Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 77"

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Siebenundsiebzigstes Kapitel
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Die hübsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schöne Schauspielerin schneidet alle Gefühle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurück
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_77|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_77|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 77 =
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Es wird erzählt, dass Dame König nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phönixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch ließ Dame König weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept für Pillen zur Regulierung der Menstruation und Nährung der Lebenskraft. Dafür wurden zwei Liang<ref>Ein Liang (两) entspricht etwa 37,3 Gramm. Zwei Liang hochwertiger Ginseng (人参, rénshēn, Panax ginseng) waren ein beträchtlicher Wert — der Text erwähnt später einen Preis von dreißig Liang Silber pro Liang.</ref> besten Ginsengs benötigt. Als Dame König ihn holen ließ, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kästchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Dame König war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein großes Päckchen mit Fasern und Krümeln.
== 俏丫鬟抱屈夭風流 / 美優伶斬情歸水月 ==
 
=== Die huebsche Dienerin stirbt vor der Zeit unter ungerechtfertigtem Vorwurf; Die schoene Schauspielerin schneidet alle Gefuehle ab und kehrt zum Wasser und Mond zurueck ===
 
  
t, daß eine hell ist und die andere dunkel, eine hoch und die andere niedrig, daß eine ein Berg ist und die andere ein Gewässer, und schließlich auch, daß sie extra angelegt sind, um sich hier am Mond zu erfreuen. Wer die Höhe der Berge mag und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher. Und wer gern den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin.
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Ärgerlich sagte Dame König: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hört ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermögen, und dann taugt er nicht einmal!“
Selten verwendet worden sind die beiden Schriftzeichen nur deshalb, weil ihre volkstümliche Aussprache wa und gu ist, wodurch sie als vulgär gelten. Das Schriftzeichen au hat nur Lu You0 gebraucht, als er sagte:
 
,In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.‘ Selbst das hat man ihm noch als vulgär angekreidet. Ist das nicht zum Lachen?“
 
„Nicht nur Lu You hat eins von den Schriftzeichen gebraucht“, erwiderte Dai-yü. „Sie kommen bei den Alten überaus häufig vor, so in Djiang Yäns0 ‚Ode vom dunklen Moos‘, in Dung-fang Schuos0 ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ und sogar in der Geschichte, wie Dschang Sëng-you0 das Kloster des Einen Fahrzeugs ausmalte, die in den ‚Aufzeichnungen über Malereien‘0 steht. Man kann die Beispiele gar nicht alle anführen. Aber die Menschen von heute wissen das nicht und behandeln diese Schriftzeichen als vulgär.
 
Um dir die Wahrheit zu sagen, die beiden Namen habe ich mir ausgedacht. Als damals Bau-yü eine Talentprobe ablegen mußte, hat er für einige Stätten die Namen gebildet. Zum Teil sind sie beibehalten, zum Teil geändert worden, und einen weiteren Teil hatte er noch nicht benannt. Für diese namenlosen Orte haben nachher wir andern alle zusammen Namen erdacht, den Ursprung dieser Namen angemerkt und die Lage der Gebäude beschrieben.
 
Dann wurde das Ganze zu unserer kaiserlichen Kusine in den Palast getragen, damit sie es begutachten konnte, und sie hat es zurückgeschickt und dem Onkel vorlegen lassen. Zur allgemeinen Verwunderung hat sich der Onkel darüber gefreut und gesagt: ‚Hätte ich das nur eher gewußt! Dann hätte ich seinerzeit alle Namen von den Mädchen bilden lassen. Hätte das nicht auch seinen Reiz gehabt?‘ So sind alle Namen, die ich vorschlug, ohne jede Änderung angenommen worden.
 
Aber jetzt wollen wir wirklich zur Herberge Kristallklare Vertiefung gehen, um von dortaus zu schauen!“
 
Mit diesen Worten stiegen sie beide bergab. Unten brauchten sie nur noch um einen Vorsprung zu biegen, um an den Rand des Teiches zu gelangen. Dort verzweigte sich das Bambusgeländer, und es bestand eine direkte Verbindung mit dem Weg, der zum Kiosk des Lotoswurzelduftes führte. Weil das kleine Gebäude, das hier stand, um von den Besuchern der Bergvilla Jadegrüne Erhebung zwischendurch aufgesucht zu werden, von dem Berg umschlossen wurde und tiefer dicht neben dem Wasser gelegen war, war seine Namenstafel mit den Worten „Wasserherberge Kristallklare Vertiefung“ beschriftet.
 
Da es hier nur wenige, enge Räume gab, hielten darin nicht mehr als zwei alte Sklavinnen Nachtwache. Heute war ihnen, als sie sich erkundigten, gesagt worden, das Personal der Bergvilla Jadegrüne Erhebung habe sich dienstbereit zu halten, aber sie hätten damit nichts zu tun. Darum hatten sie Mondkekse und Früchte, Wein und Speisen in Empfang genommen, die sie als Anerkennung für ihren mühevollen Dienst bekamen, und hatten sich daran satt gegessen und vollgetrunken. Inzwischen hatten sie längst die Lampe gelöscht und schliefen.
 
Als Dai-yü und Hsiang-yün sahen, daß alles dunkel war, sagte Hsiang-yün lächelnd: „Gut, daß sie schon schlafen! Wie wäre es, wenn wir uns in die offene Halle mit dem gewölbten Dach setzten, um den Mond dicht am Wasser genießen zu können?“ Und sie nahmen auf zwei runden Hockern aus geflecktem Bambus Platz.
 
Am Himmel stand kreisrund der helle Mond, und auf dem Teich schwamm ebenfalls ein kreisrunder Mond. Einer oben, einer unten, wetteiferten sie miteinander im Glanz, und die beiden Mädchen kamen sich vor wie im Kristallpalast des Drachenkönigs0 oder wie in der Wohnung der Wassermenschen0. Als ein leichter Windhauch vorüberstrich, bedeckte sich die helle Wasserfläche mit einem grünlichen Wellengekräusel, und in die Seelen der Betrachter zogen Reinheit und Frische ein.
 
„Jetzt wäre es schön, im Boot zu sitzen und Wein zu trinken“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Wenn ich bei uns zu Hause wäre, würde ich mir sofort ein Boot nehmen!“
 
„Wie recht hatten doch die Alten, als sie sagten ‚Wenn man in allen Dingen Vollkommenheit verlangt, worüber kann man sich dann noch freuen?‘“ erwiderte Dai-yü, ebenfalls lächelnd. „Meiner Meinung nach ist es auch so schon genug. Warum sollten wir unbedingt im Boot sitzen?“
 
„Es ist nur normal, daß der Mensch ‚auf Schu schaut, kaum daß er Lung erobert hat‘0“, sagte nun wieder Hsiang-yün lächelnd. „Da sieht man, daß die alten Leute ganz recht haben. Sie sagen nämlich, die Armen glauben immer, die Reichen könnten in jeder Hinsicht tun und treiben, was ihnen gefällt, und wenn man ihnen sagt, das stimmt nicht, wollen sie es nicht glauben. Erst wenn sie es selbst einmal miterlebt haben, sehen sie es ein. Wir beide zum Beispiel dürfen mit in den Gefilden des Reichtums und der Vornehmheit leben, obwohl wir keine Eltern mehr haben, und trotzdem gibt es vieles, was nicht unsern Wünschen entspricht.“
 
„Das gilt aber nicht nur für uns“, wandte Dai-yü, immer noch lächelnd, ein. „Selbst die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sowie Bau-yü und Tan-tschun können in großen wie in kleinen Dingen nicht einfach ihren Wünschen folgen, ob diese nun berechtigt sind oder nicht. Für sie gilt gleichermaßen dasselbe Prinzip, erst recht also für uns, die wir als Gäste hier aufgenommen wurden.“
 
Als Hsiang-yün das hörte, bekam sie Angst, Dai-yü könnte gleich noch einmal in Trübsal verfallen, darum sagte sie rasch: „Schluß mit dem müßigen Geplauder, wir wollen gemeinsam dichten!“
 
Gerade als sie das sagte, hörten sie auf einmal die Klänge der Flöte, und Dai-yü bemerkte lächelnd: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind heute in guter Laune. Es war ein glücklicher Einfall, jetzt die Flöte blasen zu lassen. Dadurch wird auch unsere Stimmung noch erhöht. Wir mögen beide gern fünfsilbige Verse, also wollen wir ein langes fünfsilbiges Regelgedicht machen!
 
„Und welchen Reim legen wir fest?“ fragte Hsiang-yün.
 
„Wir zählen von hier bis dort die Geländerstäbe ab“, sagte Dai-yü lächelnd. „Ihre Anzahl nehmen wir als die Nummer der Reimgruppe. Wenn es zum Beispiel sechzehn Stäbe sind, ergibt das die erste Reimgruppe der zweiten Abteilung0, also hsiän. Wäre das nicht etwas Neuartiges?“
 
„Das ist wirklich einmal etwas anderes!“ bestätigte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd.
 
Daraufhin standen sie beide auf und zählten die Geländerstäbe von einem bis zum anderen Ende, und es waren ganze dreizehn Stück.
 
„Wieder einmal die Reimgruppe dreizehn – yüan“, sagte Hsiang-yün. „Sie umfaßt nur wenige Schriftzeichen, und so werden wir für ein langes Gedicht wohl zu Notbehelfen greifen müssen, die sich nicht reimen. Du mußt die erste Zeile vorgeben!“
 
„Erproben wir also, wer von uns beiden die Stärkere ist!“ erwiderte Dai-yü. „Nur fehlen uns Papier und Pinsel zum Schreiben.“
 
„Das macht nichts“, gab Hsiang-yün zurück, „wir können es morgen aufschreiben. So weit wird unser Gedächtnis wohl noch reichen!“
 
„Ich fange mit einem plumpen Allerweltsausdruck an“, erklärte Dai-yü und sprach:
 
„In der Mondnacht am fünfzehnten achten...“
 
Hsiang-yün überlegte und setzte fort:
 
„Schlendern wir wie zum Laternenfest.
 
Hoch am Himmel die Sternbilder glänzen, ...“
 
Lächelnd schloß Dai-yü an:
 
„Weithin auf Erden tönt frohe Musik.
 
Überall fliegen heute die Becher, ...“
 
„Die Zeile ist gut, ‚Überall fliegen die Becher‘“, lobte Hsiang-yün. „Dem muß ich etwas Gleichwertiges an die Seite stellen!“ Und nach einigem Nachdenken sprach sie lächelnd:
 
„Jedermanns Fenster stehn heute weit auf.
 
Frischer Wind macht uns schaudern und frösteln, ...“
 
„Deine Ergänzung ist sogar noch besser als meine Vorgabe“, sagte Dai-yü, „aber die nächste Zeile ist ein Allgemeinplatz. Dabei müßte eine Steigerung kommen.“
 
„Ein langes Gedicht mit begrenzter Reimzahl muß man schon ein bißchen auspolstern“, widersprach Hsiang-yün. „Die beseren Sachen lasse ich mir für später.“
 
„Ich bin gespannt, ob du das wirklich tust. Wenn nicht, bist du blamiert“, sagte Dai-yü. Dann fuhr sie fort:
 
„Doch es entschädigt der Anblick der Nacht.
 
Hohn erntet ein Greis, voll Gier nach Gebäck, ...“
 
„Die Zeile taugt nichts“, protestierte Hsiang-yün, „die hast du dir einfach ausgedacht, um mich mit einer profanen Sache in Schwierigkeiten zu bringen.
 
