Hongloumeng/de/Chapter 73

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 72 · 73 · 74 · 75 · 76 · 77 · 78 · 79 · 80 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 73

痴丫頭誤拾繡春囊 / 懦小姐不問累金鳳

Ein einfaeltiges Dienstmaedchen findet versehentlich ein besticktes Fruehlingsacessoire; Die schuechterne junge Dame fragt nicht nach dem goldenen Phönix

Ding‘. Wenn Blödchen wirklich einmal gegen die Umgangsformen verstieß, wurde sie als Liebling der Herzoginmutter von niemandem getadelt. Und so konnte sie es sich auch erlauben, in den Garten zu gehen, um dort zu spielen, wenn die Herzoginmutter sie nicht rufen ließ. Auch heute war Blödchen im Garten gewesen und hatte Grillen gefangen, als sie plötzlich hinter einem Felsvorsprung einen buntbestickten Riechbeutel fand, der so prächtig und sorgfältig gearbeitet war, daß man wirklich seine Freude daran haben konnte. Er war jedoch keineswegs mit Vögeln und Blumen oder mit einem ähnlichen Motiv bestickt, vielmehr zeigte die eine Seite ein splitternacktes Paar in innigster Verstrickung und die andere Seite einige Schriftzeichen. Blödchen, die nicht verstand, daß es sich um eine erotische Darstellung handelte, überlegte still bei sich: „Das müssen wohl zwei böse Geister sein, die miteinander kämpfen. Oder aber es sind Mann und Frau, die sich gegenseitig verhauen.“ Nachdem sie so herumgerätselt hatte, ohne eine Lösung zu finden, hatte sie die Stickerei der Herzoginmutter zeigen wollen und war deshalb, völlig in den Anblick versunken, lachend dahergegangen, bis sie plötzlich vor Dame Hsing stand. Als sie deren Frage hörte, sagte sie lächelnd: „Ihr habt recht, gnädige Frau, das ist wirklich etwas Kostbares. Schaut es Euch an!“ Und mit diesen Worten reichte sie ihr den Riechbeutel hin. Kaum hatte Dame Hsing die Stickerei erblickt, preßte sie den Beutel in der Hand zusammen, so fest sie nur konnte, und fragte hastig: „Woher hast du das?“ „Ich habe es beim Grillenfangen auf einem Felsvorsprung gefunden“, gab Blödchen Auskunft. „Du darfst keinem Menschen etwas davon sagen!“ schärfte Dame Hsing ihr ein. „Das ist ein ganz böses Ding, dafür würde man selbst dich zu Tode prügeln. Aber weil du nun einmal ein Blödchen bist, wollen wir nicht mehr davon sprechen!“ Als Blödchen das hörte, wurde sie vor Entsetzen aschfahl im Gesicht und versprach: „Ich will es nie wieder tun!“ Schon kniete sie nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden. Dann ging sie wie betäubt davon. Dame Hsing wandte den Kopf, aber es waren nur Mädchen in ihrer Begleitung, und denen konnte sie so etwas nicht gut in Verwahrung geben. Darum schob sie sich den Riechbeutel in den Ärmel und grübelte höchst verwundert darüber nach, woher er wohl stammen mochte. Davon ließ sie sich jedoch äußerlich nichts anmerken, als sie jetzt in Ying-tschuns Räume trat. Ying-tschun, die sich durch die Verfehlungen ihrer Amme gleichfalls betroffen fühlte, war eben nicht sehr wohl zumute, da wurde plötzlich gemeldet, ihre Mutter sei da, und sie mußte sie in ihr Innenzimmer bitten. Nachdem der Tee aufgetragen war, sagte Dame Hsing: „Du bist alt genug. Warum hast du deiner Amme nichts gesagt, als sie solche Dinge trieb? Alle andern stehen jetzt makellos da, nur jemand von unseren Leuten mußte so etwas machen. Wie ginge das an?“ Mit gesenktem Kopf nestelte Ying-tschun an ihrem Gürtel, ehe sie endlich erwiderte: „Ich habe ihr ein paarmal etwas gesagt, doch da sie nicht auf mich hören wollte, konnte ich auch nichts machen. Zumal sie ja meine Amme ist, die wohl mir Vorhaltungen machen kann, ich aber nicht ihr.“ „Unsinn!“ sagte Dame Hsing, „wenn du dich nicht richtig verhältst, muß sie dir natürlich die Meinung sagen, aber jetzt hat sie gegen die geltenden Regeln verstoßen, also hättest du das gnädige Fräulein herauskehren müssen. Und wenn sie sich erdreistet hätte, dir nicht zu gehorchen, hättest du mir davon Meldung machen müssen. Statt dessen hast du gezögert, bis jetzt alle Welt davon weiß, und wie stehen wir nun da! Und außerdem, wenn sie eine Spielhölle betrieben hat, wird sie wohl, fürchte ich, mit glatten Worten und geschickten Reden versucht haben, einiges an Schmuck und Kleidern von dir zu borgen, um sich ein Startkapital zu verschaffen. So willensschwach und gutmütig, wie du bist, hast du ihr bestimmt ein wenig unter die Arme gegriffen. Sollte sie dir wirklich etwas abgeschwatzt haben – ich habe kein Geld, um es für dich auszulösen. Ich bin gespannt, was du zu den kommenden Feiertagen machst!