Hongloumeng/de/Chapter 67
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Kapitel 67
見土儀顏卿思故里 / 聞秘事鳳姐訊家童
Beim Anblick heimatlicher Gaben denkt Daiyu sehnsuechtig an ihre Heimat; Als sie von einem Geheimnis hoert, verhoert Xifeng den Diener
längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer. Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und ‑kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los. Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor. Als Bau Örls Frau öffnete, sagte Hsing-örl lächelnd zu ihr: „Geh und melde der zweiten jungen Herrin, die ältere junge Herrin sei da!“ Bau Örls Frau flog bei diesen Worten gleich die Seele zum Scheitel hinaus, und sie stürzte nach drinnen, um der zweiten Schwester You Meldung zu machen. Auch die zweite Schwester You erschrak, aber nachdem Hsi-fëng einmal da war, mußte sie sie wohl oder übel dem Ritual entsprechend empfangen. Also ordnete sie rasch ihre Kleider und ging ihr entgegen. Als sie ans Tor kam, war Hsi-fëng eben aus dem Wagen gestiegen und trat nun ein. Auf dem Kopf trug sie schlichten Silberschmuck, gekleidet war sie in ein bläulich-weißes Atlasgewand, einen Umhang aus dunkelblauem Atlas und einen Rock aus feiner weißer Seide. Ihre Brauen waren geschwungene Weidenblätter, deren Spitzen weit in die Höhe ragten, ihre Augen schmale Phönixaugen, aus deren Winkeln der Geist sprühte. Sie war schön wie eine Pfirsichblüte im Frühling, frisch wie eine Chrysantheme im Herbst. Von Dschou Juees und Lai Wangs Frau gestützt, trat Hsi-fëng in den Hof. Lächelnd ging ihr die zweite Schwester You zur Begrüßung entgegen und sagte: „Ihr laßt Euch herab, mich zu besuchen, ältere Schwester, ich aber habe verabsäumt, Euch weit entgegenzugehen. Ich bitte, mir dieses Vergehen der Unachtsamkeit zu verzeihen.“ Damit machte sie einen tiefen Knicks. Ohne Verzug erwiderte Hsi-fëng den Gruß mit lächelnder Miene, dann traten sie Hand in Hand gleichzeitig ins Haus. Nachdem Hsi-fëng Platz genommen hatte, ließ sich die zweite Schwester You von den Sklavenmädchen ein Polster bringen, kniete nieder und sagte: „Ich, Eure Sklavin, bin noch jung an Jahren. Alles, was ich getan habe, seitdem ich hier bin, geschah auf Anraten meiner Mutter und meiner Schwester. Nachdem ich heute das Glück habe, Euch zu begegnen, möchte ich, wenn ich Euch nicht zu gering bin, in allen Dingen um Eure Anweisung und Belehrung bitten. Ich will Euch auch gern mein Innerstes offenbaren, nur um Euch zu dienen, ältere Schwester.“ Mit diesen Worten beugte sie tief den Nacken vor ihr. Sofort erhob sich Hsi-fëng von ihrem Sitz, erwiderte den Gruß in der gleichen Weise und sagte: „Alles liegt nur an mir. Ich habe dem jungen Herrn immer geraten, er solle besonnen sein und nicht auswärts bei ‚Blumen und Weiden‘0 schlafen, damit er seinen Eltern keinen Kummer bereitet. Diese Bitte entsprang meinem Herzen, das töricht ist wie jedes Frauenherz. Er aber muß mich mißverstanden haben, Denn daß er es mir verschweigt, wenn er im Freudenhaus nächtigt, mag wohl angehen, er aber hat auch so eine wichtige zeremonielle Handlung wie seine Heirat mit Euch vor mir geheimgehalten. Dabei hatte ich ihm selbst schon lange geraten, diesen Schritt zu tun, um uns einen männlichen Nachkommen zu sichern. Wider Erwarten scheint er mich aber für eifersüchtig zu halten und hat diese große Angelegenheit heimlich vollzogen, ohne mich etwas davon wissen zu lassen, so daß ich niemand anders meinen Kummer klagen konnte als dem Himmel und der Erde. Erfahren habe ich schon vor zehn Tagen davon, doch weil ich Angst hatte, der junge Herr könnte zürnen, habe ich nichts gesagt. Heute nun ist er fern auf Reisen, deshalb bin ich gekommen, um Euch meinen Respekt zu bezeugen. Zugleich möchte ich Euch bitten, Mitleid mit meinem Herzen zu haben und Euch zu entschließen, zu uns zu ziehen. Nur wenn wir zusammen leben wie Schwestern und den jungen Herrn einmütig ermahnen, er solle die Dinge dieser Welt ernst nehmen und seine Gesundheit schonen, entspricht das den Riten. Wenn Ihr außerhalb lebt, ich aber in der Familie, dann wird mein Herz keine Ruhe finden, obwohl ich zu dumm und zu gering bin, um zu Eurer Gesellschaft zu taugen. Überdies würde es auch keinen guten Eindruck machen, wenn Außenstehende davon erführen. Um meinetwillen würde ich nicht grollen, wenn man über uns herzieht, der Ruf des jungen Herrn ist es, was zählt. Deshalb liegt meine Ehre in diesem Leben und in dieser Existenz ganz in Euren Händen, meine Schwester. Das Gesinde und anderer Pöbel wird bestimmt der Ansicht sein, meine übliche Haushaltsführung sei zu streng, und wird hinter meinem Rücken manches verschweigen und anderes hinzudichten – das ist nur normal. Aber wie kann ein Mensch von Euresgleichen das für die Wahrheit nehmen? Hätte man mich vielleicht bis zum heutigen Tage geduldet, wenn ich wirklich solche Unzulänglichkeiten besäße? Schließlich sind doch über mir drei Stufen von Schwiegermüttern da und neben mir unzählige Kusinen und Schwägerinnen, noch