Hongloumeng/de/Chapter 59

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Kapitel 59

柳叶渚边嗔莺叱燕

绛芸轩里召将飞符

Bau-yü zog sich noch etwas an und ging, auf seinen Stock gestützt, hinüber, um seine Grüße zu entbieten. Weil sich aber die Herzoginmutter und alle anderen Tag für Tag hatten anstrengen müssen, wollten sie sich früh schlafen legen, und so ist über die Nacht nichts zu berichten. Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache begaben sich alle wieder zu Hofe. Da der Tag der Sargüberführung nicht mehr fern war, waren Yüan-yang, Hu-po, Fee-tsuee und Bo-li emsig damit beschäftigt, die Sachen der Herzoginmutter zusammenzupacken. Yü-tschuan, Tsai-yün und Tsai-hsia packten die Sachen für Dame Wang. Stück für Stück wurde den mitreisenden Sklavinnen alles vorgezählt. Mitfahren sollten sechs größere und kleinere Sklavenmädchen sowie zehn Sklavenfrauen, die männlichen Sklaven zählten extra. Tagelang wurden die Maultiersänften und alle Gerätschaften instand gesetzt. Yüan-yang und Yü-tschuan selbst gehörten nicht zur Begleitung, sie sollten vielmehr zu Hause die Räume hüten. Einige Tage im voraus mußten vier, fünf Sklavinnen und eine Anzahl von Sklaven in mehreren Wagen Bettzeug und Vorhänge auf Umwegen an die Absteigeorte bringen, um dort alles einzurichten und dann zu warten. Als der Tag der Abreise gekommen war, nahm die Herzoginmutter mit Djia Jungs Frau zusammen in einer Maultiersänfte Platz und Dame Wang in einer zweiten. Djia Dschën ritt zu Pferde an der Spitze der Sklavenschar, die sie zum Schutz umgab. In mehreren großen Wagen folgten die Sklavenfrauen und -mädchen mit den Kleiderbündeln und anderen Dingen. Mit Tante Hsüä und Frau You an der Spitze gab die Familie den Abreisenden das Geleit bis vor das Außentor. Auch Djia Liän wollte, daß es die Herzoginmutter unterwegs möglichst bequem hatte, darum stieg er aufs Pferd, sobald er seine Eltern verabschiedet hatte, und begab sich hinter die Sänften mit der Herzoginmutter und Dame Wang an die Spitze des Gefolges. Im Jung-guo-Anwesen setzte Lai Da zusätzliche Nachtwächter ein und ließ die Zugänge der beiden großen Gehöfte verschließen, so daß jedermann durch das kleine westliche Seitentor gehen mußte. Bei Sonnenuntergang wurde auch das Zeremonialtor geschlossen, und niemand durfte mehr passieren. Auch im Garten wurden das vordere und das hintere Tor sowie das östliche und das westliche Nebentor verschlossen. Offen blieb nur das Tor hinter der Haupthalle von Dame Wang, das von den Mädchen des Hauses ständig benutzt wurde, sowie das Nebentor im Osten, das zu den Räumen von Tante Hsüä führte. Diese Tore gehörten zum inneren Hof, und so brauchten sie nicht verschlossen zu werden. Drinnen im inneren Bereich schlossen Yüan-yang und Yü-tschuan die Türen der Haupträume ab und schliefen bei den anderen Sklavenmädchen und -frauen in den Gesindestuben. Außerdem kam jeden Abend Lin Dschï-hsiaus Frau mit zehn weiteren Sklavinnen, um Nachtwache zu halten, und in den Durchgangshallen saßen zahlreiche zusätzliche Sklavenjungen mit Holzklappern. So war alles bestens eingeteilt. Eines Morgens war Bau-tschai zeitig aus ihrem Frühlingsschlummer erwacht, und verspürte, als sie die Vorhänge zurückschob und vom Bett aufstand, eine leichte Kühle. Sie öffnete die Tür, um hinauszuschauen, und fand den Boden feucht und das Moos dunkel, denn in der fünften Nachtwache hatte es ein wenig geregnet. Nun rief sie Hsiang-yün und die anderen wach. Als sie beim Frisieren und Waschen waren, klagte Hsiang-yün über ein Jucken in den Wangen und meinte, sie müsse wohl wieder die Aprikosenflechte haben. Deshalb bat sie Bau-tschai um etwas Rosensalpeter. „Was von neulich noch übrig war, habe ich Kusine Bau-tjin gegeben“, sagte Bau-tschai. „Aber Dai-yü hat sich viel davon zubereiten lassen. Ich hatte sie schon darum bitten wollen, doch dann vergaß ich es wieder, weil es mich in diesem Jahr nicht juckt.