“ Als Ying-tschun, anstatt zu antworten, nur wieder den Kopf gesenkt hielt und mit ihrem Gürtel spielte, fuhr Dame Hsing mit kühlem Lächeln fort: „Dein feiner älterer Bruder Liän lebt mit deiner Schwägerin Hsi-fëng herrlich und in Freuden, alles halten sie unter ihrer Fuchtel, überall haben sie ihre Finger im Spiel, aber an die einzige Schwester, die er hat, verschwenden sie keinen Gedanken. Wenn er nur mein leiblicher Sohn wäre! Dann wüßte ich, was ich ihm zu sagen hätte. So aber muß ich ihn tun und treiben lassen, was er mag, zumal ich auch dich nicht geboren habe. Aber wenn du auch nicht dieselbe Mutter hast wie er, so habt ihr doch einen gemeinsamen Vater, und deshalb müßte es schon ein wenig wechselseitige Aufmerksamkeit geben, damit man sich nicht zum Gespött der Leute macht. Die Dinge dieser Welt sind, wie mir scheint, schwer gegeneinander abzuwägen. Du bist die Tochter einer Nebenfrau des älteren gnädigen Herrn, und Tan-tschun ist die Tochter einer Nebenfrau des zweiten gnädigen Herrn, also seid ihr eurer Herkunft nach gleich. Nun ist deine Mutter schon tot, aber als sie noch lebte, war sie nach meinem Urteil zehnmal so gut wie Nebenfrau Dschau. Also müßtest auch du von Rechts wegen besser sein als deine Kusine Tan-tschun. In Wirklichkeit aber bist du auch nicht halb so gut wie sie. Das ist wahrhaftig eine Merkwürdigkeit, die niemand ahnen konnte. Nur gut, daß ich mein Leben lang keinen Sohn und keine Tochter hatte und meine Tage in Ruhe verbringen konnte, ohne die Leute zu Spott und Gerede herauszufordern!“ „Unser Fräulein ist bieder und tugendhaft, nicht glattzüngig und redegewandt wie das dritte gnädige Fräulein, das alle seine Kusinen in den Schatten stellen möchte“, warfen Ying-tschuns Sklavenfrauen ein, die dienstfertig dabeistanden. „Sie weiß ganz genau, wie unser Fräulein ist, aber sie zeigt kein bißchen Wohlwollen für sie.“ „Was kann man schon von andern erwarten, wenn selbst ihr Bruder und seine Frau so zu ihr sind?“ fragte Dame Hsing. Das hatte sie kaum gesagt, als gemeldet wurde: „Die Frau des jungen Herrn Liän ist da.“ Als Dame Hsing das hörte, lachte sie nur zweimal kühl auf, dann befahl sie der Sklavin, wieder hinauszugehen, und trug ihr auf: „Ich lasse sie bitten, sie möge gehen und sich ausruhen. Ich brauche ihre Aufwartung hier nicht.“ Anschließend kam ein Sklavenmädchen, das für Dame Hsing Kundschafterdienste versah, und meldete: „Die alte gnädige Frau ist aufgewacht.“ Jetzt endlich stand Dame Hsing wieder auf, um sich in den vorderen Teil des Anwesens zu begeben. Ying-tschun gab ihr das Geleit bis vor das Hoftor, ehe sie wieder hineinging. „Was wird denn nun?“ fragte jetzt Hsiu-djü. „Schon neulich hatte ich Euch gemeldet, der Phönixhaarpfeil aus Goldfiligran mit den Perlen daran sei verschwunden, aber Ihr wolltet nichts davon wissen. Als ich sagte, bestimmt habe Eure Amme ihn verpfändet, um das Silber, das sie dafür bekommen hat, in ihre Spielhölle zu tragen, da wolltet Ihr es nicht wahrhaben und sagtet, Sï-tji habe den Haarpfeil weggelegt. So habe ich mich dann bei Sï-tji erkundigt, und wenn sie auch krank liegt, ist sie doch bei klarem Bewußtsein. Ich habe sie also gefragt, und sie hat geantwortet, sie habe den Haarpfeil nicht weggelegt, er liege vielmehr noch in dem Kästchen in Eurem Büchergestell, weil Sï-tji annahm, Ihr würdet ihn am fünfzehnten achten0 tragen wollen. Ihr hättet also Eure Amme danach fragen müssen, aber das war Euch natürlich genierlich, weil Ihr Angst hattet, sie könnte böse werden. Im Augenblick ist wohl noch nichts zu befürchten, aber was wird, wenn demnächst alle ihren Phönixhaarpfeil tragen und nur Ihr eine Ausnahme macht?“ „Warum hätte ich fragen sollen?“ gab Ying-tschun ihr zurück. „Selbtverständlich hat sie sich den Haarpfeil genommen, weil sie momentan eine kleine Unterstützung brauchte. Ich glaubte, genauso heimlich, wie sie ihn genommen und fortgeschafft hat, werde sie ihn nach kurzer Zeit auch wieder zurücklegen, und damit würde alles in Ordnung sein. Ich konnte ja nicht ahnen, daß sie es vergessen würde. Nachdem es zum Skandal gekommen ist, würde es auch nichts mehr nützen, sie zu fragen.“ „Was heißt vergessen?“ nahm wieder Hsiu-djü das Wort. „Nur weil sie sich über Euren Charakter im klaren ist, hat sie das getan. Aber ich habe eine Idee. Ich werde zur zweiten jungen gnädigen Frau gehen, um ihr die Sache zu melden. Entweder sie schickt jemand zu Eurer Amme, um den Haarpfeil von ihr zurückzufordern, oder sie vereinfacht die Sache, indem sie ihr die paar Münzschnüre0 gibt, die sie braucht, um ihn auszulösen. Wie findet Ihr das?“ „Hör auf damit!“ protestierte Ying-tschun sofort, „hör auf und steck lieber zurück! Eher will ich auf den Haarpfeil verzichten, als noch mehr Verwicklungen heraufzubeschwören.“ „Warum seid Ihr bloß so weich?“ fragte Hsiu-djü. „Wenn Ihr immer zurückstecken wollt, wird man eines Tages noch Euch selbst mit Hilfe von irgendeiner List hier wegschleppen. Es ist doch das beste, ich gehe zu ihr!“ Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Ying-tschun aber schwieg und mußte ihr ihren Willen lassen. Dabei ahnten sie freilich nicht, daß die Schwiegertochter von Ying-tschuns Amme, die Frau von Wang Dschu-örl, gekommen war, um Ying-tschun zu bitten, ein gutes Wort für ihre Schwiegermutter einzulegen. Als sie hörte, daß von dem goldenen Phönixhaarpfeil gesprochen wurde, war sie natürlich draußen geblieben. Im übrigen wurde Ying-tschun auf Grund ihrer Schüchternheit von der Familie Wang genausowenig ernst genommen wie von allen anderen. Als Wang Dschu-örls Frau jetzt hörte, daß Hsiu-djü fest entschlossen war, Hsi-fëng von dem Vorfall Meldung zu machen, so daß sie befürchten mußte, es sei nicht darum herumzukommen, ging sie doch hinein, zumal sie ja auch Ying-tschun ihre Bitte vortragen wollte. Lächelnd wandte sie sich dann an Hsiu-djü und sagte: „Bleibt hier, Fräulein, und verursacht keinen neuen Skandal! Den goldenen Haarpfeil des gnädigen Fräuleins hat sich meine alte Schwiegermutter in ihrer Dummheit vorübergehend ausgeliehen, weil sie einiges Geld beim Spiel verloren hatte und nichts mehr besaß, um es zurückzugewinnen. Eigentlich hatte sie ihn sofort wieder auslösen wollen, aber weil es ihr nicht gelang, ihr Kapital zurückzugewinnen, hat sich die Sache verzögert. Nun aber mußte gerade jetzt irgendwer alles ausplaudern, und die ganze Geschichte ist aufgeflogen. Dennoch würden wir natürlich nie wagen, etwas zu verbummeln, was der Herrschaft gehört, und werden den Haarpfeil über kurz oder lang wieder auslösen. Jetzt aber möchte ich das gnädige Fräulein daran erinnern, wie sie von klein auf von meiner Schwiegermutter die Brust bekommen hat, und möchte sie bitten, zur alten gnädigen Frau zu gehen und sich dafür einzusetzen, daß meine Schwiegermutter begnadigt wird.“ „Diese Wahnidee schlag dir nur schnell aus dem Kopf, gute Schwägerin!“ nahm als erste Ying-tschun das Wort. „Wenn du darauf warten willst, daß ich mich für sie verwende, wirst du auch nächstes Jahr noch vergeblich warten. Eben haben es meine Kusinen Hsüä und Lin schon gemeinsam versucht, und die alte gnädige Frau ist nicht darauf eingegangen. Was also könnte ich allein ausrichten? Ich schäme mich gerade schon genug, soll ich mir obendrein noch eine Abfuhr holen?“ „Den Haarpfeil auszulösen ist eine Sache, und für deine Schwiegermutter um Gnade zu bitten eine andere. Das beides darfst du nicht durcheinanderbringen“, sagte jetzt Hsiu-djü. „Hast du vielleicht vor, den Haarpfeil nicht auszulösen, wenn sich das gnädige Fräulein nicht für deine Schwiegermutter einsetzt? Also bring uns zuerst den Haarpfeil, und dann reden wir weiter!“ Ying-tschuns unverhüllte Weigerung und Hsiu-djüs scharfe Zurechtweisung waren mehr, als Wang Dschu-örls Frau ertragen konnte. Auf Ying-tschuns übliche Gutherzigkeit bauend, hielt sie sich an Hsiu-djü, der sie nun entgegnete: „Pocht nur nicht so auf Eure Machtstellung, Fräulein! Geht einmal die ganze Familie durch und seht Euch an, welche von den alten Ammen dank der jungen Herrschaft, auf die sie sich stützen kann, nicht reichliche Vorteile hätte. Nur uns wird alles peinlich genau vorgerechnet, und die einzigen, die heimlich alles wegtragen dürfen, seid Ihr. Seitdem dieses Fräulein Hsing im Hause ist, wird auf Befehl der gnädigen Frau ein Liang Silber pro Monat eingespart, um es der gnädigen Frau Tante zu geben. Die Unterhaltskosten für Fräulein Hsing sind dazugekommen, das Monatsgeld jedoch ist um ein Liang gekürzt worden, aber wer ginge hin, um mehr zu verlangen? Immer, wenn es an etwas mangelt, haben eben wir dafür aufzukommen, anstatt daß alle ein bißchen genügsamer

Aus: Chengjiaben 1791. sind. Alles in allem haben wir bis zum heutigen Tag wenigstens dreißig Liang Silber geopfert. Sollten wir das ganze Geld vielleicht für nichts und wieder nichts ausgegeben haben...“ Ohne zu warten, bis sie zu Ende gesprochen hatte, spuckte Hsiu-djü aus und fuhr sie an: „Wofür mußtest du dreißig Liang Silber opfern? Das mußt du mir vorrechnen! Und was hätte das gnädige Fräulein von euch verlangt?“ Zugleich aber gebot ihnen Ying-tschun Einhalt, kaum daß sie gehört hatte, wie Wang Dschu-örls Frau auch Dame Hsing mit ins Spiel brachte. „Schluß jetzt, Schluß!“ forderte sie, „wenn du nicht einmal meinen goldenen Phönixhaarpfeil herbeischaffen kannst, brauchst du hier auch nicht herumzuschreien und vom hundersten ins tausendste zu kommen. Ich will den Haarpfeil gar nicht mehr haben. Wenn die gnädigen Frauen wirklich danach fragen sollten, sage ich einfach, ich hätte ihn verloren, dann seid ihr in keiner Weise betroffen. Und jetzt solltest du nach Hause gehen und dich ausruhen, das wäre das beste!“ Zugleich befahl sie Hsiu-djü, sie solle ihr Tee eingießen. Aber zornig und erregt sagte Hsiu-djü: „Ihr habt zwar nichts zu befürchten, aber wie stehen wir da, wenn es heißt, wir ließen Eure Sachen verlorengehen! Und hat sie nicht eben behauptet, Ihr hättet Geld von ihnen verbraucht, und wollte sich nun an Euch schadlos halten? Und was passiert, wenn die gnädige Frau fragt, wofür Ihr dieses Geld verbraucht habt? Wird es nicht heißen, wir hätten unsern Vorteil daraus gezogen? Nicht auszudenken wäre das!“ Bei diesen Worten brach sie in Tränen aus. Auch Sï-tji hatte es nicht länger mit anhören können und schleppte sich jetzt herüber, um gemeinsam mit Hsiu-djü ihre Vorwürfe gegen Wang Dschu-örls Frau zu richten. Als Ying-tschun merkte, daß sie durch ihr Zureden nicht zum Schweigen zu bringen waren, griff sie sich einen Band von „Des Allerhöchsten Obersten Schrift über die Vergeltung“0 und begann, darin zu lesen. Während die drei Streitenden nicht voneinander lassen wollten, erschienen Bau-tschai, Dai-yü, Bau-tjin und Tan-tschun in Ying-tschuns Gehöft, weil sie sich gesagt hatten, Ying-tschun werde heute in gedrückter Stimmung sein, und sie nun trösten wollten. Schon als sie in den Hof traten, hörten sie einen Wortwechsel, an dem zwei oder drei Personen beteiligt zu sein schienen. Also schaute Tan-tschun durch das Gazefenster ins Zimmer und erblickte dort Ying-tschun, die auf ihrem Bett lag und in einem Buch las, als ob sie die Auseinandersetzung gar nicht bemerkte – ein Anblick, der auch Tan-tschun zum Lachen brachte. Inzwischen hoben die kleineren Sklavenmädchen den Türvorhang auf und meldeten: „Die gnädigen Fräulein sind gekommen.