Hongloumeng/de/Chapter 60
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Kapitel 60
茉莉粉替去蔷薇硝
玫瑰露引出茯苓霜
Auf die Frage von Hsi-jën, was sie so in Atem gehalten habe, erwiderte Ping-örl lächelnd: „Lauter Dinge, auf die kein Mensch kommen würde und die sich ziemlich lächerlich anhören. In ein paar Tagen werde ich sie dir erzählen. Jetzt ist alles noch zu wirr, außerdem habe ich keine Zeit.“ Kaum hatte sie das gesagt, erschien eines von Li Wans Sklavenmädchen und sagte: „Da ist ja Schwester Ping-örl! Die junge gnädige Frau wartet. Warum kommst du nicht?“ Sofort machte Ping-örl kehrt, ging hinaus und sagte lachend: „Ich komme, ich komme.“ Lächelnd kommentierten Hsi-jën und die anderen: „Seitdem ihre Herrin krank liegt, ist sie begehrt wie ein leckerer Kuchen, den jeder haben möchte und keiner zu fassen bekommt.“ Ping-örl war fort, und damit einstweilen genug von ihr. Bau-yü befahl nun Tschun-yän: „Geh mit deiner Mutter zu Fräulein Bau-tschai hinüber und sag dort Ying-örl ein paar nette Worte. Ihr könnt sie nicht mir nichts, dir nichts beleidigen.“ Tschun-yän sagte: „Jawohl!“ und ging schon mit ihrer Mutter hinaus, als Bau-yü noch durchs Fenster hinzusetzte: „Aber sprecht nicht in Gegenwart von Fräulein Bau-tschai darüber, sonst ist Ying-örl eine Belehrung sicher!“ Mutter und Tochter versprachen es und verließen den Hof. Im Gehen unterhielten sie sich, und Tschun-yän sagte: „Was ich dir immer geraten habe, wolltest du mir nicht glauben. Erst mußtest du dir Ärger einhandeln, ehe du Ruhe gibst.“ „Geh nur, geh, kleines Spitzbein!“ sagte Frau Hë lächelnd. „Durch Schaden wird man klug, sagt das Sprichwort. Nachdem ich es weiß, brauchst du mir keine Vorwürfe mehr zu machen.“ „Mutter, wenn du dich mit deinem Los zufriedengibst und lange genug in diesen Räumen dienst, wirst du viele Vorteile dadurch haben“, versicherte Tschun-yän lächelnd. „Weißt du was? Bau-yü hat schon oft gesagt, er wolle später einmal mit der gnädigen Frau reden, damit alle, die in seinen Räumen sind, freigelassen werden und nach Belieben zu ihren Eltern zurück können, egal ob sie aus dem Hause sind oder von außerhalb. Sag selbst, wäre das nicht schön?“ „Ist das wirklich wahr?“ fragte Frau Hë fröhlich. „Wer würde in so einer Sache lügen?“ fragte Tschun-yän zurück. „Was sollte das?“ Als Frau Hë das hörte, rief sie in einem fort den Namen Buddhas an. Im Haselwurzpark saß Bau-tschai eben mit Dai-yü und Tante Hsüä beim Essen, und Ying-örl war Tee brühen gegangen. Da trat Tschun-yän mit ihrer Mutter vor sie hin und sagte lächelnd: „Meine Mutter war vorhin beleidigend zu dir. Du darfst ihr deswegen nicht böse sein und darfst es ihr nicht verübeln. Wir kommen dich extra um Verzeihung bitten.“ Sofort lud Ying-örl sie lächelnd ein, Platz zu nehmen, und wollte ihnen Tee einschenken. Doch Tschun-yän und ihre Mutter entschuldigten sich, sie hätten zu tun. Als sie sich verabschiedet hatten und sich schon zum Gehen wandten, stürzte plötzlich Juee-guan hinter ihnen her und rief: „Mutter! Schwester! Bleibt einmal stehen!“ Als sie sie eingeholt hatte, reichte sie ihnen ein Päckchen und sagte: „Das ist Rosensalpeter. Nehmt ihn für Fang-guan mit, sie soll sich das Gesicht damit einreiben.“ „So etwas Kleinliches!“ tadelte Tschun-yän lächelnd, „meinst du, drüben bekommt sie so etwas nicht, daß du ihr extra ein Päckchen schicken mußt?“ „Was sie drüben hat, ist von drüben, aber das hier ist ein Geschenk von mir“, beharrte Juee-guan. „Du mußt es unbedingt für sie mitnehmen, liebste Schwester.“ Notgedrungen nahm Tschun-yän das Päckchen an sich. Als sie dann mit ihrer Mutter in den Hof der Freude am Roten zurückkam, waren eben Djia Huan und Djia Dsung gekommen, um Bau-yü einen Besuch abzustatten. „Ich gehe allein hinein“, bestimmte Tschun-yän, „du brauchst nicht mitzukommen.“ Und folgsam verzichtete Frau Hë auf jeden Widerspruch. Als Tschun-yän ins Zimmer trat, wußte Bau-yü, sie wollte ihm Bericht erstatten, und nickte ihr zu. Tschun-yän verstand, was gemeint war, und sagte kein Wort. Nachdem sie ein Weilchen herumgestanden hatte, wandte sie sich um und ging wieder hinaus. Dabei gab sie Fang-guan einen Wink mit den Augen. Fang-guan folgte ihr nach draußen, und leise bestellte ihr Tschun-yän, was Juee-guan gesagt hatte. Dazu gab sie ihr den Salpeterpuder. Bau-yü, der nicht wußte, worüber er mit Djia Huan und Djia Dsung reden sollte, erkundigte sich lächelnd bei Fang-guan, was sie da in der Hand halte. Sofort reichte ihm Fang-guan das Päckchen und sagte: „Es ist Rosensalpeter gegen die Frühjahrsflechte.“ „Schön, daß sie daran gedacht hat!“ lobte Bau-yü. Djia Huan reckte den Hals und äugte nach dem Päckchen, und da er den frischen Duft wahrnahm, den es ausströmte, bückte er sich, zog ein Stück Papier aus dem Stiefelschaft und bat lächelnd: „Gib mir die Hälfte davon ab, Bruder!