Hongloumeng/de/Chapter 82
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Kapitel 82
老学究讲义警顽心 / 病潇湘痴魂惊恶梦
ren läßt.“ „Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“ „Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.“ Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“ „Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“ Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch. Bau-yü befahl ihm, sich damit neben ihn zu setzen, und lehnte sich an ihn. Jetzt kam Ein-Pflaster-Wang ein Gedanke. Kichernd trat er näher und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hab‘s! Wahrscheinlich widmet sich der kleine Herr inzwischen schon den Schlafzimmerkünsten und möchte ein Stärkungsmittel haben. Stimmt‘s?“ Kaum hatte er das gesagt, fuhr Ming-yän ihn an: „Dafür verdienst du den Tod! Aufs Maul sollte man dir schlagen!“ Bau-yü, der gar nicht verstanden hatte, worum es ging, fragte: „Was hat er gesagt?“ „Unsinn hat er geschwatzt“, erwiderte Ming-yän kurz angebunden. Ein-Pflaster-Wang aber traute sich vor Schreck nicht, noch weiter zu fragen, und bat: „Sagt es nur klar heraus, kleiner Herr!“ „Was ich dich fragen möchte, ist, ob es ein Pflaster gibt, mit dem man eine Frau von der Eifersucht heilen kann“, sagte Bau-yü. „Also nein!“ rief Ein-Pflaster-Wang lächelnd und schlug dabei die Hände zusammen, „dagegen habe ich keine Salbe, und ich habe auch nie gehört, daß es eine gibt, die dagegen hilft.“ „Dann sind deine Salben aber nicht viel wert“, urteilte Bau-yü lächelnd. Doch rasch fuhr Ein-Pflaster-Wang fort: „Eine Salbe gegen die Eifersucht ist mir noch nicht untergekommen, aber einen Heiltrank gibt es, der vielleicht dagegen hilft. Nur wirkt er etwas langsam, der Erfolg stellt sich nicht im Handumdrehen ein.“ „Was für ein Trank ist das? Und wie muß man ihn einnehmen?“ erkundigte sich Bau-yü. „Er heißt ‚Heiltrank gegen die Eifersucht‘“, gab Ein-Pflaster-Wang Auskunft. „Man kocht eine feste Birne mit zwei Tjiän Kandiszucker und einem Tjiän getrockneter Mandarinenschale in drei Schalen Wasser, bis sie weich ist. Wenn man jeden Morgen so eine Birne ißt, verliert sich die Eifersucht auf die Dauer.“ „Das wäre nicht teuer, aber ich fürchte, es wird nicht unbedingt helfen“, äußerte Bau-yü. „Wenn eine Portion nicht hilft, nimmt man zehn, und solange die Wirkung nicht eintritt, nimmt man das Mittel weiter“, erläuterte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es in diesem Jahr noch nicht hilft, dann nimmt man es im nächsten weiter. Auf jeden Fall kräftigen alle drei Bestandteile die Lunge, regen den Appetit an und schaden nicht. Das Mittel ist süß und wohlschmeckend und ist auch gut gegen Husten. Wenn man es hundert Jahre genommen hat, stirbt man eines Tages, und wer tot ist, ist nicht mehr eifersüchtig. Spätestens dann setzt also die Wirkung ein.“ Kaum hatte er das gesagt, brachen Bau-yü und Ming-yän in Gelächter aus und schalten ihn eine glattzüngige Ochsenfratze. Aber lächelnd entschuldigte sich Ein-Pflaster-Wang: „Es war doch nur ein harmloser Scherz, um dem kleinen Herrn nach dem Essen die Müdigkeit zu vertreiben. Und ist es nicht Geld wert, Euch zum Lachen gebracht zu haben? Um Euch die Wahrheit zu sagen, selbst meine Pflaster sind fauler Zauber. Wenn ich ein wirkliches Medikament kennen würde, hätte ich es schon längst genommen und wäre zum Unsterblichen geworden. Oder meint Ihr, ich würde dann noch hier herumkrebsen?“ Als er das eben sagte, war die glückverheißende Stunde gekommen, und er bat Bau-yü hinaus, um das Opfer zu vollziehen und dann die Opferspeisen zu verteilen. Erst als dies alles erledigt war, kehrte Bau-yü nach Hause in die Stadt zurück. Um diese Zeit war Ying-tschun schon eine gute Weile im Hause, und die Sklavinnen der Familie Sun, die sie begleitet hatten, waren mit Abendessen bewirtet und wieder heimgeschickt worden. Jetzt erst klagte Ying-tschun bei Dame Wang im Zimmer schluchzend ihr Leid und berichtete: „Sun Schau-dsu hat nichts anderes im Kopf als Weibergeschichten, Glücksspiele und Trinkgelage. Unter den Sklavenfrauen und -mädchen des
Aus: Jinyuyuan 1889b. Hauses ist kaum noch eine, mit der er es nicht getrieben hätte. Nachdem ich zwei oder drei Mal versucht hatte, ihm etwas ins Gewissen zu reden, schimpfte er, ich müsse in Essig eingelegt worden sein0. Außerdem behauptete er, mein Vater habe fünftausend Liang Silber von ihm in Verwahrung bekommen, die er nicht ausgeben sollte, und jetzt habe er sie schon ein paarmal zurückverlangt, aber nicht bekommen. Mit dem Finger hat er mir ins Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Meine Gattin willst du sein? Dein Vater hat meine fünftausend Liang Silber veruntreut und dich dafür in Zahlung gegeben. Wenn du dich nicht zu benehmen weißt, kannst du eine Tracht Prügel haben und in der Gesindestube schlafen. Seinerzeit, als dein Großvater noch lebte, stachen ihm der Reichtum und die Vornehmheit unserer Familie dermaßen in die Augen, daß er sich eilig an uns herangemacht hat. Obwohl ich eigentlich zur selben Generation wie dein Vater gehöre, war ich nun gezwungen, den Abstand einer ganzen Generation zu verschenken. Auch deshalb hätte ich mich auf die Hochzeit mit dir nicht einlassen sollen, damit mir niemand nachsagen kann, ich strebte nach Vorteil und Macht.