Xue Mo Desert Daughters/de/Chapter 8

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Sie legte alle Kraft in die Kehle. In diesem Moment war das ihre einzig mögliche Form des Widerstands.

„Schsch, nicht weinen.“ Xu Pockennarbe geriet in Panik und versuchte, Yinger den Mund zuzuhalten. Yinger nutzte die Chance, befreite eine Hand und packte zu. Xu Pockennarbe schrie offenbar vor Schmerz und drückte ihre Hand wieder zurück. Yinger spürte den Alkoholdunst noch näher kommen, etwas Stacheliges stach in ihr Gesicht. Ein widerlicher Gestank.

„Mama –!“ schrie Yinger. Dieser Schrei zerriss die Nacht – wie konnte er die Mutter nicht wecken? Hatten sie es wirklich geduldet? Wagten sie wirklich nicht, diesen Pockennarbe zu verärgern? Fürchteten sie wirklich, die „gute Sache“ der Familie zu gefährden? Yinger war am Ende. Nicht ein Fünkchen Kampfgeist blieb ihr. Besser sterben. Sterben. Hilflos weinte sie.

Doch der Alkoholdunst folgte ihrer Stimme. Yinger würgte. Plötzlich blitzte ein Lichtfunke in Yingers verzweifeltem Gehirn auf.

Sie biss zu. Mit aller Kraft.

Ein bestialischer Schmerzensschrei.

Yinger wurde ruhig. Nachdem alles Rufen vergeblich gewesen war, wurde sie plötzlich ruhig. „Verschwinde!“, befahl Yinger undeutlich.

„Mmh – mmh –“ antwortete die Gegenseite ebenso undeutlich.

Sie ließ los. Ein Blitz erhellte das Zimmer. Sie sah das verzerrte Gesicht. Hörte ein lautes Stöhnen und Luftschnappen.

„Verschwinde!“, herrschte sie ihn an.

Das undeutliche Stöhnen entfernte sich.

Yinger würgte, würgte mehrmals, brachte aber nur Tränen hervor. Da weinte sie einfach los. Weinend zog sie die Schuhe an, ging hinaus, lief in den Hof und schluchzte hemmungslos im strömenden Regen.

Die Übelkeit drang in jede Pore. Das Herz war vollgestopft mit Klebrigkeit. Nun war der Körper wirklich beschmutzt. Der Regen prasselte auf den Körper herab. Prassel nur. Wasch alles ab. Wasch den Schmutz fort. Yinger öffnete den Mund, weinte und fing zugleich Regenwasser auf. Der Körper war schnell durchnässt, die Kleidung klebte am Leib. Am liebsten hätte sie sich nackt ausgezogen und sich vom Regen von innen bis außen reinwaschen lassen. Im Herzen stöhnte sie unablässig: „Geliebter, ich bin beschmutzt, schmutziger als ein Abort. Ich lasse dich nie wieder an mich heran.“ Dann brach ein entsetzlicher Weinanfall aus ihr hervor.

Die Blitze waren fort, der Donner war fort, nur der Regen prasselte verständnisvoll und wusch alles rein.

Nach einer Weile stolperte Yinger ins Arbeitszimmer. Machte das Licht an. Xu Pockennarbe schnarchte schamlos vor sich hin.

Der Vater war wach, die Mutter auch. Baifu war ein herzloser Mitläufer. Yinger sagte mit versteinertem Gesicht, ohne jemanden anzusehen: „Ich gehe zurück zu den Chens.“ Der Vater seufzte. Die Mutter zögerte einen Moment und sagte dann entschieden: „Nein!“

Yinger zuckte die Schultern und lachte kalt: „Ich will hin, aber nicht so, wie du sagst – ‚die Alte und den Jungen will sie sich einverleiben’.“ Sie deutete mit dem Kinn auf Xu Pockennarbe. „Der da – der will das.“

Die Mutter brach auf der Stelle zusammen.

Yinger ging aus dem Hoftor. Ringsum war es noch dunkel. Der Regen hatte nachgelassen. Der Wind aber war schneidend und peitschte bis ins Herz. Yinger schauderte. Die Nase kitzelte – wahrscheinlich eine Erkältung. Das war nicht schlimm – eine Last war vom Herzen gefallen. Sie hätte nicht gedacht, so schnell aus dem Elternhaus hinauszukommen; eigentlich hatte sie den Hungertod als Drohung geplant. Nur diese Übelkeit hatte sich in die tiefste Seele eingebrannt, und bei der leisesten Berührung wollte sie würgen.

Der Feldweg, der im Regen auftauchte, war voller Schlamm. Auch das war nicht schlimm. Ein paar Stürze schadeten nichts. Menschen waren zum Fallen geboren – es sei denn, man war gelähmt oder tot. Yinger hatte keine Angst vor dem Fallen, wohl aber davor, dass sich die Übelkeit für immer ins Herz einbrennen würde. Wirklich ekelhaft. Sie hatte sich schon hundertmal den Mund gespült, doch die Übelkeit blieb. Ich bin deiner nicht mehr würdig, Geliebter. Ein Schluchzer, und Tränen schossen in die Augen.

Eine Windböe fegte heran, voller Regen, peitschte ins Gesicht. Yinger glitt aus und stürzte. Schlamm bedeckte die halbe Seite ihres Körpers. Kalt war es nicht – der Körper schien taub. Das Herz aber war nicht taub; die Übelkeit wand sich rege und rastlos.

Wie spät es wohl war? Mitternacht oder Morgengrauen? Das war nicht wichtig. In den Augen der Liangzhou-Menschen gehörte die Nacht den Geistern. Geister eben. Angst vor Geistern – das war die alte Yinger. Jetzt gab es nichts mehr zu fürchten. Würden Geister Menschen fressen?

Würden sie Kleider zerreißen? Würden sie die schlimmen Dinge tun, die Menschen taten? Nein. Was gab es also zu fürchten? Am meisten fürchtete man Menschen – jene, die wie Menschen aussahen, aber kein Menschenherz hatten. Yinger fürchtete sich sogar ein wenig vor den Eltern. Welche Rolle hatten sie in der Nacht gespielt? Sie wusste es nicht. Besser, es nicht zu wissen. Wüsste sie es, hätte sie Vater und Mutter verloren. Tun wir so, als hättet ihr wirklich geschlafen, geschlafen wie tote Schweine – das muss doch gehen?

Yinger weinte wieder laut.

Seit Langem war kein Blitz mehr erschienen. Auch gut. Dieses Licht, so hell, konnte den Weg erhellen, die Welt erhellen, das Herz erhellen. Doch wenn es erlosch, zog es nur noch schwärzere Nacht herbei … Dann besser gleich ein einziger schwarzer Block. Ein erstarrter Block, Himmel und Erde und Herz zu Chaos verschmolzen.

Dieser Blitz – wie ähnlich er dem Lesen war. Ein scharfer Lichtstrahl, der das Leben mit einem Mal erhellte. Sie sah Zukunft, Morgen, Glück … Doch wenn die Wirklichkeit darauf drückte, erlosch er sofort und hüllte alles in Schwärze. Besser, es wäre gleich dunkel geblieben. Wer kein Glück begehrt, kennt keinen Schmerz; wer kein Licht ersehnt, verachtet die Dunkelheit nicht; wer keine Zukunft plant, hadert nicht mit der Gegenwart. Wie jene Parabel: Das Chaos hatte keine sieben Öffnungen und lebte frei und sorglos. Als wohlmeinende Weise ihm welche bohrten, starb es vor Schmerz. Wahrhaftig – besser nie lesen gelernt. Wirr geboren, wirr gestorben.

Geliebter, auch du bist wie ein Blitz. Ein heller Blitz im Leben, der blendende Schönheit aufleuchten ließ, doch dann sofort erlosch.

Die Dunkelheit nach dem Licht ist furchtbar. Hätte ich das gewusst, wärst du besser nie aufgetaucht. Damals hatte ich mich gefügt – gefügt, Mentous Frau zu sein, gefügt, Witwe zu sein, gefügt weiterzugehen, gefügt, mich von der Wirklichkeit zerreißen zu lassen. Vielleicht wäre ich irgendwann stumpf geworden und hätte das Leid nicht mehr gespürt. Diese Xiangxiangs – leben die nicht auch ganz gut? Geliebter, du hast mich ins Elend gestürzt.

Yinger schluchzte. Die Tränen verschleierten wieder die Augen. Verschwommen eben. Wozu brauchte sie sie auch? Die Nacht verbarg alles, doch der Weg erstreckte sich im Herzen. Mit geschlossenen Augen wich man nicht vom Weg ab.

Auf der Hauptstraße gab es weniger Schlamm. Sandiger Boden hatte seine Vorteile – der Regen war längst versickert, und man trat nicht mehr in Matsch. Am Wegrand stand ein Oleaster, dunkel wie ein Geisterschatten. Hier spukte es oft. Angeblich konnte man sogar am helllichten Mittag eine Frau in Rot sehen. An diesem Baum hatten sich mehrere Frauen erhängt, alle im roten Hochzeitskleid – daher der Spuk. Yinger hatte keine Angst. Es war doch nur ein weiblicher Geist – auch als Geist bist du eine Frau, was gibt es zu fürchten? Doch das Herz zitterte, und sie ging in die Straßenmitte. Die Mutter hatte gesagt, in der Mitte der Straße gab es einen Bannstrahl. Diesen Strahl fürchteten Geister wie Götter – der Himmelsvater hatte ihn eigens für Nachtwanderer eingerichtet. Dann also die Mitte. Die Mitte war gut. Der Vater sagte immer: „Pferde sind zu schnell, Ochsen zu langsam – auf dem Esel reitet man die goldene Mitte.“

Dem Weg folgend, immer geradeaus. Der Himmel schien etwas heller zu werden. Die Bäume am Wegrand wurden spärlicher. In den letzten Jahren hatte man rücksichtslos gefällt, das Grün in Häuser und Möbel verwandelt. Verwandelt eben – Yinger konnte sich nicht um alles kümmern. Weniger Bäume bedeuteten auch weniger Unheimlichkeit. Sanddünen, Senken, Strauchwerk – alles verschwamm in der dämmrigen Nacht. Auch gut – alles verborgen, auch die Geisterfrauen. Vielleicht lachten sie gerade über sie, lachten über ihr elendes Leben. …

Was gibt es da zu lachen? Damals ging es euch genauso. Jetzt habt ihr die Narben vergessen und lacht über andere – das ist nicht anständig. Als sie das sagte, schämten sie sich. Yinger lächelte. Geht nur, Einsicht ist gut. Ihr seid frei, erlöst – das ist euer Glück. Andere auszulachen gehört sich nicht. Ich bin das Gestern von euch, ihr seid das Morgen von mir – was habt ihr vorzuweisen?

Der Regen ließ nach. Vom Wolkenbruch zum mäßigen Regen, vom mäßigen zum leichten. Das Helle im Osten wurde allmählich kräftiger. Das Licht, wie Tusche auf Reispapier, breitete sich aus, von klein zu groß, von blass zu kräftig, und nagte am Nachthimmel. Die Nacht löste sich langsam auf. Löse dich auf. Nicht auflösen ging auch – zu einem Block erstarren ging auch. Für Yinger war es gleich. Nur im Tageslicht würde ihr Anblick als begossener Pudel viele fragende Blicke hervorrufen. Peinlich, wenn sie daran dachte. Einst war sie die „Blumenfee“. Jetzt war sie ein einsamer Nachtgeist. Geist eben. Wie es kommt, so kommt es. Wer keine Angst vor Zahnverlust hat – lacht nur. Doch plötzlich dachte sie an den Vater. Wenn sie als Kind weinte, geriet der Vater in Panik und hätte am liebsten die Sterne vom Himmel gepflückt, nie ließ er sie leiden. Jetzt hatte sich der Vater verändert. In der Nacht – die Männerstimme nebenan war eindeutig die des Vaters, doch die Mutter hatte ihn zum Schweigen gebracht. Vater, armer Vater. Wie konntest du zusehen, wie deine Tochter geschändet wurde? Dieser Xu Pockennarbe – nur ein Heiratsvermittler, und schon konnte er einem lebenden Menschen Dreck ins Gesicht reiben. Auf dieser Welt gibt es viele, die mächtiger sind als er – mit deinem Duckmäusertum, hast du da noch einen Ausweg? Vater, armer Vater. Ich weiß, du leidest, innerlich leidest du, nicht wahr? Gutes Essen ohne Salz ist wie Wasser, ein guter Mann ohne Geld ist wie ein Geist. Der Arme verliert den Mut, dem mageren Pferd wächst das Fell lang. Auch du hast die Zähne zermalmt und sie hinuntergeschluckt, nicht wahr? Vater, ich weiß, die Armut hat dir das Rückgrat gebrochen. Nicht wahr, Vater? Yinger weinte wieder laut.

Und die Mutter? Du warst doch eine starke Frau. Auf deinem Arm konnte ein Pferd galoppieren, auf deiner Faust konnte ein Mensch stehen. Wie konntest du dich so verändern? Mutter, früher warst du zwar arm, hattest aber noch Rückgrat. Du sagtest immer: „Die Alte ist arm, weil es ihr bestimmt ist.“ Dieser Ton – als könntest du den Himmel verschlingen. Jetzt hast du das „Rückgrat“ verloren, die „Haltung“ eingebüßt, alles ist dahin. Du, die so Starke – wie konntest du auf einmal so weich werden?

Yinger wischte sich die Tränen ab. Sie bereute zutiefst jenen Satz, der die Mutter verletzt hatte. Das Herz zog sich zusammen. Wirklich herzlos von ihr. Die Mutter litt schon genug. Den widerlichen Xu Pockennarbe … Und sie selbst hatte der Mutter den Dolch ins Herz gestoßen. Wirklich unmenschlich. Yinger biss sich heftig auf die Lippe, und als sie fürchtete, sie schon durchgebissen zu haben, biss sie sich stattdessen kräftig in die Hand. Das galt ihr selbst. Am liebsten wäre sie zurückgerannt, um vor der Mutter niederzuknien und so lange den Kopf auf den Boden zu schlagen, bis Blut floss, und um Vergebung zu bitten. Beinahe hätte sie sich umgedreht, doch sie hielt sich zurück. Sie wusste: Dieser Aufbruch würde vielleicht ihr Schicksal ändern. Um des Geliebten willen … Geliebter, ich musste der Mutter wehtun.

Yinger heulte wie eine Wölfin, lang und klagend, ließ sich dann auf die Knie fallen und schlug in Richtung Elternhaus viele Male den Kopf auf den Boden.

Als sie aufstand, merkte sie, dass sie in einer Pfütze gekniet hatte. Egal. Dieser Schlamm und dieses Wasser beschmutzten nur die Kleidung. Ein

Mal waschen, und alles war sauber – das konnte nichts anrichten. Aber ihre eigenen Worte hatten bewirkt, dass die Mutter keine Mutter mehr sein konnte. Mama, vergib mir.

Yinger ging weinend und stolpernd. Jetzt war es nicht mehr weit bis zum Haus der Schwiegereltern. Dieses Stück Weg war uneben und voller Schlaglöcher; ging man etwas schneller, stolperte man. Nicht schlimm – hinfallen, aufstehen; blaue Flecken heilen; Schürfwunden verheilen; zu Tode stürzen – noch besser. Aber der Schmerz im Herzen ließ sich nicht tilgen. Wenn sie die Eltern hasste, vernebelte die Wut den Verstand.

Wenn sie wieder klar wurde, spürte sie das Leid von Vater und Tochter. Könnte sie das Leben noch einmal leben, würde Yinger alles tun, damit die Eltern lächelnd genießen könnten. Doch jetzt war es zu spät. Yinger konnte nur zusehen, wie die Eltern wie Giftspinnen in einer Flasche einander bissen, sich wie Feinde quälten. Da erst verstand Yinger Lingguans Fortgang. Was er getan hatte, war genau das, was sie sich ersehnte.

38

Lanlans Freudenruf riss Yinger aus ihren Erinnerungen.

Lanlan hatte in einem kleinen Beutel am Packsattel eine halbvolle Flasche Pflanzenöl (清油) entdeckt. Es war eigentlich zum Kochen gedacht und war separat verpackt worden, damit die Töpfe die Flasche nicht zerbrechen -- darum war es nicht zusammen mit dem Geschirr abgeworfen worden. Das Pflanzenöl schmeckte zwar nicht gut, konnte dem Körper aber Nährstoffe liefern. Als pflanzliches Fett lieferte es wesentlich mehr Kalorien als gedörrtes Brot. Lanlan sagte, sie sollten das Öl noch nicht anrühren, denn das gedörrte Brot war trocken und brauchte zum Schlucken Wasser. Das Wasser und das Brot würden für einige Mahlzeiten reichen; das Öl sollten sie erst im äußersten Notfall trinken.

Beim Anblick des Pflanzenöls fühlte sich auch Yinger etwas erleichtert.

Die beiden suchten eine schattige Senke mit Sträuchern und gruben zwei Gruben, beide tief genug, bis feuchter Boden kam. Die größere war für das Kamel. Obwohl Kamele einen inneren Wasserspeicher haben, hielten sie die gnadenlose Sonnenbestrahlung nicht ewig aus; in der feuchten Grube liegend, konnte es die Verdunstung verringern und Feuchtigkeit aufnehmen. Lanlan schnitt mit ihrem tibetischen Messer Sandgras und trug es in die Grube; das Kamel fraß und wich zugleich der giftigen Sonne aus.

Obwohl sie immer noch Hunger und Durst litten, war es bei Weitem erträglicher als nach der Flucht des Kamels. Damals, als „die letzte Munition verschossen“ war, wurden Hunger und Durst zu Krallen, die wahnsinnig an ihnen rissen. Jetzt, mit Nahrung und Wasser, quälten Hunger und Durst sie zwar auch, waren aber einigermaßen auszuhalten.

Lanlan wusch dem Kamel ab und zu mit Salzwasser die Wunden, wobei sie den Deckel der Plastikflasche zum Anrühren benutzte. Während des Lösens des Salzes hielt Yinger die Wasserflasche zwischen den Knien fest umklammert. Jedes Mal dabei fühlte sich Yinger wie vor einem Feind – ständig fürchtete sie, die Plastikflasche könne sich plötzlich losreißen und die lebensrettende Flüssigkeit in den Sand vergießen. Auch die Luft schien unsichtbare Hände auszustrecken, die ihr die Flasche entreißen wollten. Um sie nicht zu verlieren, wurden ihre Arme ganz steif. Das machte sie immer nervöser, und als Lanlan die Wunden fertig gewaschen hatte, war auch Yinger vor Anspannung völlig erschöpft.

Nach der Wundbehandlung goss Lanlan das restliche Salzwasser in ihre Handfläche und hielt sie dem Kamel hin. Das Kamel streckte die Zunge aus und leckte die kühle Flüssigkeit auf. Kamele liebten Salz über alles; diese kleine Portion konnte zwar nicht viel ausrichten, war aber eine Belohnung für das Kamel.

Genau genommen verbrauchte das Kamel sogar etwas mehr Wasser als die beiden Menschen. Das war in Ordnung – alle hatten Angst vor einer Wundinfektion und hofften, dass die Wunde schnell verkrustete. Das Tragen war zwar wichtig, aber noch wichtiger war: Solange sie das Kamel hatten, hatten ihre Herzen festen Boden.

Die beiden Schwägerinnen ruhten am Tag und wanderten bei Nacht, zwei weitere Nächte lang. Nach der zurückgelegten Strecke hätten sie den Salzsee längst erreichen müssen, doch stattdessen gerieten sie in eine Kieswüste. Beim Anblick der Kieswüste wusste Lanlan im Stillen, dass etwas schiefgelaufen war. Als sie damals zum Salzsee ging, hatte sie keine Kieswüste passiert – sie hatten sich also verlaufen. Das bisschen gedörrtes Brot war aufgegessen, das Wasser fast alle. Das Öl war zwar unangetastet, doch mit diesem bisschen Öl würden sie nicht lange durchhalten. Die Kamelwunde war zwar verheilt, aber sie brachten es nicht übers Herz, wieder aufzusitzen. Wenn die Erschöpfung zu groß wurde, führte eine das Kamel, während die andere sich am Kamelschwanz festhielt und etwas Kraft borgte. Die Beine fühlten sich längst nicht mehr wie ihre eigenen an.

Später ritten sie abwechselnd – eine Stunde pro Person.

Die Höcker waren eingesunken, was bedeutete, dass auch die Lebensreserven des Kamels zur Neige gingen. Unterwegs gab es wenige Stellen mit Gras. Obwohl Lanlan die Rastplätze an Stellen mit Bewuchs wählte, damit das Kamel sich stärken konnte, waren die Höcker trotzdem eingesunken. Sie erinnerte sich, dass es auf dem Weg zum Salzsee mehrere Stellen gab, die eigens dazu dienten, die Kamele mit Wasser und Gras zu versorgen. Da sie sich verirrt hatten, war das Kamel beim Futter offensichtlich zu kurz gekommen. Lanlan nahm den Packsattel ab, zog das Polstergras aus dem Sattel und gab es dem Kamel. Dann benutzte sie die Decke als Polster. Doch das bisschen Gras war für das hungrige Kamel ein Tropfen auf den heißen Stein.

Immerhin heilte die Wunde schnell. Das lag wohl in der Natur des Tieres. Weil sie ständig Lasten trugen, wurde der Kamelrücken immer wieder aufgescheuert. Mit der Zeit bildete sich eine sehr harte, dicke Schwiele. Mit Salzwasser gewaschen, verkrustete die Wunde rasch. Solange das Kamel also noch Kraft hatte, konnte es sie tragen.

In der Kieswüste fanden sie hin und wieder Gras, das Kamel fraß gierig. Lanlan war überzeugt: Nach einem Monat solchen Fressens würden sich die Höcker wieder aufrichten. Doch sie waren nicht zum Kamelhüten unterwegs, sondern mussten den Salzsee finden. Lanlan überlegte angestrengt und kam schließlich zu dem Schluss, dass sie den Salzsee verpasst hatten. Sie sagte, ganz sicher. Der Salzsee war eigentlich eine Oase in der Wüste, nicht besonders groß – wenn man in der Ferne auch nur ein, zwei Li daneben lag, konnte man ihn knapp verfehlen.

Was tun?

Lanlan sagte, es bliebe nur, umzukehren, und sobald sie wieder in der Sandwüste wären, nach Westen zu gehen. Mit etwas Glück würden sie vielleicht doch noch auf den Salzsee stoßen.

Zurück in der Sandwüste banden die beiden das Kamel an einen Strauch und bestiegen den höchsten Sandberg in Sichtweite. Mit Beinen, schwerer als mit Blei gefüllt, stiegen sie Schritt für Schritt hinauf. Sie brauchten mindestens zwei Stunden. Beide brachen erschöpft zusammen. Erst nach langem Atemholen suchten sie die Umgebung ab. Sie hatten geglaubt, vom höchsten Sandberg aus alles überblicken zu können. Doch oben angekommen stellten sie fest, dass ein Berg höher war als der andere. Hoffnungslos. Sie sahen nur Welle um Welle aufbrausender Sandberge. Vom Gehen ganz zu schweigen – allein beim Hinschauen verließ einen der Mut.

Yinger ließ sich in den Sand fallen und wollte lange kein Wort sagen.

Auch Lanlan schwieg mit finsterer Miene. Beiden war zum Weinen, aber die Tränen kamen nicht. Der Kopf war leer. Wenn doch nur am Horizont ein weißer Fleck zu sehen wäre … Doch am Horizont waren nur Sandberge. Selbst wenn sie bis zum Horizont kletterten, ob dort der Salzsee lag, blieb ungewiss.

Lanlan sagte: Gehen wir hinunter.

Yinger sagte: Ich kann mich wirklich nicht mehr bewegen. Am besten sterbe ich auf diesem Sandberg und werde ein Haufen Knochen.

Lanlan sagte: Gehen wir, wenn wir den Weg gegangen sind, der zu gehen ist, sehen wir weiter.

Beim Blick auf das Kamel, das unten wie ein gelber Punkt aussah, dachte Yinger: Hätte ich gewusst, dass es so kommt, warum den Sandberg besteigen? Es hatte viel Kraft gekostet und sie nur mutlos gemacht.

Da sie sich nicht mehr bewegen konnte, war Yinger auch zu faul, den sanften Hang hinunterzugehen. Sie ging einfach zur steilen Seite, hockte sich hin, setzte sich in den Sand und rutschte hinab. Unerwartet war es, als hätte sie Flügel bekommen – der Wind pfiff an den Ohren, und Körper und Seele wurden auf einmal leicht. An einer flachen Mulde hörte sie Lanlan rufen: Pass auf deine Hose auf! Wenn du weiter rutschst, scheuert es bestimmt ein großes Loch in deinen Hintern.

Obwohl ihr die Hose auch leidtat, war das Gefühl einfach zu herrlich. Yinger dachte: In diesem Moment weiß ich nicht einmal, wo mein Leben hängt – was kümmert mich die Hose? Sie sprang die Sanddüne hinunter. Der fließende Sand trug sie wie Wasser – ein unbeschreibliches Gefühl. So leicht war ihr schon lange nicht mehr. Sie schrie begeistert. Die stille Sandmulde wurde lebendig. Lanlan ließ sich anstecken, vergaß ebenfalls ihre Hose und rutschte im Sand hinunter. Beide schrien begeistert und vertrieben die Schwermut der letzten Tage.

Nach einer Weile hatte Yinger Angst, der Sand könnte ihre Hose tatsächlich durchscheuern, und wechselte die Position. Das war möglich – hätten sie wirklich ein Loch, wäre es ihnen beim Salzsee peinlich. Sie drehte sich auf den Rücken, den Kopf nach oben, und begann, auf der Sanddüne zu schwimmen. Bei jedem Armzug glitt ihr Körper ein Stück abwärts. Sand rieselte in den Kragen und kitzelte angenehm. Lanlan begann ebenfalls zu schwimmen. Die Sandmulde hallte von ihren fröhlichen Rufen wider. Diese unverhoffte Freude wusch alle Sorgen fort.

Unten am Sandberg angelangt, spuckten beide lachend den Sand aus dem Mund. Seit Jahren lebten sie stets unter den Augen anderer und hatten nie so ausgelassen getobt. Ausgerechnet an diesem Ort, der einer Sackgasse gleichkam, hatten sie auf einmal ihre verlorene Mädchenhaftigkeit wiedergefunden.

Um ihre gute Laune zu feiern, trank jede einen Schluck Pflanzenöl.

39

Die Freude eben hatte alle Kraft aufgezehrt. Nach dem Toben kehrten die Sorgen ins Herz zurück. Wie weit konnte sie noch gehen? Würde sie den Salzsee erreichen? Je öfter man sich das fragte, desto grauer wurde das Herz – also lieber nicht daran denken.

Als die Gluthitze der Sonne etwas nachließ, stiegen sie aufs Kamel und ritten nach Westen. Gehen garantierte nicht, den Salzsee zu finden, aber Stillstehen bedeutete sicheren Tod in der Sandwüste. Also lieber gehen. Manchmal stieß selbst ein blinder Esel auf einen Heuhaufen. Vielleicht begegneten sie Menschen auf dem Weg zum Salzsee oder Hirten. Egal wen sie träfen – unter der Nase saß ein Mund, man brauchte nur zu fragen, und der andere würde antworten. Träfe man auf gute Menschen, gäbe es vielleicht sogar etwas zu essen und zu trinken. In der Abenddämmerung entdeckten sie ein Kamelskelett neben einem Sandwirbel. Das Kamel erschrak und warf den Kopf so heftig herum, dass es die beiden fast vom Rücken schleuderte. Lanlan war erfreut. Es war das menschennächste, was sie in der Gegend gesehen hatten. Am auffälligsten war der Schädel – zwei große schwarze Augenhöhlen starrten die Ankommenden an. Er musste schon lange ratlos dagestanden haben.

Das Skelett war ziemlich vollständig, auch Zähne und Rippen waren noch intakt. Offensichtlich war das Kamel weder vor noch nach dem Tod von Raubtieren angefallen worden. Beim Anblick des Skeletts eines Artgenossen schnaubte und schüttelte das Kamel lange den Kopf und stieß dabei immer wieder ein Schnauben aus. Nach dem alten Shun bedeutete das, das Kamel sehe einen Geist. Geister fürchteten Speichel. Wachte der Geist des toten Kamels noch neben dem Skelett? Es hieß, es gebe Wächtergeister, die so lange blieben, wie die Knochen nicht begraben waren. Yinger glaubte nicht, dass bei hellichtem Tag ein Geist neben dem Skelett wachte, doch ihr lief dennoch ein kalter Schauer über den Rücken.

Lanlan sagte: Schau, das war ein Salztransport. Sie zeigte auf die Stofffetzen neben dem Skelett und sagte: Das ist bestimmt ein Kamel, das Mongolen beim Salztransport zu Tode geritten haben. Yinger sah keine Anzeichen eines Salztransports, freute sich aber trotzdem. Immerhin – irgendeine Entdeckung war besser als keine. Unterwegs hatten sie außer Wüste, Kiesflächen und Wüstenpflanzen kaum etwas Menschengemachtes gesehen. Das Skelett bewies zumindest, dass hier Menschen gewesen waren.

Dann aber dachte sie: Vielleicht war das Skelett von einem Wildkamel. Um Lanlan nicht die Freude zu nehmen, sprach sie es nicht aus. In einer ausweglosen Lage brauchte man Hoffnung – selbst wenn sie trügerisch war, war sie besser als Verzweiflung.

Yinger dachte: Selbst wenn dieses Kamel tatsächlich auf dem Weg zum Salzsee gestorben war, bewies das, dass der Salzsee noch weit entfernt war – wäre er nah gewesen, hätte sich das Kamel bis zum Ziel geschleppt. Wenn sie weiter über die Todesursache nachdachte, wurde sie noch mutloser. Zumindest gab es in der Nähe wohl keine Wasserquelle und kein frisches Gras – warum sonst wäre das Kamel gestorben? Dem Anschein nach war es verdurstet oder an einer Krankheit gestorben. Vor dem Tod hatte es sich wohl in sein Schicksal gefügt. Es saß da wie ein meditierender alter Mönch, in Gleichmut. Ruhig lag es in der Sandmulde, mit der Miene eines, der dem erhobenen Schwert des Schicksals seinen Hals darbot. Yinger seufzte tief. Sie dachte an ihr eigenes Schicksal.

Lanlan ließ das Kamel niederkauern, und die beiden stiegen auf. Das Kamel schwankte vor und zurück, wiegte sich eine ganze Weile, bis es sich erhob. Yinger blickte zurück zum Skelett und sagte: Leb wohl – wer kann etwas dafür, auch ein bitteres Schicksal zu haben? Bei dem Gedanken, dass auch sie irgendwo weiter vorn zu einem Skelett werden könnte, überkam sie Traurigkeit.

Je weiter sie kamen, gab es zwar keinen deutlichen Weg, aber immer mehr Knochen – Skelette oder einzelne Beinknochen, die schräg im Sand steckten und ins Auge stachen. Yinger dachte: So wie es aussieht, muss das hier ein Kamelweg oder eine Weide sein, woher kämen sonst so viele Knochen? Sie wurde etwas leichter ums Herz.

Etwas weiter entdeckten sie neben einem Skelett sogar einen Packsattel. Dieser Beweis war natürlich eindeutig. Das Holz des Packsattels war fast verwittert. Daneben lag Kamelmist von unbestimmtem Alter. Lanlan war bester Stimmung – wie auch immer, sie befanden sich auf einem Kamelweg. Yinger freute sich natürlich auch, war aber auch besorgt: Auf diesem Abschnitt lagen so viele Skelette – das bewies, dass hier viele Kameltreiber vorbeigekommen waren, aber auch, dass die Kamele nach der langen Reise hier an ihre Lebensgrenze stießen. Yinger begriff: Das Schicksal, dem sie gegenüberstanden, war ebenso furchtbar wie die Gebeine am Wegrand. Führte dieser Weg wirklich zum Salzsee? Wie weit war es noch? Würden ihre Kräfte bis zur nächsten Wasserquelle reichen? Alles war ungewiss. Lanlan wusste das sicher auch – sie wollte es nur nicht aussprechen.

Am meisten besorgte sie das Kamel. Sie hatten das Öl für die Kalorien, aber die Höcker waren zu leeren Hautlappen zusammengefallen. Wie weit konnte es noch durchhalten? Immerhin trug es zwei erwachsene Frauen – mindestens hundert Kilo. Beim Aufstehen mit ihnen schwankte es jedes Mal lange. Bergauf zitterte es, als würde es umfallen. Später stiegen sie bergauf ab und hielten sich am Kamelschwanz fest. Offenbar näherte sich auch das Kamel seiner Belastungsgrenze. Warum sonst hätte es beim Anblick des Skeletts so stark reagiert?

Nach einer Ruhepause tranken beide einen Schluck Öl und Wasser und machten sich für den Nachtmarsch bereit. Die Skelette machten die Nacht zwar unheimlich, erinnerten aber auch daran, dass sie auf dem richtigen Weg waren. Yinger dachte: Solange sie auf dem Weg waren, war alles gut – am schlimmsten war es, wie eine kopflose Fliege blind umherzuirren.

Lanlan sagte: Nicht die Langsamkeit ist zu fürchten, sondern das Stehenbleiben. Solange die Richtung stimmt, ist jeder Schritt ein Schritt näher.

Sie riefen: Qiao! Qiao! Das war der Befehl zum Niederkauern.

Das Kamel zögerte einen Moment und kauerte sich langsam nieder.

Lanlan seufzte: Das Kamel ist am Ende seiner Kräfte.

Die beiden stiegen auf. Lanlan ruckte mehrmals am Zügel und rief: Chaoshao! Das Kamel schwankte und versuchte aufzustehen. Es schwankte mehrmals, stemmte einmal die Vorderbeine hoch, sank aber wieder zusammen. Es stöhnte und kämpfte vergebens. Lanlan sagte: Reite du allein, ich steige ab. Sie stieg ab, gab Kommandos und zog gleichzeitig am Kamelschwanz nach oben.

Das Kamel stieß einen langen Seufzer aus, lag da und rührte sich nicht mehr.

Yinger verstand, dass es am Ende war, und stieg ebenfalls ab. Sie sah, dass das Kamel die Nüstern weit aufgerissen hatte und schwer und mühsam

atmete. Obwohl es auf den umliegenden Dünen trockenes Sandgras gab, schaute das Kamel nicht einmal hin. Yinger begriff: Es war zu durstig. Die Kehle war längst zu dürrem Leder geworden; es konnte das Sandgras nicht mehr hinunterschlucken, das trockener war als die Sonne selbst. Yinger war dem Kamel dankbar – ohne es lägen sie irgendwo in einer Senke. Sie beschloss: Auf keinen Fall durfte sie es noch reiten; auch sein Körper war nicht aus Eisen.

Lanlan trieb es noch einmal an. Doch das Kamel klagte nur, als wollte es sagen: Geht ohne mich, ich kann wirklich nicht mehr. Yinger hatte von Lingguan gehört, dass Kamele, solange sie auch nur einen Funken Kraft hatten, mit aller Macht ihre Pflicht taten. Sie schonten sich nie. In früheren Karawanen brachen manche einfach zusammen und starben. Sie fragte sich, ob die Skelette es aufgewühlt hatten. Möglich. Wie ein todkranker Alter, der plötzlich erfährt, dass sein Gefährte gestorben ist – der Tod peitschte seinen Willen nieder. Yinger tätschelte seinen Kopf und sagte: Wovor hast du Angst? Die sind die, und du bist du. Das Kamel stöhnte, als wolle es sagen: Ich habe keine Angst, ich kann nur wirklich nicht mehr.

Die Höcker waren zu Hautlappen zusammengefallen, die Rippen traten hervor. Das Kamel atmete schwer und streckte immer wieder die Zunge heraus.

Die Kamelzunge war dick belegt, in Gelb und Schwarz. Das plötzliche Zusammenbrechen hing zwar mit dem Nährstoffmangel zusammen, hatte aber sicher auch seelische Ursachen. Yinger wusste nicht, wie sie sein seelisches Leiden heilen sollte. Es war unmöglich – sie konnte weder im Nu die Kamelsprache erlernen noch in seinen Kopf schlüpfen. Sie dachte: Egal was geschieht, wir dürfen es nicht zurücklassen – nicht nur, weil ein Kamel zwei- bis dreitausend Yuan wert war, sondern weil es ihr Gefährte geworden war.

Plötzlich verstand sie, warum es hier so viele Skelette gab. Die Skelette sagten den Kamelen unmissverständlich: Wir sind tot, du wirst auch sterben. Das war eine furchtbare Suggestion. Sie erinnerte sich: Als Mentou todkrank war, hatte er anfangs noch Hoffnung gehabt. Damals flackerte seine Lebensflamme schwach, immer kurz vorm Erlöschen. Als er schließlich die Wahrheit begriffen hatte, starb er sofort. So war es wohl auch beim Kamel. Es glaubte, dass so viele Kamele hier gestorben waren, also konnte es auch selbst der ausweglosen Lage nicht entkommen. Manche Kamele hatten vielleicht noch genug Kraft, doch die Suggestion zerschmetterte ihren letzten Funken Zuversicht. Yinger dachte: Ich darf auf keinen Fall wie diese toten Kamele werden. Solange das Herz nicht stirbt, stirbt der Mensch nicht.

Sie überlegte, wie sie dieses Kamel retten konnte, das seinen letzten Funken Hoffnung verloren hatte. Da sie nicht in sein Herz schlüpfen konnte, brauchte sie einen anderen Weg. Sie dachte und dachte und fand keinen anderen als ihm etwas Pflanzenöl einzuflößen.

Als sie es vorschlug, erklärte Lanlan stirnrunzelnd: Das ist das Letzte, was wir haben, und der Weg ist vielleicht noch weit. Yinger sagte: Wir können es doch nicht zurücklassen. Es ist fortgelaufen und wieder zurückgekommen, um uns zu finden … Lanlan sagte: Dann eben so. Schlimmstenfalls sterben wir zusammen. Yinger sagte: Genau. Wenn wir leben, leben wir zusammen. Und wenn wir sterben müssen, sterben wir mit dem Kamel zusammen.

Lanlan holte die Ölflasche hervor. Als sie sie schwenkte, wirbelte das Öl an der Flaschenwand und zeichnete schöne Muster. Yinger spürte, wie eine unsichtbare Kraft ihr Herz zusammenpresste; Lanlan ging es wohl genauso. Dieses Öl – die beiden hätten noch zwei, drei Schluck trinken können. Es war wenig, aber es war das einzige Nahrungsmittel, das sie noch hatten.

Das Kamel starrte gierig auf die Flüssigkeit – so hatte es auch vorher geschaut, wenn die beiden tranken. Es wusste natürlich, dass es eine Köstlichkeit war. Früher, wenn die Karawane vom Salzsee kam, bekam es manchmal etwas Schmalz vom Herrn. Das waren keine gewöhnliche Sandgrashalme. Sandgras konnte zwar den Hunger stillen, aber die trockene Zunge, hart wie eine Strohsandale, und die raue Speiseröhre, rau wie Schmirgelpapier, konnten es nicht aufnehmen. Diese Flüssigkeit hingegen war glatt und trug einen Hauch kühler Anmut. Das Kamel konnte sie nur gierig anstarren, die Schluckbewegung der beiden Frauen beobachten. Es konnte sogar das gluckernde Geräusch hören, wenn der dicke, glänzende Nektar die Speiseröhre hinabglitt. Die ausgedörrten Zellen jubelten und riefen wie Schafe, die verdurstet zum Brunnen stürmen. Das Kamel wusste, es konnte nur zuschauen. Schauen war schon viel – nach all der trockenen Wüste noch einmal das kühle, glatte Wirbeln an der Flaschenwand zu sehen, war schmerzhaft und erregend zugleich.

Natürlich erwartete es nicht, dass die hübsche Frau – obwohl auch ihre Lippen von schwarzen, trockenen Krusten bedeckt waren – ihm den Flaschenhals entgegenstrecken würde. Es dachte, sie necke es. Die Dorfbewohner neckten es immer so. Man sagte, durchs Dachfenster Luzerne baumeln lassen gebe dem alten Esel Liebeskummer. Auch Kamelen bereiteten sie solchen Liebeskummer. Die Dorfkinder hielten ihm zartes Gras hin, und sobald es den Mund öffnete, zogen sie das Gras weg und lachten schadenfoh. So waren Menschen. Früher schloss es bei solchen Neckereien stolz die Augen. Aber wissen Sie – was für eine Versuchung war dieser Hauch von Kühle in diesem Augenblick! Allein der Anblick war ein Genuss. Natürlich war dieser Genuss auch Qual – wie ein lediger Mann, den das Verlangen verzehrte, vor einem obszönen Film: Er wurde zwar rot und keuchte, doch seine rollenden Augen ließen keine einzige quälend erregende Szene aus.

Dem Kamel ging es genauso.

Doch der Flaschenhals wurde tatsächlich seinem Maul entgegengestreckt. Natürlich war es überrascht. Natürlich wusste es auch, was der Inhalt für die beiden Frauen bedeutete. Es blickte der Frau in die Augen und suchte nach dem Zeichen einer Neckerei – doch was es sah, waren Augen voller Fürsorge. Es erinnerte sich: Als es als Jungtier in ein Mauseloch trat und sich das Bein brach, hatte die Mutter es genauso angesehen. Natürlich vergaß es diesen Blick nie. Man sollte sein Gedächtnis nicht unterschätzen: Es erinnerte sich an einen Streich von vor über zehn Jahren, vergaß aber auch nicht, dass ihm jemand vor acht Jahren eine Handvoll frisches Gras gegeben hatte. Kamele gehörten zu den Tieren mit dem besten Gedächtnis. In dieser Hinsicht übertrafen sie sogar Pferde. Wie Pferde galten sie als menschennah, nur waren sie noch gutmütiger.

Das Kamel war wirklich gerührt. Es zweifelte nicht an der Botschaft in diesen Augen. Es verstand: Sie wollte ihm die kühle Flüssigkeit wirklich geben. Es wusste zwar nicht, dass es das Letzte war, doch es hatte längst aus dem Verhalten der beiden begriffen, wie kostbar es war – sie tranken nur alle paar Stunden einen winzigen Schluck. Beim Trinken schlossen sie die Augen und genossen lange nach – natürlich wollten sie den Geschmack tief in ihre Seele einprägen. Natürlich.

Das Kamel wollte sagen: Trinkt ihr! Trinkt ihr! Seine Höflichkeit hatte es vom Herrn gelernt – der war genauso. Er wollte offensichtlich trinken, doch wenn jemand ihn einlud, sagte er genau diese Worte. Der Herr war natürlich nur scheinhöflich; das Kamel aber meinte es ernst.

Obwohl die Gedanken des Kamels klar und deutlich waren, verstanden die Menschen sie nie. Nichts zu machen. Das Kamel wusste auch, dass es das Schwierigste auf der Welt war, ein Menschenherz zu ändern, darum schwieg es stets. Es brachte es wirklich nicht über sich, etwas so Kostbares zu trinken. Es brauchte nur einen Eimer trübes Wasser – selbst mit Würmern, Grasresten oder Kaulquappen darin konnte es mit geschlossenen Augen trinken. Die Frauen nicht – sie hatten nur noch dieses Wenige. Das Kamel schüttelte also entschieden den Kopf.

Natürlich rechnete es nicht damit, dass man ihm den Flaschenhals in den Mund steckte, und schon gar nicht, dass diese glatte Flüssigkeit sich auf der Zunge ausbreitete. Es hörte die Geschmacksknospen auf der Zunge wahnsinnig jubeln, laut wie Zikaden in der Gluthitze. Ein wundersamer Geschmack drang sofort in die tiefste Seele. Diesen Geschmack würde es nie vergessen, nicht einmal im Tod. Es war nicht einmal mehr ein Geschmack. Es wurde zum Wirbelwind der Freude, zum Tsunami des Wohlgeschmacks … und noch viele Vergleiche mehr, die dem Kamel beim besten Willen nicht einfielen. Es fand die kleinen Knospen auf der Zunge wirklich gierig – sie rissen wahnsinnig ihre Mäuler auf, wie zahme Fische, die um Futter bettelten.

Obwohl die Flüssigkeit glatt und klebrig war, schlürften sie jede Menge auf. Das Kamel spürte, wie die Zunge feucht wurde. Es dachte: Jetzt kann ich wieder Gras fressen. Wenn ich Gras fresse, kann ich die beiden schönen Frauen weitertragen. Es kannte zwar die menschlichen Schönheitsideale nicht, erkannte aber an den Blicken des anderen Geschlechts, dass die beiden wirklich schön waren. Es vergaß nie die jungen Blicke der zwei alten Hirten unterwegs. Die hätten ihnen sicher nicht die Kleider vom Leib gerissen – doch ihre Augen hatten genau das getan.

Die Flüssigkeit aus der Flasche floss weiter, immer mehr glatte Köstlichkeit. Die Zungenknospen konnten gar nicht so schnell schlucken. Die Kühle glitt in die Kehle. Die Speiseröhre wogte freudig, wie ein Glied beim Eindringen in eine Kamelstute. Weil sie so ausgedörrt war, klang das Schlucken wie eine sich häutende Schlange – ja, eine Klapperschlange. Das Kamel dachte: Die Speiseröhre musste voller Risse sein, wie ein ausgetrocknetes Flussbett mit kreuz und quer verlaufenden Spalten. Das schloss es aus dem stechenden Gefühl beim Schlucken von trockenem Gras. Dort hätte es eigentlich glatt sein müssen, mit einer Schleimhaut bedeckt. Jetzt war es ein trockenes Flussbett geworden. Dieser Durst war wirklich abscheulich, schlimmer als der Bulle Spaltmaul im Dorf. Spaltmaul war schon schlimm genug – wenn er brünstig wurde, jagte er den schönen Stuten nach. Wenn er sie einholte, biss er ihnen in die Hinterbeine. Die Stuten wehrten sich, wirklich, aber wenn das Bein einmal im Maul steckte, war jede Gegenwehr ein Biss gegen sich selbst. … Die junge Stute wurde dann von Spaltmaul zu Boden gezerrt, und was dann kam, war unerträglich. Unzählige junge Stuten wanden sich stöhnend unter Spaltmaul. Noch schlimmer: Manche Stuten klebten nach ein, zwei Vergewaltigungen dann freiwillig an ihm. Jedes Mal, wenn das Kamel daran dachte, empfand es tiefen Ekel. Doch der Durst war schlimmer als Spaltmaul – der Beweis war: Wenn der Durst kam, vertrieb er sogar Spaltmaul aus dem Kopf. Offensichtlich war der Ekel vor dem Durst noch größer als vor Spaltmaul.

Das Kamel spürte, wie die Speiseröhre sich wild wand – natürlich war es glücklich. Es gab nichts Schöneres, als Pflanzenöl durch eine Speiseröhre fließen zu fühlen, die trocken war wie Yamswurzelschale. Es hörte sogar das freudige Stöhnen der Speiseröhre. Dieses Stöhnen klang wie damals, als es zum ersten Mal in eine junge Kamelstute eindrang und unwillkürlich aufstöhnte. Kamelhengste waren wie Männer. Männer wollten unberührte Jungfrauen; bei Kamelen war es genauso. Kamele nannten die unerfahrenen Stuten „Rohkamele“. Pflanzenöl war noch besser als ein Rohkamel. Die Speiseröhre dachte gewiss ebenso – sonst hätte sie nicht so gewogen und gestöhnt. Man hat wohl noch nie das Stöhnen einer Speiseröhre gehört – es war himmlische Musik. Das Kamel kannte zwar nicht das Sprichwort „Der größte Klang ist Stille“, verstand aber dennoch die lautlose, brausende Symphonie der Speiseröhre. Draußen brannte der trockene, heiße Himmel, selbst die Luft glühte – da hatte jener Faden von Kühle und Glätte natürlich eine Durchdringungskraft, die bis in die tiefste Seele reichte. Das Kamel war der Frau dankbar. Sie gab ihm etwas so Kostbares. Es dachte: Wäre ich ein Mann, würde ich sie bestimmt umwerben. Aber das Kamel dachte nur. Sein Instinkt sagte ihm: Tagträume sind eine schlechte Angewohnheit.

Die Kühle glitt weiter in den Magen. Auch der Magen begann freudig zu arbeiten. Die Bewegungen des Magens waren wahrlich monströs – eigentlich hätte er dunkelrot sein sollen, doch inzwischen war er schwarz. Nicht nur schwarz, sondern auch hart, wie halb getrocknetes Rindsleder. Nicht nur hart, sondern auch geschrumpft. Er sah aus wie das Gesicht einer Achtzigjährigen, wie Oleasterrinde, wie ein drei Tage in der Sonne getrockneter Schweinehals, wie eine fünf Stunden in Salzlake und Sojasoße gekochte Nachgeburt – all diese „Ähnlichkeiten“ wogten zusammen, natürlich ein Ungeheuer. Es gab knirschende und schmatzende Geräusche von sich, wie dreihundert Mäuse beim gemeinsamen Zähneschleifen. Im Magen wirbelten staubige Krümel auf. Sie hatten in den Falten des Magens gelauert; da der Magensaft unangekündigt verschwunden war, nutzen sie die Gelegenheit, sich zu strecken und ihre Glieder zu lockern. Auch sie entdeckten freudig das Pflanzenöl, das die Speiseröhre hinabrann. Da der Magen noch keine Fenster hatte – das war die Spezialität der Schakale – war es im Magenraum etwas dunkel. Die Staubpartikel konnten das halbtransparente Etwas natürlich nicht sehen, das kokett heranglitt. Da die Zellen unterwegs plünderten, kam die Köstlichkeit nur langsam voran, doch ihr Duft eilte als Vorhut voraus und stieg ihnen in die Nase. Man sollte den Magen nicht unterschätzen – das war kein gewöhnlicher Sack, sondern eine ganze Welt.

Natürlich – wenn man ihn zu Trockenfleisch machte, starb diese Welt, und es blieb nur ein Stück Starres, das man lobend kommentierte.

Dem Gehirn ging es nicht anders. Solange es lebte, hatte es tausend Berechnungen und zehntausend Stimmungen. Aus ihm erwuchsen die zärtlichsten Liebesgeschichten. Doch wenn es starb und man es aß, schmeckte man nur eine weiche, etwas stinkende, durchaus auch duftende Masse – aber die vielen Geschichten, die es einst gehabt hatte, konnte man unmöglich herausschmecken. Dem Magen ging es genauso.

Die Bewegungen des monströsen Magens waren furchtbar. Man konnte alle Worte der Welt verwenden, um sie zu beschreiben, und doch blieben sie blass. Wenn man drei Tage in der Wüste gedurstet hätte, dem Tode nahe, mit der Seele halb im Jenseits – und dann einen schimmernden kühlen See erblickte, würde man denselben Laut ausstoßen. Aber nicht von den Stimmbändern, sondern aus der Seele. Ein Brausen wie ein kosmischer Wirbelsturm, der neun Himmel durchdrang und sich in wild greifende und tanzende Hände verwandelte, die sich kaum in Noten fassen ließen. Das Kamel mochte diese wild tanzenden Hände nicht – sie waren Räuber. Sie wollten das bisschen Feuchtigkeit für sich beanspruchen und riefen: Angriff! Tötet! Schnappt! Raubt! Ihre Schritte hallten wirr. Das Kamel schämte sich für sie. Es blickte verlegen zu der Frau mit der Flasche. Es wollte sich erklären, wusste aber nicht, was es sagen sollte.

Die wahnsinnigen Hände raubten alle dicke, glatte Flüssigkeit, die in den Magen gelangt war. Wie ein Schwamm, der Wasser aufsaugt, wie Frühlingsregen auf Salzboden, wie Kaulquappen im Walmaul – lautlos und restlos. Sie warteten gierig auf mehr. Das Kamel auch. Doch dann klapperte der Flaschenhals gegen die Zähne. Die Frau schüttelte die Flasche, damit das letzte Öl von der Flaschenwand in das Kamelmaul glitt. Das Kamel spürte die Zähne vibrieren.

Die Frau warf die leere Flasche in die Sandmulde. Das Kamel wollte ihr sagen: Wirf die Flasche nicht weg, sie kann noch Wasser fassen. Wenn sie Hirten oder Kameltreibern begegneten, könnten sie um eine Flasche Wasser bitten. Es rief. Die Frau verstand natürlich nicht.

Das Kamel dachte: Findet sie es vielleicht eklig, dass ich den Flaschenhals berührt habe?

Traurig blickte das Kamel zur Sandmulde. Lass es, dachte es. Sie hat es weggeworfen – es ist ihr Ding, was geht es dich an?

Doch dann sah es, wie die andere Frau die Flasche aufhob, den Hals mit dem Jackenzipfel abwischte und sie in den Beutel steckte, der an seinem Rücken hing.

40

Die zwei Frauen und das Kamel wanderten weiter in die Abenddämmerung. Das Kamel konnte zwar aufstehen, aber noch keine Reiter tragen. Das war eine Verschlimmerung der Lage. Reiten war zwar anstrengend – das Steißbein wurde immer vom Kamelrückgrat aufgescheuert und brannte höllisch, und der Rücken tat immer weh –, aber der Kraftverbrauch war geringer als zu Fuß. Der Schluck Öl hatte zwar weder Hunger noch Durst gelöscht, die Kalorien reichten aber wohl, um den Körper am Laufen zu halten. Nun mussten sie die himmelhohen Sandberge zu Fuß erklimmen. Beide waren das Sandlaufen nicht gewöhnt und hatten noch kein „Schwielenpolster“ – das heißt, ihr Körperfett hatte sich noch nicht in Muskeln für den Sandweg verwandelt. Yinger spürte, wie ihre Waden messerscharf schmerzten. Bei jedem Schritt sank der Fuß ein, und bei jedem Einsinken wurde der Messerschmerz stärker. Auch die Fußsohlen brannten bei jedem Schritt. Nach zu vielen Schritten erschlaffte der ganze Körper.

Obwohl sie sich damit tröstete, dass jeder Schritt sie dem Ziel näherbrachte, sah sie bei jedem Blick nur riesige schwarze Sandberge. Die Sterne waren wie immer tief, aber Sterne waren Sterne und sie waren sie. Yinger hatte das Interesse an Sternen verloren; die Poesie der ersten Wüstennächte war längst verflogen. Sie dachte nicht einmal daran, ein Volkslied zu singen. Da verstand sie, warum so viele Frauen die Volkslieder nicht so liebten wie sie – sie standen vielleicht vor denselben Umständen wie jetzt. Wenn das Überleben zur erdrückenden Last wurde, war Poesie ein Luxus. Poesie war eine Stimmung. Sie brauchte zwar das Leid als Hintergrund, doch wenn das Leid wie ein Berg hereinbrach, blieb für die Poesie kein Raum zum Überleben.

Also weitergehen.

Mit messerscharf schmerzenden Waden, den Blick auf den verschwommenen Weg in der weiten Dämmerung gerichtet, ließ Yinger die Gedanken erstarren, die Poesie einfrieren und das Herz verstummen – und bewachte die Hoffnung. Sie hielt sich am Kamelschwanz fest, borgte aber nur bergauf etwas Kraft. Auf flachem Grund versuchte sie, ihre bleischweren Beine so schnell wie möglich zu bewegen, um dem Kamel nicht zur Last zu fallen.

Lanlan hielt mit der rechten Hand den Kamelhaltezaum – es sah aus, als triebe sie das Kamel, aber auch sie borgte Kraft. Der Halfter war von ihrem Vater eigens für die Wüstenreise hinzugefügt worden. Normalerweise brauchte ein Kamel keinen Halfter, denn es wurde mit dem Nasenring am Nasenstift gehalten. Aber wenn man am Zügel zog, bereitete das dem Kamel Schmerzen. Die Kamelnase war extrem empfindlich. Gegen ein störrisches Kamel gab es zwei Methoden: Erstens den Zügel lockern und dann ruckartig ziehen – das lockere und straffe Rucken riss am Nasenstift, und dem Kamel schossen sofort Tränen in die Augen. Wer es ausprobieren wollte, brauchte sich nur kräftig auf die Nase zu klatschen. Zweitens mit einer Peitsche auf die Kamelnase schlagen – wenige Hiebe, und das widerspenstigste Kamel wurde zahm.

Der Halfter bestand aus einigen Lederriemen, die um den Kamelkopf gelegt wurden. Wenn Lanlan daran zog, lag der Druck auf dem Kopf – selbst bei kräftigem Ziehen tat es dem Kamel nicht weh und sie konnte sich Kraft borgen.

Yinger hielt sich am Kamelschwanz fest und ging durch den Sand. Schon ein wenig geborgte Kraft machte das Gehen leichter. Obwohl beide sich am Kamel stützten, sparten sie ihm im Vergleich zum Reiten erhebliche Energie.

Trotz der messerscharfen Beinschmerzen schloss Yinger immer wieder die Augen. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Wäre sie nicht ab und zu über Sand gestolpert, wäre sie eingeschlafen. Nichts zu machen – die Müdigkeit war wie Wein, der in der Grube immer stärker wurde. In einem Moment glaubte sie sogar, sie liege im Bett, ließ los und legte sich in den Sand. Zum Glück blickte Lanlan sich gerade um, als sie mit dem Kamel um eine Sanddüne bog. Lanlan sagte: Zum Glück war es windstill. Sonst hätte ich dich nie wiedergefunden. Wind verwischt alle Spuren im Sand und erzeugt seltsame Geräusche – er kann meine Stimme fortragen und dafür andere Laute erzeugen, die dich in die Irre führen. Du glaubst, sie kämen von mir, und folgst ihnen an einen Ort, wo ich dich nie wiederfinde. Viele, die in der Wüste verdurstet sind, starben genau so.

Um zu verhindern, dass Yinger wieder einschlief, nahm Lanlan ein Seil, band ein Ende um Yingers Taille und das andere am Packsattel fest.

Lanlan ließ das Seil etwas länger; solange Yinger sich am Kamelschwanz festhielt, war es locker. Sobald sie losließ, straffte es sich sofort, und Lanlan, die das andere Ende in der Hand hielt, konnte anhalten und die vielleicht wieder in den Sand gefallene Yinger wecken. Voraussetzung war natürlich, dass Lanlan das Kamel gut führte – sonst würde ein Schrecken des Kamels Yinger umreißen. Die Situation wäre wie bei einem Reiter, der vom Pferd fällt, dessen Fuß aber im Steigbügel hängenbleibt – er konnte zu Brei geschleift werden. Als Vorsichtsmaßnahme band Lanlan das Ende am Packsattel mit einer Schlaufe, die sich im Notfall mit einem Ruck lösen ließ.

So taumelten die Schwägerinnen halb schlafend, halb wach zwischen den Sandbergen. Beim Eintritt in die Wüste hatten sie noch eine Kamelglocke gehabt, die aber bei der Flucht vor den Schakalen verloren gegangen war. So gab es unterwegs nur das Knirschen des Sands. Ab und zu hörte man das Kamel laut schnauben, wie ein Donnerschlag, der die immerzu wegdämmernde Yinger weckte.

Die Taschenlampe hatte kaum noch Batterie. Obwohl sie sparsam leuchteten, ging die Leistung auch bei stetigem Sparen zur Neige. Nur beim Wegsuchen wagte Lanlan, die Lampe einzuschalten. Manchmal beleuchtete der Strahl ein verrenktes Skelett. Früher hätten beide aufgeschrien, doch inzwischen waren sie an die Skelette gewöhnt. Blieben sie lange aus, wurde Lanlan unruhig – sie fürchtete, sich wieder verlaufen zu haben. Die Skelette waren nicht alle von Kamelen; manchmal sah man welche, die wie Hunde aussahen, doch sie konnten Hund und Fuchs nicht unterscheiden. Eigentlich müsste der wandernde Sand die Skelette zuschütten, doch seltsamerweise tat er es nicht – vielleicht weil die Sandberge im Norden den starken Wind abhielten. Doch das war nur eine Vermutung. Vieles in der Natur ließ sich nicht erklären – was eigentlich so sein müsste, war ganz anders, wie die Mondsichelquelle in Dunhuang: Eigentlich hätte der Sand sie längst verschlingen müssen, doch nein – sie bestand seit tausend Jahren.

Gegen Mitternacht konnten die beiden wirklich nicht mehr und rasteten. Kaum hielten sie an, versank Yinger im Schlaf.

Lanlan wagte nicht, sich zu setzen, aus Angst, ebenfalls einzuschlafen. Sie wusste: Wenn sie nachts nicht möglichst weit kamen, würde die Tagessonne sie zu Mumien ausdörren.

Aber der Durst war unerträglich. In der Plastikflasche war nur noch ein winziger Rest Wasser – höchstens drei bis fünf Schluck. Das war lebensgefährlich wenig. So sehr der Durst auch wie Flammen in Kehle und Herz brannte – sie wagte nicht, das Wasser anzurühren. Lanlan dachte: Dieses Wasser soll nur zum Lebensretten dienen. Sollte eine von ihnen einen Sonnenstich erleiden, konnte die andere sie damit retten. Man durfte diese wenigen Tropfen nicht unterschätzen – manchmal konnten ein paar Tropfen den bereits eintretenden Tod noch hinauszögern.

Die Müdigkeit war überwältigend, unwiderstehlich wie Nacht und Tod. Lanlan lehnte sich an das Kamel und döste kurz. Sie hatte das Kamel nicht hinlegen lassen, denn sobald es sich legte, würde auch sie sich unwillkürlich in den Schlaf fallen lassen … nein, nicht in den Schlaf – sie hatte keine Kraft mehr zu träumen. Sie lehnte sich einfach an das stehende Kamel. Sobald es sich bewegte – ob es ging oder sich hinlegte –, würde sie aufwachen, dachte sie.

Dann schloss sie die Augen. Sie fühlte, wie sie in eine riesige Schwärze sank.

Als Yinger erwachte, schlief Lanlan noch tief. Das Kamel hatte sich längst niedergelegt. Lanlans Oberkörper lehnte an ihm. Auch das Kamel schlief – aber vorsichtig. Eigentlich hätte es sich auf die Seite legen und alle viere ausstrecken können. So schliefen Kamele normalerweise. Erfahrene Kameltreiber schliefen daher nie neben dem Kamel, aus Angst, es könnte sich im Schlaf umdrehen und sie erdrücken. Dieses Kamel war klug und war in Kniesitzposition eingeschlafen. Offenbar wollte es Lanlan weder erdrücken noch aufwecken.

Es war schon hell, alles lag offen da. Nicht weit entfernt starrte ein Menschenschädel mit bleckenden Zähnen Yinger an. Yinger kümmerte sich nicht darum. Sie wollte Lanlan noch etwas schlafen lassen, entschied dann aber, die kühle Morgenstunde zum Wandern zu nutzen. Sie rüttelte mehrmals, bis Lanlan aufwachte. Lanlan riss erschrocken die Augen auf, als könne sie nicht glauben, dass es hell war. Sie sagte: Sieh mich an, wie konnte ich so tief schlafen? Yinger sagte: Manchmal gehorcht der Körper nicht.

Als die Müdigkeit etwas nachließ, kamen Hunger und Durst zurück. Wenn der Durst stark genug war, trat der Hunger in den Hintergrund. Eigentlich hatten sie das Wasser zum Lebensretten aufsparen wollen, doch der Durst war zu mächtig – sogar Lanlan änderte ihre Meinung. Sie füllte den Plastikdeckel mit Wasser, gab ihn Yinger, trank selbst einen Deckel, und beide befeuchteten sich die Lippen mit der Zunge. Natürlich nutzte es nichts – die Lippen waren längst trocken wie Yamswurzelschale, sie ließen sich nicht befeuchten. Lanlans Lippen waren sogar stark geschwollen. Seltsam – bei solchem Durst hatten die Lippen noch die Kraft und den Willen, so dick anzuschwellen.

Sie trieben das Kamel wieder auf den Weg. Der Körper war das Letzte, was man verwöhnen durfte – solange man sich bewegte, ging es einigermaßen. Auch der Schmerz war da, doch der Körper gewöhnte sich daran. Sobald man aber rastete, erwachten Erschöpfung und Schmerz. Yinger spürte, wie der Schmerz im ganzen Körper erwachte, heftiger als in der Nacht. Bei starkem Schmerz sollte man eigentlich den Durst vergessen, doch so war es nicht – Durst und Schmerz wirbelten wie zwei Windhosen auf sie ein. Die Müdigkeit ließ etwas nach, sodass sie klarer gehen konnte. Ob das Glück oder Unglück war, ließ sich schwer sagen – denn bei großer Müdigkeit ertranken Schmerz und Durst in der Erschöpfung. Jetzt, da die Müdigkeit nachließ, reckten Durst und Schmerz die Köpfe. Sie hatten scharfe Zähne, die bei jedem Schritt an ihr rissen. Yinger dachte gar nicht mehr an den Weg – allein der Kampf gegen Schmerz und Durst verbrauchte all ihre Aufmerksamkeit.

Weiter vorn wurden die Sandberge flacher und gingen in Sanddünen über. Pflanzen waren weiterhin selten; gelegentlich traf man auf welche, aber meist verdorrtes Sandgras, das das Kamel nicht einmal eines Blickes würdigte. Am Boden fand sich Kamelmist. Lanlan zerrieb einige Brocken – sie zeigten alle ein hohes Alter. An einem Sandwirbel wuchsen ein paar Dornbüsche mit Kamelhaar dran, doch die Büsche waren längst verdorrt, was bedeutete, dass das Grundwasser nicht mehr ausreichte, um die Wüstenpflanzen am Leben zu halten.

In diesem Moment war der Salzsee in Yingers Augen nicht mehr nur ein Salzsee. So war es mit vielen Dingen – sobald man etwas im Herzen trug und es trotz aller Suche nicht fand, wuchs es im Herzen von Tag zu Tag. So wie der Geliebte, so wie dieser Salzsee. Yinger dachte: In diesem Moment war der Salzsee für sie beinahe ein heiliger Ort. Sie hatte noch nie einen Pilger gesehen, der so nach seinem reinen Land suchte. Gerade weil der „Salzsee“ in ihrem Herzen so bedeutsam war, bekam diese leidvolle Lebensreise ihren Sinn.

Um sich vom quälenden Schmerz und Durst abzulenken, dachte Yinger bewusst an andere Dinge. Zuerst dachte sie an den Geliebten. Ob auch er, als er aus dem Sandgebiet in die große Welt zog, eine solche Feuerprobe zwischen Leben und Tod durchlitten hatte? Vor ihren Augen erschien Lingguans Gesicht. Auch er schwitzte, auch seine Lippen waren so geschwollen wie Lanlans. Dieses Bild hatte sie von Lanlan abgeleitet – die beiden ähnelten sich etwas. Sie dachte: Auch er musste Schmerzen erlitten haben, Hunger und Durst, Verzweiflung …

Alles, was sie durchmachte, hatte wohl auch er durchgemacht. Bei dem Gedanken wurde ihr warm ums Herz. Sie fühlte: Sie litt nicht allein, sondern „sie“ litten gemeinsam. Das war gut. Sie dachte: Wenn sie den Geliebten eines Tages wiedersähe, würde sie ihm von dieser Reise erzählen. Dann läge er auf der Sanddüne vor dem Dorf, und sie schmiegte sich an seine Brust. Der Wüstenwind striche kühl daher und löste ihr Haar, ein paar Strähnen wehten ihm ins Gesicht. Sie schlösse glückselig die Augen und erzählte gemächlich von dieser langen, abenteuerlichen Wüstenreise. Er würde natürlich staunen, aber nicht aufgeregt – das war nicht seine Art. Er würde sie nur ansehen, mit Bewunderung, mit Zärtlichkeit und mit einer Kraft, die sie in die Tiefe seiner Seele zog. Obwohl er äußerlich ruhig bliebe, würde in seinem Herzen gewiss ein Sturm wüten. Natürlich konnte er sich nicht vorstellen, dass zwei zarte Frauen sich mit den wilden Schakalen herumschlugen, Durst, Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit ertrugen.

Sie dachte: Geliebter, all das tue ich eigentlich für dich.

Sie dachte: Er würde sie gewiss mit tiefem Blick ansehen. Sie konnte sogar seine Augen vor sich sehen. Sie war überzeugt: Diese Reise zwischen Leben und Tod würde zum Zeugnis ihrer Liebe werden.

Nach einer Weile des Denkens an Lingguan begann Yinger, an den Salzsee zu denken. Natürlich konnte sie sich sein Aussehen nicht vorstellen. Gerade deshalb besaß er dieses Geheimnisvolle. In der endlosen Mühsal und Suche war der Salzsee zum Totem geworden. Sie hoffte natürlich, dass diese Reise zum Salzsee ihr Schicksal ändern könnte, zumindest ihr Leben. Sie erinnerte sich: Immer wenn es der Familie schlecht ging, trieb der alte Shun seine Kamele zum Salzsee. Er brachte stets etwas Hoffnung zurück. Doch wie sah der wirkliche Salzsee aus? Je weiter sie ging, desto größer wurde ihre Sorge. Wenn nach all dem Leid der Salzsee sie enttäuschte, würde sie untröstlich sein. In ihrem Leben hatte es immer Hoffnungsschimmer gegeben – in jedem Alter andere. Doch schließlich waren alle zu Seifenblasen in der Luft geworden: Im Schweben noch bunt schillernd, zerplatzten sie stets und hinterließen unerträgliche Leere und Verlust. Sie wünschte sich, der Salzsee wäre nicht ebenso. Ihr Herz war so müde und hielt kein Auf und Ab mehr aus.

Doch Schmerz und Durst rissen sie immer wieder aus ihren Tagträumen. Staubiges Gelb drang ständig in die Augen, die Sonne begann wieder zu brennen. Die Sanddünen wogten endlos in die Ferne, kein Ende in Sicht. Wer wusste schon, in welcher Falte der Wüste der Salzsee sich verbarg? Sie wagte kaum noch, in die Ferne zu blicken. Bei jedem Fernblick erschrak sie und verzweifelte.

Nach einer Rast tranken die beiden den letzten Schluck Wasser. Seit zwei Tagen hatten sie nicht mehr uriniert. Das getrunkene Wasser wurde nicht mehr ausgeschieden. Beim letzten Schluck schwiegen beide – beide wussten, was das bedeutete.

Gehen wir, sagte Lanlan.

Sie gingen mit dem Kamel in den Mittag hinein. Yinger wollte natürlich wie zuvor tagsüber rasten und nachts wandern, doch die Taschenlampe war nutzlos geworden und sie konnten nicht garantieren, nachts den richtigen Weg zu finden. Außerdem – wenn wirklich alles aufgebraucht war, verbrauchte der Körper auch in einer tiefen Grube noch Energie. Lanlan sagte: Vielleicht sind wir bald da. Sie sagte noch viele „Vielleichts“:

Vielleicht begegneten sie Menschen, vielleicht fänden sie eine Wasserquelle, vielleicht stießen sie auf Essbares … So viele „Vielleichts“ – alles Hoffnungen. Ein einziges „Vielleicht“ würde genügen, um sie aus der Not zu befreien. Doch der Mittag rückte näher, bevor ein „Vielleicht“ sich erfüllte.

Die Sonne hörte natürlich nicht auf zu brennen, nur weil ihnen Wasser fehlte. Und der Körper hörte nicht auf, Wasser zu verlieren, nur weil es künftige „Vielleichts“ gab.

Der Wasserverlust begann im Gehirn. Beide litten unter Benommenheit und Halluzinationen. Halluzinationen waren nicht so schlimm, aber die Benommenheit riss gierig den Schlund auf und wollte sie verschlingen. Lanlan mahnte ständig: Nicht einschlafen, nicht einschlafen. Yinger wusste: Wer jetzt einschlief, würde nie wieder aufwachen. Sie ermutigten und ermahnten sich gegenseitig, doch die Augenlider wurden vom brüllenden Durst zusammengeklebt.

Als Erstes stürzte das Kamel. Es lag mit halb offenen Augen da, die Nüstern weit aufgerissen, und atmete schwer, als würde ein riesiger Blasebalg in seinem Innern langsam gezogen. Yinger dachte: Es hat schon viel geleistet. Das bisschen Öl hatte genug Energie geliefert, um sie über mehrere große Sandberge zu tragen. Am meisten fürchtete sie, dass es zusammenbrach – denn wenn es jetzt umfiel, hatten sie nicht die Kraft, es zu retten. Sie dachte: Der Salzsee ist bald da – „natürlich“ bald – du darfst nicht zusammenbrechen.

Lanlan blickte stumm auf das Kamel und seufzte lang.

Das Kamel zitterte eine Weile und legte sich dann langsam hin. Es streckte Hals und Beine aus, die Atemzüge wurden immer länger. Wenn es starb, mussten sie eine Entschädigung zahlen – aber an Geld dachte keine mehr. Was Yinger beschäftigte, war sein Leben.

Diese Fürsorge glich der, die sie ihrem sterbenden Mann entgegengebracht hatte. Nur war die Benommenheit bereits wie Leim in ihrem Denken. Sie wusste, das Kamel würde bald sterben, und danach würden sie selbst dran sein. Doch im Herzen empfand sie kaum Trauer – außer einem leisen Unwillen konnte sie an nichts anderes denken.

Yinger setzte sich. Nicht weil sie wollte – die Beine setzten sich von selbst. Nichts zu machen. Solange das Kamel noch stand, hatte sie einen Halt. Jetzt, wo es gefallen war, konnte sie allein nicht einmal die Sanddüne vor ihr überwinden – und selbst wenn, was dann? Dahinter lagen weitere Dünen. Sie war zu müde, um über Leben und Tod nachzudenken. Sie wollte nur die Augen schließen und herrlich schlafen. Sie wusste, dieser Schlaf würde sie aus diesem Leben in ein anderes tragen, aber auch das kümmerte sie nicht. Wenn das Gehirn schlafen wollte, was konnte man tun?

Lanlan biss die Zähne zusammen und blickte erst aufs Kamel, dann auf Yinger. Ihr Gesicht war dürr und hager, mit vielen Schweißrinnen, in den Nasenfalten schwarzer Staub und Schmutz. Yinger erkannte an Lanlans Gesicht ihr eigenes Elend, doch auch daran verschwendete sie keine Gedanken mehr.

Lanlan sagte: Halt noch aus. Ich gehe Wasser suchen.

Yinger wollte sagen: Wo soll es hier Wasser geben? Doch sie verstand: Suchen war besser als Nichtstun. Suchen garantierte zwar keinen Fund, aber Nichtsuchen garantierte den Tod.

Lanlan wartete keine Antwort ab. Sie nahm die Flasche und schleppte sich Schritt für Schritt zur Sandmulde im Norden. Sie ging sehr langsam; die Gelenke knackten. In ihrer Benommenheit wurde Lanlan zu einem wandelnden Skelett. Yinger dachte: Wenn sie ging, kam sie vielleicht nie zurück.

Lanlan verschwand langsam hinter der Sanddüne und hinterließ eine Leere. Der Eindruck war wie ein Wassertropfen, der im Sand versickerte.

Yinger wollte rufen: Warum lässt du mich allein? Sie war etwas traurig. Sie wollte sagen: Wenn schon sterben, dann zusammen – gemeinsam.

Das Kamel lag immer noch blinzelnd da und keuchte. Die Einbuchtung am Bauch blähte sich mal auf, mal fiel sie ein. Yinger dachte: War da drinnen vielleicht ein Schakal, der Därme verschlang? Dieses grausige kleine Tier war vielleicht im Schlaf durch den After in den Kamelbauch gekrochen. Seltsam – Yinger hatte keine Angst. Sie dachte: Dann verschling halt. Erst die des Kamels, dann meine.

Kein Laut. Sie erinnerte sich: Früher zur Mittagszeit gab die Sonne ein gewaltiges Heulen von sich, wie tausend Zikaden im Chor. Jetzt war die Sonne verstummt. In der Sandmulde war kein Geräusch zu hören. Auch das Keuchen des Kamels verebbte. Sein Bauch blähte und wogte noch, doch es war kein Laut mehr da. Auch ihren eigenen Herzschlag spürte sie nicht mehr. Eine riesige Stille verschmolz mit ihr. War sie etwa schon tot? Sie hob den Blick zum Himmel – er war blau wie Seide, die Wolken waren fadendünne Streifen. Liefen sie um die Wette? Oder darum, wer am längsten stillstand? Egal.

Dann dachte sie, Lanlan habe sie belogen: Sie suchte gar kein Wasser, sondern hatte den Körper verlassen und war in eine andere Welt gegangen.

Diese andere Welt war natürlich besser. Wirklich unaufrichtig von ihr. Wenn schon gehen, dann lieber zusammen. Doch auch zum Grollen war sie zu müde, denn die Benommenheit webte bereits ein riesiges Netz, das in die Luft geworfen war und gleich auf ihren Kopf niederfallen würde. Es war schon mehrmals gefallen – einmal wie ein Spinnennetz, einmal wie ein Fischernetz, jedes Mal zäher, dichter, enger. Sie wusste: Diesmal würde das Netz ihre Seele einfangen. Früher hatte sie sich nie um ihre Seele gekümmert. Als sie mit Lingguan zusammen war, spürte sie hauptsächlich die Beteiligung des Körpers. Erst nach der Trennung trat die Seele hervor. Doch ohne die Beteiligung des Körpers kannte die Seele nur den Schmerz der Sehnsucht. Wenn du, Netz der Benommenheit, sie einfängst – auch gut.

Das Kamel fiel zur Seite. Es streckte alle viere aus und lag auf der Sanddüne, wie immer beim Schlafen. Das bedeutete: Es hatte keine Kraft mehr zum Knien. Sein Blut war sicher schon dickflüssig – ihres natürlich auch. Jedes Mal, wenn die Sonne die Zunge herausstreckte, leckte sie etwas Feuchtigkeit weg. Die Sonne wollte lecken – man musste sie lassen. Sie war schließlich die Sonne. Obwohl keine Wolke das weiße Licht verdeckte, spürte Yinger keine Hitze. Auch den Durst hatte die Benommenheit ertränkt. Als Nächstes würde sie die Seele ertränken. Yinger dachte: Wenn du ertränken willst, dann ertränke.

Sie wollte noch vor dem Ertrinken der Seele an Lingguan denken, aber die Benommenheit war tyrannisch – sie konnte vieles ertränken, also auch die Bilder, die Yinger sehen wollte. Sie erinnerte sich, dass Lingguan hübsch war, aber wie genau, war vernebelt. Das Gehirn war ihr ärgster Feind: Wenn sie nicht an ihn denken wollte, drängten sich die Bilder auf und setzten Leib und Seele in Brand. Wollte sie an ihn denken, war nicht einmal ein Schatten da.

Eine schwarze Krähe erschien auf einer nahen Sanddüne und krächzte. Yinger wusste: Sie lag im Sterben. Man sagte, Krähen liebten Menschenfleisch, ihr Geruch war fein – sie rochen den Todesgeruch an Lebenden und krächzten immer beim Sterben, weshalb die Menschen glaubten, sie brächten Unglück. Lingguan hatte jedoch gesagt, Krähen seien heilige Vögel, die Lakaien von Mahakala, dem großen Schutzgott des Buddhismus.

Yinger dachte: Wenn du sagst, sie seien heilige Vögel, dann opfere ich mich ihnen. Den Schakalen wollte sie sich nicht hingeben, den Krähen schon – natürlich wegen dieser Erklärung. Sie hoffte nur, der heilige Vogel möge nicht schon an ihr fressen, solange ihre Seele noch da war.

Man sagte, Krähen fraßen zuerst die Augäpfel. Das war unerträglich. Warum ausgerechnet die Augäpfel?

Sie beschloss, sich vor dem letzten Atemzug mit dem Gesicht nach unten zu legen – notfalls das Gesicht im gelben Sand zu vergraben. Sie konnte es nicht ertragen, dass der schwarze Vogel nach ihren schönen Augen pickte.

Noch mehr Krähen kamen, krächzten im Chor und starrten sie an. Als das Kamel das Krächzen hörte, öffnete es ebenfalls die Augen. Natürlich wusste es, was die Rufe bedeuteten. Es blickte zu Yinger, Yinger blickte zu ihm – beide tauschten eine stumme, ohnmächtige Einvernehmlichkeit. Die Augen wurden noch trockener. Im Kopf begann es zu dröhnen.

Yinger dachte: Das Fleisch auf den Knochen unterwegs hatten sicher die Krähen gefressen. In der Sandwüste fand man kaum etwas Besseres als Menschenfleisch – allein die Geschmeidigkeit übertraf die jedes gewöhnlichen Tieres. Natürlich hofften sie, dass jemand in ihrem Revier verdurstete. Dann erfülle ich euch den Wunsch. Dann dachte sie: Hatten die Krähen schon Lanlans Augäpfel gefressen und kamen nun zu ihr? Sie sah tatsächlich Lanlan blutüberströmt in einer Sandmulde liegen. Da war es wieder – das Gehirn stritt ständig mit ihr. Was sie sehen wollte, zeigte es nicht. Was sie nicht sehen wollte, warf es ihr blutig vor die Augen.

Yinger schüttelte mühsam den Kopf.

Benommen sah sie einige Krähen heranfliegen und über ihrem Kopf kreisen. Wirklich ungeduldig. Sie hielten sie bestimmt schon für tot. Oder sie wollten, wie Menschen, die lebendiges Affenhirn löffelten, Frisches probieren. Bestimmt.

Yinger war bereit, sich von ihnen fressen zu lassen, aber nicht, solange sie noch atmete. Sie schwang die tote Taschenlampe, stellte aber fest, dass sie als Waffe untauglich war. Also riss sie die Peitsche vom Kamelhalfter. Die war als Reserve gedacht – falls das Kamel nicht gehorchte, konnte man es damit auf die Nase schlagen. Unterwegs hatte niemand die Peitsche benutzt, was bewies, dass beide Kamele brav gewesen waren. Kaum hatte Yinger die Peitsche abgerissen, als ein schwarzer Schatten heranstürzte. Sie sammelte heimlich alle Kraft.

Natürlich war dieses „alle Kraft“ nur genug, um die Peitsche auf eine gewisse Geschwindigkeit zu bringen. Offensichtlich hatte die Krähe sie für tot gehalten und rechnete nicht mit dem dunklen Schatten, der auf sie zuschnellte. Sie ahnte nicht, dass ihre eigene Geschwindigkeit viel zu groß war – selbst wenn die Peitsche still in der Luft gelegen hätte, wäre sie beim Aufprall benommen geworden. Und nun kam ihr die Peitsche entgegen.

Ein dumpfer Schlag, und die Krähe rollte in die Sandmulde.