Hongloumeng/de/Chapter 46

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Kapitel 46

尴尬人难免尴尬事

鸳鸯女誓绝鸳鸯偶

Erst als die vierte Nachtwache zu Ende ging, schlief also Dai-yü allmählich ein. Und mehr ist einstweilen von ihr nicht zu berichten. Hsi-fëng aber, die von Dame Hsing gerufen worden war und nicht wußte, worum es ging, zog sich rasch um, stieg in den Wagen und fuhr hinüber. Dame Hsing schickte alle Bedienten aus dem Raum, dann sagte sie leise: „Ich habe dich nur deshalb extra kommen lassen, weil ich in einer Klemme stecke, in die mich der gnädige Herr gebracht hat. Ich weiß nicht, was ich machen soll, deshalb möchte ich mich erst einmal mit dir beraten. Der gnädige Herr hat sich in Yüan-yang aus den Räumen der alten gnädigen Frau verguckt und möchte sie zur Nebenfrau haben. Darum hat er mich beauftragt, sie von der alten gnädigen Frau für ihn zu verlangen. Wie mir scheint, ist das eine ganz normale Sache, aber ich fürchte, die alte gnädige Frau wird Yüan-yang nicht hergeben wollen. Weißt du nicht einen Rat?“ „Meiner Meinung nach solltet Ihr Euch an so etwas nicht die Zähne ausbeißen“, erwiderte Hsi-fëng rasch. „Ohne Yüan-yang bekommt die alte gnädige Frau keinen Bissen herunter. Wie würde sie sich da von ihr trennen wollen?! Außerdem hat die alte gnädige Frau, wenn das Gespräch darauf kam, schon oft gefragt, wozu sich der gnädige Herr, der doch schon in die Jahre kommt, immer noch links und rechts Nebenfrauen nimmt. Zum einen mache er die Mädchen unglücklich, und zum anderen schade er seiner Gesundheit. Und anstatt seinen Posten ordentlich zu versehen, trinke er den ganzen Tag Wein mit seinen Nebenfrauen. Hört sich das für Euch so an, als ob sie den gnädigen Herrn sehr mag? Aber nicht genug damit, daß es ungewiß ist, ob er einem Zusammen­prall noch entgehen kann, stochert er dem Tiger mit einem Strohhalm in den Nasenlöchern herum. Seid mir nicht böse, gnädige Frau, aber ich wage das nicht zu übernehmen. Nicht nur, daß es keinen Sinn hat, es kommt nur Ärger dabei heraus. Wenn der gnädige Herr in seinem Alter so unpassende Dinge tut, müßtet Ihr ihm gut zureden. Schließlich ist es doch etwas anderes, als wenn ein Jüngerer so etwas macht. Da stört es nicht. Aber wie will er, der so einen Haufen Brüder, Neffen, Söhne und Enkel hat, den Leuten noch ins Gesicht sehen, wenn er sich dermaßen aufführt?“ „In anderen großen Familien haben die Söhne vielfach drei Nebenfrau­en und vier Beischläferinnen, und ausgerechnet wir dürfen das nicht?“ fragte Dame Hsing mit kühlem Lächeln. „Außerdem wird er sich sowieso kaum da­nach richten, was ich ihm rate. Aber die alte gnädige Frau wird es schlecht ablehnen können, wenn ihr ältester Sohn, der schon einen grauen Bart hat und ein Amt bekleidet, ihre Lieblingsmagd zu seiner Konkubine machen möchte. Ich habe dich kommen lassen, um mich mit dir zu beraten, du aber überhäufst mich mit Vorwürfen. Wollte ich denn dich schicken, um mit der alten gnädigen Frau zu sprechen? Zureden soll ich ihm, sagst du. Kennst du seinen Charakter immer noch nicht? Nicht nur, daß er sich nicht zureden läßt, als erstes würde er mir böse sein.“ Hsi-fëng wußte, daß Dame Hsing, von Natur aus dumm und halsstarrig, um ihrer Sicherheit willen Djia Schë in allen Dinge Gehorsam leistete und sich damit begnügte, Besitz und Reichtum anzuhäufen. Alle Familienangele­gen­heiten, ob groß oder klein, ließ sie Djia Schë allein entscheiden, die Ein- und Auszahlungen jedoch gingen durch ihre Hände. Und den ungewöhn­li­chen Geiz, den sie dabei an den Tag legte, begründete sie damit, daß Djia Schë ein Verschwender sei, was sie durch Sparsamkeit wett machen müsse. Weder auf ihre Kinder noch auf ihre Sklavinnen stützte sie sich, und sie ließ sich auch kein Wort von ihnen sagen. Als Hsi-fëng hörte, was Dame Hsing ihr zur Antwort gab, erkannte sie, daß sie wieder einmal ihre Mucken hatte und daß es zwecklos war, ihr zuzureden. Darum setzte sie schnell ein Lächeln auf und erwiderte: „Ihr habt ganz recht, gnädige Frau. Wie alt bin ich schon, und was weiß ich schon richtig einzuschätzen! Nicht nur eine Magd, selbst den größten Schatz würde die alte gnädige Frau ihrem Sohn geben. Wem sonst! Wie sollte man dem Glauben schenken, was sie mir unter vier Augen gesagt hat! Ich bin wirklich ein dummes Ding. Auch wenn der junge Herr Liän einmal etwas falsch gemacht hat, so daß ihn der gnädige Herr und die gnädige Frau vor Wut am liebsten auf der Stelle erschlagen hätten, war doch alles wieder gut, sobald sie ihm nur ins Gesicht sahen, und sie hätten ihm geschenkt, was ihnen lieb und teuer ist. Genauso wird jetzt natürlich die alte gnädige Frau den gnädigen Herrn behandeln. Mir schien, die alte gnädige Frau sei heute bei guter Laune, wenn Ihr also Yüan-yang von ihr verlangen wollt, dann verlangt sie jetzt! Ich werde vorfahren und die alte gnädige Frau zum Lachen bringen. Wenn Ihr dann kommt, gehe ich unter dem Vorwand hinaus, ich wolle nicht stören, und nehme auch die anderen mit, die im Zimmer sind. So könnt ihr in Ruhe mit der alten gnädigen Frau sprechen. Wenn sie dem gnädigen Herrn Yüan-yang überläßt, ist es gut, und wenn nicht, macht es auch nichts, weil niemand anders davon erfährt.