“ Notgedrungen wollte ihm Bau-yü etwas geben, aber Fang-guan, die Juee-guans Geschenk mit niemandem teilen wollte, fiel ihm rasch in den Arm und sagte mit lächelnder Miene: „Rühr den hier nicht an, ich hole anderen!“ Bau-yü verstand, worum es ihr ging, wickelte das Päckchen lächelnd wieder zusammen und sagte: „Dann hol ihn rasch!“ Fang-guan verschwand mit dem Päckchen und legte es weg. Dann suchte sie in ihrem Toilettenkästchen nach dem Salpeterpuder, den sie gewöhnlich benutzte, aber als sie die Schachtel aufmachte, war sie leer. „Nanu“, dachte sie, „heute morgen war noch etwas da, wie kann es jetzt verschwunden sein?“ Sie fragte die anderen, doch alle erklärten, sie wüßten nichts davon. Schë-yüä schließlich sagte: „Hab dich nicht so deswegen! Irgend jemand aus unseren Räumen wird keinen mehr gehabt und ihn genommen haben. Gib denen einfach irgendwas, sie merken es schon nicht! Hauptsache ist, daß sie bald gehen, damit wir essen können.“ Also wickelte Fang-guan ein wenig Jasminpuder ein und ging mit dem Päckchen hinüber. Sofort streckte Djia Huan die Hand danach aus, aber rasch warf es Fang-guan aufs Ofenbett, so daß es Djia Huan von dort aufheben mußte. Er steckte es in den Busen, dann verabschiedete er sich und ging. Da Djia Dschëng auf Reisen war und nun auch Dame Wang und die anderen nicht im Hause weilten, schwänzte Djia Huan unter dem Vorwand einer Krankheit schon seit Tagen die Schule. Nachdem er jetzt den Puder bekommen hatte, machte er sich frohlockend auf die Suche nach Tsai-yün. Der Zufall wollte es, daß sie eben mit Nebenfrau Dschau einen Plausch hielt. Freudestrahlend verkündete Djia Huan: „Hier habe ich etwas Feines für dich, womit du dir das Gesicht einreiben kannst. Du sagst doch immer, Rosensalpeter sei besser gegen Flechten als der Silbersalpeter, den es draußen zu kaufen gibt. Sieh nach, ob es der richtige ist!“ Tsai-yün machte das Päckchen auf und sah sich den Puder an, dann lachte sie prustend und fragte: „Von wem hast du dir das geben lassen?“ Djia Huan erzählte, was sich zugetragen hatte, und lächelnd erklärte ihm Tsai-yün: „Sie haben dich angeführt wie einen Dorftrottel. Das ist kein Rosensalpeter, sondern Jasminpuder.“ Djia Huan sah sich das Pulver an, und tatsächlich sah es rötlicher aus als das andere. Er roch daran, und auch der Geruch war aufdringlicher. Aber lächelnd sagte er: „Das ist doch auch etwas Gutes. Ob es nun Salpeter oder Puder ist, behalt es und reib dir das Gesicht damit ein.te es, daß sie eben mit Nebenfrau Dschau einen Plausch hielt. Freudestrahlend verkündete Djia Huan: „Hier habe ich etwas Feines für dich, womit du dir das Gesicht einreiben kannst. Du sagst doch immer, Rosensalpeter sei besser gegen Flechten als der Silbersalpeter, den es draußen zu kaufen gibt. Sieh nach, ob es der richtige ist!“ Tsai-yün machte das Päckchen auf und sah sich den Puder an, dann lachte sie prustend und fragte: „Von wem hast du dir das geben lassen?“ Djia Huan erzählte, was sich zugetragen hatte, und lächelnd erklärte ihm Tsai-yün: „Sie haben dich angeführt wie einen Dorftrottel. Das ist kein Rosensalpeter, sondern Jasminpuder.“ Djia Huan sah sich das Pulver an, und tatsächlich sah es rötlicher aus als das andere. Er roch daran, und auch der Geruch war aufdringlicher. Aber lächelnd sagte er: „Das ist doch auch etwas Gutes. Ob es nun Salpeter oder Puder ist, behalt es und reib dir das Gesicht damit ein. Hauptsache ist doch, daß es etwas Besseres ist als das, was man draußen zu kaufen bekommt.“ Notgedrungen steckte Tsai-yün das Päckchen ein, nun aber sagte Nebenfrau Dschau: „Dir wird man schon etwas Gutes geben! Wer hat dich geheißen, darum zu bitten? Jetzt kannst du dich nicht beklagen, daß man sich über dich lustig macht. Hingehen solltest du und es ihr ins Gesicht schleudern! Wo jetzt die einen unterwegs sind und die anderen krank im Bett liegen, sollte man so richtig Krach schlagen, daß alle aus ihrer Ruhe aufgeschreckt werden, das wäre eine Rache! In zwei Monaten fragt kein Mensch mehr danach. Und selbst wenn, kannst du es ja erklären. Bau-yü ist dein älterer Bruder, und wenn du mit ihm nicht aneinandergeraten möchtest, ist das die eine Sache, aber mußt du deshalb auch Angst haben, so ein Hündchen oder Kätzchen aus seinen Räumen zur Rede zu stellen?“ Djia Huan senkte nur den Kopf, Tsai-yün aber sagte rasch: „Warum gleich einen Skandal anzetteln? Wie auch immer, das beste ist, man trägt es mit Geduld.“ „Du halt dich da heraus!“ verlangte Nebenfrau Dschau. „Mit dir hat es schließlich nichts zu tun. Es wäre schon gut, sich die Gelegenheit zunutze zu machen, um diese verdorbenen Weibsbilder ordentlich abzukanzeln.