Hongloumeng/de/Chapter 58

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Kapitel 58

杏子阴假凤泣虚凰

茜纱窗真情揆痴理

Die drei hielten also schleunigst den Mund von der Sache, als Tan-tschun und die anderen hereinkamen. Nachdem die Neuankömmlinge ihre Grüße entboten hatten, scherzten und schwatzten alle eine Zeitlang zusammen, dann gingen sie wieder auseinander. Unerwartet war die in einem der vorigen Kapitel erwähnte alte Nebenfrau des verewigten Kaisers entschlafen. Die Gattinnen aller Würdenträger mußten sich zu Hofe begeben, um ihrem Rang und Titel gemäß am Trauerzeremoniell teilzunehmen. Durch kaiserlichen Erlaß wurde befohlen, im ganzen Reich dürfe in allen Familien von Würdenträgern ein Jahr lang kein Fest gefeiert und keine Musik gespielt werden, das einfache Volk aber dürfe innerhalb von drei Monaten keine Hochzeiten halten. Die Herzoginmutter, Dame Hsing, Dame Wang, Frau You und Frau Hsü – Schwiegermütter und Schwiegertöchter, Großmutter und Enkelin – begaben sich jeden Tag zu Hofe, um den Opferhandlungen beizuwohnen, und kamen nicht früher als nachmittags um zwei wieder zurück. Erst nach einundzwanzigtägiger Aufbahrung in einer Seitenhalle des Kaiserpalasts sollte die Tote nach dem Grab des verewigten Herrschers übergeführt werden, das sich im Kreis Hsiau-tsï0 befand. Dorthin brauchte man von der Hauptstadt aus mehr als zehn Tage, und da der Sarg nach der Überführung noch einmal für mehrere Tage aufgestellt werden sollte, bevor er in den „unterirdischen Palast“0 kam, mußte die Überführung einen vollen Monat in Anspruch nehmen. Aus dem Ning-guo-Anwesen durften eigentlich weder Djia Dschën noch seine Frau dabei fehlen, aber dann wäre aus keinem der beiden Anwesen jemand da gewesen, der die Aufsicht führen konnte. Deshalb hielt man Rat, und da das Haus nicht ohne Herrschaft bleiben konnte, ließ man melden, Frau You werde gebären. Dadurch erreichte man eine Freistellung für sie, und nun konnte sie an der Leitung beider Anwesen teilhaben. Außerdem betraute man Tante Hsüä damit, sich im Garten um die Mädchen des Hauses und deren Sklavenmädchen zu kümmern. So blieb Tante Hsüä keine andere Wahl, als selbst in den Garten zu ziehen. Aber bei Bau-tschai wohnten schon Hsiang-yün und Hsiang-ling. Bei Li Wan waren Tante Li und ihre beiden Töchter zwar ausgezogen, aber sie kamen noch von Zeit zu Zeit auf drei oder fünf Tage zu Besuch, und außerdem hatte die Herzoginmutter Bau-tjin der Obhut von Li Wan anvertraut. Bei Ying-tschun war Hsiu-yän untergebracht. Tan-tschun dagegen war zum einen mit Haushaltsangelegenheiten überhäuft, zum anderen tauchte immer wieder Nebenfrau Dschau mit Djia Huan bei ihr auf, um herumzunörgeln, was ebenfalls sehr unangenehm war. Bei Hsi-tschun schließlich waren die Räume zu klein. Überdies hatte die Herzoginmutter Tante Hsüä tausend- und zehntausendfach gebeten, nur ja auf Dai-yü besonders gut achtzugeben. Und da Tante Hsüä ohnehin innigste Zuneigung für Dai-yü verspürte, zog sie jetzt in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo sie mit ihr das Zimmer teilte und sich mit größter Sorgfalt um ihre Arznei und Diät kümmerte. Dai-yü war ihr unendlich dankbar dafür, und Tante Hsüä wurde fortan von ihr nicht anders angeredet als von Bau-tschai. Bau-tschai selbst aber wurde von Dai-yü „ältere Schwester“ genannt und Bau-tjin „jüngere Schwester“, als ob sie ihre leiblichen Geschwister gewesen wären, und sie verkehrte mit ihnen herzlicher als mit allen anderen. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, war sie hocherfreut und beruhigt zugleich. Tante Hsüä kümmerte sich lediglich um die Mädchen und hielt die Sklavenmädchen im Zaum, zu Haushaltsangelegenheiten dagegen, seien es größere oder kleinere, wollte sie sich nicht äußern. Frau You kam zwar Tag für Tag herüber, aber nur um sich sehen zu lassen und Appell zu halten – sich als Autorität aufspielen wollte sie nicht. Zumal sie drüben in ihrem eigenen Anwesen die ganze Verantwortung trug und außerdem jeden Tag für alles sorgen mußte, was die Herzoginmutter, Dame Wang und die anderen in ihren Aufenthaltsräumen an Essen, Getränken und Ausstattung brauchten, womit sie Arbeit genug hatte. Aber nicht nur die Herrschaften aus beiden Anwesen waren jetzt pausenlos beschäftigt. Auch die verantwortlichen Sklaven waren entweder mit bei Hofe, oder sie hatten sich in den Aufenthaltsräumen außerhalb des Hofes um alles zu kümmern, während wieder andere zu den Absteigeorten des Trauerzuges vorauseilen mußten. So hatten auch sie alle Hände voll zu tun, dem Gesinde in beiden Anwesen aber fehlte dadurch die rechte Zucht. Die Leute faulenzten, wo sie nur konnten, und manche machten sich die Gelegenheit zunutze, um sich mit den zeitweiligen Verantwortlichen zusammenzutun und die so erlangte Macht zu mißbrauchen. Im Jung-guo-Anwesen waren nur Lai Da und einige Zuständige zurückgeblieben, um sich um die Angelegenheiten des äußeren Haushalts zu kümmern. Die Leute aber, auf die sich Lai Da für gewöhnlich stützte, waren fort. An ihrer Statt hatte man zwar