Hongloumeng/de/Chapter 86

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 81 · 82 · 83 · 84 · 85 · 86 · 87 · 88 · 89 · 90 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 86

受私贿老官翻案牍 / 寄闲情淑女解琴书

889b. de­res, ganz zu Hsi-fëngs Erleichterung. Eine der jüngeren Mägde der Dame Wang erschien mit einem kleinen roten Päckchen. „Wir haben etwas Bezoar gefunden, gnädige Frau. Die gnädige Herrin sagt, ihr sollt die Menge in zwei Rationen aufteilen und verwenden.“ Hsi-fëng bat die Magd, der Herzoginmutter ihren Dank auszusprechen. Wang nahm das Päckchen und trug Ping auf, die pulverisierten Perlen, Sumatrakampfer und Zinnober zusammen mit dem Bezoar in den vorgeschriebenen Mengen zusammenzukochen. Sie selbst wog die korrekte Menge des pulverisierten Bezoars aus und fügte es der Mixtur hinzu. Sie wartete, bis Tchiau-djie wieder aufwachte, um ihr dann den Trunk zu verabreichen. Wer außer Djia Huan könnte genau in diesem Moment in den Raum platzen? „Wie geht es Tchiau-djie, Kusine Hsi-fëng? Mutter schickte mich, um nachzufragen.“

Hsi-fëngs Nackenhaare sträubten sich immer vollständig, wenn sie ihn oder seine Mutter, Tante Dschau, sah.

„Es geht ihr etwas besser“, antwortete sie mit einem beißenden Ton. „Wenn du zurückgehst, sag’ deiner Mutter bitte, daß es mir leid tut, ihr so viel Ärger bereitet zu haben.“ Djia Huan murmelte etwas von Abschied, begann aber , im Zimmer herumzuschnüffeln. „Sag’ mal“, sagte er nach einer Weile, „ich habe gehört, ihr habt etwas von diesem Bezoarzeug hier. Ich habe noch nie zuvor welches gesehen. Laß es mich doch mal ansehen.“ „Tchiau-djie erholt sich langsam“, sagte Hsi-fëng, „was winselst du dann noch hier rum? Die Bezoarsteine wurden bereits vollständig für ihren Trunk aufgebraucht.“ Dies vernehmend, faßte Djia Huan ungeschickt an die Bettvorhangs­quaste und warf dabei den heißen kochenden Medizintopf um. Es gab ein großes Zischen, als der Topf auslief und die kostbare Medizin sich in die Kohle ergoß und beinahe das Feuer löschte. Djia Huan sah, daß er in Schwierigkeiten war und zog sich schnell zurück. Hsi-fëng war so wütend, daß sie Funken vor Wut versprühte. „Du Balg einer verkommenen Widersacherin!“ schrie sie ihm nach. „Fluch meines Lebens! Was habe ich in meinem vergangenen Leben nur angerichtet, um so eine Schmach zu verdienen? Deine Mutter versuchte, es mir einzuflößen, jetzt hat es Tchiau-djie erwischt! Wofür muß sich diese Fehde über so viele Generationen fortsetzen?“ Sie beschimpfte auch Ping, daß diese nicht vorsichtig genug gewesen sei. Während Hsi-fëng vollkommen in Rage war, kam eine Magd, um Djia Huan zu suchen. „Geh und sag’ Frau Dschau,“ befahl Hsi-fëng, „daß sie sich keine Umstände machen muß. Tchiau-djie ist so gut wie tot, sie muß nicht mehr lange aushar­ren!“ Die Magd, verblüfft von Hsi-fëngs Bemerkungen, ging hinüber zu Ping, die eben einen neuen Trunk zubereitete und fragte flüsternd: „Was hat Frau Liän denn so wütend gemacht?“ Ping erzählte ihr Djia Huans Debakel. „Kein Wunder, daß er wegrannte und sich nicht traute, nach Hause zu kommen!“ erläuterte die Magd. „Er hat sich irgendwo versteckt. Ich weiß noch nicht, wie das morgen mit diesem Huan weitergehen wird! Kann ich beim Aufräumen helfen, Ping?“ „Mach’ dir keine Umstände. Glücklicherweise hatten wir noch einige Bezoarsteine übrig und alles ist fertig gemacht, du kannst nun ruhig gehen.“ „Ich werde gewiß Frau Dschau davon berichten, wenn ich zurück bin. Vielleicht hört sie dann auf, ständig von ihm zu prahlen.“ Die Magd ging wieder zurück, hielt ihr Wort und gab Tante Dschau einen ausführlichen Bericht von Djia Huans Debakel. „Bring ihn zu mir!“, rief Tante Dschau mit erregter Stimme. Nach kurzer Suche entdeckte ihn die Magd im angrenzenden Raum her­umschleichen und Tante Dschau begann unverzüglich, einen Hagel von Beschimpfungen auf ihn niederprasseln zu lassen: „Du verkommener kleiner Wicht! Was mußtest du unbedingt losgehen und Unruhe stiften, indem du die ganze Medizin auf dem Boden verteiltest? Ich sagte, du solltest gehen und fragen, wie es ihr geht und nicht dort hineinstürmen! Doch du mußtest unbedingt, oder? Und als du drinnen warst, mußtest du unbedingt bleiben und Flöhe auf den Tigerkopf werfen. Warte nur, bis dein Vater davon hört! Er wird dir die Prügel geben, die du verdienst!“ Während sie Djia Huan beschimpfte, hörte sie noch schlimmere Beschimpfungen im äußeren Zimmer. Doch um es selbst zu hören, lese man im nächsten Kapitel weiter. 85. Ankündigung der Beförderung von Djia Dschëng in den Rang eines ständigen Geschäftsführers Entdeckung, daß Hsüä Pan sich wieder der Gefahr der Verbannung aussetzt.

