Hongloumeng/de/Chapter 65
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Kapitel 65
賈二舍偷娶尤二姐 / 尤三姐思嫁柳二郎
Der zweite junge Herr Jia heiratet heimlich die zweite Tante You; Die dritte Schwester You will den zweiten jungen Herrn Liu heiraten
serm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“ Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein. Sie ist in Wirklichkeit die leibliche Schwester des jungen Herrn Dschën, aber da sie schon im Kindesalter die Mutter verlor, mußte unsere gnädige Frau sie auf Befehl der alten gnädigen Frau zu sich nehmen und großziehen, auch sie hat mit der Haushaltsführung nichts zu tun. Ihr wißt vielleicht nicht, Herrin, daß wir außer diesen vier Fräulein noch zwei weitere bei uns haben, wie sie im Himmel schwer zu finden und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter der verstorbenen Schwester unseres gnädigen Herrn und heißt mit Familiennamen Lin, ihr Rufname ist wohl Dai-yü. In ihrem Aussehen und ihrer Gestalt gibt sie der dritten Tante nichts nach, und sie strotzt nur so von Bildung. Nur hat sie auch vielerlei Krankheiten, und selbst bei solchem Wetter wie jetzt muß sie gefütterte Kleider tragen. Wenn sie hinausgeht, wirft jeder Windhauch sie um. Deshalb nennen wir sie, respektlos, wie wir sind, die kränkelnde Hsi-schï0. Die andere ist die Tochter der Schwester unserer gnädigen Frau und heißt mit Familiennamen Hsüä, ihr Rufname ist Bau-tschai oder so ähnlich. Sie scheint ganz und gar aus Schnee gemacht zu sein. Jedesmal wenn die beiden durchs Tor gehen oder in den Wagen steigen und wir einen Blick von ihnen erhaschen, ist es, als hätte uns ein Spuk oder ein Zauber gebannt, und wir halten den Atem an.“
„Nach den Regeln der großen Familien müßtet ihr euch doch abseits und versteckt halten, wenn die jungen Fräulein erscheinen, auch wenn ihr schon als Kinder ins Haus gekommen seid“, hielt ihm die zweite Schwester You lächelnd vor.
„Das ist es nicht“, sagte Hsing-örl und winkte ab. „Den strengen Anstandsregeln nach müssen wir uns natürlich verborgen halten, das versteht sich von selbst. Aber auch dann wagen wir nicht zu atmen, weil wir Angst haben, mit unserm Atem könnten wir das Fräulein Lin umblasen oder das Fräulein Hsüä zum Schmelzen bringen.“ Alle, die im Zimmer waren, wollten sich darüber vor Lachen ausschütten. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. 66. Ein empfindsames Mädchen betritt aus verschmähter Liebe das Reich der Toten, ein gefühlskalter Jüngling entsagt nach jäher Ernüchterung der Welt des Scheins.
Lachend gab Bau Örls Frau Hsing-örl einen Klaps und sagte: „Es ist schon etwas Wahres daran, aber du dichtest so viel Unsinn dazu, daß man dir einfach nicht glauben kann. Deinem Gerede nach sollte man meinen, du gehörst nicht zum Gefolge des zweiten jungen Herrn, sondern zu Bau-yüs Leuten.“ Eben wollte die zweite Schwester You eine weitere Frage stellen, da kam ihr die dritte Schwester zuvor und erkundigte sich lächelnd: „Was macht eigentlich euer Bau-yü, außer zur Schule zu gehen?“ „Nach ihm solltet Ihr lieber nicht fragen, Frau Tante“, erwiderte Hsing-örl mit lächelnder Miene. „Denn wenn ich von ihm erzähle, werdet Ihr mir vielleicht nicht glauben. Groß, wie er ist, hat er nie einen ordentlichen Unterricht besucht. Welcher Mann in unserm Hause, vom alten Ahnherrn bis zu unserem jungen Herrn, hätte nicht zehn Jahre lang die Schulbank gedrückt?! Er aber mag nicht lernen, der Liebling der alten gnädigen Frau. Zu Anfang hat der gnädige Herr noch versucht, ihn zu bändigen, jetzt aber wagt er das nicht mehr. Bau-yü gebärdet sich stets wie verrückt. Was er sagt, versteht keiner, und was er tut, weiß keiner. Alle sehen nur, daß er hübsch ist, und meinen, er müsse natürlich auch klug sein. In Wirklichkeit aber ist er äußerlich klar und innerlich trüb. Wenn er mit Leuten zusammentrifft, weiß er keinen einzigen Satz zu sagen, und sein Glück ist nur, daß er ein paar Schriftzeichen kennt, obwohl er keine Schule besucht hat. Weder treibt er literarische Studien, noch macht er militärische Übungen, und Besucher zu empfangen fürchtet er sich. Nur immer mit den Mädchen herumtollen möchte er. Er hat auch kein Gefühl dafür, wo Härte angebracht ist und wo Nachgiebigkeit. Wenn er uns sieht, und er hat gute Laune, dann tobt er mit uns zusammen herum, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ist er aber nicht bei Laune, dann geht er allein seines Weges und kümmert sich um niemand. Wenn wir herumsitzen oder herumliegen und ihn nicht beachten, macht er uns keine Vorwürfe. Deshalb hat niemand Respekt vor ihm, und jeder kommt bei ihm durch, wie es ihm paßt.“ „So redet ihr, wenn die Herrschaft großzügig ist, wenn sie aber streng ist, beklagt ihr euch“, sagte die dritte Schwester You lächelnd. „Da sieht man, wie schwer mit euch auszukommen ist.“ „Er hatte uns gut gefallen, und dabei steht es so mit ihm“, bemerkte die zweite Schwester You. „Schade um so einen guten Jungen!“ „Glaub doch nicht, was er uns hier erzählt, Schwester!“ wandte die dritte Schwester You ein. „Wir haben ihn doch selbst schon öfter als ein- oder zweimal gesehen. Sein Benehmen, seine Ausdrucksweise und seine Eßgewohnheiten haben etwas Mädchenhaftes, aber das liegt einfach daran, daß er es aus den inneren Gemächern so gewöhnt ist. Dumm ist er nicht.