andere eingesetzt, aber dies waren Neulinge, und man merkte, daß ihnen die Arbeit nicht recht von der Hand ging. Obendrein waren es Dummköpfe, die schamlos betrogen, falsche Berichte gaben und sinnlose Vorschläge machten. So gab es Übelstände aller Art, und immer wieder kam es zu Verwicklungen, doch das kann hier nicht gut geschildert werden. Da jetzt in allen Beamtenfamilien die Schauspielertruppen, die man im Hause hielt, entlassen und weggeschickt wurden, faßte auch Frau You mit den anderen zusammen einen derartigen Beschluß, und als Dame Wang einmal nach Hause kam, meldete sie ihr, sie wolle jene zwölf Schauspielermädchen entlassen. Dabei sagte sie: „Die Mädchen waren gekauft worden. Auch wenn sie jetzt nicht weiter die Schauspielerei erlernen, können wir sie doch zur Bedienung behalten. Die Ausbilder aber können ihrer Wege gehen, und damit ist die Sache erledigt.“ „Diese Schauspielschülerinnen sind nicht dasselbe wie Dienerinnen“, wandte Dame Wang ein. „Sie sind Kinder anständiger Eltern, die sie nur notgedrungen in dieses Gewerbe verkauft haben, sich ein paar Jahre verunstalten zu lassen und die Hexen zu spielen. Da sich jetzt die Gelegenheit ergibt, sollte man ihnen ein paar Liang Silber als Reisegeld geben und ihnen die Freiheit schenken. So war es seinerzeit bei den Ahnen die Regel. Was jetzt vorgeschlagen ist, würde nicht nur solcher verborgenen Güte Abbruch tun, es wäre auch kleinlich. Es leben zwar auch einige alte Schauspielerinnen bei uns, aber von ihnen hatte jede einen Grund, warum sie nicht zu ihrer Familie zurückkehren wollte. Nur deshalb sind sie als Dienerinnen hier behalten und dann mit jungen Sklaven aus unserem Haus verheiratet worden, als sie erwachsen waren.“ „Dann wollen auch wir die zwölf fragen, ob jemand von ihnen nach Hause möchte, und falls ja, schreiben wir Briefe an ihre Eltern, damit sie sie persönlich abholen kommen, und geben ihnen ein paar Liang Silber für die Reise!“ schlug Frau You vor. „Denn nur so ist alles geregelt. Wenn wir nicht ihre Eltern kommen lassen, werden sich, fürchte ich, Schurken finden, die die Mädchen hier abholen, nur um sie weiterzuverkaufen. Wäre damit nicht unsere Gnade wieder zunichte gemacht?! Und wer nicht nach Hause will, den behalten wir hier.“ „So ist es recht“, lobte Dame Wang lächelnd. Frau You schickte dann eine Botin zu Hsi-fëng, um sie über die Sache zu unterrichten, und ließ in der Verwaltung Bescheid sagen, jeder Schauspielausbilder solle acht Liang Silber bekommen und gehen dürfen, wohin es ihm beliebte. Im Birnendufthof wurde eine Bestandsaufnahme von allen Gegenständen gemacht, um sie dann zu verwahren, während für die Gebäude eine Nachtwache bestimmt wurde. Die zwölf Schauspielermädchen wurden persönlich befragt, und es stellte sich heraus, daß mehr als die Hälfte von ihnen nicht nach Hause zurück wollte. Die einen sagten, ihre Eltern lebten zwar noch, aber sie hätten nichts anderes im Sinn, als ihre Kinder zu verkaufen, und würden das wieder tun, wenn sie nach Hause kämen. Andere sagten, ihre Eltern seien schon tot, und sie seien von ihren Onkeln oder Brüdern verkauft worden. Die nächsten sagten, sie hätten niemanden mehr, zu dem sie gehen könnten, und einige sagten schließlich, sie wollten bleiben, weil sie hier so viel Liebe und Güte erfahren hätten. So waren es nicht mehr als vier oder fünf, die fortgehen wollten. Als Dame Wang dies erfuhr, blieb ihr keine andere Wahl, als den größeren Teil der Mädchen im Haus zu behalten. Die vier oder fünf, die gehen wollten, mußten bei ihren Pflegemüttern leben, bis ihre leiblichen Eltern sie abholen kamen. Die anderen wurden auf die einzelnen Gartenhäuser verteilt, um dort aufzuwarten. Wën-guan behielt sich die Herzoginmutter zu ihrer eigenen Bedienung. Fang-guan, die Frauen mittleren Alters gespielt hatte, wurde Bau-yü zugewiesen. Juee-guan, die junge Mädchen gespielt hatte, bekam Bau-tschai. Ou-guan, die junge Männer gespielt hatte, wurde Dai-yü zugeteilt. Kuee-guan, die ernste Helden gespielt hatte, kam zu Hsiang-yün. Dou-guan, die den Spaßmacher gespielt hatte, wurde zu Bau-tjin geschickt. Ai-guan, die alte Männer gespielt hatte, kam zu Tan-tschun. Frau You aber bat sich Tjiä-guan aus, die alte Frauen gespielt hatte. Als so jedes der Mädchen eine neue Bleibe erhalten hatte, fühlten sie sich wie Vögel, die man aus dem Käfig gelassen hat, und vergnügten sich Tag für Tag im Garten. Jedermann wußte, daß sie sich nicht auf Nadelarbeiten verstanden und auch nicht daran gewöhnt waren, jemanden zu bedienen, darum machte ihnen jetzt keiner große Vorhaltungen. Ein oder zwei aber waren unter den Mädchen, die wohl verständiger waren und deshalb bedauerten, daß sie keine Fähigkeiten besaßen, mit denen sie einmal den Nöten der Zeit würden begegnen können. Sie verwarfen ihre bisherigen Kenntnisse und begannen statt dessen, das Sticken und Nähen, Spinnen und Weben sowie andere weibliche Handarbeiten zu erlernen. Eines Tages wurde bei Hofe ein großes Opfer gebracht. Schon in der fünften Nachtwache begaben sich