“ Als Dame Hsing diese Worte hörte, wurde sie wieder froh und sagte: „Ich hatte nicht die Absicht, zuerst die alte gnädige Frau zu fragen, denn wenn sie nein sagt, ist die Sache geplatzt. Ich wollte zunächst einmal in aller Stille mit Yüan-yang sprechen. Sie wird sich zwar genieren, aber wenn ich ihr alles erklärt habe, wird sie natürlich nichts einzuwenden haben, und damit ist die Sache entschieden. Dann erst spreche ich mit der alten gnädigen Frau, und selbst wenn sie nicht mag, kann sie nichts machen, weil Yüan-yang einverstanden ist. ‚Wer gehen will, läßt sich nicht aufhalten‘, sagt man. So wird es bstimmt gelingen.“ „Ihr seid wirklich ein geschickter Stratege, gnädige Frau!“, schmeichelte Hsi-fëng lächelnd. „Dieser Plan ist einfach unfehlbar. Nicht nur Yüan-yang, auch jede andere möchte gern hochkommen und etwas aus sich machen. Wer würde nicht gern eine halbe Herrin werden, anstatt eine Magd zu bleiben und eines Tages mit einem Diener verheiratet zu werden!“ „Eben das ist es, was ich meine“, sagte Dame Hsing und lächelte ebenfalls. „Nicht nur Yüan-yang, auch jede von den verantwortlichen Mägden wäre gern dazu bereit. Fahr du nur schon hinüber, verrate aber kein Wort! Wenn ich zu Abend gegessen habe, komme ich nach.“ „Mit Yüan-yang ist nicht zu spaßen“, überlegte Hsi-fëng indessen still bei sich. „Und was man auch immer sagen mag, es ist nicht sicher, daß sie wirklich einverstanden ist. Wenn ich vorfahre und die gnädige Frau nachkommt, will das nichts besagen, sofern Yüan-yang nur zustimmt. Stimmt sie aber nicht zu, wird die gnädige Frau – mißtrauisch, wie sie ist – argwöhnen, ich hätte etwas verraten, und wird sich wer weiß wie aufspielen. Wenn sie sehen muß, daß ich recht hatte, wird ihre Scham zu Wut werden, und diese Wut wird sie an mir auslassen. Das wäre unangenehm. Darum ist es das beste, wir fahren zusammen hinüber. Dann ist es egal, ob Yüan-yang zustimmt oder nicht, auf mich kann kein Verdacht fallen.“ Nachdem sie diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, sagte sie lächelnd: „Als ich vorhin losfahren wollte, wurden mir eben aus dem Hause meines Onkels zwei Körbe Wachteln gebracht. Ich hatte befohlen, sie in Öl zu backen, und dachte, ich käme noch zurecht, sie Euch zum Abendessen herzuschicken. Und als ich hier zum Tor hereinkam, sah ich, wie die Dienerknaben einen Wagen hinausbrachten. Sie sagten, es sei Euer Wagen, der einen Riß habe, und sie wollten ihn zur Reparatur schaffen. Da wäre es doch gut, wenn Ihr mit in meinen Wagen steigt, und wir fahren gemeinsam hinüber!“ Als Dame Hsing das hörte, rief sie nach ihren Sklavinnen, um sich umzuziehen, und rasch ging ihr Hsi-fëng dabei zur Hand. Dann setzten sich Schwiegermutter und Schwiegertochter zusammen in den Wagen und fuhren hinüber. Dort angekommen, sagte Hsi-fëng: „Es wäre unangenehm, wenn ich Euch zur alten gnädigen Frau begleiten und sie fragen würde, warum wir gemeinsam kämen. Darum ist es besser, Ihr geht vor, und ich komme nach, wenn ich meine Ausgehkleider abgelegt habe.“ Dame Hsing fand es vernünftig, was Hsi-fëng sagte, und ging allein zur Herzoginmutter. Nachdem sie ein Weilchen mit ihr geplaudert hatte, gab sie vor, Dame Wang besuchen zu wollen, und ging durch die Hintertür hinaus. Als sie an Yüan-yangs Schlafraum vorbeikam, sah sie, daß Yüan-yang dasaß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Beim Anblick von Dame Hsing stand sie rasch auf. Lächelnd sprach Dame Hsing sie an: „Was machst du da? Laß mich einmal sehen! Deine Muster werden immer besser.“ Mit diesen Worten nahm sie ihr die Nadelarbeit aus der Hand, sah sie sich an und lobte sie in einem fort. Dann legte sie die Arbeit hin und musterte Yüan-yang von Kopf bis Fuß. Sie sah, daß sie eine abgetragene Jacke aus zartlila Seide und eine Überweste aus dunkelblauem Atlas trug, die mit andersfarbiger Borte eingefaßt war, und unten herum einen blaßgrünen Rock. Ihre Taille war zart, ihr Rücken schmal, das Gesicht oval wie ein Entenei, die Haare schwarz und ölglänzend, die Nase setzte hoch an, und beide Wangen waren leicht mit Sommersprossen gesprenkelt. Als Yüan-yang sich dermaßen beäugt sah, fühlte sie sich unangenehm berührt und bekam einen Schreck. „Was macht Ihr um diese Stunde hier, gnädige Frau?“ fragte sie lächelnd. Dame Hsing warf ihren Begleiterinnen einen Blick zu, und sie gingen hinaus. Dann setzte sie sich hin, faßte nach Yüan-yangs Hand und sagte lächelnd: „Ich komme extra, um dir eine frohe Botschaft zu bringen.“ Bei diesen Worten ahnte Yüan-yang schon zu drei Zehnteln, worum es ging, und unwillkürlich wurde sie rot. Sie senkte den Kopf, sprach kein Wort und hörte, wie Dame Hsing weiter sagte: „Du weißt, daß der gnädige Herr niemand hat, auf den er sich verlassen kann. Er würde gern jemand kaufen, doch es ist zu befürchten, daß man bei den Händlern nichts Sauberes bekommt. Außerdem kann man nicht wissen, was so eine für Mängel hat. Man nimmt sie ins Haus, und nach drei Tagen fängt sie dann an, verrückt zu spielen. Also haben wir uns im ganzen Anwesen unter den Töchtern der Fa­mi­lien­sklaven umgesehen, um eine zu uns zu nehmen, aber wir konnten nie-

