Hongloumeng/de/Chapter 55

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: [1-10] · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · 51 · 52 · 53 · 54 · 55 · 56 · 57 · 58 · 59 · 60 · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 55

《赤壁怀古》诗谜──赤壁:山名。一说在今湖北武昌西赤矶山,与汉阳南纱帽山隔江相对。见北朝魏·郦道元《水经注·江水三》:“江水左径百人山(今纱帽山)南,右径赤壁山北,昔周瑜与黄盖诈魏武(曹操)大军处所也。”一说在今湖北蒲圻市之西、长江南岸,与今洪湖市之乌林隔江相对。见唐·李吉甫《元和郡县图志·江南道三·鄂州》云:“赤壁山在县(蒲圻县)西一百二十里,北临大江,其北岸即乌林,与赤壁相对。即周瑜用黄盖计,焚曹公舟船败走处。故诸葛亮论曹公危于乌林是也。”后一种说法更可信。 喧阗:本指声音嘈杂,十分热闹。这里引申为火势猛裂及人喊马叫之声。《赤壁怀古》诗谜的本事即历史上著名的“赤壁之战”。其事散见于《三国志·吴志·周瑜传》、《三国志·吴志·孙权传》、《三国志·吴志·黄盖传》、《三国志·魏志·武帝纪》、《三国志·蜀志·先主传》、《三国志·蜀志·诸葛亮传》,略谓:汉献帝建安十三年(公元208年),曹操先灭刘表,继率百万大军,屯兵长江北岸,欲吞孙权、刘备。诸葛亮说服孙权,孙、刘联合抗曹。周瑜接受黄盖假降、火攻之计,在赤壁一战中大获全胜,曹军死伤惨重。从此确立了三国鼎立之势。这则诗谜谜面的头两句“赤壁沉埋水不流,徒留名姓载空舟”是指曹军战船被焚,战船与将士沉入江中,以致江水因堵塞而不流,死者徒留空名于后世,仅供过客谈笑而已。后两句“喧阗一炬悲风冷,无限英雄在内游”是指孙吴将士点燃的熊熊大火,逼迫曹军将士纷纷跳入长江,拚命挣扎,终究做了水中冤鬼。谜底是锅。首句“赤壁沉埋水不流”是寓指放在靠壁土灶上而又盛满水的锅。次句“徒留名姓载空舟”是寓指放入锅内的鱼虾之类,其中所谓“名姓”即指鱼虾等名。第三句“喧阗一炬悲风冷”是寓指锅下烧火并用风箱吹风。末句“无限英雄在内游”是寓指鱼虾之类在沸腾的锅中翻滚。​

《交趾怀古》诗谜──交趾:亦作“交阯”、“交址”。上古泛指五岭以南地区。汉武帝征服岭南,分置九郡,交趾即为其一。见《汉书·武帝纪》:“遂定越地,以为南海、苍梧、郁林、合浦、交趾、九真、日南、珠厓、儋耳郡。” 铜柱:典出《后汉书·马援传》李贤注引《广州记》:“(马)援到交趾,立铜柱,为汉之极界也。”后世遂称为“马援柱”或“马柱”。 金城:古郡名,在今甘肃兰州之西。 纪纲:国家法度。 戎羌:泛指西北少数民族地区。 铁笛无烦说子房:这里暗指两个历史故事。其一指马援和笛曲《武溪深》的故事。事见晋·崔豹《古今注·卷中·音乐》:“《武溪深》乃马援南征之所作也。援门生爰寄生善吹笛,援作歌以和之,名曰《武溪深》。其曲曰:‘滔滔武溪一何深,鸟飞不度兽不能临,嗟哉武溪多毒淫!’”这里所谓“马援南征”,指的是汉光武帝建武二十四年(公元48年),六十二岁的马援南征武溪(在今湖南)少数民族叛乱遇阻,在军中病卒。其二是一个传说故事:秦末楚、汉相争,最后一战会兵于垓下,刘邦谋士张良(字子房)命兵士在夜里吹笛唱楚歌。项羽的楚军大惊,以为汉军已得楚地,军心大乱,结果全军覆没,项羽也自吻。按:《史记·项羽本纪》、《史记·高祖本纪》、《汉书·高帝纪》、《汉书·项籍传》均有“羽夜闻汉军四面皆楚歌”的记载,而未说此计出自张良,也未提吹笛亊。故所谓张良命兵士吹笛唱楚歌的故事,当为后人因钦佩张良而杜撰。《交趾怀古》诗谜的本事为东汉大将马援平定西羌、交趾叛乱事,均见于《后汉书·马援传》:建武十一年(公元35年),西羌叛,汉光武帝封马援为陇西太守,率兵平叛,斩首甚多,馀众远窜。马援因肩受箭伤,又兵少,不得穷追。马援为遏制西羌,加固金城,招回逃民,“开导水田,劝以耕牧,郡中乐业”。建武十七年(公元41年),交趾女子征侧、征贰姐妹叛乱,光武帝封马援为伏波将军,率师平叛,势如破竹,交趾悉平,并在国界上树立铜柱,进封为新息侯。这则诗谜谜面的大意是说马援平定了交趾、西羌之乱,使国家得以太平,政令得以通畅,从而威名远扬,其战功与智谋不在张良之下,因此人们不应该只知有张良而不知有马援。谜底是铜喇叭。首句中的“铜柱金城”谐音为“铜铸金成”,暗指喇叭是用铜铸而成。“金”色类似于铜,可代指铜。按:在曹雪芹原本中,首句为“铜铸金镛振纪纲”,而“铜铸金镛”即铜钟,铜钟与铜喇叭不仅皆为铜制,而且形状极为相似,这更可以证明谜底为铜喇叭。喇叭又名“马上吹”,它不仅是一种民间乐器,而且还是军中传达命令的工具。明代抗倭名将戚继光《纪效新书·号令》曰:“凡喇叭吹摆队伍,是要各兵即于行次,每哨一聚。”民间也有“对着窗户吹喇叭──名声在外”的歇后语。可知其他三句皆是以马援战功卓著、名声远扬隐寓铜喇叭的声音洪亮,传得很远。​

Das Laternenfest war also vorüber, und da der herrschende Kaiser das Reich in kindlicher Ergebenheit regierte und eine der Nebenfrauen seines verewigten Vaters zur Zeit der Gesundheit ermangelte, hatten alle seine Nebenfrauen ihre Kost reduzieren und ihren Schmuck ablegen müssen. Nicht nur, daß sie keine Elternbesuche machen konnten, auch auf Bankette und Musik mußte verzichtet werden, und so waren diesmal zum Laternenfest auch keine Laternenrätsel ins Jung-guo-Anwesen geschickt worden. Nachdem alle Veranstaltungen zum Jahreswechsel vorbei waren, hatte Hsi-fëng eine Fehlgeburt und sollte sich deshalb einen Monat lang schonen, so daß sie nicht den Haushalt führen konnte. Täglich kamen zwei oder drei Hofärzte, die sie behandelten. Aber Hsi-fëng baute auf ihre kräftige Konstitution, und wenn sie auch nicht die Zimmer verließ, so plante und rechnete sie doch nicht anders als sonst. Sobald ihr etwas einfiel, schickte sie Ping-örl los, um Dame Wang davon berichten zu lassen. Alles Zureden blieb vergeblich. Dame Wang fühlte sich ihrer wichtigsten Stütze beraubt. Wie weit reichte schon ihre eigene Kraft! Grundlegende Entscheidungen traf sie selbst, alle Kleinigkeiten des Haushalts dagegen überließ sie vorübergehend Li Wan. Li Wan aber war ein Mensch von höchster Tugend, doch nicht von höchster Tüchtigkeit, und so war es nicht zu vermeiden, daß die Untergebenen bei ihr machen konnten, was sie wollten. Darum wurde Tan-tschun von Dame Wang beauftragt, Li Wan zu unterstützen. In einem Monat, wenn Hsi-fëng wieder gesund sein würde, sollte die Arbeit wieder ihr überlassen werden. Niemand konnte ja ahnen, daß Hsi-fëng ihrer Veranlagung nach über zu wenig Lebenskraft verfügte, was noch dadurch verschlimmert wurde, daß sie sich seit ihrer Kindheit niemals Schonung gegönnt hatte. Immer wollte sie die Erste und die Klügste sein, und dadurch hatte sie ihre Kräfte weiter untergraben. Was eigentlich nur eine Fehlgeburt war, entwickelte sich zur echten Entkräftung. Nach einem Monat kamen Unterleibsblutungen dazu. Hsi-fëng sprach zwar nicht davon, aber der Anblick ihres fahlen, abgemagerten Gesichts verriet jedem, daß sie sich nicht die nötige Schonung gönnte. Darum befahl ihr Dame Wang, sie solle brav ihre Medikamente nehmen und sich pflegen, ohne ihren Geist zu strapazieren. Auch Hsi-fëng selbst bekam Angst, es könnte zu einer ernsten Erkrankung kommen, die sie zum Gespött der Leute machen würde. Deshalb entschloß sie sich, so lange auszuspannen, bis sie geheilt wäre, und ärgerte sich nur, daß es nicht möglich war, über Nacht wieder die alte zu werden. Wer hätte gedacht, daß es bis zum achten, neunten Monat dauern würde, ehe es ihr nach ständiger Behandlung und größter Schonung allmählich wieder besser ging und auch die Blutungen langsam aufhörten! Doch das ist ein Vorgriff, und zunächst muß erzählt werden, was jetzt geschah. Als Dame Wang erkannte, wie es um Hsi-fëng bestellt war und daß Li Wan und Tan-tschun ihre zusätzlichen Aufgaben so bald nicht wieder abgeben konnten, wodurch die Aufsicht über die Bewohner des Gartens nun fehlte, ließ sie Bau-tschai zu sich rufen und bat sie, auf alles ein wachsames Auge zu haben. „Die alten Frauen sind zu nichts nütze“, sagte sie, „sobald sie nichts zu tun haben, trinken sie Wein und spielen Karten. Am Tage schlafen sie, und in der Nacht vergnügen sie sich. Ich weiß das alles. Solange sie wußten, draußen wacht deine Kusine Hsi-fëng, hatten sie noch Respekt, aber jetzt werden sie sich vollends gehen lassen. Auf dich ist Verlaß, mein gutes Kind. Dein Vetter und deine Kusinen sind noch jung, und ich habe keine Zeit. Darum nimm ein paar Tage lang die Mühe auf dich und führe die Aufsicht über sie! Wenn etwas Unerwartetes geschieht, kommst du und sagst es mir. Du darfst nicht warten, bis die alte gnädige Frau danach fragt und ich nicht weiß, was ich antworten soll. Wenn irgend jemand etwas nicht recht macht, sagst du es ihm, und wenn er nicht hören will, kommst du zu mir und meldest es. Auf keinen Fall darf irgend etwas Schlimmes geschehen!