“ Und sie befahl Ying-örl, sie solle gehen und etwas holen. Ying-örl sagte: „Jawohl!“ und wollte eben losgehen, als Juee-guan erklärte: „Ich gehe mit und schaue nach Ou-guan.“ Und damit verließ sie mit Ying-örl zusammen den Haselwurzpark. In ein fröhliches Zwiegespräch vertieft, gelangten sie zum Inselchen der Seekannenblätter und folgten dem Weidendamm. Hier zeigten die Weidenzweige erst ein zartes Grün und hingen wie goldene Schnüre herab. Lächelnd erkundigte sich Ying-örl: „Verstehst du dich auf Flechtarbeiten aus Weidengerten?“ „Was kann man denn daraus flechten?“ wollte Juee-guan wissen. „Alles mögliche“, erwiderte Ying-örl, „zum Spielen und auch zum Gebrauch. Warte, ich will ein paar Gerten abbrechen und ein Blumenkörbchen daraus flechten, das füllen wir dann mit den verschiedensten Blüten. Mit den Blättchen zusammen sieht das sehr schön aus.“ Und anstatt nach dem Salpeterpuder zu gehen, streckte sie die Arme nach den grüngoldenen Zweigen aus und brach davon, soviel sie brauchte. Dann gab sie die Zweige Juee-guan zu tragen und begann im Weitergehen zu flechten. Wo sie unterwegs Blüten sahen, pflückten sie eine oder zwei, und zwischen den grünen Blättchen, von denen die Zweige voll saßen, sah das zierlich und originell aus. „Schenk es mir!“ bat Juee-guan entzückt. „Nein“, sagte Ying-örl, „das hier bekommt Fräulein Lin. Aber auf dem Rückweg brechen wir mehr Zweige und flechten noch ein paar Körbchen.“ Bei diesen Worten waren sie in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß angelangt, wo Dai-yü eben bei der Morgentoilette saß. Als sie das Mitbringsel sah, fragte sie lächelnd: „Wer hat das hübsche Körbchen geflochten?“ „Ich“, sagte Ying-örl, „ich möchte es Euch schenken, Fräulein.“ Dai-yü nahm das Körbchen in die Hand und bemerkte lächelnd: „Kein Wunder, daß man sagt, du hättest geschickte Hände! Das ist einmal etwas Besonderes.“ Und nachdem sie das Körbchen angesehen hatte, befahl sie Dsï-djüan, sie solle es aufhängen. Erst nachdem sich Ying-örl auch nach Tante Hsüä erkundigt hatte, bat sie Dai-yü um den Salpeterpuder. Sofort erhielt Dsï-djüan den Befehl, ein Päckchen davon einzuwickeln und Ying-örl zu geben, dann sagte Dai-yü: „Ich fühle mich wieder wohl und will heute spazierengehen. Sag also deinem Fräulein, sie brauche nicht herüberzukommen, um ihre Mutter zu begrüßen, und solle sich auch nicht die Mühe machen, nach mir zu sehen. Sobald ich frisiert bin, komme ich mit ihrer Mutter zu euch hinüber, und auch das Essen lassen wir uns zu euch bringen. Wenn wir alle zusammen sind, wird es lustiger!“ Ying-örl bestätigte den Auftrag und ging hinaus, um in Dsï-djüans Zimmer nach Juee-guan zu sehen. Aber Ou-guan und Juee-guan waren eben so in ihr Gespräch vertieft, daß sie sich nicht voneinander trennen mochten. Also schlug Ying-örl ihnen vor: „Das Fräulein kommt auch zu uns hinüber, da kann doch Ou-guan mit uns vorgehen und bei uns auf sie warten!“ „Das wäre gut, so ungezogen, wie sie ist!“ lobte Dsï-djüan den Vorschlag. Dann wickelte sie Dai-yüs Löffel und Eßstäbchen in ein europäisches Leinentuch und reichte Ou-guan das Päckchen mit den Worten: „Nimm das mit hinüber, damit du auch einen Auftrag hast!“ Freudestrahlend nahm Ou-guan das Päckchen entgegen und folgte den beiden hinaus. Als sie den Weidendamm entlanggingen, brach Ying-örl wieder Zweige von den Bäumen, dann nahm sie ungeniert auf einem Felsbrocken Platz und begann zu flechten, Juee-guan aber befahl sie, zuerst den Salpeterpuder abliefern zu gehen und dann wiederzukommen. Doch die