dazu sind die Djias seit Generationen eine namhafte Sippe. Eine andere würde es vielleicht als ein Ärgernis ansehen, daß der junge Herr Euch geheiratet hat, ich aber betrachte es als ein Glück. Dazu ist es nur gekommen, weil Himmel und Erde, Götter und Buddhas es nicht ertragen konnten, daß ich von gemeinen Menschen verleumdet werde. Heute bin ich gekommen, um Euch, meine Schwester, aufzufordern, mit mir zusammen zu leben und zu wohnen, damit wir gleiche Anteile empfangen und nach denselben Maßstäben behandelt werden, gemeinsam unsern Schwiegereltern dienen und gemeinsam unsern Gatten ermahnen. Freud und Leid wollen wir teilen, wollen einander lieben und miteinander harmonieren wie zwei leibliche Schwestern. Nicht nur jene verächtlichen Leute werden dann bereuen, daß sie mich bisher verkannt haben, auch unser junger Herr wird vielleicht eine heimliche Reue empfinden, wenn er nach Hause kommt und uns als unser Gatte so sieht. So könnt Ihr, meine Schwester, zu meiner größten Wohltäterin werden, die meinen Namen wieder makellos reinwäscht. Wenn Ihr mir aber nicht folgen wollt, bin ich auch gern bereit, Euch hier Gesellschaft zu leisten. Mit Freuden will ich Euch als jüngere Schwester dienen und Euch täglich beim Frisieren und Waschen aufwarten. Nur um das eine bitte ich Euch, daß Ihr zu meinen Gunsten ein gutes Wort bei unserm jungen Herrn einlegt, damit er mir soviel Platz gönnt, wie ich brauche, um eine Matte auszubreiten und meinen Körper darauf zu betten. Dafür würde ich selbst mit dem Leben zahlen.“ Bei den letzten Worten hatte sie begonnen zu schluchzen, und unwillkürlich liefen auch der zweiten Schwester You die Tränen herab. Noch einmal vollzogen sie voreinander den zeremoniellen Gruß, dann nahmen sie der Rangfolge gemäß wieder Platz. Da trat Ping-örl rasch heran und wollte ebenfalls niederknien. Aus ihrer schönen Ausstattung, ihrem gesitteten Betragen und ihrem lieblichen Gesicht hatte die zweite Schwester You schon geschlußfolgert, daß dies bestimmt Ping-örl sein müsse, darum half sie ihr jetzt geschwind mit eigener Hand wieder auf die Beine und sagte: „Nicht doch, meine jüngere Schwester! Du und ich, wir sind gleichen Ranges:“ Auch Hsi-fëng war rasch aufgestanden und sagte nun lächelnd: „Ihr zerstört ihr Glück und bringt sie zu Tode, wenn Ihr sie so behandelt, meine Schwester. Empfangt nur ihren Gruß, sie ist unsere Magd. Fortan dürft Ihr Euch nicht so zieren.“ Dann ließ sie sich von Dschou Juees Frau vier Stücken schönster Seide und vier Garnituren Kopfschmuck aus Gold und Perlen, bestehend aus Haarpfeilen und Ohrgehängen, aus ihrer Beuteltasche reichen, um sie der zweiten Schwester You als Geschenk anläßlich ihrer ersten Begegnung zu verehren, und diese kniete schnell nieder, um die Gaben zu empfangen. Während sie zu zweit Tee tranken, schilderten sie einander ihre Lebensgeschichte, und Hsi-fëng floß über von Selbstvorwürfen. „Ich kann niemand etwas verargen“, erklärte sie, „und bitte nur darum, daß Ihr mich lieb habt, meine Schwester.“ Als die zweite Schwester You sie so sah, hielt sie sie für den besten Menschen von der Welt, und da es auch der übliche Brauch ist, daß niedrige Menschen ihre Herren verleumden, wenn sie unzufrieden sind, zögerte sie nicht, ihr wirklich ihr Innerstes zu offenbaren, und glaubte schließlich, sie habe eine aufrichtige Freundin in ihr gefunden. Auch die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang sparten nebenbei nicht mit Lob über Hsi-fëngs gutes Regiment und versicherten, ihr einziger Fehler sei ihre Gutmütigkeit, die ihr oft Nachteile einbringe, was manche Leute verärgert habe. Außerdem sagten sie: „Es sind schon Zimmer für Euch hergerichtet. Ihr werdet staunen, junge gnädige Frau, wenn Ihr dort einzieht!“ Nun war die zweite Schwester You still bei sich schon lange der Meinung gewesen, es sei das beste für sie, zu den Djias zu ziehen, und nach dem heutigen Erlebnis sah sie erst recht keinen Grund mehr zu zögern, darum sagte sie: „Eigentlich müßte ich mit Euch gehen, meine Schwester, aber was soll ich hier mit dem Haus machen?“ „Das ist doch kein Problem!“ erwiderte Hsi-fëng. „Die Truhen und Körbe mit Eurer Kleidung und Eurem Schmuck können die Jungen zu uns hinüberschaffen. Den gröberen Hausrat aber, für den Ihr bei uns keinen Bedarf habt, laßt Ihr hier von jemand bewachen. Dafür könnt Ihr einsetzen, wen immer Ihr für geeignet haltet.“ „Nachdem ich Euch heute kennengelernt habe und jetzt mit Euch gehe, meine Schwester, will ich alles Eurer Entscheidung überlassen“, erklärte die zweite Schwester You. „Denn ich bin noch nicht lange hier, habe nie einen Haushalt geführt und kenne mich in den Dingen der Welt nicht aus. Wie könnte ich also etwas entscheiden?! Nur ein paar Truhen und Körbe müßten mit, da ich selbst keinen Besitz habe und auch das dem jungen Herrn gehört.