„Ich sage ja, du kennst nicht genug Bücher!“ entgegnete Dai-yü lächelnd. „Die Gier nach Gebäck ist ein klassischer Ausdruck. Lies erst die Annalen der Tang-Dynastie, ehe du mit mir streitest!“
 
„Noch bin ich nicht geschlagen“, sagte Hsiang-yün fröhlich. „Ich habe schon eine Parallele dazu.“ Und sie sprach:
 
„Lachend die Mädchen Melonen zerteiln.
 
Balsamisch weht Luft vom Jadestrauch her, ...“
 
„Also, die Sache mit den Melonen ist eindeutig eine Fälschung von dir“, machte Dai-yü lächelnd jetzt ihrerseits geltend.
 
„Morgen werden wir das klären, so daß sich jeder davon überzeugen kann!“ schlug Hsiang-yün lächelnd vor. „Jetzt wollen wir deswegen keine Zeit vergeuden!“
 
„Schon gut“, stimmte ihr Dai-yü, ebenfalls lächelnd, zu. „Aber deine nächste Zeile war auch nichts Rechtes. Wozu müssen wir wieder auf ‚Jadestrauch‘, und ‚Goldblume‘ kommen, um die Lücken zu füllen?“ Dann setzte sie fort:
 
„Üppig in Blüten stehn Goldlilien da.
 
Wachskerzen leuchten dem festlichen Mahl, ...“
 
„Mit den Goldlilien hattest du es leicht und brauchtest dir nicht viel Mühe zu geben. Der Ausdruck bot sich von selbst an“, krittelte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem wäre auch diese Huldigung nicht nötig gewesen. Und deine zweite Zeile ist auch nur ein Lückenfüller.“
 
„Wäre ich vielleicht auf Goldlilien gekommen, wenn du nicht Jadestrauch gesagt hättest?“ verteidigte sich Dai-yü. „Schließlich muß ja die Schönheit der Szene ein bißchen breiter ausgemalt werden. Das war nichts anderes als ein Lob dessen, was wirklich da ist.“
 
Notgedrungen mußte Hsiang-yün fortfahren und sprach:
 
„Trinkspiele mehren den nächtlichen Spaß.
 
Ein Leiter befiehlt, was jeglicher tut, ...“
 
„Die zweite Zeile ist gut“, lobte Dai-yü lächelnd. „Nur ist es nicht so einfach, daran anzuknüpfen.“ Und sie überlegte eine Zeitlang, ehe sie sprach:
 
„Dreimal genannt, wird das Rätselwort klar.
 
Rot ist beim Würfeln die Farbe des Siegs0, ...“
 
„Dieses ‚dreimal genannt‘ hat etwas für sich, dadurch wird etwas Profanes gleichsam veredelt“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Aber dann hast du in der nächsten Zeile die Würfel hineingebracht.“ Und sie fuhr fort:
 
„Ein Zweig macht die Runde zum Trommelschlag.
 
Lichter und Schatten durchflattern den Hof, ...“
 
„Angeknüpft hast du es gut“, bestätigte Dai-yü lächelnd, „doch die zweite Zeile ist einfach so dahingesagt. Wieder müssen der Mond und der Wind herhalten.“
 
„Aber schließlich habe ich den Mond nicht direkt erwähnt“, widersprach Hsiang-yün. „Und ein bißchen angedeutet muß er schon werden, damit wir nicht vom Thema abkommen.
 
„Dann mag es einstweilen so bleiben, und morgen entscheiden wir endgültig darüber“, bestimmte Dai-yü und fuhr dann fort:
 
„Himmel und Erde erstrahlen im Glanz.
 
Hausherrn und Gästen wird Strafe zuteil, ...“
 
„Warum fängst du wieder von denen an?“ fragte Hsiang-yün. „Sprich lieber von uns!“ Und sie setzte fort:
 
„Gewinnen kann nur das beste Gedicht.
 
Beim Grübeln man stützt sich aufs Fensterbrett, ...“
 
„Da sind wir ja schon bei uns!“ sagte Dai-yü und schloß an:
 
„Tief in Gedanken man lehnt sich ans Tor.
 
Der Wein ist verbraucht, die Stimmung noch froh, ...“
 
„Das wurde Zeit!“ quittierte Hsiang-yün und sprach weiter:
 
„Auf die Stunde hat niemand geachtet.
 
Langsam verstummen Gelächter und Scherz, ...“
 
„Jetzt wird es mit jedem Schritt immer schwieriger“, kommentierte Dai-yü und setzte dann fort:
 
„Schneeiger Mondschein bleibt einzig zurück.
 
Die Hibiskusblüten netzt schon der Tau, ...“
 
Lächelnd sagte Hsiang-yün: „Was soll ich dem nur entgegensetzen? Laß mich überlegen!“ Sie stand auf und legte die Hände auf den Rücken, aber nach einigem Nachdenken erklärte sie lächelnd: „Genug! Glücklicherweise ist mir etwas eingefallen. Beinahe hätte ich aufgeben müssen.“ Und sie sprach:
 
„Den Albizzienbaum verhüllt der Dunst.
 
Herbstliches Wasser quillt aus den Felsen, ...“
 
Unwillkürlich war auch Dai-yü aufgestanden und hatte vor Begeisterung aufgeschrien. „Du raffiniertes Biest!“ sagte sie dann, „du hast dir die besseren Sachen wirklich aufgespart, daß du erst jetzt mit dem Albizzienbaum kommst. Ein Glück, daß er dir eingefallen ist!“
 
„Ganz zufällig bin ich gestern auf das Wort gestoßen, als ich in den ‚Ausgewählten Schriften aus allen Zeiten‘ las“, berichtete Hsiang-yün. „Ich wußte nicht, was für ein Baum das ist, und wollte deswegen nachschlagen. Aber Kusine Bau-tschai hat gesagt, das brauchte ich nicht zu tun, die Albizzie0 sei der Baum, der heute im Volksmund ‚Tags auf, nachts zu‘ genannt wird. Ich wollte es nicht glauben und habe doch nachgeschlagen, und es stimmte tatsächlich. Wie es aussieht, weiß Kusine Bau-tschai sehr viel.“
 
„Die Albizzie paßt natürlich bestens hierher“, sagte Dai-yü lächelnd, „aber die Zeile mit dem ‚herbstlichen Wasser‘ war noch ein viel besserer Einfall. Angesichts dieser Zeile möchte ich alle andern durchstreichen. Ich muß mir große Mühe geben, um ein passendes Gegenstück zu finden, aber so gut wie diese Zeile kann nichts anderes sein.“ Also dachte sie nach und sprach dann:
 
„Fallende Blätter sich lagern am Hang.
 
Stolz blinken droben prächtige Sterne, ...“
 
„Diese Parallele ist doch nicht schlecht“, meinte Hsiang-yün, „aber die zweite Zeile fällt deutlich dagegen ab. Ein Glück, daß es nicht nur um das Bild geht, sondern auch um ein Gefühl, das darin liegt, und die Sterne dadurch nicht einfach als Lückenfüller dienen.“ Dann schloß sie an:
 
„Die Kröte verschluckt den silbernen Mond.0
 
Der weiße Hase stampft Feenmedizin0, ...“
 
Dai-yü nickte nur stumm und sprach endlich nach längerer Pause:
 
„Zum Kalten Palast die Schöne entflieht0.
 
Am Himmel grüßt Hirte die Weberin0, ...“
 
Nach dem Mond blickend, nickte auch Hsiang-yün, ehe sie fortfuhr:
 
„Zur Milchstraße fahren wir mit dem Floß0.
 
Neumond und Vollmond stets lösen sich ab, ...“
 
„Wieder einmal muß dieses Bild herhalten!“ bemerkte Dai-yü, ehe sie anschloß:
 
„Fehlt sein Licht, bleibt nur die Seele zurück.
 
Fast schon entleert, die Wasseruhr tropft, ...“
 
Schon wollte Hsiang-yün fortsetzen, als Dai-yü sie auf einen schwarzen Schatten im Teich aufmerksam machte und dann sagte: „Schau mal! Sieht das nicht aus, als ob sich da im Dunkeln jemand bewegt? Ist das vielleicht ein Totengeist?“
 
„Jetzt fängst du auch noch an, Gespenster zu sehen!“ erwiderte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Ich habe davor keine Angst. Warte, der bekommt etwas ab!“ Und sie bückte sich, hob einen flachen kleinen Stein auf und warf ihn ins Wasser.
 
Platsch! machte es, und eine ringförmige Welle zerriß das Spiegelbild des Mondes, das sich dann wieder zusammenfügte, um von der nächsten Welle erneut zerrissen zu werden. Im Schatten aber flatterte mit schwerem Flügelschlag ein weißer Kranich auf und flog in Richtung des Lotoswurzelkiosks davon.
 
„Er war das also!“ sagte Dai-yü lächelnd. „An ihn hatte ich gar nicht gedacht, und vor Schreck bin ich richtig zusammengezuckt.“
 
„Er kam gerade richtig, er hat mir geholfen“, sagte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd, und sprach:
 
„Dicht am Verlöschen der Lampenschein glimmt.
 
Ein Kranich entflieht durchs frostige Schilf, ...“
 
Wieder schrie Dai-yü vor Begeisterung auf, als sie die Verszeile gehört hatte, und stampfte diesmal sogar mit dem Fuß auf. Dann sagte sie: „Herrlich! Der Kranich hat dir wirklich geholfen. Dabei ist diese Zeile auch wieder ganz anders als die mit dem ‚herbstlichen Wasser‘. Aber was soll ich nur darauf erwidern, so natürlich und bildhaft, so vorgefügt und doch so neuartig, wie das ist? Ich werde wohl doch aufgeben müssen.“
 
„Wenn wir beide sorgfältig nachdenken, finden wir bestimmt etwas“, bot Hsiang-yün ihr lächelnd an. „Sonst aber können wir auch morgen weiterdichten.“
 
Ohne sie zu beachten, starrte Dai-yü in den Himmel. Dann lachte sie nach einer langen Pause plötzlich auf und sagte: „Du brauchst dich nicht großzutun. Ich habe es, hör zu!“ Und sie sprach:
 
„Aufs Dichtergrab scheint der eiskalte Mond.“
 
„Ausgezeichnet!“ lobte Hsiang-yün und klatschte dabei in die Hände. „Das war das einzige, was du darauf erwidern konntest.“ Dann aber fuhr sie seufzend fort: „Unser Gedicht ist zwar dadurch neuartig und ungewöhnlich geworden, aber auch wieder ein bißchen zu traurig. Krank, wie du bist, solltest du solche ausgefallenen und abwegigen Sachen nicht sagen.“
 
„Aber wie hätte ich dich anders schlagen können!“ widersprach Dai-yü. „Mir fehlt bloß noch die nächste Zeile. Meine ganze Kraft habe ich auf die eine wenden müssen.“
 
Das hatte sie kaum gesagt, als hinter dem Geländer eine Gestalt um den Felsen gebogen kam und lachend sagte: „Ein schönes Gedicht, aber wirklich zu melancholisch! Ihr dürft es nicht weiterdichten, denn wenn ihr so fortfahrt, kommen diese beiden Zeilen nicht mehr zur Geltung, und man hat nur den Eindruck, das Gedicht sei willkürlich in die Länge gezogen worden.“
 
Auf so etwas nicht gefaßt, waren die beiden im ersten Augenblick vor Schreck zusammengefahren, doch als sie aufmerksam hinschauten, erkannten sie, daß es niemand anders war als Miau-yü. Und so fragten sie verwundert: „Wie kommst du denn hierher?“
 
„Ich hatte erfahren, daß alle zusammen den Mond bewundern, und als ich das schöne Flötenspiel hörte, bin ich herübergekommen, um mich hier ebenfalls am klaren Wasser und am hellen Mond zu erfreuen. Als ich dabei durch Zufall hier in die Nähe kam, habe ich plötzlich gehört, wie ihr gemeinsam gedichtet habt, und fand das so rein und erhaben, daß ich wie gebannt zugehört habe. In dem Stück, das ich hören konnte, waren ein paar gute Zeilen enthalten, aber sie waren zu traurig und pessimistisch. Und schließlich ist ja so etwas vom Schicksal des Menschen nicht zu trennen.
 