Bevor seine Mutter geendet hatte, hörte sie, wie Djia Huan im äußeren Zimmer rief: „Alles, was ich tat, war den Topf umzuwerfen und etwas Medizin zu verschütten! Dein widerliches kleines Balg ist ja nicht gestorben, oder? Es lohnt sich ja nicht, mich so zu beschimpfen! Du wirfst mir vor, daß ich ein schlechter Mensch sei und würdest mich auch noch zu Tode trampeln. Warte bis morgen, dann werde ich sie wirklich beseitigen! Das wäre euch eine Lektion! Sagt ihnen besser, sie sollen aufpassen!“ Tante Dschau kam angerannt und hielt ihm den Mund zu. „Du verlangst völlig danach, solche schrecklichen Dinge zu sagen! Sie werden mich zuerst töten, mein Junge, paß auf, daß sie es nicht tun!“ Die zwei stritten sich eine Weile. Dann hörten sie Hsi-fëngs boshafte kleine Mitteilung, wodurch seine Mutter noch mehr verbittert wurde. Es kam nicht in Frage, daß sie jemanden zu Hsi-fëng mit einer Entschuldigung schicken sollte und obwohl Tchiau-djie sich einige Tage später wieder vollständig erholte, hatte diese Episode die Fehde zwischen den beiden Familiengruppen noch verstärkt. Eines Tages kam Lin Dschï-hsiau, um Dji Dschëng zu berichten, daß der Prinz Bee-djing Geburtstag habe. „Gibt es dazu irgendwelche besonderen Anweisungen, Herr?“ – „Schicke, was wir gewöhnlich schicken“, antwortete Djia Dschëng. „Berichte es erst Herrn Djia Schë, bevor du die Geschenke überbringst.“ – „Sehr wohl, Herr“, sagte Lin und ging, um die nötigen Dinge zu erledigen. Wenig später erschien Djia Schë selbst, um mit seinem Bruder die Einzelheiten des Besuches zu besprechen. Sie entschlossen sich, Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü mitzunehmen, um dem Prinzen Bee-djing zu gratulieren. Während dies für die älteren Männer lediglich eine weitere gesellschaftliche Pflichtsache war, war es für Bau-yü eine lang erwartete Gelegenheit. Er war ein feuriger Bewunderer der ansehlichen Erscheinung und des anmutigen Betragens des Prinzen seit der ersten Begegnung, an die er sich erinnern konnte. Er wollte ihn öfter sehen. Er wechselte rasch seine Kleider und begab sich zu den anderen in die nördliche Halle. Bei der Ankunft am Palast präsentierten Djia Schë und Djia Dschëng ihre Visitenkarten und nach kurzer Zeit eilte ein Eunuch herbei, in der Hand eine buddhistische Perlenkette haltend: „Ich hoffe, Ihnen beiden geht es gut?“ Sie erwiderten den Gruß, und die drei jüngeren Djias traten vor, um ihre Grüße zu bestellen. „Ihre Kaiserliche Hoheit wird erfreut sein, Sie jetzt zu empfangen.“ Der Eunuch führte die fünf hinein, durch zwei weitere Durchgänge und hinter ein riesiges Prunkgemach, zum inneren Tor der privaten Residenz des Prinzen. Hier hielten sie noch einmal an, während die Eunuchen hineingingen, um ihre Ankunft anzukündigen. Die Gäste ließen sie während ihres Wartens vor dem Tor von einer Gruppe jüngerer Eunuchen unterhalten. Nach kurzer Verzögerung kehrte die ursprüngliche Eskorte zurück. „Bitte treten sie ein!“ Alle traten ehrfürchtig und mit ernsten Gesichtern ein. Der Prinz, in voller Robe seines Standes gekleidet, erwies ihnen das Kompliment, sie in einem der versteckten Gänge in der Nähe des Eingangs zur Haupthalle zu begrüßen. Die zwei Brüder gingen voran, um ihre Aufwartung zu machen, nach Dienstalter geordnet, gefolgt von Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü. Der Prinz nahm Bau-yüs Hand. „Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich habe oft an dich gedacht.“ Er lächelte: „Sag’ mir, wie verhält es sich mit deinem Jadestein?“ Bau-yü begab sich in eine halb knieende Position und antwortete mit gesenktem Haupt: „Die wohltätige Aura Euer Hoheit hat uns vor Unglück bewahrt. Uns geht es allen gut.“ – „Es gibt heute nichts Besonderes zu essen,“ fuhr der Prinz fröhlich fort, „wir sollten aber die Gelegenheit nutzen, uns gut zu unterhalten, weil du da bist.“ Die älteren Eunuchen hoben die Vorhänge und der Prinz sagte: „Bitte einzutreten“, ging aber selbst zuerst hinein. Die Jias folgten dem Alter gemäß, bewegten sich mit ehrerbietender Haltung. Innen angelangt, war Djia Schë der erste, der seine Geburtstagsglückwünsche überbrachte. Diese nahm der Prinz bescheiden entgegen, während Djia Schë sich niederkniete. Die anderen taten es ihm gleich. Als diese Formalitäten (eine sehr detailreiche Beschreibung, die der Erzähler hier ausläßt) vorüber waren, begannen die Djias diskret, ihren Abschied einzuleiten. Der Prinz wandte sich an seine Eunuchen und gab Anweisungen, daß die Eunuchen sich in der Empfangshalle gut um sie, seine Verwandten und die auserwählten Gäste kümmern sollten. Er bat Bau-yü, für ein kleines Gespräch zu bleiben.

