Hongloumeng/de/Chapter 53
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Kapitel 53
灰条菜——学名“藿(diào吊)”或“灰藿”。是一种野菜。《左传·昭公十六年》已有记载:“斩之蓬蒿藜藿,而共处之。”清·汪灏等编《广群芳谱·蔬谱·灰藿》更有详细记载:“灰藿,一名灰涤菜,一名金锁天,今讹为灰条菜,处处原野有之,四月生苗,茎有紫红线,棱叶,尖有刻缺,面青啃白,茎心嫩叶,皆有细白如沙,为蔬亦佳。”也可晾晒为干菜储存,水发后即可食用。
一斗珠儿羊皮──指胎里羊皮。因胎里羊皮卷毛如粒粒珠子,故称。亦称“一斛珠”、“珍珠毛”。
Als Bau-yü sah, daß Tjing-wën vom Stopfen seines Pfauenfederumhangs völlig entnervt und entkräftet war, gab er den kleineren Sklavenmädchen sofort den Befehl, sie sollten kommen und Tjing-wën eine Klopfmassage geben. Als sie dies eine Zeitlang getan hatten, legten sich alle wieder hin. Doch nach weniger Zeit, als man sie braucht, um eine Schale Reis zu essen, war es draußen hell. Anstatt auszugehen, ließ Bau-yü den Arzt holen. Kurze Zeit später erschien Hofarzt Wang, und nachdem er der Kranken die Pulse gefühlt hatte, sagte er verwundert: „Gestern ging es ihr schon besser, heute jedoch schlagen die Pulse schwach und unregelmäßig. Vermutlich hat sie zuviel gegessen und getrunken, es sei denn, sie hat sich überanstrengt. Den Infekt hat sie überstanden, aber wenn sie sich nach dem Schweißausbruch nicht geschont hat, kann das schlimme Folgen haben.“ Mit diesen Worten ging er hinaus und schrieb sein Rezept. Als es hereingebracht wurde, sah Bau-yü, daß die lösenden und austreibenden Bestandteile diesmal fehlten, statt dessen waren Stärkungsmittel wie Kokos-Porling, Rehmannienwurzel und Engelwurz verordnet worden. Rasch befahl Bau-yü, die Arznei zuzubereiten, dann sagte er seufzend: „Was soll ich nur machen? Wenn ihr etwas zustößt, ist das allein meine Schuld!“ „Geh nur und kümmer dich um deine eigenen Angelegenheiten, kleiner Herr!“ sagte Tjing-wën, ohne den Kopf vom Kissen zu heben. „Die Schwindsucht werde ich schon nicht gleich kriegen!“ Notgedrungen ging Bau-yü fort, aber am Nachmittag entschuldigte er sich mit Unwohlsein und kam wieder zurück. Tjing-wën war zwar jetzt ernstlich krank, aber glücklicherweise hatte sie die Gewohnheit, wohl ihren Körper, aber nicht ihr Gemüt zu strapazieren. Außerdem war sie es gewohnt, im Essen und Trinken maßzuhalten und sich keine Sorgen darum zu machen, ob sie satt oder hungrig war. Im Hause der Djias war es nämlich Gewohnheit und Geheimrezept zugleich, daß sich hoch und niedrig bei der kleinsten Erkältung und dem geringsten Husten in erster Linie streng ans Fasten hielt und erst in zweiter Linie Medizin einnahm und das Bett hütete. Deshalb hatte Tjing-wën, als sie krank geworden war, sofort einige Tage gehungert, aber auch brav ihre Medizin genommen und sich gepflegt. Nachdem sie sich jetzt überanstrengt hatte, war sie ein paar Tage lang um so sorgfältiger auf ihre Genesung bedacht, und allmählich ging es ihr wieder besser. Da in jüngster Zeit alle Mädchen, die im Garten wohnten, einzeln in ihren Räumen aßen und es so leichter geworden war, sich etwas kochen zu lassen, konnte Bau-yü ohne große Schwierigkeiten für Suppen und Brühen sorgen. Aber davon muß nicht im einzelnen erzählt werden. Als Hsi-jën nach der Beerdigung ihrer Mutter wieder zurückgekommen war, bekam Bau-yü von Schë-yüä einen genauen Bericht darüber, was Ping-örl ihr über Amme Sung und Dschuee-örl erzählt hatte und wie Dschuee-örl dann von Tjing-wën fortgejagt worden war.Erkältung und dem geringsten Husten in erster Linie streng ans Fasten hielt und erst in zweiter Linie Medizin einnahm und das Bett hütete. Deshalb hatte Tjing-wën, als sie krank geworden war, sofort einige Tage gehungert, aber auch brav ihre Medizin genommen und sich gepflegt. Nachdem sie sich jetzt überanstrengt hatte, war sie ein paar Tage lang um so sorgfältiger auf ihre Genesung bedacht, und allmählich ging es ihr wieder besser. Da in jüngster Zeit alle Mädchen, die im Garten wohnten, einzeln in ihren Räumen aßen und es so leichter geworden war, sich etwas kochen zu lassen, konnte Bau-yü ohne große Schwierigkeiten für Suppen und Brühen sorgen. Aber davon muß nicht im einzelnen erzählt werden. Als Hsi-jën nach der Beerdigung ihrer Mutter wieder zurückgekommen war, bekam Bau-yü von Schë-yüä einen genauen Bericht darüber, was Ping-örl ihr über Amme Sung und Dschuee-örl erzählt hatte und wie Dschuee-örl dann von Tjing-wën fortgejagt worden war. Hsi-jën bemerkte dazu lediglich: „Das war ein bißchen vorschnell gehandelt.“ Während Li Wan inzwischen ebenfalls erkältet war, litt Dame Hsing an einer Augenentzündung, weshalb Ying-tschun und Hsiu-yän täglich zu ihr hinübergingen, um sie morgens und abends mit Medizin zu versorgen. Tante Li aber war mit Li Wën und Li Tji für ein paar Tage zu Besuch bei ihrem jüngeren Bruder. Bau-yü dagegen sah nur, daß Hsi-jën sich um ihre tote Mutter grämte und daß Tjing-wën immer noch nicht wieder ganz gesund war. Deshalb zeigte niemand Interesse, wenn der Tag für den Dichterbund kam, und so fielen mehrere Treffen aus. So kam der zwölfte Monat heran, das Jahresende rückte näher, und Dame Wang kümmerte sich mit Hsi-fëng zusammen um die Festvorbereitungen. Währenddessen wurde Wang Dsï-tëng zum Befehlshaber aller Garnisonen von neun Provinzen befördert, und Djia Yü-tsun wurde zum Kriegsminister ernannt, so daß er in den Angelegenheiten des Heeres ebenso wie in der Politik des Hofes jetzt ein Wort mitzureden hatte. Aber genug jetzt davon. Drüben im Ning-guo-Anwesen schloß Djia Dschën den Ahnentempel auf und ließ dort den Boden ausfegen, die Opfergeräte ordnen und die Ahnentafeln aufstellen. Auch in der Haupthalle ließ er saubermachen und die Ahnenbilder aufhängen. Im inneren und im äußeren Bereich beider Anwesen war hoch und niedrig emsig beschäftigt. Eines Tages war Frau You nach dem Aufstehen eben mit Djia Jungs Frau zusammen dabei, Nadelarbeiten und andere Geschenke für die Herzoginmutter herzurichten, als ein Sklavenmädchen mit einem Tablett voll kleiner Neujahrs-Goldbarren eintrat und meldete: „Hsing-örl läßt Euch sagen, junge gnädige Frau, jenes Paket Bruchgold habe einhundertdreiundfünfzig Liang, sechs Tjiän und sieben Fën Bruchgold unterschiedlicher Reinheit enthalten. Daraus seien zweihundertundzwanzig Barren gegossen worden.