Darum bin ich vorgetreten, um euch zu unterbrechen. Die alte gnädige Frau und die andern sind inzwischen längst auseinandergegangen, und alles im Garten schläft wohl schon fest. Ihr werdet bestimmt von euren Mägden sonstwo gesucht. Und habt ihr gar keine Angst vor der Kälte? Kommt schnell mit zu mir eine Tasse Tee trinken, und dann wird es wohl schon bald hell werden.“
 
„Wer hätte gedacht, daß es schon so spät ist!“ sagte Dai-yü und lächelte.
 
Zu dritt gingen sie ins Kloster Gefangenes Grün, und hier sahen sie, daß die Flamme vor der Buddhanische noch bläulich brannte, und auch der Weihrauch im Kessel glimmte noch. Die alten Ammen schliefen schon längst,
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Farbwölkchen erwiderte: „Wahrscheinlich ist keiner mehr da, außer diesem hier. Als letztes Mal die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben.“
und nur die kleineren Sklavenmädchen saßen noch auf den runden Binsenmatten und dämmerten mit baumelnden Köpfen vor sich hin.
 
Miau-yü befahl ihnen aufzustehen, und kaum hatten sie den Tee gebrüht, klopfte es ans Tor. Als die Sklavenmädchen rasch aufmachen gingen, stellte sich heraus, daß Dsï-djüan und Tsuee-lü mit einigen alten Ammen da waren, weil sie noch immer auf der Suche nach ihren beiden Fräulein waren.
 
Als sie hereinkamen und die beiden beim Teetrinken fanden, erklärten sie lächelnd:  „Da konnten wir freilich lange suchen!  Den ganzen Garten sind wir abgelaufen, und sogar bei der gnädigen Frau Tante sind wir gewesen. Erst als wir zu dem kleinen Pavillon am Fuße des Berges kamen und die Nachtwächterfrauen dort zufällig wach fanden, sagte man uns, eben hätten noch zwei Personen draußen in der offenen Halle miteinander gesprochen, dann sei jemand dazugekommen und es sei die Rede davon gewesen, zum Kloster hinüberzugehen. Da wußten wir endlich, wohin wir uns wenden mußten.“
 
Rasch befahl Miau-yü ihren kleinen Sklavenmädchen, sie sollten die Ankömmlinge in ein anderes Zimmer führen, wo sie sich ausruhen und Tee trinken konnten. Sie selbst aber holte Papier, Pinsel, Tusche und Reibstein hervor, ließ sich von den beiden das Gedicht vorsprechen und schrieb es nieder.
 
Dai-yü, die sah, daß Miau-yü einen äußerst vergnügten Eindruck machte, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich in so froher Stimmung gesehen. Ich will mich nicht erdreisten, in plumper Manier um eine Belehrung zu bitten, aber hat es einen Sinn, an diesem Gedicht noch zu feilen? Wenn es nicht zu ertragen ist, dann wollen wir es verbrennen, aber wenn man noch etwas daraus machen kann, möchte ich um Korrektur bitten.“
 
„Auch ich will nicht wagen, leichtfertig Lob oder Tadel zu äußern“, entgegnete Miau-yü. „Ihr habt erst zweiundzwanzig Reime verbraucht, aber wie mir scheint, habt ihr die besten Zeilen, die ihr leisten konntet, bereits geschaffen. Wenn ihr noch weitermachen würdet, wäre zu befürchten, daß ihr zu einer Steigerung nicht mehr fähig seid. Darum würde ich gern das Begonnene fortführen, wenn ich nicht Angst hätte, es zu verderben.“
 
Dai-yü, die Miau-yü noch nie beim Dichten erlebt hatte, sagte angesichts dieser Begeisterung sofort: „Wenn du das tatsächlich tun wolltest, könnten unsere Verse, obwohl sie an sich nichts taugen, vielleicht zum Träger von etwas Gutem werden.“
 
„Das Gedicht muß aber jetzt am Schluß wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückgeführt werden“, erklärte Miau-yü. „Wenn wir auf echtes Gefühl und wahre Sachverhalte verzichten, um statt dessen nach Merkwürdigkeiten zu streben, gehen wir zum einen von der Form ab, die uns als Mädchen zukommt, und zum anderen verfehlen wir auch das Thema.“
 
Dai-yü und Hsiang-yün gaben ihr vollkommen recht, also griff Miau-yü zum Schreibpinsel, und im Nu hatte sie das Gedicht vollendet und hielt es den beiden mit den Worten hin: „Ihr dürft mich aber nicht auslachen! So müßte es meiner Meinung nach sein, damit eine Wendung hineinkommt, durch die die traurigen Zeilen im ersten Teil nicht allzu störend wirken.“
 
Die beiden nahmen das Blatt entgegen und lasen, was Miau-yü als Fortsetzung geschrieben hatte:
 
„Weihrauch verbrennt im goldenen Kessel,
 
  Kerzenwachs rinnt auf das Jadegeschirr.
 
  Flötenklang rührt die Witwe zu Tränen,
 
  die kalten Decken erwärmt ihr die Magd.
 
  Öd hängt der Vorhang mit Phönixmustern,
 
  sinnlos der Setzschirm zeigt bunten Dekor.
 
  Der reichliche Tau macht glitschig das Moos;
 
  dick bereift, schreckt der Bambus die Finger.
 
  Noch einmal den Schritt um den Teich gelenkt,
 
  noch einmal die steilen Höhen erklommen!
 
  Die Felsen bizarr wie ein Geisterspuk,
 
  Baum und Büsche gleich Tigern und Wölfen.
 
  Auf Inschriftensteinen glänzt Morgenlicht,
 
  auf hölzernen Blenden schimmert der Tau.
 
  
  Von tausend Bäumen schallt Vogelsang,
+
„Das kann nicht sein“, beharrte Dame König. „Such noch einmal gründlich!“
  tief aus der Schlucht klingt der Affen Geschrei.
 
  Vertraut mit dem Pfad, geht man nicht irre;
 
  wer die Quelle kennt, weiß, wo Wasser entspringt.
 
  Die Frühglocke läutet im Klosterhof,
 
  der Hahnenschrei tönt aus dem Reisduftdorf.
 
  Was soll der Kummer, wenn frisch die Stimmung?
 
  Warum noch jammern, wenn nichts uns bedrückt?
 
  Sich selbst nur zeigt man seine Gefühle,
 
  Kein Fremder erfährt, wonach steht mein Sinn.
 
  Schluß mit dem Geschwätz, wie müde wir sind,
 
  wir plaudern von Versen bei frischem Tee!“
 
Darunter stand noch: „Fünfunddreißig Reimpaare, gemeinschaftlich verfaßt aus Anlaß des Mittelherbstfestes im Garten des Großen Anblicks.“
 
Dai-yü und Hsiang-yün fanden kein Ende mit ihrem Lob und versicherten: „Wie man sieht, sind wir immer völlig umsonst in die Ferne geschweift, anstatt in der Nähe zu suchen. Da haben wir so eine göttliche Dichterin zur Hand und geben uns immer mit fruchtlosen Debatten zufrieden!“
 
„Morgen wollen wir dem Gedicht noch den letzten Schliff geben!“ sagte Miau-yü lächelnd. „Aber jetzt muß es wirklich bald hell werden, darum sollten wir endlich schlafen gehen!“
 
Also erhoben sich Dai-yü und Hsiang-yün, um sich zu verabschieden, und machten sich mit ihren Sklavenmädchen zusammen auf den Weg. Miau-yü begleitete sie bis ans Tor und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwanden, ehe sie das Tor zumachte und ins Haus zurückging. Aber damit genug von ihr.
 
Inzwischen wandte sich Tsuee-lü mit den Worten an Hsiang-yün: „Wir werden bei der älteren jungen Herrin erwartet, weil wir dort übernachten sollten. Wohin gehen wir also?“
 
„Lauf im Vorbeigehen hinein und sag Bescheid, sie könnten sich schlafen legen!“ befahl Hsiang-yün. „Wenn wir jetzt dorthin gingen, würden wir unvermeidlich der Kranken Unruhe bereiten, darum ist es besser, wenn wir für den Rest der Nacht Fräulein Lin zur Last fallen.“
 
Also begaben sie sich in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo die Hälfte des Personals schon im Schlaf lag. Die beiden Kusinen gingen in den Innenraum und legten sich erst zu Bett, nachdem sie Schmuck und Kleider abgelegt und sich gewaschen und auch den Mund gespült hatten. Dann ließ Dsï-djüan die rohseidenen Bettvorhänge herab, stellte die Lampe um, ging hinaus und schloß die Tür.
 
Aber Hsiang-yün litt an der Eigenheit, wählerisch in bezug auf ihr Nachtlager zu sein. So lag sie zwar auf dem Kissen, konnte jedoch nicht einschlafen. Dai-yü aber krankte auf Grund ihrer Blutarmut ständig an Schlaflosigkeit, und da sie heute auch noch die Zeit verpaßt hatte, zu der sie üblicherweise ins Bett ging, fand sie natürlich ebenfalls keinen Schlaf. Beide wälzten sich hin und her, bis Dai-yü schließlich fragte: „Warum schläfst du noch nicht?“
 
„Mein Fehler ist es, daß ich mein gewohntes Bett brauche“, erwiderte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem ist die richtige Zeit zum Einschlafen längst vorüber, also liege ich notgedrungen nur einfach da. Aber warum schläfst du noch nicht?“
 
„Mir geht es durchaus nicht nur heute so, daß ich keinen Schlaf finde“, antwortete Dai-yü seufzend. „Das ganze Jahr über kann ich vielleicht nur zehn Nächte ausreichend schlafen.“
 
„Daran ist deine Krankheit schuld...“, sagte Hsiang-yün.
 
Wer wissen will, was weiter geschah, ...
 
77. Zu Unrecht gedemütigt, stirbt ein schönes Sklavenmädchen in der Blüte seiner Jahre;
 
alle Bindungen lösend, tritt eine liebliche Schauspielerin als Nonne ins Kloster ein.
 