“ Bau-tschai hatte keine andere Wahl, als sich mit allem einverstanden zu erklären. Inzwischen war der Vorfrühling gekommen, und Dai-yü hustete wieder. Auch Hsiang-yün hatte sich eine Erkältung zugezogen und lag im Haselwurzpark krank zu Bett, den ganzen Tag über schluckte sie Medizin. Tan-tschun und Li Wan wohnten in einiger Entfernung voneinander, und seitdem sie jetzt eine gemeinsame Aufgabe hatten, war dies etwas anderes als die Besuche, die sie einander bisher gemacht hatten. Auch für die Sklavenfrauen, die ihnen ihre Berichte zu geben hatten, war es unbequem. Darum hatten sich die beiden beraten und festgelegt, jeden Morgen in die kleine Gästehalle südlich des Gartentors zu kommen, um gemeinsam ihr Amt zu führen. Dort aßen sie dann auch ihre Frühmahlzeit und kehrten erst zur Mittagsstunde in die eigenen Räume zurück. Die kleine Halle von drei Säulenzwischenräumen Breite war ursprünglich als Aufenthaltsort für die verantwortlichen Eunuchen während Yüan-tschuns Elternbesuch erbaut worden, und da man sie anschließend nicht mehr benötigte, hatten seitdem nur jede Nacht ein paar alte Sklavenfrauen hier Wache gehalten. Da es jetzt schon wärmer war, brauchte die Halle nicht weiter instand gesetzt zu werden, nur etwas wohnlicher eingerichtet wurde sie, und dann konnten sich die beiden hier aufhalten. In der Halle hing auch eine Inschriftentafel mit den Schriftzeichen „Die Menschlichkeit fördern, durch Tugend erziehen“, aber das Hausgesinde nannte sie nur profan die Palaverhalle. Hierher kamen Li Wan und Tan-tschun nun täglich um sechs und gingen um zwölf, und während der ganzen Zeit riß der Strom der verantwortlichen Sklavinnen nicht ab, die hierher kamen, um Befehle zu empfangen und Berichte zu geben. Als das Gesinde zuerst erfahren hatte, Li Wan werde die Haushaltsführung allein übernehmen, hatten sich alle heimlich gefreut, weil Li Wan in dem Ruf stand, großzügig und gütig zu sein und ohne Strafen zu herrschen, so daß man sie leichter als Hsi-fëng mit dem bloßen Schein abspeisen konnte. Als dann auch noch Tan-tschun eingesetzt wurde, sagten sich die Bediensteten, sie sei ja nur ein junges Fräulein, das noch nie aus seinen Mädchengemächern herausgekommen war und sich zudem immer friedfertig und bescheiden gezeigt hatte. Darum machten sie sich weiter keine Gedanken und faulenzten viel, viel mehr als zu Hsi-fëngs Zeiten. Nach drei, vier Tagen aber, als Tan-tschun schon einige Entscheidungen getroffen hatte, war ihnen allmählich klar geworden, daß sie in bezug auf Gewissenhaftigkeit hinter Hsi-fëng nicht zurückstand, nur daß ihre Ausdrucksweise ruhiger war und ihr Charakter ausgeglichener. Nun wollte es der Zufall, daß sich tagelang hintereinander in mehreren Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Erbbeamten, mit denen die Djias entweder verwandt oder befreundet waren, mehr als zehn Fälle von Beförderung oder Versetzung, Degradierung oder Amtsenthebung, Tod oder Hochzeit ereigneten, so daß Dame Wang mit Gratulationen und Kondolenzen, Empfängen und Abschiedsbesuchen mehr als genug zu tun hatte und den Haushalt völlig vernachlässigen mußte. Jetzt saßen Li Wan und Tan-tschun den ganzen Tag lang in ihrem Amtsgebäude, Bau-tschai aber führte die Aufsicht im Wohngebäude von Dame Wang und kam erst zurück, wenn diese wieder zu Hause war. Am Abend unterbrach sie dann ihre Nadelarbeit, um sich vor dem Schlafengehen, begleitet von den Verantwortlichen für die Nachtwachen, in einer kleinen Sänfte durch den Garten tragen zu lassen und alles zu kontrollieren. So ging es unter diesem Dreierregiment noch strenger zu als unter der Herrschaft von Hsi-fëng, und das Gesinde im Innen- und Außenbereich des Anwesens murrte heimlich: „Kaum sind wir den einen Wachteufel los, der auf dem Meer patroulliert0, gleich haben wir statt dessen drei Jupitersterne bekommen, welche die Berge behüten0. Nicht einmal zum Trinken und Spielen hat man nachts mehr Zeit!“ Eines Tages war Dame Wang zu einem Festessen im Anwesen des Fürsten Djin-hsiang eingeladen. Li Wan und Tan-tschun hatten sich schon früh am Morgen frisiert und gewaschen, und nachdem sie Dame Wang zur Hand gegangen waren, als diese sich fortbegab, gingen sie in die kleine Halle am Gartentor. Sie hatten sich hingesetzt und tranken gerade Tee, als Wu Hsin-dëngs Frau hereinkam und meldete: „Gestern ist Dschau Guo-dji, der Bruder von Nebenfrau Dschau, gestorben, und als ich das der gnädigen Frau berichtete, hat sie gesagt, sie wisse nun Bescheid wisse, und ich solle es Euch melden, gnädiges Fräulein und junge gnädige Frau.“ Damit verstummte sie und verharrte in dienstfertiger Haltung abwartend am Rande der Halle. Zu dieser Zeit waren nicht wenige Sklavinnen anwesend, die Berichte zu geben hatten, und alle waren jetzt gespannt, was die beiden machen würden. Würde die Entscheidung korrekt ausfallen, dann würden die Sklavinnen Respekt vor ihnen haben, würde es aber den geringsten Anlaß zum Widerspruch geben, dann würden sie nicht nur keinen Respekt haben, sondern auch noch ihre Witze darüber machen, sobald sie zum Innentor hinaus wären. Wu Hsin-dëngs Frau hatte natürlich ihre Vorstellung davon, was zu tun war, und hätte sie Hsi-fëng vor sich gehabt, dann hätte sie schon längst ein paar Vorschläge gemacht, um ihren Eifer unter Beweis zu stellen, und hätte auch viele Präzedenzfälle vorgetragen, unter denen Hsi-fëng hätte wählen können. Vor Li Wan aber hatte sie keine Achtung, weil sie ihr zu simpel erschien, und vor Tan-tschun genausowenig, weil sie nur ein junges Mädchen war. Deshalb hatte sie absichtlich nur den einen Satz gesagt, um die beiden auf die Probe zu stellen. Tan-tschun fragte Li Wan, was zu tun sei, und Li Wan erwiderte nach einigem Nachdenken: „Ich habe gehört, daß Hsi-jën neulich, als ihre Mutter starb, vierzig Liang Silber bekommen habe. Also sollten auch diesmal vierzig Liang gezahlt werden, und damit basta!