Hongloumeng/de/Chapter 51

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Kapitel 51

薛小妹新编怀古诗

胡庸医乱用虎狼药

Als sie hörten, Bau-tjin habe zehn Vierzeiler über Erinnerungen an historische Stätten in den verschiedenen Provinzen verfaßt, die sie besucht hatte, und es seien zehn Gegenstände darin zu erraten, sagten alle: „Das ist freilich neuartig und geschickt!“ Jeder drängte sich vor, um die Gedichte als erster zu lesen, und dort stand: „Erinnerungen an die Rote Wand Das Wasser sich staut an der Roten Wand, leer sind die Boote, nur Kampfbanner wehn. Ein Feuersbrand prasselt, der Wind heult dazu, und zahllose Leichen trägt fort der Strom.

Erinnerungen an Cochinchina Eherne Glocken tun kund strenge Macht, fern die Barbaren vernehmen den Ruf. Ma Yüan erwarb sich unsterblichen Ruhm, warum also singt man nur von Dschang Liang?

Erinnerungen an den Glockenberg Konnten dich Reichtum und Ehre locken, dem Ruf zu folgen in den Staub der Welt, wo Sorge dich quält, ob früh ob spät, so zürne doch nicht, wenn die Menge lacht.

Erinnerungen an Huai-yin Den Tapfersten selbst schonte die Tücke nicht – kaum auf dem Thron, legt man ihn schon ins Grab. Doch sollte niemand gering ihn schätzen, einstiger Wohltat gedachte er treu.

Erinnerungen an Guang-ling Wo einst Zikaden und Vögel sangen, Fehlt heute von Schönheit jegliche Spur. Was blieb, ist der Ruf der Extravaganz, Genug wußte man davon zu reden.

Erinnerungen an die Pfirsichblatt-Überfahrt Spiegeln sich welkende Blumen im Teich, so muß auch vom Ast sich lösen das Blatt. Manch hoher Beamter hat es erlebt, ein Bild, eine Inschrift blieben zurück.

Erinnerungen an den Düsteren Hügel Der Schwarze Fluß selbst verhielt seinen Lauf, als kummervoll hier die Laute erklang. Beklagenswert, was der Han-Kaiser tat, ein Nichtsnutz, für ewig mit Schmach bedeckt.

Erinnerungen an Ma-wee Ruhig die Miene, nur Schweiß auf der Stirn, als jäh sie mußte scheiden von hinnen. Zurück blieb von ihr Erinnerung nur und ein Dufthauch noch in ihren Kleidern.

Erinnerungen an das Pu-dung-Kloster Hung-niang war nur von geringer Geburt, Doch mutig half sie dem liebenden Paar. Als schließlich die Herrin sie schalt und schlug, war‘n die beiden schon nicht mehr zu trennen.uß selbst verhielt seinen Lauf, als kummervoll hier die Laute erklang. Beklagenswert, was der Han-Kaiser tat, ein Nichtsnutz, für ewig mit Schmach bedeckt.

Erinnerungen an Ma-wee Ruhig die Miene, nur Schweiß auf der Stirn, als jäh sie mußte scheiden von hinnen. Zurück blieb von ihr Erinnerung nur und ein Dufthauch noch in ihren Kleidern.

Erinnerungen an das Pu-dung-Kloster Hung-niang war nur von geringer Geburt, Doch mutig half sie dem liebenden Paar. Als schließlich die Herrin sie schalt und schlug, war‘n die beiden schon nicht mehr zu trennen.

