Hongloumeng/de4/Chapter 111

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel 111

Mandarinenente folgt ihrer Herrin in den Tod und steigt zum Reich der Großen Leere auf Ein Sklave, schlimmer als Hund und Schwein, missachtet den Himmel und heuert Diebesbanden an

Es wird erzählt, daß Phönixglanz [凤姐], als sie die Worte der kleinen Magd vernahm, zugleich zornig, bestürzt und traurig wurde. Unwillkürlich spuckte sie einen Schwall Blut und sank ohnmächtig zu Boden. Friedchen [平儿][1] eilte herbei, stützte sie und rief sogleich Leute, die ihr aufhelfen sollten. Langsam brachten sie Phönixglanz in ihr eigenes Zimmer und betteten sie behutsam auf den Kang. Sogleich ließ sie Kleine Rote [小红] eine Tasse heißes Wasser einschenken und führte sie an Phönixglanz’ Lippen. Phönixglanz nahm einen Schluck, dämmerte aber weiter in ihrer Ohnmacht. Herbstzither [秋桐][2] kam herüber, warf einen flüchtigen Blick auf sie und ging wieder fort. Friedchen rief sie auch nicht zurück. Nur Fenger [丰儿] stand daneben, und Friedchen sagte zu ihr: „Geh schnell und melde es den beiden gnädigen Frauen.“ Also berichtete Fenger den Damen Xing [邢夫人][3] und Wang [王夫人][4], daß Phönixglanz Blut gespuckt habe und sich um nichts mehr kümmern könne. Dame Xing vermutete, daß Phönixglanz nur Krankheit vorschütze, um sich zu drücken. Da zu dieser Stunde die weiblichen Verwandten alle drinnen waren, konnte sie auch nichts Weiteres sagen, glaubte der Sache aber nicht ganz und meinte nur: „Laßt sie sich ausruhen.“ Die übrigen sagten ebenfalls nichts.

Natürlich kamen und gingen an diesem Abend die Gäste und Verwandten ununterbrochen. Zum Glück kümmerten sich einige nahestehende Angehörige um alles. Die Dienstleute im Hause bemerkten, daß Phönixglanz nicht da war, und so ließen manche es sich leicht sein und drückten sich, es wurde laut durcheinandergelärmt, und alles geriet in ein heilloses Durcheinander — es war kein geordneter Zustand mehr.

Gegen die zweite Nachtwache [5], nachdem die entfernt wohnenden Gäste gegangen waren, machte man sich an die Abschiedszeremonie vor dem Totenschrein. Die Frauen hinter dem Trauervorhang weinten alle eine Weile. Dabei sah man, daß Mandarinenente [鸳鸯][6] sich ganz bewußtlos geweint hatte. Man stützte sie, klopfte und rieb sie, bis sie schließlich wieder zu sich kam und Worte sprach wie: „Die Herzoginmutter hat mich ein Leben lang geliebt, ich will ihr folgen.“ Die Leute dachten, daß jeder in der Trauer solche Dinge sage, und schenkten dem keine weitere Beachtung. Als es dann zur Abschiedszeremonie kam, waren oben und unten wohl über hundert Personen versammelt, nur Mandarinenente war nirgends zu sehen. Alle waren mit dem geschäftigen Treiben beschäftigt, und so hatte niemand nachgezählt. Als Bernstein [琥珀] und die anderen Mägde an der Reihe waren, ihre Traueropfer weinend darzubringen, wollte man Mandarinenente holen, vermutete aber, sie habe sich vom Weinen erschöpft und ruhe sich irgendwo aus, und sagte nichts weiter.

Nach der Abschiedszeremonie rief Kaufmann Aufrecht [贾政][7] draußen Kaufmann Kette [贾琮] zu sich und erkundigte sich nach den Einzelheiten des Leichenzuges. Man besprach, wen man zur Bewachung des Hauses abstellen solle. Kaufmann Kette erwiderte: „Von den ranghöheren Leuten habe ich den jungen Yun [贾芸] abgestellt, damit er zu Hause nach dem Rechten sieht und nicht mit zum Begräbnis muß. Von den Dienern habe ich Lin Zhixiao [林之孝] und seine Familie damit betraut, den Abbau der Trauerzelte und ähnliches zu beaufsichtigen. Aber ich weiß nicht, wen man drinnen zur Hausbewachung bestimmen soll.“ Kaufmann Aufrecht sagte: „Ich habe gehört, deine Mutter hat gesagt, daß deine Frau krank sei und nicht mitkönne. Dann laß sie eben zu Hause bleiben. Deine Schwägerin, die Frau Kaufmann Juwels [贾珍][8], hat noch gesagt, daß deine Frau schwer krank sei, und daß man Xichun [惜春][9], die Viertjüngste, bei ihr lassen solle, damit sie zusammen mit einigen Mägden und alten Dienerinnen die oberen Gemächer bewache.“ Kaufmann Kette hörte das und dachte bei sich: „Die Frau Kaufmann Juwels und Xichun verstehen sich nicht, deshalb drängt sie darauf, daß Xichun nicht mitgehe. Wenn die Obhut nur ihr anvertraut wird, ist das auch nutzlos. Und unsere eigene ist krank und kann sich auch nicht richtig kümmern.“ Er überlegte eine Weile und antwortete Kaufmann Aufrecht: „Der gnädige Herr möge sich ein wenig ausruhen. Ich gehe hinein und bespreche alles, dann komme ich mit der Antwort.“ Kaufmann Aufrecht nickte, und Kaufmann Kette ging hinein.