Der Prinz von Bee-djing. Aus: Gai Qi 1879. „Setz’ dich!“, begann er, als die anderen gegangen waren. Bau-yü bedankte sich für diese Ehre mit einem Kotau. Er setzte sich vorsichtig auf einen seidenumhüllten Porzellanhocker nahe der Tür, sie sprachen eine Weile über seine Studien, seine Kompositionen und über andere Dinge. Der Prinz schien noch entzückter als je zuvor von seinem kleinen Schützling und bot ihm etwas Tee an. Weiterhin sagte er: „Exzellenz Direktor Wu war gestern in der Stadt für eine Audienz mit Seiner Majestät. Er sagte mir, daß dein Vater in seiner letzten Aufgabe als Bildungsbeauftragter eine gewissenhafte Unparteilichkeit gezeigt habe und sich den Respekt aller Kandidaten verdient habe, die er begutachtete. Als Ihre Majestät sich bei der Audienz erkundigte, erteilte Wu deinem Vater die größten Komplimente. Wirklich ein gutes Omen ...“ Bau-yü hatte sich eben flink erhoben, als der Prinz zu sprechen begann. Als er fertig war, antwortete er ihm: „Ihr habt uns einen großen Vorzug erwiesen, Eure Hoheit, und Direktor Wu hat überschwengliche Freundlichkeit gezeigt.“ Während er sprach, kehrte ein jüngerer Eunuch von der Rezeption der vorderen Empfangshalle zurück, um den Dank verschiedener Adeliger und Ehrenmänner für das Bankett zu übermitteln, ihre Anerkennungskarten zu präsentieren und die mittäglichen Grüße für den Prinzen zu übermitteln. Der Prinz warf einen kurzen Blick auf die Kärtchen und gab sie dem jungen Eunuchen lächelnd mit dem Zeichen der dankbaren Kenntnisnahme zurück. Der Eunuch fuhr fort: „Die Mahlzeit, die ihr extra für Herrn Bau-yü vorbereiten ließt, ist nun bereit.“ Der Prinz gab weitere Anweisungen. Der Eunuch begleitete Bau-yü nach draußen zu einem kleinen, aber feinen Hof. Dort wurden die Anwesenden instruiert, während des Mahls zu seiner Verfügung zu stehen. Anschließend kehrte Bau-yü zurück, um dem Prinzen zu danken, und plauderte auf dieselbe höfliche Art mit ihm weiter. Plötzlich sagte dieser lächelnd: „Als ich das erste Mal diesen Stein von dir sah, war ich, wie du weißt, so davon hingerissen, daß ich bei meiner Rückkehr den Jadearbeitern eine Beschreibung von ihm gab und sie bat, mir auch einen solchen anzufertigen. Ich bin so froh, daß du heute hier bist. Du kannst Ihn dann mit nach Hause nehmen. Es wird dich sicher freuen, daß du ihn behalten darfst.“ Er beauftragte einen der jungen Eunuchen, den Jade hereinzubringen, und der Prinz selbst gab sie Bau-yü, der sie demütig mit beiden Händen empfing, sich bedankte und sich auf den Heimweg begab. Der Prinz trug zwei jungen Eunuchen auf, ihn nach draußen zu begleiten, wo Djia Schë und die anderen Familienmitglieder auf ihn warteten, und sie gingen alle nach Hause. Bei ihrer Ankunft begrüßte Djia Schë die Herzoginmutter und begab sich in seine Wohnung. Djia Dschëng mit den drei anderen begrüßte die Herzoginmutter ebenso und gaben einen vollständigen Bericht von ihrem Empfang. Bau-yü berichtete seinem Vater die Neuigkeiten, die er über Direktor Wus großzügiges Handeln in Erfahrung gebracht hatte. „Direktor Wu“, erklärte Djia Dschëng, „hat uns ja schon immer sehr gut behandelt. Er ist meine Generation und ein Staatsmann höchster Integrität.“ Nach weiterem Plaudern erteilte die Herzoginmutter allen die Erlaubnis zu gehen. Djia Dschëng brach auf und Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü begleiteten ihn bis zur Tür. Djia Dschëng sagte: „Geht zurück und leistet Eurer Großmutter noch etwas Gesellschaft!“, und begab sich zurück in seine Wohnung. Er war noch nicht lange da, als eine Magd hereinkam und ankündigte, daß Lin Dschï-hsiau draußen warte, um ihm etwas zu berichten. Sie überrreichte ihm auch eine rote Besucherkarte von „Direktor Wu“. Djia Dschëng wußte, daß es ein offizieller Besuch war, ließ das Dienstmädchen Lin hereinbitten und ging hinaus, um mit ihm im Wandelgang unter dem Dachvorsprung zu sprechen. „Seine Exzellenz Direktor Wu wollte sie heute sehen, Herr,“ berichtete Lin. „Ich teilte ihm mit, sie seien unterwegs. Und noch etwas anderes, Herr; Ich habe gehört, daß die Stelle eines Dauerhaften Sekretärs im Arbeitsmini­ste­rium frei geworden ist. Verschiedene Leute außerhalb und innerhalb des Ministeriums sind alle der Meinung, daß Sie der Richtige für dieses Amt sind.“ „Hm...“, sagte Djia Dschëng, „wir werden sehen.“ Lin beriet sich mit seinem Herrn noch über einige andere Dinge und ging. Nachdem Djia Dschëng die Herzoginmutter verlassen hatte, kehrten Vetter Dschën und Djia Liän in ihre eigenen Wohnungen zurück, während Bau-yü zur Herzoginmutter zurückkehrte. Jetzt konnte er ihr alles sagen, was im Palast geschehen war. Er beschrieb, wie freundlich der Prinz ihn behandelt hatte, und nahm den Jade heraus, der ihm geschenkt worden war. Alle schauten ihn sich an, es war eine heitere Stimmung. Die Herzoginmutter beauftragte eine Magd, ihn vorsichtig wegzulegen. „Hast du deinen eigenen Jade gut aufbewahrt?“, sagte sie zu Bau-yü. „Sonst verwechselst du die beiden noch.“ Bau-yü nahm sofort das Original von seinem Hals. „Aber sieh doch!“, sagte er, „die sind so verschieden, wie könnte ich sie jemals verwechseln? Großmutter, das erinnert mich an etwas, das mir letzte Nacht widerfahren ist, als ich gerade ins Bett ging. Ich hatte gerade meinen Jade abgenommen und sie hinter dem Bettvorhang aufgehängt, als sie anfing, zu leuchten. Der ganze Innenbereich meines Bettes war rot.“ „Dummer Junge!“, ermahnte ihn die Herzoginmutter. „Da sind rote Bänder an deiner Vorhangleiste. Kerzenlicht erzeugt dann natürlich ein rotes Leuchten.“ „Nein, die Kerzen waren alle aus, in meinem Zimmer war es stockfin­ster und ich sah es immer noch glimmen.“ Die Damen Hsing und Wang kicherten. Hsi-fëng konnte sich auch nicht zurückhalten rätselhaft zu bemerken: „Kein Zweifel, das kündigt die Hochzeit an...“ „Welche Hochzeit?“, fragte Bau-yü. „Davon verstehst du nichts“, sagte die Herzoginmutter, „aber jetzt komm! Es war ein turbulenter Tag für dich, und du solltest nun gehen und dich ausruhen und keine Zeit damit verschwenden, hier Geschichten zu erzählen.“ Bau-yü blieb noch ein bißchen und kehrte dann in den Garten zurück. Als er aus dem Zimmer war, wandte sich die Herzoginmutter an die Dame Wang: „Nun, warst du schon bei Frau Hsüä und hast mit ihr darüber gesprochen?“ – „Ja, Mutter, das wollte ich eigentlich sofort machen“, antwortete die Dame Wang. „Aber weil Hsi-fëng in den letzten Tagen mit der kranken Tchiau-djie beschäftigt war, konnte ich es erst zwei Tage später machen. Auf jeden Fall scheint meine Schwester sehr erfreut über diese Idee, doch sie sagt, sie müsse warten, bis Pan nach Hause komme, bevor sie sich auf etwas festlegt. Sie muß erst ihn als ältesten Mann der Familie befragen.“ „Wohl wahr“, sagte die Herzoginmutter, „dann müssen wir wohl abwarten, bis sie darüber gesprochen haben. Unterdessen kein Wort davon zu niemandem, bis eine endgültige Entscheidung von Frau Hsüä vorliegt.“