Ying-örl. Aus: Gai Qi 1879. beiden waren so begierig, ihr beim Flechten zuzusehen, daß sie erst drohen mußte: „Wenn du nicht gehst, höre ich auf!“ Da erbot sich Ou-guan: „Ich gehe mit dir, und dann kommen wir schnell zurück!“ Als die beiden fort waren, erschien Tschun-yän, die Tochter der Sklavenfrau Hë, und fragte lächelnd: „Was flichtst du da, Schwester?“ Kaum hatte sie das gesagt, waren Juee-guan und Ou-guan wieder da, und nun erkundigte sich Tschun-yän bei Ou-guan: „Was für Papier hast du da neulich verbrannt, als meine Tante mütterlicherseits dazukam und dich melden wollte und es nur deshalb nicht tat, weil Bau-yü ihr einen Haufen Vorwürfe machte? Sie war so in Wut, daß sie meiner Mutter alles haarklein erzählte. Was hat sich in den zwei, drei Jahren, die du drüben warst, für ein Haß zwischen euch angestaut, daß ihr immer noch nicht darüber hinwegkommt?“ „Wieso Haß?“ fragte Ou-guan mit verächtlichem Lächeln. „Unersätt­lich sind die, aber uns machen sie Vorwürfe. Von allem andern ganz zu schwei­gen, was haben sie sich in diesen Jahren allein von unserm Essen eingesteckt! Was sie mit der Familie nicht schaffen konnten, haben sie Tag für Tag nach links und rechts verkauft. Aber wenn wir mal einen Auftrag für sie hatten, stöhnten und klagten sie. Sag selbst, kann man das gütig nennen?“ „Sie ist meine Tante, und ich kann schlecht vor andern über sie reden“, sagte Tschun-yän lächelnd. „Aber es ist kein Wunder, wenn Bau-yü sagt: ‚Ein unverheiratetes Mädchen ist eine unschätzbare Perle, aber wenn sie dann verheiratet ist, nimmt sie, ehe man sich‘s versieht, viele häßliche Fehler an und wird zu einer glanzlosen blinden Perle. Noch später aber, wenn sie älter wird, ist sie gar keine Perle mehr, sondern nur noch ein Fischauge. Wie kann sich ein und derselbe Mensch so verwandeln!‘ Das ist zwar Unsinn, aber es ist etwas Wahres daran. Von andern kann ich nichts sagen, aber meine Mutter und meine Tante hängen immer stärker am Geld, je älter sie werden. Solange sie beide noch zu Hause saßen, klagten sie, sie hätten keinen Posten und keine Verdienstmög­lich­keit. Als dann der Garten da war und ich hier aufgenommen und ausgerechnet dem Hof der Freude am Roten zugeteilt wurde, da sparten sie zu Hause nicht nur meinen Unterhalt ein, sondern hatten jeden Monat sogar noch einen Gewinn von vier-, fünfhundert Bronzemünzen. Aber das war ihnen immer noch nicht genug. Später wurden meine Mutter und meine Tante in den Birnendufthof geschickt, um dort nach dem Rechten zu sehen, Ou-guan erkannte meine Tante als Pflegemutter an und Fang-guan meine Mutter. In den nächsten Jahren hatten wir dann wirklich reichlich. Jetzt sind die Mädchen in den Garten gekommen, und sie müßten die Finger von ihnen lassen, aber sie geben noch immer keine Ruhe. Ist das nicht zum Lachen? Erst hat meine Tante mit Ou-guan gezankt und dann meine Mutter wegen des Haarewaschens mit Fang-guan. Nicht einmal den Kopf sollte sie sich waschen dürfen! Als es das Monatsgeld gab, konnte sie es ihr nicht länger verweigern und hat gekauft, was notwendig ist. Dann hat sie befohlen, zuerst solle ich mir das Haar waschen. Aber ich sagte mir, ich habe doch mein eigenes Geld, und auch wenn ich es nicht hätte, brauchte ich nur Hsi-jën, Tjing-wën oder