Erinnerst du dich, wie wir in der Trauerzeit mit ihm zusammen waren? An dem Tag, als die Mönche da waren und betend den Sarg umschritten, standen wir alle dabei, und Bau-yü hat sich vor uns gestellt. Die andern sagten, er besäße kein Anstandsgefühl und sei aufdringlich, aber hat er uns nicht später leise gesagt: ‚Ihr müßt nicht denken, ich sei aufdringlich! Ich habe mir gesagt, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch würde euch durchräuchern.‘ Als er anschließend Tee trank und du auch welchen wolltest, goß dir die Alte den Tee in seine Schale, aber er hat sofort gesagt: ‚Ich habe die Schale verschmutzt, sie muß erst ausgewaschen werden!‘
Diese beiden Vorfälle scheinen mir bei nüchterner Betrachtung zu zeigen, daß er mit Mädchen auf jeden Fall auskommen kann. Außenstehende können ihn eben nicht verstehen, weil er nicht den Formen entspricht, die ihnen richtig erscheinen.“ „Wenn man dich so hört, möchte man meinen, ihr beide harmoniert miteinander nach Gefühl und Verstand. Wäre es nicht doch gut, dich mit ihm zu verloben?“ fragte die zweite Schwester You lächelnd. In Gegenwart von Hsing-örl konnte die dritte Schwester You nicht gut etwas erwidern, darum senkte sie nur den Kopf und knackte Kürbiskerne. Hsing-örl dagegen sagte lächelnd: „Nach Aussehen, Betragen und Charakter würden sie ein gutes Paar abgeben, aber Bau-yü hat schon jemand, wenn es auch noch nicht bekanntgegeben ist. Ganz ohne Zweifel ist Fräulein Lin seine Zukünftige. Nur weil sie so viel krank ist und sie beide noch zu jung sind, ist es noch nicht dazu gekommen. Aber wenn in zwei, drei Jahren die alte gnädige Frau das entscheidende Wort spricht, wird es bestimmt keine Einwände geben.“ Während sie so miteinander plauderten, kam Lung-örl wieder zurück und berichtete: „Der Auftrag des alten gnädigen Herrn ist vertraulich und von größter Wichtigkeit. Er schickt den jungen Herrn deswegen in die Bezirksstadt Ping-an0. Schon in drei bis fünf Tagen soll er sich auf den Weg machen, und für Hin- und Rückreise wird er bestimmt einen halben Monat brauchen. Heute kann der junge Herr nicht mehr kommen. Er läßt die gnädige Frau bitten, alles mit der Frau Tante abzusprechen, damit die Angelegenheit entschieden werden kann, wenn er morgen kommt.“ Nach diesen Worten ging Lung-örl wieder fort und nahm auch Hsing-örl mit. Die zweite Schwester You befahl dann, das Tor zu schließen, und ging früh zu Bett. Die ganze Nacht über setzte sie ihrer jüngeren Schwester mit Fragen zu. Am nächsten Tag erschien Djia Liän erst am Nachmittag, und die zweite Schwester You redete ihm zu: „Wenn du etwas Wichtiges zu tun hast, warum mußt du dann hierher kommen, obwohl du in Eile bist? Auf keinen Fall darfst du um meinetwillen deine Pflichten vernachlässigen!“ „Es ist ja nichts Besonderes“, erwiderte Djia Liän, „ich muß nur wieder einmal eine weite Reise machen. Sobald der neue Monat begonnen hat, breche ich auf, und einen halben Monat später kann ich erst wieder zurück sein.“ „Dann reite nur unbesorgt!“ riet ihm die zweite Schwester You. „Hier brauchst du dir um nichts Sorgen zu machen. Meine Schwester gehört nicht zu denen, die jeden Morgen und jeden Abend die Meinung ändern. Sie hat gesagt, sie bessert sich, also bessert sie sich auch. Und nachdem sie sich einmal jemand ausgesucht hat, brauchst du nur zuzustimmen, und alles ist in Ordnung.“ „Wer ist es denn nun?“ fragte Djia Liän. „Er ist jetzt nicht hier, und niemand weiß, wann er zurückkommt“, sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Es ist erstaunlich, was meine Schwester für einen Blick hat! Sie sagt, wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr, und wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre. Wenn er aber tot ist und nie mehr wiederkommt, will sie sich das Haar scheren und Nonne werden, um bis ans Ende ihrer Tage Klosterkost zu essen und zu Buddha zu beten.“ „Wer ist es, der ihr Herz so beeindruckt hat?“ fragte Djia Liän erneut. „Das ist eine lange Geschichte“, sagte die zweite Schwester You. „Als unsere Großmutter vor fünf Jahren ihren Geburtstag feierte, ging unsere Mutter mit uns zusammen zu ihr, um ihr ein langes Leben zu wünschen. Die Familie unserer Großmutter hatte eine Truppe von Liebhaberschauspielern zu sich gebeten, unter denen einer war, der junge Männer spielte und Liu Hsiang-liän hieß. In ihn hat sich meine Schwester verliebt und will jetzt nur ihn heiraten und keinen andern. Aber voriges Jahr hörten wir, er habe Unannehmlichkeiten gehabt und sei geflohen. Ob er jetzt wieder zurück ist, wissen wir nicht.“ „Schau einer an!