Hongloumeng/de/Chapter 88
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Kapitel 88
博庭欢宝玉赞孤儿 / 正家法贾珍鞭悍仆
aber zu teilen...“ Dai-yü schloß die Augen und senkte langsam den Kopf. Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ – „Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ – „Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“ Dai-yü lachte. „Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht. Dann gibt es Zeichen für alle Stile – die engen und die weiten schwingend, die steigenden und die fallenden gleitend, die Beize, das zitternd, das fallende gleitend0 mit offensaitigem Dröhnen...“ Bau-yü war außer sich vor Begeisterung. „So perfekt, wie du das verstehst, Kusinchen, warum lernen wir nicht zusammem das Zitherspiel?“ – „Das Wesen der Zither“, antwortete Dai-yü, „ist die Beherrschung. Es wurde vor langer Zeit erfunden, um sich selbst zu reinigen und ein gutes und besonnenes Leben zu führen, alle irdischen Lüste zu bezwingen und jeden zügellosen Impuls zu hemmen. Wenn du es zu spielen wünschst, mußt du dir erst eine ruhige Kammer suchen, ein Atelier mit weitem Ausblick oder einen höheren Raum, oder einen abgelegener Winkel über Hügeln und Bäumen, auf einem felsigen Gipfel, an einem Wasserufer... Laß das Wetter klar und ruhig sein, eine leichte Brise, eine mondhelle Nacht. Entzünde Räucherstäbchen und sitz dort in stiller Meditation. Befreie deinen Geist von äußeren Gedanken. Die Balance von Atmung und Blut in perfekter Harmonie, nur so kann dein Geist sich dann mit dem Göttlichen verbinden und eine geheimnisvolle Einigung mit dem Dau antreten. Wie die Alten sagen, es ist schwer, einen wahre Musikkenner zu treffen. Wenn es niemanden gibt, der die Wonne deiner Musik teilt, dann sitze allein und spiele der Brise und dem Mondlicht ein Lied, sing ein Loblied auf die alten Kiefern und die wettergegerbten Felsen; laß die wilden Affen und die ehrwürdigen Kraniche dein Lied hören, viel eher als das gemeine Volk, ihre dumpfen Ohren würden den kostbaren Klang des Zither nur besudeln. So viel zur Umgebung. Das Nächstwesentliche sind die Fingertechnik und die Haltung. Bevor du das Instrument ergreifst, kleide dich angemessen – vorzugsweise mit einem baumwollenen Umhang oder einer antiken Robe. Übernimm die ehrenvollen Gebärden der Alten, die Art der Weisen, das ausgewählte Instrument zu tragen. Wasch deine Hände. Entzünde Räucherstäbchen. Setze dich auf die Ecke deiner Liege. Lege die Zither auf dem Tisch vor dir und setze dich so, daß du mit der Brust dem fünften Bund gegenüber sitzest. Erhebe beide Hände langsam und anmutig. Nun bist du mit Körper und Geist bereit zu beginnen. „Während des Spielens mußt du sorgfältig die Tempi-Angaben beachten – leise, kräftig, munter-schnell, langsam0 – und bewahre die ganze Zeit eine entspannte und ernste Haltung.“ – „Ach du meine Güte!“, rief Bau-yü aus, „ich dachte, wir könnten es zu unserem Vergnügen machen! Wenn das so kompliziert ist, glaube ich nicht, daß ich bereit dafür bin!“ Während sie sprachen, kam Dsï-djüan herein und fragte, als sie Bau-yü in dem Zimmer sah, mit einem Lächeln: „Warum freuen Sie sich heute so sehr, Herr Bau-yü?“ – „Kusine Dai hat mir eben etwas über die Zither beigebracht. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich könnte für immer zuhören!“ – „Das meinte ich nicht“, sagte Dsï-djüan, „was ich meinte war, daß wir Sie in letzter Zeit so selten sehen, ich überlegte, ob etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Sie hierher führte?“ – „Ich fürchte, es sieht wirklich so aus“, antwortete Bau-yü „Doch weshalb ich in der letzten Zeit nicht so oft vorbeischaute, war, weil es Kusine Dai-yü nicht gut ging und ich dachte, es sei besser, sie nicht zu stören. Und ich mußte auch zur Schule gehen...“ – „Nun,“ unterbrach Dsï-djüan, „Fräulein Dai-yü hat gerade angefangen, sich besser zu fühlen, also warum laßt Ihr sie nicht lieber noch in Ruhe, statt sie um Unterricht zu bitten?“ – „Oje! Wie gedankenlos von mir!“ stieß er mit einem Lachen hervor. „Ich war so gefangen von dem, was sie sagte, daß mir nicht in den Kopf kam, es könnte sie ermüden.“ – „Das hat es auch nicht“, sagte Dai-yü lächelnd, „über Musik zu sprechen, ermüdet mich nie, ganz im Gegenteil, es weckt meine Geister. Ich mache mir nur Sorgen, daß ich vielleicht nur vor mich hin gesprochen habe und du das vielleicht gar nicht verstanden hast...“ – „Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „nach und nach durchdringe ich es schon.“ Er stand auf. „Doch im Ernst, ich sollte dich jetzt wirklich besser in Ruhe lassen. Morgen werde ich die dritte Schwester Tan und die vierte Schwester Hsi fragen, ob sie mit mir herüber kommen. Ihr drei könnt dann zusammen lernen. Ich werde dann dabei sitzen und...“ – „Warum denn, du Faulpelz!“, lachte Dai-yü, „stell’ dir vor, wir drei lernen zu spielen und du bleibst so unwissend wie immer: so ist das wie Perlen vor die Säue werfen.“ An dieser Stelle stockte sie, weil sie plötzlich an eine Herzensangelegenheit dachte. Bau-yü lachte nur: „Ich wäre schon froh, dich spielen zu hören. Dafür würde ich alles tun – sogar deine Sau sein!