Lu Xun Complete Works/de/Dixiong

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Brueder

弟兄 (Brothers)

von Lu Xun (鲁迅, 1881-1936)

Uebersetzt aus dem Chinesischen.


Abschnitt 1

[1924]

[Wieder einmal „seit alters her vorhanden"]

Herr Taiyan hat ploetzlich auf der Jahresversammlung der Gesellschaft zur Foerderung der Bildung von der Rednerbuehne herab „zum Studium der Geschichtswissenschaft aufgerufen", um „die nationale Eigenart zu bewahren" -- wahrlich mit grosser Leidenschaft. Doch er hat einen Vorteil zu erwaehnen vergessen: Wenn man sich der Geschichtswissenschaft widmet, kann man erfahren, dass vieles „seit alters her vorhanden" ist.

Herr Yiping hat sich wohl kaum der Geschichtswissenschaft gewidmet, weshalb er die Worte, man solle die uebermaessige Verwendung von Ausrufezeichen bestrafen, fuer „Humor" haelt. Sein Sinn ist wohl: Eine solche Bestrafung sei in der Welt ohne Beispiel. Doch wusste er nicht, dass dies „seit alters her vorhanden" ist.

Ich habe mich keineswegs der Geschichtswissenschaft gewidmet. Daher bin ich in der Geschichte wenig bewandert. Aber ich erinnere mich, dass in der Song-Dynastie, als man die Parteianhänger heftig verfolgte, vielleicht als man die Gelehrsamkeit der Yuanyou-Aera verbot -- da unter den Parteianhaengern etliche beruehte Dichter waren --, erstreckte sich der Zorn auch auf die Dichtkunst, und die Regierung erliess einen Befehl: Niemand darf Gedichte schreiben, Zuwiderhandlung wird mit zweihundert Stockhieben bestraft!

Und wir sollten beachten: Dabei wurde nicht einmal gefragt, ob der Inhalt pessimistisch oder optimistisch war -- selbst bei optimistischem Inhalt gab es trotzdem hundert Stockhiebe!

Damals war wohl tatsaechlich der Grund, dass Herr Hu Shi noch nicht geboren war, weshalb in den Gedichten keine Ausrufezeichen verwendet wurden. Haette man welche verwendet, waere es wohl auf tausend Stockhiebe hinausgelaufen; haette man sie gar unter „Ach" und „Oh weh" gesetzt, waere es ganz sicher auf zehntausend Hiebe hinausgelaufen; und mit dem zusaetzlichen Verbrechen „verkleintert wie Bakterien, vergroessert wie Kanonenkugeln" mindestens auf hunderttausend. Was Herr Yiping an einigen hundert Schlaegen und ein paar Jahren Haft vorschlaegt, ist eher zu mild; man koennte ihm Nachsicht vorwerfen. Doch ich weiss, wenn er ein Beamter wuerde, waere er sicher ein sehr milder „Vater und Mutter des Volkes" -- nur zum Studium der Psychologie eignet er sich nicht besonders.

Doch wie kam es, dass das Dichten wieder erlaubt wurde? Man sagt, weil der Kaiser zuerst ein Gedicht geschrieben hat, und dann fingen alle wieder an zu dichten.

Leider hat China keinen Kaiser mehr. Es fliegen nur Kanonenkugeln, die keineswegs verkleinert sind, am Himmel -- und wer sollte diese noch nicht vergroesserten Kanonenkugeln benutzen?

Oh weh! Ihre Majestaeten, die Kaiser der noch mit Kaisern gesegneten grossen Reiche, schreiben Sie doch ein paar Gedichte und verwenden Sie einige Ausrufezeichen, damit die Dichter unseres bescheidenen Landes nicht leiden muessen! Ach!!!

Das ist die Stimme eines Sklaven, so werden die Patrioten wohl sagen.

In der Tat, das stimmt. Vor dreizehn Jahren war ich tatsaechlich Sklave eines fremden Volkes. Die nationale Eigenart ist bewahrt geblieben, weshalb es „heute noch vorhanden" ist. Und da ich nicht sehr an den Fortschritt der Geschichte glaube, befuerchte ich auch, dass es „kuenftig noch vorhanden" sein wird. Die alte Art wird sich immer zeigen. Gibt es nicht jetzt schon einige junge Shanghaier Kritiker, die dort die „Kontrolle der Literaten" fordern und verbieten wollen, „Blumen, ach!" und „Meine Liebe, ach!" zu verwenden? Aber eine „Stock-Verordnung" haben sie noch nicht erlassen.

Wenn man sagt, dass das Fehlen einer „Stock-Verordnung" im Vergleich zur Song-Dynastie einen Fortschritt darstellt: Dann kann ich mich auch als fortgeschritten betrachten -- vom Sklaven eines fremden Volkes zum Sklaven des eigenen Volkes. Euer Diener ist ueberwaeltigt vor Freude und Dankbarkeit!

(Veroeffentlicht am 28. September 1924 in der Beilage der Pekinger „Chenbao" [Morgenzeitung].)

[Hoeheres Leben -- Multatuli (Niederlande)]

I

Hoch, hoch oben am Himmel kreiste ein Schmetterling. Er war stolz auf seine Schoenheit und seine Freiheit und genoss vor allem den Ausblick auf alles, was unter ihm lag.

„Kommt herauf, hier herauf!" rief er laut seinen Bruedern zu, die unten um die Baeume auf der Erde herumflatterten.

„Ach nein, wir saugen Nektar und bleiben hier unten!"

„Wenn ihr wuesstet, wie schoen es hier oben ist! Man sieht alles! Oh, kommt doch, kommt!"

„Gibt es dort oben auch Blumen, aus denen man Nektar saugen kann, der uns ernaehrt?"

„Man kann von hier alle Blumen sehen, und dieser Genuss..."

„Hast du dort oben Nektar?"

Nein, das stimmte, Nektar gab es dort oben nicht!

Der Widerspruch erschoepfte den armen Schmetterling dort unten...

Doch er wollte am Himmel bleiben.

Er fand es schoen, alles ueberblicken zu koennen, alles im Blick zu haben.

Doch der Nektar... Nektar? Nein, Nektar gab es dort oben nicht.

Er wurde schwach, der arme Schmetterling. Sein Flugelschlag wurde nur traeger. Er sank nach unten, und sein Gesichtskreis schrumpfte nur...

Aber er kaempfte noch...

Nein, es ging nicht mehr, er sank!...

„Ach, endlich kommst du zu uns," riefen die Brueder. „Was haben wir dir gesagt? Komm jetzt und sauge Nektar wie wir. Wir kennen uns in den Blumen aus!"

Die Brueder riefen so und waren zufrieden, weil sie recht hatten, und nicht nur, weil sie die Schoenheit dort oben nicht brauchten.

„Komm und sauge Nektar wie wir!"

Der Schmetterling sank nur immer tiefer... er wollte noch... hier war ein Blumenbeet... erreichte er es?... Er sank nicht mehr... er fiel! Er fiel neben das Blumenbeet, auf den Weg, auf die Fahrbahn...

Dort wurde er von einem Esel zertreten.

II

Hoch, hoch oben am Himmel kreiste ein Schmetterling. Er war stolz auf seine Schoenheit und seine Freiheit und genoss vor allem den Ausblick auf alles, was unter ihm lag.