Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 12

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Männer waren alle gleich. Ein heftiges Gefühl der Enttäuschung überkam sie.

Später war Lanlan überzeugt: Ihre Liebe war in jener Nacht gestorben.

58

Zu Hause saß die Mutter auf dem Ofenbett und starrte vor sich hin. Sie warf Lanlan einen Blick zu, seufzte leise und sagte: „Nachts ist es kühl.

Wenn du rausgehst, zieh dir was über.“ Lanlan machte „Mhm“. Im Lampenschein sah sie ein paar Sandkörner auf ihrem Gewand. Die würden ihren Aufenthaltsort verraten. Sie schüttelte sie vorsichtig ab. Sie hatte sich schon eine Geschichte zurechtgelegt: Falls Mutter fragte, war sie bei Yuer zum Spielen gewesen.

Doch Mutter fragte nichts. Sie seufzte und starrte weiter vor sich hin – als wüsste sie nicht, dass Lanlan draußen gewesen war, oder als wüsste sie genau, was sie getan hatte.

Da Mutter nicht fragte, brauchte Lanlan auch nichts zu erklären. Auch gut. Lügen belasteten immer das Gewissen. Lanlan stieg auf das Ofenbett.

Sie hatte vergessen, den Sand von ihren Socken zu schütteln. Am Kangrand lagen ein paar Sandkörner. Lanlan blickte zu Mutter – die sah nicht hin. Unter dem Vorwand, Wasser zu holen, stieg sie vom Ofenbett und wischte den Sand mit dem Hintern weg.

„Mama, möchtest du Wasser trinken?“ fragte sie.

„Nein.“ Mutter seufzte kaum merklich. Lanlans Herz war leicht. Das Weinen hatte den Stau in ihrer Brust gelöst. Im Herzen war eine seltene Kühle. Sie goss sich ein Glas Wasser ein, schaute heimlich in den Spiegel und fand sich ganz normal.

Das Gesicht war nicht gerötet, aber strahlte einen Frühlingsglanz aus. Das machte sie schöner als sonst. „Ich bin noch jung!“ murmelte sie leise und schnitt ihrem Spiegelbild eine Grimasse.

Der Vater schlief, sein Schnarchen klang süß und gleichmäßig – langes, donnerndes Schnarchen, das einen auffälligen Kontrast zum sorgenvollen Gesicht der Mutter bildete.

Lanlan stieg auf das Ofenbett, stellte das Wasserglas ab und lehnte sich an die Wand. Sie wollte mit Mutter reden, wusste aber nicht, worüber.

Am liebsten hätte sie über Huaqiu gesprochen, doch das war auch das Thema, das sie am meisten meiden wollte. Mutters Gesicht war schon wie schwarze Rinde, voller Falten. Lanlan ging es schlecht bei dem Gedanken, wie viel Sorgen sich Mutter um sie gemacht hatte. Wenn sie jetzt auch noch die Scheidung durchzog, wie viel Ärger würde das Mutter noch bereiten? Ihre Stimmung wurde düster.

„Woran denkst du, Mama?“ fragte sie.

„Ein Mensch ist nicht mal so viel wert wie ein Ding.“ sagte Mutter wie im Traum.

Das sagte Mutter oft. Immer wenn im Dorf jemand starb, sagte sie es. Jetzt, da sie es sagte, war Lanlan verwirrt. Woran dachte Mutter? An den verstorbenen Bruder oder an etwas anderes? Lanlan hatte gedacht, Mutter mache sich Sorgen um sie – offenbar nicht. Lanlans Herz wurde leichter, doch sie fühlte sich etwas gekränkt: „Mama denkt ja gar nicht an mich.“ „Lassen wir das.“ Mutter seufzte.

Mutter legte sich auf die Seite. Ohne sich auszuziehen – wie immer. Sie wirkte stets todmüde. Die Tagesarbeit schien all ihre Kraft aufgezehrt zu haben. Immer rollte sie sich, ohne sich auszuziehen, auf dem Ofenbett zusammen. Lanlan hatte sie ermahnt: Auch die Haut atme, und die vielen Abgase, die sie freisetze, könnten nicht entweichen – das sei schlecht für die Gesundheit. Doch Mutter blieb dabei. Merkwürdigerweise schien sie abends völlig am Ende zu sein, war aber morgens immer die Erste, die aufstand. Das Angezogen-Schlafen beeinträchtigte ihre Erholung offenbar nicht.

Mutter war weiterhin flink und tüchtig, arbeitete von morgens bis abends, ließ sich angezogen auf das Ofenbett fallen und wurde zu einem Haufen weichem Lehm.

Mutter rührte sich nicht, doch Lanlan wusste, sie schlief nicht. Mutter schien zu wissen, dass sie sich verabredet hatte. Lanlan war etwas verlegen. Damals wusste das ganze Dorf von Lanlan und Huaqiu. Doch offen hatte Lanlan nie mit ihrer Mutter darüber gesprochen. Die Eltern fragten auch nicht. Einmal hatte sie zufällig die Eltern unter sich reden hören. Vaters Haltung war eindeutig: Er wollte nicht, dass seine Tochter sich frei verliebte.

An der kleinen Geste, dass er bei jeder Erwähnung von Huaqius Vater die Stirn runzelte, erkannte sie: Vater mochte Huaqiu nicht. Wurde Baifu erwähnt, hatte Vater hingegen viel Gutes zu sagen – er sei kräftig, fleißig, nur eben verspielt und spielsüchtig. Und das galt im Dorf kaum als Makel – viele spielten gern Karten, und wenn man nichts zu tun hatte, stellte man ein paar Tische auf, zum Vergnügen. Lanlan ahnte nicht, dass Baifu später seine Menschlichkeit verlieren würde … Ein Albtraum. Sicher, Baifu trieb es zu weit. Aber wenn er sich änderte – wäre nicht alles gut? Was das Prügeln der Ehefrau betraf, war das erst recht kein Manko. Außer ein paar Pantoffelhelden, die von ihren Frauen herumkommandiert wurden und unter den Männern nicht den Kopf heben konnten – wer schlug seine Frau nicht? Hatte nicht auch Lao Shun einmal seiner Frau mit der Rinderpeitsche Striemen geschlagen? Also riet er: Jung, hitzköpfig – wenn sie älter werden, wird es besser.

Vielleicht würde es so sein. Aber Lanlan fand es unerträglich, ihr Leben zwischen Peitsche und Fäusten zu verbringen. Sie wollte nicht den Weg der Mutter gehen. Sie dachte: Mutter konnte sie vielleicht verstehen. Mutter war auch einmal jung gewesen, hatte auch Prügel bezogen, hatte auch die Scheidung gewollt.

Jetzt war sie alt – alt an Körper und Herz. Mutter seufzte meist nur mit ihr oder wischte ein paar Tränen weg, wenn Lanlan traurig war.

Plötzlich sprach Mutter: „Deine Angelegenheit musst du selbst abwägen. Vater und Mutter können dich nicht ein Leben lang begleiten.“ Mutters Stimme klang wie aus einem Traum. Lanlan machte „Mhm“. Es war Mutters bisher deutlichste Aussage, und doch blieb sie mehrdeutig. Lanlan verstand Mutters Dilemma.

Mutter konnte die Tochter weder zur Scheidung anstiften noch tatenlos zusehen, wie sie gequält wurde. Mutter war in der Zwickmühle. Dieser Satz ließ sich auf zweierlei Weise verstehen: „Kümmere dich nicht um uns. Entscheide selbst.“ Oder: „Werde endlich vernünftig. Wir können uns nicht ewig um dich sorgen.“ Ersteres war Ermutigung, Letzteres Ermahnung. Lanlan zog die erste Deutung vor. Ja, die Eltern konnten sie nicht ein Leben lang begleiten. Deren Worte konnte man befolgen oder nicht. Die Entscheidung lag bei ihr selbst, den Weg ging sie selbst.