Erinnerungen an den Aprikosenblütentempel Ob Weide hier grünt, Aprikose blüht, wer fand am Ende der Schönen Porträt? Doch ward nicht sofort ihr Eheglück wahr, nach einem Jahr erst sahn sie sich wieder.“ Alle waren des Lobes voll, Bau-tschai aber sagte: „Für die ersten acht gibt es Belege in den historischen Schriften, aber für die letzten beiden fehlt jeder Beweis. Sehr verständlich sind sie auch nicht für uns. Darum ist es das beste, du schreibst zwei neue!“ Sofort wandte jedoch Dai-yü ein: „Kusine Bau-tschai ist aber auch zu engherzig und unnachsichtig! Mag es für diese beiden Gedichte auch keine Belege in den Geschichtsbüchern geben, und mögen wir die inoffiziellen Lebensbeschreibungen der Leute nicht gelesen haben, so daß wir die genauen Hintergründe nicht kennen, aber haben wir etwa die beiden Theaterstücke auch nicht gesehen? Die kennt schon ein dreijähriges Kind, um wieviel mehr wir!“ „Vollkommen richtig!“ pflichtete Tan-tschun ihr bei. „Zumal sie ja die Stätten gesehen hat“, bestätigte auch Li Wan. „Obwohl es für diese beiden Geschichten keine Beweise gibt, werden sie doch von altersher überliefert, und die Liebhaber solcher Geschichten haben dann pseudohistorische Stätten dafür gefunden, um die Leute an der Nase herumzuführen. Zum Beispiel haben wir seinerzeit, als wir auf dem Weg in die Hauptstadt waren, allein von Meister Guan drei oder vier Gräber gesehen. Alle Taten von Meister Guan sind belegt, aber wie kann er mehrere Gräber haben? Das kann doch wohl nur daran liegen, daß die Menschen späterer Zeiten, die sich für seine Taten begeisterten, es sich aus Verehrung für ihn so ausgedacht haben. So etwas gibt es. In den ‚Aufzeichnungen über die weite Erde‘ kann man lesen, daß es nicht nur von Meister Guan viele Gräber gibt, schon seit alter Zeit gibt es nicht wenig berühmte Männer mit mehreren Gräbern, und andere unverbürgte historische Stätten gibt es noch mehr. Der Inhalt der beiden Gedichte läßt sich zwar nicht beweisen, aber bei allen Geschichtenerzählern und Opernsängern, ja selbst auf Orakellosen kann man sie erwähnt finden. Junge und Alte, Männer wie Frauen, alle kennen diese Geschichten, alle führen sie ständig im Munde. Und es ist ja schließlich nicht dasselbe, als wenn wir verdorbene Bücher wie das ‚Westzimmer‘ und den ‚Päonienpavillon‘ lesen würden. Also macht es auch nichts, und die beiden Gedichte können bleiben.“ Erst nach diesen Worten gab sich Bau-tschai geschlagen. Alle rieten dann ein Weilchen, aber niemand fand eine richtige Lösung . Kurz, wie die Wintertage sind, war es bald Zeit, drüben zu Abend zu essen. Also gingen alle gemeinsam hinüber. Nach dem Essen wurde Dame Wang gemeldet, Hsi-jëns älterer Bruder Hua Dsï-fang sei da, um zu berichten, daß ihre Mutter schwer krank sei und sich nach ihrer Tochter sehne. Er sei mit der Bitte gekommen, ihm gnädigst zu gestatten, Hsi-jën zu einem Besuch nach Hause zu holen. „Wie könnte ich das nicht gestatten, wenn die Mutter mit ihrer Tochter zusammen sein möchte!“ erwiderte Dame Wang. Dann rief sie Hsi-fëng zu sich, teilte ihr die Sache mit und befahl ihr, alles entsprechend zu erledigen. Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“ und kehrte in ihre Räume zurück, wo sie Dschou Juees Frau holen ließ, damit diese Hsi-jën die Nachricht überbrachte. Dann befahl sie ihr noch: „Du nimmst eine ältere Frau und zwei Mägde mit, um Hsi-jën zu begleiten, außerdem von draußen vier ältere Männer, die den Wagen folgen. Für euch nehmt ihr einen großen Wagen und für die Mädchen einen kleinen.“ Dschou Juees Frau sagte: „Jawohl!“ und wollte eben gehen, als Hsi-fëng noch hinzusetzte: „Hsi-jën macht nicht gern Umstände, darum bestell ihr, sie soll sich schön anziehen und noch ein ordentliches Bündel Kleider mitnehmen. Auch ein schöner Kleiderbeutel müsse es sein, und ein gutes Handöfchen müsse sie ebenfalls mitnehmen. Bevor sie abfährt, soll sie zu mir kommen, damit ich sie mir ansehen kann.“ Dschou Juees Frau sagte ihr alles zu und ging hinaus. Nach längerer Zeit erschien Hsi-jën dann wirklich in anderem Kopfputz und anderer Kleidung als sonst. Zwei Sklavenmädchen und Dschou Juees Frau trugen ihr das Handöfchen und das Kleiderbündel. Wie Hsi-fëng feststellte, trug Hsi-jën mehrere goldene Haarpfeile und Perlenspangen auf dem Kopf und sah damit wirklich prächtig aus. Gekleidet war sie in eine zartrosa Jacke, die mit dem Hundert-Kinder-Motiv in Seidenweberei verziert und mit Hermelin gefüttert war, und einen Rock aus gelbgrüner Seide, bestickt mit goldenen Kreisen und bunten Mustern. Darüber trug sie ein Obergewand aus dunkelblauem Atlas mit einem Futter aus Feh. „Diese Sachen hat dir die gnädige Frau verehrt“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „und sie sind auch gut, nur das Obergewand ist ein wenig zu schmucklos und auch zu dünn bei diesem Wetter. Du solltest eines aus dickerem Fell anziehen!“ „Die gnädige Frau hat mir nur dieses aus Fehfell gegeben“, erklärte Hsi-jën, ebenfalls lächelnd. „Außerdem habe ich noch eines aus Hermelin. Sie hat mir versprochen, ich bekäme zu Neujahr eines aus dickerem Fell, aber jetzt habe ich noch keines.“ „Ich habe eines, an dem mir die Art nicht gefällt, wie die Zierkanten des Pelzfutters herausschauen“, fuhr Hsi-fëng lächelnd fort. „Eigentlich wollte ich es ändern lassen. Aber sei‘s drum! Zieh du es an, und wenn die gnädige Frau zu Neujahr Pelzsachen machen läßt, bekomme ich statt deiner ein neues. Das ist dann genausogut, als wenn du es mir zurückgibst.