Wir müssen nun diese Hochzeits-Plauderei verlassen und begeben uns zur unwissenden Hauptperson, die sich bei ihrer Ankunft im Roten Hof der Freude Hsi-jën anvertraute: „Großmutter und Tante Hsi-fëng haben über etwas sehr seltsam gesprochen heute morgen. Ich weiß nicht, um was es geht.“ Hsi-jën blickte einen Moment nachdenklich. „Ich habe auch keine Ahnung“, entgegnete sie dann mit einem besonderen Lächeln: „Ich überlege, war Fräulein Dai-yü dabei, als sie darüber sprachen?“ „Seit Fräulein Dai-yü krank ist, wie könnte sie da bei der Großmutter sein?“ Das Gespräch wurde durch Geräusche von Schë-yüä und Tjiu-wën unterbrochen, die sich im Nebenzimmer stritten. „Was ist los mit euch beiden?“, rief Hsi-jën. – „Wir haben Karten gespielt. Tjiu-wën hat gewonnen und mein Geld genommen. Jetzt, wo sie verliert, will sie das Geld nicht mehr herausrücken. Jetzt bin ich komplett ausgeraubt“, antwortete Schë-yüä. „Ach kommt schon!“ ermahnte sie Bau-yü lachend, „seid doch nicht dumm! Wer will sich schon über ein paar Taler streiten?“ Beide ließen von einander, gingen schmollend fort und ließen Hsi-jën Bau-yü für die Nacht herrichten. Jetzt war Hsi-jën sicher, daß die rätselhafte Unterredung, die Bau-yü erwähnte, irgendwie mit seiner Verlobung zu tun haben mußte. Sie hatte ihre Unwissenheit nur vorgetäuscht, aus Angst, daß die Erwähnung eines solch ernsten Themas in seiner derzeitigen Verfassung noch mehr dummes Gerede Bau-yüs produzieren würde. In ihrem Herzen war dies aber eine sehr wichtige Angelegenheit, die sie beschäftigte. Sie selbst fürchtete diese Neuigkeiten und lag in dieser Nacht wach. Dabei fiel ihr ein, daß sie am besten gleich am nächsten Morgen Dsï-djüan besuchen würde. Sie würde schauen, ob es von ihrer Seite Anzeichen gab, und dann würde sie Bescheid wissen. Also stand sie am nächsten Tag früh auf, machte sie sich selbst zurecht, nachdem sie Bau-yü zur Schule geschickt hatte, und spazierte durch den Garten zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Dsï-djüan war im Fronthof Blumen pflücken und grüßte sie mit einem Lächeln: „Komm her und setz’ dich nach drinnen!“ – Hsi-yän ging hinein und setzte sich. „Nun, so setze ich mich. Wie ich sehe, bist du mit deinen Blumen beschäftigt... Was ist mit Fräulein Dai-yü?“ „Sie hat sich gerade zurechtgemacht. Sie wartet darauf, daß ihre Medizin aufgewärmt wird.“ Dsï-djüan nahm Hsi-jën mit nach innen. Dai-yü las ein Buch, was Hsi-jën direkt ein Gesprächsthema lieferte. Sie lächelte liebenswürdig: „Kein Wunder, daß Ihr Euch geistig verausgabt. Ihr steht auf und lest schon ein Buch. Wenn Herr Bau-yü Ihrem Beispiel nur ein bißchen folgen würde!“ Dai-yü lächelte und legte das Buch nieder. Währenddessen kam Hsüä-yän mit einem kleinen Teetablett mit einem Schüsselchen Medizin und einem mit Wasser. Gefolgt wurde sie von einer jungen Magd, die einen Spucknapf trug. Eigentlich war es Hsi-jëns Absicht, sie auszuhorchen; doch irgendwie, inmitten all dieser medizinischen Fürsorge, fiel ihr kein passender Einstieg in das Thema ein, und sie erkannte, daß es das Risiko nicht wert war, das reizbare Fräulein zu kränken, um die Informationen zu erhalten, die sie brauchte. Nachdem sie nun eine Weile dort gesessen und planlos geplaudert hatte, verabschiedete sie sich und ging nach Hause. Sie näherte sich dem Roten Hof der Freude, als sie zu ihrer großen Überraschung zwei männliche Figuren etwas weiter weg stehen sah. Sie hielt es für diskreter, sich nicht weiter zu nähern. Einer von ihnen hatte sie bereits gesichtet und rannte zu ihr herüber. Es stellte sich heraus, daß es Tschu-yau war, einer von Bau-yüs Pagen. „Was tust du hier?“, fragte sie ihn. „Herr Yün kam gerade mit einem Brief und sagte, er sei für Herrn Bau-yü, und deshalb bin ich hier.“ „Aber du mußt doch wissen, daß Herr Bau-yü jeden Tag in die Schule geht, worauf wartet ihr also?“ „Das habe ich ihm auch gesagt“, sagte der Page schüchtern grinsend. „Doch er sagte, ich solle es dir erzählen und stattdessen auf deine Antwort warten.“ Hsi-jën wollte gerade antworten, als sie bemerkte, daß der andere Mann begann, ihnen entgegenzuschlendern. Eine eingehende Betrachtung bestätigte, daß der heimliche Eindringling tatsächlich Djia Yün war. Sie drehte sich dem Pagen zu und sagte forsch: „Sag’ ihm, ich werde den Brief unverzüglich an Herrn Bau-yü weiterleiten.“ Djia Yüns langsames Heranschreiten sollte sein wahres Ziel verdecken, welches war, mit dem angesehenen Fräulein Hsi-jën ein Tête-à-tête zu arrangieren, wollte sie aber auch nicht verärgern. Seine Abweisung (die er sehr deutlich vernahm), zwang ihn, wenn auch innerhalb seines Zielbereiches, seine Pläne zu verwerfen und zu einem vorzeitigen Stillstand zu kommen. Hsi-jën drehte sich auf ihrem Absatz um und begab sich zum Hof der Freude am Roten. Djia Yün konnte nichts tun und ging ganz enttäuscht mit Tschu-Yau zurück. Hsi-jën teilte diesen Zwischenfall am Abend Bau-yü mit, als er von der Schule zurückkehrte: „Dieser junge Herr Yün war heute hier“, sagte sie. „Was wollte er?“ „Er hinterließ Ihnen einen Brief.“ – „Wo ist er? Zeig’ ihn mir mal.“ Schë-yüä besorgte Yuns Brief von der Buchablage aus dem inneren Zimmer und gab ihn Bau-yü. Auf dem Umschlag stand: „An meinen verehrten Onkel.“ „Lustig“, sagte Bau-yü, „ich dachte, ich sollte sein Vater sein!“ – „Was?“, erwiderte Hsi-jën. „Erinnerst du dich nicht, vorletztes Jahr, als er mir weiße Zieräpfel brachte, bezeichnete er mich als ‚verehrter Vater‘? Und heute schreibt er auf dem Umschlag ‚Onkel‘ – er erkennt mich nicht mehr als Vater an...“ – Hsi-jën sagte: „Er schämt sich nicht, und du schämst dich auch nicht! Er ist ja schon groß und soll noch dein Sohn sein? Er sollte sich wirklich schämen. Du bist ja noch nicht mal...“ Hsi-jën stockte. Sie errötete und lächelte verlegen. Bau-yü bemerkte das. „Wer weiß?“, witzelte er, „man sagt ja: ‚Ein Mönch hat keine Kinder, aber viele, die ihn wie einen Vater verehren.‘ Ich sehe ihn nur als einen einnehmenden Menschen, deshalb mache ich das überhaupt. Wenn er es nicht will, bereue ich es auch nicht.“ – Während Bau-yü den Brief öffnete, fuhr Hsi-jën fort: „Wenn du es genau wissen willst, der kleine Herr Yün sah ja merkwürdig aus. Er guckt mal heraus, mal versteckt er sich, ich glaube, er ist ein schlechter Kerl.“ Bau-yü war zu sehr darin vertieft, den Brief zu öffnen, als daß er ihr zugehört hätte. Sie studierte sein Gesicht, während er las. Ein Stirnrunzeln, dann ein Lächeln, welches überging in ein Kopfschütteln und letztlich dem Ausdruck der Ungeduld. Als er fertig zu sein schien, fragte sie: „Worum geht es denn?“ Bau-yü antwortete nicht, sondern zerriß den Brief in Stücke. Hsi-jën sah das und wußte, daß sie nicht weiter fragen sollte. Stattdessen fragte sie: „Hast du vor, nach dem Abendessen noch etwas zu lesen?“ – „Was für ein lächerliches kleines Kind, dieser gemeine Yün!“ Hsi-jën lachte über diese Aussage, nach der sie nicht gefragt hatte, und fragte: „Worum geht es eigentlich?“ – „Frag’ nicht! Laß uns zu Abend essen! Danach gehe ich gleich schlafen. Es ist nur nervig.“ Er wies eine der jüngeren Mägde an, Feuer anzuzünden und warf die Stücke von Yüns Brief hinein. Das Abendessen wurde bald serviert, doch Bau-yü war dazu nicht in Stimmung und starrte nur mürrisch vor sich hin. Hsi-jën drängelte ihn auf allerlei Arten, bis er endlich etwas aß, doch er stellte seine Schüssel wieder hin und saß halb aufgerichtet im Bett, plötzlich begann er zu weinen. Weder sie noch Schë-yüä wußten, was sie tun sollten. „Nun komm schon, du mußt es uns erzählen“, sagte Schë-yüa. „All dies ist Yüns Schuld, oder wie auch immer sein verdammter Name ist. Ich kann mir nicht vorstellen, was in diesem blöden Brief gestanden haben kann, daß er so einen Eindruck auf dich machte, in der einen Minute warst du am Lachen, in der nächsten bitterlich am Weinen. Wenn du noch länger auf so seltsame Art weiter machst, wie können wir das weiter ertragen.“ Sie war selbst den Tränen nahe. Hsi-jën fand das beinahe zum Lachen: „Liebste Schë-yüä, mach’ doch bitte nicht alles noch schlimmer. Er plagt sich doch bereits mit genug Dingen herum. Vielmehr könnte man meinen, der Brief hätte etwas mit dir zu tun...“ – „Also das ist wirklich eine dumme Bemerkung, muß ich sagen!“, antwortete Schë-yüä. „Du weißt, daß irgendwelche Dummheiten darin standen. Warum ziehst du mich da mit rein? Wenn du so sprichst, hat es vielleicht ja viel eher etwas mit dir zu tun...“ Bevor Hsi-jën antworten konnte, kam prasselndes Gelächter aus dem Bett, Bau-yü setzte sich auf, schüttelte seine Kleider und sagte zu beiden:

„Jetzt ist es aber genug. Laß uns schlafen! Ich muß morgen früh arbeiten.“ Mit diesen Worten zog er sich zurück und legte sich schlafen.

Die Nacht ging ereignislos vorüber und am nächsten Morgen, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, ging er in die Schule. Er ging gerade durch das Hoftor, als er sich an etwas erinnerte. Er sagte Bee-ming, sie solle warten. Er kehrte um und rief „Wo ist Schë-yüä?“ – Sie kam herbeigeeilt: „Wieso sind Sie wieder zurück, was ist denn los?“ – „Wenn Yün heute wiederkommt, sag’ ihm, er soll keinen Ärger machen, oder ich werde es der gnädigen Frau und Herrn Dschëng berichten.“ – „Das werde ich.“ Bau-yü brach erneut auf und war auf dem Weg nach draußen, da sah er, wie Djia Yün nervös herkam. Als er Bau-yü sah, grüßte er sofort und sagte: „Meine herzlichsten Glückwünsche, Onkel!“ Bau-yü verstand dies als Anspielung auf die Sache in dem Brief vom Vortag und antwortete knapp: „Du bist ja viel zu taktlos! Du kümmerst dich nicht darum, wie es anderen geht, du kommst nur um Chaos zu bringen...“ – „Aber Onkel!“ protestierte Yün mit einem süffisanten Lächeln. „Wenn du mir nicht glaubst, schau’ dich selbst an. Die Massen stehen vor dem Tor.“ – „Was erzählst du?“ gab Bau-yü kurz zurück, seine Stimme wurde wütender. In diesem Moment schwappte eine Welle von Rufen und Pfeifen von der Straße herein. „Hörst du das!“, rief Djia Yün. „Glaubst du mir nun?“ Bau-yü war noch verblüffter als zuvor. Aus dem ganzen Klamauk konnte er kein Wort erkennen. Er rief: „Habt ihr Leute keine Manieren? Was fällt euch ein, hierher zu kommen und so einen Aufstand zu machen?“ Eine Stimme antwortete: „Da Euer Vater befördert wurde, wie könnten wir nicht herkommen um Euch zu gratulieren? Andere Leute träumen davon und erreichen nichts.“ Bau-yü verstand, daß die Beförderung seines Vaters zuletzt offiziell ausgerufen worden war und daß der Lärm vor den Toren von einer Menge von Leuten kam, die gratulierten. Ihre Begeisterung steigerte die Lautstärke immer mehr. Er wollte gerade losgehen, als Djia Yün rief: „Freust du dich nicht, Onkel? Wenn du dich jetzt noch verloben würdest, verhieße das ja doppeltes Glück ...“ Bau-yü errötete heftig, und er spuckte Djia Yün ins Gesicht: „Pfui! Warum verschwindest du nicht einfach? Du ekelst mich an!“ Djia Yün errötete ebenfalls. „Was soll denn das? Ich sehe, du bist ein wenig...“ – „Ein wenig was?“, fragte Bau-yü wütend. Doch Djia Yüns Nerven ließen ihn im Stich und er ließ seine Bemerkung unvollendet. Bau-yü eilte zur Schule, wo Dai-ju ihn mit einem Lächeln begrüßte: „Ich habe eben die guten Nachrichten gehört, mein Junge. Ich muß sagen, ich bin überrascht, dich heute überhaupt hier zu sehen.“ – „Ich dachte, ich sollte es euch zuerst berichten, Herr, bevor ich meine Glückwünsche überbringe“, antwortete Bau-yü mit einem freundlichen Lächeln. „Ich verstehe. Also gut, heute brauchst du nicht zum Unterricht. Nutze deinen freien Tag. Doch bitte vertrödel dich nicht im Garten. Da du auf Grund deines Alters noch nicht aktiv an den familiären Angelegenheiten teilnehmen kannst, solltest du mit deinen älteren Vettern lernen.“ – „Ja, Herr.“ Bau-yü kehrte nach Hause zurück. Als er sich dem zweiten Eingangstor näherte, kam ihm Li Guee entgegen, der ihm gratulierte.

Offizielle Bekanntgabe der Beförderung von Djia Dschëng. Aus: Jinyuyuan 1889a. „Bin ich froh, daß du zurück bist“, sagte Li Guee, der lächelnd neben ihm stehenblieb. „Ich wollte gerade zur Schule gehen, um dich zu holen.“ – „Wer hat dir das aufgetragen?“, fragte Bau-yü. „Die Herzoginmutter schickte jemanden zu dir“, antwortete Li Guee, „doch die Mägde sagten, du seist bereits in der Schule, deshalb schickte sie jemanden mit den Anweisungen, dich für ein paar Tage von der Schule zu befreien. Während die Herzoginmutter gerade Theaterschauspieler für die Festlichkeiten besorgt, kommst du gerade.“ Bau-yü ging hinein, um zu sehen, daß der Vorhof der Herzoginmutter von Mägden und Dienstmädchen überquoll, ihre Gesichter strahlten vor aufrichtiger Begeisterung: „Sie sind spät, Herr Bau-yü! Beeilen Sie sich besser, um der gnädigen Frau zu gratulieren!