“ Dann wies sie mit der Hand auf Djia Huan, spuckte aus und schimpfte: „Du erbärmlicher Schlappschwanz mußt dich natürlich von diesen dummen Gören beleidigen lassen. Aber wenn ich mal etwas sage oder dir nicht das Richtige gebe, dann verdrehst du gleich den Kopf, die Stirnadern schwellen dir, und du siehst mich an, als ob du mich fressen wolltest. Aber wenn dich jetzt diese Rotzgören zum besten halten, läßt du es einfach auf sich beruhen. Glaubst du, da wird das Gesinde noch Respekt vor dir haben? Zu nichts bist du zu gebrauchen, ich schäme mich für dich.“ Erregt und betreten wagte Djia Huan dennoch nicht hinzugehen. Er machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: „Du verstehst so gut zu reden, und doch gehst du nicht. Wenn ich auf dein Geheiß Krach schlage und es wird an die Schule gemeldet, so daß ich zur Strafe Prügel bekomme, tut es dir ja nicht weh. Immer wieder hast du mich aufgehetzt, und wenn dann ein Skandal daraus wurde und ich Schelte und Schläge bekam, hast du nur stumm den Kopf gesenkt. Jetzt hetzt du mich wieder gegen die dummen Mägde auf. Wenn du keine Angst vor Schwester Tan-tschun hast und gehst hin, dann gebe ich mich geschlagen.“ Mit diesem Satz hatte er die wunde Stelle seiner Mutter getroffen, und sie rief: „Ich soll jemand fürchten, der aus meinem eigenen Bauch gekrochen ist? Da würde es hier anders aussehen!“ Bei diesen Worten ergriff sie das Päckchen mit dem Puder und eilte in Richtung Garten davon. Tsai-yün, die sie beim besten Willen nicht davon hatte abbringen können, suchte anderswo Zuflucht, Djia Huan dagegen verschwand durchs Zeremonialtor und ging seinem Vergnügen nach. Als Nebenfrau Dschau so hitzig in den Garten gestürzt kam, traf sie dort Ou-guans Pflegemutter, die Sklavenfrau Hsia. „Wohin des Wegs?“ fragte diese, als sie Nebenfrau Dschau wutschnaubend ankommen sah. „Ja, schau dir das an!“ sagte Nebenfrau Dschau. „Selbst diese kleinen Schauspielerhuren, die kaum ein paar Tage im Hause sind, erlauben es sich, einen auf alle mögliche Weise zum Menschen zweiter Klasse zu stempeln. Bei jemand anders würde es mich noch nicht ärgern, aber wie kommen diese kleinen Hurendinger dazu, mit unsereins ihren Spott zu treiben?!“ Das entsprach ganz dem, was Frau Hsia selber empfand, und so fragte sie rasch, worum es ging. Nun erzählte ihr Nebenfrau Dschau, wie verächtlich Djia Huan von Fang-guan behandelt worden war, indem sie ihm Jasminpuder anstelle von Rosensalpeter gegeben hatte. „Kommt Ihr heute erst dahinter?“ fragte Frau Hsia. „Das ist ja noch gar nichts. Neulich haben sie hier heimlich Opfergeld verbrannt, und Bau-yü hat sie noch dabei gedeckt. Wenn andere hier etwas hereinbringen, dann heißt es, das gebe es nicht, das sei schmutzig, das sei tabu. Ist es vielleicht nicht tabu, hier Opfergeld zu verbrennen? Überlegt einmal, wer stände hier außer der gnädigen Frau höher als Ihr? Ihr braucht Euch nur stark zu machen, dann hat jedermann Achtung vor Euch. Mir scheint, man sollte es sich zunutze machen, daß diese kleinen Huren doch nichts Ordentliches sind, so daß es keine großen Folgen hat, wenn sie von jemand gekränkt werden. Deshalb solltet Ihr diese beiden Vorfälle aufgreifen, um ein Exempel zu statuieren, und ich trete als Zeugin dabei auf. Wenn Ihr dadurch Eure Autorität festigt, könnt Ihr Euch später auch in anderen Fällen Respekt verschaffen. Nur wegen dieser kleinen Hurendinger werden die junge gnädige Frau und die gnädigen Fräulein kaum etwas gegen Euch sagen.“ Nun fühlte sich Nebenfrau Dschau erst recht in ihrer Meinung bestärkt, und sie sagte: „Von der Sache mit dem Opfergeld habe ich nichts gewußt, erzähl mir das genauer!“ Also berichtete Frau Hsia ihr in allen Einzelheiten, was sich unlängst ereignet hatte, und fügte hinzu: „Geht nur hin und stellt sie zur Rede! Wenn es deswegen Ärger gibt, sind auch wir noch da, um Euch zu helfen.“ Selbstzufrieden und siegesgewiß stapfte Nebenfrau Dschau geradewegs in den Hof der Freude am Roten. Bau-yü, der gehört hatte, Dai-yü sei im Haselwurzpark, war dorthin gegangen. Fang-guan saß mit Hsi-jën und den anderen beim Essen. Als sie Nebenfrau Dschau hereinkommen sahen, standen sie alle auf und sagten lächelnd: „Eßt mit uns! Was bringt Ihr Eiliges?“ Ohne darauf zu antworten, trat Nebenfrau Dschau näher heran, schleuderte Fang-guan das Päckchen mit dem Puder ins Gesicht, wies dann mit der Hand auf sie und schimpfte: „Du schamloses Ding! Für Geld hat man dich gekauft, damit du schauspielern lernst, und du bist nicht mehr als eine Hure. Die letzte Sklavin in unserm Haus steht höher als du, aber du bringst es noch fertig, jemand anders für minderwertig zu halten, und wenn Bau-yü etwas verschenken will, dann hinderst du ihn daran. Hat er vielleicht von dir etwas verschenken wollen? Du hast meinen Sohn mit diesem Zeug angeführt und hast wohl gedacht, er wüßte nicht, was das ist. Bau-yü und er sind Brüder, beide sind sie Herrschaften. Wie kommst du dazu, ihn geringzuschätzen?