Lu Xun Complete Works/de/Baicaoyuan

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From Herb Garden to Three-Flavor Study

Vom Kräutergarten zur Dreigeschmack-Studierstube

Hinter unserem Haus lag ein großer Garten, der seit alters her Kräutergarten hieß. Inzwischen ist er mitsamt dem Haus längst an die Nachkommen des Herrn Zhu Wengong verkauft worden, und seit meinem allerletzten Besuch sind schon sieben oder acht Jahre vergangen. Es scheint, als wüchse dort tatsächlich nichts als Unkraut; doch damals war er mein Paradies.

Gar nicht zu reden von den smaragdgrünen Gemüsebeeten, dem glatten steinernen Brunnenrand, den hohen Gleditschien, den purpurroten Maulbeeren; gar nicht zu reden von den Zikaden, die in den Blättern ihre langen Lieder sangen, den feisten Hummeln, die auf den Rapsblüten hockten, den flinken Lerchen, die plötzlich aus dem Gras steil in den Himmel schossen. Allein der Streifen entlang der niedrigen Lehmmauer ringsum bot schon grenzenlose Vergnügungen. Ölkäfer sangen hier leise vor sich hin, Grillen spielten Klavier. Hob man einen zerbrochenen Ziegelstein auf, stieß man bisweilen auf einen Tausendfüßler; da gab es auch Blasenkäfer – drückte man ihnen mit dem Finger auf den Rücken, gaben sie mit einem Knall eine Rauchwolke aus ihrer Hinteröffnung von sich. Ranken der Vielblütigen Knöterich-Pflanze und des Magnoliengewächses verschlangen sich miteinander; die Magnolie trug Früchte wie Lotuskapseln, der Knöterich hatte knollige Wurzeln. Man sagte, manche Knöterich-Wurzeln hätten Menschengestalt, und wer sie äße, würde unsterblich. Deshalb zog ich sie ständig heraus, zog und zog ohne Ende, und hatte deswegen sogar die Lehmmauer beschädigt, doch nie eine Wurzel gefunden, die einem Menschen glich. Wer sich vor Dornen nicht fürchtete, konnte auch Himbeeren pflücken – kleine Kugeln wie aus winzigen Korallenperlen zusammengesetzt, süßsauer und in Farbe und Geschmack den Maulbeeren weit überlegen.

In das hohe Gras ging man nicht, denn es hieß, im Garten lebe eine große rote Kettennatter.

Die alte Mama Chang hatte mir einst eine Geschichte erzählt: Vor langer Zeit lebte ein Gelehrter in einem alten Tempel und studierte dort. Eines Abends, als er im Hof die kühle Luft genoss, hörte er plötzlich jemanden seinen Namen rufen. Er antwortete und blickte in alle Richtungen, da sah er das Gesicht einer schönen Frau über der Mauerkrone, die ihm zulächelte und wieder verschwand. Er freute sich sehr; doch ein alter Mönch, der zum Abendplausch kam, durchschaute die Sache. Er sagte, im Gesicht des Gelehrten liege ein dämonischer Schimmer, er müsse wohl der „Schöne-Frau-Schlange" begegnet sein – einem Ungeheuer mit Menschenkopf und Schlangenkörper, das Menschen beim Namen rufen konnte, und wer antwortete, dem kam sie nachts und fraß sein Fleisch. Natürlich erschrak der Gelehrte zu Tode, doch der alte Mönch sagte, es sei nicht schlimm, und gab ihm ein Kästchen: Er solle es nur neben sein Kopfkissen legen, dann könne er ruhig schlafen. Er tat wie geheißen, konnte aber dennoch nicht einschlafen – natürlich konnte er nicht einschlafen. Um Mitternacht kam sie tatsächlich, raschel, raschel, raschel! Vor der Tür klang es wie Wind und Regen. Als er vor Angst am ganzen Leib zitterte, hörte er ein scharfes Zischen, ein goldener Strahl schoss vom Kopfkissen empor, und draußen war plötzlich kein Laut mehr zu hören; der goldene Strahl kehrte zurück und legte sich wieder ins Kästchen. Und dann? Der alte Mönch sagte, das sei ein fliegender Tausendfüßler gewesen, der das Hirn von Schlangen aussaugen konnte, und die Schöne-Frau-Schlange war von ihm getötet worden.

Die Moral am Ende lautete: Wenn eine fremde Stimme deinen Namen ruft, darfst du um keinen Preis antworten.