“ Daraufhin erhielt Dschou Juees Frau von Hsi-fëng den Auftrag, sich alles genau zu merken und gut darauf achtzugeben, wenn es hinübergeschafft wurde. Als sich die zweite Schwester You auf Hsi-fëngs Drängen hin umgezogen hatte, stiegen sie beide Hand in Hand in den Wagen, setzten sich nebeneinander, und dann sagte Hsi-fëng leise zu ihr: „In unserer Familie herrschen strenge Regeln. Die alte gnädige Frau hat von dieser Angelegenheit nicht die mindeste Ahnung. Wenn sie erfährt, daß der junge Herr dich während der Trauerzeit geheiratet hat, läßt sie ihn ohne weiteres totschlagen. Deshalb wirst du dich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau heute noch nicht vorstellen. Wir haben einen riesengroßen Garten, in dem meine Kusinen wohnen und in den nicht leicht ein Fremder gelangt. Dort mußt du ein paar Tage wohnen, bis ich einen Weg gefunden habe, um die Sache klarzulegen, dann erst können wir dich präsentieren.“ „Ich füge mich Eurer Entscheidung, Schwester“, willigte die zweite Schwester You ein. Die begleitenden Sklavenjungen waren vorab instruiert worden, und so fuhren die Wagen jetzt nicht durchs Haupttor, sondern durch den Hintereingang. Als sie ausgestiegen waren, schickte Hsi-fëng das Gefolge fort, dann führte sie die zweite Schwester You durch das hintere Tor in den Garten des Großen Anblicks zu Li Wan und machte die beiden miteinander bekannt. Zu dieser Zeit wußten im Garten des Großen Anblicks schon neun von zehn Leuten über Djia Liäns heimliche Ehe Bescheid, und als die zweite Schwester You jetzt von Hsi-fëng in den Garten gebracht wurde, erschienen sie zahlreich, um sie sich anzusehen. Alle wurden sie von der zweiten Schwester You empfangen, und jede zollte ihrer Schönheit und ihrer Freundlichkeit Lob. Jede einzelne aber wurde von Hsi-fëng gewarnt: „Draußen darf von ihr nichts bekannt werden! Wenn die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau von ihr erfahren, bringe ich dich um!“ Da alle Sklavenfrauen und -mädchen im Garten vor Hsi-fëng Angst hatten und sehr gut wußten, daß sich Djia Liän durch diese Tat während der Staatstrauer und der Familientrauer zugleich eines schwerwiegenden Vergehens schuldig gemacht hatte, ließen sie die Finger davon. Dann richtete Hsi-fëng leise die Bitte an Li Wan: „Nimm sie ein Weilchen hier bei dir auf. Sobald ich drüben von ihr berichtet habe, zieht sie natürlich hinüber.“ Da Li Wan wußte, daß Hsi-fëng schon Räume hatte herrichten lassen, und da es nur korrekt war, die Sache nicht während der Trauerzeit zu offenbaren, mußte sie die zweite Schwester You wohl oder übel vorläufig bei sich aufnehmen. Hsi-fëngs nächster Schritt bestand darin, der zweiten Schwester You alle ihre Sklavenmädchen wegzunehmen und ihr statt dessen eines ihrer eigenen Mädchen zur Bedienung zu schicken. Außerdem gab sie heimlich allen Sklavenfrauen im Garten den Befehl: „Paßt mir gut auf sie auf! Wenn sie wegläuft, rechne ich mit euch ab!“ Weitere Maßnahmen traf sie in aller Stille. Jeder im Hause aber staunte still bei sich: ‚Schau an, wie gütig sie auf einmal ist!‘ Als die zweite Schwester You dieses Unterkommen erhalten hatte und feststellte, daß alle Mädchen im Garten gut zu ihr waren, glaubte sie ruhigen Herzens und frohen Sinnes, nun sei ihr Platz im Leben gefunden. Aber drei Tage später begann das Sklavenmädchen Schan-djiä auf einmal, widersetzlich zu werden. Die zweite Schwester You hatte zu ihr gesagt: „Mein Haaröl ist alle, geh zur älteren jungen Herrin und laß dir welches geben!“ Schan-djiä aber erwiderte: „Ihr wißt es wohl nicht zu schätzen, wie gut Ihr es habt, junge Herrin, oder Ihr habt keine Augen im Kopf. Die junge gnädige Frau muß sich Tag für Tag hier um die alte gnädige Frau und dort um die gnädige Frau kümmern. Sämtliche Schwägerinnen und Kusinen sowie ein Gesinde, das nach Hunderten zählt, alle warten sie jeden Morgen auf ihre Anordnungen. Jeden Tag hat sie mindestens zehn bis zwanzig große und noch einmal dreißig bis fünfzig kleinere Angelegenheiten zu entscheiden. Nach außen hin hat sie den Geschenkverkehr mit wer weiß wie vielen Persönlichkeiten zu unterhalten, von der kaiserlichen Nebenfrau bis zu den Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Grafen, und zu Hause muß sie sich um die Betreuung von Verwandten und Freunden kümmern. Tausende Liang Silber und Zehntausende Bronzemünzen gehen täglich durch ihre Hände, ihre Gedanken und ihre Reden. Und da wollt Ihr sie wegen so einer Nichtigkeit behelligen? Ich kann Euch nur raten, etwas bescheidener zu sein. Eure Ehe ist nicht einmal auf ordentliche Weise und mit anständigen Vermittlern geschlossen