Yüan-yang. Aus: Gai Qi 1879. mand Ordentliches finden. Entweder war ihr Aussehen nicht gut oder ihr Charakter, und wer den einen Vorzug hatte, dem fehlte ein anderer. So haben wir ein halbes Jahr lang ganz nüchtern unter allen Mädchen gewählt, und du warst die Beste von allen. Aussehen, Betragen, Sanftmut und Zuverlässigkeit, alles ist vorhanden. Darum wollten wir die alte gnädige Frau bitten, daß du zu uns kommst. Du wirst es natürlich besser haben als eine, die man neu gekauft hat. Sobald du bei uns im Hause bist und dein Gesicht zurechtgemacht ist, wird man dich Nebenfrau nennen, und du wirst Ansehen und Ehre genießen. Du bist doch ein ehrgeiziger Mensch, und wie das Sprichwort sagt, „Gold kann man nur gegen Gold eintauschen.“ Nachdem jetzt der gnädige Herr an dir Gefallen gefunden hat, kann sich alles erfüllen, was du dir mit stolzem Sinn und strebsamem Herzen erträumt hast, und allen, die dich verachten, wird der Mund gestopft. Also komm mit mir zur alten gnädigen Frau!“ Bei diesen Worten griff sie wieder nach Yüan-yangs Hand und wollte losgehen. Yüan-yang aber errötete, zog ihre Hand zurück und ging nicht mit. In der Annahme, daß sich Yüan-yang geniere, sagte Dame Hsing: „Es ist doch nichts Peinliches dabei, du brauchst nicht einmal etwas zu sagen. Nur mitkommen mußt du.“ Aber Yüan-yang senkte den Kopf und rührte sich nicht. „Willst du etwa nicht?“ fragte Dame Hsing. „Wenn du wirklich nicht willst, bist du einfach ein dummes Ding, das lieber eine Magd bleibt, als eine Herrin zu werden. Über kurz oder lang würdest du mit einem Diener verheiratet werden und eine Sklavin bleiben. Also komm mit! Du weißt, daß ich einen friedfertigen Charakter habe und kein Mensch bin, der andere nicht gewähren läßt. Auch der gnädige Herr behandelt Euch gut. Und wenn du übers Jahr erst ein Kindchen hast, stehst du auf einer Stufe mit mir. Niemand im Haus wird es wagen, deinen Befehlen nicht Folge zu leisten, beinahe wie eine Herrin würdest du sein. Wenn du aber jetzt die Gelegenheit ungenutzt verstreichen läßt, wird deine Reue zu spät kommen.“ Yüan-yang hielt weiter den Kopf gesenkt und sagte kein Wort. Da fuhr Dame Hsing wieder fort: „Du warst doch sonst immer geradeheraus, warum bist du jetzt so verstockt? Wenn dir etwas nicht paßt, dann sag es mir nur, und ich werde dafür sorgen, daß alles nach deinen Wünschen geschieht.“ Als Yüan-yang weiter schwieg, setzte Dame Hsing lächelnd hinzu: „Wahrscheinlich hast du Vater und Mutter und möchtest nicht selber reden, weil dir das peinlich ist. Deshalb möchtest du warten, bis sie dich fragen. Das ist natürlich ganz in der Ordnung. Also werde ich mich an sie wenden, damit sie mit dir sprechen. Und wenn du etwas sagen möchtest, dann sag es nur ihnen!“ Mit diesen Worten ging sie fort und begab sich in die Räume von Hsi-fëng. Hsi-fëng hatte sich längst umgezogen, und weil sonst niemand anwesend war, erzählte sie die Sache Ping-örl. Ping-örl schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Meiner Meinung nach geht das noch lange nicht in Ordnung. Nach dem, was sie geäußert hat, wenn wir unter uns waren, wird sie zu so etwas nicht bereit sein. Aber warten wir‘s ab!“ „Bestimmt wird die gnädige Frau hierher kommen, um sich mit mir zu beraten“, sagte Hsi-fëng. „Wenn sie Yüan-yangs Zustimmung hat, ist nichts weiter dabei, aber wenn nicht und sie hat sich eine Abfuhr geholt, dann muß deine Gegenwart ihr peinlich sein. Also sag Bescheid, man solle die Wachteln zubereiten und noch ein paar andere Gerichte dazu, was eben da ist, damit wir essen können. Du aber geh irgendwo spazieren und komm erst wieder, wenn man vermuten kann, daß sie fort ist!“ Ping-örl gab den Auftrag wie üblich an die Sklavenfrauen weiter und schlenderte dann unbekümmert in den Garten hinüber. Unterdessen sagte sich Yüan-yang, als Dame Hsing fortging, sie werde sich bestimmt mit Hsi-fëng beraten gehen, und es würden andere kommen, um mit ihr zu sprechen, weshalb es das beste sei, von hier zu verschwinden. Also suchte sie Hu-po und bat sie: „Wenn die alte gnädige Frau nach mir fragt, sagst du, mir sei nicht wohl und ich hätte kein Frühstück gegessen. Jetzt sei ich im Garten und käme dann wieder.“ Hu-po versprach es, und so begab sich Yüan-yang in den Garten, wo sie überall umherstreifte, bis sie unverhofft Ping-örl in die Arme lief. Da niemand weiter dabei war, sagte Ping-örl lächelnd: „Da kommt ja die neue Nebenfrau!“ Yüan-yang wurde rot und erwiderte: „So ist das also! Ihr habt euch wohl alle abgesprochen, über mich zu bestimmen? Warte nur, wenn ich zu deiner Herrin gehe und Krach schlage!“ Ping-örl bereute, daß ihr diese Worte entschlüpft waren. Sie faßte Yüan-yang bei der Hand und zog sie mit sich zu einem Felsbrocken unter einem Ahornbaum, wo sie Platz nahmen. Dann erzählte sie Yüan-yang freimütig den Hergang, wie Hsi-fëng bei Dame Hsing gewesen war und was sie besprochen hatten. Wieder wurde Yüan-yang rot und sagte mit verächtlichem Lächeln: „Das also ist unsere Freundschaft! Was hatten wir Hsi-jën, Hu-po, Su-yün, Dsï-djüan, Tsai-hsia, Yü-tschuan, Schë-yüä und Tsuee-mo, auch Tsuee-lü, die Fräulein Schï gefolgt ist, Kë-jën und Djin-tschuan, die beide tot sind, Tjiän-hsüä, die fortgegangen ist, und schließlich dir von klein auf nicht alles anvertraut und mit euch geteilt! Aber jetzt sind alle groß geworden, und jede geht ihre eigenen Wege. Aber ich fühle noch genauso wie früher und verheimliche euch nicht, was ich denke und tue. Darum will ich dir auch das noch ans Herz legen, was du aber nicht der jungen Herrin weitersagen darfst: Nie – nicht jetzt, wo mich der gnädige Herr zu seiner Nebenfrau machen will, und selbst dann nicht, wenn die gnädige Frau stürbe und er mich mit drei Vermittlern und sechs Zeugen zu seiner Hauptfrau machen wollte – niemals wäre ich dazu bereit!