Hongloumeng/de/Chapter 64
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Kapitel 64
幽淑女悲題五美吟 / 浪蕩子情遺九龍珮
Die stille, schoene Frau dichtet traurige Verse ueber fuenf Schoenheiten; Der Wuestling hinterlaesst aus Liebe den Neundrachenschmuck
de und wie Djia Liän die Hochzeit gestalten wolle. „Auch Euch würde er bei sich aufnehmen und im Alter für Euch sorgen, und für die zweite Tante würde er mit der Zeit ebenfalls einen Mann suchen“, fügte er zum Schluß noch hinzu. Wie hätte die alte Frau You solchen Verlockungen widerstehen können, zumal sie ganz auf Djia Dschëns Unterstützung angewiesen war und Djia Dschën die Sache in die Hand genommen hatte und die Verlobung arrangieren wollte, so daß sie selbst nicht einmal für die Aussteuer zu sorgen brauchte. Außerdem war Djia Liän ein junger Mann aus guter Familie und zehnmal besser als Dschang Hua. Also ging die alte Frau You sofort hinüber, um mit ihrer Tochter zu sprechen. Die zweite Schwester You hatte einen Charakter wie Wasser, und es hatte auch schon etwas Unziemliches zwischen ihr und Djia Dschën gegeben. Daß sie seinerzeit mit Dschang Hua verlobt worden war, wodurch sie für immer auf einen richtigen Platz im Leben verzichten mußte, hatte sie stets bedauert. Was sollte sie also einzuwenden haben, wenn jetzt Djia Liän in sie verliebt war und kein anderer als Djia Dschën sie verloben und verheiraten wollte? Also nickte sie und erklärte sich einverstanden. Die alte Frau You meldete es Djia Jung, Djia Jung meldete es seinem Vater, und dieser ließ schon am nächsten Tag Djia Liän zu sich ins Kloster bitten, um ihm persönlich mitzuteilen, die alte Dame habe ja gesagt. Djia Liäns Freude war übermächtig, und seine Dankesbeteuerungen an Vater und Sohn Djia Dschën und Djia Jung wollten kein Ende nehmen. Dann beratschlagten sie zu zweit und gaben Auftrag, ein Haus zu suchen, Schmuck anfertigen zu lassen und eine Aussteuer anzuschaffen, desgleichen Bett, Vorhänge und alles übrige für das Brautgemach. Schon innerhalb weniger Tage war alles bereit. In der Gasse der Kleinen Blütenzweige, zwei Li von der Straße am Ning-guo- und Jung-guo-Anwesen entfernt, war ein Gehöft von insgesamt zwanzig Säulenzwischenräumen Wohnfläche gekauft worden, ebenso zwei kleine Sklavenmädchen. Darüberhinaus stellte Djia Dschën von seinem eigenen Gesinde Bau Örl und dessen Frau zur Verfügung, um der zweiten Schwester You nach ihrem Umzug aufzuwarten. Die beiden dachten natürlich nicht daran, Einwände zu erheben, als sie hörten, welch einen schönen Posten sie bekommen sollten. Des weiteren ließ Djia Dschën durch einen Boten Dschang Hua und seinen Vater holen und zwang sie, der alten Frau You eine Eheverzichtserklärung zu schreiben. Dschang Huas Großvater war der Verwalter eines kaiserlichen Gutes gewesen. Nach seinem Tod hatte Dschang Huas Vater den Posten bekleidet, und weil er mit Frau Yous erstem Mann befreundet gewesen war, hatten sie Dschang Hua und die zweite Schwester You schon im Mutterleib miteinander verlobt. Später hatten die Dschangs durch einen Rechtsstreit ihr Vermögen verloren, besaßen kaum noch so viel, daß sie sich zu kleiden und zu ernähren vermochten, und konnten sich deshalb eine Schwiegertochter nicht leisten. Nachdem die alte Frau You die Familie ihres verstorbenen ersten Mannes verlassen hatte, um sich wieder zu verheiraten, hatte zwischen beiden Seiten mehr als zehn Jahre lang keinerlei Kontakt mehr bestanden. Als jetzt ein Bote der Djias erschien und die Dschangs holte, um eine Eheverzichtserklärung zu schreiben, waren sie zwar nicht damit einverstanden, aber aus Furcht vor Djia Dschëns Machtposition mußten sie sich beugen und setzten das geforderte Schriftstück auf. Anschließend gab ihnen die alte Frau You zwanzig Liang Silber, und damit galt das Verlöbnis als gelöst. Doch genug jetzt davon. Als Djia Liän sah, daß alle Vorbereitungen getroffen waren, suchte er den dritten Tag des neunten Monats als Glückstag aus, um die zweite Schwester You als Nebenfrau heimzuführen. Im nächsten Kapitel wird mehr davon erzählt. 65. Djia Liän nimmt heimlich die zweite Schwester You zur Frau, die dritte Schwester You möchte Liu Hsiang-liän zum Mann haben.