“ Jetzt erst legte Ying-tschun ihr Buch beiseite und stand vom Bett auf. Als aber Wang Dschu-örls Frau sah, daß Gäste kamen und daß auch Tan-tschun darunter war, hörte sie ganz von selbst auf zu streiten und glaubte, eine günstige Gelegenheit zum Rückzug gefunden zu haben. Doch kaum daß Tan-tschun sich hingesetzt hatte, fragte sie schon: „Wer hatte hier eben gesprochen? Es hörte sich nach einem Streit an.“ „Nicht doch!“ sagte Ying-tschun lächelnd. „Das war nur viel Lärm um nichts. Es lohnt nicht, danach zu fragen.“ „Ich habe aber gehört, daß von einem goldenen Phönixhaarpfeil die Rede war“, beharrte Tan-tschun, ebenfalls lächelnd, „außerdem hat jemand gesagt: ‚Wenn kein Geld da ist, laßt Ihr Euch welches von uns Sklaven geben.‘ Wer also läßt sich hier Geld von den Sklaven geben? Etwa du, Kusine? Bekommst du nicht dein Monatsgeld genau wie wir, mit dem du dein Auskommen hast?“ „Ihr habt völlig recht, gnädiges Fräulein!“ sagten Sï-tji und Hsiu-djü darauf. „Alle gnädigen Fräulein erhalten das gleiche, und überall werden diese Gelder von den Ammen in einer Weise ausgegeben, daß selbst wir nicht wissen, wie wir das abrechnen sollen. Nur den Mund brauchen sie aufzumachen, wenn sie etwas haben wollen. Aber sie dort hat behauptet, unser gnädiges Fräulein habe zuviel verbraucht und sie habe wer weiß wieviel zuschießen müssen. Dabei hat unser gnädiges Fräulein nie etwas von ihnen verlangt.“ „Wenn meine Kusine nichts von ihnen verlangt hat, sind vielleicht wir es gewesen“, sagte Tan-tschun lächelnd. „Ruft sie noch einmal herein, ich möchte sie danach fragen!“ „Das ist ja lächerlich, was du da sagst“, versuchte Ying-tschun, wiederum lächelnd, einen Einspruch. „Ihr seid doch gar nicht betroffen, warum willst du jetzt sie mit hineinziehen?“ „Das stimmt nicht“, erwiderte Tan-tschun. „Ich bin nichts anderes als du auch. Und was dich angeht, geht mich genauso an. Wenn sie gegen dich etwas sagt, sagt sie es damit auch gegen mich. Wenn meine Leute drüben über mich grollen und du es hörst, ist es genauso, als wenn sie über dich grollen würden. Wir sind die Herrschaft, und wir kümmern uns natürlich nicht um solche Nichtigkeiten wie Geld und Besitz, deshalb kann es schon vorkommen, daß wir einfach verlangen, was uns gerade in den Sinn kommt. Ich verstehe bloß nicht, was der goldene Phönixhaarpfeil damit zu tun haben soll.“ Nun hatte Wang Dschu-örls Frau größte Angst, Hsiu-djü und die anderen könnten sie vor Tan-tschun anklagen, deshalb kam sie jetzt schnell herein und versuchte, die Sache zu bemänteln. Aber Tan-tschun verstand sehr gut, was die Frau im Sinn hatte, und so sagte sie lächelnd: „Da sieht man, wie dumm ihr seid! Hat sich deine Schwiegermutter heute nicht schon einer Verfehlung wegen verantworten müssen? Alles wäre schon erledigt gewesen, wenn du jetzt die zweite junge Herrin gebeten hättest, mit einem Teil des beschlagnahmten Geldes, das noch nicht unter die Leute verteilt ist, den Schmuck auszulösen. Das beste wäre freilich gewesen, die Sache wäre erst gar nicht ruchbar geworden, alle hätten den Mund gehalten, und jedermanns Ansehen wäre gewahrt geblieben. Aber nachdem sie ihr Ansehen nun einmal verloren hat, kann sie auch für zehn Vergehen nicht mehr als einmal bestraft werden. Niemand kann verlangen, daß einem Verbrecher zwei Köpfe abgeschlagen werden. Wenn du auf mich hörst, sprichst du also mit der zweiten jungen Herrin. Was soll es nutzen, wenn du hier mit großem Stimmaufwand eine kleine Sache verfichtst?“ Damit hatte Tan-tschun den Nagel auf den Kopf getroffen, und Wang Dschu-örls Frau konnte keinen Einwand mehr erheben, doch den Mut, sich Hsi-fëng zu stellen, hatte sie auch nicht. Inzwischen sagte Tan-tschun noch: „Wenn ich nichts davon gewußt hätte, hätte es mich kalt gelassen, aber nachdem ich es erfahren hatte, mußte ich euren Streit auch schlichten.“ Und ohne daß jemand anders es merkte, gab sie Dai-schu mit den Augen ein Zeichen, woraufhin Dai-schu das Zimmer verließ. Während sie dann noch immer in ihr Gespräch vertieft waren, kam plötzlich Ping-örl zur Tür herein. Lachend klatschte Bau-tjin in die Hände und sagte: „Kusine Tan-tschun beherrscht wohl die Kunst, böse Geister zu vertreiben und göttlichen Beistand herbeizuzaubern?“ „Nein“, sagte Dai-yü, „sie ist keine dauistische Schwarzkünstlerin, sondern eine raffinierte Strategin. Dazu sagt man ‚Bei der Verteidigung wie eine Jungfrau0, und auf der Flucht wie ein Hase.‘ Die Kriegslist besteht darin, über den Gegner herzufallen, wenn er nicht in Bereitschaft ist.