“ Gerade wollte Ping-örl ihr lächelnd eine Antwort geben, als hinter dem Felsbrocken jemand auflachte und sagte: „Schamloses Ding! Wie kannst du so etwas sagen!“ Erschrocken fuhren die beiden herum, dann standen sie rasch auf und schauten hinter den Felsen. Da war es niemand anders als Hsi-jën, die ihnen lächelnd entgegentrat und fragte: „Worum geht es denn? Das müßt ihr mir erzählen!“ Sie setzten sich zu dritt auf den Felsbrocken, dann wiederholte Ping-örl noch einmal, was sie eben Yüan-yang berichtet hatte. Als Hsi-jën die Geschichte gehört hatte, sagte sie: „Also wirklich! Auch wenn unsereins das nicht sagen dürfte, aber der ältere gnädige Herr ist weibstoll! Wenn eine auch nur einigermaßen gut aussieht, läßt er nicht die Finger von ihr.“ „Wenn du ihn nicht willst, werde ich dir ein Mittel sagen, wie du ihn ohne viel Umstände los wirst“, bot Ping-örl an. „Und was ist das für ein Mittel?“ fragte Yüan-yang. „Sag es mir!“ „Sprich mit der alten gnädigen Frau und laß sie sagen, sie wolle dich bereits dem jungen Herrn Liän geben“, sagte Ping-örl lächelnd, „dann kann der ältere gnädige Herr dich schlecht für sich verlangen.“ „Pfui! Was bist du nur für ein Biest!“ schimpfte Yüan-yang und spuckte aus. „Neulich hat schon deine Herrin so einen Unfug geredet, und heute fängst du auch damit an.“ „Wenn du sie beide nicht willst, werde ich mit der alten gnädigen Frau sprechen, damit sie sagt, sie habe dich bereits Bau-yü versprochen“, schlug Hsi-jën jetzt lächelnd vor. „Dann wird der ältere gnädige Herr genauso davon ablassen.“ Wütend, beschämt und erregt schimpfte Yüan-yang: „Ihr beiden Spitzbeine sollt keines guten Todes sterben! Da hat man einen Kummer und vertraut ihn euch an, weil man meint, ihr wärt ordentliche Leute, die einem aus der Klemme helfen, und statt dessen macht ihr euch lustig über einen. Ihr meint, eure Zukunft sei gesichert, und eines Tages würdet ihr beide Nebenfrauen sein, aber mir scheint, es geht nicht alles nach Wunsch auf dieser Welt. Darum haltet euch ein bißchen zurück und freut euch nicht zu sehr!“ Als die beiden sahen, wie Yüan-yang sich ereiferte, redeten sie ihr lächelnd zu: „Du mußt nicht an uns zweifeln! Von klein auf sind wir wie leibliche Schwestern miteinander und erlauben uns nur einmal einen Spaß, wenn sonst niemand dabei ist. Sag uns, was du machen willst, damit wir beruhigt sind!“ „Was soll ich groß machen?“ fragte Yüan-yang. „Ich gehe nicht zu ihm, und damit basta!“ Kopfschüttelnd gab ihr Ping-örl zu bedenken: „Wenn du nicht zu ihm gehst, wird er dich kaum in Ruhe lassen. Du kennst ja seine Art. Zwar dienst du in den Räumen der alten gnädigen Frau, und er kann dir einstweilen nichts anhaben, aber du kannst ja auch nicht dein Leben lang bei der alten gnädigen Frau bleiben. Wenn du später einmal fort willst und fällst ihm dann in die Hände, sieht es böse für dich aus.“ Mit verächtlichem Lächeln gab Yüan-yang zur Antwort: „Solange die alte gnädige Frau lebt, bleibe ich bei ihr. Und wenn sie eines Tages ins Paradies eingeht, muß er jedenfalls drei Jahre in Trauer leben. So etwas gibt es ja nicht, daß jemand eine Nebenfrau nimmt, kaum daß seine Mutter gestorben ist. Und was einmal sein wird, wenn die drei Jahre um sind, werden wir dann sehen! Schlimmstenfalls schneide ich mir das Haar ab und werde Nonne. Auch der Tod ist nicht zu verachten. Was würde es schon ausmachen, wenn ich mein ganzes Leben lang keinen Mann bekäme? Froh und sorglos würde ich sein!“ Lächelnd erwiderten Ping-örl und Hsi-jën: „Dieses Spitzbein kennt wirklich keine Scham! Sie redet, was ihr gerade in den Sinn kommt.“ „Was macht schon das bißchen Schmach, wenn es nun einmal so weit gekommen ist?“ fragte Yüan-yang. „Wenn ihr mir nicht glaubt, dann wartet‘s nur ab! Vorhin hat die gnädige Frau gesagt, sie wolle mit meinen Eltern sprechen. Das möchte ich sehen, wie sie nach Nan-djing fährt!“ „Deine Eltern sind nicht mit hergekommen, weil sie in Nan-djing den dortigen Hausbesitz hüten“, sagte Ping-örl. „Aber eines Tages wird die Herrin sie doch finden. Außerdem sind dein älterer Bruder und deine Schwägerin mit hier. Es ist ein Pech, daß du im Hause geboren bist und nicht allein hier bist wie wir beide.“ „Und was hat es zu bedeuten, daß ich im Hause geboren bin?“ wollte Yüan-yang wissen. „‚Wenn das Rind nicht saufen will, drückt man ihm den Kopf mit Gewalt nieder‘, ja? Können sie etwa meine Eltern umbringen, wenn ich ihn nicht mag?“ Als sie das eben sagte, sahen sie Yüan-yangs Schwägerin kommen, und Hsi-jën äußerte die Vermutung: „Bestimmt haben sie mit deiner Schwägerin gesprochen, weil deine Eltern nicht zu erreichen sind.“ „Überall muß diese Hure ihre Finger im Spiel haben!“ schimpfte Yüan-yang. „Natürlich möchte sie ihnen gefällig sein, kaum daß sie von der Sache gehört hat!“ Während sie das eben sagte, stand ihre Schwägerin auch schon vor ihr und sprach sie lächelnd an: „Deshalb also konnte ich dich dort nicht finden, weil du hierher gelaufen bist! Komm mit, ich habe mit dir zu reden!