Als alles, was Djia Liän mit Djia Dschën und Djia Jung abgesprochen hatte, ins Werk gesetzt war, wurden am zweiten Tag des neuen Monats zunächst die alte Frau You und die dritte Schwester You in die neue Wohnung geschickt. Die alte Frau You mußte zwar erkennen, daß Djia Jung ihnen weit mehr versprochen hatte, aber weil immerhin alles sehr ordentlich war, gaben sich Mutter und Tochter zufrieden. Bau Örl und seine Frau waren gleich vom ersten Zusammentreffen an sehr liebenswürdig und nannten Mutter You nicht anders als ‚alte Dame‘ oder gar ‚alte gnädige Frau‘, während sie die dritte Schwester You mit ‚dritte Tante‘ oder ‚Frau Tante‘ anredeten. Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache wurde die zweite Schwester You in einer schlichten Sänfte gebracht. Weihrauch, Kerzen und Opfergaben standen bereit, das Brautbett war schon gemacht, Wein und Speisen waren zugerichtet, so daß alles seine Ordnung hatte, und bald erschien auch in einer kleinen Sänfte Djia Liän, schmucklos gekleidet. Gemeinsam vollzogen sie ihren Stirnaufschlag vor Himmel und Erde und verbrannten die papiernen Opfergaben. Die alte Frau You sah, daß ihre Tochter von Kopf bis Fuß frisch eingekleidet und neu geschmückt war, wie sie es zu Hause nie gekannt hatte, und führte sie deshalb höchst zufrieden ins Brautgemach. Wie Djia Liän und die zweite Schwester You in dieser Nacht einem Phönixpärchen gleich auf hunderterlei Weise die Freuden der Liebe genossen, braucht nicht erzählt zu werden. Je mehr Djia Liän von der zweiten Schwester You sah und je länger er sie sah, desto besser gefiel sie ihm, und er vermochte ihr gar nicht genug zu schmeicheln. Bau Örl und dem übrigen Gesinde befahl er, sie durchaus nicht anders zu nennen als ‚junge Herrin‘, auch er selbst redete sie so an, und den Namen Hsi-fëng schien er mit einem Pinselstrich aus seinen Gedanken getilgt zu haben. Wenn er gelegentlich einmal nach Hause kam, sagte er nur, er habe im Ning-guo-Anwesen zu tun und könne sich nicht losmachen. Hsi-fëng und die anderen wußten, wie eng sein Verhältnis zu Djia Dschën war, und da sie sich denken konnten, daß es viel zu bereden gab, schöpften sie keinen Verdacht. Das zahlreiche Gesinde dagegen kümmerte sich nicht um solche Dinge, und die wenigen Neugierigen, die stets hinter jedem Klatsch her waren, bemühten sich, Djia Liän gefällig zu sein, um sich dadurch kleine Vorteile zu verschaffen. Wer von ihnen hätte also etwas verraten sollen? Djia Liäns Dankbarkeit gegenüber Djia Dschën kannte keine Grenze. Jeden Monat zahlte Djia Liän fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt der Yous. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt, kam er dagegen, aß das Paar nur zu zweit, während Mutter und Tochter sich in ihre Räume zurückzogen und dort aßen. Djia Liän brachte auch all seine Ersparnisse mit, die er im Laufe der Jahre gemacht hatte, und übergab sie der zweiten Schwester You zur Aufbewahrung. Zwischen Decken und Kissen machte er die zweite Schwester You ausführlich mit dem Charakter und dem Verhalten von Hsi-fëng vertraut und versprach ihr, sie ins Haus zu nehmen, sobald Hsi-fëng tot sei. Dagegen hatte die zweite Schwester You natürlich nichts einzuwenden. So begann sich das Leben des kleinen Haushalts von nicht viel mehr als zehn Personen einzuspielen und gestaltete sich höchst angenehm. Ehe man sich‘s versah, waren zwei Monate vergangen. Im Kloster Eiserne Schwelle waren die Totenmessen zu Ende gelesen, und am Abend kehrte Djia Dschën nach Hause zurück. Da er die Stiefschwestern seiner Frau lange nicht gesehen hatte, wollte er sie gern besuchen. Zuerst aber befahl er einem Sklavenjungen, er solle erkunden gehen, ob Djia Liän dort sei oder nicht. Als der Knabe mit der Meldung zurückkam, er sei nicht dort, war Djia Dschën hocherfreut und schickte sein ganzes Gefolge bis auf zwei vertraute Sklavenjungen fort, die ihm das Pferd führen mußten. Als sie das Haus erreichten, war es eben Zeit, die Lampen anzuzünden. Leise traten sie in den Hof, und die beiden Knaben führten das Pferd in den Stall, um dann in die Gesinderäume zu gehen und zu warten. Djia Dschën trat ins Haus, wo gerade erst die Lampen angezündet worden waren, und begrüßte als erstes die alte Frau You und ihre jüngere Tochter, dann kam auch die zweite Schwester You zu ihnen heraus, und Djia Dschën redete sie wie früher mit ‚Schwägerin‘ an. Als sie Tee tranken und plauderten, fragte Djia Dschën lächelnd: „Wie bist du mit dem Mann zufrieden, den ich dir verschafft habe? Wenn du ihn nicht genommen hättest, würdest du seinesgleichen auch mit der Laterne nicht finden. Demnächst wird dich noch eure ältere Schwester mit Geschenken besuchen kommen.“ Inzwischen hatten die zweite Schwester You befohlen, Wein und Zuspeisen zurechtzumachen und die Türen zu schließen, da sie als Verwandte unter sich waren und so keine Tabus bestanden. Als Bau Örl hereintrat, um seinen Gruß zu entbieten, redete Djia Dschën ihn an: „Ich habe dich hierher geschickt, weil du ein guter Kerl bist. In Zukunft wird es noch größere Dinge für dich zu tun geben. Nur darfst du nicht außer Hause Wein trinken gehen und irgendwelche Dinge anstellen. Selbstverständlich wird es auch Belohnungen für dich geben. Und da der junge Herr Liän viel zu tun hat und die Leute in seinem Anwesen recht gemischt sind, kannst du unbesorgt zu mir kommen, falls es hier an irgend etwas fehlt. Schließlich bin ich sein Vetter und kein Fremder.“ „Ich habe verstanden“, erwiderte Bau Örl. „Wenn ich nicht alles tue, was in meiner Kraft steht, will ich auf meinen Kopf gern verzichten.“ „Das ist es, was du verstehen solltest“, sagte Djia Dschën und nickte dazu. Dann tranken sie zu viert Wein, und da die zweite Schwester You die Situation durchschaute, forderte sie ihre Mutter auf: „Begleitet mich bitte nach drüben, Mutter! Ich bin so furchtsam.“ Auch die alte Frau You hatte begriffen und ging tatsächlich mit hinaus, so daß bei Djia Dschën und der dritten Schwester You nur die kleinen Sklavenmädchen zurückblieben. Als aber Djia Dschën so eng an die dritte Schwester You heranrückte, daß er sie mit Schulter und Wange berührte, und sich hunderterlei Freiheiten herausnahm, konnten es die Sklavenmädchen nicht länger mit ansehen und zogen sich ebenfalls zurück, damit sich die beiden keinen Zwang anzutun brauchten und miteinander treiben konnten, was immer sie wollten. Djia Dschëns Sklavenjungen saßen in der Küche und tranken mit Bau Örl zusammen Wein, während Bau Örls Frau am Herd stand und kochte, als plötzlich die beiden Sklavenmädchen lachend hereinkamen und ebenfalls Wein verlangten. „Anstatt drüben aufzuwarten, schleicht ihr hierher, und wenn man euch ruft, und ihr seid nicht da, gibt es Ärger“, hielt Bau Örl ihnen vor. „Du dummer versoffener Hahnrei, laß dich mit gelber Brühe vollaufen, und wenn du genug hast, dann klemm deinen Schwanz zwischen die Beine und mach deinen Kadaver lang!“ schimpfte seine Frau. „Es hat doch einen Dreck mit dir zu tun, ob sie rufen oder nicht. Und in jedem Falle bin ja ich da. Auch wenn es ein Gewitter gibt, wirst du doch nicht naß.“ Nun verdankte Bau Örl seinen Aufstieg einzig und allein seiner Frau, und für die jüngste Beförderung galt das erst recht. Obwohl er nichts anderes tat als Geld einstecken und Wein trinken, machte ihm doch weder Djia Liän noch jemand anders einen Vorwurf. Darum gehorchte er seiner Frau aufs Wort, gerade als wäre sie seine Mutter gewesen, und so ging er wirklich schlafen, nachdem er genug getrunken hatte.