“ Natürlich konnte Fang-guan das nicht ertragen und erwiderte unter Tränen: „Ich habe ihm doch das nur gegeben, weil der Rosensalpeter alle war. Hätte ich gesagt, er ist alle, dann hätte er mir bestimmt nicht geglaubt. Ist der Puder vielleicht etwas Schlechteres? Ja, ich habe die Schauspielerei gelernt, aber ich bin nie außer Hause aufgetreten, und was Huren und Horen sind, weiß ich nicht, ich bin nur ein Mädchen. Warum also beschimpft Ihr mich? Außerdem habt nicht Ihr mich gekauft. Und wer von uns beiden wäre keine Sklavin?“ Rasch packte Hsi-jën sie am Arm und zog sie zurück. „Red keinen Unsinn!“ warnte sie. Aber wütend trat Nebenfrau Dschau vor und versetzte Fang-guan zwei Ohrfeigen. Sofort fielen ihr Hsi-jën und die anderen in den Arm und redeten ihr zu: „Seid doch verständiger als das Kind! Laßt uns mit ihr reden!“ Fang-guan jedoch wollte nach den Schlägen nicht einlenken und gebärdete sich wie toll. Unter Tränen der Wut stieß sie hervor: „Du schlägst mich? Schau erst mal in den Spiegel, wie du aussiehst, ehe du die Hand gegen mich hebst! Hier, schlag mich doch, ich lebe noch!“ Sie stieß Nebenfrau Dschau den Kopf vor die Brust und schrie nochmals, sie solle doch zuschlagen. Alle redeten auf sie ein und versuchten, sie wegzuziehen, Tjing-wën aber nahm Hsi-jën unauffällig beiseite und sagte: „Kümmer dich nicht um sie! Laß sie doch streiten! Wir wollen sehen, wie sie wieder auseinander kommen! Heute herrscht einmal König Streit. Hat man so etwas je gesehen, daß jeder die Fäuste in Bewegung setzt?“ Draußen hörten auch die Frauen den Lärm, die mit Nebenfrau Dschau gekommen waren, und freuten sich von Herzen. Sie riefen den Namen Buddhas an und sagten: „Endlich ist es soweit!“ Auch die anderen Alten, die einen Groll auf die Schauspielermädchen hatten, waren zufrieden, daß Fang-guan Schläge bekam. Inzwischen spielten Ou-guan und Juee-guan zusammen. Als nun die Heldendarstellerin Kuee-guan, die Hsiang-yün zugeteilt worden war, und Dou-guan, die jetzt zu Bau-tjins Bedienung gehörte, erfuhren, was sich abspielte, stürzten sie Hals über Kopf zu den anderen beiden und sagten: „Fang-guan wird beleidigt, das ist eine Schmach für uns alle! Nur wenn wir‘s denen ordentlich zeigen, kommen wir wieder zu unserem Recht.“ Die vier waren Kinder, die nur noch die gerechte Empörung sahen, die sie ihrer Freundin schuldig waren, und sonst nichts. Sie liefen gemeinsam in den Hof der Freude am Roten, wo zuerst Dou-guan so heftig mit dem Kopf gegen Nebenfrau Dschau anrannte, daß diese beinahe gestürzt wäre. Aber auch die anderen drei stürmten heulend gegen sie an, zerrten sie mit den Händen und rammten sie mit dem Kopf, so daß Nebenfrau Dschau völlig eingekeilt war. Tjing-wën und die anderen lachten darüber und taten nur so, als ob sie die Mädchen wegziehen wollten. Hsi-jën aber stürzte aufgeregt von einer zur andern, versuchte, sie beiseite zu zerren, und schimpfte: „Daß ihr doch sterben wolltet! Wenn ihr euch beleidigt fühlt, können wir darüber reden, aber was soll diese Ungezogenheit?“ Nebenfrau Dschau dagegen wußte sich nicht anders zu helfen als mit wüstem Gezänk. Juee-guan und Ou-guan hielten ihre Arme gepackt, während Kuee-guan und Dou-guan von vorn und hinten ihren Kopf gegen sie stemmten. „Schlag uns doch alle vier tot, damit Ruhe ist!“ forderten sie Nebenfrau Dschau heraus. Fang-guan indes lag der Länge nach auf dem Boden und heulte zum Steinerweichen. In dieser ausweglosen Situation erschienen plötzlich, auf Tjing-wëns Geheiß von Tschun-yän alarmiert, Frau You, Li Wan und Tan-tschun zusammen mit Ping-örl und zahlreichen Sklavenfrauen. Sie schrien die vier Schauspielermädchen an, sie sollten einhalten, und fragten nach dem Grund für die Auseinandersetzung. Mit stierem Blick und geschwollenen Schläfenadern sprudelte Frau Dschau alles zusammenhanglos und unverständlich hervor. Frau You und Li Wan antworteten nicht darauf und hielten nur weiter die vier Mädchen in Schach. Da sagte Tan-tschun mit einem Seufzer: „Was ist das schon für eine schwerwiegende Angelegenheit! Ihr seid wahrhaftig zu aufbrausend. Eben wollte ich etwas mit Euch bereden, aber die Mägde sagten, sie wüßten nicht, wo Ihr seid. Dabei wart Ihr hier, um zu toben. Kommt bitte mit mir!“ „Bemüht Euch bitte in die Halle hinüber, damit wir miteinander reden können!“ forderten auch Frau You und Li Wan sie lächelnd auf, so daß Nebenfrau Dschau keine andere Wahl blieb, als ihnen zu folgen. Dabei hörte sie jedoch nicht auf, sich über die Schauspielermädchen zu beklagen. „Diese Mädchen sind eine Spielerei“, wurde sie von Tan-tschun unterbrochen. „Wenn man mag, kann man mit ihnen plaudern und scherzen, und wenn man nicht mag, läßt man sie unbeachtet. Wenn sie unartig sind, ist das nichts anderes, als wenn einen ein Kätzchen oder ein Hündchen beißt oder kratzt. Man verzeiht ihnen, wenn man kann, und wenn es etwas Unverzeihliches ist, läßt man sie durch die Verwalterinnen bestrafen. Wie kann man sich so weit erniedrigen, mit ihnen herumzuschreien, ohne sein Ansehen zu wahren? Seht Euch Nebenfrau Dschou an. Warum wird sie von niemand beleidigt, und warum muß sie hinter niemand her sein? Ich rate Euch, geht in Eure Räume zurück und beruhigt Euch. Laßt Euch nicht von Bösewichtern aufhetzen, sonst macht Ihr Euch nur zum Gespött der Leute. Müßt Ihr für nichts und wieder nichts andern Leuten die Schmutzarbeit machen? Und wenn Ihr noch so ärgerlich seid, geduldet Euch ein paar Tage, bis die gnädige Frau wieder hier ist, dann werden wir alles klären.