Schë-yüä etwas zu sagen, wenn ich mir den Kopf waschen wollte. Warum also sollte ich es auf ihre Kosten tun? Das ist doch Unsinn. Also habe ich mir das Haar nicht gewaschen, und meine Mutter hat meiner kleinen Schwester Hsiau-djiu befohlen, sie solle sich das Haar zuerst waschen und Fang-guan erst danach. So ist es dann zum Streit gekommen. Anschließend wollte sie für Bau-yü die Suppe blasen. Sag selbst, ist das nicht lächerlich? Als sie hier in den Garten kam, habe ich ihr gesagt, welche Regeln hier gelten, aber sie wollte alles besser wissen, und nun hat sie sich Ärger eingehandelt. Ein Glück nur, daß so viele Leute hier im Garten sind, daß sich niemand genau merken kann, wer mit wem verwandt ist! Was würde daraus werden, wenn alle wüßten, daß nur meine Familie so zänkisch ist?! Jetzt bist wieder du hierher gelaufen und machst solche Sachen. Aber hier hat meine Tante väterlicherseits die Aufsicht. Sie geht strenger damit um als mit einem Familienerbgut. Nicht nur, daß sie jeden Tag früh aufsteht und spät schlafengeht, weil sie sich so damit abmüht, sie zwingt auch uns noch, hier aufzupassen, weil sie fürchtet, jemand könnte etwas verderben. Dabei habe ich Angst, ich könnte meinen Dienst darüber versäumen. Meine Tante und meine Mutter bewachen alles aufs sorgsamste, damit niemand auch nur einen Grashalm anrührt, du aber pflückst Blumen und brichst Zweige ab. Wenn sie jetzt kommen, kannst du dich darauf gefaßt machen, daß sie böse werden.“ „Andere dürfen auch nicht einfach etwas abreißen, aber ich darf“, erwiderte Ying-örl darauf. „Seitdem die Gartenflächen vergeben sind, bekommt jedes Haus seine täglichen Zuteilungen. Von Eßbarem ganz abgesehen, haben auch die Frauen, die für die verschiedenen Blumen zu sorgen haben, jeden Tag von allen Sorten zu schicken, was die Fräulein und ihre Mägde im Haar tragen, und außerdem etwas für die Vasen. Nur unser Fräulein hat gesagt, ihr brauche man nichts zu schicken, wenn sie etwas haben wolle, lasse sie Bescheid sagen. Aber sie hat kein einziges Mal etwas verlangt. Da kann wohl schlecht jemand etwas dagegen einwenden, wenn ich mir heute etwas pflücke.“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als Tschun-yäns Tante, auf ihren Stock gestützt, herankam. Sofort baten Ying-örl und Tschun-yän, sie solle Platz nehmen. Die Alte sah, wie viele Weidengerten Ying-örl abgebrochen und wie viele Blumen Ou-guan gepflückt hatte, und war sehr unzufrieden, aber da sie Ying-örl flechten sah, konnte sie schlecht etwas dagegen sagen. Deshalb wandte sie sich an Tschun-yän und warf ihr vor: „Wenn ich dir sage, du sollst hier ein bißchen aufpassen, spielst du statt dessen. Und wenn du gerufen wirst, sagst du, du hättest von mir einen Auftrag. So versteckst du dich hinter mir und denkst nur an dein Vergnügen!“ „Und du gibst mir Aufträge und hast doch Angst deswegen, jetzt aber machst du mir Vorwürfe“, gab Tschun-yän zurück. „Kann ich mich vielleicht zerreißen?“ „Glaubt ihr nicht!“ sagte Ying-örl lächelnd. „Sie hat das alles abgerissen und hat verlangt, daß ich etwas flechte. Als ich sie wegschickte, ist sie nicht gegangen.“ „Laß diese Späße!“ verlangte Tschun-yän. „Für dich ist das Spaß, aber die Alte glaubt es.“ Die Frau, die ohnehin stets einen törichten Sinn gehabt hatte, kannte, seitdem ihr Verstand vom Alter getrübt war, nur noch ihren Gewinn, und jedes verwandtschaftliche Gefühl war ihr fremd. Als sie in ihrem hilflosen Zorn hörte, was Ying-örl behauptete, machte sie sofort vom Recht der Älteren Gebrauch, hob ihren Stock und schlug Tschun-yän ein paarmal damit. Dazu schimpfte sie: „Du kleines Spitzbein! Mußt du noch widersprechen, wenn ich etwas sage? Deiner Mutter jucken vor Wut schon die Zähne. Am liebsten möchte sie dir das Fleisch vom Leibe reißen, um es zu essen, du aber wirst hier noch laut vor mir!