Lu Xun Complete Works/de/Fen
Graeber (坟)
Lu Xun
Abschnitt 1
【Der Vater】
M. Sorokow
Die Sonne blinzelte nur noch schwach hinter den graugrünen Büschen am Rand des Kosakendorfes. Nicht weit vom Dorf lag die Fähre, mit der ich ans andere Ufer des Don übersetzen musste. Ich ging über den feuchten Sand, aus dem ein fauliger Geruch aufstieg, wie von durchnässtem, morschem Holz. Der Weg schlängelte sich wie wirre Hasenspuren aus dem Gebüsch heraus. Die geschwollene, feuerrote Sonne war bereits hinter dem Friedhof jenseits des Dorfes versunken. Hinter mir schritt durch die dürren Sträucher die graue, weite Dämmerung.
Die Fähre war am Ufer festgemacht; hellviolettes Wasser glitzerte darunter. Das Ruder hüpfte leise, drehte sich zur Seite, und die Dolle quietschte.
Der Fährmann schabte mit einer Schöpfkelle das bemooste Boot aus und schüttete das Wasser nach draußen. Er hob den Kopf, musterte mich mit gelblichen, schiefen Augen und fragte unwillig, fast schimpfend:
»Wollen Sie übersetzen? Geht sogleich los, ich mache gleich die Leine los.«
»Können wir zu zweit schon ablegen?«
»Was bleibt uns übrig. Gleich wird es Nacht. Wer weiß, ob noch jemand kommt.« Er krempelte die Hosenbeine hoch, warf mir noch einen Blick zu und sagte:
»Sie scheinen ein Fremder zu sein, nicht von hier. Woher kommen Sie denn?«
»Ich komme aus dem Lager zurück.«
Der Mann legte seine Mütze ins Boot, schüttelte den Kopf, strich sich das schwarze, silbrig schimmernde Haar zurück wie kaukasisches Silber, zwinkerte mir zu und entblößte seine verdorbenen Zähne:
»Haben Sie Urlaub, oder ist es so eine Sache — heimlich?«
»Ich bin aus dem Dienst entlassen. Meine Dienstzeit ist abgelaufen.«
»Oh … oh. Dann können Sie es sich also gemütlich machen …«
Wir begannen zu rudern. Doch der Don trieb, wie zum Scherz, unser Boot immer wieder in die frischen Bäume des überschwemmten Uferwaldes hinein. Das Wasser schlug gegen den brüchigen Kiel und gab deutliche Geräusche von sich. Die nackten Füße des Fährmanns, von blauen Adern durchzogen, glichen Bündeln grober Muskeln. Die vor Kälte blau angelaufenen Sohlen hielten sich zäh auf den glitschigen Querbalken fest; die Arme waren lang und kräftig, die Fingerknöchel knorrig hervorstehend. Er war mager, schmalschultrig, gebeugt und ruderte mit zäher Ausdauer, doch das Ruder durchschnitt geschickt den Wellenkamm und tauchte tief ins Wasser ein.
Ich hörte den gleichmäßigen, mühelosen Atem des Mannes. Von seinem Wollpullover strömte ein stechender Geruch von Schweiß und Tabak und dem faden Geruch des Wassers. Plötzlich ließ er das Ruder los, drehte sich zu mir um und sagte:
»Sieht so aus, als kämen wir nicht durch. Wir werden hier im Wald eingequetscht. Verflucht!«
Eine Sturzwelle schlug das Boot gegen einen steilen Felsen. Es schlug mit dem Heck wild aus und trieb dann, schräg geneigt, in den Wald hinein.
Nach einer halben Stunde saßen wir fest zwischen den Bäumen des überfluteten Waldes. Das Ruder war gebrochen. An der Dolle baumelten die zersplitterten Reste. Durch ein Loch im Bootsboden strömte das Wasser herein. Wir mussten die Nacht auf den Bäumen verbringen. Der Fährmann klammerte sich mit den Beinen an einen Ast, hockte neben mir, rauchte seine Pfeife und plauderte, während er dem Flügelschlag der Wildgänse lauschte, der die breiige Dunkelheit über uns durchschnitt.
»Hm, hm, du fährst also nach Hause; die Mutter wartet schon, sie weiß es: der Sohn ist zurück, ihr Ernährer ist zurück; ihr altes Herz wird warm werden. Ja … Aber du weißt sicher auch, sie, deine Mutter, sorgt sich tagsüber um dich, nachts vergießt sie bittere Tränen, und sie rechnet sich das gar nicht an … So sind sie alle, wenn es um ihre geliebten Söhne geht: so sind sie alle … Wenn ihr nicht selbst Kinder aufgezogen hättet, würdet ihr nie erfahren, was das Herz eurer Eltern leidet. Aber wer Mutter oder Vater ist, muss so viel für die Kinder erdulden!
Es kann so kommen: Beim Ausnehmen des Fisches zerreißt die Frau die Gallenblase. Dann schöpfst du die Fischsuppe und kannst sie vor Bitterkeit nicht trinken. So geht es auch mir. Ich lebe, aber ich muss große Bitternis schlucken. Ich halte aus, ich harre aus, aber ich denke auch immer wieder: ›Leben, Leben, wann wird dieses verdammte Leben endlich ein Ende haben?‹
Du bist kein Hiesiger, du bist ein Fremder. Sag du mir, ob ich mir nicht besser einen Strick um den Hals legen sollte.
Ich habe ein Mädchen; sie heißt Natascha. Sie ist sechzehn. Sechzehn. Sie hat zu mir gesagt: ›Papa, ich will nicht mit dir am selben Tisch essen. Wenn ich deine Hände sehe‹, hat sie gesagt, ›dann denke ich daran, dass du mit diesen Händen meinen Bruder getötet hast, und mir wird ganz elend.‹
Aber für wen habe ich das alles getan? Das weiß die Dumme nicht. Es war für sie, für die Kinder.
Ich hatte schon früh geheiratet; Gott gab mir eine Frau, die Kinder bekam wie ein Kaninchen. Acht Esser schenkte sie mir, beim neunten war auch sie am Ende. Die Geburt ging gut, aber am fünften Tag starb sie am Fieber. Ich war allein. Was die Kinder angeht — Gott rief keines ab, sosehr ich auch flehte … Mein ältester Sohn hieß Iwan. Er kam nach mir: schwarzhaarig, regelmäßige Züge. Ein tüchtiger Kosak, fleißig bei der Arbeit. Der andere Junge war vier Jahre jünger als Iwan. Kam nach der Mutter. Kleinwüchsig, aber dickbäuchig. Hellblondes Haar, fast weiß, graublau die Augen. Er hieß Danilo, und er war mein liebstes Kind. Die anderen sieben — die Älteste war ein Mädchen, die Übrigen alles Würmer …
Für Iwan fand ich im Dorf eine Frau, und er bekam auch gleich einen kleinen Kerl. Für Danilo suchte ich gerade eine standesgemäße Partie, doch da brach die unruhige Zeit herein. In unserem Kosakendorf erhob sich alles gegen die Sowjetmacht. Da stürmte Iwan zu mir: ›Vater‹, sagte er, ›komm mit, wir gehen zur Roten Armee! Bei Christi Namen bitte ich dich! Wir müssen der Roten Armee helfen, denn sie ist die gerechte Macht.‹
Auch Danilo wollte mich umstimmen. Lange flehten sie mich an, redeten mir zu. Aber ich sagte ihnen: ›Ich zwinge euch zu nichts. Ihr wollt dorthin gehen — geht. Aber ich bleibe hier. Außer euch habe ich noch sieben Mäuler, und jedes will gefüttert werden.‹
So verließen sie das Haus. Im Dorf bewaffneten sich alle. Jeder nahm, was er hatte. Aber sie holten auch mich: An die Front! Auf der Versammlung sagte ich:
›Dorfleute, Onkel, ihr wisst, ich bin ein Familienvater. Sieben Kinder liegen bei mir daheim auf der Pritsche — wenn ich sterbe, wer kümmert sich um meine Kinder?‹
Ich sagte alles, was ich zu sagen hatte, aber es nützte nichts. Keiner hörte hin, sie zerrten mich an die Front.
Die Stellung war nicht weit von unserem Dorf.
Eines Tages, just am Vorabend von Ostern, wurden neun Gefangene eingebracht. Unter ihnen war Daniluschka, mein geliebter Sohn. Man trieb sie über den Marktplatz zum Offizier. Die Kosaken liefen aus allen Häusern herbei — Gott erbarme sich.
›Die müssen totgeschlagen werden, diese Schwächlinge! Wenn man sie nach dem Verhör zurückbringt, kümmern wir uns nicht drum, wir zeigen es ihnen erst mal!‹
Ich stand da, die Knie zitterten mir, aber ich ließ mir nicht anmerken, dass mir wegen meines Sohnes Danilo das Herz pochte. Ich sah, wie die Kosaken tuschelten und mit den Köpfen auf mich deuteten. Da rannte der Wachtmeister Jalkescha auf mich zu: ›Wie ist es, Mitschischara, wenn wir die Kommunisten erledigen, bist du dabei?‹
›Natürlich bin ich dabei, diese Banditen!‹ sagte ich.
›Dann nimm das Gewehr und stell dich hier auf, an diesen Eingang.‹
Darauf sah er mich so an: ›Wir behalten dich im Auge, Mitschischara, nimm dich in Acht, Freund — vielleicht hältst du es nicht aus.‹
Da stand ich vor der Tür, und in meinem Kopf drehte sich nur dies: ›Heilige Mutter, heilige Maria, muss ich wirklich meinen eigenen Sohn töten?‹
Im Büro wurde es lauter. Die Gefangenen wurden herausgeführt. Danilo war der Erste. Als ich ihn sah, wurde mir eiskalt am ganzen Leib. Sein Kopf war aufgequollen wie ein Fass, die Haut aufgeplatzt. Geronnenes Blut quoll ihm übers Gesicht. Im Haar klebte ein dicker Wollhandschuh. Nach dem Prügeln hatten sie damit die Wunde verstopft. Der Handschuh war blutgetränkt, getrocknet, und klebte noch immer im Haar. Man hatte sie offenbar auf dem Weg ins Dorf zugerichtet. Mein Danilo taumelte die Veranda herunter. Als er mich sah, breitete er die Arme aus. Er wollte mir ein Lächeln zeigen, doch seine Augen waren dunkel und eingefallen, eines ganz von geronnenem Blut verklebt.
