Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 65"

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Kapitel 65
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Kette Kaufmann [贾琏] heiratet heimlich die Zweitschwester Sonders
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_62|<span style="color: #FFD700;">62</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_63|<span style="color: #FFD700;">63</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_64|<span style="color: #FFD700;">64</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">65</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_66|<span style="color: #FFD700;">66</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_67|<span style="color: #FFD700;">67</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_68|<span style="color: #FFD700;">68</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_69|<span style="color: #FFD700;">69</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_70|<span style="color: #FFD700;">70</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Drittschwester Sonders bringt die Kaufmann-Brüder mit scharfer Zunge zum Schweigen
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Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und Hibiskus Kaufmann [贾蓉] alles im Einzelnen besprochen hatten und jede Vorkehrung getroffen war. Am zweiten des Monats brachte man zunächst die alte Dame Sonders und die Dritte Schwester ins neue Haus. Als die Alte es sah, war es zwar nicht so prächtig, wie Herrlichkeit Kaufmann es ihr versprochen hatte, doch es war durchaus angemessen ausgestattet, und Mutter und Tochter waren zufrieden. Bao Er und seine Frau empfingen sie voller Eifer wie ein loderndes Feuer: Er nannte die alte Dame Sonders unaufhörlich „Mama" oder „Alte Dame" und die Dritte Schwester „Dritte Tante" oder „Frau Tante". Am nächsten Tag, in der fünften Nachtwache, brachte man die Zweite Schwester in einer schlichten Sänfte herbei. Räucherstäbchen, Kerzen, Papierpferde, Bettzeug, Wein und Speisen — alles war aufs Sorgfältigste vorbereitet worden. Kurz darauf kam Kette Kaufmann in schlichter Kleidung in einer kleinen Sänfte, verbeugte sich vor Himmel und Erde und verbrannte die Papierpferde. Die alte Dame Sonders sah die Zweite Schwester von Kopf bis Fuß strahlend neu gekleidet, ganz anders als zu Hause, und war hochzufrieden. Man führte die Braut ins Hochzeitsgemach. In jener Nacht genossen Kette Kaufmann und sie die Freuden der Ehe in vollkommenem Glück — was nicht im Einzelnen beschrieben werden muss.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_65|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_65|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 65 =
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Kette Kaufmann fand die Zweite Schwester, je länger er sie ansah, umso schöner und entzückender. Er wusste gar nicht, wie er sie genug verwöhnen sollte. Er wies Bao Er und die anderen an, niemals von einer „Ersten" oder „Zweiten" zu sprechen, sondern sie stets als „Herrin" zu bezeichnen — und er selbst nannte sie ebenfalls so und tat, als existiere Phönixglanz [熙凤] gar nicht mehr. Wenn er nach Hause ging, sagte er nur, im Östlichen Palais gebe es Geschäfte zu regeln. Phönixglanz und ihre Leute wussten, dass er mit Herrlichkeit Kaufmann eng vertraut war, und hielten es für selbstverständlich, dass es Dinge zu besprechen gab — sie schöpften keinen Verdacht. Obwohl die Dienerschaft zahlreich war, kümmerte sich niemand um solche Dinge. Selbst jene Müßiggänger, die sich auf das Ausspionieren von Klatsch spezialisierten, schmeichelten sich lieber bei Kette Kaufmann ein und nutzten die Gelegenheit, sich ein paar Vorteile zu verschaffen — keiner wollte etwas verraten. Kette Kaufmann war Herrlichkeit Kaufmann daher unsäglich dankbar. Er gab monatlich fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt aus. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt; wenn er kam, aßen er und seine Frau zusammen, während Mutter und Schwestern sich in ihre Zimmer zurückzogen. Kette Kaufmann brachte auch alle seine über die Jahre angesammelten privaten Ersparnisse und übergab sie der Zweiten Schwester zur Aufbewahrung. Er erzählte ihr auch am Bett ausführlich von Phönixglanzs Charakter und Gebaren und sagte, sobald jene tot sei, werde er sie ins Haus holen. Die Zweite Schwester hörte das und war natürlich einverstanden. So führten die etwa zehn Personen ein recht behagliches und wohlhabendes Leben.
== 賈二舍偷娶尤二姐 / 尤三姐思嫁柳二郎 ==
 
=== Der zweite junge Herr Jia heiratet heimlich die zweite Tante You; Die dritte Schwester You will den zweiten jungen Herrn Liu heiraten ===
 
  
serm ältesten Fräulein ist nicht viel zu sagen. Wenn sie nicht ihre Vorzüge besäße, hätte sie auch nicht so großes Glück erfahren. Das zweite Fräulein heißt mit Spitznamen die Holzpuppe, denn sie würde nicht einmal au! sagen, wenn man sie pikte. Das dritte Fräulein wird die Rose genannt...“
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Im Nu waren zwei Monate vergangen. An diesem Tag hatte Herrlichkeit Kaufmann im Eiserne-Schwelle-Kloster eine buddhistische Zeremonie abgeschlossen und wollte am Abend auf dem Heimweg, weil er seine Schwägerinnen schon so lange nicht gesehen hatte, ihnen einen Besuch abstatten. Er schickte zunächst einen Burschen los, um zu erkunden, ob Kette Kaufmann da sei. Der Bursche kam zurück und sagte nein. Herrlichkeit Kaufmann freute sich, schickte alle Begleiter voraus und behielt nur zwei vertraute Burschen bei sich, die die Pferde führten. Zur Zeit des Lampenanzündens kam er leise ans neue Haus. Die beiden Burschen banden die Pferde im Stall an und gingen in die Dienstbotenräume, um zu warten.
Sofort fragten beide Schwestern You, was das zu bedeuten habe, und Hsing-örl erklärte: „Eine Rose ist schön und duftig, und jedermann mag sie, aber sie hat auch Stacheln, an denen man sich die Finger zersticht. Auch sie ist wunderbar begabt, aber leider hat nicht die gnädige Frau sie geboren, sie ist ein Phönix aus einem Krähennest. Unser viertes Fräulein ist noch klein. Sie ist in Wirklichkeit die leibliche Schwester des jungen Herrn Dschën, aber da sie schon im Kindesalter die Mutter verlor, mußte unsere gnädige Frau sie auf Befehl der alten gnädigen Frau zu sich nehmen und großziehen, auch sie hat mit der Haushaltsführung nichts zu tun.
 
Ihr wißt vielleicht nicht, Herrin, daß wir außer diesen vier Fräulein noch zwei weitere bei uns haben, wie sie im Himmel schwer zu finden und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter der verstorbenen Schwester unseres gnädigen Herrn und heißt mit Familiennamen Lin, ihr Rufname ist wohl Dai-yü. In ihrem Aussehen und ihrer Gestalt gibt sie der dritten Tante nichts nach, und sie strotzt nur so von Bildung. Nur hat sie auch vielerlei Krankheiten, und selbst bei solchem Wetter wie jetzt muß sie gefütterte Kleider tragen. Wenn sie hinausgeht, wirft jeder Windhauch sie um. Deshalb nennen wir sie, respektlos, wie wir sind, die kränkelnde Hsi-schï0.
 
Die andere ist die Tochter der Schwester unserer gnädigen Frau und heißt mit Familiennamen Hsüä, ihr Rufname ist Bau-tschai oder so ähnlich. Sie scheint ganz und gar aus Schnee gemacht zu sein. Jedesmal wenn die beiden durchs Tor gehen oder in den Wagen steigen und wir einen Blick von ihnen erhaschen, ist es, als hätte uns ein Spuk oder ein Zauber gebannt, und wir halten den Atem an.“ 
 
„Nach den Regeln der großen Familien müßtet ihr euch doch abseits und versteckt halten, wenn die jungen Fräulein erscheinen, auch wenn ihr schon als Kinder ins Haus gekommen seid“, hielt ihm die zweite Schwester You lächelnd vor.
 
„Das ist es nicht“, sagte Hsing-örl und winkte ab. „Den strengen Anstandsregeln nach müssen wir uns natürlich verborgen halten, das versteht sich von selbst. Aber auch dann wagen wir nicht zu atmen, weil wir Angst haben, mit unserm Atem könnten wir das Fräulein Lin umblasen oder das Fräulein Hsüä zum Schmelzen bringen.“
 
Alle, die im Zimmer waren, wollten sich darüber vor Lachen ausschütten.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
66. Ein empfindsames Mädchen betritt aus verschmähter Liebe das Reich der Toten,
 
ein gefühlskalter Jüngling entsagt nach jäher Ernüchterung der Welt des Scheins.
 
  
Lachend gab Bau Örls Frau Hsing-örl einen Klaps und sagte: „Es ist schon etwas Wahres daran, aber du dichtest so viel Unsinn dazu, daß man dir einfach nicht glauben kann. Deinem Gerede nach sollte man meinen, du gehörst nicht zum Gefolge des zweiten jungen Herrn, sondern zu Bau-yüs Leuten.“
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Herrlichkeit Kaufmann trat ein. Drinnen waren gerade die Lampen angezündet worden. Er begrüßte die alte Dame Sonders und die Töchter; dann kam die Zweite Schwester heraus, und Herrlichkeit Kaufmann nannte sie wie zuvor „Zweite Schwägerin". Man trank Tee und plauderte eine Weile. Herrlichkeit Kaufmann sagte lachend: „Wie ist der Heiratsvermittler, den ich euch besorgt habe? Wenn ihr die Gelegenheit verpasst hättet, hättet ihr selbst mit einer Laterne keinen Besseren gefunden! In ein paar Tagen wird eure Schwester Geschenke vorbereiten und euch besuchen kommen." Während sie sprachen, hatte die Zweite Schwester bereits Wein und Speisen vorbereiten lassen. Die Tür wurde geschlossen; da man unter sich war, gab es keine Förmlichkeiten. Bao Er kam, um seine Aufwartung zu machen. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Du bist ein Kerl mit Gewissen, deshalb habe ich dich hierher beordert. Künftig habe ich noch wichtige Verwendung für dich — treib dich nur nicht draußen herum und mach keinen Ärger. Ich werde dich belohnen. Wenn hier etwas fehlt — dein Zweiter Herr Lian hat viel zu tun, und dort drüben sind zu viele Leute — komm ruhig direkt zu mir. Wir Brüder sind nicht wie andere." Bao Er antwortete: „Jawohl, ich weiß Bescheid. Wenn ich nicht mit ganzem Herzen diene, lasse ich mich köpfen." Herrlichkeit Kaufmann nickte: „So will ich es hören." Man trank zu viert. Die Zweite Schwester, die die Lage verstand, lud ihre Mutter ein: „Mir ist unheimlich — Mama, komm, wir gehen drüben ein bisschen spazieren." Die alte Dame Sonders verstand ebenfalls und ging tatsächlich mit ihr hinaus. Nur die kleinen Mädchen blieben. Herrlichkeit Kaufmann rückte sofort an die Dritte Schwester heran, Schulter an Schulter, Wange an Wange, und begann sie auf jede erdenkliche Weise zu bedrängen. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und schlichen sich alle hinaus, überließen die beiden sich selbst — was sie miteinander trieben, sei hier nicht beschrieben.
Eben wollte die zweite Schwester You eine weitere Frage stellen, da kam ihr die dritte Schwester zuvor und erkundigte sich lächelnd: „Was macht eigentlich euer Bau-yü, außer zur Schule zu gehen?“
 
„Nach ihm solltet Ihr lieber nicht fragen, Frau Tante“, erwiderte Hsing-örl mit lächelnder Miene. „Denn wenn ich von ihm erzähle, werdet Ihr mir vielleicht nicht glauben. Groß, wie er ist, hat er nie einen ordentlichen Unterricht besucht. Welcher Mann in unserm Hause, vom alten Ahnherrn bis zu unserem jungen Herrn, hätte nicht zehn Jahre lang die Schulbank gedrückt?! Er aber mag nicht lernen, der Liebling der alten gnädigen Frau. Zu Anfang hat der gnädige Herr noch versucht, ihn zu bändigen, jetzt aber wagt er das nicht mehr.
 
Bau-yü gebärdet sich stets wie verrückt. Was er sagt, versteht keiner, und was er tut, weiß keiner. Alle sehen nur, daß er hübsch ist, und meinen, er müsse natürlich auch klug sein. In Wirklichkeit aber ist er äußerlich klar und innerlich trüb. Wenn er mit Leuten zusammentrifft, weiß er keinen einzigen Satz zu sagen, und sein Glück ist nur, daß er ein paar Schriftzeichen kennt, obwohl er keine Schule besucht hat. Weder treibt er literarische Studien, noch macht er militärische Übungen, und Besucher zu empfangen fürchtet er sich. Nur immer mit den Mädchen herumtollen möchte er.
 
Er hat auch kein Gefühl dafür, wo Härte angebracht ist und wo Nachgiebigkeit. Wenn er uns sieht, und er hat gute Laune, dann tobt er mit uns zusammen herum, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ist er aber nicht bei Laune, dann geht er allein seines Weges und kümmert sich um niemand. Wenn wir herumsitzen oder herumliegen und ihn nicht beachten, macht er uns keine Vorwürfe. Deshalb hat niemand Respekt vor ihm, und jeder kommt bei ihm durch, wie es ihm paßt.“
 
„So redet ihr, wenn die Herrschaft großzügig ist, wenn sie aber streng ist, beklagt ihr euch“, sagte die dritte Schwester You lächelnd. „Da sieht man, wie schwer mit euch auszukommen ist.“
 
„Er hatte uns gut gefallen, und dabei steht es so mit ihm“, bemerkte die zweite Schwester You. „Schade um so einen guten Jungen!“
 
„Glaub doch nicht, was er uns hier erzählt, Schwester!“ wandte die dritte Schwester You ein. „Wir haben ihn doch selbst schon öfter als ein- oder zweimal gesehen. Sein Benehmen, seine Ausdrucksweise und seine Eßgewohnheiten haben etwas Mädchenhaftes, aber das liegt einfach daran, daß er es aus den inneren Gemächern so gewöhnt ist. Dumm ist er nicht.
 
Erinnerst du dich, wie wir in der Trauerzeit mit ihm zusammen waren? An dem Tag, als die Mönche da waren und betend den Sarg umschritten, standen wir alle dabei, und Bau-yü hat sich vor uns gestellt. Die andern sagten, er besäße kein Anstandsgefühl und sei aufdringlich, aber hat er uns nicht später leise gesagt: ‚Ihr müßt nicht denken, ich sei aufdringlich! Ich habe mir gesagt, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch würde euch durchräuchern.‘ Als er anschließend Tee trank und du auch welchen wolltest, goß dir die Alte den Tee in seine Schale, aber er hat sofort gesagt: ‚Ich habe die Schale verschmutzt, sie muß erst ausgewaschen werden!‘
 
Diese beiden Vorfälle scheinen mir bei nüchterner Betrachtung zu zeigen, daß er mit Mädchen auf jeden Fall auskommen kann. Außenstehende können ihn eben nicht verstehen, weil er nicht den Formen entspricht, die ihnen richtig erscheinen.“
 
„Wenn man dich so hört, möchte man meinen, ihr beide harmoniert miteinander nach Gefühl und Verstand. Wäre es nicht doch gut, dich mit ihm zu verloben?“ fragte die zweite Schwester You lächelnd.
 
In Gegenwart von Hsing-örl konnte die dritte Schwester You nicht gut etwas erwidern, darum senkte sie nur den Kopf und knackte Kürbiskerne.
 