‘“ Während sie das erzählte, weinte sie herzzerreißend, und auch Dame Wang und allen Kusinen liefen die Tränen aus den Augen. Was aber konnte Dame Wang anderes tun, als auf sie einzureden: „Was kann man da noch machen, nachdem du einmal an diesen unverständigen Menschen geraten bist? Dein Onkel hat damals deinem Vater geraten, sich nicht auf diese Hochzeit einzulassen. Er aber wollte nicht hören und war ganz Feuer und Flamme dafür, und so ist es dazu gekommen. Es ist dein Schicksal, mein Kind.“ „Ich kann nicht glauben, daß mir so ein schlechtes Schicksal beschieden ist“, bezweifelte Ying-tschun weinend, „schon als kleines Kind habe ich meine Mutter verloren, dann hatte ich das Glück, hier bei Euch, Tante, ein paar unbeschwerte Jahre verleben zu dürfen, und das soll jetzt das Ergebnis sein?“ Dame Wang redete erst weiter begütigend auf Ying-tschun ein und fragte dann, wo sie am liebsten logieren wolle. „Seitdem ich meine Kusinen verlassen mußte, habe ich mich in Schlaf und Traum nach ihnen gesehnt“, erwiderte Ying-tschun. „Außerdem habe ich Sehnsucht nach meinen alten Zimmern im Garten. Wenn ich dort noch einmal drei oder fünf Tage wohnen darf, will ich zufrieden sterben. Wer weiß, ob ich noch ein weiteres Mal Gelegenheit haben werde, dort zu wohnen!“ „Hör auf, so zu reden!“ ermahnte Dame Wang sie sogleich. „Ein kleiner Streit zwischen jungen Eheleuten kommt überall einmal vor. Wie kannst du gleich von Tod und Sterben sprechen?!“ Dann gab sie den Auftrag, rasch die Zimmer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herzurichten, und befahl den Mädchen, sie sollten ihrer Kusine Gesellschaft leisten und ihr Mut zusprechen. Bau-yü schärfte sie dann noch ein: „Kein Wort von alledem vor der alten gnädigen Frau! Wenn sie davon erfährt, hat sie es nur von dir.“ Gehorsam versprach Bau-yü, den Mund zu halten. In dieser Nacht schlief Ying-tschun wieder in ihrem alten Heim, und ihre Kusinen begegneten ihr mit größter Herzlichkeit. Erst drei Tage später begab sich Ying-tschun zu Dame Hsing hinüber. Zuvor aber nahm sie Abschied von der Herzoginmutter und Dame Wang. Als sie den Kusinen auf Wiedersehen sagen mußte, war sie vor Kummer und Schmerz nicht von ihnen loszubringen. Wieder mußten Dame Wang und Tante Hsüä auf sie einreden, ehe sie endlich nachgab und hinüberging. Bei Dame Hsing blieb sie noch zwei Tage, bis Sun Schau-dsu seine Leute schickte, um sie wieder abzuholen. Ying-tschun hatte zwar nicht die geringste Lust, zu ihm zurückzukehren, aber aus Furcht vor seinen Boshaftigkeiten mußte sie sich schließlich bezwingen und Abschied nehmen. Dame Hsing aber war nicht sehr aufmerksam. Sie fragte weder, wie sich die Gatten verstanden, noch erkundigte sie sich, wie Ying-tschun mit der Hausarbeit zu Rande kam. Alles, was sie tat, war, obenhin ihrer Pflicht nachzukommen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen. 81. Vier Schöne angeln Glücksfische Baoyu erhält eine Standpauke und muss wieder zur Hausschule
Nun laßt uns davon erzählen, was nach der Abfahrt von Ying-tschun geschah. Die Dame Hsing tat so, als sei nichts vorgefallen. Der Dame Wang aber, die Ying-tschun großgezogen hatte, ging es wirklich nahe. Man hörte sie in ihrem Zimmer seufzen. Bau-yü trat ein, um ihr seinen Respekt zu erweisen. Sie schien geweint zu haben, und er wagte es nicht, sich zu setzen. So blieb er neben ihr stehen. Erst nachdem seine Mutter ihn aufgefordert hatte, sich zu setzen, nahm er zögernd an der Seite auf dem Ofenbett Platz. Sie sah, daß er teilnahmslos vor sich hinstarrte und offensichtlich etwas auf dem Herzen hatte. Sie fragte: „Warum starrst du schon wieder so?“ Bau-yü antwortete: „Ach nichts, es ist nur, daß ich gestern hörte, in welch bemitleidenswerter Lage sich Ying-tschun befindet. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, könnte ich ein so großes Unglück genauso wenig ertragen. Ich traue mich zwar nicht, Großmutter davon zu erzählen, konnte aber die beiden letzten Nächte nicht schlafen. Wie kann ein junges Mädchen aus einer Familie wie der unseren so ein Unrecht ertragen? Sie ist auch eine so zerbrechliche Person, sie stritt sich nie mit anderen. Wie schlimm, daß gerade sie auf so einen Unmenschen getroffen ist. Bis dahin wußte sie nichts von den Schwierigkeiten, denen Frauen begegnen können.“ Während er das sagte, fing er fast an zu weinen. Seine Mutter erwiderte: „Es gibt keinen Ausweg. Ein Sprichwort lautet: Eine verheiratete Tochter ist wie verschüttetes Wasser. Sag’ mir doch, was kann ich schon dagegen tun?“ Bau-yü entgegnete: „Gestern nacht kam mir eine Idee. Wie wäre es, wenn wir Großmutter berichten würden, Ying-tschun zurückzuholen und auf der Insel der Violetten Wassernüsse einzuquartieren, wo wir Geschwister wieder miteinander essen und spielen können? Somit kann sie dem Zorn dieses Bastards der Familie Sun entgehen. Warten wir ab, bis er kommt, um sie zu holen, wir werden standhaft bleiben. Wenn er sie hundert Mal zurückholen will, werden wir sie hundert Mal behalten. Wir brauchen nur zu sagen, das sei im Sinne der Großmutter. Das ist doch ein tolle Idee, oder?