Aus: Jinyuyuan 1889a.
Seine Frau leistete inzwischen den Sklavenmädchen und den Sklavenjungen Gesellschaft und war bemüht, sich bei ihnen lieb Kind zu machen, weil sie hoffte, sie würden dafür bei Djia Dschën ein gutes Wort für sie einlegen. Da hörten sie, als sie gerade im besten Zuge waren, plötzlich ein Klopfen am Tor, und als Bau Örls Frau rasch hinausging und öffnete, sah sie Djia Liän vom Pferd steigen.
„War irgend etwas?“ fragte er. „Euer Herr Vetter ist hier, er sitzt im westlichen Seitengebäude“, gab Bau Örls Frau leise Auskunft. Daraufhin ging Djia Liän in seinen Schlafraum, wo er die zweite Schwester You und ihre Mutter vorfand, die bei seinem Eintritt verlegene Gesichter machten. Er tat aber so, als ob er nichts merkte, und befahl: „Bring uns schnell Wein! Wir wollen ein paar Becher trinken, damit wir besser schlafen können. Ich bin schrecklich müde heute.“ Rasch trat die zweite Schwester You auf ihn zu und nahm ihm lächelnd das Obergewand ab, dann reichte sie ihm Tee und stellte ihm tausend Fragen. Djia Liän hatte so viel Freude an ihr, daß ihn das Herz unerträglich zu jucken begann. Bald darauf brachte Bau Örls Frau den Wein, und die beiden tranken einander zu. Die alte Frau You mochte nichts trinken und ging in ihr Zimmer, während eines der beiden Sklavenmädchen erschien, um dem Paar aufzuwarten. Als Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Lung-örl das Pferd in den Stall führte und dort schon ein anderes vorfand, das er bei näherer Betrachtung als Djia Dschëns erkannte, konnte er sich denken, was hier vorging, und begab sich in die Küche, wo er richtig auf Hsi-örl und Schou-örl stieß, die schon beim Wein saßen und sich bei seinem Anblick ebenfalls ihr Teil denken konnten. „Du kommst gerade richtig!“ begrüßten sie ihn lächelnd. „Wir haben nämlich mit dem Pferd unseres Herrn nicht Schritt halten können, und um nicht gegen das nächtliche Ausgehverbot zu verstoßen, haben wir hier um ein Nachtquartier gebeten.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lung-örl: „Schlaft nur hier, es ist Platz genug auf den Ofenbetten! Mich hat mein Herr hergeschickt, um das Monatsgeld zu bringen. Ich habe es der jungen Herrin ausgehändigt und übernachte ebenfalls hier.“ „Wir haben schon eine Menge getrunken“, sagte Hsi-örl, „komm, trink auch einen Becher!“ Aber kaum hatte Lung-örl sich gesetzt und seinen Becher gehoben, hörten sie plötzlich Lärm aus dem Pferdestall. Dort wollten die beiden Pferde einander nicht an der Krippe dulden und hatten begonnen, sich mit den Hufen zu treten. Rasch setzten Lung-örl und die anderen beiden Knaben ihre Becher nieder und stürzten hinaus. Als sie die Pferde mit viel Mühe wieder zur Ruhe gebracht hatten, banden sie sie an anderer Stelle fest, dann kehrten sie in die Küche zurück. „Ihr drei schlaft hier!“ sagte Bau Örls Frau zu ihnen. „Der Tee ist auch fertig, da gehe ich jetzt.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus und machte die Tür hinter sich zu. Hsi-örl, der schon einige Becher getrunken hatte, konnte kaum noch aus den Augen sehen, und als Lung-örl und Schou-örl die Tür abgeschlossen hatten und sich dann wieder nach ihm umsahen, lag er stocksteif auf dem Ofenbett. Also stießen sie ihn an und baten: „Komm hoch und leg dich ordentlich schlafen! Wenn du nur an dich denkst, sind wir beide schlecht dran.“ Aber Hsi-örl erwiderte ihnen: „Heute wollen wir uns ehrlich und gerecht eine tüchtige Portion Sesambrötchen backen! Und wer den Musterknaben spielen will, dem vögele ich seine Mutter gründlich durch!“ Lung-örl und Schou-örl merkten, daß er betrunken war, also verzichteten sie auf überflüssige Worte, bliesen das Licht aus und legten sich schlafen, so gut es ging. Auch die zweite Schwester You hatte den Lärm im Pferdestall gehört und war darüber unruhig geworden. Mit ein paar Worten lenkte sie Djia Liän ab. Djia Liän war schon nach wenigen Bechern in Frühlingsstimmung gekommen, also befahl er, den Wein und die Zuspeisen abzutragen, dann verschloß er die Tür und begann sich auszuziehen. Die zweite Schwester You trug nur eine halblange dunkelrote Jacke, und die schwarzen Wolken ihres Haares hingen lose herab. Mit ihren weingeröteten Wangen sah sie noch lieblicher aus als bei Tage. Djia Liän nahm sie in die Arme und sagte lächelnd: „Alle sagen, meine Hexe sei hübsch, ich aber finde, sie ist nicht würdig, dir die Schuhe zu reichen.“ „Ich bin zwar schön, aber ich habe keinen Charakter“, gab die zweite Schwester You zurück. „Mir scheint, die Häßlichen haben es besser.“ „Das verstehe ich nicht. Wie meinst du das?