die Herzoginmutter und alle anderen zum Palast, wo sie zuerst ihre Aufenthaltsräume aufsuchten, um eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen, ehe sie zu Hofe gingen. Als sie wiederkamen, war die Zeit der Frühmahlzeit schon vorüber. Sie zogen sich in ihre Aufenthaltsräume zurück, aßen und ruhten ein wenig aus. Danach gingen sie erneut zu Hofe und mußten abwarten, bis das Mittags- und das Abendopfer dargebracht waren, ehe sie sich wieder in die Aufenthaltsräume zurückziehen konnten. Anschließend aßen sie dort zu Abend, dann erst kehrten sie nach Hause zurück. Diese Aufenthaltsräume lagen im Ahnentempel eines hohen Beamten, und Nonnen brannten hier Weihrauch und verrichteten Andachten. Räume gab es reichlich, und alle waren blitzsauber. Von den beiden Höfen hatten die Djias den östlichen, der Prinz Bee-djing den westlichen gemietet. Die Nebenfrauen des verewigten und des regierenden Kaisers empfingen während ihrer täglichen Mußestunden in den Räumen des Ostgehöfts die Herzoginmutter und ihren Anhang. Man ging gemeinsam zu Hofe und kehrte gemeinsam von dort zurück, so daß man einander stets Aufmerksamkeiten erweisen konnte. Aber wozu muß in allen Einzelheiten berichtet werden, was sich draußen zutrug? Besser ist es, vom Garten des Großen Anblicks zu erzählen! Da die Herzoginmutter und Dame Wang Tag für Tag außer Hause waren und dann einen ganzen Monat lang den Trauerzug begleiten mußten, führten inzwischen alle Sklavenmädchen und -frauen ein sorgenfreies Dasein und schweiften meist untätig im Garten umher. Da auch die zahlreichen alten Sklavinnen, die vorher im Birnendufthof aufgewartet hatten, von dort abgezogen und auf die Gartenhäuser verteilt worden waren, um hier zu bedienen, schien das Gartenpersonal plötzlich massenhaft vermehrt. Wën-guan und die übrigen Schauspielermädchen waren sämtlich eingebildet und überheblich, selbstherrlich und ungerecht, wählerisch in bezug auf Kleidung und Speisen und obendrein noch spitzzüngig. Kaum eine war zufrieden mit ihrem Los. Darum gab es keine unter den alten Sklavenfrauen, die nicht schon längst einen heimlichen Groll gegen die Mädchen hegte, wenn sie auch nicht gewagt hatten, offen mit ihnen zu streiten. Daß die Mädchen jetzt den Schauspielunterricht hatten aufgeben müssen, war den Alten ganz recht, aber während die einen die Finger von ihnen ließen und sich nicht weiter um sie kümmerten, gab es auch andere, die engherziger waren und an ihrem alten Groll festhielten. Weil aber auch sie jetzt auf die einzelnen Gartenhäuser verteilt waren, wagten sie nicht, etwas gegen die Mädchen zu unternehmen.


Fang-guan. Aus: Gai Qi 1879. Am Festtag Tjing-ming0 begab sich Djia Liän, der die üblichen Opfer vorbereitet hatte, mit Djia Huan, Djia Dsung und Djia Lan zusammen ins Kloster Eiserne Schwelle, um vor den Särgen die Papiergaben zu verbrennen. Auch Djia Jung hatte sich mit einigen Sippenangehörigen aus dem Ning-guo-Anwesen dorthin begeben. Bau-yü aber hatte nicht mithalten können, weil er noch nicht ganz genesen war. Nach dem Essen wurde er schläfrig, und Hsi-jën redete ihm zu: „Es ist so schönes Wetter, geh draußen spazieren, damit du nicht einschläfst, kaum daß du die Suppenschale aus der Hand gesetzt hast, und sich alles im Herzen staut!“ Notgedrungen ging Bau-yü auf seinen Stock gestützt und mit schlappenden Schuhen zum Hoftor hinaus. Da der Garten vor kurzem der Obhut der alten Sklavinnen übergeben worden war, war jetzt jede bei ihrem Geschäft: die einen putzten den Bambus, andere beschnitten die Bäume, die nächsten pflanzten Blumen, und wieder andere steckten Bohnen. Auf dem Teich waren die Bootsfrauen mit Kähnen unterwegs, um Schlamm zu baggern und Lotoswurzeln zu setzen. Hsiang-ling, Hsiang-yün und Bau-tjin saßen zusammen mit ihren Sklavenmädchen auf Felsbrocken und schauten zum Vergnügen zu. Als Bau-yü langsam auf die Mädchen zuging, entdeckte ihn Hsiang-yün als erste, und sofort rief sie lächelnd: „Jagt schnell diese Boote fort, sie wollen Kusine Dai-yü abholen!“ Alles lachte darüber, und Bau-yü wurde rot. Aber er lächelte ebenfalls, während er sagte: „Niemand wird zum Spaß krank. Du aber mußt selbst das nachäffen, um dich über einen lustig zu machen.“ „Und du mußt, selbst wenn du krank wirst, noch etwas Besonderes haben“, scherzte Hsiang-yün, „aber wenn du dann die Leute damit zum Lachen bringst, gibst du andern die Schuld.“ Während sie das sagte, hatte sich Bau-yü ebenfalls niedergelassen und sah nun ein Weilchen dem emsigen Treiben der Sklavenfrauen zu. Dann aber sagte Hsiang-yün: „Hier ist es windig, und die Steine sind kühl. Lange kann man hier nicht sitzen.“ Da Bau-yü ohnehin vorhatte, Dai-yü zu besuchen, stand er auf, stützte sich wieder auf seinen Stock und verabschiedete sich von den Mädchen. Er folgte dem Damm im Bereich der Duftgetränkten Brücke, und hier sah er, daß von den Weiden goldene Schnüre hingen, während sich die Pfirsiche in rosige Wolken gehüllt hatten. Der große Aprikosenbaum hinter dem Felsvorsprung aber hatte schon alle Blüten verloren, und die Blätter wuchsen dicht und grün. Unzählige kleine Früchte, nicht größer als Bohnen, saßen an den Zweigen. „Nun bin ich ein paar Tage krank gewesen, und gleich habe ich die Aprikosenblüte verpaßt“, dachte Bau-yü. „Unversehens ist es soweit, daß man sagen muß: ,Üppig hat sie sich entfaltet, reichlich trägt sie Frucht.