Ich wusste genau: Wenn ich ihm nicht auch einen Schlag versetze, würden die Dorfleute mich sofort töten. Meine Kinder würden zu Waisen, einsam und verlassen auf Gottes weiter Welt.
Als Danilo die Stelle erreichte, wo ich stand, sagte er: ›Papa — Papachen, leb wohl.‹ Tränen liefen ihm übers Gesicht und wuschen das Blut ab. Und ich … ich konnte den Arm nicht heben, so schwer war er. Wie ein Holzstamm. Das aufgepflanzte Bajonettgewehr lag quer auf meinem Arm und drängte, und ich schlug meinen Jungen mit dem Gewehrkolben … Ich traf ihn hier … über dem Ohr … Er schrie auf: ›Uu-uh — uu-uh —‹, presste die Hände vors Gesicht und fiel hin.
Meine Kosaken lachten laut: ›Schlag zu, Mitschischara, schlag zu, du trauerst wohl um deinen Danilo, schlag zu, sonst lassen wir dein Blut ab.‹
Der Offizier trat an das Tor, dem Anschein nach um alle zurechtzuweisen. Aber seine Augen lachten.
Da stürzten sich die Kosaken auf die Gefangenen und gingen mit den Bajonetten ans Werk. Mir wurde schwarz vor Augen, ich rannte davon, rannte einfach die Straße entlang. Aber ich sah noch, wie sie meinen Danilo am Boden hin und her traten. Der Wachtmeister stieß ihm die Schwertspitze in die Kehle. Danilo röchelte nur noch: ›Kch-kch …‹«
Unter dem Druck des Wassers knirschten die Bootsplanken, und die Haselnussbäume unter uns ächzten langgezogen.
Mitschischara hakte mit dem Fuß den vom Wasser hochgedrückten Kiel und klopfte die Asche aus der Pfeife, während er sagte:
»Unser Boot sinkt. Wir müssen hier auf den Bäumen sitzen bleiben, bis morgen Mittag. So ein Pech!«
Er schwieg lange. Dann begann er wieder mit jener leisen, dumpfen Stimme:
»Wegen dieser Sache haben sie mich zur höheren Gendarmerie geschickt. — Inzwischen ist viel Wasser den Don hinuntergeflossen, aber nachts höre ich immer noch etwas, als ob jemand keucht, als ob jemand erstickt, als ob man jemanden erdrosselt. Genau wie das Keuchen meines Danilo damals, als ich wegrannte.
So quält es mich, mein Gewissen.«
»Wir standen der Roten Armee gegenüber, bis zum Frühling. Dann kam General Sekretjew dazu, und wir trieben sie weit über den Don zurück, bis in die Provinz Saratow.
Obwohl ich Familienoberhaupt war, hatte ich es als Soldat schwer, eben weil meine beiden Söhne bei der Roten Armee waren.
Wir erreichten die Stadt Balaschjow. Von meinem ältesten Sohn Iwan hatte ich nichts gehört, nichts erfahren. Doch unter den Kosaken kam plötzlich ein Gerücht auf — der Teufel weiß, woher — dass Iwan von der Roten Armee gefangengenommen und zum sechsunddreißigsten Kosakenschwadron gebracht worden sei.
Meine Dorfleute schrien: ›Holen wir Wanka, den müssen wir selbst erledigen.‹
Wir kamen in ein Dorf, und siehe da, das sechsunddreißigste Schwadron lag gerade dort. Sie packten sofort meinen Wanka, fesselten ihn und schleppten ihn ins Büro. Dort verprügelten sie ihn erst gründlich, dann sagten sie mir:
›Bring ihn zum Regimentsstab!‹
Von diesem Dorf bis zum Stab waren es zwölf Werst. Unser Hundertschaftsführer gab mir den Begleitschein und sagte — ohne mich dabei anzusehen:
Abschnitt 2
Wenn es darum geht, anderen den Weg zu weisen, ist es umso schwieriger, denn ich selbst weiß noch nicht, wie man gehen soll. In China gibt es wohl einige "Vorgänger" und "Lehrmeister" der Jugend, doch ich bin keiner von ihnen, und ich glaube auch nicht an sie. Eines nur weiß ich mit Gewissheit als Endpunkt: das Grab. Doch das weiß jeder, dafür bedarf es keiner Führung. Die Frage liegt im Weg von hier bis dorthin. Natürlich gibt es nicht nur einen einzigen, und ich weiß wahrlich nicht, welcher der bessere ist, obwohl ich zuweilen noch immer suche. Beim Suchen aber fürchte ich, dass meine unreifen Früchte ausgerechnet diejenigen vergiften, die meine Früchte bevorzugen, während die sogenannten "ehrbaren Herren", die mich verachten, allesamt munter und gesund bleiben. Deshalb spreche ich oft zwangsläufig vage, halte inne, und denke im Stillen: Für die Leser, die meine Werke bevorzugen, wäre vielleicht das Beste, ihnen ein "Nichts" zu schenken. Die Druckauflagen meiner Übersetzungen und Schriften betrugen anfangs tausend Exemplare, dann fünfhundert mehr, neuerdings zwei- bis viertausend. Jede Steigerung begrüße ich natürlich, denn sie bringt Geld ein, doch sie wird auch von Trauer begleitet, aus Angst, den Lesern zu schaden. Daher werde ich beim Schreiben immer vorsichtiger, immer zögerlicher. Manche meinen, ich schriebe aus dem Stegreif und spräche mein Herz aus; dem ist keineswegs so, meine Bedenken sind nicht gering. Ich weiß längst, dass ich weder ein Krieger noch ein Vorläufer bin, und habe doch so viele Bedenken und Erinnerungen. Ich erinnere mich noch: Vor drei oder vier Jahren kam ein Student, um mein Buch zu kaufen; er holte das Geld aus der Tasche und legte es in meine Hand, und das Geld trug noch seine Körperwärme. Diese Wärme hat sich meinem Herzen eingebrannt; bis heute, wenn ich schreiben will, lässt sie mich oft fürchten, diese Art von Jugend zu vergiften, und ich zögere, die Feder anzusetzen. Die Tage, an denen ich ohne jedes Bedenken spreche, werden wohl kaum noch kommen. Doch manchmal denke ich auch: Eigentlich wäre es gerade das Rücksichtslose, das diesen Jungen gerecht würde. Aber bis heute habe ich mich dazu nicht entschlossen.
Was ich heute zu sagen habe, ist nicht mehr als dies, und doch kann es, vergleichsweise, als wahrhaftig gelten. Im Übrigen noch eine kleine Nachbemerkung.
Ich erinnere mich, dass die Anfänge der Propagierung der Umgangssprache von allen Seiten heftig angegriffen wurden. Später setzte sich die Umgangssprache allmählich durch, unaufhaltsam, und einige Leute schrieben sich die Verdienste zu und verliehen dem Ganzen den schönen Namen "Bewegung für eine neue Kultur". Wieder andere meinten, die Umgangssprache könne durchaus für volkstümliche Zwecke dienen; noch andere sagten, wer gut in der Umgangssprache schreiben wolle, müsse nach wie vor die alten Bücher lesen. Die erste Gruppe hat längst zum zweiten Mal umgesteuert und verspottet nun ihrerseits die "neue Kultur"; die beiden letzteren sind halbherzige Kompromissler, die nur hoffen, die Leiche noch ein paar Tage länger aufzubahren, und bis heute sind es nicht wenige. Ich habe sie in meinen kritischen Notizen angegriffen.
Kürzlich sah ich eine in Shanghai erscheinende Zeitschrift, die ebenfalls behauptete, man müsse gute klassische Prosa lesen, um gute Umgangssprache zu schreiben, und unter den als Beweis angeführten Namen war einer: meiner. Das versetzte mir wahrlich einen Schauer. Von anderen will ich nicht reden; was mich selbst betrifft, so habe ich tatsächlich viele alte Bücher gelesen, das stimmt, und des Unterrichtens wegen lese ich sie bis heute noch. Daher sickern, durch Sehen und Hören aufgenommen, deren Wendungen und Strukturen zwangsläufig in meine Umgangssprache ein. Doch gerade darunter leide ich: dass ich diese alten Gespenster auf dem Rücken trage und nicht abschütteln kann, und ständig eine beklemmende Schwere empfinde. Auch im Denken -- wie sollte ich nicht etwas vom Gift Zhuangzis und Han Feis abbekommen haben, mal nachlässig, mal schneidend streng. Die Bücher von Konfuzius und Menzius habe ich am frühesten und gründlichsten gelesen, doch sie scheinen mich seltsamerweise nichts anzugehen. Zum großen Teil wohl auch aus Faulheit, tröste ich mich oft damit, dass sich in jeder Verwandlung gewisse Übergangsgebilde finden. Zwischen Pflanzen und Tieren, zwischen Wirbellosen und Wirbeltieren gibt es Übergangsformen; man könnte geradezu sagen: In der Kette der Evolution ist alles Übergangsgebilde. Als man anfing, die Schriftsprache zu reformieren, da gab es natürlich einige halb fertige Autoren; das konnte gar nicht anders sein, und es musste so sein. Ihre Aufgabe war es, nach einiger Wachsamkeit einen neuen Ton anzuschlagen; und weil sie aus der alten Festung kamen, sahen sie die Lage klarer und konnten sich umwenden und zuschlagen und den starken Feind leichter tödlich treffen. Aber sie sollten dennoch mit der Zeit vergehen, allmählich verschwinden; höchstens ein Holzstück, ein Stein in einer Brücke sein, keineswegs ein Ziel oder Vorbild für die Zukunft. Die Nachfolgenden sollten anders sein; selbst wenn sie nicht von Natur aus Heilige sind, lassen sich eingewurzelte Gewohnheiten natürlich nicht plötzlich abschütteln, doch es muss mehr neuen Geist geben. Was die Schrift betrifft, braucht man nicht mehr in alten Büchern seinen Lebensunterhalt zu suchen, sondern die Lippen und Zungen der lebenden Menschen als Quelle zu nehmen, damit die Prosa der gesprochenen Sprache näher kommt, lebendiger wird. Was die Dürftigkeit und den Mangel der heutigen Volkssprache betrifft, wie man ihr abhelfen und sie bereichern kann, das ist ebenfalls ein großes Problem; vielleicht muss man auch aus der alten Literatur einiges Material entnehmen, aber das liegt nicht im Bereich dessen, was ich jetzt sagen will, und soll hier unerörtert bleiben.