“ Bau-yüs Gesicht erhellte sich. Als er den Raum betrat, fand er seine Großmutter mit Dai-yü links und Hsiang‑yün rechts neben ihr sitzend aufrecht auf dem Ofenbett, während darunter die Damen Hsing und Wang, Tan‑tschun, Hsi­-tschun, Li Wan und Hsi-fëng, Li Wans zwei Kusinen Wën und Tchi und die Dame Hsings Nichte Hsing Hsiu‑yän versammelt waren. Er bemerkte, daß Bau‑tschai, Bau‑tjin und Ying-tschun nicht dabei waren. Überglücklich, eine solche Versammlung zu sehen, gratulierte Bau-yü seinerseits der Herzoginmutter herzlichst, dann seiner Mutter und der Dame Hsing und anschließend dem Rest der Familie. Er wandte sich lächelnd an Dai-yü und sagte: „Hast du dich denn etwas erholt, Kusine?“ – „Ja, es geht mir viel besser“, antwortete Dai-yü lächelnd. „Und dir? Ich habe gehört, daß es dir auch nicht allzu gut ging.“ – „Ja, in einer Nacht hatte ich plötzlich einen Schmerz in der Brust verspürt. Seit ein paar Tagen ist mir wieder besser, doch ich mußte jeden Tag zur Schule, deshalb konnte ich dich nicht besuchen kommen.“ Bevor er zu Ende sprechen konnte, wandte sich Dai-yü ab, um mit Tan‑tschun zu sprechen. Hsi-fëng stand in ihrer Nähe und bemerkte sarka­stisch: „Ich dachte, ihr beiden wärt unzertrennlich? Wie höflich ihr miteinander redet, könnte man meinen, ihr seid Gäste. Das ist so wie in der Redewendung ‚sich zu respektieren wie Ehrengäste“.“ Alle lachten. Dai-yüs Gesicht verfärbte sich und zuerst war sie vor Verlegenheit sprachlos. Doch da sie dachte, von ihr würde nun irgendeine Antwort erwartet, entfuhr ihr schließlich:„Was verstehst du denn ...?“ Das schien alle noch mehr zu erheitern. Nach kurzem Überlegen bemerkte Hsi-fëng, daß ihr Scherz deplaziert war, und sie wollte gerade ein neues Thema anfangen, um die Atmosphäre aufzulockern, als sich Bau-yü plötzlich zu Dai-yü wandte und sagte: „Kusine, weißt du, was dieser taktlose, unmögliche Narr Yün versucht...“ Dann fiel ihm ein, daß er darüber besser nicht sprechen sollte. Verblüfftes Lachen kam von den anderen. Jemand sagte: „Wovon redest du?“ Dai-yü tappte ebenso wie sie im Dunkeln und lächelte unbeholfen. Bau-yü wand sich irgendwie heraus und ging zu einem anderen Thema über: „Ich habe vorhin erst gehört, daß einige Theaterschauspieler bestellt wurden. Wieviele Stücke werden denn aufgeführt?“ Alle guckten ihn lachend an. Hsi-fëng antwortete dann: „Du hast es ja von draußen gehört. Du hast es uns ja jetzt berichtet. Wen willst du denn fragen?“ Bau-yü antwortete verlegen: „Ich gehe besser hinaus und sehe mal nach.“ „Jetzt auch noch nach draußen!“ warnte seine Großmutter. „Du möchtest doch nicht, daß sich die Menge über dich lustig macht, oder? Und denke daran, dies ist ein ganz besonderer Tag für deinen Vater und wenn er nach Hause kommt und du treibst dich herum, gibt es mit Sicherheit Ärger.“ – „Ja, Großmutter“, antwortete Bau-yü und begab sich auf die Flucht. Als er gegangen war, fragte die Herzoginmutter Hsi-fëng: „Wer hat etwas von Theater gesagt?“ – „Der Familie von Onkel Wang Dsï‑scheng geht es gut“, antwortete Hsi-fëng, „sie möchten dir, Onkel Dschëng und den Damen gratulieren. Sie haben extra eine neue Truppe an Schauspielern engagiert und sagen, daß es Euch nicht nur gut gehe, sondern der ganze Tag glücklich werde.“ Hsi-fëng lachte: „Und das nicht nur auf eine Art.“ Sie schaute Dai-yü an und lächelte. Dai-yü lächelte schüchtern zurück. „Natürlich!“ stieß die Dame Wang hervor. „Es ist der Geburtstag unserer Nichte!“ Als die Herzoginmutter das vernahm, lachte sie laut: „Das alles zeigt nur, wie geistesabwesend ich in meinem Alter werde! Es ist gut, daß Hsi-fëng hier alles organisiert. Nun, und was könnte besser sein: wir können die Beförderung deines Onkels Dschëng feiern und gleichzeitig deinen Geburtstag!“ Darauf mußte jeder lachen, und alle stimmten einhellig darin überein, daß die alte Dame die Ereignisse so druckreif zusammengeführt hatte, daß die Familie völlig zu Recht ein so ungeheures Glück genösse. Bau-yü kam rechtzeitig zurück, um von der Feier zu hören, und tanzte vor Freude. Sie setzten sich alle zum Mittagessen in einer Atmosphäre größter Heiterkeit. Nach dem Essen kehrte Djia Dschëng von seiner Danksagung am Hof zurück. Nach einem zeremoniellen Kniefall vor dem Familienschrein kam er herein, um vor seiner Mutter einen Kotau zu machen. Dann erhob er sich und sagte ein paar Worte, bevor er draußen die Gäste empfing und sich bei ihnen bedankte. Während der nächsten Tage herrschte durchgehender Betrieb und ein Durcheinander, als ein Schwall Verwandter das Jung-guo-Anwesen belagerte. Pferde und Kutschen drängten am Haupteingang, und in jeder Ecke wartete ein wichtig aussehender Edelmann auf seinen Einsatz, mit gestärktem Hut und Ehrendolch geschmückt. Es war wirklich, wie es heißt:

Über Blumenblüte Bienen- und Schmetterlingstanz, Unter weitem Himmel, Über'm Ozean der Vollmond.

Zwei Tage später kamen die Theaterschauspieler, auf Anweisung von Wang Dsï‑scheng und weiteren Angehörigen, am frühen Morgen an. Sie bauten ihre Bühne im Hof der Herzoginmutter auf, der der Haupthalle gegenüber lag. Die Männer der Familie Djia waren in offiziellen Gewändern gekleidet und unterhielten ihre Gratulanten und Verwandten im offenen Hof, wo mehr als zehn Tische aufgestellt waren. Da eine Premiere gegeben wurde, wurde eine besondere gläserne Sichtwand zwischen Hof und Hinterzimmer aufgestellt, durch die das Spiel von der Nordseite angeschaut werden konnte. Vier Tische wurden im geschlossenen Raum aufgestellt, um den Damen und besonders der Herzoginmutter zu ermöglichen, die Spiele zu sehen. Alles war darauf ausgerichtet, besonders der Herzoginmutter eine Freude zu machen. Frau Hsüä saß am Kopf des Ehrentisches, umsäumt von ihrer Schwester, der Dame Wang, und ihrer Nichte Bau‑tjin, während die Herzoginmutter am Kopf des Tisches gegenüber saß, begleitet von der Dame Hsing und ihrer Nichte Hsiu‑yän. Die zwei verbleibenden Tische waren noch leer, und die Herzoginmutter rief den anderen zu, sich zu beeilen und zu setzen. Hsi-fëng wurde von Dai-yü begleitet und holte sämtliche Dienstmägde. Dai-yü trug ein neues Kleid und sah, als sie hereinkam, aus wie die Mondgöttin, die auf die Erde niedersteigt. Sie begrüßte die Herzoginmutter, und ihre Tanten mit einem schüchternen Lächeln und Hsiang‑yün und die zwei Li-Schwestern baten sie, sich am Kopf ihres Tisches niederzulassen. Ihre freundliche Ablehnung wurde schnell von der Herzoginmutter überstimmt: „Nun komm schon, Liebes, heute mußt du den Platz einnehmen!“ – „Wirklich?“, stieß Frau Hsüä sich erhebend hervor. „Hat Fräulein Dai-yü heute auch etwas zu feiern?“ Die Herzoginmutter lachte: „Es ist ihr Geburtstag!“ – „Ach, du meine Güte. Ich habe es vergessen! Wie schrecklich von mir!“ Frau Hsüä ging zu Dai-yü: „Es tut mir leid. Ich hoffe, du vergibst mir meine Vergeßlichkeit. Ich werde Bau‑tjin bitten, dich später aufzusuchen und dir alles Gute zu wünschen.“ – „Bitte mach’ dir meinetwegen nicht solche Mühe“, sagte Dai-yü lächelnd. Sie blickte um sich, als sich alle setzten, und bemerkte, daß Bau‑tschai nicht gekommen war. „Ich hoffe, Kusine Bau-tschai geht es gut. Warum konnte sie heute nicht kommen?“ – „Sie wollte“, antwortete Frau Hsüä, „doch da zuhause niemand aufpaßt, mußte sie dort bleiben.“ Dai-yü errötete und sagte mit einem erstaunten Lächeln: „Jetzt, da Vetter Pan verheiratet ist und eine neue Schwägerin da ist, müßte sie doch nicht mehr zu Hause bleiben? Sie war sicher nicht in der Stimmung für diesen ganzen Lärm und die Aufregung. Es ist schade, daß sie nicht kommen konnte. Sie fehlt mir sehr.“ Frau Hsüä lächelte: „Das ist süß von dir, Liebes. Sie denkt auch ständig an dich. Ich werde ihr sagen, sie soll an einem Tag einmal zum Plaudern vorbeikommen.“ Die Mägde servierten bereits den Wein und deckten die Tische, während die Theatervorstellung draußen begonnen hatte. Selbstverständlich wurde sie mit zwei komödiantischen Stücken eröffnet. Bei dem dritten Stück schien es sich um eine Premiere zu handeln. Ein Chor goldener Pagen und Jade-Jungfrauen kam auf die Bühne, Feenbänder und Flaggen schwebten in der Höhe, um eine überaus betörende junge Dame zu enthüllen, ihr Kopf war mit einem Tuch schwarz drapiert, ihr Seidenkostüm schimmerte in den Farben eines Regenbogens, und sie trug eine gefiederten bunte Jacke. Der junge Mann in der Frauenrolle sang eine kurze Arie und verließ die Bühne. Keiner aus der Familie konnte dieses Stück überhaupt kennen, und sie hörten, wie einer der Gäste sagte: „Das war ,Die Verwandlung“, von einer ihrer letzten Darstellungen, Der Perlenpalast. Es wird die Geschichte von Chang E erzählt, die aus ihrem Mondpalast herunter auf die Erde kommt und sich gerade mit ihrem sterblichen Liebhaber vermählen will, als die Göttin der Barmherzigkeit ihr die Augen für die Wahrheit öffnet, und sie stirbt, bevor die Hochzeit stattfindet. In dieser Szene schwebt sie gerade zum Mond. Hast du den Text der Arie gehört?