“ Als die Dame Wang das gehört hatte, war sie leicht verstimmt, gleichzeitig aber auch amüsiert: „Du redest wieder nur Unsinn. Als Mädchen verläßt man eines Tages das Haus. Ist man verheiratet, dann zieht die Braut zu den Schwiegereltern. Wer nimmt dort auf sie Rücksicht? Die Braut muß sich auf ihr eigenes Schicksal verlassen. Mit etwas Glück hat sie einen guten Ehemann abbekommen. Wenn nicht, kann sie auch nichts dagegen tun. Hast du noch nie gehört: ‚Heiratet man einen Hahn, wird man ein Hahn, heiratet man einen Hund, wird man ein Hund.‘? Nicht jeder hat dasselbe Glück wie deine ältere Schwester, kaiserliche Nebenfrau dritten Ranges zu werden. Ying-tschun ist erst frisch verheiratet und ihr Ehemann noch jung. Ein jeder hat sein eigenes Temperament. Es ist normal, daß es anfängliche Schwierigkeiten zwischen Eheleuten gibt. Nach ein paar Jahren lernt ein jeder das Temperament des anderen kennen. Nach der Geburt eines Sohnes und dem Aufziehen einer Tochter nimmt alles ein gutes Ende. Du solltest in Anwesenheit der Großmutter kein Wort hierüber verlieren. Ich weiß, daß diese Situation dir nicht gefällt. Geh und kümmere dich um deine eigene Angelegenheit und rede hier nicht länger Unsinn!“ Nachdem sie geendet hatte, wagte Bau-yü kein Wort zu sagen, saß noch eine Weile und ging dann zerschlagen hinaus. Er unterdrückte seine Wut im Bauch, wußte nicht, an wem er sie auslassen sollte, lief in den Garten und dann direkt von dort zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Sobald er drinnen war, brach er in Tränen aus. Dai-yü, die sich gerade schön gemacht hatte, erschrak beinahe zu Tode, als sie sah, in welchem Zustand sich Bau-yü befand. Sie fragte besorgt: „Was ist los mit dir? Wer belästigt dich?“ Obwohl sie mehrmals fragte, hielt Bau-yü den Kopf auf den Tisch gesenkt, schluchzte und brachte keinen Ton heraus. Dai-yü saß auf einem Stuhl und sah ihn verwundert an. Nach einer Weile fragte sie: „Hat dich jemand belästigt oder bin ich es, die dir etwas getan hat?“ Bau-yü winkte ab: „Nein, beides nicht.“ – „Warum bist du so unglücklich?“ – „Ich dachte gerade: je früher wir alle sterben, desto besser, weiterzuleben ist wirklich sinnlos.“ Dai-yü erschrak daraufhin erst recht und sagte: „Was redest du da, du mußt wirklich verrückt sein.“ Bau-yü erwiderte: „Verrückt bin ich auch nicht. Wenn ich es dir sagen würde, würdest du unter Garantie auch traurig werden. Als Ying-tschun bekümmert heimkam, hast du ja auch gesehen, in welchem Zustand sie hier ankam, und gehört, was sie sagte. Wieso muß man heiraten, wenn man groß wird? Wie man unter anderen zu leiden hat! Kannst du dich an die fröhliche Zeit erinnern, als wir den ‚Begonienbund‘ gründeten, Gedichte vortrugen und die anderen freihielten? Damals war viel los. Schwester Bau-tschai ist nach Hause zurückgekehrt, auch Hsiang-ling kann nicht mehr hierher kommen. Auch meine große Schwester Ying-tschun ist aus dem Haus. Alle Seelenverwandten sind nicht mehr bei mir, deshalb fühle ich mich so elend. Zunächst wollte ich Großmutter bitten, Ying-tschun wieder nach Hause zu holen. Wie hätte ich wissen können, daß dies nicht im Sinne meiner Großmutter war, sie behauptete, ich sei einfältig und redete Unsinn. Ich wagte nicht, ihr zu widersprechen. Sieh nur, in welch kurzer Zeit sich der Zustand des Gartens völlig verändert hat! Wer weiß, wie er in ein paar Jahren aussieht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto trauriger fühle ich mich, ich kann nicht anders.“ Dai-yü hörte ihm bis zu Ende zu, senkte langsam den Kopf, der Körper sackte auf das Ofenbett, sie sagte nichts mehr, seufzte und legte sich mit dem Gesicht aufs Bett hin. Dsï-djüan brachte gerade Tee herein und sah beide verwundert an. Dann kam auch Hsi-jën zur Bambushütte, sah Bau-yü und sagte: „Hier sind Sie also, zweiter Herr. Die gnädige Frau verlangt Sie zu sehen. Ich habe Sie schon hier vermutet.“ Dai-yü hörte, daß es Hsi-jën war. Sie richtete sich auf und bat sie, sich zu setzen. Dai-yüs Augen waren rot vom Weinen. Bau-yü sah das und sagte: „Schwester, ich habe eben etwas Unsinniges gesagt, bitte sei deswegen nicht traurig. Was mich angeht, achte lieber auf deine Gesundheit! Ruhe dich ein wenig aus! Ich komme sofort zurück, nachdem ich herausgefunden habe, was Großmutter von mir will.“ Dann ging er hinaus. Behutsam fragte Hsi-jën Dai-yü: „Was ist mit euch beiden wieder einmal los?“ – „Er ist traurig wegen seiner älteren Schwester Ying-tschun. Meine Augen haben nur gejuckt, das ist alles.