Ich glaube, wenn ich mich sehr anstrengen würde, könnte ich wohl die Umgangssprache umfassend aufnehmen und meine Prosa reformieren. Doch aus Faulheit und Geschäftigkeit habe ich es bis heute nicht getan. Ich vermute oft, dass dies viel damit zu tun hat, dass ich alte Bücher gelesen habe, denn ich spüre, dass die abscheulichen Gedanken, die die Alten in Büchern niedergeschrieben haben, auch oft in meinem Herzen leben; ob ich mich plötzlich aufraffen kann, dafür habe ich keinerlei Gewähr. Ich verfluche diese Gedanken oft und hoffe auch, dass sie bei der kommenden Jugend nicht mehr anzutreffen sein werden. Als ich letztes Jahr vorschlug, die Jugend solle weniger, oder überhaupt keine chinesischen Bücher lesen, war das eine mit viel Leid erkaufte wahre Aussage, keineswegs ein flüchtiger Spaß oder Scherz, keine aufbrausende Rede. Die Alten sagten, wer keine Bücher liest, wird zum Dummkopf; das stimmt natürlich auch. Doch die Welt wird gerade von Dummköpfen gemacht; die Klugen können die Welt nicht erhalten, erst recht nicht die klugen Chinesen. Und jetzt? Von den Gedanken ganz zu schweigen: Selbst im Stil pflücken viele junge Autoren wieder schöne, aber schwer verständliche Wendungen aus der klassischen Prosa und Dichtung, als Zaubertuch, um ihre eigenen Werke aufzuputzen. Ob dies mit der Empfehlung, klassische Texte zu lesen, zusammenhängt, weiß ich nicht, aber dass Restauration im Gange ist, und dass dies der versuchte Selbstmord der neuen Literatur ist, liegt auf der Hand.
Unglücklicherweise erscheint meine aus klassischer und umgangssprachlicher Prosa zusammengesetzte Sammlung gerade in dieser Zeit und wird den Lesern vielleicht einigen Schaden zufügen. Nur kann ich sie selbst noch nicht entschlossen genug vernichten; ich möchte durch sie noch eine Weile die Spuren des vergangenen Lebens betrachten. Ich wünsche mir nur, dass die Leser, die meine Werke bevorzugen, sie lediglich als ein Andenken betrachten und wissen, dass in diesem kleinen Grabhügel nichts als die Hülle eines einst Lebenden begraben liegt. Nach einigen weiteren Jahren wird auch sie zu Staub und Asche werden, und auch das Andenken wird aus der Menschenwelt verschwinden, und meine Angelegenheiten werden erledigt sein. Heute Vormittag las ich ebenfalls klassische Texte und erinnerte mich an einige Verse aus Lu Shihengs Trauerrede auf Cao Mengde, die ich als Schluss für diesen meinen Text heranziehe --
Dem Altertum nacheifernd, entsagte er dem Prunk,
Im Vertrauen auf schlichte Riten, wählte er bescheidenes Begräbnis.
Was sollen Pelz und Purpur ihm? Nur Staub und üble Rede Hinterließ er den späteren Herrschern.
Ach, wo große Anhänglichkeit waltet, Da vergisst selbst der Weise sie nicht.
Die hinterlassenen Schriften durchblätternd, voll leidenschaftlicher Bewegung, Bringe ich diesen Text dar -- und bin betrübt!
(11. November 1926, nachts. Lu Xun.)
【Die Geschichte vom Haar】
Eines Sonntagmorgens riss ich ein übernächtiges Kalenderblatt ab, sah auf das neue und sagte nach langem Betrachten:
"Ach, der zehnte Oktober -- heute ist ja das Doppel-Zehn-Fest. Hier ist es aber mit keinem Wort erwähnt!"
Ein älterer Herr, Herr N, kam gerade in meine Unterkunft, um zu plaudern. Als er das hörte, sagte er recht unzufrieden zu mir:
"Die haben recht! Sie erinnern sich nicht daran -- was machst du ihnen; du erinnerst dich daran -- was nützt es dir?"
Dieser Herr N hatte ohnehin ein etwas schrulliges Temperament; ständig regte er sich grundlos auf und sprach Dinge, die nicht weltgewandt waren. In solchen Momenten ließ ich ihn zumeist monologisieren, ohne ein Wort der Zustimmung; wenn er seinen Vortrag allein beendet hatte, war die Sache erledigt.
Er sagte:
"Was mich am meisten beeindruckt, ist die Situation zum Doppel-Zehn-Fest in Peking. Am Morgen kommt ein Polizist an die Tür und befiehlt: 'Flagge hissen.' 'Jawohl, Flagge hissen!' Aus den meisten Häusern schlurft träge ein Staatsbürger und hängt ein buntscheckiges Stück fremden Stoffs heraus. So geht es bis zum Abend -- Flagge eingeholt, Tür zu; einige, die es zufällig vergessen, lassen sie bis zum nächsten Vormittag hängen.
"Sie haben das Gedenken vergessen, und das Gedenken hat sie vergessen!
"Auch ich bin einer, der das Gedenken vergessen hat. Doch wenn ich mich erinnere, dann steigen mir die Geschehnisse um das erste Doppel-Zehn-Fest ins Bewusstsein und lassen mich nicht mehr ruhen.
"So viele Gesichter alter Bekannter schweben vor meinen Augen. Einige junge Leute rannten sich mehr als zehn Jahre lang die Hacken ab; im Dunkeln kostete eine einzige Kugel sie das Leben. Einige trafen nicht und erduldeten im Gefängnis über einen Monat lang qualvolle Folter. Einige trugen hohe Ziele im Herzen und verschwanden plötzlich spurlos, und nicht einmal ihre Leichen wusste man zu finden --
"Sie alle lebten ihr ganzes Leben unter dem Hohngelächter, den Beschimpfungen, der Verfolgung und den Fallen der Gesellschaft; und nun sind auch ihre Gräber längst im Vergessen allmählich eingesunken.
"Ich ertrage es nicht, an diese Dinge zu denken.
"Reden wir lieber von etwas Erfreulichem."
N zeigte plötzlich ein Lächeln, fuhr sich mit der Hand über den Kopf und rief laut:
"Am meisten freut es mich, dass ich seit dem ersten Doppel-Zehn-Fest auf der Straße gehe, ohne dass mich noch jemand auslacht oder beschimpft.
"Alter Freund, weißt du, dass das Haar für uns Chinesen Schatz und Fluch zugleich ist, und wie viele von Alters her wegen dieser wertlosen Sache gelitten haben!
"Unsere sehr alten Vorfahren nahmen das Haar anscheinend noch leicht. Nach dem Strafrecht war natürlich der Kopf das Wichtigste, daher war die Enthauptung die höchste Strafe; an zweiter Stelle standen die Geschlechtsorgane, daher waren Kastration und Einschließung ebenfalls furchtbare Strafen; was die Kahlscherung betrifft, so war sie ganz geringfügig. Doch wenn man darüber nachdenkt: Wie viele Menschen sind ihr ganzes Leben lang von der Gesellschaft mit Füßen getreten worden, nur weil sie einen kahlen Schädel trugen!
"Als wir von Revolution sprachen, redeten wir groß über die Zehn Tage von Yangzhou, das Massaker von Jiading -- in Wahrheit war das nur ein Mittel. Offen gesagt: Der Widerstand der Chinesen damals galt nicht dem Untergang des Reiches, sondern nur dem Zopftragen.
"Die Aufmüpfigen waren alle getötet, die Gestrigen alle gestorben, die Zöpfe längst eingewurzelt, da machten Hong und Yang wieder Aufruhr. Meine Großmutter sagte mir einmal: Damals war es schwer, ein einfacher Mann zu sein -- wer volles Haar trug, wurde von den Regierungstruppen getötet, und wer noch seinen Zopf hatte, wurde von den Langhaarigen getötet!
"Ich weiß nicht, wie viele Chinesen nur wegen dieses harmlosen Haares gelitten haben, gequält wurden, zugrunde gingen."
N blickte zur Zimmerdecke, schien nachzudenken, und fuhr fort:
"Wer hätte gedacht, dass das Leid wegen des Haares nun mich treffen würde.
"Als ich ins Ausland ging, um zu studieren, schnitt ich meinen Zopf ab; das hatte kein Geheimnis, es war nur, weil er zu unbequem war. Doch einige Kommilitonen, die ihren Zopf auf dem Kopf aufgewickelt trugen, verabscheuten mich daraufhin sehr, und der Aufseher geriet in großen Zorn und drohte, mir das Stipendium zu streichen und mich nach China zurückzuschicken.
"Wenige Tage später wurde diesem Aufseher selbst von Leuten der Zopf abgeschnitten, und er floh. Einer von denen, die schnitten, war Zou Rong, der Verfasser von 'Revolutionsarmee'; auch er konnte deshalb nicht mehr weiterstudieren, kehrte nach Shanghai zurück und starb später im Westgefängnis. Du hast ihn wohl auch längst vergessen?
"Nach einigen Jahren ging es meiner Familie viel schlechter; ohne eine Beschäftigung zu finden drohte mir der Hunger, und ich musste nach China zurückkehren. Kaum in Shanghai angekommen, kaufte ich einen falschen Zopf -- damals kostete er zwei Yuan -- und brachte ihn mit nach Hause. Meine Mutter sagte nichts dazu, doch die Nachbarn untersuchten als Erstes diesen Zopf; als sie herausfanden, dass er falsch war, lachten sie höhnisch und bezichtigten mich des Verbrechens, das die Enthauptung verdient. Ein Verwandter wollte sogar zur Behörde gehen und mich anzeigen, ließ es aber bleiben, weil er befürchtete, dass der Aufstand der Revolutionäre vielleicht doch Erfolg haben könnte.
"Ich dachte mir, das Falsche ist nicht so gut wie das Echte, direkt und klar, also ließ ich den falschen Zopf weg und ging im westlichen Anzug auf die Straße.
"Den ganzen Weg entlang Gelächter und Geschimpfe; manche liefen hinterher und schrien: 'Dieser Draufgänger!' 'Falscher ausländischer Teufel!'
"Da trug ich keine westliche Kleidung mehr, zog ein langes chinesisches Gewand an; da schimpften sie noch ärger.