“ Beide lachten sie, aber Bau-tschai zwinkerte ihnen zu, um ihnen zu verstehen zu geben, sie sollten damit aufhören. Dann gab sie dem Gespräch eine andere Richtung. Als Tan-tschun sah, daß Ping-örl gekommen war, fragte sie: „Geht es deiner Herrin noch nicht besser? Diese Krankheit muß ihr wahrhaftig den Verstand getrübt haben, daß sie sich um nichts mehr kümmert und wir uns beleidigen lassen müssen.“ „Womit hat man Euch beleidigt? Wer hat es gewagt, Euch zu erzürnen? Gebt mir nur schnell Eure Befehle!“ sagte Ping-örl darauf. Wang Dschu-örls Frau war nun erst recht verunsichert, darum drängte sie Ping-örl: „Nehmt Platz, Fräulein, und laßt es mich bitte erklären!“ „Ja, gibt es denn das, daß du dich hier einfach einmischst, wenn die Fräulein sich unterhalten?“ fragte Ping-örl mit strenger Miene. „Wenn du nur Anstand besäßest, würdest du draußen stehen und warten, daß man dich ruft. Hier hast du überhaupt nichts zu suchen. Wo hätte man jemals erlebt, daß die Frauen vom Außendienst unaufgefordert in die Zimmer der gnädigen Fräulein kommen?“ „Bei uns hier gibt es keinen Anstand“, warf Hsiu-djü ein. „Hier kommt jede herein, wie es ihr gefällt.“ „Daran seid nur ihr schuld“, hielt Ping-örl ihr vor. „Euer Fräulein ist zu gutherzig. Darum müßt ihr solche Eindringlinge mit Gewalt hinauswerfen und sie dann der gnädigen Frau melden.“ Nach Ping-örls Rüge verließ Wang Dschu-örls Frau endlich mit schamrotem Kopf das Zimmer, und nun sagte Tan-tschun: „Das will ich dir sagen, wenn jemand anders mich kränkt, lasse ich mir das noch gefallen, diese Frau von Wang Dschu-örl aber hat mit ihrer Schwiegermutter zusammen, nur weil die hier einmal Amme war und weil meine Kusine so gutmütig ist, heimlich ein Schmuckstück in die Pfandleihe getragen, um mit dem Erlös Glücksspiele zu spielen, und jetzt wollte sie meine Kusine auch noch mit Hilfe gefälschter Rechnungen dazu zwingen, für ihre Schwiegermutter Fürsprache einzulegen, und hat im Schlafzimmer mit den beiden Mädchen hier gezankt wie ein Rohrspatz. Meine Kusine war nicht imstande, sie zur Ruhe zu bringen, und weil ich das nicht länger mit ansehen konnte, habe ich dich hierher gebeten, um dich folgendes zu fragen: Ist die Frau eventuell nicht von dieser Welt, daß sie nicht weiß, was sich gehört, oder steckt vielleicht jemand von den Herrschaften dahinter, der mit ihrer Hilfe zuerst Kusine Ying-tschun und dann mich und Kusine Hsi-tschun unterkriegen will?“ „Wie könnt Ihr nur so etwas sagen, gnädiges Fräulein!“ beteuerte Ping-örl sofort und lächelte dazu. „Wie sollte meine junge Herrin solchem Vorwurf gewachsen sein?“ Aber mit kühlem Lächeln gab Tan-tschun zurück: „Der Volksmund sagt richtig ‚Ein jedes Wesen leidet mit seiner Art.‘ Und es heißt ja auch ‚Wenn die Zähne fehlen, fallen die Lippen ein‘. Darum hat mich die Sache natürlich ein bißchen beunruhigt.“ „Andererseits ist es nichts so Schwerwiegendes, daß es sich nicht regeln ließe“, gab Ping-örl zu bedenken. „Aber schließlich ist sie die Amme des gnädigen Fräuleins, und so würde ich gern hören, wie das gnädige Fräulein darüber denkt.“ Ying-tschun hatte derweilen mit Bau-tschai Geschichten aus der „Schrift über die Vergeltung“ gelesen und dabei überhaupt nicht wahrgenommen, was Tan-tschun gesagt hatte. Als sie jetzt plötzlich von Ping-örl angesprochen wurde, erwiderte sie lächelnd: „Wenn du mich fragst, ich weiß auch nicht, was da zu tun ist. Für die Verfehlungen, derer sie sich schuldig gemacht haben, müssen sie selber einstehen, ich kann mich nicht zu ihren Gunsten verwenden. Vorhaltungen werde ich ihnen auch nicht machen, und damit ist der Fall für mich erledigt. Die Sachen, die sie mir heimlich weggenommen haben, werde ich annehmen, falls sie sie zurückbringen; und wenn sie sie nicht zurückbringen, verzichte ich darauf. Wenn mich die gnädigen Frauen danach fragen, und es gelingt mir, den wahren Sachverhalt zu verschweigen, dann haben sie Glück gehabt. Wenn nicht, kann ich nichts daran ändern und muß alles frank und frei erzählen, denn es gibt keinen Grund, warum ich zu ihren Gunsten die gnädigen Frauen betrügen sollte. Ihr werdet vielleicht sagen, ich sei zu weichherzig und unentschlossen, und wenn ihr eine Möglichkeit seht, es allen Seiten recht zu machen, dann wollen wir danach verfahren. Ich sehe keine solche Möglichkeit.“ Allen, die es hörten, war zum Lachen zumute, und Dai-yü bemerkte fröhlich: „Dazu kann man wirklich sagen ‚Ein Gespräch über Ursache und Wirkung führen, während schon Tiger und Wölfe die Palasttreppe belagern.‘ Wie wollte wohl Kusine Ying-tschun, wenn sie ein Mann wäre, mit so einem volkreichen Hauswesen fertig werden?“ „Eben!“ parierte Ying-tschun lächelnd. „Wie viele Männer sind dazu nicht imstande, und ich soll es können!“ Das hatte sie kaum ausgesprochen, als wieder jemand zur Tür hereinkam. Wer wissen will, wer das war, muß das nächste Kapitel lesen. 74. Eine schurkische Verleumderin erwirkt, daß im Garten des Großen Anblicks eine Haussuchung gehalten wird; ein einsam-stolzes Mädchen erklärt, daß es den Umgang mit dem Ning-guo-Anwesen abbrechen will.