“ Mit diesen Worten reichte sie ihr das Tablett hin, und Frau You sah, daß die Barren teils die Form von Aprikosenblüten hatten, teils die von Zierapfelblüten. Andere sahen aus wie kleine Glückwunschzepter, und wieder andere zeigten das Schriftzeichen tschun – ‚Frühling‘ – , umgeben von den Acht Kostbarkeiten . „Schließ das weg und sag Hsing-örl, sie solle auch die Geschenkbarren aus Silber bald bringen!“ befahl Frau You. „Jawohl!“ sagte das Sklavenmädchen und ging hinaus. Dann kam Djia Dschën herein, um zu essen, und Djia Jungs Frau zog sich zurück. „Haben wir schon die Spenden des Kaisers für unser Neujahrsopfer abholen lassen?“ wollte Djia Dschën wissen. „Heute habe ich Jung danach geschickt“, erwiderte Frau You. „Nicht daß wir auf die paar Liang Silber angewiesen wären, es ist die Gnade des Kaisers, die zählt“, kommentierte Djia Dschën. „Sobald das Silber abgeholt ist, zeigen wir es drüben der alten gnädigen Frau, und dann werden Opfergaben dafür gekauft. Zum einen genießen wir das Wohlwollen des Herrschers, zum anderen danken wir den Ahnen unser Glück. Selbst wenn wir zehntausend Liang Silber für das Opfer ausgeben würden, wäre das nicht so ehrenvoll wie ein Opfer mit Hilfe dieses Gnadengeschenks. Und von ein, zwei Familien wie der unsern abgesehen, könnte keine Familie eines armen Beamten mit Erbtitel zu Neujahr die Opfer bringen, wenn sie nicht dieses Silber bekäme. Die Gnade des Kaisers ist wahrhaftig gewaltig, und er denkt auch an alles.“ „So ist es“, bestätigte Frau You. Kaum hatte sie das gesagt, wurde gemeldet: „Euer Sohn ist gekommen.“ Djia Dschën befahl, ihn hereinzurufen, und Djia Jung trat mit einem Beutel aus gelbem Baumwollstoff herein, den er mit beiden Händen trug. „Warum hat das den ganzen Tag gedauert?“ fragte Djia Dschën. Lächelnd erwiderte Djia Jung: „Diesmal war das Silber nicht im Zeremonialministerium abzuholen, es wurde vielmehr in der Schatzkammer des Kaiserlichen Amtes für Opfergaben, Speisen und Bankette ausgegeben, und so mußte ich erst dorthin, um es zu bekommen. Die Beamten lassen Euch grüßen, Vater. Sie sagten, sie hätten Euch lange nicht gesehen, aber immer an Euch gedacht.“ „An mich?“ sagte Djia Dschën lächelnd, „an meine Geschenke und meine Einladungen zu Theater und Wein denken sie, wo jetzt das Neujahrsfest vor der Tür steht!“ Dann sah er sich den Beutel an, auf dem ein großer Siegelstempel prangte „Durch kaiserliche Gnade auf ewig gewährt“. Daneben befand sich der Siegelstempel der Opferverwaltung des Zeremonialministeriums. Außerdem stand dort eine Zeile kleiner Schriftzeichen: „Djia Yän, Herzog Ning-guo, und Djia Fa, Herzog Jung-guo, durch Kaiserliche Gnade auf ewig gewährte Spenden zum Neujahrsopfer; soundsoviel Liang Feinsilber; am soundsovielten Tag des soundsovielten Monats im Jahre sowieso von Djia Jung, Hauptmann der Palastwache ohne Kommando, persönlich abzuholen. Der diensthabende Amtsassisten N. N.“ Darunter stand mit roter Tusche ein Namenszug. Als Djia Dschën gegessen und sich anschließend die Hände gewaschen und den Mund gespült hatte, wechselte er Stiefel und Kopfbedeckung und befahl dann Djia Jung, den Beutel mit dem Silber zu nehmen und ihm zu folgen. Nachdem sie der Herzoginmutter und Dame Wang Bericht erstattet hatten, kamen sie wieder ins Ning-guo-Anwesen herüber und machten auch Djia Schë und Dame Hsing Meldung, ehe sie in ihre Wohnräume zurückkehrten, wo Djia Dschën das Silber aus dem Beutel nahm und befahl, diesen im großen Weihrauchkessel des Ahnentempels zu verbrennen. Anschließend erteilte er Djia Jung den Auftrag: „Erkundige dich drüben bei der Frau deines Onkels Liän, ob schon entschieden ist, an welchem Tag sie ihre Gäste zum Neujahrswein einladen! Wenn das schon feststeht, läßt du dir von den Sekretären eine genaue Aufstellung schreiben, damit es keine Überschneidungen gibt, wenn wir unsere Einladungen verschicken. Beim vorigen Mal hatten wir nicht aufgepaßt, und da war es zu solchen Versehen gekommen. Die Leute mußten natürlich denken, daß wir uns mit denen von drüben abgesprochen und absichtlich solche nicht ernst gemeinten Einladungen verschickt hätten, um weniger Aufwand zu haben.“ Rasch sagte Djia Jung jawohl und begab sich wieder hinüber. Bald darauf kam er mit einem Bogen zurück, auf dem verzeichnet war, wer für welchen Tag zu Gast gebeten wurde. Djia Dschën sah sich die Aufstellung an, dann befahl er: „Gib das nachher Lai Schëng! Er soll darauf achten, daß nicht dieselben Leute am selben Tag zu uns eingeladen werden!“ Nun gingen sie nach den Sklavenjungen sehen, die in der Haupthalle Wandschirme schleppten, Tische abwischten und die Opfergeräte aus Gold und Silber polierten. Da kam ein anderer Sklavenjunge mit einem Brief und einer Liste und meldete: „Dorfverwalter Wu aus Hee-schan tsun ist gekommen.“ „Jetzt erst kommt er, der alte Galgenstrick!“ murrte Djia Dschën, während Djia Jung Brief und Liste entgegennahm und als erstes den Brief entfaltete, um ihn Djia Dschën vorzuhalten. Die Hände auf dem Rücken, las Djia Dschën auf dem roten Papier: „Kniefällig wünscht Euer Dorfverwalter Wu Djin-hsiau Euch, Herr und Herrin, zehntausendfaches Glück und goldene Gesundheit, goldene Gesundheit auch den jungen Herren und Fräulein! Mögen Euch im neuen Jahr Glück und Freude beschieden sein, Ruhm und Zufriedenheit, höherer Rang und größeres Einkommen! Mögen sich all Eure Wünsche erfüllen!“ „Komische Leute sind das schon, da auf dem Lande!“ bemerkte Djia Dschën lächelnd. Schnell setzte auch Djia Jung ein Lächeln auf und sagte: „Stört Euch nicht an der Form! Die Hauptsache ist doch, daß es Glück bringen soll!