“ Als Wu Hsin-dëngs Frau das hörte, sagte sie rasch jawohl, nahm die Hausmarke entgegen und wandte sich zum Gehen. „Komm zurück!“ befahl Tan-tschun, und notgedrungen machte Wu Hsin-dëngs Frau noch einmal kehrt. „Geh das Silber noch nicht holen, ich will dich etwas fragen!“ fuhr Tan-tschun fort. „Bei den alten Nebenfrauen in den Räumen der alten gnädigen Frau wurde immer ein Unterschied zwischen denen gemacht, die hier geboren wurden, und denen, die von draußen kamen. Wieviel wurde gegeben, wenn eine von hier einen Todesfall in der Familie hatte, und wieviel, wenn es eine von draußen war? Gib uns ein paar Beispiele dafür!“ Auf diese Weise befragt, wollte sich Wu Hsin-dëngs Frau auf nichts besinnen können und sagte rasch und mit lächelnder Miene: „Es spielt doch keine so große Rolle, wieviel gegeben wird. Glaubt Ihr denn, jemand würde es wagen, darüber zu streiten?“ „Das ist Unsinn!“ gab Tan-tschun lächelnd zurück. „Ich würde es vielleicht am besten finden, hundert Liang zu geben. Wenn ich mich nicht an die üblichen Regeln hielte, würdet nicht nur ihr über mich lachen, ich könnte auch in Zukunft eurer zweiten jungen Herrin nicht mehr ins Gesicht sehen.“ „Dann werde ich also in den alten Zahlungsbelegen nachsehen lassen“, schlug Wu Hsin-dëngs Frau lächelnd vor. „Ich kann mich jetzt nicht daran erinnern.“ „Soso“, nahm Tan-tschun wieder lächelnd das Wort, „du, die du im Dienst alt geworden bist, kannst dich also nicht daran erinnern, aber uns hier in die Enge treiben, das kannst du. Sagst du unter normalen Verhältnissen eurer zweiten jungen Herrin auch, du wirst erst einmal nachsehen lassen? Wenn das so ist, dürfte sie wohl kaum als so streng gelten, sondern eher als sehr nachsichtig. Vielleicht beeilst du dich und bringst mir endlich die Papiere, damit ich sie mir selber ansehen kann! Wenn die Sache auch nur um einen Tag verzögert wird, wird es nicht heißen, ihr wärt unachtsam gewesen, sondern wir wüßten nicht, was wir zu tun haben.“ Wie mit Blut übergossen, machte Wu Hsin-dëngs Frau kehrt und ging hinaus. Die zahlreichen Sklavenfrauen aber ließen verblüfft die Zunge aus dem Mund hängen. Nachdem inzwischen andere Sklavinnen ihre Berichte gegeben hatten, kam Wu Hsin-dëngs Frau mit den geforderten Belegen zurück. Als Tan-tschun sie durchsah, stellte sie fest, daß in zwei Fällen Konkubinen, die aus dem Hause stammten, je zwanzig Liang bekommen hatten, und zwei von außerhalb je vierzig Liang. Zwei andere von außerhalb hatten mehr bekommen, die eine einhundert Liang, die andere sechzig. Doch diese beiden Zahlungen waren mit Begründungen versehen. Die eine hatte sechzig Liang mehr bekommen, um die Särge ihrer Eltern in eine andere Provinz überführen zu lassen, die zweite hatte die zusätzlichen zwanzig Liang erhalten, um eine Grabstätte kaufen zu können. Tan-tschun reichte Li Wan die Papiere, dann sagte sie: „Gib ihr zwanzig Liang Silber und laß die Belege hier, damit wir sie uns noch genauer ansehen können!“ Nachdem Wu Hsin-dëngs Frau fortgegangen war, kam plötzlich Nebenfrau Dschau herein. Kaum daß Li Wan und Tan-tschun ihr einen Platz angeboten hatten, klagte sie auch schon: „Wenn alle andern im Haus auf mir herumtrampeln, ist mir das egal, Ihr aber müßtet mir Gerechtigkeit widerfahren lassen, Fräulein, meint Ihr nicht?“ Bei diesen Worten begann sie Rotz und Wasser zu heulen. „Ich verstehe nicht, was Ihr meint“, gab Tan-tschun sofort zurück. „Wer trampelt auf Euch herum? Sagt es mir, und ich werde Euch zu Eurem Recht verhelfen.“ „Ihr seid es, die auf mir herumtrampelt, bei wem soll ich mich also beschweren?!“ erwiderte Nebenfrau Dschau. Sofort sprang Tan-tschun auf und sagte: „Wie würde ich so etwas wagen?!“ Auch Li Wan stand auf, um den beiden gut zuzureden, Nebenfrau Dschau aber fuhr fort: „Setzt Euch doch und hört mich an! Ich bin hier im Hause alt geworden und bin immer schikaniert worden, obwohl ich Euch und Euren Bruder geboren habe. Und jetzt bin ich nicht einmal so viel wert wie Hsi-jën. Was bleibt mir da noch an Ansehen übrig? Ihr selbst verliert Euer Ansehen, von mir ganz zu schweigen.“ „Das also meint Ihr!“ sagte Tan-tschun und lächelte. „Ich sage Euch, ich bin nicht der Mensch, um gegen Recht und Gesetz zu verstoßen.“ Mit diesen Worten nahm sie wieder Platz, griff nach den Zahlungsbelegen, blätterte sie Nebenfrau Dschau hin und las sie ihr dabei vor. Dann sagte sie: „Das sind die alten Regelungen, die uns aus den Händen der Ahnen überkommen sind. Ein jeder hält sich daran, und nun werde ausgerechnet ich sie ändern, ja? Nicht nur Hsi-jën wird so behandelt. Wenn Huan einmal eine Nebenfrau von draußen nimmt, wird für sie selbstverständlich das gleiche gelten. Es gibt da gar nichts zu streiten, und von verlorenem Ansehen kann nicht die Rede sein. Wer eine Sklavin der gnädigen Frau ist, wird von mir nach den überkommenen Vorschriften behandelt. Wer damit zufrieden ist, der

Aus: Chengjiaben 1791. wird sagen, er genieße die Wohltaten der Ahnen und die Gunst der gnädigen Frau, und wer das ungerecht findet, der ist dumm und weiß sein Glück nicht zu schätzen, soll er also nur immer grollen! Wenn die gnädige Frau jemandem das ganze Haus schenkt, gewinne ich kein höheres Ansehen dadurch, und wenn sie jemandem keine einzige Bronzemünze gibt, büße ich deswegen mein Ansehen nicht ein. Mir scheint, wenn die gnädige Frau außer Haus ist, solltet Ihr gemütlich der Ruhe pflegen, an­statt Euch unnütz aufzuregen. Die gnädige Frau liebt mich von ganzem Herzen, über Euch jedoch war sie schon mehrmals betrübt, weil Ihr immer wieder Skandal machen müßt. Wenn ich doch nur ein Mann wäre! Dann hätte ich schon längst das Haus verlassen, würde auf eigenen Beinen stehen und nach meinen eigenen Grundsätzen leben. Weil ich aber ein Mädchen bin, sage ich kein einziges unbedachtes Wort. Das weiß die gnädige Frau ganz genau, und nur weil sie mich schätzt, hat sie mich jetzt beauftragt, das Hauswesen zu führen. Aber noch ehe ich auch nur eine einzige gute Tat vollbringen konnte, mußtet Ihr kommen und mich in den Schmutz ziehen. Was, wenn die gnädige Frau davon erfährt und mir den Posten wieder abnimmt, weil sie meint, die Sache sei zu unangenehm für mich? Dann ist mein Ansehen wirklich dahin, und Eures genauso.