Die Liebe, die der Menschen Geist beherrscht, verdunkelt alle Spuren ewiger Wahrheit: Die Erntemonde schwinden, des Frühlings frische Schönheit, voll der Anmut, welkt. Sterbliche Liebe war's, die meiner Augen Licht benahm und um mich spann ein Netz von Dunkelheit.

Als viertes Stück stand die 21. Szene: ,Eine Ehefrau ißt Weizen und bezichtigt sich selbst’, aus ,Die Geschichte der Laute‘ auf dem Programm, gefolgt von dem fünften Stück ,Bodhidharma und seine Schüler überquerten den Fluß‘, aus ,Die Pilgerreise‘. Als Bühnenhintergrund wurde eine Fata Morgana-Szene aufgebaut, und es sah turbulent aus. Die Begeisterung hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht, als einer der Diener der Hsüä-Familie, mit schweißüberströmtem Gesicht, in den Hörsaal des Hofes platzte und zu Hsüä Kës Tisch eilte: „Herr Ke! Kommen Sie schnell nach Hause! Und sagen Sie der Herrin Bescheid, daß sie auch kommen soll. Es ist sehr dringend!“ – „Was ist passiert?“, fragte Hsüä Kë. „Ich sage es ihnen, wenn wir zu Hause sind, Herr!“, keuchte der Junge. Seinen Gastgebern unaufhörlich dankend, folgte Hsüä Kë dem Jungen aus dem Hof und schickte eine der Mägde mit einer Nachricht in den Damenbereich. Als Frau Hsüä die Neuigkeiten vernahm, verfinsterte sich ihre Miene. Bau‑tjin mit sich nehmend, verabschiedete sie sich unkonzentriert und begab sich direkt zu ihrer Sänfte, die ganze Versammlung dabei in höchstem Aufruhr verlassend. „Wir schicken jemanden hin, um zu erfahren, was los ist“, sagte die Herzoginmutter, „alle machen sich Sorgen.“ Alle stimmten zu. Die Spieler fuhren mit ihrem Programm fort. Doch wir müssen sie verlassen und Frau Hsüä folgen, die bei ihrer Ankunft zu Hause zwei Boten des Yamen am inneren Torweg warten sah. Bei ihnen waren einige Angestellte des Familienpfandhauses. „Wenn Frau Hsüä erscheint“, sagten sie, „wird sie alles erklären können.“ Als die Boten des Yamen diese ältere Dame mit ihrem Gefolge männlicher und weiblicher Begleiter zum Tor eilen sahen und die erhöhte Position der Person sahen, mit der sie es zu tun hatten, standen sie stramm und ließen sie passieren. Frau Hsüä ging weiter durch die Empfangshalle und konnte bereits lautes Weinen aus der Wohnung ihrer Schwiegertochter vernehmen. Sie beschleunigte ihren Gang. Bau‑tschai kam ihr mit einem Gesicht naß vor Trä­nen entgegen. „Hast du es gehört, Mama? Bitte keine Aufregung! Wir müssen etwas tun!“ Sie gingen zusammen hinein. Einige der Diener hatten Frau Hsüä auf ihrem Weg hinein bereits gesagt, worum es ging. Bau-tschai schluchzte und zitterte immer noch von dem Schrecken. „Doch wer? Wer war es?“, fragte sie aufgewühlt. „Herrin“, sagte einer der Diener, „solche Details werden an der Situation im Moment nichts ändern. Das Gesetz sagt: ‚Ein Leben muß mit einem Leben vergolten werden‘. Deshalb müssen wir überlegen, was zu tun ist.“ – „Überlegen!“, schrie Frau Hsüä hysterisch, „was bringt denn schon Überlegen in so einem verdammten Moment wie jetzt?“ – „Das Beste, wie wir finden“, fuhr der Diener fort, „ist dies. Zuerst schicken wir den jungen Herr Ke mit etwas Geld, um Herrn Pan im Gefängnis zu besuchen. Was morgen zuerst zu tun ist: Herr Ke muß sich einen guten Berufsschreiber besorgen, jemand, der mit der gerichtlichen Terminologie vertraut ist. Er muß ihm ein gutes Honorar anbieten, um sicherzugehen, daß sein Todesurteil verworfen wird. Wenn das erledigt ist, müssen wir einen der Edelmänner der Familie Djia hier fragen, ob sie ein paar Fäden ziehen.