Vor der Hochzeit hatte Huaqiu bitterlich geweint. Er sagte, er warte nur auf ein Wort von ihr, dann bringe er sie ans Ende der Welt.

Doch Lanlan konnte nicht. Die Schwägerin für den Bruder, das Gesicht der Eltern, das Gerede im Dorf – das alles türmte sich zu einem Berg, der ihre Flucht versperrte. Damals hatte Baifu seine schlimmste Seite noch nicht gezeigt; man hörte nur, er spiele gern Karten. Kartenspielen war kein Makel. Im Dorf spielten viele, und in der Freizeit stellte man immer ein paar Tische auf. Lanlan hatte nicht geahnt, dass er später seine Menschlichkeit verlieren würde … Ein Albtraum.

Jetzt war der Traum zu Ende. Lanlan war nicht mehr die Lanlan von einst. Geschliffen vom Leben, hatte sie sich längst verloren. Sie war nicht mehr zurückhaltend – sie wagte es nun, der Schwiegermutter offen Beschimpfungen an den Kopf zu werfen. Nicht mehr schüchtern – wenn Baifu mit Fäusten und Tritten kam, packte sie ihn an seiner empfindlichsten Stelle. Nicht mehr feinfühlig – sie sprach wie die Dorffrauen: direkt, ohne Zwischentöne. Das Leben war wie eine Schere und hatte ihr alles Mädchenhafte restlos abgeschnitten. Erst in der Stille tiefer Nacht erinnerte sie sich: Auch sie war einst ein Mädchen gewesen, hatte Träume und Liebe gehabt. Dann spürte sie tiefe Verlorenheit, Schuld und Auflehnung.

„Wie bin ich nur so geworden?“ klagte sie oft verzweifelt.

Doch sie verstand: Es war kaum möglich, diesem Schicksalsalbtraum zu entkommen. Ihr erging es so, der Mutter erging es so, allen Frauen der Sandoase erging es so. Gelber Sand, Bräuche, die Brutalität der Ehemänner, die harte Arbeit – alles wurde zur ätzenden Flüssigkeit, die das Mädchenhafte zersetzte.

Unmerklich verschwand das Beste an den Mädchen. Sie wurden zu Bauersweibern. Das Bäuerinsein war kein Frausein. Die Bauersfrau war eine Maschine – Kochmaschine, Gebärmaschine, Arbeitsmaschine. Was eine Frau ausmachte, war verloren; die Freude, die ihr zustand, verschwunden; der Genuss, der ihr gebührte, abgewürgt. Abgestumpft, abgebrüht, träge, keifend, mit wirrem Haar und schmutzigem Gesicht, mit Hühnerhaut und Kranichhaar – am Ende ein Haufen weißer Knochen. Das war ihre gemeinsame Lebensbahn geworden.

Noch schrecklicher war: Alle hielten es für „Schicksal“. Schicksal war der rotierende Mühlstein, und die Frauen nur Ameisen darauf – alle mussten sich fügen. Wer das vorgegebene Programm zerbrechen wollte, musste den Preis der eigenen Zerschmetterung zahlen.

Lanlan dachte: „Zerschmettert – sei es drum.“

Bei dem Gedanken an die Scheidung war das Einzige, dem sie nicht ins Auge sehen konnte, die Schwägerin Yinger. Wie man es auch drehte – sie waren durch Tauschheirat verbunden. Der Bruder war zwar an Krankheit gestorben, aber Yinger hatte keine anderen Absichten. Außer Tränen und Seufzern machte Yinger keinerlei Anstalten, wieder zu heiraten – sie wollte die Kinder großziehen und als Witwe leben. Lanlan wollte sie natürlich nicht zum Witwenleben verdammen, doch bei dem Gedanken, eine so wunderbare Frau wie Yinger einer anderen Familie zu überlassen, tat es ihr aufrichtig leid.

„Bruder, warum hattest du nur so wenig Glück?“ dachte Lanlan.

Während Yingers Aufenthalt im Elternhaus hatten die Schwägerinnen einige Male ihr Herz ausgeschüttet. Außer dem Thema Scheidung sprachen sie über alles. Mehrmals war das Wort fast herausgerutscht, wurde aber doch wieder hinuntergeschluckt. Schließlich war Baifu Yingers Bruder.

Lanlan wollte Yinger kein Thema aufbürden, das sie in Verlegenheit brachte. Doch Lanlan wusste: Die Person, die ihr am meisten am Herzen lag, die ihren Lebertran und ihre Eingeweide kannte, war Yinger. Die ihr Mädchenherz am besten verstand, war Yinger. Die ihren inneren Schmerz am besten nachempfinden konnte, war Yinger. Die am besten verstand, welche seelische Wunde der Tod der kleinen Yindi ihr zugefügt hatte, war ebenfalls Yinger. Leidensgenossinnen – ihre Herzen rückten naturgemäß zusammen.

„Du brauchst nichts zu sagen. Ich kann es verstehen.“ sagte Yinger.

Lanlan konnte natürlich die unausgesprochene Botschaft heraushören.

Die den Frauen aus Liangzhou angeborene Zähigkeit ließ Lanlan den Schmerz des Bruder- und Kinderverlusts überleben. Yinger ebenso.

Yinger war weiterhin so sanft wie früher. Wäre da nicht die Magerkeit, die feinen Linien unter den Augenlidern und der gelegentlich aufblitzende Abwesenheitsblick, hätte man meinen können, sie hätte nie Trennung und Tod erfahren. Lanlan wünschte es sich natürlich so. Zugleich stieg hin und wieder ein Unbehagen in ihr auf: Der Bruder war tot, und Yinger hatte sich so schnell erholt. Hatte sie den Bruder etwa nie im Herzen gehabt?

Doch sofort wurde es ihr klar: Als ihre Tochter starb – war ihr nicht auch der Himmel eingestürzt? Hatte sie nicht auch den Tod gesucht?

Bei jeder Erinnerung schnitt es wie ein Messer, doch nach unzähligen Malen wurde das Herz taub. Es gab noch Schmerz, aber er wurde von Tag zu Tag schwächer. Die Zeit war die beste Medizin. Der Wind der Jahre wehte, wirbelte Sandkörner auf, und mit der Zeit füllten sich selbst die tiefsten Schluchten.

Beisammen schütteten sie ihr Herz aus, wischten Tränen und sangen dann Hua’er-Lieder. Lanlan mochte wie Yinger die Lieder über Abschied und Sehnsucht. Diese Hua’er waren wie Garnfäden, die ständig aus dem Herzen herausgezogen wurden –

„Dreimal heult der Wolf am Felsengrund,
 aus dem Dickicht bricht der Tiger hervor.
 Ruf ich dreimal des Liebsten Namen,
 springt mir das Herz aus der Brust.
 Am Jiayu-Pass grollt der Donner,
 am Gelben Fluss fällt der Regen.
 Hab mir die Augen nach dir geweint,
 seh in jedem Fremden nur dich …“

Beim Singen dieser naturwüchsigen Hua’er weinten die Schwägerinnen beide. Ihre Gedanken waren verschieden, doch die Gefühle schwangen gleich. Das war der Zauber der Hua’er. Selbst zwischen Fremden, selbst bei größtem Alters- und Charakterunterschied – in der Hua’er-Melodie schmolzen Fremdheit, Gräben und der Kummer im Herzen dahin, und man wurde zu Freunden.