“ Während sie das vorbrachte, liefen ihr unwillkürlich Tränen über das Gesicht. Nebenfrau Dschau wußte ihr nichts Besseres zu erwidern als die Worte: „Wenn die gnädige Frau Euch liebt, müßtet Ihr uns erst recht unterstützen. Ihr aber habt nichts anderes im Sinn, als Euch bei der gnädigen Frau einzuschmeicheln, und uns habt Ihr vergessen.“ „Inwiefern habe ich Euch vergessen,“ fragte Tan-tschun, „und wie sollte ich Euch unterstützen? Sucht nur bei Euch selber die Schuld! Welche Herrschaft wird ihre Leute nicht lieben, wenn sie tüchtig sind und sich nützlich machen? Und welcher ordentliche Mensch ist auf Unterstützung von andern angewiesen?!“ Li Wan versuchte von der Seite her in einem fort, die beiden zu beruhigen, und sagte jetzt: „Ihr müßt Euch nicht aufregen, Tante, und dürft es dem Fräulein auch nicht verübeln. Sie ist ja von ganzem Herzen darauf bedacht, Euch zu unterstützen, aber wie könnte sie darüber reden!“ Doch sofort protestierte Tan-tschun: „Du redest Unsinn, Schwägerin! Wen will ich unterstützen? In welcher Familie werden die Sklaven von den Mädchen des Hauses unterstützt? – Kümmert Euch nur selbst um Euer Geschick, was geht mich das an?!“ Wütend sagte Nebenfrau Dschau: „Daß Ihr andere unterstützt, verlangt ja niemand von Euch. Wenn Ihr nicht den Haushalt führen würdet, wäre ich auch nicht zu Euch gekommen. Ihr habt doch jetzt hier das Sagen. Glaubt Ihr, die gnädige Frau würde etwas dagegen haben, wenn Ihr mir für das Begräbnis Eures Onkels zwanzig oder dreißig Liang Silber zuviel geben würdet? Die gnädige Frau ist eindeutig eine gütige Herrin, Ihr seid es, die hartherzig und knickrig seid. Schade nur, daß die gnädige Frau ihre Güte nicht unter Beweis stellen kann! Ist es vielleicht Euer Silber, das Ihr mir geben sollt? Ich habe immer geglaubt, wenn Ihr erst einmal verheiratet seid, würdet Ihr Euch um die Familie Dschau besonders gut kümmern, aber jetzt habt Ihr vergessen, wo Ihr herkommt, noch ehe Ihr flügge seid, und wollt nur noch hoch hinaus.“ Tan-tschun war vor Wut bleich geworden, noch ehe die letzten Sätze gesagt waren. Stockend schluchzte sie: „Wer ist mein Onkel? Mein Onkel ist zu Neujahr zum Befehlshaber von neun Provinzen ernannt worden, einen anderen Onkel habe ich nicht. Ich war immer respektvoll, wie es sich gehört, und zum Dank dafür wird mir jetzt solche Verwandtschaft angehängt. Wenn Dschau Guo-dji mein Onkel gewesen wäre, warum mußte er dann jedesmal aufstehen, wenn Bruder Huan den Raum verließ, und warum mußte er ihn zur Schule begleiten? Warum hat er da nicht den Onkel herausgekehrt? Wozu muß denn das alles sein? Wer wüßte denn nicht, daß ich von Euch, einer Nebenfrau geboren wurde? Warum müßt Ihr alle paar Monate einen Vorwand suchen, um alles gründlich aufzurühren, als ob Ihr Angst hättet, irgend jemand könnte das vergessen haben, und deshalb müßtet Ihr es wieder und wieder herausschreien? Ein Glück nur, daß ich so vernünftig bin. Wenn ich dumm und unverständig wäre, hätte ich schon längst die Geduld verloren.“ Während Li Wan sich in ihrer Erregung weiter bemühte, die beiden zu besänftigen, und Nebenfrau Dschau immer weiter palaverte, hörten sie plötzlich, wie jemand meldete: „Fräulein Ping-örl kommt im Auftrag der zweiten jungen gnädigen Frau.“ Jetzt endlich hielt Nebenfrau Dschau den Mund, und im nächsten Augenblick trat Ping-örl auch schon ein. Rasch setzte Nebenfrau Dschau ein Lächeln auf, bot Ping-örl einen Platz an und fragte: „Geht es deiner jungen Herrin schon ein wenig besser? Eben wollte ich sie besuchen gehen, aber ich war noch nicht frei.“ Li Wan aber fragte Ping-örl: „Was willst du hier?“ Lächelnd erwiderte Ping-örl: „Die junge gnädige Frau hat gesagt, wo jetzt der Bruder von Tante Dschau entschlafen ist, würdet Ihr und das Fräulein vielleicht nicht wissen, daß es alte Regelungen für solche Fälle gibt, nach denen normalerweise nur zwanzig Liang gezahlt werden dürfen. Angesichts der Umstände sei es aber möglich, daß das Fräulein in diesem Fall noch etwas zulegt.“ Schon längst hatte Tan-tschun sich die Tränen abgewischt und erwiderte nun prompt: „Warum sollte ich ohne ersichtlichen Grund etwas zulegen? War der Verstorbene vielleicht ein Naturwunder, das von seiner Mutter erst nach vierundzwanzigmonatiger Schwangerschaft zur Welt gebracht wurde? Oder war er mit im Krieg und hat seinem Herrn das Leben gerettet? Deine Herrin ist wirklich sonderbar, daß sie von mir verlangt, ich solle neue Maßstäbe setzen, damit sie als Wohltäterin dasteht. Auf Kosten der gnädigen Frau hat sie gut wohltätig sein. Sag ihr, ich wage es nicht, den Betrag zu erhöhen oder zu kürzen und unbegründete Entscheidungen zu treffen. Wenn sie etwas zulegen möchte und großzügig sein will, soll sie warten, bis sie gesund ist und wieder den Haushalt führt. Dann mag sie zahlen, soviel sie will.“ Schon beim Hereinkommen hatte Ping-örl halbwegs begriffen, daß etwas nicht in Ordnung war, und als sie jetzt diese Worte vernahm, wurde ihr die Sache um so klarer. Angesichts des Zorns, der Tan-tschun noch aus den Augen leuchtete, wagte sie nicht, sich genauso zu verhalten wie sonst, wenn Tan-tschun fröhlich war. Darum blieb sie schweigend und in dienstfertiger Haltung ein wenig abseits stehen. Inzwischen kam auch Bau-tschai aus den Räumen von Dame Wang herüber, und Tan-tschun stand rasch auf, um ihr einen Platz anzubieten. Aber noch ehe sie den Mund aufgemacht hatten, um etwas zu sagen, kam wieder eine Sklavenfrau herein, die etwas berichten wollte, und eben brachten auch drei, vier kleinere Sklavenmädchen eine Waschschüssel, Tücher, einen Handspiegel und andere Toilettenartikel für Tan-tschun, weil sie geweint hatte. Da Tan-tschun mit untergeschlagenen Beinen auf der niedrigen Ruhebank saß, trat das Sklavenmädchen mit der Waschschüssel vor sie hin, ließ sich vor ihr auf die Knie nieder und hielt die Schüssel in die Höhe. Auch die anderen Sklavenmädchen knieten sich hin und streckten Tan-tschun die Tücher, den Spiegel, das Rouge und den Puder entgegen. Ping-örl, die Dai-schu nirgends entdecken konnte, trat ebenfalls rasch mit heran, krempelte Tan-tschun die Ärmel auf, streifte ihr die Armreife ab und breitete ein großes Handtuch über ihr Gewand, um es damit zu schützen. Jetzt erst griff Tan-tschun in die Schüssel und begann sich zu waschen. Da sagte die Sklavenfrau: „Junge gnädige Frau und gnädiges Fräulein, ich soll Euch melden, die Familienschule verlangt die diesjährigen Gelder für die jungen Herren Huan und Lan.