“ Erregt und beschämt heulte Tschun-yän: „Schwester Ying-örl hat nur einen Scherz gemacht, aber du nimmst es ernst und schlägst mich. Warum soll meine Mutter wütend auf mich sein? Habe ich vielleicht das Waschwasser anbrennen lassen?“ Ying-örl hatte sich wirklich nur einen Scherz erlauben wollen. Als sie jetzt sah, daß die Alte ihn ernst nahm und wütend wurde, trat sie schnell näher zu ihr, hielt ihren Arm fest und sagte lächelnd: „Ich habe doch eben nur Spaß gemacht. Ihr beschämt auch mich, wenn Ihr sie schlagt.“ „Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten, Mädchen!“ sagte die Alte. „Darf ich vielleicht meine Nichte nicht erziehen, nur weil du dabei bist?“ Als Ying-örl diese unvernünftigen Worte hörte, wurde sie rot vor Zorn, ließ die Alte los und sagte mit kühlem Lächeln: „Ihr könnt sie doch erziehen, wann immer Ihr wollt. Warum müßt Ihr es ausgerechnet jetzt tun, nachdem ich einen Scherz gemacht habe? Aber erzieht sie nur!“ Mit diesen Worten setzte sie sich hin und flocht weiter an ihrem Körbchen. Da erschien auch Frau Hë und rief Tschun-yän an: „Willst du nicht Wasser schöpfen? Was machst du denn da?“ Doch an Tschun-yäns Statt sagte die Alte: „Komm her und sieh sie dir an, deine Tochter! Nicht einmal vor mir hat sie Respekt und macht mir hier Vorwürfe.“ „Was ist denn wieder einmal, Schwägerin?“ fragte Frau Hë, um dann, an Tschun-yän gewandt, fortzufahren: „Wenn schon deine Mutter nichts gilt in deinen Augen, solltest du wenigstens deine Tante achten.“ Ying-örl wollte Frau Hë alles erklären, aber die Alte ließ sie nicht zu Wort kommen. Sie wies auf die Blumen und die Weidenzweige und sagte: „Groß, wie dein Mädel ist, muß sie immer noch spielen. Wenn sie andere hierher bringt, um alles kaputt zu machen, was soll ich dann noch sagen?“ Frau Hë, deren Zorn auf Fang-guan noch nicht verraucht war und die sich ärgerte, daß Tschun-yän ihr nicht gehorchte, trat jetzt näher, gab Tschun-yän eine Ohrfeige und schimpfte: „Du kleines Hurending! Bist ein paar Jahre in feiner Gesellschaft und machst nach, was die liederlichen Weiber tun. Meinst du, ich werde nicht fertig mit euch? Wenn ich auch mit der Pflegetochter nicht fertig werde, aber du bist aus meinem eigenen Bauch geplumpst, glaubst du, da hätte ich Angst, dich zu belehren? Wenn ich auch dort nichts zu suchen habe, wo ihr kleinen Spitzbeine hingehört, so hast du doch dort aufzuwarten und dich nicht hier herumzutreiben!“ Dann griff sie nach den Weidenzweigen, fuchtelte damit vor Tschun-yäns Gesicht herum und fuhr fort: „Was soll das? Ein Dreck ist das, was du da flichtst!“ Sofort unterbrach Ying-örl sie: „Ich habe das geflochten. Zeigt doch nicht auf den Maulbeerbaum, wenn Ihr den Schnurbaum scheltet!“ Frau Hë beneidete die größeren Sklavenmädchen wie Hsi-jën und Tjing-wën zutiefst, weil sie wußte, daß sie mehr Ansehen und Macht besaßen als sie selbst. Wenn sie mit ihnen zusammentraf, war sie ängstlich und unterwürfig, zugleich aber auch wütend und ärgerlich, nur lud sie das stets bei anderen ab. Als sie jetzt Ou-guan erblickte, mit der ihre Schwester verfeindet war, floß all ihr Zorn in eins zusammen. Inzwischen ging Tschun-yän weinend in Richtung des Hofes der Freude am Roten davon, und weil Frau Hë fürchtete, dort könnte man