“ Diese Worte brachten Nebenfrau Dschau endlich zum Schweigen, und notgedrungen begab sie sich in ihre Räume hinüber. Tan-tschun aber sagte ärgerlich zu Frau You und Li Wan: „So alt ist sie schon, aber mit ihren Taten kann sie sich keine Achtung erwerben. Was sollte denn das heißen? Lohnte es sich, darum zu streiten und jedes Ansehen einzubüßen? Gutgläubig und gedankenlos, wie sie ist, hat sie sich bestimmt wieder von unverschämten Sklaven zum Narren machen lassen, die so ihrem Zorn Luft machen wollten.“ Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr geriet sie in Wut, und schließlich befahl sie festzustellen, wer Nebenfrau Dschau angestiftet hatte. Die Sklavenfrauen sagten jawohl und gingen hinaus, aber draußen sahen sie einander an und lachten, weil sie einhellig der Meinung waren, das heiße, nach einer Nadel im Meer zu suchen. Dennoch befragten sie das Gefolge von Nebenfrau Dschau sowie die Frauen aus dem Garten, aber alle erklärten, sie wüßten von nichts. Da blieb ihnen nichts weiter übrig, als Tan-tschun zu berichten, die Anstifter seien einstweilen nicht feststellbar, aber sie wollten in aller Ruhe weiter nach ihnen fahnden und alle zur Bestrafung melden, die unziemliche Reden führten. Gerade hatte sich Tan-tschuns Zorn ein wenig gelegt, da berichtete ihr Ai-guan verstohlen: „Mutter Hsia ist stets garstig zu uns. Immer streut sie Gerüchte aus und stiftet Unfrieden. Neulich hat sie Ou-guan verdächtigt, weil sie Opferpapier verbrannt hatte, aber das war Ou-guan von Bau-yü befohlen worden, und als Bau-yü selbst eingriff, mußte Mutter Hsia still sein. Als ich Euch heute Euer Taschentuch holte, sah ich, wie Mutter Hsia und Nebenfrau Dschau lange zusammengestanden und miteinander getuschelt haben. Erst als sie mich sahen, sind sie auseinandergegangen.“ Als Tan-tschun das hörte, nahm sie an, daß es nicht ganz der Wahrheit entsprach, zumal die Schauspielermädchen alle unter einer Decke steckten und ungezogen genug waren. Darum sagte sie nur ja, ja und dachte nicht daran, sich auf diese Aussage zu verlassen. Nun diente in Tan-tschuns Räumen auch Tschan-djiä, eine Enkelin der Sklavenfrau Hsia. Da sie oft Einkäufe und andere Besorgungen für die übrigen Sklavenmädchen übernahm, war sie bei allen beliebt. Als sich Tan-tschun nach dem Essen in die Halle begeben hatte, um dort ihren Aufgaben nachzugehen, gab Tsuee-mo, die inzwischen die Räume hüten sollte, Tschan-djiä den Auftrag, draußen durch einen Sklavenjungen Kuchen kaufen zu lassen. „Eben habe ich den großen Hof gefegt, und mir tun Hüfte und Beine weh“, erwiderte Tschan-djiä. „Schick doch jemand anders!“ „Wen soll ich anders schicken?“ fragte Tsuee-mo lächelnd. „Geh nur schnell, ehe es noch später wird. Ich will dir auch etwas im guten sagen. Geh zum hinteren Tor und sag unterwegs deiner Großmutter Bescheid, sie solle ein wenig auf der Hut sein.“ Dann erzählte sie ihr, was Ai-guan über Frau Hsia berichtet hatte. Daraufhin ließ sich Tschan-djiä bereitwillig das Geld geben und sagte: „So ein kleines Spitzbein! Will sie auch ihren Spott mit den Leuten treiben? Ich gehe es meiner Großmutter sagen.“ Und schon stand sie auf und ging hinaus. Als sie ans Hintertor kam, saß das gesamte Küchenpersonal, das um diese Zeit nichts zu tun hatte, auf den Treppenstufen und plauderte. Auch Frau Hsia war dabei. Tschan-djiä beauftragte eine alte Sklavenfrau, Kuchen kaufen zu gehen, dann berichtete sie Frau Hsia schimpfend, was sie soeben erfahren hatte. Ärgerlich und ängstlich zugleich wollte sich Frau Hsia auf die Suche nach Ai-guan begeben, um sie zur Rede zu stellen. Außerdem wollte sie zu Tan-tschun gehen, um sich über das erlittene Unrecht zu beklagen. Aber Tschan-djiä hielt sie zurück und fragte: „Was willst du denn sagen? Wie willst du erklären, daß du davon weißt? Du würdest nur neues Unheil damit anrichten. Ich habe es dir gesagt, damit du vorsichtig bist, und das ist genug. Wozu also die Aufregung?“ Während sie das sagte, sah sie plötzlich Fang-guan kommen, die sich dann ans Hoftor lehnte und lächelnd zur Küchenfrau Liu sagte: „Schwägerin Liu! Der junge Herr Bau-yü läßt bestellen, er möchte zum Abendessen ein Gemüsegericht. Schön kalt und schön sauer soll es sein, aber ohne Sesamöl, sonst ist es ihm zu fett.“ „Verstanden!“ sagte Frau Liu lächelnd. „Wie kommt es, daß heute du so eine wichtige Nachricht überbringen mußt? Komm ein wenig herein, wenn es dir hier nicht zu schmutzig ist!