“ Alle lachten darüber und meinten: „Immer müßt Ihr so etwas sagen, junge gnädige Frau! Dabei kommt Ihr das ganze Jahr über hinter dem Rücken der gnädigen Frau großzügig für vielerlei Dinge auf, von denen sie nichts weiß, so daß es gar nicht zu sagen ist. Und wann dächtet Ihr je daran, ihr das vorzurechnen! Jetzt aber führt Ihr wieder einmal kleinliche Worte im Munde, um uns zum Lachen zu bringen.“ „Wie könnte die gnädige Frau an all diese Dinge denken!“ erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Und was sind das schon für Großartigkeiten! Aber kümmern muß sich jemand darum, denn es geht um unser aller Ansehen. Da muß ich wohl oder übel ein bißchen Verlust in Kauf nehmen, damit unsere Leute anständig gekleidet gehen und ich einen guten Ruf genieße. Wenn alle wie angebrannte Fladen aussähen, würde man zuallererst mich geringschätzen, weil ich den Haushalt führe und die Leute wie Bettler herumlaufen lasse.“ „Wer wäre noch so vollkommen wie Ihr, junge gnädige Frau!“ sagten alle und seufzten. „Ihr denkt Euch in die Lage der gnädigen Frau und seid zugleich gut zu den Untergebenen.“ Während sie das sagten, hörten sie, wie sich Hsi-fëng mit dem Auftrag an Ping-örl wandte: „Hol das dunkelblaue Gewand mit dem Pelzfutter und den acht Kreisen mit Flügelpferden aus Seidenweberei, das ich gestern anhatte, und gib es Hsi-jën!“ Dann entdeckte Hsi-fëng, daß der Beutel von Hsi-jëns Kleiderbündel nur aus schwarzbedruckter Seide mit rosafarbenem Futter war und nichts weiter enthielt als zwei abgetragene baumwollgefütterte Jacken und das andere pelzgefütterte Obergewand. Darum befahl sie Ping-örl noch: „Bring auch einen Kleiderbeutel aus Wollstoff mit jadefarbenem Seidenfutter heraus!“ Und nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Pack ihr auch einen Umhang ein!“ Als Ping-örl wiederkam, brachte sie einen getragenen Umhang aus scharlachrotem Filz und einen anderen aus dunkelrotem Camelot. „Einen zweiten nehme ich nicht!“ sträubte sich Hsi-jën. Aber lächelnd sagte Ping-örl: „Du bekommst den aus dem scharlachroten Filz. Den anderen habe ich gleich mit herausgebracht, um ihn Fräulein Hsiu-yän bringen zu lassen. Gestern bei dem starken Schnee hatte jedes der Fräulein einen Umhang um, wenn nicht aus Filz, dann aus Wollstoff. Und wie hübsch sahen alle vor dem weißen Schnee aus! Nur sie allein hatte einen alten Filzumhang um, und man bekam richtig Mitleid mit ihr, wie sie vor Kälte die Schultern zusammenzog und den Rücken krümmte. Darum schicke ich ihr jetzt diesen hier.“ „Meine Sachen will sie unaufgefordert weggeben!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Gebe ich allein vielleicht noch nicht genug aus, daß auch du noch dein Teil dazutun mußt?“ „Das liegt nur daran, daß Ihr immer so ehrerbietig gegenüber der gnädigen Frau und so großzügig gegenüber den Untergebenen seid“ sagten die anderen lächelnd. „Wenn Ihr kleinlich wärt und nur Euren Besitz im Kopf hättet, würde sie auch nicht wagen, so etwas zu tun.“ „Man sieht daran, daß sie als einzige ein wenig mein Herz kennt“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. Dann wies sie Hsi-jën an: „Wenn es deiner Mutter besser geht, ist alles klar. Wenn nicht, bleib nur dort und schick jemand, der es mir meldet. Dann lasse ich dir dein Bettzeug bringen. Nimm nicht das Bettzeug und das Frisierzeug von jemand anders!“ Anschließend wandte sie sich auch an Dschou Juees Frau mit den Worten: „Ihr wißt ja, wie wir es halten, darum muß ich euch nicht extra Anweisungen erteilen.“ „Wir wissen Bescheid“, versicherte Dschou Juees Frau. „Wenn wir dort sind, werden wir dafür sorgen, daß Abstand gehalten wird. Und wenn sie bleiben muß, lassen wir uns ein oder zwei separate Innenräume für sie geben.“ Nach diesen Worten folgte sie Hsi-jën hinaus und befahl dort, Laternen anzuzünden. Dann nahmen sie in den Wagen Platz und fuhren zum Hause von Hua Dsï-fang. Mehr soll davon hier nicht die Rede sein. Inzwischen ließ Hsi-fëng zwei alte Ammen aus dem Hof der Freude am Roten zu sich rufen und ordnete an: „Hsi-jën wird wohl heute nicht zurückkommen. Ihr wißt selber, wer von den älteren Mägden verständig ist, schickt also zwei von ihnen zu Bau-yü hinein, damit sie bei ihm Nachtwache halten. Und gebt auch ihr gut auf ihn acht und laßt ihn keinen Unfug treiben!“ Die beiden alten Ammen gingen fort, kamen aber bald darauf wieder und meldeten: „Wir haben bestimmt, daß Tjing-wën und Schë-yüä ins Zimmer gehen und daß wir zu viert abwechselnd Nachtwache halten.“ Hsi-fëng nickte dazu und befahl noch: „Ermahnt ihn am Abend, früh schlafen zu gehen, und am Morgen, früh aufzustehen!“ Die alten Ammen versprachen es und kehrten wieder in den Garten zurück. Kurze Zeit später kam Dschou Juees Frau mit der Meldung, Hsi-jëns Mutter sei tot, deshalb könne Hsi-jën nicht zurückkommen. Hsi-fëng unterrichtete Dame Wang davon und schickte jemand in den Garten des Großen Anblicks, um Hsi-jëns Bettzeug und Toilettenkästchen zu holen. Bau-yü sah zu, wie Tjing-wën und Schë-yüä alles ordentlich zusammenpackten und abschickten. Als sie anschließend ihren Schmuck abgelegt und Jacke und Rock gewechselt hatten, setzte sich Tjing-wën ans Kohlenbecken, so daß Schë-yüä sie mahnen mußte: „Spiel dich hier nicht als Fräulein auf, sondern beweg dich ein bißchen!“ „Dazu ist später immer noch Zeit, wenn ihr andern alle fort seid“, gab Tjing-wën zur Antwort, „solange ihr noch hier seid, mache ich es mir bequem.“ Lächelnd erwiderte Schë-yüä: „Liebe Schwester, ich werde das Bett machen, und du ziehst die Hülle über den Ankleidespiegel und schiebst oben die Klemme zurecht. Du bist größer als ich.