“ Hsi-jën antwortete nicht und lief Bau-yü hinterher, schlug dann aber einen anderen Weg ein. Bau-yü kam zum Haus der Herzoginmutter, die jedoch bereits ihren Mittagsschlaf hielt. So ging er zurück zu seinem Roten Hof der Freude. Nach dem Mittagsschlaf war ihm langweilig, er griff sich aufs Geratewohl ein Buch und begann zu lesen. Als Hsi-jën sah, daß er las, und begann eilig, Tee aufzugießen. Wer hätte gedacht, dass das Buch, dass er zufällig gegriffen hatte, das „Guyüä-fu“ war, eine Sammlung von alten Gedichten im Stil der Musikamtlieder? Er stieß auf ein Gedicht von Tsau Tsau mit dem Titel „Wein und Gesang sollte man auskosten, wie selten gibt es das im Leben“, es versetzte ihm unmerklich einen Stich ins Herz. So legte er das Buch weg und ergriff ein weiteres – es war Prosa aus der Djin-Dynastie. Schon nach ein paar Seiten legte er das Buch wieder weg, in Gedanken verloren stützte er sein Kinn in die Hand. Als Hsi-jën ihm den Tee brachte und ihn so geistesabwesend sitzen sah, fragte sie ihn: „Wieso hast du bereits aufgehört zu lesen?“ Bau-yü blieb stumm, nahm den Tee, trank einen Schluck und stellte ihn zurück. Hsi-jën, die neben ihm stand, betrachtete verständnislos kopfkratzend eine Weile das Geschehen, bis er endlich aufstand. Er nuschelte: „Was für ein freier Mensch!“ Hsi-jën hörte ihm amüsiert zu, traute sich jedoch nicht, ihn zu fragen. Es blieb ihr nur noch, ihm zu raten: „Wenn du diese Bücher nicht magst, so geh doch im Garten spazieren! Wenn du so nachdenkst, wirst du ja noch krank davon.“ Bau-yü stimmte murmelnd zu, und er verließ geistesabwesend den Raum. Als er nach einer Weile am Duftgetränkten Pavillon angekommen war, bot sich ihm das Bild eines einsamen und verlassenen Ortes. Wieder am Haselwurzpark angekommen, verstärkte sich der Eindruck. Das Duftkraut wuchs wie zuvor, Türen und Fenster waren verriegelt. Im Vorbeigehen am Kiosk des Lotoswurzelduftes konnte man nur ein paar Menschen bei den Liauhsü-Büschen in der Ferne erkennen, die sich mit dem Rücken an ein Geländer lehnten. Ein paar Dienstmädchen suchten auf dem Boden hockend nach etwas. Bau-yü ging leise hinter einen kleinen künstlichen Felsen, um sie zu belauschen. Da hörte er, wie eine sagte: „Taucht er auf oder nicht?“ Das klang wie Li-wën. Eine andere sagte lachend: „Toll, er ist abgetaucht. Ich weiß, sie lassen sich sowieso nicht anlocken.“ Das war die Stimme von Tan-tschun. Eine andere antwortete: „Nein, Schwestern, rührt Euch nicht von der Stelle! Wartet nur! Der Bißanzeiger hat sich aufgerichtet.“ Wiederum ein anderes Mädchen rief: „Da ist einer!“ Die letzten beiden Stimmen gehörten Li-tji und Hsing Hsiu-yän. Bau-yü konnte sich nicht zusammenreißen. Er griff nach einem kleinen Ziegelstein und warf ihn ins Wasser. Das dumpfe Geräusch des ins Wasser plumpsenden Steins erschreckte die vier Mädchen. „Wer ist dieser Frechdachs, der uns einen solchen Schrecken einjagt?“ Da sprang Bau-yü lachend hinter dem Hügel hervor: „Ihr amüsiert euch hier ohne mich?“ – Tan-tschun antwortete: „Beinahe hätte ich es mir denken können. Kein anderer kann so frech sein wie unser großer Bruder. Daß du den Fisch vertrieben hast, mußt du wieder gut machen. Das ist dir ja wohl klar! Er kam gerade hoch und war kurz davor anzubeißen, da hast du ihn verscheucht.“ Und Bau-yü lachte nur: „Ihr habt hier euren Spaß ohne mich. Dafür muß ich euch nach wie vor bestrafen.“ Alle mußten lachen. Da schlug Bau-yü vor: „Das Angeln soll unsere Zukunft voraussagen. Wer es schafft, einen Fisch zu fangen, hat dieses Jahr Glück, und wer keinen fängt, der wird eine Pechsträhne haben. Wer fängt an?“ Tan-tschun wollte, daß Li-wën anfing, aber die war damit nicht einverstanden. „Na gut, dann mach’ ich es eben“, entschied sich Tan-tschun lachend und sah Bau-yü an: „Bruder, verscheuche meinen Fisch nicht noch einmal – das kannst du mit mir nicht machen.“ Bau-yü entgegnete: „Eigentlich wollte ich euch eben bloß erschrecken, aber jetzt wollen wir ja alle Fische fangen.“
Aus: Jinyuyuan 1889a. Tan-tschun warf die Angelschnur ins Wasser, und schneller, als man zehn Sätze sagen kann, hatte ein Beilbauch-Weißfisch angebissen und zog den Bißanzeiger nach unten. Tan-tschun riß die Angelrute hoch, und der Fisch fiel zappelnd auf den Boden. Dai-schu griff mit beiden Händen nach dem Fisch und gab ihn in ein kleines mit frischem Wasser gefülltes Porzellangefäß. Tan-tschun gab die Angelrute an Li-wën weiter. Sie warf die Angelschnur ebenfalls ins Wasser, aber als sich die Schnur nur ein kleines bißchen bewegte, zog sie diese rasch aus dem Wasser – nichts war am Haken. Sie ließ die Schnur abermals ins Wasser. Erst nach einiger Zeit bewegte diese sich, sie zog sie heraus, und wieder war der Haken leer. Li-wën nahm den Haken näher in Augenschein und erkannte, daß er nach innen gebogen war. „Kein Wunder, daß ich nichts fange.“ Daraufhin ließ sie rasch Su-yün den Haken wieder zurecht biegen und einen neuen Wurm daran befestigen. Oben wurde noch ein Wasserpflanzenblatt angebracht. Nachdem die Angelschnur eine Weile im Wasser geruht hatte, versank das Blatt (das als Stopper diente) senkrecht im Wasser. Eilig zog sie die Schnur heraus. Sie hatte ein fünf Zentimeter großes Karpfenjungtier gefangen. Sie lachte Bau-yü an und sagte: „Jetzt bist du dran.“ Darauf entgegnete er: „Warum lassen wir nicht den anderen beiden Schwestern den Vortritt?“ Hsiu-yän sagte nichts, Li-tji hingegen bestand darauf: „Versuch’ du es, Bruder.“ Während sie sich unterhielten, trat eine Luftblase an die Wasseroberfläche. Tan-tschun sagte: „Ihr verpaßt eure besten Chancen. Ihr müsst Euch nicht immer nur den Vortritt lassen! Die Fische sind alle dort bei Li-tji. Schnell, Schwester Li-tji, angel!