“ „Hast du es so eilig?“ erwiderte Ping-örl anstelle von Tan-tschun. „Siehst du nicht, daß sich das gnädige Fräulein eben wäscht? Anstatt hinauszugehen und dort zu warten, platzt du hier los. Würdest du dich vor der zweiten jungen Herrin auch so aufdringlich benehmen? Das gnädige Fräulein selbst mag wohl großzügig sein, aber wenn ich drüben der zweiten jungen Herrin berichte, wie wenig das gnädige Fräulein in euren Augen gilt, geht es euch allen schlecht. Aber dann macht mir keine Vorwürfe!“ Erschrocken setzte die Sklavenfrau ein Lächeln auf und entschuldigte sich: „Ich war unachtsam!“ Dann zog sie sich rasch nach draußen zurück. Tan-tschun, die inzwischen beim Schminken war, lächelte Ping-örl kühl an und sagte: „Du bist ein wenig zu spät gekommen. Es hat noch etwas Besseres gegeben. Selbst eine altgediente Frau wie Wu Hsin-dëngs Eheweib ist hier erschienen, ohne sich vorher die notwendige Klarheit verschafft zu haben, und wollte uns an der Nase herumführen. Als wir sie dann befragten, hatte sie sogar noch die Stirn zu behaupten, an Präzedenzfälle könne sie sich nicht erinnern. Ich glaube, wenn sie deiner Herrin etwas zu melden hätte und sagte, sie könne sich an nichts erinnern und müsse erst nachsehen lassen, dann würde deine Herrin wohl nicht die Geduld aufbringen, sie erst auf die Suche gehen zu lassen.“ Sofort erwiderte Ping-örl mit lächelnder Miene: „Wenn so etwas auch nur ein einziges Mal passiert wäre, hätte sie ihr aber ganz schnell die Sehnen aus den Beinen gerissen0, das kann ich Euch versichern. Ihr dürft denen nichts glauben, Fräulein. Sie sehen, die junge Herrin hier ist ein Bodhisattwa, und auch Ihr seid ein liebes junges Fräulein, da bringen sie es fertig, ihren Nutzen daraus ziehen zu wollen und es sich bequem zu machen, und lügen Euch frech ins Gesicht.“ Dann sagte sie in Richtung der Tür: „Benehmt euch nur weiter so rüpelhaft! Wenn die junge gnädige Frau gesund ist, sprechen wir uns wieder!“ Lächelnd antworteten die Sklavenfrauen: „Ihr seid doch ein verständiger Mensch, Fräulein! Wie das Sprichwort sagt, ‚Jeder muß die eigene Zeche bezahlen.‘ Wir würden es doch nicht wagen, das gnädige Fräulein zu hintergehen. Hübsch und zart, wie das gnädige Fräulein ist, würden wir es verdienen, daß unsere Knochen nach unserm Tod unbegraben vermodern, wenn wir das gnädige Fräulein ernsthaft erzürnen wollten!“


Djia Huan (rechts) und sein Onkel mütterlicherseits Dschau Guo-dji. Aus: Jinyuyuan 1889b. „Gut, daß ihr das wißt!“ erwiderte Ping-örl mit frostiger Stimme. Dann wandte sie sich wieder Tan-tschun zu und sagte lächelnd: „Ihr wißt ja, wieviel die zweite junge Herrin zu tun hat, Fräulein. Da kann sie sich nicht um alles kümmern, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie manches außer acht gelassen hat. ‚Der Zuschauer sieht, was der Spieler nicht merkt‘, wie man sagt. Als Unbeteiligter ist Euch in den letzten Jahren vielleicht manches aufgefallen, wofür man die Mittel kürzen oder erhöhen müßte, ohne daß es die zweite junge Herrin getan hat. Wenn Ihr das jetzt tut, ist es zum einen im Interesse der gnädigen Frau, zum andern wäre es ein Beweis Eurer Freundschaft gegenübermeiner jungen Herrin...“ Noch ehe sie ausreden konnte, fielen ihr Bau-tschai und Li Wan lachend ins Wort und sagten: „Was für ein prächtiges Mädchen! Es ist wirklich kein Wunder, daß Schwägerin Hsi-fëng ausgerechnet sie so gern mag! – Du meinst also, wir sollten jetzt Kürzungen oder Erhöhungen erwägen, die bisher nicht möglich gewesen sind? Da sollst du nicht enttäuscht werden!“ Lächelnd sagte auch Tan-tschun: „Eben fehlte mir jemand, an dem ich die Wut, die ich im Bauch habe, auslassen könnte, und ich hatte mir schon ihre Herrin dafür ausgesucht, aber nachdem sie jetzt hier hereingeplatzt ist und diese Sachen gesagt hat, habe ich keine Lust mehr dazu.“ Dann rief sie die Sklavenfrau von vorhin herein und fragte: „Zu welchem Zweck werden die Jahresgelder für die jungen Herren Huan und Lan in der Familienschule verwendet?“ „Jeder von ihnen hat einen Aufwand von acht Liang Silber für den Imbiß, der in der Schule gereicht wird, sowie zum Kauf von Schreibwaren“, gab die Sklavin Auskunft. „Für den Aufwand der jungen Herren bekommt jeder Haushalt ein Monatsgeld“, sagte Tan-tschun. „Für Huan bekommt Nebenfrau Dschau zwei Liang, für Bau-yü bekommt Hsi-jën zwei Liang aus den Räumen der alten gnädigen Frau, und für Lan bekommt sie die ältere junge Herrin. Warum müssen noch einmal acht Liang für jeden an die Schule gezahlt werden? Gehen sie vielleicht um dieser acht Liang Silber willen zur Schule? Ab sofort wird dieser Posten gestrichen! – Ping-örl! Wenn du nach Hause kommst, bestellst du deiner Herrin, was ich gesagt habe, diese Zahlung muß unbedingt abgeschafft werden.“ „Sie hätte längst abgeschaft sein sollen“, erklärte Ping-örl eifrig und lächelte dabei. „Schon Ende des Jahres hatte die junge Herrin sie abschaffen wollen, aber weil zum Jahreswechsel so viel zu tun war, hat sie es vergessen.“ Die Sklavenfrau sagte notgedrungen jawohl und ging fort. Jetzt brachten Sklavinnen aus dem Garten des Großen Anblicks Speiseschachteln mit dem Essen. Längst hatten Dai-schu und Su-yün einen kleinen Eßtisch hereingetragen, und Ping-örl beteiligte sich nun eilfertig am Auftragen der Speisen. „Wenn du alles gesagt hast, was zu sagen war, geh jetzt!“ forderte Tan-tschun sie auf. „Was scharwenzelt du hier noch herum?