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== Einleitung ==
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Die Ausweitung der Chinastudien nach Afrika und Lateinamerika zählt zu den bedeutendsten Entwicklungen der Weltsinologie im einundzwanzigsten Jahrhundert. Keiner der beiden Kontinente verfügt über eine Tradition sinologischer Forschung, die mit jener Europas oder Ostasiens vergleichbar wäre. Doch beide beheimaten rasch wachsende Netzwerke von Chinesisch-Programmen, Konfuzius-Instituten, Forschungszentren und einzelnen Gelehrten, die die Grundlagen dessen legen, was sich im Laufe der Zeit zu reifen wissenschaftlichen Traditionen entwickeln könnte. Dieses Kapitel untersucht den Stand der Chinastudien in zwei afrikanischen Ländern — Benin und Burundi — sowie in Argentinien, stützt sich auf Originalbeiträge von Gelehrten aus jedem Land und ergänzt diese Fallstudien durch einen Überblick über die Entwicklungen auf beiden Kontinenten.<ref>David B. Honey, ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology'' (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.</ref>
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== I. Afrika: Chinastudien an einer neuen Grenze ==
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=== 1.1 Überblick: Die Ausweitung des Chinesischunterrichts ===
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Afrikas Engagement mit der chinesischen Sprache und Kultur hat sich seit den frühen 2000er Jahren dramatisch ausgeweitet, angetrieben durch Chinas wachsende wirtschaftliche Präsenz auf dem Kontinent und die weltweite Verbreitung von Konfuzius-Instituten. Bis 2019 hatte China einundsechzig Konfuzius-Institute und achtundvierzig Konfuzius-Klassenzimmer in sechsundvierzig afrikanischen Ländern eingerichtet und über 15.000 Studierende eingeschrieben. Südafrika führt den Kontinent mit sechs Konfuzius-Instituten und drei Konfuzius-Klassenzimmern an; die chinesische Sprache wurde in Südafrikas nationales Bildungssystem aufgenommen. Nigerias Konfuzius-Institut an der Nnamdi-Azikiwe-Universität hat über 50.000 Nigerianer ausgebildet und etwa 30.000 chinesischsprachige Fachkräfte an Unternehmen im ganzen Land vermittelt. Ägypten, Äthiopien, Kenia und Tansania sind ebenfalls bedeutende Zentren des Chinesischunterrichts geworden, wobei China sein Konfuzius-Institut-Netzwerk durch die Einrichtung von „Luban-Werkstätten" für technische und berufliche Bildung ergänzt.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, x.</ref>
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Trotz dieser quantitativen Ausweitung befindet sich die Entwicklung der Sinologie als akademischer Forschungsdisziplin — im Unterschied zum Chinesischunterricht — auf weiten Teilen des Kontinents noch in einem frühen Stadium. Die folgenden Beiträge aus Benin und Burundi illustrieren sowohl die erzielten Fortschritte als auch die verbleibenden Herausforderungen.
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=== 1.2 Benin: Das Konfuzius-Institut als Katalysator ===
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Dr. Vignon Maurice Gountin von der Universität Abomey-Calavi hat eine detaillierte Darstellung der Entwicklung der Chinastudien in Benin geliefert. Das Konfuzius-Institut an der Universität Abomey-Calavi (IC-UAC), Benins erstes und Afrikas zehntes, wurde am 25. März 2009 eingeweiht, als Ergebnis einer Partnerschaft zwischen der Universität und dem Chinesischen Nationalen Büro für Chinesisch als Fremdsprache (Hanban), mit der Chongqing Jiaotong University als chinesischer Partnerinstitution.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Introduction to Western Sinology Studies", S. 165–168.</ref>
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Das Institut begann mit Interessekursen, die etwa 150 Studierende pro Jahr einschrieben. Im Oktober 2013 wurde ein Bachelor-Studiengang in Chinesisch mit zwanzig Studierenden in der ersten Kohorte eingeführt. Bis 2015–2016 umfassten drei aufeinanderfolgende Jahrgänge beinahe 100 Studierende. Im November 2016 wurde ein Ausbildungsprogramm für Chinesischlehrer genehmigt, das den Wunsch widerspiegelt, lokale Kapazitäten für den Chinesischunterricht zu entwickeln. Der Lehrplan umfasst allgemeine Sprachfertigkeiten (Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben), Wirtschaftschinesisch, Chinesisch für Ingenieurwesen, Übersetzung, chinesische Geschichte und chinesische Kultur. Kulturelle Aktivitäten — Kalligraphie, Malerei, Kampfkunst, Teezeremonie, Volkstanz, Gesang — sind in den Wochenplan integriert.<ref>Peter K. Bol, „The China Historical GIS", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref>
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Das Lehrpersonal ist von vier im Jahr 2009 (drei chinesische, ein beninischer) auf neunzehn bis 2016–2017 gewachsen (zehn chinesische, darunter sechs Freiwillige, und neun beninische Lehrkräfte). Über den Universitätscampus hinaus wurde der Chinesischunterricht auf über siebzehn öffentliche und private Schulen in Cotonou, Porto-Novo, Lokossa und anderen Städten ausgeweitet, mit einer kumulierten Einschreibung von über 10.000 Lernenden bis 2016.<ref>Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020); vgl. auch den Digital-Humanities-Leitfaden der Bibliothek der University of Chicago.</ref>
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Gountins Analyse identifiziert mehrere Herausforderungen: die negative Wahrnehmung des Chinesischen als einer unmöglich schwierigen Sprache; das Fehlen einer Regierungspolitik, die das Chinesischlernen vorschreibt oder fördert; die Zurückhaltung einiger Privatschulleiter gegenüber dem Chinesischen; den Mangel an qualifizierten lokalen Lehrkräften; und die unzureichenden Unterrichtseinrichtungen, insbesondere an Standorten außerhalb des Campus. Seine Empfehlungen umfassen die Ausweitung des Lehrerausbildungsprogramms, die Einführung von Chinesisch als Wahlfach bei nationalen Sekundarschulprüfungen, die Stärkung der Partnerschaften mit großen Sekundarschulen in Großstädten und die Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen für lokale Chinesischlehrkräfte.<ref>Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref>
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=== 1.3 Burundi: Vom Konfuzius-Institut zum Sinologie-Forschungszentrum ===
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Burundi bietet eine bemerkenswerte Fallstudie dafür, wie ein kleines, ressourcenbeschränktes Land innerhalb kaum eines Jahrzehnts eine organisierte sinologische Forschungskapazität aufbauen kann. Wie Etienne Bankuwiha (班超) von der Universität Nanjing und der Universität Burundi dokumentiert hat, liegen die Ursprünge der burundischen Sinologie im Konfuzius-Institut der Universität Burundi (ICUB), das 2011 durch eine Partnerschaft mit der Bohai-Universität in China gegründet und seit Mai 2012 operativ ist.<ref>Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in ''Digital Humanities and East Asian Studies'' (Leiden: Brill, 2020).</ref>
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Das ICUB hat über 20.000 Burundier in chinesischer Sprache und Kultur ausgebildet und über 100 Stipendien für ein Studium in China vermittelt. Der entscheidende Moment kam im September 2018, als Ferdinand Mfititye (弗迪南) der erste burundische lokale Chinesischlehrer am ICUB wurde, gefolgt 2019 von Etienne Bankuwiha. Gemeinsam veröffentlichten sie im Dezember 2020 ein chinesisch-französisches Lehrbuch, ''J'aime apprendre la langue chinoise'', und gründeten Mitte 2021 zusammen mit vier Kollegen, die von Masterstudiengängen in China zurückgekehrt waren, das Centre Burundais de Recherche en Sinologie (Cresino Burundi) — eines der wenigen spezialisierten Sinologie-Forschungszentren in Subsahara-Afrika.<ref>Vgl. Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.</ref>
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Cresino Burundi arbeitet über fünf Forschungslabore: Internationaler Chinesischunterricht, Lehre und Kompetenzen, Chinesische Literatur, Chinesische audiovisuelle Tutorials und Chinesisch-afrikanische Beziehungen. Seine Mitglieder haben Artikel in Zeitschriften veröffentlicht, darunter die ''Revue de l'Université du Burundi'', das kamerunische ''Journal of Sino-African Studies'', das amerikanische ''Chinese Language Teaching Methodology and Technology'' und chinesische Zeitschriften wie ''Time Report'' und ''Cultural Industries''. Die Forschungsthemen reichten von Strategien zur Förderung des Chinesischunterrichts in Burundi und den Auswirkungen von COVID-19 auf das Chinesischlernen bis zur Rezeption der chinesischen Kultur in Burundi und der Verbreitung von Jia Zhangkes Filmen in Frankreich.<ref>„WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).</ref>
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2021 begann die Universität Burundi den Prozess zur Einrichtung einer formellen Chinesisch-Abteilung, die Kurse über chinesische Sprache, Gesellschaft, Denken und Kultur umfassen soll. Diese institutionelle Entwicklung, so Bankuwiha, wird die Kontinuität und Vertiefung der sinologischen Forschung in Burundi sicherstellen und auf dem vom ICUB und Cresino Burundi gelegten Fundament aufbauen.<ref>„Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", ''Proceedings of EMNLP'' (2025).</ref>
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=== 1.4 Weitere afrikanische Entwicklungen ===
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Über Benin und Burundi hinaus entwickeln sich Chinastudien auf dem gesamten Kontinent. In Südafrika hat das Centre for Chinese Studies der Universität Stellenbosch, 2004 gegründet, sich zu einer der führenden Forschungseinrichtungen für chinesisch-afrikanische Beziehungen entwickelt. Die University of Cape Town, die University of the Witwatersrand und die Rhodes University bieten Chinesisch- und Chinastudien-Kurse an. In Nigeria haben das Konfuzius-Institut an der Nnamdi-Azikiwe-Universität (2008) und das Chinese Studies Centre an der University of Lagos Tausende von Studierenden ausgebildet. In Ägypten dienen die Konfuzius-Institute an der Universität Kairo und der Suezkanal-Universität sowie die Chinesisch-Abteilung der Al-Azhar-Universität einer wachsenden Studierendenschaft. In Ostafrika repräsentieren das Konfuzius-Institut der University of Dar es Salaam und die Programme der University of Nairobi die Ausweitung der Chinastudien in der swahilisprachigen Welt.<ref>„A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", ''Scientific Reports'' 15 (2025).</ref>
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Die Herausforderung, die allen diesen Initiativen gemeinsam ist, liegt im Übergang vom Sprachunterricht zur genuinen wissenschaftlichen Sinologie — von der Ausbildung von Studierenden, die ''nǐ hǎo'' sagen können, zur Ausbildung von Forschern, die klassische chinesische Texte lesen, Feldforschung in China betreiben und originäre Forschungsbeiträge zu internationalen Debatten über chinesische Geschichte, Philosophie, Politik und Gesellschaft leisten können.
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== II. Lateinamerika: Von der Missionssinologie zu zeitgenössischen Chinastudien ==
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=== 2.1 Historische Wurzeln ===
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Wie das Kapitel über die iberische Sinologie gezeigt hat, wurde Lateinamerika bereits im sechzehnten Jahrhundert in den Orbit der Chinastudien hineingezogen, als spanische Missionare, die über Neuspanien (Mexiko) nach China reisten, einen „dritten Pol" des kulturellen Ost-West-Austauschs schufen. Die von José de Acosta, Juan de Palafox y Mendoza und anderen im kolonialen Mexiko begründeten sinologischen Traditionen hinterließen ein bleibendes, wenn auch abgeschwächtes Erbe. In der modernen Periode wurde das lateinamerikanische Engagement mit China durch Einwanderung (insbesondere chinesischer Arbeiter im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert), politische Solidarität (die Anerkennung der Volksrepublik China durch Kuba 1960, Chile 1970 und andere Länder in den folgenden Jahrzehnten) und zuletzt das explosive Wachstum des chinesisch-lateinamerikanischen Handels und der Investitionen geprägt.<ref>Vgl. z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", ''Journal of Chinese Literature and Culture'' 9, Nr. 1 (2022).</ref>
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=== 2.2 Argentinien: Kontinentale Vorreiterrolle ===
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Argentinien verfügt über die am weitesten entwickelte institutionelle Infrastruktur für Chinastudien in Lateinamerika, wie die detaillierte Bestandsaufnahme von Dr. Jorge Malena zeigt. Das Engagement des Landes mit Chinastudien vollzieht sich auf drei Ebenen: Universitäten, Denkfabriken und professionelle Netzwerke.
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'''Universitäten:''' Die Nationale Universität La Plata (UNLP) richtete 1996 ein Zentrum für Chinastudien (CEChino) ein — eines der frühesten spezialisierten Chinaforschungszentren in Lateinamerika —, das 2016 ein Aufbaustudium in Chinastudien (''Especialización en Estudios Chinos'') einführte. Die Universität Buenos Aires beherbergt die Gruppe für Ostasienstudien (GEEA, gegründet 2001), das Zentrum für argentinisch-chinesische Studien (CEACh) und das erste Konfuzius-Institut Argentiniens (an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, 2009). Die Katholische Universität Argentiniens (UCA) führte 2018 ein Executive Programme on Contemporary China und 2022 ein Aufbaustudium in Chinastudien in der Globalen Ära (''Especialización en Estudios sobre China en la Era Global'') ein, geleitet von Dr. Malena — das erste Aufbaustudium dieser Art an einer privaten Universität in Argentinien.<ref>Hilde De Weerdt, ''Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China'' (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).</ref>
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Mehr als ein Dutzend weitere argentinische Universitäten betreiben Forschung oder bieten Kurse über China an, darunter die Nationale Universität Lanús (UNLa, die 2015 ein Aufbaustudium in Zeitgenössischen Chinastudien einführte — das erste an einer öffentlichen Universität), die Nationale Universität San Martín (UNSAM), die Nationale Universität Tres de Febrero (UNTREF), die Austral-Universität und die Nationale Universität Córdoba (UNC). Mehrere dieser Institutionen beherbergen chinabezogene Forschungszentren oder Studiengruppen und unterhalten Partnerschaften mit chinesischen Universitäten.<ref>China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).</ref>
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'''Denkfabriken und Netzwerke:''' Der Argentinische Rat für Internationale Beziehungen (CARI), 1978 gegründet, richtete 1989 ein Komitee für Orientalische Angelegenheiten mit einer speziellen Arbeitsgruppe China ein, die derzeit von Ernesto Fernández Taboada geleitet wird. Das Sino-Argentinische Observatorium, geleitet von Patricio Giusto, bringt junge Forscher, Akademiker und Politiker zusammen, die die argentinisch-chinesische Beziehung studieren. Weitere Organisationen sind das Lateinamerikanische Zentrum für Politische und Wirtschaftliche Studien Chinas (CLEPEC, 2013), die Vereinigung der Argentinisch-Chinesischen Alumni (ADEBAC) und die Medienplattform ''DangDai'' (2010), die ein Magazin und eine Website über argentinisch-chinesische Beziehungen herausgibt.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.</ref>
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'''Forschungsförderung:''' Argentiniens Nationale Agentur zur Förderung der Wissenschaft und Technologie (über FONCYT) und der Nationale Rat für Wissenschaftliche und Technische Forschung (CONICET) bieten Fördermöglichkeiten für chinabezogene Forschung. CONICET hat ein gemeinsames internationales Forschungszentrum mit der Universität Shanghai und ein gemeinsames Zentrum mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften eingerichtet. Ein Binationales Chinesisch-Argentinisches Zentrum für das Studium von Politiken sowie Innovation und Technologie wurde in Partnerschaft mit der Chinesischen Akademie für Wissenschaft und Technologieentwicklung gegründet.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, unter Berufung auf Li Xueqin.</ref>
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=== 2.3 Weitere lateinamerikanische Entwicklungen ===
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'''Mexiko:''' Flora Botton Beja, Professorin am Zentrum für Asien- und Afrikastudien am Colegio de México, gilt weithin als Begründerin der Sinologie in Mexiko und als eine der bedeutendsten Sinologinnen ganz Lateinamerikas, mit über sechzig Jahren Engagement in den Chinastudien. Die Nationale Autonome Universität Mexikos (UNAM) unterhält ein China-Mexiko-Studienzentrum, und mehrere andere mexikanische Institutionen bieten chinabezogene Kurse und Programme an.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.</ref>
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'''Brasilien:''' Die brasilianische Sinologie hat sich erst in jüngerer Zeit entwickelt, wächst aber schnell. Giorgio Erick Sinedino de Araujo, Übersetzer, Sinologe und ehemaliger Diplomat, war eine prominente Figur in den Bemühungen um den Aufbau sinologischer Kapazitäten in Brasilien. Die Universidade de São Paulo, die Universidade de Brasília und die Päpstliche Katholische Universität von Rio de Janeiro gehören zu den Institutionen, die Chinastudien anbieten. Brasilien war 2024 Gastgeber eines Meilensteinereignisses, als der erste Kongress Lateinamerikanischer Sinologen abgehalten wurde, bei dem über fünfzig Gelehrte aus der gesamten Region die Zukunft der Chinastudien in Lateinamerika diskutierten. Die Gründung eines Rats Lateinamerikanischer Sinologen zielt darauf ab, die Zusammenarbeit zu verbessern und das Wachstum des Feldes auf dem gesamten Kontinent zu unterstützen.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.</ref>
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'''Chile, Peru, Ecuador und Kolumbien:''' Auch diese Länder haben universitäre Chinastudien-Programme entwickelt, oft im Rahmen breiterer Asienstudien oder internationaler Beziehungen. Die Länder der Pazifik-Allianz waren besonders aktiv in der Entwicklung wirtschafts- und handelsorientierten China-Fachwissens. Konfuzius-Institute wurden an zahlreichen lateinamerikanischen Universitäten eingerichtet und bilden das institutionelle Rückgrat des Chinesischunterrichts in der gesamten Region.<ref>„The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", ''Bitter Winter'' (2024).</ref>
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=== 2.4 Herausforderungen und Chancen ===
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Wie Malenas Bestandsaufnahme Argentiniens zeigt, ist die institutionelle Landschaft für Chinastudien in Lateinamerika umfangreich, aber fragmentiert. Es gibt „nicht notwendigerweise einen institutionellen Kern oder ein Netzwerk im Zentrum dieser Initiativen", und die verstreute Natur der Programme „kann bisweilen zur Verdoppelung von Anstrengungen führen und die Zusammenarbeit zwischen Institutionen behindern, statt Kooperation zu fördern — sie fördert Wettbewerb." Universitätsstellen mit institutioneller Unterstützung für chinabezogene Arbeit sind schwer zu erlangen, und die Gehälter sind niedrig. Das Feld bleibt stark auf sozialwissenschaftliche Perspektiven ausgerichtet — Wirtschaft, internationale Beziehungen, Politikwissenschaft — mit vergleichsweise wenig Arbeit in klassischer Sinologie, chinesischer Literatur, Philosophie oder Sprachforschung.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, xxii.</ref>
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Zugleich sind die Chancen beträchtlich. Chinas Aufstieg zu Lateinamerikas zweitgrößtem Handelspartner (und in mehreren Ländern dem größten) hat eine starke Nachfrage nach China-Expertise geschaffen. Die wachsende Zahl lateinamerikanischer Studierender an chinesischen Universitäten, die Ausweitung der Konfuzius-Institute und die Entwicklung regionaler wissenschaftlicher Netzwerke wie des Rats Lateinamerikanischer Sinologen legen nahe, dass die institutionellen Grundlagen für eine starke lateinamerikanische Tradition der Chinastudien allmählich gelegt werden.
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== III. Vergleichende Perspektiven ==
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Afrika und Lateinamerika teilen mehrere Merkmale als Schauplätze aufkommender Chinastudien. In beiden Regionen war der primäre Wachstumstreiber Chinas expandierender wirtschaftlicher Fußabdruck — durch Handel, Investitionen, Infrastrukturprojekte und Entwicklungshilfe. In beiden hat das Netzwerk der Konfuzius-Institute als das wichtigste institutionelle Vehikel für den Chinesischunterricht gedient. Und in beiden bleibt der Übergang vom Sprachunterricht zur wissenschaftlichen Sinologie die zentrale Herausforderung.
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Dennoch bestehen wichtige Unterschiede. Lateinamerika, mit seiner viel längeren Geschichte des Kontakts mit China (seit dem Manilagalleonenhandel des sechzehnten Jahrhunderts), einem größeren und besser etablierten Universitätssystem und stärkeren Traditionen sozialwissenschaftlicher Forschung, ist in der Entwicklung akademischer Chinastudien weiter fortgeschritten. Argentinien, Mexiko und Brasilien verfügen über genuine Forschungsgemeinschaften, die in der Lage sind, originäre Forschung zu produzieren. In Afrika dagegen befinden sich Chinastudien noch in einem früheren Stadium der Institutionalisierung, mit den bemerkenswerten Ausnahmen des südafrikanischen Centre for Chinese Studies und der bemerkenswerten Initiative von Burundis Cresino Burundi.
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Beide Regionen würden von größeren Investitionen in die Ausbildung von Gelehrten profitieren, die chinesischsprachige Quellen lesen, Feldforschung in China betreiben und sich mit der ganzen Breite der chinesischen Zivilisation befassen können — nicht nur mit ihren zeitgenössischen wirtschaftlichen Dimensionen. Der intellektuelle Ertrag einer solchen Investition wäre beträchtlich: Eine afrikanische oder lateinamerikanische Sinologie, die ihre eigenen unverwechselbaren Perspektiven — postkolonial, aus dem Globalen Süden, kulturell pluralistisch — in das Studium Chinas einbrächte, würde die Weltsinologie unermesslich bereichern.
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== Bibliographie ==
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Bankuwiha, Etienne (班超). „History of Sinology in Burundi." Unveröffentlichtes Manuskript, Universität Nanjing / Universität Burundi.
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Gountin, Vignon Maurice. „The Development History and Current Status of Sinology in Benin" [贝宁汉学的发展史与现状]. Unveröffentlichtes Manuskript, Universität Abomey-Calavi.
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Guo Cunhai 郭存海. „Chinese Studies in Latin America: Review and Prospect" [拉丁美洲的中国研究:回顾与展望]. ''Journal of Southwest University of Science and Technology (Philosophy and Social Sciences)'' 37, Nr. 5 (2020): 1–6.
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Malena, Jorge. „The State of China Studies in Argentina." Unveröffentlichtes Manuskript.
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Villagrán, Ignacio 毕嘉宏, und Zhang Jingting 张婧亭. „China Studies in Argentina: Review and Prospects" [阿根廷的中国研究: 机构变迁与研究现状]. ''Journal of Latin American Studies'' 41, Nr. 4 (2019): 25–39.
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== Einzelnachweise ==
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<references />
  
 
[[Category:History of Sinology]]
 
[[Category:History of Sinology]]
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Latest revision as of 05:14, 26 March 2026

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Kapitel 21: Afrika und Lateinamerika — Aufkommende Chinastudien

Einleitung

Die Ausweitung der Chinastudien nach Afrika und Lateinamerika zählt zu den bedeutendsten Entwicklungen der Weltsinologie im einundzwanzigsten Jahrhundert. Keiner der beiden Kontinente verfügt über eine Tradition sinologischer Forschung, die mit jener Europas oder Ostasiens vergleichbar wäre. Doch beide beheimaten rasch wachsende Netzwerke von Chinesisch-Programmen, Konfuzius-Instituten, Forschungszentren und einzelnen Gelehrten, die die Grundlagen dessen legen, was sich im Laufe der Zeit zu reifen wissenschaftlichen Traditionen entwickeln könnte. Dieses Kapitel untersucht den Stand der Chinastudien in zwei afrikanischen Ländern — Benin und Burundi — sowie in Argentinien, stützt sich auf Originalbeiträge von Gelehrten aus jedem Land und ergänzt diese Fallstudien durch einen Überblick über die Entwicklungen auf beiden Kontinenten.[1]

I. Afrika: Chinastudien an einer neuen Grenze

1.1 Überblick: Die Ausweitung des Chinesischunterrichts

Afrikas Engagement mit der chinesischen Sprache und Kultur hat sich seit den frühen 2000er Jahren dramatisch ausgeweitet, angetrieben durch Chinas wachsende wirtschaftliche Präsenz auf dem Kontinent und die weltweite Verbreitung von Konfuzius-Instituten. Bis 2019 hatte China einundsechzig Konfuzius-Institute und achtundvierzig Konfuzius-Klassenzimmer in sechsundvierzig afrikanischen Ländern eingerichtet und über 15.000 Studierende eingeschrieben. Südafrika führt den Kontinent mit sechs Konfuzius-Instituten und drei Konfuzius-Klassenzimmern an; die chinesische Sprache wurde in Südafrikas nationales Bildungssystem aufgenommen. Nigerias Konfuzius-Institut an der Nnamdi-Azikiwe-Universität hat über 50.000 Nigerianer ausgebildet und etwa 30.000 chinesischsprachige Fachkräfte an Unternehmen im ganzen Land vermittelt. Ägypten, Äthiopien, Kenia und Tansania sind ebenfalls bedeutende Zentren des Chinesischunterrichts geworden, wobei China sein Konfuzius-Institut-Netzwerk durch die Einrichtung von „Luban-Werkstätten" für technische und berufliche Bildung ergänzt.[2]

Trotz dieser quantitativen Ausweitung befindet sich die Entwicklung der Sinologie als akademischer Forschungsdisziplin — im Unterschied zum Chinesischunterricht — auf weiten Teilen des Kontinents noch in einem frühen Stadium. Die folgenden Beiträge aus Benin und Burundi illustrieren sowohl die erzielten Fortschritte als auch die verbleibenden Herausforderungen.

1.2 Benin: Das Konfuzius-Institut als Katalysator

Dr. Vignon Maurice Gountin von der Universität Abomey-Calavi hat eine detaillierte Darstellung der Entwicklung der Chinastudien in Benin geliefert. Das Konfuzius-Institut an der Universität Abomey-Calavi (IC-UAC), Benins erstes und Afrikas zehntes, wurde am 25. März 2009 eingeweiht, als Ergebnis einer Partnerschaft zwischen der Universität und dem Chinesischen Nationalen Büro für Chinesisch als Fremdsprache (Hanban), mit der Chongqing Jiaotong University als chinesischer Partnerinstitution.[3]

Das Institut begann mit Interessekursen, die etwa 150 Studierende pro Jahr einschrieben. Im Oktober 2013 wurde ein Bachelor-Studiengang in Chinesisch mit zwanzig Studierenden in der ersten Kohorte eingeführt. Bis 2015–2016 umfassten drei aufeinanderfolgende Jahrgänge beinahe 100 Studierende. Im November 2016 wurde ein Ausbildungsprogramm für Chinesischlehrer genehmigt, das den Wunsch widerspiegelt, lokale Kapazitäten für den Chinesischunterricht zu entwickeln. Der Lehrplan umfasst allgemeine Sprachfertigkeiten (Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben), Wirtschaftschinesisch, Chinesisch für Ingenieurwesen, Übersetzung, chinesische Geschichte und chinesische Kultur. Kulturelle Aktivitäten — Kalligraphie, Malerei, Kampfkunst, Teezeremonie, Volkstanz, Gesang — sind in den Wochenplan integriert.[4]

Das Lehrpersonal ist von vier im Jahr 2009 (drei chinesische, ein beninischer) auf neunzehn bis 2016–2017 gewachsen (zehn chinesische, darunter sechs Freiwillige, und neun beninische Lehrkräfte). Über den Universitätscampus hinaus wurde der Chinesischunterricht auf über siebzehn öffentliche und private Schulen in Cotonou, Porto-Novo, Lokossa und anderen Städten ausgeweitet, mit einer kumulierten Einschreibung von über 10.000 Lernenden bis 2016.[5]

Gountins Analyse identifiziert mehrere Herausforderungen: die negative Wahrnehmung des Chinesischen als einer unmöglich schwierigen Sprache; das Fehlen einer Regierungspolitik, die das Chinesischlernen vorschreibt oder fördert; die Zurückhaltung einiger Privatschulleiter gegenüber dem Chinesischen; den Mangel an qualifizierten lokalen Lehrkräften; und die unzureichenden Unterrichtseinrichtungen, insbesondere an Standorten außerhalb des Campus. Seine Empfehlungen umfassen die Ausweitung des Lehrerausbildungsprogramms, die Einführung von Chinesisch als Wahlfach bei nationalen Sekundarschulprüfungen, die Stärkung der Partnerschaften mit großen Sekundarschulen in Großstädten und die Verbesserung der Beschäftigungsbedingungen für lokale Chinesischlehrkräfte.[6]

1.3 Burundi: Vom Konfuzius-Institut zum Sinologie-Forschungszentrum

Burundi bietet eine bemerkenswerte Fallstudie dafür, wie ein kleines, ressourcenbeschränktes Land innerhalb kaum eines Jahrzehnts eine organisierte sinologische Forschungskapazität aufbauen kann. Wie Etienne Bankuwiha (班超) von der Universität Nanjing und der Universität Burundi dokumentiert hat, liegen die Ursprünge der burundischen Sinologie im Konfuzius-Institut der Universität Burundi (ICUB), das 2011 durch eine Partnerschaft mit der Bohai-Universität in China gegründet und seit Mai 2012 operativ ist.[7]

Das ICUB hat über 20.000 Burundier in chinesischer Sprache und Kultur ausgebildet und über 100 Stipendien für ein Studium in China vermittelt. Der entscheidende Moment kam im September 2018, als Ferdinand Mfititye (弗迪南) der erste burundische lokale Chinesischlehrer am ICUB wurde, gefolgt 2019 von Etienne Bankuwiha. Gemeinsam veröffentlichten sie im Dezember 2020 ein chinesisch-französisches Lehrbuch, J'aime apprendre la langue chinoise, und gründeten Mitte 2021 zusammen mit vier Kollegen, die von Masterstudiengängen in China zurückgekehrt waren, das Centre Burundais de Recherche en Sinologie (Cresino Burundi) — eines der wenigen spezialisierten Sinologie-Forschungszentren in Subsahara-Afrika.[8]

Cresino Burundi arbeitet über fünf Forschungslabore: Internationaler Chinesischunterricht, Lehre und Kompetenzen, Chinesische Literatur, Chinesische audiovisuelle Tutorials und Chinesisch-afrikanische Beziehungen. Seine Mitglieder haben Artikel in Zeitschriften veröffentlicht, darunter die Revue de l'Université du Burundi, das kamerunische Journal of Sino-African Studies, das amerikanische Chinese Language Teaching Methodology and Technology und chinesische Zeitschriften wie Time Report und Cultural Industries. Die Forschungsthemen reichten von Strategien zur Förderung des Chinesischunterrichts in Burundi und den Auswirkungen von COVID-19 auf das Chinesischlernen bis zur Rezeption der chinesischen Kultur in Burundi und der Verbreitung von Jia Zhangkes Filmen in Frankreich.[9]

2021 begann die Universität Burundi den Prozess zur Einrichtung einer formellen Chinesisch-Abteilung, die Kurse über chinesische Sprache, Gesellschaft, Denken und Kultur umfassen soll. Diese institutionelle Entwicklung, so Bankuwiha, wird die Kontinuität und Vertiefung der sinologischen Forschung in Burundi sicherstellen und auf dem vom ICUB und Cresino Burundi gelegten Fundament aufbauen.[10]

1.4 Weitere afrikanische Entwicklungen

Über Benin und Burundi hinaus entwickeln sich Chinastudien auf dem gesamten Kontinent. In Südafrika hat das Centre for Chinese Studies der Universität Stellenbosch, 2004 gegründet, sich zu einer der führenden Forschungseinrichtungen für chinesisch-afrikanische Beziehungen entwickelt. Die University of Cape Town, die University of the Witwatersrand und die Rhodes University bieten Chinesisch- und Chinastudien-Kurse an. In Nigeria haben das Konfuzius-Institut an der Nnamdi-Azikiwe-Universität (2008) und das Chinese Studies Centre an der University of Lagos Tausende von Studierenden ausgebildet. In Ägypten dienen die Konfuzius-Institute an der Universität Kairo und der Suezkanal-Universität sowie die Chinesisch-Abteilung der Al-Azhar-Universität einer wachsenden Studierendenschaft. In Ostafrika repräsentieren das Konfuzius-Institut der University of Dar es Salaam und die Programme der University of Nairobi die Ausweitung der Chinastudien in der swahilisprachigen Welt.[11]

Die Herausforderung, die allen diesen Initiativen gemeinsam ist, liegt im Übergang vom Sprachunterricht zur genuinen wissenschaftlichen Sinologie — von der Ausbildung von Studierenden, die nǐ hǎo sagen können, zur Ausbildung von Forschern, die klassische chinesische Texte lesen, Feldforschung in China betreiben und originäre Forschungsbeiträge zu internationalen Debatten über chinesische Geschichte, Philosophie, Politik und Gesellschaft leisten können.

II. Lateinamerika: Von der Missionssinologie zu zeitgenössischen Chinastudien

2.1 Historische Wurzeln

Wie das Kapitel über die iberische Sinologie gezeigt hat, wurde Lateinamerika bereits im sechzehnten Jahrhundert in den Orbit der Chinastudien hineingezogen, als spanische Missionare, die über Neuspanien (Mexiko) nach China reisten, einen „dritten Pol" des kulturellen Ost-West-Austauschs schufen. Die von José de Acosta, Juan de Palafox y Mendoza und anderen im kolonialen Mexiko begründeten sinologischen Traditionen hinterließen ein bleibendes, wenn auch abgeschwächtes Erbe. In der modernen Periode wurde das lateinamerikanische Engagement mit China durch Einwanderung (insbesondere chinesischer Arbeiter im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert), politische Solidarität (die Anerkennung der Volksrepublik China durch Kuba 1960, Chile 1970 und andere Länder in den folgenden Jahrzehnten) und zuletzt das explosive Wachstum des chinesisch-lateinamerikanischen Handels und der Investitionen geprägt.[12]

2.2 Argentinien: Kontinentale Vorreiterrolle

Argentinien verfügt über die am weitesten entwickelte institutionelle Infrastruktur für Chinastudien in Lateinamerika, wie die detaillierte Bestandsaufnahme von Dr. Jorge Malena zeigt. Das Engagement des Landes mit Chinastudien vollzieht sich auf drei Ebenen: Universitäten, Denkfabriken und professionelle Netzwerke.

Universitäten: Die Nationale Universität La Plata (UNLP) richtete 1996 ein Zentrum für Chinastudien (CEChino) ein — eines der frühesten spezialisierten Chinaforschungszentren in Lateinamerika —, das 2016 ein Aufbaustudium in Chinastudien (Especialización en Estudios Chinos) einführte. Die Universität Buenos Aires beherbergt die Gruppe für Ostasienstudien (GEEA, gegründet 2001), das Zentrum für argentinisch-chinesische Studien (CEACh) und das erste Konfuzius-Institut Argentiniens (an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, 2009). Die Katholische Universität Argentiniens (UCA) führte 2018 ein Executive Programme on Contemporary China und 2022 ein Aufbaustudium in Chinastudien in der Globalen Ära (Especialización en Estudios sobre China en la Era Global) ein, geleitet von Dr. Malena — das erste Aufbaustudium dieser Art an einer privaten Universität in Argentinien.[13]

Mehr als ein Dutzend weitere argentinische Universitäten betreiben Forschung oder bieten Kurse über China an, darunter die Nationale Universität Lanús (UNLa, die 2015 ein Aufbaustudium in Zeitgenössischen Chinastudien einführte — das erste an einer öffentlichen Universität), die Nationale Universität San Martín (UNSAM), die Nationale Universität Tres de Febrero (UNTREF), die Austral-Universität und die Nationale Universität Córdoba (UNC). Mehrere dieser Institutionen beherbergen chinabezogene Forschungszentren oder Studiengruppen und unterhalten Partnerschaften mit chinesischen Universitäten.[14]

Denkfabriken und Netzwerke: Der Argentinische Rat für Internationale Beziehungen (CARI), 1978 gegründet, richtete 1989 ein Komitee für Orientalische Angelegenheiten mit einer speziellen Arbeitsgruppe China ein, die derzeit von Ernesto Fernández Taboada geleitet wird. Das Sino-Argentinische Observatorium, geleitet von Patricio Giusto, bringt junge Forscher, Akademiker und Politiker zusammen, die die argentinisch-chinesische Beziehung studieren. Weitere Organisationen sind das Lateinamerikanische Zentrum für Politische und Wirtschaftliche Studien Chinas (CLEPEC, 2013), die Vereinigung der Argentinisch-Chinesischen Alumni (ADEBAC) und die Medienplattform DangDai (2010), die ein Magazin und eine Website über argentinisch-chinesische Beziehungen herausgibt.[15]

Forschungsförderung: Argentiniens Nationale Agentur zur Förderung der Wissenschaft und Technologie (über FONCYT) und der Nationale Rat für Wissenschaftliche und Technische Forschung (CONICET) bieten Fördermöglichkeiten für chinabezogene Forschung. CONICET hat ein gemeinsames internationales Forschungszentrum mit der Universität Shanghai und ein gemeinsames Zentrum mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften eingerichtet. Ein Binationales Chinesisch-Argentinisches Zentrum für das Studium von Politiken sowie Innovation und Technologie wurde in Partnerschaft mit der Chinesischen Akademie für Wissenschaft und Technologieentwicklung gegründet.[16]

2.3 Weitere lateinamerikanische Entwicklungen

Mexiko: Flora Botton Beja, Professorin am Zentrum für Asien- und Afrikastudien am Colegio de México, gilt weithin als Begründerin der Sinologie in Mexiko und als eine der bedeutendsten Sinologinnen ganz Lateinamerikas, mit über sechzig Jahren Engagement in den Chinastudien. Die Nationale Autonome Universität Mexikos (UNAM) unterhält ein China-Mexiko-Studienzentrum, und mehrere andere mexikanische Institutionen bieten chinabezogene Kurse und Programme an.[17]

Brasilien: Die brasilianische Sinologie hat sich erst in jüngerer Zeit entwickelt, wächst aber schnell. Giorgio Erick Sinedino de Araujo, Übersetzer, Sinologe und ehemaliger Diplomat, war eine prominente Figur in den Bemühungen um den Aufbau sinologischer Kapazitäten in Brasilien. Die Universidade de São Paulo, die Universidade de Brasília und die Päpstliche Katholische Universität von Rio de Janeiro gehören zu den Institutionen, die Chinastudien anbieten. Brasilien war 2024 Gastgeber eines Meilensteinereignisses, als der erste Kongress Lateinamerikanischer Sinologen abgehalten wurde, bei dem über fünfzig Gelehrte aus der gesamten Region die Zukunft der Chinastudien in Lateinamerika diskutierten. Die Gründung eines Rats Lateinamerikanischer Sinologen zielt darauf ab, die Zusammenarbeit zu verbessern und das Wachstum des Feldes auf dem gesamten Kontinent zu unterstützen.[18]

Chile, Peru, Ecuador und Kolumbien: Auch diese Länder haben universitäre Chinastudien-Programme entwickelt, oft im Rahmen breiterer Asienstudien oder internationaler Beziehungen. Die Länder der Pazifik-Allianz waren besonders aktiv in der Entwicklung wirtschafts- und handelsorientierten China-Fachwissens. Konfuzius-Institute wurden an zahlreichen lateinamerikanischen Universitäten eingerichtet und bilden das institutionelle Rückgrat des Chinesischunterrichts in der gesamten Region.[19]

2.4 Herausforderungen und Chancen

Wie Malenas Bestandsaufnahme Argentiniens zeigt, ist die institutionelle Landschaft für Chinastudien in Lateinamerika umfangreich, aber fragmentiert. Es gibt „nicht notwendigerweise einen institutionellen Kern oder ein Netzwerk im Zentrum dieser Initiativen", und die verstreute Natur der Programme „kann bisweilen zur Verdoppelung von Anstrengungen führen und die Zusammenarbeit zwischen Institutionen behindern, statt Kooperation zu fördern — sie fördert Wettbewerb." Universitätsstellen mit institutioneller Unterstützung für chinabezogene Arbeit sind schwer zu erlangen, und die Gehälter sind niedrig. Das Feld bleibt stark auf sozialwissenschaftliche Perspektiven ausgerichtet — Wirtschaft, internationale Beziehungen, Politikwissenschaft — mit vergleichsweise wenig Arbeit in klassischer Sinologie, chinesischer Literatur, Philosophie oder Sprachforschung.[20]

Zugleich sind die Chancen beträchtlich. Chinas Aufstieg zu Lateinamerikas zweitgrößtem Handelspartner (und in mehreren Ländern dem größten) hat eine starke Nachfrage nach China-Expertise geschaffen. Die wachsende Zahl lateinamerikanischer Studierender an chinesischen Universitäten, die Ausweitung der Konfuzius-Institute und die Entwicklung regionaler wissenschaftlicher Netzwerke wie des Rats Lateinamerikanischer Sinologen legen nahe, dass die institutionellen Grundlagen für eine starke lateinamerikanische Tradition der Chinastudien allmählich gelegt werden.

III. Vergleichende Perspektiven

Afrika und Lateinamerika teilen mehrere Merkmale als Schauplätze aufkommender Chinastudien. In beiden Regionen war der primäre Wachstumstreiber Chinas expandierender wirtschaftlicher Fußabdruck — durch Handel, Investitionen, Infrastrukturprojekte und Entwicklungshilfe. In beiden hat das Netzwerk der Konfuzius-Institute als das wichtigste institutionelle Vehikel für den Chinesischunterricht gedient. Und in beiden bleibt der Übergang vom Sprachunterricht zur wissenschaftlichen Sinologie die zentrale Herausforderung.

Dennoch bestehen wichtige Unterschiede. Lateinamerika, mit seiner viel längeren Geschichte des Kontakts mit China (seit dem Manilagalleonenhandel des sechzehnten Jahrhunderts), einem größeren und besser etablierten Universitätssystem und stärkeren Traditionen sozialwissenschaftlicher Forschung, ist in der Entwicklung akademischer Chinastudien weiter fortgeschritten. Argentinien, Mexiko und Brasilien verfügen über genuine Forschungsgemeinschaften, die in der Lage sind, originäre Forschung zu produzieren. In Afrika dagegen befinden sich Chinastudien noch in einem früheren Stadium der Institutionalisierung, mit den bemerkenswerten Ausnahmen des südafrikanischen Centre for Chinese Studies und der bemerkenswerten Initiative von Burundis Cresino Burundi.

Beide Regionen würden von größeren Investitionen in die Ausbildung von Gelehrten profitieren, die chinesischsprachige Quellen lesen, Feldforschung in China betreiben und sich mit der ganzen Breite der chinesischen Zivilisation befassen können — nicht nur mit ihren zeitgenössischen wirtschaftlichen Dimensionen. Der intellektuelle Ertrag einer solchen Investition wäre beträchtlich: Eine afrikanische oder lateinamerikanische Sinologie, die ihre eigenen unverwechselbaren Perspektiven — postkolonial, aus dem Globalen Süden, kulturell pluralistisch — in das Studium Chinas einbrächte, würde die Weltsinologie unermesslich bereichern.

Bibliographie

Bankuwiha, Etienne (班超). „History of Sinology in Burundi." Unveröffentlichtes Manuskript, Universität Nanjing / Universität Burundi.

Gountin, Vignon Maurice. „The Development History and Current Status of Sinology in Benin" [贝宁汉学的发展史与现状]. Unveröffentlichtes Manuskript, Universität Abomey-Calavi.

Guo Cunhai 郭存海. „Chinese Studies in Latin America: Review and Prospect" [拉丁美洲的中国研究:回顾与展望]. Journal of Southwest University of Science and Technology (Philosophy and Social Sciences) 37, Nr. 5 (2020): 1–6.

Malena, Jorge. „The State of China Studies in Argentina." Unveröffentlichtes Manuskript.

Villagrán, Ignacio 毕嘉宏, und Zhang Jingting 张婧亭. „China Studies in Argentina: Review and Prospects" [阿根廷的中国研究: 机构变迁与研究现状]. Journal of Latin American Studies 41, Nr. 4 (2019): 25–39.

Einzelnachweise

  1. David B. Honey, Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.
  2. Honey, Incense at the Altar, Vorwort, x.
  3. Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Introduction to Western Sinology Studies", S. 165–168.
  4. Peter K. Bol, „The China Historical GIS", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
  5. Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020); vgl. auch den Digital-Humanities-Leitfaden der Bibliothek der University of Chicago.
  6. Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
  7. Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in Digital Humanities and East Asian Studies (Leiden: Brill, 2020).
  8. Vgl. Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.
  9. „WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).
  10. „Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", Proceedings of EMNLP (2025).
  11. „A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", Scientific Reports 15 (2025).
  12. Vgl. z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", Journal of Chinese Literature and Culture 9, Nr. 1 (2022).
  13. Hilde De Weerdt, Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).
  14. China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).
  15. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.
  16. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, unter Berufung auf Li Xueqin.
  17. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.
  18. Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.
  19. „The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", Bitter Winter (2024).
  20. Honey, Incense at the Altar, Vorwort, xxii.