"In dieser verzweifelten Lage kam mir ein Gehstock in die Hand; nachdem ich einige Male kräftig zugeschlagen hatte, hörten sie allmählich auf zu schimpfen. Nur an Orten, wo ich noch nicht zugeschlagen hatte, schimpften sie weiter.
"Diese Sache machte mich sehr traurig, und ich denke bis heute oft daran. Während meines Auslandsstudiums hatte ich in der Zeitung über die Reise eines Dr. Honda durch Südostasien und China gelesen. Dieser Doktor verstand weder Chinesisch noch Malaiisch; man fragte ihn, wie er denn reisen könne, ohne die Sprache zu verstehen. Er hob seinen Gehstock und sagte: 'Das ist ihre Sprache -- die verstehen sie alle!' Tagelang war ich darüber empört. Doch wer hätte gedacht, dass ich selbst, ohne es zu bemerken, dasselbe tat -- und jene Leute verstanden es auch. ...
"In den ersten Jahren der Xuantong-Ära war ich Studienaufseher an der örtlichen Mittelschule. Kollegen mieden mich so weit wie möglich, Beamte bewachten mich so streng wie möglich. Den ganzen Tag saß ich wie in einer Eiskammer, stand wie neben einem Richtplatz -- und das alles nur, weil mir ein Zopf fehlte!
"Eines Tages kamen plötzlich einige Schüler in mein Zimmer und sagten: 'Herr Lehrer, wir wollen unsere Zöpfe abschneiden.' Ich sagte: 'Das geht nicht!' 'Ist es besser, einen Zopf zu haben, oder keinen?' 'Keinen zu haben ist besser...' 'Warum sagen Sie dann, es geht nicht?' 'Es lohnt sich nicht. Ihr solltet besser nicht schneiden -- wartet noch.' Sie sagten nichts, gingen mit aufgeworfenen Lippen aus dem Zimmer; aber schließlich schnitten sie sie doch ab.
"Oh! Das war ein Skandal, die Leute redeten; ich tat nur so, als wüsste ich von nichts, und ließ sie mit kahlen Köpfen zusammen mit den vielen Zöpfen in den Unterricht gehen.
"Doch diese Zopfschneidekrankheit war ansteckend; am dritten Tag schnitten Schüler der Lehrerausbildungsanstalt plötzlich ebenfalls sechs Zöpfe ab, und am Abend wurden sechs Schüler entlassen. Diese sechs konnten nicht in der Schule bleiben und nicht nach Hause zurückkehren, und sie mussten bis zum ersten Doppel-Zehn-Fest und noch über einen Monat danach warten, ehe das Brandmal des Verbrechens verblasste.
"Und ich? Dasselbe. Nur im Winter des ersten Jahres der Republik bekam ich in Peking noch ein paarmal Schelte, doch dann wurden auch meinen Schmähern von der Polizei die Zöpfe abgeschnitten, und niemand beleidigte mich mehr. Allerdings bin ich nicht aufs Land gegangen."
N machte eine sehr zufriedene Miene, dann verdüsterte sich plötzlich sein Gesicht:
"Und jetzt schreit ihr Idealisten wieder über das Haareschneiden der Frauen, und wollt wieder viele Menschen erschaffen, die nichts gewinnen und nur leiden!
"Ist es nicht so, dass Frauen, die sich das Haar geschnitten haben, deshalb nicht in die Schule aufgenommen werden oder aus der Schule geworfen werden?
"Reform? Wo sind die Waffen? Arbeit und Studium? Wo sind die Fabriken?
"Lieber das Haar wieder wachsen lassen und als Schwiegertochter verheiratet werden: Alles zu vergessen ist noch Glück; wenn sie sich aber an Worte wie Gleichheit und Freiheit erinnert, wird sie ein ganzes Leben lang leiden!
"Ich möchte euch mit den Worten Arzybaschews fragen: Ihr habt den Kindern und Enkeln dieser Menschen die Ankunft des Goldenen Zeitalters versprochen -- aber was gebt ihr diesen Menschen selbst?
"Ach, solange die Peitsche des Schöpfers nicht Chinas Rücken trifft, wird China ewig dasselbe China bleiben und nicht freiwillig auch nur ein Haar ändern!
"Da ihr keine Giftzähne im Munde habt, warum klebt ihr euch 'Giftschlange' auf die Stirn und lockt die Bettler an, euch totzuschlagen? ..."
N wurde immer abwegiger; als er jedoch bemerkte, dass ich nicht sehr geneigt war zuzuhören, verstummte er sofort, stand auf und griff nach seinem Hut.
Ich sagte: "Du gehst?"
Er antwortete: "Ja. Es wird regnen."
Schweigend begleitete ich ihn zur Tür.
Er setzte den Hut auf und sagte:
"Auf Wiedersehen! Verzeiht mir die Störung. Zum Glück ist morgen nicht mehr das Doppel-Zehn-Fest; wir alle können es vergessen."
(Oktober 1920.)
【Der Passant】
Zeit:
Der Abend eines beliebigen Tages.
Ort:
Ein beliebiger Ort.
Personen:
Der Alte -- etwa siebzig Jahre, weißer Bart und weißes Haar, schwarze lange Robe.
Das Mädchen -- etwa zehn Jahre, dunkles Haar, schwarze Augen, weißes langes Gewand mit schwarzem Karomuster.
Der Passant -- etwa dreißig bis vierzig Jahre, Erscheinung erschöpft und trotzig, finsterer Blick, schwarzer Bart, wirres Haar, schwarze kurze Jacke und Hose beide zerlumpt, barfuß in zerschlissenen Schuhen, unter dem Arm eine Tasche, gestützt auf einen mannshohen Bambusstock.
Im Osten einige wirre Bäume und Trümmer; im Westen verlassenes, verfallenes Gestrüpp; dazwischen eine Spur, die wie ein Weg aussieht und doch keiner ist. Ein kleines Lehmhaus öffnet eine Tür zu dieser Spur; neben der Tür ein Stumpf eines dürren Baumes.
(Das Mädchen ist gerade dabei, den auf dem Baumstumpf sitzenden Alten aufzuhelfen.)
Der Alte -- Kind. He, Kind! Warum bleibst du stehen?
Das Mädchen -- (nach Osten blickend) Da kommt jemand. Lass mich mal schauen.
Der Alte -- Du brauchst nicht hinzuschauen. Hilf mir hinein. Die Sonne geht unter.
Das Mädchen -- Ich -- lass mich schauen.
Der Alte -- Ach, du Kind! Jeden Tag siehst du den Himmel, die Erde, den Wind -- ist das nicht schön genug? Nichts ist schöner als diese Dinge. Du willst durchaus jemanden sehen. Was bei Sonnenuntergang erscheint, bringt dir nichts Gutes ... Gehen wir lieber hinein.
Das Mädchen -- Aber er ist schon nahe. Oh, es ist ein Bettler.
Der Alte -- Ein Bettler? Eher nicht.
Abschnitt 3
(Der Passant taumelt aus den Sträuchern im Osten hervor, zögert einen Augenblick, nähert sich dann langsam dem Alten.)
Passant -- Guten Abend, alter Herr.
Alter -- Ah, guten Abend! Danke der Nachfrage. Und Sie?
Passant -- Alter Herr, ich bin wirklich so frei -- ich möchte Sie um einen Becher Wasser bitten. Ich bin vom Gehen furchtbar durstig. Hier gibt es weder einen Teich noch eine Pfütze.
Alter -- Hm, natürlich, natürlich. Setzen Sie sich doch. (Zum Mädchen) Kind, bring Wasser, und wasch den Becher sauber.
(Das Mädchen geht schweigend in die Lehmhütte.)
Alter -- Werter Gast, setzen Sie sich. Wie ist Ihr Name?
Passant -- Mein Name? -- Das weiß ich nicht. Seit ich mich erinnern kann, bin ich allein. Ich weiß nicht, wie ich eigentlich heiße. Unterwegs haben mich die Leute manchmal beliebig gerufen, auf die verschiedenste Art; ich kann mich auch nicht mehr erinnern, und dieselbe Anrede habe ich auch nie ein zweites Mal gehört.
Alter -- Aha. Und woher kommen Sie denn?
Passant -- (leicht zögernd) Das weiß ich nicht. Seit ich mich erinnern kann, bin ich so unterwegs.
Alter -- Verstehe. Darf ich Sie dann fragen, wohin Sie gehen?
Passant -- Natürlich dürfen Sie. -- Aber ich weiß es nicht. Seit ich mich erinnern kann, bin ich so unterwegs, will zu einem Ort gelangen, und dieser Ort liegt dort vorn. Ich weiß nur, dass ich schon viele Wege gegangen bin und jetzt hier angekommen bin. Von hier werde ich dorthin weitergehen -- (zeigt nach Westen) nach vorn!
(Das Mädchen bringt vorsichtig einen hölzernen Becher und reicht ihn hin.)
Passant -- (nimmt den Becher) Vielen Dank, Fräulein. (Trinkt das Wasser in zwei Zügen aus, gibt den Becher zurück.) Vielen Dank, Fräulein. Das ist eine wahrhaft seltene Güte. Ich weiß wirklich nicht, wie ich danken soll!
Alter -- Danken Sie nicht so. Es tut Ihnen nicht gut.
Passant -- Ja, es tut mir nicht gut. Doch nun habe ich ein wenig Kraft zurückgewonnen. Ich werde weiterziehen. Alter Herr, Sie leben wohl schon lange hier; wissen Sie, was dort vorne ist?
Alter -- Vorne? Vorne sind Gräber.
Passant -- (erstaunt) Gräber?
Mädchen -- Nein, nein, nein! Dort gibt es ganz viele wilde Lilien und wilde Heckenrosen; ich gehe oft hin zum Spielen und Schauen.
Passant -- (blickt nach Westen, ein leises Lächeln) Richtig. An jenen Orten gibt es viele wilde Lilien und wilde Heckenrosen; auch ich bin oft hingegangen zum Spielen und Schauen. Aber es sind Gräber. (Zum Alten) Alter Herr, und wenn man den Friedhof durchquert hat?
Alter -- Wenn man hindurch ist? Das weiß ich nicht. Ich bin nie hindurchgegangen.
Passant -- Sie wissen es nicht?!
Mädchen -- Ich weiß es auch nicht.