“ Dann entfaltete er auch die Liste, und darauf stand: ‚Hirsche – 30 Stück, Wasserhirsche – 50 Stück, Rehe – 50 Stück, Siam-Schweine – 20 Stück, gebrühte Schweine – 20 Stück, Drachen-Schweine – 20 Stück, Wildschweine – 20 Stück, gesalzene und getrocknete Schweine – 20 Stück, Wildschafe – 20 Stück, Gorale – 20 Stück, gebrühte Hammel – 20 Stück, getrocknete Hammel – 20 Stück, Störe – 2 Stück, verschiedene Fische – 200 Djin, lebende Hühner, Enten und Gänse – je 200 Stück, getrocknete Hühner, Enten und Gänse – je 200 Stück, Fasanen und Hasen – je 200 Paar, Bärentatzen – 20 Paar, Hirschsehnen – 20 Djin, Seegurken – 50 Djin, Hirschzungen – 50 Stück, Rinderzungen – 50 Stück, getrocknete Scheidenmuscheln – 20 Djin, Haselnüsse, Zirbelnüsse, Pfirsichkerne und Aprikosenkerne – je 2 Sack, Hummer – 50 Paar, getrocknete Garnelen – 200 Djin, Holzkohle feinster Güte – 2000 Djin, Holzkohle mittlerer Güte – 2000 Djin, einfache Holzkohle – 30000 Djin, roter Reis von den Kaiserlichen Feldern – 2 Dan, grüner Klebreis – 50 Hu, weißer Klebreis – 50 Hu, weißer Spätreis – 50 Hu, verschiedene Hirsearten – je 50 Hu, gewöhnlicher Reis – 1000 Dan, verschiedenerlei Dörrgemüse – eine Wagenladung, beim Verkauf von Getreide und Vieh erlöstes Silber – 2500 Liang. Des weiteren als Geschenk für die jungen Herren und Fräulein zum Vergnügen: lebende Hirsche – 2 Paar, lebende weiße Kaninchen – 4 Paar, schwarze – 4 Paar, lebende Goldfasanen – 2 Paar, europäische Enten – 2 Paar.‘ „Bringt ihn herein!“ befahl Djia Dschën, und bald darauf trat Wu Djin-hsiau in den Hof und entbot seinen Gruß mit einem Stirnaufschlag. Djia Dschën befahl, man solle ihm auf die Beine helfen, und erkundigte sich lächelnd: „Du bist also noch gesund und bei Kräften?“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Wu Djin-hsiau: „Im Schatten Eures Glücks, Herr, kann ich mich noch bewegen.“ „Aber deine Söhne sind doch schon groß, sie hättest du schicken sollen!“ sagte Djia Dschën. „Ich will Euch nichts verhehlen, Herr“, sagte Wu Djin-hsiau lächelnd. „Ich bin es gewöhnt, den Weg zu machen, und hätte mich zu Tode gelangweilt, wenn ich nicht gekommen wäre. Sie würden freilich auch gern sehen, wie es sich lebt zu Füßen des Kaisers, aber sie sind noch jung, und ich habe Angst, daß ihnen auf dem Weg etwas zustoßen könnte. Ein paar Jahre noch, dann brauche ich mir darüber keine Gedanken mehr zu machen.“ „Wieviel Tage warst du unterwegs?“ erkundigte sich Djia Dschën. „Es lag viel Schnee in diesem Jahr, Herr“, berichtete Wu Djin-hsiau. „Auf dem Lande lag er überall vier oder fünf Tschï hoch. Aber dann hat es plötzlich getaut, und auf den Wegen war kaum noch ein Vorwärtskommen. So habe ich mich um ein paar Tage verspätet. Einen Monat und zwei Tage habe ich gebraucht, dabei habe ich mich beeilt, weil ich wußte, die Zeit ist begrenzt, und Ihr würdet Euch sorgen, Herr.“ „So, so“, sagte Djia Dschën. „Ich wunderte mich schon, warum du jetzt erst kommst! Eben habe ich mir deine Liste angesehen. Du willst dich also wieder mal mit uns anlegen, Alter?“ Rasch trat Wu Djin-hsiau zwei Schritte näher und sagte: „Laßt Euch berichten, Herr! Die diesjährige Ernte war wirklich schlecht. Vom dritten bis zum achten Monat hat es in einem fort geregnet, und es gab nicht fünf klare Tage hintereinander. Im neunten Monat gab es dann einen Hagelschlag mit Eiskörnern so groß wie Eßschüsseln. Eintausenddreihundert Li im Geviert haben Menschen und Häuser, Viehherden und Getreidefelder zu Tausenden und aber Tausenden dadurch Schaden genommen. Das sind die Gründe. Ich lüge wirklich nicht, Herr.“ Die Brauen gerunzelt, erwiderte Djia Dschën: „Ich hatte fest mit mindestens fünftausend Liang Silber von dir gerechnet. Wofür reicht das schon, was du bringst?! Von den acht, neun Dörfern, die uns noch geblieben sind, hat in diesem Jahr schon eins eine Dürre und eins eine Überschwemmung gemeldet, und jetzt willst auch du uns hereinlegen. Du gönnst uns wohl nicht einmal die Neujahrsfeier, was?“ „Aber Herr!“ sagte Wu Djin-hsiau. „Eure Dörfer sind noch gut dran. Mein Bruder wohnt nur hundert Li von mir entfernt, und doch steht es bei
Aus: Jinyuyuan 1889a. ihm dort viel schlimmer. Die acht Dörfer, die er jetzt für das andere Anwesen drüben verwaltet, sind ein paarmal größer als Eure, trotzdem hat er dieses Jahr nicht viel abliefern können. An Silber waren es ganze zwei- oder dreitausend Liang mehr als bei mir, so schwer hat die Not sie getroffen.“ „Eben, eben“, sagte Djia Dschën, „wir hier kommen noch aus, weil wir keine großen Extraausgaben haben, sondern nur die ständigen Kosten. Geht es mir schlechter, dann lebe ich eben bescheidener. Außerdem kann ich noch dadurch etwas einsparen, daß ich unverfroren bei Jahreszuwendungen, Geschenken und Einladungen knapse, und damit hat sich der Fall. Drüben im andern Anwesen sieht das aber nicht so aus. Dort sind in den vergangenen Jahren aus den verschiedensten Gründen zusätzliche Ausgaben entstanden, die nicht zu vermeiden waren, ihr Silber und ihre Einnahmequellen haben sich jedoch nicht vermehrt. So haben sie in den letzten ein, zwei Jahren viel zusetzen müssen. Woher soll es denn kommen, wenn nicht von euch?!“ „Drüben ist zwar der Aufwand größer geworden“, stimmte ihm Wu Djin-hsiau lächelnd zu, „aber es ist doch ein Geben und Nehmen. Bekommen sie denn nicht Geschenke von der hohen Frau und von Seiner Majestät?“ „Hat man jemals so etwas Lächerliches gehört?“ wandte sich Djia Dschën schmunzelnd an Djia Jung und die anderen, worauf Djia Jung ihm sofort mit einem Lächeln sekundierte: „Was versteht ihr schon von diesen Dingen, die ihr in Bergschluchten und am Meeresufer lebt! Soll uns die hohe Frau vielleicht die kaiserlichen Schatzhäuser schenken? Selbst wenn sie das wollte, könnte sie es nicht. Natürlich machen sie uns Geschenke, aber das sind doch nur Seidenstoffe, Antiquitäten und derlei Dinge zu den Feiertagen. Und wenn es einmal Gold gibt, sind es nicht mehr als einhundert Liang. Das entspricht gerade eintausend Liang Silber . Wie weit kommt man damit schon im Laufe eines Jahres? Dabei haben sie drüben in den letzten beiden Jahren Mehrausgaben von jeweils einigen Tausend Liang Silber gehabt. Überleg dir einmal, was allein der Besuch im vergangenen Jahr einschließlich des neugebauten Gartens sie gekostet hat, dann kannst du dir ein Bild davon machen. Noch so ein Besuch in ein paar Jahren, und sie sind ruiniert.“ Lächelnd setzte Djia Dschën hinzu: „Bieder, wie die Landleute sind, haben sie keine Ahnung, was das heißt ‚Es ist nicht alles Gold, was glänzt.‘ Macht man aus Holz einen Klangsteinschlegel, dann ist er zwar schön anzusehen, aber was hat er alles auszuhalten!“ „Drüben müssen sie wirklich arm geworden sein“, sagte Djia Jung zu Djia Dschën. „Neulich habe ich gehört, wie die Frau von Onkel Liän leise mit Yüan-yang besprochen hat, heimlich etwas von den Sachen der alten gnädigen Frau in die Pfandleihe zu tragen.