Doch wer hätte gedacht, daß Mandarinenente zu dieser Stunde, nachdem sie sich ausgeweint hatte, folgende Gedanken hegte: „Mein ganzes Leben habe ich der Herzoginmutter gedient, und für mich selbst habe ich keinen Platz gefunden. Jetzt ist der Erstgeborene Herr [贾赦][10] zwar nicht zu Hause, aber das Benehmen der Erstgeborenen Gnädigen Frau [邢夫人] — das kann ich nicht gutheissen. Der Herr [贾政] ist ein Mann, der sich um nichts kümmert. Wenn es künftig drunter und drüber geht, werden wir dann nicht den Launen jener ausgeliefert sein? Der eine steckt einen in sein Bett, der andere verheiratet einen mit einem Burschen — solche Qualen kann ich nicht ertragen. Da ist es besser, rein zu sterben. Doch wie soll ich es auf die Schnelle anstellen?“ Während sie so grübelte, ging sie in das Nebenzimmer der Herzoginmutter.

Kaum hatte sie die Schwelle überschritten, da sah sie im trüben Lampenlicht undeutlich eine Frau, die ein Schweißtuch in der Hand hielt und sich offenbar erhängen wollte. Mandarinenente erschrak nicht, sondern dachte bei sich: „Wer ist das? Sie hat denselben Gedanken wie ich — nur ist sie mir schon einen Schritt voraus.“ Und fragte: „Wer bist du? Wir beiden haben dasselbe im Sinn — wenn wir sterben, dann gemeinsam.“ Jene Person antwortete nicht. Mandarinenente ging näher heran und sah, daß es keine Magd aus diesem Haus war. Sie schaute genauer hin und spürte, wie eine eisige Kälte von der Gestalt ausging — und im selben Augenblick war sie verschwunden.

Mandarinenente erstarrte für einen Moment, setzte sich dann auf die Kangkante und überlegte sorgfältig: „Ach ja! Das war die junge Frau Rong [秦可卿][11] aus dem Ostanwesen! Die ist doch längst gestorben — wie kommt sie hierher? Sie muß gekommen sein, um mich zu holen. Aber warum hat sie sich erhängt?“ Nach einer Weile sagte sie sich: „Natürlich! Sie wollte mir die Art des Sterbens zeigen.“ Sobald Mandarinenente das dachte, drang ein dunkler Wille in ihre Knochen. Sie stand auf, weinte, öffnete ihre Schmuckschatulle und nahm jene Haarsträhne heraus, die sie einst als Zeichen ihrer Treue abgeschnitten hatte, und steckte sie in ihren Busen. Dann löste sie ein Schweißtuch von ihrem Körper und band es an der Stelle fest, die Frau Qin ihr soeben gezeigt hatte. Sie weinte noch eine Weile, hörte draußen die Gäste aufbrechen und fürchtete, jemand könne hereinkommen. Eilig schloß sie die Zimmertür. Dann rückte sie einen Fußschemel herbei, stieg hinauf, schlang das Schweißtuch zu einer Schlinge und legte sie sich um die Kehle — und stieß den Fußschemel weg. Ach, die Kehle schnürte sich zu, der Atem stockte, und ihre duftende Seele entschwebte dem Körper.

Gerade wußte die Seele nicht, wohin, da erblickte sie undeutlich Frau Qin vor sich. Mandarinenentes Geist eilte ihr hastig nach und rief: „Frau Rong, warte auf mich!“ Jene Person aber sprach: „Ich bin keineswegs die Frau Rong. Ich bin Keqing [可卿], die jüngere Schwester der Warngöttin [警幻][12].“ Mandarinenente sagte: „Du bist doch ganz offensichtlich die Frau Rong — wie kannst du sagen, du seist es nicht?“ Jene Person antwortete: „Das hat schon seine Bewandtnis. Laß mich es dir erklären, dann wirst du von selbst verstehen. Im Palast der Warngöttin war ich von jeher die Erste unter den Verliebten und zuständig für die Schulden der Liebe und des Mondes. Als ich in die irdische Welt hinabstieg, war es an mir, die Erste unter den Liebenden zu sein und all die verliebten und enttäuschten Mädchen frühzeitig ins Amt der Liebe zurückzuführen. Daher war es mein Schicksal, mich zu erhängen. Weil ich die irdischen Gefühle durchschaut habe, das Meer der Leidenschaft überquerte und in den Himmel der Empfindungen zurückkehrte, ist im Traumland der Großen Leere das Amt der ›Vergeblichen Leidenschaft‹ nun ohne Vorsteherin. Die Warngöttin hat nun dich berufen, es an meiner Stelle zu führen. Darum hat sie mich gesandt, dich dorthin zu geleiten.“

Mandarinenentes Geist sprach: „Ich bin doch die Gefühlloseste von allen — wie kann man mich zu einer Gefühlvollen rechnen?“ Jene Person antwortete: „Das weißt du noch nicht. Die Menschen in der Welt verwechseln alle die Wollust mit dem Wort ›Gefühl‹. Deshalb tun sie schamlose Dinge und rühmen sich noch ihrer Leidenschaft, als ob es nichts bedeute. Sie wissen nicht: Dieses eine Wort ›Gefühl‹ — wenn Freude, Zorn, Trauer und Glück noch nicht hervorgetreten sind, dann ist es die Natur; sind sie hervorgetreten, dann ist es das Gefühl. Was dich und mich betrifft, so ist unser Gefühl gerade jenes unausgesprochene — gleich einer Blütenknospe. Würde man es erst herauslassen, dann wäre das Gefühl kein wahres Gefühl mehr.“ Mandarinenentes Geist hörte das, nickte verständnisvoll und folgte Qin Keqing von dannen.