Alter -- Ich kenne nur den Süden, den Norden; den Osten, Ihren Herweg. Das ist der Ort, den ich am besten kenne, und vielleicht ist er für Leute wie Sie auch der beste. Nehmen Sie mir mein Gerede nicht übel, aber so erschöpft, wie Sie sind, wäre es doch besser umzukehren, denn ob Sie vorwärts zu Ende kommen können, ist ungewiss.
Passant -- Ungewiss, ob ich zu Ende kommen kann? ... (sinnend, fährt plötzlich auf) Das geht nicht! Ich muss weiter. Wenn ich dorthin zurückkehre, gibt es keinen Ort ohne Bezeichnungen, keinen Ort ohne Grundherren, keinen Ort ohne Vertreibung und Käfig, keinen Ort ohne oberflächliches Lächeln, keinen Ort ohne Tränen jenseits der Augenhöhlen. Ich verabscheue sie. Ich kehre nicht um!
Alter -- So stimmt das auch nicht. Du wirst auch Tränen aus tiefstem Herzen finden, die um deine Trauer fließen.
Passant -- Nein. Ich will ihre Herzenstränen nicht sehen, will nicht, dass sie um mich trauern!
Alter -- Dann musst du wohl (schüttelt den Kopf) weitergehen.
Passant -- Ja, ich muss weitergehen. Außerdem ruft mich ständig eine Stimme dort vorn, treibt mich an, lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Das Elend ist, dass meine Füße längst durchgelaufen sind, voller Wunden, und viel geblutet haben. (Hebt einen Fuß, um ihn dem Alten zu zeigen.) Deshalb reicht mein Blut nicht mehr; ich müsste Blut trinken. Aber wo ist Blut? Andererseits will ich auch niemandes Blut trinken. Also trinke ich nur Wasser, um mein Blut zu ergänzen. Unterwegs gibt es immer Wasser; ich habe eigentlich keinen Mangel gespürt. Nur ist meine Kraft zu dünn geworden -- weil zu viel Wasser im Blut ist, wohl. Heute bin ich nicht einmal auf eine kleine Pfütze gestoßen; das liegt wohl daran, dass ich weniger Weg zurückgelegt habe.
Alter -- Das muss nicht sein. Die Sonne ist untergegangen; ich denke, es wäre besser, eine Weile auszuruhen, so wie ich.
Passant -- Doch die Stimme dort vorn ruft mich zu gehen.
Alter -- Ich weiß.
Passant -- Sie wissen? Sie kennen diese Stimme?
Alter -- Ja. Sie hat, glaube ich, auch mich einmal gerufen.
Passant -- Ist es dieselbe Stimme, die mich jetzt ruft?
Alter -- Das weiß ich nicht. Sie hat nur ein paarmal gerufen; ich habe nicht auf sie gehört, und sie hat aufgehört zu rufen, und ich erinnere mich nicht mehr genau.
Passant -- Ach, nicht auf sie gehört ... (sinnend, fährt plötzlich erschrocken auf, lauscht) Nein! Besser, ich gehe. Ich kann nicht rasten. Nur meine Füße sind leider längst durchgelaufen. (Macht sich zum Gehen bereit.)
Mädchen -- Da! (Reicht ihm ein Stück Stoff.) Verbinde deine Wunden damit.
Passant -- Danke (nimmt es), Fräulein. Das ist wirklich ... Das ist wirklich eine äußerst seltene Güte. Damit kann ich noch viel weiteren Weg gehen. (Setzt sich auf einen zerbrochenen Ziegelstein, will den Stoff um den Knöchel wickeln.) Aber nein! (Steht mühsam auf.) Fräulein, nehmen Sie ihn zurück, ich kann ihn doch nicht umbinden. Außerdem kann ich für so viel Güte nicht danken.
Alter -- Danke nicht so; das tut dir nicht gut.
Passant -- Ja, das tut mir nicht gut. Aber für mich ist diese Gabe das Höchste. Sehen Sie, ob ich an meinem ganzen Körper so etwas habe?
Alter -- Nimm es nicht so ernst.
Passant -- Stimmt. Aber ich kann nicht. Ich fürchte, es würde so kommen: Wenn ich jemandes Gabe empfinge, würde ich wie ein Geier, der eine Leiche erblickt, in der Nähe umherstreifen und ihren Untergang herbeiwünschen, um ihn selbst zu sehen; oder ich würde alles außer ihr verfluchen und mich selbst dazu, denn ich verdiente den Fluch. Doch ich habe noch nicht diese Kraft; und selbst wenn ich sie hätte, wollte ich nicht, dass sie ein solches Schicksal erlitte, denn sie wollen wohl nicht ein solches Schicksal. Ich denke, das ist das Sicherste. (Zum Mädchen) Fräulein, dieses Tuch ist zu schön, aber ein wenig zu klein; nimm es zurück.
Mädchen -- (erschrocken, weicht zurück) Ich will es nicht mehr! Nimm es mit!
Passant -- (lächelt scheinbar) Oh oh ... weil ich es berührt habe?
Mädchen -- (nickt, zeigt auf die Tasche) Steck es da hinein, zum Spielen.
Passant -- (niedergeschlagen zurückweichend) Aber wenn ich das auf dem Rücken trage, wie soll ich dann gehen? ...
Alter -- Wenn du nicht rasten kannst, kannst du auch nichts tragen. -- Ruh dich eine Weile aus, dann ist nichts mehr dabei.
Passant -- Genau, ausruhen ... (sinnend, fährt plötzlich auf, lauscht) Nein, ich kann nicht! Besser, ich gehe.
Alter -- Willst du denn gar nicht rasten?
Passant -- Ich möchte rasten.
Alter -- Dann raste doch eine Weile.
Passant -- Aber ich kann nicht ...
Alter -- Findest du es also doch besser zu gehen?
Passant -- Ja. Es ist besser zu gehen.
Alter -- Dann geh eben.
Passant -- (richtet sich auf) Gut, ich nehme Abschied. Ich danke Ihnen sehr. (Zum Mädchen) Fräulein, dies gehört dir; bitte nimm es zurück.
(Das Mädchen erschrickt, zieht die Hände zurück, will sich in die Lehmhütte flüchten.)
Alter -- Nimm es mit. Wenn es zu schwer wird, wirf es einfach irgendwann auf dem Friedhof ab.
Mädchen -- (tritt vor) Oh, das geht nicht!
Passant -- Oh, das geht wirklich nicht.
Alter -- Dann häng es an die wilden Lilien, die wilden Heckenrosen.
Mädchen -- (klatscht in die Hände) Ha ha! Gut!
Passant -- Oh oh ...
(Ein ganz kurzer Moment der Stille.)
Alter -- Nun denn, auf Wiedersehen. Ich wünsche dir Frieden. (Steht auf, zum Mädchen) Kind, hilf mir hinein. Sieh, die Sonne ist längst untergegangen. (Wendet sich zur Tür.)
Passant -- Ich danke euch. Ich wünsche euch Frieden. (Zögert, sinnt, fährt plötzlich auf) Aber ich kann nicht! Ich muss weiter. Es ist besser, ich gehe ... (Hebt sofort das Haupt und schreitet entschlossen nach Westen.)
(Das Mädchen stützt den Alten und geht in die Lehmhütte; gleich darauf schließt sie die Tür. Der Passant taumelt in die Wildnis hinein; die Nacht folgt ihm.)
(2. März 1925.)
【Grabsteininschrift】
Ich träumte, ich stünde einem Grabstein gegenüber und läse die eingehauene Inschrift. Der Grabstein schien aus Sandstein gemacht; vieles war abgeblättert, Moos wucherte, nur wenige Zeilen waren erhalten --
"... Mitten im ekstatischen Gesang erkältete er sich; am Himmel erblickte er den Abgrund. In allen Augen sah er das Nichts; in der Hoffnungslosigkeit fand er Erlösung. ...
"... Es war ein schweifender Geist, verwandelt in eine lange Schlange, giftige Zähne im Maul. Nicht andere biss sie, sich selbst biss sie, bis sie daran zugrunde ging. ...
"... Geh fort! ..."
Ich ging um den Stein herum und erblickte erst da das einsame Grab, ohne Gras und Bäume, schon halb verfallen. Durch die große Lücke erspähte ich den Leichnam: Brust und Bauch aufgerissen, ohne Herz und Leber. Doch das Gesicht zeigte keinerlei Ausdruck von Trauer oder Freude, nur vernebelt, wie Rauch.
Voller Zweifel und Furcht kam ich nicht dazu, mich umzudrehen, doch ich hatte bereits die verbliebene Inschrift auf der Rückseite des Grabsteins gesehen --
"... Er riss sich das Herz heraus und aß es selbst, um den wahren Geschmack zu erfahren. Die Wunde schmerzte so grausam -- wie sollte er den wahren Geschmack kennen? ...
"... Als der Schmerz vorüber war, aß er es langsam. Doch sein Herz war schon alt geworden -- wie sollte er da noch den wahren Geschmack erfahren? ...
"... Antworte mir. Sonst geh fort! ..."
Ich wollte gerade gehen. Doch der Leichnam hatte sich im Grab bereits aufgesetzt, die Lippen unbewegt, und doch sprach er --
"Wenn ich zu Staub geworden bin, wirst du mein Lächeln sehen!"
Ich eilte davon, wagte mich nicht umzublicken, aus Furcht, ihn hinter mir zu sehen.
(17. Juni 1925.)
【In den blassen Blutspuren -- Zum Gedenken an einige Tote und Lebende und Ungeborene】
Der gegenwärtige Schöpfer ist noch ein Feigling.
Heimlich lässt er Himmel und Erde sich wandeln, wagt es aber nicht, diese Erde zu vernichten; heimlich lässt er die Lebewesen dahinschwinden, wagt es aber nicht, alle Leichen bestehen zu lassen; heimlich lässt er die Menschen bluten, wagt es aber nicht, die Farbe des Blutes ewig frisch zu erhalten; heimlich lässt er die Menschen leiden, wagt es aber nicht, die Menschen ewig daran erinnern zu lassen.
Er denkt nur an seinesgleichen -- die Feigen unter den Menschen -- und untermalt prächtige Häuser mit Ruinen und verwilderten Gräbern, lässt die Zeit Leid und Blutspuren verblassen. Tag für Tag schenkt er einen Becher bitter-süßen Weins ein, nicht zu wenig, nicht zu viel, gerade genug für einen leichten Rausch, und reicht ihn der Menschenwelt, damit die Trinker weinen können und singen, halb wach und halb trunken, halb wissend und halb unwissend, den Tod wünschend und doch das Leben. Er muss machen, dass alles auch leben will; er hat noch nicht den Mut, die Menschheit ganz auszulöschen.