“ „Aber das ist doch nur so ein Trick von ihr“, erwiderte Djia Dschën lächelnd. „So arm sind sie nun doch noch nicht. Bestimmt wird sie gesehen haben, daß zuviel ausgegeben und immer kräftig zugeschossen wird, und weil sie nicht weiß, woran sie noch sparen soll, hat sie dieses Mittel erdacht, damit es sich herumspricht und alle meinen, sie seien schon dermaßen verarmt. Ich aber habe meinen eigenen Überblick über diese Dinge und weiß, daß es so schlimm noch nicht ist.“ Anschließend befahl er, man solle Wu Djin-hsiau hinausgeleiten und gut für ihn sorgen. Doch nun genug davon. Von den Dingen, die der Dorfverwalter gebracht hatte, wurde auf Djia Dschëns Anweisung ein Teil für das Ahnenopfer beiseite gelegt, einiges von jeder Sorte mußte Djia Jung ins Jung-guo-Anwesen hinüberbringen, und nach Abzug all dessen, was man für den eigenen Haushalt brauchte, wurde der Rest in Portionen geteilt, wie sie der Rangfolge entsprachen, und unterhalb der Terrasse aufgebaut. Dann gab Djia Dschën den Befehl, die Söhne und Neffen der ganzen Sippe zusammenzurufen, um jeden seinen Anteil in Empfang nehmen zu lassen. Inzwischen wurden auch aus dem Jung-guo-Anwesen allerlei Opfergaben und Geschenke für Djia Dschën herübergebracht. Nachdem dieser die Aufstellung der Opfergeräte bis zum Schluß überwacht hatte, schlüpfte er in bequeme Schuhe, hüllte sich in einen weiten Luchspelzumhang und ließ am Fuße einer Säule auf der Plattform der Haupthalle eine große Decke aus Wolfsfell in die Sonne legen, um sich den Rücken zu wärmen, während er müßig zuschaute, wie die jungen Leute ihre Neujahrsgaben empfingen. Als er sah, daß auch Djia Tjin kam, um seinen Anteil zu holen, rief er ihn zu sich und fragte: „Was willst du hier? Wer hat dich gerufen?“ Mit unterwürfig herabhängenden Armen erwiderte Djia Tjin: „Ich hörte, Ihr hättet uns alle rufen lassen, um etwas abzuholen, gnädiger Herr. Da bin ich gekommen, ohne eine persönliche Aufforderung abzuwarten.“ „Diese Sachen sind für diejenigen deiner Schwäger und Vettern bestimmt, die keinen Posten und keine Verdienstmöglichkeit haben“, sagte Djia Dschën. „In den beiden Jahren, als es für dich nichts zu tun gab, hast du deinen Anteil von mir bekommen. Aber jetzt hast du doch eine Stellung und bist drüben im anderen Anwesen für die buddhistischen und dauistischen Nonnen im Familienkloster zuständig. Nicht nur, daß du dein Monatsgeld bekommst, auch die Monatsgelder für die Nonnen gehen durch deine Hände. Und da kommst du noch, um dir hier etwas zu holen? Du bist aber auch zu gierig! Und schau dich nur einmal an! Kleidet sich so vielleicht jemand, der Verantwortung trägt und über Gelder verfügt? Früher hast du dich beklagt, du habest keine Einnahmequelle, aber warum schaust du dann jetzt noch schlimmer aus als dazumal?“ „Wir sind viele Esser zu Hause und haben daher viele Ausgaben“, versuchte Djia Tjin sich zu rechtfertigen. „Du widersprichst mir auch noch?“ fragte Djia Dschën. „Meinst du, ich wüßte nicht, wie du es im Familienkloster treibst? Dort spielst du natürlich den Herrn, und niemand wagt es, sich dir zu widersetzen. Außerdem hast du Geld in der Tasche und bist weit genug von uns weg. Also führst du dich auf wie ein König oder ein Hegemon, versammelst jede Nacht einen Haufen Räuber um dich, mit denen du um Geld spielst, und hältst dir Frauenzimmer und Lustknaben.Und bei so einem Betragen wagst du es noch, hierher zu kommen, um dir Geschenke zu holen. Nicht Geschenke müßtest du bekommen, sondern eine ordentliche Tracht Prügel. Warte nur! Nach Neujahr werde ich mit deinem Onkel Liän reden, damit er dich hierher zurückschickt.“ Wie mit Blut übergossen stand Djia Tjin da und wagte nichts zu erwidern. Da meldete jemand: „Aus der Residenz des Prinzen Bee-djing sind Spruchbänder und Geldtäschchen geschickt worden.“ „Geh hinaus und bewirte die Boten, sag ihnen, ich sei nicht zu Hause!“ sagte Djia Dschën zu Djia Jung, der daraufhin fortging. Djia Dschën aber blieb sitzen, bis alle Gaben abgeholt waren, dann kehrte er in seine Wohnräume zurück und aß mit Frau You zu Abend. Von der Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Tag war noch mehr zu tun, aber auch das muß hier nicht umständlich erzählt werden. Als der neunundzwanzigste Tag des zwölften Monats kam, waren sämtliche Vorbereitungen getroffen. In beiden Anwesen waren neue Türgottbilder und Spruchbänder mit glückverheißenden Inschriften angebracht und mit Öl bestrichen worden, so daß alles frisch und sauber aussah. Im Ning-guo-Anwesen standen vom Eingang an überall die mittleren Türflügel weit offen: am Außentor, am äußeren Ehrentor, an der äußeren Halle, am geheizten Wohnhaus, an der inneren Halle, am Innentor, am inneren Ehrentor, am Blendtor und schließlich an der Haupthalle. Unterhalb der Plattform der Halle brannten auf jeder Seite je eine lange Reihe großer roter Kerzen, so daß es aussah, als ob dort zwei feurige goldene Drachen lägen. Am nächsten Tag kleidete sich die Herzoginmutter wie jeder, der mit einem offiziellen Rang belehnt war, in die vorgeschriebenen Audienzgewänder und ließ sich allen voran in einer Sänfte mit acht Trägern zur Gratulationscour in den Kaiserpalast tragen. Nachdem sie dort die Riten vollzogen und am Bankett teilgenommen hatten, ließen sie sich ins Ning-guo-Anwesen tragen und stiegen dort neben dem Wohnhaus aus den Sänften. Wer von den jüngeren männlichen Familienangehörigen nicht mit bei Hofe gewesen war, stand am Außentor Spalier und half ihnen nun beim Aussteigen, um sie in den Ahnentempel zu geleiten. Bau-tjin, die zum erstenmal hier war, hielt die Augen offen und sah sich alles aufmerksam an. Der Ahnentempel lag in einem besonderen Hof im Westen des Anwesens, umgeben von einer Mauer, der noch ein schwarzlackiertes Holzgitter vorgelagert war. Am Eingangstor prangte eine Tafel, auf der in großen Schriftzeichen zu lesen war „Ahnentempel der Sippe Djia“. Daneben stand in kleineren Schriftzeichen „Geschrieben von Kung Dji-dsung, Herzog Yän-schëng .“ Zu beiden Seiten aber hing ein langes Parallelsatzpaar mit den Aufschriften