“ Li-tji nahm lachend die Angel. Wie erwartet, biß sofort ein Fisch an. Nachdem Hsiu-yän auch einen gefangen hatte, gab sie die Angel an Tan-tschun zurück, und dann kam erst Bau-yü dran. „Ich werde so gut fischen wie Großvater Djiang, bei dem die Fische freiwillig anbissen“, sagte er, ging die Steinstufen hinunter und setzte sich an den Teichrand und begann zu angeln. Die Fische bemerkten jedoch seinen Schatten und schwammen davon. Obwohl Bau-yü eine ganze Weile die Bambusangel hielt, bewegte sich die Schnur kein bißchen. Auf einmal blubberte ein Fisch an der Seite, und Bau-yü bewegte die Angel so heftig, daß der Fisch erschrocken die Flucht ergriff. Aufgeregt sagte Bau-yü: „Ich bin halt aufgeregter Natur, sie hingegen sind langsam. Was soll ich nur tun? Lieber, lieber Fisch, komm schnell her und hilf mir!“ Alle vier brachen in Gelächter aus. Bau-yü hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da zuckte die Angelschnur. Bau-yü war überglücklich, zog den Fisch kraftvoll nach oben, schlug jedoch mit der Angelrute gegen einen Stein, sie brach entzwei, die Schnur riß ebenfalls, auch der Haken flog werweißwohin. Die Umstehenden
Li-wën und Li-tji. Aus: Gai Qi 1879. lachten erst recht laut heraus. Tan-tschun sagte: „So einen unbeholfenen Kerl wie dich gibt’s kein zweites Mal.“ Da kam Schë-yüä aufgelöst herbeigeeilt und sagte: „Zweiter junger Herr, die Herzoginmutter ist erwacht und ruft nach Ihnen.“ Alle fünf erschraken. Tan-tschun fragte Schë-yüä: „Was will die Herzoginmutter vom zweiten jungen Herrn?“ Schë-yüä erklärte: „Das weiß ich selbst nicht. Ich habe nur gehört, es gehe um einen Aufruhr, und sie wolle Bau-yü rufen, um ihn zu befragen, und sie wolle dazu auch Herrin Liän befragen.“ Bau-yü war vor Schreck wie gelähmt und sagte: „Wer weiß, welches Mädchen diesmal krank geworden ist.“ Tan-tschun sagte: „Ich weiß nicht, worum es geht, zweiter älterer Bruder, aber geh schnell! Wenn es eine Neuigkeit gibt, schick’ sie zunächst Schë-yüä, um uns Bescheid zu geben!“ Nachdem sie das gesagt hatte, brach sie mit Li-wën, Li-tji und Hsiu-yän auf. Als Bau-yü in die Gemächer der Herzoginmutter trat, sah er nur, wie seine Mutter ihr Gesellschaft beim Kartenspielen leistete. Da er sah, daß alles in Ordnung war, fühlte er sich schon halb erleichtert. Als die Herzoginmutter ihn eintreten sah, fragte sie ihn: „Als du vorletztes Jahr einmal schwer krank warst, haben dich glücklicherweise ein verrückter Mönch und ein lahmer dauistischer Priester geheilt. Wie hat sich damals die Krankheit angefühlt?“ Bau-yü dachte kurz nach und berichtete dann: „Ich erinnere mich, daß ich, als ich krank wurde, aufrecht stehend das Gefühl hatte, jemand schlüge von hinten mit einem Knüppel auf meinen Kopf. Mir wurde vor Schmerz schwarz vor Augen, das ganze Zimmer war auf einmal voller grüngesichtiger Dämonen mit langen Zähnen, die Messer und Stöcke trugen. Wenn ich auf dem Ofenbett lag, fühlte es sich an, als wenn mein Kopf mit einigen Kopfbändern umschnürt worden sei. Danach wurde ich vor Schmerzen ohnmächtig. Als es mir wieder besser ging, erinnere ich mich, daß in der Haupthalle ein goldener Lichtstrahl direkt in mein Zimmer schien, die Dämonen hatten sich alle verkrochen und waren nicht mehr zu sehen. Mein Kopf schmerzte auch nicht mehr, ich war auf einmal wieder klar.“ Die Herzoginmutter sagte zur Dame Wang: „So ungefähr sah das auch aus.“ In dem Moment kam Hsi-fëng ins Zimmer und begrüßte die Herzoginmutter. Als sie sich umdrehte und die Dame Wang begrüßt hatte, fragte sie: „Was will die gnädige Frau mich fragen?“
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als du letztes Jahr diesen Anfall von Wahnsinn hattest?“, fragte die Herzoginmutter.
Hsi-fëng antwortete lachend: „Ich erinnere mich nicht mehr sehr gut, aber ich glaube, daß ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper hatte. Es war, als sei ich von bösen Geistern besessen, die mich dazu trieben, Leute umzubringen. Was auch immer ich in die Finger bekam, benutzte ich als Waffe und ging auf jeden los, der mir unter die Augen kam. Selbst fühlte ich mich sehr müde, dennoch konnte ich nicht aufhören.“ „Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als es dir wieder besser ging?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen. Hsi-fëng antwortete: „Als es mir wieder besser ging, war es, als ob jemand aus der Luft mir etwas zuflüsterte. Was es war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ –
„So wie du es beschrieben hast, klingt es so, als ob sie dafür verantwortlich gewesen sei. Kusine und Vetter hatten die gleichen Erlebnisse während ihrer Krankheit. Wie kann die alte Hexe so bösartig sein. Wenn ich daran denke, daß wir sie auch noch zu Bau-yüs Patin gemacht haben! Und bei dem buddhistischen Mönch und dem dauistischen Priester, die Bau-yüs Leben gerettet haben, gelobt sei Buddha, haben wir uns noch nicht einmal bedankt.“ – „Warum interessieren Sie sich denn für unsere Anfälle, gnädige Frau?“, fragte Hsi-fëng.