“ Ping-örl und Hsi-jën baten rasch, sie solle doch Platz nehmen, aber die Frau erwiderte: „Bleibt nur sitzen! Ich muß ihr etwas sagen.“ Ping-örl und Hsi-jën taten so, als ob sie von nichts wüßten, und fragten: „Was gibt es denn so Dringendes? Wir raten hier Rätsel, und wer gewinnt, darf Backpfeifen hauen. Laßt sie bleiben, bis wir das letzte heraus haben!“ Yüan-yang aber sagte: „Was willst du? Sag es mir nur!“ Lächelnd erwiderte ihre Schwägerin: „Komm nur mit! Ich sage es dir, wenn wir dort sind. Auf jeden Fall ist es etwas Schönes!“ „Ist es das, was dir die ältere gnädige Frau gesagt hat?“ wollte Yüan-yang wissen. „Was sträubst du dich noch, wenn du es schon weißt?“ fragte die Schwägerin. „Komm schnell mit, damit ich dir alles genau erzählen kann. Das ist doch ein riesengroßes Glück!“ Als Yüan-yang diese Worte vernahm, stand sie auf und spuckte ihrer Schwägerin mit voller Wucht ins Gesicht. Dann richtete sie ihren Finger gegen sie und schimpfte: „Halt dein dreckiges Maul und verschwinde, das wäre das beste für dich! Was heißt hier ‚etwas Schönes‘? Etwas Schönes wäre ein Adlerbild des Sung-Kaisers Huee-dsung oder ein Pferdebild von Dschau Dsï-ang. Was heißt hier ‚Glück‘? Von Glück kann man sprechen, wenn man die Pocken übersteht. Kein Wunder, daß ihr neidisch seid, wenn jemandes Tochter zur Nebenfrau gemacht wird und die ganze Familie sich nun mit ihrer Hilfe tyrannisch und eigenmächtig gebärdet, als ob sie alle Nebenfrauen wären. Das ist dir so vertraut, daß du auch mich ins Elend stoßen möchtest. Wenn ich Gefallen finde, könnt ihr euch großartig als Verwandte aufspielen, und wenn ich keinen Gefallen finde, zieht ihr einfach eure Schildkrötenhälse ein, und ich kann sehen, wo ich bleibe.“ Während sie das sagte, liefen ihr die Tränen herab, Ping-örl und Hsi-jën aber hielten sie zurück und redeten ihr gut zu. Der Schwägerin war die Sache peinlich, und so sagte sie: „Ob du willst oder nicht, mußt du entscheiden. Aber deshalb brauchst du nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Und wie das Sprichwort sagt: ,In Gegenwart von Kleinwüchsigen spricht man nicht über Zwerge.‘ Wenn du mich beschimpfst, wage ich nichts zu erwidern. Die beiden Fräulein aber haben dir nichts getan, glaubst du, es sei ihnen angenehm, wenn du dich hier des langen und breiten über Nebenfrauen ausläßt?“ Rasch sagten Hsi-jën und Ping-örl: „So etwas dürft Ihr nicht sagen! Von uns hat sie nicht gesprochen, also solltet auch Ihr nicht vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Wer will denn uns zu Nebenfrauen erheben? Wir haben auch gar keine Eltern und Geschwister hier im Hause, die sich auf uns stützen könnten, um sich tyrannisch und eigenmächtig aufzuspielen. Sie weiß schon, über wen sie schimpft, und wir haben keinen Grund, sie zu verdächtigen.“ „Es war ihr peinlich, daß ich sie beschimpft habe“, sagte Yüan-yang, „und um davon abzulenken, wollte sie euch gegen mich aufstacheln. Ein Glück, daß ihr so verständig seid! In meiner Aufregung habe ich keine Unterschiede gemacht, und das war es, wo sie einhaken wollte.“ Jetzt wurde es ihrer Schwägerin zuviel, und sie ging wütend fort. Yüan-yang aber war so erregt, daß sie weiterschimpfte, und erst als Ping-örl und Hsi-jën ihr noch eine Weile gut zugeredet hatten, ließ sie davon ab. „Wozu hattest du dich eigentlich dort versteckt?“ erkundigte sich Ping-örl jetzt bei Hsi-jën. „Wir hatten dich gar nicht gesehen.“ „Ich war zu Fräulein Hsi-tschun gegangen, um unsern jungen Herrn zu suchen, kam aber einen Augenblick zu spät. Man sagte, er sei schon nach Hause gegangen“, erklärte Hsi-jën. „Ich wunderte mich, daß ich ihn nicht getroffen hatte, und wollte zu Fräulein Lin gehen, um ihn dort zu suchen. Aber dann traf ich jemand aus ihren Räumen und erfuhr, daß er dort nicht gewesen ist. Als ich mich eben fragte, ob er vielleicht den Garten verlassen hat, sah ich dich kommen und habe mich versteckt, ohne daß du es bemerktest. Dann kam auch noch sie, und ich huschte von dem Baum dort hinter den Felsen. Ich habe euch beobachtet, als ihr euch unterhieltet, ihr aber habt mich auch mit vier Augen nicht gesehen...“ Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als plötzlich hinter ihnen jemand sagte: „Dich haben sie mit vier Augen nicht gesehen, aber mich habt ihr auch mit sechs Augen nicht gesehen!“ Alle drei fuhren vor Schreck zusammen, und als sie sich umwandten, sahen sie, daß es niemand anders war als Bau-yü. „Da kann ich dich lange suchen!“ sagte Hsi-jën lächelnd. „Wo warst du?“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Bau-yü: „Als ich bei Hsi-tschun wegging, kamst du mir entgegen, und ich konnte mir denken, daß du mich holen wolltest. Da habe ich mich versteckt, um dich anzuführen, und habe zugesehen, wie du mit gesenktem Kopf an mir vorbeikamst, ins Haus gingst, wieder herauskamst und schließlich jemand fragtest, der dir entgegenkam. Ich habe mich schön amüsiert und wollte warten, bis du wieder heran bist, um dir einen Schreck einzujagen, aber dann sah ich, wie auch du dich versteckt hast, und wußte, daß du ebenfalls jemand anführen wolltest. Als ich den Kopf hervorstreckte, sah ich die beiden, darum habe ich einen Bogen gemacht, bis ich hinter dir war, und als du vorgekommen bist, bin ich in dein Versteck geschlüpft.“ „Wenn wir nachsehen gehen, finden wir vielleicht noch zwei, die sich dort versteckt haben!