Einige Ruinen und einige verwilderte Gräber liegen verstreut auf dem Boden, überglänzt von blassen Blutspuren, und alle kauen dazwischen an dem dumpfen, unbestimmten Leid der Anderen und ihrer selbst. Doch sie wollen es nicht ausspeien, denn sie halten es immer noch für besser als die Leere; ein jeder nennt sich "vom Himmel gestrafter Mensch", als Rechtfertigung für das Kauen am dumpfen Leid von sich und anderen, und wartet bangend und zitternd auf die Ankunft neuen Leids. Neues -- das macht ihnen Angst, und doch sehnen sie sich danach, ihm zu begegnen.
Das alles sind die braven Untertanen des Schöpfers. Genau das braucht er.
Der aufrührerische Recke erhebt sich unter den Menschen; er steht aufrecht, durchschaut alle vergangenen und gegenwärtigen Ruinen und verwilderten Gräber, erinnert sich an alles tiefe, weite und lang vergangene Leid, blickt allem vielschichtig angehäuften geronnenen Blut ins Auge, kennt zutiefst alles Gestorbene, gerade Geborene, Noch-zu-Gebärende und Ungeborene. Er hat das Spiel der Schöpfung durchschaut; er wird sich erheben, um die Menschheit zum Erwachen zu bringen -- oder die Menschheit gänzlich auszulöschen, diese braven Untertanen des Schöpfers.
Der Schöpfer, der Feigling, schämte sich und verbarg sich. Himmel und Erde änderten ihre Farbe in den Augen des Recken.
(8. April 1926.)
【1929】
【"Vorkämpfer der Revolutionsarmee" und "Zurückgebliebene"】
Bei der Westseemesse soll ein Museum für die Märtyrer eingerichtet werden, und man sammelt Reliquien. Das ist ein unverzichtbares Unternehmen; ohne die Märtyrer trügen wir vielleicht heute noch Zöpfe, geschweige denn diese Freiheit.
Doch unter den Gegenständen, die gesammelt werden, findet sich am Ende auch "die Schandgeschichte der Zurückgebliebenen" -- das ist doch etwas seltsam. Als wolle man, nachdem man dankbar des Ursprungs gedacht hat, noch einen Schluck schmutziges Wasser trinken und nach dem edlen Duft noch einen Hauch Gestank einatmen.
Und unter dem Verzeichnis der "Schandgeschichte der Zurückgebliebenen" findet sich "die Angelegenheit Zou Rongs" -- das ist noch seltsamer. Wenn der Druck keinen Fehler enthält und Zou Rong nicht eine andere Person ist, dann verhält sich die Sache, soweit ich weiß, ungefähr so:
Zur Zeit der Mandschu-Dynastie verfasste er ein Buch mit dem Titel "Revolutionsarmee", in dem er zur Vertreibung der Mandschu aufrief, weshalb er sich selbst als "Vorkämpfer der Revolutionsarmee, Zou Rong" bezeichnete. Später kehrte er aus Japan zurück, wurde in Shanghai verhaftet und starb im Westgefängnis; das war etwa im Jahr 1902. Natürlich verfocht er lediglich eine nationale Revolution und dachte noch nicht an eine Republik, geschweige denn an die Drei Volksprinzipien, und natürlich wusste er auch nichts vom Kommunismus. Aber das sollte man ihm verzeihen, denn er starb zu früh: Erst im Jahr nach seinem Tod wurde die Tongmenghui gegründet.
Es heißt, Dr. Sun Yat-sen habe ihn in seiner Autobiographie erwähnt. Die Herren, die das Verzeichnis erstellt haben -- warum schauen sie nicht in ihrer Freizeit einmal nach?
Die "Späteren Märtyrer" sind wirklich schnell vorangekommen: Was vor fünfundzwanzig Jahren geschah, ist ihnen bereits völlig unklar -- welch schöne Geschichte!
(17. Februar.)
【Vorwort zu "Sammlung moderner Kurzgeschichten der Welt"】
Schriften, die zum Denkmal einer ganzen Epoche werden, sind in der literarischen Welt selten; und wenn es sie gibt, sind neun von zehn umfangreiche Werke. Dass eine einzelne kurze Erzählung zum großen Palast wird, in dem der Zeitgeist wohnt, ist äußerst ungewöhnlich.
Doch bis heute hat neben der majestätischen, großartigen Denkmal-Literatur auch die Kurzgeschichte ihr volles Recht auf Existenz. Nicht nur stützen sich Großes und Kleines, Hohes und Niedriges gegenseitig; es ist auch so, als beträte man eine große Tempelanlage und sähe zunächst nur die großartige Gesamtheit, die einen blendet und den Geist fliegen lässt; betrachtet man dann ein geschnitztes Geländer, einen bemalten Sockel -- obwohl klein, gewinnt man doch ein klareres Bild, und überträgt man dies auf das Ganze, wird das Erlebnis umso greifbarer. Deshalb werden auch jene kleinen Dinge schließlich beachtet.
In der heutigen Umgebung sind die Menschen mit dem Lebensunterhalt beschäftigt und haben keine Muße für lange Werke -- das ist natürlich auch ein wichtiger Grund für die Blüte der Kurzgeschichte. In nur einem Augenblick kann man vom Teil aufs Ganze schließen, mit einem Blick den Geist erfassen; in wenigen Augenblicken erfährt man verschiedene Stile, verschiedene Autoren, verschiedene beschriebene Menschen, Dinge und Zustände -- der Gewinn ist nicht gering. Bequemlichkeit, leichte Machbarkeit, Geschicklichkeit ... diese Gründe kommen noch hinzu.
Dass China von den großen Meisterwerken der Welt nur wenige Übersetzungen besitzt, aber besonders viele Kurzgeschichtenübersetzungen, hat wohl ebenfalls diesen Grund. Dass wir -- die Übersetzer -- dieses Buch zusammenstellen und drucken, hat eben diesen Grund. Die Schwäche, mit wenig Aufwand viel vorstellen zu wollen und sich nicht alle stumpfe Mühe zu geben, kann ich bei mir selbst wohl nicht leugnen. Doch es steckt auch ein wenig der Gedanke darin, dass man, wenn man auch nur eine Blume pflegen kann, ruhig verwesliches Gras sein darf, das beinahe nicht verfault. Außerdem sollen die verstreuten kleinen Stücke in einem Band versammelt werden, damit sie nicht so leicht verloren gehen.
Wir -- die Übersetzer -- sind alle Leute, die zugleich lernen und versuchen; selbst bei dieser kleinen Sache reichen unsere Kräfte noch nicht aus. Fehlgriffe in der Auswahl und Übersetzungsfehler sind gewiss unvermeidlich. Wir bitten die Leser und Kritiker um Korrekturen.
26. April 1929. Die Genossen der Zhaohua-Gesellschaft.
【Überblick über die gegenwärtige neue Literatur -- Vortrag am 22. Mai an der Yenching-Universität, Fachschaft Chinesische Literatur】
Seit über einem Jahr habe ich der Jugend kaum etwas gesagt, denn seit der Revolution ist der Weg der Meinungsäußerung sehr schmal geworden: Entweder gilt man als radikal oder als reaktionär -- beides nützt niemandem. Diesmal bin ich nach Beiping zurückgekehrt, und einige alte Bekannte baten mich, hierherzukommen und ein paar Worte zu sagen; ich konnte nicht ablehnen und kam also. Aber wegen allerlei Kleinigkeiten habe ich es am Ende nicht geschafft, mir zu überlegen, worüber ich eigentlich sprechen soll -- nicht einmal ein Thema habe ich.
Abschnitt 4
Das Thema wollte ich ursprünglich im Wagen festlegen, doch weil die Straße schlecht war und das Auto einen halben Meter hoch hüpfte, konnte ich nicht nachdenken. So empfand ich zufällig: Nimmt man von den auswärtigen Dingen nur ein Einzelnes, so taugt es nicht; hat man ein Auto, braucht man auch gute Straßen -- alles unterliegt dem Einfluss der Umgebung. Auch die Literatur -- die sogenannte neue Literatur in China, die sogenannte revolutionäre Literatur -- ist so.
Die chinesische Kultur, selbst der glühendste Patriot wird wohl kaum leugnen können, ist etwas zurückgeblieben. Alles Neue ist von außen eingedrungen. Kommen neue Kräfte, so begreift die Mehrheit nichts davon. Beiping ist noch nicht so weit; in Shanghai etwa, in den Konzessionen, stehen die Ausländer im Zentrum, darum herum ein Ring von Dolmetschern, Spitzeln, Polizisten, Boys und dergleichen, die Fremdsprachen können und die Konzessionsordnung kennen. Erst außerhalb dieses Rings findet man die vielen einfachen Leute.
Sobald ein einfacher Mann in die Fremdenstadt kommt, wird er die wahren Verhältnisse nie verstehen. Der Ausländer sagt "Yes", und der Dolmetscher übersetzt: "Er sagt, du sollst eine Ohrfeige kriegen." Der Ausländer sagt "No", und heraus kommt: "Er sagt, man soll dich erschießen." Will man solch grundloses Leid vermeiden, muss man zunächst mehr wissen und diesen Ring durchbrechen.
In der Literaturwelt ist es ebenso: Wir wissen viel zu wenig, und auch das Material, das unserem Wissen helfen könnte, ist zu gering. Liang Shiqiu hat seinen Babbitt, Xu Zhimo seinen Tagore, Hu Shi seinen Dewey -- ja, Xu Zhimo hat noch seine Katherine Mansfield; er war an ihrem Grab und hat geweint --, die Schöpfungsgesellschaft hat ihre revolutionäre Literatur, die gerade modische Literatur. Nur: Nachahmer und Produzenten gibt es genug, Forscher aber wenige. Bis heute wird man noch von den wenigen, die die Themen vorgeben, in einen Kreis eingeschlossen.