Hsing-örl dagegen sagte lächelnd: „Nach Aussehen, Betragen und Charakter würden sie ein gutes Paar abgeben, aber Bau-yü hat schon jemand, wenn es auch noch nicht bekanntgegeben ist. Ganz ohne Zweifel ist Fräulein Lin seine Zukünftige. Nur weil sie so viel krank ist und sie beide noch zu jung sind, ist es noch nicht dazu gekommen. Aber wenn in zwei, drei Jahren die alte gnädige Frau das entscheidende Wort spricht, wird es bestimmt keine Einwände geben.“
 
Während sie so miteinander plauderten, kam Lung-örl wieder zurück und berichtete: „Der Auftrag des alten gnädigen Herrn ist vertraulich und von größter Wichtigkeit. Er schickt den jungen Herrn deswegen in die Bezirksstadt Ping-an0. Schon in drei bis fünf Tagen soll er sich auf den Weg machen, und für Hin- und Rückreise wird er bestimmt einen halben Monat brauchen. Heute kann der junge Herr nicht mehr kommen. Er läßt die gnädige Frau bitten, alles mit der Frau Tante abzusprechen, damit die Angelegenheit entschieden werden kann, wenn er morgen kommt.“
 
Nach diesen Worten ging Lung-örl wieder fort und nahm auch Hsing-örl mit. Die zweite Schwester You befahl dann, das Tor zu schließen, und ging früh zu Bett. Die ganze Nacht über setzte sie ihrer jüngeren Schwester mit Fragen zu.
 
Am nächsten Tag erschien Djia Liän erst am Nachmittag, und die zweite Schwester You redete ihm zu: „Wenn du etwas Wichtiges zu tun hast, warum mußt du dann hierher kommen, obwohl du in Eile bist? Auf keinen Fall darfst du um meinetwillen deine Pflichten vernachlässigen!“
 
„Es ist ja nichts Besonderes“, erwiderte Djia Liän, „ich muß nur wieder einmal eine weite Reise machen. Sobald der neue Monat begonnen hat, breche ich auf, und einen halben Monat später kann ich erst wieder zurück sein.“
 
„Dann reite nur unbesorgt!“ riet ihm die zweite Schwester You. „Hier brauchst du dir um nichts Sorgen zu machen. Meine Schwester gehört nicht zu denen, die jeden Morgen und jeden Abend die Meinung ändern. Sie hat gesagt, sie bessert sich, also bessert sie sich auch. Und nachdem sie sich einmal jemand ausgesucht hat, brauchst du nur zuzustimmen, und alles ist in Ordnung.“
 
„Wer ist es denn nun?“ fragte Djia Liän.
 
„Er ist jetzt nicht hier, und niemand weiß, wann er zurückkommt“, sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Es ist erstaunlich, was meine Schwester für einen Blick hat! Sie sagt, wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr, und wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre. Wenn er aber tot ist und nie mehr wiederkommt, will sie sich das Haar scheren und Nonne werden, um bis ans Ende ihrer Tage Klosterkost zu essen und zu Buddha zu beten.“
 
„Wer ist es, der ihr Herz so beeindruckt hat?“ fragte Djia Liän erneut.
 
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte die zweite Schwester You. „Als unsere Großmutter vor fünf Jahren ihren Geburtstag feierte, ging unsere Mutter mit uns zusammen zu ihr, um ihr ein langes Leben zu wünschen. Die Familie unserer Großmutter hatte eine Truppe von Liebhaberschauspielern zu sich gebeten, unter denen einer war, der junge Männer spielte und Liu Hsiang-liän hieß. In ihn hat sich meine Schwester verliebt und will jetzt nur ihn heiraten und keinen andern. Aber voriges Jahr hörten wir, er habe Unannehmlichkeiten gehabt und sei geflohen. Ob er jetzt wieder zurück ist, wissen wir nicht.“
 
„Schau einer an!“ rief Djia Liän aus, „ich frage mich, was für ein Mensch das sein muß, und nun stellt sich heraus, daß er es ist! Deine Schwester hat wirklich einen guten Blick. Ihr scheint aber nicht zu wissen, daß dieser junge Herr Liu zwar ein schöner Mann ist, aber sehr kühl und reserviert. Mit Durchschnittsmenschen hat er nicht viel im Sinn, aber mit Bau-yü kommt er bestens aus. Im vergangenen Jahr hat er diesen Dummkopf Hsüä Pan verprügelt, und weil es ihm danach peinlich war, mit uns zusammenzutreffen, ist er für eine Weile irgendwohin verschwunden.
 
Später habe ich zwar von jemand gehört, er sei zurückgekommen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt oder nur erdacht ist. Wir brauchen uns nur bei Bau-yüs Knaben danach zu erkundigen, dann wissen wir es. Wenn er aber noch nicht wieder hier ist, kann es bei seiner unsteten Lebensweise leicht sein, daß er erst in einigen Jahren wieder auftaucht. Hieße das nicht, daß deine Schwester ganz umsonst wartet?“
 
„Was meine Schwester sagt, das meint sie auch so“, erwiderte die zweite Schwester You. „Halten wir uns also daran, was sie gesagt hat!“
 
Während die beiden miteinander sprachen, kam die dritte Schwester You dazu und sagte: „Sei unbesorgt, Schwager! Ich gehöre nicht zu den Leuten, deren Mund etwas anderes spricht, als das Herz empfindet. Was ich sage, das gilt. Wenn Liu kommt, dann heirate ich ihn. Von heute an werde ich fleischlose Kost essen, zu Buddha beten und meiner Mutter dienen, bis er kommt und ich ihn heiraten kann. Wenn er aber auch in hundert Jahren nicht kommt, dann will ich gehen und mich Andachtsübungen widmen.“
 
Mit diesen Worten schlug sie einen jadenen Haarpfeil in zwei Hälften und setzte hinzu: „Wenn auch nur ein einziger Satz unwahr ist, soll es mir so ergehen wie diesem Haarpfeil!“ Dann begab sie sich in ihr Zimmer, und von Stund an gab es bei ihr keine Bewegung und kein Wort mehr, die nicht den Riten entsprochen hätten.
 
Djia Liän konnte nichts weiter tun, als mit der zweiten Schwester You noch ein paar Haushaltsangelegenheiten zu besprechen, dann kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück und beriet sich mit Hsi-fëng über seine Abreise. Außerdem aber schickte er jemand zu Ming-yän, um sich nach Liu Hsiang-liän zu erkundigen, und Ming-yän sagte: „Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber wahrscheinlich ist er noch nicht wieder zurück, sonst müßte ich davon wissen.“ Auch bei Lius Nachbarn ließ Djia Liän nachfragen, aber sie sagten ebenfalls, er sei noch nicht wieder da, und so konnte Djia Liän der zweiten Schwester You nichts anderes mitteilen als dies.
 
Inzwischen kam der Termin für die Abreise immer näher, und schließlich sagte Djia Liän zwei Tage zu früh, er breche nun auf, während er sich in Wirklichkeit zunächst zur zweiten Schwester You begab, wo er noch zwei Nächte verbrachte, ehe er von hier aus die Reise in aller Stille wirklich antrat. Er konnte sich davon überzeugen, daß die dritte Schwester You gleichsam ein neuer Mensch geworden war, und er sah auch, daß die zweite Schwester You den Haushalt sehr umsichtig führte, so daß er sich wirklich keine Sorgen zu machen brauchte.
 
Als der Tag des Aufbruchs gekommen war, verließ Djia Liän früh am Morgen die Stadt und schlug den Weg nach Ping-an ein. Am Tage ritt er, bei Nacht rastete er, wenn er durstig war, trank er, und wenn er hungrig war, aß er. Eben war er den dritten Tag unterwegs, da kamen ihm Packpferde und ein Trupp von etwa zehn Reitern, Herren und Diener, entgegen, und als er näher kam, erkannte er, daß es niemand anders als Hsüä Pan und Liu Hsiang-liän waren. Zutiefst verwundert ließ Djia Liän seinem Pferd die Zügel locker, und als er heran war und sie einander begrüßt und die üblichen Phrasen gewechselt hatten, kehrten sie in einem Wirtshaus ein, um zu rasten und sich auszusprechen.
 
„Nachdem ihr euren Krach miteinander hattet, wollten wir euch sofort wieder versöhnen, aber von Bruder Liu fehlte jede Spur. Wie kommt es, daß ihr heute zusammen seid?“ erkundigte sich Djia Liän lächelnd.
 
„Es gibt schon seltsame Dinge auf dieser Welt!“ erwiderte Hsüä Pan, ebenfalls lächelnd. „Ich hatte mit meinen Gehilfen zusammen Waren eingekauft, dann machten wir uns im Frühjahr auf den Heimweg und hatten auch eine gute Reise. Als wir jedoch neulich an die Bezirksgrenze von Ping-an kamen, stießen wir auf eine Bande von Räubern, die uns alles abnahmen, was wir hatten. Dann aber tauchte plötzlich Bruder Liu auf, schlug die Räuber in die Flucht, jagte ihnen unsere Waren wieder ab und rettete uns das Leben.
 
Meine Dankgeschenke wollte er nicht annehmen, statt dessen haben wir miteinander Brüderschaft auf Leben und Tod geschlossen. Jetzt sind wir zusammen auf dem Weg in die Hauptstadt, und in Zukunft werden wir wie leibliche Brüder leben. Am nächsten Kreuzweg müssen wir uns allerdings noch einmal trennen, denn zweihundert Li südlich von dort wohnt eine Tante von Bruder Liu, die er besuchen will. Ich aber reise vor, und sobald ich meine Angelegenheiten geregelt habe, suche ich ihm ein Haus und eine gute Frau, und dann kann das Leben beginnen.“
 
„So ist das also! Und wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte Djia Liän. Und da schon von der Suche nach einer Frau die Rede war, fügte er rasch hinzu: „Ich wüßte eine Partie, die gerade das Richtige für Bruder Liu ist.“ Und er erzählte, wie er die zweite Schwester You zu seiner Frau gemacht hatte und daß er jetzt ihre jüngere Schwester verheiraten wollte. Nur daß die dritte Schwester You ihren Bräutigam selbst bestimmt hatte, verschwieg er. Dann schärfte er Hsüä Pan noch ein: „Du darfst aber zu Hause nichts davon erzählen! Sobald sie mir einen Sohn geboren hat, werden sie es natürlich erfahren.“
 
Hsüä Pan fand größtes Gefallen an der Sache und sagte: „Das hättest du längst machen sollen. Schließlich ist Kusine Hsi-fëng selbst daran schuld...“
 
„Du vergißt dich wieder einmal, wirst du wohl den Mund halten!“ unterbrach ihn Liu Hsiang-liän lächelnd.
 
Wirklich hielt Hsüä Pan rasch damit inne und lenkte ab: „Also, diese Verlobung müssen wir unbedingt zustande bringen!“
 
„Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nur eine einmalige Schönheit zur Frau zu nehmen“, erklärte Liu Hsiang-liän, „aber aus Achtung vor meinen werten Brüdern will ich mich nicht lange bedenken, sondern eurem Urteil folgen und jeden Befehl akzeptieren.“
 
„Worte sind natürlich kein Beweis“, sagte Djia Liän, „aber wenn du meine Schwägerin erst siehst, wirst du feststellen, daß sie nach Charakter und Aussehen nicht ihresgleichen hat, soweit du auch in der Geschichte zurückgehen magst.“
 
Hocherfreut sagte Liu Hsiang-liän: „Wenn das so ist, wollen wir nur warten, bis ich meine Tante besucht habe! Noch in diesem Monat werde ich in der Hauptstadt sein, dann können wir die Sache festmachen. Wie wäre das?"
 
„Unser Wort soll als Abmachung gelten!“ sagte Djia Liän. „Nur habe ich nicht das rechte Vertrauen zu dir, Bruder Liu, denn deine Spuren sind unstet wie Entengrütze und Meereswellen. Es wäre schade um das Mädchen, wenn du spurlos verlorengehst. Darum mußt du mir ein Verlobungsgeschenk lassen.“
 
„Bricht ein Mann von Charakter vielleicht sein Wort?“ fragte Liu Hsiang-liän. „Außerdem bin ich bitterarm, und wer hat schon auf Reisen ein Verlobungsgeschenk bei sich?“
 
„Habe ich nicht Sachen genug? Davon kann doch mein Vetter etwas bekommen und mitnehmen“, erbot sich Hsüä Pan.
 
Aber lächelnd wehrte Djia Liän ab: „Es muß weder Gold noch Seide sein, sondern irgend etwas aus dem persönlichen Besitz von Bruder Liu. Der Wert spielt dabei keine Rolle, ich will es nur mitnehmen, damit es als Unterpfand dient.“
 
„Wenn es so ist“, sagte Liu Hsiang-liän, „kommt, da ich dieses Schwert hier zu meiner Selbstverteidigung brauche und mich nicht davon trennen kann, nur eines in Frage, nämlich ein Paar Ente-Erpel-Schwerter0, das ich in meinem Gepäck habe. Es ist ein Familienerbstück, das ich ohnehin nicht zu benutzen wage und nur ständig bei mir trage, damit es wohlbehütet ist. Das kann Bruder Djia als Verlobungsgeschenk mitnehmen. Wenn ich auch den Charakter von fließendem Wasser und fallenden Blüten habe, auf dieses Schwerterpaar würde ich nie verzichten.“
 
Als die Sache auf diese Weise abgemacht war, tranken sie noch einige Becher, dann saßen sie wieder auf, verabschiedeten sich und ritten weiter.
 
Wahrhaftig:
 
Ohne vom Pferd zu steigen,
 
sprengten die Feldherrn davon.
 
Eines Tages traf Djia Liän dann in Ping-an ein, wurde vom dortigen Ortskommandanten empfangen und entledigte sich seines Auftrages. Er erhielt die Weisung, um den zehnten Monat herum unbedingt noch einmal wiederzukommen, und nachdem er diesen Befehl entgegengenommen hatte, machte er sich schon am nächsten Tag wieder auf den Heimweg.
 
Als erstes besuchte Djia Liän die zweite Schwester You. Sie hatte sich nach seiner Abreise höchst aufmerksam ihrem Haushalt gewidmet, hatte Tag für Tag das Tor verschlossen gehalten und sich nicht im geringsten um die Außenwelt gekümmert. Auch ihre jüngere Schwester hatte bewiesen, daß sie einen eisernen Willen besaß. In den Stunden, in denen sie nicht damit beschäftigt war, ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aufzuwarten, zog sie sich still zurück und verbrachte die Zeit, wie es ihrer Stellung entsprach. Obwohl die einsamen Nächte ungewohnt still für sie waren, hoffte sie nur, daß Liu Hsiang-liän bald käme, damit sie die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens verwirklichen konnte, und schlug sich jeden Gedanken an einen anderen aus dem Kopf. Als Djia Liän jetzt ins Haus trat und dieser Umstände gewahr wurde, fand seine Freude kein Ende, und er war tief beeindruckt von der Tugend der zweiten Schwester You. Nachdem sie die einleitenden Floskeln über das Wetter gewechselt hatten, erzählte Djia Liän, wie er unterwegs Liu Hsiang-liän begegnet war. Dann holte er das Schwerterpaar hervor und übergab es der dritten Schwester You. Diese sah, daß die Scheide mit Drachen und Ungeheuern verziert war und von Perlen und Edelsteinen funkelte. Als sie sie abzog, zeigten sich zwei eng aneinanderliegende Klingen, von denen eine die Aufschrift ‚Erpel‘, die andere die Aufschrift ‚Ente‘ trug. Ihr kalter Glanz erinnerte an zwei Streifen herbstliches Wasser.
 
Überglücklich nahm die dritte Schwester You das Schwerterpaar in Verwahrung und hängte es in ihrem Zimmer über das Bett. Jeden Tag sah sie es an und sagte sich lächelnd, nun habe sie für den Rest ihres Lebens eine Stütze gefunden.
 
Djia Liän blieb zwei Tage, dann begab er sich nach Hause, erstattete seinem Vater Bericht und entbot allen Familienangehörigen seinen Gruß. Hsi-fëng ging es inzwischen schon viel besser, sie hatte die Leitung des Hauswesens wieder übernommen und konnte auch wieder gehen.
 
Djia Liän berichtete auch Djia Dschën, was sich ereignet hatte, aber dieser hatte jegliches Interesse daran verloren, weil er eine neue Freundschaft geknüpft hatte, und überließ es Djia Liän, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Doch weil er Angst hatte, Djia Liäns Mittel könnten nicht ausreichen, gab er ihm immerhin dreißig Liang Silber. Djia Liän nahm es und gab es an die zweite Schwester You weiter, damit sie eine Aussteuer davon anschaffte.
 
Liu Hsiang-liän traf dann erst im achten Monat in der Hauptstadt ein. Als erstes suchte er das Haus von Tante Hsüä auf, um ihr seinen Respekt zu bezeugen, und wurde dort von Hsüä Kë empfangen. Er mußte erfahren, daß Hsüä Pan den Anstrengungen der Reise und dem Ortswechsel nicht gewachsen gewesen war. Gleich nach seiner Rückkehr war er zusammengebrochen und befand sich noch immer in ärztlicher Behandlung.
 
Als Hsüä Pan erfuhr, Liu Hsiang-liän sei gekommen, ließ er ihn zu sich ins Schlafzimmer bitten, um ihn zu begrüßen. Auch Tante Hsüä ließ die Vergangenheit ruhen und war zutiefst bewegt von Lius Rettungstat. Mutter und Sohn dankten ihm immer wieder, dann kamen sie auf seine Hochzeit zu sprechen und berichteten ihm, alle Vorbereitungen seien getroffen, nur der Tag müsse noch bestimmt werden. Nun fand auch Liu Hsiang-liän mit seinen Dankesbeteuerungen kein Ende.
 
Am nächsten Tag machte Liu Hsiang-liän dann Bau-yü einen Besuch, und als sie sich wiedersahen, fühlten sie sich wie Fische, die man ins Wasser zurückgesetzt hat. Liu Hsiang-liän erkundigte sich nach Djia Liäns heimlicher Eheschließung mit seiner Nebenfrau, und Bau-yü erwiderte lächelnd: „Ich habe zwar von Ming-yän und anderen etwas darüber gehört, aber selbst gesehen habe ich nichts. Ich möchte mich auch nicht darum kümmern. Aber von Ming-yän weiß ich, daß mein Vetter Liän dringend nach dir gesucht hat, allerdings weiß ich nicht, was er dir sagen wollte.
 
Nun erzählte ihm Liu Hsiang-liän ausführlich, was sich unterwegs ereignet hatte, und Bau-yü sagte lächelnd: „Ich gratuliere, ich gratuliere! So eine Schönheit ist schwer zu finden, sie hat wirklich nicht ihresgleichen in alter und neuer Zeit. Und auch ihrem Wesen nach paßt sie bestens zu dir.“
 
„Aber wenn das so ist, müßte sie doch Freier genug haben“, wunderte sich Liu Hsiang-liän. „Warum hat dein Vetter nur an mich gedacht, obwohl ich mit ihm nie so vertraut gewesen bin, daß er sich um eine Frau für mich Gedanken machen müßte? Unterwegs ging alles so schnell, und er hat immer wieder darauf gedrängt, die Sache festzumachen. Kann denn die Familie des Mädchens einen Bräutigam suchen? Mir sind so meine Zweifel gekommen, und ich habe es schon bereut, ihm mein Schwerterpaar als Verlobungsgeschenk gegeben zu haben. Dann fiel mir ein, daß ich ja dich fragen kann, was dahintersteckt.“
 
„Du bist doch ein besonnener Mensch“, sagte Bau-yü. „Warum gibst du erst ein Verlobungsgeschenk, und dann fängst du an zu zweifeln? Früher hast du gesagt, du willst eine einmalige Schönheit, mehr nicht. Jetzt bekommst du eine, also gib dich zufrieden. Was mußt du noch zweifeln?“
 
„Woher weißt du überhaupt, daß sie so eine Schönheit ist, wenn du nicht einmal von dieser heimlichen Hochzeit etwas Genaues weißt?“ bohrte Liu Hsiang-liän weiter.
 
„Die beiden sind die Töchter der Stiefmutter von Vetter Dschëns Frau“, erklärte Bau-yü. „Ich war drüben einen ganzen Monat lang mit ihnen zusammen, wie sollte ich sie also nicht kennen?! Sie sind wirklich zwei bemerkenswerte Wesen, die nicht nur You – ‚bemerkenswert‘ – heißen.“
 
„An der Sache ist etwas faul, auf keinen Fall lasse ich mich darauf ein“, sagte Liu Hsiang-liän und stampfte mit dem Fuß auf. „Mit Ausnahme der beiden steinernen Löwenfiguren ist doch nichts sauber in eurem Anwesen, wahrscheinlich nicht einmal die Hunde und Katzen. Ich lasse mich nicht zum Hahnrei machen, indem ich mich mit den Resten begnüge, die ein anderer übriggelassen hat!“
 
Bau-yü war rot geworden, als er dies hörte, und sofort schämte sich Liu Hsiang-liän seiner unbedachten Worte. Rasch machte er eine Verbeugung und sagte: „Ich habe den Tod verdient für den Unsinn, den ich schwatze! Aber sag mir wenigstens, wie es um ihren Charakter und ihr Betragen steht!“
 
„Warum fragst du mich, wenn du so genau über alles Bescheid weißt?“ gab Bau-yü lächelnd zurück. „Vermutlich bin doch auch ich nicht sauber.“
 
„Sei doch bitte nicht so empfindlich, ich hatte mich einen Augenblick lang vergessen!“ bat Liu Hsiang-liän.
 
„Mußt du noch einmal damit anfangen?“ fragte Bau-yü und lächelte. „Du scheinst es doch mit Absicht getan zu haben.
 
Daraufhin verbeugte sich Liu Hsiang-liän zum Abschied und ging hinaus. „Soll ich zu Hsüä Pan gehen?“ fragte er sich. „Aber der liegt erstens krank zu Bett, und zweitens hat er ein leichtfertiges Wesen. Das beste ist, ich gehe hin und verlange mein Verlobungsgeschenk zurück!“ Kaum hatter diesen Entschluß gefaßt, machte er sich auf die Suche nach Djia Liän und fand ihn schließlich in seinem neuen Heim.
 
Als Djia Liän hörte, Liu Hsiang-liän sei gekommen, kannte seine Freude keine Grenze, und sofort ging er hinaus, um ihn willkommen zu heißen. Dann bat er ihn in die inneren Gemächer und machte ihn mit der alten Frau You bekannt. Liu Hsiang-liän verbeugte sich jedoch lediglich vor ihr und nannte sie auch nur „werte Frau Tante“, während er sich selbst als den ‚Spätgeborenen‘ bezeichnete, was Djia Liän reichlich verwirrte.
 
Beim Teetrinken sagte Liu Hsiang-liän dann: „Auf der Reise hat mich der Zufall zu einem überstürzten Entschluß gebracht. Wie konnte ich ahnen, daß meine Tante schon im vierten Monat ein Verlöbnis für mich geschlossen hatte, ohne daß ich einen Einwand dagegen erheben konnte! Wollte ich deinem Wunsch folgen und meine Tante hintergehen, wäre das gegen jedes Prinzip. Wenn mein Verlobunsgeschenk aus Gold oder Seide bestanden hätte, würde ich nicht wagen, es zurückzufordern, dieses Schwerterpaar jedoch hat mir mein Großvater hinterlassen, und so muß ich schon bitten, es mir zurückzugeben.“
 
Bei diesen Worten wurde Djia Liän unwohl zumute, aber er sagte: „Ein Verlobungsgeschenk ist das Unterpfand eines Versprechens. Gerade weil ich befürchtet habe, du könntest es dir anders überlegen, habe ich ein Pfand verlangt. Eine Verlobung kann man nicht nach Belieben schließen und wieder rückgängig machen. Du solltest dir das noch einmal überlegen!“
 
„Gewiß!“ erwiderte Liu Hsiang-liän lächelnd, „ich will auch gern Schuld und Strafe auf mich nehmen, aber nachgeben werde ich in dieser Angelegenheit auf gar keinen Fall.“
 
Als Djia Liän immer noch nicht lockerlassen wollte, stand Liu Hsiang-liän auf und schlug vor: „Setzen wir uns nach draußen, damit ich es dir erkläre, hier können wir schlecht reden!“
 
Nun hatte die dritte Schwester You in ihrem Zimmer alles Wort für Wort mit angehört. Nachdem sie sich mühsam geduldet hatte, bis Liu Hsiang-liän wieder da war, mußte sie jetzt plötzlich hören, daß er die Sache bereute. Daraus schlußfolgerte sie, daß man ihm im Hause der Djias etwas von ihr erzählt haben müsse, weshalb er sie für ein schamloses Ding hielt, das nicht würdig war, seine Frau zu werden.  
 
Wenn sie jetzt zuließe, daß er mit Djia Liän hinausging, um die Verlobung endgültig zu annullieren, würde Djia Liän nichts dagegen machen können, und sie würde den Ärger haben. Darum nahm sie, kaum daß Djia Liän sich bereiterklärt hatte hinauszugehen, das Schwerterpaar von der Wand, verbarg die ‚Enten‘-Klinge hinter dem Arm, trat vor die Männer hin und sagte: „Ihr braucht nicht hinauszugehen, um die Sache weiter zu besprechen. Hier ist das Verlobungsgeschenk zurück!“
 
Während ihre Tränen dicht wie Regentropfen fielen, reichte sie Liu Hsiang-liän mit der linken Hand das eine Schwert mit der Scheide, dann holte sie mit der rechten Hand aus und schnitt sich mit einem einzigen Streich die Kehle durch.
 
O weh!
 
Rote Pfirsichblüten bedecken den Boden,
 
nichts hilft dem gestürzten Jadeberg wieder auf.
 
Schon war ihre duftige Seele ins Ungewisse entschwunden.
 
Erschrocken bemühten sich alle noch, sie zu retten, aber vergebens. Laut weinend schimpfte die alte Frau You auf Liu Hsiang-liän, Djia Liän aber packte ihn und befahl, man solle ihn binden und ins Amtsgebäude schaffen. Da trocknete die zweite Schwester You ihre Tränen und redete Djia Liän zu: „Du übertreibst. Er hat sie doch nicht gezwungen, sich zu töten. Sie hat vielmehr aus eigenem Antrieb Selbstmord begangen. Welchen Sinn sollte es also haben, wenn du ihn vor den Beamten bringst? Es werden im Gegenteil nur Ärger und Verdruß daraus entstehen. Darum ist es das beste, du läßt ihn laufen. Wäre das nicht am allereinfachsten?“
 
Djia Liän, der nichts dagegen einzuwenden wußte, ließ Liu Hsiang-liän los und befahl ihm zu verschwinden. Liu Hsiang-liän aber ging nicht fort und sagte unter Tränen: „Ich habe nicht im mindesten geahnt, daß meine edle Gattin so einen standhaften Charakter hatte. Sie war verehrungswürdig, verehrungswürdig!“ Dann warf er sich über den Leichnam und vergoß einen Strom von Tränen. Als ein Sarg gekauft war und die dritte Schwester You hineingebettet wurde, warf er sich auch über den Sarg und weinte bitterlich, ehe er sich endlich verabschiedete und fortging.
 
Draußen wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte, und grübelte düster und schweigsam darüber nach, wie schön und wie standhaft die dritte Schwester You doch gewesen war und daß jede Reue zu spät kam.
 
  
Die dritte Schwester You. Aus: Gai Qi 1879.
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Die beiden Burschen tranken unten in der Küche mit Bao Er; Bao Ers Frau stand am Herd. Plötzlich kamen zwei Mädchen lachend herunter und wollten auch Wein trinken. Bao Er sagte: „Warum seid ihr nicht oben beim Dienen? Wenn man euch ruft und niemand da ist, gibt es Ärger." Seine Frau schimpfte: „Du verblödeter Tölpel! Sauf nur deinen Fusel! Sauf dich voll und leg dich mit deinen Knochen hin und streck alle viere von dir! Ob gerufen wird oder nicht, geht dich einen Dreck an! Ich stehe für alles gerade — dich trifft kein Regen und kein Wind." Bao Er verdankte seinen Aufstieg im Grunde seiner Frau; in letzter Zeit war er ihr noch mehr verpflichtet. Er kümmerte sich um nichts außer Geldverdienen und Weintrinken, und Kette Kaufmann und die anderen tadelten ihn nicht dafür. So behandelte er seine Frau wie eine Mutter, gehorchte ihr in allem, trank sich voll und ging schlafen. Bao Ers Frau blieb mit den Mädchen und Burschen beim Wein, um sich deren Gunst zu sichern — denn sie wollte vor Herrlichkeit Kaufmann gut dastehen.
Während er so dahinging, erblickte er plötzlich einen von Hsüä Pans Sklavenjungen, der ihn nach Hause holen sollte. Willenlos ging er mit und wurde in ein Brautgemach geführt, das sehr ordentlich eingerichtet war. Auf einmal hörte es das Klimpern von jadenem Gürtelschmuck, und herein trat die dritte Schwester You.  
 
In der einen Hand hielt sie das Schwerterpaar, in der anderen ein Heft und sagte weinend zu ihm: „In meiner törichten Liebe habe ich fünf Jahre lang auf Euch gewartet und nicht geahnt, daß Ihr wirklich ein kaltes Herz und ein kaltes Gesicht habt. Jetzt habe ich diese Torheit mit meinem Leben bezahlt. Auf Geheiß der Fee Warnendes Trugbild muß ich mich in die Wahngefilde der Großen Leere begeben, um die Akten aller in diesen Fall verwickelten Liebesnarren in Ordnung bringen zu lassen. Da ich mich nicht von Euch trennen konnte, bin ich noch einmal gekommen. In Zukunft können wir uns nicht mehr wiedersehen.
 
Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen, und als Liu Hsiang-liän, der nicht von ihr lassen wollte, rasch auf sie zutrat, um sie festzuhalten und Näheres zu erfragen, sagte sie: „Ich kam aus dem Himmel der Liebe und verlasse die Erde der Liebe. In meiner letzten Existenz ließ ich mich von der Liebe betören, bin aber dadurch beschämt und erleuchtet worden. Mit Euch habe ich nichts mehr zu schaffen.“ Als sie ausgesprochen hatte, wehte ein wohlriechender Lufthauch, und sie war spurlos verschwunden.
 
Vor Schreck kam Liu Hsiang-liän wieder zu sich, und ihm war, als ob es ein Traum und doch kein Traum gewesen wäre. Er sah sich mit großen Augen um, aber weder Hsüä Pans Sklavenjunge noch das Brautgemach konnte er entdecken. Statt dessen befand er sich in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein lahmer Dauistenpriester, der sich die Läuse absuchte. Also stand Liu Hsiang-liän auf, schlug vor dem Dauisten mit der Stirn auf den Boden und erkundigte sich: „Wo sind wir hier und wie ist Euer werter Tempelname, unsterblicher Lehrer?“
 
Lächelnd erwiderte der Dauist: „Ich weiß selber nicht, wo wir hier sind und wer ich bin. Ich wollte mir hier lediglich kurz die Füße ausruhen.“
 
Als Liu Hsiang-liän das hörte, wurde ihm unwillkürlich so kalt, als ob Frost und Eis in seine Knochen drangen. Er zog das ‚Erpel‘-Schwert aus der Scheide und schnitt sich mit einem Ruck die zehntausend Fäden des kummerbringenden Haupthaars ab. Dann folgte er dem Dauisten wer weiß wohin. In einem späteren Kapitel werden wir es erfahren.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Gerade als die vier sich amüsierten, klopfte es an der Tür. Bao Ers Frau eilte zum Öffnen — es war Kette Kaufmann, der vom Pferd stieg und fragte, ob alles in Ordnung sei. Bao Ers Frau flüsterte ihm zu: „Der Erste Herr ist hier — im westlichen Hof." Kette Kaufmann hörte das und ging in sein Schlafzimmer. Dort fand er die Zweite Schwester und ihre Mutter; als sie ihn sahen, lag ein verlegener Ausdruck auf ihren Gesichtern. Kette Kaufmann tat, als bemerke er nichts, und sagte nur: „Bringt schnell Wein — ich will noch ein paar Gläser trinken und dann schlafen. Ich bin heute sehr müde." Die Zweite Schwester eilte herbei, lächelnd, nahm ihm die Oberkleider ab und brachte Tee, fragte dies und jenes. Kette Kaufmann war entzückt vor Freude. Bald brachte Bao Ers Frau den Wein, und die beiden tranken zusammen. Die Schwiegermutter trank nicht mit und ging in ihr Zimmer schlafen. Eins der Mädchen kam herüber zum Bedienen.
67. Dai-yü erblickt Lokalprodukte und gedenkt ihres Heimatortes,
 
Hsi-fëng erfährt ein Geheimnis und verhört einen Sklavenjungen.
 
  
Als sich die dritte Schwester You das Leben genommen hatte, waren die alte Frau You, die zweite Schwester You sowie Djia Dschën und Djia Liän, wie sich von selbst versteht, unbeschreiblich traurig. Rasch ordneten sie an, man solle die Tote einsargen, aus der Stadt schaffen und begraben. Und jetzt, da die dritte Schwester You tot war, wurde Liu Hsiang-liän von einer törichten Liebe zu ihr erfaßt. Doch ein paar ernüchternde Sätze aus dem Mund eines Dauistenpriesters zerstörten den Wahn. Liu Hsiang-liän schnitt sich sein Haar ab wie ein Mönch und verschwand mit dem verrückten Dauisten ins Ungewisse. Doch davon soll einstweilen nicht mehr die Rede sein.
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Kette Kaufmanns Vertrauensknabe Drachenkind hatte sein Pferd angebunden und bemerkt, dass dort bereits ein anderes Pferd stand. Er sah genauer hin und erkannte, dass es Herrlichkeit Kaufmanns war. Er verstand und ging ebenfalls in die Küche. Dort saßen Xi'er und Shou'er <ref>Herrlichkeit Kaufmanns Burschen</ref> und tranken. Als sie ihn kommen sahen, verstanden auch sie und sagten lachend: „Du kommst gerade zur rechten Zeit! Wir konnten mit dem Pferd des Herrn nicht mithalten und fürchteten, die Nachtwache zu stören — deshalb haben wir hier Quartier genommen." Drachenkind lachte: „Es gibt Platz genug — schlaft nur! Ich bin vom Zweiten Herrn geschickt worden, um das Monatssilber abzuliefern. Nachdem ich es der Herrin gegeben habe, gehe ich auch nicht mehr zurück." Xi'er sagte: „Wir haben genug getrunken — trink du eine Runde." Drachenkind setzte sich gerade und hob den Becher, als aus dem Pferdestall Lärm ertönte: Die beiden Pferde im selben Stall vertrugen sich nicht und traten und schlugen aufeinander ein. Drachenkind und die anderen sprangen auf, rannten hinaus und beruhigten die Pferde mit Müh und Not, banden sie getrennt an und kamen zurück. Bao Ers Frau sagte lachend: „Bleibt alle drei hier; Tee ist fertig — ich gehe jetzt." Damit schloss sie die Tür hinter sich. Xi'er hatte einige Becher getrunken und war schon glasig. Drachenkind und Shou'er schlossen die Tür und sahen Xi'er steif wie ein Brett auf dem Rücken auf dem Kang liegen. Sie stießen ihn an: „Guter Bruder, steh auf und schlaf ordentlich — wenn du den ganzen Platz einnimmst, haben wir es schwer." Xi'er brummte: „Heute Nacht spielen wir schön fair und ehrlich — wer den Anständigen spielt, den prügele ich windelweich!" Drachenkind und Shou'er sahen, dass er betrunken war, und sagten nichts weiter; sie löschten das Licht und legten sich hin, so gut es ging.
Nachdem Tante Hsüä erfahren hatte, Liu Hsiang-liän habe mit der dritten Schwester You ein Verlöbnis geschlossen, war sie innerlich hocherfreut und plante eben voller Begeisterung, ihm ein Haus zu kaufen und einzurichten und einen Glückstag auswählen zu lassen, an dem er die Braut heimführen konnte, um ihm so für die Großherzigkeit zu danken, daß er Hsüä Pan das Leben gerettet hatte. Plötzlich aber lärmten die Sklavenjungen des Hauses: „Die dritte Schwester You hat sich umgebracht!
 
Das hörten auch die kleinen Sklavenmädchen und berichteten es Tante Hsüä. Ohne den Grund für die Tat zu kennen, seufzte Tante Hsüä darüber aus tiefstem Herzensgrund. Während sie sich noch in Mutmaßungen erging, kam Bau-tschai aus dem Garten herüber. „Hast du davon gehört, mein Kind?“ fragte Tante Hsüä. „Die jüngste Schwester der Frau deines Vetters Dschën, die mit Liu Hsiang-liän, dem Schwurbruder unseres Pan, verlobt war, hat sich aus irgendeinem Grund die Kehle durchgeschnitten. Und auch Liu Hsiang-liän ist irgendwohin verschwunden. Das ist wirklich eine seltsame Sache, die kein Mensch ahnen konnte.
 
Bau-tschai hörte sich das an, ohne große Aufmerksamkeit darauf zu wenden, und erwiderte: „Nicht umsonst heißt es im Volksmund ‚Wind und Wolken sind unergründlich, Glück und Unglück wechseln fast stündlich.‘ Auch das war ihnen aus ihrer vorigen Existenz vom Schicksal bestimmt. Neulich spracht Ihr davon, daß Ihr für ihn sorgen wolltet, weil er Bruder Pan das Leben gerettet hat. Jetzt aber ist sie tot, und er ist verschwunden. Meiner Meinung nach solltet Ihr der Sache ihren Lauf lassen, ohne Euch um die beiden zu grämen.
 
Bruder Pan aber ist seit fast zwanzig Tagen aus dem Süden zurück, und die Waren, die er dort eingekauft hat, müssen wohl jetzt schon sämtlich versandt worden sein. Die Gehilfen, die er mitgenommen hatte, mußten sich monatelang abmühen. Darum solltet Ihr mit Bruder Pan darüber reden, daß er sie zum Dank dafür einlädt, damit sie nicht denken, wir wüßten nicht, was sich gehört.“
 
Während Mutter und Tochter so miteinander sprachen, kam Hsüä Pan mit Tränen in den Augen von draußen herein. Kaum daß er im Zimmer war, schlug er vor seiner Mutter die Hände zusammen und fragte: „Wißt Ihr schon, was mit Bruder Liu und der dritten Schwester You geschehen ist, Mutter?“
 
„Gerade habe ich es gehört“, antwortete Tante Hsüä. „Und ich sprach eben mit deiner Schwester über den Fall.“
 
„Habt Ihr auch davon gehört, daß Liu Hsiang-liän mit einem Dauisten fortgegangen sein soll, um Mönch zu werden?“ vergewisserte sich Hsüä Pan.
 
„Das macht die Sache um so eigenartiger“, sagte Tante Hsüä, „wie kann ein gescheiter junger Mann wie der junge Liu auf einmal so dumm sein und mit einem Dauisten auf und davon gehen?! Ich finde, du solltest nach ihm suchen, denn ihr wart doch miteinander befreundet, und er besaß weder Eltern noch Geschwister und hat ganz allein hier gelebt. Bestimmt ist er in einem der Tempel oder Klöster hier in der Nähe.“
 
„Als ob ich mir das nicht auch gesagt hätte!“ erwiderte Hsüä Pan. „Kaum daß ich die Nachricht hörte, habe ich mich mit den Knaben zusammen auf die Suche gemacht, aber nirgends war eine Spur von ihm zu entdecken. Ich habe auch die Leute gefragt, aber alle sagen, sie hätten ihn nicht gesehen.“
 
„Wenn du nach ihm gesucht hast, so ist deine Freundespflicht damit erfüllt, auch wenn du ihn nicht gefunden hast“, entschied Tante Hsüä. „Wer weiß, ob es ihm nicht zum Guten ausschlägt, daß er ein Mönch geworden ist! Du aber mußt dich jetzt um den Handel kümmern, und zum andern muß bald geregelt werden, was für deine eigene Hochzeit zu tun ist. Wir haben keine Leute im Haus, auch sagt das Sprichwort ‚Ein Gimpel braucht länger Zeit.‘ Wir müssen vermeiden, daß wir auf einmal unvorbereitet dastehen, daß dieses und jenes fehlt und daß uns die Leute dann auslachen.
 
Außerdem hat auch deine Schwester gerade gesagt, du bist nun schon mehr als einen halben Monat wieder zu Hause, so daß die Waren versandt sein müßten und es daher an der Zeit wäre, für die Gehilfen, die mit dir waren, eine Weintafel herzurichten, um ihnen für ihre Mühen zu danken. Schließlich haben sie dich ein paar tausend Li weit begleitet, haben sich mehr als vier Monate lang abgeplagt und deinetwegen genug Ängste und Beschwernisse auf sich genommen.
 
„Ihr habt ganz recht, Mutter, und meine Schwester denkt wirklich an alles“, erwiderte Hsüä Pan darauf. „Ich dachte auch schon daran, aber da ich tagelang zu tun hatte,die Waren überallhin zu verschicken, wußte ich kaum mehr, wo mir der Kopf stand. In den letzten Tagen war ich wegen Bruder Liu in Anspruch genommen, auch wenn das ein Schlag ins Wasser war und ich mich umsonst bemühte. Darüber habe ich meine eigentlichen Aufgaben versäumt. Wenn nicht anders, legen wir uns auf morgen oder übermorgen fest und verschicken die Einladungen!“
 
„Das mußt du schon selbst entscheiden“, erklärte Tante Hsüä.
 
Hsüä Pan schien noch etwas sagen zu wollen, da kam einer der Sklavenjungen von draußen herein und meldete: „Euer Hauptgeschäftsführer, Herr Dschang, hat zwei Truhen herbringen lassen und läßt sagen, das seien Sachen, die Ihr privat gekauft habt und die nicht in den Warenlisten stehen. Er habe sie Euch schon eher bringen lassen wollen, aber sie seien unter den vielen Kisten begraben gewesen, so daß er nicht herangekommen sei. Gestern erst seien die letzten Waren versandt worden, darum habe er die Sachen nicht früher als heute bringen lassen können.“ Während er dies sagte, trugen zwei andere Sklavenjungen zwei große Truhen herein, die mit Palmfasergewebe bezogen und zusätzlich mit Brettern verschalt waren.
 
Kaum daß Hsüä Pan die Truhen erblickte, rief er aus: „O weh! Wie konnte ich nur so dumm sein! Diese Sachen habe ich extra für Euch, Mutter, und für dich, Schwester, gekauft, aber anstatt sie euch bringen zu lassen, habe ich sie vergessen, und die Gehilfen mußten sie schicken!“
 
„Du sagst es!“ bemerkte Bau-tschai. „Nur weil du sie ‚extra‘ mitgebracht hast, mußten sie fast zwanzig Tage herumstehen. Wenn du sie ‚nicht-extra‘ mitgebracht hättest, wären sie wahrscheinlich bis zum Jahresende stehengeblieben und dann erst gebracht worden. Mir scheint, du bist aber auch in allem zu liederlich.
 
„Es muß wohl daran liegen, daß mir unterwegs vor Schreck die Seele aus dem Leib gefahren ist und noch nicht wieder zurückgefunden hat“, entschuldigte sich Hsüä Pan lächelnd.
 
Alle lachten ein Weilchen darüber, dann erhielt eines der kleinen Sklavenmädchen den Auftrag: „Geh hinaus und laß durch die Knaben
 
  
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Die Zweite Schwester hörte den Pferdelärm und wurde unruhig; sie versuchte Kette Kaufmann mit Gerede abzulenken. Kette Kaufmann aber, nach einigen Bechern in Frühlingsstimmung, befahl, Wein und Früchte abzuräumen, die Tür zu schließen und sich auszukleiden. Die Zweite Schwester trug nur ein kleines, hochrotes Jäckchen, das rabenschwarze Haar lose herabfallend, das Gesicht voller Frühlingsglut, noch schöner als am Tage. Kette Kaufmann umarmte sie und lachte: „Alle Welt sagt, unser Nachtgespenst zu Hause <ref>Phönixglanz</ref> sei eine Schönheit — aber wie ich jetzt sehe, wäre sie nicht einmal würdig, dir die Schuhe zu halten." Die Zweite Schwester sagte: „Ich mag hübsch sein, aber ich habe keinen guten Charakter. So betrachtet ist es doch besser, nicht hübsch zu sein." Kette Kaufmann fragte eilig: „Wie meinst du das? Das verstehe ich nicht." Die Zweite Schwester sagte unter Tränen: „Ihr haltet mich für dumm — aber es gibt nichts, das ich nicht weiß. Seit zwei Monaten bin ich nun deine Frau; die Zeit ist kurz, aber ich weiß, dass du kein Dummkopf bist. Lebend bin ich dein Mensch, tot dein Geist; da wir nun verheiratet sind, verlasse ich mich ein Leben lang auf dich — wie könnte ich auch nur ein Wort verschweigen? Für mich selbst habe ich jetzt einen Halt, aber was wird aus meiner Schwester? So wie die Dinge liegen, fürchte ich, das ist keine Dauerlösung — es muss ein langfristiger Plan her." Kette Kaufmann hörte das und lachte: „Sei unbesorgt! Ich bin keiner, der eifersüchtig wird. Die Vergangenheit kenne ich genau; du brauchst nicht erschrocken zu sein. Da es der Schwager <ref>Herrlichkeit Kaufmann</ref> ist, der sich wie ein Bruder verhält, ist dir das natürlich peinlich — besser, ich breche das Eis." Er stand auf und ging in den westlichen Hof. Durch das Fenster sah er helles Kerzenlicht; die beiden tranken und amüsierten sich.
[[Category:Hongloumeng]]
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Kette Kaufmann drückte die Tür auf und sagte lachend: „So ist der Älteste Bruder also hier! Der jüngere Bruder kommt, um seine Aufwartung zu machen." Herrlichkeit Kaufmann war vor Scham sprachlos; er konnte nur aufstehen und ihm einen Platz anbieten. Kette Kaufmann sagte eilig lachend: „Warum so förmlich! Wie war es denn früher unter uns Brüdern? Der Älteste Bruder hat sich meinetwegen so viel Mühe gemacht — selbst wenn ich mich in Stücke risse, könnte ich meine Dankbarkeit nicht ausdrücken. Wenn der Älteste Bruder sich Bedenken macht, wie soll ich mich dann fühlen? Von nun an bitte ich den Ältesten Bruder, alles wie früher zu halten — andernfalls bleibt mir der jüngere Bruder lieber ohne Nachkommen und wagt nicht mehr, hierher zu kommen." Damit wollte er niederknien. Herrlichkeit Kaufmann hielt ihn erschrocken zurück und sagte nur: „Bruder, was du auch sagst — ich folge in allem." Kette Kaufmann rief: „Bringt Wein! Ich will mit dem Ältesten Bruder noch ein paar Gläser trinken!" Dann zog er die Dritte Schwester herbei: „Komm her und schenk dem Schwager ein!" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Alter Zweiter, du bist wirklich du selbst — Bruder muss diesen Becher leer trinken!" Er kippte den Becher in einem Zug. Die Dritte Schwester aber stand auf dem Kang, zeigte auf Kette Kaufmann und lachte scharf: „Spar dir dein glattes Geschwätz! Klares Wasser, grobe Nudeln — du isst, und ich schaue zu! Ihr spielt Schattentheater mit Puppen — aber besser, ihr reißt das Papier nicht durch! Bildet euch nur nicht ein, wir wüssten nicht, was in eurem Palais los ist! Jetzt habt ihr ein paar stinkende Taler hingeworfen, und ihr zwei Brüder behandelt uns zwei Schwestern wie Freudenmädchen zum Vergnügen — da habt ihr euch aber verrechnet! Ich weiß auch, dass deine Frau eine schwierige Furie ist. Nun hast du meine Schwester hierhergelockt als Zweitfrau — eine gestohlene Glocke, die man nicht läuten darf<ref>Anspielung auf das Sprichwort „sich die Ohren zuhalten und die Glocke stehlen“ (掩耳盗铃 yǎn ěr dào líng): sich selbst etwas vormachen, indem man so tut, als wüsste niemand von der verborgenen Ehe.</ref>! Ich will diese Frau Feng einmal kennenlernen — mal sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände die hat! Wenn alle zufrieden und freundlich sind, gut und schön; aber wenn mir auch nur das Geringste nicht passt, dann habe ich die Kraft, euch dreien erst die Innereien herauszureißen und mich dann mit dieser Furie auf Leben und Tod zu schlagen — sonst bin ich nicht die Dritte Tante You! Trinken? Was soll die Angst — wir trinken!" Damit griff sie selbst zur Kanne, schenkte sich einen Becher ein, trank die Hälfte, schlang dann den Arm um Kette Kaufmanns Hals und goss ihm den Rest ein: „Dein Bruder und ich haben schon getrunken — komm, wir wollen ein wenig kuscheln!" Kette Kaufmann war so erschrocken, dass ihm der Wein aus dem Kopf fuhr. Auch Herrlichkeit Kaufmann hatte nicht erwartet, dass die Dritte Schwester so schamlos und durchsetzungsfähig sein könnte. Die beiden Brüder waren beide abgebrühte Wüstlinge — und doch wurde ihnen heute von diesem Mädchen mit einer einzigen Rede der Mund gestopft. Die Dritte Schwester rief immerfort: „Holt die Schwester her — wenn schon vergnügen, dann alle vier zusammen! Das Sprichwort sagt: ‚Am billigsten kommt man im eigenen Haus davon!' Die sind Brüder, wir sind Schwestern, keine Fremden — nur herein!" Die Zweite Schwester wurde ganz verlegen. Herrlichkeit Kaufmann wollte sich bei der ersten Gelegenheit davonstehlen, doch die Dritte Schwester ließ ihn nicht gehen. Herrlichkeit Kaufmann bereute nun seine Leichtfertigkeit — er hatte nicht damit gerechnet, dass sie so war, und wagte es zusammen mit Kette Kaufmann nicht mehr, sich ihr gegenüber frivol zu benehmen.
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Die Dritte Schwester hatte ihr Haar locker aufgesteckt, das hochrote Jäckchen halb offen, halb geschlossen, sodass das zwiebelgrüne Mieder und ein Streifen schneeweißen Busens zum Vorschein kamen. Darunter grüne Hosen, rote Schuhe; die beiden goldenen Lotusfüße, bald übereinandergeschlagen, bald nebeneinander, keine Sekunde sittsam. Die beiden Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln. Im Lampenlicht wirkten die Weidenbrauen noch grüner, der Sandelholzmund noch röter. Ihre Augen waren von Natur klare Herbstwasser; nach dem Wein kam noch ein Hauch trunken-lasziver Schwüle hinzu. Nicht nur stellte sie ihre ältere Schwester in den Schatten — nach dem Urteil von Herrlichkeit Kaufmann und Kette Kaufmann hatten sie unter allen Frauen, die sie je gesehen hatten, ob hoch oder niedrig, vornehm oder gering, keine von solcher Anmut und Verführungskraft gefunden. Die beiden waren schon willenlos vor Begierde und konnten nicht umhin, einen Annäherungsversuch zu machen — doch sie kehrte ihre verführerischen Künste nur hervor, um die beiden in Schach zu halten. Die Dritte Schwester gab ihnen eine Kostprobe ihrer Augen und Hände, und die beiden Brüder hatten keinerlei Urteilskraft mehr, brachten kein einziges vernünftiges Wort mehr heraus — alles drehte sich nur noch um Wein und Frauen. Sie aber führte das große Wort, schwadronierte und amüsierte sich auf ihre Kosten; im Grunde war sie es, die die Männer „besuchte", nicht umgekehrt. Als ihr Wein und Vergnügen genug waren, ließ sie die Brüder nicht länger sitzen, sondern jagte sie hinaus und schloss die Tür, um schlafen zu gehen.
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Von da an schimpfte sie, wenn je ein Mädchen oder eine Dienerin nicht in der Nähe war, mit schrillen Worten auf Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann, alle drei — sie hätten drei Witwen und Waisen betrogen. Herrlichkeit Kaufmann wagte nach seiner Rückkehr nicht mehr so leichtfertig wiederzukommen. Nur wenn die Dritte Schwester guter Laune war und heimlich einen Burschen schickte, um ihn einzuladen, wagte er, kurz zu erscheinen — und dann musste er sich fügen, wie es ihr beliebte. Doch wer hätte gedacht, dass die Dritte Schwester einen unbändigen Charakter hatte? Im Bewusstsein ihrer eigenen Schönheit putzte sie sich absichtlich noch auffälliger heraus und entfaltete unzählige verführerische Gesten, die kein anderer erreichen konnte, nur um die Männer sabbern und verzweifeln zu lassen — nahe konnte man ihr nicht kommen, doch entfernen wollte man sich auch nicht. Dieses Hin und Her war ihr Vergnügen. Mutter und Schwester redeten ihr gut zu, doch sie erwiderte: „Schwester, du bist verblendet! Wir, die wir Gold und Jade sind, sollen uns von diesen zwei Schande-über-die-Ahnen-Burschen beschmutzen lassen — das wäre doch eine Schande! Zudem gibt es in deren Haus eine äußerst gefährliche Frau. Solange sie nichts weiß, sind wir sicher. Aber eines Tages wird sie es erfahren — und dann gibt es kein Halten mehr; ein großer Kampf steht bevor, wer weiß, wer lebt und wer stirbt. Solange ich sie noch demütigen und bestrafen kann, will ich es tun — sonst fällt am Ende doch nur ein übler Ruf auf mich, und die Reue kommt zu spät." Da Mutter und Schwester sahen, dass sie nicht auf Ermahnungen hörte, ließen sie es sein. Die Dritte Schwester wählte täglich mit äußerster Anspruchsvolle ihr Essen und ihre Kleidung: Hatte sie Silberschmuck, wollte sie Gold; hatte sie Perlen, wollte sie Edelsteine; gab es fette Gans, musste auch fette Ente geschlachtet werden. War sie unzufrieden, stieß sie den ganzen Tisch um. Gefiel ein Kleid nicht, zerschnitt sie es, ob Seide oder Brokat, ob neu oder alt — ein Fetzen gerissen, ein Schimpfwort gesagt. Letztlich hatte Herrlichkeit Kaufmann keinen einzigen Tag lang seine Freude, sondern gab nur eine Menge Geld mit schlechtem Gewissen aus.
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Wenn Kette Kaufmann kam, blieb er nur im Zimmer der Zweiten Schwester, und auch ihn begann die Reue zu beschleichen. Aber die Zweite Schwester war eine warmherzige Frau. Da sie Kette Kaufmann als ihren Lebensgefährten betrachtete, war sie in allem fürsorglich und aufmerksam. Was Sanftmut und Folgsamkeit anging, so besprach sie stets alles gemeinsam und wagte nie, eigenmächtig zu handeln — in dieser Hinsicht überragte sie Phönixglanz um das Zehnfache. Auch an Schönheit, Beredsamkeit und Benehmen war sie ihr um fünf Grade überlegen. Obwohl sie sich nun gebessert hatte, war der Fehltritt doch geschehen, und das Wort „Unkeuschheit" hing an ihr — all ihre Tugenden zählten nicht mehr. Doch Kette Kaufmann sagte: „Wer ist ohne Fehler? Wer seinen Irrtum erkennt und sich bessert, ist gut genug." So sprach er nicht mehr von der vergangenen Ausschweifung, schätzte nur ihr gegenwärtiges Wesen und war mit ihr unzertrennlich wie Leim und Lack, wie Wasser und Fisch — ein Herz und eine Seele, zum Leben und Sterben verbunden. An Feng und Friedchen [平儿] dachte er kaum noch. Am Bett riet die Zweite Schwester Kette Kaufmann auch oft: „Besprich es mit dem Ältesten Bruder Zhen — wählt einen zuverlässigen Mann aus und verheiratet die Dritte Schwester. Es ist kein Dauerzustand, sie hier zu behalten; früher oder später gibt es Ärger — was dann?" Kette Kaufmann sagte: „Neulich habe ich es dem Ältesten Bruder vorgeschlagen, aber er kann nicht loslassen. Ich sagte: ‚Sie ist ein fettes Stück Hammelfleisch, nur verbrennt man sich die Zunge daran; eine Rosenblüte ist liebreizend, aber der Dorn sticht in die Hand. Wir werden sie kaum bändigen — besser, wir suchen ihr jemanden.' Er hat nur genickt und es dann fallen lassen. Was soll ich tun?" Die Zweite Schwester sagte: „Sei unbesorgt. Morgen reden wir erst mit der Dritten Schwester; wenn sie einverstanden ist, soll sie selbst Druck machen. Wenn sie genug Aufruhr macht, wird man sie schon verheiraten müssen." Kette Kaufmann hörte das und sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Plan."
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Am nächsten Tag bereitete die Zweite Schwester extra Wein vor. Kette Kaufmann ging nicht aus dem Haus und lud eigens um die Mittagszeit die jüngere Schwester herüber; die Mutter saß oben. Die Dritte Schwester verstand sofort, worum es ging. Nach der dritten Runde Wein, ohne dass die Schwester den Mund aufmachen musste, begann sie selbst unter Tränen: „Schwester, du hast mich heute eingeladen, weil du mir etwas Wichtiges sagen willst. Aber deine Schwester ist nicht dumm — du brauchst mir nicht weitschweifig die alten Schändlichkeiten aufzuzählen; ich weiß alles, und es ist zwecklos, darüber zu reden. Da nun die Schwester einen guten Hafen gefunden hat und auch die Mama versorgt ist, muss auch ich mein eigenes Schicksal suchen — das ist nur recht und billig. Aber eine lebenslange Entscheidung, von der Geburt bis zum Tod, ist kein Kinderspiel. Ich habe mich nun gebessert und halte mich an die Anstandsregeln. Nur wenn ich selbst einen Mann nach meinem Herzen wählen darf, gehe ich mit ihm. Wenn ihr für mich wählt — und wäre er reicher als Shi Chong, begabter als Cao Zijian und schöner als Pan An <ref>berühmte historische Vorbilder für Reichtum, Talent und Schönheit</ref> —, wenn er mir nicht ins Herz passt, habe ich mein Leben umsonst gelebt." Kette Kaufmann lachte: „Das ist nicht schwer. Sag, wer es sein soll — die ganze Mitgift richten wir aus, und die Mama braucht sich um nichts zu kümmern." Die Dritte Schwester schluchzte: „Die Schwester weiß es — ich brauche es nicht zu sagen." Kette Kaufmann fragte die Zweite Schwester lachend, wer es sei; die konnte auf die Schnelle nicht darauf kommen. Alle überlegten. Dann rief Kette Kaufmann: „Es kann nur dieser eine sein!" Er klatschte lachend in die Hände: „Ich weiß! Der Mann ist wirklich nicht schlecht — sie hat einen guten Blick!" Die Zweite Schwester fragte lachend, wer es sei. Kette Kaufmann lachte: „Wer sonst könnte in ihr Herz dringen? Es muss Schatzjade sein!" Die Zweite Schwester und die alte Dame Sonders hörten es und fanden es einleuchtend. Die Dritte Schwester aber spuckte aus und sagte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müssten wir dann eure zehn Brüder heiraten? Gibt es auf der Welt etwa nur in eurem Haus gute Männer?" Alle waren verdutzt: „Wer sonst, wenn nicht er?" Die Dritte Schwester lachte: „Denkt nicht nur an die Gegenwart — die Schwester soll fünf Jahre zurückdenken, dann weiß sie es."
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Gerade als sie darüber sprachen, kam Xing'er <ref>einer von Kette Kaufmanns vertrauten Burschen</ref> herein und bat Kette Kaufmann heraus: „Der Herr Vater wartet dringend! Der Kleine hat gesagt, der Herr sei beim Herrn Onkel, und ist sofort hergekommen." Kette Kaufmann fragte hastig: „Hat gestern zu Hause jemand nach mir gefragt?" Xing'er sagte: „Der Kleine hat der Herrin gemeldet, der Herr bespreche im Familientempel mit dem Ersten Herrn Zhen die Hundert-Tage-Zeremonie und könne wohl nicht nach Hause kommen." Kette Kaufmann befahl eilig, sein Pferd zu satteln; Drachenkind begleitete ihn. Xing'er blieb zurück, um eventuelle Besucher zu empfangen.
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Die Zweite Schwester stellte zwei Schalen Speisen auf, ließ einen großen Becher mit Wein einschenken und befahl Xing'er, am Kangrand auf dem Boden sitzend zu essen. Dabei befragte sie ihn lang und breit: Wie alt die Herrin zu Hause sei, wie sie aussehe und wie gefährlich, wie alt die Alte Herrin, die Gnädige Frau, wie viele Fräulein es gebe und allerlei häusliche Dinge. Xing'er aß grinsend am Kangrand, während er Mutter und Tochter ausführlich über die Angelegenheiten des Rongfu informierte. Dann sagte er: „Ich gehöre zur Torwache am Zweiten Tor. Wir sind zwei Schichten, je vier Mann, zusammen acht. Unter diesen acht sind einige Vertraute der Herrin und einige Vertraute des Herrn. Die Vertrauten der Herrin wagen wir nicht zu reizen; aber die Vertrauten des Herrn, die reizt die Herrin ohne Weiteres. Was unsere Herrin betrifft: Im Herzen ist sie bösartig, im Mundwerk messerscharf. Unser Zweiter Herr ist eigentlich ganz anständig, aber wo käme er gegen sie an! Fräulein Ping dagegen, die vor ihr dient, ist ein wirklich guter Mensch. Obwohl sie zur Clique der Herrin gehört, tut sie hinter deren Rücken oft Gutes. Wenn wir uns etwas zuschulden kommen lassen und die Herrin uns nicht verzeiht, brauchen wir nur sie zu bitten, und es ist erledigt. Inzwischen gibt es im ganzen Haus — die Alte Herrin und die Gnädige Frau ausgenommen — keinen Menschen, der sie nicht hasst; nur wagt niemand es zu zeigen. Das liegt nur daran, dass sie es versteht, die Alte Herrin und die Gnädige Frau zufrieden zu stellen. Was sie sagt, ist Gesetz; was sie befiehlt, wird getan — niemand wagt zu widersprechen. Und sie kann es gar nicht abwarten, das Silber zusammenzuschaben und aufzutürmen, damit die Alte Herrin und die Gnädige Frau sagen, sie sei eine tüchtige Hauswirtin — ohne zu bedenken, wie die Untergebenen darunter leiden, während sie sich einschmeichelt. Gibt es etwas Gutes, stürzt sie sich darauf, bevor andere den Mund aufmachen; gibt es Ärger oder hat sie selbst einen Fehler gemacht, zieht sie den Kopf ein und schiebt alles auf andere, während sie daneben noch das Feuer schürt. Inzwischen beschwert sich sogar ihre rechtmäßige Schwiegermutter, die Erste Gnädige Frau, und sagt: ‚Der Spatz fliegt dahin, wo es am besten ist, eine Henne und lauter schwarze Küken — um den eigenen Haushalt kümmert sie sich nicht, aber bei fremden Leuten mischt sie sich überall ein.' Wenn nicht die Alte Herrin wäre, hätte man sie schon längst zur Ordnung gerufen." Die Zweite Schwester lachte: „Du redest hinter ihrem Rücken so über sie — wer weiß, wie du eines Tages über mich redest! Ich stehe sogar noch unter ihr — da gibt es erst recht viel zu reden." Xing'er kniete eilig nieder und sagte: „Wenn die Herrin so spricht, fürchte ich den Blitz nicht! Wenn wir kleinen Leute das Glück gehabt hätten, eine Herrin wie Euch zu bekommen, wären wir weniger geschlagen und beschimpft worden und hätten weniger Angst ausstehen müssen. Alle, die dem Herrn dienen, loben hinter dem Rücken die Güte und das Erbarmen der Herrin. Wir haben uns schon besprochen — am liebsten würden wir den Zweiten Herrn bitten, uns hierherzuversetzen; wir wollen lieber der Herrin hier dienen!" Die Zweite Schwester lachte: „Du Affenbalg! Steh auf! Es war nur ein Scherz — warum so erschrocken? Was wollt ihr hier? Ich will eure Herrin besuchen gehen!" Xing'er winkte heftig ab: „Herrin, geht auf gar keinen Fall! Ich rate der Herrin: Am besten trefft ihr sie nie in eurem Leben! Süß im Mund, bitter im Herzen; zwei Gesichter, drei Messer<ref>Chin. 口蜜腹剑 kǒu mì fù jiàn („Honig im Mund, Schwert im Bauch“) und 两面三刀 liǎng miàn sān dāo („zwei Gesichter, drei Messer“) — bekannte Redewendungen für Falschheit und Hinterlist.</ref>. Oben ein lachendes Gesicht, unten stellt sie ein Bein; nach außen eine Feuerschüssel, im Verborgenen ein scharfes Messer — alles trifft auf sie zu! Ich fürchte, selbst mit dem Mundwerk der Dritten Tante wäre sie ihr nicht gewachsen. Unsere Herrin ist ein so sanfter, wohlerzogener Mensch — sie wäre ihr keineswegs gewachsen!" Die Zweite Schwester sagte: „Ich werde sie nur höflich behandeln — was kann sie mir schon tun?" Xing'er sagte: „Der Kleine redet nicht im Rausch daher. Selbst wenn die Herrin die Höflichkeit selbst ist — wenn sie sieht, dass die Herrin hübscher ist und beliebter, wie sollte sie das auf sich beruhen lassen? Andere sind Essigkrüge — sie ist ein ganzes Essigfass, eine Essigtonne<ref>Chin. 醉缸 cù gāng, 醉瓮 cù wèng — „Essigkrug“ und „Essigtonne“ sind Steigerungsformen des chinesischen Ausdrucks für krankhafte Eifersucht (吃醋 chī cù, wörtl. „Essig essen“).</ref>! Schaut der Herr auch nur ein Mädchen etwas länger an, ist sie imstande, es vor seinen Augen windelweich zu schlagen. Obwohl Fräulein Ping mit im Haus wohnt — ungefähr ein- oder zweimal im Jahr oder in zwei Jahren kommen die beiden zusammen —, sie muss noch zehn Pflaumen im Mund zählen! Einmal wurde Fräulein Ping so wütend, dass sie weinte und schrie: ‚Ich bin nicht von selbst gekommen! Du hast mich überredet, und als ich nicht wollte, hast du gesagt, ich rebelliere — und jetzt das!' Da gibt sie dann nach und bittet Fräulein Ping um Verzeihung." Die Zweite Schwester lachte: „Ist das auch wahr? Ein solches Nachtgespenst — und dann fürchtet sie die eigene Kammerfrau?" Xing'er sagte: „Das ist genau das Sprichwort: ‚Unter dem Himmel kommt man an der Vernunft nicht vorbei.' Diese Friedchen ist seit Kindesbeinen ihre Zofe und kam mit in die Ehe — von den ursprünglich vier blieben nach Heiraten und Todesfällen nur sie allein übrig, die engste Vertraute. Sie hat sie offiziell dem Herrn als Nebenfrau gegeben — erstens, um ihren Ruf der Großmut zu wahren; zweitens, um den Herrn ans Haus zu binden, damit er sich draußen nicht verirrt. Da gibt es noch einen Zusammenhang: In unserem Haus ist es Brauch, dass die jungen Herren, wenn sie erwachsen werden, vor der Hochzeit zwei Mädchen zur Bedienung bekommen. Der Zweite Herr hatte ursprünglich zwei — doch kaum war sie ein halbes Jahr da, hat sie bei beiden einen Fehler gefunden und beide hinausgeworfen. Vor anderen war es ihr peinlich, also zwang sie Fräulein Ping, die Nebenfrau des Herrn zu werden. Fräulein Ping ist ein aufrichtiger Mensch, der die Sache nie auf die Goldwaage legt und niemals zwischen Mann und Frau Zwietracht sät, sondern nur treu und ergeben dient — deshalb wird sie geduldet."
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Die Zweite Schwester lachte: „So ist das also! Aber ich habe gehört, in eurem Haus gebe es auch eine verwitwete Schwägerin und mehrere Fräulein. Wenn sie so streng ist, wie können die sich alle fügen?" Xing'er klatschte lachend in die Hände: „Die Herrin weiß das also noch nicht! Unsere verwitwete Schwägerin hat den Spitznamen ‚Große Bodhisattva' — die tugendhafteste Person überhaupt. Bei uns im Haus ist es so: Witwen kümmern sich nicht um die Verwaltung, sondern sollen in Ruhe und Keuschheit leben. Praktischerweise gibt es viele Fräulein — man hat sie ihr anvertraut, damit sie lesen, schreiben, nähen und Moral lernen. Das ist ihre Aufgabe. Um alles andere kümmert sie sich nicht. Nur weil jene [Phönixglanz] in letzter Zeit krank war und es viel zu tun gibt, führt die Erste Schwägerin vorübergehend die Geschäfte — allerdings tut sie nichts weiter, als die Regeln zu befolgen, ohne sich wie jene wichtigzumachen. Unser Erstes Fräulein <ref>Urfrühling</ref> — über sie braucht man gar nicht zu reden; wäre sie nicht gut, hätte sie nicht dieses große Glück erfahren. Das Zweite Fräulein hat den Spitznamen ‚Holzkopf Nummer Zwei' — selbst wenn man sie mit einer Nadel sticht, sagt sie nicht ‚Au!' Das Dritte Fräulein hat den Spitznamen ‚Rosenblüte'." Die Sonders-Schwestern fragten eilig lachend, warum. Xing'er lachte: „Die Rosenblüte ist rot und duftend — jeder liebt sie; nur stechen die Dornen. Sie ist auch eine Göttin — schade nur, dass sie nicht von der Gnädigen Frau geboren wurde. ‚Aus dem Krähennest kommt ein Phönix.' Das Vierte Fräulein ist noch klein; sie ist eigentlich die leibliche Schwester des Ersten Herrn Zhen. Da sie seit klein auf keine Mutter hatte, hat die Alte Herrin sie der Gnädigen Frau zum Aufziehen gegeben — auch sie kümmert sich um nichts. Was die Herrin nicht weiß: Unsere eigenen Fräulein nicht mitgerechnet, gibt es noch zwei andere Fräulein, die wahrhaftig im Himmel selten und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter unserer verstorbenen Tante väterlicherseits, eine Fräulein Lin, mit dem Rufnamen Kajaljade. Gesicht und Gestalt gleichen der Dritten Tante hier; sie ist voller Gelehrsamkeit, nur leider stets kränklich. Bei diesem Wetter trägt sie noch gefütterte Kleider — geht sie hinaus, ein Windhauch und sie fällt um. Wir unverschämte Bande nennen sie heimlich ‚die kränkliche Xi Shi'. Und dann gibt es noch die Tochter der Frau Tante, eine Fräulein Xue, mit dem Rufnamen Schatzspange — als wäre sie aus Schnee geformt. Wenn sie einmal zur Tür herauskommt oder in die Kutsche steigt, oder wenn man sie zufällig im Hof erblickt, dann sind wir wie vom Donner gerührt — vor diesen beiden wagen wir nicht einmal zu atmen." Die Zweite Schwester lachte: „In einem großen Haus wie eurem — auch wenn ihr Jungen hineingehen dürft, solltet ihr euch doch von den Fräulein fernhalten." Xing'er winkte ab: „Nein, nein! Bei den großen offiziellen Zeremonien versteckt man sich natürlich weit weg, das versteht sich von selbst. Aber selbst wenn man sich versteckt hat, traut man sich nicht zu atmen — aus Angst, ein zu tiefer Atemzug könnte die Lin umwerfen, und ein zu warmer Atem könnte die Xue zum Schmelzen bringen!" Darüber lachte das ganze Zimmer.
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Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 65 Kette Kaufmann [贾琏] heiratet heimlich die Zweitschwester Sonders Drittschwester Sonders bringt die Kaufmann-Brüder mit scharfer Zunge zum Schweigen

Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] und Hibiskus Kaufmann [贾蓉] alles im Einzelnen besprochen hatten und jede Vorkehrung getroffen war. Am zweiten des Monats brachte man zunächst die alte Dame Sonders und die Dritte Schwester ins neue Haus. Als die Alte es sah, war es zwar nicht so prächtig, wie Herrlichkeit Kaufmann es ihr versprochen hatte, doch es war durchaus angemessen ausgestattet, und Mutter und Tochter waren zufrieden. Bao Er und seine Frau empfingen sie voller Eifer wie ein loderndes Feuer: Er nannte die alte Dame Sonders unaufhörlich „Mama" oder „Alte Dame" und die Dritte Schwester „Dritte Tante" oder „Frau Tante". Am nächsten Tag, in der fünften Nachtwache, brachte man die Zweite Schwester in einer schlichten Sänfte herbei. Räucherstäbchen, Kerzen, Papierpferde, Bettzeug, Wein und Speisen — alles war aufs Sorgfältigste vorbereitet worden. Kurz darauf kam Kette Kaufmann in schlichter Kleidung in einer kleinen Sänfte, verbeugte sich vor Himmel und Erde und verbrannte die Papierpferde. Die alte Dame Sonders sah die Zweite Schwester von Kopf bis Fuß strahlend neu gekleidet, ganz anders als zu Hause, und war hochzufrieden. Man führte die Braut ins Hochzeitsgemach. In jener Nacht genossen Kette Kaufmann und sie die Freuden der Ehe in vollkommenem Glück — was nicht im Einzelnen beschrieben werden muss.

Kette Kaufmann fand die Zweite Schwester, je länger er sie ansah, umso schöner und entzückender. Er wusste gar nicht, wie er sie genug verwöhnen sollte. Er wies Bao Er und die anderen an, niemals von einer „Ersten" oder „Zweiten" zu sprechen, sondern sie stets als „Herrin" zu bezeichnen — und er selbst nannte sie ebenfalls so und tat, als existiere Phönixglanz [熙凤] gar nicht mehr. Wenn er nach Hause ging, sagte er nur, im Östlichen Palais gebe es Geschäfte zu regeln. Phönixglanz und ihre Leute wussten, dass er mit Herrlichkeit Kaufmann eng vertraut war, und hielten es für selbstverständlich, dass es Dinge zu besprechen gab — sie schöpften keinen Verdacht. Obwohl die Dienerschaft zahlreich war, kümmerte sich niemand um solche Dinge. Selbst jene Müßiggänger, die sich auf das Ausspionieren von Klatsch spezialisierten, schmeichelten sich lieber bei Kette Kaufmann ein und nutzten die Gelegenheit, sich ein paar Vorteile zu verschaffen — keiner wollte etwas verraten. Kette Kaufmann war Herrlichkeit Kaufmann daher unsäglich dankbar. Er gab monatlich fünf Liang Silber für den täglichen Unterhalt aus. Wenn er nicht kam, aßen Mutter und Töchter zu dritt; wenn er kam, aßen er und seine Frau zusammen, während Mutter und Schwestern sich in ihre Zimmer zurückzogen. Kette Kaufmann brachte auch alle seine über die Jahre angesammelten privaten Ersparnisse und übergab sie der Zweiten Schwester zur Aufbewahrung. Er erzählte ihr auch am Bett ausführlich von Phönixglanzs Charakter und Gebaren und sagte, sobald jene tot sei, werde er sie ins Haus holen. Die Zweite Schwester hörte das und war natürlich einverstanden. So führten die etwa zehn Personen ein recht behagliches und wohlhabendes Leben.

Im Nu waren zwei Monate vergangen. An diesem Tag hatte Herrlichkeit Kaufmann im Eiserne-Schwelle-Kloster eine buddhistische Zeremonie abgeschlossen und wollte am Abend auf dem Heimweg, weil er seine Schwägerinnen schon so lange nicht gesehen hatte, ihnen einen Besuch abstatten. Er schickte zunächst einen Burschen los, um zu erkunden, ob Kette Kaufmann da sei. Der Bursche kam zurück und sagte nein. Herrlichkeit Kaufmann freute sich, schickte alle Begleiter voraus und behielt nur zwei vertraute Burschen bei sich, die die Pferde führten. Zur Zeit des Lampenanzündens kam er leise ans neue Haus. Die beiden Burschen banden die Pferde im Stall an und gingen in die Dienstbotenräume, um zu warten.

Herrlichkeit Kaufmann trat ein. Drinnen waren gerade die Lampen angezündet worden. Er begrüßte die alte Dame Sonders und die Töchter; dann kam die Zweite Schwester heraus, und Herrlichkeit Kaufmann nannte sie wie zuvor „Zweite Schwägerin". Man trank Tee und plauderte eine Weile. Herrlichkeit Kaufmann sagte lachend: „Wie ist der Heiratsvermittler, den ich euch besorgt habe? Wenn ihr die Gelegenheit verpasst hättet, hättet ihr selbst mit einer Laterne keinen Besseren gefunden! In ein paar Tagen wird eure Schwester Geschenke vorbereiten und euch besuchen kommen." Während sie sprachen, hatte die Zweite Schwester bereits Wein und Speisen vorbereiten lassen. Die Tür wurde geschlossen; da man unter sich war, gab es keine Förmlichkeiten. Bao Er kam, um seine Aufwartung zu machen. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Du bist ein Kerl mit Gewissen, deshalb habe ich dich hierher beordert. Künftig habe ich noch wichtige Verwendung für dich — treib dich nur nicht draußen herum und mach keinen Ärger. Ich werde dich belohnen. Wenn hier etwas fehlt — dein Zweiter Herr Lian hat viel zu tun, und dort drüben sind zu viele Leute — komm ruhig direkt zu mir. Wir Brüder sind nicht wie andere." Bao Er antwortete: „Jawohl, ich weiß Bescheid. Wenn ich nicht mit ganzem Herzen diene, lasse ich mich köpfen." Herrlichkeit Kaufmann nickte: „So will ich es hören." Man trank zu viert. Die Zweite Schwester, die die Lage verstand, lud ihre Mutter ein: „Mir ist unheimlich — Mama, komm, wir gehen drüben ein bisschen spazieren." Die alte Dame Sonders verstand ebenfalls und ging tatsächlich mit ihr hinaus. Nur die kleinen Mädchen blieben. Herrlichkeit Kaufmann rückte sofort an die Dritte Schwester heran, Schulter an Schulter, Wange an Wange, und begann sie auf jede erdenkliche Weise zu bedrängen. Die Mädchen konnten es nicht mit ansehen und schlichen sich alle hinaus, überließen die beiden sich selbst — was sie miteinander trieben, sei hier nicht beschrieben.

Die beiden Burschen tranken unten in der Küche mit Bao Er; Bao Ers Frau stand am Herd. Plötzlich kamen zwei Mädchen lachend herunter und wollten auch Wein trinken. Bao Er sagte: „Warum seid ihr nicht oben beim Dienen? Wenn man euch ruft und niemand da ist, gibt es Ärger." Seine Frau schimpfte: „Du verblödeter Tölpel! Sauf nur deinen Fusel! Sauf dich voll und leg dich mit deinen Knochen hin und streck alle viere von dir! Ob gerufen wird oder nicht, geht dich einen Dreck an! Ich stehe für alles gerade — dich trifft kein Regen und kein Wind." Bao Er verdankte seinen Aufstieg im Grunde seiner Frau; in letzter Zeit war er ihr noch mehr verpflichtet. Er kümmerte sich um nichts außer Geldverdienen und Weintrinken, und Kette Kaufmann und die anderen tadelten ihn nicht dafür. So behandelte er seine Frau wie eine Mutter, gehorchte ihr in allem, trank sich voll und ging schlafen. Bao Ers Frau blieb mit den Mädchen und Burschen beim Wein, um sich deren Gunst zu sichern — denn sie wollte vor Herrlichkeit Kaufmann gut dastehen.

Gerade als die vier sich amüsierten, klopfte es an der Tür. Bao Ers Frau eilte zum Öffnen — es war Kette Kaufmann, der vom Pferd stieg und fragte, ob alles in Ordnung sei. Bao Ers Frau flüsterte ihm zu: „Der Erste Herr ist hier — im westlichen Hof." Kette Kaufmann hörte das und ging in sein Schlafzimmer. Dort fand er die Zweite Schwester und ihre Mutter; als sie ihn sahen, lag ein verlegener Ausdruck auf ihren Gesichtern. Kette Kaufmann tat, als bemerke er nichts, und sagte nur: „Bringt schnell Wein — ich will noch ein paar Gläser trinken und dann schlafen. Ich bin heute sehr müde." Die Zweite Schwester eilte herbei, lächelnd, nahm ihm die Oberkleider ab und brachte Tee, fragte dies und jenes. Kette Kaufmann war entzückt vor Freude. Bald brachte Bao Ers Frau den Wein, und die beiden tranken zusammen. Die Schwiegermutter trank nicht mit und ging in ihr Zimmer schlafen. Eins der Mädchen kam herüber zum Bedienen.

Kette Kaufmanns Vertrauensknabe Drachenkind hatte sein Pferd angebunden und bemerkt, dass dort bereits ein anderes Pferd stand. Er sah genauer hin und erkannte, dass es Herrlichkeit Kaufmanns war. Er verstand und ging ebenfalls in die Küche. Dort saßen Xi'er und Shou'er [1] und tranken. Als sie ihn kommen sahen, verstanden auch sie und sagten lachend: „Du kommst gerade zur rechten Zeit! Wir konnten mit dem Pferd des Herrn nicht mithalten und fürchteten, die Nachtwache zu stören — deshalb haben wir hier Quartier genommen." Drachenkind lachte: „Es gibt Platz genug — schlaft nur! Ich bin vom Zweiten Herrn geschickt worden, um das Monatssilber abzuliefern. Nachdem ich es der Herrin gegeben habe, gehe ich auch nicht mehr zurück." Xi'er sagte: „Wir haben genug getrunken — trink du eine Runde." Drachenkind setzte sich gerade und hob den Becher, als aus dem Pferdestall Lärm ertönte: Die beiden Pferde im selben Stall vertrugen sich nicht und traten und schlugen aufeinander ein. Drachenkind und die anderen sprangen auf, rannten hinaus und beruhigten die Pferde mit Müh und Not, banden sie getrennt an und kamen zurück. Bao Ers Frau sagte lachend: „Bleibt alle drei hier; Tee ist fertig — ich gehe jetzt." Damit schloss sie die Tür hinter sich. Xi'er hatte einige Becher getrunken und war schon glasig. Drachenkind und Shou'er schlossen die Tür und sahen Xi'er steif wie ein Brett auf dem Rücken auf dem Kang liegen. Sie stießen ihn an: „Guter Bruder, steh auf und schlaf ordentlich — wenn du den ganzen Platz einnimmst, haben wir es schwer." Xi'er brummte: „Heute Nacht spielen wir schön fair und ehrlich — wer den Anständigen spielt, den prügele ich windelweich!" Drachenkind und Shou'er sahen, dass er betrunken war, und sagten nichts weiter; sie löschten das Licht und legten sich hin, so gut es ging.

Die Zweite Schwester hörte den Pferdelärm und wurde unruhig; sie versuchte Kette Kaufmann mit Gerede abzulenken. Kette Kaufmann aber, nach einigen Bechern in Frühlingsstimmung, befahl, Wein und Früchte abzuräumen, die Tür zu schließen und sich auszukleiden. Die Zweite Schwester trug nur ein kleines, hochrotes Jäckchen, das rabenschwarze Haar lose herabfallend, das Gesicht voller Frühlingsglut, noch schöner als am Tage. Kette Kaufmann umarmte sie und lachte: „Alle Welt sagt, unser Nachtgespenst zu Hause [2] sei eine Schönheit — aber wie ich jetzt sehe, wäre sie nicht einmal würdig, dir die Schuhe zu halten." Die Zweite Schwester sagte: „Ich mag hübsch sein, aber ich habe keinen guten Charakter. So betrachtet ist es doch besser, nicht hübsch zu sein." Kette Kaufmann fragte eilig: „Wie meinst du das? Das verstehe ich nicht." Die Zweite Schwester sagte unter Tränen: „Ihr haltet mich für dumm — aber es gibt nichts, das ich nicht weiß. Seit zwei Monaten bin ich nun deine Frau; die Zeit ist kurz, aber ich weiß, dass du kein Dummkopf bist. Lebend bin ich dein Mensch, tot dein Geist; da wir nun verheiratet sind, verlasse ich mich ein Leben lang auf dich — wie könnte ich auch nur ein Wort verschweigen? Für mich selbst habe ich jetzt einen Halt, aber was wird aus meiner Schwester? So wie die Dinge liegen, fürchte ich, das ist keine Dauerlösung — es muss ein langfristiger Plan her." Kette Kaufmann hörte das und lachte: „Sei unbesorgt! Ich bin keiner, der eifersüchtig wird. Die Vergangenheit kenne ich genau; du brauchst nicht erschrocken zu sein. Da es der Schwager [3] ist, der sich wie ein Bruder verhält, ist dir das natürlich peinlich — besser, ich breche das Eis." Er stand auf und ging in den westlichen Hof. Durch das Fenster sah er helles Kerzenlicht; die beiden tranken und amüsierten sich.

Kette Kaufmann drückte die Tür auf und sagte lachend: „So ist der Älteste Bruder also hier! Der jüngere Bruder kommt, um seine Aufwartung zu machen." Herrlichkeit Kaufmann war vor Scham sprachlos; er konnte nur aufstehen und ihm einen Platz anbieten. Kette Kaufmann sagte eilig lachend: „Warum so förmlich! Wie war es denn früher unter uns Brüdern? Der Älteste Bruder hat sich meinetwegen so viel Mühe gemacht — selbst wenn ich mich in Stücke risse, könnte ich meine Dankbarkeit nicht ausdrücken. Wenn der Älteste Bruder sich Bedenken macht, wie soll ich mich dann fühlen? Von nun an bitte ich den Ältesten Bruder, alles wie früher zu halten — andernfalls bleibt mir der jüngere Bruder lieber ohne Nachkommen und wagt nicht mehr, hierher zu kommen." Damit wollte er niederknien. Herrlichkeit Kaufmann hielt ihn erschrocken zurück und sagte nur: „Bruder, was du auch sagst — ich folge in allem." Kette Kaufmann rief: „Bringt Wein! Ich will mit dem Ältesten Bruder noch ein paar Gläser trinken!" Dann zog er die Dritte Schwester herbei: „Komm her und schenk dem Schwager ein!" Herrlichkeit Kaufmann lachte: „Alter Zweiter, du bist wirklich du selbst — Bruder muss diesen Becher leer trinken!" Er kippte den Becher in einem Zug. Die Dritte Schwester aber stand auf dem Kang, zeigte auf Kette Kaufmann und lachte scharf: „Spar dir dein glattes Geschwätz! Klares Wasser, grobe Nudeln — du isst, und ich schaue zu! Ihr spielt Schattentheater mit Puppen — aber besser, ihr reißt das Papier nicht durch! Bildet euch nur nicht ein, wir wüssten nicht, was in eurem Palais los ist! Jetzt habt ihr ein paar stinkende Taler hingeworfen, und ihr zwei Brüder behandelt uns zwei Schwestern wie Freudenmädchen zum Vergnügen — da habt ihr euch aber verrechnet! Ich weiß auch, dass deine Frau eine schwierige Furie ist. Nun hast du meine Schwester hierhergelockt als Zweitfrau — eine gestohlene Glocke, die man nicht läuten darf[4]! Ich will diese Frau Feng einmal kennenlernen — mal sehen, wie viele Köpfe und wie viele Hände die hat! Wenn alle zufrieden und freundlich sind, gut und schön; aber wenn mir auch nur das Geringste nicht passt, dann habe ich die Kraft, euch dreien erst die Innereien herauszureißen und mich dann mit dieser Furie auf Leben und Tod zu schlagen — sonst bin ich nicht die Dritte Tante You! Trinken? Was soll die Angst — wir trinken!" Damit griff sie selbst zur Kanne, schenkte sich einen Becher ein, trank die Hälfte, schlang dann den Arm um Kette Kaufmanns Hals und goss ihm den Rest ein: „Dein Bruder und ich haben schon getrunken — komm, wir wollen ein wenig kuscheln!" Kette Kaufmann war so erschrocken, dass ihm der Wein aus dem Kopf fuhr. Auch Herrlichkeit Kaufmann hatte nicht erwartet, dass die Dritte Schwester so schamlos und durchsetzungsfähig sein könnte. Die beiden Brüder waren beide abgebrühte Wüstlinge — und doch wurde ihnen heute von diesem Mädchen mit einer einzigen Rede der Mund gestopft. Die Dritte Schwester rief immerfort: „Holt die Schwester her — wenn schon vergnügen, dann alle vier zusammen! Das Sprichwort sagt: ‚Am billigsten kommt man im eigenen Haus davon!' Die sind Brüder, wir sind Schwestern, keine Fremden — nur herein!" Die Zweite Schwester wurde ganz verlegen. Herrlichkeit Kaufmann wollte sich bei der ersten Gelegenheit davonstehlen, doch die Dritte Schwester ließ ihn nicht gehen. Herrlichkeit Kaufmann bereute nun seine Leichtfertigkeit — er hatte nicht damit gerechnet, dass sie so war, und wagte es zusammen mit Kette Kaufmann nicht mehr, sich ihr gegenüber frivol zu benehmen.

Die Dritte Schwester hatte ihr Haar locker aufgesteckt, das hochrote Jäckchen halb offen, halb geschlossen, sodass das zwiebelgrüne Mieder und ein Streifen schneeweißen Busens zum Vorschein kamen. Darunter grüne Hosen, rote Schuhe; die beiden goldenen Lotusfüße, bald übereinandergeschlagen, bald nebeneinander, keine Sekunde sittsam. Die beiden Ohrgehänge schwangen wie Schaukeln. Im Lampenlicht wirkten die Weidenbrauen noch grüner, der Sandelholzmund noch röter. Ihre Augen waren von Natur klare Herbstwasser; nach dem Wein kam noch ein Hauch trunken-lasziver Schwüle hinzu. Nicht nur stellte sie ihre ältere Schwester in den Schatten — nach dem Urteil von Herrlichkeit Kaufmann und Kette Kaufmann hatten sie unter allen Frauen, die sie je gesehen hatten, ob hoch oder niedrig, vornehm oder gering, keine von solcher Anmut und Verführungskraft gefunden. Die beiden waren schon willenlos vor Begierde und konnten nicht umhin, einen Annäherungsversuch zu machen — doch sie kehrte ihre verführerischen Künste nur hervor, um die beiden in Schach zu halten. Die Dritte Schwester gab ihnen eine Kostprobe ihrer Augen und Hände, und die beiden Brüder hatten keinerlei Urteilskraft mehr, brachten kein einziges vernünftiges Wort mehr heraus — alles drehte sich nur noch um Wein und Frauen. Sie aber führte das große Wort, schwadronierte und amüsierte sich auf ihre Kosten; im Grunde war sie es, die die Männer „besuchte", nicht umgekehrt. Als ihr Wein und Vergnügen genug waren, ließ sie die Brüder nicht länger sitzen, sondern jagte sie hinaus und schloss die Tür, um schlafen zu gehen.

Von da an schimpfte sie, wenn je ein Mädchen oder eine Dienerin nicht in der Nähe war, mit schrillen Worten auf Kette Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann, alle drei — sie hätten drei Witwen und Waisen betrogen. Herrlichkeit Kaufmann wagte nach seiner Rückkehr nicht mehr so leichtfertig wiederzukommen. Nur wenn die Dritte Schwester guter Laune war und heimlich einen Burschen schickte, um ihn einzuladen, wagte er, kurz zu erscheinen — und dann musste er sich fügen, wie es ihr beliebte. Doch wer hätte gedacht, dass die Dritte Schwester einen unbändigen Charakter hatte? Im Bewusstsein ihrer eigenen Schönheit putzte sie sich absichtlich noch auffälliger heraus und entfaltete unzählige verführerische Gesten, die kein anderer erreichen konnte, nur um die Männer sabbern und verzweifeln zu lassen — nahe konnte man ihr nicht kommen, doch entfernen wollte man sich auch nicht. Dieses Hin und Her war ihr Vergnügen. Mutter und Schwester redeten ihr gut zu, doch sie erwiderte: „Schwester, du bist verblendet! Wir, die wir Gold und Jade sind, sollen uns von diesen zwei Schande-über-die-Ahnen-Burschen beschmutzen lassen — das wäre doch eine Schande! Zudem gibt es in deren Haus eine äußerst gefährliche Frau. Solange sie nichts weiß, sind wir sicher. Aber eines Tages wird sie es erfahren — und dann gibt es kein Halten mehr; ein großer Kampf steht bevor, wer weiß, wer lebt und wer stirbt. Solange ich sie noch demütigen und bestrafen kann, will ich es tun — sonst fällt am Ende doch nur ein übler Ruf auf mich, und die Reue kommt zu spät." Da Mutter und Schwester sahen, dass sie nicht auf Ermahnungen hörte, ließen sie es sein. Die Dritte Schwester wählte täglich mit äußerster Anspruchsvolle ihr Essen und ihre Kleidung: Hatte sie Silberschmuck, wollte sie Gold; hatte sie Perlen, wollte sie Edelsteine; gab es fette Gans, musste auch fette Ente geschlachtet werden. War sie unzufrieden, stieß sie den ganzen Tisch um. Gefiel ein Kleid nicht, zerschnitt sie es, ob Seide oder Brokat, ob neu oder alt — ein Fetzen gerissen, ein Schimpfwort gesagt. Letztlich hatte Herrlichkeit Kaufmann keinen einzigen Tag lang seine Freude, sondern gab nur eine Menge Geld mit schlechtem Gewissen aus.

Wenn Kette Kaufmann kam, blieb er nur im Zimmer der Zweiten Schwester, und auch ihn begann die Reue zu beschleichen. Aber die Zweite Schwester war eine warmherzige Frau. Da sie Kette Kaufmann als ihren Lebensgefährten betrachtete, war sie in allem fürsorglich und aufmerksam. Was Sanftmut und Folgsamkeit anging, so besprach sie stets alles gemeinsam und wagte nie, eigenmächtig zu handeln — in dieser Hinsicht überragte sie Phönixglanz um das Zehnfache. Auch an Schönheit, Beredsamkeit und Benehmen war sie ihr um fünf Grade überlegen. Obwohl sie sich nun gebessert hatte, war der Fehltritt doch geschehen, und das Wort „Unkeuschheit" hing an ihr — all ihre Tugenden zählten nicht mehr. Doch Kette Kaufmann sagte: „Wer ist ohne Fehler? Wer seinen Irrtum erkennt und sich bessert, ist gut genug." So sprach er nicht mehr von der vergangenen Ausschweifung, schätzte nur ihr gegenwärtiges Wesen und war mit ihr unzertrennlich wie Leim und Lack, wie Wasser und Fisch — ein Herz und eine Seele, zum Leben und Sterben verbunden. An Feng und Friedchen [平儿] dachte er kaum noch. Am Bett riet die Zweite Schwester Kette Kaufmann auch oft: „Besprich es mit dem Ältesten Bruder Zhen — wählt einen zuverlässigen Mann aus und verheiratet die Dritte Schwester. Es ist kein Dauerzustand, sie hier zu behalten; früher oder später gibt es Ärger — was dann?" Kette Kaufmann sagte: „Neulich habe ich es dem Ältesten Bruder vorgeschlagen, aber er kann nicht loslassen. Ich sagte: ‚Sie ist ein fettes Stück Hammelfleisch, nur verbrennt man sich die Zunge daran; eine Rosenblüte ist liebreizend, aber der Dorn sticht in die Hand. Wir werden sie kaum bändigen — besser, wir suchen ihr jemanden.' Er hat nur genickt und es dann fallen lassen. Was soll ich tun?" Die Zweite Schwester sagte: „Sei unbesorgt. Morgen reden wir erst mit der Dritten Schwester; wenn sie einverstanden ist, soll sie selbst Druck machen. Wenn sie genug Aufruhr macht, wird man sie schon verheiraten müssen." Kette Kaufmann hörte das und sagte: „Das ist ein ausgezeichneter Plan."

Am nächsten Tag bereitete die Zweite Schwester extra Wein vor. Kette Kaufmann ging nicht aus dem Haus und lud eigens um die Mittagszeit die jüngere Schwester herüber; die Mutter saß oben. Die Dritte Schwester verstand sofort, worum es ging. Nach der dritten Runde Wein, ohne dass die Schwester den Mund aufmachen musste, begann sie selbst unter Tränen: „Schwester, du hast mich heute eingeladen, weil du mir etwas Wichtiges sagen willst. Aber deine Schwester ist nicht dumm — du brauchst mir nicht weitschweifig die alten Schändlichkeiten aufzuzählen; ich weiß alles, und es ist zwecklos, darüber zu reden. Da nun die Schwester einen guten Hafen gefunden hat und auch die Mama versorgt ist, muss auch ich mein eigenes Schicksal suchen — das ist nur recht und billig. Aber eine lebenslange Entscheidung, von der Geburt bis zum Tod, ist kein Kinderspiel. Ich habe mich nun gebessert und halte mich an die Anstandsregeln. Nur wenn ich selbst einen Mann nach meinem Herzen wählen darf, gehe ich mit ihm. Wenn ihr für mich wählt — und wäre er reicher als Shi Chong, begabter als Cao Zijian und schöner als Pan An [5] —, wenn er mir nicht ins Herz passt, habe ich mein Leben umsonst gelebt." Kette Kaufmann lachte: „Das ist nicht schwer. Sag, wer es sein soll — die ganze Mitgift richten wir aus, und die Mama braucht sich um nichts zu kümmern." Die Dritte Schwester schluchzte: „Die Schwester weiß es — ich brauche es nicht zu sagen." Kette Kaufmann fragte die Zweite Schwester lachend, wer es sei; die konnte auf die Schnelle nicht darauf kommen. Alle überlegten. Dann rief Kette Kaufmann: „Es kann nur dieser eine sein!" Er klatschte lachend in die Hände: „Ich weiß! Der Mann ist wirklich nicht schlecht — sie hat einen guten Blick!" Die Zweite Schwester fragte lachend, wer es sei. Kette Kaufmann lachte: „Wer sonst könnte in ihr Herz dringen? Es muss Schatzjade sein!" Die Zweite Schwester und die alte Dame Sonders hörten es und fanden es einleuchtend. Die Dritte Schwester aber spuckte aus und sagte: „Wenn wir zehn Schwestern wären, müssten wir dann eure zehn Brüder heiraten? Gibt es auf der Welt etwa nur in eurem Haus gute Männer?" Alle waren verdutzt: „Wer sonst, wenn nicht er?" Die Dritte Schwester lachte: „Denkt nicht nur an die Gegenwart — die Schwester soll fünf Jahre zurückdenken, dann weiß sie es."

Gerade als sie darüber sprachen, kam Xing'er [6] herein und bat Kette Kaufmann heraus: „Der Herr Vater wartet dringend! Der Kleine hat gesagt, der Herr sei beim Herrn Onkel, und ist sofort hergekommen." Kette Kaufmann fragte hastig: „Hat gestern zu Hause jemand nach mir gefragt?" Xing'er sagte: „Der Kleine hat der Herrin gemeldet, der Herr bespreche im Familientempel mit dem Ersten Herrn Zhen die Hundert-Tage-Zeremonie und könne wohl nicht nach Hause kommen." Kette Kaufmann befahl eilig, sein Pferd zu satteln; Drachenkind begleitete ihn. Xing'er blieb zurück, um eventuelle Besucher zu empfangen.

Die Zweite Schwester stellte zwei Schalen Speisen auf, ließ einen großen Becher mit Wein einschenken und befahl Xing'er, am Kangrand auf dem Boden sitzend zu essen. Dabei befragte sie ihn lang und breit: Wie alt die Herrin zu Hause sei, wie sie aussehe und wie gefährlich, wie alt die Alte Herrin, die Gnädige Frau, wie viele Fräulein es gebe und allerlei häusliche Dinge. Xing'er aß grinsend am Kangrand, während er Mutter und Tochter ausführlich über die Angelegenheiten des Rongfu informierte. Dann sagte er: „Ich gehöre zur Torwache am Zweiten Tor. Wir sind zwei Schichten, je vier Mann, zusammen acht. Unter diesen acht sind einige Vertraute der Herrin und einige Vertraute des Herrn. Die Vertrauten der Herrin wagen wir nicht zu reizen; aber die Vertrauten des Herrn, die reizt die Herrin ohne Weiteres. Was unsere Herrin betrifft: Im Herzen ist sie bösartig, im Mundwerk messerscharf. Unser Zweiter Herr ist eigentlich ganz anständig, aber wo käme er gegen sie an! Fräulein Ping dagegen, die vor ihr dient, ist ein wirklich guter Mensch. Obwohl sie zur Clique der Herrin gehört, tut sie hinter deren Rücken oft Gutes. Wenn wir uns etwas zuschulden kommen lassen und die Herrin uns nicht verzeiht, brauchen wir nur sie zu bitten, und es ist erledigt. Inzwischen gibt es im ganzen Haus — die Alte Herrin und die Gnädige Frau ausgenommen — keinen Menschen, der sie nicht hasst; nur wagt niemand es zu zeigen. Das liegt nur daran, dass sie es versteht, die Alte Herrin und die Gnädige Frau zufrieden zu stellen. Was sie sagt, ist Gesetz; was sie befiehlt, wird getan — niemand wagt zu widersprechen. Und sie kann es gar nicht abwarten, das Silber zusammenzuschaben und aufzutürmen, damit die Alte Herrin und die Gnädige Frau sagen, sie sei eine tüchtige Hauswirtin — ohne zu bedenken, wie die Untergebenen darunter leiden, während sie sich einschmeichelt. Gibt es etwas Gutes, stürzt sie sich darauf, bevor andere den Mund aufmachen; gibt es Ärger oder hat sie selbst einen Fehler gemacht, zieht sie den Kopf ein und schiebt alles auf andere, während sie daneben noch das Feuer schürt. Inzwischen beschwert sich sogar ihre rechtmäßige Schwiegermutter, die Erste Gnädige Frau, und sagt: ‚Der Spatz fliegt dahin, wo es am besten ist, eine Henne und lauter schwarze Küken — um den eigenen Haushalt kümmert sie sich nicht, aber bei fremden Leuten mischt sie sich überall ein.' Wenn nicht die Alte Herrin wäre, hätte man sie schon längst zur Ordnung gerufen." Die Zweite Schwester lachte: „Du redest hinter ihrem Rücken so über sie — wer weiß, wie du eines Tages über mich redest! Ich stehe sogar noch unter ihr — da gibt es erst recht viel zu reden." Xing'er kniete eilig nieder und sagte: „Wenn die Herrin so spricht, fürchte ich den Blitz nicht! Wenn wir kleinen Leute das Glück gehabt hätten, eine Herrin wie Euch zu bekommen, wären wir weniger geschlagen und beschimpft worden und hätten weniger Angst ausstehen müssen. Alle, die dem Herrn dienen, loben hinter dem Rücken die Güte und das Erbarmen der Herrin. Wir haben uns schon besprochen — am liebsten würden wir den Zweiten Herrn bitten, uns hierherzuversetzen; wir wollen lieber der Herrin hier dienen!" Die Zweite Schwester lachte: „Du Affenbalg! Steh auf! Es war nur ein Scherz — warum so erschrocken? Was wollt ihr hier? Ich will eure Herrin besuchen gehen!" Xing'er winkte heftig ab: „Herrin, geht auf gar keinen Fall! Ich rate der Herrin: Am besten trefft ihr sie nie in eurem Leben! Süß im Mund, bitter im Herzen; zwei Gesichter, drei Messer[7]. Oben ein lachendes Gesicht, unten stellt sie ein Bein; nach außen eine Feuerschüssel, im Verborgenen ein scharfes Messer — alles trifft auf sie zu! Ich fürchte, selbst mit dem Mundwerk der Dritten Tante wäre sie ihr nicht gewachsen. Unsere Herrin ist ein so sanfter, wohlerzogener Mensch — sie wäre ihr keineswegs gewachsen!" Die Zweite Schwester sagte: „Ich werde sie nur höflich behandeln — was kann sie mir schon tun?" Xing'er sagte: „Der Kleine redet nicht im Rausch daher. Selbst wenn die Herrin die Höflichkeit selbst ist — wenn sie sieht, dass die Herrin hübscher ist und beliebter, wie sollte sie das auf sich beruhen lassen? Andere sind Essigkrüge — sie ist ein ganzes Essigfass, eine Essigtonne[8]! Schaut der Herr auch nur ein Mädchen etwas länger an, ist sie imstande, es vor seinen Augen windelweich zu schlagen. Obwohl Fräulein Ping mit im Haus wohnt — ungefähr ein- oder zweimal im Jahr oder in zwei Jahren kommen die beiden zusammen —, sie muss noch zehn Pflaumen im Mund zählen! Einmal wurde Fräulein Ping so wütend, dass sie weinte und schrie: ‚Ich bin nicht von selbst gekommen! Du hast mich überredet, und als ich nicht wollte, hast du gesagt, ich rebelliere — und jetzt das!' Da gibt sie dann nach und bittet Fräulein Ping um Verzeihung." Die Zweite Schwester lachte: „Ist das auch wahr? Ein solches Nachtgespenst — und dann fürchtet sie die eigene Kammerfrau?" Xing'er sagte: „Das ist genau das Sprichwort: ‚Unter dem Himmel kommt man an der Vernunft nicht vorbei.' Diese Friedchen ist seit Kindesbeinen ihre Zofe und kam mit in die Ehe — von den ursprünglich vier blieben nach Heiraten und Todesfällen nur sie allein übrig, die engste Vertraute. Sie hat sie offiziell dem Herrn als Nebenfrau gegeben — erstens, um ihren Ruf der Großmut zu wahren; zweitens, um den Herrn ans Haus zu binden, damit er sich draußen nicht verirrt. Da gibt es noch einen Zusammenhang: In unserem Haus ist es Brauch, dass die jungen Herren, wenn sie erwachsen werden, vor der Hochzeit zwei Mädchen zur Bedienung bekommen. Der Zweite Herr hatte ursprünglich zwei — doch kaum war sie ein halbes Jahr da, hat sie bei beiden einen Fehler gefunden und beide hinausgeworfen. Vor anderen war es ihr peinlich, also zwang sie Fräulein Ping, die Nebenfrau des Herrn zu werden. Fräulein Ping ist ein aufrichtiger Mensch, der die Sache nie auf die Goldwaage legt und niemals zwischen Mann und Frau Zwietracht sät, sondern nur treu und ergeben dient — deshalb wird sie geduldet."

Die Zweite Schwester lachte: „So ist das also! Aber ich habe gehört, in eurem Haus gebe es auch eine verwitwete Schwägerin und mehrere Fräulein. Wenn sie so streng ist, wie können die sich alle fügen?" Xing'er klatschte lachend in die Hände: „Die Herrin weiß das also noch nicht! Unsere verwitwete Schwägerin hat den Spitznamen ‚Große Bodhisattva' — die tugendhafteste Person überhaupt. Bei uns im Haus ist es so: Witwen kümmern sich nicht um die Verwaltung, sondern sollen in Ruhe und Keuschheit leben. Praktischerweise gibt es viele Fräulein — man hat sie ihr anvertraut, damit sie lesen, schreiben, nähen und Moral lernen. Das ist ihre Aufgabe. Um alles andere kümmert sie sich nicht. Nur weil jene [Phönixglanz] in letzter Zeit krank war und es viel zu tun gibt, führt die Erste Schwägerin vorübergehend die Geschäfte — allerdings tut sie nichts weiter, als die Regeln zu befolgen, ohne sich wie jene wichtigzumachen. Unser Erstes Fräulein [9] — über sie braucht man gar nicht zu reden; wäre sie nicht gut, hätte sie nicht dieses große Glück erfahren. Das Zweite Fräulein hat den Spitznamen ‚Holzkopf Nummer Zwei' — selbst wenn man sie mit einer Nadel sticht, sagt sie nicht ‚Au!' Das Dritte Fräulein hat den Spitznamen ‚Rosenblüte'." Die Sonders-Schwestern fragten eilig lachend, warum. Xing'er lachte: „Die Rosenblüte ist rot und duftend — jeder liebt sie; nur stechen die Dornen. Sie ist auch eine Göttin — schade nur, dass sie nicht von der Gnädigen Frau geboren wurde. ‚Aus dem Krähennest kommt ein Phönix.' Das Vierte Fräulein ist noch klein; sie ist eigentlich die leibliche Schwester des Ersten Herrn Zhen. Da sie seit klein auf keine Mutter hatte, hat die Alte Herrin sie der Gnädigen Frau zum Aufziehen gegeben — auch sie kümmert sich um nichts. Was die Herrin nicht weiß: Unsere eigenen Fräulein nicht mitgerechnet, gibt es noch zwei andere Fräulein, die wahrhaftig im Himmel selten und auf Erden ohnegleichen sind. Die eine ist die Tochter unserer verstorbenen Tante väterlicherseits, eine Fräulein Lin, mit dem Rufnamen Kajaljade. Gesicht und Gestalt gleichen der Dritten Tante hier; sie ist voller Gelehrsamkeit, nur leider stets kränklich. Bei diesem Wetter trägt sie noch gefütterte Kleider — geht sie hinaus, ein Windhauch und sie fällt um. Wir unverschämte Bande nennen sie heimlich ‚die kränkliche Xi Shi'. Und dann gibt es noch die Tochter der Frau Tante, eine Fräulein Xue, mit dem Rufnamen Schatzspange — als wäre sie aus Schnee geformt. Wenn sie einmal zur Tür herauskommt oder in die Kutsche steigt, oder wenn man sie zufällig im Hof erblickt, dann sind wir wie vom Donner gerührt — vor diesen beiden wagen wir nicht einmal zu atmen." Die Zweite Schwester lachte: „In einem großen Haus wie eurem — auch wenn ihr Jungen hineingehen dürft, solltet ihr euch doch von den Fräulein fernhalten." Xing'er winkte ab: „Nein, nein! Bei den großen offiziellen Zeremonien versteckt man sich natürlich weit weg, das versteht sich von selbst. Aber selbst wenn man sich versteckt hat, traut man sich nicht zu atmen — aus Angst, ein zu tiefer Atemzug könnte die Lin umwerfen, und ein zu warmer Atem könnte die Xue zum Schmelzen bringen!" Darüber lachte das ganze Zimmer.

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. Herrlichkeit Kaufmanns Burschen
  2. Phönixglanz
  3. Herrlichkeit Kaufmann
  4. Anspielung auf das Sprichwort „sich die Ohren zuhalten und die Glocke stehlen“ (掩耳盗铃 yǎn ěr dào líng): sich selbst etwas vormachen, indem man so tut, als wüsste niemand von der verborgenen Ehe.
  5. berühmte historische Vorbilder für Reichtum, Talent und Schönheit
  6. einer von Kette Kaufmanns vertrauten Burschen
  7. Chin. 口蜜腹剑 kǒu mì fù jiàn („Honig im Mund, Schwert im Bauch“) und 两面三刀 liǎng miàn sān dāo („zwei Gesichter, drei Messer“) — bekannte Redewendungen für Falschheit und Hinterlist.
  8. Chin. 醉缸 cù gāng, 醉瓮 cù wèng — „Essigkrug“ und „Essigtonne“ sind Steigerungsformen des chinesischen Ausdrucks für krankhafte Eifersucht (吃醋 chī cù, wörtl. „Essig essen“).
  9. Urfrühling