‘0 “ Während er so nach oben schaute und den Blick nicht wieder losreißen konnte, fiel ihm ein, daß für Hsiu-yän ein Bräutigam ausgesucht worden war, und wenn er sich auch sagen mußte, es sei dies ein großes Ereignis für Mann und Frau, auf das nicht verzichtet werden konnte, bedauerte er doch, daß er dadurch wieder ein liebliches Mädchen verlieren mußte. In ein paar Jahren würde dann auch für sie gelten „Üppig hat sie sich entfaltet, reichlich trägt sie Frucht.“ Und so wie der Baum binnen kurzem wieder kahl und ohne Früchte dastehen würde, würde sich in wenigen Jahren Hsiu-yäns schwarzes Haar silbern färben, und ihre roten Wangen würden aussehen wie verdorrt. Unwillkürlich überkam Bau-yü die Schwermut, und er stand weinend und seufzend vor dem Aprikosenbaum. Inmitten seiner Wehklage kam plötzlich ein Spatz geflogen, setzte sich auf einen Zweig und tschilpte wie wild. Wieder stand Bau-yü in sich versunken und dachte: „Bestimmt ist der Vogel hier gewesen, als die Aprikose in voller Blüte stand, und jetzt tschilpt er so, weil er keine Blüten mehr findet, sondern nur noch Blätter. Sein Tschilpen bedeutet sicher Weinen. Zu ärgerlich, daß kein Gung-yä Tschang0 zur Hand ist, den ich fragen könnte! Ob sich der Spatz wohl im nächsten Jahr, wenn der Baum von neuem blüht, noch daran erinnern kann und wieder herkommt, um die Blüten wiederzusehen?“ Während er so seinen törichten Gedanken nachhing, sah er auf einmal, wie hinter dem Felsvorsprung Feuer aufloderte und der Spatz erschrocken davonflog. Auch Bau-yü zuckte vor Schreck zusammen. Dann hörte er, wie drüben jemand rief: „Sterben solltest du, Ou-guan! Wie kannst du Opfergeld mit hereinbringen und es hier verbrennen?! Nimm deine Haut in acht, wenn ich das den jungen gnädigen Frauen melde!“ Zutiefst verwundert bog Bau-yü rasch um den Felsvorsprung und entdeckte dort Ou-guan, die mit tränenüberströmtem Gesicht und mit einem Fidibus der Hand traurig vor einem Häufchen Asche hockte. „Für wen verbrennst du das Opfergeld?“ fragte Bau-yü schnell. „Du mußt es nicht hier verbrennen! Wenn es für deine Eltern oder Geschwister ist, sag mir die Namen, dann befehle ich draußen den Knaben, sie sollen ein ordentliches Opferpäckchen zurechtmachen, die Namen daraufschreiben und es dann verbrennen gehen.“ Ou-guan sah Bau-yü nur groß an und sagte kein Wort. Als er nach mehrmaligem Fragen noch immer keine Antwort erhalten hatte, kam plötzlich eine wutschnaubende alte Sklavin angestapft, packte Ou-guan am Ärmel und sagte: „Ich habe es den jungen gnädigen Frauen schon gemeldet, sie sind sehr böse auf dich!“ Ou-guan war noch ein Kind, und aus Angst vor der Schande wollte sie nicht mitgehen. „Habe ich euch nicht schon immer gesagt, ihr sollt nicht zu übermütig sein?“ rief die Alte. „Ihr aber macht hier erst recht, was ihr wollt. Hier heißt es, sich anständig benehmen!“ Und mit der Hand auf Bau-yü weisend, setzte sie hinzu: „Auch der junge Herr hält sich an Regeln und Normen. Was bist du für ein freches kleines Ding, daß du hierher läufst und Unfug treibst?! Angst haben hat gar keinen Zweck. Du kommst jetzt mit!“ „Sie hat gar kein Opferpapier verbrannt“, behauptete Bau-yü rasch. „Fräulein Lin hatte ihr befohlen, ihr beschriebenes Altpapier zu verbrennen. Du hast dich verguckt und hast sie zu Unrecht gemeldet.“ Ou-guan, die nicht wußte, was sie machen sollte, und die Bau-yüs Erscheinen nur noch mehr verängstigt hatte, faßte wieder Mut, als Bau-yü plötzlich ihr Vergehen deckte, und sagte nun ebenfalls: „Hast du vielleicht gesehen, daß es Opfergeld war? Ich habe Papier verbrannt, das Fräulein Lin beschrieben hatte.“ Als die Alte dies hörte, geriet sie noch stärker in Zorn und beugte sich nieder, um ein paar halbverbrannte Papierfetzen aus der Asche zu wühlen. Dann sagte sie: „Willst du noch streiten? Hier habe ich den Beweis in der Hand. Wir unterhalten uns in der Halle weiter!“ Damit packte sie Ou-guan am Ärmel und wollte sie mit sich ziehen. Bau-yü aber hielt Ou-guan rasch fest und schlug der Alten mit dem Stock auf die Hand, so daß sie loslassen mußte. Dazu sagte er: „Das kannst du haben! Aber ich will dir die Wahrheit sagen. Heute nacht ist mir der Geist der Aprikosenblüten im Traum erschienen und hat ein Gehänge weißes Opfergeld von mir verlangt, das aber niemand aus meinen Räumen verbrennen sollte, sondern jemand Fremdes. Dann würde meine Krankheit schneller heilen. Darum habe ich mir das Opfergeld verschafft und extra mit Fräulein Lin gesprochen, damit sie Ou-guan schickt, um das Geld für mich zu verbrennen