“ Doch Ping-örl erwiderte lächelnd: „Ich habe nichts anderes zu tun. Die zweite junge Herrin hat mich zum einen hierher geschickt, um ihre Worte zu übermitteln, zum anderen, weil sie meinte, hier sei zu wenig Personal. Darum sollte ich den anderen Mägden helfen, die junge Herrin und das gnädige Fräulein zu bedienen.“ „Warum ist nicht auch das Essen für Fräulein Bau-tschai gebracht worden, damit wir gemeinsam essen können?“ erkundigte sich Tan-tschun jetzt. Kaum hatten die Sklavenmädchen das gehört, gingen sie hinaus zu den Sklavenfrauen, die draußen im Säulengang standen, und befahlen: „Fräulein Bau-tschai ißt heute hier, laßt ihr Essen bringen!“ Als Tan-tschun das hörte, sagte sie laut: „Kommandiert hier nicht sinnlos herum! Das sind alles Verwalterfrauen, die für wichtigere Dinge verantwortlich sind, und ihr wollt sie das Essen und den Tee holen lassen, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ping-örl steht hier herum, sie kann Bescheid sagen gehen.“ „Jawohl!“ sagte Ping-örl ohne Zögern und ging hinaus. Dort faßten die Sklavenfrauen sie sogleich an der Hand und sagten leise und mit lächelnder Miene: „Ihr braucht nicht zu gehen, Fräulein, wir haben eben schon jemand hingeschickt.“ Zugleich staubten sie mit ihren Taschentüchern die steinerne Plattform des Hauses ab und luden Ping-örl ein: „Ihr müßt müde sein vom langen Stehen, Fräulein. Ruht Euch hier im Schatten ein wenig aus!“ Als Ping-örl sich anschickte, Platz zu nehmen, reichten ihr zwei alte Sklavinnen aus der Teeküche ein Sitzkissen zum Unterlegen und sagten dazu: „Die Steine sind kühl, das Kissen ist ganz sauber. Setzt Euch ein Weilchen darauf, Fräulein!“ „Vielen Dank!“ sagte Ping-örl sofort und lächelte. Dann brachte ihr eine andere Sklavin eine Schale feinen, frischen Tee heraus und erklärte dazu ebenfalls leise und mit lächelnder Miene: „Das ist nicht unser gewöhnlicher Tee, den haben wir für die gnädigen Fräulein gebrüht. Erfrischt Euch ein wenig daran, Fräulein!“ Rasch beugte Ping-örl sich vor, um ihr die Schale abzunehmen, dann wies sie mit der Hand auf die Frauen und sagte leise zu ihnen: „Ihr seid aber auch zu dreist! Sie ist ein gnädiges Fräulein und tut sich weder wichtig, noch ist sie jähzornig. Es geht um ihre Würde. Ihr aber behandelt sie verächtlich und seid beleidigend zu ihr. Wenn ihr sie wirklich dazu bringt, daß sie in Zorn gerät, wird es von ihr nur heißen, sie sei grob geworden, und damit basta, ihr aber handelt euch etwas ein, was ihr nicht verkraften könnt. Wenn sie sich aufspielen würde, müßte die gnädige Frau ihr schon einige Zugeständnisse machen, dann könnte sich auch die zweite junge Herrin nicht erlauben, etwas dagegen einzuwenden. So frech, wie ihr sie zu verachten wagt, ist das nichts anderes, als wenn ein Hühnerei gegen einen Stein schlägt.“ „Wie hätten wir es gewagt, frech zu ihr zu sein?!“ verteidigten sich die Sklavenfrauen sofort. „An allem war nur Nebenfrau Dschau schuld.“ „Schluß damit, gute Frauen!“ sprach Ping-örl leise weiter. „‚Wenn die Mauer einstürzt, schieben alle mit.‘ Nebenfrau Dschau handelt wirklich unüberlegt, aber was auch passiert, immer wird sie beschuldigt. Meint ihr, ich hätte in all den Jahren nicht bemerkt, wie überheblich und rücksichtslos ihr stets seid? Wenn sich die zweite junge Herrin auch nur die kleinste Verfehlung hätte zuschulden kommen lassen, hättet ihr sie doch zu Fall gebracht. Und wenn man euch nur die Gelegenheit gibt, bringt ihr sie in Schwierigkeiten, wo ihr nur könnt. Oft genug war sie nahe daran, euren Zungen zum Opfer zu fallen. Alle sagen, sie sei hart, und ihr hättet Angst vor ihr. Dabei weiß ich, daß man wahrlich nicht sagen kann, sie hätte im Grunde ihres Herzens nicht ebenfalls Angst vor euch. Schon als wir neulich davon sprachen, stellten wir fest, daß hier nicht mehr alles im Lot ist und daß es mit Sicherheit noch den einen oder anderen Skandal geben wird. Das dritte junge Fräulein ist noch ein Mädchen, und ihr seht sie alle scheel an, aber sie ist die einzige unter den Schwägerinnen, vor der die zweite junge Herrin einigen Respekt hat. Wenn ihr sie nicht ernst nehmt, ...“ Weiter war sie noch nicht gekommen, als plötzlich Tjiu-wën in den Hof trat. Rasch begrüßten die Sklavinnen sie und forderten sie auf: „Ruht Euch ebenfalls etwas aus, Fräulein! Drinnen essen sie gerade. Wartet besser, bis sie damit fertig sind, ehe Ihr hineingeht, um zu berichten, was Ihr wollt.“ „Wie könnt ihr mich mit euch gleichsetzen?“ fragte Tjiu-wën lächelnd. „Warum sollte ich warten müssen?“ Schon wollte sie einfach ins Haus treten, da rief Ping-örl sie an: „Komm zurück!“ Tjiu-wën wandte den Kopf, und als sie Ping-örl erblickte, fragte sie lächelnd: „Wie denn, mußtest du hier den äußeren Wachdienst übernehmen?“ Dann machte sie kehrt und setzte sich zu Ping-örl auf das Kissen. „Was sollst du melden?“ erkundigte sich Ping-örl mit leiser Stimme. „Ich soll fragen, wann wir endlich das monatliche Silber für Bau-yü und unser Monatsgeld bekommen“, erwiderte Tjiu-wën. „Auch eine Wichtigkeit!“ meinte Ping-örl. „Geh schnell wieder zu Hsi-jën und bestelle ihr, ich hätte gesagt, sie solle heute nichts melden lassen, egal, was es ist. Wenn sie eine Sache melden läßt, wird man ihr die eine Sache abschlagen, und wenn sie hundert melden läßt, dann hundert.“ „Warum das?“ wollte Tjiu-wën wissen. Rasch erklärte ihr Ping-örl mit Hilfe der Sklavenfrauen den Grund und fügte dann hinzu: „Sie lauert nur darauf, daß jemand Angesehenes mit etwas Wesentlichem kommt, um ein Exempel zu statuieren, das allen andern zur Warnung dient. Wollt ausgerechnet Ihr es sein, die es trifft? Wenn du jetzt hineingehst, und sie will das Exempel an Euch statuieren, dann sind ihr die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dabei im Wege. Läßt sie Euch aber ungeschoren, dann wird es heißen, sie sei parteiisch, und wer sich auf die Macht der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau stützen kann, vor dem habe sie Angst und rühre ihn nicht an, nur wer schwach sei, müsse als erster leiden. Glaub mir, sie wird sogar der zweiten jungen Herrin ein paar Sachen abschlagen, nur um den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.