Während also Ping-örl belustigt anhörte, was Ying-tschun ihr erwiderte, erschien plötzlich auch noch Bau-yü, und das kam so: Nachdem die jüngere Schwester von Frau Liu, der Verantwortlichen für die Gartenküche, als Leiterin einer der Spielhöllen entlarvt worden war, fanden sich Leute im Garten, die Frau Liu von jeher feindlich gesinnt waren und deshalb auch sie noch anzeigten. Sie behaupteten, Frau Liu habe mit ihrer Schwester unter einer Decke gesteckt, diese habe zwar ihren Namen hergegeben, aber mit den Einnahmen hätten sie halbpart gemacht. So sollte Frau Liu jetzt von Hsi-fëng bestraft werden. Als Frau Liu davon erfahren hatte, war sie in Erregung geraten, und da sie bedachte, daß sie sich am besten von allen immer mit dem Personal im Hof der Freude am Roten verstanden hatte, ging sie dorthin und bat heimlich Tjing-wën und Venturina um Hilfe. Venturina sagte es Bau-yü weiter, und Bau-yü dachte sich, da auch Ying-tschuns Amme desselben Vergehens angeklagt war, würde es besser sein, wenn er sich mit Ying-tschun zusammentäte, um für beide Frauen um Gnade zu bitten, als wenn er allein nur für Frau Liu bäte, und so war er herübergekommen. Hier aber fand er nun zahlreiche Gäste vor, und alle fragten ihn sogleich: „Bist du wieder wohlauf? Was willst du denn hier?“ Da Bau-yü nicht gut verraten konnte, daß es um ein Gnadengesuch ging, sagte er einfach: „Ich wollte Kusine Ying-tschun besuchen.“ Niemand dachte sich etwas dabei, und alle plauderten zwanglos weiter. Dann ging Ping-örl fort, um die Angelegenheit mit dem goldenen Phönixhaarpfeil zu erledigen. Wang Dschu-örls Frau folgte ihr auf dem Fuße und bettelte dabei auf hunderterlei Weise. „Wenn Ihr mich nur nicht ins Unglück stürzt, werde ich den Haarpfeil auf Biegen und Brechen wieder auslösen!“ versprach sie. „Ob du ihn nun früher oder später auslöst, das Wesentliche ist, daß es erst gar nicht so weit hätte kommen dürfen“, sagte Ping-örl lächelnd. „Wenn du sagen willst, daß es mit dem Vergangenen aus und vorbei ist, wäre es mir peinlich, dich noch deswegen anzuzeigen. Löse also den Haarpfeil so früh wie möglich aus und bring ihn mir, damit ich ihn zurückgeben kann, dann will ich die Sache mit keinem Wort erwähnen!“ Jetzt konnte Wang Dschu-örls Frau wieder beruhigt sein, und nachdem sie sich mit zeremoniellem Gruß bedankt hatte, setzte sie noch hinzu: „Geht nur Eurer geschätzten Tätigkeit nach, Fräulein! Ich löse den Haarpfeil aus, bevor es Abend wird, und melde mich bei Euch, ehe ich ihn zurückgebe. Wie findet Ihr das?“ „Gut, aber beklag dich nicht bei mir über die Folgen, wenn du nicht hältst, was du versprichst!“ ermahnte Ping-örl sie noch einmal. Dann gingen sie jede ihres Weges. Als Ping-örl zurück war, fragte Hsi-fëng: „Warum hat das dritte Fräulein dich rufen lassen?“ „Sie befürchtete, Ihr könntet Euch aufgeregt haben, und wollte mich bitten, daß ich Euch gut zurede“, gab Ping-örl vor. „Außerdem hat sie gefragt, wie in den letzten Tagen Euer Appetit war.“ „Sie macht sich doch wenigstens noch Gedanken um mich!“ lobte Hsi-fëng lächelnd. Dann fuhr sie fort: „Inzwischen ist noch etwas passiert. Jemand hat mir angezeigt, Frau Liu sei an der Spielhölle, die ihre jüngere Schwester betrieb, beteiligt gewesen. Alles, was die Jüngere tat, sei von der Älteren befohlen gewesen. Aber ich sage mir, du hast mir oft genug geraten ‚Eine Sorge weniger ist besser als eine Sorge mehr.‘ So könne man sich das Herz frei halten und den Körper schonen, was auch nicht zu verachten sei. Nur weil ich nicht darauf hören konnte, hat sich das tatsächlich an mir bewahrheitet – zuerst habe ich der gnädigen Frau unrecht getan, und dann habe ich mir eine Krankheit geholt. Jetzt endlich sind mir die Augen aufgegangen, und von mir aus kann jeder machen, was er will. Es sind noch genug andere da, die sich darum kümmern können. Ich rege mich nur sinnlos auf und bringe noch alle dazu, daß sie mich verfluchen. Lieber will ich mich in Ruhe auskurieren, das ist mir jetzt das allerwichtigste. Und wenn ich wieder gesund bin, werde ich die liebe Tante spielen, mich freuen und mich amüsieren und alle anderen tun und treiben lassen, was ihnen Spaß macht. Darum habe ich einfach gesagt, es sei gut, ich wisse Bescheid, und habe mir die Sache nicht zu Herzen genommen.“ „Wenn das Euer Ernst ist, würde es unser Glück bedeuten, junge gnädige Frau“, sagte Ping-örl lächelnd. Das hatte sie kaum gesagt, als Djia Liän hereinkam, die Hände zusammenschlug und seufzend verkündete: „Eben war noch alles gut, und nun ist schon wieder etwas geschehen! Woher weiß die gnädige Frau von drüben, daß ich mir neulich durch Yüan-yang etwas zum Versetzen besorgt habe? Eben ließ sie mich rufen und befahl mir, ich solle – egal woher – zweihundert Liang Silber für sie abzweigen, die sie zum fünfzehnten achten für das Fest0 brauche. Als ich ihr sagte, das könne ich nicht, erwiderte sie: ‚Wenn du selbst kein Geld hast, weißt du immer, woher du welches bekommst, aber wenn ich nur mit dir beratschlagen will, speist du mich mit einer Ausrede ab und sagst, du habest keine Möglichkeit. Und woher hast du neulich, als du dir eintausend Liang beschafftest, etwas zum Verpfänden gehabt? Sogar die Wertsachen der alten gnädigen Frau verstehst du wie mit Geisterhand fortzuschaffen, und wenn ich jetzt zweihundert Liang von dir haben will, kommst du mir so. Ein Glück nur, daß ich niemand davon erzählt habe!