeben hatte. „Schon gut“, sagte sie leise und mit lächelnder Miene, „ich bin ja da. Komm mit hinaus!“ Oma Liu folgte Hsi-jën in die Räume der kleineren Sklavenmädchen, wo sie sich hinsetzen mußte. Dann schärfte Hsi-jën ihr ein: „Du sagst, du seist betrunken gewesen und auf einem Felsbrocken an den Bergen eingeschlafen!“ „Ich verstehe“, sagte Oma Liu. Als sie dann noch zwei Schalen Tee von Hsi-jën bekommen hatte, war sie wieder nüchtern und fragte: „Welchem von den Fräulein gehören die Räume hier, daß sie so prächtig sind? Ich kam mir vor wie im Himmel!“ Hsi-jën lächelte fein, als sie ihr antwortete: „Das hier? Im Schlafzimmer des jungen Herrn bist du gewesen.“ Vor Schreck bekam Oma Liu keinen Ton mehr heraus. Hsi-jën ging mit ihr zum Vordertor hianus, und als sie wieder bei den anderen waren, sagte sie einfach, Oma Liu sei im Gras eingeschlafen gewesen, und sie habe sie zurückgebracht. Niemand kümmerte sich darum, und damit war die Sache abgetan. Ein Weilchen später war auch die Herzoginmutter wach, und im Reisduftdorf wurde das Abendessen gerichtet. Aber die Herzoginmutter hatte keinen Appetit, deshalb aß sie nichts und setzte sich in den Bambustragstuhl, um sich in ihre Räume zurücktragen zu lassen und dort zu ruhen. Sie befahl aber, Hsi-fëng und die anderen sollten essen gehen, und so kehrten die Mädchen in den Garten zurück. Wer wissen will, was weiter geschah, ...