“ Eben wollte Fang-guan eintreten, als die alte Sklavenfrau mit dem Kuchen kam, und Fang-guan sagte im Scherz: „Für wen ist der warme Kuchen? Ich möchte ein Stück davon kosten.“ Sofort nahm Tschan-djiä der Sklavenfrau den Kuchen ab und sagte: „Der ist für jemand anders. Ist das vielleicht für euereins etwas Besonderes?“ „Fang-guan! Wenn du so etwas magst, kannst du von dem Kuchen essen, den ich vorhin gekauft habe“, bot Frau Liu an. „Er ist ganz sauber und frisch.“ Sie brachte einen Teller voll Kuchen, reichte ihn Fang-guan und sagte: „Warte, ich brühe dir einen guten Tee!“ Während sie hineinging und das Feuer anfachte, nahm Fang-guan ein Stück Kuchen vom Teller und fragte Tschan-djiä: „Wer ist schon auf deinen Kuchen erpicht? Ist das hier vielleicht kein Kuchen? Es war ein Spaß von mir. Auch wenn du mich kniefällig darum bittest, würde ich deinen Kuchen nicht essen.“ Mit diesen Worten zerbröckelte sie ein Stück Kuchen nach dem anderen und warf ihn den Spatzen hin. Dazu sagte sie lächelnd zu Frau Liu: „Gräm dich nicht, Schwägerin! Nachher werde ich dir zwei Djin Kuchen kaufen.“ Kochend vor Wut, starrte Tschan-djiä auf Fang-guan und zischte böse: „Der Donnergott hat doch Augen im Kopf, warum erschlägt er so ein verderbenbringendes Geschöpf nicht? Warum muß sie mich ärgern? Was bin ich schon im Vergleich zu euch? Euch bringt man Tribut, euch dient man wie eine Sklavin, alles tut man für euch, nur damit ihr mal bei Gelegenheit ein gutes Wort bei jemand einlegt...“ „Schluß, ihr Mädchen!“ unterbrachen sie die Sklavenfrauen. „Kaum daß ihr euch seht, beginnt ihr zu zanken.“ Ein paar besonders Verständige standen sogar auf, als sie sahen, daß die beiden sich stritten, und machten sich aus dem Staube, weil sie fürchteten, es könnte ein neuer Skandal daraus entstehen. Auch Tschan-djiä wollte sich nicht zuviel gegen die andere herausnehmen und ging murrend ihrer Wege. Als Frau Liu sah, daß alle anderen fort waren, kam sie rasch heraus und fragte Fang-guan: „Hast du ihm die Sache von neulich gesagt?“ „Ja“, berichtete Fang-guan, „und in ein, zwei Tagen werde ich ihn noch einmal daran erinnern. Diese Dschau, das alte Stück, hat wieder mit mir gezankt. Hat die Schwester von dem Rosennektar genommen? Geht es ihr ein wenig besser?“ „Aber ja“, beteuerte Frau Liu, „sie hat schon alles verbraucht, und er schmeckt ihr gar zu gut. Aber sie traut sich nicht, dich um mehr zu bitten.“ „Was macht das schon?“ sagte Fang-guan. „Ich lasse mir einfach noch welchen geben und bringe ihn ihr.“ Frau Liu hatte nämlich eine Tochter, die eben sechzehn Jahre alt war und sich an Schönheit mit Ping-örl, Hsi-jën, Dsï-djüan und Yüan-yang messen konnte, obwohl sie nur das Kind von Küchensklaven war. Als fünftes Kind ihrer Eltern wurde sie Wu-örl – ‚Fünfchen‘ – genannt. Weil sie zart und kränklich war, hatte man ihr keine Arbeit zugewiesen, aber nachdem Frau Liu neuerdings erfahren hatte, in Bau-yüs Räumen gebe es viele Mägde und der Dienst sei leicht, wollte sie Wu-örl gern dort unterbringen, zumal sie auch gehört hatte, Bau-yü wolle dafür sorgen, daß alle seine Mägde eines Tages freigelassen würden. Nun hatte Frau Liu nicht gewußt, wie sie ihren Plan in die Wege leiten sollte, aber der Zufall wollte es, daß sie im Birnendufthof gedient und dort für Fang-guan und die übrigen Schauspielermädchen besser gesorgt hatte als die eigentlichen Pflegemütter, so daß sich auch Fang-guan sehr gut gegen sie verhielt. Darum hatte sie ihre Bitte Fang-guan vorgetragen, und diese hatte mit Bau-yü darüber gesprochen. Bau-yü war zwar einverstanden gewesen, aber weil er krank geworden war und sich auch sonst viel ereignet hatte, war er noch nicht dazu gekommen, mit jemandem darüber zu reden. Doch nun genug von der Vorgeschichte und zurück zu Fang-guan, die in den Hof der Freude am Roten hinüberging, um Bau-yü zu melden, sein Auftrag sei ausgeführt. Als Bau-yü erfahren hatte, Nebenfrau Dschau tobe in seinen Räumen, war ihm das sehr unangenehm gewesen, weil es ihm ebensowenig richtig erschien einzugreifen wie nicht einzugreifen. Darum hatte er notgedrungen gewartet, daß Nebenfrau Dschau sich beruhigte, und erst als man ihm gesagt hatte, Tan-tschun habe sie veranlaßt zu gehen, war er aus dem Haselwurzpark zurückgekehrt und hatte Fang-guan ein Weilchen gut zugeredet, ehe alle wieder zur Ruhe gekommen waren. Als Fang-guan jetzt aus der Küche zu-