„Frag’ lieber deine Tante, ich möchte nicht darüber sprechen.“ Die Dame Wang fing an zu erklären: „Eben war dein ehrwürdiger Onkel hier und erzählte uns, daß Bau-yüs Patin als böse Hexe, die schwarze Magie praktiziert, entlarvt worden ist. Nachdem ihr Geheimnis bekannt geworden war, wurde sie von der Kriminalpolizei festgenommen und ins Gefängnis des Justizministeriums geworfen, wo sie eines Verbrechens angeklagt werden soll, das mit der Todesstrafe geahndet wird. Vor ein paar Tagen hat irgendein Mann sie angezeigt, ich glaube er heißt Pan San-bau. Er hat sein Haus an die Pfandleihe schräg gegenüber verkauft. Der Kaufpreis war um ein vielfaches höher als der eigentliche Wert des Hauses, aber Pan San-bau kriegte den Hals nicht voll und wollte sogar noch mehr, womit der Pfandleiher aber nicht einverstanden war. Pan San-bau hat die alte Hexe angeheuert, weil sie öfter bei der Familie des Pfandleihers vorbeischaute und sich mit den weiblichen Angehörigen des Pfandleihers gut verstand. Diesmal hat sie die Familie allerdings mit einem Fluch belegt, der die Menschen krank machte und Unglück über das Haus brachte. Sie hat auch behauptet, daß sie die Krankheiten heilen könne, und dazu Opfer und Papiergeld verbrannt. Das hat tatsächlich geholfen. Und dafür bekam sie von ihnen über ein Dutzend Liang Silber. Aber weil Buddha alles sieht, mußte sie ja bald entlarvt werden: Als sie eines Tages nach Hause eilte, verlor sie ein Seidenbündel. Der Pfandleiher hob es auf, um es sich anzusehen, und entdeckte darin mehrere Papierpuppen und vier stark riechende Pillen. Er wunderte sich noch darüber, als die Hexe zurückkam, um ihr Bündel zu suchen. Die Leute hielten sie sofort fest und durchsuchten sie, wobei sie eine kleine Schachtel ans Licht zogen, in der zwei nackte Dämonenfiguren aus Elfenbein waren, eine männliche und eine weibliche, und außerdem sieben grellrote Sticknadeln. Er hat die Person sofort zur Kriminalpolizei gebracht, wo sie verhört wurde und Geheimnisse vieler Frauen und Mädchen aus einflußreichen Familien preisgab. Deswegen wurde der Polizeitruppe Meldung gemacht, um ihr Haus zu durchsuchen. Dort wurden viele Tonfiguren von bösen Geistern und Dämonen sowie Betäubungsmittel gefunden. Hinter dem Ofenbett befand sich ein leerer Raum mit einer Öllampe mit sieben Flammen, unter der einige Strohpuppen lagen. Manche von ihnen hatten eiserne Bänder um den Kopf, in den Brustkörben von anderen steckten Nägel, und wieder andere waren gefesselt. Im Schrank waren unzählige Papierpuppen. Darunter lagen mehrere Geschäftsbücher, in denen die Namen verschiedener Familien aufgeführt waren und welche Summen die Hexe noch von ihnen erpressen wollte. Für Öl und Räucherstäbchen hatte sie ebenfalls viel Geld bekommen.“ Hsi-fëng sagte: „Bestimmt ist sie an unseren Anfällen schuld. Ich erinnere mich, daß ich sie nach unseren Anfällen einige Male bei Tante Dschau gesehen habe. Sie wollte Geld von ihr, und sobald sie mich sah, wurde sie blaß und stierte mich mit ihren pechschwarzen Augen böse an. Ich war ihr gegenüber schon früher gelegentlich argwöhnisch, ohne zu wissen warum. Aber jetzt ist mir alles klar. Da ich den Haushalt führe und es natürlich nicht immer allen recht machen kann, ist es kein Wunder, daß manche Leute mich bestrafen wollen. Aber wieso sollte sich jemand auf so grausame Art und Weise an Bau-yü rächen wollen?“ Die Herzoginmutter antwortete: „Ich glaube der Grund dafür ist, daß ich Bau-yü Huan-örl vorziehe. Das sät Zwietracht.“ Die Dame Wang entgegnete: „Die alte Hexe muß sich bereits vor Gericht verantworten. Wir können sie kaum zur Beweisführung herkommen lassen. Da es keinen Beweis gibt, wird Konkubine Dschau nicht gestehen. Wenn diese ganze Geschichte bekannt wird, macht es keinen guten Eindruck. Warten wir, bis sie die Suppe ausgelöffelt hat, die sie sich eingebrockt hat. Sie wird sich auf jeden Fall selbst verraten.“ - „Du hast ganz recht“, sagte die Herzoginmutter, „Ohne Beweise kann man das schlecht regeln. Nur Buddha sieht alles, und Kusine und Vetter sind heute schon wieder so gesund und so sehr zu nichts zu gebrauchen wie nur irgendwer. Die Geschichte ist vorbei, Hsi-fëng, auch du solltest nicht mehr an das Vergangene denken! Bevor ihr heute geht, müssen du und deine Tante unbedingt noch mit mir Abend essen.“ Sie befahl Yüan-yang und Hu-po, das Essen zu servieren. Hsi-fëng lächelte und sagte rasch: „Ehrenwerte Ahnin, machen Sie sich bloß keine Umstände!“ Auch die Dame Wang lächelte. Hsi-fëng sah einige Dienstmädchen, die draußen arbeiteten, und bat sofort eine von ihnen, Essen zu bringen: „Die gnädige Frau und ich essen zusammen mit der Herzoginmutter.“ Just in dem Moment kam Yü-tschuan und sagte zur Herzoginmutter: „Der gnädige Herr möchte etwas herausgesucht haben und bittet darum, dass die gnädige Frau, wenn sie mit der alten gnädigen Frau gespeist hat, dies selbst sucht.“ Die Herzoginmutter sagte: „Geh jetzt besser, wahrscheinlich hat dein Mann etwas Wichtiges!