Aus: Jinyuyuan 1889a. Tschun-yän fragen, warum sie weine, und dann würde sie sagen, daß sie von ihr Schläge bekommen habe, was wieder einmal Tjing-wëns Zorn erwecken würde, rief sie ihr nach: „Komm zurück! Ich habe dir etwas zu sagen.“ Aber Tschun-yän dachte nicht daran zurückzukommen. Also lief Frau Hë hinter ihr her, um sie zu fassen. Als Tschun-yän sich umschaute und dies bemerkte, stürzte sie um so schneller davon. Frau Hë, die nur den einen Gedanken hatte, sie einzuholen, achtete nicht auf den Weg, glitt auf dem feuchten Moos aus und stürzte zu Boden, worüber Ying-örl und die beiden anderen Mädchen sich ausschütten wollten vor Lachen. Dann warf Ying-örl die Blumen und die Weidengerten ärgerlich ins Wasser und ging in ihre Räume hinüber. Die Alte aber blieb blutenden Herzens zurück, rief den Namen Buddhas an und fluchte: „So ein gemeines kleines Spitzbein! Die ganzen Blumen zu verderben! Der Donner soll sie erschlagen!“ Dann machte sie sich daran, andere Blumen zu pflücken, um sie in die einzelnen Häuser zu tragen. Doch genug jetzt von ihr. Als Tschun-yän in den Hof gestürzt kam, traf sie dort auf Hsi-jën, die eben zu Dai-yü gehen wollte. Rasch klammerte sich Tschun-yän an ihr fest und bat: „Rette mich! Meine Mutter schlägt mich wieder einmal!“ Da Frau Hë wirklich herbeigeeilt kam, wurde Hsi-jën zornig und fragte: „Willst du zeigen, wieviel Kinder du hast, indem du gestern deine Pflegetochter schlägst und heute deine leibliche Tochter, oder weißt du tatsächlich nicht, was Recht und Gesetz ist?“ Frau Hë, die in der kurzen Zeit, die sie im Garten war, den Eindruck gewonnen hatte, Hsi-jën rede nicht viel und sei friedfertig, sagte nur: „Ihr wißt nicht, worum es geht, Fräulein, also kümmert Euch nicht um unsere Angelegenheiten. Ihr seid es, von der sie verzogen wird, was wollt Ihr Euch da einmischen?“ Und wieder versuchte sie, Tschun-yän zu fassen, um sie zu schlagen. Wütend wandte Hsi-jën sich ab, um hineinzugehen, da sagte Schë-yüä, die eben unter dem Zierapfelbaum Taschentücher zum Trocknen ausbreitete und den Lärm gehört hatte: „Kümmer dich nicht um sie, Schwester! Wir wollen doch sehen, was sie macht!“ Und sie gab Tschun-yän einen Wink mit den Augen. Tschun-yän verstand, was gemeint war, und flüchtete zu Bau-yü. „Das hat es noch nicht gegeben!“ sagten die Mädchen lachend, Schë-yüä aber riet Frau Hë: „Nun reg dich ein bißchen ab! Das bist du wohl den Anwesenden schuldig, oder nicht?“ Frau Hë mußte sehen, wie Tschun-yän bei Bau-yü Zuflucht suchte. Jetzt griff Bau-yü auch noch nach Tschun-yäns Hand und sagte: „Hab keine Angst, ich bin ja da.“ Immer noch weinend, erzählte Tschun-yän, was passiert war, und erregt sagte Bau-yü zu Frau Hë: „Ist es nicht genug, daß du hier Lärm machst, mußt du auch noch deine eigenen Angehörigen beleidigen?“ Zugleich an Frau Hë und an alle Anwesenden gewandt, sagte Schë-yüä: „Die Frau hat ja recht, wenn sie sagt, wir sollten uns nicht um ihre Angelegenheiten kümmern. Wir haben keine Ahnung und würden alles falsch machen, darum wollen wir jemand kommen lassen, der das Zeug hat, sich darum zu kümmern, und der sie wieder zu Verstand und zum Schweigen bringt und ihr gleichzeitig klarmacht, was sich hier gehört.“ Sie wandte den Kopf nach einem der kleineren Sklavenmädchen und befahl: „Hol Ping-örl her, und wenn sie keine Zeit hat, Lin Dschï-hsiaus Frau!“ Das Mädchen sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus, die alten Sklavenfrauen aber traten zu Frau Hë und rieten ihr lächelnd: „Bitte die Fräulein schnell, das Mädchen zurückzurufen, Schwägerin! Wenn Fräulein Ping-örl kommt, sieht es böse für dich aus.