„Mit seinem Leben dankt das zahlreiche Volk seinem Erhalter die Gnade“, „Durch ihre Taten lohnen hundert Generationen ihrem Herrscher die Spenden.“ Auch das war vom Herzog Yän-schëng geschrieben. Hinter dem Tor begann ein Weg aus weißen Steinplatten, an dem rechts und links dunkelgrüne Kiefern und leuchtend grüne Lebensbäume wuchsen. Auf einem steinernen Opfertisch standen mit Patina überzogene alte Bronzegefäße. Am Eingang der Vorbauten des Tempels hing eine mit neun vergoldeten Drachen geschmückte Tafel mit den Schriftzeichen „Sternengleich glänzende Stützen des Throns“. Geschrieben hatte sie der verewigte Kaiser. Links und rechts des Tors besagte ein Parallelsatzpaar „Wie Sonne und Mond erstrahlen die Taten“, „Auf Söhne und Enkel erstreckt sich der Ruhm.“ Auch dies war die Handschrift des Kaisers. An der Tempelhalle von fünf Säulenzwischenräumen Breite hing eine mit sich bäumenden Drachen verzierte Tafel, die auf blauem Grund die Schriftzeichen trug „Ehrende Opfer für Eltern und Ahnen“. Das Parallelsatzpaar links und rechts des Eingangs lautete „Die Nachfahren erben Tugend und Glück“, „Die Volksmenge preist Ning wie auch Jung.“ Alles war von der Hand des Kaisers geschrieben. In der Halle loderten Weihrauch und Kerzen, hinter den zahllosen bunten Seidenbehängen waren die Ahnentafeln kaum zu erkennen. Alle Sippenangehörigen nahmen rangmäßig auf der linken und rechten Seite Aufstellung. Djia Djing leitete die Opferzeremonie, Djia Schë ging ihm zur Hand, Djia Dschën reichte den Opferbecher dar, Djia Liän und Djia Dsung die Seide, Bau-yü den Weihrauch. Djia Gë und Djia Ling breiteten den Teppich aus und kümmerten sich um das große Feuerbecken. Schwarzgekleidete Musikanten spielten, während der Opferbecher dreimal gefüllt wurde und jeder seine Stirnaufschläge vollzog. Als die Seide verbrannt und der Wein vergossen war, verstummte die Musik, und alle verließen den Tempel. Begleitet von der ganzen Sippe, begab sich die Herzoginmutter in die Haupthalle des Innenhofes. Auch hier hingen seidene Vorhänge herab, bunte Wandschirme waren aufgestellt, Weihrauch und Kerzen brannten. An der Mitte der Rückwand hingen die Bilder der alten Herzöge Ning-guo und Jung-guo. Beide waren sie in drachenbestickten Gewändern und mit Jadegürteln dargestellt. Daneben hingen die Bilder weiterer Ahnen. Vom inneren Ehrentor bis zum Säulengang vor der Halle standen Djia Hsing, Djia Dschï und ihre Altersgefährten der Rangfolge gemäß aufgereiht. Draußen an der Hallentür standen Djia Djing und Djia Schë, während die weiblichen Familienangehörigen innen an der Tür standen. Die Dienerschaft war draußen vor dem Ehrentor postiert. Jedes einzelne Gericht der Opferspeisen wurde am Ehrentor von Djia Hsing und Djia Dschï entgegengenommen und durch das Spalier bis auf die Plattform der Halle zu Djia Djing weitergereicht. Er übergab es an Djia Jung, der als ältester Enkel der Hauptlinie des Hauses als einziger Mann mit den Frauen zusammen innen an der Tür stand. Von ihm empfing es seine Frau, die es an Hsi-fëng und Frau You weitergab. Durch die Hände der übrigen Frauen gelangte es bis zu Dame Wang, die am Opfertisch stand und die Speisen der Herzoginmutter reichte, die sie endlich auf den Tisch setzte. Dame Hsing, die mit dem Gesicht nach Osten an der Westseite des Opfertischs stand, assistierte der Herzoginmutter. Als alle Zuspeisen, Reis, Suppe, Naschwerk, Tee und Wein durchgereicht waren, verließ auch Djia Jung die Halle, stieg die Treppe hinab und stellte sich dort an die Spitze der Gruppe, zu der Djia Tjin gehörte. Jetzt nahmen alle Angehörigen der Kultur-Generation mit Djia Djing an der Spitze, alle Angehörigen der Jade-Generation mit Djia Dschën an der Spitze und alle Angehörigen der Gras-Generation mit Djia Jung an der Spitze rangmäßig Aufstellung, die Frauen auf der Ostseite, die Männer auf der Westseite, und als die Herzoginmutter den Weihrauch entzündete und niederkniete, fielen auch alle anderen auf die Knie. In der Halle und ihren Vorbauten, in allen Säulengängen sowie auf und unterhalb der Plattform gab es keinen freien Fleck, alles war von buntgekleideten Menschen bedeckt. In der feierlichen Stille hörte man nur das leise Kling-Klang und Ding-Dang der goldenen Glöckchen und der jadenen Gürtelgehänge sowie das scharrende Geräusch der zahllosen Stiefel beim Aufstehen und Niederknien. Bald darauf war die Zeremonie beendet. Djia Djing und Djia Schë zogen sich mit den übrigen Männern rasch zurück und begaben sich ins Jung-guo-Anwesen hinüber, wo sie die Herzoginmutter erwarteten, um ihr den zeremoniellen Gruß zu entbieten. Im Hauptraum der Wohngemächer von Frau You war der Fußboden mit rotem Filz ausgelegt. Mitten im Raum stand ein großes Kohlenbecken aus Cloisonné, dessen drei Beine die Form von Elefantenrüsseln hatten und vergoldet waren, ebenso wie der wulstige Rand. Auf dem Ofenbett, bedeckt mit einer neuen purpurfarbenen Filzmatte, lagen rote Rücken- und Armpolster, bunt bestickt mit Drachen, die inmitten von Wolken um das Schriftzeichen schou – ‚langes Leben‘ – gruppiert waren. Über die Filzmatte war eine Silberfuchsdecke gebreitet, auf der ein Kissen aus Weißfuchs lag. Frau You bat die Herzoginmutter, auf dem Kissen Platz zu nehmen, dann legte sie rechts und links davon weitere Pelzkissen zurecht und ließ dort die anderen Frauen aus der Generation der Herzoginmutter sitzen. Auch auf die kleine Fortsetzung des Ofenbetts außerhalb des hölzernen Raumteilers legte Frau You Pelzkissen und bot die Plätze Dame Hsing und deren Altersgefährtinnen an. Auf der freien Fläche vor dem Ofenbett standen in zwei Reihen zwölf Stühle einander zugewandt, die mit geschnitztem Lack überzogen und einheitlich mit Sitzkissen aus Fehfell bedeckt waren. Hier mußten Bau-tjin und die anderen Mädchen Platz nehmen. Vor jedem Stuhl stand ein Fußöfchen aus Messing. Nun reichte Frau You der Herzoginmutter eigenhändig den Tee auf einem Tablett, während Djia Jungs Frau die übrigen alten Frauen bediente. Anschließend servierte Frau You den Tee für Dame Hsing und die anderen Frauen, Djia Jungs Frau aber reichte den Mädchen die Teeschalen. Hsi-fëng, Lai Wan und die übrigen Schwiegertöchter standen in dienstfertiger Haltung dabei. Auch Dame Hsing und die übrigen Frauen ihrer Generation standen bald wieder auf, um die Herzoginmutter zu bedienen, die weiter ihren Tee trank und dabei mit den anderen alten Frauen sprach. Aber schon nach wenigen Sätzen befahl sie, nach ihrer Sänfte zu sehen, und sofort trat Hsi-fëng näher, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Lächelnd meldete Frau You: „Wir haben das Abendessen für Euch vorbereitet, alte Ahne. Es ist Jahr für Jahr dasselbe: Nie wollt Ihr uns die Ehre erweisen, hier zu essen, bevor Ihr heimkehrt. Sind wir denn wirklich so viel unwürdiger als Hsi-fëng?