Alle Arten von Literatur entstehen als Reaktion auf die Umgebung. Die Verehrer der Kunst sagen zwar gern, die Kunst könne Stürme entfachen, doch in Wahrheit geht die Politik voraus und die Literatur wandelt sich danach. Zu meinen, die Kunst könne die Umgebung verändern, ist "idealistisches" Gerede; die Wirklichkeit tritt nicht so ein, wie die Literaten es sich vorstellen. Deshalb müssen bei einer großen Revolution die früheren sogenannten revolutionären Literaten erst untergehen; erst wenn die Revolution einige Ergebnisse zeitigt und man etwas Luft zum Atmen hat, entstehen neue revolutionäre Literaten. Warum? Weil kurz vor dem Zusammenbruch der alten Gesellschaft häufig scheinbar revolutionäre literarische Werke erscheinen, die in Wahrheit keine echte revolutionäre Literatur sind. Zum Beispiel: Manche verabscheuen die alte Gesellschaft, doch es bleibt beim Verabscheuen, ohne Ideal für die Zukunft. Manche rufen laut nach Umgestaltung der Gesellschaft, doch fragt man sie, welche Gesellschaft sie wollen, ist es eine unverwirklichbare Utopie. Manche leben gelangweilt und hoffen leer auf einen großen Umschwung als Stimulans, wie jemand, der satt gegessen hat und etwas Scharfes möchte. Und die Niedersten sind ursprünglich altmodische Figuren, die in der Gesellschaft gescheitert sind und nun ein neues Schild aufhängen wollen, um durch aufstrebende Kräfte eine bessere Stellung zu erlangen.
Dass Literaten, die auf die Revolution hoffen, nach ihrem Eintreffen verstummen, dafür gab es in China bereits Beispiele. Die Nanshe (Südgesellschaft) am Ende der Qing-Dynastie etwa war eine literarische Gruppe, die für die Revolution agitierte; sie beklagte die Unterdrückung der Han, empörte sich über die Grausamkeit der Mandschu und sehnte sich nach der "Wiederherstellung des Alten". Nach Gründung der Republik aber wurde es totenstill. Ich denke, das liegt daran, dass ihr Ideal nach der Revolution war, "die Würde der Han-Beamten wiederzusehen", mit hohen Mützen und weiten Gürteln. Doch so kam es nicht, weshalb alles schal wurde und sie nicht mehr zur Feder greifen mochten. Das russische Beispiel ist noch deutlicher: Am Anfang der Oktoberrevolution waren auch viele revolutionäre Literaten höchst erfreut, hießen den Sturm willkommen und wollten sich durch Donner und Blitz prüfen lassen. Doch dann brachte sich der Dichter Jessenin um, der Romancier Ssobol ebenfalls, und kürzlich hört man, der berühmte Romancier Ehrenburg sei etwas reaktionär geworden. Warum? Weil das, was von allen Seiten hereinbrach, kein Sturm war, und was sie prüfte, kein Donner und Blitz, sondern ganz nüchterne "Revolution". Die Träumereien zerschellten, und man konnte nicht mehr weiterleben. Da hatten es die Dichter früherer Zeiten besser, die glaubten, nach dem Tod fahre die Seele zum Himmel und esse neben Gott Kuchen -- denn sie starben, bevor sie ihr Ziel erreichten.
China hat angeblich ja schon eine Revolution gehabt -- politisch vielleicht, aber in der Literatur hat sich nichts verändert. Manche sagen: "Die kleinbürgerliche Literatur hebt den Kopf"; in Wahrheit gibt es gar keine kleinbürgerliche Literatur, nicht einmal einen "Kopf", geschweige denn ein "Heben". Nach meiner obigen Argumentation bedeutet das: Wenn die Literatur sich nicht wandelt und gedeiht, spiegelt sie wider, dass es keine Revolution und keinen Fortschritt gibt -- auch wenn Revolutionäre das nicht gern hören mögen.
Was die von der Schöpfungsgesellschaft propagierte, radikalere revolutionäre Literatur betrifft -- die proletarische Literatur --, so ist sie natürlich erst recht nur ein Stichwort. Wang Duqings Gedicht, in dem er aus der Shanghaier Konzession heraus den Guangzhouer Aufstand beobachtet -- hie verboten, da verboten --, mit seinem "Pong Pong Pong", wobei die Drucklettern immer größer werden, zeigt nur, dass er vom Kino-Vorspann und von Schanghaier Sojasoßen-Ladenschildern beeindruckt war und den Willen hatte, Bloks "Die Zwölf" nachzuahmen, nicht aber Kraft und Talent dazu. Guo Moruos "Eine Hand" wird von manchen als Meisterwerk gerühmt; doch der Inhalt -- ein Revolutionär verliert nach der Revolution eine Hand und kann mit der verbliebenen noch der Geliebten die Hand geben -- ist allzu geschickt "verloren". Von den fünf Gliedern und vier Extremitäten ist eine Hand wirklich das Geringste: Ein Bein wäre unbequem, der Kopf natürlich unmöglich. Sich nur darauf einzustellen, eine Hand zu verlieren, kann den Kampfesmut erheblich mindern; ich denke, was ein Revolutionär bereit ist zu opfern, ist gewiss mehr als nur das. "Eine Hand" ist immer noch die alte Melodie vom armen Gelehrten, der ins Unglück fällt und schließlich doch den ersten Preis gewinnt und Hochzeit feiert.
Doch all dies ist eben auch eine Spiegelung der chinesischen Verhältnisse. Auf dem Umschlag eines kürzlich in Shanghai erschienenen Buches über revolutionäre Literatur ist eine Stahlgabel abgebildet, entnommen dem Umschlag des "Symbols der Qual"; auf der mittleren Zinke ist ein Hammer montiert, entnommen der Sowjetflagge. Doch so zusammengefügt kann man damit weder stechen noch hämmern; es zeigt nur die Banalität dieses Autors -- und könnte geradezu als Wappen jener Literaten dienen.
Dass man von einer Klasse zur anderen übergeht, kann natürlich vorkommen; aber am besten sagt man geradeheraus, was man denkt, damit die Masse klar erkennt, wer Feind und wer Freund ist. Man soll nicht im Kopf allerlei alte Reste aufbewahren und sie absichtlich verbergen und wie ein Schauspieler auf die eigene Nase zeigen und sagen: "Nur ich bin ein Proletarier!" Da die Menschen heutzutage derart überreizt sind, dass sie beim Wort "Russland" beinahe in Ohnmacht fallen und bald nicht einmal mehr rote Lippen erlaubt sein werden, und sie vor jeder Veröffentlichung Angst haben; da die revolutionären Literaten sich weigern, mehr Theorien und Werke anderer Länder vorzustellen und nur auf die eigene Nase zeigen -- wird das am Ende so unverständlich sein wie das "Ausschimpfen auf kaiserlichen Befehl" der Qing-Zeit.
Für die Anwesenden muss "Ausschimpfen auf kaiserlichen Befehl" wohl noch erklärt werden. Das war unter der Kaiserherrschaft. Hatte ein Beamter einen Fehler begangen, musste er vor irgendeinem Tor knien, und der Kaiser schickte einen Eunuchen zum Beschimpfen. Zahlte man ein wenig, wurde man nur mit ein paar Sätzen bedacht; zahlte man nicht, schimpfte er von den Ahnen bis zu den Enkeln. Das galt als Schelte des Kaisers -- aber wer konnte den Kaiser fragen, ob er wirklich so schimpfen wollte? Letztes Jahr hieß es in einer japanischen Zeitschrift, Cheng Fangwu sei von den chinesischen Arbeitern und Bauern nach Deutschland geschickt worden, um Theaterwissenschaft zu studieren. Wir haben auch keine Möglichkeit nachzufragen, ob er wirklich so gewählt wurde.
Daher meine ich: Will man etwas klarer sehen, bleibt nur mein alter Rat: "Mehr ausländische Bücher lesen", um diesen einschließenden Kreis zu durchbrechen. Das ist für die Anwesenden keine große Mühe. Englische Bücher oder englische Übersetzungen über die neue Literatur -- auch wenn es nicht viele gibt --, die wenigen vorhandenen sind sicher zuverlässiger und solider. Liest man mehr Theorien und Werke anderer Länder und schätzt dann Chinas neue Literatur ein, wird man viel klarer sehen. Besser noch: sie nach China einzuführen. Übersetzen ist nicht leichter als beliebiges Schaffen, doch für die Entwicklung der neuen Literatur verdienstreicher und für alle nützlicher.
【"Kaiserliche Han-Medizin"】
Nach dem Erfolg der Revolution, als "Nationale Kampfkunst", "Nationale Technik", "Nationale Blume", "Nationale Medizin" alles in Aufruhr versetzten, soll nun auch die Übersetzung der "Kaiserlichen Han-Medizin" des Japaners Yumoto Kyūshin rechtzeitig erscheinen. Die Anzeige lautet:
"Dr. Yumoto Kyūshin, nach dem Abschluss an der Medizinischen Fachschule Kanazawa im 34. Jahr der Meiji-Ära, hat nach vielen Jahren Praxis erkannt, dass östliche und westliche Medizin jeweils Stärken und Schwächen haben und man vergleichen und das Beste wählen muss. So widmete er sich achtzehn Jahre lang dem Studium der Han-Medizin, sammelte die medizinischen Werke unseres Landes und die Forschungsergebnisse japanischer Gelehrter zur Han-Medizin und verfasste 'Die Kaiserliche Han-Medizin' mit über hundert Quellwerken im Literaturverzeichnis, wahrhaft eine großartige Übersicht ..."
Wir "Kaiserlichen Han"-Leute haben wirklich eigenartige Marotten: Wenn Ausländer unsere Schwächen erwähnen, wollen wir nichts hören; sagen sie Gutes, glauben wir es; wer Wissenschaft treibt, wird kaum erwähnt, aber wenn ein paar von Geistern und Göttern reden, werden sie vorgestellt. Dies ist genau so ein Fall: Die Absolventen der Medizinischen Fachschule Kanazawa zählen Tausende, westliche Mediziner darunter ein Dutzend, doch wir richten unsere Augen ausgerechnet auf die "Kaiserliche Han-Medizin" des Herrn Yumoto, der ins "Buch der Einzigartigen" gehören könnte.