“ rief Djia Liän aus, „ich frage mich, was für ein Mensch das sein muß, und nun stellt sich heraus, daß er es ist! Deine Schwester hat wirklich einen guten Blick. Ihr scheint aber nicht zu wissen, daß dieser junge Herr Liu zwar ein schöner Mann ist, aber sehr kühl und reserviert. Mit Durchschnittsmenschen hat er nicht viel im Sinn, aber mit Bau-yü kommt er bestens aus. Im vergangenen Jahr hat er diesen Dummkopf Hsüä Pan verprügelt, und weil es ihm danach peinlich war, mit uns zusammenzutreffen, ist er für eine Weile irgendwohin verschwunden. Später habe ich zwar von jemand gehört, er sei zurückgekommen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt oder nur erdacht ist. Wir brauchen uns nur bei Bau-yüs Knaben danach zu erkundigen, dann wissen wir es. Wenn er aber noch nicht wieder hier ist, kann es bei seiner unsteten Lebensweise leicht sein, daß er erst in einigen Jahren wieder auftaucht. Hieße das nicht, daß deine Schwester ganz umsonst wartet?“ „Was meine Schwester sagt, das meint sie auch so“, erwiderte die zweite Schwester You. „Halten wir uns also daran, was sie gesagt hat!“ Während die beiden miteinander sprachen, kam die dritte Schwester You dazu und sagte: „Sei unbesorgt, Schwager! Ich gehöre nicht zu den Leuten, deren Mund etwas anderes spricht, als das Herz empfindet. Was ich sage, das gilt. Wenn Liu kommt, dann heirate ich ihn. Von heute an werde ich fleischlose Kost essen, zu Buddha beten und meiner Mutter dienen, bis er kommt und ich ihn heiraten kann. Wenn er aber auch in hundert Jahren nicht kommt, dann will ich gehen und mich Andachtsübungen widmen.“ Mit diesen Worten schlug sie einen jadenen Haarpfeil in zwei Hälften und setzte hinzu: „Wenn auch nur ein einziger Satz unwahr ist, soll es mir so ergehen wie diesem Haarpfeil!“ Dann begab sie sich in ihr Zimmer, und von Stund an gab es bei ihr keine Bewegung und kein Wort mehr, die nicht den Riten entsprochen hätten. Djia Liän konnte nichts weiter tun, als mit der zweiten Schwester You noch ein paar Haushaltsangelegenheiten zu besprechen, dann kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück und beriet sich mit Hsi-fëng über seine Abreise. Außerdem aber schickte er jemand zu Ming-yän, um sich nach Liu Hsiang-liän zu erkundigen, und Ming-yän sagte: „Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber wahrscheinlich ist er noch nicht wieder zurück, sonst müßte ich davon wissen.“ Auch bei Lius Nachbarn ließ Djia Liän nachfragen, aber sie sagten ebenfalls, er sei noch nicht wieder da, und so konnte Djia Liän der zweiten Schwester You nichts anderes mitteilen als dies. Inzwischen kam der Termin für die Abreise immer näher, und schließlich sagte Djia Liän zwei Tage zu früh, er breche nun auf, während er sich in Wirklichkeit zunächst zur zweiten Schwester You begab, wo er noch zwei Nächte verbrachte, ehe er von hier aus die Reise in aller Stille wirklich antrat. Er konnte sich davon überzeugen, daß die dritte Schwester You gleichsam ein neuer Mensch geworden war, und er sah auch, daß die zweite Schwester You den Haushalt sehr umsichtig führte, so daß er sich wirklich keine Sorgen zu machen brauchte. Als der Tag des Aufbruchs gekommen war, verließ Djia Liän früh am Morgen die Stadt und schlug den Weg nach Ping-an ein. Am Tage ritt er, bei Nacht rastete er, wenn er durstig war, trank er, und wenn er hungrig war, aß er. Eben war er den dritten Tag unterwegs, da kamen ihm Packpferde und ein Trupp von etwa zehn Reitern, Herren und Diener, entgegen, und als er näher kam, erkannte er, daß es niemand anders als Hsüä Pan und Liu Hsiang-liän waren. Zutiefst verwundert ließ Djia Liän seinem Pferd die Zügel locker, und als er heran war und sie einander begrüßt und die üblichen Phrasen gewechselt hatten, kehrten sie in einem Wirtshaus ein, um zu rasten und sich auszusprechen. „Nachdem ihr euren Krach miteinander hattet, wollten wir euch sofort wieder versöhnen, aber von Bruder Liu fehlte jede Spur. Wie kommt es, daß ihr heute zusammen seid?“ erkundigte sich Djia Liän lächelnd. „Es gibt schon seltsame Dinge auf dieser Welt!“ erwiderte Hsüä Pan, ebenfalls lächelnd. „Ich hatte mit meinen Gehilfen zusammen Waren eingekauft, dann machten wir uns im Frühjahr auf den Heimweg und hatten auch eine gute Reise. Als wir jedoch neulich an die Bezirksgrenze von Ping-an kamen, stießen wir auf eine Bande von Räubern, die uns alles abnahmen, was wir hatten. Dann aber tauchte plötzlich Bruder Liu auf, schlug die Räuber in die Flucht, jagte ihnen unsere Waren wieder ab und rettete uns das Leben. Meine Dankgeschenke wollte er nicht annehmen, statt dessen haben wir miteinander Brüderschaft auf Leben und Tod geschlossen. Jetzt sind wir zusammen auf dem Weg in die Hauptstadt, und in Zukunft werden wir wie leibliche Brüder leben. Am nächsten Kreuzweg müssen wir uns allerdings noch einmal trennen, denn zweihundert Li südlich von dort wohnt eine Tante von Bruder Liu, die er besuchen will. Ich aber reise vor, und sobald ich meine Angelegenheiten geregelt habe, suche ich ihm ein Haus und eine gute Frau, und dann kann das Leben beginnen.“ „So ist das also! Und wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte Djia Liän. Und da schon von der Suche nach einer Frau die Rede war, fügte er rasch hinzu: „Ich wüßte eine Partie, die gerade das Richtige für Bruder Liu ist.