“ Die Dame Wang war einverstanden, sie verschwand, es blieb Hsi-fëng zurück, um aufzuwarten. Sie ging zurück in ihr Zimmer, um noch ein wenig mit Djia Dschëng zu plaudern und ihm die gewünschten Sachen zu bringen. Djia Dschëng fragte: „Wie geht es Ying-tschun denn in der Familie Sun? Sie ist doch wieder daheim!?“ Die Dame Wang antwortete: „Sie hat bitterlich geweint und gesagt, ihr Mann sei unheimlich brutal.“ Dann erzählte sie, was Ying-tschun ihr berichtet hatte. Djia Dschëng seufzte: „Ich hatte mir gleich gedacht, daß das nichts wird, aber wenn mein Bruder, der ehrenwerte Herr, etwas beschließt, kann ich nichts dagegen tun. Nur ist Ying-tschun halt diejenige, die darunter zu leiden hat.“ Die Dame Wang sagte: „Sie ist erst seit kurzem verheiratet. Hoffen wir, daß es noch besser wird.“ Dann lachte sie höhnisch auf. Djia Dschëng fragte, warum sie lache. Sie antwortete: „Ich lache über Bau-yü. Heute kam er früh morgens zu mir und redete kindisches Zeug.“ – „Was hat er gesagt?“ Die Dame Wang erzählte es unter Lachen. Djia Dschëng mußte auch lachen und fügte hinzu: „Apropos Bau-yü: Das bringt mich auf etwas. Es ist nicht gut, daß er jeden Tag im Garten spielt. Wenn man eine Tochter gebiert, ist sie keine Hilfe, schließlich wird sie sowieso irgendwann das Haus verlassen. Aber wenn der Sohn keine Hilfe ist, hat das größere Auswirkungen. Neulich hat mir jemand einen Lehrer empfohlen, der wie wir aus dem Süden stammt. Er soll sehr belesen sein und einen guten Charakter haben. Aber ich denke, daß die Leute aus dem Süden zu friedlich sind. Deswegen greifen sie nicht hart gegen unsere Lausebengel aus der Stadt durch. Einige von ihnen sind schlitzohrig und mogeln sich durch, sie trauen sich auch etwas. Die Lehrer aus dem Süden wollen das Gesicht der Kinder wahren. Sie vergeuden ihre Zeit damit, es den Kindern den ganzen Tag recht zu machen. Deshalb wollten unsere Vorfahren auch keine Fremden als Lehrer beschäftigen, sondern baten ältere Familienmitglieder mit ausreichender Bildung, sich um die Familienschule zu kümmern. Djia Dai-ju, der jetzt die Schule leitet, ist zwar nicht über die Maßen gebildet, aber er versteht es, die Kinder zu disziplinieren, und läßt nicht aus Dummheit den Dingen ihren Lauf. Ich finde es nicht gut, daß Bau-yü ein so ungeregeltes Leben führt, wir sollten ihn wieder in die Familienschule schicken.“ Die Dame Wang sagte: „Damit habt Ihr recht. Nachdem Ihr auf den Provinzposten versetzt worden wart, war Bau-yü oft krank und hat deswegen den Unterricht ein paar Jahre versäumt. Es wäre gut, wenn er alles noch einmal in der Familienschule auffrischen könnte.“ Djia Dschëng nickte und plauderte noch eine Weile. Am nächsten Morgen stand Bau-yü auf, wusch sich und kämmte seine Haare, als die Diener kamen und ihm die Botschaft übermittelten, daß sein Vater ihn sehen wolle. Bau-yü brachte rasch seine Kleidung in Ordnung und ging in Djia Dschëngs Studierzimmer, wo er grüßte und abwartend stehen blieb. Djia Dschëng fragte ihn: „Was lernst du in letzter Zeit? Obwohl du einiges geschrieben hast, ist es doch oft trivial. Ich habe bemerkt, daß du in den letzten Jahren immer ungezügelter geworden bist. Ich hörte, daß du wegen Krankheiten nicht lernen willst. Heute scheint es dir ja gut zu gehen. Mir ist auch zu Ohren gekommen, daß Du täglich mit deiner Schwester und den Kusinen im Garten lachst und herumalberst, sogar mit den Dienstmägden Hallodrie treibst und dabei alle wichtigen Dinge vernachlässigst. Zwar hast du ein bißchen was an Poesie geschrieben, aber sie taugen nicht viel. Welche Stellen darin sind schon gelungen? Schließlich ist das Aufsatz-Schreiben in der Beamtenprüfung das Wichtigste, und darauf hast du dich gar nicht vorbereitet. Ich sage dir: Von heute an darfst du weder Gedichte noch Parallelsätze mehr schreiben. Du wirst dich vielmehr intensiv mit dem Verfassen von Achtgliedrigen Essays auseinandersetzen. Ich gebe dir dafür ein Jahr Zeit – wenn du dann keine Fortschritte gemacht hast, brauchst du überhaupt nichts mehr lernen, denn dann will ich dich auch nicht mehr zum Sohn haben!“ Dann rief er nach Li Guee und sagte zu ihm: „Morgen früh soll Bee-ming mit Bau-yü die Bücher zusammensuchen, die er braucht, und sie mir zeigen. Ich werde ihn persönlich wieder in die Familienschule schicken.“ Bau-yü wies er an: „Geh jetzt! Komm morgen zeitig zu mir!“ Bau-yü hörte das, ihm fiel keine Antwort ein, und so ging er in den Roten Hof der Freude zurück. Hsi-jën hatte besorgt auf Bau-yü gewartet, und die Nachricht, daß er wieder in die Schule gehen sollte, erfreute sie. Doch er ließ seiner Großmutter schnell die Neuigkeit überbringen, in der Hoffnung, daß sie noch etwas verhindern könne. Nachdem die Herzoginmutter die Nachricht erhalten hatte, schickte sie nach Bau-yü und sagte dann zu ihm: „Sei unbesorgt und geh erst einmal in die Schule, um den Zorn deines Vaters nicht zu erregen! Solltest du in Schwierigkeiten geraten, gibt es mich ja auch noch.“ Bau-yü blieb nichts anderes übrig, als den Dienerinnen zu sagen: „Weckt mich morgen ganz früh! Der gnädige Herr wünscht, daß ich zur Schule gehe.