“ Dai-yü errötete, doch lachte dann auf. Dsï-djüan und Hsüä-yän lachten ebenfalls. Bau-yü verabschiedete sich und erreichte gerade die Tür, als Tjiu-wën erschien, gefolgt von einer jüngeren Magd, die einen kleinen Topf mit Orchideen-Pflanzen trug. „Die gnädige Herrin schickt vier Orchideentöpfe“, sagte Tjiu-wën, „und sie dachte, da sie im Palast sehr beschäftigt ist und keine Zeit hätte, sie zu pflegen, wäre es besser diese an Sie Herr Bau-yü, und Sie, Fräulein Dai-yü, weiterzugeben.“ Dai-yü betrachtete die Orchideen. Unter ihnen waren auch einige Doppelköpfige, und wie sie diese anschaute, hatte sie das merkwürdige Gefühl, es habe etwas zu bedeuten. Es war entweder Kummer oder Freude, worauf sie hindeuteten, sie konnte es nicht sagen. Doch es war etwas Wichtiges. Sie starrte sie an und war dabei in Gedanken verloren. Im Gegensatz dazu war Bau-yüs Kopf immer noch voll mit schwingend und gleitend und als er ging, sagte er erheitert: „Jetzt, da du diese Orchideen hast, Kusinchen, kannst du deinen eigenen eleganten Schreittanz, einen Pfauentanz0 der einsamen Orchideen komponieren. Und ich bin sicher, es wird so gut wie das von Konfuzius!“ Dai-yüs Herz war zu verärgert, um dieser Abschiedsgeste zu antworten. Sie ging wieder hinein und dachte bei sich, als sie die Orchideen anblickte: ‚Blumen haben ihren Frühling, eine Zeit der frischen Blüten und jungen Blätter. Ich bin jung, doch schwach – wie die Weide, die den ersten Hauch des Herbstes scheut... Wenn alles im Guten endet, werde ich wieder zu Kräften kommen. Aber wenn nicht, wird mein Schicksal ähnlich dem der Blütenblätter sein, die am Frühlingsende fallen, getrieben vom Regen und vom Wind verwirbelt...‘ Wegen dieser düsteren Gedanken kamen ihr die Tränen. Dsï-djüan war verwirrt, sie weinen zu sehen. ‚Eben gerade‘, dachte sie bei sich selbst, ‚als Herr Bau-yü hier war, waren die beiden so beflügelt; und schau’ sie dir jetzt an! Und das, als sie die schönen Blumen anschaute!’ Sie versuchte immer noch vergeblich, sie zu trösten, bis sie sah, daß Bau-tschai einige Dienerinnen hergeschickt hatte. Doch wer den Zweck ihres Besuches erfahren möchte, muß das nächste Kapitel lesen. 87. Die Kombination aus herbstlichen Klängen und traurigen Erinnerungen inspiriert eine Zither-Komposition Und eine Flut von Leidenschaften erlaubt einem bösen Dämon, die Heiterkeit des Dsën zu stören.
Dai-yü bat die Dienstmädchen in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Nach der Begrüßung überreichte eine Magd einen Brief für Dai-yü. Dai-yü ließ sie mit den anderen Dienstmädchen Tee trinken gehen und öffnete den Brief. Er war von Bau-tschai und begann folgendermaßen:
„Liebe Kusine,
Es muß ein schlechter Stern über dem Tag meiner Geburt gestanden haben! Unglück verfolgt die Familie zu jeder Gelegenheit! Vetter Tjin und ich sind vaterlos; Mutter ist in fortgeschrittenem Alter; dazu kommt der Lärm von bestialischem Gezetere, das zur Zeit aus unseren inneren Gemächern den ganzen Tag und Abend über zu hören ist; und um den Vortrag über das Familienelend zu vervollständigen, Bruder Pans kürzlicher und allerschlimmster Schlag! Oje! Wir werden in der Tat von heulendem Wind und sturzflutartigem Regen heimgesucht! Als ich nachts wach lag, mich in meinem Bett wälzend, unfähig meinen Kummer zu bewältigen, war mein einziger Trost der Gedanke an eine verwandte Seele wie die deine. Ach, liebe Kusine! Ich weiß, daß du die Last gerne mit mir teiltest, so wie du einst die Freuden des goldenen Herbstes teiltest, als Harmonie und Fröhlichkeit vorherrschten. Dann, vereint unter der Schirmherrschaft des Begonienbundes, kosteten wir Delikatessen wie Schalentiere und betrachteten Chrysanthemen. Einmal, ich erinnere mich, befragtest du die Blumen wie folgt:
Wer, Weltverächter, teilt dein Versteck? Warum, von allen Blumen, blüht deine so spät?
Diesen Zeilen gelingt es stets, mein Herz zu zerreißen. Sind wir beide denn nicht Chrysanthemen, die spät blühen und im sich nähernden Frost duften? Ich habe mich bemüht, eine Wehklage in vier Stanzen zu komponieren, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich bitte dich, lies es nicht als Stück Literatur, nur als einfaches Gefäß für meine Tränen.
Gezeiten wechseln, und wieder einmal bringt Wechsel Herbstfrost vor uns're Tür, freudeleer. Voll Trauer und einsam - wie der Mutter Eintagslilie – ist mein Herz unruhig und sorgenvoll. Niemand enthebt mich meiner Sorgen.
Wolkenballen: Vorübergetrieben von schneidenden Herbstwinden! Wohin gehe ich? Woher komme ich? Verloren habe ich meine Freude. Schweigend grüble ich meinen Gedanken nach.
Der Wei-Lachs wohnt im tiefen See. Der Kranich thront auf seinem Dach. Den Fisch verbirgt sein Schuppengewand, Hummer und Krebs ihr Panzerharnisch. Den Vogel schützt sein Federkleid. Grübelnd schau’ ich ins Weite und frage mich: „Oh, Tiefen der Erde! Oh, endloser Himmel! Was bleibt nach dieser Wunde? Wer weiß es?“
Unter der funkelnden Milchstraße fühle ich eiskalte Luft hereindringen Das Mondlicht scheint schräg herunter, die Jadeuhr senkt sich in die Nacht. Mein ruheloses Herz trauert immer noch; Ich lese noch einmal diese traurige Klage, bevor ich sie dir anvertraue, meine verwandte Seele und Freundin!