Aus: Jinyuyuan 1889b. worden, und trotzdem ist die junge gnädige Frau so nett zu Euch, weil sie so ein gütiger Mensch ist, wie es ihn seit Urzeiten selten gegeben hat. Wenn sie auch nur etwas weniger Tugend besäße, würde sie auf Eure Forderungen hin zu schreien und zu toben beginnen und Euch auf Gedeih und Verderb aus dem Hause jagen, ohne daß Ihr es wagen dürftet, Einwendungen dagegen zu machen.“ Diese Worte bewirkten, daß die zweite Schwester You den Kopf hängen ließ und sich sagte, wenn man ihr so käme, müsse sie wohl oder übel ein wenig zurückstecken. Nach und nach aber begann Schan-djiä, auch das Essen unregelmäßig zu bringen. Mal brachte sie ihr nur zur Morgenmahlzeit eine Portion, mal nur am Abend, und was sie brachte, waren nichts als Reste. Als die zweite Schwester You ihr ein paarmal etwas deswegen gesagt hatte, begann sie sogar zu toben. Und wieder hatte die zweite Schwester You Angst, man könnte sie auslachen, weil sie ihren Platz nicht kannte, und fügte sich. Wenn sie alle fünf bis acht Tage einmal mit Hsi-fëng zusammentraf, zeigte diese ihr stets ein fröhliches, freundliches Gesicht, nannte sie in einem fort „meine Schwester“ und forderte sie auf: „Wenn es das Gesinde an etwas fehlen läßt und dir nicht gehorcht, dann sag es mir, und ich lasse sie schlagen!“ Außerdem schalt sie die Sklavenmädchen und -frauen: „Euch kenne ich nur zu gut, die Sanften betrügt ihr, und die Unsanften fürchtet ihr. Sobald ich euch den Rücken kehre, kennt ihr keinen Respekt mehr. Aber wenn ihr der jüngeren Herrin auch nur den kleinsten Grund zur Klage gebt, bezahlt ihr dafür mit dem Leben!“ Als die zweite Schwester You sah, wie gut es Hsi-fëng mit ihr meinte, sagte sie sich: „Warum soll ich viel Aufhebens darum machen, wenn ich doch sie habe! Ist es nicht der übliche Zustand, daß das Gesinde sich nicht zu benehmen weiß? Wenn ich mich beschwere und sie deswegen leiden müssen, gebe ich den Leuten nur Anlaß, mich engherzig zu nennen.“ Und so schwieg sie von den Unbotmäßigkeiten. Inzwischen hatte Hsi-fëng durch Lai Wang genaue Erkundigungen einholen lassen, und nun wußte sie über die Angelegenheiten der zweiten Schwester You bestens Bescheid. Sie hatte in der Tat schon einen Verlobten gehabt, der jetzt erst neunzehn Jahre alt war und sich nur herumtrieb, um zu huren und Glücksspiele zu spielen, anstatt einem ordentlichen Gewerbe nachzugehen. Den Familienbesitz hatte er durchgebracht, deswegen hatte ihm sein Vater die Tür gewiesen, und seitdem hatte er in einer Spielhölle Zuflucht gefunden. Als der Vater aus den Händen der alten Frau You zehn Liang Silber erhielt, machte er die Verlobung rückgängig, aber davon wußte der Sohn noch nichts. Der Name des Sohnes lautete wirklich Dschang Hua. Nachdem Hsi-fëng all dies hatte auskundschaften lassen, händigte sie Lai Wang ein Päckchen mit zwanzig Liang Silber aus und befahl ihm heimlich, er solle sich an Dschang Hua heranmachen und ihn freihalten, um ihn dann zu veranlassen, eine Anklageschrift aufzusetzen und bei den Behörden einzureichen, in der Djia Liän beschuldigt wurde, in einer Zeit von Staats- und Familientrauer entgegen dem kaiserlichen Befehl und ohne das Wissen seiner Eltern, gestützt auf Reichtum und Macht die Auflösung einer Verlobung erzwungen und eine zweite Gattin genommen zu haben. Aber Dschang Hua war sich der Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens wohl bewußt und wollte nichts überstürzen. Als Hsi-fëng durch Lai Wang hiervon unterrichtet wurde, schimpfte sie: „Der Kerl ist ja wie ein kranker Hund, der sich nicht über die Mauer helfen lassen will! Erklär ihm, daß es nichts ausmachen würde, wenn er uns dreist des Hochverrats beschuldigen würde. Die Hauptsache ist, daß mit seiner Hilfe Unruhe entsteht und unser Ansehen gefährdet wird. Wenn die Sache zu große Kreise zieht, werde ich schon für Ruhe sorgen.“ Lai Wang nahm den Befehl entgegen und setzte Dschang Hua alles genau auseinander. Dann befahl ihm Hsi-fëng: „Dich soll er ebenfalls beschuldigen, dann wirst du mit ihm konfrontiert und handelst soundso... Ich weiß schon, wie wir es machen müssen!“ Lai Wang fügte sich ihrer Entscheidung und gab Dschang Hua den Auftrag, auch seinen Namen in die Anklageschrift einzufügen. „Beschuldige mich einfach, ich sei der Mittelsmann gewesen, der den jungen Herrn zu allem angestiftet hat“, sagte er. Nachdem Dschang Hua wußte, was er zu tun hatte, und alles mit Lai Wang abgesprochen war, schrieb er die Anklageschrift, ging am nächsten Tag zum Zensorat und erhob Klage. Als der Zensor in der Amtshalle Platz genommen hatte und die Anklageschrift las, in der Beschuldigungen gegen Djia Liän erhoben wurden, die aber auch einen Haussklaven namens Lai Wang erwähnte, hatte er keine andere Wahl, als seine Leute zum Anwesen der Djias zu schicken, damit sie Lai Wang zum Verhör vorführten. Die Amtsdiener wagten jedoch nicht, bis ins Anwesen vorzudringen, und wollten nur befehlen, man solle Lai Wang eine Nachricht hineinbringen. Das war aber gar nicht nötig, denn in Erwartung der Amtsdiener hatte Lai Wang schon längst auf der Straße gestanden. Als er sie endlich kommen sah, ging er ihnen noch entgegen und begrüßte sie lächelnd: „Es tut mir leid, daß ihr euch herbemühen mußtet, meine Brüder! Bestimmt geht es um meine Verbrechen. Also, was hilft‘s? Legt mir schon die Kette um den Hals!“ Das aber wagten die Amtsdiener denn doch nicht und forderten ihn nur auf: „Komm brav mit und mach kein Aufsehen!