“ Mit diesen Worten ging sie für Bau-yü das Bett machen. Tjing-wën seufzte, dann beklagte sie sich lächelnd: „Kaum hat man sich hingesetzt, um sich zu wärmen, kommst du und störst einen!“ Als Bau-yü, der untätig dagesessen und darüber nachgegrübelt hatte, warum Hsi-jëns Mutter sterben mußte und sich nicht wieder erholen konnte, Tjing-wëns Worte vernahm, stand er selber auf und ging hinaus, um die Hülle über den Spiegel zu ziehen und die Klemme festzumachen. Dann kam er wieder herein und sagte lächelnd: „Wärmt euch nur, es ist schon alles getan!“ „Lange können wir uns doch nicht wärmen“, gab Tjing-wën zurück. „Mir ist eben eingefallen, daß wir die Wärmflasche noch nicht geholt haben.“ „Welch ein Glück, daß du daran denkst!“ sagte Schë-yüä. „Er nimmt nämlich nie eine, und wir haben es hier am Kohlenbecken wärmer als drüben auf dem kalten Ofenbett. Also wird keine gebraucht.“ „Soll das heißen, ihr wollt beide hier schlafen?“ erkundigte sich Bau-yü. „Wenn niemand bei mir ist, werde ich vor Angst die ganze Nacht kein Auge zutun können.“ „Ich schlafe hier und Schë-yüä bei dir im warmen Zimmer neben dem Bett“, sagte Tjing-wën. Über diesem Gespräch war die zweite Nachtwache angebrochen, und Schë-yüä hatte schon längst die Vorhänge herabgelassen, die Lampe für die Nacht umgestellt und Weihrauch nachgelegt. Jetzt half sie Bau-yü beim Zubettgehen, dann erst legten sich auch die beiden Mädchen schlafen, Tjing-wën am Kohlenbecken und Schë-yüä neben Bau-yü auf dem Ofenbett. Um die dritte Nachtwache herum rief Bau-yü im Halbschlaf nach Hsi-jën. Nachdem er zweimal gerufen hatte und niemand antwortete, kam er zu sich, und erst jetzt fiel ihm ein, daß Hsi-jën nicht da war, und er mußte über sich selber lachen. Inzwischen war auch Tjing-wën wach geworden und rief lachend nach Schë-yüä „Sogar ich bin hier wach geworden, sie aber liegt dort neben ihm und merkt von nichts – die reinste Leiche!“ sagte sie. Schë-yüä rappelte sich auf, gähnte und sagte dann lächelnd: „Er hat ja nach Hsi-jën gerufen, was geht das mich an?“ Dann fragte sie, was zu tun sei, und Bau-yü verlangte nach Tee. Rasch stand Schë-yüä auf, zog aber nur eine baumwollgefütterte Jacke aus roter Seide über. „Tu dir noch meine Jacke um, ehe du gehst“, forderte Bau-yü sie auf. „Gib acht, daß du dich nicht erkältest!“ Also hängte sie sich die warme Zobelfelljacke um die Schultern, die Bau-yü trug, wenn er nachts aufstehen mußte, wusch sich im Waschbecken die Hände, goß zuerst eine Schale lauwarmes Wasser ein und hielt den Spucknapf, während Bau-yü sich den Mund spülte. Dann erst nahm sie eine Trinkschale von der Teezeugstellage, spülte sie aus, füllte sie aus der Warmhaltekanne halb voll Tee und reichte sie Bau-yü zum Trinken. Anschließend spülte auch sie sich den Mund und trank ebenfalls eine halbe Schale. „Für mich auch einen Schluck, liebste Schwester!“ verlangte Tjing-wën lächelnd. „Du wirst immer unverschämter“, gab Schë-yüä lächelnd zurück. „Liebste Schwester“, bat Tjing-wën weiter, „morgen abend brauchst du dich nicht zu rühren, und ich sorge für dich die ganze Nacht. Wie wäre das?“ Notgedrungen bediente Schë-yüä auch sie beim Mundspülen und ließ sie eine halbe Schale Tee trinken. Anschließend bat Schë-yüä lächelnd: „Schlaft noch nicht ein und unterhaltet euch einen Moment, ich muß mal raus und bin gleich wieder da!“ „Draußen lauert ein Gespenst auf dich!“ behauptete Tjing-wën lächelnd. „Draußen ist heller Mondschein“, beruhigte sie Bau-yü. „Wir unterhalten uns solange, geh nur!“ Und er räusperte sich. Schë-yüä öffnete die Hintertür, hob den Filzvorhang in die Höhe und sah, daß wirklich schöner Mondschein war. Tjing-wën indessen wartete nur, bis Schë-yüä draußen war, dann stand sie vom Kohlenbecken auf und schlich ihr nach, um ihr zum Schabernack einen Schreck einzujagen. Da sie nicht so zimperlich war wie die anderen und keine Angst vor der Kälte hatte, zog sie sich nichts weiter über und ging in ihrem kurzen, dünnen Jäckchen hinaus. „Verkühl dich nicht!“ warnte Bau-yü lächelnd. „Damit ist nicht zu spaßen.“ Aber Tjing-wën winkte nur ab und ging hinaus. Draußen glänzte im Mondlicht alles wie Wasser. Dann aber schnitt ihr ein plötzlicher Windstoß so eisig durch Fleisch und Bein, daß sie unwillkürlich erschrak und sich sagte: „Kein Wunder, wenn es heißt, mit durchwärmtem Körper solle man sich nicht dem Wind aussetzen. Das ist wirklich entsetzlich kalt.“ Eben wollte sie nun Schë-yüä erschrecken, als Bau-yü von drinnen rief: „Tjing-wën ist draußen!“ Rasch machte sie kehrt, ging wieder hinein und sagte lächelnd: „Ich hätte sie schon nicht zu Tode erschreckt! Du aber bist wie stets zaghaft wie ein altes Weib.“ Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Ich hatte keine Angst, daß du sie zu sehr erschrecken könntest. Vielmehr fände ich es schlimm, wenn du dich erkälten würdest, und außerdem hätte sie sich bestimmt nicht beherrschen können und hätte geschrien. Wenn sie dadurch jemand geweckt hätte, würde es nicht heißen, wir hätten uns einen Scherz erlaubt, sondern wir hätten, kaum daß Hsi-jën weg ist, Gespenster gesehen. Komm her, schieb mir die Decke unter!“ Tjing-wën trat an sein Bett, schob ihm die Decke unter und steckte dann beide Hände unter die Decke, um sie zu wärmen. „Wie kalt deine Hände sind!“ sagte Bau-yü lächelnd. „Ich habe dir ja gesagt, paß auf, daß du dich nicht verkühlst!“ Dann sah er, daß ihre Wangen rot wie Rouge waren, und als er sie mit der Hand befühlte, waren sie ebenfalls kalt wie Eis. „Komm schnell unter die Decke und wärm dich auf!“ sagte Bau-yü. Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da schlug, klapp! die Tür zu, und Schë-yüä stürzte lachend herein. „Ich bin vielleicht vor Schreck zusammengefahren!“ sagte sie. „Es schien jemand im Schatten hinter den Felsen zu hocken. Ich wollte schon schreien, da sah ich, daß es der große Goldfasan war, weil er ins Helle geflattert kam, als er mich bemerkte. Wenn ich mich nicht beherrscht hätte und hätte losgeschrien, wären alle wach geworden.“ Bei diesen Worten hatte sie sich die Hände gewaschen und fragte nun lächelnd: „Wohin ist denn Tjing-wën verschwunden, wenn sie draußen war? Bestimmt wollte sie mich erschrecken.“ „Hier ist sie“, sagte Bau-yü lächelnd. „Sie wärmt sich bei mir. Wenn ich nicht schnell gerufen hätte, hätte sie dir einen schönen Schreck eingejagt.“ „Ich brauchte sie gar nicht zu erschrecken“, sagte Tjing-wën und lachte. „Das kleine Spitzbein hat ja auch so genug Angst.“ Mit diesen Worten war sie aufgestanden und unter ihre eigene Decke geschlüpft. „Bist du etwa in diesem Kunstreiterkostüm hinausgelaufen?“ erkundigte sich Schë-yüä. „Aber ja, das ist sie“, bestätigte Bau-yü lächelnd. „Willst du dir den Tod holen?“ rief Schë-yüä aus. „Wenn du draußen so herumgestanden hast, muß dir ja vor Kälte die Haut gesprungen sein.“ Anschließend nahm sie den durchbrochenen Aufsatz vom Kohlenbecken, schob mit der Feuerschaufel die Glut zurecht und tat zwei Scheite Duftholz darauf. Als sie das Becken wieder mit dem Aufsatz bedeckt hatte, trat sie noch hinter den Wandschirm und putzte den Lampendocht, ehe sie sich wieder hinlegte. Tjing-wën, die erst gefroren hatte und nun wieder im Warmen lag, nieste ein paarmal hintereinander. „Siehst du“, sagte Bau-yü, „du hast dich doch erkältet!“ Und lächelnd erklärte Schë-yüä: „Schon heute morgen beim Aufstehen klagte sie, sie fühle sich nicht wohl, und hat deshalb auch den ganzen Tag über nichts gegessen. Aber anstatt sich jetzt wenigstens ein bißchen zu schonen, mußte sie noch ihren Schabernack mit mir treiben. Wenn sie morgen krank ist, hat sie sich das selbst zuzuschreiben.“ „Hast du eine heiße Stirn?“ wollte Bau-yü wissen. Tjing-wën räusperte sich und erwiderte dann: „Es hat nichts zu besagen. Seit wann wäre ich so zart?!“ Kaum hatte sie das gesagt, schlug draußen in dem Regal mit den Ziergegenständen die Schlaguhr zwei Mal – ding, dang! Im Vorraum aber hüstelte eine der alten Ammen, die dort Nachtwache hielten, und mahnte: „Schlaft jetzt, Mädchen! Unterhaltet euch morgen weiter!“ „Wir wollen lieber still sein, ehe sie noch mehr an uns auszusetzen hat!“ flüsterte Bau-yü lächelnd, dann überließen sie sich wieder dem Schlaf. Als sie am nächsten Morgen aufstanden, hatte Tjing-wën tatsächlich eine verstopfte Nase und eine belegte Stimme und mochte sich nicht rühren. „Wir wollen keinen Ton davon sagen!“ empfahl Bau-yü. „Wenn es die gnädige Frau erfährt, läßt sie dich nach Hause bringen, bis du wieder gesund bist. Und wenn es auch schön ist, zu Hause zu sein, ist es doch kälter dort und nicht so gut wie bei uns. Also bleib nur hier im Innenraum liegen, und ich lasse einen Arzt holen, der heimlich durchs Hintertor kommen wird, um dich zu untersuchen. Dann geht alles in Ordnung.“ „Schön und gut“, sagte Tjing-wën, „aber der ersten jungen gnädigen Frau mußt du Bescheid geben. Was willst du sonst sagen, wenn der Arzt kommt und die Leute wissen wollen, warum?“ Bau-yü sah ein, daß sie recht hatte, also rief er eine der alten Ammen und befahl: „Du gehst zur älteren jungen Herrin und meldest ihr, Tjing-wën habe sich ein bißchen verkühlt, aber es sei nichts Ernstes. Da Hsi-jën nicht hier ist, würde ich gar niemand mehr haben, wenn Tjing-wën nach Hause müßte, bis sie wieder gesund ist. Ich hätte schon nach einem Arzt schicken lassen, der in aller Stille durchs Hintertor kommt, um Tjing-wën zu untersuchen, und sie möchte es bitte nicht der gnädigen Frau melden.“ Die Alte ging fort, und als sie nach einiger Zeit wiederkam, berichtete sie: „Die ältere junge gnädige Frau weiß Bescheid. Sie hat gesagt, wenn es mit ein paarmal Medizinschlucken abgetan ist, sei alles in Ordnung. Wenn nicht, müsse Tjing-wën das Anwesen verlassen. Das Wetter sei jetzt tückisch, und obwohl es nicht so schlimm wäre, wenn jemand anders sich ansteckte, müsse man der jungen Fräulein wegen doch vorsichtig sein.“ Als Tjing-wën, die im geheizten Innenraum auf dem Bett lag und in einem fort hustete, diese Worte vernahm, rief sie wütend: „Habe ich vielleicht die Pest, daß sie Angst haben muß, ich könnte jemand anstecken? Ich gehe! Aber dann möchte ich nicht erleben, daß hier irgend jemand in Zukunft auch nur Kopfschmerzen bekommt!“ Und damit versuchte sie wirklich aufzustehen. Rasch drückte Bau-yü sie nieder und redete ihr zu: „Reg dich nicht auf, sie tut nur ihre Pflicht, weil sie Angst haben muß, die gnädige Frau könnte ihr Vorwürfe machen, wenn sie davon erfährt. Sie hat das nur so gesagt, du aber mußt dich immer gleich ereifern, noch dazu jetzt, wo deine Leber besonders hitzig ist.“ Bei diesen Worten wurde gemeldet: „Der Arzt kommt.“ Also ging Bau-yü hinaus und suchte Zuflucht hinter dem Büchergestell. Von dort aus hörte er nur, wie ein paar alte Ammen vom Hintertor den Arzt hereinführten. Alle Sklavenmädchen hatten den Innenraum verlassen, lediglich drei, vier alte Ammen waren zurückgeblieben. Die bestickten dunkelroten Bettvorhänge waren herabgelassen, und Tjing-wën streckte nur ihren Arm darunter hervor. Als der Arzt sah, daß zwei Fingernägel an der Hand bestimmt ihre drei Tsun lang waren und noch erkennbar mit Balsaminensaft rot gefärbt worden waren, wandte er sofort das Gesicht ab, und eine der alten Ammen legte rasch ein Taschentuch über die Hand. Jetzt erst fühlte der Arzt ein Weilchen die Pulse, dann stand er auf und ging in den Vorraum hinaus, wo er den Ammen verkündete: „Das Fräulein leidet an einem äußeren Infekt und einer inneren Stauung. In den letzten Tagen war schlechtes Wetter, darum können wir von einer leichten Erkältung ausgehen. Glücklicherweise ist das Fräulein mäßig im Essen und Trinken, und die Erkältung ist wirklich nicht schwer. Doch infolge ihrer zarten Konstitution hat sie sich ein wenig infiziert. Wenn sie ein paarmal Medizin eingenommen hat, wird sie wieder gesund sein.