Aus: Jinyuyuan 1889b. und die Beschwörung vorzunehmen. Niemand sollte etwas davon erfahren. Und nur deshalb habe ich heute schon aufstehen können. Dann aber mußtest du das sehen, und wenn ich jetzt nicht gesund werde, liegt das nur daran, daß du die Sache verdorben hast. Aber du wolltest doch Ou-guan melden gehen. – Geh nur mit, Ou-guan! Wenn du mit ihnen sprichst, sagst du alles so, wie du es eben gehört hast. Und wenn die alte gnädige Frau zurück ist, sage ich ihr, wer sich absichtlich gegen die Geister vergangen hat, um zu erreichen, daß ich jung sterbe.“ Auch Ou-guan wußte, was sie zu tun hatte. Jetzt war sie es, die die Alte am Ärmel packte und gehen wollte. Die Alte aber ließ unter dem Eindruck von Bau-yüs Worten das halbverbrannte Opfergeld fallen und erklärte mit verlegenem Lächeln: „Das habe ich nicht gewußt. Wenn Ihr das der alten gnädigen Frau meldet, ist es doch aus mit mir. Ich werde den jungen Herrinnen sagen, ich hätte mich geirrt, Ihr hättet den Geistern ein Opfer gebracht.“ „Nichts wirst du ihnen sagen!“ verlangte Bau-yü. „Dann sage ich auch nichts davon.“ „Aber ich habe es doch schon gemeldet“, klagte die Alte. „Sie hatten mir befohlen, Ou-guan zu bringen. Nun kann ich doch nicht einfach wegbleiben. – Aber sei‘s drum! Ich werde sagen, ich hätte sie schon gerufen, aber dann habe Fräulein Lin sie holen lassen.“ Bau-yü dachte kurz nach, ehe er durch Kopfnicken seine Zustimmung zu erkennen gab, und die Alte ging ihres Weges. Dann aber fragte Bau-yü: „Für wen hast du das Opfergeld nun wirklich verbrannt? Ich habe mir überlegt, wenn es um ein Opfer für Eltern oder Geschwister ging, habt ihr stets jemand beauftragt, es draußen zu verbrennen. Da du es hier verbrannt hast, mußt du deinen Grund dafür haben.“ Tief bewegt durch die Hilfe, die Bau-yü ihr erwiesen hatte und an der sie ihn als verwandte Seele erkannte, verriet ihm Ou-guan unter Tränen: „Von dieser Sache weiß kein Mensch außer Fang-guan, die bei dir im Hause ist, und Juee-guan, die bei Fräulein Bau-tschai ist. Nachdem du mich hier überrascht hast, sollst du es auch erfahren, weil du es gut mit mir meinst, aber du darfst es niemand weitersagen.“ Sie machte eine Pause, dann fuhr sie weinend fort: „Ich kann es dir nicht ins Gesicht sagen. Frag, wenn du zurück bist, in aller Stille Fang-guan danach, dann wirst du es erfahren.“ Nach diesen Worten stürzte sie davon. Verwundert ging Bau-yü mit langsamen Schritten in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, um nach Dai-yü zu sehen, die so schmächtig geworden war, daß es einen jammerte. Doch als er sich erkundigte, hieß es, dieser Zustand sei schon eine bedeutende Besserung gegenüber dem bisherigen. Auch Dai-yü mußte feststellen, daß Bau-yü viel schmaler war als früher, und der Gedanke an dieses Früher trieb ihr die Tränen in die Augen. Nach kurzem Geplauder drängte Dai-yü darauf, Bau-yü solle wieder gehen, um sich auszuruhen und zu pflegen, und so kehrte er notgedrungen in seine Räume zurück. Er dachte daran, daß er Fang-guan etwas zu fragen hatte, aber Hsiang-yün und Hsiang-ling waren da und scherzten und plauderten eben mit Hsi-jën und Fang-guan, so daß er sie schlecht wegrufen konnte, denn er mußte befürchten, die anderen würden wissen wollen, worum es ging. Also mußte er sich gedulden. Ein Weilchen später ging Fang-guan mit ihrer Pflegemutter hinaus, um sich von ihr das Haar waschen zu lassen. Als die Pflegemutter zuerst ihrer leiblichen Tochter das Haar wusch, warf Fang-guan ihr vor, sie werde von ihr benachteiligt. „Ich soll mir den Kopf mit dem Wasser waschen, das deine Tochter übriggelassen hat?“ empörte sie sich. „Nicht genug damit, daß du dir mein ganzes Monatsgeld einsteckst und deinen Vorteil aus mir ziehst, bekomme ich von allem nur die Reste!“ Bei ihrer Pflegemutter wurde aus der Beschämung Zorn, und sie schimpfte: „Du undankbares Ding! Kein Wunder, wenn die Leute sagen, eine Schauspielerin, mit der gut auszukommen ist, die gibt es nicht. Wie gut ein Mensch auch sein mag, in diesem Gewerbe wird er verdorben. Du kleines Stückchen Dreck wirst hier frech und geiferst wie ein bissiges Maultier?“ Als sich die beiden so in den Haaren lagen, schickte Hsi-jën sofort jemand mit der Aufforderung: „Hört auf zu streiten! Kaum seht ihr, daß die alte gnädige Frau nicht im Hause ist, bekommt ihr kein ruhiges Wort mehr über die Lippen!“ Tjing-wën aber sagte: „Das liegt nur an Fang-guan, die unverschämt ist und sich wer weiß wie aufführt. Da kann sie nun ein paar Opern singen, aber sie benimmt sich, als hätte sie zumindest einen Räuberhauptmann getötet oder einen Aufrührer gefangen!“ „Eine Hand allein kann nicht klatschen“, entgegnete Hsi-jën. „Die Alte ist ungerecht, und die Kleine ist boshaft.“ „Fang-guan kann man keinen Vorwurf machen“, mischte Bau-yü sich ein. „Von alters her heißt es ‚Gegen Ungerechtigkeit erhebt ein jedes seine Stimme.‘ Sie lebt hier ohne Verwandte und Angehörige, niemand kümmert sich um sie, und dann wird ihr nicht nur ihr Geld vorenthalten, sie wird auch noch schlecht behandelt. Was gibt es da noch zu wundern?!“ Dann wandte er sich an Hsi-jën und fragte: „Wieviel Geld bekommt sie im Monat? Ist es nicht das beste, wenn in Zukunft du ihr Geld bekommst und dich um sie kümmerst? Das würde die Sache einfacher machen.