  
Als das Mittelherbstfest vorüber war, stellte Dame Wang fest, daß Hsi-fëngs Krankheit bereits im Abklingen war. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, aber sie konnte doch schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch kam nach wie vor jeden Tag der Arzt, um ihr die Pulse zu fühlen, und sie mußte weiterhin Medikamente einnehmen. Zur Anfertigung der Arzneikugeln, die der Arzt ihr verschrieb, wurden zwei Liang besten Ginsengs gebraucht, aber als Dame Wang befahl, ihn zu holen, fanden sich nach langem Suchen in einem Kästchen nur ein paar Wurzeln, die nicht stärker waren als Haarpfeile. Damit war Dame Wang nicht zufrieden, und so befahl sie weiterzusuchen. Aber alles, was sich noch fand, war ein Paket mit Fasern und Krümeln.
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Wohl oder übel suchte Farbwölkchen noch einmal und kam mit mehreren Päckchen Arzneikräuter zurück. „Wir kennen diese nicht“, sagte sie. „Seht bitte selbst nach, gnädige Frau. Außer diesen hier ist nichts mehr da.“
Aufgeregt sagte Dame Wang: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, und ausgerechnet wenn man welchen braucht, ist keiner zu finden. Immer wieder habe ich euch befohlen, ihr solltet aufräumen und allen Ginseng an eine Stelle tun. Aber ihr könnt ja nicht hören und laßt alles liegen, wo es euch eben aus der Hand fällt. Ihr wißt einfach nicht, was der Ginseng wert ist. Wieviel Silber das kostet, ihn erst kaufen zu müssen, wenn man ihn braucht, und dann taugt er nicht einmal was!“
 
„Wir werden wohl bis auf diesen keinen mehr haben“, erwiderte ihr Tsai-yün. „Als letztens die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr alles weggegeben.“
 
„Das kann nicht sein“, beharrte Dame Wang. „Such noch einmal sorgfältig nach!“
 
Wohl oder übel mußte Tsai-yün also noch einmal suchen, und diesmal kam sie mit mehreren Päckchen Arzneipflanzen wieder und sagte: „Wir wissen nicht, was das ist. Seht es Euch bitte selber an, gnädige Frau! Etwas anderes ist nicht da.“
 
Als Dame Wang die Päckchen aufmachte, konnte sie sich ebensowenig besinnen, was für Kräuter das waren, aber es war keine einzige Ginsengwurzel darunter. Also schickte sie jemand zu Hsi-fëng, um zu fragen, ob sie welche habe, aber Hsi-fëng antwortete: „Ich habe nur ein bißchen Ginsengpaste und ein paar Fasern und Enden. Die paar Wurzeln, die ich noch da habe, sind nicht von der besten Sorte, und ich brauche sie, um die täglichen Heiltränke davon zu kochen.“
 
Notgedrungen mußte sich Dame Wang nun an Dame Hsing wenden, aber diese ließ ihr erwidern: „Ich hatte nur deshalb bei euch darum gebeten, weil ich selbst keinen mehr besaß. Jetzt ist er längst alle.“
 
Also blieb Dame Wang nichts anderes übrig, als sich persönlich an die Herzoginmutter zu wenden. Diese gab Yüan-yang den Befehl, sie solle bringen, was von noch übrig war, und das erwies sich als ein großes Paket von Wurzeln, alle so stark wie ein Finger. Davon ließ die Herzoginmutter zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben. Als Dame Wang zurückkam, übergab sie den Ginseng Dschou Juees Frau und befahl ihr, die Sklavenjungen sollten ihn zu dem Arzt in die Wohnung tragen und zugleich auch jene Päckchen mitnehmen, deren Inhalt sie nicht festzustellen vermochte, damit er alles bestimmte und die Namen auf den Päckchen vermerkte.
 
Nach einiger Zeit kam Dschou Juees Frau dann wieder und berichtete: „Diese Päckchen hier sind wieder ordentlich verpackt, und auf jedem ist die Bezeichnung vermerkt. Der Ginseng war wirklich von der besten Sorte, und heute bekommt man so etwas auch für dreißig Liang Silber pro Liang nicht zu kaufen, aber er ist schon zu alt. Mit Ginseng ist es nicht so wie mit anderen Sachen. Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren wird er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber es ist nur noch Moder, der seine Kraft verloren hat. Der Arzt läßt Euch bitten, ihn zurückzunehmen und ihm frischen dafür zu schicken, egal ob es dicke oder dünne Wurzeln sind.“
 
Schweigend senkte Dame Wang den Kopf und sagte erst nach langer Pause: „Da bleibt uns nichts weiter übrig, als zwei Liang kaufen zu gehen.“ Und da ihr der Sinn nicht danach stand, sich die anderen Arzneipflanzen anzusehen, befahl sie: „Räumt das alles weg!“
 
Dann wandte sie sich wieder an Dschou Juees Frau und beauftragte sie: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng ausfindig machen und zwei Liang davon kaufen! Wenn die alte gnädige Frau einmal danach fragen sollte, sagt ihr, wir hätten ihren Ginseng genommen, und macht keine Worte darum!“
 
Dschou Juees Frau wollte schon losgehen, da sagte Bau-tschai, die ebenfalls anwesend war, mit lächelnder Miene: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Wenn wirklich einmal eine gute Wurzel auftaucht, dann schneiden sie sie unbedingt in zwei oder drei Stücken und fügen wertlose Enden oder ausgekochte Stücken dazwischen und verkaufen das als gute Wurzeln, ohne daß man sehen kann, ob er etwas taugt.
 
Wir haben in unserm Laden oft mit Ginsenghändlern zu tun, darum will ich mit meiner Mutter sprechen, damit sie meinen Bruder beauftragt, einen unserer Gehilfen hinzuschicken. Er soll mit ihnen reden und sie beauftragen, zwei Liang guten, echten Ginseng für uns zu kaufen. Besser, ein paar Liang Silber mehr ausgeben, aber dafür habt Ihr dann auch wirklich etwas Ordentliches!“
 
„Du bist wahrlich verständig!“ lobte Dame Wang und lächelte dabei. „Es ist also das beste, ich bemühe dich deswegen.“
 
Daraufhin ging Bau-tschai fort, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Es ist schon jemand geschickt worden, und bis zum Abend wird er Bescheid bringen. Wenn die Arznei morgen in aller Frühe zubereitet wird, ist es noch nicht zu spät.“
 
Dame Wang freute sich natürlich, dann sagte sie: „Wahrhaftig, ‚die Haarölhändlerin macht sich das Haar mit Wasser naß.‘ Wieviel guten Ginseng hatten wir ursprünglich im Haus, und wieviel haben wir davon andern gegeben! Aber jetzt, wo wir selber welchen brauchen, müssen wir andere um Hilfe bitten.“ Und sie stieß einen langen Seufzer aus.
 
Lächelnd entgegenete Bau-tschai: „Ginseng kostet zwar einiges Geld, aber es ist nun einmal nichts anderes als ein Heilmittel. Darum ist es ganz richtig, ihn wegzugeben und andern damit zu helfen. Schließlich gehören wir doch nicht zu den Leuten, die nichts gesehen haben von der Welt und die solche Dinge eifersüchtig versteckt halten, wenn sie sie bekommen.“
 
„Du hast ganz recht“, bestätigte Dame Wang und nickte dazu.
 
Als Bau-tschai sich verabschiedet hatte und niemand weiter im Zimmer war, rief Dame Wang nach Dschou Juees Frau und fragte sie, ob neulich bei der Durchsuchung des Gartens etwas herausgekommen sei. Dschou Juees Frau, die sich bereits mit Hsi-fëng und den anderen abgesprochen hatte, verheimlichte ihr nicht die geringste Kleinigkeit und gab einen klaren Bericht.
 
Nachdem Dame Wang alles gehört hatte, war sie erschrocken und zornig zugleich, außerdem war sie jedoch auch betreten, denn schließlich war Sï-tji aus Ying-tschuns Gesinde und gehörte damit zum anderen Wohngehöft. So sah sie keine andere Möglichkeit, als jemand zu Dame Hsing zu schicken, um ihr die Sache zu melden.
 
Aber Dschou Juees Frau wandte ein: „Schon neulich hat die gnädige Frau von drüben der Frau von Wang Schan-bau vorgeworfen, sie sei übereifrig gewesen, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Seitdem ist sie unter dem Vorwand von Krankheit zu Hause geblieben und wagt es nicht, sich zu zeigen. Zumal Sï-tji ihre Enkelin ist, und sie sich mit dieser Sache ins eigene Fleisch geschnitten hat. Darum tut sie jetzt notgedrungen so, als ob sie nichts davon wüßte, so daß mit der Zeit Gras darüber wächst. Wenn wir jetzt hinübergehen und die Sache melden, wird sie wohl wieder mißtrauisch werden, und es würde so aussehen, als ob nun wir übereifrig wären.
 
Darum wäre es das beste, wenn man Sï-tji direkt zur gnädigen Frau hinüberbringt und sie ihr zusammen mit den Beweisstücken vorführt. Dann bekommt sie eine Tracht Prügel und wird mit jemand verheiratet, und es wird eine neue Magd bestimmt. Wäre das nicht viel unkomplizierter?
 
Wenn wir es einfach nur melden gehen, wird die gnädige Frau von drüben tausend Einwände machen und wird sagen: ‚Wenn das so ist, hätte Eure gnädige Frau die Sache regeln müssen. Was wollt ihr also noch von mir?‘ Würde damit nicht alles nur verzögert werden? Und wenn sich das Mädchen eine Gelegenheit zunutze macht, um sich umzubringen, wäre das auch nicht gut. Sie wird nun schon ein paar Tage bewacht, und jeder Mensch wird einmal nachlässig. Wenn es wirklich dazu käme, würde ein weiterer Skandal daraus entstehen.“
 
Dame Wang dachte eine Zeitlang darüber nach, dann sagte sie: „Das ist richtig. Bringen wir also die Sache schnell zum Abschluß und nehmen uns dann die Verführerinnen im eigenen Haushalt vor!“
 
Als Dschou Juees Frau das hörte, holte sie die anderen Sklavenfrauen zusammen und ging mit ihnen zu Ying-tschun, um ihr zu berichten: „Die gnädigen Frauen haben gesagt, Sï-tji sei jetzt groß, und da ihre Mutter immer wieder darum bat, hat die gnädige Frau jetzt gestattet, daß ihre Mutter sie verheiratet. Sie soll jetzt gehen, und dann wird eine andere gute Magd ausgewählt, um Euch zu bedienen, Fräulein.“ Und damit befahl sie Sï-tji, sie solle ihre Sachen packen und ihnen folgen.
 
Ying-tschun waren bei diesen Worten die Tränen in die Augen getreten, und sie schien sich nicht von Sï-tji trennen zu wollen. Aber da sie gehört hatte, was die anderen Sklavenmädchen in den vergangenen Nächten leise über den wahren Grund gesagt hatten, konnte sie trotz der Gefühle, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hatten und die ihr die Trennung schwer machten, nichts unternehmen, weil es um die Sittlichkeit ging.
 
Sï-tji hatte Ying-tschun so sehr gebeten und wirklich gehofft, sie würde ihre Begnadigung erwirken, aber Ying-tschun war nicht redegewandt und ließ sich leicht beeinflussen, anstatt ihre eigene Meinung zu vertreten.
 
Als Sï-tji sah, was geschah, und erkennen mußte, daß man ihr nicht verzieh, sagte sie unter Tränen: „Wie hartherzig Ihr seid, Fräulein! In den letzten Tagen habt Ihr mich an der Nase herumgeführt, jetzt aber wißt Ihr wohl keinen einzigen Satz mehr zu sagen?“
 
„Erwartest du vielleicht noch, daß das Fräulein dich behält?“ fragte Dschou Juees Frau. „Selbst wenn sie dich behielte, könntest du doch hier im Garten niemand mehr in die Augen sehen. Also tu, was wir dir im Guten sagen, pack schnell deine Sachen und komm ohne große Umstände mit! Das ist für alle Seiten ehrenvoller.“
 
Weinend setzte Ying-tschun hinzu: „Ich weiß, daß du irgend etwas Schlimmes getan haben mußt. Wenn ich mich jetzt zu sehr für dich einsetze, damit du bleiben darfst, ist es doch auch mit mir aus. Schau dir Ju-hua an! Sie war auch jahrelang hier. Wieso ist sie denn gegangen, kaum daß man es ihr gesagt hat? Und es geht ja natürlich auch nicht nur um euch beide. Ich glaube, alle im Garten, die groß geworden sind, werden gehen müssen. Und da wir uns eines Tages doch trennen müssen, scheint es mir besser, du gehst freiwillig.“
 
„Ihr seid ein verständiger Mensch, Fräulein“, lobte Dschou Juees Frau. „Und du sei ganz ruhig, bald werden noch andere fortgeschickt.“
 
Nun hatte Sï-tji keine andere Wahl mehr. Unter Tränen machte sie vor Ying-tschun ihren Stirnaufschlag, und als sie sich von ihren Mitschwestern verabschiedet hatte, flüsterte sie Ying-tschun noch zu: „Erkundigt Euch bitte, ob ich bestraft werden soll, und legt ein gutes Wort für mich ein, um unseren Beziehungen als Herrin und Dienerin gerecht zu werden!“
 
„Sei unbesorgt!“ antwortete Ying-tschun, ebenfalls mit Tränen in den Augen.
 