“ Nach diesen Worten folgte er den Frauen nach draußen. Inzwischen hatte Li Wan am Hintertor und in allen Gartenhäusern Bescheid geben lassen, daß sich die Sklavenmädchen verborgen halten sollten, und so bekam der Arzt nur die Gartenlandschaft zu Gesicht und kein einziges Mädchen. Am Ausgang des Gartens nahm er in der Wachstube der Sklavenjungen Platz und schrieb das Rezept auf. „Geht noch nicht fort, Herr“, baten ihn die alten Ammen. „Umständlich, wie unser junger Herr ist, hat er vielleicht noch Fragen.“ „Wie“, fragte der Arzt sofort, „war das eben kein Fräulein, sondern ein junger Herr? Das Zimmer sah aus wie das eines Fräuleins, und die Bettvorhänge waren auch heruntergelassen. Wie kann es da ein junger Herr gewesen sein?“ „Guter Mann!“ sagten die alten Ammen und schmunzelten. „Kein Wunder, daß die Jungen vorhin sagten, Ihr wärt neu hier. Ihr wißt wirklich nicht über uns Bescheid. Die Räume gehören unserm jungen Herrn, und die Kranke ist eine seiner Mägde, kein Fräulein. Wären es die Räume eines Fräuleins gewesen und hätte es sich bei der Kranken auch um ein Fräulein gehandelt, wäret Ihr wohl nicht so einfach hineingekommen.“ Damit nahmen sie das Rezept und brachten es hinein. Als Bau-yü es las, fand er Zutaten darin wie Schwarznessel, Ballonblumenwurzel, Silerwurzel, Katzenminze und anderes, am Schluß sogar Bitterorange und Ephedrastengel. „Zum Teufel mit diesem Arzt!“ schimpfte Bau-yü, „wie kann er ein Mädchen behandeln, als ob es unsereins wäre? Und wenn sie zehnmal an einer inneren Stauung leidet, verträgt sie doch keine Bitterorangen und Ephedrastengel! Wer hat den Mann holen lassen? Schickt ihn weg, aber schnell, und holt jemand, den wir kennen!“ „Ob diese Medizin etwas taugt oder nicht, davon verstehen wir nichts“, erwiderte eine von den alten Ammen. „Es ist auch nicht schwer, durch einen der Jungen den Hofarzt Wang herbitten zu lassen. Aber dieser Arzt hier ist ohne Wissen des Hauptverwalters geholt worden, also müssen wir ihm das Geld für Pferd oder Sänfte zahlen.“ „Wieviel muß ich ihm geben?“erkundigte sich Bau-yü. „Es darf nicht zu wenig sein, sonst macht es einen schlechten Eindruck“, erklärte ihm die Alte. „Ein Liang Silber muß er schon bekommen, damit es der Würde des Hauses entspricht.“ „Wieviel bekommt Hofarzt Wang, wenn er hier war?“ erkundigte sich Bau-yü weiter. „Hofarzt Wang und Hofarzt Dschang kommen ständig zu uns“, gab die Alte ihm lächelnd Auskunft. „Sie werden nicht jedesmal einzeln bezahlt, sondern bekommen jedes Jahr zu den vier großen Feiertagen reichlich Geschenke, die zusammen einer bestimmten Jahreszuwendung entsprechen. Dieser Mann aber war extra zu einem Besuch hergebeten worden, deshalb muß er sein Liang Silber bekommen.“ Also befahl Bau-yü, Schë-yüä solle das Silber holen. „Ich weiß aber nicht, wo Schwester Hsi-jën es aufbewahrt“, erwiderte Schë-yüä. „Ich habe öfter gesehen, wie sie Geld aus dem Schränkchen mit den Perlmutteinlagen nahm“, sagte Bau-yü. „Ich werde mitkommen, und dann suchen wir gemeinsam!“ Also gingen sie zu zweit in den Raum, wo Bau-yüs Sachen aufbewahrt wurden. Als sie das Schränkchen öffneten, fanden sie im obersten Fach Schreibpinsel, Tusche, Fächer, Räuchertabletten sowie Täschchen und Schweißtücher verschiedener Art und mancherlei anderes. Im nächsten Fach lagen ein paar Münzschnüre, und erst in der Schublade, die sie dann aufzogen, fanden sie ein Körbchen mit ein paar Stücken Silber. Auch eine Balkenwaage lag dabei. Schë-yüä nahm ein Silberstück heraus, hielt die Waage in die Höhe und fragte Bau-yü: „Welches ist die Markierung für ein Liang?“ „Das willst du von mir wissen?“ fragte Bau-yü lachend. „Du tust ja gerade so, als ob du den ersten Tag hier wärst.“ Schë-yüä lachte ebenfalls und wollte jemand anders fragen gehen, Bau-yü aber sagte: „Nimm das größere Stück da, und laß es ihm geben, das wird schon recht sein. Schließlich treiben wir hier keinen Handel, was soll da die Rechnerei.“ Also legte Schë-yüä die Waage wieder zurück, nahm das Silberstück hoch, wog es auf der Hand und sagte lächelnd: „Das wird wohl ein Liang sein! Lieber ein bißchen zuviel als zuwenig, damit uns dieser Habenichts nicht geringschätzt. Er würde doch nicht denken, wir können nicht mit der Waage umgehen, sondern meinen, wir knauserten absichtlich.“ Draußen auf der Plattform sagte dann die alte Amme, die dort gewartet hatte: „Das ist ein zerschnittener Fünf-Liang-Barren, das Stück wiegt mindestens zwei Liang. Aber da wir keine Silberschere zur Hand haben, mußt du es wieder zurücklegen und ein kleineres Stück heraussuchen.“ Aber Schë-yüä, die das Schränkchen schon zugemacht hatte, ehe sie herausgekommen war, sagte lächelnd: „Wer wird da noch lange suchen! Auch wenn es mehr ist, gib es ihm nur!“ „Und bestell Ming-yän rasch, er solle den Arzt Wang herbitten, dann ist alles in Ordnung!“ setzte Bau-yü hinzu. Die Alte verschwand mit dem Silberstück, und bald darauf kam in Begleitung von Ming-yän wirklich der Hofarzt Wang. Nachdem er der Kran-