“ „Natürlich kann ich mich um sie kümmern“, stimmte Hsi-jën ihm zu. „Aber wenn ich mich erst um sie kümmere, wenn ich ihre paar Kröten bekomme, gebe ich den Leuten nur einen Grund, die Zunge zu wetzen.“ Mit diesen Worten stand sie auf, ging in das andere Zimmer und holte von dort eine Flasche parfümiertes Öl, außerdem Hühnereier, Duftseife und Haarbänder. Dann befahl sie einer der alten Sklavinnen, alles Fang-guan zu bringen und ihr zu sagen, sie solle sich frisches Wasser geben lassen und sich die Haare allein waschen, anstatt zu zanken. Das aber beschämte und erzürnte Fang-guans Pflegemutter erst recht. Sie behauptete, Fang-guan habe kein Herz im Leibe, und schrie sie an: „Du behauptest also, daß ich mir dein Geld einstecke?“ Dann versetzte sie ihr ein paar Püffe, und Fang-guan begann zu heulen. Nun wollte Bau-yü hinausgehen, aber Hsi-jën redete ihm rasch begütigend zu und sagte: „Was soll das? Ich gehe und sage ihr einiges.“ Doch schon war ihr Tjing-wën zuvorgekommen. Sie wies mit der Hand auf Fang-guans Pflegemutter und sagte: „Du bist aber auch zu unverschämt, alte Frau! Du gibst ihr nicht, was sie zur Haarwäsche braucht, und wenn wir es ihr geben, hast du noch die Stirn, sie zu schlagen, anstatt dich zu schämen. Hättest du das wohl auch gewagt, wenn sie noch Schauspielunterricht hätte?“ „Wer mich einen Tag Mutter nennt, bleibt sein Leben lang mein Kind“, erwiderte die Alte, „und wenn sie mir frech kommt, dann kriegt sie Schläge.“ Nun rief Hsi-jën drüben Schë-yüä zu sich und sagte: „Ich habe nicht das Zeug, mich mit den Leuten herumzustreiten, und Tjing-wën ist zu heißblütig, also geh du schnell hin und setz die Alte ein bißchen unter Druck!“ Sofort eilte Schë-yüä hinüber und sagte: „Schrei hier nicht! Ich frage dich: Wo hast du hier im ganzen Garten, nicht nur bei uns, je gesehen, daß jemand in den Räumen der Herrschaft seiner Tochter eine Belehrung erteilt? Selbst wenn es deine leibliche Tochter wäre, sobald sie einem Raum zugeteilt ist und eine Herrschaft hat, ist die Herrschaft dafür da, sie zu schlagen und zu schelten, und in zweiter Linie tun dies die älteren Mägde. Wer würde wohl den Eltern erlauben, sich da einzumischen und sich um jede Kleinigkeit zu kümmern?! Wenn das alle so machen wollten, wie sollten denn da die Mädchen etwas lernen von uns? Je älter du wirst, desto mehr vergißt du wohl die Anstandsregeln. Neulich hast du gesehen, wie Dschuee-örls Mutter gezankt hat, und jetzt mußt du das nachmachen, wie? Nur keine Sorge! Nur weil die ganze Zeit über mal die krank war und mal der und weil die alte gnädige Frau keine Zeit hatte, habe ich das noch nicht gemeldet. Wenn in ein paar Tagen die sorglose Zeit ihr Ende hat, werden wir alles melden, und wenn dann alle ihre kalte Dusche weghaben, wird es wohl besser werden. Eben erst fühlt sich Bau-yü ein wenig wohler, und nicht einmal wir wagen es, laut zu sprechen, du aber schlägst das Kind, daß es heult wie ein Wolf und brüllt wie ein Teufel. Sobald die oben für einige Zeit nicht im Hause sind, gelten bei euch weder Recht noch Gesetz, und wir sind in euren Augen einfach nicht da. Noch ein paar Tage, dann werden auch wir von euch Schläge bekommen. Was soll sie mit einer Pflegemutter wie dir? Wird sie ohne dich im Dreck umkommen, oder was?“ Bau-yü trommelte indessen mit seinem Stock auf die Türschwelle und sagte: „Bei diesen alten Weibern ist das Herz aus Eisen und das Innere aus Stein, ein rechtes Wunder ist das. Anstatt für die Kinder zu sorgen, quälen sie sie. Was soll das auf die Dauer noch werden?“ „Was das werden soll?“ fiel Tjing-wën ein. „Rausschmeißen muß man sie alle, diese tauben Nüsse!“ Die Alte wollte vor Scham fast vergehen und brachte kein Wort über die Lippen. Fang-guan aber stand daneben, nur mit einer kurzen dunkelrosa Wattejacke und einer dünn gefütterten Seidenhose mit Streublumenmuster bekleidet, die an den Fußgelenken nicht zugeschnürt war. Ihr glänzend schwarzes Haar hing lose herab, und sie weinte zum Steinerweichen. Lächelnd bemerkte Schë-yüä: „Aus Fräulein Ying-ying ist die geprügelte Hung-niang geworden!0 Nur ungepudert ist sie und schlampig angezogen.“ „Sie sieht gut aus, so wie sie ist, und braucht sich nicht zurechtzuma­chen“, widersprach Bau-yü. Nun trat Tjing-wën zu ihr heran, zog sie mit sich, wusch ihr das Haar und drückte mit einem Handtuch das Wasser aus. Dann schlang sie ihr das Haar zu einem losen Knoten zusammen und befahl ihr, sie solle sich wieder anziehen und dann hinüberkommen. Inzwischen erschien eine Sklavenfrau von der Gartenküche und meldete: „Das Abendessen ist fertig. Soll es gebracht werden?“ Eines der kleineren Sklavenmädchen ging hinein, um Hsi-jën danach zu fragen, die darauf lächelnd erwiderte: „Über dem Krach eben habe ich gar nicht darauf geachtet, wie oft die Uhr geschlagen hat.“ „Mit dem Ding ist wieder mal was“, warf Tjing-wën ein, „sie muß erst in Ordnung gebracht werden.