Nun führte Dschou Juees Frau Sï-tji zum Hoftor hinaus, dann befahl sie, zwei von den Sklavenfrauen sollten Sï-tjis Sachen tragen. Aber kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam ihnen Hsiu-djü hinterhergeeilt, die sich mit einer Hand die Tränen abwischte, während sie mit der anderen Sï-tji einen seidenen Beutel reichte. Dabei sagte sie: „Das schickt dir das Fräulein. Nachdem ihr so lange als Herrin und Dienerin zusammengewesen seid und euch nun trennen müßt, soll dies ein Andenken für dich sein.“
 
Sï-tji nahm den Beutel entgegen, und unwillkürlich flossen ihre Tränen noch reichlicher, während sie jetzt mit Hsiu-djü zusammen weinte. Aber ungeduldig mahnte Dschou Juees Frau zur Eile, und die beiden mußten sich trennen.
 
„Drückt doch bitte ein Auge zu, Tante, und macht ein Weilchen halt, damit ich mich von den Schwestern verabschieden kann, mit denen ich befreundet war und mit denen ich mich all die Jahre hindurch so gut verstanden habe!“ bat Sï-tji weinend.
 
Aber Dschou Juees Frau und die übrigen Sklavenfrauen hatten andere Sorgen und wollten sich deshalb nicht die Zeit dafür nehmen. Außerdem war es ihnen zutiefst verhaßt, wie sich Sï-tji und die anderen Sklavenmädchen stets aufgespielt hatten. Darum ließen sie sich jetzt auf nichts ein, und Dschou Juees Frau sagte mit kühlem Lächeln: „Ich rate dir, geh und trödel nicht herum! Wir haben schließlich auch noch ernsthafte Dinge zu besorgen. Stammt hier vielleicht jemand mit dir aus einem Mutterleib? Wozu willst du dich also von ihnen verabschieden? Sie würden dich nicht einmal ansehen, wenn du lachen würdest. Du willst nur herumbummeln, um Zeit zu gewinnen. Glaubst du etwa, damit würde sich die Sache erledigen? Hör, was ich dir sage, und geh jetzt schnell!“
 
Das sagte sie, ohne auch nur stehenzubleiben, und führte Sï-tji zum hinteren Seitentor hinaus. So blieb Sï-tji nichts weiter übrig, als ihr zu folgen, zumal sie es auch nicht wagte, noch etwas einzuwenden.
 
Durch Zufall kam eben Bau-yü durch das Tor herein, und als er sah, daß Sï-tji hinausgeführt wurde und daß man ihr ihre Sachen hinterhertrug, erriet er, daß sie wegging, um nicht mehr wiederzukommen. Bau-yü hatte gehört, was sich neulich in der Nacht ereignet hatte, und er hatte auch bemerkt, daß sich Tjing-wëns Zustand seit jener Nacht verschlimmerte, ohne daß sie ihm auf seine Nachfragen eine Erklärung gab. Dann hatte er festgestellt, daß Ju-hua verschwunden war, und jetzt sah er, daß auch Sï-tji fortging, und unwillkürlich wurde ihm zumute, als ob ihm die Seele aus dem Leib fahren wollte. Rasch stellte er sich den Frauen in den Weg und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“
 
Dschou Juees Frau und die anderen Sklavinnen wußten sehr gut, wie sich Bau-yü stets benahm, und befürchteten, er würde durch sein Geschwätz die Sache verderben, darum erwiderten sie ihm lächelnd: „Mit dir hat das nichts zu tun. Geh an deine Bücher!“
 
„Liebe Schwestern, so wartet doch!“ bat Bau-yü lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“
 
„Die gnädige Frau hat uns verboten, auch nur einen Augenblick zu zögern“, beharrte Dschou Juees Frau. „Was also gäbe es da noch zu sagen?! Wir haben nur auszuführen, was die gnädige Frau uns befiehlt, und um andere Dinge können wir uns nicht groß bekümmern.“
 
Sï-tji, die sich an Bau-yü klammerte, kaum daß sie ihn erblickt hatte, bat ihn jetzt: „Sie können da nichts machen. Geh doch du zur gnädigen Frau und bitte für mich!
 
Unwillkürlich wurde auch Bau-yü von Kummer ergriffen, und mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast.
 