“ fragte Djia Liän sofort. „Ihr haltet mich alle für ein Dummchen, das von nichts eine Ahnung hat“, klagte die zweite Schwester You unter Tränen. „Wir sind jetzt seit zwei Monaten Mann und Frau, das ist keine lange Zeit, aber es reicht, um zu wissen, daß du nicht dumm bist. Ich werde dir im Leben als Mensch und im Tod als Geist gehören. Als deine Frau werde ich mich mein Leben lang auf dich stützen, wie könnte ich dir also auch nur ein Wort verschweigen?! Ich habe eine Stütze gefunden, aber was wird aus meiner jüngeren Schwester? Das, was jetzt ist, ist nichts für ewig. Es muß dauerhaft für sie gesorgt werden.“ „Sei unbesorgt!“ sagte Djia Liän und lächelte, „ich bin nicht von der eifersüchtigen Sorte. Was gewesen ist, weiß ich, darüber brauchst du nicht zu erschrecken. Es muß dir natürlich peinlich sein, daß mein Vetter der Mann deiner Schwester wird, aber ich werde die Ausnahme machen!“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und ging in den westlichen Hof, wo er durchs Fenster sah, daß die Lampen hell brannten und die beiden vergnügt beim Wein saßen. Er schob die Tür auf, trat ins Zimmer und sagte lächelnd: „Ich wollte den Herrn Vetter begrüßen, wenn er schon einmal hier ist.“ Djia Dschën brachte vor Scham kein Wort hervor und hatte keine andere Wahl, als aufzustehen und Djia Liän einen Platz anzubieten. „Was ist dir denn?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Haben wir uns nicht immer bestens vertragen? Dafür, was du für mich getan hast, würde ich mich für dich in Stücke hauen lassen, so unendlich dankbar bin ich dir. Wie könnte ich Ruhe finden, wenn du an mir zweifelst? Also benimm dich wieder wie früher, sonst komme ich nie wieder hierher, auch wenn ich dann ohne Sohn sterben muß.“ Bei den letzten Worten kniete er nieder, und verwirrt half ihm Djia Dschën wieder auf. Dabei sagte er nur: „Ich werde alles tun, was du befiehlst, Vetter.“ Sofort rief Djia Liän: „Bringt uns noch Wein, ich will ein paar Becher mit meinem Vetter trinken!“ Dann griff er nach der Hand der dritten Schwester You und forderte sie auf: „Komm her, du sollst auch einen Becher mit dem Vetter deines Mannes trinken!“ „Also, du bist ja einer!“ sagte Djia Dschën lächelnd. „Ich werde diesen Becher leeren!“ Und schon stürzte er den Wein in einem Zug hinunter. Derweilen stieg die dritte Schwester You aufs Ofenbett, wies mit der Hand auf Djia Liän und sagte lächelnd: „Spar dir deine schönen Worte und laß mich ungeschoren! Meinst du, ich wäre blind? Wenn du Schattentheater spielen willst, mußt du aufpassen, daß du nicht ein Loch in den Bildschirm reißt. Du mußt dir nichts vormachen und darfst dir nicht einbilden, wir wüßten nicht, wie es in eurem Hause zugeht. Wenn ihr beide glaubt, bloß weil ihr ein bißchen schnödes Geld ausgegeben habt, könntet ihr uns beide als Huren betrachten und herkommen, um euch mit uns zu amüsieren, habt ihr euch verrechnet. Ich weiß, daß mit deiner Frau kein Auskommen ist und daß du deshalb meine Schwester als Nebenfrau hierher gebracht hast. Aber einen gestohlenen Gong darf man nicht schlagen. Diese Frau Hsi-fëng würde ich gern einmal treffen, nur um zu sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände sie eigentlich hat. Solange ihr nur schön friedlich bleibt, soll alles gut sein, aber wenn ihr euch nur das mindeste leistet, was wir nicht hinnehmen können, bin ich imstande, euch die Gedärme herauszureißen. Und anschließend fechte ich es mit diesem Weibsstück aus, auch wenn es das Leben kostet, sonst will ich nicht länger die dritte Schwester You sein! – Wein trinken wollt ihr? Also los, trinken wir!“ Mit diesen Worten griff sie nach der Kanne, goß sich einen Becher Wein ein und trank ihn zur Hälfte aus. Dann schlang sie den Arm um Djia Liäns Nacken, flößte ihm den restlichen Wein ein und sagte: „Mit deinem Vetter habe ich schon getrunken, jetzt wollen wir es uns miteinander gemütlich machen!“ Djia Liän wurde vor lauter Schreck wieder nüchtern, und auch Djia Dschën hatte nicht erwartet, daß sich die dritte Schwester You so schamlos benehmen könnte. Beide Vettern waren aus den Freudenhäusern einiges gewöhnt, jetzt aber hatten ihnen die Worte eines jungen Mädchens die Sprache verschlagen. Die dritte Schwester You ließ jedoch nicht locker und rief nach ihrer Schwester. „Wenn wir uns schon vergnügen wollen, müssen wir es zu viert tun!“ verlangte sie. „Sagt nicht das Sprichwort ‚Bequemer als zu Hause hat man es nirgends‘? Sie sind Vettern, und wir sind Schwestern, da sind wir uns doch nicht fremd. Also komm nur!