Aus: Jinyuyuan 1889a. Kranken die Pulse gefühlt hatte, lautete seine Diagnose so ähnlich wie die vorige, aber in seinem Rezept fehlten Bitterorange, Ephedrastengel und ähnliche Zutaten, statt dessen enthielt es solche Bestandteile wie Engelwurz, getrocknete Mandarinenschalen sowie geschälte und gekochte Päonienwurzel, und auch die Mengenangaben waren reduziert. „Das ist Medizin für ein Mädchen!“ sagte Bau-yü fröhlich. „Sie muß lösend wirken, aber die Wirkung darf nicht zu drastisch sein. Als ich im vorigen Jahr krank war, hatte ich ebenfalls eine Erkältung mit Verdauungs­störungen, und nachdem mich der Arzt untersucht hatte, stellte er fest, ich würde keine Tiger- und Wolfsmedizin wie Ephedrastengel, Gips und Bitterorangen vertragen. Verglichen mit euch, bin ich wie eine jahrzehntealte Espe auf einem verwilderten Grabhügel, ihr aber gleicht den eben erblühten weißen Begonien, die Yün mir im Herbst zum Geschenk gemacht hat. Wie könntet ihr Medikamente vertragen, die nicht einmal mir bekommen!“

	Lächelnd sagte Schë-yüä: „Als ob Espen die einzigen Bäume wären, die an verwilderten Gräbern wachsen! Gibt es dort nicht auch Kiefern und Lebensbäume? Espen mag ich am wenigsten von allen Bäumen – ein großer plumper Stamm und winzige Blätter. Selbst wenn kein Lüftchen weht, rascheln sie wie wild. Ein Vergleich damit ist zu abwertend für dich!“

