Hongloumeng/de4/Chapter 118

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Kapitel 118

Aus altem Groll betrügt der Onkel die schwache Nichte, Erschreckende Rätselverse — Gattin und Nebenfrau ermahnen den Verblendeten

Es wird erzählt, dass die beiden Damen Xing und Wang, nachdem sie Yous Rede angehört hatten, wussten, dass die Sache kaum mehr rückgängig zu machen war. Wang-furen sagte schließlich: „Wenn das Fräulein den Weg der Frömmigkeit gehen will, so muss dies wohl eine Verwurzelung aus einem früheren Leben sein, und wir können sie wirklich nicht davon abhalten. Nur, dass ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren ins Kloster geht, das ist doch keine rechte Sache. Da deine Schwägerin nun gesagt hat, dir das geistliche Leben zu gestatten, so ist das auch etwas Gutes. Doch eines muss ich sagen: Das Haar braucht nicht geschoren zu werden. Wenn das Herz wahrhaftig ist, kommt es auf das Haar nicht an. Bedenke, auch Wunderjade [妙玉][1] übte ihren Glauben mit vollem Haar — und als ihr weltliches Herz sich einmal regte, da trieb es sie so weit! Wenn das Fräulein darauf besteht, so nehmen wir das Zimmer des Fräuleins als ihre stille Kammer. Was die Dienerinnen des Fräuleins betrifft, so muss man sie befragen: Wer bereit ist, dem Fräulein zu folgen, für die kommt keine Heiratsvermittlung mehr in Frage; wer nicht folgen will, für die wird anders vorgesorgt." Als Bewahrfrühling [惜春][2] dies hörte, trocknete sie ihre Tränen und dankte den beiden Damen Xing und Wang sowie Li Wan und Frau You.

Nachdem Wang-furen gesprochen hatte, fragte sie Buntschirm und die anderen: „Wer ist bereit, dem Fräulein ins geistliche Leben zu folgen?" Buntschirm und die anderen antworteten: „Wen die gnädigen Damen bestimmen, dem fügen wir uns." Wang-furen wusste, dass sie nicht willens waren, und überlegte gerade, wen sie bestimmen sollte. Dufthauch [袭人][3] stand hinter Schatzjades [宝玉] Rücken und rechnete damit, dass er gewiss heftig weinen würde, und war auf der Hut vor einem Rückfall seiner alten Krankheit. Doch zu aller Überraschung seufzte Schatzjade nur: „Wahrhaft bewundernswert!" Dufthauch fühlte sich innerlich nur noch trauriger. Schatzspange [宝钗] sprach kein Wort, aber bei jeder Gelegenheit versuchte sie ihn zu ergründen; als sie sah, dass er in seiner Verblendung nicht erwachte, konnte sie nur im Stillen Tränen vergießen. Wang-furen wollte eben die Dienstmädchen herbeirufen und befragen, als Purpurkuckuck [紫鹃][4] hervortrat, vor Wang-furen niederkniete und sprach: „Eben haben die gnädige Dame nach den Schwestern gefragt, die dem Vierten Fräulein dienen — was hält die gnädige Dame davon?" Wang-furen erwiderte: „Wie könnte man jemanden dazu zwingen? Wer bereit ist, wird es von selbst sagen." Purpurkuckuck sprach: „Dass das Fräulein ins geistliche Leben treten will, ist natürlich ihr eigener Wunsch und keineswegs die Absicht der anderen Schwestern. Ich habe der gnädigen Dame etwas zu sagen: Ich will auch keineswegs die Schwestern auseinanderreißen, jede hat ihren eigenen Willen. Ich habe Fräulein Lin [黛玉] eine Zeit lang gedient, und wie Fräulein Lin mich behandelt hat, das wissen auch die gnädigen Damen — ihre Güte war wahrhaftig bergeshoch und unvergleichlich. Als sie starb, hätte ich ihr am liebsten in den Tod folgen wollen, doch sie war nicht von hier, und ich selbst habe die Gnade der Herrschaft empfangen, sodass ich ihr nicht in den Tod folgen konnte. Da nun das Vierte Fräulein ins geistliche Leben treten will, so bitte ich die gnädigen Damen, mich ihr zuzuweisen, damit ich dem Fräulein ein Leben lang diene. Ich weiß nicht, ob die gnädigen Damen es erlauben? Wenn sie es erlauben, wäre das mein Glück."

Die beiden Damen Xing und Wang hatten noch nicht geantwortet, da hörte man Schatzjade, der an dieser Stelle an Kajaljade [黛玉] dachte, und eine Welle der Traurigkeit überflutete ihn, sodass ihm die Tränen bereits hinabrannen. Alle wollten ihn gerade fragen, da brach er in lautes Lachen aus, trat vor und sprach: „Eigentlich sollte ich das nicht sagen, aber da Purpurkuckuck von der gnädigen Dame meinem Gemach zugeteilt wurde, wage ich es: Bitte erlaubt es ihr, erfüllt ihr den guten Vorsatz!" Wang-furen erwiderte: „Früher, als deine Schwestern verheiratet wurden, hast du so geweint, als ob du sterben wolltest; jetzt siehst du, dass die Vierte Schwester ins Kloster gehen will, und anstatt sie davon abzuhalten, nennst du es eine gute Sache. Was meinst du eigentlich? Ich verstehe dich ehrlich gesagt nicht mehr." Schatzjade sprach: „Es ist beschlossen, dass die Vierte Schwester ins geistliche Leben tritt, und die Vierte Schwester hat sich fest entschlossen. Wenn es wirklich so ist, habe ich ein Wort an die gnädige Dame; wenn es nicht feststeht, wage ich es nicht, Unsinn zu reden." Bewahrfrühling sagte: „Zweiter Bruder, deine Rede ist doch lächerlich. Wenn jemand keinen festen Entschluss hätte, könnte er die gnädigen Damen umstimmen? Ich sage es wie Purpurkuckuck: Lasst man es mir zu, so ist es mein Glück; lasst man es mir nicht zu, so bleibt mir noch der Tod — was sollte ich fürchten? Da der Zweite Bruder etwas zu sagen hat, soll er nur reden."