“ Und er erzählte, wie er die zweite Schwester You zu seiner Frau gemacht hatte und daß er jetzt ihre jüngere Schwester verheiraten wollte. Nur daß die dritte Schwester You ihren Bräutigam selbst bestimmt hatte, verschwieg er. Dann schärfte er Hsüä Pan noch ein: „Du darfst aber zu Hause nichts davon erzählen! Sobald sie mir einen Sohn geboren hat, werden sie es natürlich erfahren.“ Hsüä Pan fand größtes Gefallen an der Sache und sagte: „Das hättest du längst machen sollen. Schließlich ist Kusine Hsi-fëng selbst daran schuld...“ „Du vergißt dich wieder einmal, wirst du wohl den Mund halten!“ unterbrach ihn Liu Hsiang-liän lächelnd. Wirklich hielt Hsüä Pan rasch damit inne und lenkte ab: „Also, diese Verlobung müssen wir unbedingt zustande bringen!“ „Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nur eine einmalige Schönheit zur Frau zu nehmen“, erklärte Liu Hsiang-liän, „aber aus Achtung vor meinen werten Brüdern will ich mich nicht lange bedenken, sondern eurem Urteil folgen und jeden Befehl akzeptieren.“ „Worte sind natürlich kein Beweis“, sagte Djia Liän, „aber wenn du meine Schwägerin erst siehst, wirst du feststellen, daß sie nach Charakter und Aussehen nicht ihresgleichen hat, soweit du auch in der Geschichte zurückgehen magst.“ Hocherfreut sagte Liu Hsiang-liän: „Wenn das so ist, wollen wir nur warten, bis ich meine Tante besucht habe! Noch in diesem Monat werde ich in der Hauptstadt sein, dann können wir die Sache festmachen. Wie wäre das?" „Unser Wort soll als Abmachung gelten!“ sagte Djia Liän. „Nur habe ich nicht das rechte Vertrauen zu dir, Bruder Liu, denn deine Spuren sind unstet wie Entengrütze und Meereswellen. Es wäre schade um das Mädchen, wenn du spurlos verlorengehst. Darum mußt du mir ein Verlobungsgeschenk lassen.“ „Bricht ein Mann von Charakter vielleicht sein Wort?“ fragte Liu Hsiang-liän. „Außerdem bin ich bitterarm, und wer hat schon auf Reisen ein Verlobungsgeschenk bei sich?“ „Habe ich nicht Sachen genug? Davon kann doch mein Vetter etwas bekommen und mitnehmen“, erbot sich Hsüä Pan. Aber lächelnd wehrte Djia Liän ab: „Es muß weder Gold noch Seide sein, sondern irgend etwas aus dem persönlichen Besitz von Bruder Liu. Der Wert spielt dabei keine Rolle, ich will es nur mitnehmen, damit es als Unterpfand dient.“ „Wenn es so ist“, sagte Liu Hsiang-liän, „kommt, da ich dieses Schwert hier zu meiner Selbstverteidigung brauche und mich nicht davon trennen kann, nur eines in Frage, nämlich ein Paar Ente-Erpel-Schwerter0, das ich in meinem Gepäck habe. Es ist ein Familienerbstück, das ich ohnehin nicht zu benutzen wage und nur ständig bei mir trage, damit es wohlbehütet ist. Das kann Bruder Djia als Verlobungsgeschenk mitnehmen. Wenn ich auch den Charakter von fließendem Wasser und fallenden Blüten habe, auf dieses Schwerterpaar würde ich nie verzichten.“ Als die Sache auf diese Weise abgemacht war, tranken sie noch einige Becher, dann saßen sie wieder auf, verabschiedeten sich und ritten weiter. Wahrhaftig: Ohne vom Pferd zu steigen, sprengten die Feldherrn davon. Eines Tages traf Djia Liän dann in Ping-an ein, wurde vom dortigen Ortskommandanten empfangen und entledigte sich seines Auftrages. Er erhielt die Weisung, um den zehnten Monat herum unbedingt noch einmal wiederzukommen, und nachdem er diesen Befehl entgegengenommen hatte, machte er sich schon am nächsten Tag wieder auf den Heimweg. Als erstes besuchte Djia Liän die zweite Schwester You. Sie hatte sich nach seiner Abreise höchst aufmerksam ihrem Haushalt gewidmet, hatte Tag für Tag das Tor verschlossen gehalten und sich nicht im geringsten um die Außenwelt gekümmert. Auch ihre jüngere Schwester hatte bewiesen, daß sie einen eisernen Willen besaß. In den Stunden, in denen sie nicht damit beschäftigt war, ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aufzuwarten, zog sie sich still zurück und verbrachte die Zeit, wie es ihrer Stellung entsprach. Obwohl die einsamen Nächte ungewohnt still für sie waren, hoffte sie nur, daß Liu Hsiang-liän bald käme, damit sie die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens verwirklichen konnte, und schlug sich jeden Gedanken an einen anderen aus dem Kopf. Als Djia Liän jetzt ins Haus trat und dieser Umstände gewahr wurde, fand seine Freude kein Ende, und er war tief beeindruckt von der Tugend der zweiten Schwester You. Nachdem sie die einleitenden Floskeln über das Wetter gewechselt hatten, erzählte Djia Liän, wie er unterwegs Liu Hsiang-liän begegnet war. Dann holte er das Schwerterpaar hervor und übergab es der dritten Schwester You. Diese sah, daß die Scheide mit Drachen und Ungeheuern verziert war und von Perlen und Edelsteinen funkelte. Als sie sie abzog, zeigten sich zwei eng aneinanderliegende Klingen, von denen eine die Aufschrift ‚Erpel‘, die andere die Aufschrift ‚Ente‘ trug. Ihr kalter Glanz erinnerte an zwei Streifen herbstliches Wasser. Überglücklich nahm die dritte Schwester