Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 69"

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Kapitel 69
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弄小巧用借剑杀人 / 觉大限吞生金自逝
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Die Zweitschwester Sonders schluckt Gold und stirbt; Friedchen stiehlt heimlich Silber für die Bestattung
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Im Herzen zerbricht die Zweitschwester Sonders<ref>Zweitschwester Sonders: Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě, die heimliche Zweitfrau von Kette Kaufmann (Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, die gewiefte Ehefrau von Kette Kaufmann.</ref>.</ref>.</ref> und schluckt Gold, um ihrem elenden Leben ein Ende zu setzen. Das Dienstmädchen Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.</ref> stiehlt heimlich Silber, um die Bestattung zu ermöglichen.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_69|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_69|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 69 =
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Es wird erzählt, dass die Zweitschwester Sonders, als sie Phönixglanz' Bericht hörte, sich nur immer wieder bedankte und ihr folgte. Die Schwägerin Sonders konnte schlecht nicht mitkommen und begleitete sie, um bei der Erklärung vor der Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.</ref> dabei zu sein — so verlangte es der Anstand. Phönixglanz lachte: „Du sagst einfach nichts, lass nur mich reden." Die Schwägerin Sonders antwortete: „Natürlich. Aber wenn etwas schiefgeht, schiebe ich es auf dich." So kamen alle zunächst in die Gemächer der Herzoginmutter.
== 弄小巧用借劍殺人 / 覺大限吞生金自逝 ==
 
=== Mit kleinen Raenken wird ein fremdes Schwert zum Morden benutzt; In Vorahnung des Todes verschluckt sie rohes Gold und stirbt ===
 
  
nen Decken und Kissen gepolsterte Bahre gelegt und mit dem Leichentuch bedeckt. In Begleitung mehrerer Sklavenfrauen trugen acht Sklavenjungen die Bahre von der Innenmauer bis zum Birnendufthof. Hier stand schon ein Sterndeuter bereit, und als er das Leichentuch anhob, um die Tote zu betrachten, sah ihr Gesicht so frisch wie das einer Lebenden aus, nur daß es noch schöner war.
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Die Herzoginmutter war gerade dabei, mit den jungen Damen aus dem Garten zu plaudern und sich zu amüsieren, als plötzlich Phönixglanz mit einer hübschen jungen Frau hereinkam. Die Herzoginmutter kniff die Augen zusammen und sagte: „Wessen Kind ist das? Wie reizend!"
Noch einmal schloß Djia Liän die Tote in seine Arme, weinte laut und rief dabei aus: „Du bist rätselhaft gestorben, meine Frau! Doch ich allein bin daran schuld!“
 
Rasch trat Djia Jung näher und redete ihm zu: „Faßt Euch, Onkel! Meiner Tante war kein Glück beschieden, das ist es.“ Dabei wies er mit der Hand nach Süden in Richtung der Mauer, hinter der der Garten des Großen Anblicks lag.
 
Djia Liän verstand, was Djia Jung damit sagen wollte, stampfte leise mit dem Fuß auf und verkündete mit gedämpfter Stimme: „Ich war zu nachlässig, aber früher oder später werde ich herausfinden, was dahintersteckt, und dann wirst du gerächt!“
 
„Da die junge gnädige Frau heute früh in der zweiten Hälfte der vierten Doppelstunde gestorben ist, darf sie nicht am fünften Tag, sondern entweder am dritten oder am siebenten übergeführt werden“, erklärte der Sterndeuter. „Die dritte Doppelstunde des morgigen Tages ist ein glückverheißender Termin für die Einsargung.“
 
„Am dritten Tag geht es auf keinen Fall, also am siebenten!“ sagte Djia Liän. „Da mein Onkel und mein Vetter nicht hier sind und da es auch nur ein kleinerer Trauerfall ist, wage ich nicht, die Aufbahrung im Hause in die Länge zu ziehen. Im Tempel wird sie noch fünfmal sieben Tage aufgebahrt bleiben, und erst nach einer großen Totenmesse soll der Sarg verschlossen werden. Im nächsten Jahr wird sie dann in den Süden übergeführt und begraben.“
 
Der Sterndeuter äußerte seine Zustimmung, dann stellte er den Totenschein  aus  und  ging  fort.  Inzwischen  war längst Bau-yü eingetroffen,
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Phönixglanz trat lachend vor: „Ahnherrin, schaut sie Euch doch genau an — ist sie nicht schön?" Dann zog sie die Zweitschwester Sonders heran: „Das ist die Urgroßmutter — schnell, mach den Kotau!" Die Zweitschwester Sonders vollzog die große Verbeugung. Dann stellte Phönixglanz die jungen Damen vor: „Das ist die und die — lern sie schon einmal kennen. Wenn die Gnädigen Frauen dich gesehen haben, machst du die formelle Begrüßung." Die Zweitschwester Sonders stellte sich jeder einzeln vor und stand dann mit gesenktem Kopf zur Seite.
um die Tote eine Zeitlang zu beweinen, und auch die übrigen Sippenangehö­ri­gen kamen0.
 
Djia Liän eilte dann in seine Wohnräume zurück, um von Hsi-fëng Geld für den Sarg und das Trauerzeremoniell zu verlangen. Aber Hsi-fëng hatte, schon als die Tote hinausgetragen wurde, Krankheit vorgeschützt und erklärt: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau haben gesagt, für mich als Kranke seien Brautgemächer, Kreißzimmer und Sterbezimmer tabu, und deshalb dürfe nicht mit dabei sein.“ Anstatt Trauer anzulegen und an der Aufbahrungszeremonie teilzunehmen, hatte sie sich in den Garten des Großen Anblicks begeben, wo sie um die Berge herumging und an die nördliche Umfassungsmauer trat, um zu horchen,  was draußen gesprochen wurde.  Was sie dabei leise und verschwommen gehört hatte, berichtete sie anschließend der Herzoginmutter.
 
„Was für ein Unfug!“ schimpfte die Herzoginmutter. „In allen andern Familien werden die Leichen von Mädchen, die an Auszehrung gestorben sind, verbrannt, und die Asche wird verstreut. Er aber will ein richtiges Trauerzeremoniell beginnen und ein Grab für sie anlegen. Da sie nun einmal zu seiner Nebenfrau bestimmt war, mag er sie fünfmal sieben Tage lang aufbahren lassen, aber dann soll sie verbrannt oder irgendwo verscharrt werden, und damit basta!“
 
„Ihr habt vollkommen recht“, stimmte Hsi-fëng lächelnd zu. „Doch ich traue mich nicht, ihm das zu sagen.“
 
Im selben Moment kam ein Sklavenmädchen, um Hsi-fëng zu holen, und sagte: „Der zweite junge Herr erwartet Euch, um sich Silber geben zu lassen.“
 
Also mußte Hsi-fëng nach Hause gehen, aber dort fragte sie Djia Liän: „Was für Silber? Weißt du noch nicht, daß wir in der letzten Zeit knapp dran sind? Die Monatsgelder reichen nicht für den ganzen Monat, die Hühner fressen – wie man so sagt – schon die Körner vom nächsten Jahr. Gestern mußte ich zwei goldene Halsreifen gegen dreihundert Liang Silber verpfänden, und du gibst dich noch irgendwelchen Träumen hin. Zwanzig, dreißig Liang habe ich übrig, die kannst du bekommen, wenn du willst.“ Damit befahl sie Ping-örl, das Silber zu bringen und Djia Liän auszuhändigen, dann gab sie vor, die Herzoginmutter habe ihr noch etwas zu sagen, und ging wieder fort.
 
Vor Wut waren Djia Liän die Worte im Hals steckengeblieben. Nun öffnete er die Truhen und Schränke der zweiten Schwester You, um dort seinen Privatbesitz zu suchen, den er ihr anvertraut hatte, aber alles war leer bis auf ein paar zerbrochene Haarpfeile, verwelkte Blumen und halbzerschlissene Seidenkleider, die die zweite Schwester You getragen hatte. Bei diesem Anblick wurde Djia Liän erneut von Kummer ergriffen und begann zu weinen. Dann steckte er die Sachen in einen Kleiderbeutel, und anstatt seine Sklavenjungen oder die Sklavenmädchen damit zu beauftragen, trug er ihn selber fort, um alles zu verbrennen.
 
Ping-örl, die darüber zugleich gerührt und belustigt war, holte schnell in aller Heimlichkeit ein Päckchen mit zweihundert Liang Bruchsilber und ging damit in den Seitenflügel, wo sie Djia Liän am Arm faßte, ihm wortlos das Päckchen hinhielt und ihn dann ermahnte: „So sei doch still! Wenn du heulen willst, kannst du das draußen tun, soviel du willst. Du aber mußt ihr hier damit unter die Augen kommen!“
 
„Du hast recht“, sagte Djia Liän. Dann nahm er ihr das Silber ab und reichte ihr einen Rock, wobei er sagte: „Den hat sie immer zu Hause getragen. Heb ihn mir gut auf, damit ich ein Andenken habe!“
 
Notgedrungen verbarg Ping-örl den Rock an ihrem Körper, um ihn dann wegzulegen. Inzwischen übergab Djia Liän das Silber dem Gesinde und befahl, Bretter für den Sarg zu kaufen. Aber gutes Holz war teuer, und mittelmäßiges wollte er nicht. Also ritt er los, um selber danach zu suchen, und kam am Abend wirklich mit einer Partie guter Bretter zurück, die er allerdings zum Preis von fünfhundert Liang Silber auf Kredit erstanden hatte, und nun wurde die ganze Nacht hindurch der Sarg gezimmert. Zugleich bestimmte Djia Liän Leute, die in Trauerkleidung die Totenwache halten mußten. Auch er selbst kehrte am Abend nicht in die Wohnräume zurück und wachte statt dessen die Nacht über bei der Toten.
 
Wahrhaftig0:
 
70. Durch Lin Dai-yü wird der Pfirsichblütenbund neu begründet,
 
von Schï Hsiang-yün wird gelegentlich ein Weidenflockengedicht verfaßt.
 
  
Djia Liän hielt also im Birnendufthof sieben Tage und sieben Nächte die Totenwache, und jeden Tag lasen buddhistische und dauistische Mönche ununterbrochen Totenmessen. Unterdes ließ die Herzoginmutter Djia Liän zu sich rufen und verbot ihm, die Tote in den Familientempel überzuführen. So blieb ihm nichts weiter übrig, als noch einmal mit Schï-djüä zu sprechen und zu Häupten des Grabes der dritten Schwester You einen Platz bezeichnen zu lassen, um hier ein Grab für die zweite Schwester You anzulegen.
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Die Herzoginmutter musterte sie von oben bis unten, lächelte und fragte: „Wie heißt du? Wie alt bist du?" Phönixglanz lachte: „Ahnherrin, fragt noch nicht — sagt nur, ob sie hübscher ist als ich!"
Als sie dort beigesetzt wurde, waren außer den Sippenangehörigen nur Wang Hsin mit seiner Frau und Frau You mit ihrer Schwiegertochter anwesend. Hsi-fëng aber kümmerte sich nicht im geringsten darum und ließ Djia Liän alles allein machen.
 
Inzwischen näherte sich das Jahresende, und zusätzlich zu allen übrigen Dingen, die es zu erledigen gab, erschien Lin Dschï-hsiau mit einer Liste, auf der die Namen von acht ledigen Sklavenburschen standen, die das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatten und nun eine Frau bekommen mußten, die man seiner Meinung nach gut unter jenen Sklavenmädchen aus den inneren Gemächern auswählen konnte, die ebenfalls das Heiratsalter erreicht hatten.
 
Hsi-fëng sah die Liste durch und fragte dann zuerst die Herzoginmutter und Dame Wang um Rat. Dabei ergab sich, daß wohl einige Sklavenmädchen da waren, die eigentlich verheiratet werden mußten, daß es aber bei jeder einen Hinderungsgrund gab.
 
Die erste war Yüan-yang, die geschworen hatte, nicht fortzugehen, und seit jenem Tag kein Wort mehr mit Bau-yü gesprochen hatte und sich auch nicht mehr prächtig gekleidet und üppig geschmückt hatte, so daß man sie schlecht zwingen konnte. Die zweite war Hu-po, die jedoch nicht gesund war und deshalb diesmal nicht in Frage kam. Auch Tsai-yün litt, seitdem sie sich vor kurzem mit Djia Huan überworfen hatte, an einer unheilbaren Krankheit. So mußten jetzt nur solche Sklavenmädchen aus dem Dienst entlassen werden, die bei Hsi-fëng beziehungsweise Li Wan grobe Arbeiten verrichteten, alle anderen waren noch zu jung, und deshalb wurde entschieden, die Sklavenburschen sollten sich ihre Bräute außerhalb des Anwesens selber suchen.
 
Da Hsi-fëng die ganze Zeit über krank gewesen war und Li Wan und Tan-tschun, die solange das Hauswesen führen mußten, keinen Augenblick mehr frei gehabt hatten, zum anderen aber auch wegen der vielen Verpflichtungen, die die Jahreswende und die Feiertage mit sich brachten, war der Dichterbund vollkommen eingeschlafen. Als jetzt der Frühling kam, war zwar wieder Zeit, aber in stetiger Folge war erst Liu Hsiang-liän ohne Abschied verschwunden, hatte sich nachher die dritte Schwester You die Kehle durchgeschnitten, hatte sich die zweite Schwester You mit Gold umgebracht, und Wu-örl schließlich war vor Kummer krank geworden.
 
Müßiger Kummer und törichter Zorn hatten Bau-yü stets von neuem befallen, noch ehe sie abgeklungen waren, und so hatte er das Aussehen eines Geistesgestörten angenommen, und seine Reden waren häufig wirr, ganz als ob er an einer manischen Krankheit litte. Darüber waren Hsi-jën und die anderen so bestürzt, daß sie sich nicht trauten, der Herzoginmutter davon Meldung zu machen, und sich nur mit allen Mitteln bemühten, Bau-yü aufzuheitern.
 