  
[[Category:Books]]
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Als Dame König die Päckchen öffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was für Kräuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phönixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phönixglanz ließ antworten: „Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualität, und ich brauche sie täglich für meine eigenen Heiltränke.“
[[Category:Hongloumeng]]
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Da blieb Dame König nichts anderes übrig, als sich an Dame Strafe zu wenden, doch diese ließ ausrichten: „Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist längst aufgebraucht.“
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So musste Dame König persönlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von früher zu holen. Es war noch ein großes Päckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon ließ sie zwei Liang abwiegen und Dame König geben.
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Dame König übergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Außerdem ließ sie die unbekannten Päckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke.
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Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurück und berichtete: „Die Päckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal für dreißig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfällt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnädige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder dünn sind.“
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Dame König senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: „Da ist nichts zu machen. Wir müssen eben zwei Liang kaufen gehen.“ Sie hatte keine Lust, sich die übrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: „Räumt alles weg!“ Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnädige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir hätten ihren Ginseng verwendet, und macht keine großen Worte darüber.“
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Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, lächelnd sagte: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stücke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualität erkennen kann. Unser Laden hat ständig mit Ginsenghändlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghändlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafür auch wirklich etwas Ordentliches.“
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Dame König lächelte: „Du bist wirklich verständig. Am besten gehst du persönlich.“
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Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurück mit der Nachricht: „Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen früh ist es noch nicht zu spät, die Arznei zuzubereiten.“
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Dame König freute sich und sagte: „Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Händlersfrau kämmt sich die Haare mit Wasser.' Früher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, müssen wir überall um Hilfe bitten.“ Sie stiess einen langen Seufzer aus.
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Schatzspange sagte lächelnd: „So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben.“
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Dame König nickte: „Sehr richtig gesprochen.“
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Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Dame König die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phönixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Dame König ausführlich, ohne etwas auszulassen.
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Dame König war zugleich erschrocken und zörnig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin<ref>司棋 (Sīqí), wörtlich „die das Schachspiel Leitende“. Willkommensfrühlings Zofe, die bei der Durchsuchung des Gartens (Kapitel 74) mit einem heimlichen Liebhaber ertappt wurde.</ref> war nämlich Willkommensfrühlings Dienerin und gehörte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Strafe benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: „Neulich war die gnädige Frau von drüben schon auf König Shanbaos Frau böse, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Außerdem ist es ihre eigene Enkelin — sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als hätte sie es vergessen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinübergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwöhnen, wir wollten uns einmischen. Besser wäre es, Siqin einfach hinüberzubringen mitsamt den Beweißtücken, sie vor der gnädigen Frau von drüben durchprügeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fräulein eben eine neue Dienerin — wäre das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnädige Frau von drüben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, hätte eure gnädige Frau es gleich selbst erledigen sollen — wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzögert sich alles nur noch mehr. Wenn das Mädchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, wäre das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, könnte ein Unglück geschehen.“
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Dame König überlegte und sagte: „Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor.“
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Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zürst zu Willkommensfrühling. Sie meldete ihr: „Die gnädigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnädige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen.“ Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen.
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Als Willkommensfrühling dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gründe bereits geflüsternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die öffentliche Moral, und da ließ sich nichts machen. Siqin hatte Willkommensfrühling angefleht, für sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fräulein würde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Willkommensfrühling war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen.
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Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: „Fräulein, wie könnt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort für mich?“
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Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: „Willst du etwa, dass das Fräulein dich zurückhält? Selbst wenn es das täte, könntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hör auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist für alle Seiten das Beste.“
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Willkommensfrühling sagte unter Tränen: „Ich weiß, was du angestellt hast. Würde ich trotzdem für dich eintreten und dich halten, wäre auch ich verloren. Schau dir Ruhua an — auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Früher oder später werden sich wohl alle hier trennen müssen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges.“
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Die Frau des Zhou Rui sagte: „Da sieht man, dass das Fräulein vernünftig ist. Morgen werden noch weitere gehen müssen. Sei also beruhigt!“
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Siqin blieb nichts anderes übrig, als unter Tränen vor Willkommensfrühling niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Willkommensfrühling leise ins Ohr zu flüstern: „Wenn du erfährst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort für mich ein — als Dank für unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!“ Auch Willkommensfrühling antwortete unter Tränen: „Sei beruhigt.“
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Daraufhin führten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie ließen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Tränen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpäckchen: „Das schickt das Fräulein. Herrin und Dienerin — nun, da wir uns auf einmal trennen müssen, soll dies ein Andenken sein.“
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Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui drängte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen.
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Siqin flehte noch unter Tränen: „Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden — wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander.“
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Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin lästig genug, und außerdem trugen sie den Dienerinnen deren frühere Überheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wünsche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kühl: „Ich rate dir, geh einfach! Hör auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen — wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur über dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzögern, als ob sich dadurch etwas ändern würde. Hör auf meinen Rat und geh!“ Während sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und führte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus.
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Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draußen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgeführt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie für immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehört, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kürzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fühlte sich, als hätte er seine Seele verloren, und rief hastig: „Wohin bringt ihr sie?“
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Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fürchteten, sein Gerede könne die Sache verderben. Lächelnd sagten sie: „Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Bücher!“
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„Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!“, bat Schatzjade lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“
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„Die gnädige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zögern“, beharrte die Frau des Zhou Rui. „Was gäbe es da noch zu sagen? Wir führen nur die Befehle der gnädigen Frau aus, um andere Dinge können wir uns nicht kümmern.“
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Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: „Die können nichts machen. Geh du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“
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Unwillkürlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht — was soll dann werden?“
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Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du könntest dich aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das für ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!“ Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort.
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Schatzjade fürchtete, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur wütend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empört: „Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Männergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen möchte als die Männer!“
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Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkürlich lachen und fragten: „Dann sind wohl alle Mädchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?“
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Schatzjade nickte: „Genau, genau!“
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Die Dienerinnen lachten: „Da hätten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ...“
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Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: „Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Außerdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!“
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Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geöffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!“
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Kaum hatte Schatzjade gehört, dass Dame König persönlich im Garten inspizierte, fürchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stürzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehört.
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Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Dame König sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah.
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Heitermuster hatte schon vier, fünf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hörbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stützen und führten sie fort. Dame König befahl, man solle ihr nur ihre Leibwäsche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen könnten.
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Dann ließ Dame König alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Dame König kürzlich in Zorn geraten war, hatte König Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwärzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die günstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufügen. Dame König hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil während der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um sämtliche Dienerinnen persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon groß und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb ließ Dame König jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorüber defilieren.
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Dann fragte sie: „Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?“
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Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: „Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“
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Dame König musterte das Mädchen genau. Obwohl es nicht halb so hübsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der übrigen.
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Mit kaltem Lächeln sagte Dame König: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wüsste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verführen und verderben?“
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Als die Vierte hörte, wie Dame König die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und weinte still vor sich hin. Dame König befahl sofort, ihre Angehörigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten.
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Dann fragte sie: „Wer ist Yelue Xiongnu?“
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Die alten Ammen zeigten auf Duftblümchen. Dame König erklärte: „Ein Schauspielmädchen ist natürlich ein Fuchsdämon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem möglichen Unfug an!“
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Duftblümchen verteidigte sich lächelnd: „Ich würde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften.“
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„Du widersprichst mir noch?“ sagte Dame König mit einem Lächeln, das kein Lächeln war. „Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Mädchen Wür von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise starb sie früh — wäre sie hereingekommen und hätte sich mit dir zusammengetan, hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt!“
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Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!“
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Ferner ordnete sie an, dass sämtliche Schauspielmädchen, die man seinerzeit den einzelnen Fräulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben dürften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemüttern abgeholt und nach deren Gutdünken verheiratet werden.
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Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemütter überaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Dame König, um sich kniefaellig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen.
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Dann durchsuchte Dame König alle Gegenstände in Schatzjades Räumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume bringen. „Jetzt ist es sauber hier“, sagte sie, „und wir ersparen uns das Gerede Außenstehender.“
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Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: „Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist für einen Umzug ungünstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber nächstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde.“
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Nach diesen Worten führte Dame König ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon später.
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Schatzjade hatte ursprünglich gedacht, Dame König werde nur eine einfache Kontrolle durchführen. Wer hätte ahnen können, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen würde? All ihre Vorwürfe betrafen Dinge, die tatsächlich gesagt worden waren, Wort für Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rückgängig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben wäre, wagte er im Angesicht von Dame Königs Zorn kein überflüssiges Wort und keinen überflüssigen Schritt. Schweigend begleitete er Dame König bis zum Duftgetränkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: „Geh zurück und lies deine Bücher! Pass auf, wenn du morgen geprüft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr verärgert.“
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Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rückweg überlegte er: „Wer hat so geschwatzt? Niemand weiß doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?“ Mit diesen Gedanken betrat er seine Räume und fand Dufthauch in Tränen.
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Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden — wie hätte er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls.
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Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu trösten: „Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hör zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurückkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnädige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat.“
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„Ich möchte doch nur wissen, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!“ schluchzte Schatzjade.
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„Die gnädige Frau verübelt ihr nur, dass sie so hübsch ist“, erklärte Dufthauch. „Wer so schön ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnädige Frau weiß genau, dass bei einer solchen Schönheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschöpfe wie wir sind ihr lieber.“
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„Das mag sein“, erwiderte Schatzjade, „aber woher kennt die gnädige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Außenstehender kann sie verraten haben. Das ist rätselhaft.“
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„Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Dufthauch. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir völlig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute längst Bescheid, noch ehe du überhaupt etwas bemerkt hattest.“
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„Aber wie kommt es dann“, fragte Schatzjade verwundert, „dass die gnädige Frau über jedermanns Fehler Bescheid weiß, nur dich, Moschusmond und Herbstmuster nicht erwähnt hat?“
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Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich lächelnd sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen haben — warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen.“
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„Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchigkeit“, sagte Schatzjade lächelnd, „und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben? Duftblümchen ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten für mich zu erledigen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen.
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Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hereingekommen. Dass sie schöner gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben — euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu hübsch, und das hat ihr Verderben gebracht.“ Bei diesen Worten brach er erneut in Tränen aus.
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Dufthauch überlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut länger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurück.“
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„Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu trösten“, entgegnete Schatzjade kühl. „Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag Kränkung erfahren müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.
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Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als würde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen ständig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich überhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal sehen werde!“ Er weinte nun noch bitterlicher.
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Dufthauch lachte: „Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzünden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein störendes Wort sagen, heißt es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als wäre alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen.“
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„Ich dichte ihr nichts an“, erwiderte Schatzjade. „Schon im Frühling gab es ein Vorzeichen.“
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„Was für ein Vorzeichen?“ fragte Dufthauch sofort.
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„Der schöne Zierapfelbaum<ref>海棠 (hǎi táng), der Zier-Holzapfelbaum (Malus spectabilis). Im Roman ein wiederkehrendes Symbol: Sein Verwelken wird als Omen für das Schicksal der Bewohner des Hofes der Freude am Roten gedeutet.</ref> vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt“, erklärte Schatzjade. „Da wusste ich, dass etwas Ungewöhnliches geschehen würde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“
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Dufthauch lachte wieder: „Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Bücher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Bäume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden.“
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„Was wisst ihr schon davon!“, seufzte Schatzjade. „Nicht nur Pflanzen und Bäume — alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie außerordentliche Feinfühligkeit.
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Wenn ich große Beispiele anführe: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?
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Wenn ich kleine Beispiele anführe: Da sind die Päonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zürst er zur Hälfte abgestorben ist.“
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Als Dufthauch diese versonnene Rede hörte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Persönlichkeiten vergleichst? Und außerdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zürst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!“
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Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: „Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklärt, und schon fängst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst könnte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt.“
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Dufthauch hörte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie hättest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen?
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„Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen“, sagte Schatzjade. „Tun wir einfach so, als wären die drei gestorben, und damit gut. Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit täuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnüre Kupfermünzen, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt.“
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„Du hältst uns wirklich für allzu kleinlich und herzlos“, erwiderte Dufthauch lächelnd. „Als ob ich deine Aufforderung gebraucht hätte! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Ärger bringen könnte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnüre Kupfermünzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen.“
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Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte lächelnd: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchigkeit — muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?“
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Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fühlte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt.
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Nachdem Schatzjade alle mit Aufträgen beschäftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zürst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: „Wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!“
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Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schließlich hinführte.
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Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und äußerst hübsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schließlich in Schatzjades Gemächer.
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Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren gerührt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und äußerst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzüngig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt.
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Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhältnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kümmern. Seine Frau war jedoch eine gefühlvolle Schönheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefühl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein frönnte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlässigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann äußerst großzügig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, ließ sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte gut die Hälfte aller Männer, ob Herren oder Diener, bei ihr die Prüfung abgelegt.
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Fragt man nach ihren Namen — es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Kette Kaufmann, wie in einem früheren Kapitel erzählt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf.
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Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen.
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In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat näher, streckte weinend die Hand aus, berührte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkühlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit bösen Worten bedrängt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hörte, schlug sie mühsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: „Ich dachte schon, ich würde dich nicht mehr sehen ...“ Dann musste sie ohne Unterlass husten.
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Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: „Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt.“
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Hastig wischte sich Schatzjade die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“
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„Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Heitermuster.
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Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Ähnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale außah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Flüssigkeit war rötlich-trüb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus.
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„Gib schnell her, lass mich trinken!“ drängte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“
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Schatzjade kostete zunächst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als hätte sie süßen Tau bekommen, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter.
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Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geröstetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach dünner Reissuppe.'
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Unter Tränen fragte er: „Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist.“
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Schluchzend sagte Heitermuster: „Was gibt es schon zu sagen? Für mich zählt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiß wohl, dass ich in höchstens drei bis fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verführen versucht. Warum hat man sich so hartnäckig darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden!
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Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewusst, wie alles kommen würde, hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden für immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Gerücht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus.
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Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, dass es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: „Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist.“ Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Wie schade um deine Fingernägel! Mit welcher Mühe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben.“
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Heitermuster wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die wie Röhrenblätter vom Lauch außahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernägeln.
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„Heb das auf“, sagte sie. „Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als sähest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als wäre ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehört sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdächtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl.“
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Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernägel zu sich. Weinend fügte Heitermuster hinzu: „Wenn du zurück bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu lügen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdächtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht.“
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Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: „Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehört!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenräumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“
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Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Lächeln: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“
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Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte lächelnd: „Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust.
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Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschämt und erschrocken, bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“
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„Pah!“ sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. „Ich höre doch ständig, du seist ein geübter Kämpfer auf dem Schlachtfeld der Liebe — warum zierst du dich da plötzlich?“
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„Schwester, lass mich los!“, bat Schatzjade mit rotem Gesicht. „Wir können über alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draußen denken, wenn sie uns hört?“
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Frau Deng lachte: „Ich bin schon längst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehört habe ich von dir, aber Hörensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so hübsch — du bist wie ein Böller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich!
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Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest überzeugt, ihr hättet ein heimliches Verhältnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte — ihr wart nur zu zweit im Zimmer — , da hättet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen wäre, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten nähergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdächtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm künftig nur, ich werde dich nicht belästigen.“
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Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen.“ Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreißen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.
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Schatzjade hatte noch vorgehabt, Duftblümchen und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurückzukehren und für den nächsten Tag neue Pläne zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Augenblick später gekommen, wäre das Tor bereits verschlossen gewesen.
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Schatzjade kehrte in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Räumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan.
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Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: „Das ist mir einerlei.“
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In den letzten ein, zwei Jahren, seit Dame König Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese großen Wert auf Würde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurückhaltender als in ihren frühen Jahren. Zwar hatte sie keine großen Aufgaben, doch war es mühsam genug, alle Näharbeiten zu erledigen und für Schatzjade wie für die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstände zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar überwunden, doch bei Überanstrengung oder Erkältung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen.
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Schatzjade jedoch wurde nachts häufig wach und war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder übel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage.
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Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts übrig, als es wie in früheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein.
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Schatzjade brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und döste selbst ein.
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Doch es dauerte kaum so lange, wie man für eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: „Heitermuster!“
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Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte.
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Lächelnd sagte Schatzjade: „Ich habe mich so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist.“
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Ebenfalls lächelnd erwiderte Dufthauch: „Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben würde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist.“
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Damit legten sich beide wieder hin. Erneut wälzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fünften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draußen hereinkam, außehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie lächelnd zu Schatzjade: „Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder.“ Dann drehte sie sich um und ging hinaus.
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Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunächst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hörte ihn sagen: „Heitermuster ist gestorben.“
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„Was redest du da?“ hielt sie ihm vor. „Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hören?“
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Schatzjade wollte natürlich nicht auf sie hören und wartete sehnsüchtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken.
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Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmädchen aus Dame Königs Räumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort öffnen, damit sie Dame Königs Botschaft überbringen könne: „Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herüberkommen. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern. Weil der gnädige Herr sich über das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnädigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe frühstücken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan — auch ihm soll dasselbe bestellt werden!“
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Drinnen bestätigten die Dienerinnen jeden Satz, knöpften sich dabei die Kleider zu und öffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch während sie sich fertig anzogen.
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Als Dufthauch hörte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Während sie schnell jemanden nach draußen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, ließ sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Aufrecht Kaufmann begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und wählte daher nur Kleider zweiter Wahl.
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Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberüzeilen. Tatsächlich fand er Aufrecht Kaufmann beim Frühstück vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruß. Auch Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann begrüßten ihn.
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Aufrecht Kaufmann befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann: „Beim Bücherstudium steht Schatzjade hinter euch zurück, doch in der Kunst, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss drängen, Verse zu machen — dabei soll euch Schatzjade helfen.“
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Noch nie hatte Dame König solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehört. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude.
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Bald darauf, nachdem Vater und Söhne aufgebrochen waren und Dame König sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Duftblümchen und zwei anderen Schauspielmädchen und berichteten: „Seitdem Duftblümchen neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie völlig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Lotoswürzlein und Blütenstäubchen dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind — nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schläge und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben — für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“
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„Unsinn!“ sagte Dame König. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Prügel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“
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Nun hatten sich gerade zum fünfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebäck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Dame König hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster<ref>水月庵 (Shuǐyuè Ān), wörtlich „Klause des Wassermondes“. Der Name spielt auf die buddhistische Metapher an, dass die Wirklichkeit so flüchtig ist wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt.</ref> und Yuanxin vom Dizang-Tempel für ein paar Tage als Gäste behalten.
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Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hörten, brannten sie darauf, die Mädchen als Schülerinnen mitzunehmen — in Wahrheit, um sie als Arbeitskräfte zu benutzen. So sagten sie zu Dame König: „Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, sind auch die Mädchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, sämtliche Lebewesen zu erlösen, seien es auch nur Hühner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genügend Fälle, in denen sogar Tiger, Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben.
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Diese Mädchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster für ein besseres nächstes Leben zu beten — das ist ein nobler Entschluss. Die gnädige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschränken.“
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Dame König war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Mädchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fürchtete, die jungen Dinger könnten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernünftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Strafe hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Willkommensfrühling solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen könne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Erkundefrühling zu erkundigen. Dame König war ohnehin gedanklich überlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensächlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hörte, lächelte sie und sagte: „Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schülerinnen mit?“
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Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: „Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering.“ Dann verneigten sie sich dankend.
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Dame König sagte: „Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begrüßen und dann mit ihnen gehen.“
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Die drei Pflegemütter gingen hinaus und brachten die drei Mädchen herein. Dame König fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Dame König. Als Dame König sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Gerührt ließ sie einige Geschenke bringen und den Mädchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke.
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Von da an folgte Duftblümchen der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, während Blütenstäubchen und Lotoswürzlein der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verließen das weltliche Leben.
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Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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<small>Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Siebenundsiebzigstes Kapitel