You das Schwerterpaar in Verwahrung und hängte es in ihrem Zimmer über das Bett. Jeden Tag sah sie es an und sagte sich lächelnd, nun habe sie für den Rest ihres Lebens eine Stütze gefunden. Djia Liän blieb zwei Tage, dann begab er sich nach Hause, erstattete seinem Vater Bericht und entbot allen Familienangehörigen seinen Gruß. Hsi-fëng ging es inzwischen schon viel besser, sie hatte die Leitung des Hauswesens wieder übernommen und konnte auch wieder gehen. Djia Liän berichtete auch Djia Dschën, was sich ereignet hatte, aber dieser hatte jegliches Interesse daran verloren, weil er eine neue Freundschaft geknüpft hatte, und überließ es Djia Liän, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Doch weil er Angst hatte, Djia Liäns Mittel könnten nicht ausreichen, gab er ihm immerhin dreißig Liang Silber. Djia Liän nahm es und gab es an die zweite Schwester You weiter, damit sie eine Aussteuer davon anschaffte. Liu Hsiang-liän traf dann erst im achten Monat in der Hauptstadt ein. Als erstes suchte er das Haus von Tante Hsüä auf, um ihr seinen Respekt zu bezeugen, und wurde dort von Hsüä Kë empfangen. Er mußte erfahren, daß Hsüä Pan den Anstrengungen der Reise und dem Ortswechsel nicht gewachsen gewesen war. Gleich nach seiner Rückkehr war er zusammengebrochen und befand sich noch immer in ärztlicher Behandlung. Als Hsüä Pan erfuhr, Liu Hsiang-liän sei gekommen, ließ er ihn zu sich ins Schlafzimmer bitten, um ihn zu begrüßen. Auch Tante Hsüä ließ die Vergangenheit ruhen und war zutiefst bewegt von Lius Rettungstat. Mutter und Sohn dankten ihm immer wieder, dann kamen sie auf seine Hochzeit zu sprechen und berichteten ihm, alle Vorbereitungen seien getroffen, nur der Tag müsse noch bestimmt werden. Nun fand auch Liu Hsiang-liän mit seinen Dankesbeteuerungen kein Ende. Am nächsten Tag machte Liu Hsiang-liän dann Bau-yü einen Besuch, und als sie sich wiedersahen, fühlten sie sich wie Fische, die man ins Wasser zurückgesetzt hat. Liu Hsiang-liän erkundigte sich nach Djia Liäns heimlicher Eheschließung mit seiner Nebenfrau, und Bau-yü erwiderte lächelnd: „Ich habe zwar von Ming-yän und anderen etwas darüber gehört, aber selbst gesehen habe ich nichts. Ich möchte mich auch nicht darum kümmern. Aber von Ming-yän weiß ich, daß mein Vetter Liän dringend nach dir gesucht hat, allerdings weiß ich nicht, was er dir sagen wollte.“ Nun erzählte ihm Liu Hsiang-liän ausführlich, was sich unterwegs ereignet hatte, und Bau-yü sagte lächelnd: „Ich gratuliere, ich gratuliere! So eine Schönheit ist schwer zu finden, sie hat wirklich nicht ihresgleichen in alter und neuer Zeit. Und auch ihrem Wesen nach paßt sie bestens zu dir.“ „Aber wenn das so ist, müßte sie doch Freier genug haben“, wunderte sich Liu Hsiang-liän. „Warum hat dein Vetter nur an mich gedacht, obwohl ich mit ihm nie so vertraut gewesen bin, daß er sich um eine Frau für mich Gedanken machen müßte? Unterwegs ging alles so schnell, und er hat immer wieder darauf gedrängt, die Sache festzumachen. Kann denn die Familie des Mädchens einen Bräutigam suchen? Mir sind so meine Zweifel gekommen, und ich habe es schon bereut, ihm mein Schwerterpaar als Verlobungsgeschenk gegeben zu haben. Dann fiel mir ein, daß ich ja dich fragen kann, was dahintersteckt.“ „Du bist doch ein besonnener Mensch“, sagte Bau-yü. „Warum gibst du erst ein Verlobungsgeschenk, und dann fängst du an zu zweifeln? Früher hast du gesagt, du willst eine einmalige Schönheit, mehr nicht. Jetzt bekommst du eine, also gib dich zufrieden. Was mußt du noch zweifeln?“ „Woher weißt du überhaupt, daß sie so eine Schönheit ist, wenn du nicht einmal von dieser heimlichen Hochzeit etwas Genaues weißt?“ bohrte Liu Hsiang-liän weiter. „Die beiden sind die Töchter der Stiefmutter von Vetter Dschëns Frau“, erklärte Bau-yü. „Ich war drüben einen ganzen Monat lang mit ihnen zusammen, wie sollte ich sie also nicht kennen?! Sie sind wirklich zwei bemerkenswerte Wesen, die nicht nur You – ‚bemerkenswert‘ – heißen.“ „An der Sache ist etwas faul, auf keinen Fall lasse ich mich darauf ein“, sagte Liu Hsiang-liän und stampfte mit dem Fuß auf. „Mit Ausnahme der beiden steinernen Löwenfiguren ist doch nichts sauber in eurem Anwesen, wahrscheinlich nicht einmal die Hunde und Katzen. Ich lasse mich nicht zum Hahnrei machen, indem ich mich mit den Resten begnüge, die ein anderer übriggelassen hat!“ Bau-yü war rot geworden, als er dies hörte, und sofort schämte sich Liu Hsiang-liän seiner unbedachten Worte. Rasch machte er eine Verbeugung und sagte: „Ich habe den Tod verdient für den Unsinn, den ich schwatze! Aber sag mir wenigstens, wie es um ihren Charakter und ihr Betragen steht!“ „Warum fragst du mich, wenn du so genau über alles Bescheid weißt?“ gab Bau-yü lächelnd zurück. „Vermutlich bin doch auch ich nicht sauber.“ „Sei doch bitte nicht so empfindlich, ich hatte mich einen Augenblick lang vergessen!“ bat Liu Hsiang-liän. „Mußt du noch einmal damit anfangen?