“ Der zweiten Schwester You war die Sache höchst unangenehm, und Djia Dschën glaubte, eine Gelegenheit gefunden zu haben, um sich wegzustehlen, aber die dritte Schwester You ließ ihn nicht fort. Jetzt begann Djia Dschën zu bereuen, daß er überhaupt gekommen war, denn das hätte er nie erwartet, daß er und Djia Liän nicht auch mit der dritten Schwester You leichtes Spiel haben sollten. Die dritte Schwester You trug jetzt ihr Haar in einem losen Knoten, ihre dunkelrote Jacke stand halb offen, so daß ihr lauchgelbes Brusttuch und ein Streifen schneeweißes Fleisch zu sehen waren. Ihre Beine in grünen Hosen und roten Strümpfen sowie ihre ‚Goldlotos‘-Füßchen0 hielt sie keinen Augenblick züchtig still, mal klopfte sie damit auf den Boden, mal öffnete und schloß sie sie. Ihre Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln hin und her, ihre weidenblattförmigen Brauen wirkten im Lampenlicht wie dunkler Nebel, und ihr sandelduftender Mund schien wie mit Zinnober betupft. Ihre Augen, die sonst klar wie Herbstwasser strahlten, waren nach dem Weingenuß umflort und verführerisch. Mit all dem stellte die dritte Schwester You nicht nur ihre ältere Schwester in den Schatten, nach dem Urteil von Djia Dschën und Djia Liän verfügte keine einzige von den Frauen vornehmen und geringen Standes, die sie bisher gesehen hatten, über solche Zartheit und solchen Charme. Beide Vettern fühlten sich wie betäubt, und als sie unwillkürlich die Hände nach der dritten Schwester You ausstrecken wollten, hatte die Wollüstigkeit des Anblicks sie selbst dazu unfähig gemacht. Mühelos konnte sich die dritte Schwester You davon überzeugen, daß die beiden nichts anderes mehr kannten und nichts anderes mehr sahen als sie. Sie waren nicht einmal mehr imstande, einen vernünftigen Satz zu äußern, und alles, woran sie noch dachten, waren Wein und Lust. Sie selbst dagegen sprach laut und ungeniert, tat sich keinerlei Zwang an und hielt die beiden kräftig zum Narren. Nicht sie hatten die Männer zur Prostituierten gemacht, sie hatten sich vielmehr vor ihr prostituiert. Als die dritte Schwester You genug getrunken hatte und ihre Stimmung verflogen war, erlaubte sie den beiden nicht, länger zu bleiben, und warf sie kurzerhand hinaus. Dann verschloß sie die Tür und legte sich schlafen. Von nun an brauchten nur die Sklavenmädchen oder die alten Sklavenfrauen etwas nicht recht zu machen, schon schimpfte die dritte Schwester You in den höchsten Tönen über Djia Liän, Djia Dschën und Djia Jung und sagte, die drei hätten eine arme Witwe und ihre verwaisten Töchter schändlich betrogen. Djia Dschën seinerseits wagte von nun an nicht mehr, ohne weiteres in die Gasse der Kleinen Blütenzweige zu kommen. Nur manchmal, wenn die dritte Schwester You in der Stimmung dazu war und ihn durch einen Sklavenjungen einladen ließ, traute er sich noch hierher und fügte sich dann stets ihren Wünschen. Die dritte Schwester You aber hatte von Natur aus die unerträgliche Neigung, sich zusätzlich zu ihrer Schönheit und ihrem Charme extravagant herauszustaffieren und mit zahllosen unzüchtigen Gesten und wollüstigen Posen, die ihr keine andere nachmachen konnte, die Männer dahin zu bringen, daß ihnen das Wasser im Munde zusammenlief und die Sinne ihnen schwanden, daß sie sich ihr nähern wollten und nicht durften, sie fliehen wollten und nicht konnten. Sie völlig verwirrt und kopflos zu machen, darin bestand ihr Vergnügen. Ihre Mutter und ihre Schwester bemühten sich nach Kräften, ihr dieses Benehmen auszureden, aber darauf erwiderte sie: „Du bist dumm, Schwester! Wir sind Mädchen wie Gold und Jade, wenn wir uns für nichts und wieder nichts von diesen Strolchen besudeln ließen, müßten wir ja als ganz und gar unfähig gelten. Zumal sie dieses bösartige Frauenzimmer im Hause haben, und wir nur so lange in Sicherheit sind, wie sie nichts von uns weiß. Sobald sie von uns erfährt, gibt es für sie keinen Grund, sich tatenlos mit diesem Zustand abzufinden, und es wird mit Sicherheit einen gewaltigen Skandal geben. Wer dabei überlebt und wer daran zugrunde geht, ist noch gar nicht abzusehen. Wenn ich nicht jetzt die Gelegenheit nutze, um mich über sie lustig zu machen und sie zu demütigen, um mich an ihnen schadlos zu halten, bleibt nachher von mir nur ein schlechter Ruf zurück, und zur Reue ist es dann zu spät.“ Dieser Rede entnahmen ihre Mutter und ihre Schwester, daß sie nicht gewillt war, auf sie zu hören, und damit mußten sie sich notgedrungen abfinden. In bezug auf Kleidung und Speisen wurde die dritte Schwester You von Tag zu Tag wählerischer. Gab man ihr Silber, dann wollte sie Gold, bekam sie Perlen, verlangte sie Edelsteine. Setzte man ihr fettes Gänsefleisch vor, dann ließ sie statt dessen feiste Enten schlachten, wenn sie nicht gar in Zorn geriet und die Speisen mitsamt dem Tisch umwarf. Gefielen ihr die Kleider nicht, die man ihr zuteilte, dannn zerschlitzte sie sie mit der Schere, mochten sie auch aus Seide oder Brokat sein und nagelneu. Und jeden Streifen, den sie abriß, begleitete sie mit einem Fluch. So hatte Djia Dschën keinen einzigen glücklichen Tag mit ihr und gab nur große Mengen Sündengeld für sie aus. Wenn Djia Liän kam, hielt er sich nur in den Räumen der zweiten Schwester You auf. Er bereute ein wenig, was er getan hatte, aber andererseits war nun einmal die zweite Schwester