Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 61"

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Kapitel 61
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Aus Furcht, beim Rattenfang die Jadevase zu beschädigen, vertuscht Schatzjade [宝玉] den Diebstahl
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">61</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_62|<span style="color: #FFD700;">62</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_63|<span style="color: #FFD700;">63</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_64|<span style="color: #FFD700;">64</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_65|<span style="color: #FFD700;">65</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_66|<span style="color: #FFD700;">66</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_67|<span style="color: #FFD700;">67</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_68|<span style="color: #FFD700;">68</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_69|<span style="color: #FFD700;">69</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_70|<span style="color: #FFD700;">70</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Einen ungerechten Fall entscheidend, übt Friedchen [平儿] weise Autorität aus
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Die Frau Liu <ref>Frau Liu, die Köchin in der Gartenküche, Mutter von Fünfchen</ref> lachte und sagte: „Du Affenbalg! Deine leibliche Tante hat sich einen Liebhaber gesucht, da hättest du doch einen Onkel dazugewonnen — was gibt es da zu zweifeln! Soll ich dir etwa die paar Haare vom Kopf reißen! Machst du mir nun die Tür auf und lässt mich hinein oder nicht?" Der kleine Bursche öffnete die Tür noch nicht, sondern hielt sie fest und sagte lachend: „Gute Tante, wenn du jetzt hineingehst, stiehl mir wenigstens ein paar Aprikosen und bring sie mir zum Essen heraus. Ich warte hier. Wenn du es vergisst, dann öffne ich dir künftig mitten in der Nacht, wenn du Wein oder Öl holen willst, nicht mehr die Tür und antworte dir auch nicht — dann kannst du rufen, so viel du willst." Frau Liu spuckte aus und sagte: „Du bist ja ganz verrückt! Dieses Jahr ist es nicht wie in früheren Jahren — die ganzen Sachen sind unter die verschiedenen Damen aufgeteilt worden. Eine jede von ihnen ist versessen darauf; kaum geht jemand unter einem Baum vorbei, glotzen sie schon wie eine Fasanenhenne, und wehe, man rührt das Obst an! Gestern erst ging ich unter dem Pflaumenbaum entlang, da flog mir zufällig eine Biene ins Gesicht, ich wedelte mit der Hand — und prompt hatte deine werte Tante mütterlicherseits es gesehen. Von weitem konnte sie es nicht genau erkennen und meinte, ich pflückte Pflaumen. Da fing sie gleich an, mit schriller Stimme zu schreien: ‚Die sind noch nicht den Buddhas geopfert worden!' und ‚Die Alte Herrin und die Gnädige Frau sind noch nicht zu Hause, die Früchte sind noch nicht nach oben gebracht worden; wenn das geschehen ist, bekommen die Schwägerinnen alle ihren Anteil!' — Gerade als ob jemand vor Gier darauf lauerte, dass die Pflaumen reiften! Da blieb mir auch nichts Gutes zu sagen übrig, und ich habe sie gehörig zurechtgewiesen. Deine Tante mütterlicherseits und zwei, drei Verwandte der Konkubinen haben ja alle die Aufsicht — warum gehst du nicht zu denen und bittest sie, sondern kommst zu mir! Das ist ja wie das Sprichwort sagt: ‚Die Lagerratte bittet die Krähe um Getreide — die, die es bewacht, hat keins, aber die, die fliegt, soll welches haben!'"
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 61 =
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Der kleine Bursche lachte: „Na na na, wenn es eben nichts gibt, dann eben nicht — wozu all das Geschwätz! Ich sehe wohl, du wirst mich künftig nicht mehr brauchen? Wenn Schwester erst einen guten Posten hat, werden die Tage, an denen ihr mich herbeiruft, noch zahlreicher — ich muss nur bereitwillig sein, und alles wird gut." Frau Liu hörte das und lachte: „Du kleiner Affengeist, was führst du wieder im Schilde — was für einen guten Posten soll deine Schwester denn haben?" Der kleine Bursche lachte: „Versucht nicht, mich zu täuschen, ich weiß längst Bescheid. Nicht nur ihr habt Verbindungen nach drinnen — haben wir etwa keine? Ich mag hier draußen nur Handlangerdienste tun, aber drinnen habe ich auch zwei Schwestern, die etwas zu sagen haben — welche Angelegenheit bliebe uns wohl verborgen!"
== 投鼠忌器寶玉瞞贓 / 判冤決獄平兒行權 ==
 
=== Um die Ratte zu treffen, ohne das Gefaess zu beschaedigen, vertuscht Baoyu den Diebstahl; Pinger urteilt im Streitfall und ubt ihre Befugnis aus ===
 
  
llon‘0.“
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Während sie noch redeten, rief eine alte Dienerin von drinnen heraus: „Ihr kleinen Affen, holt schnell eure Tante Liu herbei! Wenn sie nicht bald kommt, ist es zu spät!" Frau Liu hörte das und kümmerte sich nicht mehr um das Gespräch mit dem Burschen, sondern drängte eilig durch die Tür und sagte lachend: „Nur keine Eile, ich bin schon da." Dabei begab sie sich in die Küche — obwohl dort etliche Mitarbeiterinnen waren, wagte keine von ihnen, eigenmächtig zu handeln; alle warteten, dass sie kam, um die Dinge zu regeln und zu verteilen — und fragte die Anwesenden: „Wo ist Fünfchen hingegangen?" Alle sagten: „Sie ist gerade in die Teestube gegangen, um ihre Schwestern zu suchen."
Eine andere entgegnete sogar: „Ich habe eine Pi-pa-Frucht aus der ‚Geschichte von der Laute‘.“0
 
Schließlich sagte Dou-guan: „Ich habe eine Schwesternblume.“
 
Niemand wußte etwas dagegenzuhalten, bis Hsiang-ling sagte: „Ich habe eine Mann-und-Frau-Orchidee.“
 
„Von so einer Orchidee habe ich noch nie etwas gehört“, wandte Dou-guan ein.
 
„Orchideen mit nur einer Blüte an jedem Stengel heißen lan, und solche mit mehreren Blüten an einem Stengel heißen huee“, erklärte Hsiang-ling. „Sitzen zwei Blüten unterschiedlich hoch, sagt man dazu Brüder-Orchidee, wachsen sie Kopf an Kopf, nennt man das Mann-und-Frau-Orchidee. An meinem Stengel sind die Blüten direkt nebeneinander, was also stimmt nicht daran?“
 
Diese Begründung wußte Dou-guan nicht zu entkräften, darum stand sie auf und sagte spöttisch: „Und wenn die beiden Blüten unterschiedlich groß sind, ist das eine Vater-und-Sohn-Orchidee, ja? Blicken sie aber in verschiedene Richtungen, so ist das eine Feindes-Orchidee, was? Dein Mann ist jetzt schon über ein halbes Jahr auf Reisen, darum denkst du dir vor lauter Verlangen nach den Dingen, die Mann und Frau miteinander treiben, jetzt aus, daß es auch bei Orchideen Mann und Frau geben soll. Daß du dich nicht schämst!“
 
Hsiang-ling errötete und wollte aufstehen, um Dou-guan zur Strafe zu kneifen. Dabei schimpfte sie lächelnd: „Dich werde ich, du kleines Spitzbein mit deinem verfaulten Mundwerk! Das sind ja Fieberphantasien, was du da erzählst!“
 
Als Dou-guan sah, daß Hsiang-ling sich schon erhob, um sie zu packen, wollte sie das natürlich nicht zulassen. Rasch drückte sie Hsiang-ling nieder, wandte den Kopf zu Juee-guan und den anderen und bat sie lachend. „Kommt und helft mir, ihr in ihr Lügenmaul zu kneifen!“
 
Während sich die beiden im Gras wälzten, klatschten die anderen lachend in die Hände und warnten nur: „Paß auf, da ist eine Pfütze! Es wäre schade um ihren neuen Rock!“
 
Dou-guan wandte den Kopf und erblickte tatsächlich eine Lache Regenwasser, aber schon war Hsiang-lings Rock zur Hälfte davon besudelt. Beschämt riß sich Dou-guan von Hsiang-ling los und lief davon. Die anderen wollten sich vor Lachen ausschütten, weil sie aber Angst hatten, Hsiang-ling würde ihren Zorn an ihnen auslassen, liefen sie lachend auseinander.
 
Hsiang-ling stand auf und blickte an sich herab. Als sie sah, wie die grüne Brühe an ihrem Rock herunterlief, schimpfte sie wie ein Rohrspatz.
 
Bau-yü, der gesehen hatte, daß die Mädchen das Pflanzenspiel spielten, hatte inzwischen ebenfalls einige Blumen gesammelt und kam jetzt näher, um mitzuspielen. Plötzlich sah er, wie alle davonliefen und nur Hsiang-ling übrigblieb, die sich mit gesenktem Kopf an ihrem Rock zu schaffen machte. „Warum sind sie weggelaufen?“ fragte er.
 
„Ich hatte eine Mann-und-Frau-Orchidee, und weil sie nicht wußten, daß es so etwas gibt, sagten sie, ich hätte mir das nur ausgedacht“, berichtete Hsiang-ling. „Darüber sind wir ins Zanken gekommen, und sie haben mir meinen neuen Rock verdorben.“
 
„Du hast eine Mann-und-Frau-Orchidee, und ich habe ein Blütenpärchen von der Wassernuß“, sagte Bau-yü lächelnd und hielt ihr dabei wirklich einen Stengel mit zwei Blüten hin, während er mit der anderen Hand nach der Orchidee griff.
 
„Was interessieren mich noch Mann-und-Frau-Blumen oder Blütenpärchen?! Schau dir mal meinen Rock an!“ erwiderte Hsiang-ling mißmutig.
 
Jetzt erst schaute Bau-yü an ihr herab. „O weh!“ rief er aus, dann fragte er: „Wie bist du denn damit in den Schlamm geraten? Leider verträgt gerade diese granatapfelrote Seide keinen Schmutz.“
 
„Den Stoff hatte Fräulein Bau-tjin mitgebracht, Fräulein Bau-tschai bekam einen Rock daraus und ich auch, ich habe ihn heute zum ersten Mal an“, erzählte Hsiang-ling.
 
„Eure Familie könnte es sich leisten, hundert solche Röcke am Tag zu verderben, aber wenn der Stoff von Fräulein Bau-tjin ist und außer dir nur meine Kusine Bau-tschai so einen Rock hat, der noch gut ist, während deiner schon verdorben ist, wird sich Fräulein Bau-tjin gekränkt fühlen“, sagte Bau-yü seufzend und stampfte dabei mit dem Fuß auf. „Außerdem ist meine Tante eine alte Nörglerin. Ich habe oft genug gehört, wie sie sagte, ihr hättet keine Ahnung vom Leben, würdet nur alles kaputt machen und keine Mäßigkeit kennen. Wenn sie jetzt das hier sieht, macht sie dir wieder endlose Vorwürfe.“
 
Diese Worte waren Hsiang-ling aus dem Herzen gesprochen, und darüber wurde sie wieder froh. Lächelnd sagte sie: „Du hast vollkommen recht. Ich habe zwar noch ein paar neue Röcke, aber keinen wie diesen hier. Wenn ich noch so einen hätte und mich schnell umziehen könnte, wäre fürs erste alles gut, und später könnten wir weitersehen.“
 
„Beweg dich nicht, bleib ganz ruhig stehen, sonst machst du dir auch noch Hosen, Beinlinge und Schuhkappen schmutzig“, befahl ihr Bau-yü. „Ich habe eine Idee. Vorigen Monat hat sich Hsi-jën einen Rock genäht, der ganz genauso aussieht wie dieser hier. Aber da sie Trauer hat, trägt sie ihn nicht. Wie wäre es, wenn du dir den geben ließest?
 
Lächelnd schüttelte Hsiang-ling den Kopf und sagte: „Das geht nicht. Wenn jemand davon erfährt, wird alles nur noch schlimmer.“
 
„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Niemand hindert dich ja, ihr dafür zu schenken, was sie mag, sobald ihre Trauerzeit um ist. Du bist doch sonst nicht so! Außerdem ist das nichts, was man vor den andern geheimhalten müßte, also sag es meiner Kusine Bau-tschai nur. Bloß meine Tante darf es nicht erfahren, damit sie nicht böse wird.“
 
Hsiang-ling dachte darüber nach und fand, Bau-yü habe recht. Darum nickte sie und sagte lächelnd: „Also gut, machen wir es so! Ich will dich in deiner Hilfsbereitschaft nicht enttäuschen. Ich werde hier warten, aber du mußt unbedingt dafür sorgen, daß Hsi-jën mir den Rock selber herbringt.“
 
Froh über ihre Zustimmung, versprach Bau-yü, sich daran zu halten, und begab sich eilends in seine Räume hinüber. Dabei dachte er sich: „Wie schade, daß so ein Mädchen keine Eltern mehr hat und nicht einmal den ei­ge-­
 
  
Aus: Chengjiaben 1791.
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Als Frau Liu das hörte, stellte sie den Porlingsschnee <ref>Fuling 茯苓, lat. Poria cocos, ein wertvolles Tonikum der traditionellen chinesischen Medizin</ref> beiseite und verteilte gemäß den jeweiligen Gemächern die Speisen. Da kam plötzlich die kleine Dienerin Lotusblümchen aus Willkommensfrühling [迎春]s Gemach und sagte: „Schwester Schachspielerin<ref>Chin. 司棋 Sīqí. 司 sī „verwalten“; 棋 qí „Schach“. Willkommensfrühlings Kammerzofe.</ref> [司棋] hat gesagt, sie möchte eine Schale Eier, ganz zart gedünstet." Frau Liu erwiderte: „Was für eine vornehme Dame! Ich weiß nicht, wie es kommt, aber dieses Jahr sind die Eier so knapp — man bekommt sie für zehn Kupferstücke das Stück noch nicht. Gestern sollte man den Verwandten Congee-Reis schicken; vier oder fünf Einkäufer gingen los und brachten mit Müh und Not zweitausend Stück zusammen. Wo soll ich die herzaubern? Sag ihr, ein andermal." Lotusblümchen sagte: „Neulich hat sie Tofu verlangt, und du hast ihr verdorbenen gebracht — dafür hat sie mich gehörig ausgescholten. Heute verlangt sie Eier und es gibt wieder keine. Was sind das schon für kostbare Sachen! Ich kann einfach nicht glauben, dass es nicht einmal Eier geben soll — lass mich nur nicht selbst welche heraussuchen kommen!" Dabei kam sie wirklich herbei, öffnete den Vorratsbehälter und sah, dass darin tatsächlich etwa zehn Eier lagen. Sie rief: „Sind die etwa nichts? Du bist wirklich unverschämt! Das Essen gehört den Herrschaften, es steht uns zu — warum tut es dir leid? Du hast die Eier ja nicht selbst gelegt, und trotzdem fürchtest du, dass jemand sie isst!"
nen Familiennamen mehr weiß! Warum mußte sie entführt und ausgerechnet an diesen Tyrannen verkauft werden?“ Dann fiel ihm ein, wie er seinerzeit unverhofft Ping-örl hatte helfen können, aber noch viel unverhoffter, sagte er sich, sei jetzt die Gelegenheit gekommen, Hsiang-ling etwas Gutes zu tun. Unter diesen törichten Überlegungen war er zu Hause angekommen, wo er Hsi-jën beiseite nahm und ihr alles genau erzählte.
 
Hsiang-ling war auf Grund ihres Wesens ohnehin bei jedermann beliebt, Hsi-jën aber war schon immer freigebig gewesen, und da sie sich mit Hsiang-ling stets gut vertragen hatte, ging sie jetzt, kaum daß sie Bau-yüs Bericht vernommen hatte, an ihre Truhe, holte den Rock heraus, legte ihn zusammen und machte sich mit Bau-yü zusammen auf die Suche nach Hsiang-ling, die tatsächlich noch auf demselben Fleck stand und wartete.
 
„Ich wußte es doch“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Unartig, wie du bist, mußte erst etwas passieren, ehe du Ruhe gibst.
 