Liu Wu-örl und Tschun-yän. Aus: Gai Qi 1879. zurückkam und sagte, sie brauche noch ein wenig Rosenneektar für Liu Wu-örl, entschied Bau-yü sofort: „Es ist noch welcher da, und ich trinke nicht oft davon. Also gib ihr nur alles!“ Er befahl Hsi-jën, den Nektar zu bringen, und als er sah, daß es nicht mehr viel war, überließ er ihn Fang-guan mitsamt der Flasche, und sie ging damit wieder zur Küche hinüber. Inzwischen hatte Frau Liu ihre Tochter in den Garten geholt, damit sie sich hier ein Weilchen zerstreuen konnte, und sie war in einem abgelegenen Winkel spazierengegangen. Jetzt saß sie in der Küche, trank Tee und ruhte sich die Füße aus. Da trat Fang-guan herein und trug eine fünf Tsun große Glasflasche in der Hand, die beinahe zur Hälfte mit einer Flüssigkeit gefüllt war, die so rot wie Schminke leuchtete, als sie die Flasche gegen das Licht hielt. Mutter und Tochter glaubten nicht anders, als daß es der europäische Traubenwein sei, den Bau-yü trank, deshalb sagten sie rasch: „Wir holen schnell den Weinwärmer und machen heißes Wasser, du aber setz dich hin!“ Aber Fang-guan sagte lächelnd: „Das ist der ganze Rest, die Flasche bekommt ihr auch.“ Da wurde Wu-örl klar, daß es Rosennektar war, und rasch ließ sie sich die Flasche geben und bedankte sich wieder und wieder. Dann fragte Fang-guan, ob es ihr besser gehe, und Wu-örl erwiderte: „Heute fühle ich mich unternehmungslustiger, darum bin ich auch in den Garten gekommen und spazierengegangen. Aber hier hinten macht es keinen Spaß, hier bekommt man nur ein paar Felsen, ein paar hohe Bäume und die Rückseiten einiger Gebäude zu sehen, die wirklich schönen Stellen dagegen sieht man nicht.“ „Warum bist du nicht nach vorn in den Garten gegangen?“ wollte Fang-guan wissen. „Ich habe es ihr nicht erlaubt“, erläuterte Frau Liu. „Die Fräulein kennen sie nicht, und wenn jemand sie sieht, dem das nicht recht ist, gibt es nur wieder Streit. Wenn sie erst mit deiner Hilfe eine Stellung bekommen hat, wird noch oft genug jemand mit ihr dort spazierengehen. Eines Tages wird sie es über haben spazierenzugehen.“ „Nur keine Bange!“ versicherte Fang-guan lächelnd, „auf mich ist Verlaß.“ „Ach, Mädchen“, sagte Frau Liu, „wir sind nur kleine Leute, nicht so wie ihr.“ Damit goß sie Fang-guan Tee ein, aber wie hätte Fang-guan solchen Tee trinken mögen! Sie spülte sich nur den Mund damit, und dann ging sie. „Ich habe hier zu tun, Wu-örl wird dich hinausbegleiten“, entschuldigte sich Frau Liu. Als sie draußen standen und dort niemand zu sehen war, griff Wu-örl nach Fang-guans Hand und erkundigte sich: „Hast du wirklich meinetwegen gefragt?“ „Glaubst du vielleicht, ich führe dich an der Nase herum?“ erwiderte Fang-guan lächelnd. „Nach dem, was ich gehört habe, sind bei uns wirklich noch zwei Stellen frei. Eine ist die von Hung-yü, die von der zweiten jungen gnädigen Frau weggeholt worden ist, und die andere ist die von Dschuee-örl. Es ist wirklich nicht zuviel verlangt, wenn du eine von diesen Stellen bekommst. Nur sagt Ping-örl immer wieder zu Hsi-jën, in Personal- und Geldangelegenheiten müsse man sich jetzt gedulden, denn Fräulein Tan-tschun sei darauf aus, ein Exempel zu statuieren. Selbst in ihren eigenen Räumen habe sie mehrere Forderungen zurückgewiesen, und jetzt lauere sie nur darauf, daß von uns etwas kommt. Warum also sich in die Falle locken lassen? Wenn wir jetzt etwas sagen und sie lehnt es ab, dann ist es aus und vorbei und später nicht mehr rückgängig zu machen. Darum ist es besser, wir warten, bis sich alles beruhigt hat und die alte gnädige Frau und die gnädige Frau wieder Muße haben. Wenn wir zuerst mit ihnen sprechen können, wird uns auch die größte Bitte nicht abgeschlagen.“ „Das sagst du so, aber ich bin ungeduldig und kann nicht warten“, gab Wu-örl zurück. „Wenn ich für eine der Stellen ausgewählt werde, hat zum einen meine Mutter einen besseren Stand, weil sie mich dann nicht umsonst großgezogen hat, zum anderen haben wir es durch das Monatsgeld zu Hause ein wenig leichter, und schließlich werde ich bestimmt gesund, wenn mir etwas freier ums Herz ist. Zumindest aber könnten wir zu Hause das Geld für den Arzt und die Medikamente sparen.“ „Das weiß ich ja alles, du kannst ganz beruhigt sein“, sagte Fang-guan. Dann verabschiedeten sie sich voneinander, und Fang-guan ging fort. Indes ging Wu-örl wieder zu ihrer Mutter hinein und schwärmte ihr von Fang-guans Freundschaft vor. „Ich hatte nicht geglaubt, daß wir noch von dem Nektar bekommen“, sagte Frau Liu. „Das ist zwar ein kostbares Zeug, aber wenn man zuviel davon nimmt, steigert es die innere Hitze. Wir sollten etwas davon umgießen und jemand schenken. Das wäre kein schlechter Freundschaftsbeweis.“ „Wem willst du es schenken?“ fragte Wu-örl. „Deinem Vetter“, antwortete ihre Mutter. „Er hat seit gestern Fieber und wird so etwas bestimmt gern trinken. Ich gieße ihm ein halbes Schälchen davon ein und trage es ihm hinüber.“ Wu-örl erwiderte nichts darauf und sah stumm zu, wie ihre Mutter ein Schälchen zur Hälfte füllte und dann die Flasche mit dem Rest in den Schrank stellte. Dann erst sagte sie mit kühlem Lächeln: „Ich finde, du solltest ihm nichts davon geben. Denn wenn jemand anfängt, deswegen Fragen zu stellen, ist der nächste Skandal fällig.“ „Was du nur für Angst hast!