Eines Tages, als Bau-yü früh am Morgen erwacht war, hörte er aus dem Vorraum ein nicht enden wollendes Gegacker und Gekicher, und Hsi-jën forderte ihn lächelnd auf: „Geh schnell hinaus und schaff Frieden! Tjing-wën und Schë-yüä halten Venturina fest und kitzeln sie ab.“
 
Als Bau-yü sich rasch eine Jacke mit Fehfutter umgehängt hatte und hinausging, entdeckte er dort, daß die drei noch nicht ihr Bettzeug zusammengelegt und sich auch noch nicht angezogen hatten. Tjing-wën, die nur mit einer halblangen Jacke aus lauchgelber Pu-yüan-Seide0 sowie einer roten Hose und roten Bettschuhen bekleidet war und der das Haar offen um die Schultern hing, saß im Reitersitz auf Hsiung-nus Körper. Schë-yüä, die ein Brusttuch aus dünner roter Seide trug und darüber nur ein abgetragenes langes Gewand, das sie sich lose um die Schultern gelegt hatte, kitzelte Hsiung-nu in den Achselhöhlen. Hsiung-nu aber lag rücklings auf dem Ofenbett, sie hatte eine enganliegende Jacke mit Streublumenmuster, rote Hosen und grüne Strümpfe an, strampelte wie wild mit den Beinen und bekam vor Lachen kaum noch Luft.
 
„Zwei Große bedrängen eine Kleine“, sagte Bau-yü lächelnd, während er schnell näher trat. „Paßt auf, wenn ich ihr helfe!“ Mit diesen Worten stieg er ebenfalls auf das Ofenbett und begann, Tjing-wën zu kitzeln. Das brachte sie so zum Lachen, daß sie sogleich von Hsiung-nu abließ, um auf Bau-yü loszugehen. Diese Gelegenheit aber machte sich Hsiung-nu zunutze, warf Tjing-wën nieder und kitzelte sie nun ihrerseits unter den Armen.
 
„Gebt acht, daß ihr euch nicht verkühlt!“ mahnte Hsi-jën, die amüsiert nach dem Knäuel aus vier ineinander verstrickten Leibern sah.
 
Plötzlich aber erschien Bi-yüä, um im Auftrag von Li Wan zu fragen: „Habt ihr vielleicht ein Taschentuch gefunden, das meine junge Herrin gestern abend hier vergessen hat?“
 
„Es ist da, es ist da“, sagte Hsiau-yän eifrig, „ich habe es vom Fußboden aufgehoben, ohne zu wissen, wem es gehört. Vorhin erst habe ich es gewaschen und zum Trocknen hinausgehängt. Es ist noch feucht.“
 
„Hier geht es ja hoch her“, sagte Bi-yüä schmunzelnd und schaute nach den vieren, die sich auf dem Ofenbett wälzten. „Schon am frühen Morgen, kaum daß ihr aufgestanden seid, kabbelt ihr euch mit Hihi und Haha.“
 
„Warum macht ihr denn das nicht?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ihr seid doch auch nicht wenig.“
 
„Unsere junge Herrin tollt nicht herum“, erwiderte Bi-yüä. „Und ihre beiden Kusinen und Fräulein Bau-tjin hat sie auch zur Räson gebracht. Jetzt ist Fräulein Bau-tjin wieder zur alten gnädigen Frau gezogen, dadurch ist es noch ruhiger geworden. Wenn die beiden Kusinen der jungen Herrin in diesem Jahr verlobt werden und noch vor dem nächsten Winter das Haus verlassen, wird es ganz und gar still werden. Sieh dir doch an, um wieviel eintöniger es bei Fräulein Bau-tschai geworden ist, seitdem Hsiang-ling wieder ausgezogen ist und Fräulein Hsiang-yün dort allein gelassen hat.“
 
Während sie das eben sagte, kam in Hsiang-yüns Auftrag Tsuee-lü herein, um auszurichten: „Der junge Herr wird gebeten, rasch zu kommen, um sich ein gutes Gedicht anzusehen.“
 
„Was für ein gutes Gedicht ist das?“ wollte Bau-yü sofort wissen.
 
„Die Fräulein sind alle im Duftgetränkten Pavillon“, berichtete Tsuee-lü lächelnd. „Geh hin, und du wirst es erfahren.“
 
Nachdem Bau-yü sich schnell frisiert und gewaschen hatte, ging er hinüber und fand Dai-yü, Bau-tschai, Hsiang-yün, Bau-tjin und Tan-tschun wirklich alle dort versammelt. In den Händen hielten sie ein Blatt mit einem Gedicht, das sie lasen. Als sie Bau-yü sahen, begrüßten sie ihn lächelnd: „Bist du endlich aufgestanden? Unser Dichterbund ist ein ganzes Jahr lang nicht zusammengetreten, und niemand hat ihm aufgeholfen. Jetzt ist Frühling, und alles regt sich zu neuem Leben, darum sollten wir auch den Dichterbund wieder aufleben lassen. Das wäre gut.“
 
„Es war Herbst, als wir den Bund zuerst gegründet haben, darum konnte er gar nicht zur Blüte kommen“, ergänzte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Jetzt dagegen ist alles auf Frühling, Wachsen und Werden eingestellt. Außerdem ist dieses Pfirsichblütengedicht so gut, daß wir den Begonienbund in einen Pfirsichblütenbund umwandeln sollten!“
 
„Ausgezeichnet!“ lobte Bau-yü kopfnickend und verlangte sofort, er wolle das Gedicht lesen. Aber die anderen sagten: „Gehen wir die Alte Reisduftbäuerin besuchen und beratschlagen dort, wie wir den Bund am besten wieder in Gang bringen können!“
 
Alle standen auf und machten sich auf den Weg zum Reisduftdorf. Im Gehen las Bau-yü, was auf dem Blatt stand:
 
„Ein Pfirsichblütenlied
 
 
  Jenseits des Vorhangs schaukeln Blüten im Wind,
 
  diesseits des Vorhangs kämm ich träge mein Haar.
 
  Draußen sind Blüten, hier im Zimmer bin ich,
 
  wenig nur trennt uns, rote Blüten und Mensch.
 
  Der Wind strengt sich an, mein Fenster zu öffnen,
 
  die Blüten versuchen, durch den Vorhang zu spähn.
 
  Draußen die Blüten stehen üppig in Pracht,
 
  ich hier im Zimmer welke schmächtig dahin.
 
  Spüren sie Mitleid, so bedauern sie mich,
 
  der Wind trägt zu mir ihre Grüße herein.
 
  Windhauch durchs Fenster, voller Blüten der Hof,
 
  ein lenzliches Bild, doch es steigert mein Weh.
 
  Verlassen der Hof, niemand öffnet das Tor,
 
  einsam aufs Gatter steh ich abends gelehnt.
 
  Aufs Gatter gelehnt, wein im Abendwind ich,
 
  rot leuchtet mein Rock, wo die Bäume rot blühn.
 
  Blüten und Blätter miteinander vermischt,
 
  frischrot die Blüten, grün wie Jade das Laub.
 
  Tausender Stämme rotes Nebelgewölk,
 
  Häuser und Mauern sind in Gluthauch gehüllt.
 
  Rot brennt der Decke feiner Seidenbrokat,
 
  ich find keinen Schlaf auf des Kissens Korall.
 
  Schon bringt mir die Magd frisches Wasser herein,
 
  kalt auf den Wangen brennt das duftige Naß.
 
  Wie ist so brandrot auf den Wangen das Rouge,
 
  rot wie die Blüten sind die Tränen gefärbt.
 
  Glutroten Blüten meine Tränen sind gleich,
 
  fließen stets weiter, wenn die Blüten noch blühn.
 
  Schnell sind sie gestillt, schau die Blüten ich an,
 
  Tränen versiegen, frisches Blühen vergeht.
 
  Welkende Blüten mein Welken verbergen,
 
  die Blüten fallen, und so müde bin ich.
 
  Mit dem Kuckucksruf sagt der Frühling ade,
 
  aufs stille Fenster wirft der Mond bleichen Schein.“
 
Als Bau-yü zu Ende gelesen hatte, begann er zu weinen, anstatt das Gedicht zu loben, denn er fühlte, daß Dai-yü es verfaßt haben mußte, und das trieb ihm die Tränen in die Augen. Aber weil er Angst hatte, die anderen könnten etwas bemerken, wischte er sich die Tränen rasch selber ab und fragte: „Wie seid ihr zu dem Gedicht gekommen?“
 
„Rate mal, von wem es ist!“ forderte Bau-tjin ihn lächelnd auf.
 
„Es ist natürlich ein Manuskript der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß“, antwortete Bau-yü und lächelte ebenfalls.
 
„Nein, ich habe es geschrieben“, behauptete Bau-tjin lächelnd.
 
„Das glaube ich nicht“, gab Bau-yü, immer noch lächelnd, zurück. „Nach Tonfall und Ausdrucksweise entspricht es so gar nicht dem Stil der Edlen von Haselwurz, darum glaube ich dir nicht.“
 
„Da sieht man, daß du keine Ahnung hast“, mischte Bau-tschai sich lächelnd ein. „Als ob Du Fu in jenem Gedicht nur geschrieben hätte
 
‚Zweifach die Chrysanthemen blühn, weinend um andere Tage.‘
 
Dabei gibt es doch bei ihm auch herrliche Zeilen wie diese:
 
‚Üppig und rot macht der Regen die Aprikosen.‘
 
Oder auch diese:
 
‚In grünen Bändern treibt der Wind Wasserflott über den Teich.‘“
 
„Das stimmt schon“, sagte Bau-yü lächelnd. „Aber ich weiß, daß du deiner Kusine nie gestatten würdest, solche traurigen Zeilen zu dichten. Und obwohl sie durchaus das Talent dazu hat, würde sie so auch gar nicht schreiben wollen. Ganz etwas anderes ist es mit Kusine Dai-yü. Sie hat Kummer erlebt und dichtet in so traurigen Tönen.“
 
Alle lachten über seine Worte, aber schon waren sie im Reisduftdorf angelangt, wo sie das Gedicht Li Wan zeigten, die natürlich kein Ende fand mit ihrem Lob. Dann begannen sie, über den Dichterbund zu beraten, und legten fest, am nächsten Tag, dem zweiten des dritten Monats, solle der Bund seine Arbeit aufnehmen, und er solle von Begonienbund in Pfirsichblütenbund umbenannt sein. Die Leitung sollte diesmal Dai-yü haben.
 
Am nächsten Tag versammelten sie sich nach dem Frühstück in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und wollten ihr erstes Thema festlegen. „Jeder schreibt ein Pfirsichblütengedicht mit hundert Reimen!“ sagte Dai-yü.
 
„Das ist nichts!“ wandte Bau-tschai ein. „Pfirsichblütengedichte gibt es seit alters her besonders viel. Wenn wir wirklich welche schreiben wollten, würden wir in Schablonen verfallen, und mit deinem Gedicht im alten Stil wären sie doch nicht zu vergleichen. Wir müssen uns etwas anderes ausdenken!“
 
Kaum hatte sie das gesagt, wurde gemeldet: „Die gnädige Frau Tante ist da. Die Fräulein möchten kommen, um ihr ihren Gruß zu entbieten.“ Also gingen alle hinüber, begrüßten Wang Dsï-tëngs Frau und plauderten mit ihr. Nach dem Essen begleiteten sie sie in den Garten und führten sie überall herum. Erst nach dem Abendessen, als schon die Lampen brannten, fuhr sie wieder fort.
 
Der nächste Tag war Tan-tschuns Geburtstag, und schon am Morgen schickte Yüan-tschun zwei junge Eunuchen, die ihr einige Spielsachen überbrachten. Daß auch die ganze Familie ihr Geschenke machte, versteht sich von selbst. Nach dem Essen kleidete sich Tan-tschun in ihre Zeremonialgewänder und ging überall ihren offiziellen Gruß entbieten.
 
Lächelnd sagte jetzt Dai-yü zu den anderen: „Wieder habe ich den Bund nicht im richtigen Augenblick einberufen! Ich hatte ganz vergessen, daß in diesen Tagen ihr Geburtstag gefeiert wird. Wenn es auch keine Weintafel und keine Theatervorführung gibt, müssen wir ihr zumindest Gesellschaft leisten und den Tag mit der alten gnädigen Frau verplaudern, so daß uns wieder keine Zeit bleibt.“ Daraufhin wurde das Treffen des Dichterbundes auf den fünften verschoben.
 
Doch als an diesem Tag die Mädchen noch wartend dabeistanden, während die Herzoginmutter ihr Frühstück einnahm, traf eben ein Brief von Djia Dschëng ein. Bau-yü entbot seinen Gruß, öffnete das Schreiben an die Herzoginmutter und las es ihr vor. Aber es standen nur Grußworte darin und die Ankündigung, Djia Dschëng werde im sechsten Monat wieder in der Hauptstadt sein. Ein weiteres Schreiben, das an die Familie gerichtet war, wurde von Djia Liän und Dame Wang aufgemacht und gelesen. Alle waren unendlich froh darüber, daß Djia Dschëng im sechsten oder siebenten Monat wieder zu Hause sein würde.
 
Ausgerechnet in diesen Tagen war eine Tochter von Wang Dsï-tëng mit einem Sohn des Fürsten Bau-ning verlobt worden, und der zehnte Tag des fünften Monats war für die Hochzeit ausgewählt worden. Hsi-fëng war eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt, und so war sie häufig drei bis fünf Tage nicht zu Hause. Auch heute kam Wang Dsï-tëngs Frau, um Hsi-fëng abzuholen, und lud zugleich ihre Neffen und Nichten ein, den Tag in fröhlicher Muße bei ihr zu verbringen. Die Herzoginmutter und Dame Wang entschieden, Bau-yü, Tan-tschun, Dai-yü und Bau-tschai sollten Hsi-fëng zu viert begleiten, und da sie nicht wagten, ungehorsam zu sein, mußten sie in ihre Räume zurückkehren, um sich umzuziehen. Dann verabschiedeten sich alle fünf und blieben den Tag über fort. Erst als die Lampen schon brannnten, kamen sie zurück.
 
Als Bau-yü wieder im Hof der Freude am Roten war und sich einen Moment ausruhte, nahm Hsi-jën die Gelegenheit wahr, um ihm zu raten, er solle sich zusammennehmen und, wenn er frei sei, seine Bücher ordnen, um vorbereitet zu sein.
 
Bau-yü zählte die verbleibende Zeit an den Fingern ab, dann erwiderte er: „Es ist doch noch früh.“
 
„Die Bücher sind das eine“, hielt Hsi-jën ihm vor, „und die Schreibübungen sind das andere. Mit den Büchern magst du bis dahin zurechtkommen, aber wann willst du deine Schreibübungen machen?“
 
„Ich habe doch immer eine ganze Menge geschrieben“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Hast du das nicht aufgehoben?“
 
„Natürlich habe ich es aufgehoben“, gab Hsi-jën zurück. „Als du gestern nicht hier warst, habe ich alles hervorgeholt und zusammengezählt. Es sind nur an die fünfzig, sechzig Texte. Du kannst doch in mehr als drei Jahren nicht bloß diese paar Blätter geschrieben haben. Wenn du mich fragst, solltest du ab morgen alles andere sein lassen und rasch jeden Tag ein paar Blätter schreiben, um das Versäumte nachzuholen. Wenn du auch nicht für jeden Tag etwas vorzuweisen hast, könntest du damit ungefähr durchkommen.“
 
Sofort sah sich Bau-yü das Geschriebene selber an, und da er sich damit wirklich nicht durchschwindeln konnte, versprach er: „Von morgen an schreibe ich mindestens hundert Schriftzeichen pro Tag.“
 
Nach diesen Worten legten sich alle schlafen.
 
Kaum daß Bau-yü am nächsten Morgen aufgestanden war und sich gekämmt und gewaschen hatte, rieb er sich dicht am Fenster Tusche an und begann, Normalschrift zu schreiben und Schreibvorlagen zu kopieren. Die Herzoginmutter, die ihn vermißte, nahm an, er müsse krank geworden sein, und schickte schnell jemanden, um nachzufragen. Jetzt erst ging Bau-yü hinüber, um seine Grüße zu entbieten, und erklärte, daß er Schreibübungen mache. Dafür wolle er den frühen Morgen gleich nach dem Aufstehen nutzen, und sich dann erst anderen Dingen zuwenden. Deshalb sei er zu spät gekommen.
 
Als die Herzoginmutter das hörte, war sie sehr zufrieden und ordnete an: „Schreib und lies nur! Dann brauchst du auch nicht herüberzukommen. Geh und melde das der gnädigen Frau, damit sie Bescheid weiß!
 
Sofort ging Bau-yü zu Dame Wang und sagte es ihr. Aber Dame Wang erwiderte darauf: „Die Lanze zu schleifen, wenn es schon in die Schlacht geht, ist auch nicht das Richtige. Selbst wenn du jetzt in aller Eile jeden Tag schreibst und liest, wirst du kaum alles schaffen. Eine Krankheit wirst du dir holen vor lauter Aufregung!“ Aber Bau-yü versicherte ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen.
 
Auch die Herzoginmutter äußerte die Befürchtung, Bau-yü könne sich überanstrengen, worauf Tan-tschun und Bau-tschai sagten: „Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, alte gnädige Frau! Für ihn lesen können wir nicht, aber schreiben können wir für ihn. Jede von uns wird jeden Tag einen Text für ihn abschreiben, um ihm über diese Klippe hinwegzuhelfen. Dann wird zum einen der gnädige Herr nicht zürnen, wenn er nach Hause kommt, und zum anderen wird sich Bau-yü nicht überanstrengen.“ Die Freude der Herzoginmutter über diese Worte fand kein Ende.
 
Als Dai-yü erfuhr, Djia Dschëng werde nach Hause kommen, hatte sie sich gesagt, er werde Bau-yü unbedingt nach seinen Lernergebnissen fragen, und so zersplittert, wie sich Bau-yü betätigte, werde er dann wohl einiges einstecken müssen. Darum tat sie einfach so, als ob sie die Lust verloren hätte, und rief den Dichterbund nicht zusammen. Genausowenig lenkte sie Bau-yü mit anderen Dingen ab.
 
Tan-tschun und Bau-tschai kopierten jeden Tag einen Text in Normalschriftzeichen für Bau-yü, und auch er selbst arbeitete mehr, als er sich vorgenommen hatte, und schrieb täglich zwei- bis dreihundert Schriftzeichen. So hatte sich bis zum Ende des dritten Monats bereits eine beachtliche Menge angesammelt, und Bau-yü sagte sich eben, wenn er noch weitere fünfzig Texte zusammenbekäme, dann könnte er sich schon durchmogeln, als plötzlich und unerwartet Dsï-djüan bei ihm erschien und ihm eine Rolle übergab. Als er sie aufmachte, waren es lauter Bogen aus Bambuspapier mit winzig kleinen Schriftzeichen in der Manier des Dschung You und des Wang Hsi-dschï0 darauf, und die Schriftform war ganz wie seine eigene. Überglücklich verbeugte sich Bau-yü mit zusammengelegten Händen vor Dsï-djüan und ging sich auch noch persönlich bedanken.
 
Hsiang-yün und Bau-tjin schickten ihm ebenfalls ein paar Texte, die sie für ihn abgeschrieben hatten, und alles zusammen reichte zwar nicht aus, um das Soll zu erfüllen, aber doch, um damit durchzukommen. Also war Bau-yü beruhigt und ging nun noch ein paarmal die Bücher durch, die er hatte lesen müssen.
 
Während Bau-yü so Tag für Tag fleißig arbeitete, wurde auf einmal das Küstengebiet von einer Flutwelle betroffen, die in mehreren Orten
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Die Herzoginmutter setzte ihre Brille auf und befahl Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, die treue Leibmagd der Herzoginmutter.</ref> und Bernstein: „Bringt das Kind näher, ich will mir die Haut ansehen!" Alle unterdrückten ein Kichern und schoben die Zweitschwester Sonders vor. Die Herzoginmutter betrachtete sie eingehend und sagte zu Bernstein: „Zeig mir ihre Hände!" Mandarinenente hob ihren Rock an. Nachdem die Herzoginmutter alles betrachtet hatte, nahm sie die Brille ab und sagte lachend: „Das ist ein makelloses Kind! Ich finde, sie ist hübscher als du."
Menschenleben vernichtete. Durch die Berichte der Lokalbeamten davon informiert, befahl der Kaiser in einem Erlaß, Djia Dschëng solle auf der Heimreise ge­naue Angaben darüber sammeln und Hilfsmaßnahmen einleiten. Das bedeutete, daß er erst gegen Ende des Winters zurück sein konnte. Als Bau-yü davon erfuhr, legte er Bücher und Schreibübungen wieder beiseite und gab sich von neuem dem Müßiggang hin.
 
Mittlerweile ging der Frühling zu Ende, und als Hsiang-yün in ihrer Langeweile die Weidenflocken durch die Luft treiben sah, dachte sie sich ein kleines tsï-Gedicht nach dem Tonmuster „Wie ein Traum“ aus, das folgendermaßen lautete:
 
„Sind das Seidenfadenfusseln,
 
  ist‘s ein Vorhang, duftgetränkt?
 
  Zarte Hände woll‘n es fassen,
 
  Kuckuck, Schwalbe zürnen drum.
 
  Haltet ein, haltet ein!
 
  Nehmt den Frühling nicht mit fort!“
 
Zufrieden mit ihrem Werk, schrieb sie es auf einen Streifen Papier und zeigte es Bau-tschai. Anschließend suchte sie auch Dai-yü damit auf. Nachdem Dai-yü die Verse gelesen hatte, sagte sie lächelnd: „Das ist dir gut gelungen. Neuartig und interessant ist es auch. Ich könnte das nicht.“
 
Darauf erwiderte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd: „Sooft unser Dichterbund getagt hat, haben wir nie tsï-Gedichte verfaßt. Willst du nicht den Bund für morgen zusammenrufen und tsï-Gedichte zur Aufgabe machen? Es wäre doch eine Abwechslung, wenn wir einmal eine andere Manier wählen würden.“
 
„Du hast ganz recht!“ lobte Dai-yü in spontaner Begeisterung. „Ich werde die andern gleich einladen!“
 
Anschließend gab sie den Befehl, allerlei Naschwerk vorzubereiten, zum anderen schickte sie Botinnen aus, um jeden einzeln einzuladen. Inzwischen einigte sie sich mit Hsiang-yün auf das Thema „Weidenflocken“ und legte mit ihr zusammen einige Tonmuster fest, die sie aufschrieben und an die Wand hefteten.
 
Am nächsten Tag kamen dann alle und sahen, das Thema war „Weidenflocken“, und dafür vorgeschrieben waren die verschiedensten kurzen Tonmuster. Als sie gelesen hatten, was Hsiang-yün verfaßt hatte, sparten sie nicht mit Lob. Bau-yü aber brachte lächelnd vor: „Auf dem Gebiet der tsï-Dichtung leisten wir nur Alltägliches, bestimmt wird es ein schöner Blödsinn werden, den wir zusammenschreiben.“
 
Anschließend losten sie die Tonmuster aus. Bau-tschai zog „Der Unsterbliche von Lin-djiang“, Bau-tjin „Mond überm Westfluß“, Tan-tschun „Baron von Süd-Ast“, Dai-yü „Vielfach zu Zeiten der Tang“, und Bau-yü schließlich „Die Schmetterlinge lieben die Blüten“.
 
Dsï-djüan zündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch an, und alle begannen zu grübeln. Schon bald darauf hatte Dai-yü ihre Verse beisammen und schrieb sie nieder. Dann waren auch Bau-tjin und Bau-tschai soweit. Als sie einander ihre Gedichte zeigten, verlangte Bau-tschai lächelnd: „Meins dürft ihr erst lesen, nachdem ich zuvor eure gesehen habe!“
 
„O weh!“ sagte inzwischen Tan-tschun, „warum verbrennt der Weihrauch heute so schnell? Schon sind nur noch drei Zehntel davon übrig, und ich habe mein Gedicht erst zur Hälfte fertig.“ Dann wollte sie von Bau-yü wissen, ob er seines schon fertig habe.
 
Bau-yü hatte zwar einiges geschrieben, aber weil es ihm nicht gefiel, hatte er es wieder durchgestrichen, um noch einmal von vorn zu beginnen. Doch als er sich nach dem Weihrauchstäbchen umsah, war es schon kurz vor dem Verlöschen.
 
„Das heißt verspielt!“ sagte Li Wan lächelnd zu ihm, dann forderte sie Tan-tschun auf: „Schreib deine fertige Hälfte auf, Gast unter Bananen!“
 
Rasch schrieb Tan-tschun die Verse nieder, und als sich die anderen das Blatt ansahen, stand wirklich nur ein halber „Baron von Süd-Ast“ darauf:
 
„Unnütz die zahllosen Schnüre,
 
zwecklos das dichte Gezweig,
 
das kann die Flocken nicht halten,
 
sie wirbeln ziellos davon.“
 
„Aber das schreibt sich doch leicht“, sagte Li Wan lächelnd. „Warum hast du es nicht fortgesetzt?“
 
Als Bau-yü sah, daß das Weihrauchstäbchen schon erloschen war, wollte er sich lieber geschlagen geben als versuchen, die Aufgabe mit Gewalt doch noch zu erfüllen, darum legte er den Schreibpinsel nieder und sah sich ebenfalls das Gedicht an, das Tan-tschun geschrieben hatte. Als er bemerkte, daß es unvollendet geblieben war, erwachte sein Interesse, und einer plötzlichen Eingebung folgend, griff er wieder zum Pinsel und schrieb die Fortsetzung:
 
„Gräm dich nicht, wenn wir verfliegen,
 
  wir kennen ja unsere Zeit.
 
  Geht der Frühling schon zu Ende,
 
  kehrn wir wieder nächstes Jahr.“
 
Lächelnd bemerkten die anderen dazu: „Was eigentlich deine Aufgabe war, hast du nicht gekonnt, und hierauf mußtest du kommen! Aber es wird dir nicht angerechnet, auch wenn es gut ist.“ Dann lasen sie Dai-yüs „Vielfach zu Zeiten der Tang“:
 
„Puderrest von der Blumeninsel,
 
  Düftespur aus dem Schwalbenturmhaus,
 
  von der Luft nur geballt zu Kugeln,
 
  leicht zerstört wie das menschliche Glück.
 
  Vergeblich die zarte Verstrickung,
 
  zu verderben bestimmt ist die Pracht.
 
  Empfinden auch Bäume mit Wehmut,
 
  wie das Alter die Haare bereift?
 
  Was niemand bereit ist zu halten,
 
  treibt davon, mit dem Ostwind vermählt.
 
  Drum fort auf dem Weg ohne Umkehr,
 
  meine Tränen, sie hindern es nicht.“
 
Nach der Lektüre nickten alle und seufzten ergriffen, ehe sie sagten: „Das ist zu traurig geschrieben, aber gut ist es!“ Anschließend lasen sie Bau-tjins „Mond überm Westfluß“:
 
„Spärlich im Han-Park standen die Weiden,
 
  reichlich bepflanzt war der Suee-Deich damit.
 
  Des Frühlings Schöpfung verweht mit dem Wind,
 
  ein Mondnachtblütentraum, mehr war sie nicht.
 
  Jeder Hof ist mit Blüten beschüttet,
 
  und alle Fenster sind duftig beschneit.
 
  Ob Nord oder Süd, das Bild ist sich gleich,
 
  und dennoch – die Trennung tut weh, so weh.“
 
Dann erklärten sie lächelnd: „Das ist kraftvoll geschrieben. Besonders gut sind die beiden Zeilen mit ‚jeder Hof‘ und ‚alle Fenster‘.“
 
Bau-tschai jedoch wandte ein: „Aber letzten Endes ist es natürlich zu kopfhängerisch. Für meine Begriffe sind Weidenflocken etwas Leichtes, das weder Wurzel noch Bindung hat, und das muß man von der positiven Seite her sehen, um nicht in Schablonen zu verfallen. So jedenfalls habe ich mein Gedicht zusammenphantasiert. Aber euch wird es kaum gefallen.“
 
„Nur keine falsche Bescheidenheit!“ sagten die anderen daraufhin lächelnd. „Wir werden es zu genießen und zu würdigen wissen, bestimmt ist es gut!“ Und sie lasen den „Unsterblichen von Lin-djiang“, der lautete:
 
„Frühlingstanz vor Jadehallen,
 
  wo Biene schwärmt und Schmetterling.
 
  Der Ostwind bläst dazu den Takt.“
 
„Das ist gut!“ lobte Hsiang-yün. „Und die Zeile ‚Der Ostwind bläst dazu den Takt‘ ist besser als jede andere in den übrigen Gedichten.“ Dann lasen sie weiter:
 
„Was heißt, sie stürben im Wasser
 
  und seien bestimmt für den Staub?
 
  Tausend Fäden, tausend Strähnen,
 
  so leicht getrennt wie leicht vereint.
 
  Scheltet sie nicht ungebunden!
 
  Ein günstiger Wind leiht seine Kraft
 
  Und trägt sie hoch in die Wolken.“
 
Alle schlugen auf den Tisch und schrien vor Begeisterung, ehe sie sagten: „Du hast wirklich viel Kraft hineingelegt, und natürlich ist dein Gedicht das beste von allen. Trauriger und ergreifender ist das der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß, gemütvoller und lieblicher das des Freundes, der sich aufs Abendrot bettet. Bau-tjin und der Gast unter Bananen sind diesmal durchgefallen und müssen bestraft werden.“
 
„Das müssen wir natürlich“, räumte Bau-tjin lächelnd ein, „aber wie wird erst der bestraft, der ein leeres Blatt abgegeben hat?“
 
„Nur nicht so hastig!“ wurde sie von Li Wan ermahnt. „Er wird auf jeden Fall streng bestraft, damit er fürs nächste Mal gewarnt ist!“
 
Das hatte sie kaum gesagt, als draußen etwas krachend in die Bambuswipfel stürzte. Es hörte sich an, als ob der Fensterflügel in einem Schiebefenster heruntergefallen wäre. Jedermann fuhr erschrocken zusammen, und die Sklavenmädchen liefen hinaus, um nachzusehen. Dann hörte man, wie eine von ihnen rief: „Ein großer Drachen in Schmetterlingsform hängt oben im Bambus.“
 
„So ein schöner Drachen!“ ließen sich auch die anderen Sklavenmädchen vernehmen. „Wer weiß, in wessen Familie man ihn hat steigen lassen, und dann ist die Schnur gerissen. Holen wir ihn herunter!“
 
Als Bau-yü und die anderen das hörten, gingen sie ebenfalls hinaus, um sich den Drachen anzusehen, und Bau-yü verkündete lächelnd: „Ich kenne diesen Drachen. Den hat Djiau-hung aus dem Gehöft des alten gnädigen Herrn steigen lassen. Holt ihn herunter und tragt ihn zu ihr hinüber!“
 
„Gibt es vielleicht in der ganzen Welt keine zwei Drachen, die genauso aussehen, und nur sie hatte solchen?“ fragte Dsï-djüan lächelnd. „Ich werde mich nicht darum kümmern und nehme ihn mir!“
 
„Auf einmal macht auch Dsï-djüan diese Kleine-Leute-Art nach“, rügte Tan-tschun. „Ihr habt doch ebensogut einen Drachen, und jetzt willst du dir einen nehmen, der jemand anders weggeflogen ist, ohne daß du dir Gedanken darüber machst, daß so etwas tabu ist.“
 
„Ja, eben“, fiel Dai-yü ein, „wer weiß, wer ihn hat wegfliegen lassen, damit sein böses Geschick mit wegfliegt. Schafft ihn nur schnell fort und holt unsern eigenen Drachen heraus, damit auch wir unser böses Geschick wegfliegen lassen können!“
 
Jetzt erst gab Dsï-djüan den kleineren Sklavenmädchen den Befehl, den Drachen zu den alten Frauen zu bringen, die am Gartentor Tagdienst hatten, damit ihn sich jemand, der ihn suchte, dort geben lassen könnte.
 
Die übrigen kleinen Sklavenmädchen stürzten, kaum daß sie hörten, Dai-yü wolle ihren Drachen steigen lassen, Hals über Kopf davon und kamen mit einem Drachen in Form eines schönen Mädchens wieder. Die einen holten einen hohen Schemel herbei, andere banden einen Zweig dergestalt an einem Bambusstab fest, daß eine Gabelstange entstand, und wieder andere wickelten eine Schnur auf eine Haspel.
 
Bau-tschai und die anderen stellten sich vor das Hoftor und befahlen den Sklavenmädchen, sie sollten den Drachen auf der freien Fläche außerhalb des Gehöfts steigen lassen. Da bemerkte Bau-tjin lächelnd: „Der Drachen ist aber nicht so schön wie Tan-tschuns großer Phönixdrachen mit weichen Flügeln.“
 
„Tatsächlich!“ bestätigte Bau-tschai, ebenfalls lächelnd. Dann wandte sie den Kopf und befahl Tsuee-mo: „Hol euren Drachen ebenfalls her!“
 
Wirklich ging Tsuee-mo lachend fort, um den Drachen zu holen, und nun kam auch Bau-yü auf den Geschmack und erteilte einem seiner kleineren Sklavenmädchen den Befehl: „Geh nach Hause und hol mir den großen Fisch, den ich gestern von Lai Das Frau geschenkt bekommen habe!
 
Das Mädchen blieb lange fort und kam dann mit leeren Händen wieder, um lächelnd zu berichten: „Den Fisch hat Fräulein Tjing-wën gestern schon fliegen lassen.“
 
„Dabei hatte ich ihn noch kein einziges Mal steigen lassen“, sagte Bau-yü bedauernd.
 
„Und wenn schon“, tröstete Tan-tschun ihn lächelnd, „Tjing-wën hat ja für dich das böse Geschick wegfliegen lassen.“
 
„Na schön“, sagte Bau-yü, „dann hol mir statt dessen die große Krabbe!“
 
Wieder ging das Sklavenmädchen fort, aber als sie zurückkam, trug sie mit einigen Gefährtinnen zusammen einen Drachen, der ebenfalls die Form eines schönen Mädchens hatte, dazu eine Haspel mit Schnur, und diesmal meldete sie: „Fräulein Hsi-jën läßt sagen, die Krabbe habe sie gestern dem jungen Herrn Huan geschenkt. Diesen hier habe die Frau von Lin Dschï-hsiau eben erst für Euch gebracht, Ihr solltet ihn statt dessen steigen lassen.“
 
Bau-yü sah sich das Geschenk aufmerksam an und stellte dabei fest, daß die Schöne sehr sorgfältig gearbeitet war. Froh darüber, befahl er, man solle sie aufsteigen lassen.
 
Inzwischen war auch Tan-tschuns Drachen gebracht worden, und Tsuee-mo war eben mit einigen anderen kleinen Sklavenmädchen dabei, ihn vom Hang des Berges aus in die Luft steigen zu lassen. Nun befahl Bau-tjin ebenfalls, man solle ihr ihre große rote Fledermaus holen, und Bau-tschai, die gleichfalls Gefallen an der Sache gefunden hatte, ließ sich auch einen ihrer Drachen bringen, der aus einer Kette von sieben großen Wildgänsen bestand.
 
Nacheinander stiegen alle Drachen in die Luft empor, nur Bau-yüs Schöne wollte und wollte nicht fliegen. Da sagte Bau-yü, die Sklavenmädchen hätten keine Ahnung, und versuchte es selbst eine ganze Zeitlang. Aber der Drachen kam nicht weiter als bis in die Höhe der Dächer, dann stürzte er wieder herunter. Vor Aufregung stand Bau-yü schon der Schweiß auf der Stirn, und die anderen machten sich über ihn lustig. Wütend warf Bau-yü schließlich den Drachen auf die Erde, wies mit der Hand darauf und schimpfte: „Wenn du nicht ein Mädchen wärst, würde ich dich mit einem Fußtritt kurz und klein stampfen!“
 
Lächelnd verriet ihm Dai-yü: „Es liegt nur daran, daß mit der vorderen Schnur etwas nicht in Ordnung ist. Laß ihn wegbringen, damit man sie richtig anbringt, dann fliegt er auch.“
 
Also befahl Bau-yü, den Drachen wieder wegzutragen, und ließ sich zugleich einen anderen bringen, den er steigen ließ. Dann standen alle mit zurückgelegtem Kopf da und schauten den Drachen nach, die hoch in die Luft stiegen.
 
Bald darauf brachten die Sklavenmädchen noch die verschiedensten „Essenträger“0, mit denen sie sich dann eine Weile vergnügten. Lächelnd sagte Dsï-djüan schließlich: „Jetzt zieht er kräftig, nehmt Ihr ihn, Fräulein!“
 
Daraufhin legte sich Dai-yü ein Taschentuch über die Hand und ruckte probeweise an der Schnur. Tatsächlich hatte der Wind den Drachen bereits mit voller Kraft gepackt. Also nahm sie Dsï-djüan die Haspel ab und ließ sie frei auf der Achse rotieren. Vom Drachen gezogen, schnurrte die Schnur von der Haspel und war im Nu bis zum Ende abgespult. Jetzt forderte Dai-yü die anderen auf, sie sollten den Drachen für sie wegfliegen lassen, doch sie antworteten ihr: „Jeder hat seinen eigenen, laß du ihn fliegen!“
 
„Es macht zwar Spaß, ihn fliegen zu lassen, aber ich bringe es einfach nicht über mich“, klagte Dai-yü lächelnd.
 
„Aber es ist doch gerade dieser Spaß, den man erreichen will, wenn man Drachen steigen läßt, und nur darum sagt man doch, man lasse das böse Geschick wegfliegen. Gerade du mußt recht viele Drachen wegfliegen lassen, damit sie die Wurzeln deiner Krankheit ganz und gar mitnehmen“, wurde sie von Li Wan belehrt.
 
„Ihr werdet immer kleinlicher, Fräulein“, behauptete Dsï-djüan, an Dai-yü gewandt, „Jahr für Jahr haben wir mehrere Drachen wegfliegen lassen, und jetzt auf einmal tut es Euch leid darum. Wenn Ihr ihn nicht fliegen laßt, lasse ich ihn fliegen.“
 
Mit diesen Worten nahm sie Hsüä-yän eine kleine europäische Silberschere aus der Hand und setzte sie direkt an der Haspel an, so daß auch nicht ein Tsun mehr darauf übrigblieb. Ratsch! machte es, als die Schnur durchgeschnitten wurde. „Nun nimm aber auch die Krankheit samt allen Wurzeln mit fort!“ rief Dsï-djüan dem Drachen mit lächelnder Miene nach.
 
Der Drachen taumelte hin und her und entfernte sich dabei immer weiter. Schon war er nur noch so groß wie ein Hühnerei, einen Augenblick später war es nur noch ein schwarzer Punkt, und nach einem weiteren Augenblick war er nicht mehr zu sehen. Alle hatten den Kopf in den Nacken geworfen, kniffen die Augen zusammen und riefen: „Macht das Spaß, macht das Spaß!“
 
Bau-yü aber sagte: „Schade, daß man nicht weiß, wo er herunterkommt! Falls dort Menschen wohnen und Kinder ihn finden, ist es noch gut. Falls er aber in einer wüsten und menschenleeren Gegend herunterkommt, kann ich ihm die Einsamkeit nachfühlen, die er empfinden muß.
 
  
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Phönixglanz kniete lächelnd nieder und erzählte der Herzoginmutter die mit der Schwägerin Sonders abgesprochene Geschichte Punkt für Punkt: „Bitte, Ahnherrin, habt ein gnädiges Herz und erlaubt ihr, einzuziehen. In einem Jahr erst wird die Ehe vollzogen."
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Die Herzoginmutter sagte: „Was ist daran auszusetzen? Da du so tugendhaft bist, ist das sehr löblich. Nur darf die Ehe erst in einem Jahr vollzogen werden."
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Phönixglanz dankte mit einem Kotau, stand auf und bat die Herzoginmutter, zwei Frauen mitzuschicken, um die Zweitschwester Sonders den Gnädigen Frauen vorzustellen — mit dem Hinweis, es sei der Wille der Ahnherrin. Die Herzoginmutter stimmte zu. So wurde die Zweitschwester Sonders auch Dame Strafe und anderen vorgestellt. Dame König, die sich ohnehin wegen der anrüchigen Gerüchte Sorgen gemacht hatte, war erleichtert über dieses Vorgehen.
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Von nun an lebte die Zweitschwester Sonders offen im Haus und zog in die Seitenflügelzimmer ein.
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Gleichzeitig ließ Phönixglanz heimlich Zhang Hua anstacheln, seine Erstfrau zurückzufordern — neben großzügiger Abfindung und Geld zum Lebensunterhalt. Zhang Hua hatte eigentlich nie den Mut und die Absicht gehabt, die Familie Kaufmann zu verklagen. Als dann Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref> Leute zur Verhandlung schickte, argumentierten diese: „Zhang Hua hatte die Verlobung bereits aufgelöst. Wir sind alles Verwandte. Dass die Dame im Haus wohnt, ist wahr — aber von einer Heirat war nie die Rede. Zhang Hua schuldet unserem Haus Geld, und weil er es nicht zurückzahlt, verleumdet er uns."
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Da das Zensorat sowohl mit der Familie Kaufmann als auch mit der König-Familie verwandt war und zudem bestochen worden war, erklärte der Richter Zhang Hua für einen Taugenichts, der aus Armut Erpressung betreibe, wies die Klage ab und ließ ihn hinausprügeln. Draußen sorgte Qinger dafür, dass die Prügel nicht zu hart ausfielen, und stachelte Zhang Hua erneut an: „Die Verlobung wurde ja von deiner Familie geschlossen. Du brauchst nur die Braut zu fordern — das Gericht muss sie dir zusprechen!" Also klagte Zhang Hua erneut.
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König Xin steckte dem Zensorat einen Wink, woraufhin der Richter urteilte: „Die Schulden Zhang Huas gegenüber dem Haus Kaufmann sind fristgerecht zu begleichen. Die vereinbarte Verlobung kann eingelöst werden, sobald Zhang Hua über die Mittel verfügt." Auch Zhang Huas Vater wurde vorgeladen und stimmte vor Gericht zu — auch er war von Qinger eingeweiht und freute sich, Mensch und Geld zugleich zu gewinnen. Er ging zum Haus Kaufmann, um die Braut abzuholen.
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Phönixglanz lief erschrocken zur Herzoginmutter und berichtete: „Die Schwägerin Sonders hat die Sache schlecht gehandhabt! Die Verlobung war nie ordentlich aufgelöst worden, und jetzt hat der Mann geklagt, und das Gericht hat so entschieden!"
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Die Herzoginmutter rief sofort die Schwägerin Sonders herbei und schalt sie: „Deine Schwester war seit ihrer Kindheit verlobt, und die Verlobung wurde nie aufgehoben — da klagt man natürlich!"
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Die Schwägerin Sonders konnte nur sagen: „Er hat das Geld doch genommen — wie kann die Sache nicht erledigt sein?"
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Phönixglanz warf von der Seite ein: „In Zhang Huas Aussage steht, er habe kein Geld gesehen und es sei niemand zu ihm gekommen. Sein Vater sagt: ‚Die Schwiegermutter hat einmal davon gesprochen, aber es wurde nie vereinbart. Nachdem die Schwiegermutter starb, habt ihr sie einfach als Zweitfrau aufgenommen.' Ohne Zeugen kann er sagen, was er will. Glücklicherweise war der Zweite Herr nicht zu Hause und die Ehe wurde noch nicht vollzogen — das ist nicht so schlimm. Nur — sie ist schon hier. Wie sollen wir sie zurückschicken? Das wäre doch eine Schande."
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Die Herzoginmutter sagte: „Die Ehe ist nicht vollzogen — da behalten wir doch nicht die Frau eines anderen Mannes! Der Ruf wäre ruiniert. Schickt sie ihm zurück. Es finden sich genug gute Frauen."
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Die Zweitschwester Sonders trat vor und sagte zur Herzoginmutter: „Meine Mutter hat ihm tatsächlich an dem und dem Datum zehn Liang Silber zur Auflösung der Verlobung gegeben. Er klagt nur aus Verzweiflung und hat sein Wort gebrochen. Meine Schwester hat nichts falsch gemacht."
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Die Herzoginmutter sagte: „Das zeigt, wie schwer es ist, mit solchem Gesindel umzugehen. Wenn es so ist, Phönixglanz, kümmere dich darum."
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Phönixglanz hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Zurück in ihren Räumen, schickte sie nach Herrlichkeit Kaufmann. Der verstand genau, was Phönixglanz wollte — wenn Zhang Hua die Zweitschwester Sonders wirklich zurückholte, wäre das eine Blamage. Also besprach er sich mit Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts.</ref> und ließ Zhang Hua heimlich ausrichten: „Du hast jetzt genug Silber. Wozu brauchst du die Frau? Wenn du weiter darauf bestehst, könnten die Herren zornig werden und einen Vorwand finden — dann hast du keinen Ort mehr für dein Grab. Mit deinem Silber kannst du zu Hause jede beliebige gute Frau finden. Wenn du gehst, bekommst du noch Reisegeld obendrauf."
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Zhang Hua überlegte und fand den Vorschlag vernünftig. Er beriet sich mit seinem Vater, und nachdem sie zusammen etwa hundert Liang erhalten hatten, brachen Vater und Sohn am nächsten Tag um fünf Uhr morgens auf und kehrten in ihre Heimat zurück.
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Herrlichkeit Kaufmann ermittelte die Wahrheit und berichtete der Herzoginmutter und Phönixglanz: „Zhang Hua und sein Vater haben falsch geklagt. Aus Furcht vor Strafe sind sie geflohen. Die Behörden wissen Bescheid und verfolgen die Sache nicht weiter. Die Angelegenheit ist erledigt."
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Phönixglanz aber überlegte: Wenn sie Zhang Hua die Zweitschwester Sonders hätte zurückbringen lassen, hätte Kette Kaufmann bei seiner Rückkehr einfach ein paar Münzen gezahlt und sie zurückgeholt — Zhang Hua hätte dem nie widerstanden. Es war besser, die Zweitschwester Sonders blieb hier in ihrer Gewalt.
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Nur — Zhang Hua war auf unbekanntem Weg geflohen. Wenn er jemandem davon erzählte oder die Sache eines Tages wieder aufrollte, hätte sie sich selbst geschadet. Es war ein Fehler gewesen, einem Außenstehenden das Messer in die Hand zu geben. Reue kam zu spät. Also ersann sie einen neuen Plan und befahl König Er heimlich, Zhang Hua aufzuspüren und ihn umzubringen — ob durch eine fingierte Anklage wegen Diebstahls oder durch einen Mordanschlag —, um das Gras mit der Wurzel auszureißen und ihren Ruf zu schützen.
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König Er überlegte zu Hause: Der Mann ist weg, die Sache erledigt. Menschenleben sind doch kein Kinderspiel! Am besten lüge ich sie an. So versteckte er sich ein paar Tage, kam dann zurück und berichtete Phönixglanz: Zhang Hua sei mit seinem Geld geflohen und am dritten Tag bei Jingkou im Morgengrauen von Straßenräubern erschlagen worden. Sein Vater sei vor Schreck in der Herberge gestorben; dort habe man die Leichen untersucht und bestattet.
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Phönixglanz glaubte ihm nicht und drohte: „Wenn du lügst und ich herausfinde, dass es anders war, schlage ich dir die Zähne ein!" Doch dann ließ sie die Sache auf sich beruhen. Von nun an war sie nach außen hin überaus herzlich zur Zweiten Schwester You — noch liebevoller als zu einer leiblichen Schwester.
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Kette Kaufmann kehrte eines Tages von seiner Geschäftsreise zurück. Zuerst suchte er das Haus in der Blumenstraße auf — es war still verschlossen, nur ein alter Hauswächter war da. Auf seine Frage erzählte ihm der Alte die ganze Geschichte. Kette Kaufmann stampfte wütend mit dem Fuß im Steigbügel.
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Er musste Begnadigung Kaufmann<ref>Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, der ältere der Kaufmann-Brüder, Vater von Kette Kaufmann.</ref> und Dame Strafe aufsuchen und über den Erfolg seiner Reise berichten. Begnadigung Kaufmann war hocherfreut, lobte ihn als tüchtig, schenkte ihm hundert Liang Silber und gab ihm obendrein ein siebzehnjähriges Dienstmädchen namens Qiutong als Nebenfrau. Kette Kaufmann dankte mit einem Kotau und war überglücklich.
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Als er dann die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und zu Phönixglanz kam, war seine Miene unweigerlich etwas verlegen. Doch überraschenderweise empfing ihn Phönixglanz nicht mit der gewohnten Strenge, sondern kam zusammen mit der Zweiten Schwester You heraus, um ihn zu begrüßen.
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Kette Kaufmann erzählte von Qiutong, wobei sein Gesicht unvermeidlich Stolz und Selbstzufriedenheit zeigte. Phönixglanz ließ sofort zwei Frauen Qiutong herüberholen. Ein Stachel war noch nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter hinzu. Schlucken und Schweigen — sie zeigte nur eine freundliche Miene. Sie ließ ein Willkommensessen herrichten und stellte Qiutong der Herzoginmutter und Dame König vor. Kette Kaufmann wunderte sich insgeheim.
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Am zwölften Tag des zwölften Monats brach Herrlichkeit Kaufmann zum Begräbniszug auf. Kette Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang. Unterwegs ermahnte Herrlichkeit Kaufmann sie, den Haushalt gut zu führen. Beide versprachen es mit wohlgesetzten Worten — doch das braucht hier nicht näher ausgeführt zu werden.
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Von nun an behandelte Phönixglanz zu Hause die Zweitschwester Sonders äußerlich tadellos, trug aber ganz andere Absichten im Herzen. Unter vier Augen sagte sie zur Zweiten Schwester You: „Schwester, dein Ruf ist sehr schlecht. Sogar die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen wissen davon und sagen, du wärst schon als Mädchen nicht anständig gewesen und hättest mit deinem Schwager etwas gehabt. ‚Da hat sie sich eine ausgesucht, die keiner mehr wollte — warum verstößt sie sie nicht und sucht eine Bessere?' Als ich das hörte, wurde mir fast schlecht vor Wut. Ich habe versucht herauszufinden, wer das gesagt hat, aber es war nicht festzustellen. Auf Dauer — wie soll ich den Dienstleuten noch in die Augen sehen? Da habe ich mir selbst die Scherben aufgeladen."
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Nachdem sie das zweimal so erzählt hatte, wurde sie selbst vor Ärger krank und aß und trank nicht mehr. Abgesehen von Friedchen redeten alle Mädchen und Dienerinnen hinter dem Rücken schlecht, stachelten an und sticheln.
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Qiutong, die sich einbildete, als Geschenk von Begnadigung Kaufmann über allen zu stehen, verachtete sogar Phönixglanz und Friedchen — von der Zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Bei jeder Gelegenheit schimpfte sie: „Diese Hure, die erst herumgehurt hat und dann, als sie keiner mehr wollte, geheiratet wurde — die will mir den Rang streitig machen?"
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Phönixglanz freute sich insgeheim darüber. Die Zweitschwester Sonders empfand Scham, Zorn und Bitterkeit.
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Da Phönixglanz sich krank stellte, aß sie nicht mehr mit der Zweiten Schwester You zusammen. Täglich ließ sie ihr Essen ins Zimmer bringen — aber alles war ungenießbarer Abfall. Friedchen, die das nicht mitansehen konnte, gab eigenes Geld aus und brachte ihr Speisen. Manchmal sagte sie auch einfach, sie gehe mit ihr im Garten spazieren, und ließ in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen. Niemand wagte, Phönixglanz davon zu erzählen. Doch eines Tages erwischte Qiutong die beiden und verriet es Phönixglanz: „Friedchen untergräbt Euren Ruf! Das gute Essen hier verschmäht sie, und dann geht sie in den Garten zum Stehlen!"
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Phönixglanz schalt Friedchen: „Bei anderen Leuten fangen die Katzen Mäuse — nur meine Katze stiehlt die Hühner!" Friedchen wagte keinen Widerspruch und hielt sich fortan von der Zweiten Schwester You fern. Gegen Qiutong aber hegte sie einen stillen Hass, den sie nicht aussprechen konnte.
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Von den Gartenbewohnerinnen sympathisierten Frau Li, Willkommensfrühling und Bedauerfrühling mit Phönixglanz. Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, der Hauptheld des Romans.</ref>, Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, die empfindsame und hochbegabte Cousine von Schatzjade.</ref> und ihre Gesinnungsgenossen aber sorgten sich insgeheim um die Zweitschwester Sonders. Zwar konnten sie nicht viel tun, doch wann immer sie kam, bedauerten sie sie. Aber selbst wenn niemand zuhörte, weinte die Zweitschwester Sonders nur und wagte sich nicht zu beklagen.
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Phönixglanz ließ sich nie etwas Böses anmerken. Wenn Kette Kaufmann nach Hause kam, sah er nur ihre Güte und war unachtsam. Zudem hatte Kette Kaufmann angesichts der überaus zahlreichen Nebenfrauen und Mädchen seines Vaters Begnadigung Kaufmann schon immer ungehörige Gedanken gehegt, sie aber nicht in die Tat umgesetzt. Qiutong war eine alte Bekannte Kette Kaufmanns gewesen, doch hatte es nie zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen kommen können. Jetzt, da der Himmel es so gefügt hatte und sein Vater sie ihm geschenkt hatte, waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Kette Kaufmanns Interesse an der Zweiten Schwester You erlahmte, und nur noch Qiutong war sein Ein und Alles.
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Phönixglanz hasste Qiutong zwar, freute sich aber, sie als Werkzeug benutzen zu können, um zuerst die Zweitschwester Sonders loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe. Sie wollte mit „fremder Hand töten"<ref>借刀杀人 jiè dāo shā rén: Eines der 36 Strategeme der chinesischen Kriegskunst — „Mit einem geliehenen Messer töten".</ref> und „vom Berg den kämpfenden Tigern zusehen"<ref>坐山观虎斗 zuò shān guān hǔ dòu: Sprichwörtl. Strategie — abwarten und andere den Kampf ausfechten lassen.</ref> — wenn Qiutong die Zweitschwester Sonders erledigt hatte, wollte sie als Nächstes Qiutong erledigen.
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Tag für Tag schimpfte Qiutong, ermutigt von Phönixglanz' vermeintlicher Schwäche: „Die Herrin ist zu weichherzig! Ich hingegen lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Ich werde es dieser Hure zeigen!" Die Zweitschwester Sonders lag in ihrem Zimmer, weinte, aß nichts und wagte nicht, Kette Kaufmann davon zu erzählen.
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Als die Herzoginmutter bemerkte, dass die Augen der Zweiten Schwester You rot und geschwollen waren, fragte sie nach dem Grund — doch die Zweitschwester Sonders wagte nichts zu sagen. Qiutong aber flüsterte der Herzoginmutter zu: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag heult sie grundlos herum und wünscht insgeheim, die Zweite Herrin und ich möchten bald sterben, damit sie den Zweiten Herrn für sich allein hat."
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Die Herzoginmutter sagte: „Eine so betörende Schönheit lässt auf ein eifersüchtiges Herz schließen. Phönixglanz ist so gut zu ihr, und sie muss Streit suchen! Wirklich ein undankbares Ding!" So ließ ihr Wohlwollen für die Zweitschwester Sonders nach.
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Als die anderen merkten, dass die Herzoginmutter nicht mehr gut auf sie zu sprechen war, trampelten sie erst recht auf ihr herum, bis die Zweitschwester Sonders weder leben noch sterben konnte. Nur Friedchen tröstete sie immer wieder hinter Phönixglanz' Rücken.
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Doch die Zweitschwester Sonders war ein Mensch mit einem Herz aus Blumen und einer Haut aus Schnee — wie sollte sie solche Quälereien ertragen? Nach nur einem Monat stillen Grams wurde sie krank. Ihre Glieder waren schwer und träge, sie konnte nicht essen, wurde gelb und mager.
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Eines Abends, als sie die Augen schloss, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Enten-und-Erpel-Schwertern auf sich zutreten: „Schwester, dein törichtes Herz und dein weicher Sinn haben dich ins Verderben geführt. Glaub nicht den Blumenworten und raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Äußerlich gibt sie die Gute, innerlich ist sie verschlagen. Ihr Hass ruht nicht, ehe sie dich umgebracht hat. Wenn ich noch lebte, hätte ich nie zugelassen, dass du zu ihr ziehst. Aber es musste so kommen. Wir haben beide ohne Zucht und Tugend gelebt und Väter und Söhne, Vettern und Brüder in schändliche Verwirrung gestürzt. Das ist nun die Vergeltung. Hör auf mich — erschlage die Eifersüchtige mit diesen Schwertern, dann komm mit mir vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und lass sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, und niemand wird dich bedauern."
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Die Zweitschwester Sonders weinte: „Schwester, mein ganzes Leben war ohne Tugend — die Vergeltung, die mich jetzt trifft, ist die unvermeidliche Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich laden? Lass mich weiter aushalten. Vielleicht hat der Himmel Erbarmen."
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Die jüngere Schwester seufzte: „Du bleibst eine Närrin. ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend — grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.' Du hast zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet — wie sollte der Himmel dich in Frieden leben lassen?"
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Die Zweitschwester Sonders weinte: „Wenn mir kein Frieden bestimmt ist, nehme ich es ohne Groll hin."
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Die Jüngere seufzte lang und verschwand. Die Zweitschwester Sonders fuhr auf — es war ein Traum.
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Als Kette Kaufmann kam, um nach ihr zu sehen, und sie allein waren, sagte sie unter Tränen: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich bei dir, und ich weiß, dass ich schwanger bin — ob Junge oder Mädchen, kann ich nicht sagen. Wenn der Himmel Mitleid hat, werde ich das Kind zur Welt bringen. Wenn nicht, steht es um mein Leben schlecht — vom Kind ganz zu schweigen."
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Kette Kaufmann weinte ebenfalls: „Beruhige dich! Ich hole einen fähigen Arzt."
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Doch Hofarzt König war auf die Idee gekommen, sich beim Militär Verdienste zu erwerben. So brachten die Burschen einen Hofarzt namens Hu Junrong. Der fühlte den Puls und diagnostizierte: unregelmäßige Menstruation, kräftige Stärkung nötig.
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Kette Kaufmann wandte ein: „Ihre Regel hat seit drei Monaten ausgesetzt, und sie muss sich oft erbrechen. Vermutlich ist sie schwanger."
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Hu Junrong ließ sich die Hand noch einmal zeigen, fühlte lange den Puls und erklärte: „Bei einer Schwangerschaft müsste der Leberpuls kräftig sein. Die Unregelmäßigkeit wird durch Leberholz verursacht. Ich muss so kühn sein, der gnädigen Frau das Gesicht sehen zu lassen, um ihren Lebenshauch zu beurteilen."
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Kette Kaufmann ließ den Bettvorhang einen Spalt öffnen. Der flüchtige Anblick genügte, um Hu Junrongs Seele in die neunte Himmelssphäre entschweben zu lassen. Nach dem Vorhangschließen ging er hinaus und erklärte: „Keine Schwangerschaft — nur angestautes Blut. Es kommt darauf an, dieses Blut abzuleiten."
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Er schrieb ein Rezept und ging. Noch in derselben Nacht bekam die Zweitschwester Sonders heftige Bauchschmerzen, und es ging ihr ein vollständig ausgebildeter männlicher Fötus ab. Es folgte eine unstillbare Blutung, und sie verlor das Bewusstsein.
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Kette Kaufmann fluchte wütend auf Hu Junrong, schickte nach einem anderen Arzt und ließ gegen Hu Junrong Anzeige erstatten. Doch der war bereits geflohen.
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Der neue Arzt erklärte: „Die Patientin hatte von Natur aus eine schwache Konstitution. Seit der Schwangerschaft hat sich offenbar viel Gram angestaut. Der andere Arzt hat mit seiner Tiger-und-Wolf-Medizin ihren Lebensatem zu acht, neun Zehnteln zerstört. Eine baldige Genesung ist nicht möglich. Nur mit Heiltränken und Pillen zugleich und unter Fernhaltung jeglicher Aufregung besteht vielleicht noch Hoffnung."
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Phönixglanz tat zehnmal aufgeregter als Kette Kaufmann selbst: „Uns war kein Sohn bestimmt, und jetzt, da endlich einer kam, mussten wir an so einen Pfuscher geraten!" Sie brannte Weihrauch, kniete nieder und betete: „Wenn ich dafür krank werden muss — ich bitte nur, dass Schwester You vollständig gesundet, erneut schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich ewiges Fasten halten und zu Buddha beten!"
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Alle lobten sie dafür. Wenn Kette Kaufmann bei Qiutong war, kochte Phönixglanz Suppen und ließ sie der Zweiten Schwester You bringen. Sie befragte sogar Wahrsager — und das Ergebnis war, dass jemand „im Zeichen des Hasen" die Schwangerschaft gestört habe. Nur Qiutong war im Zeichen des Hasen geboren.
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Qiutong, die ohnehin vor Eifersucht kochte, tobte: „Was kümmern mich diese blinden Wahrsager! ‚Brunnenwasser tut dem Flusswasser nichts zuleide!' Die feine Dame hat sich draußen mit wer weiß wem eingelassen — und ich soll schuld sein? Wer weiß, ob das Kind überhaupt von einem Kaufmann wäre! Selbst wenn sie eines hätte — wer weiß, ob es Zhang oder Wang heißen müsste!" Dann schimpfte sie laut unter dem Fenster der Zweiten Schwester You, die nur noch kränker wurde.
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Eines Abends, als Kette Kaufmann bei Qiutong schlief und Phönixglanz bereits zu Bett gegangen war, kam Friedchen zur Zweiten Schwester You und tröstete sie leise: „Kurier dich nur und achte nicht auf das Biest!"
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Die Zweitschwester Sonders ergriff ihre Hand und weinte: „Schwester, seit ich hier bin, warst du die Einzige, die sich um mich gekümmert hat. Wie viel Ärger hast du meinetwegen einstecken müssen! Wenn ich mit dem Leben davonkomme, vergelte ich dir deine Güte. Wenn nicht, muss es bis zum nächsten Leben warten."
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Auch Friedchen weinte: „Eigentlich bin ich an deinem Unglück schuld. Ich hatte ein törichtes Herz und habe ihr nie etwas verschwiegen. Als ich von dir erfuhr, habe ich es ihr natürlich gesagt. Und daraus ist all dieses Unheil entstanden."
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Die Zweitschwester Sonders widersprach: „Da hast du unrecht! Auch ohne dich hätte sie es herausgefunden. Außerdem war es mein eigener Wunsch, ins Haus zu ziehen, damit alles seine Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun."
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Beide weinten noch eine Weile. Friedchen gab ihr einige Ermahnungen, und erst spät in der Nacht ging sie schlafen.
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Die Zweitschwester Sonders aber dachte bei sich: „Die Krankheit hat mich fest im Griff, und von Tag zu Tag geht es mir schlechter statt besser. Genesen werde ich bestimmt nicht. Zudem habe ich mein Kind verloren — woran soll sich mein Herz noch klammern? Wozu diese Kränkungen ertragen? Besser, ich sterbe — das wäre sauberer. Ich habe oft gehört, man könne sich mit Rohgold<ref>Selbstmord durch Verschlucken von Gold (吞金): Eine in der chinesischen Literatur häufig beschriebene Methode des Freitods, bes. bei Frauen der Oberschicht.</ref> umbringen. Das ist doch sauberer als Erhängen oder Halsabschneiden."
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Als sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, raffte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe und fand ein Stück unbearbeitetes Gold — sie wusste nicht, wie schwer es war. Mit Tränen in den Augen schob sie es sich in den Mund. Mehrmals musste sie mit aller Gewalt schlucken, bis sie es endlich hinunterbekam.
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Dann kleidete sie sich hastig in ihre besten Gewänder, schmückte sich mit ihrem Kopfschmuck und legte sich aufs Bett. Kein Mensch bemerkte etwas, kein Geist wurde gewahr.
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Am nächsten Morgen, als die Mädchen und Frauen merkten, dass die Zweitschwester Sonders nicht nach ihnen rief, machten sie sich seelenruhig an ihre eigene Toilette. Phönixglanz war bereits mit Qiutong zur Begrüßung bei den Älteren.
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Friedchen aber schalt die Mädchen: „Ihr taugt wirklich nur dazu, von jemandem bedient zu werden, der kein Herz hat und euch schlägt und beschimpft! Eine Kranke — habt ihr denn kein Mitleid? Auch wenn sie sanftmütig ist, solltet ihr es nicht so übertreiben! ‚Wenn die Mauer fällt, schieben alle mit' — das seid ihr!"
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Die Mädchen öffneten die Tür — und fanden die Zweitschwester Sonders sauber gekleidet und geschmückt, tot auf dem Bett liegend. Entsetzt schrien sie auf.
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Friedchen trat ein, sah die Tote und brach in lautes Weinen aus. Auch die anderen, obwohl sie Phönixglanz fürchteten, dachten daran, wie freundlich und nachsichtig die Zweitschwester Sonders immer zu ihnen gewesen war — besser als Phönixglanz —, und weinten um sie, wenn auch nicht so, dass Phönixglanz es sehen konnte.
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Im Nu war der Tod im ganzen Haus bekannt. Kette Kaufmann nahm die Tote in die Arme und weinte hemmungslos. Phönixglanz klagte mit geheuchelten Tränen: „Hartherzige Schwester! Warum hast du mich allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank vergolten?"
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Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann kamen ebenfalls, weinten eine Weile und trösteten Kette Kaufmann. Dann bat Kette Kaufmann Dame König um Erlaubnis, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufzubahren und dann zum Kloster Eiserne Schwelle zu überführen. Dame König gestattete es.
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Doch als Kette Kaufmann Phönixglanz um Geld für Sarg und Begräbnis bat, spielte sie die Arme: „Welches Geld? Du weißt doch, wie knapp es ist! Gestern habe ich zwei goldene Halsketten für dreihundert Liang verpfändet. Hier sind noch zwanzig, dreißig Liang — nimm sie, wenn du willst." Dann ging sie mit einem Hinweis auf die Ahnherrin davon.
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Kette Kaufmann, wütend und stumm, öffnete die Truhen der Zweiten Schwester You — alles leer, nur alte Haarnadeln, verwelkte Blumen und halbgetragene Seidenkleider, die die Verstorbene immer getragen hatte. Er weinte aufs Neue, packte alles in ein Bündel und trug es selbst hinaus, um es zu verbrennen.
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Friedchen, gleichermaßen traurig und belustigt, stahl heimlich ein Päckchen mit zweihundert Liang Silber, zerrte Kette Kaufmann in die Seitenkammer und flüsterte ihm zu: „Schweig! Wenn du weinen willst — draußen kannst du weinen, so viel du willst. Komm nicht hier herein und mach Theater!"
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Kette Kaufmann sagte: „Du hast recht." Er nahm das Silber und reichte Friedchen einen Rock: „Das hat sie immer getragen. Bewahre ihn für mich auf — als Andenken." Friedchen verbarg ihn und nahm ihn mit.
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Kette Kaufmann nahm das Silber, ließ zunächst einen Sarg kaufen. Die guten waren zu teuer, die mittelmäßigen wollte er nicht. Er ritt selbst los, um sich umzusehen, und am Abend wurde tatsächlich ein schöner Sarg hereingetragen — fünfhundert Liang auf Kredit. Über Nacht wurde er fertiggestellt. Er teilte Leute ein, die in Trauerkleidung beim Sarg Wache hielten, und schlief die Nacht über nicht in seinen Gemächern, sondern neben dem Aufbahrungsort.
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Kapitel 69 弄小巧用借剑杀人 / 觉大限吞生金自逝 Die Zweitschwester Sonders schluckt Gold und stirbt; Friedchen stiehlt heimlich Silber für die Bestattung

Im Herzen zerbricht die Zweitschwester SondersCite error: Closing </ref> missing for <ref> tag.</ref>.</ref> und schluckt Gold, um ihrem elenden Leben ein Ende zu setzen. Das Dienstmädchen Friedchen[1] stiehlt heimlich Silber, um die Bestattung zu ermöglichen.

Es wird erzählt, dass die Zweitschwester Sonders, als sie Phönixglanz' Bericht hörte, sich nur immer wieder bedankte und ihr folgte. Die Schwägerin Sonders konnte schlecht nicht mitkommen und begleitete sie, um bei der Erklärung vor der Herzoginmutter[2] dabei zu sein — so verlangte es der Anstand. Phönixglanz lachte: „Du sagst einfach nichts, lass nur mich reden." Die Schwägerin Sonders antwortete: „Natürlich. Aber wenn etwas schiefgeht, schiebe ich es auf dich." So kamen alle zunächst in die Gemächer der Herzoginmutter.

Die Herzoginmutter war gerade dabei, mit den jungen Damen aus dem Garten zu plaudern und sich zu amüsieren, als plötzlich Phönixglanz mit einer hübschen jungen Frau hereinkam. Die Herzoginmutter kniff die Augen zusammen und sagte: „Wessen Kind ist das? Wie reizend!"

Phönixglanz trat lachend vor: „Ahnherrin, schaut sie Euch doch genau an — ist sie nicht schön?" Dann zog sie die Zweitschwester Sonders heran: „Das ist die Urgroßmutter — schnell, mach den Kotau!" Die Zweitschwester Sonders vollzog die große Verbeugung. Dann stellte Phönixglanz die jungen Damen vor: „Das ist die und die — lern sie schon einmal kennen. Wenn die Gnädigen Frauen dich gesehen haben, machst du die formelle Begrüßung." Die Zweitschwester Sonders stellte sich jeder einzeln vor und stand dann mit gesenktem Kopf zur Seite.

Die Herzoginmutter musterte sie von oben bis unten, lächelte und fragte: „Wie heißt du? Wie alt bist du?" Phönixglanz lachte: „Ahnherrin, fragt noch nicht — sagt nur, ob sie hübscher ist als ich!"

Die Herzoginmutter setzte ihre Brille auf und befahl Mandarinenente[3] und Bernstein: „Bringt das Kind näher, ich will mir die Haut ansehen!" Alle unterdrückten ein Kichern und schoben die Zweitschwester Sonders vor. Die Herzoginmutter betrachtete sie eingehend und sagte zu Bernstein: „Zeig mir ihre Hände!" Mandarinenente hob ihren Rock an. Nachdem die Herzoginmutter alles betrachtet hatte, nahm sie die Brille ab und sagte lachend: „Das ist ein makelloses Kind! Ich finde, sie ist hübscher als du."

Phönixglanz kniete lächelnd nieder und erzählte der Herzoginmutter die mit der Schwägerin Sonders abgesprochene Geschichte Punkt für Punkt: „Bitte, Ahnherrin, habt ein gnädiges Herz und erlaubt ihr, einzuziehen. In einem Jahr erst wird die Ehe vollzogen."

Die Herzoginmutter sagte: „Was ist daran auszusetzen? Da du so tugendhaft bist, ist das sehr löblich. Nur darf die Ehe erst in einem Jahr vollzogen werden."

Phönixglanz dankte mit einem Kotau, stand auf und bat die Herzoginmutter, zwei Frauen mitzuschicken, um die Zweitschwester Sonders den Gnädigen Frauen vorzustellen — mit dem Hinweis, es sei der Wille der Ahnherrin. Die Herzoginmutter stimmte zu. So wurde die Zweitschwester Sonders auch Dame Strafe und anderen vorgestellt. Dame König, die sich ohnehin wegen der anrüchigen Gerüchte Sorgen gemacht hatte, war erleichtert über dieses Vorgehen.

Von nun an lebte die Zweitschwester Sonders offen im Haus und zog in die Seitenflügelzimmer ein.

Gleichzeitig ließ Phönixglanz heimlich Zhang Hua anstacheln, seine Erstfrau zurückzufordern — neben großzügiger Abfindung und Geld zum Lebensunterhalt. Zhang Hua hatte eigentlich nie den Mut und die Absicht gehabt, die Familie Kaufmann zu verklagen. Als dann Herrlichkeit Kaufmann[4] Leute zur Verhandlung schickte, argumentierten diese: „Zhang Hua hatte die Verlobung bereits aufgelöst. Wir sind alles Verwandte. Dass die Dame im Haus wohnt, ist wahr — aber von einer Heirat war nie die Rede. Zhang Hua schuldet unserem Haus Geld, und weil er es nicht zurückzahlt, verleumdet er uns."

Da das Zensorat sowohl mit der Familie Kaufmann als auch mit der König-Familie verwandt war und zudem bestochen worden war, erklärte der Richter Zhang Hua für einen Taugenichts, der aus Armut Erpressung betreibe, wies die Klage ab und ließ ihn hinausprügeln. Draußen sorgte Qinger dafür, dass die Prügel nicht zu hart ausfielen, und stachelte Zhang Hua erneut an: „Die Verlobung wurde ja von deiner Familie geschlossen. Du brauchst nur die Braut zu fordern — das Gericht muss sie dir zusprechen!" Also klagte Zhang Hua erneut.

König Xin steckte dem Zensorat einen Wink, woraufhin der Richter urteilte: „Die Schulden Zhang Huas gegenüber dem Haus Kaufmann sind fristgerecht zu begleichen. Die vereinbarte Verlobung kann eingelöst werden, sobald Zhang Hua über die Mittel verfügt." Auch Zhang Huas Vater wurde vorgeladen und stimmte vor Gericht zu — auch er war von Qinger eingeweiht und freute sich, Mensch und Geld zugleich zu gewinnen. Er ging zum Haus Kaufmann, um die Braut abzuholen.

Phönixglanz lief erschrocken zur Herzoginmutter und berichtete: „Die Schwägerin Sonders hat die Sache schlecht gehandhabt! Die Verlobung war nie ordentlich aufgelöst worden, und jetzt hat der Mann geklagt, und das Gericht hat so entschieden!"

Die Herzoginmutter rief sofort die Schwägerin Sonders herbei und schalt sie: „Deine Schwester war seit ihrer Kindheit verlobt, und die Verlobung wurde nie aufgehoben — da klagt man natürlich!"

Die Schwägerin Sonders konnte nur sagen: „Er hat das Geld doch genommen — wie kann die Sache nicht erledigt sein?"

Phönixglanz warf von der Seite ein: „In Zhang Huas Aussage steht, er habe kein Geld gesehen und es sei niemand zu ihm gekommen. Sein Vater sagt: ‚Die Schwiegermutter hat einmal davon gesprochen, aber es wurde nie vereinbart. Nachdem die Schwiegermutter starb, habt ihr sie einfach als Zweitfrau aufgenommen.' Ohne Zeugen kann er sagen, was er will. Glücklicherweise war der Zweite Herr nicht zu Hause und die Ehe wurde noch nicht vollzogen — das ist nicht so schlimm. Nur — sie ist schon hier. Wie sollen wir sie zurückschicken? Das wäre doch eine Schande."

Die Herzoginmutter sagte: „Die Ehe ist nicht vollzogen — da behalten wir doch nicht die Frau eines anderen Mannes! Der Ruf wäre ruiniert. Schickt sie ihm zurück. Es finden sich genug gute Frauen."

Die Zweitschwester Sonders trat vor und sagte zur Herzoginmutter: „Meine Mutter hat ihm tatsächlich an dem und dem Datum zehn Liang Silber zur Auflösung der Verlobung gegeben. Er klagt nur aus Verzweiflung und hat sein Wort gebrochen. Meine Schwester hat nichts falsch gemacht."

Die Herzoginmutter sagte: „Das zeigt, wie schwer es ist, mit solchem Gesindel umzugehen. Wenn es so ist, Phönixglanz, kümmere dich darum."

Phönixglanz hatte keine andere Wahl als zuzustimmen. Zurück in ihren Räumen, schickte sie nach Herrlichkeit Kaufmann. Der verstand genau, was Phönixglanz wollte — wenn Zhang Hua die Zweitschwester Sonders wirklich zurückholte, wäre das eine Blamage. Also besprach er sich mit Herrlichkeit Kaufmann[5] und ließ Zhang Hua heimlich ausrichten: „Du hast jetzt genug Silber. Wozu brauchst du die Frau? Wenn du weiter darauf bestehst, könnten die Herren zornig werden und einen Vorwand finden — dann hast du keinen Ort mehr für dein Grab. Mit deinem Silber kannst du zu Hause jede beliebige gute Frau finden. Wenn du gehst, bekommst du noch Reisegeld obendrauf."

Zhang Hua überlegte und fand den Vorschlag vernünftig. Er beriet sich mit seinem Vater, und nachdem sie zusammen etwa hundert Liang erhalten hatten, brachen Vater und Sohn am nächsten Tag um fünf Uhr morgens auf und kehrten in ihre Heimat zurück.

Herrlichkeit Kaufmann ermittelte die Wahrheit und berichtete der Herzoginmutter und Phönixglanz: „Zhang Hua und sein Vater haben falsch geklagt. Aus Furcht vor Strafe sind sie geflohen. Die Behörden wissen Bescheid und verfolgen die Sache nicht weiter. Die Angelegenheit ist erledigt."

Phönixglanz aber überlegte: Wenn sie Zhang Hua die Zweitschwester Sonders hätte zurückbringen lassen, hätte Kette Kaufmann bei seiner Rückkehr einfach ein paar Münzen gezahlt und sie zurückgeholt — Zhang Hua hätte dem nie widerstanden. Es war besser, die Zweitschwester Sonders blieb hier in ihrer Gewalt.

Nur — Zhang Hua war auf unbekanntem Weg geflohen. Wenn er jemandem davon erzählte oder die Sache eines Tages wieder aufrollte, hätte sie sich selbst geschadet. Es war ein Fehler gewesen, einem Außenstehenden das Messer in die Hand zu geben. Reue kam zu spät. Also ersann sie einen neuen Plan und befahl König Er heimlich, Zhang Hua aufzuspüren und ihn umzubringen — ob durch eine fingierte Anklage wegen Diebstahls oder durch einen Mordanschlag —, um das Gras mit der Wurzel auszureißen und ihren Ruf zu schützen.

König Er überlegte zu Hause: Der Mann ist weg, die Sache erledigt. Menschenleben sind doch kein Kinderspiel! Am besten lüge ich sie an. So versteckte er sich ein paar Tage, kam dann zurück und berichtete Phönixglanz: Zhang Hua sei mit seinem Geld geflohen und am dritten Tag bei Jingkou im Morgengrauen von Straßenräubern erschlagen worden. Sein Vater sei vor Schreck in der Herberge gestorben; dort habe man die Leichen untersucht und bestattet.

Phönixglanz glaubte ihm nicht und drohte: „Wenn du lügst und ich herausfinde, dass es anders war, schlage ich dir die Zähne ein!" Doch dann ließ sie die Sache auf sich beruhen. Von nun an war sie nach außen hin überaus herzlich zur Zweiten Schwester You — noch liebevoller als zu einer leiblichen Schwester.

Kette Kaufmann kehrte eines Tages von seiner Geschäftsreise zurück. Zuerst suchte er das Haus in der Blumenstraße auf — es war still verschlossen, nur ein alter Hauswächter war da. Auf seine Frage erzählte ihm der Alte die ganze Geschichte. Kette Kaufmann stampfte wütend mit dem Fuß im Steigbügel.

Er musste Begnadigung Kaufmann[6] und Dame Strafe aufsuchen und über den Erfolg seiner Reise berichten. Begnadigung Kaufmann war hocherfreut, lobte ihn als tüchtig, schenkte ihm hundert Liang Silber und gab ihm obendrein ein siebzehnjähriges Dienstmädchen namens Qiutong als Nebenfrau. Kette Kaufmann dankte mit einem Kotau und war überglücklich.

Als er dann die Herzoginmutter und die übrigen Hausgenossen begrüßt hatte und zu Phönixglanz kam, war seine Miene unweigerlich etwas verlegen. Doch überraschenderweise empfing ihn Phönixglanz nicht mit der gewohnten Strenge, sondern kam zusammen mit der Zweiten Schwester You heraus, um ihn zu begrüßen.

Kette Kaufmann erzählte von Qiutong, wobei sein Gesicht unvermeidlich Stolz und Selbstzufriedenheit zeigte. Phönixglanz ließ sofort zwei Frauen Qiutong herüberholen. Ein Stachel war noch nicht entfernt, da kam aus heiterem Himmel ein zweiter hinzu. Schlucken und Schweigen — sie zeigte nur eine freundliche Miene. Sie ließ ein Willkommensessen herrichten und stellte Qiutong der Herzoginmutter und Dame König vor. Kette Kaufmann wunderte sich insgeheim.

Am zwölften Tag des zwölften Monats brach Herrlichkeit Kaufmann zum Begräbniszug auf. Kette Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann begleiteten ihn drei Tage und drei Nächte lang. Unterwegs ermahnte Herrlichkeit Kaufmann sie, den Haushalt gut zu führen. Beide versprachen es mit wohlgesetzten Worten — doch das braucht hier nicht näher ausgeführt zu werden.

Von nun an behandelte Phönixglanz zu Hause die Zweitschwester Sonders äußerlich tadellos, trug aber ganz andere Absichten im Herzen. Unter vier Augen sagte sie zur Zweiten Schwester You: „Schwester, dein Ruf ist sehr schlecht. Sogar die Ahnherrin und die Gnädigen Frauen wissen davon und sagen, du wärst schon als Mädchen nicht anständig gewesen und hättest mit deinem Schwager etwas gehabt. ‚Da hat sie sich eine ausgesucht, die keiner mehr wollte — warum verstößt sie sie nicht und sucht eine Bessere?' Als ich das hörte, wurde mir fast schlecht vor Wut. Ich habe versucht herauszufinden, wer das gesagt hat, aber es war nicht festzustellen. Auf Dauer — wie soll ich den Dienstleuten noch in die Augen sehen? Da habe ich mir selbst die Scherben aufgeladen."

Nachdem sie das zweimal so erzählt hatte, wurde sie selbst vor Ärger krank und aß und trank nicht mehr. Abgesehen von Friedchen redeten alle Mädchen und Dienerinnen hinter dem Rücken schlecht, stachelten an und sticheln.

Qiutong, die sich einbildete, als Geschenk von Begnadigung Kaufmann über allen zu stehen, verachtete sogar Phönixglanz und Friedchen — von der Zweiten Schwester You ganz zu schweigen. Bei jeder Gelegenheit schimpfte sie: „Diese Hure, die erst herumgehurt hat und dann, als sie keiner mehr wollte, geheiratet wurde — die will mir den Rang streitig machen?"

Phönixglanz freute sich insgeheim darüber. Die Zweitschwester Sonders empfand Scham, Zorn und Bitterkeit.

Da Phönixglanz sich krank stellte, aß sie nicht mehr mit der Zweiten Schwester You zusammen. Täglich ließ sie ihr Essen ins Zimmer bringen — aber alles war ungenießbarer Abfall. Friedchen, die das nicht mitansehen konnte, gab eigenes Geld aus und brachte ihr Speisen. Manchmal sagte sie auch einfach, sie gehe mit ihr im Garten spazieren, und ließ in der Gartenküche eine Suppe für sie kochen. Niemand wagte, Phönixglanz davon zu erzählen. Doch eines Tages erwischte Qiutong die beiden und verriet es Phönixglanz: „Friedchen untergräbt Euren Ruf! Das gute Essen hier verschmäht sie, und dann geht sie in den Garten zum Stehlen!"

Phönixglanz schalt Friedchen: „Bei anderen Leuten fangen die Katzen Mäuse — nur meine Katze stiehlt die Hühner!" Friedchen wagte keinen Widerspruch und hielt sich fortan von der Zweiten Schwester You fern. Gegen Qiutong aber hegte sie einen stillen Hass, den sie nicht aussprechen konnte.

Von den Gartenbewohnerinnen sympathisierten Frau Li, Willkommensfrühling und Bedauerfrühling mit Phönixglanz. Schatzjade[7], Kajaljade[8] und ihre Gesinnungsgenossen aber sorgten sich insgeheim um die Zweitschwester Sonders. Zwar konnten sie nicht viel tun, doch wann immer sie kam, bedauerten sie sie. Aber selbst wenn niemand zuhörte, weinte die Zweitschwester Sonders nur und wagte sich nicht zu beklagen.

Phönixglanz ließ sich nie etwas Böses anmerken. Wenn Kette Kaufmann nach Hause kam, sah er nur ihre Güte und war unachtsam. Zudem hatte Kette Kaufmann angesichts der überaus zahlreichen Nebenfrauen und Mädchen seines Vaters Begnadigung Kaufmann schon immer ungehörige Gedanken gehegt, sie aber nicht in die Tat umgesetzt. Qiutong war eine alte Bekannte Kette Kaufmanns gewesen, doch hatte es nie zu einer wirklichen Begegnung zwischen ihnen kommen können. Jetzt, da der Himmel es so gefügt hatte und sein Vater sie ihm geschenkt hatte, waren die beiden wie prasselndes Feuer und trockenes Reisig. Tagelang ließen sie nicht voneinander ab. Kette Kaufmanns Interesse an der Zweiten Schwester You erlahmte, und nur noch Qiutong war sein Ein und Alles.

Phönixglanz hasste Qiutong zwar, freute sich aber, sie als Werkzeug benutzen zu können, um zuerst die Zweitschwester Sonders loszuwerden, während sie selbst im Hintergrund bliebe. Sie wollte mit „fremder Hand töten"[9] und „vom Berg den kämpfenden Tigern zusehen"[10] — wenn Qiutong die Zweitschwester Sonders erledigt hatte, wollte sie als Nächstes Qiutong erledigen.

Tag für Tag schimpfte Qiutong, ermutigt von Phönixglanz' vermeintlicher Schwäche: „Die Herrin ist zu weichherzig! Ich hingegen lasse mir keinen Sand in die Augen streuen. Ich werde es dieser Hure zeigen!" Die Zweitschwester Sonders lag in ihrem Zimmer, weinte, aß nichts und wagte nicht, Kette Kaufmann davon zu erzählen.

Als die Herzoginmutter bemerkte, dass die Augen der Zweiten Schwester You rot und geschwollen waren, fragte sie nach dem Grund — doch die Zweitschwester Sonders wagte nichts zu sagen. Qiutong aber flüsterte der Herzoginmutter zu: „Die versteht es, die Leidende zu spielen! Den ganzen Tag heult sie grundlos herum und wünscht insgeheim, die Zweite Herrin und ich möchten bald sterben, damit sie den Zweiten Herrn für sich allein hat."

Die Herzoginmutter sagte: „Eine so betörende Schönheit lässt auf ein eifersüchtiges Herz schließen. Phönixglanz ist so gut zu ihr, und sie muss Streit suchen! Wirklich ein undankbares Ding!" So ließ ihr Wohlwollen für die Zweitschwester Sonders nach.

Als die anderen merkten, dass die Herzoginmutter nicht mehr gut auf sie zu sprechen war, trampelten sie erst recht auf ihr herum, bis die Zweitschwester Sonders weder leben noch sterben konnte. Nur Friedchen tröstete sie immer wieder hinter Phönixglanz' Rücken.

Doch die Zweitschwester Sonders war ein Mensch mit einem Herz aus Blumen und einer Haut aus Schnee — wie sollte sie solche Quälereien ertragen? Nach nur einem Monat stillen Grams wurde sie krank. Ihre Glieder waren schwer und träge, sie konnte nicht essen, wurde gelb und mager.

Eines Abends, als sie die Augen schloss, sah sie ihre jüngere Schwester mit den Enten-und-Erpel-Schwertern auf sich zutreten: „Schwester, dein törichtes Herz und dein weicher Sinn haben dich ins Verderben geführt. Glaub nicht den Blumenworten und raffinierten Reden dieser eifersüchtigen Frau! Äußerlich gibt sie die Gute, innerlich ist sie verschlagen. Ihr Hass ruht nicht, ehe sie dich umgebracht hat. Wenn ich noch lebte, hätte ich nie zugelassen, dass du zu ihr ziehst. Aber es musste so kommen. Wir haben beide ohne Zucht und Tugend gelebt und Väter und Söhne, Vettern und Brüder in schändliche Verwirrung gestürzt. Das ist nun die Vergeltung. Hör auf mich — erschlage die Eifersüchtige mit diesen Schwertern, dann komm mit mir vor den Richtertisch der Fee Warnendes Trugbild und lass sie über dich entscheiden! Sonst opferst du sinnlos dein Leben, und niemand wird dich bedauern."

Die Zweitschwester Sonders weinte: „Schwester, mein ganzes Leben war ohne Tugend — die Vergeltung, die mich jetzt trifft, ist die unvermeidliche Folge. Warum soll ich auch noch die Schuld eines Mordes auf mich laden? Lass mich weiter aushalten. Vielleicht hat der Himmel Erbarmen."

Die jüngere Schwester seufzte: „Du bleibst eine Närrin. ‚Die Netze des Himmels sind allumfassend — grobmaschig, und doch lassen sie nichts durch.' Du hast zwischen Vater und Sohn, Vetter und Vetter solche Verwirrung gestiftet — wie sollte der Himmel dich in Frieden leben lassen?"

Die Zweitschwester Sonders weinte: „Wenn mir kein Frieden bestimmt ist, nehme ich es ohne Groll hin."

Die Jüngere seufzte lang und verschwand. Die Zweitschwester Sonders fuhr auf — es war ein Traum.

Als Kette Kaufmann kam, um nach ihr zu sehen, und sie allein waren, sagte sie unter Tränen: „Ich werde nicht wieder gesund. Ein halbes Jahr bin ich bei dir, und ich weiß, dass ich schwanger bin — ob Junge oder Mädchen, kann ich nicht sagen. Wenn der Himmel Mitleid hat, werde ich das Kind zur Welt bringen. Wenn nicht, steht es um mein Leben schlecht — vom Kind ganz zu schweigen."

Kette Kaufmann weinte ebenfalls: „Beruhige dich! Ich hole einen fähigen Arzt."

Doch Hofarzt König war auf die Idee gekommen, sich beim Militär Verdienste zu erwerben. So brachten die Burschen einen Hofarzt namens Hu Junrong. Der fühlte den Puls und diagnostizierte: unregelmäßige Menstruation, kräftige Stärkung nötig.

Kette Kaufmann wandte ein: „Ihre Regel hat seit drei Monaten ausgesetzt, und sie muss sich oft erbrechen. Vermutlich ist sie schwanger."

Hu Junrong ließ sich die Hand noch einmal zeigen, fühlte lange den Puls und erklärte: „Bei einer Schwangerschaft müsste der Leberpuls kräftig sein. Die Unregelmäßigkeit wird durch Leberholz verursacht. Ich muss so kühn sein, der gnädigen Frau das Gesicht sehen zu lassen, um ihren Lebenshauch zu beurteilen."

Kette Kaufmann ließ den Bettvorhang einen Spalt öffnen. Der flüchtige Anblick genügte, um Hu Junrongs Seele in die neunte Himmelssphäre entschweben zu lassen. Nach dem Vorhangschließen ging er hinaus und erklärte: „Keine Schwangerschaft — nur angestautes Blut. Es kommt darauf an, dieses Blut abzuleiten."

Er schrieb ein Rezept und ging. Noch in derselben Nacht bekam die Zweitschwester Sonders heftige Bauchschmerzen, und es ging ihr ein vollständig ausgebildeter männlicher Fötus ab. Es folgte eine unstillbare Blutung, und sie verlor das Bewusstsein.

Kette Kaufmann fluchte wütend auf Hu Junrong, schickte nach einem anderen Arzt und ließ gegen Hu Junrong Anzeige erstatten. Doch der war bereits geflohen.

Der neue Arzt erklärte: „Die Patientin hatte von Natur aus eine schwache Konstitution. Seit der Schwangerschaft hat sich offenbar viel Gram angestaut. Der andere Arzt hat mit seiner Tiger-und-Wolf-Medizin ihren Lebensatem zu acht, neun Zehnteln zerstört. Eine baldige Genesung ist nicht möglich. Nur mit Heiltränken und Pillen zugleich und unter Fernhaltung jeglicher Aufregung besteht vielleicht noch Hoffnung."

Phönixglanz tat zehnmal aufgeregter als Kette Kaufmann selbst: „Uns war kein Sohn bestimmt, und jetzt, da endlich einer kam, mussten wir an so einen Pfuscher geraten!" Sie brannte Weihrauch, kniete nieder und betete: „Wenn ich dafür krank werden muss — ich bitte nur, dass Schwester You vollständig gesundet, erneut schwanger wird und einen Sohn gebiert. Dann will ich ewiges Fasten halten und zu Buddha beten!"

Alle lobten sie dafür. Wenn Kette Kaufmann bei Qiutong war, kochte Phönixglanz Suppen und ließ sie der Zweiten Schwester You bringen. Sie befragte sogar Wahrsager — und das Ergebnis war, dass jemand „im Zeichen des Hasen" die Schwangerschaft gestört habe. Nur Qiutong war im Zeichen des Hasen geboren.

Qiutong, die ohnehin vor Eifersucht kochte, tobte: „Was kümmern mich diese blinden Wahrsager! ‚Brunnenwasser tut dem Flusswasser nichts zuleide!' Die feine Dame hat sich draußen mit wer weiß wem eingelassen — und ich soll schuld sein? Wer weiß, ob das Kind überhaupt von einem Kaufmann wäre! Selbst wenn sie eines hätte — wer weiß, ob es Zhang oder Wang heißen müsste!" Dann schimpfte sie laut unter dem Fenster der Zweiten Schwester You, die nur noch kränker wurde.

Eines Abends, als Kette Kaufmann bei Qiutong schlief und Phönixglanz bereits zu Bett gegangen war, kam Friedchen zur Zweiten Schwester You und tröstete sie leise: „Kurier dich nur und achte nicht auf das Biest!"

Die Zweitschwester Sonders ergriff ihre Hand und weinte: „Schwester, seit ich hier bin, warst du die Einzige, die sich um mich gekümmert hat. Wie viel Ärger hast du meinetwegen einstecken müssen! Wenn ich mit dem Leben davonkomme, vergelte ich dir deine Güte. Wenn nicht, muss es bis zum nächsten Leben warten."

Auch Friedchen weinte: „Eigentlich bin ich an deinem Unglück schuld. Ich hatte ein törichtes Herz und habe ihr nie etwas verschwiegen. Als ich von dir erfuhr, habe ich es ihr natürlich gesagt. Und daraus ist all dieses Unheil entstanden."

Die Zweitschwester Sonders widersprach: „Da hast du unrecht! Auch ohne dich hätte sie es herausgefunden. Außerdem war es mein eigener Wunsch, ins Haus zu ziehen, damit alles seine Ordnung hätte. Das hat mit dir nichts zu tun."

Beide weinten noch eine Weile. Friedchen gab ihr einige Ermahnungen, und erst spät in der Nacht ging sie schlafen.

Die Zweitschwester Sonders aber dachte bei sich: „Die Krankheit hat mich fest im Griff, und von Tag zu Tag geht es mir schlechter statt besser. Genesen werde ich bestimmt nicht. Zudem habe ich mein Kind verloren — woran soll sich mein Herz noch klammern? Wozu diese Kränkungen ertragen? Besser, ich sterbe — das wäre sauberer. Ich habe oft gehört, man könne sich mit Rohgold[11] umbringen. Das ist doch sauberer als Erhängen oder Halsabschneiden."

Als sie den Gedanken zu Ende geführt hatte, raffte sie sich mühsam auf, öffnete eine Truhe und fand ein Stück unbearbeitetes Gold — sie wusste nicht, wie schwer es war. Mit Tränen in den Augen schob sie es sich in den Mund. Mehrmals musste sie mit aller Gewalt schlucken, bis sie es endlich hinunterbekam.

Dann kleidete sie sich hastig in ihre besten Gewänder, schmückte sich mit ihrem Kopfschmuck und legte sich aufs Bett. Kein Mensch bemerkte etwas, kein Geist wurde gewahr.

Am nächsten Morgen, als die Mädchen und Frauen merkten, dass die Zweitschwester Sonders nicht nach ihnen rief, machten sie sich seelenruhig an ihre eigene Toilette. Phönixglanz war bereits mit Qiutong zur Begrüßung bei den Älteren.

Friedchen aber schalt die Mädchen: „Ihr taugt wirklich nur dazu, von jemandem bedient zu werden, der kein Herz hat und euch schlägt und beschimpft! Eine Kranke — habt ihr denn kein Mitleid? Auch wenn sie sanftmütig ist, solltet ihr es nicht so übertreiben! ‚Wenn die Mauer fällt, schieben alle mit' — das seid ihr!"

Die Mädchen öffneten die Tür — und fanden die Zweitschwester Sonders sauber gekleidet und geschmückt, tot auf dem Bett liegend. Entsetzt schrien sie auf.

Friedchen trat ein, sah die Tote und brach in lautes Weinen aus. Auch die anderen, obwohl sie Phönixglanz fürchteten, dachten daran, wie freundlich und nachsichtig die Zweitschwester Sonders immer zu ihnen gewesen war — besser als Phönixglanz —, und weinten um sie, wenn auch nicht so, dass Phönixglanz es sehen konnte.

Im Nu war der Tod im ganzen Haus bekannt. Kette Kaufmann nahm die Tote in die Arme und weinte hemmungslos. Phönixglanz klagte mit geheuchelten Tränen: „Hartherzige Schwester! Warum hast du mich allein zurückgelassen und meine Güte mit Undank vergolten?"

Die Schwägerin Sonders und Herrlichkeit Kaufmann kamen ebenfalls, weinten eine Weile und trösteten Kette Kaufmann. Dann bat Kette Kaufmann Dame König um Erlaubnis, die Tote fünf Tage lang im Birnendufthof aufzubahren und dann zum Kloster Eiserne Schwelle zu überführen. Dame König gestattete es.

Doch als Kette Kaufmann Phönixglanz um Geld für Sarg und Begräbnis bat, spielte sie die Arme: „Welches Geld? Du weißt doch, wie knapp es ist! Gestern habe ich zwei goldene Halsketten für dreihundert Liang verpfändet. Hier sind noch zwanzig, dreißig Liang — nimm sie, wenn du willst." Dann ging sie mit einem Hinweis auf die Ahnherrin davon.

Kette Kaufmann, wütend und stumm, öffnete die Truhen der Zweiten Schwester You — alles leer, nur alte Haarnadeln, verwelkte Blumen und halbgetragene Seidenkleider, die die Verstorbene immer getragen hatte. Er weinte aufs Neue, packte alles in ein Bündel und trug es selbst hinaus, um es zu verbrennen.

Friedchen, gleichermaßen traurig und belustigt, stahl heimlich ein Päckchen mit zweihundert Liang Silber, zerrte Kette Kaufmann in die Seitenkammer und flüsterte ihm zu: „Schweig! Wenn du weinen willst — draußen kannst du weinen, so viel du willst. Komm nicht hier herein und mach Theater!"

Kette Kaufmann sagte: „Du hast recht." Er nahm das Silber und reichte Friedchen einen Rock: „Das hat sie immer getragen. Bewahre ihn für mich auf — als Andenken." Friedchen verbarg ihn und nahm ihn mit.

Kette Kaufmann nahm das Silber, ließ zunächst einen Sarg kaufen. Die guten waren zu teuer, die mittelmäßigen wollte er nicht. Er ritt selbst los, um sich umzusehen, und am Abend wurde tatsächlich ein schöner Sarg hereingetragen — fünfhundert Liang auf Kredit. Über Nacht wurde er fertiggestellt. Er teilte Leute ein, die in Trauerkleidung beim Sarg Wache hielten, und schlief die Nacht über nicht in seinen Gemächern, sondern neben dem Aufbahrungsort.

  1. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, die treue und kluge Leibmagd von Phönixglanz.
  2. Herzoginmutter: Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die alte Matriarchin des Kaufmann-Hauses.
  3. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, die treue Leibmagd der Herzoginmutter.
  4. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
  5. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts.
  6. Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, der ältere der Kaufmann-Brüder, Vater von Kette Kaufmann.
  7. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, der Hauptheld des Romans.
  8. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, die empfindsame und hochbegabte Cousine von Schatzjade.
  9. 借刀杀人 jiè dāo shā rén: Eines der 36 Strategeme der chinesischen Kriegskunst — „Mit einem geliehenen Messer töten".
  10. 坐山观虎斗 zuò shān guān hǔ dòu: Sprichwörtl. Strategie — abwarten und andere den Kampf ausfechten lassen.
  11. Selbstmord durch Verschlucken von Gold (吞金): Eine in der chinesischen Literatur häufig beschriebene Methode des Freitods, bes. bei Frauen der Oberschicht.