‘ Ich frage mich nur, warum die gnädige Frau, die doch bestimmt nicht knapp bei Kasse ist, so einen Anlaß bemüht, um einem etwas am Zeuge zu flicken!“ „An jenem Tag war aber niemand Fremdes anwesend, wer also kann die Sache verraten haben?“ fragte Hsi-fëng. Ping-örl rief sich genau ins Gedächtnis zurück, wer seinerzeit alles dagewesen war, und nach einigem Nachdenken sagte sie: „Ich hab‘s! Während wir hier verhandelten, war zwar kein Außenstehender dabei, aber am Abend, als die Sachen schon hergeschafft waren, kam zufällig die Mutter von diesem Blödchen, das in den Räumen der alten gnädigen Frau dient, und brachte die Wäsche, die sie gewaschen und gestärkt hatte. Sie saß eine Weile in der Gesindestube, und als sie die große Truhe sah, wird sie bestimmt gefragt haben, was das ist, und die kleineren Mädchen in ihrer Ahnungslosigkeit haben es ihr sicher gesagt. Das wäre immerhin möglich.“ Also rief sie die kleineren Sklavenmädchen und fragte sie, wer Dummchens Mutter das verraten habe. Aber die kleinen Sklavenmädchen knieten aufgeregt nieder und schworen hoch und heilig: „Wir haben noch nie gewagt, auch nur ein überflüssiges Wort zu sagen! Wenn uns jemand etwas fragt, sagen wir immer, das wissen wir nicht. Warum sollten wir uns in diesem Fall erdreistet haben zu schwatzen?!“ Hsi-fëng bedachte die Umstände der Angelegenheit und sagte dann: „Sie würden das bestimmt nicht wagen, also wollen wir ihnen kein Unrecht tun! Vertagen wir das erst einmal und stellen zunächst die gnädige Frau zufrieden, das ist das allerwichtigste! Lieber wollen wir uns etwas abknapsen, als uns ein weiteres Mal Unannehmlichkeiten einzuhandeln!“ Und sie befahl Ping-örl: „Hol meinen goldenen Halsreif und geh darauf zweihundert Liang Silber leihen, die wir ihr hinübertragen, damit die Sache ein Ende hat!“ „Sie soll gleich noch zweihundert Liang mehr darauf leihen, wir haben auch noch Ausgaben!“ verlangte Djia Liän. „Durchaus nicht nötig!“ lehnte Hsi-fëng ab, „ich habe keine Ausgaben, und ich weiß nicht einmal, woher ich das Geld nehmen soll, um den Halsreif wieder auszulösen.“ Ping-örl verschwand und erteilte jemand den Auftrag, Lai Wangs Frau zu rufen, der sie dann den Halsreif übergab und die bald darauf mit dem Silber wiederkam. Djia Liän selbst trug es zu Dame Hsing hinüber, und damit einstweilen genug hiervon. Hsi-fëng und Ping-örl rätselten zusammen, wer da aus der Schule geplaudert haben könnte, kamen aber zu keinem Ergebnis. Schließlich sagte Hsi-fëng: „Wenn diese Sache bekannt wird, ist das noch das wenigste. Angst habe ich nur davor, daß verächtliche Menschen die Gelegenheit nutzen, um Verleumdungen zu erfinden und neue Skandale heraufzubeschwören. Das Schlimme ist, daß die da drüben mit Yüan-yang verfeindet ist. Nachdem sie jetzt informiert ist, daß Yüan-yang für unsern jungen Herrn diese Sachen hinausgeschmuggelt hat, wird sie sich die Gelegenheit sicher nicht entgehen lassen. Wer weiß, ob sie sich nicht wieder irgendwelche Ungeheuerlichkeiten ausdenkt, denn kleine Leute sind unersättlich, und sie kriegt es fertig, daß selbst noch ein unbeschädigtes Hühnerei Maden bekommt. Unserm jungen Herrn würde es nicht viel ausmachen, aber Yüan-yang ist ein anständiges Mädchen, und wenn sie mit hineingezogen würde, wären wir daran schuld.“ „Da ist nichts zu befürchten“, sagte Ping-örl lächelnd, „Euretwegen hat Yüan-yang die Sachen zur Verfügung gestellt, nicht des jungen Herrns wegen. Außerdem hat sie zwar behauptet, es sei eine persönliche Gefälligkeit von ihr, in Wirklichkeit aber hatte sie der alten gnädigen Frau darüber berichtet. Die alte gnädige Frau ist nur deshalb in Sorge, weil sie so viele Enkelkinder hat. Wenn sich jeder etwas von ihr borgt und ihr nachher nur mit Schmeicheleien kommt, von wem kann sie dann etwas zurückfordern? Darum stellt sie sich einfach unwissend. Wenn die Sache also wirklich aufgebauscht würde, wäre das kein Hindernis.“ „Das mag schon so sein“, erwiderte Hsi-fëng, „aber was nutzt es, wenn wir es wissen? Die andern, die es nicht wissen, werden doch ihre Zweifel hegen.“ Dies hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Die gnädige Frau ist gekommen.“ Verwundert fragte sich Hsi-fëng, warum sie wohl selbst gekommen sei, und ging ihr rasch mit Ping-örl und den anderen Sklavenmädchen zusammen entgegen, um dann zu sehen, wie Dame Wang mit gänzlich veränderter Miene und nur von einem vertrauten kleinen Sklavenmädchen begleitet hereinkam, und ohne ein Wort zu sagen, in das innere Zimmer trat und sich setzte. Sofort brachte Hsi-fëng ihr Tee und sagte mit strahlendem Gesicht: „Ihr müßt Euch heute sehr wohl fühlen, gnädige Frau, daß Ihr vor Freude hier spazierengegangen seid!“ Doch anstatt zu antworten, gab Dame Wang nur schroff den Befehl: „Ping-örl soll hinausgehen!“ Verwirrt und ratlos sagte Ping-örl hastig jawohl und führte die kleineren Sklavenmädchen alle nach draußen, wo sie ihnen befahl, vor der Tür Aufstellung zu nehmen. Dann machte sie die Tür einfach zu, setzte sich auf die steinerne Plattform des Hauses und ließ keinen Menschen hinein. Auch Hsi-fëng war verwirrt und verstand nicht, worum es ging. Aber dann sah sie, wie Dame Wang mit Tränen in den Augen einen Riechbeutel aus dem Ärmel zog und ihn ihr vor die Füße warf, um dann zu sagen: „Sieh dir das an!