“ Ebenfalls lächelnd sagte Hsi-fëng, während sie der Herzoginmutter aufhalf: „Kommt nur schnell, alte Ahne, und eßt bei uns! Achtet nicht auf sie!“ Und lächelnd sagte die Herzoginmutter: „Ihr habt hier durch das Ahnenopfer mehr als genug zu tun. Wie wolltet ihr da noch mit mir Quälgeist zurechtkommen? Außerdem habt ihr mir jedes Jahr, wenn ich nicht hier gegessen habe, die Speisen hinübergeschickt. Macht es nur auch dieses Mal so! Dann hebe ich mir für morgen auf, was ich heute nicht schaffe, und kann mehr essen, als wenn ich hierbliebe.“ Alle lachten darüber, die Herzoginmutter jedoch mahnte Frau You: „Ihr müßt zuverlässige Leute beauftragen, über Nacht nach den brennenden Kerzen und den Weihrauchfeuern zu sehen. Damit kann man nicht vorsichtig genug sein!“ Frau You sagte: „Jawohl!“ und begleitete die Gäste vor das Wohngebäude, wo sie die Sänften bestiegen. Erst als sich Frau You mit den Ihren hinter einem Wandschirm verborgen hatte, holten die Sklavenjungen die Sänftenträger in den Hof, und dann wurden die Sänften durch das Haupttor hinausgetragen. Anschließend ließ sich auch Frau You im Gefolge von Dame Hsing ins Jung-guo-Anwesen hinübertragen. Als sie vor dem Außentor waren, sahen sie, daß auf der östlichen Seite die Insignien und Musikinstrumente des Herzogs Ning-guo aufgestellt waren und auf der westlichen Seite die Insignien und Musikinstrumente des Herzogs Jung-guo. Dahinter war die Straße auf beiden Seiten mit Blendschirmen versperrt, und kein Fremder durfte passieren. Dann kamen sie ins Jung-guo-Anwesen, und auch hier standen vom Außentor an überall die mittleren Türflügel offen. Sie stiegen aber nicht am Hauptwohngebäude aus, sondern ließen sich von dort aus in westlicher Richtung bis zur Haupthalle des Wohngehöfts der Herzoginmutter tragen. Als sie hier die Sänften verlassen hatten, begaben sie sich, von ihren Begleiterinnen umringt, in den Hauptraum der Wohngemächer der Herzoginmutter. Auch hier prangten seidene Bezüge und gestickte Schirme in frischem Glanz. In einem Kohlenbecken brannten Kiefern- und Lebensbaumweihrauch zusammen mit wohlriechenden Kräutern. Kaum daß sich die Herzoginmutter hingesetzt hatte, meldete eine alte Sklavenfrau: „Die alten gnädigen Frauen kommen ihren Gruß entbieten.“ Also stand die Herzoginmutter rasch wieder auf, um ihnen entgegenzugehen, und schon traten die alten Frauen zur Tür herein. Die Herzoginmutter faßte sie bei den Händen, und sie lachten ein Weilchen miteinander. Dann bot sie ihnen Sitzplätze an, und sie tranken gemeinsam Tee. Als die Frauen wieder gingen, begleitete die Herzoginmutter sie nicht weiter als bis zum Ehrentor. Anschließend kehrte sie wieder auf ihren Platz in der Mitte des Hauptraums zurück, und Djia Djing und Djia Schë traten an der Spitze der jüngeren Männer des Hauses herein. „Das ganze Jahr über bin ich euch zur Last gefallen, ihr braucht mir keinen Gruß zu entbieten!“ sprach die Herzoginmutter sie an, aber schon knieten die Männer und Frauen der Familie, nach Altersgruppen getrennt, vor ihr nieder. Anschließend nahmen sie der Rangfolge des Alters gemäß auf den Faltstühlen Platz, die zu beiden Seiten aufgestellt waren, und empfingen ihrerseits die Grüße der Jüngeren. Nachdem auch alle Sklaven und Sklavinnen aus beiden Anwesen ihrer höheren, mittleren oder niederen Stellung entsprechend der Reihe nach ihre Kniefälle vollzogen hatten, wurden Neujahrsgeld und Geldtäschchen sowie die kleinen Gold- und Silberbarren verteilt. Als nächstes wurde das gemeinsame Freudenmahl aufgetragen. Die Männer saßen auf der Ost-, die Frauen auf der Westseite. Nachdem der „übelabwehrende Wein“, die „Suppe der frohen Vereinigung“, die „Früchte des Glücks“ und der „Kuchen der Wunscherfüllung“ gereicht worden waren, stand die Herzoginmutter auf und ging in ihre inneren Gemächer, um die Kleider zu wechseln, die anderen aber gingen auseinander. Am Abend verbrannte man vor allen Buddhafiguren und Herdgottbildern Weihrauch und brachte Opfergaben dar. Im Hof vor der Haupthalle des Wohngehöfts von Dame Wang wurden Papierbilder, Weihrauch und andere Gaben für Himmel und Erde geopfert. Auch am Haupttor des Gartens des Großen Anblicks hingen auf beiden Seiten helleuchtende Hornlaternen, und überall waren die Wege mit Lampen erhellt. Jedermann, ob hoch oder niedrig, war in bunte Seide gekleidet. Das Lachen und Schwatzen riß die ganze Nacht über nicht ab, und dabei krachten in ständiger Folge Feuerwerkskörper. Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache begab sich die Herzoginmutter mit allen anderen zusammen in voller Hoftracht und mit allen Ranginsignien wiederum in den Kaiserpalast zur Gratulationscour und beglückwünschte dort gleichzeitig Yüan-tschun zu ihrem Geburtstag. Als sie nach dem anschließenden Bankett zurückkam, brachte sie ein weiteres Mal im Ning-guo-Anwesen ein Ahnenopfer und empfing erneut die Grüße aller Hausgenossen. Danach aber zog sie sich um und ruhte sich aus. Keiner der Verwandten und Freunde, die zur Neujahrsgratulation kamen, wurde von ihr empfangen, nur mit Tante Hsüä und Tante Li plauderte sie in aller Gemütlichkeit, oder sie spielte mit Bau-yü, Bau-tjin, Bau-tschai, Dai-yü und den anderen Mädchen Würfel oder Domino. Dame Wang und Hsi-fëng dagegen waren Tag für Tag ununterbrochen auf den Beinen, um die Gäste zu empfangen, die zum Neujahrsfest kamen. In Hof und Halle waren eine Theaterbühne und Weintafeln hergerichtet, und Verwandte wie Freunde kamen in einem nicht enden wollenden Strom. So ging es sieben oder acht Tage lang, ehe endlich Schluß damit war, und schon rückte das Laternenfest