Dai-yü war tief bewegt. ‚Sie wußte, ich würde sie verstehen, da wir in einer ähnlichen Situation sind!‘, dachte sie bei sich, „deswegen schreibt sie lieber mir als irgend jemand anderem.“ Sie war in traurigen Gedanken versunken, als eine Stimme von draußen rief: „Ist Kusine Dai-yü zu Hause?“ Den Brief zusammenfaltend, antwortete sie in einem distanzierten Ton: „Wer ist es?“ Ihre Besucher waren bereits auf dem Weg zu ihrem Zimmer – Tan‑tschun, Schï Hsiang‑yün und die zwei Schwestern Li-wën und Li Tchi. Die Mädchen tauschten Begrüßungen aus und Hsüä-yän brachte ihnen Tee. Während der darauf folgenden Unterhaltung kehrten Dai-yüs Gedanken zu der Versammlung vor zwei Jahren zurück, bei welcher sie die Chrysanthemen-Gedichte geschrieben hatten: „Denkst du nicht, daß es seltsam ist?“, bemerkte sie zu den anderen. „Seit Kusine Bau-tschai den Garten verlassen hat, kam sie nur zwei Mal, um uns alle zusammen zu sehen. Und heute kommt sie nicht einmal vorbei, wenn sie die Gelegenheit hat. Ich befürchte, sie kommt bewußt nicht zu uns.“ Tan‑tschun lächelte: „Natürlich, sie will ja herkommen! Nur im Moment stehen die Dinge etwas schwierig: Vetter Pans Frau ist eine sehr durchtriebene Person, Frau Hsüä kommt in die Jahre und mit Pans letztem Ärger, die Spitze von allem, muß Bau-tschai sich zu Hause um alles kümmern. Es ist nicht wie in den alten Tagen, als sie die Freiheit hatte zu tun, was sie wollte.“ Als sie sprach, hörten sie draußen plötzlich einen Windstoß und das Prasseln von fallenden Blättern gegen das Papierfenster. Ein zarter Duft strömte in den Raum. Sie überlegten alle, von welcher Blume er stammen könne. „Es ist wie die Cassiablüte“, vermutete Dai-yü. Tan‑tschun lachte. „Immer noch eine Südländerin im Herzen! Es ist der neunte Monat, lange nach der Cassia-Zeit.“ Dai-yü lächelte. „Du hast recht. Ich sagte ja nicht, es war, sondern nur wie.. . „Egal, Tan“, warf Hsiang‑yün ein, „rede nicht mehr so weiter. Kennst du nicht die Zeilen: ,Der Lotusduft strömt über Meilen, die Cassia blüht bis an das Herbstende.‘ Im Süden hat es die spät blühende Cassia zur Zeit am Besten. Du hast sie nur nie gesehen. Wenn du jemals die Gelegenheit bekommst, in den Süden zu reisen, wirst du sie selbst sehen können.“ – „Und was soll ich im Süden?“, entgegnete Tan‑tschun mit einem Lächeln. „Außerdem wußte ich das alles schon lange. Das mußt du mir doch nicht noch erklären.“ Die Li Schwestern schwiegen und lächelten sich an. „Du hast nicht ganz recht, Tan-tschun“, sagte Dai-yü, „wir sind ‚feenhafte und leichtfüßige Erdlinge‘, das sagt das Sprichwort. Heute sind wir hier, wo sind wir morgen? Nimm mich als Beispiel. Ich bin eine geborene Südländerin, doch lebe ich hier im Norden.“ Hsiang‑yün klatschte in die Hände und lachte: „Gut gesagt! Dai-yü hat gegenüber dir hier gepunktet, Tan-tschun! Und sie ist nicht die einzige, die diese Erfahrung gemacht hat. Schau den Rest von uns an. Manche von uns sind Nordländer, dort geboren und aufgewachsen. Manche sind im Süden geboren, doch im Norden aufgewachsen. Und manche sind im Süden aufgewachsen und kamen erst später hierher. Und jetzt sind wir alle zusammen hier. Du siehst, es ist unser Schicksal. Menschen und Orte haben eine Neigung zueinander. Ihr Karma bringt sie zusammen.“ Sie alle nickten zu Hsiang‑yüns kleinem Diskurs, außer Tan‑tschun, die nur lächelte. Nachdem sie noch länger miteinander geredet hatten, machten sie sich auf zu gehen. Dai-yü ging mit ihnen bis zur Tür und wäre hinaus gegangen, doch die anderen rieten ihr davon ab: „Du fängst eben erst an, dich besser zu fühlen. Wenn du jetzt hinaus gehst, könntest du dich erkälten.“ Also stand sie in der Tür, sagte ein paar Worte zum Abschied und schaute den vieren nach, bis sie aus dem Hof gegangen waren. Dann kam sie wieder herein und setzte sich. Die Vögel kehrten zu ihren Nestern zurück; die Sonne sank. Hsiang‑yüns Worte über den Süden tönten ihr noch in den Ohren und Dai-yü verfiel in einen Tagtraum. Wenn ihre Eltern noch lebten... Wenn sie immer noch im Süden lebte, dieses milde Land der Frühlingsblumen und des herbstlichen Mondlichtes, des klaren Wassers und der strahlenden Berge... Wie liebend gern sie wieder dort wäre, um die vierundzwanzig Brücken in Yangdschou zu besichtigen und all die berühmten historischen Bauten aus sechs Dynastien in Nanking! Im Süden hätte sie eine Menge eigener Dienstmädchen, die auf sie warteten. Sie konnte sagen und tun, was ihr gefiel, in einem bemalten Ausflugboot fahren und in parfümierten Kutschen reisen, die Felder von roten Aprikosenblüten vorübergehen sehen, die Gasthausschilder durch die Bäume erspähen... Sie wäre eine junge Dame mit ihren eigenen Rechten, kein Außenseiter, für alles von anderen abhängig. Wieviel die Djias auch für sie taten, sie fühlte stets die Dringlichkeit, sich von ihrer besten Seite zeigen zu müssen. Was hatte sie in ihrer früheren Verkörperung nur falsch gemacht, um dies einsame Dasein zu verdienen? Diese Worte wurden vom Kaiser der Südlichen Tang in der Gefangenschaft geschrieben: „Hier bade ich den ganzen Tag mein Gesicht in Tränen.