“ Hsi-jën und die anderen bestätigten die Anweisung. Sie und Schë-yüä hielten die Nacht über abwechselnd Wache, um den nächsten Morgen nicht zu verpassen. Am Morgen des nächsten Tages wurde Bau-yü von Hsi-jën geweckt. Sie half ihm beim Kämmen, Waschen und Anziehen. Dann schickte sie ein Mädchen zum Tor von Bee-ming, welcher ihm helfen sollte, die Bücher und anderen Schulsachen zu tragen. Doch sie mußte Bau-yü zweimal antreiben, bevor er das Haus verließ. Als er das Studierzimmer von Djia Dschëng erreichte, fragte er als erstes: „Ist mein Vater bereits da?“ Aus dem Zimmer antwortete Hsiau-schë: „Grade eben bat ein Hausgast den Herrn, Bericht erstatten zu dürfen. Doch dieser sagte, er kämme und wasche sich gerade, und befahl ihm, draußen zu warten.“ Als Bau-yü dies hörte, fühlte er sich ein wenig beruhigter. Er eilte zu Djia Dschëngs Gemächern, er erreichte diese gerade, als sein Vater nach ihm rufen ließ. Er ging mit dem Boten hinein. Wie nicht anders zu erwarten, gab ihm Djia Dschëng noch einige Anweisungen und nahm ihn in seiner Sänfte mit. Bee-ming trug die Bücher und es ging direkt ins Innere der Privatschule. Ein Diener eilte voran, um die Ankunft zu verkünden: „Der Herr ist gekommen.“ Dai-ju stand auf, als Djia Dschëng das Klassenzimmer betrat und ihn begrüßte. Dai-ju ergriff seine Hände, begrüßte ihn und fragte: „Wie geht es Ihrer werten Frau Mutter dieser Tage?“ Daraufhin kam auch Bau-yü, um ihn zu begrüßen, während sein Vater darauf wartete, daß Dai-ju Platz nahm, bevor auch er sich setzte. Djia Dschëng sprach: „Ich habe meinen Sohn heute hierher gebracht, weil ich eine Bitte habe. Er ist kein Kind mehr, und es ist nun für ihn die Zeit gekommen, für die Berufswelt der Erwachsenen zu lernen sowie sich zu behaupten, um sich einen Namen zu machen. Bis heutzutage albert er zu Hause mit den anderen Kindern herum. Obwohl er einiges von Poesie versteht, sind seine Verse unsinnig; auch wenn sie gelungen sind, haben die Ergüsse über Wind und Regen, über Mondschein und Tau, nichts mit den ernsthaften Dingen des Lebens zu tun.“ Dai-ju antwortete: „Er sieht ganz gut aus, und ist auch recht intelligent. Warum studiert er nicht die Bücher? Auch von Poesie kann man etwas lernen. Aber wenn du dich weiter entwickeln möchtest, solltest du weiter lernen, und es ist noch nicht zu spät.“ Djia Dschëng sprach: „Es ist nämlich so, dass wir derzeit eigentlich nur von ihm verlangen, daß er am Unterricht teilnimmt, Texte analysiert und Aufsätze schreibt. Falls er nicht gehorsam ist, bitte ich Sie, ihn gründlich zu disziplinieren, so daß er sein Leben nicht aufgrund mangelnder Bildung vergeudet.“ Nach diesen Worten stand er auf, verbeugte sich mit zusammengelegten Händen, plauderte noch ein bißchen und verabschiedete sich dann höflich. Dai-ju begleitete ihn zur Tür und bat, der Herzoginmutter beste Grüße auszurichten. Djia Dschëng nickte, stieg in die Sänfte und wurde weggetragen. Dai-ju drehte sich um, ging wieder hinein und sah, dass für Bau-yü in der Nähe des südwestlichen Fensters ein Pult aus Rosenholz aufgestellt worden war; auf der rechten Seite lagen zwei Stapel alter Bücher und ein dünnes Aufsatzheft. Der Lehrer rief Bee-ming, seine Schreibutensilien für ihn in den Schreibtisch zu räumen. „Bau-yü, ich habe gehört, daß du vor Kurzem krank warst. Geht es dir inzwischen wieder besser?“, fragte Dai-ju. Bau-yü stand auf und antwortete: „Ja, viel besser.“ – „Wenn ich dich heute hier sehe, mußt du aber auch wieder fleißig werden. Dein Vater wünscht sich inständig, dass etwas aus dir wird. Zu Beginn solltest du das, was du bisher gelesen hast, einmal im Kopf neu sortieren. Steh jeden Morgen früh auf, um die Bücher zu repetieren, schreib nach dem Essen Zeichen, analysiere nachmittags Texte, lies Aufsätze mehrfach – und das ist es schon!“ Bau-yü wiederholte: „Gut“, wandte sich zum Hinsetzen um und sah sich dabei unwillkürlich nach allen Seiten um. Er sah, wie frühere Mitschüler wie Tjin-dschung verschwunden waren, während die jüngeren, die hinzugekommen waren, alle vulgär und unkultiviert waren. Plötzlich erinnerte er sich an Tjin-dschung und dachte voller Trauer daran, daß es niemanden mehr gab, mit dem er ein vertrauliches Gespräch führen könne. Obwohl er innerlich traurig war, wagte er nicht, etwas zu sagen, sondern verschloß es in seinem Herzen und begann zu lesen. Dai-ju teilte Bau-yü mit: „Da heute dein erster Schultag ist, kannst du heute früher gehen. Morgen interpretieren wir Texte. Da du ja nicht dumm bist, interpretierst du mir morgen ein, zwei Textabschnitte, so dass ich sehen kann, wie viel du in letzter Zeit gelesen hast. Dann weiß ich, wo du stehst.“ Als Bau-yü dies hörte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Wie Bau-yü tags darauf dem Unterricht folgte, erfährt man im nächsten Kapitel. 82. Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den Klassikern Die Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrak wegen eines Geisteralptraums.