“ sagte Frau Liu. „So hart, wie wir arbeiten, ist es nur recht und billig, wenn drinnen etwas für uns abfällt. Schließlich ist es ja nicht gestohlen.“ Damit ging sie hinaus und begab sich geradewegs in die Wohnung ihres älteren Bruders, wo der Kranke noch immer zu Bett lag. Als Bruder, Schwägerin und Neffe sahen, was Frau Liu brachte, freuten sie sich, schöpften kaltes Wasser aus dem Brunnen und mischten von dem Nektar hinein. Kaum hatte der Kranke eine Schale davon getrunken, wurde ihm wohler zumute, und seine Gedanken und Blicke waren wieder klar. Das Schälchen mit dem übrigen Nektar wurde mit Papier zugedeckt und auf den Tisch gestellt. Der Zufall wollte es, daß auch einige Sklavenjungen des Hauses, mit denen Frau Lius Neffe befreundet war, auf einen Krankenbesuch kamen. Unter ihnen befand sich ein gewisser Tjiän Huai, ein Neffe von Nebenfrau Dschau. Seine Eltern waren Rechnungsführer in den Speichern und besaßen so einiges Geld und Ansehen, er selbst gehörte zu Djia Huans Gefolge beim Schulbesuch. Verheiratet war Tjiän Huai noch nicht, er hatte sich in die hübsche Liu Wu-örl verguckt und hatte seinen Eltern gesagt, er wolle sie zur Frau haben. Einige Male waren auch schon Vermittler deswegen unterwegs gewesen. Das Ehepaar Liu hätte zwar herzlich gern ja gesagt, aber Wu-örl selbst war nicht einverstanden. Das sagte sie zwar nicht direkt, aber ihre Haltung war deutlich genug. Darum wagten auch ihre Eltern nicht, eine Zusage zu geben. Seitdem sie neuerdings hofften, Wu-örl werde eine Stelle im Garten bekommen, waren sie von dem Eheplan gänzlich abgerückt und wollten warten, bis Wu-örl in drei oder fünf Jahren freigelassen wurde, um ihr dann außerhalb des Anwesens einen Bräutigam zu suchen. Auch die Tjiäns hatten die Sache auf sich beruhen lassen, als sie sahen, wie sich die Lius verhielten. Nur Tjiän Huai fühlte sich wütend und beschämt, weil er Wu-örl nicht bekommen sollte, und hatte sich in den Kopf gesetzt, sie doch zu seiner Frau zu machen. Heute war er mit den anderen zusammen gekommen, um Frau Lius Neffen zu besuchen, und hatte natürlich nicht erwartet, Frau Liu hier zu treffen. Frau Liu ihrerseits erschrak ebenfalls, als plötzlich ein Trupp Sklavenjungen erschien und Tjiän Huai darunter war. Darum gab sie vor, sie habe keine Zeit mehr, und stand auf, um zu gehen.
Aus: Jinyuyuan 1889b. „Du wirst doch nicht gehen, ohne Tee getrunken zu haben! Es war lieb, daß du an uns gedacht hast“, sagten ihr Bruder und ihre Schwägerin rasch. „Ich fürchte, drinnen muß das Essen aufgetragen werden“, erwiderte Frau Liu mit einem Lächeln. „Wenn ich Zeit habe, komme ich wieder nach dem Jungen sehen.“ Nun nahm die Schwägerin ein kleines Päckchen aus einer Schublade, dann erst begleitete sie Frau Liu hinaus, und dort steckte sie ihr das Päckchen in einer Mauerecke mit den Worten zu: „Dein Bruder hatte am Tor Dienst, und fünf Tage lang war es still und öde, keine einzige Nebeneinnahme fiel für ihn ab. Gestern aber kam ein Beamter aus Guang-dung und brachte als Geschenk zwei kleine Korbbehälter voll Kokosporlingsschnee mit, ein weiteres Körbchen hat er den Torwächtern als ‚Torgeschenk‘ gegeben, davon hat dein Bruder dieses Päckchen bekommen. Bei den Leuten da unten wachsen massenhaft jahrtausendealte Kiefern und Lebensbäume, davon sammeln sie diese Porlinge, mischen die Essenz daraus mit einer Medizin, und so entsteht dieser herrliche weiße Schnee. Wenn man ihn mit Muttermilch mischt und jeden Morgen nach dem Aufstehen eine Schale davon trinkt, ist das ein wunderbares Stärkungsmittel. Sonst kann man auch Kuhmilch nehmen oder schlimmstenfalls kochendes Wasser. Wir haben uns gedacht, das müßte gerade das Richtige für Wu-örl sein, und haben am Vormittag schon eine kleine Magd zu Euch geschickt, aber sie sagte, Eure Tür sei abgeschlossen gewesen und Wu-örl mit dir in den Garten gegangen. Eigentlich hatte ich sie besuchen wollen, um ihr den Porlingsschnee zu bringen, aber dann habe ich mir gesagt, da die Herrschaften nicht im Hause sind und überall streng kontrolliert wird, gehe ich besser nicht, zumal ich ja keine Anstellung habe und die Sache auch nicht so dringend war. Außerdem gab es in den letzten beiden Tagen Gerüchte, drinnen gehe es drunter und drüber. Wenn ich da mit hineingeraten wäre, hätte das ein böses Vergnügen werden können. Darum ist es gut, daß du selbst gekommen bist und den Porlingsschnee mitnehmen kannst.“ Frau Liu bedankte und verabschiedete sich, dann ging sie fort. Als sie ans Seitentor kam, wurde sie dort von einem Sklavenjungen mit den Worten empfangen: „Da bist du ja endlich! Von drinnen hat man schon mehrmals nach dir gefragt, und drei oder vier von uns sind noch unterwegs, um dich zu suchen. Aber wo kommst du eigentlich her? Der Weg hier führt doch nicht zu dir nach Hause, da kommen mir ja richtige Zweifel!“ „Du kleiner Affe!“ begann Frau Liu lachend zu schimpfen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.