Mein junger Freund Faner fand in Tokio auf einem Straßenstand für vier Jiao ein Exemplar von Oka Senjins "Reisetagebuch einer Besichtigung", dem Tagebuch einer Chinareise aus dem 17. Meiji-Jahr (1884). Nachdem er es gelesen hatte, schrieb er ein paar Zeilen des Unmuts vorne und hinten hinein und schickte es mir. Es kam gerade recht; ich kopiere eine Passage:
"Am dreiundzwanzigsten kamen Mengxiang und Zhusun zu Besuch. ... Mengxiang lobte ausgiebig die medizinischen Bücher der Taki-Familie. Ich sagte: 'In unserem Land blüht die westliche Medizin; niemand liest mehr die Bücher der Takis; daher werden die Originalplatten nach Shanghai verkauft -- unnütze "Strohpuppen", die ihren Dienst getan haben.' Er sagte: 'Die Bücher der Takis erschließen die feinen Absichten Zhang Zhongjings; eines Tages werden die Japaner dies bereuen.' Ich sagte: 'Unser Land hat die Medizin weit entwickelt, Übersetzungen erscheinen laufend; in zehn Jahren werden die Chinesen vielleicht um die Wette unsere Übersetzungen kaufen.' Mengxiang schwieg. Ich dachte bei mir: Die Medizinbücher des Hobson (gemeint ist wohl das 'Quanti xinlun') wurden in Ningbo gedruckt; Ningbo liegt dicht bei, doch Mengxiang redet nur von den Takis, ohne ein Wort über Hobson. Warum? ..." (Band 3, 'Suzhou-Hangzhou-Tagebuch', Seite 2.)
Herr Oka verstand an solchen Stellen offenbar nicht recht. Dies ist die "Altmetall-Aufkauf"-Mentalität des Volkes eines "viertausend Jahre alten, alten Landes": Die Literaten "loben ausgiebig die Takis", die Militärs kaufen massenhaft alte Kanonen und Schrottflinten und verschaffen den "unnützen Strohpuppen" des Auslands einen Absatzweg.
Herr Oka stand noch nicht weit von der Meiji-Restauration entfernt und besaß noch den frischen Geist der Reform, weshalb sein Tagebuch oft gut gemeinte bittere Worte enthält. Revolutionäre Kritiker sagen manchmal, statt die verworrenen, dunklen, hilflosen Worte des Fin de Siècle zu lesen, solle man lieber die Schriften jeder Nation aus der Gründerzeit betrachten -- dies bestätigend, hat das durchaus Sinn.
(28. Juli.)
【"Eine Seite unserer Kriegsgeschichte gegen Russland"】
Alle reden davon, Russland zu schlagen; die einen wollen "Vorhut sein", die anderen "Rückendeckung geben". Sogar die Xinyue-Buchhandlung, auf die sich Chinas Literatur stützt, schaltet Anzeigen für zwei Bücher über Russland -- daran zeigt sich wohl, wie das ganze Land von gemeinsamem Hass gegen den Feind erfüllt ist. Natürlich muss bei solcher Lage auch der Schriftsteller etwas Zeitgemäßes liefern, um nicht zurückzubleiben. So stieß ich am 26. Juli in der Rubrik "Kuaihuolin" des Xinwen Bao auf einen Artikel mit dem Titel "Eine Seite unserer Kriegsgeschichte gegen Russland" -- detailliert in der Darstellung und betäubend konfus. Leider kann ich aus Platzmangel nur Auszüge geben:
"... Liest man in der Geschichte bis zum Yuan-Kaiser Dschingis Khan: Er erhob sich aus der Mongolei, wurde Herrscher über China. Nach der Reichsgründung beherrschte er die Kiptschak und Alanen und befahl Subotai, die Merkiten zu unterwerfen, führte seine Truppen um das Meer von Kuandian-gisi, kämpfte bis zum Taihe-Pass. Im siebenten Jahr des Taizong befahl er wieder Subotai als Vorhut, begleitend die Prinzen Batu, den Kaisersohn Güyük und den Kaiserneffen Kadan, den Westen zu unterwerfen. Im zehnten Jahr marschierte er in großer Heerschar gegen Russland, rückte bis vor Rjasan und nahm Moskau ein.术赤, der älteste Sohn des Gründers, nahm auf jenem Gebiet den Khanstitel ein. Man kann sagen, dass dies alle früheren geschichtlichen Aufzeichnungen sprengte ..."
Die Schlussfolgerung lautet:
"... Kurz gesagt: Die Schlagkraft der Yuan-Armee reichte nicht nur aus, Europa und Asien an der Kehle zu packen, sie hatte das Potential, alles hinwegzufegen. Dass sie den Mut der Nachkommen unseres Landes stärken kann, liegt auf der Hand. Deshalb berichte ich ausführlich davon, um denjenigen zu sagen, die die politische Lage bewältigen und die Grenzen festigen müssen."
Das wäre nur dann zu vertreten, wenn der Autor "Qingqu" Mongole wäre. Andernfalls: Dschingis Khan "wurde Herrscher über China", Dschötschi nahm in Moskau "den Khanstitel" ein -- zu jener Zeit war die Lage Chinas und Russlands genau gleich: beide wurden von den Mongolen unterworfen. Warum beanspruchen die Chinesen heute gewaltsam die "Yuan-Leute" als ihre Vorfahren und brüsten sich damit, als strahlte ihnen das ganze Gesicht, um auf die Slawen herabzublicken, die dasselbe Joch trugen?
Folgte man dieser Logik, so könnten die Russen ebenfalls "Eine Seite unserer Kriegsgeschichte gegen China" schreiben und behaupten, in der Yuan-Dynastie hätten sie Chinas Territorium besessen.
Folgte man dieser Logik, so hätte selbst eine russische Eroberung Chinas in diesem Augenblick den "Schwung einer europäisch-asiatischen Vereinigung" und würde "den Mut der Nachkommen unserer Nachkommen stärken".
Ach! Die Roten Russen sind noch nicht gekommen, aber die weißen Idioten sind schon erschienen -- das ist fürwahr "nicht die ruhmvollste und ehrenvollste Seite unserer Kriegsgeschichte"!
(28. Juli.)
【Vorwort zu Ye Yongzhens "Zehn kleine Jahre"】
Dies ist ein Buch eines jungen Autors, der einen lebendigen modernen Jüngling als Hauptfigur hat und sein Handeln und Denken in zehn Jahren beschreibt.
Alte Traditionen und neue Ideen ringen in seinem Innern; die Verstrickung von Liebe und Hass, der Konflikt zwischen Gefühl und Verstand, das Wechselspiel von Zärtlichkeit und Entschlossenheit, das Auf und Ab von Freude und Verzweiflung -- alles entfaltet sich entlang dieser "Zehn kleinen Jahre" und formt ein sentimentales Buch, ein persönliches Buch. Doch die Zeit ist die moderne, und so geht der Weg vom "Aufstieg", den die alte Familie wünscht, zur Revolution; von einer kleinen, schwer erreichbaren Kreisstadt zur "Wiege der Revolution" Guangzhou; von der eigenen unfreien Ehe zur großartigen Gesellschaftsreform -- aber die Brücke dazwischen habe ich nicht gefunden.
Ein Revolutionär, der -- und tatsächlich schon (!) -- für das Glück der Massen kämpft, begnadigt ausgerechnet diejenigen Verwandten, die ihn als Erste unterdrückt haben, und richtet die Mündung auf die alte Gesellschaft, wo ringsum Feinde sind, die man doch nirgends erblickt. Ein Revolutionär, der Befreiung für sich und andere erstrebt, wünscht aber, wenn er die Geliebte verliert, dass sie selbst die Verantwortung trage, und will um der Revolution willen keinen Rivalen haben -- je größer der Wille, je höher die Hoffnung, desto weniger gibt es zu tun, desto mehr Ausflüchte lassen sich finden. Am Ende blitzt sogar der Schatten auf, dass nur der gegenwärtige Augenblick des eigenen Selbst die einzige Wirklichkeit sei. Hier steht unerschütterlich ein Individualist und blickt in die Ferne auf das große Banner des Kollektivismus, doch vor dem "erneuten Aufbruch" habe ich die Brücke nicht gefunden.
Nachdem Shakyamuni in die Welt gekommen war, gehörten die, die sich das Fleisch abschnitten, um Adler zu füttern, und sich den Tigern vorwarfen, zum Kleinen Fahrzeug; die vage und undeutlich predigenden hingegen wurden dem Großen Fahrzeug zugerechnet und waren stets die Erfolgreichen. Ich denke, darin liegt der feine Unterschied.
Doch das Leben dieses Buches liegt eben darin. Es zeichnet das Herz eines Teils der Jugend, die beladen mit Tradition und aufgewühlt von den Strömungen der Welt ist; Stück für Stück geschrieben, ohne Verheimlichung, ohne Ausschmückung -- obwohl gelegentlich einige Rechtfertigungen eingestreut sind, die ihrerseits gerade ein Entkleiden der eigenen Hüllen sind. Dass es zumindest für die Gegenwart ein klarer Spiegel und für die Zukunft eine Art Aufzeichnung sein wird, daran dürfte kein Zweifel bestehen. Wie viele großartige Schilder wurden seit letztem Jahr auf dem Literaturmarkt aufgehängt; doch nicht einmal ein Jahr später haben sie durch Verwandlung und Hohlheit ihren ganzen Betrug selbst enthüllt. Wenn China noch eine Literatur haben soll, muss sie natürlich zuerst mit solchen Werken, die aufrichtig ihren eigentlichen Inhalt aussprechen, die Leere nach dem Schwindel vertreiben. Denn ein Künstler braucht zumindest die Aufrichtigkeit und den Mut, seine eigene Meinung geradeheraus zu sagen; wer sein Innerstes nicht offenbaren will, bei dem ist erst recht nicht von Bewusstsein zu sprechen.
Abschnitt 5
Ich finde, der bedeutsamste Teil ist der Abschnitt über den allmählichen Zug zum Schlachtfeld. Ungeachtet der Gesinnung -- jedenfalls kämpften viele Jugendliche, ausgehend vom Dongjiang, dann Shanghai, dann Wuhan, dann Jiangxi, für die Revolution. Ein Teil von ihnen starb auf dem Schlachtfeld, voller verschiedener Hoffnungen, ohne je zu erfahren, ob oben ein goldener oder ein tigerfellähnlicher Thronsessel aufgestellt wurde. So verlaufen alle Arten von Revolutionen; daher ist das Hantieren mit der Feder, aus Sicht der Handelnden, letztlich doch eine Beschäftigung für Müßiggänger.
[Der vollständige Text der Übersetzung von Sektion 5 folgt dem chinesischen Original.]