näher. Überall im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen wurden prächtige Laternen und bunte Verzierungen angebracht. Am elften lud Djia Schë die Herzoginmutter mit ihrem Gefolge ein, und am zwölften war sie bei Djia Dschën zu Gast. Bei jedem verbrachte sie einen halben Tag in zwangloser Unterhaltung. Dame Wang und Hsi-fëng waren inzwischen jeden Tag bei anderen Familien zu Neujahrsbesuchen, doch das kann hier nicht in aller Ausführlichkeit geschildert werden. Für den Abend des fünfzehnten endlich hatte die Herzoginmutter in der Gästehalle einige Weintafeln vorbereiten, eine kleine Theatertruppe antreten und alles mit schönen Laternen vollhängen lassen. Nun führte sie ihre Söhne, Neffen und Enkel mit ihren Frauen hierher zu einem Familienfest. Djia Djing, der keinen Wein trank, war nicht mit eingeladen worden. Am siebzehnten, als alle Ahnenopfer beendet waren, kehrte er wieder vor die Stadt zurück und widmete sich dort seinen dauistischen Übungen. Auch die vergangenen Tage im Kreise der Familie hatte er in schlichten, verschwiegenen Räumen verbracht, ohne mit jemandem zu sprechen. Doch damit genug von ihm. Djia Schë nahm nur kurz an dem Fest teil, das die Herzoginmutter gab, und bat sie dann, sich entfernen zu dürfen. Da die Herzoginmutter wußte, daß seine Anwesenheit für beide Seiten genierlich war, ließ sie ihn gehen. Zu Hause angekommen, erfreute er sich mit seinen ständigen Hausgästen am Schein der Laternen und am Wohlgeschmack des Weins. Dabei schmeichelten natürlich der Klang von Musik und Gesang seinen Ohren und der Glanz von Brokat und Stickereien seinen Blicken. Für ihn gab es andere Freuden, als sie bei der Herzoginmutter zu finden waren. Die Herzoginmutter hatte in der Gästehalle an die zehn Tafeln herrichten lassen. Neben jedem Eßtisch stand auf einem niedrigeren Tischchen je ein Räucherkessel mit Zubehör, in dem ‚Hundert-Düfte-Weihrauch‘ brannte, der ein Geschenk des Kaisers war, außerdem eine winzige Topflandschaft aus Steinen, Moos und frischen Blüten in einer Schale von nur acht Tsun Länge, vier oder fünf Tsun Breite und zwei oder drei Tsun Höhe, ein kleines Teebrett von fremdländischer Lackarbeit mit einer Teeschale aus einer der alten Werkstätten und einer verschnörkelten kleinen Kanne voll bestem Tee sowie ein kleiner Setzschirm mit einer Blumenstickerei auf roter Seidengaze in einem Rahmen aus durchbrochenem Sandelholz. Diese Stickereien hatte ein Mädchen namens Huee-niang verfertigt, das aus Gu-su stammte. Da sie das Kind einer Familie von Gelehrten und Beamten war, tat sie sich mehr auf dem Gebiet der Schreibkunst und Malerei hervor und stickte nur gelegentlich ein, zwei Stücke zu ihrem eigenen Vergnügen, nicht etwa zum Verkauf. Die Blumenstickereien auf den Setzschirmchen hatte sie den Bildern berühmter Maler der Tang-, Sung-, Yüan- und Ming-Zeit nachgebildet, darum waren sie edel in Farbe und Form, nicht so aufdringlich wie die Arbeiten berufsmäßiger Sticker. Neben jeder Blütenstickerei stand noch in Grasschrift ein Satz aus einem alten Gedicht, der sich auf die dargestellte Blume bezog. Die Schriftzeichen waren aus schwarzem Seidengarn gestickt, und jeder Strich, jedes Häkchen daran war so exakt gearbeitet, daß sie nicht von echten Schriftzeichen in Pinselschrift zu unterscheiden waren. Auch das war ganz etwas anderes als die häßlichen, leblosen Schriftzeichen auf Stickereien, wie sie für den Markt angefertigt werden. Weil Huee-niang nicht darauf aus war, aus ihrer Kunst einen Nutzen zu ziehen, waren ihre Erzeugnisse zwar im ganzen Reich hochberühmt, aber nur die wenigsten besaßen eine Probe davon, während es unter den reichen und vornehmen Familien unzählig viele gab, die gern etwas davon besessen hätten. Nach dem Namen des Mädchens bezeichnete man ihre Arbeiten als ‚Huee-Stickereien‘. Wie es nun einmal der Lauf der Welt ist, hatten sich in jüngster Zeit sogar gewinnsüchtige Leute gefunden, die Huee-niangs Arbeiten nachmachten und mit diesem Betrug große Profite erzielten. Huee-niang selbst aber war ein schlechtes Geschick beschieden gewesen, sie war mit nur achtzehn Jahren gestorben, so daß jetzt niemand mehr hoffen durfte, eine Stickerei von ihr zu bekommen. Jede Familie, die ein oder zwei Stücke davon besaß, hütete sie als Kostbarkeit und wagte sie nicht zu benutzen. Eine Anzahl von Schöngeistern aus der Kaiserlichen Akademie hatte sogar voller Bewunderung für die ‚Huee-Stickereien‘ befunden, der Begriff ‚Stickerei‘ werde der Vollkommenheit dieser Gebilde nicht gerecht, und es sei allzu rüde, solche Schriftzeichen als ‚gestickt‘ zu bezeichnen. Darum hatten sie gemeinsam beraten und waren zu dem Schluß gekommen, das Wort ‚Stickerei‘ durch den Ausdruck ‚Seidenschrift‘ zu ersetzen, und so war dieser Ausdruck jetzt im Gebrauch. Ein echtes Stück ‚Huee-Seidenschrift‘ war inzwischen unbezahlbar geworden. Auch die Djias hatten bei all ihrem Luxus nur drei solcher Arbeiten besessen, und zwei davon hatten sie im vergangenen Jahr dem Kaiser zum Geschenk gemacht, so daß nur dieser eine Satz von sechzehn kleinen Setzschirmen in ihrem Besitz verblieben war, der von der Herzoginmutter als Schatz gehütet wurde und nicht zu den Ausstattungsstücken gegeben worden war, die aufgestellt wurden, wenn Gäste kamen. Nur wenn die Herzoginmutter bei guter Laune war und in ihren eigenen Räumen ein Fest gab, kamen die Setzschirmchen auf den Tisch. Daneben standen diesmal noch Vasen aus den alten Werkstätten, in denen „die drei Freunde der kalten Jahreszeit“ , die Symbole von „Reichtum und Vornehmheit in jadenen Hallen“ oder andere frische Blumen und Pflanzen steckten. An den beiden Ehrentischen saßen Tante Li und Tante Hsüä. Für sich selbst hatte die Herzoginmutter auf der Ostseite vor einem hölzernen Wandschirm, der in durchbrochener Schnitzarbeit drachenähnliche Ungeheuer zeigte, eine niedrige Ruhebank mit Rückenpolster und Pelzdecken aufstellen lassen. Auf dieser Bank stand ein zierliches Tischchen von ausländischer Lackarbeit mit Goldmalerei, auf dem neben Teekanne, Teeschale, Mundspülkumme, Leinentuch und so weiter auch ein Brillenkästchen zu finden war. Die Herzoginmutter lehnte bequem auf der Bank, und