Die hübsche Dienerin stirbt zu Unrecht vor der Zeit; die schöne Schauspielerin schneidet alle Gefühle ab und kehrt zu Wasser und Mond zurück

Es wird erzählt, dass Dame König nach dem Mittelherbstfest feststellte, dass Phönixglanz' Krankheit sich bereits gebessert hatte. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, doch konnte sie schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch ließ Dame König weiterhin jeden Tag den Arzt kommen, um ihr den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen. Der Arzt verschrieb nun ein Rezept für Pillen zur Regulierung der Menstruation und Nährung der Lebenskraft. Dafür wurden zwei Liang[1] besten Ginsengs benötigt. Als Dame König ihn holen ließ, fand man nach langem Suchen in einem kleinen Kästchen nur ein paar Wurzeln, nicht dicker als Haarnadeln. Dame König war damit nicht zufrieden und befahl, weiter zu suchen. Doch alles, was noch gefunden wurde, war ein großes Päckchen mit Fasern und Krümeln.

Ärgerlich sagte Dame König: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, aber sobald man welchen braucht, ist keiner mehr zu finden! Immer wieder habe ich euch gesagt, ihr sollt einmal nachsehen und alles an einer Stelle zusammenlegen. Aber ihr hört ja nicht und lasst alles irgendwo liegen. Ihr wisst einfach nicht, wie wertvoll er ist. Wenn man ihn kaufen muss, kostet er ein Vermögen, und dann taugt er nicht einmal!“

Farbwölkchen erwiderte: „Wahrscheinlich ist keiner mehr da, außer diesem hier. Als letztes Mal die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr ihr alles gegeben.“

„Das kann nicht sein“, beharrte Dame König. „Such noch einmal gründlich!“

Wohl oder übel suchte Farbwölkchen noch einmal und kam mit mehreren Päckchen Arzneikräuter zurück. „Wir kennen diese nicht“, sagte sie. „Seht bitte selbst nach, gnädige Frau. Außer diesen hier ist nichts mehr da.“

Als Dame König die Päckchen öffnete, konnte sie sich ebenfalls nicht mehr erinnern, was für Kräuter das waren, doch eine einzige Ginsengwurzel war nicht darunter. Also schickte sie jemanden, um Phönixglanz zu fragen, ob sie welchen habe. Phönixglanz ließ antworten: „Ich habe nur etwas Ginsengpaste und ein paar Fasern. Die wenigen Wurzeln, die ich noch besitze, sind nicht von bester Qualität, und ich brauche sie täglich für meine eigenen Heiltränke.“

Da blieb Dame König nichts anderes übrig, als sich an Dame Strafe zu wenden, doch diese ließ ausrichten: „Da ich selbst keinen mehr hatte, habe ich ja gerade bei euch welchen geholt. Der ist längst aufgebraucht.“

So musste Dame König persönlich zur Herzoginmutter gehen, um sie zu bitten. Die Herzoginmutter befahl sogleich Mandarinenente, den Rest von früher zu holen. Es war noch ein großes Päckchen da, alles Wurzeln so dick wie ein Finger. Davon ließ sie zwei Liang abwiegen und Dame König geben.

Dame König übergab den Ginseng der Frau des Zhou Rui mit dem Auftrag, die Diener sollten ihn zum Arzt bringen. Außerdem ließ sie die unbekannten Päckchen mitschicken, damit der Arzt sie bestimme und die Namen darauf vermerke.

Nach einiger Zeit kam die Frau des Zhou Rui zurück und berichtete: „Die Päckchen sind alle ordentlich beschriftet. Der Ginseng ist zwar von allerbester Sorte, und heutzutage bekommt man so etwas nicht einmal für dreißig Liang Silber pro Liang. Aber er ist zu alt. Mit Ginseng ist es anders als mit anderen Dingen: Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren zerfällt er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber er ist nur noch morsches, fauliges Holz und hat keinerlei Wirkung mehr. Bitte verwahrt ihn, gnädige Frau, und besorgt stattdessen frischen, egal ob die Wurzeln dick oder dünn sind.“

Dame König senkte schweigend den Kopf. Erst nach langer Pause sagte sie: „Da ist nichts zu machen. Wir müssen eben zwei Liang kaufen gehen.“ Sie hatte keine Lust, sich die übrigen Arzneien anzusehen, und befahl nur: „Räumt alles weg!“ Dann wandte sie sich an die Frau des Zhou Rui: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng besorgen und zwei Liang kaufen. Falls die alte gnädige Frau einmal fragen sollte, sagt einfach, wir hätten ihren Ginseng verwendet, und macht keine großen Worte darüber.“

Die Frau des Zhou Rui wollte sich gerade auf den Weg machen, als Schatzspange, die ebenfalls anwesend war, lächelnd sagte: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Selbst wenn einmal eine ganze Wurzel dabei ist, schneiden sie sie in zwei oder drei Stücke, setzen wertlose Enden und Fasern dazwischen und verkaufen das Ganze als gute Ware, ohne dass man die Qualität erkennen kann. Unser Laden hat ständig mit Ginsenghändlern zu tun. Lasst mich mit meiner Mutter sprechen, damit mein Bruder einen Gehilfen zu den Ginsenghändlern schickt und mit ihnen verhandelt. Er soll zwei Liang guten, unbearbeiteten Ginseng in Originalwurzeln beschaffen. Lieber geben wir ein paar Liang Silber mehr aus, dann haben wir dafür auch wirklich etwas Ordentliches.“

Dame König lächelte: „Du bist wirklich verständig. Am besten gehst du persönlich.“

Also ging Schatzspange und kam nach geraumer Zeit zurück mit der Nachricht: „Es ist schon jemand hingeschickt worden. Bis zum Abend wird es Bescheid geben. Morgen früh ist es noch nicht zu spät, die Arznei zuzubereiten.“

Dame König freute sich und sagte: „Wahrhaftig, wie das Sprichwort sagt: 'Die Händlersfrau kämmt sich die Haare mit Wasser.' Früher hatten wir so viel guten Ginseng im Haus und haben ihn freigebig an andere verschenkt. Jetzt, wo wir selbst welchen brauchen, müssen wir überall um Hilfe bitten.“ Sie stiess einen langen Seufzer aus.

Schatzspange sagte lächelnd: „So wertvoll er auch ist, letztlich ist er doch nur Medizin und sollte den Menschen zugutekommen. Wir sind nicht wie jene Familien, die nichts von der Welt kennen und solche Dinge horten und verstecken, sobald sie welche haben.“

Dame König nickte: „Sehr richtig gesprochen.“

Nachdem Schatzspange gegangen war und sonst niemand im Zimmer war, rief Dame König die Frau des Zhou Rui herein und erkundigte sich nach dem Ergebnis der Durchsuchung des Gartens von neulich. Die Frau des Zhou Rui hatte bereits alles mit Phönixglanz und den anderen besprochen und berichtete nun Dame König ausführlich, ohne etwas auszulassen.

Dame König war zugleich erschrocken und zörnig, doch zugleich wusste sie nicht recht, wie sie die Sache handhaben sollte. Siqin[2] war nämlich Willkommensfrühlings Dienerin und gehörte zur anderen Seite des Hauses; man musste also Dame Strafe benachrichtigen. Die Frau des Zhou Rui wandte ein: „Neulich war die gnädige Frau von drüben schon auf König Shanbaos Frau böse, weil sie sich in alles einmischte, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Jetzt stellt sie sich krank und will sich nicht mehr zeigen. Außerdem ist es ihre eigene Enkelin — sie hat sich selbst ins Gesicht geschlagen und tut jetzt am besten so, als hätte sie es vergessen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Wenn wir jetzt hinübergehen und Bericht erstatten, wird man dort gleich argwöhnen, wir wollten uns einmischen. Besser wäre es, Siqin einfach hinüberzubringen mitsamt den Beweißtücken, sie vor der gnädigen Frau von drüben durchprügeln zu lassen und mit jemandem zu verheiraten, und dann bekommt das Fräulein eben eine neue Dienerin — wäre das nicht einfacher? Wenn wir es ihr erst mitteilen, wird die gnädige Frau von drüben nur wieder Ausreden finden und sagen: 'Wenn es so ist, hätte eure gnädige Frau es gleich selbst erledigen sollen — wozu sagt ihr es mir?' Und dann verzögert sich alles nur noch mehr. Wenn das Mädchen unterdessen die Gelegenheit nutzt und sich etwas antut, wäre das schlimm. Jetzt beobachten wir sie schon zwei, drei Tage, aber jeder wird auch mal nachlässig, und wenn sie einen unbeobachteten Moment findet, könnte ein Unglück geschehen.“

Dame König überlegte und sagte: „Da hast du recht. Erledige erst diesen Fall, dann nehmen wir uns unsere eigenen Plagegeister vor.“

Die Frau des Zhou Rui versammelte daraufhin einige Dienerinnen und ging zürst zu Willkommensfrühling. Sie meldete ihr: „Die gnädigen Frauen haben beschlossen, dass Siqin nun alt genug ist. Ihre Mutter hat in den letzten Tagen die gnädige Frau gebeten, sie freizugeben und zu verheiraten. Ab heute soll sie gehen, und man wird Euch eine neue Dienerin zuteilen.“ Damit forderte sie Siqin auf, ihre Sachen zu packen.

Als Willkommensfrühling dies hörte, konnte sie die Tränen nicht zurückhalten und schien voller Abschiedsschmerz. Sie hatte in der Nacht zuvor von den anderen Dienerinnen die wahren Gründe bereits geflüsternd erfahren. Obwohl es ihr nach all den Jahren schwerfiel, sich zu trennen, betraf die Sache die öffentliche Moral, und da ließ sich nichts machen. Siqin hatte Willkommensfrühling angefleht, für sie einzutreten, in der festen Hoffnung, das Fräulein würde sie mit aller Kraft verteidigen. Doch Willkommensfrühling war von langsamer Rede, hatte ein weiches Herz und leicht beeinflussbare Ohren und war nicht imstande, sich durchzusetzen.