“ Als Hsi-fëng, die den Beutel rasch aufhob, die farbenprächtige frivole Stickerei darauf entdeckte, fuhr sie vor Schreck zusammen und fragte sofort: „Woher habt Ihr das, gnädige Frau?“ Kaum hatte Dame Wang diese Frage gehört, flossen ihr die Tränen erst recht wie strömender Regen aus den Augen, und sie sagte mit zitternder Stimme: „Woher ich das habe? Ich habe wie gewöhnlich von nichts eine Ahnung – wie ein Frosch, der im Brunnen hockt, und verlasse mich darauf, daß du ja ein umsichtiger Mensch bist, so daß ich mir ein bißchen Ruhe gönnen kann. Und nun stellt sich heraus, daß es mit dir dasselbe ist wie mit mir! Das da lag am hellichten Tag offen auf einem Felsen im Garten herum, so daß eine Magd der alten gnädigen Frau es finden konnte. Wäre nicht zufällig deine Schwiegermutter dazugekommen, dann wäre sie spornstreichs damit zur alten gnädigen Frau gelaufen. Nun frage ich dich: Wie hast du das dort verlieren können?“ Jetzt verfärbte sich auch Hsi-fëng und fragte hastig: „Woher wollt Ihr wissen, daß es mir gehört, gnädige Frau?“ „Das fragst du noch?“ erwiderte Dame Wang unter Tränen und Seufzern. „Überleg doch mal selbst! Ihr seid das einzige junge Paar in unserm Haushalt. Außer euch gibt es hier nur alte Frauen – was sollten die damit? Und die Mädchen – wie sollten die dazu gekommen sein? Natürlich hat Liän, dieser unverbesserliche Schmutzfink, das irgendwoher angeschleppt.Und so gut, wie ihr euch versteht, hast du es natürlich als einen Spaß angesehen. Junge Leute haben solche Heimlichkeiten in ihren inneren Gemächern, mir machst du nichts vor. Glücklicherweise sind die Mädchen im Garten, ob hoch oder niedrig, noch unverständig und waren auch noch nicht auf den Beutel gestoßen. Nicht auszudenken, wenn die Mägde ihn gefunden und deinen Kusinen gezeigt hätten! Oder wenn die kleineren Mägde ihn gefunden hätten und draußen in Gegenwart von Fremden erzählt hätten, das habe im Garten gelegen. Hätten wir das überleben und unsere Ehre bewahren können?“ Vor Erregung und Beschämung war Hsi-fëng im Nu blau angelaufen. Jetzt ließ sie sich vor dem Ofenbett auf beide Knie fallen und erklärte unter Tränen: „Was Ihr sagt, hat natürlich Hand und Fuß, gnädige Frau, und ich will auch durchaus nicht behaupten, ich besäße gar nichts in dieser Art. Aber es gibt doch einiges, was ich Euch sorgsam zu bedenken bitte. Bei diesem Riechbeutel handelt es sich um eine Nachahmung in der Art von Palaststickereien, und er ist irgendwo außerhalb von Lohnstickern angefertigt worden. Die Bänder und die Quasten daran sind gleichermaßen Marktware. Auch wenn ich jung und ein bißchen leichtfertig bin, würde ich doch so etwas Plumpes nicht mögen, und was ich besitze, ist natürlich vom Feinsten. Das ist das eine. Zum andern trägt man so etwas nicht ständig bei sich. Wenn ich dreist solch einen Beutel hätte, könnte ich ihn doch nur zu Hause benutzen und würde ihn nicht am Körper tragen und überall damit hingehen, erst recht nicht, wenn ich den Garten aufsuche, so viel, wie wir Kusinen stets aneinander herumzerren. Und nicht nur vor den Kusinen, auch vor den Sklavinnen würde ich dumm dastehen, wenn er bei mir zum Vorschein käme. Wenn ich auch jung und leichtfertig bin, aber so töricht kann ich schließlich nicht sein. Drittens bin ich zwar unter uns Herrschaften die einzige junge Frau, aber unter den Sklavinnen gibt es mehr als eine Frau, die noch jünger ist als ich. Immerhin kommen sie oft in den Garten, und am Abend sucht jede von ihnen ihre eigene Wohnung auf. Woher wollt Ihr wissen, daß nicht eine von ihnen den Beutel getragen hat? Viertens bin nicht nur ich häufig im Garten, sondern auch die jungen Nebenfrauen, die die gnädige Frau von drüben immer mitbringt, wie zum Beispiel Yän-hung und Tsuee-yün. Als junge Konkubinen dürften sie so etwas eher besitzen als ich. Auch Vetter Dschëns Frau aus dem andern Anwesen ist nicht nur selber noch nicht sehr alt, sie hat auch schon oft genug Pee-fëng und andere mitgebracht, und woher wollt Ihr also wissen, daß der Beutel nicht ihnen gehört hat? Fünftens gibt es auch zu viele Mägde im Garten. Wollt Ihr da sicher sein, daß jede einzelne von ihnen anständig ist? Es gibt unter ihnen auch welche, die schon älter und in die Geheimnisse der Erwachsenen eingeweiht sind, so daß man nicht wissen kann, ob nicht eine von ihnen entweder in einem unbeobachteten Augenblick den Garten heimlich verließ oder aber irgendeinen Vorwand benutzte, um sich mit einem der Burschen am Innentor zu necken, und den Beutel auf diesem Wege hereingebracht hat. Jedenfalls habe nicht nur ich nichts damit zu tun, auch für Ping-örl kann ich mich verbürgen. Das alles solltet Ihr bitte sorgsam bedenken, gnädige Frau.“ Dame Wang sagte sich, daß diese Ausführungen sehr vernünftig klangen, und so befahl sie Hsi-fëng seufzend: „Steh auf! Ich weiß ja auch, daß du die Tochter eines großen Hauses bist und nicht dermaßen leichtfertig sein kannst. Ich war einfach erregt und habe dich mit meinen Worten aufgebracht. Aber wie wollen wir jetzt verfahren? Deine Schwiegermutter hat den Beutel eben erst in einem verschlossenen Päckchen zu mir bringen lassen, damit ich ihn mir ansehe, und sie ließ mir bestellen, sie habe ihn Blödchen abgenommen.