Die Geschichte ließ mich zutiefst empfinden, wie gefährlich das Menschsein war. An Sommerabenden, wenn ich mich im Freien abkühlte, war ich oft besorgt und wagte nicht zur Mauer hinüberzuschauen, und ich wünschte mir sehnlichst ein Kästchen mit so einem fliegenden Tausendfüßler wie dem des alten Mönchs. Wenn ich am Gebüsch des Kräutergartens vorbeiging, dachte ich oft dasselbe. Doch bis heute habe ich keinen bekommen – allerdings bin ich auch nie einer roten Kettennatter oder Schönen-Frau-Schlange begegnet. Fremde Stimmen, die meinen Namen riefen, gab es natürlich genug, doch keine davon gehörte einer Schönen-Frau-Schlange.

Im Winter war der Kräutergarten eher langweilig; aber wenn es schneite, war alles anders. Schneeabdrücke machen (den ganzen Körperabdruck in den Schnee pressen) und Schnee-Buddhas formen setzte ein Publikum voraus; hier, in diesem verwilderten Garten, kam kaum ein Mensch vorbei, und so war das unpassend. Man konnte nur Vögel fangen. Bei dünnem Schnee ging es nicht; der Schnee musste die Erde ein, zwei Tage lang bedeckt haben, und die Vögel mussten lange vergeblich nach Futter gesucht haben. Dann fegte man ein Stück Schnee frei, bis die Erde zum Vorschein kam, stützte ein großes Bambussieb mit einem kurzen Stock auf, streute etwas Spreu darunter, band eine lange Schnur an den Stock und hielt sie von weitem fest. Wenn die Vögel herabkamen, um zu picken, und unter das Sieb liefen, zog man an der Schnur, und sie waren gefangen. Doch meistens fing man Spatzen; manchmal auch „Zhang-Fei-Vögel" mit weißen Wangen – hitzig in ihrem Wesen, die überlebten keine Nacht in Gefangenschaft.

Diese Methode hatte Runtus Vater mir beigebracht, doch ich beherrschte sie kaum. Ich sah sie deutlich hineingehen, zog an der Schnur, lief hin und schaute – und da war nichts. Nach langem Mühen fing ich gerade drei oder vier. Runtus Vater dagegen brauchte nur einen halben Vormittag, um Dutzende zu fangen, die in seinem Gabelsack herumflatterten und -stießen. Ich hatte ihn einmal nach dem Grund für Erfolg und Misserfolg gefragt, und er lächelte nur still: „Du bist zu ungeduldig. Du wartest nicht, bis sie in die Mitte gelaufen sind."

Ich weiß nicht, warum die Familie beschloss, mich in eine Privatschule zu schicken, und dazu noch in die, die in der ganzen Stadt als die strengste galt. Vielleicht weil ich beim Herausziehen der Knöterich-Wurzeln die Lehmmauer beschädigt hatte, vielleicht weil ich Ziegelsteine über die Zwischenwand in den Hof der Familie Liang geworfen hatte, vielleicht weil ich auf dem steinernen Brunnenrand gestanden und heruntergesprungen war … wer weiß. Alles in allem: Ich würde nicht mehr oft in den Kräutergarten gehen können. Ade, meine Grillen! Ade, meine Himbeeren und Magnolien! …

Ging man zur Tür hinaus nach Osten, war man nach kaum einer halben Li über eine steinerne Brücke beim Haus meines Lehrers angelangt. Durch ein schwarz lackiertes Bambustor gelangte man hinein, und der dritte Raum war die Studierstube. In der Mitte hing eine Tafel mit der Aufschrift: Dreigeschmack-Studierstube; unter der Tafel hing ein Gemälde, das einen sehr fetten Damhirsch unter einem alten Baum zeigte. Es gab keine Ahnentafel des Konfuzius, also verbeugten wir uns vor der Tafel und dem Hirsch. Die erste Verbeugung galt Konfuzius, die zweite dem Lehrer.

Bei der zweiten Verbeugung erwiderte der Lehrer freundlich an der Seite den Gruß. Er war ein hochgewachsener, magerer alter Mann, sein Bart und Haar waren schon ergraut, und er trug eine große Brille. Ich begegnete ihm mit großem Respekt, denn ich hatte schon lange gehört, er sei der rechtschaffenste, bescheidenste und gelehrteste Mann der ganzen Stadt.

Ich weiß nicht, wo ich es aufgeschnappt hatte, aber auch Dongfang Shuo war sehr gelehrt gewesen; er kannte ein Insekt namens „Guaizai" – aus dem Hauch der Ungerechtigkeit entstanden, das sich auflöste, wenn man Wein darüber goss. Ich wollte diese Geschichte genau erfahren, doch die alte Mama Chang wusste es nicht, sie war schließlich nicht gelehrt genug. Nun aber hatte ich die Gelegenheit, den Lehrer zu fragen.