„Aber mit Kiefern und Lebensbäumen wage ich mich nicht zu vergleichen“, gab Bau-yü lächelnd zurück. „Hat doch schon Konfuzius gesagt: ‚Erst wenn es kalt wird, erkennt man, daß Kiefer und Lebensbaum immergrün sind.‘ Da sieht man, was für edle und erhabene Bäume das sind. Nur wer kein Schamgefühl kennt, wird sich frech mit ihnen vergleichen.“ Während er das sagte, sah er, wie eine alte Amme die Zutaten für die Arznei brachte. Also befahl er, den Silbertiegel zum Arzneikochen hervorzusuchen und den Sud auf dem Kohlebecken zuzubereiten. „Laß doch die Arznei in der Teeküche kochen, wie es sich gehört“, forderte Tjing-wën ihn auf. „Es geht doch nicht an, daß hier alles nach Arznei riecht.“ Aber Bau-yü erklärte: „Der Duft von Arznei ist edler als der aller Blumen und Früchte. Wenn unsterbliche Götter oder erhabene Einsiedler Kräuter sammeln und Medizin daraus kochen, ist das die feinste Sache der Welt. Ich hatte ohnehin schon den Gedanken, daß in den Räumen hier nichts so sehr fehlt wie der Duft von Arznei, und mit ihm wird jetzt alles komplett.“ Und er befahl noch einmal, den Tiegel auf das Kohlenbecken zu setzen. Außerdem gab er Schë-yüä den Auftrag, ein paar Kleinigkeiten einzupacken, die dann eine alte Amme zu Hsi-jën tragen sollte, um ihr gleichzeitig zuzureden, sie solle nicht so viel weinen. Erst nachdem so alles geregelt war, ging Bau-yü hinüber zur Herzoginmutter und zu Dame Wang, um ihnen seinen Gruß zu entbieten und zu essen. Dort sprach Hsi-fëng eben mit der Herzoginmutter und Dame Wang und sagte dabei: „Solange die Tage kurz sind und kaltes Wetter herrscht, sollte die Schwägerin mit den Mädchen besser im Garten essen. Wenn die Tage dann länger werden und es wärmer geworden ist, können sie ja wieder herüber- und hinüberlaufen.“ „Das ist ein guter Gedanke“, lobte Dame Wang, „bei Wind und Schnee ist das wirklich angebracht. Sich nach dem Essen der Kälte auszusetzen ist nicht gut, und ebenso schädlich ist es, mit leerem Magen die kalte Luft zu atmen und dann zu essen. In dem Gebäude von fünf Säulenzwischenräumen Breite am hinteren Gartentor halten sowieso ein paar Frauen Nachtwache, wir können also zwei Frauen aus der Küche auswählen, die dort für die Mädchen das Essen kochen. Frisches Gemüse bekommen sie, der Hauptverwalter gibt ihnen Geld oder Lebensmittel, und wenn wir Wild wie Fasan, Wasserhirsch oder Reh haben, bekommen sie auch etwas davon ab, dann ist für alles gesorgt.“ „Ich hatte auch schon daran gedacht“, sagte die Herzoginmutter, „nur schien es mir etwas aufwendig, eine zusätzliche Küche einzurichten.“ „Das ist es durchaus nicht“, erklärte ihr Hsi-fëng. „Die Zuwendungen bleiben die gleichen. Was dort zusätzlich anfällt, geht ja hier ab. Und selbst wenn es etwas umständlicher sein sollte, können die Mädchen nun einmal Kälte und Wind nicht vertragen. Das gilt ganz besonders für Kusine Dai-yü, aber da es selbst Bau-yü so geht, muß es für die anderen Mädchen um so eher zutreffen.“ „Du hast vollkommen recht“, bestätigte die Herzoginmutter, „schon neulich wollte ich genau dasselbe sagen, aber mir schien, ihr hättet mit wichtigeren Dingen ohnehin schon zuviel zu tun...“ Wer wissen will, wie es weiterging, ...