Hsiang-ling errötete, sagte aber lächelnd: „Vielen Dank, Schwester! Wer konnte schon ahnen, daß diese Bösewichter so gemein sein können!“ Dann ließ sie sich den Rock geben, entfaltete ihn und stellte fest, daß er wirklich genauso aussah wie ihr eigener. Also befahl sie Bau-yü, er solle sich umdrehen, dann zog sie sich unter ihrem Obergewand den schmutzigen Rock aus und den sauberen an.
 
„Gib den schmutzigen mir!“ forderte Hsi-jën sie auf. „Ich nehme ihn mit und bringe ihn in Ordnung, dann schicke ich jemand damit zu dir. Wenn du ihn mitnimmst und es sieht dich jemand damit, wird man dir deswegen Fragen stellen.“
 
„Nimm ihn mit und gib ihn irgendwem von den Mädchen“, sagte Hsiang-ling. „Wenn ich diesen hier habe, brauche ich den nicht mehr.
 
„Das ist großzügig gedacht“, sagte Hsi-jën.
 
Noch einmal bedankte sich Hsiang-ling und knickste dazu, dann ging Hsi-jën mit dem schmutzigen Rock fort.
 
Als Hsiang-ling sich jetzt nach Bau-yü umsah, hockte er auf der Erde. Mit einem Zweig hatte er eine Grube gegraben, die er mit einer Handvoll Blütenblätter auspolsterte. Dann legte er die Mann-und-Frau-Orchidee zusammen mit dem Wassernuß-Blütenpärchen darauf, deckte sie mit weiteren Blütenblättern zu und häufte Erde über das Loch.
 
„Was treibst du denn da?“ fragte Hsiang-ling lächelnd und zog ihn am Ärmel. „Kein Wunder, daß alle sagen, wenn du unbeobachtet bist, machst du den größten Unsinn, der einem die Haare zu Berge stehen läßt. Schau nur, wie schwarz und schmierig deine Hände von Schlamm und Moos geworden sind! Willst du dich nicht waschen gehen?“
 
Lächelnd stand Bau-yü auf und ging fort, um sich die Hände zu waschen. Auch Hsiang-ling ging ihres Weges, aber als sie schon ein paar Schritte voneinander entfernt waren, drehte sie sich noch einmal um, kam zurück und rief Bau-yü an. Bau-yü, der nicht wußte, was sie ihm noch sagen wollte, wandte sich lächelnd um, streckte seine schmutzstarrenden Hände von sich und fragte: „Was ist?“
 
Hsiang-ling stand nur da und lächelte stumm. Da kam ihr Sklavenmädchen Dschën-örl dazu und meldete: „Das zweite Fräulein möchte Euch sprechen.“
 
Jetzt erst sagte Hsiang-ling bittend: „Die Sache mit dem Rock darfst du nicht deinem Vetter Pan erzählen.“ Dann wandte sie sich wieder um und ging fort.
 
„Bin ich vielleicht verrückt?“ rief Bau-yü ihr lächelnd hinterher. „Meinst du, ich werde dem Tiger meinen Kopf in den Rachen stecken?“ Und damit ging er fort, um sich die Hände zu waschen.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
63. Zu Bau-yüs Geburtstag feiern alle Blumen ein nächtliches Fest,
 
bei Djia Djings Tod regelt eine einsame Schöne das Trauerzeremoniell.
 
  
Bau-yü kehrte also in seine Räume zurück, um sich die Hände zu waschen. Anschließend sagte er zu Hsi-jën: „Wenn wir heute abend Wein trinken, wollen wir alle vergnügt sein, ohne uns Zwang anzutun! Und sag rechtzeitig Bescheid, was wir essen wollen, damit alles vorbereitet wird!“
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Frau Liu warf hastig ihre Arbeit hin, kam herüber und sagte: „Halt dein ungewaschenes Maul! Deine Mutter hat die Eier gelegt! Die paar verbliebenen hier sind für die Beilagen zu den Speisen reserviert. Selbst wenn die Fräulein sie nicht verlangen, mag ich sie nicht einmal als Gericht zubereiten — sie sind für Notfälle aufgehoben. Wenn ihr sie aufesst und dann plötzlich welche verlangt werden, gibt es nichts Ordentliches mehr, nicht einmal mehr Eier. Ihr lebt in euren tiefen Gemächern und großen Häusern, streckt die Hand aus, wenn Wasser kommt, und öffnet den Mund, wenn das Essen da ist ihr wisst nur, dass Eier gewöhnliche Dinge sind, aber von den Marktpreisen draußen habt ihr keine Ahnung. Das ist noch gar nichts — es gab Jahre, da waren nicht einmal mehr Graswurzeln zu haben. Ich sage ihnen: feiner Reis und weißer Reis, jeden Tag fette Hühner und große Enten — da könnten sie doch zufrieden sein! Wenn sie davon genug haben, fangen sie jeden Tag neue Geschichten an: Eier, Tofu, dann noch Weizengluten, eingemachte Rettichschnitzel — allesamt wollen sie den Geschmack abwechseln. Nur bin ich doch nicht euer Dienstmädchen; jedes Gemach verlangt etwas anderes, das sind schon zehn verschiedene Dinge. Dann bräuchte ich mich gar nicht mehr um die eigentlichen Herrschaften zu kümmern und könnte ausschließlich euch Dienerinnen zweiten Ranges versorgen!"
„Sei unbesorgt!“ erwiderte Hsi-jën lächelnd. „Tjing-wën, Schë-yüä, Tjiu-wën und ich haben je fünf Tjiän Silber gespendet, das macht zusammen drei Liang und zwei Tjiän. Dieses Silber ist längst Schwägerin Liu ausgehändigt worden, damit sie vierzig Teller mit Zuspeisen für uns vorbereitet. Außerdem habe ich mit Ping-örl gesprochen, und wir haben einen großen Tonbehälter voll Schau-hsing-Wein0 hergeschafft und hier versteckt. So richten wir dir zu acht den Geburtstag aus.“
 
Froh über das Gehörte, sagte Bau-yü: „Woher sollen die Mädchen das Geld nehmen? Du hättest nicht von ihnen verlangen dürfen, daß sie etwas geben!“
 
„Haben wir vielleicht Geld und sie nicht?“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das Herz ist es, das zählt. Also laß dir den Freundschaftsbeweis gefallen, selbst wenn das Geld gestohlen ist!“
 
„Da hast du recht!“ pflichtete Bau-yü ihr bei.
 
„Wenn sie dich nicht zweimal am Tag mit frechen Worten zum Narren hält, fehlt dir etwas“, bemerkte Hsi-jën lächelnd.
 
„Du gehörst wohl auch zu denen, die stets das Feuer schüren müssen, wenn sie nur selbst in Sicherheit sind?“ erkundigte sich Tjing-wën.
 
Alle lachten darüber, dann verlangte Bau-yü: „Macht das Hoftor zu!“
 
„Nicht umsonst nennt man dich den emsigen Nichtstuer“, rügte Hsi-jën lächelnd. „Wenn wir jetzt schon das Tor zumachen, wecken wir nur Verdacht. Wir müssen noch ein bißchen warten!“
 
Bau-yü nickte zustimmend und sagte: „Ich muß noch einmal hinaus. Sï-örl geht Wasser schöpfen, und Tschun-yän wird mich begleiten!“ Damit verließ er das Gehöft, und als sie allein waren, erkundigte er sich, wie es mit Wu-örl stehe.
 
„Schwägerin Liu habe ich vorhin Bescheid gesagt, und sie hat sich selbstverständlich sehr gefreut“, berichtete Tschun-yän. „Aber Wu-örl hat sich über die Schmach, die man ihr neulich die Nacht über antat, so aufgeregt, daß sie vor Ärger wieder krank geworden ist, kaum daß sie nach Hause kam. So kann sie natürlich nicht zu uns kommen, und wir müssen uns gedulden, bis sie gesund ist.“
 
Bau-yü seufzte bedauernd, dann fragte er: „Weiß Hsi-jën davon?“
 
„Ich habe ihr nichts gesagt“, antwortete Tschun-yän. „Ob Fang-guan etwas erwähnt hat, weiß ich nicht.“
 
„Ich habe mit ihr noch nicht über Wu-örl gesprochen“, fuhr Bau-yü fort. „Aber egal, ich sage es ihr, und damit basta!“ Mit diesen Worten ging er wieder hinein und wusch sich drinnen demonstrativ die Hände.
 
Inzwischen war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Da hörten sie plötzlich, wie ein ganzer Trupp Leute durchs Hoftor kam, also spähten sie durch die Fenster und erkannten Lin Dschï-hsiaus Frau mit mehreren verantwortlichen Sklavenfrauen, von denen die vorderste eine große Laterne trug.
 
„Sie kommen die Nachtwachen kontrollieren“, sagte Tjing-wën leise und lächelte dabei. „Wenn sie wieder weg sind, können wir zumachen.“
 
Nun sahen sie, wie alle Nachtwächterinnen ihres Gehöfts hinaustraten, und als Lin Dschï-hsiaus Frau sich überzeugt hatte, daß keine fehlte, mahnte sie: „Spielt keine Glücksspiele, trinkt keinen Wein, und daß ihr mir nicht einfach in den hellen Tag hinein schlaft! Kommt mir so etwas zu Ohren, dann kenne ich kein Erbarmen!“
 
„Wer würde wohl wagen, so dreist zu sein!“ erwiderten die Nachtwächterinnen lächelnd.
 
„Hat der junge Herr sich schlafen gelegt?“ fragte Lin Dschï-hsiaus Frau dann. Aber alle sagten, sie wüßten das nicht.
 
Rasch gab Hsi-jën Bau-yü einen Stoß, so daß er in seine Schuhe schlüpfte und hinaustrat, um Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd zu antworten: „Ich schlafe noch nicht. Kommt nur herein und ruht Euch einen Augenblick aus!“ Und er befahl Hsi-jën, sie solle Tee eingießen.
 
Sofort trat Lin Dschï-hsiaus Frau ins Haus und sagte lächelnd: „Ihr schlaft noch nicht? Die Tage sind jetzt lang und die Nächte kurz, da müßt Ihr früh schlafen gehen, damit Ihr auch früh aufstehen könnt. Wenn Ihr spät aufsteht, werden die Leute Euch auslachen und sagen, das ist kein junger Herr, der die Bücher studiert, sondern ein Lastträger.“
 
„Ihr habt ganz recht“, stimmte Bau-yü ihr eilfertig zu und lächelte dabei ebenfalls. „Sonst bin ich auch jeden Tag früh schlafen gegangen und habe es gar nicht gemerkt, wenn Ihr kamt. Aber heute, nach dem Nudelessen, fürchtete ich, eine Verstopfung zu bekommen, darum bin ich etwas länger aufgeblieben.“
 
„Da müßt ihr Pu-örl-Tee0 aufbrühen!“ wandte sich Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd an Hsi-jën und die übrigen Sklavenmädchen.
 
„Wir haben schon eine Kanne Tee aus Wu-tung-Blättern0 gebrüht, und der junge Herr hat zwei Schälchen davon getrunken“, berichteten Hsi-jën und Tjing-wën sofort. „Probiert auch Ihr davon, Tante! Es ist noch welcher da.“ Und schon goß Tjing-wën eine Schale voll ein.
 
„In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, daß der junge Herr seine Ausdrucksweise verändert hat und auch die größeren von euch einfach beim Namen nennt“, nahm Lin Dschï-hsiaus Frau wieder lächelnd das Wort. „Obwohl ihr in seinen Räumen dient, gehört ihr doch zum Gefolge der alten gnädigen Frau, darum müßte er schon respektvoller sein. Wenn er sich nur gelegentlich einmal im Ausdruck vergreift, mag das noch angehen, aber wenn er euch ständig so anredet, werden seine Vettern und Neffen es ihm nachmachen und damit den Spott der Leute herausfordern, die sagen werden, in dieser Familie habe man keinen Respekt vor den Älteren.
 
Wieder pflichtete Bau-yü ihr bei: „Ihr habt ganz recht, aber es geschieht wirklich nur gelegentlich.“
 
Auch Hsi-jën und Tjing-wën versicherten lächelnd: „Deswegen dürft Ihr dem jungen Herrn keinen Vorwurf machen. Er redet uns bis heute noch brav als ältere Schwestern an, nur im Scherz gebraucht er manchmal unsere Namen. Aber wenn jemand dabei ist, redet er uns nicht anders an als bisher.“
 
„So ist es recht, so benimmt sich jemand, der die Schriften studiert und mit den Riten vertraut ist“, lobte Lin Dschï-hsiaus Frau lächelnd. „Je zuvorkommender man ist, desto mehr wird man geachtet. Nicht nur Leute, die eigentlich in die Räume der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau gehören und deren Familien schon seit drei oder fünf Generationen hier dienen, darf man nicht leichtfertig kränken, für jedes Kätzchen oder Hündchen von dort gilt dasselbe. Das ist das rechte Benehmen für einen Sohn aus gutem Hause, der Erziehung genossen hat.“ Damit trank sie ihren Tee, dann verabschiedete sie sich: „Ich wünsche angenehme Ruhe! Wir gehen.“
 
Bau-yü forderte sie zwar noch zum Bleiben auf, aber schon ging sie an der Spitze ihres Gefolges hinaus, um auch noch die anderen Plätze zu kontrollieren.
 
Rasch ließ jetzt Tjing-wën das Tor schließen, dann kam sie wieder herein und sagte lächelnd: „Die Frau muß irgendwo einen Schluck getrunken haben, daß sie uns hier die Ohren vollsabbelt und uns dabei noch Vorwürfe macht.“
 
„Aber sie meint es doch nur gut“, versuchte Schë-yüä lächelnd zu beschwichtigen. „Sie muß uns schon immer wieder ermahnen, damit wir nicht völlig außer Rand und Band geraten.“ Mit diesen Worten ging sie hinaus, um sich um den Wein und die Zukost zu kümmern.
 
„Wir wollen uns nicht an den hohen Tisch setzen!“ schlug Hsi-jën vor. „Wir stellen den niedrigen runden Palisandertisch auf das Ofenbett und setzen uns alle herum! So haben wir es bequem und sind nicht eingeengt.“
 
Der Tisch wurde geholt, und dann begannen Schë-yüä und Sï-örl, die Zukost hereinzutragen. Mit zwei großen Servierbrettern mußten sie vier oder fünf Mal hin- und hergehen, ehe alles herbeigeschafft war. Im Vorraum kauerten zwei alte Sklavenfrauen am Kohlebecken und wärmten den Wein.
 
„Bei dem heißen Wetter sollten wir alle die Überkleider ablegen“, sagte Bau-yü.
 
„Zieh dich nur aus, wenn dir danach ist“, sagten die Mädchen. „Wir dagegen müssen erst noch den Vorschriften der Etikette Genüge tun.“
 
„Eure Etikette wird bis in die fünfte Nachtwache dauern, wenn ihr erst einmal damit anfangt“, sagte Bau-yü. „Was ich am meisten fürchte, sind diese profanen Förmlichkeiten. In Anwesenheit von Fremden kommt man freilich nicht drum herum, aber wenn ihr jetzt auch mich noch damit ärgern wollt, ist das nicht schön.“
 
„Ganz wie du willst!“ sagten alle, und anstatt sich hinzusetzen, gingen sie ihren Schmuck und einen Teil ihrer Kleider ablegen. Bald darauf trugen sie statt des normalen Kopfputzes nur einfache Haarknoten und waren nur mit langen Röcken und halblangen Jacken bekleidet. Bau-yü hatte nur noch eine kurze dunkelrote Baumwolljacke und eine einfach gefütterte Hose aus schwarzbedruckter grüner Seide an, deren Beine er nicht zugeschnürt hatte. Er stützte sich auf ein neues jadefarbenes Baumwollkissen, das mit Blütenblättern von Rosen und Päonien gefüllt war, und spielte mit Fang-guan Fingerknobeln.
 
Auch Fang-guan hatte über die Hitze gestöhnt und trug jetzt nur noch eine dünn gefütterte kurze Jacke, die aus quadratischen Seidenstücken in dreierlei Farben – Jade, schwärzlich und braunrot – zusammengesetzt war, eine weidengrüne Leibbinde und eine dünn gefütterte rosa Hose mit Streublumenmuster, deren Beine sie ebenfalls nicht verschnürt hatte.
 