In den Hua’er hatte Lanlan gelernt, Yingers Herz zu lesen. Wenn Yinger mit zusammengekniffenen Augen, die Tränen zurückhaltend, in den grenzenlosen Himmel oder das wogende Sandmeer blickte und Hua’er sang, konnte Lanlan den Schmerz ihrer Seele spüren. Doch das war ein Gebiet, das beide nicht berühren wollten. Stillschweigendes Einverständnis – ihre gemeinsame Wahl. Aber die Hua’er weckten in Lanlan die Liebesgeschichte ihrer Mädchenzeit, die das Dorf als absurdes Theater abtat.

Lanlan und Huaqiu waren wahrhaft Kindheitsfreunde. Lanlan war mit Lingguan an der einen und Huaqiu an der anderen Hand aufgewachsen – sie wälzten sich in Sandmulden, spielten mit Erdklumpen, fingen Käfer, rösteten Feldmäuse … In diesen Kinderspielen wuchs Lanlan heran, Huaqiu wuchs heran, sie wurden groß und ihre Herzen auch, und die Wellen im Herzen trugen sie beide in den Dattelwald am Großen Sandfluss.

Lange nicht gesehen.

Die Fährnisse der Jahre und die Härte des Lebens hatten jene Episode versiegelt. Das Herz war taub, die Gefühle erst recht. Wann immer sie daran rührte, blieb nur ein trüber Eindruck, wie ein ölgetränktes, jahrelang in einer modrigen Kammer gelagertes Gemälde. Die Hua’er belebten alles. Mit dem belebten Idol im Herzen wollte Lanlan nicht mehr im vorbestimmten Kreis rotieren.

Glück? Oder Leid?

Da hörte sie die Mutter wie aus dem Traum sagen: „Das Mädchen aus Gulang ist auch eine Arme. Der Taugenichts, den sie geheiratet hat, ist kein braver Kerl.“

Lanlan verstand: Mutter sprach von Huaqius Frau. Schlagartig trocknete ihr der Speichel im Mund. Sie hatte „sie“ vergessen – wie erschreckend.

Lanlans heiß wallendes Blut wurde auf einen Schlag kalt.

59

Am nächsten Morgen war Lanlan etwas schwindelig. Sie bereute das Treffen der vergangenen Nacht. Vor dem Treffen war Huaqiu in ihrer Erinnerung noch lebendig gewesen. Danach erkannte sie: Huaqiu interessierte sich nur für ihren Körper. Lanlan seufzte. Seit der Heirat mit Baifu war sie dessen legales Vergewaltigungsopfer. Mit der Zeit hatte sie jedes Interesse an körperlicher Lust verloren. Bei jedem Gedanken daran drehte sich ihr der Magen um. Das war tragisch. Als Mutter hatte sie den Schmerz um die tote Tochter; als Ehefrau war sie „die geprügelte Braut, der geknetete Teig“; als Frau hatte sie nur die Erinnerung an Vergewaltigung – selbst den vom Himmel verliehenen Genuss der Frau hatte sie nicht mehr.

Lanlan dachte: Es lohnt sich wirklich nicht mehr zu leben.

Offenbar war das Kapital, das Huaqiu an ihr geschätzt hatte, nur das als Frau. Lanlan war zutiefst enttäuscht. Sie dachte: Selbst ein paar heuchlerische Liebesworte hätten genügt; oder einfach schweigend beieinander sitzen, dem Gefühl erlauben, das Herz zu füllen und Schwindel zu erzeugen; oder notfalls belangloses Zeug reden – alles wäre besser gewesen. Das war demütigend. War es etwa so, dass man ohne jenes eine nichts mehr zu reden hatte?

Lanlan versuchte weiterhin, sich selbst zu überzeugen. Sie durchsuchte jeden Winkel ihres Inneren, doch die Gründe blieben blass. Es war offensichtlich: Was ihn interessierte, war nur der Frauenkörper – ein Frauenkörper, der sich von dem seiner eigenen Frau unterschied.

Stinkende Männer.

Plötzlich kam Beizhus Tochter Daya herein und sagte: „Tante, die junge Braut ruft dich.“

„Welche Braut?“

„Huaqius Frau.“ Damit hüpfte Daya davon.

Lanlans Herz hämmerte. Was wollte die von ihr? Bei dem Gedanken an das gestrige Treffen fürchtete sie sich etwas davor, dieser Frau gegenüberzutreten. Hatte sie etwas bemerkt? Hatte Huaqiu etwas gesagt? Hatte er die Scheidung verlangt? Bei dem Gedanken schlug ihr Herz wild. Und gerade an diesem Herzschlag erkannte Lanlan: Sie liebte Huaqiu noch.

Lanlan trat aus dem Hoftor und sah die Frau an der Ecke von Beizhus Mauer stehen. Es war eine etwas kränklich wirkende Frau. Vielleicht weil sie stillte, war sie sehr mager, und ihr Gesicht war düster und sorgenvoll. Bei diesem Anblick zog sich Lanlans Herz unwillkürlich zusammen. Auch eine Arme. Dachte sie.

Die Frau sah Lanlan kommen, drehte sich um und ging voraus. Voraus lag der Lehmhügel, und darauf die Felshöhle, die man Vajravarahi-Grotte nannte.

Ein Gedanke drang in ihr Herz: „Wird sie mir etwas antun?“ Doch sie musste lachen. Ich habe doch nichts getan, dachte sie.

Die Frau blickte sich nach Lanlan um und stieg den Hang hinauf. Auf dem Hang lagen überall Hirsestoppeln – die Reste nach der Sandkörner-Ernte.

Auch die Gelbhaargrasbüschel waren abgemäht. Auf den verdrehten Zweigen hing nur alte Rinde, aufgerissen und hässlich. Dazu kamen Mauselöcher. Als die Frau dort hinabstieg, huschten überall Mäuse umher. Die Frau fürchtete sich nicht, stand dort und wartete auf Lanlan.

Lanlan verstand: Sie hatte diesen Ort gewählt, weil sie etwas zu sagen hatte. Was mochte es sein? Hatte sie von ihr und Huaqiu gehört? Doch ihr Herz wurde ruhig – wie lange war das doch her gewesen.

Die Frau wandte sich langsam um. Ihr Gesicht war ausdruckslos, und sie starrte Lanlan an. Lanlan fand: Diese Augen waren ein ausgetrockneter Brunnen oder ein Stück Ödland. Ihr Herz wurde sauer. Sie wollte ein paar tröstende Worte sagen, wusste aber nicht welche. Dann dachte sie: Mir geht es noch schlechter als ihr – sie hat ein Kind, hat Huaqiu. Was habe ich? Schlagartig wurde ihr Herz sauer.

Die Frau fiel plötzlich in einer Mulde des Hangs auf die Knie.

Lanlan erschrak: „Was tust du? Sag, was du zu sagen hast. Steh auf, steh auf!“ Sie zog ein paarmal, doch die Frau stand nicht auf, sondern starrte sie weiter mit Brunnenaugen an. Lanlan blickte sich um und dachte: Wenn das jemand sieht, was denkt der wohl?

Die Frau sagte tonlos: „Ich habe euch gesehen. Letzte Nacht.“

Da erfuhr Lanlan, dass die Frau ihr letzte Nacht heimlich gefolgt war. Ihr Gesicht wurde glühend rot. Zum Glück war nichts passiert. Sie hatte Angst im Nachhinein, doch mehr als alles andere empfand sie Scham. Immerhin hatte sie sich mit dem Mann einer anderen verabredet, ihn umarmt, gehalten – wie man es auch drehte, es war peinlich.