„Herr Lehrer, dieses Insekt ‚Guaizai' – was hat es damit auf sich? …" fragte ich hastig, als ich mein neues Buch aufgesagt hatte und gerade zurücktreten wollte.

„Weiß ich nicht!" Er schien sehr ungehalten, und in seinem Gesicht zeigte sich sogar Zorn.

Da erkannte ich, dass ein Schüler solche Dinge nicht fragen sollte, sondern nur lesen; denn da er ein gelehrter alter Konfuzianer war, konnte er es unmöglich nicht wissen – was er mit „Weiß ich nicht" meinte, war, dass er es nicht sagen wollte. Ältere Leute benahmen sich oft so, das hatte ich schon mehrfach erlebt.

So las ich nur noch, übte mittags Schönschrift und machte abends Reimübungen. In den ersten Tagen war der Lehrer sehr streng mit mir, wurde dann aber milder, allerdings gab er mir immer mehr zu lesen, und auch die Reimübungen wurden zunehmend anspruchsvoller, von dreiwortigen zu fünfwortigen und schließlich siebenwortigen Versen.

Hinter der Dreigeschmack-Studierstube gab es ebenfalls einen Garten, zwar klein, aber man konnte dort auf das Blumenbeet klettern und Winterblütenzweige brechen oder auf dem Boden oder in den Zimtbäumen leere Zikadenhüllen suchen. Die schönste Beschäftigung war, Fliegen zu fangen und sie den Ameisen zu verfüttern, ganz still und leise, ohne einen Laut. Aber wenn zu viele Mitschüler zu lange im Garten waren, ging es nicht mehr – der Lehrer rief dann laut aus der Studierstube:

„Wo sind denn alle hin?!"

Dann kamen sie einer nach dem anderen zurück; alle auf einmal zurückzukommen, ging auch nicht. Er besaß ein Straflineal, benutzte es aber selten; es gab auch die Regel des Strafkniens, doch auch die wandte er selten an. Gewöhnlich starrte er einen nur mit großen Augen an und rief laut:

„Lesen!"

Darauf lasen alle mit voller Kehle drauflos, ein wahrer Hexenkessel der Stimmen. Der eine las „Ist die Menschlichkeit fern? Begehr' ich die Menschlichkeit, so ist sie da", ein anderer las „Wer über die Zahnlücken anderer lacht, dem klafft das Hundeloch weit offen", wieder einer „Oben Neun, der verborgene Drache, handle nicht", ein anderer „Dieser Boden, zu unterst und zu oberst, mit Korrekturen, der Tribut an Strohbündeln, Schilf, Mandarinen und Pampelmusen" … Auch der Lehrer selbst las. Dann wurden unsere Stimmen leiser und leiser, nur er las noch laut weiter:

„Das eiserne Zepter, den Takt schlagend, so elegant – alle Anwesenden staunten, oh! Der goldene Becher, aus voller Brust getrunken, ah – tausend Becher, und nicht betrunken, ha! …"

Ich vermutete, dies sei ein außerordentlich guter Text, denn bei dieser Stelle begann er stets zu lächeln, hob den Kopf, wiegte ihn hin und her und lehnte sich weit nach hinten, immer weiter nach hinten.

Wenn der Lehrer ganz in seine Lektüre versunken war, kamen wir gut zurecht. Einige stülpten sich aus Papier gebastelte Rüstungen über die Fingerspitzen und spielten Theater. Ich zeichnete: Auf ein Papier namens „Jingchuan-Papier" legte ich es über die Holzschnittillustrationen in Romanen und pauste eine Figur nach der anderen ab, wie beim Nachschreiben von Schriftzeichen. Je mehr Bücher ich las, desto mehr zeichnete ich; die Bücher blieben ungelesen, doch die Zeichnungen waren ansehnlich – die größte Sammlung bildeten die Illustrationen aus den „Räubervernichtern" und der „Reise nach Westen", ein ganzes dickes Heft voll. Später verkaufte ich sie, weil ich Geld brauchte, an einen wohlhabenden Mitschüler, dessen Vater einen Zinnfolien-Laden betrieb; ich hörte, er sei inzwischen selbst Ladenbesitzer und stehe kurz davor, in den Stand eines Honoratioren aufzusteigen. Die Zeichnungen dürften längst verloren sein.

Am achtzehnten September.