“ Sie holte ihre Taschenuhr hervor und schaute nach der Zeit, dann sagte sie: „So lange noch, wie man für eine halbe Schale Tee braucht, dann ist es recht.“ Das kleine Sklavenmädchen ging wieder hinaus, Schë-yüä aber sagte lächelnd: „Fang-guan war doch ungezogen und hat Schläge verdient. Gestern hat sie wer weiß wie lange an dem Pendel gespielt und die Uhr kaputt gemacht.“ Während sie das sagte, hatte sie den Tisch gedeckt, und wenig später brachten die kleineren Sklavenmädchen die Speiseschachteln herein und nahmen damit Aufstellung. Tjing-wën und Schë-yüä entfernten die Deckel von den Schachteln und stellten fest, daß es wieder nur viererlei eingemachtes Gemüse war. Lächelnd beklagte sich Tjing-wën: „Wo er doch wieder gesund ist, könnten sie auch ein paar leichte Fleischgerichte für ihn schicken. Wie lange soll das noch weitergehen mit Reissuppe und Salzgemüse?“ Als sie die Schüsseln auf den Tisch stellte, entdeckte sie, daß auch eine Schale mit Suppe aus Schinken und frischen Bambussprossen in einer der Schachteln war. Rasch stellte sie Bau-yü die Suppe hin, und er schlürfte davon, ohne die Schale hochzuheben. „Ist das heiß!“ sagte er. „Warum bist du auch so gierig, kaum daß du ein paar Tage fleischlose Kost essen mußtest?!“ sagte Hsi-jën lächelnd. Dann nahm sie die Schale rasch hoch und blies vorsichtig auf die Suppe.-wën: „Wo er doch wieder gesund ist, könnten sie auch ein paar leichte Fleischgerichte für ihn schicken. Wie lange soll das noch weitergehen mit Reissuppe und Salzgemüse?“ Als sie die Schüsseln auf den Tisch stellte, entdeckte sie, daß auch eine Schale mit Suppe aus Schinken und frischen Bambussprossen in einer der Schachteln war. Rasch stellte sie Bau-yü die Suppe hin, und er schlürfte davon, ohne die Schale hochzuheben. „Ist das heiß!“ sagte er. „Warum bist du auch so gierig, kaum daß du ein paar Tage fleischlose Kost essen mußtest?!“ sagte Hsi-jën lächelnd. Dann nahm sie die Schale rasch hoch und blies vorsichtig auf die Suppe. Als ihr Blick dabei auf Fang-guan fiel, die an der Seite stand, reichte sie ihr die Schale und forderte sie lächelnd auf: „Hier, du kannst auch ein bißchen aufwarten lernen, anstatt immer nur Maulaffen feilzuhalten! Aber blas vorsichtig, damit du nicht hineinspuckst!“ Fang-guan tat, wie ihr geheißen war, und blies mehrmals auf die Suppe, ganz wie es sich gehört. Ihre Pflegemutter aber hatte sich rasch der Reisschüssel bemächtigt und wartete damit vor der Tür. Diese Frau war seinerzeit Fang-guans Pflegemutter geworden, gleich nachdem Fang-guan mit den anderen Mädchen zusammen hierher gekommen war, und war dann mit in den Birnendufthof gezogen. Ursprünglich aber war sie nur ein drittklassiges Geschöpf aus dem Jung-guo-Anwesen, das hier lediglich Wäsche hatte waschen dürfen, ohne jemals in den inneren Teil des Anwesens zu kommen. Darum kannte sie auch nicht die Anstandsregeln, die hier galten. Jetzt aber hatte sie das Glück gehabt, mit Fang-guan zusammen in den Garten zu kommen und hier einem Haus zugeteilt zu werden. Erst auf Schë-yüäs Vorhaltungen hin war ihr einiges klar geworden, und nun hatte sie Angst, sie würde mancherlei einbüßen, wenn Fang-guan sich von ihr lossagte, darum hatte sie nur den einen Wunsch, die anderen umzustimmen. Als sie sah, wie Fang-guan die Suppe blies, stürzte sie ins Zimmer und sagte lächelnd: „Sie ist nicht geübt darin und wird noch die Schale zerschlagen. Laßt mich das machen!“ Und während sie das sagte, nahm sie auch schon Fang-guan die Suppenschale ab. „Raus!“ schrie Tjing-wën sie an. „Auch wenn sie die Schale zerschlägt, hast du hier nichts zu blasen. Was suchst du hier drinnen? Raus mit dir!“ Dann beschimpfte sie die kleineren Sklavenmädchen: „Seid ihr noch bei Trost? Wenn sie das nicht wußte, hättet ihr es ihr sagen müssen!“ „Wir haben sie weggeschickt, aber sie ist nicht gegangen“, verteidigten sich die kleineren Sklavenmädchen. „Und als wir es ihr gesagt haben, wollte sie uns nicht glauben. Dafür werden wir jetzt mit hineingezogen. – Glaubst du uns nun endlich, daß die Räume, zu denen wir Zutritt haben, dir nur zur Hälfte offen stehen, während die andere Hälfte für dich gesperrt ist? Aber nicht genug damit, daß du einen Raum betrittst, den nicht einmal wir betreten dürfen, setzt du dort auch noch Hände und Mund in Bewegung!“ Mit diesen Worten schoben sie sie hinaus. Draußen empfingen sie die alten Sklavinnen, die unten an der Treppe auf die leeren Speiseschachteln und das Geschirr warteten, lächelnd mit der Frage: „Konntest du nicht in einen Spiegel sehen, ehe du dort hineingehst, Schwägerin?“ Beschämt und wütend zugleich mußte es die Alte erdulden. Nachdem Fang-guan noch ein paarmal geblasen hatte, sagte Bau-yü lächelnd: „Das wird genug sein. Paß auf, daß du nicht außer Atem kommst! Koste mal, ob es jetzt gut ist!“ Fang-guan hielt dies für einen Scherz und schaute ungläubig lächelnd nach Hsi-jën und den anderen. Hsi-jën aber sagte: „So koste doch! Was hindert dich?“ „Schau, wie ich koste!“ sagte Tjing-wën lächelnd und nahm einen Schluck. Nun kostete auch Fang-guan und bestätigte: „Jetzt ist es gut.