“ fragte Bau-yü und lächelte. „Du scheinst es doch mit Absicht getan zu haben.“ Daraufhin verbeugte sich Liu Hsiang-liän zum Abschied und ging hinaus. „Soll ich zu Hsüä Pan gehen?“ fragte er sich. „Aber der liegt erstens krank zu Bett, und zweitens hat er ein leichtfertiges Wesen. Das beste ist, ich gehe hin und verlange mein Verlobungsgeschenk zurück!“ Kaum hatter diesen Entschluß gefaßt, machte er sich auf die Suche nach Djia Liän und fand ihn schließlich in seinem neuen Heim. Als Djia Liän hörte, Liu Hsiang-liän sei gekommen, kannte seine Freude keine Grenze, und sofort ging er hinaus, um ihn willkommen zu heißen. Dann bat er ihn in die inneren Gemächer und machte ihn mit der alten Frau You bekannt. Liu Hsiang-liän verbeugte sich jedoch lediglich vor ihr und nannte sie auch nur „werte Frau Tante“, während er sich selbst als den ‚Spätgeborenen‘ bezeichnete, was Djia Liän reichlich verwirrte. Beim Teetrinken sagte Liu Hsiang-liän dann: „Auf der Reise hat mich der Zufall zu einem überstürzten Entschluß gebracht. Wie konnte ich ahnen, daß meine Tante schon im vierten Monat ein Verlöbnis für mich geschlossen hatte, ohne daß ich einen Einwand dagegen erheben konnte! Wollte ich deinem Wunsch folgen und meine Tante hintergehen, wäre das gegen jedes Prinzip. Wenn mein Verlobunsgeschenk aus Gold oder Seide bestanden hätte, würde ich nicht wagen, es zurückzufordern, dieses Schwerterpaar jedoch hat mir mein Großvater hinterlassen, und so muß ich schon bitten, es mir zurückzugeben.“ Bei diesen Worten wurde Djia Liän unwohl zumute, aber er sagte: „Ein Verlobungsgeschenk ist das Unterpfand eines Versprechens. Gerade weil ich befürchtet habe, du könntest es dir anders überlegen, habe ich ein Pfand verlangt. Eine Verlobung kann man nicht nach Belieben schließen und wieder rückgängig machen. Du solltest dir das noch einmal überlegen!“ „Gewiß!“ erwiderte Liu Hsiang-liän lächelnd, „ich will auch gern Schuld und Strafe auf mich nehmen, aber nachgeben werde ich in dieser Angelegenheit auf gar keinen Fall.“ Als Djia Liän immer noch nicht lockerlassen wollte, stand Liu Hsiang-liän auf und schlug vor: „Setzen wir uns nach draußen, damit ich es dir erkläre, hier können wir schlecht reden!“ Nun hatte die dritte Schwester You in ihrem Zimmer alles Wort für Wort mit angehört. Nachdem sie sich mühsam geduldet hatte, bis Liu Hsiang-liän wieder da war, mußte sie jetzt plötzlich hören, daß er die Sache bereute. Daraus schlußfolgerte sie, daß man ihm im Hause der Djias etwas von ihr erzählt haben müsse, weshalb er sie für ein schamloses Ding hielt, das nicht würdig war, seine Frau zu werden. Wenn sie jetzt zuließe, daß er mit Djia Liän hinausging, um die Verlobung endgültig zu annullieren, würde Djia Liän nichts dagegen machen können, und sie würde den Ärger haben. Darum nahm sie, kaum daß Djia Liän sich bereiterklärt hatte hinauszugehen, das Schwerterpaar von der Wand, verbarg die ‚Enten‘-Klinge hinter dem Arm, trat vor die Männer hin und sagte: „Ihr braucht nicht hinauszugehen, um die Sache weiter zu besprechen. Hier ist das Verlobungsgeschenk zurück!“ Während ihre Tränen dicht wie Regentropfen fielen, reichte sie Liu Hsiang-liän mit der linken Hand das eine Schwert mit der Scheide, dann holte sie mit der rechten Hand aus und schnitt sich mit einem einzigen Streich die Kehle durch. O weh! Rote Pfirsichblüten bedecken den Boden, nichts hilft dem gestürzten Jadeberg wieder auf. Schon war ihre duftige Seele ins Ungewisse entschwunden. Erschrocken bemühten sich alle noch, sie zu retten, aber vergebens. Laut weinend schimpfte die alte Frau You auf Liu Hsiang-liän, Djia Liän aber packte ihn und befahl, man solle ihn binden und ins Amtsgebäude schaffen. Da trocknete die zweite Schwester You ihre Tränen und redete Djia Liän zu: „Du übertreibst. Er hat sie doch nicht gezwungen, sich zu töten. Sie hat vielmehr aus eigenem Antrieb Selbstmord begangen. Welchen Sinn sollte es also haben, wenn du ihn vor den Beamten bringst? Es werden im Gegenteil nur Ärger und Verdruß daraus entstehen. Darum ist es das beste, du läßt ihn laufen. Wäre das nicht am allereinfachsten?“ Djia Liän, der nichts dagegen einzuwenden wußte, ließ Liu Hsiang-liän los und befahl ihm zu verschwinden. Liu Hsiang-liän aber ging nicht fort und sagte unter Tränen: „Ich habe nicht im mindesten geahnt, daß meine edle Gattin so einen standhaften Charakter hatte. Sie war verehrungswürdig, verehrungswürdig!“ Dann warf er sich über den Leichnam und vergoß einen Strom von Tränen. Als ein Sarg gekauft war und die dritte Schwester You hineingebettet wurde, warf er sich auch über den Sarg und weinte bitterlich, ehe er sich endlich verabschiedete und fortging. Draußen wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte, und grübelte düster und schweigsam darüber nach, wie schön und wie standhaft die dritte Schwester You doch gewesen war und daß jede Reue zu spät kam.
Die dritte Schwester You. Aus: Gai Qi 1879.