Schatzjade sprach: „Auch was ich sage, ist keine Enthüllung, denn dies ist gewiss bestimmt. Ich will euch ein Gedicht vortragen, hört zu." Die Anwesenden sagten: „In solch bitterem Augenblick kommst du mit Gedichten und ärgerst die Leute!" Schatzjade erwiderte: „Es ist kein selbstverfasstes Gedicht; ich habe es an einem Ort gelesen, den ich einmal besucht habe. Hört nur zu!" Die Anwesenden sagten: „Nun gut, trag es vor, aber erzähle nichts Zusammenphantasiertes!" Schatzjade erklärte sich nicht weiter und sprach:

Durchschaut ist aller drei Lenze flüchtiger Glanz, Das Mönchsgewand tauscht den Schmuck der früheren Jahre ein. Erbarmungswürdig die Tochter aus edlem und besticktem Haus, Einsam ruht sie beim blauen Licht an der Seite des alten Buddha.

Li Wan und Schatzspange hörten dies und riefen entsetzt: „Das ist nicht gut! Dieser Mensch ist vom Wahnsinn befallen!" Als Wang-furen diese Worte hörte, nickte sie seufzend mit dem Kopf und fragte: „Schatzjade, wo hast du das eigentlich gelesen?" Schatzjade wollte es nicht verraten und antwortete: „Die gnädige Dame braucht nicht zu fragen, es gibt seinen Ort." Wang-furen überlegte eine Weile, und als sie den Sinn erfasste, brach sie erneut in Tränen aus: „Du sagst, das neulich sei nur ein Scherz gewesen, und woher kommt dann plötzlich dieses Gedicht? Ach, ich habe es verstanden. Was soll ich denn mit euch allen anfangen? Ich weiß auch keinen Rat mehr, ich muss euch wohl gewähren lassen. Aber wartet, bis ich die Augen schließe, und dann tut jeder, was er will — damit hat es sich." Schatzspange versuchte sie zu trösten, doch ihr eigenes Herz wurde mehr als von einem Messer zerfleischt; sie konnte sich nicht mehr beherrschen und brach in lautes Weinen aus. Dufthauch weinte bereits, als verginge sie in Schmerz, und nur dank Herbstgaze [秋纹][5], die sie stützte, blieb sie aufrecht.

Schatzjade aber weinte nicht und tröstete auch nicht, sondern schwieg. Kaufmann Orchidee [贾兰][6] und Kaufmann Kreis [贾环][7] hörten all dies und gingen jeder für sich davon.

Li Wan gab sich alle Mühe zu erklären: „Das kommt alles nur daher, dass Bruder Schatzjade sieht, wie die Vierte Schwester ins Kloster geht — vor lauter Schmerz redet er wirres Zeug, das darf man nicht für bare Münze nehmen. Nur die Sache mit Purpurkuckuck bleibt zu klären: ob sie genehmigt wird oder nicht, damit sie aufstehen kann." Wang-furen sagte: „Was heißt hier genehmigen oder nicht? Wenn ein Mensch sich einmal etwas fest vorgenommen hat, kann man ihn ohnehin nicht umstimmen. Doch was Schatzjade sagt, ist wohl auch gewiss bestimmt." Purpurkuckuck verbeugte sich mit einem Kopfstoß bis zum Boden. Bewahrfrühling dankte Wang-furen noch einmal. Purpurkuckuck verbeugte sich auch vor Schatzjade und Schatzspange. Schatzjade sprach ein „Amitabha Buddha! Bewundernswert, bewundernswert! Ich hätte nicht gedacht, dass du als erste die Erlösung findest." Schatzspange war gewöhnlich gefasst, doch auch sie konnte sich kaum noch beherrschen. Nur Dufthauch, ohne sich um Wang-furens Anwesenheit zu kümmern, weinte hemmungslos und sagte: „Ich möchte ebenfalls dem Vierten Fräulein ins geistliche Leben folgen!" Schatzjade lächelte: „Auch du hast ein gutes Herz, aber du kannst dieses reine Glück nicht genießen." Dufthauch schluchzte: „Soll das heißen, dass ich sterben muss?" Als Schatzjade dies hörte, fühlte er sich betrübt, konnte aber nichts sagen.

Da es bereits die fünfte Nachtwache war, bat Schatzjade Wang-furen, sich zur Ruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen auseinander. Buntschirm und die übrigen versorgten Bewahrfrühling vorübergehend und wurden später an Ehemänner vermittelt; Purpurkuckuck diente ihr ein Leben lang und wankte nie in ihrem Vorsatz: doch dies gehört in eine spätere Erzählung.

Nun sei von Kaufmann Aufrecht [贾政][8] berichtet, der den Sarg der Herzoginmutter [贾母][9] begleitete und mit ihm gen Süden reiste. Auf dem Weg begegneten sie den Schiffen der aus dem Krieg heimkehrenden Truppen, die Wasserstraßen waren verstopft, und sie kamen nicht schnell voran, was ihn unterwegs sehr beunruhigte. Zum Glück begegnete er Beamten von der Seeküste und erfuhr, dass der Oberkommandierende der Seeverteidigung nach Beijing zurückberufen worden sei; so hoffte er, dass Frühlingserforscherin [探春][10] gewiss nach Hause zurückkehren werde, was ihm ein wenig Erleichterung verschaffte. Doch als er den genauen Zeitpunkt der Abreise nicht in Erfahrung bringen konnte, wurde er wieder unruhig. Da er berechnete, dass sein Reisegeld nicht ausreichen würde, schrieb er notgedrungen einen Brief und schickte einen Diener zu Lai Shangrong an dessen Amtssitz, um fünfhundert Tael Silber zu leihen, und ließ den Mann ihm unterwegs entgegenkommen, um die Ausgaben zu decken.

Nach einigen Tagen hatte Kaufmann Aufrechts Schiff erst ein Dutzend Li zurückgelegt, als jener Diener zurückkam und dem Schiff entgegenfuhr. Er übergab Lai Shangrongs unterwürfiges Antwortschreiben. In dem Brief klagte dieser über vielerlei Nöte und legte fünfzig Tael Silber bei. Kaufmann Aufrecht war außer sich vor Zorn und befahl dem Diener auf der Stelle: „Bring es sofort zurück, schick den Originalbrief zurück, und richte ihm aus, er brauche sich keine Mühe zu geben!" Der Diener konnte nichts anderes tun, als zu Lai Shangrongs Amtssitz zurückzukehren. Lai Shangrong empfing den ungeöffneten Brief und das Silber, war bedrückt und wusste, dass er die Sache nicht ordentlich erledigt hatte. Er legte weitere hundert Tael dazu und bat den Boten, sie mitzunehmen und ein gutes Wort für ihn einzulegen. Doch der Mann weigerte sich, das Paket mitzunehmen, warf es hin und ging.

Lai Shangrong war beunruhigt und schrieb sofort einen Brief nach Hause, um seinem Vater Bescheid zu geben, damit dieser einen Weg finde, Urlaub zu beantragen und sich aus dem Dienstverhältnis freizukaufen. Daraufhin baten die Lais durch Kaufmann Rosenholz [贾蔷] und Kaufmann Efeu [贾芸] bei Wang-furen um Gnade und Freilassung. Kaufmann Rosenholz wusste, dass dies unmöglich war, wartete einen Tag ab und behauptete dann fälschlich, Wang-furen habe nicht zugestimmt, und gab diese Antwort weiter. Die Familie Lai beantragte einerseits Urlaub und schickte andererseits jemanden zu Lai Shangrongs Amtssitz mit der Weisung, er solle sich krankheitshalber von seinem Amt zurückziehen. Wang-furen wusste von alledem nichts.

Als Kaufmann Efeu die falsche Ausrede von Kaufmann Rosenholz hörte, verlor er alle Hoffnung. In letzter Zeit hatte er draußen auch noch einiges an Geld verspielt und konnte die Schulden nicht begleichen. Er wandte sich an Kaufmann Kreis [贾环], um sich Geld zu leihen. Kaufmann Kreis war selbst ohne einen einzigen Heller; obwohl seine Mutter, die Nebenfrau Zhao, einige Ersparnisse gehabt hatte, hatte er sie längst durchgebracht und konnte andere nicht versorgen. Da fiel ihm ein, wie Phönixglanz [王熙凤][11] ihn schlecht behandelt hatte, und nun, da Kaufmann Kette [贾琏][12] nicht zu Hause war, wollte er sich an Klugmädchen [巧姐][13] rächen. Also brachte er dieses Angebot an Kaufmann Efeu heran und beklagte sich absichtlich vor ihm: „Ihr seid schon groß genug, und wo es die Gelegenheit gibt, Geld zu machen, traut ihr euch nicht, aber ihr kommt zu mir, der keines hat, und fragt." Kaufmann Efeu erwiderte: „Dritter Onkel, das ist doch lächerlich. Wir sind zusammen unterwegs, haben zusammen unseren Spaß, wo gibt es da Geld zu verdienen?" Kaufmann Kreis sagte: „Hast du neulich nicht gehört, dass jemand erzählt hat, ein Barbarenfürst wolle sich eine Nebenfrau kaufen? Warum besprichst du das nicht mit Onkel Wang und bietest Klugmädchen an?" Kaufmann Efeu entgegnete: „Onkel, ein Wort, das dich vielleicht ärgert, aber wenn ein Barbarenfürst Geld ausgibt, um jemanden zu kaufen — glaubst du, der wird danach noch mit unserer Familie verkehren?" Kaufmann Kreis flüsterte Kaufmann Efeu einige Worte ins Ohr.

Kaufmann Efeu nickte zwar, hielt Kaufmann Kreis' Vorschlag aber für Kindergerede und nahm es nicht ernst. Da kam zufällig Wang Ren [王仁][14] herein und sagte: „Was tuschelt ihr zwei da, wollt ihr es vor mir verheimlichen?" Kaufmann Efeu flüsterte ihm Kaufmann Kreis' Worte ins Ohr. Wang Ren klatschte in die Hände: „Das wäre ja ein feines Geschäft und bringt Silber! Ich fürchte nur, ihr traut euch nicht. Wenn ihr es wagt, so bin ich als leiblicher Onkel befugt zu entscheiden. Es muss nur sein, dass der Dritte, Kaufmann Kreis, es bei der Ersten Frau [邢夫人][15] vorträgt, ich rede mit Onkel Xing, und wenn die gnädigen Damen nachfragen, dann stimmt ihr alle überein — das ist alles."

Nachdem Kaufmann Kreis und die anderen sich beraten hatten, ging Wang Ren los, um Onkel Xing zu suchen; Kaufmann Efeu ging zu den beiden Damen Xing und Wang, und was er erzählte, klang wie die Krone auf dem Juwel. Wang-furen hörte ihm zwar zu, glaubte ihm aber nicht. Frau Xing hörte, dass Onkel Xing Bescheid wisse, war in ihrem Herzen einverstanden und schickte jemanden, Onkel Xing zu holen und ihn zu befragen. Onkel Xing hatte bereits von Wang Ren gehört und konnte sich zudem seinen Teil vom Gewinn versprechen, also sprach er vor Frau Xing: „Dieser Prinz ist ein höchst angesehener Mann. Wenn man in diese Heiratsverbindung einwilligt, wird er zwar nicht die Erste Frau, aber sobald sie erst einmal eingeheiratet hat, bekommt der Schwager seinen Beamtenposten zurück, und das Ansehen des Hauses ist wiederhergestellt." Frau Xing war eine Frau ohne eigene Meinung, und der einfältige Onkel betörte sie mit seinen falschen Worten. Sie ließ Wang Ren kommen und befragte ihn, und der schilderte alles noch glanzvoller. Daraufhin schickte Frau Xing sogar jemanden hinaus, um Kaufmann Efeu zu folgen und die Sache voranzutreiben.

Wang Ren fand sogleich einen Mittelsmann und ging zum Gästehaus des Barbarenfürsten, um die Sache zu besprechen. Der Barbarenfürst kannte die Hintergründe nicht und wollte jemanden zur Besichtigung schicken. Kaufmann Efeu bestach auch die Leute, die zur Besichtigung kamen, und erklärte ihnen: „Dies geschieht heimlich und ohne Wissen des ganzen Hauses. Sagt nur, es sei ein Königshaus, das um die Hand anhält. Wenn die Sache beschlossen ist, hat die Großmutter entschieden, der leibliche Onkel bürgt — da gibt es nichts zu befürchten." Die Besichtiger stimmten zu. Kaufmann Efeu sandte dann Nachricht an Frau Xing und teilte es auch Wang-furen mit. Li Wan, Schatzspange und die anderen wussten nichts von den wahren Umständen und hielten es für eine gute Nachricht, worüber sich alle freuten.

An jenem Tag kamen tatsächlich einige Frauen, alle in prächtigem Putz. Frau Xing empfing sie und plauderte über Belanglosigkeiten. Da sie wusste, dass die Besucherin eine Dame mit Hofrang war, wagte sie es nicht, sie geringzuschätzen. Da die Sache noch nicht beschlossen war, hatte Frau Xing Klugmädchen auch nicht eingeweiht, sondern nur gesagt, eine Verwandte komme zu Besuch, sie solle sich zeigen. Klugmädchen war noch ein Kind und kümmerte sich nicht um solche Dinge; sie folgte ihrer Amme hinüber. Friedchen [平儿][16] war beunruhigt und ging mit. Es waren zwei Frauen da, die wie Hofdamen gekleidet waren. Als sie Klugmädchen sahen, musterten sie sie von Kopf bis Fuß, standen dann auf, nahmen Klugmädchens Hand und betrachteten sie noch einmal, saßen kurz und gingen. Klugmädchen war ganz beschämt, kehrte in ihr Zimmer zurück und grübelte; da sie wusste, dass es keine solche Verwandte gab, fragte sie Friedchen.

Friedchen hatte die Besucher schon bei ihrem Eintritt beobachtet und ahnte zu acht oder neun Zehnteln: „Das müssen Brautschauer gewesen sein. Aber da der Zweite Herr nicht zu Hause ist und die Erste Frau die Entscheidung trifft, weiß ich nicht, aus welchem Fürstenhaus sie kommen. Wenn es ein standesgemäßer Heiratsantrag wäre, würden sie nicht so mustern. Diese Leute sehen nicht nach einem Haus des kaiserlichen Clans aus, sondern eher nach einer auswärtigen Adresse. Dem Fräulein sage ich jetzt noch nichts, erst will ich mich genau erkundigen." Friedchen achtete sorgfältig darauf und erkundigte sich; alle Dienstmädchen und Dienerinnen, die Friedchen einst befehligt hatte, erzählten ihr, was sie von den Gerüchten draußen gehört hatten. Friedchen erschrak zutiefst und wusste sich keinen Rat. Obwohl sie es Klugmädchen nicht sagte, eilte sie sofort zu Li Wan und Schatzspange, um sie zu bitten, Wang-furen zu informieren.

Wang-furen erkannte, dass die Sache nicht gut stand, und sprach mit Frau Xing darüber. Doch Frau Xing vertraute auf die Worte ihres Bruders und Wang Rens und verdächtigte Wang-furen, keine guten Absichten zu haben. Sie sagte: „Die Enkelin ist alt genug, und da Kaufmann Kette nicht zu Hause ist, habe ich das Recht zu entscheiden. Außerdem ist es ihr leiblicher Großonkel und ihr leiblicher Onkel, die nachgeforscht haben — sollten sie etwa weniger zuverlässig sein als andere? Ich bin auf jeden Fall dafür; sollte etwas schiefgehen, brauchen weder ich noch Kaufmann Kette jemand anderem Vorwürfe zu machen." Wang-furen hörte dies, unterdrückte ihren Zorn, sagte noch einige Worte und ging hinaus. Sie erzählte es Schatzspange und vergoss selbst Tränen.

Schatzjade riet: „Die gnädige Dame möge sich nicht beunruhigen. Ich sehe voraus, dass diese Sache nicht zustande kommen wird. Dies ist durch Klugmädchens Schicksal bestimmt; die gnädige Dame brauche sich nur nicht einzumischen." Wang-furen sagte: „Kaum öffnest du den Mund, sagst du verrückte Sachen. Die Leute haben es schon abgemacht und wollen sie bald abholen. Wenn es nach Friedchens Worten ginge — würde dein Zweiter Bruder Kette mir nicht Vorwürfe machen? Gar nicht zu reden von unserer eigenen Großnichte — selbst die Kinder von Verwandten sollten es gut haben. Nichte Xing, für die wir die Ehe vermittelt haben, verheiratet mit deinem Zweiten Schwager — leben sie jetzt nicht in Frieden und Eintracht? Und Nichte Qin [琴], die die Familie Mei geheiratet hat — ich habe gehört, sie lebe in Wohlstand und Überfluss. Nur Nichte Shi [史] — da hat ihr Onkel entschieden, erst war es gut, doch jetzt ist der Schwiegersohn an der Schwindsucht gestorben, und deine Schwester Shi hat sich entschlossen, als Witwe zu leben — ein hartes Los. Wenn Klugmädchen an die falsche Familie gerät, wäre das nicht ein Zeichen meines bösen Herzens?"

Gerade als sie so sprach, kam Friedchen, um Schatzspange zu besuchen und zugleich Frau Xings Stimmung zu erkunden. Wang-furen wiederholte Frau Xings Worte. Friedchen stand eine halbe Ewigkeit reglos da, kniete dann nieder und flehte: „Klugmädchens ganze Zukunft hängt von der gnädigen Dame ab! Wenn man den Leuten glaubt, wird das Fräulein nicht nur ein Leben lang leiden, sondern was sollen wir sagen, wenn der Zweite Herr Kette zurückkommt?" Wang-furen erwiderte: „Du bist ein verständiger Mensch, steh auf und höre mir zu: Klugmädchen ist schließlich die Enkelin der Ersten Frau; wenn sie entscheiden will, kann ich sie da aufhalten?" Schatzjade riet: „Es ist kein Problem; es genügt, wenn man Klarheit hat." Friedchen fürchtete, Schatzjade könnte in seinem Wahnsinn alles herausschreien, und sagte nichts weiter; sie verabschiedete sich von Wang-furen und ging.

Wang-furen dachte an all ihren Verdruss, bekam einen Anfall von Herzschmerz, ließ sich von einer Dienerin stützen und ging mühsam in ihr eigenes Zimmer zurück, wo sie sich hinlegte. Sie ließ Schatzjade und Schatzspange nicht kommen und sagte, sie brauche nur ein wenig zu schlafen, dann werde es ihr besser gehen. Doch sie selbst war bedrückt. Als sie hörte, dass die Schwägerin Li zu Besuch gekommen war, konnte sie sie auch nicht empfangen. Da trat Kaufmann Orchidee [贾兰] ein, begrüßte sie und berichtete: „Heute Morgen hat jemand von Großvaters Seite einen Brief gebracht, die Burschen draußen haben ihn hereingetragen. Meine Mutter hat ihn angenommen und wollte gerade herüberkommen; aber da meine Großmutter mütterlicherseits kam, hat sie mich vorausgeschickt, ihn der gnädigen Dame zu zeigen. Nachher kommt meine Mutter, um der gnädigen Dame Bericht zu erstatten. Und meine Großmutter will auch herkommen." Damit überreichte er den Brief. Wang-furen nahm den Brief entgegen und fragte: „Was will deine Großmutter?" Kaufmann Orchidee sagte: „Das weiß ich auch nicht. Ich habe nur meine Mutter sagen hören, dass aus der Familie des Schwiegersohns meiner Dritten Tante eine Nachricht gekommen ist." Wang-furen erinnerte sich: Seinerzeit hatte man Li Qi für Zhen Baoyu [甄宝玉][17] vorgeschlagen, danach waren Verlobungsgeschenke ausgetauscht worden, und nun wollte die Familie Zhen die Braut wohl abholen; darum sei die Schwägerin Li gekommen, um dies zu besprechen. Sie nickte. Dann öffnete sie den Brief und las:

Unterwegs treffe ich fortwährend auf Schiffe der siegreich heimkehrenden Küstentruppen und kann nicht schnell vorankommen. Ich habe gehört, dass Frühlingserforscherin mit ihrem Schwiegervater und Ehemann in die Hauptstadt kommt; ich weiß nicht, ob es davon Nachricht gibt? Kaufmann Kettes letztem Schreiben entnehme ich, dass der Älteste Herr nicht wohl ist — gibt es schon Gewissheit darüber? Schatzjade und Orchidee — die Prüfungszeit rückt näher; sie müssen aufrichtig lernen und dürfen nicht nachlässig sein. Es wird noch einige Zeit dauern, bis der Sarg der Alten Dame zu Hause ankommt. Mir geht es gut, sorgt euch nicht. Dies zur Kenntnis an Schatzjade und andere. Eigenhändig geschrieben am soundsovielten. Kaufmann Nelke [贾蓉][18] in besonderem Schreiben.

Wang-furen las fertig und reichte den Brief Kaufmann Orchidee: „Nimm ihn mit und zeige ihn deinem Zweiten Onkel, dann gib ihn deiner Mutter zurück."

Gerade als sie so sprach, kamen Li Wan und die Schwägerin Li herein, begrüßten sie und erkundigten sich nach dem Befinden. Wang-furen bat sie, Platz zu nehmen. Die Schwägerin Li erzählte von den Hochzeitsplänen der Familie Zhen für Li Qi. Man beratschlagte eine Weile. Li Wan fragte Wang-furen: „Hat die gnädige Dame den Brief des Herrn gelesen?" Wang-furen sagte: „Ja." Kaufmann Orchidee gab den Brief seiner Mutter. Li Wan las ihn und sagte: „Die Dritte Schwester ist schon mehrere Jahre verheiratet und nie gekommen. Wenn sie jetzt in die Hauptstadt zurückkehrt, wird die gnädige Dame ein wenig erleichtert sein." Wang-furen erwiderte: „Ich habe ohnehin Herzschmerzen, aber als ich las, dass Frühlingserforscherin zurückkehrt, wurde mir etwas besser — nur weiß ich nicht, wann sie ankommt." Die Schwägerin Li erkundigte sich nach Kaufmann Aufrechts Befinden auf der Reise. Li Wan wandte sich an Kaufmann Orchidee: „Hast du gesehen, mein Junge? Die Prüfung rückt näher, dein Großvater macht sich solche Sorgen. Nimm den Brief schnell und zeig ihn dem Zweiten Onkel." Die Schwägerin Li fragte: „Die beiden haben doch nie eine Aufnahmeprüfung bestanden — wie können sie dann an der Provinzialprüfung teilnehmen?" Wang-furen erklärte: „Als ihr Großvater als Getreideintendant aufbrach, hat er für beide den Status eines kaiserlichen Studenten durch Zuwendung erworben." Die Schwägerin Li nickte. Kaufmann Orchidee nahm den Brief und ging hinaus, um Schatzjade aufzusuchen.

Nun wird berichtet, dass Schatzjade, nachdem er Wang-furen verabschiedet hatte, gerade den Aufsatz „Herbstwasser" aus dem Zhuangzi in der Hand hielt und ihn sorgfältig studierte. Schatzspange kam aus dem inneren Zimmer und sah, dass er so versunken las, dass er über die Worte hinaus war. Sie trat näher und sah, was es war, und ihr Herz wurde schwer. Sie dachte: „Er behandelt diese weltflüchtigen und menschenfernen Reden als ernsthafte Angelegenheit; das wird auf die Dauer nicht gut gehen." Bei seinem Anblick erkannte sie, dass Ermahnung vergeblich wäre; so setzte sie sich neben Schatzjade und starrte ihn nur an. Schatzjade bemerkte es und fragte: „Was ist denn nun wieder los?" Schatzspange erwiderte: „Bedenke, da wir Mann und Frau sind, bist du meine lebenslange Stütze — doch nicht im Sinne privater Leidenschaften. Was Glanz und Reichtum betrifft, so sind sie in der Tat nur flüchtige Wolken vor dem Auge. Doch seit alters haben die Heiligen und Weisen den Charakter des Menschen als das Wesentliche betrachtet ..."

Schatzjade hörte nicht einmal zu Ende; er legte das Buch beiseite und sagte mit einem leisen Lächeln: „Du sprichst von ‚Charakter als Wurzel' und von ‚Heiligen und Weisen'; doch weißt du, dass die alten Heiligen und Weisen gesagt haben: ‚Verliere nicht das Herz des Neugeborenen'? Was ist so gut am Neugeborenen? Nichts weiter als Unwissenheit und Begierdelosigkeit, ohne Gier und ohne Furcht. Wir aber sind von Geburt an in Gier, Zorn, Verblendung und Liebe versunken, wie im Schlamm — wie könnten wir diesem Netz aus Staub entkommen? Erst jetzt begreife ich die vier Zeichen ‚Versammlung und Zerstreuung, schwebendes Leben'; die Alten haben es gesagt, aber niemand hat es wirklich verstanden. Wenn du schon von Charakter als Wurzel sprichst — wer hat denn je jenen ersten Schritt zum Urbeginn erreicht?" Schatzspange erwiderte: „Du sprichst vom ‚Herz des Neugeborenen', doch die alten Heiligen und Weisen meinten damit Treue und Kindespflicht, nicht Weltflucht und Loslösung von allen Banden. Yao, Shun, Yu, Tang, die Könige von Zhou und Konfuzius — sie alle trachteten unablässig danach, das Volk zu retten und die Welt zu ordnen. Was man ‚Herz des Neugeborenen' nennt, ist im Grunde nichts anderes als ‚Mitleid'. Doch was du eben sagtest — die Bande des Himmels abzuwerfen — was wäre das für ein Weg?"

Schatzjade nickte lächelnd und sagte: „Yao und Shun haben Chao und Xu nicht gezwungen, Wu und Zhou haben Yi und Qi nicht gezwungen." Schatzspange unterbrach ihn, bevor er ausreden konnte: „Was du da sagst, ist noch falscher. Wenn seit alters alle nur Chao, Xu, Yi und Qi gewesen wären, warum verehrt man dann Yao, Shun, Zhou und Konfuzius als Heilige und Weise? Und dass du dich mit Yi und Qi vergleichst, ist vollends unsinnig. Yi und Qi lebten am Ende der Shang-Dynastie und hatten mit vielen schwierigen Umständen zu kämpfen; darum suchten sie einen Vorwand und flohen. In dieser gesegneten Zeit aber genießen wir seit Generationen die Gnade des Staates; unsere Vorfahren lebten in Brokat und Jade. Und seit deiner Geburt — von der seligen Herzoginmutter über den Herrn Vater und die gnädige Dame — haben sie dich wie einen Schatz gehütet. Bedenke selbst, ob das, was du eben gesagt hast, richtig oder falsch ist."

Schatzjade hörte zu und antwortete nicht, er hob nur den Kopf und lächelte leise. Schatzspange ermahnte ihn weiter: „Da du nun keine Argumente mehr hast, rate ich dir, von nun an das Herz zu sammeln und dich ordentlich dem Studium zu widmen. Wenn du es schaffst, den Titel eines Graduierten zu erlangen, selbst wenn du dann aufhörst — so hast du die Gnade des Himmels und die Verdienste der Vorfahren nicht umsonst empfangen." Schatzjade nickte, seufzte und sagte: „Den Titel zu erlangen, ist eigentlich gar nicht so schwer. Doch dein ‚von nun an aufhören' und ‚nicht umsonst die Gnade des Himmels und die Verdienste der Vorfahren empfangen' — das weicht nicht von der rechten Spur ab."

Bevor Schatzspange antworten konnte, kam Dufthauch herein und sagte: „Was die Zweite Herrin eben von den alten Heiligen und Weisen sagte, davon verstehen wir nichts. Ich denke nur an uns alle, die wir von klein auf dem Zweiten Herrn gefolgt sind und so viel Mühe auf uns genommen haben. Nach der Vernunft ist das unsere Pflicht, aber der Zweite Herr sollte auch Rücksicht nehmen. Und wie viel Kindespflicht die Zweite Herrin für den Zweiten Herrn vor dem Herrn Vater und der gnädigen Dame geleistet hat! Selbst wenn der Zweite Herr die eheliche Verbindung nicht ernst nimmt, sollte er doch die Menschen nicht so enttäuschen. Was die Sache mit den Unsterblichen angeht — das sind doch lauter Lügen; wer hat je einen Unsterblichen gesehen, der in die Menschenwelt herabgestiegen ist? Woher kommt dieser Mönch, der solches wirres Zeug redet, und der Zweite Herr glaubt es? Der Zweite Herr ist ein gebildeter Mensch — wiegen denn die Worte jenes Mönches schwerer als die des Herrn Vaters und der gnädigen Dame?" Schatzjade hörte zu und senkte schweigend den Kopf.

Dufthauch wollte noch weitersprechen, als von draußen Schritte zu hören waren, und jemand fragte durchs Fenster: „Ist der Zweite Onkel da?" Schatzjade erkannte Kaufmann Orchidees Stimme, stand auf und sagte lächelnd: „Komm nur herein." Auch Schatzspange stand auf. Kaufmann Orchidee trat ein, mit strahlendem Lächeln begrüßte er Schatzjade und Schatzspange, fragte nach Dufthauchs Befinden. Auch Dufthauch erkundigte sich. Dann überreichte er den Brief Schatzjades Blick. Schatzjade nahm ihn in die Hand, las ihn und fragte: „Deine Dritte Tante kehrt zurück?" Kaufmann Orchidee antwortete: „Da Großvater es so schreibt, wird sie wohl zurückkehren." Schatzjade nickte schweigend, in Gedanken versunken. Kaufmann Orchidee fragte dann: „Hat der Onkel es gelesen? Am Ende schreibt der Großvater, wir sollen fleißig lernen. Der Onkel hat in letzter Zeit wohl keine Aufsätze geschrieben?" Schatzjade lächelte: „Ich will auch ein paar üben, um für diesen Titel gerüstet zu sein." Kaufmann Orchidee sagte: „Wenn der Onkel so denkt, dann lass uns ein paar Themen aufstellen. Ich schreibe mit, damit ich mich auch in der Prüfung ein wenig zurechtfinde. Sonst gibt man ein leeres Blatt ab und macht sich lächerlich — nicht nur ich, auch der Onkel würde ausgelacht." Schatzjade erwiderte: „So schlimm wird es bei dir nicht sein." Darauf forderte Schatzspange Kaufmann Orchidee auf, sich zu setzen. Schatzjade saß weiterhin auf seinem Platz, Kaufmann Orchidee setzte sich seitlich. Die beiden sprachen über Aufsätze und Literatur, und bald waren sie in bester Stimmung.

Schatzspange sah, wie vergnügt die beiden plauderten, ging ins innere Zimmer zurück und überlegte: „Nach dem, was Schatzjade jetzt zeigt, ist er vielleicht wirklich zur Besinnung gekommen. Nur vorhin hat er einzig die vier Worte ‚von nun an aufhören' ausdrücklich gebilligt — was das wohl wieder zu bedeuten hat?" So war Schatzspange noch im Zweifel. Nur Dufthauch beobachtete, wie gern er über Literatur sprach und wie freudig er die Prüfung erwähnte, und dachte bei sich: „Amitabha Buddha! Endlich, wie schwer war es doch, ihn wie aus den Vier Büchern herauszupredigen!"

Hier sprach Schatzjade mit Kaufmann Orchidee über Literatur; Goldamsels [莺儿][19] brachte ihnen Tee. Kaufmann Orchidee stand auf, um ihn entgegenzunehmen, und dann besprachen sie noch die Regeln der Prüfung und den Vorschlag, zusammen mit Zhen Baoyu zu lernen. Auch Schatzjade schien dem zugeneigt.

Als Kaufmann Orchidee sich bald verabschiedete, ließ er den Brief bei Schatzjade. Schatzjade betrachtete den Brief, ging lächelnd ins Innere und gab ihn Moschusmond [麝月] zur Aufbewahrung. Dann kam er heraus und legte jenen Band des Zhuangzi weg und ließ einige seiner einstigen Lieblingsbücher wie den „Cantong qi", den „Yuanming bao" und den „Wudeng huiyuan" von Mondschein, Herbstgaze, Goldamsel und den anderen wegtragen und beiseite stellen.

Schatzspange fand sein Verhalten höchst bemerkenswert und wollte ihn auf die Probe stellen. Sie fragte lächelnd: „Dass du sie nicht mehr liest, ist vernünftig, aber warum sie wegtragen lassen?" Schatzjade antwortete: „Jetzt ist mir alles klar geworden; diese Bücher taugen nichts. Am liebsten würde ich sie alle verbrennen, um reinen Tisch zu machen." Schatzspange war überaus erfreut. Doch dann hörte sie, wie Schatzjade leise vor sich hin murmelte: „Im Kanon des Inneren steht keine Buddhanatur, Jenseits der Goldenen Elixiere gibt es ein Unsterblichkeitsschiff." Schatzspange hatte nicht genau hingehört, verstand nur „keine Buddhanatur" und „Unsterblichkeitsschiff", und ihr Misstrauen erwachte erneut; sie wollte abwarten, wie er sich weiter verhielt. Schatzjade ließ Mondschein, Herbstgaze und die anderen ein stilles Arbeitszimmer einrichten und suchte die gesammelten Spruchsammlungen, die berühmten Musteraufsätze und die Huldigungsgedichte zusammen, stellte sie im stillen Zimmer auf und begann tatsächlich, in aller Ruhe zu lernen. Erst da beruhigte sich Schatzspange.

Dufthauch war wahrhaftig sprachlos — so etwas hatte sie weder gehört noch gesehen. Sie flüsterte Schatzspange lächelnd zu: „Die gnädige Herrin hat so überzeugend gesprochen, mit nur einer Rede hat sie den Zweiten Herrn zur Einsicht gebracht. Nur schade, dass es ein wenig spät kam, die Prüfung steht unmittelbar bevor." Schatzspange nickte und lächelte leise: „Ruhm und Ehre haben ihre eigene Bestimmung; ob er besteht oder nicht, hängt nicht davon ab, wann er zu lernen begonnen hat. Ich wünsche mir nur, dass er von nun an sein Herz dem rechten Weg zuwendet und die früheren Verirrungen für immer ablegt — das wäre genug." An dieser Stelle, da niemand sonst im Zimmer war, sagte sie leise: „Dass er jetzt bereut und umkehrt, ist sehr gut. Nur eines fürchte ich: Er könnte in seine alte Krankheit von damals zurückfallen und wieder den Umgang mit den Mädchen suchen — auch das wäre nicht gut." Dufthauch erwiderte: „Da hat die Herrin recht. Seit der Zweite Herr dem Mönch glaubt, hat er die Schwestern kalt behandelt; wenn er nun nicht mehr an den Mönch glaubt, fürchte ich wirklich, dass er in die alte Krankheit zurückfällt. Ich denke, um die Herrin und mich kümmert sich der Zweite Herr ohnehin nicht besonders. Purpurkuckuck ist fort; jetzt bleiben nur noch die vier: Unter ihnen hat Fünfchen [五儿] etwas Verführerisches an sich; ich habe gehört, ihre Mutter habe bei der Ersten Herrin und der Herrin um Erlaubnis gebeten, sie herauszunehmen und zu verheiraten — aber vorerst ist sie noch hier. Mondschein und Herbstgaze haben zwar nichts Schlimmes getan, aber der Zweite Herr hat in jenen Jahren doch allerlei Schabernack mit ihnen getrieben. Wenn ich es recht bedenke, ist nur Goldamsel da, um die sich der Zweite Herr nicht besonders kümmert, und Goldamsel ist auch besonnen. Ich denke, zum Teekochen und Wasserbringen genügt es, wenn Goldamsel mit den kleinen Mädchen aufwartet — was meint die Herrin dazu?" Schatzspange erwiderte: „Genau darüber habe ich auch nachgedacht. Dein Vorschlag ist gut." Von da an wurde Goldamsel bestimmt, mit den kleinen Mädchen aufzuwarten.

Jener Schatzjade verließ fortan sein Zimmer nicht mehr und schickte täglich nur jemanden, um bei Wang-furen nach ihrem Befinden zu fragen. Als Wang-furen von seinem Wandel hörte, war ihre Freude unbeschreiblich.

Am dritten Tag des achten Monats war der Todestag der Herzoginmutter. Schatzjade kam morgens zum Kowtau, ging dann zurück und begab sich in sein stilles Arbeitszimmer. Nach dem Essen waren Schatzspange, Dufthauch und die Schwestern bei den Damen Xing und Wang im vorderen Raum und plauderten. Schatzjade saß allein im stillen Zimmer und meditierte in tiefer Versenkung. Da brachte Goldamsel eine Schale mit Melonen und Früchten herein und sagte: „Die gnädige Dame hat sie dem Zweiten Herrn zum Essen geschickt; es sind Opfergaben der Alten Dame." Schatzjade stand auf, sprach seinen Dank aus, setzte sich wieder und sagte: „Stell sie dort hin."

Goldamsel stellte die Früchte ab und flüsterte Schatzjade zu: „Drüben bei der gnädigen Dame lobt man den Zweiten Herrn." Schatzjade lächelte leise. Goldamsel fuhr fort: „Die gnädige Dame hat gesagt: Wenn der Zweite Herr jetzt so fleißig ist und bei der Prüfung besteht, und nächstes Jahr noch den Titel eines Jinshi erlangt und Beamter wird — dann haben der Herr Vater und die gnädige Dame nicht umsonst auf den Zweiten Herrn gehofft." Schatzjade nickte nur und lächelte leise. Da fiel Goldamsel plötzlich ein, wie Schatzjade damals im Garten, als sie für ihn die Pflaumenblüten-Kordeln knüpfte, zu ihr gesagt hatte: „Unser Fräulein wird mich eines Tages in ein Haus mitnehmen, das vom Schicksal gesegnet ist — wer weiß, in welches!" So sagte sie: „Wenn der Zweite Herr wirklich besteht, das wäre doch das Glück unserer Herrin! Erinnert sich der Zweite Herr noch an jenes Jahr im Garten, als er mich bat, die Pflaumenblüten-Kordeln zu knüpfen, und dabei sagte: ‚Unser Fräulein wird mich eines Tages in ein gesegnetes Haus mitnehmen — wer weiß, in welches!' Nun, der Zweite Herr hat doch Glück, nicht wahr?"

Als Schatzjade dies hörte, regte sich erneut sein Staubherz. Rasch sammelte er seine Gedanken und beruhigte seinen Atem, dann sagte er mit leisem Lächeln: „Was du da sagst — ich habe Glück, und euer Fräulein hat auch Glück. Was aber hast du davon?" Goldamsel errötete bis über beide Ohren, lächelte gezwungen und sagte: „Wir Dienstmädchen bleiben unser Leben lang Dienstmädchen — was für ein Glück sollten wir haben?" Schatzjade lächelte: „Wenn du es wirklich schaffst, dein ganzes Leben lang Dienstmädchen zu bleiben, dann hast du ein größeres Glück als wir alle." Goldamsel fand, das klinge wieder wie Wahnsinn, und fürchtete, sie könnte Schatzjades alte Krankheit hervorlocken; sie machte sich bereit zu gehen. Da sagte Schatzjade lächelnd: „Dummes Mädchen, ich will es dir sagen."

Was Schatzjade noch sagte, davon erzählt das nächste Kapitel.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  2. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  3. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  4. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  5. Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.
  6. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Kaufmann Orchidee". Enkel von Kaufmann Aufrecht, Sohn von Li Wan.
  7. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Kaufmann Ring". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
  8. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Kaufmann Aufrecht". Schatzjades Vater.
  9. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.
  10. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin". Dritte Tochter von Kaufmann Aufrecht.
  11. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  12. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kaufmann Kette". Phönixglanz' Ehemann.
  13. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kaufmann Kette.
  14. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  15. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Kaufmann Begnadigung.
  16. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  17. Chin. 甄宝玉 Zhēn Bǎoyù, wörtl. „Wahrer Kostbare Jade". Schatzjades Doppelgänger aus der Familie Zhen.
  18. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng. Sohn von Kaufmann Juwel.
  19. Chin. 莺儿 Yīng'ér, wörtl. „Goldamsel". Schatzspanges Kammerzofe.