Hier nun hatte Bernstein nach der Abschiedszeremonie gehört, wie die beiden Damen Xing und Wang die Leute einteilten, die das Haus bewachen sollten. Sie wollte Mandarinenente fragen, wie man am nächsten Tag die Kutschen einteilen solle, und suchte sie in der Herzoginmutter Zimmer, fand sie aber nicht. Dann suchte sie im Nebenzimmer. Kaum an der Tür angekommen, sah sie, daß die Tür angelehnt war. Durch den Türspalt blickte sie hinein und sah im halbdunklen Lampenlicht nur Schatten und Umrisse. Sie bekam Angst. Da drinnen war es ganz still. Sie ging zurück und murmelte: „Wohin ist dieses Frauenzimmer denn gelaufen?“ Unvermittelt traf sie auf Perle [珍珠] und fragte: „Hast du Schwester Mandarinenente gesehen?“ Perle sagte: „Ich suche sie auch. Die gnädigen Frauen warten darauf, mit ihr zu sprechen. Sie schläft bestimmt im Nebenzimmer.“ Bernstein sagte: „Ich habe nachgesehen, sie ist nicht drin. Die Lampe ist nicht geputzt worden, es ist stockfinster und unheimlich. Ich habe mich nicht hineingetraut. Laß uns jetzt zusammen hineingehen und nachschauen.“ Bernstein und die anderen gingen hinein. Gerade wollte Bernstein den Lampendocht zurechtzupfen, da sagte Perle: „Wer hat denn den Fußschemel hierher gestellt? Beinahe wäre ich gestolpert.“ Bei diesen Worten schaute sie nach oben, stieß einen entsetzten Schrei aus — „Auweia!“ — , taumelte rückwärts und stürzte Bernstein in die Arme. Auch Bernstein sah es nun und schrie laut auf, doch ihre Beine wollten sich nicht von der Stelle rühren.

Die Leute draußen hatten es gehört und rannten herein. Als sie es sahen, schrien alle durcheinander und meldeten es den Damen Xing und Wang. Dame Wang, Schatzspange [宝钗] und die übrigen hörten es, eilten alle weinend herbei. Dame Xing sagte: „Ich hätte nicht gedacht, daß Mandarinenente solche Entschlossenheit besitzt! Schickt schnell jemanden, um es dem Herrn zu melden.“

Nur Schatzjade [宝玉] war, als er die Nachricht vernahm, so erschrocken, daß seine Augen starr wurden. Dufthauch [袭人][13] und die anderen stützten ihn hastig und sagten: „Wenn du weinen willst, dann weine, aber halte den Atem nicht an!“ Schatzjade brachte es mit aller Kraft endlich fertig zu weinen. In Gedanken sagte er sich: „Ein Mensch wie Mandarinenente — und ausgerechnet eine solche Todesart!“ Dann dachte er weiter: „Wahrhaftig, der reine Geist zwischen Himmel und Erde wohnt einzig und allein in diesen Frauen. Sie hat den rechten Ort zum Sterben gefunden. Wir am Ende sind nur trübe Materie. Wir sind zwar die Enkel und Söhne der Herzoginmutter, aber wer von uns könnte sich mit ihr messen?“ Und schon wurde er wieder froh. Schatzspange hatte zunächst gehört, daß Schatzjade laut geweint hatte, doch als sie zu ihm kam, sah sie, daß er schon wieder lächelte. Dufthauch und die anderen sagten hastig: „Es ist nicht gut! Er wird wieder verrückt!“ Schatzspange aber sagte: „Es ist nichts. Er hat seine eigenen Gedanken dabei.“ Schatzjade hörte das und freute sich noch mehr über Schatzspanges Worte: „Sie versteht doch mein Herz — wer sonst könnte das?“

Gerade war er in wirren Gedanken versunken, da kam Kaufmann Aufrecht herein und seufzte aufrichtig: „Das gute Kind! Die Herzoginmutter hat sie nicht umsonst ein Leben lang geliebt!“ Sogleich befahl er Kaufmann Kette: „Geh hinaus und laß noch in der Nacht einen Sarg kaufen und den Leichnam einkleiden. Morgen soll er gleich mit dem Trauerzug der Herzoginmutter hinausgetragen und hinter ihrem Sarg aufgebahrt werden, damit ihr Herzenswunsch erfüllt sei.“ Kaufmann Kette sagte ja und ging hinaus. Hier drinnen befahl man, Mandarinenente herabzunehmen und im Nebenzimmer aufzubahren.

Auch Friedchen erfuhr davon und kam herbei. Zusammen mit Dufthauch, Goldamsel [莺儿][14] und den übrigen Mägden weinten sie herzbrechend. Unter ihnen dachte auch Purpurkuckuck [紫鹃][15] daran, daß sie selbst im Leben keinen festen Platz habe. Am liebsten wäre sie dem Fräulein Lin [林黛玉][16] in den Tod gefolgt — das hätte die Treue zwischen Herrin und Dienerin vollendet und zugleich den rechten Ort zum Sterben bedeutet. Nun schwebte sie nur zwecklos in Schatzjades Gemächern, und obgleich Schatzjade sie weiterhin zärtlich und innig behandelte, so zählte das am Ende doch nicht. Daher weinte sie noch bitterlicher als die anderen.

Dame Wang ließ sogleich Mandarinenentes Schwägerin hereinkommen und trug ihr auf, die Einkleidung der Toten zu beaufsichtigen. Gemeinsam mit Dame Xing wurde dann aus dem Nachlaß der Herzoginmutter eine Belohnung von hundert Silbertael an die Schwägerin angewiesen. Man versprach ihr ferner, daß ihr, sobald Ruhe eingekehrt sei, alle persönlichen Habseligkeiten Mandarinenentes überlassen werden sollten. Die Schwägerin kotaute und ging hinaus, und zu jedermanns Erstaunen freute sie sich und sagte: „Wahrhaftig, unsere junge Herrin hatte Charakter und Glück: Sie hat sich einen guten Ruf erworben und bekommt ein ehrenvolles Begräbnis.“ Eine alte Dienerin neben ihr bemerkte: „Genug davon, Schwägerin! Jetzt hast du eine lebendige junge Herrin für hundert Silbertael verkauft und freust dich so. Damals, als man sie dem Erstgeborenen Herrn geben wollte, hättest du erst recht nicht gewußt, wieviel Silber du bekommen hättest — da hättest du dich noch mehr freuen müssen.“ Diese Worte trafen die Schwägerin ins Herz, sie wurde rot im Gesicht und ging fort. Gerade am zweiten Tor angekommen, sah sie, wie Lin Zhixiao mit Trägern den Sarg hereinbrachte. So folgte sie ihnen, half bei der Einkleidung und heuchelte ein paar Trauerlaute.

Kaufmann Aufrecht, weil Mandarinenente für die Herzoginmutter gestorben war, ließ Räucherstäbchen bringen, entzündete drei davon, verneigte sich und sprach: „Sie ist eine Opfertote — man darf sie nicht als bloße Magd behandeln. Ihr Jüngeren alle solltet ihr die Ehre erweisen.“ Schatzjade hörte das und war überglücklich. Er trat vor und verrichtete ehrfürchtig mehrere Kowtaus. Kaufmann Kette gedachte der Güte, die Mandarinenente ihm einst erwiesen hatte, und wollte ebenfalls vortreten, um ihr seine Reverenz zu erweisen. Doch Dame Xing sagte: „Ein Herr genügt. Wenn ihr sie mit zu vielen Ehrbezeigungen überhäuft, kann sie nicht in Frieden davonziehen.“ So wagte Kaufmann Kette nicht mehr vorzutreten. Schatzspange war über diese Worte empört und sagte: „Eigentlich steht es mir nicht zu, ihr meine Reverenz zu erweisen. Aber da die Herzoginmutter dahingeschieden ist, haben wir alle noch unerledigte Pflichten und wagten keine Eigenmächtigkeit. Sie aber hat bereitwillig an unserer Statt die Kindespflicht erfüllt. Wir sollten sie bitten, die Herzoginmutter auf ihrem letzten Weg in den Westen gut zu begleiten — das wäre doch das Mindeste, was wir von Herzen tun können!“ Bei diesen Worten ließ sie sich von Pirol stützen, trat vor den Totenschrein, opferte Wein, und die Tränen rannen ihr bereits in Strömen übers Gesicht. Nach der Libation verbeugte sie sich mehrmals und weinte bitterlich um sie. Die Leute sagten teils, daß Schatzjade und seine Frau beide Narren seien, teils, daß die beiden guten Herzens seien, teils, daß sie die Etikette zu wahren wüßten. Kaufmann Aufrecht jedenfalls war sehr zufrieden.

Zugleich wurde beschlossen, daß Phönixglanz und Xichun weiterhin das Haus bewachen sollten, während alle übrigen den Trauerzug begleiteten. In jener Nacht wagte niemand, ruhig zu schlafen. Um die fünfte Nachtwache [17] hörte man draußen schon die Leute sich versammeln. Zur Stunde Chen [18] setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Kaufmann Aufrecht als Ältester trug das grobe Hanfgewand, weinte und klagte und erfüllte in vollem Maße die Pflicht eines pietätvollen Sohnes. Als der Sarg das Tor passierte, wurden von den verschiedenen Familien Weiheopfer am Wegesrand dargebracht. Die Pracht entlang des Weges braucht nicht im Einzelnen beschrieben zu werden. Nach einem halben Tagesmarsch gelangte man zum Eisenschwellen-Tempel [铁槛寺], wo die Särge beigesetzt wurden. Alle Trauersöhne blieben selbstverständlich über Nacht im Tempel. Davon braucht nicht weiter berichtet zu werden.

Was nun das Haus betrifft: Lin Zhixiao leitete den Abbau der Trauerzelte, ließ Türen und Fenster wieder einsetzen, den Hof fegen und stellte Nachtwachen ab, die abends die Runde machten. Im Rongguo-Anwesen war es freilich Brauch, daß nach der zweiten Nachtwache das dritte Tor verschlossen wurde und kein Mann mehr hineingelassen wurde. Im Inneren oblag es allein den Frauen, die Nachtrunden zu gehen. Phönixglanz hatte zwar über Nacht allmählich wieder etwas zu Kräften gefunden, doch bewegen konnte sie sich nicht. Nur Friedchen ging zusammen mit Xichun einmal durch alle Räume, gab den Nachtwächterinnen ihre Anweisungen, und dann kehrten alle in ihre Gemächer zurück.

Nun ist von He San [何三] zu erzählen, dem Adoptivsohn von Zhou Rui [周瑞]. Im vergangenen Jahr, als Kaufmann Juwel [贾珍] die Geschäfte führte, hatte He San sich mit Bao Er [鲍二] geprügelt, wofür Kaufmann Juwel ihn verprügeln und hinauswerfen ließ. Seither verbrachte er seine Tage in Spielhöllen. Als er nun erfuhr, daß die Herzoginmutter gestorben war, rechnete er sich aus, daß es allerlei Aufgaben geben müsse, an denen sich verdienen ließe. Doch nachdem er einige Tage die Lage sondiert hatte, war keine Gelegenheit in Sicht. Seufzend kehrte er in die Spielhölle zurück und setzte sich verdrossen nieder. Die Spieler fragten: „Dritter, willst du nicht mitspielen und dein Geld zurückgewinnen?“ He San antwortete: „Zurückgewinnen möchte ich schon, nur habe ich kein Geld mehr!“ Die anderen sagten: „Du warst doch tagelang bei deinem großen Herrn Zhou — wer weiß, wieviel Geld du aus dem Anwesen mitgebracht hast. Und jetzt willst du vor uns den Armen spielen.“ He San sagte: „Ihr redet leicht. Die haben Gold und Silber, wer weiß wieviele Hunderttausend, verstecken es nur und geben es nicht aus. Eines Tages, wenn es nicht vom Feuer verbrannt wird, dann wird es von Dieben gestohlen — dann erst werden sie es bereuen!“ Die anderen sagten: „Lüg doch nicht, bei denen wurde das Haus durchsucht — wieviel Gold und Silber soll da noch übrig sein?“ He San sagte: „Das wißt ihr eben nicht. Was beschlagnahmt wurde, das konnte man nicht verbergen. Aber nach dem Tod der Herzoginmutter sind noch jede Menge Gold und Silber übrig. Keiner rührt es an, alles lagert in den Gemächern der Herzoginmutter. Man wartet, bis nach dem Begräbnis alles aufgeteilt wird.“

Unter den Anwesenden hörte einer besonders aufmerksam zu. Er würfelte noch ein paarmal und sagte dann: „Ich habe ein paar Münzen verloren, aber ich will auch kein Glück mehr erzwingen. Ich gehe schlafen.“ Damit stand er auf und zog He San am Ärmel: „Dritter, ich muß dir etwas sagen.“ He San folgte ihm hinaus. Der Mann sagte: „Du bist ein gewitzter Kerl und trotzdem so arm — das finde ich ungerecht.“ He San sagte: „Das Schicksal will, daß ich arm bin — was soll ich da machen?“ Der Mann sagte: „Du hast doch gerade gesagt, im Rongguo-Anwesen liege so viel Silber herum — warum holst du dir nicht etwas davon?“ He San sagte: „Mein Bester, sie haben zwar viel Gold und Silber, aber wenn du und ich hingehen und höflich um ein, zwei Qian bitten — glaubst du, die geben uns etwas?“ Der Mann lachte: „Wenn sie es uns nicht geben, können wir es uns doch nehmen, oder?“

He San verstand die Andeutung und fragte hastig: „Wie stellst du dir das vor?“ Der Mann sagte: „Ich sage ja, du hast keinen Mumm. Wäre ich es, hätte ich es längst geholt.“ He San fragte: „Was hast du denn für Fähigkeiten?“ Der Mann senkte die Stimme und sagte: „Wenn du reich werden willst, dann gib den Anstoß. Ich habe Freunde, die haben übernatürliche Fähigkeiten. Gar nicht zu reden davon, daß die alle zum Begräbnis fortgezogen sind und nur ein paar Frauen im Haus geblieben sind — selbst wenn noch so viele Männer da wären, hätten wir keine Angst. Ich fürchte nur, du hast nicht den Mut dazu.“ He San sagte: „Was soll ich denn nicht wagen! Glaubst du, ich habe Angst vor diesem Adoptivvater? Ich habe ihn nur meiner Adoptivmutter zuliebe als Vater anerkannt, er ist doch gar nichts Besonderes! Was du eben gesagt hast — ich fürchte nur, es klappt nicht, und stattdessen holen wir uns Ärger. Welches Amt kennen die nicht? Nicht nur, daß wir es vielleicht nicht stehlen können — selbst wenn wir es schaffen, wird es rauskommen.“ Der Mann sagte: „Dann ist dein Glücksstern aufgegangen! Meine Freunde — manche kommen sogar von der Küste. Zur Zeit sind sie alle hier in der Gegend. Sie warten auf eine günstige Gelegenheit und einen passenden Zugang. Wenn der Fang gelingt, nützt es dir und mir nichts, hier zu bleiben. Besser, wir hauen alle zusammen ab, gehen aufs Meer und lassen es uns gutgehen — wäre das nicht schön? Und wenn du dich von deiner Adoptivmutter nicht trennen kannst, nehmen wir sie einfach auch mit, und alle zusammen feiern — was sagst du?“ He San sagte: „Alter, bist du betrunken? Was ist das für wildes Gerede!“ Damit zog er den Mann an einen abgelegenen Ort, und die beiden berieten sich eine Weile. Dann trennten sie sich und gingen jeder seiner Wege. Davon sei zunächst nicht weiter berichtet.

Es ist nun von Bao Yong [包勇][19] zu erzählen. Nachdem er von Kaufmann Aufrecht ausgescholten worden war, hatte man ihn zur Bewachung des Gartens abkommandiert. Als dann die Sache mit der Herzoginmutter eintrat, hatte man ihn darüber vergessen und ihm keine besondere Aufgabe zugewiesen. Er kümmerte sich auch nicht darum, kochte für sich selbst, schlief, wenn ihm langweilig war, und wenn er wach war, übte er im Garten mit Schwert und Stock — ganz frei und ungebunden. An jenem Tag, als der Trauerzug der Herzoginmutter frühmorgens aufbrach, wußte er zwar davon, da man ihm aber keine Aufgabe zugewiesen hatte, streifte er nach Belieben umher. Da sah er eine Nonne in Begleitung einer daoistischen Dienerin [道婆] zum Gartentor kommen und anklopfen. Bao Yong ging hin und fragte: „Ehrwürdige Schwestern, wohin des Weges?“ Die daoistische Dienerin antwortete: „Wir haben gehört, daß die Angelegenheiten der Herzoginmutter heute erledigt werden. Da das Viertfräulein nicht zum Begräbnis mitgegangen ist, muß es wohl zu Hause sein. Wir fürchten, daß es sich einsam fühlt, und unsere Meisterin möchte es besuchen.“ Bao Yong sagte: „Die Herrschaften sind alle nicht zu Hause. Das Gartentor bewache ich. Geht bitte zurück. Wenn ihr kommen wollt, dann wartet, bis die Herrschaften zurückgekehrt sind.“ Die Dienerin sagte: „Was bist du denn für ein schwarzer Kohlenkopf, daß du dich erdreistest, uns das Kommen und Gehen zu verbieten?“ Bao Yong sagte: „Ich mag euch Leute nicht, und wenn ich sage, ihr kommt nicht herein, dann könnt ihr nichts daran ändern.“ Die Dienerin wurde zornig und schrie: „Das ist ja die verkehrte Welt! Selbst als die Herzoginmutter noch lebte, konnte man uns nicht am Kommen und Gehen hindern. Was bist du für ein brutaler Räuber, so gesetzlos und rücksichtslos! Ich gehe gerade hier hindurch!“ Damit schlug sie mit der Hand heftig mehrmals auf den Türklopfer.

Miaoyu [妙玉][20] war so erzürnt, daß sie kein Wort mehr sagte und sich sogleich umdrehen und gehen wollte. Doch da öffnete die alte Pförtnerin des zweiten Tors, die den Streit gehört hatte, eilig die Tür. Als sie sah, daß Miaoyu sich bereits zum Gehen gewandt hatte, wußte sie sogleich, daß Bao Yong sie beleidigt haben mußte. In letzter Zeit wußten alle Dienerinnen, daß die gnädigen Frauen und Xichun eine Vorliebe für sie hatten. Die Pförtnerin fürchtete, daß Miaoyu später erzählen könnte, man habe sie nicht hereingelassen — wie sollte sie das dann verantworten? Sie lief ihr eilig nach und sagte: „Wir wußten nicht, daß die ehrwürdige Meisterin kommt, darum haben wir zu spät geöffnet. Unser Viertfräulein ist daheim und hat gerade an die Meisterin gedacht. Bitte kehrt doch um! Der Gartenwächter ist ein Neuer, er kennt unsere Verhältnisse nicht. Wenn wir es der gnädigen Frau melden, bekommt er Prügel und wird hinausgeworfen, das ist alles.“ Obwohl Miaoyu das hörte, ignorierte sie es. Doch die Pförtnerin vom Seitentor holte sie ein und bat immer wieder, bis sie schließlich sagte, sie fürchte, selbst bestraft zu werden, und beinahe vor ihr niederkniete. Miaoyu konnte nicht anders und folgte schließlich der Dienerin hinein. Bao Yong sah das Ganze und konnte natürlich nicht weiter einschreiten. Er stieß ärgerlich die Luft aus, riß die Augen auf und kehrte seufzend um.

Hier nun brachte Miaoyu mit ihrer daoistischen Dienerin Xichun einen Höflichkeitsbesuch ab und plauderte ein wenig. Xichun sagte: „Ich muß zu Hause das Haus bewachen und ein paar Nächte durchhalten. Doch die Zweitherrin [Phönixglanz] ist krank, und ich bin allein, es ist mir langweilig und unheimlich. Wenn nur jemand bei mir wäre, dann wäre ich beruhigt. Hier drinnen ist kein einziger Mann. Da du heute so freundlich bist herzukommen — wenn du mir eine Nacht Gesellschaft leisten wolltest und wir Go spielen und plaudern könnten, ginge das?“ Miaoyu wollte eigentlich nicht, aber angesichts von Xichuns Hilflosigkeit — und als sie das Wort Go hörte — überkam sie eine frohe Laune, und sie sagte zu. Sie schickte die daoistische Dienerin zurück, um ihre Teeutensilien und Nachtgewand zu holen und von einer Novizin herbringen zu lassen. Alle saßen zusammen und plauderten die Nacht hindurch. Xichun war überglücklich und befahl Buntschirm [彩屏], das im Vorjahr gesammelte Regenwasser aufzusetzen und guten Tee zuzubereiten. Miaoyu aber hatte ihr eigenes Teegeschirr dabei.

Die daoistische Dienerin war noch nicht lange fort, da kam eine weitere Novizin und brachte Miaoyus tägliche Gebrauchsgegenstände. Xichun bereitete persönlich den Tee zu. Die beiden verstanden sich wunderbar und redeten einen halben Tag lang. Als es etwa die erste Nachtwache schlug [21], stellte Buntschirm das Go-Brett auf, und die beiden begannen zu spielen. Xichun verlor zwei Partien nacheinander. Miaoyu gab ihr dann eine Vorgabe von vier Steinen, und Xichun gewann um einen halben Stein. [22] Unversehens war es schon die vierte Nachtwache [23]. Der Himmel war weit, die Erde still, und zehntausend Geräusche waren verstummt. Miaoyu sagte: „Zur fünften Nachtwache muß ich meditieren. Meine eigene Magd wird mich bedienen. Geh und ruh dich aus.“ Xichun konnte sich kaum trennen, doch da Miaoyu sich sammeln wollte, wagte sie nicht, weiter zu drängen.

Gerade wollte sie sich zur Ruhe begeben, da hörte sie plötzlich aus den östlichen oberen Gemächern die Nachtwächterinnen in ein lautes Geschrei ausbrechen. Die alten Dienerinnen bei Xichun stimmten sogleich ein: „Nicht gut! Da sind Leute eingedrungen!“ Xichun, Buntschirm und die anderen waren zu Tode erschrocken. Man hörte, wie draußen auch die männlichen Nachtwächter laut zu rufen begannen. Miaoyu sagte: „Das ist schlimm! Hier müssen Diebe eingebrochen sein!“ Hastig verriegelten sie die Zimmertür und löschten das Licht. Durch das Guckloch im Fenster spähte Miaoyu hinaus und sah mehrere Männer im Hof stehen. Vor Entsetzen wagte sie keinen Laut, drehte sich um, gestikulierte mit den Händen und kroch leise wieder herab. Sie flüsterte: „Nicht gut! Draußen stehen einige kräftige Kerle.“ Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da hörte man auf dem Dach unaufhörlich Geräusche, und schon kamen von draußen Nachtwächter herein und riefen nach den Dieben. Einer sagte: „In den oberen Gemächern ist alles weg, aber kein Mensch zu sehen. Im Osten sind welche hingelaufen, kommt, wir gehen nach Westen!“ Eine von Xichuns alten Dienerinnen hörte, daß es eigene Leute waren, und rief aus dem Vorzimmer: „Hier sind welche aufs Dach geklettert!“ Die Nachtwächter sagten: „Seht ihr? Da sind sie!“ Alle schrien durcheinander. Vom Dach flogen Ziegelsteine herab, und niemand wagte sich nach vorn.

Gerade wußte man sich keinen Rat, da dröhnte vom Gartentor ein gewaltiger Schlag, die Tür brach auf, und herein stürmte ein großer, schlanker Mann mit einem Holzknüppel in der Hand. Alle erschraken und versuchten sich zu verstecken. Da hörte man den Mann brüllen: „Laßt keinen einzigen entwischen! Alle mir nach!“ Die Hausbediensteten erschraken davon nur noch mehr; weich in den Knien und ohne Kraft in den Beinen konnten sie nicht einmal mehr laufen. Nur jener Mann stand mitten auf dem Platz und brüllte ununterbrochen. Einer unter den Bediensteten, der schärfere Augen hatte, erkannte ihn schließlich. Wer war es? Kein anderer als Bao Yong, den die Familie Zhen [甄] empfohlen hatte. Da faßten die Leute allmählich wieder Mut und sagten zitternd: „Einer ist entkommen, die anderen sind noch auf dem Dach.“ Bao Yong duckte sich zu Boden, schwang sich auf das Dach und nahm die Verfolgung der Diebe auf.

Die Diebe wußten, daß im Hause Kaufmann kaum jemand war. Zunächst hatten sie im Hof umhergeschlichen und durch das Fenster in Xichuns Zimmer geblickt, wo sie eine bildschöne Nonne erblickten. Sogleich stiegen üble Gedanken in ihnen auf. Da sie wußten, daß in den oberen Gemächern nur Frauen waren, und da sie auch Angst hatten: Gerade wollten sie die Tür eintreten, da hörten sie draußen jemanden hereinkommen und sie verfolgen. Darum kletterten die Räuber aufs Dach. Sie sahen, daß es nicht viele Verfolger waren, und wollten noch Widerstand leisten. Da erblickten sie plötzlich einen Mann, der aufs Dach stieg und sie jagte. Die Diebe sahen, daß es nur einer war, und schenkten ihm keine Beachtung. Sie stellten sich ihm mit kurzen Waffen entgegen. Doch Bao Yong führte einen mächtigen Hieb mit seinem Knüppel, und einer der Diebe stürzte vom Dach. Die übrigen flohen halsüberkopf über die Gartenmauer. Bao Yong verfolgte sie auch über das Dach.

Doch im Garten hatten sich bereits einige Komplizen versteckt, die das Diebesgut entgegennahmen und schon vieles hinausgeschafft hatten. Als die fliehenden Kameraden zurückkamen, hoben alle ihre Waffen zum Schutz. Da der Verfolger nur ein einzelner Mann war, hielten sie ihn für unterlegen und wandten sich ihm sogar entgegen. Bao Yong sah das und wurde wütend: „Diese Galgenvögel wagen es, sich mit mir zu messen!“ Die Räuber sagten: „Einer unserer Kameraden wurde von denen niedergeschlagen, wir wissen nicht, ob er lebt oder tot ist. Kommt, wir holen ihn raus!“ Bao Yong hörte die Stimmen und schlug sogleich zu. Die Räuber schwangen ihre Waffen, vier oder fünf umzingelten Bao Yong und hieben wild auf ihn ein. Die Nachtwächter draußen faßten ebenfalls Mut und drängten nach. Die Räuber sahen, daß sie ihn nicht bezwingen konnten, und ergriffen die Flucht.

Bao Yong wollte ihnen noch nachjagen, da stolperte er über eine Truhe. Er blieb stehen und überlegte: „Die Sachen sind noch nicht alle fort, die Diebe sind geflohen.“ Er verfolgte sie nicht weiter, sondern rief den Leuten zu, Lampen zu bringen. Auf dem Boden lagen nur ein paar leere Truhen. Er ließ sie beiseite schaffen und wollte dann zu den oberen Gemächern laufen. Da er aber die Wege nicht kannte, gelangte er zu Phönixglanz’ Gemächern, wo die Lichter hell brannten. Er fragte: „Waren hier Diebe?“ Friedchen antwortete von drinnen mit zitternder Stimme: „Hier ist die Tür gar nicht aufgemacht worden. Wir hörten nur, daß drüben bei den oberen Gemächern nach Dieben gerufen wurde — geh lieber dorthin.“ Bao Yong fand den Weg nicht und sah dann in der Ferne die Nachtwächter vorbeikommen. Er schloß sich ihnen an und gelangte so zu den oberen Gemächern. Die Türen standen offen, und die Nachtwächterinnen saßen dort und weinten.

Bald darauf kamen Jia Yun und Lin Zhixiao ebenfalls herein. Als sie den Einbruch sahen, gerieten alle in Aufregung. Man ging hinein und prüfte: Die Tür zu den Gemächern der Herzoginmutter stand weit offen. Im Lampenlicht sah man, daß das Schloß aufgebrochen war. Drinnen waren Truhen und Schränke bereits geöffnet. Man schimpfte die Nachtwächterinnen: „Seid ihr alle tot? Die Diebe kommen herein, und ihr merkt nichts?“ Die Nachtwächterinnen sagten unter Tränen: „Wir waren die Schicht für die zweite und dritte Nachtwache. Wir haben keine Pause gemacht und sind vorn und hinten patrouilliert. Die andere Schicht hatte die vierte und fünfte Wache. Kaum waren wir abgelöst, hörten wir sie schreien, aber keine einzige Person war zu sehen. Als wir nachsahen, war alles schon weg. Bitte, die Herren mögen die Schicht der vierten und fünften Wache befragen.“ Lin Zhixiao sagte: „Ihr verdient alle den Tod! Darüber reden wir später. Zuerst gehen wir überall nachsehen.“

Die männlichen Nachtwächter führten sie zu Frau You [尤氏][24]. Deren Tür war fest verschlossen. Einige Stimmen von drinnen riefen: „Wir sind zu Tode erschrocken!“ Lin Zhixiao fragte: „Hier ist nichts gestohlen worden?“ Die Frauen drinnen öffneten erst dann die Tür und sagten: „Hier ist nichts weggekommen.“

Lin Zhixiao führte seine Leute dann zu Xichuns Hof. Von drinnen hörte man rufen: „Es ist furchtbar! Das Fräulein ist vor Schreck ohnmächtig geworden. Wacht doch auf!“ Lin Zhixiao ließ die Tür öffnen und fragte, was geschehen sei. Die alte Dienerin öffnete und sagte: „Die Diebe haben hier im Hof gekämpft, und das Fräulein ist vor Angst zusammengebrochen. Zum Glück haben die ehrwürdige Meisterin Miao und Buntschirm sie wieder zu sich gebracht. Gestohlen wurde nichts.“ Lin Zhixiao fragte: „Wie kam es hier zum Kampf?“ Ein Nachtwächter sagte: „Zum Glück ist der Herr Bao aufs Dach gestiegen und hat die Diebe verjagt. Man hat gehört, daß er einen von ihnen niedergeschlagen hat.“ Bao Yong sagte: „Der liegt drüben am Gartentor. Geht schnell und schaut nach.“

Jia Yun und die anderen gingen dorthin und fanden tatsächlich einen Mann tot auf dem Boden liegen. Bei genauerem Hinsehen sah er aus wie He San, der Adoptivsohn Zhou Ruis. Alle waren bestürzt. Man stellte einen Mann zur Bewachung der Leiche ab und schickte zwei weitere, um Vorder- und Hintertor zu sichern. An den Toren fand man alle Schlösser noch intakt.

Lin Zhixiao ließ das Haupttor öffnen und erstattete der Garnison Meldung. Sogleich kam ein Beamter, um die Tatorte zu untersuchen. Man stellte fest, daß die Diebe durch eine hintere Seitengasse aufs Dach geklettert waren, dann über das Dach des Westhofs — dort waren die Ziegel zertrümmert — und weiter durch den hinteren Garten entkommen waren. Die Nachtwächter riefen alle: „Das waren keine gewöhnlichen Diebe, das waren Räuber!“ Der Beamte entgegnete gereizt: „Es gab weder Fackeln noch blanke Waffen — wie soll das ein Raubüberfall gewesen sein?“ Die Nachtwächter sagten: „Als wir die Diebe verfolgten, warfen sie Ziegel vom Dach, so daß wir uns nicht nähern konnten. Zum Glück kletterte unser Herr Bao aufs Dach und schlug sie in die Flucht. Im Garten waren noch mehr von ihnen, die regelrecht mit Herrn Bao kämpften. Erst als sie ihn nicht bezwingen konnten, flohen sie.“ Der Beamte sagte: „Na, hört mal! Wenn es wirklich Räuber wären, hätten sie doch einen einzelnen Mann überwältigen können, oder nicht? Schluß jetzt damit. Stellt fest, was gestohlen wurde, reicht eine Verlustliste ein, und wir erstatten Bericht.“

Jia Yun und die anderen kehrten in die oberen Gemächer zurück. Dort hatte sich Phönixglanz schon trotz ihrer Krankheit hergeschleppt, und auch Xichun war da. Jia Yun erkundigte sich nach Phönixglanz’ Befinden und grüßte Xichun. Dann machte man sich daran, den Verlust zu ermitteln. Da Mandarinenente tot war und Bernstein und die anderen mit dem Trauerzug fort waren, hatte niemand die Dinge je gezählt — alles war unter Verschluß gewesen. Von wo aus hätte man eine Bestandsaufnahme beginnen sollen? Alle sagten: „In den Truhen und Schränken war so viel drin, und jetzt ist alles leer. Der Diebstahl muß erhebliche Zeit in Anspruch genommen haben. Was haben die Nachtwächterinnen nur getrieben? Außerdem ist der Erschlagene He San, Zhou Ruis Adoptivsohn — die steckten bestimmt alle unter einer Decke.“ Phönixglanz hörte das und war so zornig, daß ihre Augen starr hervorquollen. Sie befahl: „Fesselt alle Nachtwächterinnen und übergebt sie dem Garnisonsgericht zum Verhör!“ Die Frauen schrien Zeter und Mordio, fielen auf die Knie und flehten um Gnade.

Wie sie bestraft wurden und ob die gestohlenen Güter je wiedergefunden werden — das wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  2. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kaufmann Kette.
  3. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Begnadigung.
  4. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Aufrecht, Mutter von Schatzjade.
  5. ca. 21–23 Uhr
  6. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente". Kammerzofe der Herzoginmutter.
  7. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Kaufmann Aufrecht". Schatzjades Vater.
  8. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Ningguo-Zweigs der Kaufmann-Familie.
  9. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  10. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Kaufmann Begnadigung". Älterer Bruder von Kaufmann Aufrecht.
  11. Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng. Schwiegertochter der Ningguo-Familie, früh verstorben.
  12. Chin. 警幻 Jǐnghuàn, wörtl. „Warnung vor der Illusion". Göttin im Land der Großen Leere.
  13. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  14. Chin. 莺儿 Yīng'ér, wörtl. „Goldamsel". Schatzspanges Kammerzofe.
  15. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  16. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  17. ca. 3–5 Uhr
  18. ca. 7–9 Uhr
  19. Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Zhen empfohlener Wächter.
  20. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  21. ca. 19–21 Uhr
  22. Im Go gibt es insgesamt 361 Punkte; bei gleichstarken Spielern wird mit einem halben Punkt Vorgabe gespielt, so daß es stets einen Sieger gibt.
  23. ca. 1–3 Uhr
  24. Chin. 尤氏 Yóu Shì. Ehefrau von Kaufmann Juwel.