“ Als sie dann in der Amtshalle waren, kniete Lai Wang nieder, und der Zensor befahl, ihm die Anklageschrift zu reichen. Lai Wang sah sie sich zum Schein auch an, dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, und anschließend erklärte er: „Ich weiß von der Sache, mein Herr hat das wirklich getan. Dieser Dschang Hua aber war schon lange mit mir verfeindet, darum hat er mich absichtlich mit hineingezogen. Es war aber jemand anders beteiligt. Ich bitte Euer Gnaden, den Kläger noch einmal zu befragen.“ Sofort berührte auch Dschang Hua mit der Stirn den Boden und sagte: „Es war zwar wirklich noch jemand beteiligt, aber ich habe nicht gewagt, ihn zu beschuldigen, deshalb habe ich nur den Knecht angezeigt.“ Mit gespielter Entrüstung forderte Lai Wang ihn auf: „Sprich endlich, du dummer Tropf! Wir sind in einer kaiserlichen Amtshalle. Auch wenn es ein Herr ist, mußt du seinen Namen nennen.“ Daraufhin sagte Dschang Hua aus, es handle sich um Djia Jung, und so war der Zensor gezwungen, auch ihn vorladen zu lassen. Hsi-fëng hatte sich heimlich durch Tjing-örl auf dem Laufenden halten lassen, und als der Name Djia Jung endlich gefallen war, ließ sie sofort Wang Hsin zu sich rufen, weihte ihn in die Sache ein und befahl ihm, den Zensor zu bitten, er solle zum Schein Strenge üben, damit die Schuldigen einen tüchtigen Schreck bekämen. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, sollte Wang Hsin dem Zensor dreihundert Liang Silber übergeben. Noch am selben Abend begab sich Wang Hsin in die Privaträume des Zensors und leitete hier die Sache in die Wege. Der Zensor verstand, worauf es ankam, und nahm die Bestechung entgegen. Am nächsten Tag verkündete er in der Amtshalle, Dschang Hua sei ein Taugenichts, der den Djias seit langem einen Betrag Silber schulde und deshalb eine falsche Anklage gegen Unschuldige erhoben habe. Da der Zensor ein alter Freund von Wang Dsï-tëng war, hatte Wang Hsins Besuch ausgereicht, um ihn zu veranlassen, den Fall so schnell wie möglich abzuschließen, zumal es sich um niemand anders als die Djias handelte. Also meldete er die Sache nicht weiter, schlug alles nieder und ließ nur Djia Jung zum Verhör vorladen. Djia Jung war eben damit beschäftigt, im Auftrage von Djia Dschën etwas zu erledigen, als plötzlich jemand die Nachricht brachte. Sie seien von jemand verklagt worden, hieß es, die Sache sei die und die, und er solle rasch entscheiden, was zu tun sei. Verwirrt eilte Djia Jung zu Djia Dschën, um ihm Bericht zu erstatten. „Darauf war ich gefaßt“, sagte Djia Dschën, „und doch ist es erstaunlich, was dieser Kerl sich erlaubt.“ Worauf er sofort zweihundert Liang Silber einpacken ließ, mit denen jemand zum Zensor gehen sollte, um ihn zu bestechen. Außerdem befahl er, es solle jemand vom Gesinde zum Verhör gehen. Während er diese Maßregeln traf, wurde ihm plötzlich gemeldet: „Die zweite junge gnädige Frau ist da.“ Bei diesen Worten bekam es Djia Dschën mit der Angst zu tun und wollte sich eiligst mit Djia Jung zusammen verstecken. Aber schon trat Hsi-fëng ins Haus und sagte: „Ein feiner älterer Vetter bist du! Und feine Sachen treibst du da mit einem Jüngeren zusammen!“ Rasch trat Djia Jung ihr entgegen und entbot seinen Gruß, sie aber zog ihn mit in den Innenraum. Hier sagte Djia Dschën noch mit lächelnder Miene: „Sorg schön für deine Tante! Laß ein Huhn schlachten und Essen machen!“ Dann befahl er, sofort sein Pferd zu satteln, und brachte sich irgendwohin in Sicherheit. Hsi-fëng aber ging mit Djia Jung in den Hauptraum hinüber, wo ihnen Frau You entgegenkam, die beim Anblick von Hsi-fëngs drohender Miene fragte: „Was hat dich so in Rage gebracht?“ Da spuckte Hsi-fëng ihr voll ins Gesicht und schimpfte: „Mußtest du die Tochter der Yous bei den Djias einschmuggeln, weil keiner sie haben wollte? Taugen die Männer nur bei den Djias etwas, oder sind alle andern Männer auf der Welt ausgestorben? Und wenn es schon sein mußte, warum dann nicht wenigstens mit den drei Vermittlern und den sechs Zeugen und so, daß alle davon wissen, damit die Sache ihre Form hat? Hat dir der Schleim das Herz verstopft, hat dir das Fett die Sinne verkleistert, daß du sie obendrein während der Staatstrauer und der Familientrauer hier anschleppen mußtest? Jetzt hat uns jemand angezeigt, ich aber stehe schutz- und hilflos da, und man wird von Amts wegen feststellen, daß ich bösartig und eifersüchtig bin. Mein Name ist genannt, und mich wird man abschieben. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir so grausam mitspielen müßt? Oder haben vielleicht die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dich angestiftet, mir diese Falle zu stellen, weil sie mich aus dem Haus haben wollen? Komm, wir wollen zusammen vor den Beamten treten und dort alles klären! Und wenn wir zurückkommen, bitten wir die ganze Sippe, sich zu versammeln, und legen die Sache vor aller Augen klar. Und dann bekomme ich meinen Scheidungsbrief und verlasse das Haus.