Ihr Haar war zu einem Kranz dünner Zöpfchen geflochten, die auf dem Scheitel zu einem einzigen starken Zopf zusammenliefen, der so dick war wie ein Gänseei und am Hinterkopf herunterbaumelte. Im rechten Ohrläppchen trug sie nur einen Jadestöpsel, der nicht größer war als ein Reiskorn, am linken Ohr dagegen ein Gehänge mit einem goldgefaßten roten Stein, so groß wie eine Gingkonuß. Dadurch schien ihr Gesicht noch reiner als der Vollmond, und ihre Augen wirkten klarer als Herbstwasser.
 
Lachend bemerkten die anderen: „Wie Zwillingsbrüder sehen die beiden aus.“
 
„Wartet noch mit dem Fingerknobeln!“ bat Hsi-jën, die inzwischen Wein eingegossen hatte. „Wenn wir schon auf die Etikette verzichten, muß dafür jeder einen Schluck aus dem Becher trinken, den ich ihm reiche.“ Damit hob sie ihren Becher an die Lippen und nahm einen Schluck. Dann ließ sie der Rangfolge nach einen nach dem anderen trinken, und danach erst setzten sie sich rund um den Tisch auf das Ofenbett. Nur Tschun-yän und Sï-örl, die dort keinen Platz fanden, stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett. Die vierzig Teller mit der Zukost zum Wein waren einheitlich aus imitiertem weißen Ding-dschou-Porzellan0 und nicht größer als kleine Teeteller. Sie enthielten alles erdenkliche Naschwerk aus sämtlichen Gegenden des Landes sowie aus dem Ausland, frisch und getrocknet, Produkte des Festlands ebenso wie solche aus dem Wasser.
 
„Wir müssen ein Trinkspiel spielen!“ verlangte Bau-yü.
 
„Es muß aber etwas Gesittetes sein“, mahnte Hsi-jën. „Wenn wir dabei schreien und lärmen, wird man uns hören. Außerdem können wir nicht schreiben und lesen, darum darf es nichts Literarisches sein.“
 
„Dann wollen wir würfeln!“ schlug Schë-yüä vor.
 
„Das ist zu langweilig“, widersprach Bau-yü, „wir wollen lieber Blumenlotto spielen!“
 
„Au ja“, unterstützte ihn Tjing-wën, „das wollte ich schon immer einmal spielen.“
 
„Das Spiel ist zwar gut, aber wenn wir nur so ein paar Leute sind, macht es keinen Spaß“, gab Hsi-jën zu bedenken.
 
„Ich finde, wir sollten in aller Stille noch Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin einladen. Wenn sie bis zur zweiten Nachtwache mit uns spielen, kommen sie noch immer früh genug ins Bett“, schlug Tschun-yän lächelnd vor.
 
„Da müssen wir ja noch einmal unser Hoftor aufmachen, und dort müssen wir am Tor rufen“, wandte Hsi-jën ein. „Was ist, wenn wir auf die Wächterinnen stoßen?“
 
„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Auch meine Schwester Tan-tschun trinkt gern Wein, wir sollten sie ebenfalls holen, genauso Fräulein Bau-tjin.“
 
„Fräulein Bau-tjin nicht“, protestierten die anderen, „sie wohnt bei der älteren jungen Herrin, da gibt es ein großes Hin und Her.“
 
„Was macht das schon! Beeilt euch und holt sie her!“sagte Bau-yü.
 
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, gingen Tschun-yän und Sï-örl hinaus und ließen sich das Tor öffnen. Dann trennten sich ihre Wege.
 
„Wenn diese beiden die Einladung überbringen, werden Fräulein Bau-tschai und Fräulein Lin wohl nicht kommen“, orakelten Tjing-wën, Schë-yüä und Hsi-jën. „Da müssen wir schon gehen und sie auf Gedeih und Verderb herschleppen!“ Und rasch befahlen Hsi-jën und Tjing-wën einer alten Sklavin, eine Laterne anzuzünden, dann machten auch sie sich auf den Weg.
 
Tatsächlich sagte Bau-tschai, es sei schon zu spät, während Dai-yü sich auf ihre schwache Gesundheit berief. Aber die beiden ließen nicht locker und baten immer wieder: „So gönnt uns doch ein wenig Ehre! Setzt Euch ein Weilchen zu uns, und dann geht Ihr wieder!“
 
Tan-tschun dagegen freute sich, als ihr die Einladung überbracht wurde, doch sie sagte sich, es wäre nicht schön, wenn man Li Wan nicht einladen würde und sie es vielleicht zu erfahren bekäme. Deshalb befahl sie Tsuee-mo, sie solle mit Tschun-yän zu ihr gehen, und vereint baten die beiden dann Li Wan und Bau-tjin ein um das andere Mal, die Gesellschaft komplett zu machen.
 
Schließlich trafen alle nacheinander im Hof der Freude am Roten ein. Selbst Hsiang-ling wurde von Hsi-jën herbeigeschafft. Jetzt mußte noch ein zweiter Tisch aufs Ofenbett gestellt werden, ehe jeder einen Platz fand.
 
„Kusine Lin friert leicht, sie soll sich lieber hier an die hölzerne Trennwand setzen!“ empfahl Bau-yü und schob ein Rückenpolster für sie zurecht. Hsi-jën und die anderen Sklavenmädchen stellten sich Stühle dicht an das Ofenbett.
 
Dai-yü lehnte sich weit vom Tisch entfernt an ihr Polster, lächelte Bau-tschai, Li Wan und Tan-tschun zu und sagte: „Ihr haltet den Leuten stets vor, daß sie sich nachts heimlich treffen, um Wein zu trinken und Glücksspiele zu spielen. Jetzt aber treiben wir genau dasselbe. Da könnt ihr in Zukunft niemand mehr einen Vorwurf machen.“
 
Lächelnd erwiderte Li Wan: „Was sollte uns daran hindern? Wenn man nicht jede Nacht so zusammenkommt, sondern immer nur zu Geburts- und Feiertagen, dann ist auch nichts zu befürchten.“
 
Inzwischen brachte Tjing-wën schon den mit Schnitzereien verzierten Bambuszylinder, der die elfenbeinernen Spielsteine für das Blumenlotto enthielt. Nachdem sie den Behälter geschüttelt hatte, stellte sie ihn mitten auf das Ofenbett. Dann holte sie noch Würfel, tat sie in ein Kästchen und schüttelte sie. Als sie das Kästchen wieder aufmachte, zeigten sich fünf Augen. Sie zählte ab, und die Fünfte in der Tischrunde war Bau-tschai, die nun lächelnd sagte: „Ich ziehe als Erste, ich bin gespannt, was es ist!“ Damit schüttelte sie den Bambuszylinder, griff hinein und holte einen Spielstein heraus.
 
Alle schauten ihn sich an und sahen, daß eine Päonienblüte darauf gemalt war. Darunter stand „Durch üppige Schönheit die Erste unter den Blumen.“ Und in kleineren Schriftzeichen war eine Zeile aus einem Tang-Gedicht eingekerbt:
 
„Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“0
 
Die Anweisung lautete: „Jeder leert seinen Becher. Da dies die Königin der Blumen ist, kann sie nach Belieben jemanden bestimmen, der ein Lied oder ein Gedicht vortragen muß, um die Stimmung zu heben.“
 
Als das verlesen war, hieß es: „Wie sich das trifft! Eine Päonienblüte paßt am besten zu dir.“ Und damit tranken sie ihr zu. Nachdem auch Bau-tschai getrunken hatte, ordnete sie lächelnd an: „Fang-guan soll uns ein Lied singen!“
 
„Gut, aber zuvor muß jeder noch einen Becher trinken, damit er besser zuhören kann“, verlangte Fang-guan. Als alle getrunken hatten, begann sie:
 
„Welch schöner Platz, den Geburtstag zu feiern...“
 
„Halt!“ riefen alle dazwischen. „Du mußt ihm nicht noch einmal gratulieren, sing uns das schönste Lied, das du kennst!“
 
So blieb Fang-guan keine andere Wahl, und mit feiner Stimme sang sie:
 
„Mit einem Besen aus Phönixfedern0
 
feg ich Blüten vor der Heiligen Tor.
 
Schau nur, Jadestaub wirbelt im Winde.
 
Doch selbst die Abendwolken, die hohen,
 
steigen zu unserer Schwelle nicht auf.
 
Sei auf der Hut vor dem Gelben Drachen,
 
kehr auch nicht ein bei dem gastfreien Wirt,
 
denk nur stets an die himmlischen Fluren!
 
Ach, Dung-bin!
 
Nicht für ewig am Tor möchte ich stehen,
 
mich zu vertreten, bring jemand herbei!“
 
Während Bau-yü auf den Gesang hörte und Fang-guan ansah, hielt er den Spielstein in der Hand und wiederholte still für sich die Zeile „Gefühllos zwar, und doch rührt sie den Menschen.“ Dann aber nahm ihm Hsiang-yün den Stein weg und warf ihn Bau-tschai zu, die mit den Würfeln sechzehn Augen erzielte und beim Abzählen auf Tan-tschun kam.
 
„Was werde ich wohl bekommen?“ sagte Tan-tschun lächelnd, griff in den Bambuszylinder und nahm einen Spielstein heraus. Aber kaum hatte sie ihn angesehen, warf sie ihn errötend auf den Boden und sagte lächelnd: „Das taugt nichts! Wozu spielen wir überhaupt dieses Spiel? Das könnnen die Männer draußen spielen, es steht lauter Unsinn darauf.“
 
Niemand verstand, was sie meinte, bis Hsi-jën den Spielstein rasch aufhob und alle sahen, daß ein Zweig Aprikosenblüten darauf abgebildet war, unter dem in roten Schriftzeichen geschrieben stand „Götterblüten vom himmlischen Jadeteich.“0 Die Gedichtzeile war:
 
„Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten.“0
 
Die Anweisung aber besagte: „Wer diesen Stein zieht, bekommt einen vornehmen Mann. Alle trinken ihr zu, um sie zu beglückwünschen, dann trinken alle zusammen einen weiteren Becher.“
 
„Das war alles?“ fragten die anderen lachend. „Aber es ist doch ein Spiel für Mädchen, und wenn auch zwei, drei Steine wie dieser dabei sind, ist doch nichts Anstößiges daran. Es gibt also keinen Hinderungsgrund. Eine kaiserliche Nebenfrau haben wir schon in der Familie, wirst du vielleicht die nächste sein? Herzlichen Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!“
 
Alle tranken ihr zu, Tan-tschun aber wollte nicht mithalten, und so mußten ihr Hsiang-yün, Hsiang-ling und Li Wan den Wein mit Gewalt einflößen. Tan-tschun verlangte nach wie vor, das Spiel aufzugeben und ein anderes zu spielen, aber damit waren die übrigen durchaus nicht einverstanden. Deshalb griff Hsiang-yün nach Tan-tschuns Hand und zwang sie, die Würfel zu schütteln. Das Ergebnis waren neunzehn Augen, und das bedeutete, daß diesmal Li Wan an der Reihe war.
 
Li Wan schüttelte also den Bambuszylinder und holte einen Spielstein heraus. Sie warf einen Blick darauf, dann sagte sie strahlend: „Ausgezeichnet! Schaut euch das nur an, das Ding ist gar nicht so verkehrt!“
 
Alle sahen sich den Spielstein an und fanden darauf den blühenden Ast eines alten Pflaumbaums und das Motto „Kalte Pracht am frostigen Morgen.“ Die Gedichtzeile hieß:
 
„Strohhütte und Bambuszaun sind all ihr Begehren.“0
 
Die Anweisung verlangte: „Allein einen Becher trinken, die nächste muß würfeln.“
 
„Das ist gut so“, sagte Li Wan lächelnd. „Würfelt ihr nur, was ihr wollt, während ich in Ruhe meinen Wein trinke!“ Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Becher, während sie das Kästchen mit den Würfeln an Dai-yü weiterreichte. Dai-yü warf achtzehn Augen, was ergab, daß Hsiang-yün an die Reihe kam.
 
Hsiang-yün schlug ihren Ärmel zurück, faßte in den Bambuszylinder und griff einen Spielstein heraus. Alle sahen ihn sich an und erblickten darauf einen blühenden Zierapfelzweig mit der Inschrift „Tief versunken in duftigen Schlaf.“ Die Gedichtzeile lautete:
 
„Spät ist die Nacht, die Blüten schlafen wohl schon.“0
 
„Statt ‚spät ist die Nacht‘ sollte es besser heißen ‚kalt ist der Stein‘“, sagte Dai-yü lächelnd. Alle begriffen, daß sie darauf anspielte, wie Hsiang-yün am Tage betrunken eingeschlafen war, und lachten.
 
Hsiang-yün aber lachte ebenfalls, wies auf das mechanische Bootsmodell und sagte zu Dai-yü: „Du steig in das Boot und fahr nach Hause, anstatt Unsinn zu schwatzen!“
 
Auch darüber lachten die anderen nicht weniger. Dann lasen sie die Anweisung auf dem Spielstein: „Da es heißt, sie sei tief versunken in duftigen Schlaf, kann diejenige, die diesen Stein gezogen hat, nicht gut trinken. Statt dessen trinken die Nachbarn zur Rechten und Linken.“
 
„Buddha Amitabha, das ist ein guter Stein!“ sagte Hsiang-yün und klatschte vor Freude in die Hände. Ihre Nachbarn waren niemand anders als Dai-yü und Bau-yü. Man füllte ihnen die Becher, und sie mußten trinken. Bau-yü leerte seinen Becher jedoch nur zur Hälfte, dann reichte er ihn in einem unbeobachteten Augenblick Fang-guan, die ihn in einem Zug austrank. Dai-yü dagegen entleerte ihren Wein, während sie angeregt plauderte, in eine Mundspülschale.
 
Als Hsiang-yün nun würfelte, warf sie neun Augen, und dadurch mußte als nächste Schë-yüä einen Spielstein ziehen. Als sie ihn in der Hand hielt und alle darauf schauten, sahen sie einen blühenden Rosenzweig und die Inschrift „Schönheit in höchster Vollendung.“ Die Gedichtzeile lautete:
 
„Die Rosenblüte bringt der Frühlingsblumen Ende.“0
 
Die Anweisung verlangte: „Jeder Anwesende trinkt drei Becher, um den Frühling zu verabschieden.“
 
„Wie ist das zu verstehen?“ fragte Schë-yüä. Aber mit schmerzlich verzogenen Brauen verbarg Bau-yü den Spielstein und sagte nur: „Also trinken wir!“
 
Jeder trank drei Schlucke, um die geforderten drei Becher anzudeuten, dann würfelte Schë-yüä neunzehn Augen, und ausgezählt wurde Hsiang-ling.
 
Hsiang-ling zog das Bild einer Doppelblüte an einem Stengel und das Motto „Gemeinsamer Frühling, glückliches Omen.“ Die Gedichtzeile dazu hieß:
 
„Gemeinsamem Zweig sind die Blüten entsprossen.“0
 
Die Anweisung besagte: „Von allen beglückwünscht, muß diejenige, die den Stein gezogen hat, drei Becher trinken, alle anderen trinken zur Gesellschaft einen Becher mit.“
 
Dann würfelte Hsiang-ling sechs Augen, und Dai-yü war an der Reihe. „Wird noch ein guter Stein für mich darunter sein?“ fragte sie sich im stillen, und mit diesem Gedanken faßte sie in den Bambuszylinder, griff einen Spielstein heraus und entdeckte darauf eine Hibiskusblüte mit dem Motto „Stummer Gram in Wind und Tau.“ Die zugehörige Gedichtzeile war:
 
„Groll nicht dem Ostwind, beklag nur dich selbst.“0
 
Die Anweisung schrieb vor: „Den eigenen Becher leeren, die Päonienblüte trinkt zur Gesellschaft mit.“
 
„Das paßt bestens!“ sagten alle mit lächelnder Miene. „Wer sonst entspräche der Hibiskusblüte?!“ Auch Dai-yü selbst lächelte froh und trank ihren Wein. Dann würfelte sie, und durch die zwanzig Augen, die sie warf, kam die Reihe diesmal an Hsi-jën.
 
Hsi-jën zog einen Spielstein, und er zeigte einen blühenden Pfirsichzweig, dazu das Motto „Wu-ling – eine andere Welt.“0 Als Gedichtzeile stand da:
 
„Pfirsichblüten bringen eines neuen Jahres Lenz.“0
 
Die Anweisung bestimmte: „Die Aprikosenblüte trinkt einen Becher zur Gesellschaft mit, desgleichen, wer von den Anwesenden im selben Jahr geboren ist, wer am selben Tag geboren ist und wer denselben Familiennamen trägt.
 
„Jetzt wird es lebhaft und interessant“, sagten die anderen lächelnd. Dann stellten sie fest, daß Hsiang-ling, Tjing-wën und Bau-tschai im selben Jahr wie Hsi-jën geboren waren und Dai-yü am selben Tag, nur jemand mit demselben Familiennamen fanden sie nicht, bis Fang-guan erklärte: „Mein Familienname ist Hua, ich muß mittrinken.“
 
Als frischer Wein eingegossen war, wandte sich Dai-yü an Tan-tschun und forderte sie lächelnd auf: „Trink, Aprikosenblüte, wie es die Anweisung verlangt, du Braut eines vornehmen Mannes, damit auch wir trinken können!“
 
„Sei nicht so frech!“ wehrte Tan-tschun sich lächelnd. „Gib ihr eins auf den Mund, Schwägerin!“
 
„Sie bekommt schon keinen vornehmen Mann, und da soll ich sie noch schlagen? Das bringe ich nicht fertig“, sträubte Li Wan sich lächelnd und rief damit eine neue Lachsalve hervor.
 
Eben wollte nun Hsi-jën würfeln, da hörten sie, daß am Tor jemand rief. Als die alten Sklavinnen rasch hinausgingen, um nachzufragen, erwies sich, daß Tante Hsüä eine Botin geschickt hatte, um Dai-yü abzuholen.
 
„Wie spät ist es denn?“ fragten nun alle, und jemand gab Auskunft: „Die zweite Nachtwache ist vorüber, die Uhr hat elf geschlagen.“ Bau-yü wollte es nicht glauben und ließ sich seine Taschenuhr reichen, aber als er darauf schaute, wiesen die Zeiger schon auf zehn Minuten nach elf.
 
„Ich kann auch nicht mehr“, erklärte Dai-yü und stand auf. „Wenn ich zu Hause bin, muß ich noch meine Medizin einnehmen.“
 
Während die meisten anderen nun ebenfalls sagten, es sei Zeit auseinanderzugehen, verlangten Hsi-jën und Bau-yü, sie sollten noch bleiben. Aber Li Wan und Bau-tschai erklärten: „Es ist schon gar zu spät, schon jetzt haben wir die üblichen Regeln durchbrochen.
 
„Dann muß jede noch einen Becher zum Abschied trinken!“ forderte Hsi-jën. Und schon goß Tjing-wën noch einmal ein. Alle tranken, dann befahlen sie, die Laternen anzuzünden, und Hsi-jën begleitete die Gäste bis über das Wasser am Duftgetränkten Pavillon.
 
Als sie zurückkam, ließ sie das Hoftor wieder verschließen, dann nahmen sie noch einmal das Trinkspiel auf. Zugleich füllte Hsi-jën einige große Becher mit Wein und stellte ein paar Teller mit Naschwerk zusammen, damit auch die alten Sklavenfrauen ihren Anteil bekamen.
 
Schon zu drei Zehnteln betrunken, machten sie sich sodann ans Faustraten0 und ließen jeden Verlierer ein Liedchen singen. Da die alten Frauen aber nicht nur tranken, was man ihnen gegeben hatte, sondern sich auch heimlich selbst versorgten, war der große tönerne Weinbehälter in der vierten Nachtwache leer. Alle waren zwar darüber verwundert, aber sie räumten auf, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und gingen schlafen.
 
Fang-guan hatte so viel getrunken, daß ihre Wangen glühten wie rot geschminkt, auch der Ausdruck ihrer Augen hatte an Liebreiz beträchtlich gewonnen. Unfähig, sich noch länger aufrecht zu halten, lehnte sie sich im Einschlafen an Hsi-jën und klagte nur noch: „Schwester, mein Herz klopft so wild!“
 
„Warum mußtest du auch so viel trinken, bis nichts mehr hineinging!“ sagte Hsi-jën und lächelte.
 
Auch für Tschun-yän und Sï-örl war es zuviel gewesen war, so daß sie an Ort und Stelle vom Schlaf übermannt worden waren. Tjing-wën versuchte, sie wachzurufen, aber Bau-yü redete ihr zu: „Laß sie doch! Wir schlafen ein bißchen, so gut es eben geht!“ Damit legte er seinen Kopf auf das Kissen mit den Blütenblättern und streckte sich aus, und schon war auch er eingeschlafen.
 
Hsi-jën hatte Angst, Fang-guan werde sich übergeben müssen, wenn man sie weckte, darum stand sie vorsichtig auf, bettete Fang-guan neben Bau-yü und ließ sie schlafen. Sie selbst ließ sich gegenüber auf die Ruhebank sinken. Dann schliefen alle in süßer Betäubung, ohne zu merken, was weiter geschah.
 
Als Hsi-jën am nächsten Morgen die Augen aufschlug, sah sie, daß es schon heller Tag war. „Ist das aber spät!“ rief sie aus. Als sie nach dem Ofenbett blickte, lag Fang-guan mit dem Kopf dicht am Bettrand und schlief offenbar noch. Rasch stand Hsi-jën auf und rief sie an.
 
Bau-yü, der ebenfalls wach wurde, drehte sich auf die andere Seite und fragte lächelnd: „So spät ist es schon?“ Dann stieß er Fang-guan an, damit sie aufstand.
 
Fang-guan setzte sich im Bett auf und rieb sich verwundert die Augen. „Schämst du dich nicht?“ fragte Hsi-jën lächelnd. „So betrunken warst du, daß du dich einfach schlafen gelegt hast, ohne zu wissen, wo du bist.“
 
Jetzt erst sah Fang-guan sich um und entdeckte, daß sie mit Bau-yü auf demselben Bett geschlafen hatte. Lachend sprang sie auf den Boden und fragte: „Warum habe ich davon nichts gewußt?“
 
„Ich habe es auch nicht gewußt, sonst hätte ich dir das Gesicht mit schwarzer Tusche bemalt“, sagte Bau-yü lächelnd.
 
Bei diesen Worten kamen die anderen Sklavenmädchen herein, um Bau-yü beim Waschen und Frisieren aufzuwarten. „Gestern bin ich euch zur Last gefallen, heute lade ich euch meinerseits ein“, sagte Bau-yü fröhlich.
 
„Laß gut sein!“ wehrte Hsi-jën lächelnd ab, „wir können uns heute nicht noch einmal so aufführen, sonst gibt es Gerede.“
 
„Wovor hast du Angst?“ fragte Bau-yü. „Was sind schon zwei Mal? Aber wir müssen ganz schön trinken können, daß wir diesen Behälter leer gemacht haben. Schade nur, daß der Wein alle war, als es eben am schönsten war!“
 
„So war es genau richtig“, widersprach Hsi-jën lächelnd. „Wäre uns nicht auf dem Höhepunkt der Wein ausgegangen, wäre der Nachgeschmack heute ein anderer. Aber gestern waren alle so schön in Stimmung, selbst Tjing-wën hatte ihre Scheu überwunden. Ich kann mich erinnern, daß sie gesungen hat.“
 
„Und daß du selbst gesungen hast, hast du wohl vergessen, Schwester?“ fragte Sï-örl lächelnd. „Jeder am Tisch hat gesungen.“
 
Errötend schlugen alle die Hände vors Gesicht und lachten ohne Ende, bis plötzlich Ping-örl in den Raum trat und gutgelaunt sagte: „Ich bin extra gekommen, um allen, die gestern dabei waren, für heute eine Gegeneinladung auszusprechen. Es darf keiner fehlen.“
 
Rasch bot man ihr einen Platz an und goß ihr Tee ein.
 
„Schade, daß sie gestern nacht nicht mit von der Partie gewesen ist“, bedauerte Tjing-wën.
 
„Was habt ihr denn getrieben?“ erkundigte Ping-örl sich sofort.
 
„Das können wir dir nicht erzählen“, nahm Hsi-jën das Wort, „aber es ist hoch hergegangen. Selbst die Feste, die die alte gnädige Frau und die gnädige Frau für uns alle gegeben haben, waren nichts gegen gestern nacht. Den ganzen Weinbehälter haben wir leer gemacht. Alle haben wir so getrunken, daß wir keine Hemmungen mehr hatten, und ehe man sich‘s versah, haben wir alle gesungen. Erst in der vierten Nachtwache haben wir uns endlich hingelegt, wie es gerade kam, und ein bißchen geschlafen.“
 
Lächelnd beschwerte sich Ping-örl: „Erst laßt ihr euch einfach den Wein von mir geben und ladet mich nicht einmal ein, und dann erzählt ihr mir noch, wie schön es war, um mich zu ärgern!“
 
„Heute gibt er uns ein Fest, bestimmt wirst du auch eingeladen. Wart es nur ab!“ tröstete Tjing-wën.
 
„Wer ist ‚er‘? Zu wem sagst du ‚er‘?“ fragte Ping-örl lächelnd.
 
Ebenfalls lächelnd, gab Tjing-wën ihr einen Klaps und sagte: „Mußt du so scharfe Ohren haben und alles so genau verstehen?“
 
„Ich habe noch etwas zu tun und muß jetzt gehen, deshalb kann ich mich vorerst nicht weiter mit dir befassen“, sagte Ping-örl. „Nachher schicke ich jemand, um euch zu holen. Und wenn auch nur eine fehlt, komme ich selbst und schlage euch die Tür ein.“
 
Bau-yü machte noch Anstalten, Ping-örl zurückzuhalten, aber schon war sie gegangen. Also frisierte und wusch er sich und trank dann Tee. Dabei fiel sein Blick auf ein Blatt Papier, das unter seinem Tuschereibstein klemmte. „Es ist nicht schön von euch, alle möglichen Zettel hier abzulegen“, tadelte er.
 
„Was ist?“ fragten Hsi-jën und Tjing-wën sogleich. „Hat wieder einmal jemand etwas falsch gemacht?“
 
„Was klemmt da unter dem Tuschereibstein?“ fragte Bau-yü. „Bestimmt hat wieder eine von euch vergessen, ihr Stickmuster wegzulegen.“
 
Als Tjing-wën den Tuschereibstein eilig hochnahm und das Papier aufhob, erwies es sich als ein beschriebener Bogen. Sie reichte ihn Bau-yü, und er las: „Miau-yü, der Mensch außerhalb der Schwelle, verneigt sich ergeben, um aus der Ferne einen Geburtstagsgruß zu entbieten.“
 
Kaum hatte Bau-yü zu Ende gelesen, sprang er hastig auf und fragte: „Wer hat das entgegengenommen, ohne mir einen Ton zu sagen?“
 
Hsi-jën und Tjing-wën, die aus seinem Benehmen schlossen, daß es der Brief einer gewichtigen Persönlichkeit sein müsse, fragten ihrerseits: „Wer hat gestern einen Brief angenommen?“
 
Sofort kam Sï-örl hereingestürzt und berichtete lächelnd: „Miau-yü hat den Brief nicht selber gebracht, sondern ein Muttchen damit hergeschickt.
 
  
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Lotusblümchen hörte das und errötete, rief: „Wer verlangt denn jeden Tag etwas von dir? Du hältst zwei Wagenladungen Reden! Wenn man dich herbeiruft, dann doch nicht, um dich zu schikanieren, sondern der Bequemlichkeit wegen! Neulich kam Xiaoyan und sagte, Schwester Heitermuster [晴雯] möchte Beifuß-Sprossen essen. Da warst du ganz eifrig und fragtest noch, ob sie die mit Fleisch oder Huhn gebraten haben wollte! Xiaoyan sagte: ‚Eben weil das Fleischige nicht gut war, bat sie dich, ihr Weizengluten zu braten, mit wenig Öl.' Da sagtest du eiligst, du seist ganz verwirrt, wuschest schnell die Hände und brietest es, und wie ein wedelnder Hund trugst du es persönlich hin. Heute aber benutzt du mich als Sündenbock und erzählst das vor allen Leuten!" Frau Liu sagte hastig: „Amitabha! Alle hier können das bezeugen. Nicht nur jenes eine Mal — seit vorletztem Jahr, als ich die Küche übernahm, hat jedes Mal, wenn in irgendeinem Gemach ein Fräulein oder eine Zofe zusätzlich ein halbes Gericht verlangte, immer zuerst jemand Geld gebracht, und ich habe eigens dafür eingekauft. Ohne jeden Grund heißt es, ich hätte es in der Fräulein-Küche bequem und es bliebe etwas übrig — aber wenn man nachrechnet, wird einem ganz übel: Für alle Fräulein und Zofen, vierzig bis fünfzig Personen zusammen, bekomme ich am Tag nur zwei Hühner, zwei Enten, etwa zehn Pfund Fleisch und für einen Faden Kupferstücke Gemüse. Rechnet selbst — wofür reicht das? Nicht einmal die zwei regulären Mahlzeiten lassen sich davon bestreiten, geschweige denn, dass die eine dies bestellt und die andere jenes, und was gekauft wurde, essen sie nicht und wollen etwas anderes. Wenn es schon so ist, dann soll man doch der Gnädigen Frau berichten, den Etat erhöhen, und so wie in der Großen Küche für die Alte Herrin alles vorhandene Gemüse auf Holztafeln aufschreiben und jeden Tag der Reihe nach durchessen; am Monatsende wird dann abgerechnet — das wäre besser. Sogar neulich, als das Dritte Fräulein und Fräulein Bao zufällig vereinbarten, einmal mit Öl und Salz gebratene Goji-Sprossen essen zu wollen, schickten sie gleich ein Mädchen mit fünfhundert Kupferstücken zu mir. Da musste ich lachen und sagte: ‚Selbst wenn die beiden Fräulein ein dickbäuchiger Maitreya-Buddha wären, könnten sie nicht für fünfhundert Kupferstücke davon essen. Für diese zwanzig, dreißig Kupferstücke kann ich schon aufkommen.' Eilig brachte ich das Geld zurück, aber sie nahmen es nicht an und sagten, ich solle mir davon Wein kaufen. Dann sagten sie noch: ‚Jetzt, wo die Küche hier im Inneren ist, lässt es sich nicht vermeiden, dass die Leute vom Haus kommen und bald Salz, bald Soße holen — alles kostet ja Geld. Wenn du es ihnen nicht gibst, ist es schlecht; gibst du es, kannst du es nicht ersetzen. Nimm dies Geld als Ausgleich für die Sachen, die sie dir gewöhnlich abzapfen.' Das sind wahrhaft verständige und rücksichtsvolle Fräulein — wir können in unserem Herzen nur ein Gebet für sie sprechen! Ohne Grund hat es die Konkubine Zhao dann gehört und war unzufrieden, sagte, ich hätte es zu gut; keine zehn Tage vergehen, ohne dass sie auch ein Dienstmädchen schickt, das bald dies, bald jenes verlangt — da muss ich wirklich lachen. Ihr macht es schon zur Gewohnheit: Wenn es nicht das eine ist, ist es das andere — wo soll ich das alles herholen?"
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Mitten in dem Durcheinander schickte Schachspielerin erneut jemanden, um Lotusblümchen anzutreiben, und ließ sagen: „Bist du dort gestorben? Warum kommst du nicht zurück?" Lotusblümchen kehrte aufgebracht zurück und fügte noch eine lange Geschichte hinzu, die sie Schachspielerin erzählte. Als Schachspielerin hörte, stieg ihr unweigerlich der Zorn zu Kopf. Gerade hatte sie Willkommensfrühlings Mahlzeit beendet und kam nun mit den kleinen Mädchen herbei. Dort saßen viele Leute beim Essen; als sie Schachspielerins drohende Haltung sahen, sprangen alle auf, machten lächelnd Platz und boten ihr einen Sitz an. Schachspielerin aber befahl den kleinen Mädchen, zuzugreifen: „Werft sämtliche Speisen aus den Schränken und Kisten heraus, füttert sie den Hunden — dann hat niemand etwas davon!" Die kleinen Mädchen waren geradezu begierig darauf; mit fliegenden Händen stürzten sie sich darauf und warfen alles wild durcheinander. Die Leute hielten sie teils zurück, teils flehten sie Schachspielerin an: „Fräulein, hört nicht auf das Gerede der Kinder. Selbst wenn Schwägerin Liu acht Köpfe hätte, würde sie es nicht wagen, Euch zu beleidigen. Dass die Eier schwer zu bekommen sind, stimmt wirklich. Wir haben ihr auch gerade gesagt, sie solle vernünftig sein — was immer es sei, man müsse eben einen Weg finden. Sie hat es eingesehen und hat sofort welche aufgesetzt. Wenn das Fräulein es nicht glaubt, seht nur dort auf dem Herd."
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Nachdem alle gute Worte eingelegt hatten, legte sich Schachspielerins Zorn allmählich. Die kleinen Mädchen hatten noch nicht alles zertrümmert, also ließ man sie aufhören. Schachspielerin schimpfte und tobte noch eine Weile, wurde dann aber von allen beruhigt und ging. Frau Liu konnte nur Schüsseln und Teller hinwerfen, vor sich hin schimpfen und dann eine Schale gedünstete Eier zubereiten und hinüberschicken lassen. Schachspielerin schüttete sie vollständig auf den Boden. Die Person, die sie gebracht hatte, wagte es nicht zu berichten, aus Furcht, erneut Ärger zu verursachen.
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Frau Liu gab ihrer Tochter zu trinken — etwas Suppe, eine halbe Schale Congee — und erzählte ihr dann auch die Sache mit dem Porlingsschnee. Fünfchen hörte es und beschloss sofort, etwas davon Duftblümchen zu schenken. Sie wickelte also die Hälfte in Papier ein und machte sich in der Abenddämmerung, als wenige Leute unterwegs waren, zwischen Blumen und Weiden verborgen auf den Weg, um Duftblümchen zu suchen. Zu ihrem Glück fragte niemand sie aus. Sie ging geradewegs bis vor das Tor des Yihongyuan <ref>Hof der Versammelten Pracht, Schatzjades Wohnsitz im Großen Garten</ref>, wagte aber nicht einzutreten und stand nur vor einem Rosenstrauch, von ferne hinüberschauend. Nachdem sie dort eine Teezeit lang gewartet hatte, kam gerade Xiaoyan heraus. Fünfchen eilte ihr entgegen und rief sie an. Xiaoyan wusste nicht, wer es war; erst als sie näher kam, erkannte sie sie und fragte, was sie wolle. Fünfchen lachte: „Ruf mir Duftblümchen heraus, ich möchte mit ihr sprechen." Xiaoyan flüsterte lachend: „Schwester, du bist zu ungeduldig! In zehn Tagen oder so kommst du ohnehin her — warum musst du sie unbedingt suchen? Gerade eben hat man sie nach vorne geschickt. Warte noch ein wenig auf sie. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sage es mir, ich richte es ihr aus. Ich fürchte, du kannst nicht so lange warten; bald wird das Gartentor geschlossen." Fünfchen gab Xiaoyan den Porlingsschnee und erklärte ihr, dies sei Porlingsschnee, wie man sie einnehme, wie stärkend sie wirke: „Ich habe davon etwas bekommen und möchte es ihr schenken. Bitte richte es ihr aus und gib es ihr." Damit verabschiedete sie sich und ging zurück.
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Als sie gerade die Gegend um den Liaoxu-Teich entlangging, kam ihr plötzlich Frau Lin Zhixiao mit einigen alten Dienerinnen entgegen. Fünfchen konnte sich nicht mehr verbergen und musste sie begrüßen. Frau Lin Zhixiao fragte: „Ich hörte, du warst krank — wie kommst du hierher?" Fünfchen lächelte höflich: „Weil es mir die letzten zwei Tage besser ging, bin ich mit meiner Mutter hereingekommen, um mich ein wenig zu zerstreuen. Gerade hat mich meine Mutter zum Yihongyuan geschickt, um Küchengerät abzuliefern." Frau Lin Zhixiao sagte: „Das stimmt nicht. Eben habe ich gesehen, wie deine Mutter hinausging, und da habe ich erst das Tor geschlossen. Wenn deine Mutter dich geschickt hätte, warum hat sie mir dann nicht gesagt, dass du noch hier bist? Sie ist einfach hinausgegangen und hat mich das Tor schließen lassen — was hat sie sich dabei gedacht? Es ist klar, dass du lügst." Fünfchen wusste darauf nichts zu antworten und sagte nur: „Eigentlich hat meine Mutter mir schon am Morgen gesagt, ich solle die Sachen holen; ich habe es vergessen und erst jetzt daran gedacht. Vermutlich hat meine Mutter irrtümlich gedacht, ich sei schon vorher hinausgegangen, und darum der Frau Hauswirtin nichts gesagt."
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Frau Lin Zhixiao hörte ihre stockenden Worte und sah ihren verlegenen Ausdruck. Da zudem in den letzten Tagen Yuchuan'er gemeldet hatte, dass im Hauptgebäude drüben Gegenstände abhanden gekommen seien und mehrere Mädchen sich gegenseitig beschuldigten, ohne dass sich die Schuldige fand, wurde sie sofort argwöhnisch. Gerade kamen Xiaochan, Lotusblümchen und einige Frauen herbei. Als sie die Szene sahen, sagten sie: „Frau Lin sollte sie einmal verhören. Die letzten Tage rennt sie ständig hier herum — ganz verdächtig, heimlich und verstohlen, wer weiß, was sie treibt." Xiaochan fügte hinzu: „Genau! Gestern sagte Schwester Yuchuan, dass in der Gnädigen Frau Seitenraum der Schrank geöffnet worden sei und allerlei Kleinigkeiten fehlten. Und als die Zweite Herrin Lian Friedchen und Schwester Yuchuan losschickte, um etwas Rosenwasser zu holen, fehlte auch ein Krug davon. Hätte man nicht nach dem Rosenwasser gesucht, wäre es gar nicht aufgefallen." Lotusblümchen lachte: „Von dem habe ich zwar nichts gehört, aber heute habe ich tatsächlich eine Flasche für Rosenwasser gesehen." Frau Lin Zhixiao, die ohnehin wegen dieser ungeklärten Sachen beunruhigt war — jeden Tag trieb Phönixglanz [王熙凤] sie durch Friedchen an —, fragte beim Hören dieser Worte hastig, wo sie die Flasche gesehen habe. Lotusblümchen sagte: „In deren Küche." Frau Lin Zhixiao befahl sofort, Laternen anzuzünden, und ging mit allen los, um die Küche zu durchsuchen. Fünfchen sagte verzweifelt: „Das war ursprünglich ein Geschenk von Duftblümchen aus dem Zimmer des Zweiten Jungen Herrn Bao!" Frau Lin Zhixiao erwiderte: „Ob es nun von einer ‚eckigen' oder ‚runden Beamtin' ist — es gibt ein Beweisstück; ich werde es nur melden, und dann könnt ihr euch vor eurer Herrschaft verantworten." Damit betraten sie die Küche. Lotusblümchen führte sie zur Flasche mit dem Rosenwasser. Aus Furcht, es könnte noch mehr Gestohlenes geben, durchsuchten sie alles gründlich und fanden noch ein Päckchen Porlingsschnee. Sie nahmen alles mit, führten Fünfchen ab und gingen, um Seidenweiß Pflaume [李纨] und Erkundefrühling [探春] Bericht zu erstatten.
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Zu jener Zeit war Seidenweiß Pflaume gerade deshalb untätig, weil ihr Sohn Lan'ge erkrankt war, und befahl nur, zu Erkundefrühling zu gehen. Erkundefrühling war bereits in ihre Gemächer zurückgekehrt. Man meldete sich an; die Zofen waren alle im Hof und kühlten sich ab; Erkundefrühling war drinnen bei der abendlichen Toilette, und nur Daishu ging hinein, um Bericht zu erstatten. Nach einer Weile kam sie heraus und sagte: „Das Fräulein hat es zur Kenntnis genommen und lässt euch sagen, ihr sollt Friedchen suchen und es der Zweiten Herrin melden." Frau Lin Zhixiao hatte keine andere Wahl und brachte die Sache dorthin. Bei Phönixglanz angekommen, suchte sie zuerst Friedchen auf. Friedchen ging hinein und berichtete Phönixglanz [熙凤]. Phönixglanz hatte sich gerade schlafen gelegt. Als sie von der Sache hörte, ordnete sie an: „Gebt der Mutter vierzig Stockschläge und jagt sie hinaus; sie darf nie wieder den Inneren Hof betreten. Gebt Fünfchen vierzig Stockschläge und übergebt sie sofort dem Landgut — ob man sie verkauft oder verheiratet, ist einerlei." Friedchen hörte es, kam heraus und gab Frau Lin Zhixiao die Anweisungen entsprechend weiter. Fünfchen war so verängstigt, dass sie schluchzend vor Friedchen niederkniete und ihr die ganze Geschichte mit Duftblümchen erzählte. Friedchen sagte: „Das ist nicht schwer — morgen braucht man nur Duftblümchen zu fragen, dann stellt sich heraus, ob es wahr ist oder nicht. Aber der Porlingsschnee wurde erst neulich als Geschenk gebracht, und man wartete noch auf die Rückkehr der Alten Herrin und der Gnädigen Frau, um ihn ihnen vorzulegen, bevor man ihn anrühren durfte — den hätte man nicht stehlen sollen." Als Fünfchen das hörte, erzählte sie eilig auch die Geschichte, dass ihr Onkel ihn ihr geschickt hatte. Friedchen hörte das und lachte: „Wenn das so ist, bist du ja vollkommen unschuldig und wirst nur als Sündenbock benutzt. Jetzt ist es spät, die Herrin hat gerade ihre Medizin genommen und sich hingelegt; ich möchte sie wegen dieser Kleinigkeit nicht belästigen. Für heute soll sie der Nachtwache übergeben und über Nacht bewacht werden; morgen berichte ich der Herrin und man wird weitersehen." Frau Lin Zhixiao wagte nicht zu widersprechen und übergab Fünfchen den Nachtwächterinnen zur Bewachung; dann ging sie davon.
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Fünfchen, nun unter Hausarrest gestellt, wagte keinen Schritt zu tun. Einige der Frauen rieten ihr zwar gutmütig, sie hätte solch unschickliche Dinge nicht tun sollen; andere schimpften: „Schon die reguläre Nachtwache ist schwer genug — und nun hat man uns auch noch eine Diebin zur Bewachung gebracht! Wenn sie sich, ohne dass wir es sehen, erhängt oder davonläuft, sind wir schuld." Dazu kamen etliche Leute, die seit langem mit Frau Lius Familie verfeindet waren und dies nun genüsslich auskosteten, um sie zu verhöhnen und zu verspotten. Fünfchen fühlte in ihrem Herzen Zorn und Unrecht zugleich und hatte nirgends, wohin sie sich wenden konnte. Ohnehin schüchtern und kränklich, verbrachte sie diese Nacht ohne Tee, ohne Wasser, ohne Bettzeug und Kissen, leise schluchzend bis zum Morgen.
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Jene Leute aber, die sich mit Mutter und Tochter nicht vertrugen, konnten es kaum erwarten, dass man sie vertrieb; aus Furcht, am nächsten Tag könnte sich die Lage ändern, standen sie alle frühzeitig auf und gingen heimlich zu Friedchen, um sie zu beeinflussen. Teils schenkten sie ihr etwas, teils schmeichelten sie ihr, wie entschieden und tüchtig sie die Dinge handhabe, und teils erzählten sie ausgiebig von den vielen Vergehen der Mutter im Alltag. Friedchen bejahte alles der Reihe nach und schickte sie weg. Dann ging sie leise zu Dufthauch [袭人] und fragte sie, ob es denn wirklich stimme, dass Duftblümchen Fünfchen das Rosenwasser gegeben habe. Dufthauch sagte: „Das Rosenwasser hat Schatzjade tatsächlich Duftblümchen gegeben; an wen Duftblümchen es weitergegeben hat, weiß ich allerdings nicht." Dufthauch fragte daraufhin Duftblümchen. Als Duftblümchen das hörte, geriet sie in helle Aufregung und bestätigte eilig, dass sie es selbst geschenkt habe. Duftblümchen erzählte es sogleich auch Schatzjade. Schatzjade erschrak ebenfalls und sagte: „Mit dem Rosenwasser ist es zwar geklärt, aber wenn die Sache mit dem Porlingsschnee aufgerollt wird, wird sie natürlich auch wahrheitsgemäß aussagen. Wenn man dann erfährt, dass sie es von ihrem Onkel bekommen hat, gerät dieser auch in Schwierigkeiten — und das gute Geschenk eines anderen hat ihnen nur Unglück gebracht." Eilig beratschlagte er mit Friedchen: „Die Sache mit dem Rosenwasser ist erledigt, aber auch beim Porlingsschnee gibt es ein Problem. Liebe Schwester, lass sie doch sagen, der sei ebenfalls ein Geschenk von Duftblümchen — dann wäre alles erledigt." Friedchen lachte: „Das mag ja sein, aber gestern Abend hat sie bereits vor den Leuten gesagt, er sei von ihrem Onkel. Wie kann sie nun plötzlich sagen, du hättest ihn gegeben? Außerdem ist auch beim Rosenwasser drüben noch keine Schuldige gefunden. Wenn man nun die Ertappte mit dem Beweis freilässt, wen soll man dann suchen? Wer würde es noch zugeben? Die Leute wären auch nicht zufrieden." Da kam Heitermuster herein und sagte lachend: „Bei dem Rosenwasser der Gnädigen Frau kommt niemand anderes in Frage — es war ganz offensichtlich Caiyun, die es für Huan'ge gestohlen hat. Redet nicht so wild durcheinander!" Friedchen lachte: „Wer wüsste das nicht! Aber als Yuchuan'er sich weinend an sie wandte und sie leise fragte, und jene es zugab, war Yuchuan'er zufrieden, und alle ließen es auf sich beruhen. Wir werden doch nicht freiwillig diese Sache an uns reißen! Das Ärgerliche ist, dass Caiyun es nicht nur nicht zugibt, sondern Yuchuan'er sogar beschuldigt, sie habe es gestohlen. Die beiden liefern sich einen Schlagabtausch, und das ganze Haus weiß davon — wie sollen wir da unbeteiligt bleiben? Natürlich muss nachgeforscht werden. Aber bekanntlich: ‚Wer den Diebstahl meldet, ist selbst der Dieb' — und ohne Beweis, wie soll man sie überführen?" Schatzjade sagte: „Nun gut, diese Sache nehme ich auch auf mich. Ich sage einfach, ich hätte sie erschrecken wollen und heimlich etwas von der Gnädigen Frau entwendet. Dann sind beide Angelegenheiten erledigt." Dufthauch sagte: „Das wäre allerdings ein gutes Werk — jemandes Diebesruf zu tilgen. Nur: Wenn die Gnädige Frau davon hört, wird sie wieder sagen, du seist kindisch und wüsstest nicht, was sich gehört." Friedchen lachte: „Das ist noch ein kleines Problem. Selbst wenn man jetzt bei Konkubine Zhao das Diebesgut beschlagnahmte — das wäre zwar leicht —, fürchte ich doch, dass es eine anständige Person in ihrem Ansehen verletzen würde. Von allen anderen ganz abgesehen: Diese eine Person — würde sie sich nicht darüber ärgern? Mir tut sie leid; ich möchte nicht ‚beim Rattenfang die Jadevase beschädigen'." Dabei streckte sie drei Finger aus. Dufthauch und die anderen verstanden sofort, dass sie von Erkundefrühling sprach. Alle sagten eilig: „Ja, genau so ist es. Am besten nehmen wir es hier auf uns." Friedchen lachte wieder: „Allerdings müssen wir erst diese beiden Übeltäterinnen Caiyun und Yuchuan'er herbeirufen und sie genau befragen, bevor es geht. Sonst glauben sie, sie seien davongekommen — und nicht, weil ich es um ihretwillen so gelöst habe, sondern weil ich die Sache nicht aufklären konnte und es von hier aus regeln musste. Dann werden sie künftig nur noch dreister stehlen und sich nicht mehr darum scheren." Dufthauch und die anderen lachten: „Ganz recht, du musst dir auch ein Hintertürchen offenhalten."
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Friedchen ließ die beiden holen und sagte: „Keine Angst, die Diebin ist gefunden." Yuchuan'er fragte sofort, wo die Diebin sei. Friedchen sagte: „Sie ist gerade im Zimmer der Zweiten Herrin; fragt sie, und sie gesteht alles. Ich weiß in meinem Herzen, dass nicht sie es gestohlen hat; das arme Ding hat vor lauter Angst alles zugegeben. Der Zweite Junge Herr Bao hier hat Mitleid mit ihr und will die Hälfte auf sich nehmen. Ich wollte die Wahrheit sagen, aber die Diebin ist im Alltag eine Schwester, die mir nahesteht; die Hehlerin ist eine gewöhnliche Person; und drittens wäre eine anständige Person in ihrem Ansehen betroffen. Darum bin ich in einer Zwickmühle und muss den Zweiten Jungen Herrn bitten, es zu übernehmen, damit alle in Frieden sind. Nun frage ich euch beide: Wie wollt ihr es halten? Wenn ihr von jetzt an alle aufpasst und den Anstand wahrt, dann bitte ich den Zweiten Jungen Herrn, es auf sich zu nehmen. Andernfalls berichte ich der Zweiten Herrin — dann soll keine Unschuldige leiden." Caiyun hörte das, und ihr stieg die Röte ins Gesicht; ein Gefühl der Scham erfasste sie, und sie sagte: „Schwester, sei unbesorgt. Keine Unschuldige soll leiden, und kein Unbeteiligter soll in seinem Ansehen beschädigt werden. Den Diebstahl hat Konkubine Zhao wieder und wieder auf mich eingeredet; ich habe einiges für Huan'ge genommen — das ist wahr. Selbst wenn die Gnädige Frau zu Hause war, haben wir immer wieder etwas herausgenommen und an Leute verschenkt, das war nichts Ungewöhnliches. Ich dachte, nach ein paar Tagen Aufregung wäre es vorbei. Aber nun, da eine Unschuldige beschuldigt wird, kann ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Schwester, führe mich zur Herrin; ich gestehe alles." Alle waren erstaunt, dass sie so aufrichtig und mutig war. Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester Caiyun ist wahrhaftig ein rechtschaffener Mensch! Aber du brauchst nichts zuzugeben; ich sage einfach, ich hätte heimlich etwas der Gnädigen Frau entwendet, um euch zu erschrecken und mich zu amüsieren. Nun, da es Ärger gegeben hat, muss ich es natürlich eingestehen. Ich bitte nur die Schwestern, künftig etwas zurückhaltender zu sein, dann ist allen geholfen." Caiyun sagte: „Was ich getan habe — warum sollst du dafür geradestehen? Ob es mich den Kopf kostet oder nicht, ich muss die Folgen tragen." Friedchen und Dufthauch sagten eilig: „So geht es nicht. Wenn du es zugibst, wird unweigerlich auch die Konkubine Zhao hineingezogen. Wenn dann das Dritte Fräulein davon erfährt, wie wird sie sich ärgern! Am besten nimmt der Zweite Junge Herr es auf sich; dann ist alles friedlich. Außerdem erfährt außer uns wenigen niemand davon — wie sauber! Nur müsst ihr in Zukunft alle vorsichtig sein. Wenn ihr etwas nehmen wollt, wartet wenigstens, bis die Gnädige Frau zurück ist — selbst wenn ihr dann das ganze Haus herschenkt, haben wir nichts damit zu schaffen." Caiyun senkte den Kopf, dachte einen Moment nach und stimmte schließlich zu.
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So berieten sie alles miteinander. Friedchen nahm die beiden und Duftblümchen mit und ging zum Vorderhaus, holte aus der Wachstube Fünfchen und unterwies sie leise, auch bei dem Porlingsschnee zu sagen, er sei ein Geschenk Duftblümchens. Fünfchen war unendlich dankbar. Friedchen nahm sie alle mit in ihre eigene Abteilung, wo Frau Lin Zhixiao bereits mit mehreren Frauen wartete und Frau Liu in Gewahrsam hatte. Frau Lin Zhixiao sagte noch zu Friedchen: „Heute Morgen habe ich sie hierhergebracht, und damit im Garten niemand fehlt, der den Fräulein das Essen bereitet, habe ich vorläufig die Frau des Qin Xian dorthin geschickt. Bitte berichtet es der Herrin — sie ist wirklich sauber und gewissenhaft; man könnte sie von nun an dauerhaft dort einsetzen." Friedchen fragte: „Wer ist die Frau des Qin Xian? Ich kenne sie nicht gut." Frau Lin Zhixiao sagte: „Sie hat Nachtdienst in der Südecke des Gartens; tagsüber hat sie nichts zu tun, darum kennt das Fräulein sie nicht so gut. Hohe Wangenknochen, große Augen, sehr sauber und ordentlich." Yuchuan'er sagte: „Richtig! Schwester, erinnerst du dich nicht? Sie ist die Tante von Schachspielerin, der Zofe des Zweiten Fräuleins. Schachspielerins Eltern gehören zwar zum Haushalt des Ersten Herrn, aber ihr Onkel gehört zu unserem Haushalt." Friedchen hörte das und erinnerte sich. Sie lachte: „Oh, hättest du gleich gesagt, dass sie es ist, hätte ich es sofort gewusst." Dann lachte sie: „Da seid ihr ja etwas vorschnell gewesen! Inzwischen ist die Sache von allen Seiten aufgeklärt, und auch bei dem, was neulich im Zimmer der Gnädigen Frau fehlte, ist die Schuldige gefunden. Als Schatzjade neulich herüberkam und von diesen beiden Unholdinnen etwas verlangte, neckten die ihn und sagten, wenn die Gnädige Frau nicht da sei, wagten sie nicht, etwas herauszugeben. Da hat Schatzjade, als die beiden nicht aufpassten, heimlich etwas herausgenommen. Die beiden wussten es nicht und erschraken ganz furchtbar. Nun, da Schatzjade gehört hat, dass andere in Schwierigkeiten geraten sind, hat er mir alles genau erzählt und mir die Sachen gezeigt — nicht ein einziges Stück fehlte. Der Porlingsschnee hat Schatzjade von draußen bekommen und schon vielen Leuten geschenkt — nicht nur die Leute im Garten haben davon, auch die älteren Dienerinnen haben sich welchen erbeten und ihn ihren Verwandten mitgebracht, und die verschenkten ihn weiter. Dass Dufthauch ihn Duftblümchen und deren Freundinnen gegeben hat — das sind private Freundlichkeiten, die unter ihnen üblich sind. Vor ein paar Tagen standen die zwei Körbe noch oben in der Beratungshalle, ordentlich verpackt und unberührt — wie kann man da aufs Geratewohl Leute beschuldigen! Wartet, bis ich es der Herrin berichtet habe." Damit ging sie ins Schlafgemach und erzählte Phönixglanz die ganze Geschichte genau so, wie sie es vorbereitet hatte.
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Phönixglanz sagte: „Das mag alles stimmen, aber Schatzjade ist einer, der ungeachtet aller Umstände gern Dinge auf sich nimmt. Kaum bitten ihn andere, und er hört zwei freundliche Worte, lässt er sich schon alles aufsetzen — was gäbe es, das er nicht zugeben würde. Wenn wir ihm glauben, wird er künftig auch bei ernsten Angelegenheiten so handeln — wie soll man dann die Leute in Ordnung halten? Man muss noch gründlich nachforschen. Nach meinem Sinn: Holt alle Zofen der Gnädigen Frau her, und wenn man sie auch nicht ohne Weiteres schlagen darf, so lasst sie auf Porzellanscherben knien in der prallen Sonne; gebt ihnen weder Tee noch Essen. Wer an einem Tag nicht gesteht, kniet einen Tag — selbst Eiserne würden dann eingestehen. Und wie man so sagt: ‚Fliegen setzen sich nicht auf Eier ohne Riss.' Auch wenn diese Frau Liu nicht gestohlen hat, muss irgendetwas daran gewesen sein, sonst hätten die Leute nicht von ihr gesprochen. Wenn man sie auch nicht wie eine Diebin bestraft, so soll man sie doch entlassen. Selbst bei Hofe gibt es Fälle, wo Unschuldige mitgehangen werden — so große Ungerechtigkeit ist das auch nicht." Friedchen sagte: „Wozu sich so den Kopf zerbrechen! ‚Wenn es Zeit ist loszulassen, dann lass los' — was kann schon Schlimmes dabei sein, ein wenig Gnade walten zu lassen? Wenn ich es recht bedenke: Wie viel Mühe wir uns auch in diesem Haus geben, am Ende gehen wir ja in jenes Haus drüben. Unnötig, sich die Feindschaft der kleinen Leute zuzuziehen und Groll zu ernten. Zudem hast du selbst allerlei Unglück erlitten — mit Müh und Not warst du schwanger geworden, und im sechsten, siebten Monat hast du es verloren. Wer weiß, ob das nicht von der täglichen Überarbeitung und dem Ärger kam, der dich innerlich verletzt hat. Von jetzt an wäre es doch gut, manches zu sehen und manches zu übersehen und es dabei zu belassen." Diese Worte brachten Phönixglanz zum Lachen. Sie sagte: „Du kleines Biest, mach du es, wie du willst! Mir geht es gerade etwas besser, ich will mich nicht aufregen." Friedchen lachte: „Das ist erst vernünftig!" Damit ging sie hinaus und erledigte alles der Reihe nach.
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Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 61 Aus Furcht, beim Rattenfang die Jadevase zu beschädigen, vertuscht Schatzjade [宝玉] den Diebstahl Einen ungerechten Fall entscheidend, übt Friedchen [平儿] weise Autorität aus

Die Frau Liu [1] lachte und sagte: „Du Affenbalg! Deine leibliche Tante hat sich einen Liebhaber gesucht, da hättest du doch einen Onkel dazugewonnen — was gibt es da zu zweifeln! Soll ich dir etwa die paar Haare vom Kopf reißen! Machst du mir nun die Tür auf und lässt mich hinein oder nicht?" Der kleine Bursche öffnete die Tür noch nicht, sondern hielt sie fest und sagte lachend: „Gute Tante, wenn du jetzt hineingehst, stiehl mir wenigstens ein paar Aprikosen und bring sie mir zum Essen heraus. Ich warte hier. Wenn du es vergisst, dann öffne ich dir künftig mitten in der Nacht, wenn du Wein oder Öl holen willst, nicht mehr die Tür und antworte dir auch nicht — dann kannst du rufen, so viel du willst." Frau Liu spuckte aus und sagte: „Du bist ja ganz verrückt! Dieses Jahr ist es nicht wie in früheren Jahren — die ganzen Sachen sind unter die verschiedenen Damen aufgeteilt worden. Eine jede von ihnen ist versessen darauf; kaum geht jemand unter einem Baum vorbei, glotzen sie schon wie eine Fasanenhenne, und wehe, man rührt das Obst an! Gestern erst ging ich unter dem Pflaumenbaum entlang, da flog mir zufällig eine Biene ins Gesicht, ich wedelte mit der Hand — und prompt hatte deine werte Tante mütterlicherseits es gesehen. Von weitem konnte sie es nicht genau erkennen und meinte, ich pflückte Pflaumen. Da fing sie gleich an, mit schriller Stimme zu schreien: ‚Die sind noch nicht den Buddhas geopfert worden!' und ‚Die Alte Herrin und die Gnädige Frau sind noch nicht zu Hause, die Früchte sind noch nicht nach oben gebracht worden; wenn das geschehen ist, bekommen die Schwägerinnen alle ihren Anteil!' — Gerade als ob jemand vor Gier darauf lauerte, dass die Pflaumen reiften! Da blieb mir auch nichts Gutes zu sagen übrig, und ich habe sie gehörig zurechtgewiesen. Deine Tante mütterlicherseits und zwei, drei Verwandte der Konkubinen haben ja alle die Aufsicht — warum gehst du nicht zu denen und bittest sie, sondern kommst zu mir! Das ist ja wie das Sprichwort sagt: ‚Die Lagerratte bittet die Krähe um Getreide — die, die es bewacht, hat keins, aber die, die fliegt, soll welches haben!'"

Der kleine Bursche lachte: „Na na na, wenn es eben nichts gibt, dann eben nicht — wozu all das Geschwätz! Ich sehe wohl, du wirst mich künftig nicht mehr brauchen? Wenn Schwester erst einen guten Posten hat, werden die Tage, an denen ihr mich herbeiruft, noch zahlreicher — ich muss nur bereitwillig sein, und alles wird gut." Frau Liu hörte das und lachte: „Du kleiner Affengeist, was führst du wieder im Schilde — was für einen guten Posten soll deine Schwester denn haben?" Der kleine Bursche lachte: „Versucht nicht, mich zu täuschen, ich weiß längst Bescheid. Nicht nur ihr habt Verbindungen nach drinnen — haben wir etwa keine? Ich mag hier draußen nur Handlangerdienste tun, aber drinnen habe ich auch zwei Schwestern, die etwas zu sagen haben — welche Angelegenheit bliebe uns wohl verborgen!"

Während sie noch redeten, rief eine alte Dienerin von drinnen heraus: „Ihr kleinen Affen, holt schnell eure Tante Liu herbei! Wenn sie nicht bald kommt, ist es zu spät!" Frau Liu hörte das und kümmerte sich nicht mehr um das Gespräch mit dem Burschen, sondern drängte eilig durch die Tür und sagte lachend: „Nur keine Eile, ich bin schon da." Dabei begab sie sich in die Küche — obwohl dort etliche Mitarbeiterinnen waren, wagte keine von ihnen, eigenmächtig zu handeln; alle warteten, dass sie kam, um die Dinge zu regeln und zu verteilen — und fragte die Anwesenden: „Wo ist Fünfchen hingegangen?" Alle sagten: „Sie ist gerade in die Teestube gegangen, um ihre Schwestern zu suchen."

Als Frau Liu das hörte, stellte sie den Porlingsschnee [2] beiseite und verteilte gemäß den jeweiligen Gemächern die Speisen. Da kam plötzlich die kleine Dienerin Lotusblümchen aus Willkommensfrühling [迎春]s Gemach und sagte: „Schwester Schachspielerin[3] [司棋] hat gesagt, sie möchte eine Schale Eier, ganz zart gedünstet." Frau Liu erwiderte: „Was für eine vornehme Dame! Ich weiß nicht, wie es kommt, aber dieses Jahr sind die Eier so knapp — man bekommt sie für zehn Kupferstücke das Stück noch nicht. Gestern sollte man den Verwandten Congee-Reis schicken; vier oder fünf Einkäufer gingen los und brachten mit Müh und Not zweitausend Stück zusammen. Wo soll ich die herzaubern? Sag ihr, ein andermal." Lotusblümchen sagte: „Neulich hat sie Tofu verlangt, und du hast ihr verdorbenen gebracht — dafür hat sie mich gehörig ausgescholten. Heute verlangt sie Eier und es gibt wieder keine. Was sind das schon für kostbare Sachen! Ich kann einfach nicht glauben, dass es nicht einmal Eier geben soll — lass mich nur nicht selbst welche heraussuchen kommen!" Dabei kam sie wirklich herbei, öffnete den Vorratsbehälter und sah, dass darin tatsächlich etwa zehn Eier lagen. Sie rief: „Sind die etwa nichts? Du bist wirklich unverschämt! Das Essen gehört den Herrschaften, es steht uns zu — warum tut es dir leid? Du hast die Eier ja nicht selbst gelegt, und trotzdem fürchtest du, dass jemand sie isst!"

Frau Liu warf hastig ihre Arbeit hin, kam herüber und sagte: „Halt dein ungewaschenes Maul! Deine Mutter hat die Eier gelegt! Die paar verbliebenen hier sind für die Beilagen zu den Speisen reserviert. Selbst wenn die Fräulein sie nicht verlangen, mag ich sie nicht einmal als Gericht zubereiten — sie sind für Notfälle aufgehoben. Wenn ihr sie aufesst und dann plötzlich welche verlangt werden, gibt es nichts Ordentliches mehr, nicht einmal mehr Eier. Ihr lebt in euren tiefen Gemächern und großen Häusern, streckt die Hand aus, wenn Wasser kommt, und öffnet den Mund, wenn das Essen da ist — ihr wisst nur, dass Eier gewöhnliche Dinge sind, aber von den Marktpreisen draußen habt ihr keine Ahnung. Das ist noch gar nichts — es gab Jahre, da waren nicht einmal mehr Graswurzeln zu haben. Ich sage ihnen: feiner Reis und weißer Reis, jeden Tag fette Hühner und große Enten — da könnten sie doch zufrieden sein! Wenn sie davon genug haben, fangen sie jeden Tag neue Geschichten an: Eier, Tofu, dann noch Weizengluten, eingemachte Rettichschnitzel — allesamt wollen sie den Geschmack abwechseln. Nur bin ich doch nicht euer Dienstmädchen; jedes Gemach verlangt etwas anderes, das sind schon zehn verschiedene Dinge. Dann bräuchte ich mich gar nicht mehr um die eigentlichen Herrschaften zu kümmern und könnte ausschließlich euch Dienerinnen zweiten Ranges versorgen!"

Lotusblümchen hörte das und errötete, rief: „Wer verlangt denn jeden Tag etwas von dir? Du hältst zwei Wagenladungen Reden! Wenn man dich herbeiruft, dann doch nicht, um dich zu schikanieren, sondern der Bequemlichkeit wegen! Neulich kam Xiaoyan und sagte, Schwester Heitermuster [晴雯] möchte Beifuß-Sprossen essen. Da warst du ganz eifrig und fragtest noch, ob sie die mit Fleisch oder Huhn gebraten haben wollte! Xiaoyan sagte: ‚Eben weil das Fleischige nicht gut war, bat sie dich, ihr Weizengluten zu braten, mit wenig Öl.' Da sagtest du eiligst, du seist ganz verwirrt, wuschest schnell die Hände und brietest es, und wie ein wedelnder Hund trugst du es persönlich hin. Heute aber benutzt du mich als Sündenbock und erzählst das vor allen Leuten!" Frau Liu sagte hastig: „Amitabha! Alle hier können das bezeugen. Nicht nur jenes eine Mal — seit vorletztem Jahr, als ich die Küche übernahm, hat jedes Mal, wenn in irgendeinem Gemach ein Fräulein oder eine Zofe zusätzlich ein halbes Gericht verlangte, immer zuerst jemand Geld gebracht, und ich habe eigens dafür eingekauft. Ohne jeden Grund heißt es, ich hätte es in der Fräulein-Küche bequem und es bliebe etwas übrig — aber wenn man nachrechnet, wird einem ganz übel: Für alle Fräulein und Zofen, vierzig bis fünfzig Personen zusammen, bekomme ich am Tag nur zwei Hühner, zwei Enten, etwa zehn Pfund Fleisch und für einen Faden Kupferstücke Gemüse. Rechnet selbst — wofür reicht das? Nicht einmal die zwei regulären Mahlzeiten lassen sich davon bestreiten, geschweige denn, dass die eine dies bestellt und die andere jenes, und was gekauft wurde, essen sie nicht und wollen etwas anderes. Wenn es schon so ist, dann soll man doch der Gnädigen Frau berichten, den Etat erhöhen, und so wie in der Großen Küche für die Alte Herrin alles vorhandene Gemüse auf Holztafeln aufschreiben und jeden Tag der Reihe nach durchessen; am Monatsende wird dann abgerechnet — das wäre besser. Sogar neulich, als das Dritte Fräulein und Fräulein Bao zufällig vereinbarten, einmal mit Öl und Salz gebratene Goji-Sprossen essen zu wollen, schickten sie gleich ein Mädchen mit fünfhundert Kupferstücken zu mir. Da musste ich lachen und sagte: ‚Selbst wenn die beiden Fräulein ein dickbäuchiger Maitreya-Buddha wären, könnten sie nicht für fünfhundert Kupferstücke davon essen. Für diese zwanzig, dreißig Kupferstücke kann ich schon aufkommen.' Eilig brachte ich das Geld zurück, aber sie nahmen es nicht an und sagten, ich solle mir davon Wein kaufen. Dann sagten sie noch: ‚Jetzt, wo die Küche hier im Inneren ist, lässt es sich nicht vermeiden, dass die Leute vom Haus kommen und bald Salz, bald Soße holen — alles kostet ja Geld. Wenn du es ihnen nicht gibst, ist es schlecht; gibst du es, kannst du es nicht ersetzen. Nimm dies Geld als Ausgleich für die Sachen, die sie dir gewöhnlich abzapfen.' Das sind wahrhaft verständige und rücksichtsvolle Fräulein — wir können in unserem Herzen nur ein Gebet für sie sprechen! Ohne Grund hat es die Konkubine Zhao dann gehört und war unzufrieden, sagte, ich hätte es zu gut; keine zehn Tage vergehen, ohne dass sie auch ein Dienstmädchen schickt, das bald dies, bald jenes verlangt — da muss ich wirklich lachen. Ihr macht es schon zur Gewohnheit: Wenn es nicht das eine ist, ist es das andere — wo soll ich das alles herholen?"

Mitten in dem Durcheinander schickte Schachspielerin erneut jemanden, um Lotusblümchen anzutreiben, und ließ sagen: „Bist du dort gestorben? Warum kommst du nicht zurück?" Lotusblümchen kehrte aufgebracht zurück und fügte noch eine lange Geschichte hinzu, die sie Schachspielerin erzählte. Als Schachspielerin hörte, stieg ihr unweigerlich der Zorn zu Kopf. Gerade hatte sie Willkommensfrühlings Mahlzeit beendet und kam nun mit den kleinen Mädchen herbei. Dort saßen viele Leute beim Essen; als sie Schachspielerins drohende Haltung sahen, sprangen alle auf, machten lächelnd Platz und boten ihr einen Sitz an. Schachspielerin aber befahl den kleinen Mädchen, zuzugreifen: „Werft sämtliche Speisen aus den Schränken und Kisten heraus, füttert sie den Hunden — dann hat niemand etwas davon!" Die kleinen Mädchen waren geradezu begierig darauf; mit fliegenden Händen stürzten sie sich darauf und warfen alles wild durcheinander. Die Leute hielten sie teils zurück, teils flehten sie Schachspielerin an: „Fräulein, hört nicht auf das Gerede der Kinder. Selbst wenn Schwägerin Liu acht Köpfe hätte, würde sie es nicht wagen, Euch zu beleidigen. Dass die Eier schwer zu bekommen sind, stimmt wirklich. Wir haben ihr auch gerade gesagt, sie solle vernünftig sein — was immer es sei, man müsse eben einen Weg finden. Sie hat es eingesehen und hat sofort welche aufgesetzt. Wenn das Fräulein es nicht glaubt, seht nur dort auf dem Herd."

Nachdem alle gute Worte eingelegt hatten, legte sich Schachspielerins Zorn allmählich. Die kleinen Mädchen hatten noch nicht alles zertrümmert, also ließ man sie aufhören. Schachspielerin schimpfte und tobte noch eine Weile, wurde dann aber von allen beruhigt und ging. Frau Liu konnte nur Schüsseln und Teller hinwerfen, vor sich hin schimpfen und dann eine Schale gedünstete Eier zubereiten und hinüberschicken lassen. Schachspielerin schüttete sie vollständig auf den Boden. Die Person, die sie gebracht hatte, wagte es nicht zu berichten, aus Furcht, erneut Ärger zu verursachen.

Frau Liu gab ihrer Tochter zu trinken — etwas Suppe, eine halbe Schale Congee — und erzählte ihr dann auch die Sache mit dem Porlingsschnee. Fünfchen hörte es und beschloss sofort, etwas davon Duftblümchen zu schenken. Sie wickelte also die Hälfte in Papier ein und machte sich in der Abenddämmerung, als wenige Leute unterwegs waren, zwischen Blumen und Weiden verborgen auf den Weg, um Duftblümchen zu suchen. Zu ihrem Glück fragte niemand sie aus. Sie ging geradewegs bis vor das Tor des Yihongyuan [4], wagte aber nicht einzutreten und stand nur vor einem Rosenstrauch, von ferne hinüberschauend. Nachdem sie dort eine Teezeit lang gewartet hatte, kam gerade Xiaoyan heraus. Fünfchen eilte ihr entgegen und rief sie an. Xiaoyan wusste nicht, wer es war; erst als sie näher kam, erkannte sie sie und fragte, was sie wolle. Fünfchen lachte: „Ruf mir Duftblümchen heraus, ich möchte mit ihr sprechen." Xiaoyan flüsterte lachend: „Schwester, du bist zu ungeduldig! In zehn Tagen oder so kommst du ohnehin her — warum musst du sie unbedingt suchen? Gerade eben hat man sie nach vorne geschickt. Warte noch ein wenig auf sie. Wenn du etwas zu sagen hast, dann sage es mir, ich richte es ihr aus. Ich fürchte, du kannst nicht so lange warten; bald wird das Gartentor geschlossen." Fünfchen gab Xiaoyan den Porlingsschnee und erklärte ihr, dies sei Porlingsschnee, wie man sie einnehme, wie stärkend sie wirke: „Ich habe davon etwas bekommen und möchte es ihr schenken. Bitte richte es ihr aus und gib es ihr." Damit verabschiedete sie sich und ging zurück.

Als sie gerade die Gegend um den Liaoxu-Teich entlangging, kam ihr plötzlich Frau Lin Zhixiao mit einigen alten Dienerinnen entgegen. Fünfchen konnte sich nicht mehr verbergen und musste sie begrüßen. Frau Lin Zhixiao fragte: „Ich hörte, du warst krank — wie kommst du hierher?" Fünfchen lächelte höflich: „Weil es mir die letzten zwei Tage besser ging, bin ich mit meiner Mutter hereingekommen, um mich ein wenig zu zerstreuen. Gerade hat mich meine Mutter zum Yihongyuan geschickt, um Küchengerät abzuliefern." Frau Lin Zhixiao sagte: „Das stimmt nicht. Eben habe ich gesehen, wie deine Mutter hinausging, und da habe ich erst das Tor geschlossen. Wenn deine Mutter dich geschickt hätte, warum hat sie mir dann nicht gesagt, dass du noch hier bist? Sie ist einfach hinausgegangen und hat mich das Tor schließen lassen — was hat sie sich dabei gedacht? Es ist klar, dass du lügst." Fünfchen wusste darauf nichts zu antworten und sagte nur: „Eigentlich hat meine Mutter mir schon am Morgen gesagt, ich solle die Sachen holen; ich habe es vergessen und erst jetzt daran gedacht. Vermutlich hat meine Mutter irrtümlich gedacht, ich sei schon vorher hinausgegangen, und darum der Frau Hauswirtin nichts gesagt."

Frau Lin Zhixiao hörte ihre stockenden Worte und sah ihren verlegenen Ausdruck. Da zudem in den letzten Tagen Yuchuan'er gemeldet hatte, dass im Hauptgebäude drüben Gegenstände abhanden gekommen seien und mehrere Mädchen sich gegenseitig beschuldigten, ohne dass sich die Schuldige fand, wurde sie sofort argwöhnisch. Gerade kamen Xiaochan, Lotusblümchen und einige Frauen herbei. Als sie die Szene sahen, sagten sie: „Frau Lin sollte sie einmal verhören. Die letzten Tage rennt sie ständig hier herum — ganz verdächtig, heimlich und verstohlen, wer weiß, was sie treibt." Xiaochan fügte hinzu: „Genau! Gestern sagte Schwester Yuchuan, dass in der Gnädigen Frau Seitenraum der Schrank geöffnet worden sei und allerlei Kleinigkeiten fehlten. Und als die Zweite Herrin Lian Friedchen und Schwester Yuchuan losschickte, um etwas Rosenwasser zu holen, fehlte auch ein Krug davon. Hätte man nicht nach dem Rosenwasser gesucht, wäre es gar nicht aufgefallen." Lotusblümchen lachte: „Von dem habe ich zwar nichts gehört, aber heute habe ich tatsächlich eine Flasche für Rosenwasser gesehen." Frau Lin Zhixiao, die ohnehin wegen dieser ungeklärten Sachen beunruhigt war — jeden Tag trieb Phönixglanz [王熙凤] sie durch Friedchen an —, fragte beim Hören dieser Worte hastig, wo sie die Flasche gesehen habe. Lotusblümchen sagte: „In deren Küche." Frau Lin Zhixiao befahl sofort, Laternen anzuzünden, und ging mit allen los, um die Küche zu durchsuchen. Fünfchen sagte verzweifelt: „Das war ursprünglich ein Geschenk von Duftblümchen aus dem Zimmer des Zweiten Jungen Herrn Bao!" Frau Lin Zhixiao erwiderte: „Ob es nun von einer ‚eckigen' oder ‚runden Beamtin' ist — es gibt ein Beweisstück; ich werde es nur melden, und dann könnt ihr euch vor eurer Herrschaft verantworten." Damit betraten sie die Küche. Lotusblümchen führte sie zur Flasche mit dem Rosenwasser. Aus Furcht, es könnte noch mehr Gestohlenes geben, durchsuchten sie alles gründlich und fanden noch ein Päckchen Porlingsschnee. Sie nahmen alles mit, führten Fünfchen ab und gingen, um Seidenweiß Pflaume [李纨] und Erkundefrühling [探春] Bericht zu erstatten.

Zu jener Zeit war Seidenweiß Pflaume gerade deshalb untätig, weil ihr Sohn Lan'ge erkrankt war, und befahl nur, zu Erkundefrühling zu gehen. Erkundefrühling war bereits in ihre Gemächer zurückgekehrt. Man meldete sich an; die Zofen waren alle im Hof und kühlten sich ab; Erkundefrühling war drinnen bei der abendlichen Toilette, und nur Daishu ging hinein, um Bericht zu erstatten. Nach einer Weile kam sie heraus und sagte: „Das Fräulein hat es zur Kenntnis genommen und lässt euch sagen, ihr sollt Friedchen suchen und es der Zweiten Herrin melden." Frau Lin Zhixiao hatte keine andere Wahl und brachte die Sache dorthin. Bei Phönixglanz angekommen, suchte sie zuerst Friedchen auf. Friedchen ging hinein und berichtete Phönixglanz [熙凤]. Phönixglanz hatte sich gerade schlafen gelegt. Als sie von der Sache hörte, ordnete sie an: „Gebt der Mutter vierzig Stockschläge und jagt sie hinaus; sie darf nie wieder den Inneren Hof betreten. Gebt Fünfchen vierzig Stockschläge und übergebt sie sofort dem Landgut — ob man sie verkauft oder verheiratet, ist einerlei." Friedchen hörte es, kam heraus und gab Frau Lin Zhixiao die Anweisungen entsprechend weiter. Fünfchen war so verängstigt, dass sie schluchzend vor Friedchen niederkniete und ihr die ganze Geschichte mit Duftblümchen erzählte. Friedchen sagte: „Das ist nicht schwer — morgen braucht man nur Duftblümchen zu fragen, dann stellt sich heraus, ob es wahr ist oder nicht. Aber der Porlingsschnee wurde erst neulich als Geschenk gebracht, und man wartete noch auf die Rückkehr der Alten Herrin und der Gnädigen Frau, um ihn ihnen vorzulegen, bevor man ihn anrühren durfte — den hätte man nicht stehlen sollen." Als Fünfchen das hörte, erzählte sie eilig auch die Geschichte, dass ihr Onkel ihn ihr geschickt hatte. Friedchen hörte das und lachte: „Wenn das so ist, bist du ja vollkommen unschuldig und wirst nur als Sündenbock benutzt. Jetzt ist es spät, die Herrin hat gerade ihre Medizin genommen und sich hingelegt; ich möchte sie wegen dieser Kleinigkeit nicht belästigen. Für heute soll sie der Nachtwache übergeben und über Nacht bewacht werden; morgen berichte ich der Herrin und man wird weitersehen." Frau Lin Zhixiao wagte nicht zu widersprechen und übergab Fünfchen den Nachtwächterinnen zur Bewachung; dann ging sie davon.

Fünfchen, nun unter Hausarrest gestellt, wagte keinen Schritt zu tun. Einige der Frauen rieten ihr zwar gutmütig, sie hätte solch unschickliche Dinge nicht tun sollen; andere schimpften: „Schon die reguläre Nachtwache ist schwer genug — und nun hat man uns auch noch eine Diebin zur Bewachung gebracht! Wenn sie sich, ohne dass wir es sehen, erhängt oder davonläuft, sind wir schuld." Dazu kamen etliche Leute, die seit langem mit Frau Lius Familie verfeindet waren und dies nun genüsslich auskosteten, um sie zu verhöhnen und zu verspotten. Fünfchen fühlte in ihrem Herzen Zorn und Unrecht zugleich und hatte nirgends, wohin sie sich wenden konnte. Ohnehin schüchtern und kränklich, verbrachte sie diese Nacht ohne Tee, ohne Wasser, ohne Bettzeug und Kissen, leise schluchzend bis zum Morgen.

Jene Leute aber, die sich mit Mutter und Tochter nicht vertrugen, konnten es kaum erwarten, dass man sie vertrieb; aus Furcht, am nächsten Tag könnte sich die Lage ändern, standen sie alle frühzeitig auf und gingen heimlich zu Friedchen, um sie zu beeinflussen. Teils schenkten sie ihr etwas, teils schmeichelten sie ihr, wie entschieden und tüchtig sie die Dinge handhabe, und teils erzählten sie ausgiebig von den vielen Vergehen der Mutter im Alltag. Friedchen bejahte alles der Reihe nach und schickte sie weg. Dann ging sie leise zu Dufthauch [袭人] und fragte sie, ob es denn wirklich stimme, dass Duftblümchen Fünfchen das Rosenwasser gegeben habe. Dufthauch sagte: „Das Rosenwasser hat Schatzjade tatsächlich Duftblümchen gegeben; an wen Duftblümchen es weitergegeben hat, weiß ich allerdings nicht." Dufthauch fragte daraufhin Duftblümchen. Als Duftblümchen das hörte, geriet sie in helle Aufregung und bestätigte eilig, dass sie es selbst geschenkt habe. Duftblümchen erzählte es sogleich auch Schatzjade. Schatzjade erschrak ebenfalls und sagte: „Mit dem Rosenwasser ist es zwar geklärt, aber wenn die Sache mit dem Porlingsschnee aufgerollt wird, wird sie natürlich auch wahrheitsgemäß aussagen. Wenn man dann erfährt, dass sie es von ihrem Onkel bekommen hat, gerät dieser auch in Schwierigkeiten — und das gute Geschenk eines anderen hat ihnen nur Unglück gebracht." Eilig beratschlagte er mit Friedchen: „Die Sache mit dem Rosenwasser ist erledigt, aber auch beim Porlingsschnee gibt es ein Problem. Liebe Schwester, lass sie doch sagen, der sei ebenfalls ein Geschenk von Duftblümchen — dann wäre alles erledigt." Friedchen lachte: „Das mag ja sein, aber gestern Abend hat sie bereits vor den Leuten gesagt, er sei von ihrem Onkel. Wie kann sie nun plötzlich sagen, du hättest ihn gegeben? Außerdem ist auch beim Rosenwasser drüben noch keine Schuldige gefunden. Wenn man nun die Ertappte mit dem Beweis freilässt, wen soll man dann suchen? Wer würde es noch zugeben? Die Leute wären auch nicht zufrieden." Da kam Heitermuster herein und sagte lachend: „Bei dem Rosenwasser der Gnädigen Frau kommt niemand anderes in Frage — es war ganz offensichtlich Caiyun, die es für Huan'ge gestohlen hat. Redet nicht so wild durcheinander!" Friedchen lachte: „Wer wüsste das nicht! Aber als Yuchuan'er sich weinend an sie wandte und sie leise fragte, und jene es zugab, war Yuchuan'er zufrieden, und alle ließen es auf sich beruhen. Wir werden doch nicht freiwillig diese Sache an uns reißen! Das Ärgerliche ist, dass Caiyun es nicht nur nicht zugibt, sondern Yuchuan'er sogar beschuldigt, sie habe es gestohlen. Die beiden liefern sich einen Schlagabtausch, und das ganze Haus weiß davon — wie sollen wir da unbeteiligt bleiben? Natürlich muss nachgeforscht werden. Aber bekanntlich: ‚Wer den Diebstahl meldet, ist selbst der Dieb' — und ohne Beweis, wie soll man sie überführen?" Schatzjade sagte: „Nun gut, diese Sache nehme ich auch auf mich. Ich sage einfach, ich hätte sie erschrecken wollen und heimlich etwas von der Gnädigen Frau entwendet. Dann sind beide Angelegenheiten erledigt." Dufthauch sagte: „Das wäre allerdings ein gutes Werk — jemandes Diebesruf zu tilgen. Nur: Wenn die Gnädige Frau davon hört, wird sie wieder sagen, du seist kindisch und wüsstest nicht, was sich gehört." Friedchen lachte: „Das ist noch ein kleines Problem. Selbst wenn man jetzt bei Konkubine Zhao das Diebesgut beschlagnahmte — das wäre zwar leicht —, fürchte ich doch, dass es eine anständige Person in ihrem Ansehen verletzen würde. Von allen anderen ganz abgesehen: Diese eine Person — würde sie sich nicht darüber ärgern? Mir tut sie leid; ich möchte nicht ‚beim Rattenfang die Jadevase beschädigen'." Dabei streckte sie drei Finger aus. Dufthauch und die anderen verstanden sofort, dass sie von Erkundefrühling sprach. Alle sagten eilig: „Ja, genau so ist es. Am besten nehmen wir es hier auf uns." Friedchen lachte wieder: „Allerdings müssen wir erst diese beiden Übeltäterinnen Caiyun und Yuchuan'er herbeirufen und sie genau befragen, bevor es geht. Sonst glauben sie, sie seien davongekommen — und nicht, weil ich es um ihretwillen so gelöst habe, sondern weil ich die Sache nicht aufklären konnte und es von hier aus regeln musste. Dann werden sie künftig nur noch dreister stehlen und sich nicht mehr darum scheren." Dufthauch und die anderen lachten: „Ganz recht, du musst dir auch ein Hintertürchen offenhalten."

Friedchen ließ die beiden holen und sagte: „Keine Angst, die Diebin ist gefunden." Yuchuan'er fragte sofort, wo die Diebin sei. Friedchen sagte: „Sie ist gerade im Zimmer der Zweiten Herrin; fragt sie, und sie gesteht alles. Ich weiß in meinem Herzen, dass nicht sie es gestohlen hat; das arme Ding hat vor lauter Angst alles zugegeben. Der Zweite Junge Herr Bao hier hat Mitleid mit ihr und will die Hälfte auf sich nehmen. Ich wollte die Wahrheit sagen, aber die Diebin ist im Alltag eine Schwester, die mir nahesteht; die Hehlerin ist eine gewöhnliche Person; und drittens wäre eine anständige Person in ihrem Ansehen betroffen. Darum bin ich in einer Zwickmühle und muss den Zweiten Jungen Herrn bitten, es zu übernehmen, damit alle in Frieden sind. Nun frage ich euch beide: Wie wollt ihr es halten? Wenn ihr von jetzt an alle aufpasst und den Anstand wahrt, dann bitte ich den Zweiten Jungen Herrn, es auf sich zu nehmen. Andernfalls berichte ich der Zweiten Herrin — dann soll keine Unschuldige leiden." Caiyun hörte das, und ihr stieg die Röte ins Gesicht; ein Gefühl der Scham erfasste sie, und sie sagte: „Schwester, sei unbesorgt. Keine Unschuldige soll leiden, und kein Unbeteiligter soll in seinem Ansehen beschädigt werden. Den Diebstahl hat Konkubine Zhao wieder und wieder auf mich eingeredet; ich habe einiges für Huan'ge genommen — das ist wahr. Selbst wenn die Gnädige Frau zu Hause war, haben wir immer wieder etwas herausgenommen und an Leute verschenkt, das war nichts Ungewöhnliches. Ich dachte, nach ein paar Tagen Aufregung wäre es vorbei. Aber nun, da eine Unschuldige beschuldigt wird, kann ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Schwester, führe mich zur Herrin; ich gestehe alles." Alle waren erstaunt, dass sie so aufrichtig und mutig war. Schatzjade sagte eilig lachend: „Schwester Caiyun ist wahrhaftig ein rechtschaffener Mensch! Aber du brauchst nichts zuzugeben; ich sage einfach, ich hätte heimlich etwas der Gnädigen Frau entwendet, um euch zu erschrecken und mich zu amüsieren. Nun, da es Ärger gegeben hat, muss ich es natürlich eingestehen. Ich bitte nur die Schwestern, künftig etwas zurückhaltender zu sein, dann ist allen geholfen." Caiyun sagte: „Was ich getan habe — warum sollst du dafür geradestehen? Ob es mich den Kopf kostet oder nicht, ich muss die Folgen tragen." Friedchen und Dufthauch sagten eilig: „So geht es nicht. Wenn du es zugibst, wird unweigerlich auch die Konkubine Zhao hineingezogen. Wenn dann das Dritte Fräulein davon erfährt, wie wird sie sich ärgern! Am besten nimmt der Zweite Junge Herr es auf sich; dann ist alles friedlich. Außerdem erfährt außer uns wenigen niemand davon — wie sauber! Nur müsst ihr in Zukunft alle vorsichtig sein. Wenn ihr etwas nehmen wollt, wartet wenigstens, bis die Gnädige Frau zurück ist — selbst wenn ihr dann das ganze Haus herschenkt, haben wir nichts damit zu schaffen." Caiyun senkte den Kopf, dachte einen Moment nach und stimmte schließlich zu.

So berieten sie alles miteinander. Friedchen nahm die beiden und Duftblümchen mit und ging zum Vorderhaus, holte aus der Wachstube Fünfchen und unterwies sie leise, auch bei dem Porlingsschnee zu sagen, er sei ein Geschenk Duftblümchens. Fünfchen war unendlich dankbar. Friedchen nahm sie alle mit in ihre eigene Abteilung, wo Frau Lin Zhixiao bereits mit mehreren Frauen wartete und Frau Liu in Gewahrsam hatte. Frau Lin Zhixiao sagte noch zu Friedchen: „Heute Morgen habe ich sie hierhergebracht, und damit im Garten niemand fehlt, der den Fräulein das Essen bereitet, habe ich vorläufig die Frau des Qin Xian dorthin geschickt. Bitte berichtet es der Herrin — sie ist wirklich sauber und gewissenhaft; man könnte sie von nun an dauerhaft dort einsetzen." Friedchen fragte: „Wer ist die Frau des Qin Xian? Ich kenne sie nicht gut." Frau Lin Zhixiao sagte: „Sie hat Nachtdienst in der Südecke des Gartens; tagsüber hat sie nichts zu tun, darum kennt das Fräulein sie nicht so gut. Hohe Wangenknochen, große Augen, sehr sauber und ordentlich." Yuchuan'er sagte: „Richtig! Schwester, erinnerst du dich nicht? Sie ist die Tante von Schachspielerin, der Zofe des Zweiten Fräuleins. Schachspielerins Eltern gehören zwar zum Haushalt des Ersten Herrn, aber ihr Onkel gehört zu unserem Haushalt." Friedchen hörte das und erinnerte sich. Sie lachte: „Oh, hättest du gleich gesagt, dass sie es ist, hätte ich es sofort gewusst." Dann lachte sie: „Da seid ihr ja etwas vorschnell gewesen! Inzwischen ist die Sache von allen Seiten aufgeklärt, und auch bei dem, was neulich im Zimmer der Gnädigen Frau fehlte, ist die Schuldige gefunden. Als Schatzjade neulich herüberkam und von diesen beiden Unholdinnen etwas verlangte, neckten die ihn und sagten, wenn die Gnädige Frau nicht da sei, wagten sie nicht, etwas herauszugeben. Da hat Schatzjade, als die beiden nicht aufpassten, heimlich etwas herausgenommen. Die beiden wussten es nicht und erschraken ganz furchtbar. Nun, da Schatzjade gehört hat, dass andere in Schwierigkeiten geraten sind, hat er mir alles genau erzählt und mir die Sachen gezeigt — nicht ein einziges Stück fehlte. Der Porlingsschnee hat Schatzjade von draußen bekommen und schon vielen Leuten geschenkt — nicht nur die Leute im Garten haben davon, auch die älteren Dienerinnen haben sich welchen erbeten und ihn ihren Verwandten mitgebracht, und die verschenkten ihn weiter. Dass Dufthauch ihn Duftblümchen und deren Freundinnen gegeben hat — das sind private Freundlichkeiten, die unter ihnen üblich sind. Vor ein paar Tagen standen die zwei Körbe noch oben in der Beratungshalle, ordentlich verpackt und unberührt — wie kann man da aufs Geratewohl Leute beschuldigen! Wartet, bis ich es der Herrin berichtet habe." Damit ging sie ins Schlafgemach und erzählte Phönixglanz die ganze Geschichte genau so, wie sie es vorbereitet hatte.

Phönixglanz sagte: „Das mag alles stimmen, aber Schatzjade ist einer, der ungeachtet aller Umstände gern Dinge auf sich nimmt. Kaum bitten ihn andere, und er hört zwei freundliche Worte, lässt er sich schon alles aufsetzen — was gäbe es, das er nicht zugeben würde. Wenn wir ihm glauben, wird er künftig auch bei ernsten Angelegenheiten so handeln — wie soll man dann die Leute in Ordnung halten? Man muss noch gründlich nachforschen. Nach meinem Sinn: Holt alle Zofen der Gnädigen Frau her, und wenn man sie auch nicht ohne Weiteres schlagen darf, so lasst sie auf Porzellanscherben knien in der prallen Sonne; gebt ihnen weder Tee noch Essen. Wer an einem Tag nicht gesteht, kniet einen Tag — selbst Eiserne würden dann eingestehen. Und wie man so sagt: ‚Fliegen setzen sich nicht auf Eier ohne Riss.' Auch wenn diese Frau Liu nicht gestohlen hat, muss irgendetwas daran gewesen sein, sonst hätten die Leute nicht von ihr gesprochen. Wenn man sie auch nicht wie eine Diebin bestraft, so soll man sie doch entlassen. Selbst bei Hofe gibt es Fälle, wo Unschuldige mitgehangen werden — so große Ungerechtigkeit ist das auch nicht." Friedchen sagte: „Wozu sich so den Kopf zerbrechen! ‚Wenn es Zeit ist loszulassen, dann lass los' — was kann schon Schlimmes dabei sein, ein wenig Gnade walten zu lassen? Wenn ich es recht bedenke: Wie viel Mühe wir uns auch in diesem Haus geben, am Ende gehen wir ja in jenes Haus drüben. Unnötig, sich die Feindschaft der kleinen Leute zuzuziehen und Groll zu ernten. Zudem hast du selbst allerlei Unglück erlitten — mit Müh und Not warst du schwanger geworden, und im sechsten, siebten Monat hast du es verloren. Wer weiß, ob das nicht von der täglichen Überarbeitung und dem Ärger kam, der dich innerlich verletzt hat. Von jetzt an wäre es doch gut, manches zu sehen und manches zu übersehen und es dabei zu belassen." Diese Worte brachten Phönixglanz zum Lachen. Sie sagte: „Du kleines Biest, mach du es, wie du willst! Mir geht es gerade etwas besser, ich will mich nicht aufregen." Friedchen lachte: „Das ist erst vernünftig!" Damit ging sie hinaus und erledigte alles der Reihe nach.

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. Frau Liu, die Köchin in der Gartenküche, Mutter von Fünfchen
  2. Fuling 茯苓, lat. Poria cocos, ein wertvolles Tonikum der traditionellen chinesischen Medizin
  3. Chin. 司棋 Sīqí. 司 sī „verwalten“; 棋 qí „Schach“. Willkommensfrühlings Kammerzofe.
  4. Hof der Versammelten Pracht, Schatzjades Wohnsitz im Großen Garten