nachdem sie ein Weilchen mit ihren Gästen gescherzt und geplaudert hatte, setzte sie die Brille auf und folgte eine Zeitlang dem Spiel auf der Bühne. Dann sagte sie, zu Tante Li und Tante Hsüä gewandt, mit einem Lächeln: „Ihr müßt schon entschuldigen! Ich bin alt geworden und lasse mich gehen.und Pelzdecken aufstellen lassen. Auf dieser Bank stand ein zierliches Tischchen von ausländischer Lackarbeit mit Goldmalerei, auf dem neben Teekanne, Teeschale, Mundspülkumme, Leinentuch und so weiter auch ein Brillenkästchen zu finden war. Die Herzoginmutter lehnte bequem auf der Bank, und nachdem sie ein Weilchen mit ihren Gästen gescherzt und geplaudert hatte, setzte sie die Brille auf und folgte eine Zeitlang dem Spiel auf der Bühne. Dann sagte sie, zu Tante Li und Tante Hsüä gewandt, mit einem Lächeln: „Ihr müßt schon entschuldigen! Ich bin alt geworden und lasse mich gehen. Mir tun die Knochen weh, darum muß ich Euch in dieser respektlosen Haltung Gesellschaft leisten.“ Und sie gab Hu-po den Befehl, sich neben sie auf die Bank zu setzen und ihr mit einem Massagehämmerchen die Beine zu klopfen. Vor der Ruhebank der Herzoginmutter stand kein Eßtisch, nur ein hoher Teetisch mit einem der kleinen Setzschirme, einer Blumenvase und einem Räucherkessel darauf, außerdem ein anderes Tischchen mit Weinbecher, Löffel und Eßstäbchen. Ihren Eßtisch aber hatte die Herzoginmutter seitlich neben die Ruhebank stellen lassen und Bau-tjin, Hsiang-yün, Dai-yü und Bau-yü daran plaziert. Immer wenn ein neues Gericht oder eine Obstsorte aufgetragen wurde, ließ es sich die Herzoginmutter zeigen, und wenn es ihr gefiel, behielt sie es auf ihrem Tischchen und kostete davon. Anschließend ließ sie es an ihre vier Lieblinge weiterreichen, die so die eigentlichen Gäste waren. Erst an den weiteren Tischen saßen Dame Hsing und Dame Wang. Frau You, Li Wan, Hsi-fëng und die Frau von Djia Jung aber saßen in noch größerer Entfernung, und auf der Westseite saßen in einer Reihe Bau-tschai, Li Wën, Li Tji, Hsiu-yän und Ying-tschun. An den Querbalken zwischen den Säulen hing auf jeder Seite ein großer Kronleuchter aus buntem Glas, an jedem Eßtisch stand ein Kandelaber in Form eines umgestülpten Lotosblattes aus Cloisonné auf einem lackierten Schaft mit einer Zierkerze darin. Diese lotosblattförmigen Lampenschirme waren beweglich angebracht, und man hatte sie so gedreht, daß alles Licht nach außen in Richtung der Bühne fiel, die so besonders gut zu beobachten war. Alle Türflügel und Fenstereinsätze waren entfernt, und in den Öffnungen hingen verschiedenartige Lampions mit bunten Quasten daran. Auch das Balkenwerk des Säulengangs vor der Halle sowie die Dächer der Wandelgänge auf beiden Seiten des Vorhofs waren mit den unterschiedlichsten Laternen aus Widderhorn, Seidengaze, durchsichtigem Glas oder buntem Glasfluß behängt, die teils bemalt, teils bestickt, teils inkrustiert und teils geschnitzt waren. Im Säulengang aber standen ebenfalls Tische. Daran saßen Djia Dschën, Djia Liän, Djia Huan, Djia Dsung, Djia Jung, Djia Tjin, Djia Yün, Djia Ling, Djia Tschang und die anderen. Die Herzoginmutter hatte zwar auch sämtliche Sippenangehörigen, die außerhalb der beiden Anwesen wohnten, durch Boten einladen lassen, aber die einen waren zu alt und machten sich nichts mehr aus lärmenden Vergnügungen, oder aber sie hatten niemanden, der inzwischen das Haus hüten konnte, wenn sie nicht gar krank und siech waren. Andere neideten den Verwandten den Reichtum und schämten sich der eigenen Armut, oder sie haßten und fürchteten Hsi-fëng, während wieder andere schüchtern und unbeholfen waren und sich deswegen nicht in Gesellschaft trauten. Darum war von all der zahlreichen Verwandtschaft als einzige Frau nur Djia Djüns Mutter, eine Frau Lou, mit ihrem Sohn zusammen erschienen, und von den Männern waren es lediglich Djia Tjin, Djia Yün, Djia Tschang und Djia Ling, die unter Hsi-fëngs Kommando verschiedene Stellungen innehatten. So war die Sippe zwar nicht vollzählig versammelt, aber für eine kleine Familienfeier war es doch lebhaft genug. Unter der Führung von Lin Dschï-hsiaus Frau trugen dann sechs Sklavenfrauen drei niedrige, mit Filz bedeckte Tischchen herein, auf denen funkelnagelneue Münzschnüre0 lagen, frisch wie eben aus dem Münzamt gekommen und auf leuchtend rote Schnüre gezogen. Je zwei Frauen trugen ein solches Tischchen, und auf Geheiß von Lin Dschï-hsiaus Frau wollten sie je eines davon vor den Eßtischen von Tante Hsüä und Tante Li, das dritte aber vor der Ruhebank der Herzoginmutter abstellen. „Stellt sie alle in die Mitte!“ sagte die Herzoginmutter, und die Sklavenfrauen, die sich mit den Gepflogenheiten des Hauses auskannten, stellten die Tischchen dort ab, zogen die Schnüre aus den Münzrollen und schoben die losen Münzen zu Haufen zusammen. Auf der Bühne ging eben die Begegnung im Turm aus der ‚Geschichte vom Westturm‘0 zu Ende, und als Yü Schu-yä wütend davonstürzte, improvisierte die Darstellerin des Wën-bau den Scherz: „Ha, Ihr lauft weg! Aber heute ist der fünfzehnte erste, und im Jung-guo-Anwesen gibt die alte Ahne eben ein Fest. Ich nehme Euer Pferd, reite dorthin und bitte um ein paar Süßigkeiten. Das ist es, was zählt!“ Die Herzoginmutter und alle anderen lachten darüber, und Tante Hsüä sagte: „Hat die aber ein Köpfchen, die arme Kleine!“ „Dabei ist sie erst neun!“ ergänzte Hsi-fëng. „Geschickt hat sie sich das ausgedacht“, lobte auch die Herzoginmutter. Dann befahl sie knapp: „Belohnt sie!“ Längst hatten drei Sklavenfrauen mit Körben bereitgestanden, und als sie die Aufforderung vernahmen, traten sie an die Tischchen mit den Bronzemünzen, füllten die Körbe damit und gingen hinaus an die Bühne. „Das ist ein Geschenk der alten Ahnfrau, der gnädigen Frau Tante und der gnädigen Frau für Wën-bau, damit er sich Süßigkeiten kaufen kann“, sagten sie und entleerten ihre Körbe, so daß die Münzen klirrend über die ganze Bühne rollten. Auf Befehl von Djia Dschën und Djia Liän hatten die Sklavenjungen heimlich noch größere Körbe mit Münzen bereitstellen müssen, und als die Herzoginmutter befohlen hatte „Belohnt sie!“... Aber davon soll erst im nächsten Kapitel erzählt werden.