“ Das hatte sie unter einem Strom von Tränen vorgebracht, und nun versuchte sie, Frau You mit sich zu ziehen, wobei sie immer wieder verlangte, mit ihr vor den Zensor zu gehen. In heller Aufregung kniete Djia Jung nieder, schlug mit der Stirn auf den Boden und bat in einem fort: „Beruhigt Euch, Tante!“ Aber schon beschimpfte Hsi-fëng auch ihn: „Du gewissenloser Bengel! Der Donner soll dir den Schädel spalten, und fünf Teufel sollen deinen Leichnam zerreißen! Du weißt nichts vom Ernst des Lebens, aber du mußt andere dazu anstiften, solche schamlosen und gesetzlosen Dinge zu treiben, mit denen die Familie ins Verderben gestürzt wird. Die Seele deiner verstorbenen Mutter wird dir das nicht nachsehen, deine Ahnen werden es dir nicht nachsehen, und du wagst es noch, auf mich einzureden!“ Mit diesen Worten holte sie schluchzend mit der Hand aus und schlug zu. Wieder stieß Djia Jung hörbar mit der Stirn auf den Boden und bat: „Beruhigt Euch, Tante, und schont Eure Hände! Ich werde mich selber schlagen. So beruhigt Euch doch!“ Und tatsächlich holte er mit beiden Händen weit aus, um sich eine Portion Ohrfeigen zu verabreichen. Dabei rief er, sich selbst anklagend, aus: „Wirst du dich noch einmal blindlings um Dinge kümmern, die dich nichts angehen? Wirst du in Zukunft noch einmal auf deinen Onkel hören statt auf deine Tante?“ Das anwesende Gesinde redete begütigend auf ihn ein, aber zugleich war ihnen zum Lachen zumute, ohne daß sie zu lachen gewagt hätten. Jetzt warf sich Hsi-fëng Frau You an die Brust, heulte zum Steinerweichen und jammerte laut: „Ich bin euch ja nicht böse, weil ihr ihm eine Frau gesucht habt. Aber warum mußtet ihr ihn anstiften, es gegen den kaiserlichen Befehl, hinter dem Rücken der Verwandtschaft und mir zur Schande zu tun? Gehen wir vor den Beamten, ehe die Büttel und Amtsdiener uns holen! Und dann treten wir vor die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und die ganze Sippe, damit alle zusammen darüber entscheiden! Wenn ich wirklich so bösartig bin und meinem Mann nicht gestatte, eine andere Frau zu nehmen oder eine Nebenfrau zu kaufen, braucht man mir nur den Scheidungsbrief zu geben, und ich verlasse auf der Stelle das Haus. Deine Schwester habe ich ins Haus geholt, und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau würden zornig werden, habe ich ihnen nichts davon gesagt. Üppig verpflegt und von schönen Sklavinnen umschmeichelt, wohnt sie im Garten. Schon war ich dabei, Zimmer für sie herrichten zu lassen, wo sie es genauso gut haben sollte wie ich selbst, wenn erst die alte gnädige Frau Bescheid wüßte. Ich wollte sie zu uns holen, und dann, sagte ich ihr, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir sind und was wir haben, ohne daß ich noch an Vergangenes rühre. Wie konnte ich denn ahnen, daß sie auch noch verlobt gewesen ist! Ich wußte doch nicht, was ihr angestellt habt, und hatte von nichts eine Ahnung. Jetzt hat uns jemand angezeigt, und gestern habe ich mir in meiner Aufregung – schließlich bringe ich ja die Djias in Verruf, wenn ich vor den Beamten muß – nicht anders zu helfen gewußt, als heimlich fünfhundert Liang Silber zu nehmen, die der gnädigen Frau gehörten, um ihn damit zu bestechen. Heute hat man sogar meine Leute dort eingesperrt.“ Diese Erzählung hatte Hsi-fëng schluchzend und fluchend vorgebracht, und als sie fertig war, beweinte sie laut ihre Eltern und Ahnen und machte sogar Anstalten, sich den Kopf einzurennen, um sich das Leben zu nehmen. Zum Schluß war Frau You so weich geworden wie ein Klumpen Teig, ihre ganze Kleidung war mit Tränen und Rotz befleckt, und anstatt sich zu verteidigen, beschimpfte sie Djia Jung: „Du Unglücksbrut! Fein hast du das mit deinem Vater zusammen gedeichselt! Hatte ich nicht gesagt, die Sache sei faul?!“ Als Hsi-fëng diese Worte hörte, heulte sie von neuem auf, packte Frau Yous Kopf mit beiden Händen, zog ihr Gesicht dicht vor das ihre und fragte: „Ja, warst du denn nicht bei Sinnen? Konntest du nicht den Mund auftun? Hatten sie dich vielleicht geknebelt? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte dann nicht alles glimpflich abgehen können? Was mußt du jetzt ihnen noch grollen, nachdem es schon so weit gekommen ist, daß die Behörden eingegriffen haben? Von alters her heißt es ‚Wenn die Frau tüchtig ist, trifft wenig Unheil den Mann; nicht auf seine, sondern auf ihre Stärke kommt es an.‘ Wenn du nur in Ordnung wärst, hätten sie so etwas nie getan! Du bist untüchtig, du kannst nicht reden, du bist ein Versager, der nur blindlings und ängstlich darauf bedacht ist, für tüchtig gehalten zu werden. Und darum haben sie keinen Respekt vor dir und hören auch nicht auf dich.“ Und wieder spuckte sie ein paarmal aus. „Es ist aber wahr“, sagte Frau You, ebenfalls unter Tränen. „Wenn du mir nicht glaubst, kannst du mein Gefolge fragen, ob ich den beiden nicht davon abgeraten habe und ob sie nicht hätten hören müssen. Was konnte ich denn machen? Ich mußte sie gewähren lassen. Daß du mir jetzt böse bist, kann ich dir nicht verdenken.