“ unterbrach ihn Ping-örl lächelnd. Aber Bau-yü versicherte: „Weiter ist niemand da!“ Inzwischen sagte sich Yüan-yang, daß Bau-yü alles gehört haben mußte, darum legte sie sich auf den Felsbrocken und stellte sich schlafend. Bau-yü stieß sie an und sagte lächelnd: „Auf dem Stein ist es kalt. Gehen wir ins Haus, und du schläfst dort! Ist das nicht besser?“ Damit zog er Yüan-yang in die Höhe und bat auch Ping-örl, mitzukommen und Tee zu trinken. Aber erst als auch Ping-örl und Hsi-jën auf Yüan-yang einredeten, sie solle doch mitkommen, stand sie auf, und nun gingen sie zu viert zum Hof der Freude am Roten. Bau-yü hatte wirklich die ganze Auseinandersetzung mit angehört und war alles andere als froh darüber. Darum streckte er sich stumm auf seinem Bett aus und ließ die drei im Vorzimmer miteinander plaudern. Inzwischen hatte sich Dame Hsing bei Hsi-fëng nach Yüan-yangs Eltern erkundigt. „Ihr Vater heißt Djin Tsai“, gab Hsi-fëng Auskunft. „Zusammen mit seiner Frau hütet er die Häuser in Nan-djing und kommt seit jeher nur selten in die Hauptstadt. Ihr älterer Bruder heißt Djin Wën-hsiang und ist jetzt Einkäufer für die alte gnädige Frau, ihre Schwägerin aber steht bei der alten gnädigen Frau den Wäscherinnen vor.“ Daraufhin hatte Dame Hsing befohlen, Yüan-yangs Schwägerin zu rufen, und hatte ihr alles genau erklärt. Die Schwägerin war natürlich begeistert und hatte sich freudestrahlend auf die Suche nach Yüan-yang gemacht. Sie hatte nichts anderes geglaubt, als daß Yüan-yang auf Anhieb einverstanden sein würde, aber dann war sie von Yüan-yang mit Vorwürfen überhäuft worden, und auch Hsi-jën und Ping-örl hatten ihr die Meinung gesagt. So kam sie beschämt wieder zurück und sagte zu Dame Hsing: „Es hat keinen Zweck gehabt. Im Gegenteil, sie hat mich beschimpft.“ Weil Hsi-fëng anwesend war, wagte sie nicht, Ping-örl zu erwähnen, und fügte nur hinzu: „Auch Hsi-jën hat ihr beigestanden und hat mich geschmäht. Sie hat mir viele ungezogene Sachen gesagt, die ich vor den Herrschaften nicht wiederholen kann. Ihr solltet Euch mit dem gnädigen Herrn beraten und doch besser eine Nebenfrau kaufen. Dieses kleine Spitzbein hat so ein großes Glück nicht verdient, und auch wir sind nicht dafür geboren!“ „Was hat Hsi-jën damit zu tun, und woher wußte sie überhaupt davon?“ fragte Dame Hsing. Dann fügte sie hinzu: „Wer war außer ihr noch dabei?“ „Fräulein Ping-örl“, erwiderte Yüan-yangs Schwägerin. „Eine Ohrfeige hättest du ihr geben sollen!“ sagte Hsi-fëng sofort. „Kaum daß ich das Haus verlasse, geht sie spazieren. Als ich zurückkam, war kein Schatten von ihr zu entdecken. Bestimmt hat auch sie Yüan-yang beigestanden! Was hat sie gesagt?“ „Fräulein Ping-örl war nicht direkt mit dabei“, schränkte Yüan-yangs Schwägerin ein. „Von weitem sah es so aus, als ob sie es wäre, aber genau konnte ich sie nicht erkennen. Ich habe das nur vermutet.“ Hsi-fëng aber befahl: „Geht sie schnell holen! Sagt ihr, ich sei zurück, auch die gnädige Frau sei hier, und sie müsse uns einen Gefallen tun.“ Rasch trat Fëng-örl vor und berichtete: „Fräulein Lin hatte drei oder vier Mal jemand geschickt, um sie zu sich zu bitten, bis sie dann gegangen ist. Sobald Ihr zu Hause wart, wollte ich sie holen, aber Fräulein Lin hat gesagt: ‚Bestell deiner Herrin, daß ich sie für etwas brauche!‘“ Jetzt erst gab Hsi-fëng Ruhe, bemerkte aber noch: „Was ist das nur, wozu sie sie jeden Tag braucht?“ Dame Hsing, die nun nichts weiter tun konnte, aß etwas, dann begab sie sich nach Hause zurück und erzählte am Abend Djia Schë, was sich ereignet hatte. Djia Schë dachte kurz nach, dann ließ er Djia Liän rufen und befahl: „Um in Nan-djing die Häuser zu hüten, ist nicht nur die eine Familie dort. Laß sofort Djin Tsai hierher kommen!“ „Im letzten Brief aus Nan-djing stand, Djin Tsai sei infolge von Schleimfluß nicht mehr bei Sinnen“, berichtete Djia Liän. „Das Silber für seinen Sarg ist schon angewiesen. Ob er jetzt noch am Leben ist, weiß ich nicht. Aber selbst dann hätte es keinen Zweck, ihn herkommen zu lassen, denn er ist nicht mehr von dieser Welt. Seine Frau aber ist taub.“ Djia Schë schrie vor Wut auf, als er das hörte. Dann schimpfte er: „Nichtswürdiges Sträflingspack! Du weißt das natürlich ganz genau! Raus mit dir!“ Verwirrt zog sich Djia Liän zurück. Als Djia Schë kurz darauf befahl, Djin Wën-hsiang zu holen, wartete Djia Liän im äußeren Bibliothekszimmer und wagte nicht, nach Hause zu gehen. Ebensowenig wollte er erneut vor seinen Vater treten. So blieb ihm weiter nichts übrig, als zu lauschen, und bald hörte er, wie Djin Wën-hsiang kam und sofort von den Sklavenjungen hineingeführt wurde. Erst nach einer Zeit, in der man fünf, sechs Schalen Reis hätte essen können, kam er wieder heraus und ging fort.Tsai sei infolge von Schleimfluß nicht mehr bei Sinnen“, berichtete Djia Liän. „Das Silber für seinen Sarg ist schon angewiesen. Ob er jetzt noch am Leben ist, weiß ich nicht. Aber selbst dann hätte es keinen Zweck, ihn herkommen zu lassen, denn er ist nicht mehr von dieser Welt. Seine Frau aber ist taub.“ Djia Schë schrie vor Wut auf, als er das hörte. Dann schimpfte er: „Nichtswürdiges Sträflingspack! Du weißt das natürlich ganz genau! Raus mit dir!