“ Wie gut drückte dies ihre eigenen Gefühle aus! Ihre Seele schien in eine entfernte Region zu entschweben. Als Dsï-djüan eintrat, reichte ein einziger Blick, um den Grund für Dai-yüs ,Abwesenheit‘ zu erahnen. Sie war im Zimmer, als Hsiang-yün sprach und wußte, wie schnell Dai-yü bei der geringsten Erwähnung des Südens traurig wurde, da es ihr Herz anrührte. „Ich glaubte, du seist wieder müde, Fräulein“, sagte sie, „nach all deinen Besuchern und so vielen Gesprächen, deshalb habe ich Hsüä-yän in die Küche geschickt, um eine Chinakohlsuppe mit Schinken zu kochen. Sie sollte noch getrocknete Krabben und mit grünen jungen Bambussprossen und Seetang vermengen. Klingt das nicht gut?“ – „Doch ich vermute schon.“ – „Und etwas südländischen Brei aus Klebreis?“ – Dai-yü nickte. „Ich hätte lieber, wenn du und Hsüä-yän den Reisbrei selber machtest. Laßt ihn nicht in der Küche zubereiten.“ – „Nein, Fräulein. Man kann nie sicher sein, wie sauber es in der Küche ist. Wir werden den Reisbrei selbst zubereiten. Ich habe Hsüä-yän aufgetragen, der Köchin Liu zu sagen, sie solle in der Küche besondere Acht auf die Suppe geben. Köchin Liu sagt, wir bräuchten uns nicht zu sorgen, sie wird persönlich danach sehen und sie selber zubereiten. Ihre fünfte Tochter Wu Er wird ein Auge darauf werfen, während sie köchelt.“ – „Das meinte ich nicht“, antwortete Dai-yü, „ich beklagte nicht, daß die Küche schmutzig sei. Es ist nur, weil ich den Leuten so lange aufgebürdet worden bin und meine Krankheit ohnehin genug zusätzlichen Aufwand bereitet hat. Mit all diesen besonderen Anweisungen für Suppe und Reisbrei fürchte ich, daß ich mich unbeliebt mache.“ – Ihre Augen glänzten leuchtend rot. „Oh Fräulein! Du stellst dir Sachen vor!“, protestierte Dsï-djüan. „Du bist die leibhafte Enkelin der gnädigen Frau, ihr eigenes Fleisch und Blut, ihr Herzstück. Um dir dienen zu dürfen, würden die Leute miteinander wetteifern. Wer würde sich denn darüber beschweren?“ Dai-yü nickte nachdenklich. „Übrigens“, fragte sie, „erwähntest du vorhin das Mädchen Wu Er, das sich gut mit Fang-guan verstand, als diese bei Herrn Bau-yü war?“ – „Das ist richtig.“ – „Stimmt es, daß sie bei Herrn Bau-yü selbst den Dienst antreten wollte?“ – „Ja, das stimmt. Doch dann wurde sie krank und, als sie genesen und bereit anzufangen war, kam der ganze Ärger über Tjing-wën, und es mußte verschoben werden.“ – „Dieses Mädchen war anscheinend sehr sauber“, sagte Dai-yü. Währenddessen kam eine Amme mit der Suppe und Hsüä-yän nahm sie entgegen. „Die Köchin Liu sagt, dies wurde speziell für Fräulein Dai-yü in einem eigenen Raum von Wu-örl zubereitet“, sagte die Amme, „weil wir ja wissen, daß Fräulein Dai-yü kein unreines Essen mag.“ – Hsüä-yän versicherte, sie würde die Nachricht überbringen, und brachte die Suppe ins Zimmer. Dai-yü hatte die Unterhaltung schon mitangehört und sagte Hsüä-yän, sie solle sofort zur Amme zurückgehen und sie bitten, Frau Liu dafür zu danken. Hsüä-yän tat dies, und die alte Frau ging. Hsüä-yän legte nun Dai-yüs Schüssel und Eßstäbchen auf den Tisch. „Möchten Sie auch etwas von dem getrockneten Rübensalat, den wir aus dem Süden mitgebracht haben, Fräulein, wenn wir ihn mit etwas Sesamöl und Essig vermengen?“ – „Wenn du magst. Doch mach’ dir nicht zuviel Umstände!“ Hsüä-yän füllte ihre Schüssel mit Reisbrei. Dai-yü aß die Hälfte und trank ein paar Löffel von der Suppe. Sie legte ihren Löffel hin, und die zwei Mägde brachten die Sachen fort und säuberten den Tisch, welchen sie dann entfernten und durch den ersetzten, der gewöhnlich dort stand. Dai-yü spülte ihren Mund aus und wusch sich die Hände. „Dsï-djüan, hast du etwas Räucherstäbchen in das Kohlebecken gelegt?“ – „Das wollte ich eben tun, Fräulein.“ – „Du und Hsüä-yän nehmt euch von der Suppe und dem Reisbrei. Sie sind gut und gesund. Ich schaue nach den Räucherstäbchen.“ – Die Mägde begaben sich in ein äußeres Zimmer, um zu essen. Dai-yü legte etwas Räucherstäbchen nach und setzte sich hin. Sie wollte sich eben ein Buch zum Lesen nehmen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich von der Melancholie des Windes, der draußen durch die Bäume heulte, ergriffen wurde. Ein langer Seufzer schwebte von einem Ende des Gartens zum anderen. Das Metallglockenspiel in Pferdeform unter dem Dachvorsprung begann zu erklingen. Hsüä-yän war als erste mit der Suppe fertig und kam herein, um zu sehen, ob Dai-yü irgend etwas fehlte. „Es wird kälter“, sagte Dai-yü, „wurden die pelzgefütterten Jacken schon gelüftet – die, welche ich dich letztens bat, herauszuholen?“ – „Ja, Fräulein.“ – „Bringst du sie mir her? Ich würde mir gerne etwas Warmes überziehen.“ Hsüä-yän ging hinaus und kehrte mit einem Bündel Pelzkleider, eingewickelt in Seide, zurück. Sie wickelte sie aus und hielt die Kleider vor Dai-yü, damit sie sich welche aussuchen konnte. Dai-yü bemerkte unter den Kleidern noch ein weiteres kleines Bündel, das in Seide gehüllt war. Sie streckte ihre Hand aus, um es zu nehmen, und wickelte es aus. Darin fand sie ein Paar seidener Taschentücher. Sie erkannte sie als jene, welche Bau-yü ihr heimlich während ihrer Genesungszeit geschickt hatte! Da waren die Verse, die sie darauf geschrieben hatte! Sogar die Tränenflecken konnte man noch sehen! Und daneben in dem Bündel war das parfümierte Duftkissen, das sie für ihn gestickt hatte, das halb aufgerissen war, ein paar Fächersäckchen und die abgeschnittenen Reste der seidenen Quaste, die sie für seinen magischen Jadestein gemacht hatte. Dsï-djüan mußte beim Sortieren der Kleider zum Lüften in einer der Kisten auf diese Andenken gestoßen sein und sie zur Sicherheit in dieses Bündel gelegt haben. Dai-yü schien Hsüä-yän und die Kleider völlig vergessen zu haben. Sie stand dort mit den Taschentüchern in ihrer Hand und starrte sie wie in Trance an. Als sie die Versen las, liefen ihr Tränen über die Wangen. Dsï-djüan kam herein, fand Hsüä-yän dort stumm herumstehen, immer noch die in Seide eingewickelten Kleider vor sich, während auf dem Tisch neben Dai-yü das Duftkissen, zwei, drei zusammengefaltete Fächersäckchen und die Reste der Quaste lagen. Dai-yü hielt zwei gelbliche Taschentücher mit etwas Geschriebenem in der Hand und blickte sie mit Tränen an. Das ist ja, wie es im Gedicht heißt:
Ein Mensch, gescheitert, tut Sinnloses. Auf alte Tränen fallen neue.
Dsï-djüan kannte die zarten Erinnerungen zu gut, die mit jedem dieser Dinge verbunden waren. Sie dachte, Mitleid würde in diesem Moment wenig Trost bringen und versuchte es statt dessen mit einem heiteren Tadel. „Nun kommen Sie schon, Fräulein, welchen Sinn hat es, die Dinge so zu sehen? Sie gehören der Vergangenheit an. Sie und Herr Bau-yü waren damals Kinder. Wer weiß, was ihr alles für dummes Zeug angestellt habt! In der einen Minute fröhlich lächelnd, in der nächsten kläglich weinend. Ein Glück, daß ihr beide nun älter seid und gelernt habt, das Leben etwas ernster zu nehmen. Du würdest solche schönen Dinge wie diese doch nicht verunzieren wollen, oder?“ Sie hatte es gut gemeint. Doch ihre Worte erinnerten Daiyu an die alten Tage mit Bau-yü und brachen einer neuen Flut von Tränen Bahn. Dsï-djüan versuchte wieder, sie aufzuheitern: „Jetzt kommen Sie aber, Fräulein. Hsüä-yän wartet. Bitte suchen Sie sich etwas zum Anziehen aus.“ Dai-yü ließ die Taschentücher fallen. Dsï-djüan hob sie geschwind wieder auf, wickelte sie mit dem Duftkissen und den anderen Dingen wieder ein und legte sie weg. Schließlich legte Dai-yü eine der pelzbesetzten Jacken über ihre Schultern und ging teilnahmslos in das äußere Zimmer. Sie setzte sich und sah Bau-tschais Gedicht und Brief immer noch auf dem Tisch liegen. Sie nahm sie an sich und las sie mehrere Male. „Das sind die gleichen Gefühle“, sagte sie zu sich selbst mit einem Seufzen, „sogar obwohl unsere Umstände verschieden sind. Ich sollte ihr etwas zur Antwort schreiben. Ich werde vier Strophen schreiben und sie mit Tönen für die Wölbbrettzither unterlegen. Dann kann man darauf spielen und singen. Morgen mache ich es fertig und schicke es ihr als Antwort.“ Sie trug Hsüä-yän auf, ihr ihren Pinsel und Tinte zu geben, die draußen auf dem Tisch standen und nach dem Eintauchen des Pinsels in die Tusche schwang sie diesen, um zu schreiben. Als sie die vier Strophen beendet hatte, nahm sie ein Wölbbrettzither-Handbuch von ihrer Ablage und schaute es durch. Sie beschloß, eine Suite aus den zwei Melodien aus der Pfauentanz der einsamen Orchideen und der Heiligen Tugend zu wählen. Als sie mit dem Vertonen fertig war, machte sie eine saubere Abschrift und schickte sie Bau-tschai. Dann bat sie Hsüä-yän, die dreiviertel große Zither, die sie von zu Hause mitgebracht und in einem Koffer verstaut hatte, zu holen. Sie stimmte die Saiten und machte ein paar vorläufige Fingerübungen. Ihre natürliche Begabung glich ihren Mangel an praktischer Übung aus, und es dauerte nicht lange, bis alles, was sie als Kind gelernt hatte, zurückkehrte. Nachdem sie eine Weile gespielt hatte und sah, daß es bereits spät am Abend war, bat sie Hsüä-yän, die Zither wegzuräumen und ging ins Bett. Und so müssen wir sie nun verlassen.
Eines Tages begab sich Bau-yü, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, wie üblich mit Bee-ming zur Schule. Auf ihrem Weg begegneten sie Mo-yü, einen anderen der Pagen-Jungen, der ihnen hüpfend mit einem breiten Grinsen im Gesicht entgegenkam und verkündete: „Gute Neuigkeiten, Herr Bau-yü! Der Lehrer ist heute nicht in der Schule und Ihr alle habt den heutigen Tag frei“ – „Meinst du das ernst?“, fragte Bau-yü. – „Wenn ihr mir nicht glaubt, seht selbst: sind das nicht Herr Huan und der junge Herr Lan dort auf ihrem Weg zurück?“ Bau-yü schaute – tatsächlich, dort dann kamen ihm sein Halbbruder und junger Neffe mit einem Aufgebot an Pagen gerade entgegen, plauderten und kicherten, doch er bekam nicht mit, worüber sie sprachen. Als sie ihn sahen, hielten sie an und stellten sich mit den Armen an der Seite respektvoll hin. „Warum seid ihr schon so früh aus der Schule?“, fragte sie Bau-yü. „Der Lehrer ist heute beschäftigt“, antwortete Huan, „und sagt, wir haben den heutigen Tag frei. Wir werden dort wie gewohnt morgen wieder zugegen sein.“ Wie Bau-yü dies hörte, kehrte er auf der Stelle um, und als er die Neuigkeiten seiner Großmutter und seinem Vater berichtet hatte, kehrte er zum Hof der Freude am Roten zurück. „Warum bist du wieder da?“, fragte Hsi-jën. Er erzählte ihr, was sich ereignet hatte, und nachdem er ein Weilchen mit ihr zusammen gesessen hatte, wollte er wieder hinausgehen. „Warum bist du in solcher Eile?“, fragte sie. „Nur weil du heute keine Schule hast, heißt das nicht, daß du hier herumrennen mußt. Du solltest lieber einen Ruhetag einlegen.“ Bau-yü stoppte seinen Lauf und ließ den Kopf hängen. „Ich weiß, du hast Recht. Doch wann werde ich jemals wieder eine Gelegenheit wie diesen freien Tag haben. So nutze ich ihn doch am besten, um ein bißchen zu spazieren. Hab doch Mitleid...“ Hsi-jën sah, daß er ein so mitleidheischendes Gesicht machte, daß sie lachend nachgab: „Der Herr entscheidet natürlich selbst“, sagte sie. Währenddessen wurde das Mittagessen hereingebracht, und er mußte zum Essen bleiben. Er schlang es herunter, spülte seinen Mund aus und war fort. Schnell wie ein Windstoß eilte er zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Er fand Dsï-djüan im Hof, wie sie Taschentücher zum Trocknen aufhängte. „Hat Fräulein Dai-yü schon zu Mittag gegessen?“, fragte er. „Sie hat vorhin eine halbe Schüssel Reisbrei gegessen“, antwortete Dsï-djüan, „doch war sie nicht sehr hungrig. Im Moment schläft sie. Geht besser woanders hin, Herr Bau-yü, und kommt etwas später wieder.“ Widerstrebend ging er und wußte nicht so recht, wohin er gehen sollte. Plötzlich fiel ihm ein, daß er Hsi‑tschun schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatte, und begann in Richtung der Laube des Knöterichwindes zu schlendern. Als er den Hof erreichte und an einem der Fenster stand, schien alles ruhig und verlassen. Er folgerte daraus, daß auch sie ihren Mittagsschlaf hielt und nicht gestört werden wollte. Er wollte gerade gehen, da hörte er ein leises Geräusch von innen, zu ungenau, um es zu erkennen. Er stand still und hörte wieder hin in der Hoffnung, es nun deutlicher zu hören. Nach einer Weile hörte er noch einmal ein Klacken. Er überlegte immer noch, was es sein könnte, als eine Stimme sagte: „Warum hast du diesen Zug gemacht und nicht hier gekontert?“ Es war ein Go-Spiel! Doch Bau-yü hatte nicht die Zeit, die Stimme des Sprechers zu ergründen. Er hörte Hsi‑tschun antworten: „Wozu die Mühe? Wenn du mich da schlägst, kontere ich einfach hier, und wenn du mich wieder schlägst, kontere ich noch einmal. Ich werde trotzdem vorankommen und am Ende wieder den Anschluß bekommen.“ – „Und wenn ich dich hier schlage?“ – „Ohje!“, rief Hsi‑tschun. „Du hast einen Ersatzplan im Ärmel. Darauf war ich ja gar nicht vorbereitet.“ Die Stimme des anderen Mädchen war so vertraut! Doch noch erkannte er sie nicht. Es war keine seiner Kusinen, da war er sicher. Aber Hsi-tschun würde sich kaum mit einem Außenstehenden amüsieren. Den Türvorhang vorsichtig beiseite schiebend, spähte er hinein. Der Go‑Partner war niemand anders als die Ordensschwester des Klosters Gefangenes Grün, die außerhalb der Stadt wohnende Miau-yü. Er wagte nicht, weiter zu gehen. Die Mädchen waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie sie beobachtet wurden. Bau-yü stand weiter dort und schaute sie an. Miau-yü lehnte sich über das Brett und sagte zu Hsi‑tschun: „Willst du diese ganze Ecke verlieren?“ – „Natürlich nicht! Diese Ecke ist absolut sicher. All deine Figuren sind doch ‚tot‘ oder nicht?“ – „Bist du sicher? Zieh herüber und versuche es.“ – „Nun gut. Es ist mein Zug. Jetzt laß uns sehen, was du tun kannst.“ Ein Lächeln zeichnete sich in Miau-yüs Gesicht ab. Sie plazierte ihre nächste Figur so, daß sie es mit einer verbinden konnte, die bereits an dieser
Bau-yü beobachtet Miau-yü und Hsi-tschun beim Go-Spiel. Aus: Jingsi shanmin 1815.
Ecke des Brettes stand, stützte sich dann auf eine von Hsi‑tschuns Figuren und vernichtete die ganze Ecke. Sie lachte: „Das nennt man ‚Bauernopfer‘!“ Bevor Hsi‑tschun Zeit zum Antworten fand, brach ihr unbeobachteter Beobachter, der sich nicht mehr beherrschen konnte, in gellendes Gelächter aus. Die beiden Mädchen blickten erschrocken auf. „Was fällt dir ein, hier einfach herumzuschleichen, ohne ein Wort zu sagen?“, rief Hsi‑tschun. „Was für eine unmögliche Art sich zu benehmen, wirklich! Wie lange warst du schon da?“ –
„Ich kam gerade herein, als du anfingst, diese Ecke zu spielen. Ich mußte doch abwarten.“
Er beugte sich zu Miau-yü. „Seid gegrüßt, ehrwürdige Schwester!“, sagte er mit einem Lächeln. „Wozu dieser seltene Ausflug aus den mystischen Portalen von Dsën? Welches Karma führt dich heute in irdische Gefilde?“ Sie errötete bis über beide Ohren, sagte nichts, senkte ihren Kopf und blickte auf das Go-Brett. Bau-yü sah, daß er sie in Verlegenheit gebracht hatte und fuhr in einem lockeren Ton fort. „Im Ernst“, sagte er mit einem reizenden Lächeln, „wie kann man Normalsterbliche mit jenen vergleichen, die, wie du, der Welt entsagt haben? An erster Stelle hast du inneren Frieden erreicht. Und mit dem Frieden kommt eine tiefe Geistigkeit. Und mit der Geistigkeit die klare Einsicht...“ Während er sprach, erhob Miau-yü ihren Blick und schaute ihn an. Dann blickte sie wieder nach unten und errötete noch mehr. Bau-yü merkte, daß sie absichtlich versuchte, ihn zu ignorieren und setzte sich ungeschickterweise mit an den Tisch. Hsi‑tschun wollte das Spiel fortsetzen, nach einer Pause sagte auch Miau-yü: „Laß uns weiterspielen.“ Sie erhob sich, richtete ihr Kleid her und setzte sich wieder. Dann fragte sie, an Bau-yü gewandt, mit einer komischen Stimme: „Wo kommst du her?“ Es war eine große Erleichterung für Bau-yü, daß sie überhaupt mit ihm sprach, denn er konnte sein Versehen von vorhin kaum wiedergutmachen. Doch dann fiel ihm ein, daß ihre Frage nicht ganz so ernst gemeint war, wie sie klang. War das eine ihrer Dsën0-Eigenarten? Er saß dort sprachlos und mit rotem Gesicht. Miau-yü lächelte und drehte sich zu Hsi‑tschun hin. Hsi‑tschun lächelte auch. „Vetter Bau-yü“, sagte sie, „was ist so schwer daran? Kennst du nicht die Redensart ‚Ich komme, woher ich komme‘? Der Farbe deines Gesichtes nach zu urteilen, sitzt du hier unter Fremden. Sei nicht schüchtern!“ Miau-yü schien das sehr persönlich zu nehmen. Sie erfuhr eine seltsame Rührung der Gefühle, und ihr Gesicht wurde heiß. Sie wußte, daß sie wieder errötete und war sehr verwirrt. Sich erhebend sagte sie: „Ich bin sehr lange hier gewesen. Ich sollte mich lieber auf den Weg zurück zum Tempel machen.“ Hsi‑tschun wußte um die Besonderheit von Miau-yüs Charakter und drängte sie nicht zu bleiben. Sie begleitete sie gerade nach draußen, als Miau-yü lachte und sagte: „Ich war so lange nicht mehr hier, um dich zu sehen, und der Weg nach Hause ist voller Kurven und Abzweigungen. Ich fürchte, ich könnte mich verirren.“ – „Erlaube mir, dich zu führen!“, erklärte sich Bau-yü sofort bereit. „Das wäre eine große Ehre“, antwortete sie, „bitte geh vor, Bau-yü!“ Beide verabschiedeten sich von Hsi‑tschun und verließen die Laube des Knöterichwindes. Ihr gewundener Weg führte sie in die Nähe der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und, als sie sich ihr näherten, waren Klänge von Musik in der Luft. „Das ist eine Zither“, sagte Miau-yü, „ich frage mich, woher das kommt?“ – „Kusine Dai-yü muß sie in ihrem Zimmer spielen“, antwortete Bau-yü. „Wirklich? Ist das eine weitere ihrer Fähigkeiten? Sie hat es nie erwähnt.“ Bau-yü wiederholte, was Dai-yü ihm erzählt hatte. „Sollen wir ihr dabei zusehen?“, schlug er vor. „Du meinst zuhören, nehme ich an?“, sagte Miau-yü. „Man hört einer Zither zu. Man sieht ihr nicht zu.“ – „Da hast du es!“, sagte Bau-yü schmunzelnd. „Ich sagte, ich bin nur ein Normalsterblicher.“ Sie hatten einen kleinen Steingarten bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreicht. Sie setzten sich, lauschten in Ruhe, berührt von der Melancholie der Melodie. Dann begann eine leise Stimme zu singen:
Der Wind weht, und tiefer wird der Hauch des Herbstes. Fern ist mein lieber Schatz, tausend Meilen fern. Voller Trauer bin ich, schaue aus nach der Heimat - einsam auf dem Balkon – und weiß nicht, wo sie ist. Die Tränen fließen.
Nach einer kurzen Pause ging das Lied weiter:
Berge und Seen liegen weit. Durch mein Fenster scheint klar der Mond. Dem Schlaflosen leuchtet - verstreuter Nebel – die Milchstraße. Dünn zittert – wie Tau in kaltem Wind – um mich mein Kleid.
Es gab eine weitere kurze Pause. Miau-yü sagte zu Bau-yü: „Die erste Strophe hat das Thema ‚traurig‘, die zweite ‚Licht‘. Hören wir weiter.“ Sie sang:
Das Schicksal sagt 'Nein' zu deiner Freiheit, hält dich gefangen, mich aber schlägt es mit Sorgen. Du verstehst mich, Ich gedenke der Taten der Ahnen, Richtschnur meiner Tugend.
„Das muß das Ende der dritten Strophe sein“, sagte Miau-yü, „wie tragisch es ist!“ – „Ich kenne mich mit Musik nicht aus“, sagte Bau-yü, „doch so wie sie sang, fand ich es sehr traurig.“ Es gab eine weitere Pause und dann hörten sie Dai-yü ihre Zither stimmen. „Ihr B-Ton ist zu hell“, kommentierte Miau-yü. Der Gesang begann wieder:
Oh! Dies Staubteilchen, menschliche Seele, spielt seine Rolle vorherbestimmt. Warum soll ich dem Rad des Karmas zuschauen, voll Kummer? Wie könnte mein armes Herz aufsteigen zum Himmel? Wie dem Mond begegnen?
Miau-yü wurde bleich vor Schreck, als sie dies hörte. „Hör’ doch nur, wie sie plötzlich die hellere vierte hier benutzt! Mit ihrer Intonation kann sie Bronze und Gestein zerschmettern! Das ist viel zu stark gespannt!“ – „Was meinst du damit, zu stark gespannt?“, fragte Bau-yü. „Das kann beim Anschlagen der Saite nicht lange gutgehen.“ Als sie sprachen, hörten sie auf einmal einen Knall, und die B-Ton-Saite riß. Miau-yü stand sofort auf und ging los. „Was ist los?“, fragte Bau-yü. „Das wirst du bald herausfinden. Bitte, sprich nicht mehr darüber.“ Sie ging weg und ließ Bau-yü in einem Zustand der Verwirrung zurück. Schließlich ging auch er nach Hause. Reden wir nicht mehr davon.
Miau-yü kam im Kloster Gefangenes Grün an und sah, daß die alten Ordensschwestern sie bereits am Tor empfingen. Sie schlossen das Tor hinter ihr, und sie saß eine Weile mit ihnen zusammen und las dabei die tägliche Dsën-Meditation noch einmal. Sie aßen zu Abend und danach wurden die Räucherstäbchen wieder nachgelegt. Sie verbeugten sich alle vor dem Schrein des Bodhisattva, und die Frauen gingen ihren Verpflichtungen nach, Miau-yü alleinlassend. Ihre Liege und ihre Lehne des Dsën-Bettes wurden ihr zurechtgestellt. Mit überkreuzten Beinen sitzend, kontrollierte sie erst ihren Atem und schloß die Augen. Dann, von allen gegenwärtigen Gedanken gereinigt, begann ihr Geist, in die Bereiche einer höheren Wahrheit aufzusteigen. Bis nach Mitternacht saß sie in Meditation, als sie ein Geräusch hörte, als ob sich eine große Menge von Dachziegeln bewegten. Aus Angst, es könnten Einbrecher sein, erhob sie sich von ihrer Liege und ging in die Vorderhalle. Sie schaute sich um, aber alles, was sie sehen konnte, waren Wolken, die den Himmel bedeckten, und der Mond schien so klar wie durch Wasser. Es war eine milde Nacht, und sie blieb dort eine Weile über die Balustrade gelehnt. Plötzlich begannen zwei Katzen auf dem Dach über ihrem Kopf zu jammern. Die Worte, die Bau-yü an diesem Nachmittag gesprochen hatte, fielen ihr blitzartig wieder ein. Sie fühlte, wie ihr Herz ungewollt raste, ihre Ohren brannten. Sie versuchte, sich wieder zu fassen, ging zurück in den Meditationsraum und setzte sich wieder auf ihre Liege. Ihre Anstrengungen waren umsonst. Etwas überwältigte sie. Sie fühlte zehntausend Pferde durch ihren Kopf galoppieren. Die Liege schien hin- und hergeschüttelt zu werden, und ihr Körper schien die Einsiedelei zu verlassen. Sie war umgeben von einer Handvoll junger Adeliger, die alle um ihre Hand anhielten. Ehestifter drängten sie gegen ihren Willen in eine Hochzeitskutsche. Plötzlich bedrohte sie eine Horde Raufbolde mit Schwertern und Knüppeln. Sie schrie um Hilfe. Nun waren die Klosterfrauen und Ordensschwestern wieder hellwach und kamen mit Kerzen in die Halle geeilt, um nachzusehen. Sie sahen sie auf dem Boden liegen, mit ausgestreckten Armen und Schaum um den Mund. Sie erwachte aus ihrem offensichtlichen Koma, nur, um ihre Augen ins Leere starren zu lassen und mit scharlachroten Wangen auszurufen: „Buddha ist mein Beschützer! Faßt mich nicht an, ihr Raufbolde!“ Die Frauen waren zu erschrocken, um irgendetwas zu tun, und riefen: „Wach auf! Wach auf! Wir sind jetzt hier!“ – „Ich will nach Hause!“, antwortete Miau-yü. „Wer möchte der gute Mensch sein, mich nach Hause zu bringen?“ – „Aber das ist doch dein Zuhause!“ Während die anderen weiter zu ihr sprachen, wurde eine Nonne losgeschickt, um zur Göttin der Barmherzigkeit zu beten. Sie holte den Bambushalter mit den Gebetsstäbchen unter dem Altar hervor, schüttelte sie, zog Stäbchen und trug denjenigen Text vor, in welchem der Yin-Geist der Toten des Südwest-Bereiches geschmäht wurde. „Natürlich!“, rief eine der anderen, als sie zurückkam: „Der Südwest-Bereich des Gartens des Großen Anblicks war ursprünglich unbewohnt, deshalb ist es wahrscheinlich, daß er über eine hohe Konzentration Yin-Geist verfügt.“ Manche waren damit beschäftigt, eine Suppe zuzubereiten, andere brachten Wasser. Eine der Schwestern, die mit Miau-yü aus dem Süden kam und ihr deshalb näher und ergebener war als die anderen, saß bei ihr auf dem Dsën-Bett und legte den Arm schützend um sie. Miau-yü drehte ihren Kopf: „Wer ist da?“ – „Ich bin es nur.“ Miau-yü betrachtete sie eine Weile neugierig. „Oh wirklich!“, rief sie, schlang ihre Arme um die Nonne und schluchzte hysterisch. „Oh du bist ja meine Mutter, wenn du mich nicht rettest, möchte ich nicht mehr weiterleben!“ Die Nonne rief nach ihr, um sie wieder zu Sinnen zu bringen, und begann, sie sachte zu massieren. Eine Amme brachte Tee. Sie saßen zusammen, erst bei Morgendämmerung schlief Miau-yü endlich ein. Die
Aus: Jingsi shanmin 1815.