Während er so dahinging, erblickte er plötzlich einen von Hsüä Pans Sklavenjungen, der ihn nach Hause holen sollte. Willenlos ging er mit und wurde in ein Brautgemach geführt, das sehr ordentlich eingerichtet war. Auf einmal hörte es das Klimpern von jadenem Gürtelschmuck, und herein trat die dritte Schwester You.
In der einen Hand hielt sie das Schwerterpaar, in der anderen ein Heft und sagte weinend zu ihm: „In meiner törichten Liebe habe ich fünf Jahre lang auf Euch gewartet und nicht geahnt, daß Ihr wirklich ein kaltes Herz und ein kaltes Gesicht habt. Jetzt habe ich diese Torheit mit meinem Leben bezahlt. Auf Geheiß der Fee Warnendes Trugbild muß ich mich in die Wahngefilde der Großen Leere begeben, um die Akten aller in diesen Fall verwickelten Liebesnarren in Ordnung bringen zu lassen. Da ich mich nicht von Euch trennen konnte, bin ich noch einmal gekommen. In Zukunft können wir uns nicht mehr wiedersehen.“ Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen, und als Liu Hsiang-liän, der nicht von ihr lassen wollte, rasch auf sie zutrat, um sie festzuhalten und Näheres zu erfragen, sagte sie: „Ich kam aus dem Himmel der Liebe und verlasse die Erde der Liebe. In meiner letzten Existenz ließ ich mich von der Liebe betören, bin aber dadurch beschämt und erleuchtet worden. Mit Euch habe ich nichts mehr zu schaffen.“ Als sie ausgesprochen hatte, wehte ein wohlriechender Lufthauch, und sie war spurlos verschwunden. Vor Schreck kam Liu Hsiang-liän wieder zu sich, und ihm war, als ob es ein Traum und doch kein Traum gewesen wäre. Er sah sich mit großen Augen um, aber weder Hsüä Pans Sklavenjunge noch das Brautgemach konnte er entdecken. Statt dessen befand er sich in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein lahmer Dauistenpriester, der sich die Läuse absuchte. Also stand Liu Hsiang-liän auf, schlug vor dem Dauisten mit der Stirn auf den Boden und erkundigte sich: „Wo sind wir hier und wie ist Euer werter Tempelname, unsterblicher Lehrer?“ Lächelnd erwiderte der Dauist: „Ich weiß selber nicht, wo wir hier sind und wer ich bin. Ich wollte mir hier lediglich kurz die Füße ausruhen.“ Als Liu Hsiang-liän das hörte, wurde ihm unwillkürlich so kalt, als ob Frost und Eis in seine Knochen drangen. Er zog das ‚Erpel‘-Schwert aus der Scheide und schnitt sich mit einem Ruck die zehntausend Fäden des kummerbringenden Haupthaars ab. Dann folgte er dem Dauisten wer weiß wohin. In einem späteren Kapitel werden wir es erfahren.
Aus: Jinyuyuan 1889b. 67. Dai-yü erblickt Lokalprodukte und gedenkt ihres Heimatortes, Hsi-fëng erfährt ein Geheimnis und verhört einen Sklavenjungen.
Als sich die dritte Schwester You das Leben genommen hatte, waren die alte Frau You, die zweite Schwester You sowie Djia Dschën und Djia Liän, wie sich von selbst versteht, unbeschreiblich traurig. Rasch ordneten sie an, man solle die Tote einsargen, aus der Stadt schaffen und begraben. Und jetzt, da die dritte Schwester You tot war, wurde Liu Hsiang-liän von einer törichten Liebe zu ihr erfaßt. Doch ein paar ernüchternde Sätze aus dem Mund eines Dauistenpriesters zerstörten den Wahn. Liu Hsiang-liän schnitt sich sein Haar ab wie ein Mönch und verschwand mit dem verrückten Dauisten ins Ungewisse. Doch davon soll einstweilen nicht mehr die Rede sein. Nachdem Tante Hsüä erfahren hatte, Liu Hsiang-liän habe mit der dritten Schwester You ein Verlöbnis geschlossen, war sie innerlich hocherfreut und plante eben voller Begeisterung, ihm ein Haus zu kaufen und einzurichten und einen Glückstag auswählen zu lassen, an dem er die Braut heimführen konnte, um ihm so für die Großherzigkeit zu danken, daß er Hsüä Pan das Leben gerettet hatte. Plötzlich aber lärmten die Sklavenjungen des Hauses: „Die dritte Schwester You hat sich umgebracht!“ Das hörten auch die kleinen Sklavenmädchen und berichteten es Tante Hsüä. Ohne den Grund für die Tat zu kennen, seufzte Tante Hsüä darüber aus tiefstem Herzensgrund. Während sie sich noch in Mutmaßungen erging, kam Bau-tschai aus dem Garten herüber. „Hast du davon gehört, mein Kind?“ fragte Tante Hsüä. „Die jüngste Schwester der Frau deines Vetters Dschën, die mit Liu Hsiang-liän, dem Schwurbruder unseres Pan, verlobt war, hat sich aus irgendeinem Grund die Kehle durchgeschnitten. Und auch Liu Hsiang-liän ist irgendwohin verschwunden. Das ist wirklich eine seltsame Sache, die kein Mensch ahnen konnte.“ Bau-tschai hörte sich das an, ohne große Aufmerksamkeit darauf zu wenden, und erwiderte: „Nicht umsonst heißt es im Volksmund ‚Wind und Wolken sind unergründlich, Glück und Unglück wechseln fast stündlich.‘ Auch das war ihnen aus ihrer vorigen Existenz vom Schicksal bestimmt. Neulich spracht Ihr davon, daß Ihr für ihn sorgen wolltet, weil er Bruder Pan das Leben gerettet hat. Jetzt aber ist sie tot, und er ist verschwunden. Meiner Meinung nach solltet Ihr der Sache ihren Lauf lassen, ohne Euch um die beiden zu grämen.