“ Verwirrt zog sich Djia Liän zurück. Als Djia Schë kurz darauf befahl, Djin Wën-hsiang zu holen, wartete Djia Liän im äußeren Bibliothekszimmer und wagte nicht, nach Hause zu gehen. Ebensowenig wollte er erneut vor seinen Vater treten. So blieb ihm weiter nichts übrig, als zu lauschen, und bald hörte er, wie Djin Wën-hsiang kam und sofort von den Sklavenjungen hineingeführt wurde. Erst nach einer Zeit, in der man fünf, sechs Schalen Reis hätte essen können, kam er wieder heraus und ging fort. Noch traute sich Djia Liän nicht, nachzufragen, und als er es nach einiger Zeit tat, erfuhr er, Djia Schë habe sich schlafen gelegt. Nun ging er in seine Räume hinüber, und erst als ihm Hsi-fëng alles erklärte, verstand er, worum es ging. Yüan-yang fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Am nächsten Morgen bat ihr Bruder die Herzoginmutter, sie zu sich nach Hause auf Urlaub nehmen zu dürfen. Die Herzoginmutter stimmte zu und befahl Yüan-yang zu gehen. Yüan-yang wollte zwar nicht, aber da sie Angst hatte, die Herzoginmutter könne einen Verdacht schöpfen, mußte sie notgedrungen folgen. Ihr Bruder konnte nichts anderes tun, als ihr Djia Schës Worte zu wiederholen, und malte ihr aus, welche Ehre es für sie wäre und wie sie den Haushalt leiten würde, wenn sie erst Nebenfrau wäre. Aber Yüan-yang biß die Zähne zusammen und lehnte ab. Da blieb ihrem Bruder keine andere Wahl, als wieder zu Djia Schë zu gehen und ihm dies zu berichten. Wütend erklärte Djia Schë: „Hör zu, was ich dir sage, und laß es ihr von deiner Frau überbringen! Schöne Frauen mögen von alters her junge Burschen. Sicher verachtet sie mich, weil ich alt bin, und schmachtet nach den jungen Herrn. Wahrscheinlich hat sie sich in Bau-yü vergafft, vielleicht aber auch in Djia Liän. Wenn das wirklich so ist, soll sie sich das nur aus dem Kopf schlagen! Wer würde es wagen, sie noch zu nehmen, nachdem ich sie gewollt habe und sie mich abgewiesen hat! Das ist das eine. Zum anderen meint sie wohl, weil die alte gnädige Frau sie gern hat, wer­de sie sie natürlich nach draußen verheiraten, so daß sie jemandes Haupt­frau wird. Aber sie soll sich einmal gut überlegen, ob sie mir wohl entgehen kann, egal wen sie auch heiraten wird. Wenn sie nicht gerade stirbt oder ihr Leben lang ledig bleibt, werde ich sie schon unterkriegen. Sonst aber ist es das beste für sie, sich rechtzeitig zu besinnen und Vernunft anzunehmen.“ Bei jedem Satz, den Djia Schë sprach, hatte Djin Wën-hsiang „Ja­wohl!“ gesagt. Jetzt fuhr Djia Schë fort: „Versuch nicht, mich anzuführen! Morgen schicke ich noch einmal die gnädige Frau zu Yüan-yang. Wenn Ihr ihr alles gesagt habt, und sie will nicht, trifft Euch keine Schuld. Wenn sie dann aber doch noch ja sagt, mußt du deinen Kopf in acht nehmen!“ Wieder sagte Djin Wën-hsiang ein um das andere Mal jawohl, dann zog er sich zurück und ging nach Hause. Er bemühte nicht erst seine Frau, sondern richtete Yüan-yang selbst aus, was Djia Schë ihm gesagt hatte. Zuerst brachte Yüan-yang vor Empörung kein Wort heraus, dann aber sag­te sie nach einigem Nachdenken: „Nehmen wir an, ich bin einverstanden, dann müßt ihr mit mir zur alten gnädigen Frau gehen, um sie davon zu unterrichten.“ Als ihr Bruder und seine Frau das hörten, glaubten sie, Yüan-yang habe es sich überlegt, und wußten vor Freude nicht ein noch aus. Sofort ging die Schwägerin mit Yüan-yang zur Herzoginmutter. Hier waren eben Dame Wang, Tante Hsüä, Li Wan, Hsi-fëng, Bau-tschai und die Mädchen des Hauses versammelt, dazu noch einige Verwalterinnen und angesehene Sklavenfrauen, um die Herzoginmutter zu unterhalten. Erfreut über dieses Zusammentreffen, zog Yüan-yang ihre Schwägerin mit vor die Herzoginmutter, dann fiel sie auf die Knie nieder und berichtete unter Tränen, was Dame Hsing ihr gesagt hatte, was ihre Schwägerin im Garten gesagt hatte und was schließlich ihr Bruder gesagt hatte. Dann fuhr sie fort: „Weil ich nicht einverstanden war, hat der ältere gnädige Herr rundweg behauptet, ich sei in Bau-yü verliebt oder aber ich wartete darauf, nach draußen verheiratet zu werden. Aber selbst wenn ich bis in den Himmel flüch­tete, würde ich mein Lebtag seiner Rache nicht entgehen. Doch mein Entschluß steht fest, und ich erkläre vor allen Leuten: Nicht nur Bau-yü, auch keinen Gold- oder Silberjüngling, keinen Himmelskönig und keinen Jadekaiser, niemand werde ich heiraten, und damit Schluß! Und wenn die alte gnädige Frau mich dazu zwingen will, bringe ich mich eher um, als daß ich gehorche. Wenn ich Glück habe, sterbe ich früher als die alte gnädige Frau, und wenn ich Pech habe und weiterleben muß, dann diene ich der alten gnädigen Frau, bis sie ins Paradies eingeht. Danach aber will ich weder bei meinen Eltern leben noch bei meinem älteren Bruder. Entweder bringe ich mich um, oder schneide mir das Haar ab und werde Nonne. Wenn ich das nicht ehrlich meinen sollte und mich nur sträube, um später andere Pläne zu verfolgen, sollen Himmel und Erde, Götter und Geister mich strafen! Im Licht der Sonne und des Mondes soll eine Eiterbeule aus meiner Kehle wachsen, an der ich auf der Stelle zu Mus verfaule!