“ Als Tjiu-wën das hörte, ließ sie die Zunge aus dem Mund hängen, dann sagte sie lächelnd: „Ein Glück, daß du hier warst, Schwester Ping-örl, sonst hätte ich mich schön in die Nesseln gesetzt! Ich will nur gleich drüben Bescheid sagen gehen!“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging weg. Dann wurde Bau-tschais Essen gebracht, und Ping-örl ging rasch wieder hinein, um bei Tisch aufzuwarten. Nebenfrau Dschau war inzwischen gegangen, und die drei saßen auf der hölzernen Ruhebank und aßen, in der Mitte mit dem Blick nach Süden Bau-tschai, daneben mit dem Blick nach Westen Tan-tschun und mit dem Blick nach Osten Li Wan. Alle Sklavenfrauen standen draußen im Säulengang und warteten still, im Innenraum aber waren nur noch die vertrautesten Sklavenmädchen, die auch sonst ständig um die drei waren, und bedienten sie. Es wagte sich niemand anders hinein. Verstohlen berieten sich draußen die Sklavenfrauen: „Wir sollten uns vorsehen und keine unlauteren Pläne schmieden! Selbst Wus Frau hat sich vorhin eine Abfuhr geholt. Genießen wir vielleicht mehr Ansehen als sie?!“ So flüsterten sie miteinander und warteten, daß die Mahlzeit zu Ende ging, damit sie ihre Berichte erstatten konnten. Drinnen aber war es mucksmäuschenstill, keine Schüssel klirrte, keine Eßstäbchen klapperten. Dann sahen sie, wie ein Sklavenmädchen den Türvorhang in die Höhe hob und zwei andere den Tisch herausbrachten. Längst standen auch drei Sklavenmädchen aus der Teeküche mit drei Waschschüsseln bereit, die sie jetzt, als sie sahen, daß der Eßtisch herausgebracht wurde, hineintrugen. Ein Weilchen später kamen sie mit den Schüsseln und mit Mundspülkummen wieder heraus, und nun trugen Dai-schu, Su-yün und Ying-örl je ein Tablett mit einem Deckelschälchen voll Tee hinein. Als sie wieder herauskamen, befahl Dai-schu den kleineren Sklavenmädchen: „Wartet drinnen ordentlich auf! Wenn wir vom Essen zurückkommen, lösen wir euch ab. Lauft nicht wieder heimlich weg, um irgendwo herumzusitzen!“ Jetzt erst wagten sich die Sklavenfrauen langsam wieder hinein und erstatteten der Rangfolge gemäß eine nach der anderen Bericht. Dabei wagten sie nicht mehr, so geringschätzig und nachlässig zu sein wie zuvor. Dadurch verrauchte bei Tan-tschun allmählich der Zorn, und sie sagte zu Ping-örl: „Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen, was ich schon lange mit deiner jungen Herrin besprechen wollte, eben fällt es mir glücklicherweise wieder ein. Komm also schnell wieder hierher, sobald du gegessen hast! Fräulein Bau-tschai ist auch hier, da können wir zu viert darüber beraten, und dann kannst du es deiner jungen Herrin in allen Einzelheiten vortragen und sie fragen, ob es sich verwirklichen läßt oder nicht.“ Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und ging nach Hause. Hier fragte Hsi-fëng sie: „Warum bist du die ganze Zeit weg gewesen?“ Und Ping-örl erzählte ihr lächelnd Punkt für Punkt, was sie erlebt hatte. „Das ist gut, das ist gut!“ sagte Hsi-fëng daraufhin lächelnd: „Tan-tschun ist ein gutes Mädchen. Schade nur, daß ihr kein gutes Los beschieden ist, weil sie nicht aus dem Bauch der gnädigen Frau zur Welt gekommen ist.“ „Ihr redet aber auch Unsinn, junge Herrin“, sagte Ping-örl lächelnd. „Auch wenn nicht die gnädige Frau sie geboren hat, wird es doch wohl niemand wagen, Fräulein Tan-tschun geringer zu schätzen als die übrigen Töchter des Hauses.“ „Was weißt du schon davon!“ sagte Hsi-fëng mit einem Seufzer. „Obwohl die Kinder von Nebenfrauen gleichwertig sind, so ist doch ein Unterschied zwischen Töchtern und Söhnen, der sich zeigen wird, wenn Tan-tschun einmal verlobt wird. Heutzutage gibt es respektlose Menschen, die sich erkundigen, ob ein Mädchen die Tochter der Hauptfrau oder einer Nebenfrau ist, und die die Tochter einer Nebenfrau zumeist nicht wollen. Dabei weiß ein jeder, daß bei uns, ganz zu schweigen von den Töchtern der Nebenfrauen, selbst die Mägde noch etwas Besseres sind als anderer Leute Fräulein. Wer weiß, welchem Pechvogel es einmal beschieden ist, sein Glück zu verspielen, weil er einen Unterschied zwischen den Töchtern von Hauptfrauen und von Nebenfrauen macht, und welcher Glückspilz Tan-tschun einmal bekommt, weil er diesen Unterschied nicht macht!“ Dann fuhr sie, wieder lächelnd, fort: „Wie viele Sparmaßnahmen habe ich in den letzten Jahren erdacht! Es gibt wohl niemanden hier bei uns, der mich nicht heimlich deswegen haßte. Aber es ist nun einmal nicht zu ändern, ich ‚reite auf dem Rücken des Tigers‘0, und wenn ich auch etwas einsichtiger bin, darf ich doch nicht so dumm sein, jetzt lockerzulassen. Zumal unsere Ausgaben groß, unsere Einnahmen aber gering sind. Alle wichtigen und unwichtigen Dinge regeln sich nach den Grundsätzen, wie sie von den Ahnen überkommen sind, obwohl die Einnahmen eines Jahres nicht mehr dieselben sind wie früher. Aber wenn ich noch mehr spare, werden wir von den Leuten ausgelacht. Es würde die alte gnädige Frau und die gnädige Frau kränken, und das Gesinde würde murren, ich sei geizig. Und doch wird, wenn wir nicht bald einen Weg finden, um zu sparen, in ein paar Jahren unser ganzer Besitz aufgebraucht sein.“ „Damit habt Ihr vollkommen recht“, bestätigte Ping-örl. „Für drei, vier gnädige Fräulein und zwei, drei junge Herren sowie für die alte gnädige Frau werden noch große Summen gebraucht.