Bruder Pan aber ist seit fast zwanzig Tagen aus dem Süden zurück, und die Waren, die er dort eingekauft hat, müssen wohl jetzt schon sämtlich versandt worden sein. Die Gehilfen, die er mitgenommen hatte, mußten sich monatelang abmühen. Darum solltet Ihr mit Bruder Pan darüber reden, daß er sie zum Dank dafür einlädt, damit sie nicht denken, wir wüßten nicht, was sich gehört.“
Während Mutter und Tochter so miteinander sprachen, kam Hsüä Pan mit Tränen in den Augen von draußen herein. Kaum daß er im Zimmer war, schlug er vor seiner Mutter die Hände zusammen und fragte: „Wißt Ihr schon, was mit Bruder Liu und der dritten Schwester You geschehen ist, Mutter?“ „Gerade habe ich es gehört“, antwortete Tante Hsüä. „Und ich sprach eben mit deiner Schwester über den Fall.“ „Habt Ihr auch davon gehört, daß Liu Hsiang-liän mit einem Dauisten fortgegangen sein soll, um Mönch zu werden?“ vergewisserte sich Hsüä Pan. „Das macht die Sache um so eigenartiger“, sagte Tante Hsüä, „wie kann ein gescheiter junger Mann wie der junge Liu auf einmal so dumm sein und mit einem Dauisten auf und davon gehen?! Ich finde, du solltest nach ihm suchen, denn ihr wart doch miteinander befreundet, und er besaß weder Eltern noch Geschwister und hat ganz allein hier gelebt. Bestimmt ist er in einem der Tempel oder Klöster hier in der Nähe.“ „Als ob ich mir das nicht auch gesagt hätte!“ erwiderte Hsüä Pan. „Kaum daß ich die Nachricht hörte, habe ich mich mit den Knaben zusammen auf die Suche gemacht, aber nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Ich habe auch die Leute gefragt, aber alle sagen, sie hätten ihn nicht gesehen.“ „Wenn du nach ihm gesucht hast, so ist deine Freundespflicht damit erfüllt, auch wenn du ihn nicht gefunden hast“, entschied Tante Hsüä. „Wer weiß, ob es ihm nicht zum Guten ausschlägt, daß er ein Mönch geworden ist! Du aber mußt dich jetzt um den Handel kümmern, und zum andern muß bald geregelt werden, was für deine eigene Hochzeit zu tun ist. Wir haben keine Leute im Haus, auch sagt das Sprichwort ‚Ein Gimpel braucht länger Zeit.‘ Wir müssen vermeiden, daß wir auf einmal unvorbereitet dastehen, daß dieses und jenes fehlt und daß uns die Leute dann auslachen. Außerdem hat auch deine Schwester gerade gesagt, du bist nun schon mehr als einen halben Monat wieder zu Hause, so daß die Waren versandt sein müßten und es daher an der Zeit wäre, für die Gehilfen, die mit dir waren, eine Weintafel herzurichten, um ihnen für ihre Mühen zu danken. Schließlich haben sie dich ein paar tausend Li weit begleitet, haben sich mehr als vier Monate lang abgeplagt und deinetwegen genug Ängste und Beschwernisse auf sich genommen.“ „Ihr habt ganz recht, Mutter, und meine Schwester denkt wirklich an alles“, erwiderte Hsüä Pan darauf. „Ich dachte auch schon daran, aber da ich tagelang zu tun hatte,die Waren überallhin zu verschicken, wußte ich kaum mehr, wo mir der Kopf stand. In den letzten Tagen war ich wegen Bruder Liu in Anspruch genommen, auch wenn das ein Schlag ins Wasser war und ich mich umsonst bemühte. Darüber habe ich meine eigentlichen Aufgaben versäumt. Wenn nicht anders, legen wir uns auf morgen oder übermorgen fest und verschicken die Einladungen!“ „Das mußt du schon selbst entscheiden“, erklärte Tante Hsüä. Hsüä Pan schien noch etwas sagen zu wollen, da kam einer der Sklavenjungen von draußen herein und meldete: „Euer Hauptgeschäftsführer, Herr Dschang, hat zwei Truhen herbringen lassen und läßt sagen, das seien Sachen, die Ihr privat gekauft habt und die nicht in den Warenlisten stehen. Er habe sie Euch schon eher bringen lassen wollen, aber sie seien unter den vielen Kisten begraben gewesen, so daß er nicht herangekommen sei. Gestern erst seien die letzten Waren versandt worden, darum habe er die Sachen nicht früher als heute bringen lassen können.“ Während er dies sagte, trugen zwei andere Sklavenjungen zwei große Truhen herein, die mit Palmfasergewebe bezogen und zusätzlich mit Brettern verschalt waren. Kaum daß Hsüä Pan die Truhen erblickte, rief er aus: „O weh! Wie konnte ich nur so dumm sein! Diese Sachen habe ich extra für Euch, Mutter, und für dich, Schwester, gekauft, aber anstatt sie euch bringen zu lassen, habe ich sie vergessen, und die Gehilfen mußten sie schicken!“ „Du sagst es!“ bemerkte Bau-tschai. „Nur weil du sie ‚extra‘ mitgebracht hast, mußten sie fast zwanzig Tage herumstehen. Wenn du sie ‚nicht-extra‘ mitgebracht hättest, wären sie wahrscheinlich bis zum Jahresende stehengeblieben und dann erst gebracht worden. Mir scheint, du bist aber auch in allem zu liederlich.“ „Es muß wohl daran liegen, daß mir unterwegs vor Schreck die Seele aus dem Leib gefahren ist und noch nicht wieder zurückgefunden hat“, entschuldigte sich Hsüä Pan lächelnd. Alle lachten ein Weilchen darüber, dann erhielt eines der kleinen Sklavenmädchen den Auftrag: „Geh hinaus und laß durch die Knaben