Die Kehle war staubtrocken. Sie wollte etwas sagen, wusste aber nicht was.

„Um des Kindes willen.“ sagte die Frau.

Lanlan schüttelte heftig den Kopf, um die Verlegenheit abzuschütteln. Die Sonne war bereits hoch aufgestiegen, ringsum war es gleißend hell. Käme jemand vorbei, würde man diese Szene sofort erkennen. Die Schande direkt vor dem Elternhaus – wenn das sich herumsprach, wie sollte man weiterleben? Sie zog immer wieder am Arm der Frau: „Steh auf, sag, was du zu sagen hast.“

„Wenn du nicht einwilligst, stehe ich nicht auf, und wenn ich sterbe.“ sagte die Frau tonlos.

„Was einwilligen?“ Lanlan rechtfertigte sich hektisch: „Wir haben doch gar nichts getan.“ Wieder blickte sie sich um – zum Glück war niemand da.

„Ich weiß, dass ihr ein Paar wart. Aber jetzt gibt es ein Kind. Wenn ihr wieder zusammenkommt, kann ich nicht mehr leben.“ Die Worte der Frau klangen wie von einem Roboter.

„Wir sind kein Paar. Absolut nicht. Wir haben nur ein paar Worte gewechselt.“ Lanlan rechtfertigte sich aufgeregt.

„Und in Zukunft?“ fragte die Frau.

„In Zukunft sage ich kein Wort mehr zu ihm. Reicht das?“ Lanlans Beine wurden weich.

Die Frau lächelte schmerzlich, warf Lanlan einen Blick zu und sagte: „Weißt du, damals hat er mich vergewaltigt. Als ich schwanger wurde, blieb mir nichts anderes übrig, als mit ihm zusammenzuleben. Alle Ehre war dahin. Ich kann mir keine weitere Schande leisten. Ich lebe nur noch für das Kind.“

Lanlan schauderte und sagte: „Gut, ich verspreche es dir.“

„Du tust gar nichts mehr?“

„Nichts!“

„Schwöre bei der Vajravarahi.“ In den Augen der Frau glomm etwas Licht auf.

„Ich verspreche es dir, wozu schwören?“

Die Frau richtete den Blick in die Ferne, seufzte lang und sagte: „Ich weiß, du belügst mich wieder. Ich habe die ganze Nacht nachgedacht und die ganze Nacht Mut gesammelt, bevor ich es wagte, dich aufzusuchen. Ohne Schwur? Gut, dann geh – ich knie mich hier tot.“

Lanlan dachte: Was ist denn in die Frau gefahren? Also sagte sie: „Gut, ich schwöre. Ich werde nicht mehr mit Huaqiu zusammen sein. Wenn doch, soll ich keines guten Todes sterben. Reicht das?“

Die Frau sagte: „Das ist doch kein richtiger Schwur. So fluche ich auch ständig. Welche Frau fürchtet den Tod? Ob guter Tod oder schlechter – keiner macht uns Angst. Wenn du wirklich schwören willst, schwöre bei deinen Eltern.“

„Die Eltern haben mir nichts getan – wie kann ich bei ihnen schwören?“ Lanlan wurde ärgerlich.

„Wer ein reines Gewissen hat, fürchtet keine Wassermelone. Wenn du es nicht tust, trifft der Schwur ja auch nicht ein.“ Darauf verneigte sich die Frau tief vor ihr.

„Also gut, ich schwöre: Wenn ich mit Huaqiu zusammenkomme, sollen meine Eltern keines guten Todes sterben.“

Die Frau lächelte schmerzlich und sagte: „Eigentlich ist es egal, ob du schwörst oder nicht. Wenn ich euch wieder zusammen sehe, erhänge ich mich an eurem Hoftor.“ Dann verneigte sie sich noch einige Male, stand langsam auf und ging wie eine Schlafwandlerin davon.

Lanlan war schweißgebadet. Als sie die Frau die Sandmulde hinaufsteigen sah, sank sie kraftlos zu Boden.

Die gleißende Sonne war sehr beschämend.

60

Lanlan erkannte, dass ihr Leben zwei Wendepunkte hatte. Der erste war die Hochzeitszeremonie. Von da an waren Jugend, Träume, Streben, Ideale … wie flüchtige Wolken entschwunden. Glück war wie Reif auf den Dachziegeln – federleicht wurde es zu Dampf. Die Ohnmacht hingegen war wie die Sanddüne am Dorfrand: Versuchte man sie zu verändern, rückte sie einem Schritt für Schritt näher.

Der zweite war die Scheidung.

Als der Gedanke an Scheidung zum ersten Mal aufkam, erschrak sogar Lanlan selbst. Scheidung war in ihren Augen beschämender, als nackt durch die Hauptstraße zu laufen. Ein gutes Pferd trägt keinen zweiten Sattel, eine gute Frau heiratet keinen zweiten Mann. Geschiedene Frauen hatten meist unverzeihliche Fehler – wie Kinderlosigkeit oder Ehebruch. Deshalb tauchte der Gedanke immer wieder auf und wurde immer wieder von ihr unterdrückt – wie ein Ball, den man unter Wasser drückt: Je tiefer man drückt, desto stärker der Auftrieb. Irgendwann war sie es leid, ihn zu unterdrücken. Lass ihn auftauchen.

Sie begann, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen.

Aus einem anderen Blickwinkel malte sie sich das Leben nach der Scheidung aus. Am düsteren Himmel tat sich plötzlich ein Riss auf. Frische Luft und Licht drangen herein. Gewiss, Scheidung war beängstigend – vor allem das Gerede der Dorfbewohner. Sie konnte sich die seltsamen Blicke, die sie treffen würden, geradezu vorstellen. Doch verglichen mit einem Lebensweg, an dessen Ende man schon die weißen Knochen sah, war die Scheidung zweifellos verlockend. Und Lanlan hatte seit ihrer Kindheit kein eintöniges Leben führen wollen.

Wenn das Leben nach einem vorgegebenen Programm ablief, verlor es jede Freude. Felder, Hof, Herd, Latrine bildeten einen gewaltigen Mühlpfad, und sie war der Esel darin – Runde um Runde. Man glaubte, weit gekommen zu sein, doch wenn man die Augen öffnete, kreiste man noch immer auf derselben Bahn. Was sich verändert hatte, war nur das Verschwinden des jugendlichen Rosarots aus dem eigenen Gesicht. Sie wollte sich nicht so dem Lebensende nähern.

Doch sie hatte nie das Wort „Scheidung“ ausgesprochen. Der Grund war natürlich die Tauschheirat. Sie wusste: Sobald sie aufbegehrte, würde die Schwiegermutter Yinger zu Entsprechendem zwingen. Um des Bruders willen musste sie ausharren.

Vaters Haltung enttäuschte sie. Doch Lanlan wusste: Vater war altmodisch. Und alt. Er konnte sie eine Weile beherrschen, nicht ein ganzes Leben. Ihren Weg musste sie letztlich selbst gehen.

Doch diesmal war sie entschlossen. Sie konnte nicht länger neben dem „Mörder“ ihrer Tochter schlafen.

Als sie die Mauerecke des Schwiegerhauses erblickte, überkam Lanlan heftiger Ekel. Sie wollte diesen Hof nie wieder betreten. Alles hier bedrückte sie. Jedes Mal, wenn sie von draußen zurückkam, fiel ihr die kaum zu verhüllende Hässlichkeit des Hauses auf: die abbröckelnden Wände, die vom Rauch des Ofenbetts geschwärzte Rückwand, und diese lange Holzschaufel. Im Winter schob die Schwiegermutter damit Brennmaterial in das Ofenbett – vor und zurück, mit einer Härte, die Raufboldigkeit verriet. Beim Anblick der Schaufel dachte Lanlan sofort an das breite, tellergroße Gesicht der Schwiegermutter und ihre kleinen Augen. Beim Streit lief das Gesicht rot an, und die kleinen Augen waren schärfer als Messer – Lanlan lief es eiskalt den Rücken hinunter.

Ehrlich gesagt fürchtete Lanlan die Schwiegermutter am meisten. Die Schwiegermutter gehörte zu jener Sorte Frau, die man „Goldkopf-Ma“ nannte. Aus ihren dünnen Lippen kamen Worte, die einen vor Scham erröten ließen. Doch sie verstand sich auch aufs Schmeicheln und konnte viele Höflichkeitsfloskeln. Honig auf den Lippen, Galle im Herzen. Sie schwatzte jedem vor: „Bei denen läuft dies, bei denen jenes, drei Mönche haben fünf Augen“ – und konnte den Unsterblichen Lü Dongbin als einen verwandelten Hund hinstellen. Bald wusste das ganze Dorf, was Lanlan angeblich für eine war. Manche Frauen seufzten: „Ach, sah aus wie ein nettes Ding – ist die wirklich so?“ Die Schwiegermutter sprach dann ihr Machtwort: „Gold und Silber kann man durchschauen, aber Fleischklumpen nicht. Man sieht die Haut, nicht das Innere. Hielt sie für einen Korallenbaum, dabei ist sie ein Tamariskenbusch. Hätte ich das gewusst, hätte ich meinen Sohn lieber unverheiratet gelassen, als das Kind so leiden zu lassen. Seit dieses Flittchen ins Haus kam, hat er keinen ruhigen Tag mehr gehabt.“ Die ersten Bewertungen ließen die Dorfbewohner noch halb zweifeln, doch die Behauptung, Baifu leide, war offensichtlich am helllichten Tag ein Nachtmärchen. Denn jeder wusste, was Baifu für einer war.

Die Schwiegermutter fegte den Hof. Lanlan trat ein, die Schwiegermutter warf ihr einen Blick zu, spuckte aus und fegte mit besonderer Kraft. Eine Staubwolke hüllte Lanlan ein. Das war die übliche Methode der Schwiegermutter, ihre Unzufriedenheit kundzutun. Auch sonst tat sie das – sie stellte sich ahnungslos und fegte Hühnerkot und Abfall mit voller Wucht in Lanlans Richtung. Lanlan wagte es nicht, sich zu beklagen. Beim letzten Mal hatte die Schwiegermutter den Besen hingeworfen und losgezetert: „Bah! Wofür hältst du dich?

Angst vor Staub? Warum bist du dann nicht in der Stadt geboren? Warum bist du keine Kaiserin? Warum hast du einen Prinzessinnenkörper und ein Dienstmädchenschicksal? Ein bisschen Staub, und der Himmel stürzt ein? Welcher Bauer staubt nicht? Im Staub geboren, im Staub aufgewachsen, und am Ende frisst dich der Staub. Angst vor Staub? Geh doch in die Stadt! Hm, das Herz höher als der Himmel, das Schicksal dünn wie Papier.“

Außerdem besaß die Schwiegermutter eine ganze Reihe weiterer Methoden, die Lanlan staunen ließen. Erstens das „Wirbeln“. Dieses Wort hatte in Liangzhou eine eigene Bedeutung. Um es zu verstehen, musste man die Liangzhouer Wendung „blitzschnell wirbelnd“ hinzufügen. Dann wurde es klar: „Blitzschnell wirbelnd jemanden abkanzeln“. Kaum sah sie einen, drehte sie sich abrupt um, sehr imposant – „wirbelnd“; in rasender Geschwindigkeit – „blitzschnell“; wandte sie einem den Hintern zu – „abkanzeln“ – und stampfte „tock-tock-tock“ davon. Auch dieses Weggehen war „blitzschnell wirbelnd“: Die Beine stampften mit übertriebener Kraft, jede Bewegung maschinell überzogen, jede Faser und jedes Detail drückte Abscheu und Missfallen aus. Beredter als tausend Worte. Diesen Trick wandte die Schwiegermutter häufig an, mit gewaltiger Wirkung.

Erstens: Als Familie traf man sich ständig, und der Trick war jederzeit einsetzbar. Zweitens: Man konnte nichts dagegen sagen – konnte man der Schwiegermutter etwa vorwerfen, dass sie nicht mit einem sprach und etwas zu schnell ging? So war Lanlans Bedrückung am Höhepunkt.

Außerdem hatte die Schwiegermutter noch einen Trick: Spucken. Sobald sie Lanlans Schatten erblickte, spuckte sie: „Pah! Pah!“

Im Verständnis der Liangzhouer war es das Schlimmste, wenn eine Frau einen anspuckte. Hätte ein Mann es erlebt, hätte er sie an den Haaren gepackt und halbtot geprügelt – und sogar die öffentliche Meinung hätte ihn unterstützt: „Geschieht ihr recht – wer heißt sie Leute beschimpfen?“ Lanlan konnte das nicht. Also vergalt sie Gleiches mit Gleichem. Ihre erste Vergeltung brachte ihr Baifus Fäuste ein. Dieses Mal wurde sie so übel zugerichtet, dass sie drei Tage lag. Die zweite Vergeltung brachte Ohrfeigen. Beim dritten Mal warf Baifu ihr nur einen bösen Blick zu. Beim vierten Mal war das Zurückspucken auch für Lanlan zum legalen Recht geworden. Die Schwiegermutter spuckte, sie spuckte zurück. So schrumpfte die Autorität der Schwiegermutter erheblich. Diesen Trick wagte sie fortan nicht mehr leichtfertig einzusetzen.

Da Lanlan fest entschlossen war, kümmerte sie sich nicht um die Staubwolke, wich nicht aus und durchquerte den Hof geradewegs in ihre kleine Kammer. Drinnen hing ein dicker Geruch nach Fußschweiß. Baifu schlief noch tief. In der arbeitsfreien Zeit konnte er bis mittags schlafen. Aus seinem halb geöffneten Mund quoll Schnarchen. In seiner Kehle schien sich zu viel Schleim angesammelt zu haben – der Luftstrom erzeugte dabei Geräusche, die Lanlan Übelkeit verursachten. Das war also ihr Ehemann. Wirklich ein Albtraum. Bei dem Gedanken, diese Ehe bald aufzulösen, wurde ihr Herz leicht. Doch sobald sie an die Folgen ihrer Eröffnung dachte – am meisten fürchtete sie, dass die Schwiegermutter Yinger zur Vergeltung zwingen und so die eigene Familie bestrafen würde –, legte sich wieder ein Stein auf das eben erleichterte Herz.

Staub strömte durch die weit offene Tür in die Kammer. An der Stärke des Staubstroms und dem Geräusch des Besens erkannte Lanlan, dass die Schwiegermutter den Besen direkt auf ihre Kammertür richtete. Voller Ekel schlug Lanlan die Tür kräftig zu. Das Fegen verstummte. Lanlan sah förmlich die kleinen, glänzenden Augen der Schwiegermutter, die ihre Tür anfunkelten. Vielleicht würde sie gleich lospoltern.

Im Alltag beschimpfte die Schwiegermutter Lanlan als „Tellerklirrer und Schüsselschmeißer“, sobald Lanlan versehentlich Topfdeckel oder Geschirr zum Klappern brachte. Sie deutete jedes Geräusch als Protest und stritt natürlich sofort. Lanlan wartete auf den Angriff. Sie wünschte ihn sogar herbei, um bei der Gelegenheit ihre Scheidungserklärung vorzubringen.

Doch das Fegen setzte wieder ein. Offenbar hatte die Schwiegermutter heute keine Lust zum Streiten. In letzter Zeit war das Haus ein Pulverfass – ein einziger Funke genügte für eine Kettenexplosion. Seltsamerweise kam sie diesmal nicht. Lanlan griff zähneknirschend zum Lappen und wischte den ärgerlichen Staub weg. Der Kleiderschrank war eine Mitgift aus dem Elternhaus – das einzige Stück im Schwiegerhaus, das ihr vertraut war. Im Spiegel sah sie dunkle Augenringe und ein erschöpftes Gesicht. Ein Hauch von Trauer überkam sie. Die schönste Zeit war vorbei – es war wirklich nicht leicht, sich damit abzufinden.

Baifu grunzte ein paarmal, drehte sich um, öffnete die Augen, sah Lanlan und schnaubte verächtlich.

Als Lanlan ihren Scheidungswunsch äußerte, löste das keinen Donnerschlag aus. Im Haus herrschte seltsame Stille, als hätten alle auf dieses Wort gewartet. Nach langem Schweigen griff der Schwiegervater mit zitternden Händen und bebendem Bart nach dem Tabakbeutel. Seine Finger zitterten zu sehr, um den Tabak in die Pfeife zu stopfen. Baifu starrte Lanlan kalt an. Die Gesichtsmuskeln zuckten krampfhaft, dann sagte er: „Ich will sowieso nicht mehr leben. Dann tausche ich mein Jungenhaut gegen ein paar alte Schaffelle.“

„Wovor Angst? Junge, scheiden heißt scheiden! Mädchen gibt es genug auf der Welt!“ Die Stimme der Schwiegermutter war hart, doch in den Augen lag eine kaum zu verbergende Erschöpfung. Normalerweise war die Schwiegermutter ein prall aufgepumpter Ball – je mehr Kraft du aufwandtest, desto höher sprang sie. Heute waren Lanlans Worte eine Nadel, die ihr mit einem Stich alle Luft herausließ.

Lanlan wusste natürlich, was ihre Entscheidung für diese Familie bedeutete. Scharfsinnig erfasste sie die Wahrheit hinter der harten Fassade der Schwiegermutter, und ein Hauch von Genugtuung überkam sie. Sonst war die Alte so stark! Wie Wolf und Tiger! Lanlan sah, wie die Schwiegermutter zum Schwiegervater hinüberschielte – offensichtlich unzufrieden mit dem Verhalten ihres Mannes. Doch dann lachte sie: „Scheiden heißt scheiden!

Aber so leicht kommst du nicht davon – ich zieh dich in die Länge, bis der Esel stirbt und der Sattel verfault.“

Lanlan lachte kalt: „Ziehen oder nicht – das Ergebnis ist dasselbe. Die Welt gehört nicht nur der Familie Bai.

Wenn das Gemeindeamt nicht reicht, gibt es das Gericht. Wenn das Gericht nicht reicht, gibt es das Obergericht. Es wird doch wohl irgendwo Gerechtigkeit geben.“

„Verdammt, du glaubst auch noch, im Recht zu sein?“ Baifu trat einen weißen Hahn, der nach Futter suchte, zum Hof hinaus und löste ein Gackern aus.

Lanlan hielt klugerweise den Mund. Sie wusste, was als Nächstes kam. Baifu starrte sie hasserfüllt an. Offenbar drängte seine Faust schon längst zum Ausbruch und wartete nur auf einen Vorwand. Lanlan hätte gern ihre Gründe dargelegt.

Doch in diesem Haus musste die Vernunft stets der Faust weichen.

Die Schwiegermutter funkelte den Sohn an: „Was soll das? Wenn du Dampf ablassen musst, dann da, wo’s hingehört. Das Huhn hat dir nichts getan.“

Lanlan hörte die Aufhetzung in den Worten der Schwiegermutter. Sie wollte etwas erwidern, doch das Haus war voller Sprengstoff, und sie wagte keinen Funken. Im Hof gackerten die Hühner noch immer panisch. Der Hund bellte. Ein Traktor donnerte am Tor vorbei und ließ die staubfangende Deckenzeitung rascheln. Jedes Geräusch drang in Lanlans Kopf. Lanlan fühlte sich beengt.

Der Schwiegervater grub die zehn Finger in sein wirres, schmutziges Haar und begann zu weinen. Erst schluchzte er, dann wurde es ein Stiergebrüll.

Lanlan geriet etwas in Panik. Sie hatte die Folgen ihres Geständnisses vorausgesehen – Prügel etwa –, aber nicht im Traum daran gedacht, dass der Schwiegervater weinen würde. Dieser alte Mann war der Einzige in der Familie, gegen den sie keine allzu schlechte Meinung hegte – der Einzige, der sie duldete. Dass er so die Fassung verlor, war unerwartet. In ihrem Kopf summte es. Obwohl der Schwiegervater laut heulte, schien Lanlan in seinem Schluchzen gemurmelte Flüche zu hören. Er verfluchte den Himmel, die Erde, alles. „Es lohnt sich wirklich nicht mehr zu leben“ – diese eine Zeile hörte sie aus seinem Wehklagen heraus.

Die Schwiegermutter war angesichts des Zusammenbruchs ihres Mannes ratlos. Wütend starrte sie ihn an – Enttäuschung, dass er kein Stahl war. In ihren Augen hatte Lanlans Scheidungsforderung sie alle bereits bloßgestellt. Die wirkungsvollste Gegenwehr wäre Gleichgültigkeit. Ohne andere Faktoren hätte sie Lanlan am liebsten wie einen alten Pantoffel aus dem Tor getreten, damit die ganze Welt wüsste: Sie hatte sie mit einem Fußtritt rausgeworfen. Danach eine Hübschere kaufen. Das Problem war: Ohne Messer konnte man nicht schlachten. Ob das gesamte Familienvermögen noch für die Kopfzerbrechen verursachende Summe reichte? Und der Sohn war auch kein Prachtkerl – wer ein Schwein füttert, kennt seinen Charakter. Was für einen Ruf Baifu hatte, wusste sie genau. Alles bedrückte sie und hinderte sie daran, nach Belieben zu handeln. Zwar führte sie ihre Weigerung, die Scheidung zu bewilligen, auf einen aussprechbaren Grund zurück – „Diesem Flittchen gönne ich die Genugtuung nicht“ –, aber im Herzen brodelte es. Ein Leben lang stark gewesen, konnte sie vor dieser jungen Göre nicht einknicken. Das Weinen des Ehemanns musste sie ärgern. Versager. Sich lächerlich zu machen ist schlimmer als kaltes Wasser trinken. Fast hätte sie es herausgeschimpft.

Natürlich wusste sie: Ihr Mann weinte nicht allein wegen der Scheidung. In den letzten Jahren lief einfach alles schief.

Der Sohn war nutzlos – ständig beim Spielen, mit miserablem Blatt. Geldstrafen waren das eine, aber die Gläubiger trampelten bald die Türschwelle ein. Und dann Yindi … Alles zum Platzen. Der Mann sagte ständig, es lohne sich nicht mehr zu leben, er sei zutiefst verbittert. Verbitterung, die sich anstaut, muss irgendwann heraus. Das Weinen des Mannes war diese angestaute Verbitterung, die jetzt herauskam. Das Problem war der Zeitpunkt. Er hätte nicht vor diesem Flittchen weinen sollen. Vor allem nicht in dem Moment, als das Flittchen die Scheidung forderte. Also fauchte sie: „Hör auf! Was soll das Geheule? Sich lächerlich machen ist schlimmer als kaltes Wasser trinken!“

Das Weinen des Schwiegervaters kam schnell und hörte schnell auf. Nach ein paar trockenen Schluchzern war Stille. Dann hockte er stumpf da und weinte leise. Baifu biss die Zähne zusammen und ballte die Fäuste. Es sah so aus, als suchte er gleich ein Ventil. Lanlan wurde ruhig. Auch sie wusste: Des Schwiegervaters Weinen galt nicht allein der Scheidung. In den letzten Jahren war viel passiert. Ihr Scheidungsbegehren war nur ein weiterer Schlag. Lanlans Herz wurde weich. Prügel und Beschimpfungen fürchtete sie nicht – nur ein freundliches Gesicht und sanfte Worte, und vor allem dieses Weinen. Fast hätte sie ihren Scheidungsvorsatz aufgegeben.

Doch Baifu sprang auf. Noch bevor Lanlan reagieren konnte, brannte und kribbelte ihr Gesicht. Dann ein bohrender Schmerz auf der Kopfhaut, dann am Körper, den Beinen, überall.

Baifu begann seine gewohnte Übung.

Gewöhnlich versuchte die Schwiegermutter, Baifu beim Prügeln aufzuhalten. Diesmal nicht. Früher fürchtete sie wohl, die Ware zu beschädigen – Reparaturen kosteten Geld. Diesmal hatte Lanlan sich abgewandt – gab es etwas, das eine bessere Tracht Prügel verdiente?

Baifu gab alles. Lanlan rappelte sich immer wieder auf, Baifu schlug sie immer wieder nieder. Lanlans Ohren dröhnten, die Nase blutete, der ganze Körper schmerzte höllisch. Auf dem Kopf lastete etwas wie ein Topf – schwer, stickig, benommen.

Die Zuschauer standen wie eine Mauer.

Früher wäre Lanlan lieber totgeschlagen worden, als nach draußen zu fliehen. Sie fürchtete die spöttischen Blicke der Dorfbewohnerinnen. Heute war es anders. Ihr Herz war abgestorben. Gesicht war nicht mehr ihre Sorge. Sie wollte, dass möglichst viele erfuhren, was für ein Mensch Baifu war. Abgesehen davon, dem Gericht mehr Zeugen zu liefern, wollte sie, dass die Leute verstanden: Sie hatte sich erst scheiden lassen, als es nicht mehr anders ging.

61

Nachdem sie zum Elternhaus geflohen war, suchte Baifu sie auf. Doch sobald Lanlan ihn sah, wollte sie nicht einmal ein Wort mit ihm wechseln. Sie konnte kaum glauben, dass sie mit diesem „Ding“ jahrelang das Bett geteilt hatte. Sie ekelte sich sogar vor sich selbst und hätte sich am liebsten drei Tage und drei Nächte lang im Stausee gewaschen.

Baifu war stark abgemagert und machte einen jämmerlichen Eindruck. Das war früher nie so. Sein ehemals passender Kittel schlotterte. Baifu war kaum durchs Tor, als Lanlan es bemerkte. Dass sie es bemerkte, lag nicht an Fürsorge, sondern daran, dass Baifu ihr plötzlich fremd vorkam. Seltsam aussehend – und zwar auf eine unerträglich abstoßende Weise. Besonders die O-Beine – beim Gehen wackelte er von einer Seite zur anderen. Dass sie damals Huaqiu verlassen und dieses Ding geheiratet hatte – unbegreiflich. War es außer dem alles überragenden Grund der Tauschheirat für den Bruder tatsächlich Schicksal?

Lanlan glaubte an das Schicksal. Sie glaubte, jeder Mensch habe seine eigene Lebensbahn – das war das „Schicksal“. Aber Lanlan akzeptierte es nicht.

Ein Wahrsager hatte ihr erzählt: Das Schicksal könne sich wandeln, die Zeiten könnten sich ändern, das Glück könne sich wenden. Er sagte, er habe viele Schicksale berechnet, die meisten stimmten. Die wenigen, die nicht eintrafen, waren die von Übenden – Brückenbauern, Wegpflasterern, Tierbefreiern, Wohltätern. Deren Schicksal war stets besser als berechnet. Kinderlose konnten Kinder bekommen, Mittellose konnten wohlhabend werden. In den Büchern, die Lingguan zurückgelassen hatte, gab es eines namens „Die vier Lehren des Herrn Liao-Fan“. Es handelte davon, wie man sein Schicksal wandelt. Lanlan konnte das akzeptieren. Tatsächlich – alles war vom Herzen geschaffen.

Ein großes Herz ermöglichte große Taten. Shuangfus Herz war größer als das von Mengzi, also war sein Geschäft größer. Baifu hatte Baifus Herz, also musste die Tochter früher oder später zugrunde gehen. Mutters Herz war klein, Vaters Herz war groß, Lingguans Herz war voller Dinge, Onkel Meng Ba hatte ein großzügiges Herz … Die Herzen dieser Menschen bestimmten ihre Taten. Der Unterschied zwischen Menschen war im Kern ein Unterschied der Herzen. Das Schicksal – letztlich war es das Herz. Änderte sich das Herz, änderte sich das Schicksal. Wer Gutes ansammelte und Tugend aufbaute, dessen Herz wandelte sich vom Kleingeist zum Edlen, und so wandelte sich auch das Kleingeist-Schicksal zum Edlen-Schicksal. Der Kleingeist schadete anderen zu seinem Vorteil, der Edle opferte sich für andere. Den Kleingeist verabscheuten zehntausend, den Edlen verehrte jeder … Alles wandelte sich mit dem gewandelten Herzen.

Deshalb glaubte Lanlan ans Schicksal, akzeptierte es aber nicht.

Eine Tatsache: Schon bevor sie von der tödlichen Krankheit des Bruders wusste, war der Scheidungsgedanke entstanden. Das bedeutete: Sie betrachtete die Tauschheirat nicht mehr als alles überragend und ließ sich vom Schicksal treiben. Nach zu vielen Stürmen wird ein kleines Mädchen zur Frau. Eine wirkliche Frau blickt schließlich dem eigenen Schicksal ins Auge. Sie hatte nur ein Leben– aufgebraucht, gab es kein weiteres. Ständig befragte sie sich: Für diesen Mann hier – lohnte es sich, das eigene Leben einzusetzen? Wenn ja, dann schenke ich dir mein ganzes Leben. Wenn nein, muss ich neu wählen. Sonst wäre es ein vergeudetes Leben. Im Leben gab es viele Frauen, die umsonst gelebt hatten – doch Lanlan wollte nicht dazugehören. Selbst wenn es nur ein paar Jahre, Monate oder weniger wären – einmal wollte sie für sich selbst leben.

Baifu saß im Wohnzimmer und jammerte der Mutter vor. Die Stimme – Lanlan wollte sie nicht einmal hören. Ohne hinzuhören kannte sie den Inhalt: mal weich bittend, mal hart drohend. Weich um Mitleid werbend, hart mit Selbstmord drohend. Mehr nicht. Baifus Innereien kannte sie. Selbst wenn er eine Masche versuchen wollte, fehlten ihm die Organe dafür. Doch Lanlan fand: Besser, Klartext reden, damit Baifu die Hoffnung aufgab und nicht weiter belästigte. Also ging sie ins Wohnzimmer, blickte auf den Kleiderschrank und sagte: „Was du getan hast, weißt du selbst. Dass ich noch einmal dein Haus betrete – im nächsten Leben vielleicht.“ Kaum hatte sie es gesagt, fand sie es unpassend – auch im nächsten Leben wollte sie Baifus Haus nicht betreten. Also ergänzte sie: „In achtzehn Generationen nicht. Eher löse ich mich in Schaum auf, als einen einzigen Tag in deinem Haus zu verbringen.“

Baifu hörte auf zu jammern und starrte Lanlan hasserfüllt an – mit seinem üblichen Ausdruck. Lanlan war das längst gewohnt – wie der Tiger, der sich an das Brüllen des Esels aus Guizhou gewöhnt hatte und ihn nicht mehr fürchtete. Sie lächelte kalt.

„Schlampe.“ presste Baifu zwischen den Zähnen hervor.

Doch Mutter duldete das nicht: „Baifu, essen kann man wild, reden nicht! Wo hat meine Tochter sich verkauft – hast du sie dabei erwischt?“ – „Ich tausche Jungenhaut gegen alte Schaffelle.“ hob Baifu die Stimme. Er meinte damit: Er würde sein junges „Jungenhaut-Leben“ gegen die „Schaffell-Leben“ von Lanlans Eltern eintauschen. Lanlan lächelte nur. Baifu hatte von der Drohung, sie zu töten, auf das Einschüchtern der Eltern umgeschwenkt. Doch Lanlan war überzeugt, dass er bluffte. Beißende Hunde bellen nicht, bellende Hunde beißen nicht. Du, Baifu, hast nicht die Chuzpe dafür. Wirklich – seit er die Tochter in der Wüste erfrieren ließ, waren seine Lebensenergie und sein Schneid dahin. Nachts fuhr er schreiend hoch, weil er glaubte, die weiße Füchsin komme, um den Lebensschuldschein einzutreiben. Auch Uniformierte sah er ständig im Traum und lebte in ständiger Angst. Er war wie ein halb entleerter Ziegenbalg – zwar äußerlich noch in Form, aber bei der geringsten Berührung spürte man die Schlaffheit. Lanlan hingegen war das genaue Gegenteil. Sie fürchtete nichts mehr. Schlimmstenfalls folgte sie ihrer Tochter. Wer den Tod nicht fürchtet, fürchtet auch das Leben nicht?

„Genug, genug.“ fiel Mutter ein. „Wir beide Alten sind das Leben ohnehin leid. Wenn du, Baifu, uns einen Gefallen tust und uns nicht mehr leiden lässt, verneige ich mich vor dir. Früh sterben heißt früh erlöst sein. Du brauchst uns nicht zu bedrohen.“

Baifu wurde auf einen Schlag weich.

„Tante“, sagte er mit weinerlicher Stimme, „sag mir, was habe ich noch zu leben? Selbst im Traum keine Ruhe. Wenn du auch noch kein Verständnis zeigst, will ich wirklich nicht mehr. Ganz abgesehen davon – nicht die geringste Hoffnung mehr. Überhaupt keine Hoffnung.“ Damit begann er zu schluchzen.

Lanlan aber verzog angewidert die Nase. Ihr Herz war eiskalt. Nicht einmal Tränen – selbst sein Blut, sein Tod konnten sie nicht mehr rühren. Sie fand es seltsam: Sie war ein weichherziger Mensch, konnte kein Weinen ertragen, kein verletztes Tier sehen. Manche für andere belanglose Dinge rührten sie. Doch ausgerechnet bei Baifu war es anders. Man sagte: Eine Nacht Ehepaar, hundert Tage Dankbarkeit; hundert Tage Ehepaar, tief wie das Meer. Doch sie empfand für Baifu nur Ekel. Dieser Ekel war wie der Ekel vor einem Klumpen Schleim – nichts als Ekel. Selbst ein bisschen Hass wäre besser gewesen. Manchmal war Hass eine Form der Liebe. Doch da war nichts. Nur Ekel. Und an diesem Ekel erkannte sie: Das Band war durchtrennt. Liebe war Band, Hass war Band – Ekel bedeutete: Das Band war zu Ende. Was verbunden ist, kommt zusammen; ohne Band geht es auseinander. Dann eben auseinander.

„Hör auf, mich zu ekeln.“ Lanlan rümpfte die Nase.

Baifu hörte auf zu weinen, saß mit abwesendem Blick da, erbarmungswürdig. So konnte man sich kaum vorstellen, dass er früher so brutal gewesen war. Die Wandlung glich zwei verschiedenen Tieren: vorher ein Wildschwein, plötzlich ein krankes Reh.

Mutter schien weich zu werden. Sie blickte Lanlan an, dann Baifu, wollte etwas sagen, brachte es aber nicht heraus. Lanlan kannte Mutters Gedanken. Ohne Baifu hätte sie gesagt: „Ein reuiger Sünder ist mehr wert als Gold“ – und Lanlan gebeten, es sich noch einmal zu überlegen. So war Mutter – sie ließ sich haltlos von Tränen erweichen. Doch Lanlan war entschlossen. Und diese Entschlossenheit war auch gut für Baifu – dass er von vorn anfing, sich in jungen Jahren eine andere suchte und vernünftig lebte, statt alles ewig zu verschleppen und seine Chance zu verpassen. Baifu saß eine Weile benommen, stand auf und schlurfte wie ein Schlafwandler aus dem Wohnzimmer in Yingers kleine Kammer. Wie erwartet: Kaum war er weg, flüsterte Mutter Lanlan zu: „Überleg es dir noch einmal.“

„Mama.“ sagte Lanlan vorwurfsvoll. „Gib ihm keine falschen Hoffnungen mehr. Lass ihn die Hoffnung aufgeben.“

Mutter seufzte: „Ich fürchte nur … dass … Yinger mit dem Kind weggeht. Das ist doch der Spross des Bruders.“

„Es ist ihr Kind – kann man ihr verbieten, es mitzunehmen?“ – „Unsinn.“ sagte Mutter hart. „Und wenn es mich mein Leben kostet – das geht nicht. Wenn sie als Witwe bleibt, sorge ich gut für sie … Natürlich, wenn der jüngere Bruder die Schwägerin heiraten würde, wäre es noch besser. Aber wenn sie geht, muss sie das Kind dalassen.“ Doch dann wurde ihre Stimme weich, und Tränen quollen hervor: „Alles bricht zusammen, wirklich, die Familie ist am Ende.“

Lanlan wusste: Sobald Mutter an den Bruder dachte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Also wechselte sie das Thema: „Leise! Hör mal, was die drüben reden.“ Mutter zog sofort die Tränen zurück, neigte den Kopf zur Seite, konnte aber nichts hören. Also ging sie hin, schloss die Tür, beugte sich vor und spähte durch das Katzenloch – ganz wie eine Detektivin.

Lanlan fand es zum Lachen.

Nach einer Weile richtete sich Mutter auf und flüsterte: „Nichts Besonderes. Der Versager sagt nichts, schluchzt nur mit verzerrter Stimme und verdrückt Tränen bei seiner Schwester. … Tja, schon auch erbärmlich.“

Lanlan wurde weich. Baifus Tränen vor ihrem eigenen Gesicht widerten sie an, doch sein Weinen vor der eigenen Schwester – das rührte sie.

Wenn ein Mann so weit war, vor seiner eigenen Schwester zu schluchzen, dann hatte er wirklich seine Not. Fast hätte sie ihre Meinung geändert. Doch als sie an jene Dinge dachte, die so tief in der Seele verborgen waren, dass man sie nicht berühren durfte, wurde ihr Herz wieder hart.