Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 67"

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Kapitel 67
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馈土物颦卿念故里 / 讯家童凤姐蓄阴谋
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Mitbringsel aus dem Süden wecken Kajaljades Heimweh; Phönixglanz erfährt das Geheimnis und sinnt auf Rache
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Es wird erzählt, dass nach dem Selbstmord der Dritten Schwester You<ref>Drittschwester Sonders: Chin. 尤三姐 Yóu Sānjiě, die stolze und leidenschaftliche jüngere Schwester der Zweiten Schwester You. Sie nahm sich in Kapitel 66 das Leben.</ref> die alte Dame Sonders sowie die Zweitschwester Sonders, Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).</ref>, die Schwägerin Sonders, Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref>, Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.</ref> und alle anderen, die davon erfuhren, untröstlich waren vor Kummer und Trauer — das versteht sich von selbst. Eilig ließen sie einen Sarg kaufen und die Tote einkleiden, um sie vor der Stadt zu bestatten. Was Xianglotus Weide<ref>Xianglotus Weide (柳湘莲): Ein stolzer, unabhängiger junger Mann von edlem Charakter. Er hatte sich mit der Dritten Schwester You verlobt, die Verlobung dann aber gelöst, was ihren Selbstmord auslöste.</ref> betrifft: Nachdem er den Tod der Dritten Schwester gesehen hatte, war sein Herz noch immer von verwirrter Leidenschaft und törichter Anhänglichkeit erfüllt. Doch ein taoistischer Wandermönch durchbrach mit einigen Versen die Schranken seiner Verblendung, und er schor sich das Haar, entsagte der Welt und folgte dem verrückten Mönch davon — wohin, wusste niemand. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_67|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_67|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 67 =
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Nun sei erzählt, dass Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, Mutter von Becken Schnee und Schatzspange, Schwester von Dame König.</ref>, als sie erfuhr, dass Xianglotus Weide sich bereits mit der Dritten Schwester You verlobt hatte, höchst erfreut war und fröhlich Pläne schmiedete, ihm ein Haus zu kaufen, die Ausstattung zu besorgen, die Mitgift herzurichten und einen glückverheißenden Tag für die Hochzeit auszuwählen — alles, um ihm seine Lebensrettung zu vergelten. Doch plötzlich erschien ein Hausbursche bei Tante Schnee und berichtete vom Selbstmord der Dritten Schwester You und von Xianglotus Weides Eintritt ins Kloster. Tante Schnee seufzte tief. Während sie noch rätselte, was der Grund sein mochte, kam gerade Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, die tugendhafte und kluge Tochter der Tante Schnee.</ref> aus dem Garten herüber. Tante Schnee sprach zu ihr: „Mein Kind, hast du schon gehört? Die Schwester deiner Schwägerin Schein-Echt, die Drittschwester Sonders — war sie nicht bereits dem Schwurbruder deines Bruders, Xianglotus Weide, versprochen? Das war doch alles bestens. Aber nun hat sich die Drittschwester Sonders die Kehle durchgeschnitten, und Xianglotus Weide ist ins Kloster gegangen. Wahrhaftig seltsame Dinge — wer hätte das gedacht!" Schatzspange hörte das gelassen an und sagte: „Das Sprichwort sagt es treffend: ‚Am Himmel ziehen unerwartete Wolken auf, und den Menschen droht jederzeit Unheil.'<ref>天有不测风云,人有旦夕祸福: Klassisches chinesisches Sprichwort über die Unvorhersehbarkeit des Schicksals.</ref> Das war eben ihr Schicksal aus einem früheren Leben — sie waren nicht dazu bestimmt, Eheleute zu werden. Mama empfindet das so stark, weil er unserem Bruder das Leben gerettet hat, deshalb seufzt sie so. Wenn beide wohlauf wären, sollte Mama ihm natürlich helfen. Aber nun ist die eine tot und der andere ins Kloster gegangen — da können wir nichts tun, meiner Meinung nach. Mama sollte sich auch nicht so sehr grämen und die eigene Gesundheit schädigen. Übrigens — seit der Bruder vor zehn, zwanzig Tagen aus dem Süden zurückgekehrt ist, müssten die mitgebrachten Waren inzwischen wohl alle ausgeliefert sein. Die Handelsgehilfen, die ihn begleitet haben, haben monatelang Strapazen auf sich genommen. Mama sollte mit dem Bruder besprechen, ob man sie nicht zu einem Essen einladen und ihnen danken sollte. Sonst sieht es aus, als wären wir unhöflich."
== 見土儀顏卿思故里 / 聞秘事鳳姐訊家童 ==
 
=== Beim Anblick heimatlicher Gaben denkt Daiyu sehnsuechtig an ihre Heimat; Als sie von einem Geheimnis hoert, verhoert Xifeng den Diener ===
 
  
längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer.
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Während Mutter und Tochter noch sprachen, trat Becken Schnee<ref>Becken Schnee: Chin. 薛蟠 Xuē Pán, der ungehobelte Sohn der Tante Schnee und Bruder von Schatzspange.</ref> von draußen herein, die Augen noch feucht von ungetrockneten Tränen. Kaum durch die Tür, schlug er die Hände zusammen und rief seiner Mutter zu: „Mama, hast du schon von Bruder Liu und der Dritten Schwester You gehört?" Tante Schnee sagte: „Ich habe es im Garten reden gehört und war gerade dabei, es mit deiner Schwester zu besprechen." Becken Schnee sagte: „Ist das nicht höchst seltsam?" Tante Schnee sagte: „Dieser Herr Liu — ein so junger, kluger Mensch, wie konnte er nur in einer Anwandlung von Verwirrung einem Wandermönch folgen? Ich denke, er muss in einem früheren Leben bereits ein Mensch mit tiefen karmischen Wurzeln gewesen sein, weshalb er so leicht empfänglich war für die Worte der Erleuchtung. Bedenke, dass ihr gute Freunde wart und er weder Eltern noch Geschwister hat, ganz allein hier — du solltest überall nach ihm suchen. So ein verrückter hinkender Mönch kann doch nicht weit gekommen sein! Wahrscheinlich versteckt er sich in irgendeinem Tempel in der Nachbarschaft."
Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und ‑kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los.  
 
Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor. Als Bau Örls Frau öffnete, sagte Hsing-örl lächelnd zu ihr: „Geh und melde der zweiten jungen Herrin, die ältere junge Herrin sei da!“
 
Bau Örls Frau flog bei diesen Worten gleich die Seele zum Scheitel hinaus, und sie stürzte nach drinnen, um der zweiten Schwester You Meldung zu machen. Auch die zweite Schwester You erschrak, aber nachdem Hsi-fëng einmal da war, mußte sie sie wohl oder übel dem Ritual entsprechend empfangen. Also ordnete sie rasch ihre Kleider und ging ihr entgegen. Als sie ans Tor kam, war Hsi-fëng eben aus dem Wagen gestiegen und trat nun ein. Auf dem Kopf trug sie schlichten Silberschmuck, gekleidet war sie in ein bläulich-weißes Atlasgewand, einen Umhang aus dunkelblauem Atlas und einen Rock aus feiner weißer Seide. Ihre Brauen waren geschwungene Weidenblätter, deren Spitzen weit in die Höhe ragten, ihre Augen schmale Phönixaugen, aus deren Winkeln der Geist sprühte. Sie war schön wie eine Pfirsichblüte im Frühling, frisch wie eine Chrysantheme im Herbst.
 
Von Dschou Juees und Lai Wangs Frau gestützt, trat Hsi-fëng in den Hof. Lächelnd ging ihr die zweite Schwester You zur Begrüßung entgegen und sagte: „Ihr laßt Euch herab, mich zu besuchen, ältere Schwester, ich aber habe verabsäumt, Euch weit entgegenzugehen. Ich bitte, mir dieses Vergehen der Unachtsamkeit zu verzeihen.“ Damit machte sie einen tiefen Knicks.
 
Ohne Verzug erwiderte Hsi-fëng den Gruß mit lächelnder Miene, dann traten sie Hand in Hand gleichzeitig ins Haus.
 
Nachdem Hsi-fëng Platz genommen hatte, ließ sich die zweite Schwester You von den Sklavenmädchen ein Polster bringen, kniete nieder und sagte: „Ich, Eure Sklavin, bin noch jung an Jahren. Alles, was ich getan habe, seitdem ich hier bin, geschah auf Anraten meiner Mutter und meiner Schwester. Nachdem ich heute das Glück habe, Euch zu begegnen, möchte ich, wenn ich Euch nicht zu gering bin, in allen Dingen um Eure Anweisung und Belehrung bitten. Ich will Euch auch gern mein Innerstes offenbaren, nur um Euch zu dienen, ältere Schwester.“ Mit diesen Worten beugte sie tief den Nacken vor ihr.
 
Sofort erhob sich Hsi-fëng von ihrem Sitz, erwiderte den Gruß in der gleichen Weise und sagte: „Alles liegt nur an mir. Ich habe dem jungen Herrn immer geraten, er solle besonnen sein und nicht auswärts bei ‚Blumen und Weiden‘0 schlafen, damit er seinen Eltern keinen Kummer bereitet. Diese Bitte entsprang meinem Herzen, das töricht ist wie jedes Frauenherz. Er aber muß mich mißverstanden haben, Denn daß er es mir verschweigt, wenn er im Freudenhaus nächtigt, mag wohl angehen, er aber hat auch so eine wichtige zeremonielle Handlung wie seine Heirat mit Euch vor mir geheimgehalten. Dabei hatte ich ihm selbst schon lange geraten, diesen Schritt zu tun, um uns einen männlichen Nachkommen zu sichern.
 
Wider Erwarten scheint er mich aber für eifersüchtig zu halten und hat diese große Angelegenheit heimlich vollzogen, ohne mich etwas davon wissen zu lassen, so daß ich niemand anders meinen Kummer klagen konnte als dem Himmel und der Erde. Erfahren habe ich schon vor zehn Tagen davon, doch weil ich Angst hatte, der junge Herr könnte zürnen, habe ich nichts gesagt. Heute nun ist er fern auf Reisen, deshalb bin ich gekommen, um Euch meinen Respekt zu bezeugen. Zugleich möchte ich Euch bitten, Mitleid mit meinem Herzen zu haben und Euch zu entschließen, zu uns zu ziehen. Nur wenn wir zusammen leben wie Schwestern und den jungen Herrn einmütig ermahnen, er solle die Dinge dieser Welt ernst nehmen und seine Gesundheit schonen, entspricht das den Riten.
 
Wenn Ihr außerhalb lebt, ich aber in der Familie, dann wird mein Herz keine Ruhe finden, obwohl ich zu dumm und zu gering bin, um zu Eurer Gesellschaft zu taugen. Überdies würde es auch keinen guten Eindruck machen, wenn Außenstehende davon erführen. Um meinetwillen würde ich nicht grollen, wenn man über uns herzieht, der Ruf des jungen Herrn ist es, was zählt. Deshalb liegt meine Ehre in diesem Leben und in dieser Existenz ganz in Euren Händen, meine Schwester.
 
Das Gesinde und anderer Pöbel wird bestimmt der Ansicht sein, meine übliche Haushaltsführung sei zu streng, und wird hinter meinem Rücken manches verschweigen und anderes hinzudichten – das ist nur normal. Aber wie kann ein Mensch von Euresgleichen das für die Wahrheit nehmen? Hätte man mich vielleicht bis zum heutigen Tage geduldet, wenn ich wirklich solche Unzulänglichkeiten besäße? Schließlich sind doch über mir drei Stufen von Schwiegermüttern da und neben mir unzählige Kusinen und Schwägerinnen, noch dazu sind die Djias seit Generationen eine namhafte Sippe.
 
Eine andere würde es vielleicht als ein Ärgernis ansehen, daß der junge Herr Euch geheiratet hat, ich aber betrachte es als ein Glück. Dazu ist es nur gekommen, weil Himmel und Erde, Götter und Buddhas es nicht ertragen konnten, daß ich von gemeinen Menschen verleumdet werde. Heute bin ich gekommen, um Euch, meine Schwester, aufzufordern, mit mir zusammen zu leben und zu wohnen, damit wir gleiche Anteile empfangen und nach denselben Maßstäben behandelt werden, gemeinsam unsern Schwiegereltern dienen und gemeinsam unsern Gatten ermahnen. Freud und Leid wollen wir teilen, wollen einander lieben und miteinander harmonieren wie zwei leibliche Schwestern.
 
Nicht nur jene verächtlichen Leute werden dann bereuen, daß sie mich bisher verkannt haben, auch unser junger Herr wird vielleicht eine heimliche Reue empfinden, wenn er nach Hause kommt und uns als unser Gatte so sieht. So könnt Ihr, meine Schwester, zu meiner größten Wohltäterin werden, die meinen Namen wieder makellos reinwäscht. Wenn Ihr mir aber nicht folgen wollt, bin ich auch gern bereit, Euch hier Gesellschaft zu leisten. Mit Freuden will ich Euch als jüngere Schwester dienen und Euch täglich beim Frisieren und Waschen aufwarten. Nur um das eine bitte ich Euch, daß Ihr zu meinen Gunsten ein gutes Wort bei unserm jungen Herrn einlegt, damit er mir soviel Platz gönnt, wie ich brauche, um eine Matte auszubreiten und meinen Körper darauf zu betten. Dafür würde ich selbst mit dem Leben zahlen.“
 
Bei den letzten Worten hatte sie begonnen zu schluchzen, und unwillkürlich liefen auch der zweiten Schwester You die Tränen herab. Noch einmal vollzogen sie voreinander den zeremoniellen Gruß, dann nahmen sie der Rangfolge gemäß wieder Platz. Da trat Ping-örl rasch heran und wollte ebenfalls niederknien.
 
Aus ihrer schönen Ausstattung, ihrem gesitteten Betragen und ihrem lieblichen Gesicht hatte die zweite Schwester You schon geschlußfolgert, daß dies bestimmt Ping-örl sein müsse, darum half sie ihr jetzt geschwind mit eigener Hand wieder auf die Beine und sagte: „Nicht doch, meine jüngere Schwester! Du und ich, wir sind gleichen Ranges:“
 
Auch Hsi-fëng war rasch aufgestanden und sagte nun lächelnd: „Ihr zerstört ihr Glück und bringt sie zu Tode, wenn Ihr sie so behandelt, meine Schwester. Empfangt nur ihren Gruß, sie ist unsere Magd. Fortan dürft Ihr Euch nicht so zieren.“ Dann ließ sie sich von Dschou Juees Frau vier Stücken schönster Seide und vier Garnituren Kopfschmuck aus Gold und Perlen, bestehend aus Haarpfeilen und Ohrgehängen, aus ihrer Beuteltasche reichen, um sie der zweiten Schwester You als Geschenk anläßlich ihrer ersten Begegnung zu verehren, und diese kniete schnell nieder, um die Gaben zu empfangen.
 
Während sie zu zweit Tee tranken, schilderten sie einander ihre Lebensgeschichte, und Hsi-fëng floß über von Selbstvorwürfen. „Ich kann niemand etwas verargen“, erklärte sie, „und bitte nur darum, daß Ihr mich lieb habt, meine Schwester.“
 
Als die zweite Schwester You sie so sah, hielt sie sie für den besten Menschen von der Welt, und da es auch der übliche Brauch ist, daß niedrige Menschen ihre Herren verleumden, wenn sie unzufrieden sind, zögerte sie nicht, ihr wirklich ihr Innerstes zu offenbaren, und glaubte schließlich, sie habe eine aufrichtige Freundin in ihr gefunden.
 
Auch die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang sparten nebenbei nicht mit Lob über Hsi-fëngs gutes Regiment und versicherten, ihr einziger Fehler sei ihre Gutmütigkeit, die ihr oft Nachteile einbringe, was manche Leute verärgert habe. Außerdem sagten sie: „Es sind schon Zimmer für Euch hergerichtet. Ihr werdet staunen, junge gnädige Frau, wenn Ihr dort einzieht!“
 
Nun war die zweite Schwester You still bei sich schon lange der Meinung gewesen, es sei das beste für sie, zu den Djias zu ziehen, und nach dem heutigen Erlebnis sah sie erst recht keinen Grund mehr zu zögern, darum sagte sie: „Eigentlich müßte ich mit Euch gehen, meine Schwester, aber was soll ich hier mit dem Haus machen?“
 
„Das ist doch kein Problem!“ erwiderte Hsi-fëng. „Die Truhen und Körbe mit Eurer Kleidung und Eurem Schmuck können die Jungen zu uns hinüberschaffen. Den gröberen Hausrat aber, für den Ihr bei uns keinen Bedarf habt, laßt Ihr hier von jemand bewachen. Dafür könnt Ihr einsetzen, wen immer Ihr für geeignet haltet.“
 
„Nachdem ich Euch heute kennengelernt habe und jetzt mit Euch gehe, meine Schwester, will ich alles Eurer Entscheidung überlassen“, erklärte die zweite Schwester You. „Denn ich bin noch nicht lange hier, habe nie einen Haushalt geführt und kenne mich in den Dingen der Welt nicht aus. Wie könnte ich also etwas entscheiden?! Nur ein paar Truhen und Körbe müßten mit, da ich selbst keinen Besitz habe und auch das dem jungen Herrn gehört.“
 
Daraufhin erhielt Dschou Juees Frau von Hsi-fëng den Auftrag, sich alles genau zu merken und gut darauf achtzugeben, wenn es hinübergeschafft wurde. Als sich die zweite Schwester You auf Hsi-fëngs Drängen hin umgezogen hatte, stiegen sie beide Hand in Hand in den Wagen, setzten sich nebeneinander, und dann sagte Hsi-fëng leise zu ihr: „In unserer Familie herrschen strenge Regeln. Die alte gnädige Frau hat von dieser Angelegenheit nicht die mindeste Ahnung. Wenn sie erfährt, daß der junge Herr dich während der Trauerzeit geheiratet hat, läßt sie ihn ohne weiteres totschlagen. Deshalb wirst du dich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau heute noch nicht vorstellen. Wir haben einen riesengroßen Garten, in dem meine Kusinen wohnen und in den nicht leicht ein Fremder gelangt. Dort mußt du ein paar Tage wohnen, bis ich einen Weg gefunden habe, um die Sache klarzulegen, dann erst können wir dich präsentieren.“
 
„Ich füge mich Eurer Entscheidung, Schwester“, willigte die zweite Schwester You ein.
 
Die begleitenden Sklavenjungen waren vorab instruiert worden, und so fuhren die Wagen jetzt nicht durchs Haupttor, sondern durch den Hintereingang. Als sie ausgestiegen waren, schickte Hsi-fëng das Gefolge fort, dann führte sie die zweite Schwester You durch das hintere Tor in den Garten des Großen Anblicks zu Li Wan und machte die beiden miteinander bekannt.
 
Zu dieser Zeit wußten im Garten des Großen Anblicks schon neun von zehn Leuten über Djia Liäns heimliche Ehe Bescheid, und als die zweite Schwester You jetzt von Hsi-fëng in den Garten gebracht wurde, erschienen sie zahlreich, um sie sich anzusehen. Alle wurden sie von der zweiten Schwester You empfangen, und jede zollte ihrer Schönheit und ihrer Freundlichkeit Lob. Jede einzelne aber wurde von Hsi-fëng gewarnt: „Draußen darf von ihr nichts bekannt werden! Wenn die alte gnädige Frau oder die gnädige Frau von ihr erfahren, bringe ich dich um!“
 
Da alle Sklavenfrauen und -mädchen im Garten vor Hsi-fëng Angst hatten und sehr gut wußten, daß sich Djia Liän durch diese Tat während der Staatstrauer und der Familientrauer zugleich eines schwerwiegenden Vergehens schuldig gemacht hatte, ließen sie die Finger davon.
 
Dann richtete Hsi-fëng leise die Bitte an Li Wan: „Nimm sie ein Weilchen hier bei dir auf. Sobald ich drüben von ihr berichtet habe, zieht sie natürlich hinüber.“
 
Da Li Wan wußte, daß Hsi-fëng schon Räume hatte herrichten lassen, und da es nur korrekt war, die Sache nicht während der Trauerzeit zu offenbaren, mußte sie die zweite Schwester You wohl oder übel vorläufig bei sich aufnehmen.
 
Hsi-fëngs nächster Schritt bestand darin, der zweiten Schwester You alle ihre Sklavenmädchen wegzunehmen und ihr statt dessen eines ihrer eigenen Mädchen zur Bedienung zu schicken. Außerdem gab sie heimlich allen Sklavenfrauen im Garten den Befehl: „Paßt mir gut auf sie auf! Wenn sie wegläuft, rechne ich mit euch ab!“ Weitere Maßnahmen traf sie in aller Stille. Jeder im Hause aber staunte still bei sich: ‚Schau an, wie gütig sie auf einmal ist!‘
 
Als die zweite Schwester You dieses Unterkommen erhalten hatte und feststellte, daß alle Mädchen im Garten gut zu ihr waren, glaubte sie ruhigen Herzens und frohen Sinnes, nun sei ihr Platz im Leben gefunden. Aber drei Tage später begann das Sklavenmädchen Schan-djiä auf einmal, widersetzlich zu werden.
 
Die zweite Schwester You hatte zu ihr gesagt: „Mein Haaröl ist alle, geh zur älteren jungen Herrin und laß dir welches geben!“ Schan-djiä aber erwiderte: „Ihr wißt es wohl nicht zu schätzen, wie gut Ihr es habt, junge Herrin, oder Ihr habt keine Augen im Kopf. Die junge gnädige Frau muß sich Tag für Tag hier um die alte gnädige Frau und dort um die gnädige Frau kümmern. Sämtliche Schwägerinnen und Kusinen sowie ein Gesinde, das nach Hunderten zählt, alle warten sie jeden Morgen auf ihre Anordnungen. Jeden Tag hat sie mindestens zehn bis zwanzig große und noch einmal dreißig bis fünfzig kleinere Angelegenheiten zu entscheiden.
 
Nach außen hin hat sie den Geschenkverkehr mit wer weiß wie vielen Persönlichkeiten zu unterhalten, von der kaiserlichen Nebenfrau bis zu den Familien von Prinzen, Herzögen, Fürsten und Grafen, und zu Hause muß sie sich um die Betreuung von Verwandten und Freunden kümmern. Tausende Liang Silber und Zehntausende Bronzemünzen gehen täglich durch ihre Hände, ihre Gedanken und ihre Reden. Und da wollt Ihr sie wegen so einer Nichtigkeit behelligen?
 
Ich kann Euch nur raten, etwas bescheidener zu sein. Eure Ehe ist nicht einmal  auf  ordentliche  Weise  und mit anständigen Vermittlern geschlossen
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Becken Schnee sagte: „Natürlich! Sobald ich die Nachricht hörte, bin ich mit meinen Burschen überall suchen gegangen — keine Spur von ihm. Ich habe auch Leute gefragt — alle sagten, sie hätten nichts gesehen. Da wusste ich mir keinen Rat mehr und habe nur noch gen Nordwesten geschaut und bitterlich geweint." Dabei wurden seine Augenränder schon wieder rot. Tante Schnee sagte: „Wenn du gesucht hast und ihn nicht findest, hast du deine Pflicht als Freund erfüllt. Wer weiß — vielleicht hat ihm der Eintritt ins Kloster Gutes gebracht? Grüble nicht zu viel. Erstens solltest du dich um die Geschäfte kümmern, und zweitens die Vorbereitungen für deine eigene Hochzeit vorantreiben. In unserem Haus fehlt es an Leuten — da gilt das Sprichwort: ‚Der dumme Spatz muss früh losfliegen'<ref>笨雀儿先飞 bèn què'ér xiān fēi: Sprichwort — wer weniger begabt ist, muss früher anfangen.</ref>, damit nicht in letzter Minute alles durcheinandergerät und die Leute lachen. Außerdem hat deine Schwester eben gesagt, du bist schon über einen halben Monat zurück, die Waren müssten verteilt sein, und du solltest die Handelsgehilfen zu einem Festessen einladen und ihre Mühen belohnen. Sie mögen zwar bei uns in Lohn und Brot stehen, aber sie sind doch auch Außenstehende, haben dich ein-, zweitausend Li weit begleitet und vier, fünf Monate lang Strapazen ertragen — und unterwegs noch so manche Gefahr und Last für dich auf sich genommen." Becken Schnee hörte das und sagte: „Mama hat recht, Schwester denkt an alles. Ich hatte es genauso vor, nur war ich in den letzten Tagen mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass mir der Kopf schwirrte. Und dann die Sache mit Bruder Lius Hochzeit — wieder einige Tage vertan, alles umsonst, die eigentlichen Dinge vernachlässigt. Gut, dann setzen wir es auf morgen oder übermorgen an und verschicken die Einladungen."
wor­den, und trotzdem ist die junge gnädige Frau so nett zu Euch, weil sie so ein gütiger Mensch ist, wie es ihn seit Urzeiten selten gegeben hat. Wenn sie auch nur etwas weniger Tugend besäße, würde sie auf Eure Forderungen hin zu schreien und zu toben beginnen und Euch auf Gedeih und Verderb aus dem Hause jagen, ohne daß Ihr es wagen dürftet, Einwendungen dagegen zu machen.“
 
Diese Worte bewirkten, daß die zweite Schwester You den Kopf hängen ließ und sich sagte, wenn man ihr so käme, müsse sie wohl oder übel ein wenig zurückstecken. Nach und nach aber begann Schan-djiä, auch das Essen unregelmäßig zu bringen. Mal brachte sie ihr nur zur Morgenmahlzeit eine Portion, mal nur am Abend, und was sie brachte, waren nichts als Reste. Als die zweite Schwester You ihr ein paarmal etwas deswegen gesagt hatte, begann sie sogar zu toben. Und wieder hatte die zweite Schwester You Angst, man könnte sie auslachen, weil sie ihren Platz nicht kannte, und fügte sich.
 
Wenn sie alle fünf bis acht Tage einmal mit Hsi-fëng zusammentraf, zeigte diese ihr stets ein fröhliches, freundliches Gesicht, nannte sie in einem fort „meine Schwester“ und forderte sie auf: „Wenn es das Gesinde an etwas fehlen läßt und dir nicht gehorcht, dann sag es mir, und ich lasse sie schlagen!“ Außerdem schalt sie die Sklavenmädchen und -frauen: „Euch kenne ich nur zu gut, die Sanften betrügt ihr, und die Unsanften fürchtet ihr. Sobald ich euch den Rücken kehre, kennt ihr keinen Respekt mehr. Aber wenn ihr der jüngeren Herrin auch nur den kleinsten Grund zur Klage gebt, bezahlt ihr dafür mit dem Leben!“
 
Als die zweite Schwester You sah, wie gut es Hsi-fëng mit ihr meinte, sagte sie sich: „Warum soll ich viel Aufhebens darum machen, wenn ich doch sie habe! Ist es nicht der übliche Zustand, daß das Gesinde sich nicht zu benehmen weiß? Wenn ich mich beschwere und sie deswegen leiden müssen, gebe ich den Leuten nur Anlaß, mich engherzig zu nennen.“ Und so schwieg sie von den Unbotmäßigkeiten.
 
Inzwischen hatte Hsi-fëng durch Lai Wang genaue Erkundigungen einholen lassen, und nun wußte sie über die Angelegenheiten der zweiten Schwester You bestens Bescheid. Sie hatte in der Tat schon einen Verlobten gehabt, der jetzt erst neunzehn Jahre alt war und sich nur herumtrieb, um zu huren und Glücksspiele zu spielen, anstatt einem ordentlichen Gewerbe nachzugehen. Den Familienbesitz hatte er durchgebracht, deswegen hatte ihm sein Vater die Tür gewiesen, und seitdem hatte er in einer Spielhölle Zuflucht gefunden. Als der Vater aus den Händen der alten Frau You zehn Liang Silber erhielt, machte er die Verlobung rückgängig, aber davon wußte der Sohn noch nichts. Der Name des Sohnes lautete wirklich Dschang Hua.
 
Nachdem Hsi-fëng all dies hatte auskundschaften lassen, händigte sie Lai Wang ein Päckchen mit zwanzig Liang Silber aus und befahl ihm heimlich, er solle sich an Dschang Hua heranmachen und ihn freihalten, um ihn dann zu veranlassen, eine Anklageschrift aufzusetzen und bei den Behörden einzureichen, in der Djia Liän beschuldigt wurde, in einer Zeit von Staats- und Familientrauer entgegen dem kaiserlichen Befehl und ohne das Wissen seiner Eltern, gestützt auf Reichtum und Macht die Auflösung einer Verlobung erzwungen und eine zweite Gattin genommen zu haben.
 
Aber Dschang Hua war sich der Gefährlichkeit eines solchen Unterfangens wohl bewußt und wollte nichts überstürzen. Als Hsi-fëng durch Lai Wang hiervon unterrichtet wurde, schimpfte sie: „Der Kerl ist ja wie ein kranker Hund, der sich nicht über die Mauer helfen lassen will! Erklär ihm, daß es nichts ausmachen würde, wenn er uns dreist des Hochverrats beschuldigen würde. Die Hauptsache ist, daß mit seiner Hilfe Unruhe entsteht und unser Ansehen gefährdet wird. Wenn die Sache zu große Kreise zieht, werde ich schon für Ruhe sorgen.“
 
Lai Wang nahm den Befehl entgegen und setzte Dschang Hua alles genau auseinander. Dann befahl ihm Hsi-fëng: „Dich soll er ebenfalls beschuldigen, dann wirst du mit ihm konfrontiert und handelst soundso... Ich weiß schon, wie wir es machen müssen!“
 
Lai Wang fügte sich ihrer Entscheidung und gab Dschang Hua den Auftrag, auch seinen Namen in die Anklageschrift einzufügen. „Beschuldige mich einfach, ich sei der Mittelsmann gewesen, der den jungen Herrn zu allem angestiftet hat“, sagte er.
 
Nachdem Dschang Hua wußte, was er zu tun hatte, und alles mit Lai Wang abgesprochen war, schrieb er die Anklageschrift, ging am nächsten Tag zum Zensorat und erhob Klage.
 
Als der Zensor in der Amtshalle Platz genommen hatte und die Anklageschrift las, in der Beschuldigungen gegen Djia Liän erhoben wurden, die aber auch einen Haussklaven namens Lai Wang erwähnte, hatte er keine andere Wahl, als seine Leute zum Anwesen der Djias zu schicken, damit sie Lai Wang zum Verhör vorführten. Die Amtsdiener wagten jedoch nicht, bis ins Anwesen vorzudringen, und wollten nur befehlen, man solle Lai Wang eine Nachricht hineinbringen. Das war aber gar nicht nötig, denn in Erwartung der Amtsdiener hatte Lai Wang schon längst auf der Straße gestanden. Als er sie endlich kommen sah, ging er ihnen noch entgegen und begrüßte sie lächelnd: „Es tut mir leid, daß ihr euch herbemühen mußtet, meine Brüder! Bestimmt geht es um meine Verbrechen. Also, was hilft‘s? Legt mir schon die Kette um den Hals!“
 
Das aber wagten die Amtsdiener denn doch nicht und forderten ihn nur auf: „Komm brav mit und mach kein Aufsehen!“
 
Als sie dann in der Amtshalle waren, kniete Lai Wang nieder, und der Zensor befahl, ihm die Anklageschrift zu reichen. Lai Wang sah sie sich zum Schein auch an, dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, und anschließend erklärte er: „Ich weiß von der Sache, mein Herr hat das wirklich getan. Dieser Dschang Hua aber war schon lange mit mir verfeindet, darum hat er mich absichtlich mit hineingezogen. Es war aber jemand anders beteiligt. Ich bitte Euer Gnaden, den Kläger noch einmal zu befragen.“
 
Sofort berührte auch Dschang Hua mit der Stirn den Boden und sagte: „Es war zwar wirklich noch jemand beteiligt, aber ich habe nicht gewagt, ihn zu beschuldigen, deshalb habe ich nur den Knecht angezeigt.“
 
Mit gespielter Entrüstung forderte Lai Wang ihn auf: „Sprich endlich, du dummer Tropf! Wir sind in einer kaiserlichen Amtshalle. Auch wenn es ein Herr ist, mußt du seinen Namen nennen.“
 
Daraufhin sagte Dschang Hua aus, es handle sich um Djia Jung, und so war der Zensor gezwungen, auch ihn vorladen zu lassen.
 
Hsi-fëng hatte sich heimlich durch Tjing-örl auf dem Laufenden halten lassen, und als der Name Djia Jung endlich gefallen war, ließ sie sofort Wang Hsin zu sich rufen, weihte ihn in die Sache ein und befahl ihm, den Zensor zu bitten, er solle zum Schein Strenge üben, damit die Schuldigen einen tüchtigen Schreck bekämen. Um dieser Bitte Nachdruck zu verleihen, sollte Wang Hsin dem Zensor dreihundert Liang Silber übergeben.
 
Noch am selben Abend begab sich Wang Hsin in die Privaträume des Zensors und leitete hier die Sache in die Wege. Der Zensor verstand, worauf es ankam, und nahm die Bestechung entgegen. Am nächsten Tag verkündete er in der Amtshalle, Dschang Hua sei ein Taugenichts, der den Djias seit langem einen Betrag Silber schulde und deshalb eine falsche Anklage gegen Unschuldige erhoben habe. Da der Zensor ein alter Freund von Wang Dsï-tëng war, hatte Wang Hsins Besuch ausgereicht, um ihn zu veranlassen, den Fall so schnell wie möglich abzuschließen, zumal es sich um niemand anders als die Djias handelte. Also meldete er die Sache nicht weiter, schlug alles nieder und ließ nur Djia Jung zum Verhör vorladen.
 
Djia Jung war eben damit beschäftigt, im Auftrage von Djia Dschën etwas zu erledigen, als plötzlich jemand die Nachricht brachte. Sie seien von jemand verklagt worden, hieß es, die Sache sei die und die, und er solle rasch entscheiden, was zu tun sei. Verwirrt eilte Djia Jung zu Djia Dschën, um ihm Bericht zu erstatten.
 
„Darauf war ich gefaßt“, sagte Djia Dschën, „und doch ist es erstaunlich, was dieser Kerl sich erlaubt.“ Worauf er sofort zweihundert Liang Silber einpacken ließ, mit denen jemand zum Zensor gehen sollte, um ihn zu bestechen. Außerdem befahl er, es solle jemand vom Gesinde zum Verhör gehen.
 
Während er diese Maßregeln traf, wurde ihm plötzlich gemeldet: „Die zweite junge gnädige Frau ist da.“
 
Bei diesen Worten bekam es Djia Dschën mit der Angst zu tun und wollte sich eiligst mit Djia Jung zusammen verstecken. Aber schon trat Hsi-fëng ins Haus und sagte: „Ein feiner älterer Vetter bist du! Und feine Sachen treibst du da mit einem Jüngeren zusammen!“
 
Rasch trat Djia Jung ihr entgegen und entbot seinen Gruß, sie aber zog ihn mit in den Innenraum. Hier sagte Djia Dschën noch mit lächelnder Miene: „Sorg schön für deine Tante! Laß ein Huhn schlachten und Essen machen!“ Dann befahl er, sofort sein Pferd zu satteln, und brachte sich irgendwohin in Sicherheit.
 
Hsi-fëng aber ging mit Djia Jung in den Hauptraum hinüber, wo ihnen Frau You entgegenkam, die beim Anblick von Hsi-fëngs drohender Miene fragte: „Was hat dich so in Rage gebracht?
 
Da spuckte Hsi-fëng ihr voll ins Gesicht und schimpfte: „Mußtest du die Tochter der Yous bei den Djias einschmuggeln, weil keiner sie haben wollte? Taugen die Männer nur bei den Djias etwas, oder sind alle andern Männer auf der Welt ausgestorben? Und wenn es schon sein mußte, warum dann nicht wenigstens mit den drei Vermittlern und den sechs Zeugen und so, daß alle davon wissen, damit die Sache ihre Form hat? Hat dir der Schleim das Herz verstopft, hat dir das Fett die Sinne verkleistert, daß du sie obendrein während der Staatstrauer und der Familientrauer hier anschleppen mußtest?
 
Jetzt hat uns jemand angezeigt, ich aber stehe schutz- und hilflos da, und man wird von Amts wegen feststellen, daß ich bösartig und eifersüchtig bin. Mein Name ist genannt, und mich wird man abschieben. Was habe ich euch denn getan, daß ihr mir so grausam mitspielen müßt? Oder haben vielleicht die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dich angestiftet, mir diese Falle zu stellen, weil sie mich aus dem Haus haben wollen? Komm, wir wollen zusammen vor den Beamten treten und dort alles klären! Und wenn wir zurückkommen, bitten wir die ganze Sippe, sich zu versammeln, und legen die Sache vor aller Augen klar. Und dann bekomme ich meinen Scheidungsbrief und verlasse das Haus.“
 
Das hatte sie unter einem Strom von Tränen vorgebracht, und nun versuchte sie, Frau You mit sich zu ziehen, wobei sie immer wieder verlangte, mit ihr vor den Zensor zu gehen. In heller Aufregung kniete Djia Jung nieder, schlug mit der Stirn auf den Boden und bat in einem fort: „Beruhigt Euch, Tante!“
 
Aber schon beschimpfte Hsi-fëng auch ihn: „Du gewissenloser Bengel! Der Donner soll dir den Schädel spalten, und fünf Teufel sollen deinen Leichnam zerreißen! Du weißt nichts vom Ernst des Lebens, aber du mußt andere dazu anstiften, solche schamlosen und gesetzlosen Dinge zu treiben, mit denen die Familie ins Verderben gestürzt wird. Die Seele deiner verstorbenen Mutter wird dir das nicht nachsehen, deine Ahnen werden es dir nicht nachsehen, und du wagst es noch, auf mich einzureden!“ Mit diesen Worten holte sie schluchzend mit der Hand aus und schlug zu.
 
Wieder stieß Djia Jung hörbar mit der Stirn auf den Boden und bat: „Beruhigt Euch, Tante, und schont Eure Hände! Ich werde mich selber schlagen. So beruhigt Euch doch!“ Und tatsächlich holte er mit beiden Händen weit aus, um sich eine Portion Ohrfeigen zu verabreichen. Dabei rief er, sich selbst anklagend, aus: „Wirst du dich noch einmal blindlings um Dinge kümmern, die dich nichts angehen? Wirst du in Zukunft noch einmal auf deinen Onkel hören statt auf deine Tante?“ Das anwesende Gesinde redete begütigend auf ihn ein, aber zugleich war ihnen zum Lachen zumute, ohne daß sie zu lachen gewagt hätten.
 
Jetzt warf sich Hsi-fëng Frau You an die Brust, heulte zum Steinerweichen und jammerte laut: „Ich bin euch ja nicht böse, weil ihr ihm eine Frau gesucht habt. Aber warum mußtet ihr ihn anstiften, es gegen den kaiserlichen Befehl, hinter dem Rücken der Verwandtschaft und mir zur Schande zu tun? Gehen wir vor den Beamten, ehe die Büttel und Amtsdiener uns holen! Und dann treten wir vor die alte gnädige Frau, die gnädige Frau und die ganze Sippe, damit alle zusammen darüber entscheiden!
 
Wenn ich wirklich so bösartig bin und meinem Mann nicht gestatte, eine andere Frau zu nehmen oder eine Nebenfrau zu kaufen, braucht man mir nur den Scheidungsbrief zu geben, und ich verlasse auf der Stelle das Haus. Deine Schwester habe ich ins Haus geholt, und weil ich Angst hatte, die alte gnädige Frau und die gnädige Frau würden zornig werden, habe ich ihnen nichts davon gesagt. Üppig verpflegt und von schönen Sklavinnen umschmeichelt, wohnt sie im Garten. Schon war ich dabei, Zimmer für sie herrichten zu lassen, wo sie es genauso gut haben sollte wie ich selbst, wenn erst die alte gnädige Frau Bescheid wüßte. Ich wollte sie zu uns holen, und dann, sagte ich ihr, geben wir uns mit dem zufrieden, was wir sind und was wir haben, ohne daß ich noch an Vergangenes rühre.
 
Wie konnte ich denn ahnen, daß sie auch noch verlobt gewesen ist! Ich wußte doch nicht, was ihr angestellt habt, und hatte von nichts eine Ahnung. Jetzt hat uns jemand angezeigt, und gestern habe ich mir in meiner Aufregung – schließlich bringe ich ja die Djias in Verruf, wenn ich vor den Beamten muß – nicht anders zu helfen gewußt, als heimlich fünfhundert Liang Silber zu nehmen, die der gnädigen Frau gehörten, um ihn damit zu bestechen. Heute hat man sogar meine Leute dort eingesperrt.“
 
Diese Erzählung hatte Hsi-fëng schluchzend und fluchend vorgebracht, und als sie fertig war, beweinte sie laut ihre Eltern und Ahnen und machte sogar Anstalten, sich den Kopf einzurennen, um sich das Leben zu nehmen. Zum Schluß war Frau You so weich geworden wie ein Klumpen Teig, ihre ganze Kleidung war mit Tränen und Rotz befleckt, und anstatt sich zu verteidigen, beschimpfte sie Djia Jung: „Du Unglücksbrut! Fein hast du das mit deinem Vater zusammen gedeichselt! Hatte ich nicht gesagt, die Sache sei faul?!“
 
Als Hsi-fëng diese Worte hörte, heulte sie von neuem auf, packte Frau Yous Kopf mit beiden Händen, zog ihr Gesicht dicht vor das ihre und fragte: „Ja, warst du denn nicht bei Sinnen? Konntest du nicht den Mund auftun? Hatten sie dich vielleicht geknebelt? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Hätte dann nicht alles glimpflich abgehen können? Was mußt du jetzt ihnen noch grollen, nachdem es schon so weit gekommen ist, daß die Behörden eingegriffen haben?
 
Von alters her heißt es ‚Wenn die Frau tüchtig ist, trifft wenig Unheil den Mann; nicht auf seine, sondern auf ihre Stärke kommt es an.‘ Wenn du nur in Ordnung wärst, hätten sie so etwas nie getan! Du bist untüchtig, du kannst nicht reden, du bist ein Versager, der nur blindlings und ängstlich darauf bedacht ist, für tüchtig gehalten zu werden. Und darum haben sie keinen Respekt vor dir und hören auch nicht auf dich.“ Und wieder spuckte sie ein paarmal aus.
 
„Es ist aber wahr“, sagte Frau You, ebenfalls unter Tränen. „Wenn du mir nicht glaubst, kannst du mein Gefolge fragen, ob ich den beiden nicht davon abgeraten habe und ob sie nicht hätten hören müssen. Was konnte ich denn machen? Ich mußte sie gewähren lassen. Daß du mir jetzt böse bist, kann ich dir nicht verdenken.“
 
Inzwischen war der Raum dicht gedrängt voller Nebenfrauen, Sklavenmädchen und Sklavenfrauen, die auf der Erde knieten und lächelnd baten: „Ihr seid doch von himmlischer Klugheit, zweite junge gnädige Frau! Obwohl unsere junge Herrin im Unrecht ist, habt Ihr sie nun genug gedemütigt. Habt Ihr Euch vor uns Sklaven nicht immer gut verstanden mit ihr? Also laßt ihr bitte auch jetzt noch ein wenig Ehre!“
 
Mit diesen Worten reichten sie ihr Tee, und wenn Hsi-fëng auch die Teeschale auf den Boden schmetterte, hörte sie doch auf zu heulen und steckte sich das Haar wieder hoch. Dann aber fuhr sie Djia Jung unter Tränen an: „Geh und bitte deinen Vater her! Ich möchte ihn von Angesicht zu Angesicht fragen, was für ein Ritual das ist, wenn von der Trauerzeit für seinen Vater eben erst fünfmal sieben Tage vorbei sind, und der Neffe des Toten heiratet. Ich möchte mir Klarheit darüber verschaffen, damit auch ich später meine Neffen dementsprechend erziehen kann.“
 
Djia Jung schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Meine Eltern haben nichts mit der Sache zu tun. Nur ich muß wohl Dreck gefressen haben, daß ich meinen Onkel dazu anstiften konnte. Mein Vater hat gar nichts davon gewußt. Heute will er eben das Begräbnis des verewigten gnädigen Herrn regeln, und wenn Ihr ihm jetzt einen Skandal macht, kostet es mich das Leben. Darum bitte ich Euch, mich zu bestrafen, und bin bereit, jede Strafe hinzunehmen. Nur diesen Prozeß bitte ich Euch abzuwenden, Tante, denn so schwerwiegenden Dingen bin ich nicht gewachsen.
 
Ein Mensch wie Ihr kennt sicher den Ausdruck ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Ich bin hoffnungslos dumm gewesen, dumm wie ein Kätzchen oder ein junger Hund, daß ich so ungehorsam sein konnte. Ihr, die Ihr mich lehrt, habt einen anderen Horizont als ich, darum kann ich Euch nur bitten, so gut zu sein, diesen Prozeß zu unterdrücken. Ich bin Euch ein sehr ungehorsamer Neffe, und für das Unheil, das ich angerichtet habe, verdiene ich Kränkung. Dennoch solltet Ihr Mitleid mit mir haben.“ Und wieder schlug er unaufhörlich mit dem Kopf auf den Boden.
 
Als Hsi-fëng Mutter und Sohn so kläglich vor sich sah, konnte sie sich nicht gut weiter so aufspielen wie bisher. Statt dessen machte sie sich die Schwächen der Gegenseite zunutze, verbeugte sich Verzeihung heischend vor Frau You und sagte: „Ich bin jung und unwissend. Als ich erfuhr, es hat uns jemand angezeigt, war ich vor Schreck wie von Sinnen und habe dich eben zutiefst beleidigt, Schwägerin. Aber wie Jung gerade gesagt hat, ‚Wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.‘ Versetz dich also in meine Lage und sprich bitte mit meinem Vetter, damit er zuerst diesem Prozeß ein Ende macht.“
 
„Sei unbesorgt!“ sagte Frau You. Und Djia Jung versprach: „Der Onkel wird nicht in Mitleidenschaft gezogen. Eben sagtet Ihr, Ihr habt fünfhundert Liang Silber eingesetzt, also müssen wir unsererseits fünfhundert Liang zusammenbringen und sie Euch als Wiedergutmachung übersenden, damit nicht Ihr für die entstandene Fehlsumme aufkommen müßt, sonst würden wir erst recht den Tod verdienen. Und noch etwas: vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau solltet Ihr die Angelegenheit der Sicherheit und der Einfachheit halber nicht erwähnen.“
 
Darauf erwiderte Hsi-fëng mit reserviertem Lächeln: „Erst seid ihr mir in den Rücken gefallen, und jetzt wollt ihr mich beschwatzen, auf eure Sicherheit Rücksicht zu nehmen. Ich mag zwar dumm sein, aber so dumm bin ich doch wieder nicht. Ich bin mit deinem Schwager verheiratet, und es mag schon sein, daß du befürchtest, er könnte ohne männlichen Nachkommen bleiben, aber habe ich nicht noch größere Angst davor als du? Deine jüngere Schwester gilt mir wie eine eigene Schwester, und als ich von der Sache erfuhr, konnte ich vor lauter Freude nicht schlafen und habe sofort Leute geholt, um Zimmer für sie herrichten zu lassen, damit ich sie zu uns nehmen kann, um gemeinsam mit ihr zu leben.
 
Aber die Sklaven mit ihrem niedrigen Verstand haben zu mir gesagt: ‚Ihr seid zu gutherzig, junge gnädige Frau! Wenn es nach uns ginge, würden wir erst der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau von der Sache Meldung machen und abwarten, was sie dazu meinen. Dann ist immer noch Zeit, um die Zimmer herzurichten und die Neue ins Haus zu nehmen.‘ Erst als ich sie schlug und beschimpfte, hörten sie auf, so zu reden. Konnte ich ahnen, daß es doch nicht so kommt, wie ich gedacht hatte, und daß ich statt dessen so einen Reinfall erlebe, daß aus heiterem Himmel dieser Dschang Hua auftaucht und eine Anklageschrift einreicht? Als ich davon erfuhr, ist mir so ein Schreck in die Glieder gefahren, daß ich zwei Nächte lang kein Auge zugetan habe. Trotzdem wagte ich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und habe mich nur erkundigt, wer dieser Dschang Hua überhaupt ist, daß er sich so erdreistet. Nach zwei Tagen Nachforschung stellt sich heraus, er ist ein Taugenichts und Bettler.
 
In meinem jugendlichen Unverstand sagte ich mir lachend: ‚Was kann uns seine Klage schon anhaben?‘ Aber die Jungen haben mich aufgeklärt: ,Die jüngere Herrin war ursprünglich mit ihm verlobt. Jetzt lebt er in größter Bedrängnis, und wenn er verhungern oder erfrieren muß, ist sein Leben ohnehin zu Ende. Also hat er sich in diese Sache verbissen, und selbst wenn er deswegen sterben muß, ist das ein sinnvollerer Tod, als wenn er verhungert oder erfriert. Da braucht man sich über seine Anzeige nicht zu wundern.
 
Unser Herr ist da etwas vorschnell gewesen. Die Staatstrauer macht das erste Vergehen, die Familientrauer das zweite, die heimliche Hochzeit hinter dem Rücken der Eltern das dritte und die Doppelehe das vierte. Wie das Sprichwort sagt ,Wer es in Kauf nimmt, sich bei lebendigem Leibe zerstückeln zu lassen, der kann sich erlauben, den Kaiser vom Pferd zu zerren.‘ Wen die Armut um den Verstand gebracht hat, der ist zu allem fähig. Außerdem ist ja das Recht auf seiner Seite. Hätte er vielleicht, anstatt uns anzuzeigen, warten sollen, bis man ihn bittet?‘
 
Glaubt mir, auch wenn ich ein Han Hsin oder ein Dschang Liang0 wäre, als ich das gehört hatte, war ich vor Schreck mit meiner Weisheit am Ende. Außerdem ist dein Schwager nicht zu Hause, und ich hatte niemand, mit dem ich mich beraten konnte. Der einzige Ausweg bestand darin, diesem Dschang Hua Geld zu schicken, aber je mehr er bekam, desto unverschämter wurde er und desto mehr hat er aus mir herausgepreßt. Aber wieviel kann man schon herauspressen aus einem Pickel auf einem Mäuseschwanz! Deshalb war ich so verwirrt und so wütend und konnte nicht anders, als zu dir zu kommen...“
 
„Kein Grund zur Sorge!“ warfen Frau You und Djia Jung nun ein, und Djia Jung erklärte: „Dieser Dschang Hua ist vor Armut einfach von Sinnen, nur deshalb hat er sein Leben riskiert und diese Anzeige erstattet. Wir wollen es so machen, daß wir ihm ein bißchen Silber versprechen, wenn er nur gesteht, daß seine Anschuldigungen falsch waren. Dann sorgen wir dafür, daß der Prozeß gegen ihn niedergeschlagen wird, und wenn er entlassen wird, bekommt er noch einmal ein wenig Silber, und damit ist der Fall erledigt.“
 
„Mein lieber Junge“, sagte Hsi-fëng lächelnd, „es ist wirklich kein Wunder, daß du diese Sache angestellt hast, denn du bist einfach dumm. Wenn wir es so machen würden, wie du es gesagt hast, dann würde er sicher zustimmen, und wenn er freigelassen wird und obendrein noch Silber bekommt, wäre der Fall vorerst natürlich erledigt.  
 
Aber solche Leute sind nun einmal Schurken, und wenn das Silber, das wir ihm geben, erst einmal alle wäre, würde er eine Möglichkeit suchen, um mehr von uns zu erpressen. Wenn er dann die Geschichte noch einmal aufrührt, brauchten wir nicht gerade Angst zu haben, aber ein Grund zur Sorge wäre es schon. Es ist ja nicht auszuschließen, daß er sagt: ‚Wenn nichts daran faul war, warum haben sie mir dann das Silber gegeben?‘ Ein Spiel ohne Ende würde das werden.“
 
Nun war Djia Jung ein verständiger Mensch, und so erwiderte er, als er diese Worte vernommen hatte, mit lächelnder Miene: „Ich habe noch einen Vorschlag. ‚Wer die Sache verbockt hat, der muß sie auch ins reine bringen.‘ Also muß ich es doch selbst übernehmen. Ich werde zu diesem Dschang Hua gehen und ihn fragen, was er will, unbedingt seine Braut wiederhaben oder die Sache mit Geld bereinigen und eine andere heiraten. Wenn er unbedingt seine Braut wiederhaben will, muß ich meine Tante überreden, hier fortzugehen und ihn doch noch zu heiraten. Wenn er aber Geld will, müssen wir es ihm geben.“
 
„Das sagst du so“, entgegnete Hsi-fëng daraufhin rasch, „aber ich lasse deine Tante auf keinen Fall von hier fort und werde sie auf keinen Fall drängen. Mein lieber Neffe, wenn du mich gern hast, kannst du nichts anderes tun, als ihm recht viel Geld zu geben.“
 
Djia Jung wußte genau, daß Hsi-fëngs Worte nur Heuchelei waren, daß sie sehnlichst hoffte, die andere loszuwerden, und daß sie nur die Gütige spielte. Dennoch versprach er zu tun, was sie verlangte.
 
Hsi-fëng äußerte ihre Freude darüber, dann sagte sie: „Was wir draußen zu tun haben, ist leicht erledigt, aber wie verfahren wir auf lange Sicht hier im Hause? Das beste ist, du kommst mit nach drüben, und wir klären die alte gnädige Frau und die gnädige Frau auf!“
 
Erschrocken faßte Frau You nach Hsi-fëngs Hand und bat sie, sich etwas auszudenken, womit sie sich durchschwindeln konnten.
 
„Wenn du nicht das Zeug dazu hast, warum mußt du dann solche Sachen anstellen?“ fragte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln. „Jetzt aber kommst du mir so, das gefällt mir nicht. Eigentlich sollte ich mir nichts ausdenken, aber ich bin ein gutmütiger, weicher Mensch, und selbst wenn man mich zum Besten hält, bewahre ich mir mein törichtes Herz. Also muß ich wohl auch dazu ja sagen.
 
Haltet ihr euch im Hintergrund, und ich führe deine Schwester zur alten gnädigen Frau und zur gnädigen Frau, damit sie ihren Stirnaufschlag vor ihnen macht, und dabei sage ich, sie sei deine Schwester und ich hätte größte Zuneigung zu ihr gefaßt. Wegen meiner Probleme mit dem Kinderkriegen hätte ich bereits die Absicht gehabt, zwei Mädchen als Beischläferinnen zu kaufen, aber weil ich jetzt solchen Gefallen an deiner Schwester gefunden hätte und weil das die Gelegenheit zu einer Doppelverschwägerung geben würde, sei ich gewillt, sie als Nebenfrau ins Haus zu nehmen.
 
Und weil ihre Eltern und Geschwister vor kurzem alle weggestorben seien und sie es schwer habe, sich in diesen harten Zeiten ohne Familie und ohne Einkommen über Wasser zu halten, könne man sie wirklich nicht gut warten lassen, bis die Trauerzeit um sei. Meine Absicht sei es, sie ins Haus zu nehmen und erst einmal im Seitenflügel wohnen zu lassen, der schon für sie hergerichtet sei, die wirkliche Hochzeit aber erst nach Abschluß der Trauerperiode vollziehen zu lassen.
 
  
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Tante Schnee sagte: „Kümmere dich darum." Noch bevor sie ausgesprochen hatte, meldete ein Hausbursche von draußen: „Der Gehilfe des Oberbuchhalters Zhang hat zwei Kisten schicken lassen. Er sagt, das seien Dinge, die der junge Herr privat gekauft hat und die nicht in den Warenkonten stehen. Er wollte sie schon früher bringen, aber die Warenkisten lagen darauf. Gestern, als die Waren alle ausgeliefert waren, konnte er sie endlich herausnehmen, deshalb schickt er sie erst heute." Während er noch sprach, trugen zwei Burschen zwei große, mit Leisten zusammengehaltene Palmfaserkisten herein. Becken Schnee schlug sich an die Stirn: „Ach du meine Güte, wie konnte ich nur so vergesslich sein! Die Dinge, die ich eigens für Mama und Schwester mitgebracht habe, habe ich ganz vergessen und nicht nach Hause geholt — die Gehilfen mussten sie mir nachschicken!" Schatzspange sagte: „Du sagst, du hättest sie ‚eigens' mitgebracht — und dann lässt du sie zehn, zwanzig Tage liegen. Wenn du sie nicht ‚eigens' mitgebracht hättest, hätten sie wohl bis Jahresende hier gelegen! Du achtest wirklich auf gar nichts." Becken Schnee lachte: „Vermutlich haben mir die Räuber unterwegs den Verstand aus dem Leib erschreckt, und er ist noch nicht zurückgekehrt."
[[Category:Hongloumeng]]
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Alle lachten, und dann sagte er zu dem Burschen: „Die Sachen sind angenommen, sie können gehen." Tante Schnee und Schatzspange fragten neugierig: „Was sind das für kostbare Dinge, so verschnürt und verklammert?" Man ließ die Seile durchschneiden, die Leisten abnehmen und die Schlösser öffnen. Darin fanden sich Seidenstoffe, Brokat, Damast und ausländische Waren — alles nützliche Dinge für den Hausgebrauch. Nur in Schatzspanges Kiste gab es neben Pinseln, Tusche, Reibsteinen, buntem Briefpapier, Duftsäckchen, Duftperlen, Fächern, Fächeranhängern, Puder, Rouge und Haaröl noch allerlei Mitbringsel vom Tigerberg<ref>虎丘 Hǔqiū: Der Tigerberg bei Suzhou, eine berühmte Sehenswürdigkeit, bekannt für Kunsthandwerk und Souvenirs.</ref>: mechanische Figürchen, Trinkspiel-Lose, mit Quecksilber gefüllte Purzelbäumchen-Männchen, Sandlampen und ganze Szenen aus Tonfiguren, in mit grüner Gaze bespannten Kästchen aufbewahrt. Außerdem ein Abbild von Becken Schnee selbst, aus Ton geformt und ihm aufs Haar gleichend, sowie viele weitere kleine Spielereien. Schatzspange war hocherfreut, rief ihr Dienstmädchen und wies sie an: „Trag diese Kiste in den Garten hinein — von dort aus kann ich gleich die Geschenke an die anderen verteilen." Damit verabschiedete sie sich von ihrer Mutter und ging in den Garten. Tante Schnee ihrerseits nahm die Dinge aus ihrer Kiste heraus, teilte sie sorgfältig ein und ließ sie durch das Mädchen Tongxi zur Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.</ref> und Dame König<ref>Dame König: Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref> und den anderen bringen.
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Nun sei erzählt, dass Schatzspange die Kiste in ihr Zimmer bringen ließ, jedes Stück einzeln durchsah und — abgesehen von dem, was sie selbst behielt — alles sorgfältig in Päckchen einteilte: Für die einen Pinsel, Tusche, Papier und Reibsteine; für die anderen Duftsäckchen, Fächer und Fächeranhänger; wieder für andere Rouge und Haaröl; und für manche nur Spielsachen — je nach Person bemessen. Nur Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, die empfindsame und hochbegabte Cousine von Schatzjade. Ihre Eltern stammten aus dem Süden (Jiangnan).</ref> erhielt ein doppelt so reiches Päckchen wie alle anderen. Als alles fertig eingepackt war, schickte sie Oriölchen<ref>Oriölchen: Chin. 莺儿 Yīng'ér, die geschickte Leibmagd von Schatzspange.</ref> zusammen mit einer alten Dienerin los, die Geschenke überallhin zu überbringen.
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Seidenweiß Pflaume<ref>Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, die tugendhafte junge Witwe des Kaufmann-Hauses.</ref>, Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, der Hauptheld des Romans, ein empfindsamer junger Mann.</ref> und die anderen nahmen die Geschenke entgegen, belohnten die Botin und ließen ausrichten, sie würden sich beim nächsten Treffen persönlich bedanken — das Übliche eben. Nur Kajaljade — als sie die Dinge aus der Heimat am Jangtse erblickte, wurde sie von Wehmut übermannt und musste an ihre Eltern denken. Vor den Mitbringseln stehend, vergoss sie Tränen und seufzte still bei sich: „Ich bin eine Tochter des Südens. Vater und Mutter sind beide tot, Geschwister habe ich keine — ganz allein lebe ich hier bei meiner Großmutter mütterlicherseits, dazu noch ständig krank. Außer der Herzoginmutter, der Tante und den Schwestern, die nach mir schauen, gibt es keinen einzigen Verwandten mit dem Namen Lin, der mich besuchen und mir Heimatgeschenke mitbringen könnte — damit ich auch einmal etwas verschenken und das Gesicht wahren könnte. Man sieht: Wer keine nächsten Blutsverwandten hat, dem bleibt nur Einsamkeit, Kälte und Trostlosigkeit!" Bei diesen Gedanken überwältigte sie der Kummer.
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Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, die treue und verständnisvolle Leibmagd von Kajaljade.</ref>, die Kajaljade seit vielen Jahren bediente und ihr Tag und Nacht zur Seite stand, kannte das Innere ihrer Herrin nur zu gut: Der Anblick der Heimatgaben hatte ihr Herz berührt und die Sehnsucht nach den Eltern geweckt. Doch sie wagte es nicht, dies offen auszusprechen, und tröstete sie nur von der Seite: „Das Fräulein ist ohnehin viel krank und nimmt morgens und abends noch Medizin. In den letzten Tagen schien es etwas besser — ein wenig mehr Appetit, ein wenig mehr Kraft —, aber von wirklicher Genesung kann noch keine Rede sein. Heute schickt Fräulein Schatzspange diese Geschenke — das zeigt, wie sehr sie das Fräulein schätzt. Das Fräulein sollte sich freuen! Warum wird sie stattdessen traurig? Wenn Fräulein Schatzspange erfährt, dass ihre Geschenke statt Freude nur Kummer gebracht haben — wie peinlich wäre das! Und dann bedenke das Fräulein: Die Herzoginmutter und die Gnädigen Frauen haben mit allen Mitteln die besten Ärzte bestellt, um die Krankheit des Fräuleins zu heilen. Kaum geht es etwas besser, und das Fräulein weint wieder — ist das nicht, als verdürbe man sich selbst den Leib und wollte die Herzoginmutter nicht froh sehen? Die Krankheit des Fräuleins kommt doch gerade von zu vielen Sorgen und zu viel Kummer, die das Blut und die Lebenskraft geschädigt haben. Der kostbare Leib des Fräuleins darf nicht so leichtfertig behandelt werden."
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Gerade als Purpurkuckuck noch auf Kajaljade einredete, hörte man ein kleines Dienstmädchen draußen im Hof rufen: „Der Zweite junge Herr Bao kommt!" Purpurkuckuck rief eilig: „Bittet ihn schnell herein!"
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Kaum hatte sie ausgesprochen, trat Schatzjade schon ins Zimmer. Kajaljade bot ihm einen Platz an. Als Schatzjade sah, dass ihr Gesicht tränennass war, fragte er: „Schwester, wer hat dich wieder gekränkt? Deine Augen sind ja ganz rot geweint — was ist denn los?" Kajaljade antwortete nicht. Purpurkuckuck wies mit dem Kinn zum Bett hin. Schatzjade verstand, blickte zum Bett und sah dort allerlei Dinge aufgehäuft — sofort erkannte er, dass es Schatzspanges Geschenke waren. Er lachte und neckte: „Feine Sachen! Will die Schwester etwa einen Gemischtwarenladen aufmachen? Wozu liegen die alle hier herum?" Kajaljade beachtete ihn nicht. Purpurkuckuck sagte: „Der Zweite Herr spricht noch von den Sachen! Fräulein Schatzspange hat einige Dinge geschickt, und kaum hat unser Fräulein sie angesehen, brach sie in Tränen aus. Ich rede ihr gut zu und schlecht zu — nichts hilft. Und gerade nach dem Essen! Wenn sie weiter weint und sich den Magen verdirbt und die alte Krankheit zurückkehrt — die Herzoginmutter wird uns den Kopf abreißen! Dass der Zweite Herr kommt, ist ein Glück — helft uns ein wenig beim Trösten."
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Schatzjade war von Natur aus ein kluger Mensch, und überdies richtete er sein ganzes Herz stets auf Kajaljade. Er kannte sie durch und durch: empfindsam, empfindlich, dazu ehrgeizig und nicht gewillt, hinter anderen zurückzustehen. Beim Anblick der Mitbringsel, die ihr Bruder aus dem Süden geschickt hatte — Dinge aus der Heimat —, musste sie an andere schmerzliche Dinge denken — darin lag der wahre Grund ihrer Trauer. All das wusste Schatzjade in seinem Herzen, doch er wollte es nicht aussprechen, um Kajaljade nicht noch mehr aufzuwühlen. So sagte er lachend: „Euer Fräulein weint nicht aus einem anderen Grund — nur weil Fräulein Schatzspange zu wenig geschickt hat, ist sie beleidigt und traurig. Schwester, sei beruhigt! Nächstes Jahr fahre ich selbst nach Jiangnan und bringe dir zwei ganze Bootsladungen mit — dann brauchst du nicht mehr zu weinen!" Kajaljade hörte das und musste unwillkürlich auflachen: „So weltfremd bin ich nun auch wieder nicht, dass ich wegen zu weniger Geschenke traurig würde! Ich bin doch kein kleines Kind von zwei, drei Jahren! Du hältst mich wirklich für gewöhnlich und kleinlich. Ich habe meine eigenen Gründe — die kennst du nicht." Während sie sprach, flossen die Tränen erneut.
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Schatzjade rückte eilig zum Bett hinüber, setzte sich neben Kajaljade und nahm die Dinge eines nach dem anderen in die Hand, betrachtete sie eingehend und fragte absichtlich: „Was ist das? Wie heißt es? Wie ist das gemacht — so kunstvoll? Und das — wozu dient es? Schwester, schau, dieses Stück könnte man ins Bücherregal stellen, und jenes auf den Beistelltisch als Antiquität!" So lenkte er sie mit allerhand nichtigen Fragen und Bemerkungen eine Weile ab. Kajaljade, die seine kindische Art sah — wie er alles befragte und befingerte —, musste trotz allem ein wenig lachen und legte ihren Kummer vorübergehend beiseite. Als Schatzjade sah, dass ihre Miene sich aufhellte, sagte er: „Schwester Schatzspange hat uns Geschenke geschickt — ich finde, wir sollten zu ihr gehen und uns bedanken. Kommst du mit?" Kajaljade wollte eigentlich nicht eigens wegen ein paar Geschenken auf Besuch gehen — bei Gelegenheit ein Wort des Dankes hätte genügt. Doch Schatzjades Argument war einleuchtend und ließ sich schwer abweisen. So ging sie wohl oder übel mit Schatzjade. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
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Nun sei erzählt, dass Becken Schnee den Rat seiner Mutter befolgte und eilig Einladungen verschickte und ein Festessen herrichten ließ. Am nächsten Tag waren tatsächlich drei, vier Handelsgehilfen vollzählig erschienen. Man besprach zunächst Geschäftliches — Warenauslieferung und Kontobücher —, dann nahm man an der Tafel Platz, und Becken Schnee schenkte jedem Wein ein und dankte für die Mühen. Aus dem Inneren des Hauses ließ Tante Schnee noch besonders grüßen und danken. Da fragte einer der Gehilfen: „Warum fehlt heute der Erste Bruder Liu am Tisch? Hat der Hausherr vergessen, ihn einzuladen?" Becken Schnee zog die Brauen zusammen, seufzte und sagte: „Fragt nicht, fragt nicht! Ihr wisst es offenbar noch nicht. Wenn ich von diesem Menschen rede — es ist wahrhaft zum Seufzen! Vor ein, zwei Tagen wurde er plötzlich von einem verrückten Mönch ‚erlöst' und ist ihm als Geistlicher gefolgt. Ist das nicht höchst sonderbar?" Die Gehilfen sagten: „Wir haben im Laden gehört, wie die Leute draußen redeten — ein Mönch habe mit drei Worten einen weltlichen Mann bekehrt; manche sagten, der Wind habe ihn davongetragen, andere, er sei auf einer Wolke davongeflogen. Allerlei Gerüchte! Wir waren mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass wir es nicht weiter beachtet haben — bis heute wussten wir nicht einmal, ob es wahr ist. Nun hören wir: Der Bekehrte war also der Erste Bruder Liu! Hätten wir das gewusst, hätten wir gemeinsam auf ihn eingeredet. So einen hätten wir nicht gehen lassen! Ach, wieder einen guten Freund weniger! Wirklich schade und beklagenswert. Kein Wunder, dass der Hausherr betrübt ist. So ein kluger Mensch — ob er wirklich einem Mönch gefolgt ist? Bruder Liu kann Kampfkünste und hat Kraft. Vielleicht hat er eine Schwäche in der Zauberei des Mönchs entdeckt und tut nur so, als sei er ihm gefolgt, um ihn hinterrücks zu entlarven!" Becken Schnee sagte: „Wer weiß — wenn es so wäre, umso besser; dann gäbe es einen Schwindler weniger auf der Welt." Die Gehilfen fragten: „Hast du denn nicht nach ihm gesucht?" Becken Schnee sagte: „In der ganzen Stadt und vor den Toren — überall haben wir gesucht! Lacht mich nicht aus — ich habe sogar geweint." Daraufhin seufzte er nur noch, niedergeschlagen und ohne die sonst übliche Fröhlichkeit. Obwohl die Tafel mit Hühnern, Gänsen, Fisch und Ente, mit Berg- und Meeresdelikatessen reichlich besetzt war, drückte die trübe Stimmung des Gastgebers auf alle. Die Gehilfen tranken nur einige Becher, aßen ein wenig und gingen bald auseinander. Doch davon genug.
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Nun sei erzählt, dass Schatzjade Kajaljade mit zu Schatzspange führte, um sich zu bedanken. Man tauschte die üblichen Höflichkeiten aus. Kajaljade sagte zu Schatzspange: „Der große Bruder hat sich auf der langen Reise so abgemüht — wie viel kann er schon mitgebracht haben? Bei all den Geschenken an uns alle — was bleibt da noch für dich?" Schatzjade sagte: „Ganz recht!" Schatzspange lachte: „Es sind keine kostbaren Dinge — nur Mitbringsel von der Reise, die ein wenig neuartig wirken. Ob mir etwas übrigbleibt, ist unwichtig — wenn ich nächstes Jahr etwas haben möchte, bitte ich meinen Bruder einfach, es mitzubringen. Was ist schon dabei?"
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Schatzjade sagte sofort: „Wenn nächstes Jahr wieder etwas kommt, dann muss die Schwester uns auch wieder etwas schenken! Vergiss uns nicht!" Kajaljade sagte: „Du willst etwas haben — dann sag einfach, dass du etwas willst. Warum ziehst du ‚uns' mit hinein? Schwester, sieh nur — Bruder Schatzjade ist nicht gekommen, um sich zu bedanken, sondern um schon die Geschenke fürs nächste Jahr zu bestellen!" Schatzjade lachte: „Wenn ich etwas bekomme, fällt dann nicht auch ein Teil für dich ab? Statt mir zu helfen, machst du spitze Bemerkungen!" Alle lachten. Schatzspange fragte: „Wie kommt es, dass ihr beide so gleichzeitig hier seid — wer hat wen abgeholt?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Da Schwester mir Geschenke geschickt hat, dachte ich, Schwester Kajaljade hat sicher auch welche bekommen, und wir sollten beide danken gehen. Also ging ich zuerst zu ihr. Aber als ich ankam, saß sie bedrückt in ihrem Zimmer — ich weiß nicht, warum sie so gerne weint." Bei dem Wort „Tränen" bemerkte er Kajaljades scharfen Blick und brach ab. Schnell lenkte er ein: „Schwester Kajaljade hat in den letzten Tagen Beschwerden gehabt und fürchtet einen Rückfall — deshalb war sie aufgelöst. Ich habe sie eine Weile getröstet, und dann sind wir hergekommen. Erstens um zu danken, zweitens damit sie nicht allein in ihrem Zimmer sitzt und grübelt."
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Schatzspange sagte: „Wenn die Schwester Angst vor Krankheit hat, ist das verständlich — man muss eben beim Essen und Trinken, beim An- und Auskleiden und bei Hitze und Kälte besonders aufpassen. Aber warum sich grämen? Schwester, du weißt doch: Kummer schadet dem Blut und der Lebenskraft. Wenn man sich den Schaden erst eingeholt hat, wird man erst recht krank. Denk doch einmal darüber nach." Kajaljade sagte: „Schwester hat recht. Ich weiß das ja selbst. Nur — in den letzten Jahren, Schwester hat es ja gesehen, bin ich jedes Jahr ein-, zweimal krank geworden, bis ich mich davor fürchte. Kaum sehe ich Medizin, ob sie wirkt oder nicht — schon bei dem Geruch bekomme ich Kopfschmerzen und Übelkeit. Wie soll ich da keine Angst haben?" Schatzspange sagte: „Das mag sein, aber sich grämen hilft nicht. Lieber solltest du dich, wenn du dich unwohl fühlst, aufraffen und draußen herumspazieren, dir das Herz ein wenig aufheitern — das ist besser, als im Zimmer zu hocken und zu brüten. Kummer ist der größte Krankheitserreger. Auch ich hatte in den letzten Tagen das Gefühl, träge und matt zu sein und mich nur noch hinlegen zu wollen. Aber weil ich fürchtete, bei dem schlechten Wetter krank zu werden, habe ich mich dagegen gestemmt und nach Beschäftigungen gesucht — und so ging der Tag auch vorbei. Schwester, nimm es mir nicht übel: Je mehr man sich fürchtet, desto mehr kommen die Gespenster!"
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Schatzjade hörte das und fragte eilig: „Schwester Schatzspange, wo sind die Gespenster? Ich sehe keins!" Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Schatzspange sagte: „Du dummes kleines Herrchen — das war bildlich gesprochen! Wo sollen denn echte Gespenster sein? Wenn es wirklich welche gäbe, würdest du bestimmt wieder weinen vor Schreck!" Kajaljade lachte: „Schwester hat recht — man muss ihm eins auswischen! Wer heißt ihn, so vorwitzig zu sein!" Schatzjade sagte: „Kaum kritisiert jemand mich, freust du dich. Dafür bist du jetzt nicht mehr betrübt — gehen wir also nach Hause." So plauderten und scherzten sie noch eine Weile, dann verabschiedeten sich die beiden von Schatzspange. Schatzjade brachte Kajaljade bis vor die Tür des Bambushain-Pavillons<ref>潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn: Der „Pavillon am Flüstern der Bambusblätter", Kajaljades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung.</ref> und ging dann zu sich nach Hause. Doch davon genug.
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Nun sei erzählt, dass die Nebenfrau Zhao, als sie Schatzspanges Geschenk für den jungen Huan<ref>Huan Kaufmann (Unheil): Chin. 贾环 Jiǎ Huán, der Sohn der Nebenfrau Zhao und jüngerer Halbbruder von Schatzjade.</ref> sah, es eilig entgegennahm und sich vor Freude nicht lassen konnte. Überschwänglich lobte sie: „Alle sagen, Fräulein Schatzspange versteht es, sich zu benehmen und ist großzügig — heute sehe ich, dass es stimmt. Ihr Bruder hat doch nur begrenzt Dinge mitbringen können, und sie verteilt von Haus zu Haus, vergisst niemanden und lässt nicht erkennen, wem sie mehr gibt und wem weniger — sogar an uns arme Schlucker hat sie gedacht. Wirklich bewundernswert! Wenn es Fräulein Kajaljade wäre — nun ja, ihr schickt ja niemand etwas; aber selbst wenn jemand etwas brächte, würde sie nur den Einflussreichen und Angesehenen etwas schenken — an unsereins käme sie nie heran! Man sieht: Wer es versteht, sich zu benehmen, der sticht wirklich heraus." Die Nebenfrau Zhao, ganz stolz, weil Huan etwas bekommen hatte, betrachtete die Gaben wieder und wieder in ihren Händen. Da Schatzspange eine Nichte von Dame König mütterlicherseits war, wollte sie die Gelegenheit nutzen, sich bei Dame König einzuschmeicheln. So trug sie die Sachen zu Dame Königs Gemächern, stellte sich an die Seite und sprach: „Das hat Fräulein Schatzspange gerade dem jungen Huan geschickt. So jung und schon so umsichtig! Ich habe dem Botenmädchen zweihundert Kupfermünzen als Trinkgeld gegeben. Ich habe auch gehört, dass Tante Schnee der Gnädigen Frau etwas geschickt hat — was mag es wohl sein? Seht nur — aus einem Haus kommen zwei Portionen; wie viel kann es da schon sein? Kein Wunder, dass die Herzoginmutter und die Gnädige Frau sie so loben und lieben — sie macht sich wirklich beliebt." Damit reichte sie Dame König die Gaben zur Ansicht. Doch Dame König hob nicht einmal den Kopf, streckte nicht einmal die Hand aus und sagte nur: „Schön, gib es dem jungen Huan zum Spielen" — ohne auch nur hinzusehen. Die Nebenfrau Zhao hatte sich eine Abfuhr geholt und kehrte voller Ärger in ihr Zimmer zurück, warf die Sachen in eine Ecke und schimpfte endlos über dies und jenes, ohne dass ihr jemand zuhörte. Sie saß schmollend in ihrer Ecke. Man sieht: Die Nebenfrau Zhao war ein kleinlicher, begriffsstutziger Mensch — selbst wenn sie etwas Gutes erhielt, verdarb sie es durch ihr ärgerliches Geschwätz. Kein Wunder, dass Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, die dritte Tochter des Kaufmann-Hauses, Tochter der Nebenfrau Zhao, aber weit über ihre Mutter hinaus begabt und würdevoll.</ref> sich über sie ärgerte und sie geringschätzte. Doch genug davon.
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Nun sei erzählt, dass Schatzspanges Botenmädchen zurückkam und berichtete: „Alle haben gedankt, manche haben Trinkgeld gegeben. Nur das Päckchen für die kleine Pfiffigmädchen<ref>Pfiffigmädchen (巧姐): Die kleine Tochter von Kette Kaufmann und Phönixglanz.</ref> — das habe ich zurückgebracht." Schatzspange fragte verwundert: „Warum denn? Hast du es nicht abgeliefert, oder hat man es nicht angenommen?" Oriölchen sagte: „Als ich bei der Familie des jungen Huan die Sachen abgab, sah ich, dass die Zweite Herrin zur Herzoginmutter gegangen war. Wenn die Zweite Herrin nicht zu Hause ist, wem sollte ich es dann geben? Darum habe ich es nicht abgegeben." Schatzspange sagte: „Du bist wirklich ein Dummchen! Wenn die Zweite Herrin nicht da ist — sind denn Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.</ref> und Fenger auch nicht da? Du gibst es einfach bei ihnen ab, und wenn die Zweite Herrin zurückkommt, sagen sie es ihr. Muss man es unbedingt persönlich überreichen?"
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Oriölchen nahm das Päckchen und ging erneut aus dem Garten hinaus zu Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kette Kaufmann.</ref>. Unterwegs sagte sie zur alten Dienerin: „Hätte ich es gleich abgeliefert, wäre alles erledigt gewesen und mir dieser Gang erspart geblieben." Die Alte sagte: „Müßig herumzusitzen ist auch langweilig — ein kleiner Spaziergang schadet nicht. Nur hat das Fräulein heute schon viele Wege gemacht und ist sicher müde. Nach diesem letzten Gang können wir uns dann gemeinsam ausruhen." So plaudernd kamen sie bei Phönixglanz an, lieferten die Geschenke ab und kehrten zu Schatzspange zurück. Schatzspange fragte: „Hast du die Zweite Herrin gesehen?" Oriölchen sagte: „Nein." Schatzspange fragte: „Ist sie noch nicht zurück?" Das Mädchen sagte: „Doch, sie war zurück. Aber Fenger hat mir gesagt: ‚Die Zweite Herrin kam von der Herzoginmutter zurück und war nicht wie sonst fröhlich und vergnügt, sondern hatte einen zornigen Gesichtsausdruck. Sie hat Friedchen zu sich gerufen und tuschelt im Flüsterton mit ihr — niemand darf zuhören. Sogar mich hat sie hinausgeschickt. Geh besser nicht hinein — ich sage es ihr für dich.' Also hat Fenger die Sachen hineingetragen und kam mit der Nachricht zurück: ‚Die Zweite Herrin dankt dem Fräulein schön.' Sie hat uns einen Faden Kupfergeld als Trinkgeld gegeben, und damit bin ich zurückgekommen." Schatzspange hörte das, grübelte eine Weile und konnte sich nicht erklären, warum Phönixglanz so erzürnt war. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
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Nun sei erzählt, dass Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xīrén, die aufmerksame und pflichtbewusste Leibmagd von Schatzjade.</ref>, als Schatzjade zurückkam, ihn fragte: „Warum bist du nicht spazieren gegangen und schon zurück? Du hattest doch gesagt, du wolltest Fräulein Kajaljade abholen und mit ihr gemeinsam zu Fräulein Schatzspange gehen — warst du dort?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Ich wollte Schwester Kajaljade abholen und gemeinsam gehen. Aber als ich ankam, saß sie in ihrem Zimmer, von den Mitbringseln umgeben, und war ganz unglücklich. Ich kenne ja ihre Gründe — man darf sie nicht direkt darauf ansprechen, man darf sie auch nicht tadeln. So tat ich, als wüsste ich von nichts, lenkte sie mit allerlei Plaudereien ab, bis sie sich beruhigte. Dann erst gingen wir zusammen zu Schwester Schatzspange, um zu danken, plauderten eine Weile und gingen. Ich habe sie nach Hause gebracht und bin dann erst selbst zurückgekehrt."
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Dufthauch fragte: „Die Geschenke für Fräulein Kajaljade — waren es mehr oder weniger als deine, oder gleich viel?" Schatzjade sagte: „Ein- bis zweimal so viel wie meine." Dufthauch sagte: „Das ist eine verständige Frau, die es richtig macht. Fräulein Schatzspange weiß, dass alle anderen Schwestern nahe Verwandte haben, die sich um sie kümmern und ihnen Dinge schenken — nur Fräulein Kajaljade lebt zwei-, dreitausend Li von der Heimat entfernt und hat keinen einzigen Verwandten hier, der ihr etwas schicken würde. Zudem sind die beiden nicht nur verwandt, sondern auch Wahlschwestern — hast du vergessen, dass Fräulein Kajaljade letztes Jahr Tante Schnee zur Wahlmutter erkoren hat?<ref>Kajaljade hat Tante Schnee als Adoptivmutter angenommen (认干妈), was die besondere Verbundenheit zwischen den Familien Schnee und Wald bekräftigte.</ref> Deshalb ist es nur recht und billig, ihr mehr zu geben."
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Friedchen kam herüber und bat Dufthauch um einige Rollen roten Damast für die Herstellung von Seidenschnüren, wobei sie scherzte, die letzte Lieferung sei aufgebraucht und man brauche dringend Nachschub. Dufthauch suchte die gewünschten Stoffe heraus und gab sie ihr. Die beiden plauderten über dies und jenes. Friedchen blieb eine Weile, und sie tranken zusammen Tee. Dufthauch bemerkte auf dem Bettrand ein Nähkästchen mit einem kleinen, aus rotem ausländischem Brokat genähten Leibchen. „Hat die Herrin bei all ihren tausend Geschäften wirklich noch Zeit zum Nähen?" fragte sie. Phönixglanz — die gerade hereingekommen war — sagte: „Ich kann ja von Natur aus nicht gut nähen. Jetzt, wo ich gerade erst genesen bin und die Hausgeschäfte mich nicht zur Ruhe kommen lassen, wo sollte ich da Zeit hernehmen? Das Wichtigste lasse ich liegen. Diesen Stoff habe ich bei der Herzoginmutter gesehen — Tante Schnee hatte ihn der Alten Dame geschickt. Die Herzoginmutter meinte: ‚Diese bunten Blumen und Farben — das wäre doch hübsch für kleine Kinderkleidchen!' Da habe ich gleich darum gebeten. Die Herzoginmutter hat mich ausgescholten — ich sei ihr ‚Plagegeist', der alles haben will und alles mitnimmt, was er sieht. Alle mussten lachen. Ihr wisst ja, ich bin ein dickes Fell und scheue kein Wort — die Alte Dame schimpft, und ich tu, als hörte ich nichts, nehme es und gehe. So habe ich es Friedchen gegeben, damit sie zuerst ein Leibchen für Pfiffigmädchen näht — den Rest für später."
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Dufthauch lachte: „Auch nur unsere Herrin schafft es, die alte Ahnherrin so zum Lachen zu bringen." Sie nahm die Handarbeit in die Hand und lobte: „Wirklich hübsch! Alle Farben sind darin. Feines Material verdient geschickte Hände. Und dazu für Pfiffigmädchen — wenn man sie damit herumträgt, werden alle sie bewundern." Dann fragte sie: „Wo ist Pfiffigmädchen? Ich habe sie die ganze Zeit nicht gesehen." Friedchen sagte: „Vorhin hat Fräulein Schatzspange Spielsachen geschickt — Pfiffigmädchen war ganz begeistert und hat eine ganze Weile damit gespielt. Dann hat die Amme sie hinausgetragen — sie wird müde gewesen sein und schlafen." Dufthauch sagte: „Pfiffigmädchen wird von Mal zu Mal aufgeweckter." Friedchen sagte: „Das kleine Mondgesicht ist rund wie ein silbernes Becken. Wenn sie jemanden sieht, lacht sie — sie beleidigt nie jemanden. Wirklich der Trostschatz unserer Herrin." Phönixglanz fragte: „Was macht der junge Bruder Bao zu Hause?" Dufthauch lachte: „Ich habe ihn gebeten, zusammen mit Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, eine hübsche und temperamentvolle Dienerin von Schatzjade.</ref> und den anderen auf das Haus aufzupassen, und bin dann hierhergekommen. Aber ich bin schon viel zu lange hier! Wenn Schatzjade sich zu Hause beschwert, ich hätte ein zu schweres Hinterteil und würde mich überall festsetzen, wo ich mich hinsetze ..." So stand sie auf, verabschiedete sich und kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Doch davon genug.
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Nun sei erzählt, dass Phönixglanz, nachdem Friedchen die Dufthauch hinausbegleitet hatte, Friedchen erneut ins Zimmer rief und sie über die früheren Dinge ausfragte. Je mehr sie hörte, desto wütender wurde sie: „Der Zweite Herr heiratet draußen heimlich eine zweite Frau, und du sagst, du hättest es von den Burschen am Zweiten Tor gehört. Welcher genau hat es erzählt?"
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Friedchen sagte: „Es war Wanger, der es gesagt hat." Phönixglanz ließ sofort Wanger rufen und fragte ihn: „Dein Zweiter Herr hat draußen ein Haus gekauft und eine Nebenfrau geheiratet — weißt du davon?" Wanger sagte: „Der Kleine steht den ganzen Tag am Zweiten Tor auf Posten — woher sollte ich die Angelegenheiten des Zweiten Herrn kennen? Ich habe es von Xing'er gehört." Phönixglanz fragte: „Wann hat Xing'er es dir erzählt?" Wanger sagte: „Noch bevor der Zweite Herr abgereist ist." Phönixglanz fragte weiter: „Wo ist Xing'er jetzt?" Wanger sagte: „Xing'er ist bei der Neuen Zweiten Herrin."
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Phönixglanz war vor Wut außer sich, spuckte aus und schimpfte: „Du niederträchtiger Affenbalg! Was heißt hier ‚Neue Herrin' und ‚Alte Herrin'? Du verteilst eigenmächtig Titel! Mit deinem frechen Mundwerk — dafür gehörst du geohrfeigt!" Dann fragte sie: „Xing'er ist doch einer von denen, die dem Zweiten Herrn folgen — warum ist er nicht mitgereist?" Wanger sagte: „Er wurde eigens daheim gelassen, um auf die Zweitschwester Sonders aufzupassen." Phönixglanz rief in einem fort: „Hol mir sofort Xing'er her!"
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Wanger rannte hinaus, fand Xing'er und sagte nur: „Die Zweite Herrin ruft dich." Xing'er spielte gerade draußen mit den Burschen herum. Als er den Ruf hörte, fragte er — wohlgemerkt — nicht einmal, was die Zweite Herrin von ihm wolle, sondern folgte Wanger eilig zum Zweiten Tor. Er meldete sich an, trat ein, begrüßte Phönixglanz mit der üblichen Verbeugung und stellte sich an die Seite.
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Phönixglanz starrte ihn mit funkelnden Augen an und fuhr ihn an: „Euer Herr und Knecht treibt draußen feine Sachen! Ihr haltet mich wohl für dumm und ahnungslos? Du bist einer der engsten Begleiter des Zweiten Herrn — du musst alles ganz genau wissen. Erzähl mir jetzt Punkt für Punkt die Wahrheit! Wenn du auch nur das Geringste verschweigst oder lügst, breche ich dir die Beine!" Xing'er fiel auf die Knie und stammelte: „Was will die Herrin denn wissen? Was soll ich getan haben?" Phönixglanz schrie: „Du elender kleiner Bastard! Du wagst es, mich hinzuhalten? Ich frage dich: Wie kam es, dass der Zweite Herr sich draußen mit der Zweiten Schwester You eingelassen hat? Wie hat er das Haus gekauft, die Ausstattung besorgt? Wie hat er sie geheiratet? Eins nach dem anderen — alles, und zwar sofort! Dann verschone ich dein Hundeleben!"
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Xing'er, am ganzen Leib zitternd, hatte keine andere Wahl als von Anfang bis Ende alles zu erzählen — wie Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann die Sache eingefädelt hatten, wie das Haus gekauft, die Hochzeit inszeniert und die Zweitschwester Sonders als Nebenfrau aufgenommen worden war. Phönixglanz hörte zu, und mit jedem Wort wuchs ihr Zorn. Als er geendet hatte, sagte sie mit schneidender Stimme: „Geh und sag kein Wort zu niemandem! Wenn ich erfahre, dass du geredet hast, schlage ich dich tot!" Xing'er kroch auf allen vieren hinaus.
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Phönixglanz rief Friedchen zu sich, schloss die Tür und sagte mit einem bitteren Lachen: „Da hast du es. Der feine Herr hat also draußen seine Hochzeit gefeiert, mit Haus und allem Drum und Dran, und alle wissen es — nur ich, die Ehefrau, bin die Letzte, die es erfährt. Gut, gut! Er soll mich kennenlernen!" Friedchen wagte kaum zu atmen und sagte leise: „Die Herrin sollte sich nicht so aufregen. Es muss auch daran gedacht werden, wie es nach außen wirkt." Phönixglanz sagte: „Hab keine Angst — ich werde nichts Unüberlegtes tun. Aber diese Sache lasse ich nicht auf sich beruhen. Lass mich erst einen Plan ausdenken."
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Die ganze Nacht grübelte Phönixglanz. Am nächsten Morgen war ihr Gesicht wieder freundlich, als wäre nichts geschehen. Doch in ihrem Herzen brütete sie finstere Rache. Von diesem Tage an merkte sich Phönixglanz jedes Wort und jede Handlung und wartete auf den richtigen Augenblick, um zuzuschlagen.
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Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
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<references />

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 67 馈土物颦卿念故里 / 讯家童凤姐蓄阴谋 Mitbringsel aus dem Süden wecken Kajaljades Heimweh; Phönixglanz erfährt das Geheimnis und sinnt auf Rache

Es wird erzählt, dass nach dem Selbstmord der Dritten Schwester You[1] die alte Dame Sonders sowie die Zweitschwester Sonders, Herrlichkeit Kaufmann[2], die Schwägerin Sonders, Herrlichkeit Kaufmann[3], Kette Kaufmann[4] und alle anderen, die davon erfuhren, untröstlich waren vor Kummer und Trauer — das versteht sich von selbst. Eilig ließen sie einen Sarg kaufen und die Tote einkleiden, um sie vor der Stadt zu bestatten. Was Xianglotus Weide[5] betrifft: Nachdem er den Tod der Dritten Schwester gesehen hatte, war sein Herz noch immer von verwirrter Leidenschaft und törichter Anhänglichkeit erfüllt. Doch ein taoistischer Wandermönch durchbrach mit einigen Versen die Schranken seiner Verblendung, und er schor sich das Haar, entsagte der Welt und folgte dem verrückten Mönch davon — wohin, wusste niemand. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Nun sei erzählt, dass Tante Schnee[6], als sie erfuhr, dass Xianglotus Weide sich bereits mit der Dritten Schwester You verlobt hatte, höchst erfreut war und fröhlich Pläne schmiedete, ihm ein Haus zu kaufen, die Ausstattung zu besorgen, die Mitgift herzurichten und einen glückverheißenden Tag für die Hochzeit auszuwählen — alles, um ihm seine Lebensrettung zu vergelten. Doch plötzlich erschien ein Hausbursche bei Tante Schnee und berichtete vom Selbstmord der Dritten Schwester You und von Xianglotus Weides Eintritt ins Kloster. Tante Schnee seufzte tief. Während sie noch rätselte, was der Grund sein mochte, kam gerade Schatzspange[7] aus dem Garten herüber. Tante Schnee sprach zu ihr: „Mein Kind, hast du schon gehört? Die Schwester deiner Schwägerin Schein-Echt, die Drittschwester Sonders — war sie nicht bereits dem Schwurbruder deines Bruders, Xianglotus Weide, versprochen? Das war doch alles bestens. Aber nun hat sich die Drittschwester Sonders die Kehle durchgeschnitten, und Xianglotus Weide ist ins Kloster gegangen. Wahrhaftig seltsame Dinge — wer hätte das gedacht!" Schatzspange hörte das gelassen an und sagte: „Das Sprichwort sagt es treffend: ‚Am Himmel ziehen unerwartete Wolken auf, und den Menschen droht jederzeit Unheil.'[8] Das war eben ihr Schicksal aus einem früheren Leben — sie waren nicht dazu bestimmt, Eheleute zu werden. Mama empfindet das so stark, weil er unserem Bruder das Leben gerettet hat, deshalb seufzt sie so. Wenn beide wohlauf wären, sollte Mama ihm natürlich helfen. Aber nun ist die eine tot und der andere ins Kloster gegangen — da können wir nichts tun, meiner Meinung nach. Mama sollte sich auch nicht so sehr grämen und die eigene Gesundheit schädigen. Übrigens — seit der Bruder vor zehn, zwanzig Tagen aus dem Süden zurückgekehrt ist, müssten die mitgebrachten Waren inzwischen wohl alle ausgeliefert sein. Die Handelsgehilfen, die ihn begleitet haben, haben monatelang Strapazen auf sich genommen. Mama sollte mit dem Bruder besprechen, ob man sie nicht zu einem Essen einladen und ihnen danken sollte. Sonst sieht es aus, als wären wir unhöflich."

Während Mutter und Tochter noch sprachen, trat Becken Schnee[9] von draußen herein, die Augen noch feucht von ungetrockneten Tränen. Kaum durch die Tür, schlug er die Hände zusammen und rief seiner Mutter zu: „Mama, hast du schon von Bruder Liu und der Dritten Schwester You gehört?" Tante Schnee sagte: „Ich habe es im Garten reden gehört und war gerade dabei, es mit deiner Schwester zu besprechen." Becken Schnee sagte: „Ist das nicht höchst seltsam?" Tante Schnee sagte: „Dieser Herr Liu — ein so junger, kluger Mensch, wie konnte er nur in einer Anwandlung von Verwirrung einem Wandermönch folgen? Ich denke, er muss in einem früheren Leben bereits ein Mensch mit tiefen karmischen Wurzeln gewesen sein, weshalb er so leicht empfänglich war für die Worte der Erleuchtung. Bedenke, dass ihr gute Freunde wart und er weder Eltern noch Geschwister hat, ganz allein hier — du solltest überall nach ihm suchen. So ein verrückter hinkender Mönch kann doch nicht weit gekommen sein! Wahrscheinlich versteckt er sich in irgendeinem Tempel in der Nachbarschaft."

Becken Schnee sagte: „Natürlich! Sobald ich die Nachricht hörte, bin ich mit meinen Burschen überall suchen gegangen — keine Spur von ihm. Ich habe auch Leute gefragt — alle sagten, sie hätten nichts gesehen. Da wusste ich mir keinen Rat mehr und habe nur noch gen Nordwesten geschaut und bitterlich geweint." Dabei wurden seine Augenränder schon wieder rot. Tante Schnee sagte: „Wenn du gesucht hast und ihn nicht findest, hast du deine Pflicht als Freund erfüllt. Wer weiß — vielleicht hat ihm der Eintritt ins Kloster Gutes gebracht? Grüble nicht zu viel. Erstens solltest du dich um die Geschäfte kümmern, und zweitens die Vorbereitungen für deine eigene Hochzeit vorantreiben. In unserem Haus fehlt es an Leuten — da gilt das Sprichwort: ‚Der dumme Spatz muss früh losfliegen'[10], damit nicht in letzter Minute alles durcheinandergerät und die Leute lachen. Außerdem hat deine Schwester eben gesagt, du bist schon über einen halben Monat zurück, die Waren müssten verteilt sein, und du solltest die Handelsgehilfen zu einem Festessen einladen und ihre Mühen belohnen. Sie mögen zwar bei uns in Lohn und Brot stehen, aber sie sind doch auch Außenstehende, haben dich ein-, zweitausend Li weit begleitet und vier, fünf Monate lang Strapazen ertragen — und unterwegs noch so manche Gefahr und Last für dich auf sich genommen." Becken Schnee hörte das und sagte: „Mama hat recht, Schwester denkt an alles. Ich hatte es genauso vor, nur war ich in den letzten Tagen mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass mir der Kopf schwirrte. Und dann die Sache mit Bruder Lius Hochzeit — wieder einige Tage vertan, alles umsonst, die eigentlichen Dinge vernachlässigt. Gut, dann setzen wir es auf morgen oder übermorgen an und verschicken die Einladungen."

Tante Schnee sagte: „Kümmere dich darum." Noch bevor sie ausgesprochen hatte, meldete ein Hausbursche von draußen: „Der Gehilfe des Oberbuchhalters Zhang hat zwei Kisten schicken lassen. Er sagt, das seien Dinge, die der junge Herr privat gekauft hat und die nicht in den Warenkonten stehen. Er wollte sie schon früher bringen, aber die Warenkisten lagen darauf. Gestern, als die Waren alle ausgeliefert waren, konnte er sie endlich herausnehmen, deshalb schickt er sie erst heute." Während er noch sprach, trugen zwei Burschen zwei große, mit Leisten zusammengehaltene Palmfaserkisten herein. Becken Schnee schlug sich an die Stirn: „Ach du meine Güte, wie konnte ich nur so vergesslich sein! Die Dinge, die ich eigens für Mama und Schwester mitgebracht habe, habe ich ganz vergessen und nicht nach Hause geholt — die Gehilfen mussten sie mir nachschicken!" Schatzspange sagte: „Du sagst, du hättest sie ‚eigens' mitgebracht — und dann lässt du sie zehn, zwanzig Tage liegen. Wenn du sie nicht ‚eigens' mitgebracht hättest, hätten sie wohl bis Jahresende hier gelegen! Du achtest wirklich auf gar nichts." Becken Schnee lachte: „Vermutlich haben mir die Räuber unterwegs den Verstand aus dem Leib erschreckt, und er ist noch nicht zurückgekehrt."

Alle lachten, und dann sagte er zu dem Burschen: „Die Sachen sind angenommen, sie können gehen." Tante Schnee und Schatzspange fragten neugierig: „Was sind das für kostbare Dinge, so verschnürt und verklammert?" Man ließ die Seile durchschneiden, die Leisten abnehmen und die Schlösser öffnen. Darin fanden sich Seidenstoffe, Brokat, Damast und ausländische Waren — alles nützliche Dinge für den Hausgebrauch. Nur in Schatzspanges Kiste gab es neben Pinseln, Tusche, Reibsteinen, buntem Briefpapier, Duftsäckchen, Duftperlen, Fächern, Fächeranhängern, Puder, Rouge und Haaröl noch allerlei Mitbringsel vom Tigerberg[11]: mechanische Figürchen, Trinkspiel-Lose, mit Quecksilber gefüllte Purzelbäumchen-Männchen, Sandlampen und ganze Szenen aus Tonfiguren, in mit grüner Gaze bespannten Kästchen aufbewahrt. Außerdem ein Abbild von Becken Schnee selbst, aus Ton geformt und ihm aufs Haar gleichend, sowie viele weitere kleine Spielereien. Schatzspange war hocherfreut, rief ihr Dienstmädchen und wies sie an: „Trag diese Kiste in den Garten hinein — von dort aus kann ich gleich die Geschenke an die anderen verteilen." Damit verabschiedete sie sich von ihrer Mutter und ging in den Garten. Tante Schnee ihrerseits nahm die Dinge aus ihrer Kiste heraus, teilte sie sorgfältig ein und ließ sie durch das Mädchen Tongxi zur Herzoginmutter[12] und Dame König[13] und den anderen bringen.

Nun sei erzählt, dass Schatzspange die Kiste in ihr Zimmer bringen ließ, jedes Stück einzeln durchsah und — abgesehen von dem, was sie selbst behielt — alles sorgfältig in Päckchen einteilte: Für die einen Pinsel, Tusche, Papier und Reibsteine; für die anderen Duftsäckchen, Fächer und Fächeranhänger; wieder für andere Rouge und Haaröl; und für manche nur Spielsachen — je nach Person bemessen. Nur Kajaljade[14] erhielt ein doppelt so reiches Päckchen wie alle anderen. Als alles fertig eingepackt war, schickte sie Oriölchen[15] zusammen mit einer alten Dienerin los, die Geschenke überallhin zu überbringen.

Seidenweiß Pflaume[16], Schatzjade[17] und die anderen nahmen die Geschenke entgegen, belohnten die Botin und ließen ausrichten, sie würden sich beim nächsten Treffen persönlich bedanken — das Übliche eben. Nur Kajaljade — als sie die Dinge aus der Heimat am Jangtse erblickte, wurde sie von Wehmut übermannt und musste an ihre Eltern denken. Vor den Mitbringseln stehend, vergoss sie Tränen und seufzte still bei sich: „Ich bin eine Tochter des Südens. Vater und Mutter sind beide tot, Geschwister habe ich keine — ganz allein lebe ich hier bei meiner Großmutter mütterlicherseits, dazu noch ständig krank. Außer der Herzoginmutter, der Tante und den Schwestern, die nach mir schauen, gibt es keinen einzigen Verwandten mit dem Namen Lin, der mich besuchen und mir Heimatgeschenke mitbringen könnte — damit ich auch einmal etwas verschenken und das Gesicht wahren könnte. Man sieht: Wer keine nächsten Blutsverwandten hat, dem bleibt nur Einsamkeit, Kälte und Trostlosigkeit!" Bei diesen Gedanken überwältigte sie der Kummer.

Purpurkuckuck[18], die Kajaljade seit vielen Jahren bediente und ihr Tag und Nacht zur Seite stand, kannte das Innere ihrer Herrin nur zu gut: Der Anblick der Heimatgaben hatte ihr Herz berührt und die Sehnsucht nach den Eltern geweckt. Doch sie wagte es nicht, dies offen auszusprechen, und tröstete sie nur von der Seite: „Das Fräulein ist ohnehin viel krank und nimmt morgens und abends noch Medizin. In den letzten Tagen schien es etwas besser — ein wenig mehr Appetit, ein wenig mehr Kraft —, aber von wirklicher Genesung kann noch keine Rede sein. Heute schickt Fräulein Schatzspange diese Geschenke — das zeigt, wie sehr sie das Fräulein schätzt. Das Fräulein sollte sich freuen! Warum wird sie stattdessen traurig? Wenn Fräulein Schatzspange erfährt, dass ihre Geschenke statt Freude nur Kummer gebracht haben — wie peinlich wäre das! Und dann bedenke das Fräulein: Die Herzoginmutter und die Gnädigen Frauen haben mit allen Mitteln die besten Ärzte bestellt, um die Krankheit des Fräuleins zu heilen. Kaum geht es etwas besser, und das Fräulein weint wieder — ist das nicht, als verdürbe man sich selbst den Leib und wollte die Herzoginmutter nicht froh sehen? Die Krankheit des Fräuleins kommt doch gerade von zu vielen Sorgen und zu viel Kummer, die das Blut und die Lebenskraft geschädigt haben. Der kostbare Leib des Fräuleins darf nicht so leichtfertig behandelt werden."

Gerade als Purpurkuckuck noch auf Kajaljade einredete, hörte man ein kleines Dienstmädchen draußen im Hof rufen: „Der Zweite junge Herr Bao kommt!" Purpurkuckuck rief eilig: „Bittet ihn schnell herein!"

Kaum hatte sie ausgesprochen, trat Schatzjade schon ins Zimmer. Kajaljade bot ihm einen Platz an. Als Schatzjade sah, dass ihr Gesicht tränennass war, fragte er: „Schwester, wer hat dich wieder gekränkt? Deine Augen sind ja ganz rot geweint — was ist denn los?" Kajaljade antwortete nicht. Purpurkuckuck wies mit dem Kinn zum Bett hin. Schatzjade verstand, blickte zum Bett und sah dort allerlei Dinge aufgehäuft — sofort erkannte er, dass es Schatzspanges Geschenke waren. Er lachte und neckte: „Feine Sachen! Will die Schwester etwa einen Gemischtwarenladen aufmachen? Wozu liegen die alle hier herum?" Kajaljade beachtete ihn nicht. Purpurkuckuck sagte: „Der Zweite Herr spricht noch von den Sachen! Fräulein Schatzspange hat einige Dinge geschickt, und kaum hat unser Fräulein sie angesehen, brach sie in Tränen aus. Ich rede ihr gut zu und schlecht zu — nichts hilft. Und gerade nach dem Essen! Wenn sie weiter weint und sich den Magen verdirbt und die alte Krankheit zurückkehrt — die Herzoginmutter wird uns den Kopf abreißen! Dass der Zweite Herr kommt, ist ein Glück — helft uns ein wenig beim Trösten."

Schatzjade war von Natur aus ein kluger Mensch, und überdies richtete er sein ganzes Herz stets auf Kajaljade. Er kannte sie durch und durch: empfindsam, empfindlich, dazu ehrgeizig und nicht gewillt, hinter anderen zurückzustehen. Beim Anblick der Mitbringsel, die ihr Bruder aus dem Süden geschickt hatte — Dinge aus der Heimat —, musste sie an andere schmerzliche Dinge denken — darin lag der wahre Grund ihrer Trauer. All das wusste Schatzjade in seinem Herzen, doch er wollte es nicht aussprechen, um Kajaljade nicht noch mehr aufzuwühlen. So sagte er lachend: „Euer Fräulein weint nicht aus einem anderen Grund — nur weil Fräulein Schatzspange zu wenig geschickt hat, ist sie beleidigt und traurig. Schwester, sei beruhigt! Nächstes Jahr fahre ich selbst nach Jiangnan und bringe dir zwei ganze Bootsladungen mit — dann brauchst du nicht mehr zu weinen!" Kajaljade hörte das und musste unwillkürlich auflachen: „So weltfremd bin ich nun auch wieder nicht, dass ich wegen zu weniger Geschenke traurig würde! Ich bin doch kein kleines Kind von zwei, drei Jahren! Du hältst mich wirklich für gewöhnlich und kleinlich. Ich habe meine eigenen Gründe — die kennst du nicht." Während sie sprach, flossen die Tränen erneut.

Schatzjade rückte eilig zum Bett hinüber, setzte sich neben Kajaljade und nahm die Dinge eines nach dem anderen in die Hand, betrachtete sie eingehend und fragte absichtlich: „Was ist das? Wie heißt es? Wie ist das gemacht — so kunstvoll? Und das — wozu dient es? Schwester, schau, dieses Stück könnte man ins Bücherregal stellen, und jenes auf den Beistelltisch als Antiquität!" So lenkte er sie mit allerhand nichtigen Fragen und Bemerkungen eine Weile ab. Kajaljade, die seine kindische Art sah — wie er alles befragte und befingerte —, musste trotz allem ein wenig lachen und legte ihren Kummer vorübergehend beiseite. Als Schatzjade sah, dass ihre Miene sich aufhellte, sagte er: „Schwester Schatzspange hat uns Geschenke geschickt — ich finde, wir sollten zu ihr gehen und uns bedanken. Kommst du mit?" Kajaljade wollte eigentlich nicht eigens wegen ein paar Geschenken auf Besuch gehen — bei Gelegenheit ein Wort des Dankes hätte genügt. Doch Schatzjades Argument war einleuchtend und ließ sich schwer abweisen. So ging sie wohl oder übel mit Schatzjade. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Nun sei erzählt, dass Becken Schnee den Rat seiner Mutter befolgte und eilig Einladungen verschickte und ein Festessen herrichten ließ. Am nächsten Tag waren tatsächlich drei, vier Handelsgehilfen vollzählig erschienen. Man besprach zunächst Geschäftliches — Warenauslieferung und Kontobücher —, dann nahm man an der Tafel Platz, und Becken Schnee schenkte jedem Wein ein und dankte für die Mühen. Aus dem Inneren des Hauses ließ Tante Schnee noch besonders grüßen und danken. Da fragte einer der Gehilfen: „Warum fehlt heute der Erste Bruder Liu am Tisch? Hat der Hausherr vergessen, ihn einzuladen?" Becken Schnee zog die Brauen zusammen, seufzte und sagte: „Fragt nicht, fragt nicht! Ihr wisst es offenbar noch nicht. Wenn ich von diesem Menschen rede — es ist wahrhaft zum Seufzen! Vor ein, zwei Tagen wurde er plötzlich von einem verrückten Mönch ‚erlöst' und ist ihm als Geistlicher gefolgt. Ist das nicht höchst sonderbar?" Die Gehilfen sagten: „Wir haben im Laden gehört, wie die Leute draußen redeten — ein Mönch habe mit drei Worten einen weltlichen Mann bekehrt; manche sagten, der Wind habe ihn davongetragen, andere, er sei auf einer Wolke davongeflogen. Allerlei Gerüchte! Wir waren mit der Warenauslieferung so beschäftigt, dass wir es nicht weiter beachtet haben — bis heute wussten wir nicht einmal, ob es wahr ist. Nun hören wir: Der Bekehrte war also der Erste Bruder Liu! Hätten wir das gewusst, hätten wir gemeinsam auf ihn eingeredet. So einen hätten wir nicht gehen lassen! Ach, wieder einen guten Freund weniger! Wirklich schade und beklagenswert. Kein Wunder, dass der Hausherr betrübt ist. So ein kluger Mensch — ob er wirklich einem Mönch gefolgt ist? Bruder Liu kann Kampfkünste und hat Kraft. Vielleicht hat er eine Schwäche in der Zauberei des Mönchs entdeckt und tut nur so, als sei er ihm gefolgt, um ihn hinterrücks zu entlarven!" Becken Schnee sagte: „Wer weiß — wenn es so wäre, umso besser; dann gäbe es einen Schwindler weniger auf der Welt." Die Gehilfen fragten: „Hast du denn nicht nach ihm gesucht?" Becken Schnee sagte: „In der ganzen Stadt und vor den Toren — überall haben wir gesucht! Lacht mich nicht aus — ich habe sogar geweint." Daraufhin seufzte er nur noch, niedergeschlagen und ohne die sonst übliche Fröhlichkeit. Obwohl die Tafel mit Hühnern, Gänsen, Fisch und Ente, mit Berg- und Meeresdelikatessen reichlich besetzt war, drückte die trübe Stimmung des Gastgebers auf alle. Die Gehilfen tranken nur einige Becher, aßen ein wenig und gingen bald auseinander. Doch davon genug.

Nun sei erzählt, dass Schatzjade Kajaljade mit zu Schatzspange führte, um sich zu bedanken. Man tauschte die üblichen Höflichkeiten aus. Kajaljade sagte zu Schatzspange: „Der große Bruder hat sich auf der langen Reise so abgemüht — wie viel kann er schon mitgebracht haben? Bei all den Geschenken an uns alle — was bleibt da noch für dich?" Schatzjade sagte: „Ganz recht!" Schatzspange lachte: „Es sind keine kostbaren Dinge — nur Mitbringsel von der Reise, die ein wenig neuartig wirken. Ob mir etwas übrigbleibt, ist unwichtig — wenn ich nächstes Jahr etwas haben möchte, bitte ich meinen Bruder einfach, es mitzubringen. Was ist schon dabei?"

Schatzjade sagte sofort: „Wenn nächstes Jahr wieder etwas kommt, dann muss die Schwester uns auch wieder etwas schenken! Vergiss uns nicht!" Kajaljade sagte: „Du willst etwas haben — dann sag einfach, dass du etwas willst. Warum ziehst du ‚uns' mit hinein? Schwester, sieh nur — Bruder Schatzjade ist nicht gekommen, um sich zu bedanken, sondern um schon die Geschenke fürs nächste Jahr zu bestellen!" Schatzjade lachte: „Wenn ich etwas bekomme, fällt dann nicht auch ein Teil für dich ab? Statt mir zu helfen, machst du spitze Bemerkungen!" Alle lachten. Schatzspange fragte: „Wie kommt es, dass ihr beide so gleichzeitig hier seid — wer hat wen abgeholt?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Da Schwester mir Geschenke geschickt hat, dachte ich, Schwester Kajaljade hat sicher auch welche bekommen, und wir sollten beide danken gehen. Also ging ich zuerst zu ihr. Aber als ich ankam, saß sie bedrückt in ihrem Zimmer — ich weiß nicht, warum sie so gerne weint." Bei dem Wort „Tränen" bemerkte er Kajaljades scharfen Blick und brach ab. Schnell lenkte er ein: „Schwester Kajaljade hat in den letzten Tagen Beschwerden gehabt und fürchtet einen Rückfall — deshalb war sie aufgelöst. Ich habe sie eine Weile getröstet, und dann sind wir hergekommen. Erstens um zu danken, zweitens damit sie nicht allein in ihrem Zimmer sitzt und grübelt."

Schatzspange sagte: „Wenn die Schwester Angst vor Krankheit hat, ist das verständlich — man muss eben beim Essen und Trinken, beim An- und Auskleiden und bei Hitze und Kälte besonders aufpassen. Aber warum sich grämen? Schwester, du weißt doch: Kummer schadet dem Blut und der Lebenskraft. Wenn man sich den Schaden erst eingeholt hat, wird man erst recht krank. Denk doch einmal darüber nach." Kajaljade sagte: „Schwester hat recht. Ich weiß das ja selbst. Nur — in den letzten Jahren, Schwester hat es ja gesehen, bin ich jedes Jahr ein-, zweimal krank geworden, bis ich mich davor fürchte. Kaum sehe ich Medizin, ob sie wirkt oder nicht — schon bei dem Geruch bekomme ich Kopfschmerzen und Übelkeit. Wie soll ich da keine Angst haben?" Schatzspange sagte: „Das mag sein, aber sich grämen hilft nicht. Lieber solltest du dich, wenn du dich unwohl fühlst, aufraffen und draußen herumspazieren, dir das Herz ein wenig aufheitern — das ist besser, als im Zimmer zu hocken und zu brüten. Kummer ist der größte Krankheitserreger. Auch ich hatte in den letzten Tagen das Gefühl, träge und matt zu sein und mich nur noch hinlegen zu wollen. Aber weil ich fürchtete, bei dem schlechten Wetter krank zu werden, habe ich mich dagegen gestemmt und nach Beschäftigungen gesucht — und so ging der Tag auch vorbei. Schwester, nimm es mir nicht übel: Je mehr man sich fürchtet, desto mehr kommen die Gespenster!"

Schatzjade hörte das und fragte eilig: „Schwester Schatzspange, wo sind die Gespenster? Ich sehe keins!" Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Schatzspange sagte: „Du dummes kleines Herrchen — das war bildlich gesprochen! Wo sollen denn echte Gespenster sein? Wenn es wirklich welche gäbe, würdest du bestimmt wieder weinen vor Schreck!" Kajaljade lachte: „Schwester hat recht — man muss ihm eins auswischen! Wer heißt ihn, so vorwitzig zu sein!" Schatzjade sagte: „Kaum kritisiert jemand mich, freust du dich. Dafür bist du jetzt nicht mehr betrübt — gehen wir also nach Hause." So plauderten und scherzten sie noch eine Weile, dann verabschiedeten sich die beiden von Schatzspange. Schatzjade brachte Kajaljade bis vor die Tür des Bambushain-Pavillons[19] und ging dann zu sich nach Hause. Doch davon genug.

Nun sei erzählt, dass die Nebenfrau Zhao, als sie Schatzspanges Geschenk für den jungen Huan[20] sah, es eilig entgegennahm und sich vor Freude nicht lassen konnte. Überschwänglich lobte sie: „Alle sagen, Fräulein Schatzspange versteht es, sich zu benehmen und ist großzügig — heute sehe ich, dass es stimmt. Ihr Bruder hat doch nur begrenzt Dinge mitbringen können, und sie verteilt von Haus zu Haus, vergisst niemanden und lässt nicht erkennen, wem sie mehr gibt und wem weniger — sogar an uns arme Schlucker hat sie gedacht. Wirklich bewundernswert! Wenn es Fräulein Kajaljade wäre — nun ja, ihr schickt ja niemand etwas; aber selbst wenn jemand etwas brächte, würde sie nur den Einflussreichen und Angesehenen etwas schenken — an unsereins käme sie nie heran! Man sieht: Wer es versteht, sich zu benehmen, der sticht wirklich heraus." Die Nebenfrau Zhao, ganz stolz, weil Huan etwas bekommen hatte, betrachtete die Gaben wieder und wieder in ihren Händen. Da Schatzspange eine Nichte von Dame König mütterlicherseits war, wollte sie die Gelegenheit nutzen, sich bei Dame König einzuschmeicheln. So trug sie die Sachen zu Dame Königs Gemächern, stellte sich an die Seite und sprach: „Das hat Fräulein Schatzspange gerade dem jungen Huan geschickt. So jung und schon so umsichtig! Ich habe dem Botenmädchen zweihundert Kupfermünzen als Trinkgeld gegeben. Ich habe auch gehört, dass Tante Schnee der Gnädigen Frau etwas geschickt hat — was mag es wohl sein? Seht nur — aus einem Haus kommen zwei Portionen; wie viel kann es da schon sein? Kein Wunder, dass die Herzoginmutter und die Gnädige Frau sie so loben und lieben — sie macht sich wirklich beliebt." Damit reichte sie Dame König die Gaben zur Ansicht. Doch Dame König hob nicht einmal den Kopf, streckte nicht einmal die Hand aus und sagte nur: „Schön, gib es dem jungen Huan zum Spielen" — ohne auch nur hinzusehen. Die Nebenfrau Zhao hatte sich eine Abfuhr geholt und kehrte voller Ärger in ihr Zimmer zurück, warf die Sachen in eine Ecke und schimpfte endlos über dies und jenes, ohne dass ihr jemand zuhörte. Sie saß schmollend in ihrer Ecke. Man sieht: Die Nebenfrau Zhao war ein kleinlicher, begriffsstutziger Mensch — selbst wenn sie etwas Gutes erhielt, verdarb sie es durch ihr ärgerliches Geschwätz. Kein Wunder, dass Erkundefrühling[21] sich über sie ärgerte und sie geringschätzte. Doch genug davon.

Nun sei erzählt, dass Schatzspanges Botenmädchen zurückkam und berichtete: „Alle haben gedankt, manche haben Trinkgeld gegeben. Nur das Päckchen für die kleine Pfiffigmädchen[22] — das habe ich zurückgebracht." Schatzspange fragte verwundert: „Warum denn? Hast du es nicht abgeliefert, oder hat man es nicht angenommen?" Oriölchen sagte: „Als ich bei der Familie des jungen Huan die Sachen abgab, sah ich, dass die Zweite Herrin zur Herzoginmutter gegangen war. Wenn die Zweite Herrin nicht zu Hause ist, wem sollte ich es dann geben? Darum habe ich es nicht abgegeben." Schatzspange sagte: „Du bist wirklich ein Dummchen! Wenn die Zweite Herrin nicht da ist — sind denn Friedchen[23] und Fenger auch nicht da? Du gibst es einfach bei ihnen ab, und wenn die Zweite Herrin zurückkommt, sagen sie es ihr. Muss man es unbedingt persönlich überreichen?"

Oriölchen nahm das Päckchen und ging erneut aus dem Garten hinaus zu Phönixglanz[24]. Unterwegs sagte sie zur alten Dienerin: „Hätte ich es gleich abgeliefert, wäre alles erledigt gewesen und mir dieser Gang erspart geblieben." Die Alte sagte: „Müßig herumzusitzen ist auch langweilig — ein kleiner Spaziergang schadet nicht. Nur hat das Fräulein heute schon viele Wege gemacht und ist sicher müde. Nach diesem letzten Gang können wir uns dann gemeinsam ausruhen." So plaudernd kamen sie bei Phönixglanz an, lieferten die Geschenke ab und kehrten zu Schatzspange zurück. Schatzspange fragte: „Hast du die Zweite Herrin gesehen?" Oriölchen sagte: „Nein." Schatzspange fragte: „Ist sie noch nicht zurück?" Das Mädchen sagte: „Doch, sie war zurück. Aber Fenger hat mir gesagt: ‚Die Zweite Herrin kam von der Herzoginmutter zurück und war nicht wie sonst fröhlich und vergnügt, sondern hatte einen zornigen Gesichtsausdruck. Sie hat Friedchen zu sich gerufen und tuschelt im Flüsterton mit ihr — niemand darf zuhören. Sogar mich hat sie hinausgeschickt. Geh besser nicht hinein — ich sage es ihr für dich.' Also hat Fenger die Sachen hineingetragen und kam mit der Nachricht zurück: ‚Die Zweite Herrin dankt dem Fräulein schön.' Sie hat uns einen Faden Kupfergeld als Trinkgeld gegeben, und damit bin ich zurückgekommen." Schatzspange hörte das, grübelte eine Weile und konnte sich nicht erklären, warum Phönixglanz so erzürnt war. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Nun sei erzählt, dass Dufthauch[25], als Schatzjade zurückkam, ihn fragte: „Warum bist du nicht spazieren gegangen und schon zurück? Du hattest doch gesagt, du wolltest Fräulein Kajaljade abholen und mit ihr gemeinsam zu Fräulein Schatzspange gehen — warst du dort?" Schatzjade sagte: „Frag nicht! Ich wollte Schwester Kajaljade abholen und gemeinsam gehen. Aber als ich ankam, saß sie in ihrem Zimmer, von den Mitbringseln umgeben, und war ganz unglücklich. Ich kenne ja ihre Gründe — man darf sie nicht direkt darauf ansprechen, man darf sie auch nicht tadeln. So tat ich, als wüsste ich von nichts, lenkte sie mit allerlei Plaudereien ab, bis sie sich beruhigte. Dann erst gingen wir zusammen zu Schwester Schatzspange, um zu danken, plauderten eine Weile und gingen. Ich habe sie nach Hause gebracht und bin dann erst selbst zurückgekehrt."

Dufthauch fragte: „Die Geschenke für Fräulein Kajaljade — waren es mehr oder weniger als deine, oder gleich viel?" Schatzjade sagte: „Ein- bis zweimal so viel wie meine." Dufthauch sagte: „Das ist eine verständige Frau, die es richtig macht. Fräulein Schatzspange weiß, dass alle anderen Schwestern nahe Verwandte haben, die sich um sie kümmern und ihnen Dinge schenken — nur Fräulein Kajaljade lebt zwei-, dreitausend Li von der Heimat entfernt und hat keinen einzigen Verwandten hier, der ihr etwas schicken würde. Zudem sind die beiden nicht nur verwandt, sondern auch Wahlschwestern — hast du vergessen, dass Fräulein Kajaljade letztes Jahr Tante Schnee zur Wahlmutter erkoren hat?[26] Deshalb ist es nur recht und billig, ihr mehr zu geben."

Friedchen kam herüber und bat Dufthauch um einige Rollen roten Damast für die Herstellung von Seidenschnüren, wobei sie scherzte, die letzte Lieferung sei aufgebraucht und man brauche dringend Nachschub. Dufthauch suchte die gewünschten Stoffe heraus und gab sie ihr. Die beiden plauderten über dies und jenes. Friedchen blieb eine Weile, und sie tranken zusammen Tee. Dufthauch bemerkte auf dem Bettrand ein Nähkästchen mit einem kleinen, aus rotem ausländischem Brokat genähten Leibchen. „Hat die Herrin bei all ihren tausend Geschäften wirklich noch Zeit zum Nähen?" fragte sie. Phönixglanz — die gerade hereingekommen war — sagte: „Ich kann ja von Natur aus nicht gut nähen. Jetzt, wo ich gerade erst genesen bin und die Hausgeschäfte mich nicht zur Ruhe kommen lassen, wo sollte ich da Zeit hernehmen? Das Wichtigste lasse ich liegen. Diesen Stoff habe ich bei der Herzoginmutter gesehen — Tante Schnee hatte ihn der Alten Dame geschickt. Die Herzoginmutter meinte: ‚Diese bunten Blumen und Farben — das wäre doch hübsch für kleine Kinderkleidchen!' Da habe ich gleich darum gebeten. Die Herzoginmutter hat mich ausgescholten — ich sei ihr ‚Plagegeist', der alles haben will und alles mitnimmt, was er sieht. Alle mussten lachen. Ihr wisst ja, ich bin ein dickes Fell und scheue kein Wort — die Alte Dame schimpft, und ich tu, als hörte ich nichts, nehme es und gehe. So habe ich es Friedchen gegeben, damit sie zuerst ein Leibchen für Pfiffigmädchen näht — den Rest für später."

Dufthauch lachte: „Auch nur unsere Herrin schafft es, die alte Ahnherrin so zum Lachen zu bringen." Sie nahm die Handarbeit in die Hand und lobte: „Wirklich hübsch! Alle Farben sind darin. Feines Material verdient geschickte Hände. Und dazu für Pfiffigmädchen — wenn man sie damit herumträgt, werden alle sie bewundern." Dann fragte sie: „Wo ist Pfiffigmädchen? Ich habe sie die ganze Zeit nicht gesehen." Friedchen sagte: „Vorhin hat Fräulein Schatzspange Spielsachen geschickt — Pfiffigmädchen war ganz begeistert und hat eine ganze Weile damit gespielt. Dann hat die Amme sie hinausgetragen — sie wird müde gewesen sein und schlafen." Dufthauch sagte: „Pfiffigmädchen wird von Mal zu Mal aufgeweckter." Friedchen sagte: „Das kleine Mondgesicht ist rund wie ein silbernes Becken. Wenn sie jemanden sieht, lacht sie — sie beleidigt nie jemanden. Wirklich der Trostschatz unserer Herrin." Phönixglanz fragte: „Was macht der junge Bruder Bao zu Hause?" Dufthauch lachte: „Ich habe ihn gebeten, zusammen mit Heitermuster[27] und den anderen auf das Haus aufzupassen, und bin dann hierhergekommen. Aber ich bin schon viel zu lange hier! Wenn Schatzjade sich zu Hause beschwert, ich hätte ein zu schweres Hinterteil und würde mich überall festsetzen, wo ich mich hinsetze ..." So stand sie auf, verabschiedete sich und kehrte in den Hof der Roten Freude zurück. Doch davon genug.

Nun sei erzählt, dass Phönixglanz, nachdem Friedchen die Dufthauch hinausbegleitet hatte, Friedchen erneut ins Zimmer rief und sie über die früheren Dinge ausfragte. Je mehr sie hörte, desto wütender wurde sie: „Der Zweite Herr heiratet draußen heimlich eine zweite Frau, und du sagst, du hättest es von den Burschen am Zweiten Tor gehört. Welcher genau hat es erzählt?"

Friedchen sagte: „Es war Wanger, der es gesagt hat." Phönixglanz ließ sofort Wanger rufen und fragte ihn: „Dein Zweiter Herr hat draußen ein Haus gekauft und eine Nebenfrau geheiratet — weißt du davon?" Wanger sagte: „Der Kleine steht den ganzen Tag am Zweiten Tor auf Posten — woher sollte ich die Angelegenheiten des Zweiten Herrn kennen? Ich habe es von Xing'er gehört." Phönixglanz fragte: „Wann hat Xing'er es dir erzählt?" Wanger sagte: „Noch bevor der Zweite Herr abgereist ist." Phönixglanz fragte weiter: „Wo ist Xing'er jetzt?" Wanger sagte: „Xing'er ist bei der Neuen Zweiten Herrin."

Phönixglanz war vor Wut außer sich, spuckte aus und schimpfte: „Du niederträchtiger Affenbalg! Was heißt hier ‚Neue Herrin' und ‚Alte Herrin'? Du verteilst eigenmächtig Titel! Mit deinem frechen Mundwerk — dafür gehörst du geohrfeigt!" Dann fragte sie: „Xing'er ist doch einer von denen, die dem Zweiten Herrn folgen — warum ist er nicht mitgereist?" Wanger sagte: „Er wurde eigens daheim gelassen, um auf die Zweitschwester Sonders aufzupassen." Phönixglanz rief in einem fort: „Hol mir sofort Xing'er her!"

Wanger rannte hinaus, fand Xing'er und sagte nur: „Die Zweite Herrin ruft dich." Xing'er spielte gerade draußen mit den Burschen herum. Als er den Ruf hörte, fragte er — wohlgemerkt — nicht einmal, was die Zweite Herrin von ihm wolle, sondern folgte Wanger eilig zum Zweiten Tor. Er meldete sich an, trat ein, begrüßte Phönixglanz mit der üblichen Verbeugung und stellte sich an die Seite.

Phönixglanz starrte ihn mit funkelnden Augen an und fuhr ihn an: „Euer Herr und Knecht treibt draußen feine Sachen! Ihr haltet mich wohl für dumm und ahnungslos? Du bist einer der engsten Begleiter des Zweiten Herrn — du musst alles ganz genau wissen. Erzähl mir jetzt Punkt für Punkt die Wahrheit! Wenn du auch nur das Geringste verschweigst oder lügst, breche ich dir die Beine!" Xing'er fiel auf die Knie und stammelte: „Was will die Herrin denn wissen? Was soll ich getan haben?" Phönixglanz schrie: „Du elender kleiner Bastard! Du wagst es, mich hinzuhalten? Ich frage dich: Wie kam es, dass der Zweite Herr sich draußen mit der Zweiten Schwester You eingelassen hat? Wie hat er das Haus gekauft, die Ausstattung besorgt? Wie hat er sie geheiratet? Eins nach dem anderen — alles, und zwar sofort! Dann verschone ich dein Hundeleben!"

Xing'er, am ganzen Leib zitternd, hatte keine andere Wahl als von Anfang bis Ende alles zu erzählen — wie Herrlichkeit Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann die Sache eingefädelt hatten, wie das Haus gekauft, die Hochzeit inszeniert und die Zweitschwester Sonders als Nebenfrau aufgenommen worden war. Phönixglanz hörte zu, und mit jedem Wort wuchs ihr Zorn. Als er geendet hatte, sagte sie mit schneidender Stimme: „Geh und sag kein Wort zu niemandem! Wenn ich erfahre, dass du geredet hast, schlage ich dich tot!" Xing'er kroch auf allen vieren hinaus.

Phönixglanz rief Friedchen zu sich, schloss die Tür und sagte mit einem bitteren Lachen: „Da hast du es. Der feine Herr hat also draußen seine Hochzeit gefeiert, mit Haus und allem Drum und Dran, und alle wissen es — nur ich, die Ehefrau, bin die Letzte, die es erfährt. Gut, gut! Er soll mich kennenlernen!" Friedchen wagte kaum zu atmen und sagte leise: „Die Herrin sollte sich nicht so aufregen. Es muss auch daran gedacht werden, wie es nach außen wirkt." Phönixglanz sagte: „Hab keine Angst — ich werde nichts Unüberlegtes tun. Aber diese Sache lasse ich nicht auf sich beruhen. Lass mich erst einen Plan ausdenken."

Die ganze Nacht grübelte Phönixglanz. Am nächsten Morgen war ihr Gesicht wieder freundlich, als wäre nichts geschehen. Doch in ihrem Herzen brütete sie finstere Rache. Von diesem Tage an merkte sich Phönixglanz jedes Wort und jede Handlung und wartete auf den richtigen Augenblick, um zuzuschlagen.

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. Drittschwester Sonders: Chin. 尤三姐 Yóu Sānjiě, die stolze und leidenschaftliche jüngere Schwester der Zweiten Schwester You. Sie nahm sich in Kapitel 66 das Leben.
  2. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu).
  3. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
  4. Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.
  5. Xianglotus Weide (柳湘莲): Ein stolzer, unabhängiger junger Mann von edlem Charakter. Er hatte sich mit der Dritten Schwester You verlobt, die Verlobung dann aber gelöst, was ihren Selbstmord auslöste.
  6. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, Mutter von Becken Schnee und Schatzspange, Schwester von Dame König.
  7. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, die tugendhafte und kluge Tochter der Tante Schnee.
  8. 天有不测风云,人有旦夕祸福: Klassisches chinesisches Sprichwort über die Unvorhersehbarkeit des Schicksals.
  9. Becken Schnee: Chin. 薛蟠 Xuē Pán, der ungehobelte Sohn der Tante Schnee und Bruder von Schatzspange.
  10. 笨雀儿先飞 bèn què'ér xiān fēi: Sprichwort — wer weniger begabt ist, muss früher anfangen.
  11. 虎丘 Hǔqiū: Der Tigerberg bei Suzhou, eine berühmte Sehenswürdigkeit, bekannt für Kunsthandwerk und Souvenirs.
  12. Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.
  13. Dame König: Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  14. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, die empfindsame und hochbegabte Cousine von Schatzjade. Ihre Eltern stammten aus dem Süden (Jiangnan).
  15. Oriölchen: Chin. 莺儿 Yīng'ér, die geschickte Leibmagd von Schatzspange.
  16. Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, die tugendhafte junge Witwe des Kaufmann-Hauses.
  17. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, der Hauptheld des Romans, ein empfindsamer junger Mann.
  18. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, die treue und verständnisvolle Leibmagd von Kajaljade.
  19. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn: Der „Pavillon am Flüstern der Bambusblätter", Kajaljades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung.
  20. Huan Kaufmann (Unheil): Chin. 贾环 Jiǎ Huán, der Sohn der Nebenfrau Zhao und jüngerer Halbbruder von Schatzjade.
  21. Erkundefrühling: Chin. 贾探春 Jiǎ Tànchūn, die dritte Tochter des Kaufmann-Hauses, Tochter der Nebenfrau Zhao, aber weit über ihre Mutter hinaus begabt und würdevoll.
  22. Pfiffigmädchen (巧姐): Die kleine Tochter von Kette Kaufmann und Phönixglanz.
  23. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.
  24. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte und machtbewusste Ehefrau von Kette Kaufmann.
  25. Dufthauch: Chin. 袭人 Xīrén, die aufmerksame und pflichtbewusste Leibmagd von Schatzjade.
  26. Kajaljade hat Tante Schnee als Adoptivmutter angenommen (认干妈), was die besondere Verbundenheit zwischen den Familien Schnee und Wald bekräftigte.
  27. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, eine hübsche und temperamentvolle Dienerin von Schatzjade.