“ Und sie reichte Bau-yü die Schale. Bau-yü trank die Suppe zur Hälfte aus, dann nahm er noch ein paar Scheiben Bambussprosse und eine halbe Schale nüchterne Reissuppe zu sich, und damit hatte er genug. Die Mädchen räumten den Tisch ab und schafften alles hinaus. Nachdem die kleineren Sklavenmädchen die Waschschüssel gebracht hatten und Bau-yü sich den Mund gespült und die Hände gewaschen hatte, ging Hsi-jën mit den anderen hinaus, um zu essen. Bau-yü gab Fang-guan einen Wink mit den Augen, und Fang-guan, die von Natur aus ein aufgewecktes Ding war und obendrein ein paar Jahre die Schauspielerei gelernt hatte, so daß sie alles verstand, gab vor, sie habe Kopfschmerzen und wolle nichts essen. „Wenn du nichts ißt, bleibst du zur Gesellschaft hier im Zimmer!“ wies Hsi-jën sie an. „Ich lasse dir die Reissuppe hier, die kannst du essen, wenn du nachher doch Hunger hast.“ Damit gingen sie alle hinaus, und Bau-yü blieb mit Fang-guan allein zurück. Nun erzählte er ihr in allen Einzelheiten, wie er erst den Feuerschein gesehen hatte und dann Ou-guan, wie er gelogen hatte, um sie zu decken, und wie sie ihn geheißen hatte, sich bei ihr, Fang-guan, zu erkundigen. Dann fragte er: „Wem hat sie das Opfer gebracht?“ Fang-guan hatte bei seiner Erzählung erst über das ganze Gesicht gelächelt, jetzt aber seufzte sie und sagte: „Die Sache ist lächerlich und traurig zugleich.“ „Wieso?“ fragte Bau-yü sofort. Lächelnd fuhr Fang-guan fort: „Wem sie das Opfer gebracht hat, willst du wissen? Der verstorbenen Di-guan.“ „Wenn sie mit ihr befreundet war, muß sie ihr auch Opfer bringen“, sagte Bau-yü. „Was heißt befreundet?“ fragte Fang-guan. „Sie ist ein törichtes Ding. Weil sie selbst die jungen Männer gespielt hat und Di-guan die jungen Mädchen, mußten sie oft als Mann und Frau auftreten. Das war nur Spiel, aber sie waren dabei immer so voller Liebe und Fürsorge füreinander, daß es ihnen schließlich zu Kopf gestiegen ist. Nun waren sie bei allem unzertrennlich, auch wenn sie nicht auf der Bühne standen. Als Di-guan starb, hat Ou-guan sich fast zu Tode geweint. Bis heute hat sie sie nicht vergessen und verbrennt zu jedem Festtag Opferpapier. Als dann Juee-guan die Stelle von Di-guan einnahm, und wir sahen, daß Ou-guan zu ihr genauso lieb und zärtlich war, haben wir sie gefragt, ob sie ihre alte Liebe über der neuen vergessen habe. Aber sie hat gesagt, sie handle nach einem gewichtigen Grundsatz. Auch wenn einem Mann die Frau sterbe, heirate er erneut, und das müsse auch sein. Wenn er nur die Tote nicht vergesse, seien seine Gefühle tief und seine Gedanken ernst. Wenn er um der Toten willen bis ans Ende seiner Tage allein bleibe, verstoße er gegen ein wichtiges Prinzip und tue Unrecht, wodurch auch die Tote nicht in Frieden ruhen würde. – Sag selbst, ist das nicht verrückt? Und ist es vielleicht nicht zum Lachen?“ Aber die Verrücktheit, von der sie berichtet hatte, paßte so ganz zu Bau-yüs eigener Verrücktheit. Ungewollt überkamen ihn Freude und Schmerz, und er empfand die Sache als etwas ganz Einzigartiges. „Warum mußte ich bärtiger Dummkopf die Welt beschmutzen, wenn der Himmel solche Menschen hervorzubringen vermag?“ fragte er. Dann faßte er Fang-guan beim Ärmel und sagte: „Wenn das so ist, habe ich ihr auch etwas zu sagen. Aber es wäre nicht das Richtige, ihr das von Angesicht zu Angesicht zu sagen, darum mußt du es ihr ausrichten.“ „Was ist es?“ wollte Fang-guan wissen. „Sie soll in Zukunft auf keinen Fall mehr Opfergeld verbrennen“, sagte Bau-yü. „Dieses Opfergeld ist eine späte Verirrung und kein Vermächtnis des Konfuzius. In Zukunft soll sie zu den entsprechenden Tagen einfach ein Räuchergefäß aufstellen und dann beliebigen Weihrauch darin verbrennen. Wenn sie das reinen Herzens und ergebenen Sinnes tut, verfehlt es nicht seinen Zweck. Die dummen Menschen wissen das nicht und müssen unbedingt den Geistern, den Buddhas und den Toten verschiedene Opfer bringen, jedem nach seinem Rang. Dabei ist das einzig Wichtige daran das aufrichtige Herz. Wenn man bedrängt und in Eile ist und hat nicht einmal Weihrauch zur Hand, dann können auch Erde und Gras als Opfergaben dienen, wenn sie nur sauber sind. Nicht nur die Toten nehmen diese Gaben an, Götter und Geister tun es ebenso. Siehst du das Räuchergefäß auf dem Tisch? Darin brenne ich Weihrauch ab, ohne mich an die Festtage zu halten. Die anderen wissen nicht, warum ich das tue, in meinem Herzen aber folge ich stets einem Grund. Wenn ich frischen Tee habe, stelle ich ein Schälchen voll dazu, sonst auch frisches Wasser, frische Blumen oder frisches Obst, sogar Suppe und Fleisch. Wenn nur das Herz dabei aufrichtig ist und der Sinn ergeben, wird selbst Buddha das Opfer nicht verschmähen. Darum sagt man ‚Auf die Ergebenheit kommt es an, nicht auf leere Worte.‘ Und so richte ihr aus, sie soll in Zukunft keine Papieropfer mehr bringen!“ Fang-guan versprach es ihm, und bald nachdem sie dann gegessen hatte, wurde gemeldet: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind zurück.“