You eine sehr gefühlvolle Frau, die ihn für den Rest ihrer Tage als Herrn und Meister betrachtete und die auch stets wußte, wo ihn der Schuh drückte. Ihre Nachgiebigkeit und Friedfertigkeit waren zehnmal größer als die von Hsi-fëng, über alles und jedes beriet sie sich mit ihm und erlaubte sich nicht, auf Grund ihrer eigenen Fähigkeiten selbstherrlich zu entscheiden. Auch in Schönheit, Redeweise und Betragen übertraf sie Hsi-fëng noch zu fünf Zehnteln. Aber wenn sie sich auch gebessert hatte, haftete ihr doch, da sie einmal gestrauchelt war, der Makel der Unzüchtigkeit an, durch den alle ihre Vorzüge null und nichtig wurden. Djia Liän aber sagte dazu: „Welcher Mensch ist schon frei von Fehlern? Die Hauptsache ist, er stellt sie ab, sobald er sie einmal erkannt hat.“ Deshalb rührte er nicht an ihre vergangene Unkeuschheit und hielt sich nur an ihre jetzige Güte. So klebten sie aneinander wie Leim und Lack und waren so vertraut miteinander wie Fisch und Wasser. Sie waren ein Herz und eine Seele, schworen sich, miteinander zu leben und zu sterben, und für Hsi-fëng und Ping-örl war in Djia Liäns Gedanken kein Platz mehr. Noch immer redete die zweite Schwester You zwischen Decken und Kissen auf Djia Liän ein: „Berate dich mit deinem Vetter Dschën und such mit ihm zusammen einen eurer Bekannten aus, um ihn mit meiner Schwester zu verloben! Sie hier im Hause zu behalten ist auf die Dauer nicht das Richtige. Was willst du machen, wenn schließlich ein Skandal daraus wird?“ „Ich habe meinen Vetter neulich schon deswegen angesprochen, aber er will einfach nicht von ihr lassen“, berichtete Djia Liän. „Ich habe gesagt: ‚Sie ist ein schönes, fettes Stück Hammelfleisch, nur leider so heiß, daß man sich den Mund daran verbrennt, eine liebliche Rose, aber mit solchen Stacheln, daß man sich die Hände daran zersticht. Wir kriegen sie bestimmt nicht herum, darum ist die einzige Möglichkeit die, jemand zu suchen, um sie zu verloben.‘ Darauf druckste er nur herum und ließ das Thema fallen. Was also soll ich deiner Meinung nach tun?“ „Sei unbesorgt!“ sagte die zweite Schwester You. „Morgen reden wir meiner Schwester noch einmal zu, und wenn sie einverstanden ist, soll sie so weitermachen wie bisher. Wenn ihm das zuviel wird, kann er nicht anders, als sie zu verloben.“ „Völlig richtig!“ stimmte Djia Liän zu. Am nächsten Tag ließ die zweite Schwester You eine besondere Weintafel herrichten, und Djia Liän ging nicht aus dem Hause. Um die Mittagszeit bat sie dann ihre Schwester herüber und nötigte sie mit der Mutter zusammen auf die Ehrenplätze. Da konnte sich die dritte Schwester You denken, worum es ging, und ohne daß ihre Schwester den Mund aufzumachen brauchte, sagte sie nach der dritten Runde Wein unter Tränen: „Wenn du mich heute eingeladen hast, Schwester, willst du bestimmt über ein wichtiges Zeremoniell mit mir sprechen. Aber ich bin keine Närrin, und so brauchen wir die häßlichen Dinge, die es gegeben hat, nicht wieder und wieder aufzuwärmen. Ich weiß das alles, und es hat keinen Sinn, noch darüber zu reden. Nachdem du deinen Platz im Leben gefunden hast und auch Mutter dadurch eine Bleibe hat, muß ich auch für mich eine Lösung finden, damit alles seine Ordnung hat. Aber diese wichtigste Entscheidung im Leben gilt bis ans Grab, und darum ist sie kein Kinderspiel. Ich habe es mir überlegt und will mich in mein Los fügen, aber ich gehe nur mit jemand, der nach meinem Herzen und meinem Sinn ist. Wenn ihr jemand aussucht, und er wäre reich wie Schï Tschung0, talentiert wie Tsau Dschï0 und schön wie Pan Yüä0, wäre mein Leben dennoch vergeudet, wenn er mein Herz nicht gewinnt.“ „Das ist kein Problem“, sagte Djia Liän lächelnd, „wen du uns nennst, der soll es sein. Alle Geschenke geben wir, auch deine Mutter braucht sich keine Sorgen zu machen.“ Weinend erklärte die dritte Schwester You: „Meine Schwester weiß, wen ich meine, ich brauche keinen Namen zu nennen.“ Lächelnd fragte Djia Liän nun die zweite Schwester You, wer es sei, aber diese kam nicht darauf, wen ihre Schwester meinte. Während sie sich gemeinsam den Kopf zerbrachen, glaubte Djia Liän plötzlich, er müsse des Rätsels Lösung gefunden haben, darum klatschte er lächelnd in die Hände und sagte: „Ich weiß es! An ihm ist nichts auszusetzen, du hast wirklich einen guten Blick.“ Nun war es an der zweiten Schwester You zu fragen: „Wer ist es?“ „Wen soll sie wohl anders wollen? Bestimmt ist es Bau-yü!“ sagte Djia Liän lächelnd. Schon glaubten die zweite Schwester You und auch ihre Mutter, Djia Liän müsse recht haben, da spuckte die dritte Schwester You aus und fragte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müßten wir wohl zehn Vettern von euch heiraten, ja? Gibt es vielleicht außer in eurer Familie keine guten Männer mehr auf der Welt?