“ „Soll sie doch kommen und Recht sprechen!“ entgegnete Frau Hë. „Das gibt es wohl nirgends, daß eine Mutter ihr Kind nicht erziehen darf und sich statt dessen von den Leuten erziehen lassen muß.“ Lächelnd sagten die alten Sklavenfrauen: „Was glaubst du denn, welches Fräulein Ping-örl gemeint ist? Es ist das Fräulein Ping-örl aus den Räumen der zweiten jungen Herrin. Wenn sie in guter Stimmung ist, bekommst du ein paar Sätze zu hören, aber wenn sie wütend ist, geht es dir dreckig.“ Bei diesen Worten kam das kleine Sklavenmädchen schon zurück und berichtete: „Fräulein Ping-örl hat zu tun. Sie hat mich gefragt, worum es geht, und als ich es ihr erzählt hatte, hat sie gesagt, die Frau solle hinausgeworfen werden, außerdem solle Lin Dschï-hsiaus Frau Bescheid bekommen, damit sie ihr vor dem Seitentor vierzig Stockhiebe geben läßt.“ Frau Hë wollte natürlich den Garten nicht verlassen und flehte Hsi-jën mit tränenüberströmtem Gesicht an: „Mit so viel Mühe bin ich hier hereingekommen! Außerdem bin ich Witwe und habe niemand, der für mich sorgt. Ich diene Euch doch hier ehrlich und ergeben. Ihr habt es gut mit mir, und ich habe etwas zum Leben. Wenn ich jetzt fort muß, muß ich allein für mich sorgen und werde eines Tages nicht wissen, wie ich auskommen soll.“ Hsi-jën war bei diesem Anblick schon längst wieder weich geworden, aber sie sagte: „Hierbleiben willst du, aber dich nicht an die Regeln halten, auf niemand hören und prügeln, wie es dir gefällt. Was sollen wir mit so einem unverständigen Wesen, das jeden Tag zankt? Auslachen wird man uns, und unser Ansehen werden wir verlieren.“ „Hör doch gar nicht auf sie!“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das einzig Richtige ist, sie wegzuschicken. Wer will sich schon immer wieder mit ihr streiten?“ Aber Frau Hë bat weiter: „Ich habe zwar etwas falsch gemacht, aber nun habt Ihr mich belehrt, und in Zukunft werde ich mich bessern. Wollt Ihr nicht eine gute Tat vollbringen, die Euch später einmal angerechnet wird?“ Dann wandte sie sich an Tschun-yän und sagte: „Nur weil ich dich schlagen wollte, muß ich jetzt leiden, noch hatte ich dich nicht geschlagen. Bitte auch du für mich!“ Bau-yü tat Frau Hë inzwischen so leid, daß er nicht anders konnte, als ihr zu erlauben, sie dürfe bleiben. Aber er befahl ihr, sie solle in Zukunft keinen Skandal mehr machen. Frau Hë bedankte sich bei jedem einzeln, dann ging sie hinaus. Nun kam Ping-örl und erkundigte sich noch einmal, was vorgefallen sei, aber rasch sagte Hsi-jën: „Es ist schon erledigt, und wir brauchen nicht noch einmal damit anzufangen.“ „Wo man nachgeben kann, soll man nachgeben, und Ärger soll man nach Möglichkeit vermeiden“, sagte Ping-örl lächelnd. „Kaum ist die Herrschaft ein paar Tage fort, fängt groß und klein an, sich aufzulehnen. Ehe man an der einen Stelle fertig ist, wird man zur nächsten gerufen, so daß man nicht weiß, worum man sich zuerst kümmern soll.“ „Ich dachte, nur hier bei uns hätte sich jemand widersetzt“, sagte Hsi-jën lächelnd, „und nun ist es woanders auch vorgekommen.“ „Was war das schon bei euch“, sagte Ping-örl und lächelte ebenfalls. „Gerade habe ich es mit der jungen gnädigen Frau von drüben zusammengezählt. In diesen drei, vier Tagen hat es schon acht oder neun Zwischenfälle gegeben. Der hier war noch der harmloseste und zählt gar nicht mit. Es hat schlimmere Dinge gegeben, bei denen man nicht wußte, ob man lachen oder weinen soll.“ Hsi-jën fragte, was das gewesen sei, aber wer wissen will, was Ping-örl darauf erwiderte, muß das nächste Kapitel lesen.