“ Als Yüan-yang hereingekommen war, hatte sie eine Schere im Ärmel verborgen gehalten. Jetzt löste sie sich bei den letzten Worten mit der Linken das Haar und schnitt mit der Rechten drauflos. Rasch traten die Sklavenfrauen und -mädchen näher, um sie festzuhalten, aber schon hatte sie eine Strähne zur Hälfte durchschnitten. Doch glücklicherweise war ihr Haar sehr dicht, und sie hatte es auch nicht geschafft, alles durchzuschneiden, so daß man es ihr rasch wieder hochstecken konnte. Die Herzoginmutter aber bebte vor Wut und stieß hervor: „Sie ist der einzige zuverlässige Mensch, der mir geblieben ist, und um den soll ich auch noch gebracht werden!“ Ihr Blick fiel auf Dame Wang, und an diese gewandt, fuhr sie fort: „Ihr macht mir alle etwas vor! Nach außen zeigt ihr kindliche Ergebenheit, heimlich aber stellt ihr eure Berechnungen an. Alle guten Sachen, die ich habe, müßt ihr mir wegnehmen, und alle guten Leute auch, bis mir nur so ein Mädchen geblieben ist. Und wo ihr seht, daß ich gut zu ihr bin, paßt euch das natürlich nicht, und ihr wollt sie weg haben, damit ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt!“ Dame Wang hatte sich rasch erhoben und wagte kein Wort zu erwidern. Tante Hsüä konnte, als sie sehen mußte, wie selbst Dame Wang verdächtigt wurde, schlecht etwas Begütigendes sagen. Li Wan hatte die Mädchen des Hauses hinausgeführt, sobald Yüan-yang ihre Klage vorbrachte. Tan-tschun war verständig genug, um sich zu sagen, daß Dame Wang sich natürlich nicht zu verteidigen wagte, wenn sie so geschmäht wurde, und daß Tante Hsüä als ihre leibliche Schwester sie auch nicht gut in Schutz nehmen konnte, ebensowenig wie Bau-tschai imstande war, für ihre Tante einzutreten, während Li Wan, Hsi-fëng und Bau-yü sich auch nicht trauen durften, etwas zu sagen. Ein Mädchen mußte das tun! Aber Ying-tschun war zu naiv und Hsi-tschun noch zu klein. Darum hörte sie noch einen Moment durch das Fenster zu, dann ging sie wieder hinein und sagte lächelnd zur Herzoginmutter: „Was hat die gnädige Frau damit zu tun? Überlegt doch selbst, alte gnädige Frau! Woher soll sie es wissen, wenn ihr älterer Schwager eine Nebenfrau nehmen will? Und selbst wenn sie es wußte, konnte sie gar nicht anders, als sich unwissend zu stellen...“ Noch ehe sie ausgesprochen hatte, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Du hast recht! Ich verdumme schon mit dem Alter. – Lacht nicht über mich, Frau Hsüä! Eure Schwester ist mir kindlich treu ergeben, nicht wie meine andere Schwiegertochter, die in ständiger Furcht vor ihrem Mann lebt und mir nur nach dem Munde redet. Ich habe Eure Schwester gekränkt!“ Tante Hsüä sagte nur ja, dann aber fügte sie hinzu: „Vielleicht seid Ihr vor­eingenommen zugunsten der Frau Eures jüngeren Sohnes, auch so etwas gibt es ja.“ „Ich bin nicht voreingenommen“, erwiderte die Herzoginmutter. Dann fragte sie: „Bau-yü, warum hast du nichts gesagt, als ich deine Mutter zu unrecht verdächtigt habe, sondern hast zugesehen, wie sie gekränkt wurde?“ „Hätte ich mich vielleicht auf die Seite meiner Mutter gegen Onkel und Tante stellen sollen?“ fragte Bau-yü lächelnd zurück. „Der Fehler bleibt ja bestehen, und wenn meine Mutter ihn nicht auf sich genommen hätte, wem hätte sie ihn dann zuschieben sollen? Und wenn ich gesagt hätte, es sei mein Fehler gewesen, hättet Ihr mir auch nicht geglaubt.“ „Das stimmt“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Knie schnell vor deiner Mutter nieder und sag: ‚Ihr müßt nicht gekränkt sein, gnädige Frau! Die alte gnädige Frau ist nicht mehr die Jüngste. Hört auf um Bau-yüs willen!‘“ Wirklich ging Bau-yü rasch hinüber, kniete nieder und wollte schon sprechen, als Dame Wang ihn lächelnd wieder hochzog und sagte: „Steh auf, steh auf! Das geht doch nun wirklich nicht! Du kannst dich nicht für die alte gnädige Frau bei mir entschuldigen.“ Also stand Bau-yü wieder auf, inzwischen aber sagte die Herzoginmut­ter lächelnd: „Hsi-fëng! Du hast mich auch nicht darauf aufmerksam ge­macht.“ Lächelnd entgegnete Hsi-fëng: „Euren Fehler habe ich Euch nicht vorgeworfen, und jetzt findet Ihr an mir etwas auszusetzen!“ „Merkwürdig! Ich möchte wissen, was das für ein Fehler sein soll!“ sagte die Herzoginmutter, und alle anderen pflichteten ihr bei. „Warum mußtet Ihr Euch so gut darauf verstehen, das Mädchen heranzuziehen, daß sie schön wird wie eine Simse?!“ sagte Hsi-fëng. „Und da wundert Ihr Euch noch, daß jemand sie haben möchte! Ein Glück, daß ich die Frau Eures Enkels bin und nicht Euer Enkel. Sonst hätte ich sie schon längst haben wollen und hätte nicht bis heute damit gewartet.“ „Das also soll mein Fehler sein?“ fragte die Herzoginmutter lächelnd. „Natürlich ist es das!“ erwiderte Hsi-fëng.

Aus: Jinyuyuan 1889b.

„Dann will ich sie auch nicht mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Nimm du sie zu dir!“

„Wenn ich mich in diesem Leben so weit vervollkommne, daß ich im nächsten als Mann wiedergeboren werde, komme ich sie mir holen“, versprach Hsi-fëng. „Dann nimm sie für Liän mit!“ schlug ihr die Herzoginmutter vor. „Ich möchte doch sehen, ob dein schamloser Schwiegervater sie dann immer noch für sich verlangt!“ „Für Liän ist sie nichts“, beharrte Hsi-fëng. „Für ihn sind nur angebrannte Fladen etwas wie ich und Ping-örl, um mit ihnen auszukommen.“ Alle brachen darüber in Gelächter aus, als die Sklavenmädchen meldeten: „Die ältere gnädige Frau ist da.“ Rasch ging Dame Wang ihr nach draußen entgegen, und wer wissen will, wie es weiterging, ...