“ Inzwischen war der Raum dicht gedrängt voller Nebenfrauen, Sklavenmädchen und Sklavenfrauen, die auf der Erde knieten und lächelnd baten: „Ihr seid doch von himmlischer Klugheit, zweite junge gnädige Frau! Obwohl unsere junge Herrin im Unrecht ist, habt Ihr sie nun genug gedemütigt. Habt Ihr Euch vor uns Sklaven nicht immer gut verstanden mit ihr? Also laßt ihr bitte auch jetzt noch ein wenig Ehre!“ Mit diesen Worten reichten sie ihr Tee, und wenn Hsi-fëng auch die Teeschale auf den Boden schmetterte, hörte sie doch auf zu heulen und steckte sich das Haar wieder hoch. Dann aber fuhr sie Djia Jung unter Tränen an: „Geh und bitte deinen Vater her! Ich möchte ihn von Angesicht zu Angesicht fragen, was für ein Ritual das ist, wenn von der Trauerzeit für seinen Vater eben erst fünfmal sieben Tage vorbei sind, und der Neffe des Toten heiratet. Ich möchte mir Klarheit darüber verschaffen, damit auch ich später meine Neffen dementsprechend erziehen kann.“ Djia Jung schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Meine Eltern haben nichts mit der Sache zu tun. Nur ich muß wohl Dreck gefressen haben, daß ich meinen Onkel dazu anstiften konnte. Mein Vater hat gar nichts davon gewußt. Heute will er eben das Begräbnis des verewigten gnädigen Herrn regeln, und wenn Ihr ihm jetzt einen Skandal macht, kostet es mich das Leben. Darum bitte ich Euch, mich zu bestrafen, und bin bereit, jede Strafe hinzunehmen. Nur diesen Prozeß bitte ich Euch abzuwenden, Tante, denn so schwerwiegenden Dingen bin ich nicht gewachsen. Ein Mensch wie Ihr kennt sicher den Ausdruck ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Ich bin hoffnungslos dumm gewesen, dumm wie ein Kätzchen oder ein junger Hund, daß ich so ungehorsam sein konnte. Ihr, die Ihr mich lehrt, habt einen anderen Horizont als ich, darum kann ich Euch nur bitten, so gut zu sein, diesen Prozeß zu unterdrücken. Ich bin Euch ein sehr ungehorsamer Neffe, und für das Unheil, das ich angerichtet habe, verdiene ich Kränkung. Dennoch solltet Ihr Mitleid mit mir haben.“ Und wieder schlug er unaufhörlich mit dem Kopf auf den Boden. Als Hsi-fëng Mutter und Sohn so kläglich vor sich sah, konnte sie sich nicht gut weiter so aufspielen wie bisher. Statt dessen machte sie sich die Schwächen der Gegenseite zunutze, verbeugte sich Verzeihung heischend vor Frau You und sagte: „Ich bin jung und unwissend. Als ich erfuhr, es hat uns jemand angezeigt, war ich vor Schreck wie von Sinnen und habe dich eben zutiefst beleidigt, Schwägerin. Aber wie Jung gerade gesagt hat, ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Versetz dich also in meine Lage und sprich bitte mit meinem Vetter, damit er zuerst diesem Prozeß ein Ende macht.“ „Sei unbesorgt!“ sagte Frau You. Und Djia Jung versprach: „Der Onkel wird nicht in Mitleidenschaft gezogen. Eben sagtet Ihr, Ihr habt fünfhundert Liang Silber eingesetzt, also müssen wir unsererseits fünfhundert Liang zusammenbringen und sie Euch als Wiedergutmachung übersenden, damit nicht Ihr für die entstandene Fehlsumme aufkommen müßt, sonst würden wir erst recht den Tod verdienen. Und noch etwas: vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau solltet Ihr die Angelegenheit der Sicherheit und der Einfachheit halber nicht erwähnen.“ Darauf erwiderte Hsi-fëng mit reserviertem Lächeln: „Erst seid ihr mir in den Rücken gefallen, und jetzt wollt ihr mich beschwatzen, auf eure Sicherheit Rücksicht zu nehmen. Ich mag zwar dumm sein, aber so dumm bin ich doch wieder nicht. Ich bin mit deinem Schwager verheiratet, und es mag schon sein, daß du befürchtest, er könnte ohne männlichen Nachkommen bleiben, aber habe ich nicht noch größere Angst davor als du? Deine jüngere Schwester gilt mir wie eine eigene Schwester, und als ich von der Sache erfuhr, konnte ich vor lauter Freude nicht schlafen und habe sofort Leute geholt, um Zimmer für sie herrichten zu lassen, damit ich sie zu uns nehmen kann, um gemeinsam mit ihr zu leben. Aber die Sklaven mit ihrem niedrigen Verstand haben zu mir gesagt: ‚Ihr seid zu gutherzig, junge gnädige Frau! Wenn es nach uns ginge, würden wir erst der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau von der Sache Meldung machen und abwarten, was sie dazu meinen. Dann ist immer noch Zeit, um die Zimmer herzurichten und die Neue ins Haus zu nehmen.‘ Erst als ich sie schlug und beschimpfte, hörten sie auf, so zu reden. Konnte ich ahnen, daß es doch nicht so kommt, wie ich gedacht hatte, und daß ich statt dessen so einen Reinfall erlebe, daß aus heiterem Himmel dieser Dschang Hua auftaucht und eine Anklageschrift einreicht? Als ich davon erfuhr, ist mir so ein Schreck in die Glieder gefahren, daß ich zwei Nächte lang kein Auge zugetan habe. Trotzdem wagte ich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und habe mich nur erkundigt, wer dieser Dschang Hua überhaupt ist, daß er sich so erdreistet. Nach zwei Tagen Nachforschung stellt sich heraus, er ist ein Taugenichts und Bettler. In meinem jugendlichen Unverstand sagte ich mir lachend: ‚Was kann uns seine Klage schon anhaben?