“ Verwundert fragten sich die anderen, wen es sonst noch geben könnte, da sagte die dritte Schwester You: „Ihr dürft nicht nur in der unmittelbaren Umgebung suchen! Denk einmal daran, was vor fünf Jahren war, Schwester, dann hast du es!“ Kaum hatte sie das gesagt, kam plötzlich Djia Liäns vertrauter Sklavenjunge Hsing-örl herein und meldete: „Der alte gnädige Herr verlangt dringend nach Euch. Ich habe gesagt, Ihr wärt drüben im Haus Eures Onkels, und bin dann hierher geeilt, um Euch zu holen.“ „Hat gestern niemand nach mir gefragt?“ erkundigte Djia Liän sich rasch. „Ich habe der jungen Herrin gesagt, Ihr wärt im Familientempel, um mit Herrn Dschën noch etwas wegen des hunderttägigen Totenrituals zu besprechen und könntet wohl nicht nach Hause kommen“, berichtete Hsing-örl. Nun befahl Djia Liän, sein Pferd zu holen, und ritt in Lung-örls Begleitung davon, während Hsing-örl zurückbleiben mußte, um aufzuwarten, falls jemand käme. Die zweite Schwester You reichte ihm zwei Teller mit Speisen, ließ einen großen Becher bringen, den sie für ihn mit Wein füllte, und befahl ihm dann, er solle sich vor das Ofenbett hocken und essen und trinken. Dabei begann sie, ihn gründlich auszufragen. Wie alt seine junge Herrin sei, ob sie wirklich so tückisch sei, wie alt die alte gnädige Frau und die gnädige Frau seien, wie viele junge Fräulein im Haus seien – dies und alle möglichen anderen Familienangelegenheiten wollte sie wissen. Hsing-örl hockte lächelnd vor dem Ofenbett und aß, zugleich gab er der alten Frau You und ihren Töchtern einen ausführlichen Bericht über die Verhältnisse im Jung-guo-Anwesen. Dabei sagte er: „Ich tue Dienst am zweiten Tor, dort arbeiten wir schichtweise in zwei Gruppen zu je vier Mann, zusammen sind wir also acht. Einige von uns sind Vertraute der jungen Herrin, die andern Vertraute des jungen Herrn. Die Vertrauten der jungen Herrin wagen wir nicht herauszufordern, sie aber fordern uns heraus. Die junge Herrin selbst hat ein böses Herz und eine spitze Zunge. Unser junger Herr ist sicher nicht schlecht, aber er gilt nicht viel in ihren Augen. Dann ist da noch seine Beischläferin Ping-örl. Das ist ein guter Mensch. Obwohl sie auf der Seite der jungen Herrin steht, tut sie doch hinter ihrem Rücken viel Gutes. Die junge Herrin vergibt uns nicht, wenn wir einen Fehler gemacht haben, aber sie brauchen wir nur zu bitten, dann ist die Sache erledigt. Die junge Herrin ist in der ganzen Familie bei hoch und niedrig verhaßt, alles andere ist nur Verstellung, weil jeder Angst vor ihr hat. Eine Ausnahme bilden lediglich die alte gnädige Frau und die gnädige Frau. Und das liegt nur daran, daß niemand von den Leuten, die sie zu Gesicht bekommen, an die junge Herrin heranreicht, und weil diese ihnen ständig nach dem Munde redet. Darum wird alles getan, was sie sagt, und niemand wagt, sie zu hindern. Am liebsten möchte sie alle Ausgaben einsparen und das Silber zu einem Berg anhäufen, nur damit die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sagen, sie verstehe zu wirtschaften. Wer wüßte nicht, wie sie das Gesinde quält, nur um sich bei den Familienoberen lieb Kind zu machen. Wenn sich etwas Gutes ereignet, wartet sie nicht, bis andere es melden, sondern schiebt sich selbst damit in den Vordergrund. Wenn sich aber etwas Schlechtes ereignet, oder sie selbst hat einen Fehler gemacht, dann zieht sie den Kopf ein und wälzt alles auf andere ab. Ja, sie stellt sich noch daneben und schürt das Feuer. Selbst ihre Schwiegermutter, die erste gnädige Frau, hat nur Verachtung für sie und sagt: ‚Sie ist ein Spatz, der hoch hinaus will, eine Krähe, so schwarz wie die anderen auch. Um die eigene Familie kümmert sie sich nicht, für andere aber läuft sie sich die Hacken ab.‘ Wenn nicht die alte gnädige Frau schützend vor ihr stände, hätte sie sie längst zu sich hinübergenommen.“ „Wer weiß, wie du eines Tages von mir sprechen wirst, wenn du hinter ihrem Rücken so über sie herziehst!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Schließlich stehe ich eine ganze Stufe tiefer als sie, da wirst du wohl über mich noch mehr zu erzählen wissen.“ Sofort fiel Hsing-örl auf die Knie und versicherte: „Müßte ich nicht Angst haben, daß mich der Donner erschlägt, wenn es so wäre, wie Ihr sagt, Herrin? Es wäre für uns alle ein Glück gewesen, wenn der junge Herr gleich beim ersten Mal jemand wie Euch gefunden hätte. Dann hätten wir etwas weniger Schläge und Schelte bekommen und brauchten nicht so in Zittern und Zagen zu leben. Wer von uns Dienern des jungen Herrn lobt Euch nicht heimlich und offen für Eure heilige Tugend und Euer Mitgefühl gegen die Dienerschaft?! Wir haben schon darüber gesprochen, daß wir den jungen Herrn bitten wollen, hierher kommen zu dürfen, um Euch zu dienen.“ „Steh endlich auf, du Affenbrut!“ sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Kaum daß man einen Scherz macht, bekommst du so einen Schreck! Was wolltet ihr hier? Ich frage mich vielmehr, ob nicht ich zu eurer jungen Herrin gehen sollte.“ „Das dürft Ihr auf gar keinen Fall!“ riet ihr Hsing-örl und winkte dabei sogar mit der Hand ab. „Das beste ist, wenn Ihr sie Euer Leben lang nicht zu Gesicht bekommt. Laßt Euch das gesagt sein, Herrin. Wenn sie auch honigsüße Reden führt, ist doch ihr Herz gallebitter. Sie ist falsch und verlogen, während sie Euch mit den Augen anlächelt, zieht sie Euch mit dem Fuß die Beine weg. Sie lodert förmlich vor Liebenswürdigkeit, doch heimlich hält sie schon den Dolch in der Hand. Sie ist einfach zu allem fähig. Wahrscheinlich kann nicht einmal die dritte Tante mit ihrer flinken Zunge gegen sie an, wie sollte ihr da ein gütiger, gesitteter Mensch gewachsen sein, wie Ihr es seid?!“ „Aber was kann sie mir anhaben, wenn ich ihr mit Respekt begegne?“ fragte die zweite Schwester You. „Ihr müßt nicht denken, daß ich vielleicht flunkere, weil ich den Wein getrunken habe“, sagte Hsing-örl. „Selbst wenn Ihr höflich und zuvorkommend seid, wird sie Euch dennoch nie in Frieden lassen, sobald sie festgestellt hat, daß Ihr schöner und beliebter seid als sie. Wenn andere eine Essigflasche sind, so ist sie ein Essigkrug, ja ein ganzer Essigkübel. Wenn der junge Herr eine von den Mägden zu aufmerksam ansieht, bekommt sie es fertig und läßt sie vor seinen Augen windelweich prügeln. Obwohl doch Fräulein Ping-örl seine Beischläferin ist, macht sie es ihr zehnmal zum Vorwurf, wenn sie in ein oder zwei Jahren auch nur einmal mit dem jungen Herrn zusammen ist. Sie hat ihr deswegen so zugesetzt, daß Fräulein Ping-örl in Wut geriet und geheult und getobt hat. ‚Ich bin schließlich nicht auf eigenen Wunsch geworden, was ich bin‘, hat sie gesagt. ‚Ihr habt mir immer wieder zugeredet, und als ich nicht nachgeben wollte, habt Ihr gesagt, das sei Auflehnung. Und jetzt kommt Ihr mir so.‘ Da hat die Herrin sie zufriedengelassen und hat sich sogar bei ihr entschuldigt.“ „Jetzt lügst du aber!“ wandte die zweite Schwester You lächelnd ein. „Was sollte so eine Hexe von einer Beischläferin fürchten?“ „Dazu sagt der Volksmund ‚Alles auf der Welt läßt sich vernünftig erklären‘“, entgegnete Hsing-örl. „Diese Ping-örl ist von klein auf ihre Magd, und von den vieren, die sie bei ihrer Hochzeit mitgebracht hat, ist sie die einzige Vertraute, die ihr geblieben ist, die andern sind verheiratet worden beziehungsweise gestorben. Zur Beischläferin des jungen Herrn hat sie sie gemacht, um zum einen zu zeigen, wie gütig sie ist, und zum andern, um das Herz des jungen Herrn zu fesseln, damit er nicht fremd geht. Außerdem gab es noch einen Grund: Nach den Regeln des Hauses bekommt jeder der jungen Herren, wenn er erwachsen, aber noch nicht verheiratet ist, zwei ‚Aufwärterinnen‘. Die hatte auch unser junger Herr, aber als die junge Herrin ins Haus gekommen war, dauerte es nicht einmal ein halbes Jahr, da hatte sie die beiden unter irgendwelchen Vorwänden weggeschickt. Dagegen konnte zwar niemand gut etwas sagen, aber ihr selbst war es peinlich, und so hat sie Fräulein Ping-örl gezwungen, die Beischläferin des jungen Herrn zu werden. Dieses Fräulein Ping-örl ist ein rechtschaffener Mensch. Sie hat sich die Sache nie zu Herzen genommen und denkt auch nicht daran, die beiden gegeneinander aufzubringen. Statt dessen dient sie ihrer Herrin treu und aufrichtig, und nur deswegen wird sie von ihr geduldet.“ „So ist das also!“ sagte die zweite Schwester You. „Aber ich habe gehört, es gibt bei euch noch eine verwitwete junge Herrin und ein paar junge Fräulein. Wie finden die sich denn damit ab, wenn die junge Herrin so gräßlich ist?“ Lächelnd klatschte Hsing-örl in die Hände und sagte: „Ihr kennt unsere junge Witwe nicht, Herrin. Ihr Spitzname ist Großer Bodhisattwa, denn sie ist der gütigste Mensch, den man sich denken kann. Außerdem gibt es in den Hausregeln auch dafür Festlegungen. Verwitwete junge Herrinnen haben sich nicht um das Hauswesen zu kümmern, sondern still und zurückgezogen ihre Witwenschaft zu pflegen. Weil viele junge Fräulein im Hause sind, hat man ihr diese anvertraut, damit sie ihnen Lesen und Schreiben, Nadelarbeiten und Sittlichkeit beibringt. Das ist ihre einzige Aufgabe, um andere Dinge kümmert sie sich nicht. Nur weil die zweite junge Herrin schon so lange krank ist und viele Dinge zu erledigen waren, hat sie eine Zeitlang ausgeholfen. Aber große Entscheidungen hat sie dabei auch nicht getroffen, statt dessen hat sie sich an die herkömmlichen Regeln gehalten, nicht so wie die zweite junge Herrin, die stets viel Gewese macht, um ihre Tüchtigkeit zur Schau zu stellen. Von unserm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“ Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein.