Hongloumeng/de/Chapter 90

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Kapitel 90

失绵衣贫女耐嗷嘈 / 送果品小郎惊叵测

alt heute“, sagte sie, „du wirst dich warm anziehen müssen.“ Sie wählte ein Gewand für ihn zum Anziehen und wickelte ein weiteres aus, welches sie einem jüngeren Mädchen übergab. Das Mädchen ging hinaus, gab es Bee-ming und sagte: „Es ist so kalt heute, du sollst das hier immer bei dir haben, falls Herr Bau-yü sich umziehen möchte.“ Bee-ming führte diese Anordnungen aus und folgte Bau-yü zur Schule mit dem in Fell gewickelten Bündel in seinen Armen. Bei der Ankunft machte Bau-yü seine Schulaufgaben. Er wurde schnell von seinen Büchern vom Geräusch der im Wind raschelnden Papierfenster abgelenkt. „Das Wetter scheint sich zum Schlechten geändert zu haben“, beobachtete der Lehrer und öffnete ein Guckloch in einem der Fenster und sah hinaus. Eine breite Masse dunkler Wolken im Nordwesten brandete unaufhörlich nach Südosten über den Himmel. Bee-ming kam in den Klassenraum. „Es wird kälter, Herr Bau-yü. Sie ziehen besser etwas Wärmeres an.“ Bau-yü nickte und sah, daß Bee-ming eine Jacke in der Hand hielt. Der Anblick des Stoffes hatte einen interessanten Effekt auf Bau-yü, der ihn anstarrte, als wäre er in Trance. Die anderen Junge schauten fasziniert hin.

„Warum mußtest du das mitbringen?“, fragte Bau-yü. „Wer hat dir das gegeben?“

Er hatte es sofort als den Goldpfau-Umhang erkannt, den Umhang, den Tjing-wën während ihrer letzten Krankheit so tapfer geflickt hatte. „Die Mädchen haben ihn zusammengerollt und mir befohlen, ihn mitzunehmen“, antwortete Bee-ming. „Nun, mir ist nicht sehr kalt“, sagte Bau-yü, „ich glaube nicht, daß ich ihn jetzt tragen werde. Du kannst ihn genausogut wieder zusammenrollen.“ Der Lehrer sah, daß Bau-yü zögerte, einen solch kostbaren Stoff anzulegen, und nahm freudig diesen Beweis für Sparsamkeit zur Kenntnis. „Bitte legt ihn an, Herr Bau-yü!“, bat Bee-ming, „um meinetwillen! Sie wissen, daß ich Ärger bekomme, wenn Sie eine Erkältung bekommen.“ Mit großem Unwillen legte Bau-yü den Umhang an, setzte sich wieder und starrte mürrisch auf seine Bücher. Der Lehrer nahm an, daß er sich wieder einmal auf die Studien konzentrierte und beachtete den Vorfall nicht weiter. Als an diesem Nachmittag die Schulstunden für den Tag vorüber waren, sagte Bau-yü, er fühle sich nicht gut, und bat, von der Schule für den nächsten Tag entschuldigt zu sein. Dai-ju war, wenn auch spät, soweit gekommen, seine Schüler nachsichtiger zu sehen, mehr als Kameraden, die ihn sein eigenes Alter vergessen ließen. Seine eigene Gesundheit war schlecht, und er war froh, die Last der Arbeit durch vernünftige Einteilung der Krankentage zu verringern. Außerdem wußte er, daß Herr Dschëng wichtigere Dinge im Kopf hatte und daß die Herzoginmutter immer ihren liebsten Enkel verhätschelte. Mit einem Nicken gab er Bau-yü zu verstehen, daß seine Anfrage bewilligt war. Bau-yü ging sofort nach Hause. Nachdem er kurz nach seiner Mutter und seiner Großmutter geschaut hatte, wobei keine von beiden seine Krankheitsausrede hinterfragte, kehrte er zu seinem Hof zurück und sah Hsi-jën und die anderen. Er lächelte und plauderte nicht wie sonst, sondern legte sich, angezogen wie er war, auf das Ofenbett. „Abendessen ist fertig“, sagte Hsi-jën, „wollen Sie es jetzt, oder wollen Sie bis später warten?“ Bau-yü: „Ich werde nichts essen. Ich fühle mich nicht gut. Iß nur dein eigenes.“ Hsi-jën: „Nun, Sie könnten wenigstens den schönen Umhang abnehmen. Sie könnten ihn verkrumpeln und ruinieren.“ – „Ich will ihn anbehalten.“ – „Es ist nicht nur der Umhang, über den ich mir Sorgen mache. Sehen Sie, wie vorsichtig er genäht wurde. Sie werden die Stiche ruinieren.“ Das rührte Bau-yü an einem wunden Punkt. Er gab einen tiefen Seufzer von sich. „Oh, na gut! Dann räume ihn weg. Wickel ihn vorsichtig ein. Ich werde ihn nie wieder tragen.“ Er stand auf, um den Umhang abzulegen. Hsi-jën kam herüber, um ihn ihm abzunehmen, aber er hatte bereits selbst angefangen, ihn zu falten. „Warum sind Sie heute so arbeitsam?“, fragte sie überrascht. Er gab keine Antwort, sondern faltete weiter. „Wo ist die Hülle?“, fragte er. als er fertig war. Schë-yüä gab sie ihm, und als er vorsichtig den Umhang einwickelte, wendete sie sich an Hsi-jën und zwinkerte ihr zu. Bau-yü aber bemerkte beide nicht und setzte sich, er sah sehr niedergeschlagen aus. Die Uhr auf dem Regal läutete, und er sah hinunter auf seine Armbanduhr. Es war bereits halb sechs. Kurz danach kam eines der jungen Dienstmädchen herein und schaltete das Licht ein. „Wenn Sie nicht richtig essen, dann nehmen Sie wenigstens einen Schluck Reisbrei“, bat Hsi-jën. „Wenn Sie mit einem leeren Magen zu Bett gehen, können Sie leicht zuviel Yin bekommen und Fieber kriegen. Und bedenken Sie den Ärger, den wir dann haben werden.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht hungrig. Ich würde mich noch schlimmer fühlen, wenn ich etwas herunter würgen müßte.“ – „Nun, in dem Fall“, sagte Hsi-jën, „sollten Sie wenigstens früh schlafen.“ Sie und Schë-yüä machten sein Bett, und Bau-yü legte sich hin. Er drehte und wälzte sich im Bett, aber konnte nicht einschlafen. Endlich, bei Tagesanbruch schlief er ein, nur um keine Stunde später wieder aufzuwachen. Hsi-jën und Schë-yüä waren bereits wach. „Ich hörte, wie Sie sich bis in den frühen Morgen im Bett wälzten“, sagte Hsi-jën. „Ich wollte Sie nicht stören. Dann schlief ich selbst ein. Sind Sie denn am Ende doch noch eingeschlafen?“ – „Ein bißchen. Aber ich bin fast sofort wieder aufgewacht.“ – „Fühlen Sie sich nicht wohl?“ – „Nein. Mein Herz ist nur so unruhig.“ – „Werden Sie heute zur Schule gehen?“ – „Nein. Ich bat gestern darum, den Tag frei zu bekommen. Ich dachte, vielleicht gehe ich im Garten spazieren, und versuche mich ein bißchen zu entspannen. Aber ich fürchte mich vor der Kälte. Kannst du Bescheid sagen, daß man ein Zimmer aufräumt, Räucherstäbchen dort anzündet und Papier, Pinsel und Tusche dort bereitstellen soll? Ich werde euch heute nicht brauchen. Ich möchte nur für mich eine Weile ruhig da sitzen. Sag’ den anderen, daß ich nicht gestört werden will.“ – „Natürlich wird Sie keiner stören, wenn sie ruhig studieren möchten“, sagte Schë-yüä, sobald sie das hörte. „Ich denke, das ist eine wunderbare Idee“, sagte Hsi-jën, „sie werden sich nicht erkälten, lernen einen Tag für sich und Ihr Herz wird stetiger werden.“ Sie fügte hinzu: „Aber bitte, wenn Sie sich nicht danach fühlen, ein vernünftiges Essen zu sich zu nehmen, was hätten Sie dann denn gerne? Sagen Sie es mir jetzt, und ich werde es in der Küche vorbereiten lassen.“ – „Was immer am leichtesten ist“, antwortete Bau-yü. „Macht nicht zuviel Arbeit. Es wäre nett, ein paar Früchte im Zimmer zu haben, wegen des Geruchs.“ – „Welches Zimmer bevorzugen Sie?“, fragte Hsi-jën. „Die sind alle eher nicht sauber, außer Tjing-wëns altes Zimmer, welches schon eine ganze Weile leer steht. Das wäre aber vielleicht etwas kalt und ruhig.“ – „Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „tragt den Kohleofen da hinein.“ Hsi-jën gab die Anweisungen, dies zu tun. Sie sah ein anderes Dienstmädchen, das mit einem Tablett hereinkam. Darauf stand eine Schüssel und lagen ein paar Elfenbeinstäbchen, welche sie Schë-yüä gab und sagte: „Hier ist das, was Fräulein Hua von der Küche bestellt hat.“ Schë-yüä nahm das Tablett und sah, daß die Schüssel eine Vogelnestsuppe enthielt. „Ist das das, was Sie bestellt haben?“, fragte sie Hsi-jën. „Ja“, antwortete Hsi-jën mit einem Lächeln. „Ich dachte, da Herr Bau-yü letzte Nacht nichts zu essen hatte und da er die meiste Zeit der Nacht damit verbracht hatte, sich im Bett zu wälzen, würde er sich heute morgen sehr leer fühlen, also schickte ich die jüngeren Mädchen, dies hier speziell aus der Küche zu holen.“ Sie befahl dem Mädchen, einen Tisch zu bringen, und Schë-yüä servierte Bau-yü die Suppe. Als er diese getrunken hatte und seinen Mund spülte, kam Tjiu-wën herein: „Das Zimmer ist fertig“, sagte sie. „Wir warten, damit das Feuer richtig brennt und die Luft klar wird, und dann können Sie hineingehen, Herr Bau-yü.“ Er nickte, aber er war zu sehr in Gedanken verloren, um zu antworten. Kurz darauf kam ein Mädchen herein, um zu sagen, daß seine Schreibsachen ausgelegt wurden. Sie erhielt eine oberflächliche Antwort von Bau-yü und wurde sofort von einem anderen Mädchen abgelöst, das das fertige Frühstück ankündigte und fragte, wo es bereit gestellt werden soll. „Oh, bring es nur her“, sagte Bau-yü. „Es gibt keinen Grund für all die Mühe.“ Das Mädchen ging hinaus und kehrte mit dem Frühstück zurück. Bau-yü lächelte, wendete sich an Schë-yüä und Hsi-jën und sagte: „Ich fühle mich so traurig. Ich denke wirklich nicht, daß ich das allein herunterkriege. Warum setzt ihr zwei euch nicht zu mir? Das würde das Essen leckerer machen, und dann würde ich wahrscheinlich mehr zu essen.“ Schë-yüä lächelte. „Das ist nur ein Scherz von Ihnen, Herr Bau-yü. Sie wissen, daß es nicht richtig von uns wäre, mit Ihnen zu essen.“ – „Ich stimme da nicht überein“, sagte Hsi-jën, „wir haben früher oft Wein zusammen getrunken. Ich denke, es könnte als Ausnahme gelten, um ihn aufzuheitern. Doch natürlich käme das als ein reguläres Treffen nicht in Frage.“ Also setzten sich die drei, Bau-yü am Kopf und die zwei Mädchen an den Seiten des Tisches. Nach dem Frühstück brachte ein junges Dienstmädchen den Tee, um den Mund auszuspülen. Schë-yüä und Hsi-jën beaufsichtigten das Abräumen des Tisches. Der Tee wurde serviert, und Bau-yü saß wieder in nachdenklicher Stille dort. „Ist das Zimmer endlich fertig?“, fragte er schließlich. „Tjiu-wën kam doch schon, um Ihnen das zu sagen“, sagte Schë-yüä, „was für eine dumme Frage!“ Nachdem sie dort noch eine Weile länger gesessen hatten, machte er sich auf den Weg hinüber zu Tjing-wëns altem Zimmer. Nachdem er ein Räucherstäbchen angezündet und die Früchte auf den Tisch gelegt hatte, entließ er alle Mädchen und schloß die Tür. Hsi-jën und die anderen standen mit angehaltenem Atem draußen. Er wählte ein Stück rosa Papier mit goldenen Spritzern und Blumenmustern in den Ecken aus, betete kurz, hob seinen Pinsel und begann zu schreiben:

Vom Herrn der Freude am Roten ist diese Ode – gleich zu verbrennen! – Schwester Tjing gewidmet mit einem Trunk von Tee und dem Duft verbrannter Räucherstäbchen in der Hoffnung daß sie dir gefällt. Oh Gefährtin, oh unzertrennliche Freundin! Daß in einem so schrecklichen Sturm dein Leben enden mußte! Deine Stimme ging fort, ihre sanfte Musik wird niemand mehr vernehmen. Gen Osten strömt der Fluß, für immer, und kehrt niemals zurück. In meinen Träumen wird nie wieder Dein Antlitz aufscheinen: Doch seh' ich deinen Umhang aus Goldpfauenfedern, bringt jeder Herzschlag mir Kummer.

Als er mit dem Schreiben fertig war, nahm Bau-yü ein brennendes Räucherstäbchen, hielt das Papier daran und verbrannte die Ode. Er saß still, bis das Bündel der Räucherstäbchen herabgebrannt war, dann öffnete er die Tür und ging hinaus. „Warum kommen Sie schon wieder so früh heraus?“, fragte Hsi-jën. „Sind sie verrückt vor Kummer?“ Er heuchelte ein Lachen und gab vor: „Ich war vorher etwas unruhig. Ich mußte nur ein wenig an einem ruhigen Ort alleine sein. Ich fühle mich jetzt besser. Ich denke, ich werde etwas spazieren gehen.“ Er ging sofort aus dem Haus in den Garten. Als er die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte, rief er vom Hof: „Ist Kusine Dai-yü zu Hause?“ „Wer ist das?“, antwortete Dsï-djüan. Sie hob den Türvorhang und sah ihn dort stehen. „Oh, Sie sind es, Herr Bau-yü“, sagte sie mit einem Lächeln. „Fräulein Dai-yü ist drinnen. Bitte kommen Sie herein und setzen Sie sich.“ Als Bau-yü mit ihr hineinging, konnte man Dai-yüs Stimme aus dem inneren Zimmer hören: „Dsï-djüan, bitte sag’ Herrn Bau-yü, er solle hereinkommen und einen Moment warten.“ Bau-yü hielt an, um ein paar Papierrollen mit neu geschriebener Kalligraphie zu bewundern, die auf jeder Seite des Flures hingen, als er auf das innere Zimmer zuging. Die Kalligraphien sahen neu aus und waren mit schwarzvioletter Tinte aufgetragen und mit goldenen Spritzern und Wolken und Drachenmustern verziert. Die zwei Zeilen lauteten:

Durch den grünen Fensterrahmen scheint der Mond noch immer hell; in Bambuschroniken sind die Ahnen nur leere Worte.

Bau-yü las sie mit einem anerkennenden Lächeln und ging rasch durch in das innere Zimmer. „Was machst du, Kusinchen?“, fragte er mit einem Lächeln. Dai-yü stand auf, tat ein paar Schritte auf ihn zu, lächelte und sagte: „Bitte setz’ dich! Ich schreibe gerade dieses Sutra ab. Ich muß nur noch zwei Zeilen machen. Ich mache sie nur noch fertig, und dann können wir hier sitzen und reden.“ Sie bat Hsüä-yän, ihm etwas Tee einzuschenken. „Bitte schreib weiter“, sagte Bau-yü, „nimm keine Rücksicht auf mich.“ Seine Aufmerksamkeit wurde von einem Bild an der Stirnseite des Zimmers angezogen. Es war eine vertikale Rolle, die Chang E zeigte, die Mondgöttin, mit einem ihrer Helfer und einer anderen Fee, auch mit einem Helfer, der etwas trug, das wie ein langes Gewand aussah. Neben den Wolken, die die Figuren umrandeten, gab es da keine weiteren Hintergrunddetails irgendwelcher Art. Der schlichte, ungezierte Bildstil folgte dem des Meistermalers Li Lung-miän. Es hatte den Titel „Der Wettkampf in der Kälte“, dieser Titel war im bafen-Kalligraphiestil der Tjin-Dynastie geschrieben. „Hast du das Bild von dem ‚Wettkampf in der Kälte‘ vor kurzem aufgehängt, Kusinchen?“, fragte Bau-yü. „Ja. Ich erinnerte mich gestern daran, während sie das Zimmer aufräumten, und daher holte ich es heraus und bat sie, es aufzuhängen.“ „Was ist die Andeutung in dem Titel?“ Dai-yü lachte. „Sicher weißt du das! Es ist ein so bekanntes Gedicht, da fragst du noch?“ – „Ich kann mich im Moment nicht daran erinnern,“ beichtete Bau-yü, eher schüchtern lächelnd, „bitte sag’ es mir.“ „Wie könntest du Li Shang-yins Verse nicht gehört haben: Die jungen Damen Frost und Mond ertragen gemeinsam die Kälte, wetteifern mit ihrer Anmut und Schönheit...?“ „Natürlich!“, rief Bau-yü. „Ausgezeichnet! Und was für ein außergewöhnliches Thema! Das ist auch die perfekte Jahreszeit, es aufzuhängen.“ Er fuhr fort durch das Zimmer zu schlendern, inspizierte es auf eine locke­re Art, links und rechts schauend, und Hsüä-yän brachte ihm eine Tasse Tee. Er trank diesen Tee, und nach ein paar Minuten war Dai-yü mit dem Abschreiben des Sutra, das sie kopierte, fertig und stand auf. „Vergib mir“, sagte sie. „Du weißt, daß du mir gegenüber nicht so förmlich sein mußt“, antwortete er mit einem Lächeln. Er beobachtete, daß sie ein kleines blaßblaues Kleid, das mit Fell besetzt und mit einem Blumenmuster bestickt war, sowie eine Hermelin-besetzte Stola trug, während ihr Haar in einer Alltagsfrisur hochgesteckt war und darein keine Blumen gesteckt waren, außer einer flachen Haarnadel aus purem Gold. Ihr ausgestopfter Rock war rosa und mit Blumen bestickt. Wie anmutig sie wirkte, wie ein Jadebaum, der sich an den Wind lehnt; wie behutsam, wie der Duft einer Lotusblume, deren Blüte noch vom Morgentau feucht ist! „Hast du deine Zither überhaupt die letzten Tage gespielt?“, fragte er. „Nicht mal ein oder zwei Tage. Dieses Sutra-Abschreiben kühlt meine Hände zu sehr. Wie könnte ich dann auch noch Instrumente spielen.“ – „Vielleicht ist es gut so“, sagte Bau-yü. „Ich weiß, daß das Zitherspiel eine feine Sache ist, in seiner Art, aber ich sehe nicht, daß es irgendetwas nützt. Ich habe noch nie gehört, daß es Reichtum oder ein langes Leben beschert; es scheint nur Sorge und Furcht zu bringen. Außerdem, wenn man Instrumente spielt, muß man sich stets damit beschäftigen, das ist doch sehr mühsam. Da die Kusine so eine zierliche Person ist, sollte sie sich gar nicht damit aus­ein­an­dersetzen.“ Dai-yü lächelte etwas verächtlich. „Ist das die Zither, die du spielst?“ fuhr Bau-yü fort und zeigte auf ein an der Wand hängendes Stück. „Ist sie nicht zu kurz?“ – „Nicht wirklich“, erklärte Dai-yü. „Als ich als kleines Mädchen damit anfing, das zu lernen, konnte ich die Griffe einer normalen Zither nicht erreichen, so daß wir diese hier speziell machen ließen. Die Vorfahren sagen, das beste Holz sei das durch Feuer gehärtete Wutong-Holz. Meine Zither ist zwar nicht aus diesem Holz, aber es hat eine Kranichfee und einen Phönixschwanz und das Drachenbecken-Tonloch und den Gänsefuß-Abstimmstöpsel. Alle sind in der richtigen Größe. Und schau’ dir die Risse im Lack an. Sieht das für dich nicht auch wie Kuh-Haarrisse aus, was ja ein Zeichen für eine feine Verarbeitung ist? Das sorgt für einen klaren Ton.“ „Hast du in den letzten Tagen irgendwelche Gedichte geschrieben, Kusinchen?“, fragte Bau-yü weiter. „Nicht viele, seit unserem letzten Clubtreffen.“ Er lachte. „Du kannst mich nicht für dumm verkaufen. Ich hörte dich singen: Wie könnte mein bescheidenes Herz in den Himmel aufsteigen, um dem Mond zu begegnen? Als du dein Zither-Spiel mit diesen Versen untermaltest, klang es besonders hell. Hast du das gesungen?“ Dai-yü: „Wie kommt es, daß du es gehört hast?“ Bau-yü: „Ich hörte dich spielen, als ich vor ein paar Tagen von der Laube des Knöterichwindes zurückkehrte. Die Musik war so schön, und ich wollte dich nicht unterbrechen, also saß ich einfach da und habe dir zugehört und ging dann weiter. Da ist eine Sache, die ich dich fragen wollte. Mir ist aufgefallen, daß du im ersten Teil einen Regeltonreim benutzt, aber plötzlich zu einem abgestuften Ton am Ende wechselst. Warum tust du das?“ Dai-yü: „Das ist eben freie Komposition. Man muß nicht irgendwelche Regeln aufrechterhalten. Man geht eben dahin, wohin einen die Eingebung trägt.“ Bau-yü: „Ich verstehe! Schade, daß ich keine Musik verstehe. Dann habe ich eine Weile als Banause zugehört.“ Dai-yü: „Wahre Musikliebhaber waren immer selten.“ Bau-yü merkte, daß er, ohne es zu wollen, das Falsche gesagt hatte, und hatte Angst, daß es Dai-yü verletzt hatte. Er saß eine Weile einfach da. Es gab so viel, was er sagen wollte, aber nun war er viel zu nervös, um seinen Mund wieder zu öffnen. Dai-yü hatte auch gesprochen, ohne vorher nachzudenken und beim Nachdenken wünschte sie, daß sie nicht so beißend gewesen wäre und zog sich still in ihre Schale zurück. Ihre Stille nährte Bau-yüs eigene Zweifel, und schließlich stand er etwas verlegen auf und sagte: „Ich muß mich auf den Weg machen und die dritte jüngere Schwester Tan-tschun besuchen. - Bitte steh nicht auf.“ – „Grüße sie von mir, wenn du sie siehst, ja?“, sagte Dai-yü. „Ja“, antwortete er und ging. Dai-yü führte ihn zur Tür, kehrte dann zurück und blieb vor sich hinbrütend alleine dort sitzen. ,Bau-yü war so merkwürdig in letzter Zeit. Er scheint nicht zu sagen, was er denkt. Er ist mal kalt, mal warm. Ich wundere mich, was das wohl bedeuten mag?‘ Dsï-djüan kam herein. „Sie sind schon fertig, Herrin? Soll ich Ihre Schreibsachen jetzt wegräumen?“ – „Ich werde wohl nicht mehr weitermachen“, antwortete Dai-yü, „du kannst sie wegräumen.“ Dai-yü ging in das innere Zimmer und legte sich auf ihr Bett, langsam zergliederte sie alles in ihren Gedanken. Dsï-djüan kam herein, um zu fragen, ob sie etwas Tee mochte. „Nein, danke. Ich möchte nur alleine sein und mich für eine Weile hinlegen. Geh ruhig.“ Dsï-djüan ging hinaus, um Hsüä-yän zu finden, die in der Tür stand und merkwürdig vor sich hin starrte. Sie ging auf sie zu und sagte: „Was ist los mit dir?“ Hsüä-yän war in Gedanken verloren, und die Frage brachte sie auf. „Schrei’ nicht so! Ich habe etwas sehr Komisches gehört. Wenn ich Ihnen das sage, müssen Sie versprechen, zu keinem Mensch auch nur ein Wort zu sagen.“ Als sie das sagte, zeigten Hsüä-yäns Lippen zu Dai-yüs Schlafzimmer hinüber, dann ging sie los und nickte Dsï-djüan, ihr zu folgen. Sie erreichten den Fuß der Terrasse, und sie fuhr im Flüsterton fort: „Hast du gehört, daß Bau-yü verlobt ist und heiraten wird?“ Dsï-djüan starrte sie an. „Das glaube ich dir nicht! Das kann nicht wahr sein!“ – „Doch ist es! Fast jeder weiß es, außer uns.“ „Wer hat dir das erzählt?“ „Schï-schu hat mir das erzählt. Dieses Mädchen ist die Tochter eines Präfekten. Sie ist sehr hübsch und kommt aus einer wohlhabenden Familie.“ – Als Hsüä-yän sprach, hörte Dsï-djüan Dai-yü husten und dachte, sie könnte sie wieder aufstehen hören. Aus Angst, sie könnte herauskommen und ihnen zuhören, nahm sie Hsüä-yän an der Hand und gab ihr zu verstehen, leise zu sein. Sie sah hinein, aber alles schien ruhig zu sein. Sie fragte Hsüä-yän ganz leise: „Was genau hat Schï-schu gesagt?“ „Erinnerst du dich“, antwortete Hsüä-yän, „vor ein oder zwei Tagen hast du mich zu Fräulein Tan-tschun geschickt, um ihr für irgendetwas zu danken. Nun, sie war nicht zu Hause, aber Schï-schu war da. Wir fingen an zu reden; und eine von uns erwähnte zufällig Herrn Bau-yü und seine freche Art. Schï-schu sagte: „Wann wird Herr Bau-yü endlich erwachsen? Er nimmt nichts ernst. Wenn man bedenkt, daß er verlobt ist und bald heiraten wird – und immer noch so dumm, wie eh und jeh!“ Ich fragte sie, ob die Verlobung sicher sei, und sie sagte, daß es so sei und daß der Vermittler ein Herr Wang sei, der eine enge Beziehung zur Ning-guo Seite habe, deshalb muß man auch nicht noch einmal überprüfen, ob die Familie so reich ist; wenn die darüber sprechen, wird es wohl so sein.“ Dsï-djüan drehte ihren Kopf nachdenklich zur Seite. ‚Wie merkwür-dig!‘, dachte sie bei sich. „Warum hat das niemand in der Familie erwähnt?“, fragte sie Hsüä-yän. „Das ist die Idee der gnädigen Herrin“, so sagte Schï-schu. „Damit Bau-yü nicht von seinen Studien abgelenkt wird. Ich mußte ihr versprechen, keiner Menschenseele etwas davon zu sagen, und sagte, sie würde mich verantwortlich machen, wenn auch nur ein Wort herauskommen sollte.“ Hsüä-yän zeigte zum Haus. „Deswegen habe ich es nicht vor ihr erwähnt. Aber als du heute fragtest, dachte ich, ich könnte dir die Wahrheit erzählen.“ Während sie sprach, ahmte plötzlich der Papagei laut eine menschliche Stimme nach: „Fräulein Dai-yü ist zurück! Serviert Tee!“ Die zwei Mädchen hatten den Schreck ihres Lebens, drehten sich her-um und erwarteten Dai-yü zu sehen. Aber sie sahen niemanden, und als sie ihren Fehler erkannten, beschimpften sie den Vogel und gingen hinein. Sie fanden Dai-yü auf ihrem Stuhl. Sie war außer Atem und hatte sich offensichtlich gerade erst hingesetzt. Dsï-djüan fragte eher linkisch, ob sie etwas Tee oder Wasser möchte. „Wo warst du all die Zeit?“, fragte Dai-yü, „niemand kam, als ich rief.“ Sie ging zurück zum Ofenbett und legte sich noch einmal hin, mit dem Gesicht zu Wand, und bat sie, die Bettvorhänge herunterzulassen. Das taten sie und verließen das Zimmer, wobei jede heimlich bei sich dachte, daß sie sie gehört hatte, aber keine hatte den Mut, es auszusprechen. Dai-yü brütete in ihrem Bett, sie hatte sie draußen flüstern gehört und war in Hörweite zur Tür gekrochen. Sie konnte keine Details des Gesprächs verstehen, aber der Hauptteil war deutlich. Sie fühlte sich, als wäre sie in einen großen Ozean gefallen. Die Prophezeiung aus ihren Albtraum wurde also doch erfüllt. Bitterkeit und Trauer überkamen sie. Da war nur ein Ausweg übrig. Sie mußte sterben. Sie wollte nicht leben, um mitansehen zu müssen, wie dieses ungeplante Ereignis stattfand. Sie fühlte sich bedeutungslos. Sie hatte keine eigenen Eltern, wo sie hätte hingehen können. Sicher, wenn sie sich von nun an täglich mehr vernachlässigen würde, würde sie nach einem halben oder einem Jahr ihre Gesundheit ausreichend untergraben haben, um sorglos im Himmel zu sein? Als sie diesen Beschluß gefaßt hatte, ohne sich damit zu bemühen, die Decke überzuziehen oder Extrakleidung für die Nacht anzuziehen, schloß sie ihre Augen und tat, als würde sie schlafen. Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen mehrere Male herein, um ihr aufzuwarten, aber sie sahen kein Zeichen der Bewegung und trauten sich nicht, sie zu stören, selbst nicht zum Abendessen. Als die Lampen später angezündet wurden, lugte Dsï-djüan durch den Vorhang und sah, daß sie eingeschlafen war, ihre Decke in einen Haufen an ihren Füßen zusammengeschoben. Beängstigt, sie könne eine Erkältung bekommen, deckte Dsï-djüan sie sanft zu. Dai-yü lag still, bis sie gegangen war, warf die Decke dann wieder von sich. Währenddessen fragte Dsï-djüan Hsüä-yän wieder: „Bist du sicher, daß du das nicht alles erfunden hast?“ – „Natürlich habe ich das nicht!“, antwortete Hsüä-yän etwas entrüstet. Dsï-djüan: „Aber wie hat Schï-schu das herausgefunden?“ Hsüä-yän: „Es war Hsiau-hung, die es zuerst bei Frau Liän hörte.“ Dsï-djüan: „Ich denke, Fräulein Dai-yü muß uns gehört haben. Ich weiß, daß sie irgendetwas sehr aufgeregt hat. Wir müssen vorsichtig sein und es nie wieder erwähnen.“ Die beiden Dienstmädchen räumten auf und machten sich für das Bett fertig. Dsï-djüan ging hinaus, um zu sehen, wie es Dai-yü ging, und fand die Decke in demselben zusammengeschoben Haufen wie zuvor wieder. Sie deckte sie wieder leicht zu. Die Nacht verging ohne weitere Ereignisse. Früh am nächsten Morgen stand Dai-yü auf, ohne eines der Mädchen zu wecken und setzte sich gedankenverloren allein auf. Dsï-djüan erwachte und sah, daß sie bereits auf war und sagte überrascht: „Sie sind diesen Morgen sehr früh auf, Herrin!“ – „Natürlich“, antwortete Dai-yü sehr kurz, „früh eingeschlafen, früh aufgewacht.“ Dsï-djüan zog sich schnell an und weckte Hsüä-yän, und die zwei warteten auf Dai-yü an ihrem Bad. Sie saß da und starrte sich im Spiegel an. Tränen begannen ihr Gesicht hinunterzufließen und ihr Seidenschal war schnell durchnäßt. Mit den Worten des Dichters:

Ein Schatten, schwankend-zierlich, sich spiegelnd im Frühlingswasser: So: Mitleid fließt von Schatten zum Spiegelbild und wieder zurück

Dsï-djüan stand daneben und traute sich nicht, sie zu beruhigen, aus Angst, sie könnte das Falsche sagen und die alte Verletzung wieder aufreißen. Dai-yü saß eine erhebliche Weile bewegungslos da, dann machte sie sich einfach zurecht, nur die Tränen in ihren Augen versiegten nicht. Als sie fertig war, blieb sie für einige Zeit sitzen, wo sie saß und bat dann Dsï-djüan, die tibetischen Räucherstäbchen zu entzünden. „Aber Fräulein“, protestierte Dsï-djüan, „Sie haben kaum geschlafen. Warum wollen sie denn die Räucherstäbchen angezündet haben? Sie werden doch sicherlich nicht wieder anfangen, die Sutren abzuschreiben, oder doch?“ Dai-yü nickte. „Aber Sie sind so früh aufgewacht, Fräulein. Wenn Sie nun anfangen zu schreiben, werden Sie sich verausgaben.“ – „Was macht das aus? Je eher ich das fertig mache, desto besser. Ich will das nur machen, um mich selbst abzulenken. Wenn Ihr später meine Abschriften lest, werdet Ihr Euch an mich erinnern.“ Als sie das sagte, begannen Tränen an ihren Wangen herunterzufließen, und Dsï-djüan war nicht länger fähig´, sie zu trösten, sondern brach selbst in Tränen aus. Dai-yü hatte entschieden, daß sie von diesem Tag an freiwillig ihre Gesundheit zerstören würde. Sie verlor bald ihren Appetit und fing langsam an dahinzusiechen. Bau-yü besuchte sie, wann immer er dies nach der Schule konnte, aber obwohl da eine Million Dinge waren, die sie ihm sagen wollte, war ihr bewußt, daß sie nicht länger Kinder waren. Dies verbot ihr, ihre Gefühle für ihn zu zeigen und ihn in ihrer üblichen Art zu necken. In ihrem Inneren hatten sich soviele Sorgen angestaut, daß sie kein Wort mehr aussprechen konnte. Bau-yü für seinen Teil hätte gerne ernsthaft mit ihr gesprochen und spendete ihr aufrichtigen Trost; aber er hatte Angst, ihre

Aus: Jinyuyuan 1889a. Krankheit zu verschlimmern, indem er sie auf irgendeine Weise beleidigte. Deshalb trösteten sie sich immer, wenn sie sich trafen, gegenseitig mit oberflächlichen Worten. Ihr Fall war ein echter Fall, in dem Liebe im Extrem zur Entfremdung führte. Die Herzoginmutter und die Dame Wang zeigten mütterliches Mitleid für Dai-yü, was jedoch nicht weiter ging, als den Arzt zu rufen. Er kannte die innere Quelle der Krankheit nicht, und daher schoben sie es auf ihre kranke Verfassung. Dsï-djüan und Hsüä-yän waren viel zu verängstigt, um ihnen ihnen die Wahrheit zu sagen. Dai-yü wurde von Tag zu Tag schwächer. Nach zwei Wochen war ihr Magen soweit zusammengeschrumpft, daß sie nicht einmal mehr Haferschleim zu sich zu nehmen konnte. Jede Unterhaltung, die sie während des Tages hörte, schien für sie irgendwie mit Bau-yüs Verlobung zusammenzuhängen. Jeden Diener, den sie vor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sah, schien in die Vorbereitungen einbezogen zu sein. Als Frau Hsüä sie besuchen kam, bestätigte die Abwesenheit Bau-tschais ihre Vermutung. Sie begann zu hoffen, daß niemand sie besuchen würde. Sie weigerte sich, die Medizin zu nehmen. Ihr einziger, übriggebliebener Wunsch war, allein gelassen zu werden und so schnell wie möglich zu sterben. In ihren Träumen hörte sie ständig, wie Menschen eine neue „Frau Bau-yü“ ansprachen. Ihre Gedanken waren ganz besessen von der Idee, wie der sprichwörtliche Trinker, der, wenn er einen gewölbten Bogen in seiner Tasse sieht, davon überzeugt ist, eine Schlange getrunken zu haben. Eines Tages hörte sie sogar auf zu essen. Nach ein paar Wochen dieses selbst­auferlegten Hungerns sah es aus, als würde sie bald sterben. Sogar der dünnste Haferschleim war nun eine Unmöglichkeit. Ihre Atmung war nur schwer wahrnehmbar. Sie hing nun am seidenen Faden. Um zu erfahren, ob sie diese Krise überleben wird oder nicht, lese man bitte das nächste Kapitel. 90. Ein armes Mädchen verliert ihre gefütterte Jacke und schlägt sich mit aufmüpfigem Verhalten herum Ein Mann nimmt Süßigkeiten an und ärgert sich über eine Intrige.

Seit Dai-yü versucht hatte, selbständig zu leben, fühlte sie sich schließlich immer schwächer, bis sie eines Tages die Nahrungsaufnahme verweigerte. Seit mehr als zehn Tagen besuchten sie die Herzoginmutter und ihre Tanten abwechselnd. Gelegentlich wechselte sie ein paar Worte mit ihnen. Seit zwei Tagen sprach sie nicht mehr mit ihnen, fühlte sich schwindelig und war nur gelegentlich bei klarem Verstand. Die Herzoginmut­ter hatte einen gewissen Verdacht für den Grund der Krankheit und fragte Dsï-djüan und Hsüä-yän mehr als einmal aus. Aber die Dienstmädchen hatten zuviel Angst, um zu sagen, was sie wußten. Dsï-djüan ihrerseits, während sie gerne die letzten Neuigkeiten von Schï-schu erfahren hätte, fürchtete, daß die Wahrheit einen weiteren Schock hervorrufen und die Stunde von Dai-yüs Tod schneller herbeiführen würde. Deshalb blockte sie das Thema, als sie Schï-schu sah, komplett ab. Hsüä-yän, als Überbringer der Nachrichten, fühlte sich verantwortlich für Dai-yüs Zustand und sehnte sich nach hundert Zungen, um zu schreien: „Ich habe nie ein Wort gesagt!“ Auch sie blieb verschlossen, wenn sie gefragt wurde. Als Dsï-djüan sah, daß Dai-yü nichts mehr essen wollte und entschieden hatte, alle Hoffnung aufzugeben, stand sie eine Weile weinend an der Seite ihres Bettes, dann ging sie nach draußen und flüsterte Hsüä-yän zu: „Geh hinein und paß gut auf sie auf. Ich werde sofort hinüber zur Herzoginmutter und den Damen und der zweiten Konkubine Fräulein Liän gehen und sagen, daß es heute besonders ernst ist.“ Hsüä-yän nickte und Dsï-yüan ging dann raus. Sie setzte sich zu Dai-yü und fand sie wie ohnmächtig liegend. Sie war noch ein Kind und hatte so etwas noch nie erlebt. Sie deutete den Zustand als Tod und begann sogleich Trauer und Angst zu fühlen. Wenn nur Dsï-djüan sich beeilen und endlich zurückkommen würde! Genau in diesem Moment hörte sie Fußstapfen draußen am Fenster. Das mußte jetzt Dsï-djüan sein! Sie atmete erleichtert auf, stand sofort auf und hob in voller Erwartung den Türvorhang. Sie hörte das Rascheln des Vorhanges der außen Tür, und herein kam nicht Dsï-djüan, sondern Schï-schu, die von Tan-tschun geschickt wurde, um zu fragen, wie es Dai-yü ging. Sie sah Hsüä-yän im inneren Flur stehen und fragte: „Wie geht es Fräulein Dai-yü?“ Hsüä-yän gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen mitzukommen, und Schï-schu betrat den inneren Raum mit ihr. Sie stellte fest, daß Dsï-djüan nicht dort war, und als sie Dai-yü ansah und sah, wie schwer sie atmete, machte sie ein entsetztes Gesicht. „Wohin ist Dsï-djüan gegangen?“, fragte sie. „In die oberen Gemächer um zu berichten“, antwortete Hsüä-yän. Sicher, daß Dai-yü, wenn nicht wirklich tot, dann zumindest zu diesem Zeitpunkt „tot für die Welt“ war, entschied sich Hsüä-yän den Vorteil von Dsï-djüans Abwesenheit zu nutzen, um Schï-schu Fragen zu stellen. Sie nahm ihre Hand und fragte sie flüsternd: „Meintest du neulich wirklich, was du sagtest – daß Herr Wang Herrn Bau-yü eine Verlobung vermittelt hat?“ „Natürlich meinte ich das ernst!“, antwortete Schï-schu. „Für wann ist die Verlobung festgesetzt?“ – „Ich habe nie gesagt, daß sie festgesetzt worden ist! Was ich dir sagte war nur, was ich am selben Tag von Hsiau-hung gehört hatte. Später war ich selbst bei der zweiten Konkubine Fräulein Liän und hörte sie zu Ping sagen, daß das Ganze nur ein Gesprächsthema der Gäste war, um ihm zu gefallen und eine gute Beziehung zu ihm aufzubauen. Wie es schien, dachte Dame Hsing nicht einmal daran, daß es eine gute Partie wäre. Aber auch wenn sie es für gut befunden hätte, so weiß doch jeder, wie unverläßlich ihr Urteilsvermögen ist. Außerdem, die Herzoginmutter hat bereits jemand anderen für Herrn Bau-yü vorgesehen, jemanden hier aus dem Garten. Die Dame Hsing hatte natürlich keine Ahnung davon, und die Herzoginmutter hat ihnen nur um Herrn Wangs willen erlaubt, mit den normalen Anfragen der Form wegen weiterzumachen. Ich habe von Fräulein Liän gehört, was Bau-yü angeht, so will die Herzoginmutter, daß er eine Verwandte heiratet, und ihre Meinung ist unwiderruflich, also sind alle anderen Vorschläge Zeitverschwendung.“ Hsüä-yän war außer sich. „Also stirbt unsere Herrin für nichts!“, rief sie. „Was meinst du?“, fragte Schï-schu. „Ja weißt du denn nicht? Vor ein paar Tagen hörte Fräulein Dai-yü, wie ich Dsï-djüan von der Verlobung erzählte – deswegen hat sie sich jetzt in diese entsetzliche Lage gebracht.“ „Pssst!“ flüsterte Schï-schu, „sie könnte dich hören!“ „Sie ist komplett tot für diese Welt“, antwortete Hsüä-yän. „Sieh – es wird nicht länger als ein oder zwei Tage dauern.“ Während sie sprach, wurde der Türvorhang zur Seite geschoben und Dsï-djüan kam herein. „Du meine Güte!“, rief sie aus. „Könnt ihr nicht woanders lästern? Ihr könnt sie genausogut in den Tod treiben!“ „Ich kann einfach nicht an solch merkwürdigen Vorgänge glauben“, murmelte Schï-schu. „Meine Liebe Schï-schu“, erwiderte Dsï-djüan scharf, „versteh mich bitte nicht falsch. Ich will dich nicht beleidigen, aber du mußt schon sehr dumm sein, um so zu lästern.“ Während die drei sprachen, hörten sie plötzlich Dai-yü husten. Dsï-djüan eilte an ihre Bettseite, während Hsüä-yän und Schï-schu verstummten. Dsï-djüan bückte sich und flüsterte Dai-yü, die mit dem Gesicht zur Wand lag zu: „Möchten Sie etwas Wasser, Fräulein?“ Da kam ein schwer hörbares „Ja,“ und Hsüä-yän füllte sofort eine Tasse halbvoll mit heißem Wasser und gab es Dsï-djüan, die sie in der Handfläche hielt. Schï-schu hatte sich währenddessen zum Ofenbett bewegt und wollte gerade etwas zu Dai-yü sagen, als Dsï-djüan sie mit einer Bewegung zum Schweigen brachte, und sie sich wieder besann. Sie warteten. Nach einer kurzen Pause hustete Dai-yü wieder und Dsï-djüan fragte sofort: „Möchten Sie das Wasser jetzt, Fräulein?“ Da war wieder ein leises „Ja“, und Dai-yü sah aus, als wollte sie ihren Kopf heben, aber sie war zu schwach dazu. Dsï-djüan kletterte auf das Ofenbett an ihre Seite und, immer noch die Tasse in der Hand haltend, probierte sie erst das Wasser, ob es nicht zu heiß war, und hob es dann an Dai-yüs Mund, ihren Kopf stützend, bis der Tassenrand ihre Lippen erreichte. Dai-yü nahm einen kleinen Schluck, und Dsï-djüan wollte gerade die Tasse wegnehmen, als sie sah, daß Dai-yü mehr wollte. Sie hielt die Tasse, wo sie war. Dai-yü trank wieder, schüttelte den Kopf, um zu zeigen, daß sie nichts mehr wollte, atmete tief ein und legte sich wieder hin. Nach einer langen Pause öffnete sie die Augen ein wenig und fragte: „War das Schï-schu, die ich gerade reden hörte?“ „Ja, Fräulein“, antwortete Dsï-djüan. Schï-schu war noch immer im Raum und kam sofort, um Dai-yü zu begrüßen. Sie überbrachte Tan-tschuns Nachricht. Dai-yü starrte sie kurz an und nickte. Nach einer Pause sagte sie: „Wenn du nach Hause gehst, grüß’ Fräulein Tan-tschun ganz lieb von mir, ja?“ Schï-schu nahm das als Wink Dai-yüs zu gehen und verließ leise den Raum. Nun, obwohl Dai-yüs Zustand sehr schlimm war, war sie doch klar bei Verstand. Schï-schus Ankunft hatte sie bewußt mitbekommen und vage die ersten Worte gehört, die sie mit Hsüä-yän sprach. Sie fühlte sich jedoch zu schwach, um sich mit einem Besucher auseinanderzusetzen, und tat daher so, als schliefe sie. Aber als die Unterhaltung weiterging, wurde ihr klar, daß was sie als Tatsache angesehen hatte, nicht mehr als ein Heiratsantrag war. Und dann hörte sie wie Schï-schu die Worte Hsi-fëngs wiederholte, daß die Herzoginmutter vorhatte, Bau-yü mit einer seiner Kusinen zu verheiraten, mit einer, die im Garten lebte; und wer könnte das anders sein als sie selbst? So wie in der Wintersonnenwende Yin Yang das Leben schenkt, so gab nun in ihrem Kopf Dunkelheit den Weg für Licht frei. Sie fühlte plötzlich viel mehr Klarheit in sich, und entschied sich, zwei Schluck Wasser zu trinken und sogar mit Schï-schu zu sprechen. Genau in diesem Moment kamen die Herzoginmutter, die Dame Wang, Li Wan und Hsi-fëng, aufgrund Dsï-djüans dringender Aufforderung. Da nun Dai-yüs innere Zweifel sich so dramatisch zerstreut hatten, präsentierte sie nicht länger das Schauspiel der sterbenden Herrin, welches Dsï-djüan erwartete. Sie war noch immer schwach und schlechten Gemüts, aber sie war fähig, mit etwas Mühe einige ihrer Fragen zu beantworten. Hsi-fëng rief Dsï-djüan herüber und fragte sie: „Fräulein Dai-yü ist nicht einmal ansatzweise so krank, wie du uns gesagt hast. Warum hast du so übertrieben? Wir haben uns große Sorgen gemacht.“ „Wirklich, Herrin“, antwortete Dsï-djüan, „eben gerade war sie in sehr schlechtem Zustand. Deswegen kam ich zu ihnen. Unter anderen Umständen hätte ich es nie gewagt, Euch zu rufen. Sie sieht jetzt tatsächlich viel besser aus. Das ist sehr seltsam.“ Die Herzoginmutter sagte zu Hsi-fëng mit einem Lächeln: „Du solltest nicht so ernst nehmen, was sie sagt, meine Liebe. Sie versteht solche Dinge nicht. Wohlgemerkt hatte sie sehr wohl das Recht etwas zu sagen, wenn sie etwas in diese Richtung bemerkt hätte. Ich habe kein Verständnis für junge Leute, die nie ein Wort sagen oder nie etwas tun, nur um nicht dumm auszusehen.“ Die Damen unterhielten sich noch eine Weile, dann kehrten sie, überzeugt, daß alles gut war, zu ihren Gemächern zurück. Wahrhaft: Eine Liebeskranke muß letztlich mit Liebe geheilt werden Nur die Hand, die den Knoten knüpfte, kann ihn wieder lösen. Nachdem sich der Zustand Dai-yüs stetig besserte, schickten Hsüä-yän und Dsï-djüan viele geheime Dankgebete zu Buddha. „Gott sei Dank, ihr geht es besser!“, sagte Hsüä-yän zu Dsï-djüan. „Aber welch merkwürdige Krankheit! Und welch merkwürdige Art der Heilung!“ „Wir wissen, was die Ursache für die Krankheit war“, sagte Dsï-djüan, „es ist nur die plötzliche Besserung, die uns so Kopfzerbrechen macht. Ich denke, Bau-yü und Fräulein Dai-yü müssen nach allem für das Heiraten vorherbestimmt sein. ‚Schwierigkeiten sind dazu da, um überwunden zu werden‘, aber es gilt auch: ‚Hochzeiten, die im Himmel geschlossen wurden, sollen nie gebrochen werden‘! Das ist es, was beide tief in ihrem Herzen wollen, und das muß es sein, was der Himmel für sie erdacht hat. Erinnerst du dich, was mit Bau-yü letztes Jahr passierte, als ich ihm erzählte, daß Fräulein Dai-yü in ihre Heimat, gen Süden, gehen würde? An dem Schock wäre er fast gestorben, und dann machte er eine schreckliche Szene. Und nun war eine kleine Bemerkung von uns fast ihr Tod. Ihre Liebe muß ein Bund aus einem früheren Leben sein, welches vor einem Jahrhundert am Berg der Wiedergeburt geschlossen wurde!“ Angesichts dieser romantischen Geschichte tauschten sie ein geheimes Lächeln aus, und Hsüä-yän rief: „Gott sei Dank, jedenfalls geht es ihr besser! Wir dürfen es niemals wieder erwähnen! Sogar wenn Bau-yü eine andere Frau heiraten und ich die Hochzeit mit eigenen Augen ansehen müßte, schwöre ich, daß ich nie ein Wort zu irgendjemandem darüber verlieren würde.“ Dsï-djüan lachte. „Schön gesagt!“ Diese Unterhaltung war nicht die einzige geheime Diskussion über dieses Thema. Alle dachten, daß die Krankheit von Dai-yü merkwürdig war und die Besserung noch merkwürdiger. Alle flüsterten und spekulierten darüber. Diese Gerüchte erreichten bald Hsi-fëng. Die Damen Wang und Hsing hatten einen vagen Verdacht, und die Herzoginmutter kam mit ihren Vermutungen zu acht oder neun Zehntel der Wahrheit nahe.