‘ Aber die Jungen haben mich aufgeklärt: ,Die jüngere Herrin war ursprünglich mit ihm verlobt. Jetzt lebt er in größter Bedrängnis, und wenn er verhungern oder erfrieren muß, ist sein Leben ohnehin zu Ende. Also hat er sich in diese Sache verbissen, und selbst wenn er deswegen sterben muß, ist das ein sinnvollerer Tod, als wenn er verhungert oder erfriert. Da braucht man sich über seine Anzeige nicht zu wundern. Unser Herr ist da etwas vorschnell gewesen. Die Staatstrauer macht das erste Vergehen, die Familientrauer das zweite, die heimliche Hochzeit hinter dem Rücken der Eltern das dritte und die Doppelehe das vierte. Wie das Sprichwort sagt ,Wer es in Kauf nimmt, sich bei lebendigem Leibe zerstückeln zu lassen, der kann sich erlauben, den Kaiser vom Pferd zu zerren.‘ Wen die Armut um den Verstand gebracht hat, der ist zu allem fähig. Außerdem ist ja das Recht auf seiner Seite. Hätte er vielleicht, anstatt uns anzuzeigen, warten sollen, bis man ihn bittet?‘ Glaubt mir, auch wenn ich ein Han Hsin oder ein Dschang Liang0 wäre, als ich das gehört hatte, war ich vor Schreck mit meiner Weisheit am Ende. Außerdem ist dein Schwager nicht zu Hause, und ich hatte niemand, mit dem ich mich beraten konnte. Der einzige Ausweg bestand darin, diesem Dschang Hua Geld zu schicken, aber je mehr er bekam, desto unverschämter wurde er und desto mehr hat er aus mir herausgepreßt. Aber wieviel kann man schon herauspressen aus einem Pickel auf einem Mäuseschwanz! Deshalb war ich so verwirrt und so wütend und konnte nicht anders, als zu dir zu kommen...“ „Kein Grund zur Sorge!“ warfen Frau You und Djia Jung nun ein, und Djia Jung erklärte: „Dieser Dschang Hua ist vor Armut einfach von Sinnen, nur deshalb hat er sein Leben riskiert und diese Anzeige erstattet. Wir wollen es so machen, daß wir ihm ein bißchen Silber versprechen, wenn er nur gesteht, daß seine Anschuldigungen falsch waren. Dann sorgen wir dafür, daß der Prozeß gegen ihn niedergeschlagen wird, und wenn er entlassen wird, bekommt er noch einmal ein wenig Silber, und damit ist der Fall erledigt.“ „Mein lieber Junge“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „es ist wirklich kein Wunder, daß du diese Sache angestellt hast, denn du bist einfach dumm. Wenn wir es so machen würden, wie du es gesagt hast, dann würde er sicher zustimmen, und wenn er freigelassen wird und obendrein noch Silber bekommt, wäre der Fall vorerst natürlich erledigt. Aber solche Leute sind nun einmal Schurken, und wenn das Silber, das wir ihm geben, erst einmal alle wäre, würde er eine Möglichkeit suchen, um mehr von uns zu erpressen. Wenn er dann die Geschichte noch einmal aufrührt, brauchten wir nicht gerade Angst zu haben, aber ein Grund zur Sorge wäre es schon. Es ist ja nicht auszuschließen, daß er sagt: ‚Wenn nichts daran faul war, warum haben sie mir dann das Silber gegeben?‘ Ein Spiel ohne Ende würde das werden.“ Nun war Djia Jung ein verständiger Mensch, und so erwiderte er, als er diese Worte vernommen hatte, mit lächelnder Miene: „Ich habe noch einen Vorschlag. ‚Wer die Sache verbockt hat, der muß sie auch ins reine bringen.‘ Also muß ich es doch selbst übernehmen. Ich werde zu diesem Dschang Hua gehen und ihn fragen, was er will, unbedingt seine Braut wiederhaben oder die Sache mit Geld bereinigen und eine andere heiraten. Wenn er unbedingt seine Braut wiederhaben will, muß ich meine Tante überreden, hier fortzugehen und ihn doch noch zu heiraten. Wenn er aber Geld will, müssen wir es ihm geben.“ „Das sagst du so“, entgegnete Hsi-fëng daraufhin rasch, „aber ich lasse deine Tante auf keinen Fall von hier fort und werde sie auf keinen Fall drängen. Mein lieber Neffe, wenn du mich gern hast, kannst du nichts anderes tun, als ihm recht viel Geld zu geben.“ Djia Jung wußte genau, daß Hsi-fëngs Worte nur Heuchelei waren, daß sie sehnlichst hoffte, die andere loszuwerden, und daß sie nur die Gütige spielte. Dennoch versprach er zu tun, was sie verlangte. Hsi-fëng äußerte ihre Freude darüber, dann sagte sie: „Was wir draußen zu tun haben, ist leicht erledigt, aber wie verfahren wir auf lange Sicht hier im Hause? Das beste ist, du kommst mit nach drüben, und wir klären die alte gnädige Frau und die gnädige Frau auf!“ Erschrocken faßte Frau You nach Hsi-fëngs Hand und bat sie, sich etwas auszudenken, womit sie sich durchschwindeln konnten. „Wenn du nicht das Zeug dazu hast, warum mußt du dann solche Sachen anstellen?“ fragte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln. „Jetzt aber kommst du mir so, das gefällt mir nicht. Eigentlich sollte ich mir nichts ausdenken, aber ich bin ein gutmütiger, weicher Mensch, und selbst wenn man mich zum Besten hält, bewahre ich mir mein törichtes Herz. Also muß ich wohl auch dazu ja sagen. Haltet ihr euch im Hintergrund, und ich führe deine Schwester zur alten gnädigen Frau und zur gnädigen Frau, damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen. Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen.