Hongloumeng/de4/Chapter 93

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第九十三回 / Kapitel 93

甄家仆投靠贾家门

水月庵掀翻风月案

Dreiundneunzigstes Kapitel

Ein Diener der Familie Echt sucht Unterschlupf bei der Kaufmann-Familie, Im Wassermondkloster wird ein Skandal um Wind und Mond aufgedeckt

Es wird erzählt, dass nach Feng Ziyings [1] Abschied Aufrecht Kaufmann [2] einen Türsteher zu sich rief und fragte: „Heute ist eine Essenseinladung vom Markgrafen von Lin'an gekommen. Weißt du, um was es geht?"

Der Türsteher antwortete: „Ich habe mich erkundigt, Herr. Es ist keine besondere Feier — nur hat der Fürst von Nan'an eine neue Schauspieltruppe bekommen, die als erstklassig gilt. Zwei Tage lang wird Theater gespielt, und der Markgraf möchte die befreundeten Herren zum Zuschauen und Vergnügen einladen. Man braucht wohl kein Geschenk mitzubringen."

Während er sprach, kam Begnadigung Kaufmann [3] herüber und fragte: „Gehst du morgen hin?" Aufrecht Kaufmann: „Wenn er so freundlich einlädt — wie könnte ich nicht gehen?"

Da kam ein anderer Diener vom Tor herein und meldete: „Die Beamten im Ministerium bitten den gnädigen Herrn, morgen in die Behörde zu kommen. Es liegt eine Pflichtaufgabe vor, und man müsste etwas früher als gewöhnlich erscheinen."

Aufrecht Kaufmann: „Verstanden."

Dann kamen zwei Familiendiener herein, die auf den Jia-Gütern die Pachten eintrieben. Sie begrüßten den Herrn mit einem Kotau und stellten sich seitlich auf. Aufrecht Kaufmann fragte: „Seid ihr von der Gutssiedlung Hao?" Die beiden bestätigten. Aufrecht Kaufmann fragte nicht weiter. Er und Begnadigung Kaufmann plauderten noch ein wenig, dann trennten sie sich. Begnadigung Kaufmann wurde von seinen Dienern mit Handleuchten nach Hause begleitet.

Als sie gegangen waren, rief Kette Kaufmann [4] die Pachteintreiber zu sich: „Erstattet Bericht!"

Der eine sagte: „Die Pachten des Zehnten Monats hatten wir schon zusammengetrieben, Herr. Eigentlich sollten sie morgen eintreffen. Doch vor der Stadt wurden unsere Wagen von einer Patrouille angehalten. Die Leute warfen ohne ein Wort alles von den Wagen herunter. Ich erklärte, das seien die Pachtgüter des Prunkwille-Anwesens und keine gewöhnliche Handelsware, aber sie kümmerte das überhaupt nicht. Als ich unseren Fahrer anwies, einfach weiterzufahren, prügelten die Patrouillen ihn windelweich und beschlagnahmten zwei Wagen. Ich bin vorausgelaufen, um zu berichten, Herr. Bitte schickt jemanden zum zuständigen Yamen, um die Wagen und Güter zurückzufordern. Und es wäre gut, wenn jemand diese gesetzlosen Rüpel zur Ordnung brächte. Ihr wisst es nicht, Herr, aber die gewöhnlichen Handelswagen trifft es noch schlimmer: Die Waren der Kaufleute werden ohne Rücksicht heruntergeworfen und die Wagen einfach weggenommen; und wenn ein Fahrer auch nur ein Wort zu sagen wagt, wird er zusammengeschlagen, bis das Blut fließt."

Kette Kaufmann fluchte: „Das ist ja ungeheuerlich!" Sofort schrieb er einen Brief und gab ihn einem Diener: „Bring das zum Yamen, der für die beschlagnahmten Wagen zuständig ist. Wir fordern unsere Wagen und sämtliche Güter zurück. Fehlt auch nur ein Stück, gibt es Ärger. Und schick mir sofort Zhou Rui [5] her."

Zhou Rui war nicht da. Er rief nach Wanger [6] — aber Wanger war am Mittag ausgegangen und noch nicht zurück.

Kette Kaufmann fluchte: „Diese Taugenichtse! Keiner ist je da, wenn man ihn braucht! Das ganze Jahr über fressen sie auf unsere Kosten und rühren keinen Finger!"

Er befahl seinen Pagen, beide unverzüglich aufzuspüren, und zog sich dann für die Nacht in seine Gemächer zurück. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Am nächsten Tag schickte der Markgraf von Lin'an erneut einen Boten. Aufrecht Kaufmann sagte zu seinem Bruder: „Ich habe Dienst im Ministerium. Kette Kaufmann muss wegen der beschlagnahmten Wagen zu Hause bleiben. Nimm am besten Schatzjade [7] mit und vertritt uns für den Tag."

Begnadigung Kaufmann nickte: „So machen wir es."

Aufrecht Kaufmann ließ Schatzjade ausrichten, er solle seinen Onkel zur Theatergesellschaft beim Markgrafen von Lin'an begleiten. Schatzjade war überaus erfreut. Er wechselte die Kleider, wählte drei Pagen — Beiming [8], Saohong [9] und Chuyao [10] — zu seiner Begleitung, ging zu Begnadigung Kaufmann, um ihm seinen Morgengruß darzubringen, und sie stiegen in die Kutschen und fuhren zum Palast des Markgrafen.

Der Türsteher ging hinein, um ihre Ankunft anzukündigen, und kehrte kurz darauf mit der Aufforderung „Der Herr bittet herein" zurück. Begnadigung Kaufmann führte Schatzjade in den Innenhof, in dem es von Gästen nur so wimmelte. Sie erwiesen dem Markgrafen ihren Respekt, tauschten mit den übrigen Gästen Höflichkeiten aus und nahmen Platz für einen Moment leichter Unterhaltung. Da kam der Leiter der Truppe mit einer Spielliste und einer Elfenbeintafel, kniete sich vor der Ehrenreihe auf ein Knie und sprach: "Darf ich die verehrten Herren bitten, ihre Lieblingsstücke auszuwählen?"

Er ging der Reihe nach an den Gästen vorbei, und als er bei Begnadigung Kaufmann angelangt war, wählte dieser ein Stück. Dann erblickte der Mann Schatzjade, eilte geradewegs auf ihn zu, machte eine elegante Verbeugung und sagte: „Darf ich den Zweiten jungen Herrn bitten, zwei Stücke auszuwählen?"

Schatzjade betrachtete sein Gesicht: Leicht gepuderte Wangen, Lippen rot wie Rouge, frisch und glänzend wie eine Lotusblüte, die sich aus dem Wasser reckt, schwebend und anmutig wie ein Jadebaum im Wind. Es war kein anderer als Jiang Yuhan [11]! Schatzjade erinnerte sich, gehört zu haben, dass Jiang mit einer Truppe junger Schauspieler nach Peking gekommen war, doch hatte er sich bei ihm noch nicht gemeldet. Ihn nun in dieser formellen Umgebung zu treffen, konnte Schatzjade nicht einfach aufspringen, und so begnügte er sich mit der Frage: „Wann bist du angekommen?"

Jiang Yuhan ließ seine Augen schnell nach links und rechts schweifen und flüsterte dann mit einem vertraulichen Lächeln: „Wie, der Zweite junge Herr wusste es nicht?"

In Gegenwart der vielen Gäste konnte Schatzjade das Gespräch nicht fortführen und wählte aufs Geratewohl ein paar Stücke aus.

Als Jiang Yuhan hinter die Bühne zurückgekehrt war, begannen einige Gäste über ihn zu reden. „Wer ist dieser Mensch?", fragte einer. Ein anderer antwortete: „Er hat früher immer die Dan-Rolle gespielt — also die weibliche. Nun, da er älter ist, spielt er die nicht mehr. Er ist Leiter der Truppe geworden. Früher versuchte er sich auch als Xiaosheng — der junge männliche Held. Er hat einiges Geld verdient und besitzt schon zwei oder drei Läden, will aber das Theater einfach nicht aufgeben und leitet weiterhin seine Truppe."

Manche sagten, er sei schon verheiratet. Andere widersprachen: „Er hat klare Grundsätze. Für ihn sei die Ehe keine Spielerei, sondern eine Sache für das ganze Leben. Ob reich oder arm — der Partner müsse zu ihm passen. Deshalb habe er bis heute noch nicht geheiratet."

Schatzjade dachte im Stillen: ‚Welches Mädchen wird das Glück haben, einen solchen Mann zu heiraten? Wer ein solches Talent bekommt, hat wahrlich nicht umsonst gelebt.'

Inzwischen hatte die Vorstellung begonnen. Es gab eine große Vielfalt an Stilen: Kunqu-Gesang, Hochstimmengesang, den Yiyang-Stil und den Bangzi-Rhythmus — ein turbulentes und prachtvolles Schauspiel. Zur Mittagszeit wurden Tische aufgestellt und Wein und Speisen serviert.

Nach ein paar weiteren Akten am Nachmittag machte Begnadigung Kaufmann Anstalten aufzubrechen. Doch der Markgraf kam herbei und sagte: „Der Tag ist noch jung. Ich habe gehört, dass Jiang Yuhan noch eine Paradeszene aus ‚Die Königin der Blumen' spielen will — ihr bestes Stück."

Als Schatzjade das hörte, betete er insgeheim, sein Onkel möge bleiben. Und tatsächlich setzte sich Begnadigung Kaufmann wieder.

Bald war es soweit: In dem Stück „Die Königin der Blumen" spielte Jiang Yuhan den Qin Xiaoguan — den bescheidenen Ölverkäufer. In der Szene, in der er die betrunkene Blumenkönigin Hua Kui bedient und ihr mit zärtlicher Sorgfalt begegnet, spielte er jede Nuance mit vollendeter Hingabe. Dann das gemeinsame Trinken und Singen, die wachsende Intimität — zart verflochten wie untrennbare Seidenfäden. Schatzjade beachtete die Hua Kui kaum. Er hatte nur Augen für den Qin Xiaoguan. Jiang Yuhans lauter, klarer und rhythmisch vollkommener Gesang zog Schatzjades Seele in die Geschichte hinein. Als die Szene zu Ende war, wusste er ohne jeden Zweifel, dass Jiang Yuhan ein Künstler des wahren Gefühls war und nicht vergleichbar mit gewöhnlichen Schauspielern. Es erinnerte ihn an eine Passage aus dem Kapitel „Über Musik" im Buch der Riten:

‚Gefühle werden innerlich erregt und daher in Klang umgesetzt; wenn der Klang Ordnung gewinnt, nennt man ihn Musik.'

‚Wer den Klang versteht, versteht die Musik; wer die Musik versteht, versteht die tiefere Ordnung', dachte Schatzjade bei sich. ‚Da gibt es noch vieles zu ergründen. Die Ursprünge von Klang und Musik verdienen eingehende Betrachtung. Dichtung und Lyrik vermögen zwar Gefühle zu übermitteln, gehen aber nicht unter die Haut. Von nun an will ich mich eingehender mit der Tonkunst beschäftigen.'

In diesem versonnenen Nachdenken wurde er davon aufgeschreckt, dass Begnadigung Kaufmann aufstand und sich verabschiedete. Diesmal versuchte der Gastgeber nicht, ihn zurückzuhalten. Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als seinem Onkel zu folgen.

Zu Hause angekommen, ging Begnadigung Kaufmann geradewegs in seine Gemächer. Schatzjade suchte seinen Vater auf, um sich zurückzumelden. Aufrecht Kaufmann kam gerade aus dem Ministerium und besprach mit Kette Kaufmann den Fall der beschlagnahmten Wagen.

Kette Kaufmann berichtete: „Ich schickte heute einen Mann mit dem Brief, aber der Bezirksbeamte war nicht zu Hause. Sein Pförtner sagte: ‚Davon weiß unser Herr nichts. Er hat keinen Haftbefehl zur Beschlagnahmung von Wagen erlassen. Das waren diese ruchlosen Kerle, die draußen ihr Unwesen treiben und Leute erpressen. Da es der Besitz der verehrten Kaufmann-Familie ist, werde ich sofort jemanden schicken, die Schuldigen zu verfolgen. Ich garantiere, dass morgen Wagen und Güter vollständig zurückkommen. Sollte auch nur eine Kleinigkeit fehlen, kann man es unserem Herrn melden, und er wird sie streng bestrafen. Da unser Herr gerade nicht da ist, bitte ich die verehrten Herren, es nicht so tragisch zu nehmen. Am besten wäre es, wenn unser Herr gar nichts davon erfährt.'"

Aufrecht Kaufmann: „Wenn kein amtlicher Haftbefehl vorlag — was für Leute treiben dann dort ihr Unwesen?"

Kette Kaufmann: „Der Herr weiß es nicht — draußen geht es überall so zu. Morgen bekommen wir unsere Sachen bestimmt zurück."

Kette Kaufmann verließ den Raum. Schatzjade trat vor und berichtete von seinem Tag beim Markgrafen. Aufrecht Kaufmann fragte ein paar Dinge und schickte ihn dann zur Herzoginmutter.

Kette Kaufmann hatte die unerlaubte Abwesenheit seiner Dienstleute nicht vergessen. Nachdem er von Aufrecht Kaufmann gegangen war, ordnete er eine sofortige Vollversammlung des Personals an. Diesmal waren alle zur Stelle. Kette Kaufmann schimpfte sie zusammen und rief dann den Hauptverwalter Lai Da [12]: „Nimm die Personalbögen aller Abteilungen und prüfe die Anwesenheit. Dann will ich eine Bekanntmachung: Wer auch immer ohne Erlaubnis fehlt, bei einer Vorladung nicht anwesend ist und dadurch Dienstgeschäfte versäumt, wird sofort ausgepeitscht und hinausgeworfen!"

Lai Da antwortete mehrmals eilfertig: „Jawohl, Herr!" Er ging hinaus und gab die Anweisungen an die versammelten Diener weiter, die alles folgsam entgegennahmen.

Nicht lange danach erschien am Haupttor ein unerwarteter Besucher. Ein Mann mit einem Filzhut, einem Gewand aus blauem Baumwolltuch und derben Stoffschuhen näherte sich und verbeugte sich vor den Torwächtern. Diese musterten ihn von oben bis unten und fragten: „Woher kommst du?"

Der Mann antwortete: „Ich komme von der Familie Echt [13] aus dem Süden. Ich habe einen eigenhändigen Brief meines Herrn bei mir, den ich die verehrten Herren bitte, dem gnädigen Herrn Aufrecht Kaufmann zu übergeben."

Als die Torwächter hörten, dass er von der Familie Echt kam, standen sie auf und machten ihm Platz zum Sitzen: „Du bist sicher müde. Setz dich erst! Wir bringen den Brief für dich hinein."

Einer ging hinein und meldete Aufrecht Kaufmann die Ankunft. Er übergab den Brief. Aufrecht Kaufmann brach das Siegel und las:

‚In langjähriger Freundschaft verbunden und von aufrichtigem Wohlwollen getragen, blicke ich aus der Ferne ehrfürchtig zu Eurem erhabenen Haus empor. Zutiefst bewegt wende ich mich an Euch. Da ich mit meinen geringen Fähigkeiten die kaiserliche Ungnade auf mich gezogen habe, rechnete ich damit, dass tausend Tode meine Schuld nicht tilgen könnten. Doch durch gnädige Milde wurde ich nur in die Verbannung an der Grenze geschickt. Seither ist mein Haushalt verfallen und meine Familie in alle Winde zerstreut. Mein Diener Bao Yong [14] hat mir stets treu gedient. Er verfügt zwar über keine außergewöhnlichen Talente, ist aber ein aufrichtiger und verlässlicher Kerl. Sollte er bei Euch eine Beschäftigung und ein bescheidenes Auskommen finden, wäre meine Dankbarkeit für Eure Barmherzigkeit grenzenlos. Hiermit vertrauensvoll übermittelt; das Übrige folgt bei nächster Gelegenheit. Hochachtungsvoll. Euer langjähriger Freund Zhen Yingjia [15] mit Verbeugung.'

Aufrecht Kaufmann lächelte, als er den Brief zu Ende gelesen hatte: „Bei uns gibt es schon zuviel Personal, und die Zhens empfehlen noch einen Mann. Aber man kann es ihnen schlecht abschlagen." Er wies den Türsteher an: „Schick mir den Mann herein. Suche ihm eine Unterkunft und gib ihm eine Aufgabe, die zu seinen Fähigkeiten passt."

Der Türsteher ging hinaus und führte Bao Yong herein. Vor Aufrecht Kaufmann machte Bao Yong drei Kotaus, stand auf und sagte: „Mein Herr lässt den gnädigen Herrn grüßen." Dann machte er noch eine Verbeugung und fügte hinzu: „Bao Yong erweist dem gnädigen Herrn seinen bescheidenen Respekt."

Aufrecht Kaufmann erwiderte die Grüße an Herrn Zhen und musterte Bao Yong. Der Mann war über fünf Fuß groß, hatte breite, kräftige Schultern, buschige Augenbrauen, stechende Augen, eine gewölbte Stirn und einen langen Bart. Sein Teint war grob und dunkel. Er stand mit herabhängenden Armen respektvoll da.

Aufrecht Kaufmann fragte: „Warst du schon immer bei den Zhens, oder hast du ihnen nur einige Jahre gedient?"

Bao Yong: „Meine Wenigkeit war von Geburt an im Hause Zhen, Herr."

Aufrecht Kaufmann: „Warum willst du jetzt von ihnen fort?"

Bao Yong: „Es war überhaupt nicht mein Wunsch fortzugehen, Herr. Aber mein Herr bestand wieder und wieder darauf. Er sagte: ‚Anderswohin willst du nicht gehen — aber bei den Jias ist es genauso wie bei uns zu Hause.' Deshalb bin ich hier."

Aufrecht Kaufmann: „Dein Herr hätte sich nicht in diese Lage bringen sollen."

Bao Yong: „Eigentlich steht es mir nicht zu, so etwas zu sagen, aber ich glaube, mein Herr ist ein viel zu guter Mensch. Viel zu ehrlich im Umgang mit den Leuten. Genau das hat ihm die Schwierigkeiten eingebracht."

Aufrecht Kaufmann: „Ehrlichkeit ist doch die höchste Tugend."

Bao Yong: „Zu viel davon geht nicht immer gut — manchmal ärgert es die Leute sogar."

Aufrecht Kaufmann schmunzelte: „Wenn das so ist, wird der Himmel ihn gewiss nicht im Stich lassen."

Bao Yong wollte noch etwas sagen, doch Aufrecht Kaufmann fragte weiter: „Ich habe gehört, euer junger Herr heißt ebenfalls Schatzjade — stimmt das?"

Bao Yong: „Ja, Herr."

Aufrecht Kaufmann: „Gibt er sich Mühe, vorwärtszukommen?"

Bao Yong: „Wenn der Herr nach unserem jungen Herrn fragt — das ist eine ganz erstaunliche Geschichte. Sein Charakter ähnelt dem seines Vaters: grundehrlich. Von klein auf liebte er es, mit seinen Schwestern und Kusinen zu spielen. Sein Vater und seine Mutter haben ihn deswegen mehrmals hart bestraft, aber er änderte sich nicht. Vor etwa einem Jahr, als seine Mutter gerade zur Hauptstadt gereist war, erkrankte der junge Herr schwer. Er war einen halben Tag lang wie tot, und sein Vater war beinahe außer sich vor Sorge. Die Begräbniskleider lagen schon bereit. Doch dann, Gott sei Dank, erholte er sich. Im Delirium sagte er, er sei durch einen großen Torbogen gegangen, wo ihm eine junge Dame begegnet sei, die ihn in einen Tempel voller Schränke geführt habe. In den Schränken lagen viele Register, die er durchblätterte. Dann kam er in einen Raum voller Mädchen, die sich in Geister und Skelette verwandelten. Er erschrak so fürchterlich, dass er aufschrie — und wachte auf.

Sein Vater ließ ihn von einem Arzt behandeln, und langsam ging es ihm besser. Dann durfte er wieder mit seinen Schwestern und Kusinen zusammen sein. Doch — wer hätte das gedacht! — er änderte seine Art vollständig. Alle seine früheren Spielereien interessierten ihn nicht mehr. Von da an gab es nur noch Bücher und Studieren. Und niemand konnte ihn davon abbringen. Inzwischen kann er seinem Vater sogar bei den Familiengeschäften helfen."

Aufrecht Kaufmann versank in stilles Nachdenken. Dann sagte er: „Geh und ruh dich aus. Wenn wir dich brauchen können, finden wir eine Aufgabe für dich."

Bao Yong bedankte sich, verließ das Zimmer und wurde von den Dienern zu seiner Unterkunft geführt. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Eines Tages stand Aufrecht Kaufmann früh auf und war gerade im Begriff, in die Behörde zu gehen, als er bemerkte, dass die Torwächter und Diener mit gesenkten Stimmen miteinander tuschelten. Sie schienen seine Aufmerksamkeit erregen zu wollen, trauten sich aber offensichtlich nicht, offen zu reden, und murmelten nur vor sich hin.

Aufrecht Kaufmann rief einen von ihnen heran und fragte: „Was habt ihr? Was soll dieses Geheimtuschel?"

Der Türsteher: „Wir wagen es nicht zu sagen, Herr ..."

Aufrecht Kaufmann: „Was gibt es, das ihr nicht zu sagen wagt?"

Der Türsteher: „Als ich heute früh das Tor öffnete und hinaustrat, fand ich ein Stück weißes Papier darauf geklebt, mit allerlei schändlichen Worten beschrieben."

Aufrecht Kaufmann: „Was soll das heißen? Was steht darauf?"

Der Türsteher: „Schmutzige Geschichten aus dem Wassermondkloster [16], Herr."

Aufrecht Kaufmann: „Zeig es mir!"

Der Türsteher: „Ich versuchte es abzuziehen, aber es klebte so fest, dass es nicht ging. Also schrieb ich den Text ab und wusch dann die Tür sauber. Eben hat Li De ein weiteres Exemplar gefunden und mir gezeigt — es steht genau dasselbe drauf. Wir wagten es nicht zu verheimlichen."

Er reichte Aufrecht Kaufmann den abgeschriebenen Zettel. Dieser las:

‚Xi-Bei-Cao-Jin — der junge Kerl, im Wassermondkloster führt er das Zepter über die Nonnen. Ein einziger Mann und so viele Mädchen: Hurerei und Glücksspiel nennt er Vergnügen. Wenn Taugenichtse das Sagen haben — welch herrlicher Ruf für das Prunkwille-Anwesen!'

[17]

Aufrecht Kaufmann las es und wurde vor Zorn so blass, dass ihm schwindelig wurde und seine Augen sich verdunkelten. Er befahl den Türstehern, kein Wort nach außen dringen zu lassen, und gab heimlich Anweisung, alle Gassen und Mauern zwischen dem Stillfriede- und dem Prunkwille-Anwesen nach weiteren Zetteln abzusuchen. Dann schickte er sofort nach Kette Kaufmann.

Kette Kaufmann kam eilends herbei. Aufrecht Kaufmann fragte ihn hastig: „Die weiblichen Novizinnen und Nonnen, die im Wassermondkloster untergebracht sind — hast du dort jemals persönlich nachgesehen?"

Kette Kaufmann: „Nein. Das war immer Qin'er [18] — also Jia Qin — der sich darum kümmerte."

Aufrecht Kaufmann: „Weißt du, ob Qin'er seine Aufgabe ordentlich erfüllt?"

Kette Kaufmann: „So, wie Ihr fragt, Herr — es muss wohl etwas nicht gestimmt haben?"

Aufrecht Kaufmann seufzte: „Sieh dir an, was auf diesem Zettel steht!"

Kette Kaufmann las und rief: „So etwas gibt es?"

Noch hatte er nicht ausgesprochen, als Hibiskus Kaufmann [19] hereinkam und einen verschlossenen Brief überreichte, auf dem stand: „Für den Zweiten Herrn Aufrecht Kaufmann — privat und vertraulich". Aufrecht Kaufmann öffnete ihn — es war ein weiterer anonymer Brief mit genau demselben Wortlaut wie der Anschlag am Tor.

Aufrecht Kaufmann befahl: „Lai Da soll sofort mit drei oder vier Wagen zum Wassermondkloster fahren und sämtliche Nonnen und daoistischen Novizinnen hierherbringen! Es darf kein Wort nach außen dringen. Er soll sagen, sie werden im Palast gebraucht."

Lai Da nahm den Befehl entgegen und ging.

Nun zum Wassermondkloster: Als die jungen buddhistischen Nonnen und daoistischen Novizinnen einst dort ankamen, wurden sie von den älteren Schwestern beaufsichtigt, die sie tagsüber in den Sutren und Liturgien unterwiesen. Doch nachdem die Edle Gemahlin [20] ihre Dienste nicht mehr benötigte, wurden die Mädchen mit der Zeit immer nachlässiger in ihren Übungen. Sie wuchsen heran und begannen, sich für das weltliche Leben zu interessieren.

Jia Qin [21] selbst war ein leichtlebiger junger Mann. Er hatte sich eingebildet, die hübsche ehemalige Schauspielerin Duftblümchen [22] und einige andere hätten sich nur aus einer kindischen Laune heraus für das Klosterleben entschieden, und begann, Annäherungsversuche zu machen. Zu seiner Überraschung erwies sich Duftblümchen als aufrichtig in ihrer Entscheidung für die Keuschheit und wies ihn entschieden ab. Also lenkte er seine Aufmerksamkeit auf zwei andere junge Novizinnen: eine buddhistische Nonne namens Qinxiang [23] und eine daoistische Novizin namens Hexian [24] — beide recht hübsch und weit weniger widerstandsfähig. In ihrer Freizeit lernten sie gemeinsam die Laute spielen und Lieder singen.

Es war gerade Mitte des zehnten Monats. Jia Qin war mit dem monatlichen Unterhaltsgeld für die Nonnen gekommen. Da kam ihm ein Einfall, und er verkündete: „Ich habe euch die Monatsgelder gebracht. Es ist zu spät, um noch in die Stadt zurückzufahren, also muss ich hierbleiben. Was für eine kalte Nacht! Ich habe heute Obst und Wein mitgebracht — wie wäre es, wenn wir gemeinsam trinken und uns eine fröhliche Nacht machen?"

Die Mädchen waren begeistert und räumten sofort die Tische um. Sie luden auch die ansässigen Nonnen des Klosters ein. Nur Duftblümchen weigerte sich zu kommen. Jia Qin trank einige Schalen und schlug dann ein Trinkspiel vor. Qinxiang und die anderen sagten: „Wir können solche Spiele nicht! Warum spielen wir stattdessen nicht Fingerraten? Wer verliert, trinkt eine Schale — das wäre lustig!"

Eine der ansässigen Nonnen warf ein: „Es ist gerade erst Nachmittag. Zur Mittagszeit solchen Lärm zu machen, das gehört sich nicht. Trinkt jetzt gemütlich ein paar Schälchen, und wer gehen will, der geht. Wer am Abend dem Herrn Qin Gesellschaft leisten will, der mag dann nach Herzenslust trinken — ich drücke beide Augen zu."

Genau in diesem Moment stürzte eine Klosterdienerin herein: „Schnell! Auseinander! Lai Da ist hier, vom Prunkwille-Anwesen!"

Die Mädchen huschten aufgeregt herum, räumten hastig auf und drängten Jia Qin, sich zu verstecken. Doch Jia Qin hatte schon ein paar Schalen zuviel getrunken und rief: „Ich bin hier, um die Monatsgelder auszuzahlen — wovor soll ich mich fürchten?"

Noch während er sprach, trat Lai Da ein. Als er die Spuren des Gelages sah, kochte sein Zorn. Da er jedoch die Anweisungen des Herrn, äußerste Geheimhaltung zu wahren, nicht vergessen hatte, fragte er nur mit einem aufgesetzten Lächeln: „Ist Herr Qin vielleicht auch hier?"

Jia Qin stand hastig auf: „Na, Herr Lai! Was führt dich her?"

Lai Da: „Gut, dass ich Sie antreffe, Herr. Die jungen Damen müssen so schnell wie möglich fertig gemacht werden. Wir bringen sie zurück in die Stadt. Sie werden im Palast gebraucht."

Jia Qin und die Mädchen wollten Genaueres wissen, aber Lai Da sagte nur: „Es wird spät. Wir müssen uns beeilen, sonst verpassen wir die Stadttore."

So stiegen sie alle in die bereitstehenden Wagen. Lai Da bestieg sein Maultier und führte den Zug in die Stadt. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Kehren wir zu Aufrecht Kaufmann zurück. Nachdem er von der Sache erfahren hatte, war er so zornig, dass er nicht einmal in die Behörde ging. Allein saß er in seinem Arbeitszimmer und atmete schwer. Kette Kaufmann blieb in seiner Nähe und wagte nicht, das Haus zu verlassen. Da kam plötzlich ein Bote vom Tor und meldete: „Der Herr Kollege Zhang ist erkrankt und bittet den gnädigen Herrn Aufrecht Kaufmann, ihn heute Abend in der Behörde zu vertreten."

Aufrecht Kaufmann hatte Lai Da jeden Augenblick zurückerwartet. Es war höchst ärgerlich, jetzt weggerufen zu werden. Kette Kaufmann kam herein und sagte: „Lai Da ist erst nach dem Mittagessen aufgebrochen, Herr, und das Wassermondkloster liegt gut zehn Li vor der Stadt. Er kann nicht vor der zweiten Nachtwache zurück sein. Da der Herr heute Abend Vertretungsdienst hat, sollte er gehen. Wenn Lai Da zurückkommt, werde ich ihm sagen, er soll die Nonnen einsperren und nichts verlauten lassen, bis der Herr morgen Gelegenheit hat, die Sache selbst zu klären. Und wenn Qin'er kommt, sage ich ihm nichts — dann sehen wir morgen, was er dem Herrn zu sagen hat."

Aufrecht Kaufmann fand das vernünftig. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Dienst zu gehen.

Kaum war er fort, wollte Kette Kaufmann in seine eigenen Gemächer zurückkehren. Auf dem Weg dorthin grübelte er darüber nach, dass Phönixglanz [25] damals die Idee gehabt hatte, Jia Qin mit der Aufsicht über das Kloster zu betrauen. Er wollte ihr Vorwürfe machen, erinnerte sich aber, dass sie krank war, und beschloss, die Aussprache aufzuschieben. Langsam ging er zurück.

Inzwischen hatten sich die Neuigkeiten wie ein Lauffeuer unter den Bediensteten verbreitet. Als Erste im Inneren erfuhr Friedchen [26] davon und eilte sofort zu ihrer Herrin. Phönixglanz hatte eine schlechte Nacht hinter sich und fühlte sich elend. In ihrem kränklichen Zustand quälten sie die nie verstummenden Ängste wegen der unseligen Angelegenheit im Mantou-Kloster [27], die auf ihrem Gewissen lastete. Als sie nun von den anonymen Anschlägen hörte, schreckte sie auf und fragte hastig: „Was steht darauf?"

Friedchen antwortete unachtsam, ohne nachzudenken, und versprach sich: „Nichts Wichtiges — etwas über das Mantou-Kloster."

Phönixglanz, ohnehin von schlechtem Gewissen geplagt, erschrak bei dem Wort „Mantou-Kloster" bis ins Mark. Ein Krampf des Entsetzens verschlug ihr die Sprache. Die Hitze schoss ihr in den Kopf, vor den Augen wurde ihr schwarz. Sie hustete und brach auf ihrem Bett zusammen, die Augen starr vor sich hin gerichtet.

Friedchen erschrak fürchterlich und rief: „Es geht um das Wassermondkloster! Nur um die Novizinnen dort! Da gibt es keinen Grund, sich so aufzuregen, Herrin!"

Phönixglanz hörte „Wassermondkloster" und beruhigte sich ein wenig. Sie sagte: "Ach! Du konfuses Ding! Was denn nun — ist es das Wassermondkloster oder das Mantou-Kloster?"

Friedchen: „Ich hatte vorhin versehentlich ‚Mantou-Kloster' verstanden. Dann hörte ich, dass es nicht das Mantou-Kloster ist, sondern das Wassermondkloster. Und eben ist mir das falsche Wort herausgerutscht."

Phönixglanz: „Ich wusste es doch! Es ist das Wassermondkloster. Was geht mich das Mantou-Kloster an? Es wird wohl um das Wassermondkloster gehen, das ich Qin'er zur Verwaltung gegeben habe. Vermutlich hat er die Monatsgelder unterschlagen."

Friedchen: „So, wie ich es gehört habe, geht es nicht nur um die Monatsgelder. Da sind auch schmutzige Geschichten dabei."

Phönixglanz: „Das geht mich erst recht nichts an. Wo steckt dein Zweiter Herr?"

Friedchen: „Als er hörte, wie wütend der gnädige Herr ist, wagt er nicht, sich zu entfernen. Ich habe den Dienstboten sofort befohlen, keinen Lärm zu machen, weiß aber nicht, ob die Damen es schon erfahren haben. Soviel ich weiß, hat der gnädige Herr Lai Da geschickt, um die Mädchen zu holen. Ich werde jemanden nach vorne schicken, um Neuigkeiten zu erkunden. Die Herrin ist krank — lassen wir lieber die Finger von den Händeln der anderen."

Gerade als sie sprachen, trat Kette Kaufmann herein. Phönixglanz wollte ihn fragen, sah aber seinen zornigen Gesichtsausdruck und stellte sich lieber unwissend. Kette Kaufmann hatte das Essen noch nicht beendet, als Wanger kam und meldete: „Draußen wird der Herr gebraucht — Lai Da ist zurück."

Kette Kaufmann: „Ist Qin'er auch da?"

Wanger: „Ja, auch."

Kette Kaufmann befahl: „Geh und sag Lai Da: Der gnädige Herr ist im Dienst. Die Mädchen sollen vorläufig im Garten untergebracht werden. Morgen, wenn der Herr zurück ist, werden sie in den Palast geschickt. Qin'er soll im Arbeitszimmer auf mich warten."

Wanger ging.

Jia Qin betrat das Arbeitszimmer und sah die Diener mit Fingern auf ihn zeigen und miteinander tuscheln. Er verstand nicht, worüber sie sprachen. Die ganze Sache sah nicht danach aus, als würden die Mädchen wirklich im Palast gebraucht. Er wollte jemanden fragen, kam aber nicht dazu. Gerade als er vor sich hin grübelte, erschien Kette Kaufmann. Jia Qin begrüßte ihn, stellte sich ehrerbietig an die Seite und sagte: „Ich wüsste gerne, warum der Palast der Edlen Gemahlin die Mädchen so plötzlich anfordert? Damit ich Bescheid weiß und die Sache beschleunigen kann. Glücklicherweise war ich heute gerade dort, um die Monatsgelder zu bringen, und bin dann gleich mit Lai Da zusammen zurückgekommen. Der Zweite Onkel weiß das sicher alles."

Kette Kaufmann: „Ich weiß nichts! Du bist derjenige, der hier Bescheid weiß!"

Jia Qin verstand kein Wort und wagte nicht weiter zu fragen.

Kette Kaufmann: „Du hast ja schöne Dinge getrieben! Den gnädigen Herrn hast du halb krank gemacht vor Wut!"

Jia Qin: „Ich habe nichts getan, Onkel! Die Monatsgelder habe ich Monat für Monat pünktlich abgeliefert. Die Mädchen haben ihre Sutren und Liturgien ordentlich geübt."

Kette Kaufmann sah, dass Jia Qin nicht verstand. Da er zudem mit ihm vertraut war — sie hatten oft zusammen gescherzt —, seufzte er und sagte: „Du Mundwerk! Geh und lies das hier!"

Er zog aus seinem Stiefelschaft den anonymen Zettel und warf ihn Jia Qin zu.

Jia Qin hob ihn auf und las. Sein Gesicht wurde aschfahl. Er stammelte: „Wer hat das geschrieben? Ich habe niemanden beleidigt — warum will man mir das antun? Ich gehe einmal im Monat hin, um die Gelder abzuliefern — weiter nichts. Von diesen Dingen ist nichts wahr! Wenn der gnädige Herr mich unter Schlägen verhört, sterbe ich zu Unrecht. Und wenn meine Mutter das erfährt, schlägt sie mich tot!"

Als niemand in der Nähe war, fiel er auf die Knie und flehte: „Lieber Onkel, rettet mich!" Er schlug mit der Stirn auf den Boden und weinte.

Kette Kaufmann überlegte: ‚Wenn der gnädige Herr die Sache gründlich untersucht und die Vorwürfe sich bestätigen, wird sein Zorn furchtbar sein. Und wenn das Ganze nach außen dringt, steht unser guter Ruf auf dem Spiel — erst recht zur Freude desjenigen, der die Zettel geschrieben hat. In Zukunft haben wir noch genug eigene Dreckwäsche zu waschen. Besser, wir nutzen die Abwesenheit des Herrn und beraten mit Lai Da, wie sich die Sache vertuschen lässt. Solange es keine Beweise gibt ...'

Seinen Entschluss gefasst, sagte er: „Bilde dir nicht ein, du könntest mich täuschen. Ich weiß genau, was du getrieben hast. Wenn du willst, dass die Sache glimpflich ausgeht, dann musst du, falls der gnädige Herr dich unter Schlägen verhört, steif und fest leugnen. Schäm dich! Steh auf!" Er ließ Lai Da rufen.

Kurz darauf kam Lai Da. Kette Kaufmann besprach die Lage mit ihm. Lai Da sagte: „Der Herr Qin hat es wirklich zu bunt getrieben. Als ich heute im Kloster ankam, saßen sie gerade beim Gelage! Was auf den Zetteln steht, stimmt ganz bestimmt."

Kette Kaufmann: „Qin'er, hörst du? Lai Da würde dich doch nicht fälschlich beschuldigen?"

Jia Qin lief feuerrot an und wagte kein Wort zu sagen.

Kette Kaufmann zog Lai Da beiseite und bat ihn: „Deckt ihn — sagt einfach, Qin'er sei zu Hause gewesen und von dort geholt worden. Nehmt ihn mit und sagt, ihr hättet mich gar nicht gesehen. Morgen bittet Lai Da den gnädigen Herrn, die Mädchen nicht weiter zu befragen. Am besten schickt man gleich einen Heiratsvermittler und lässt die Mädchen verheiraten und damit die Sache erledigt sein. Falls die Edle Gemahlin sie noch einmal brauchen sollte, kaufen wir eben neue."

Lai Da überlegte: Einen Skandal aufzudecken würde auch nichts nützen und den Ruf der Familie erst recht beschädigen. Also stimmte er zu.

Kette Kaufmann sagte zu Jia Qin: „Geh mit Lai Da und tu, was er dir sagt."

Jia Qin machte noch einen Kotau und folgte Lai Da hinaus. Als sie unter sich waren, warf sich Jia Qin erneut vor Lai Da nieder.

Lai Da sagte: „Mein lieber junger Herr! Ihr habt es wirklich zu weit getrieben. Wem habt Ihr denn so auf die Füße getreten, dass er Euch solchen Ärger bereitet? Überlegt einmal: Wer könnte es auf Euch abgesehen haben?"

Jia Qin grübelte eine ganze Weile, konnte sich aber an niemanden erinnern, den er sich zum Feind gemacht hätte. Niedergeschlagen und mit gesenktem Kopf folgte er Lai Da zurück.

Wie die Sache vertuscht wurde, wird im nächsten Kapitel erzählt.

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).


Anmerkungen

  1. Chinesisch: 冯紫英
  2. Chinesisch: 贾政
  3. Chinesisch: 贾赦
  4. Chinesisch: 贾琏
  5. Chinesisch: 周瑞
  6. Chinesisch: 旺儿
  7. Chinesisch: 宝玉
  8. Chinesisch: 焙茗
  9. Chinesisch: 扫红
  10. Chinesisch: 锄药
  11. Chinesisch: 蒋玉函
  12. Chinesisch: 赖大
  13. Chinesisch: 甄家
  14. Chinesisch: 包勇
  15. Chinesisch: 甄应嘉
  16. Chinesisch: 水月庵
  17. „Xi-Bei" (西贝) ergibt zusammengesetzt das Zeichen 贾 (Jia), „Cao-Jin" (草斤) ergibt das Zeichen 芹 (Qin). Gemeint ist also Jia Qin (贾芹).
  18. Chinesisch: 芹儿
  19. Chinesisch: 贾蓉
  20. Chinesisch: 元春
  21. Chinesisch: 贾芹
  22. Chinesisch: 芳官
  23. Chinesisch: 沁香
  24. Chinesisch: 鹤仙
  25. Chinesisch: 凤姐
  26. Chinesisch: 平儿
  27. Chinesisch: 馒头庵

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