“ „Das habe ich alles schon überdacht“, nahm wieder Hsi-fëng lächelnd das Wort. „Dafür wird es reichen. Wenn Bau-yü einmal heiratet und Fräulein Lin einen Mann bekommt, braucht unser Familienvermögen nicht angegriffen zu werden, denn die alte gnädige Frau hat ihren eigenen Besitz, auf den sie hierfür zurückgreifen wird. Fräulein Ying-tschun gehört zum älteren gnädigen Herrn drüben und zählt deshalb auch nicht mit. Es bleiben also noch drei oder vier Fräulein. Wenn im Höchstfall zehntausend Liang Silber für jedes von ihnen anfallen und einfach dadurch gespart wird, daß man die Kosten für die Hochzeit des jungen Herrn Huan auf dreitausend Liang beschränkt, dann kommen wir aus. Wenn es mit der alten gnädigen Frau einmal soweit ist, werden nur noch Kleinigkeiten gebraucht, die uns alles in allem vielleicht drei- bis fünftausend Liang kosten, sonst ist schon alles für sie vorbereitet. Wenn wir also nur jetzt noch etwas sparsamer leben, werden wir auch in Zukunft immer unser Auskommen haben. Ich habe nur Angst, daß ein paar unvorhergesehene Ereignisse dazwischenkommen könnten. Dann wären wir übel dran. Aber wir wollen uns nicht den Kopf darüber zerbrechen, ehe es soweit ist! Iß jetzt erst einmal, und dann hör dir an, was sie beratschlagen wollen! Die Sache trifft sich gut für mich, denn ich mache mir Sorgen, weil ich keine geeignete Stütze habe. Bau-yü ist zwar da, aber er ist nicht der passende Kandidat für diesen Posten. Selbst wenn ich ihn weichmachen würde, hätte ich von ihm keinen Nutzen. Die ältere junge Herrin ist eine Heilige und würde mir auch nichts nützen, Fräulein Ying-tschun erst recht nicht, außerdem gehört sie nicht zu unserem Haushalt. Fräulein Hsi-tschun ist zu jung, der kleine Herr Lan ist noch jünger, und der junge Herr Huan ist einfach ein frierendes Kätzchen, das gern bereit ist, sich das Fell zu versengen, wenn es nur in den Herd oder ins Ofenloch kriechen kann. Da sind wahrhaftig zwei Kinder aus dem Bauch einer Mutter geboren worden, zwischen denen ein himmelweiter Unterschied klafft! Sooft ich auch daran denke, abfinden kann ich mich damit nicht. Dann haben wir noch Fräulein Lin und Fräulein Bau-tschai. Sie wären nicht schlecht geeignet, aber sie gehören ausgerechnet zur Verwandtschaft über die weibliche Linie und können deshalb nicht gut den Haushalt führen. Außerdem gleicht die eine einer gemalten Schönheit auf einer Seidenlaterne, die der erste Windstoß kaputt macht, und die andere hat es sich zur Regel gemacht, den Mund nur aufzutun, wenn etwas sie selber betrifft, und sonst auf alle Fragen durch Kopfschütteln zu zeigen, sie wisse von nichts, so daß man sich an sie schlecht wenden kann. So bleibt einzig Fräulein Tan-tschun übrig, bei der Herz und Mund auf dem rechten Fleck sitzen. Außerdem gehört sie voll zu unserem Haushalt, und die gnädige Frau hat sie gern. Sie macht zwar immer ein gleichgültiges Gesicht, aber daran ist nur dieses alte Stück, die Nebenfrau Dschau, schuld. Innerlich gilt Fräulein Tan-tschun der gnädigen Frau genausoviel wie Bau-yü, ganz im Unterschied zum jungen Herrn Huan, der es einem wirklich schwer macht, ihn gern zu haben, und den ich längst hinausgeworfen hätte, wenn es nach mir ginge. Wenn Fräulein Tan-tschun jetzt so einen Plan hegt, sollten wir uns zusammentun und einander helfen, dann bin ich nicht mehr auf mich allein gestellt. Vom Standpunkt der Allgemeinheit aus und nach allem, was Anstand und Güte verlangen, brauchen wir uns durch ihre Hilfe ein bißchen weniger das Hirn zu zermartern, und die Sache der gnädigen Frau hat einigen Nutzen dadurch. Von meinem eigenen egoistischen Standpunkt aus gesehen, ist es so, daß ich ein wenig zu hart gewesen bin und deshalb in den Hintergrund treten und abwarten muß. Wollte ich den Leuten weiter so zusetzen, würde das ihren Haß auf die Spitze treiben, und hinter jedem Lächeln von ihnen würde dann ein Dolch lauern. Mit dir zusammen habe ich nur vier Augen und zwei Köpfe, ein unachtsamer Augenblick, und ich bin verloren. Wenn in dieser kritischen Situation nach außen hin sie in Erscheinung tritt, wird der Haß, den die Leute gegen uns hegen, allmählich verfliegen. Und noch etwas muß ich dir sagen, weil du dich wohl trotz deiner Klugheit innerlich nicht dazu durchringen kannst. Sie ist zwar ein Mädchen, aber sie begreift alles und jedes, nur daß sie mit ihren Worten zurückhaltend ist. Sie kann auch besser lesen und schreiben als ich, was sie noch brauchbarer macht. Nun weißt du ja, daß ein Sprichwort sagt, ‚Willst du eine Räuberbande fangen, mußt du als erstes den Hauptmann fassen.‘ Wenn sie jetzt neue Regelungen einzuführen versucht, wird sie unweigerlich bei mir den Anfang machen. Wenn sie also einen Wunsch von mir zurückweist, darfst du nicht mit ihr streiten, du mußt vielmehr um so demütiger sein und ihr recht geben. Auf gar keinen Fall darfst du dir Gedanken darüber machen, daß es meinem Ansehen schadet. Wenn du auch nur ein Wort gegen sie sagst, ist das Unglück da, ...“ Ohne sie ausreden zu lassen, sagte Ping-örl lächelnd: „Du hältst einen aber auch für zu dumm! Eben habe ich schon danach gehandelt, und jetzt belehrst du mich noch.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-fëng: „Ich dachte, in deinem Herzen wie in deinen Augen sei nur für mich und niemand anders Platz, und deshalb ginge es nicht ohne diese Belehrung. Aber vor lauter Eifer hast du mich wieder einmal einfach geduzt.“ „Ich habe dich absichtlich geduzt“, erklärte Ping-örl. „Und wenn es dir nicht paßt, dann gib mir nur Ohrfeigen dafür. Als ob mein Gesicht noch nicht wüßte, wie das ist!“ „Wie oft wirst du mir das noch vorhalten, du kleines Spitzbein?“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Obwohl ich so krank bin, mußt du mich ärgern. Aber komm, setz dich zu mir! Jetzt kommt sowieso niemand zu uns, da können wir auch gemeinsam essen!“ Im selben Moment traten Fëng-örl und ein paar andere kleine Sklavenmädchen in den Raum und stellten ein flaches, kleines Tischchen auf das Ofenbett. Hsi-fëng aß nur eine nüchterne Reissuppe mit Schwalbennestern und ein paar erlesene Kleinigkeiten. Die alltäglichen Speisen, die sie beanspruchen durfte, hatte sie abbestellt. Für Ping-örl setzte Fëng-örl die vier Gerichte, die ihr zustanden, auf das Tischchen und füllte ihr Reis in die Schale. Dann kniete sich Ping-örl mit einem Bein auf das Ofenbett und blieb mit dem anderen auf dem Boden stehen. So leistete sie Hsi-fëng beim Essen Gesellschaft, und erst als sie sie noch beim Händewaschen und Mundspülen bedient hatte, ging sie wieder zu Tan-tschun hinüber. Doch dort fand sie den Hof still und menschenleer. Wer wissen will, wie das kam, ...