Als Siqin sah, dass es keine Rettung gab, weinte sie und rief: „Fräulein, wie könnt Ihr so hartherzig sein! Diese zwei Tage habt Ihr mich hingehalten, und jetzt habt Ihr kein einziges Wort für mich?“

Die Frau des Zhou Rui und die anderen sagten: „Willst du etwa, dass das Fräulein dich zurückhält? Selbst wenn es das täte, könntest du den Leuten im Garten nicht mehr unter die Augen treten. Hör auf unseren guten Rat: Pack schnell zusammen und geh, ohne dass jemand etwas merkt. Das ist für alle Seiten das Beste.“

Willkommensfrühling sagte unter Tränen: „Ich weiß, was du angestellt hast. Würde ich trotzdem für dich eintreten und dich halten, wäre auch ich verloren. Schau dir Ruhua an — auch sie war jahrelang hier und musste gehen, und es wird nicht bei euch beiden bleiben. Früher oder später werden sich wohl alle hier trennen müssen. Meiner Meinung nach geht ihr am besten jede eures Weges.“

Die Frau des Zhou Rui sagte: „Da sieht man, dass das Fräulein vernünftig ist. Morgen werden noch weitere gehen müssen. Sei also beruhigt!“

Siqin blieb nichts anderes übrig, als unter Tränen vor Willkommensfrühling niederzuknien, sich von den Schwestern zu verabschieden und Willkommensfrühling leise ins Ohr zu flüstern: „Wenn du erfährst, dass ich bestraft werde, dann leg bitte ein gutes Wort für mich ein — als Dank für unsere gemeinsame Zeit als Herrin und Dienerin!“ Auch Willkommensfrühling antwortete unter Tränen: „Sei beruhigt.“

Daraufhin führten die Frau des Zhou Rui und die anderen Siqin aus dem Hof. Sie ließen zwei Dienerinnen ihre Habseligkeiten tragen. Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam Xiuju von hinten nachgelaufen, sich ebenfalls die Tränen wischend, und reichte Siqin ein Seidenpäckchen: „Das schickt das Fräulein. Herrin und Dienerin — nun, da wir uns auf einmal trennen müssen, soll dies ein Andenken sein.“

Siqin nahm es entgegen und weinte nun erst recht. Sie und Xiuju umarmten sich noch einmal weinend. Die Frau des Zhou Rui drängte ungeduldig, und die beiden mussten sich trennen.

Siqin flehte noch unter Tränen: „Liebe Tanten und Schwestern, habt doch ein Einsehen! Lasst mich wenigstens kurz anhalten und mich von meinen guten Freundinnen verabschieden — wir waren doch all diese Jahre so vertraut miteinander.“

Die Frau des Zhou Rui und die anderen hatten alle selbst genug zu tun. Diese Aufgabe zu erledigen war ihnen ohnehin lästig genug, und außerdem trugen sie den Dienerinnen deren frühere Überheblichkeit nach. Woher sollten sie da die Geduld nehmen, auf Siqins Wünsche einzugehen? So sagte die Frau des Zhou Rui kühl: „Ich rate dir, geh einfach! Hör auf mit dem Gezeter! Wir haben Wichtigeres zu tun. Ihr seid ja nicht zusammen aufgewachsen — wozu willst du dich von ihnen verabschieden? Die lachen sich doch nur über dich kaputt! Du versuchst nur, jede Minute hinauszuzögern, als ob sich dadurch etwas ändern würde. Hör auf meinen Rat und geh!“ Während sie so sprach, blieb sie keinen Augenblick stehen und führte Siqin schnurstracks zum hinteren Seitentor hinaus. Siqin wagte nichts mehr zu sagen und folgte ihnen hinaus.

Wie der Zufall es wollte, kam gerade Schatzjade von draußen herein. Als er sah, dass Siqin hinausgeführt wurde und ihr hinterher jemand ihre Habseligkeiten trug, wusste er sofort, dass sie für immer gehen musste. Er hatte von dem Vorfall in der Nacht gehört, und zudem war Heitermusters Krankheit gerade an jenem Tag schlimmer geworden. Wenn er Heitermuster ausfragte, wollte sie ihm nicht sagen, woran es lag. Kürzlich war dann Ruhua fortgeschickt worden, und nun musste auch Siqin gehen. Schatzjade fühlte sich, als hätte er seine Seele verloren, und rief hastig: „Wohin bringt ihr sie?“

Die Frau des Zhou Rui und die anderen kannten Schatzjades Art nur zu gut und fürchteten, sein Gerede könne die Sache verderben. Lächelnd sagten sie: „Das geht dich nichts an. Geh und lies deine Bücher!“

„Liebe Schwestern, wartet doch einen Augenblick!“, bat Schatzjade lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“

„Die gnädige Frau hat befohlen, keinen Augenblick zu zögern“, beharrte die Frau des Zhou Rui. „Was gäbe es da noch zu sagen? Wir führen nur die Befehle der gnädigen Frau aus, um andere Dinge können wir uns nicht kümmern.“

Siqin hatte sich an Schatzjade geklammert, sobald sie ihn erblickte, und bat ihn weinend: „Die können nichts machen. Geh du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“

Unwillkürlich wurde auch Schatzjade von Kummer ergriffen. Mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Heitermuster ist krank, und jetzt gehst auch du fort. Wenn ihr alle geht — was soll dann werden?“

Die Frau des Zhou Rui fuhr Siqin ungeduldig an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht gehorchst, kann ich dich auch schlagen! Bilde dir nicht ein, du könntest dich aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich hielt. Sieh zu, dass du endlich weiterkommst, statt hier herumzuschwatzen! Was soll das für ein Benehmen sein, sich so an den jungen Herrn zu klammern!“ Ohne ein weiteres Wort zogen die Dienerinnen Siqin mit sich fort.

Schatzjade fürchtete, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur wütend nach. Erst als sie weit genug fort waren, streckte er die Hand aus und rief empört: „Seltsam, seltsam! Kaum dass diese Frauen einen Mann geheiratet und Männergeruch angenommen haben, werden sie so niedertraechtig, dass man eher sie umbringen möchte als die Männer!“

Die alten Dienerinnen, die das Gartentor bewachten, mussten unwillkürlich lachen und fragten: „Dann sind wohl alle Mädchen gut und alle verheirateten Frauen schlecht?“

Schatzjade nickte: „Genau, genau!“

Die Dienerinnen lachten: „Da hätten wir noch eine Frage, die wir in unserer Einfalt nicht verstehen ...“

Doch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Dienerinnen herbeigelaufen und riefen: „Vorsicht! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich kommt sie auch hierher! Außerdem hat sie befohlen, dass Heitermuster-Schwesterchens Vetter und seine Frau aus dem Hof der Roten Freude sofort hergeholt werden sollen, damit sie hier warten und ihre Schwester in Empfang nehmen!“

Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Amitabha Buddha! Heute hat der Himmel endlich die Augen geöffnet und befreit uns von diesem Unheilsgeist! Jetzt werden wir alle etwas mehr Ruhe haben!“

Kaum hatte Schatzjade gehört, dass Dame König persönlich im Garten inspizierte, fürchtete er sogleich, auch Heitermuster werde nicht zu halten sein, und stürzte davon wie der Wind. Die letzten Worte der Zufriedenheit hatte er daher nicht mehr gehört.

Als Schatzjade den Hof der Roten Freude erreichte, fand er dort eine ganze Schar Leute vor. Dame König sass mit zorniger Miene im Zimmer und beachtete ihn nicht, als sie ihn sah.

Heitermuster hatte schon vier, fünf Tage lang weder Wasser noch Reis zu sich genommen. Schwach und mit kaum hörbarem Atem war sie gerade vom Kangofen heruntergezerrt worden, mit zerzaustem Haar und schmutzigem Gesicht. Zwei Frauen mussten sie stützen und führten sie fort. Dame König befahl, man solle ihr nur ihre Leibwäsche mitgeben; die guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Dienerinnen sie tragen könnten.

Dann ließ Dame König alle Dienerinnen des Hofes zusammenrufen und musterte sie eine nach der anderen. Nachdem Dame König kürzlich in Zorn geraten war, hatte König Shanbaos Frau die Gelegenheit ergriffen, Heitermuster anzuschwärzen. Auch andere, die mit den Dienerinnen im Garten im Streit lagen, hatten die günstige Stunde genutzt, um einiges hinzuzufügen. Dame König hatte sich alles genau gemerkt, und nur weil während der Feiertage viel zu tun gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Heute war sie eigens gekommen, um sämtliche Dienerinnen persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Sache mit Heitermuster war dabei nur das eine; denn man hatte ihr zugetragen, Schatzjade sei schon groß und verstehe die Dinge zwischen Mann und Frau, werde aber von den Dienerinnen in seinem Zimmer auf Abwege gebracht, statt sich zu vervollkommnen. Dies wog noch schwerer als die Angelegenheit mit Heitermuster. Deshalb ließ Dame König jede einzelne Dienerin, von Dufthauch bis hinunter zu den geringsten, die grobe Arbeiten verrichteten, an sich vorüber defilieren.

Dann fragte sie: „Wer hat am selben Tag Geburtstag wie Schatzjade?“

Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden. Eine alte Amme zeigte auf sie und sagte: „Diese hier, Huixiang, die auch 'die Vierte' genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“

Dame König musterte das Mädchen genau. Obwohl es nicht halb so hübsch war wie Heitermuster, hatte es doch eine gewisse frische Anmut. Seinem Benehmen war Klugheit anzumerken, und auch seine Aufmachung unterschied sich von der der übrigen.

Mit kaltem Lächeln sagte Dame König: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, seien sie Mann und Frau. Das hast du gesagt, nicht wahr? Du hast wohl gedacht, weil ich weit weg wohne, wüsste ich von nichts? Aber mein Herz, meine Ohren und mein Verstand sind jederzeit hier. Glaubt ihr, ich lasse meinen einzigen Schatzjade seelenruhig von euch verführen und verderben?“

Als die Vierte hörte, wie Dame König die Worte wiederholte, die sie einst im Vertrauen zu Schatzjade gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und weinte still vor sich hin. Dame König befahl sofort, ihre Angehörigen zu rufen, damit sie sie abholten und verheirateten.

Dann fragte sie: „Wer ist Yelue Xiongnu?“

Die alten Ammen zeigten auf Duftblümchen. Dame König erklärte: „Ein Schauspielmädchen ist natürlich ein Fuchsdämon! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht gehen. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Stattdessen spukst du hier herum und stiftest Schatzjade zu allem möglichen Unfug an!“

Duftblümchen verteidigte sich lächelnd: „Ich würde es nie wagen, ihn zu etwas aufzustiften.“

„Du widersprichst mir noch?“ sagte Dame König mit einem Lächeln, das kein Lächeln war. „Dann frage ich dich: Wer hat vorvergangenes Jahr, als wir an den Kaisergraebern waren, Schatzjade dazu angestiftet, dieses Mädchen Wür von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise starb sie früh — wäre sie hereingekommen und hätte sich mit dir zusammengetan, hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt! Du hast sogar deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt!“

Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, sie soll sie abholen! Sie kann ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Gebt ihr all ihre Sachen mit!“

Ferner ordnete sie an, dass sämtliche Schauspielmädchen, die man seinerzeit den einzelnen Fräulein zugeteilt hatte, keine einzige im Garten bleiben dürften. Sie sollten alle von ihren jeweiligen Pflegemüttern abgeholt und nach deren Gutdünken verheiratet werden.

Kaum war diese Anordnung ergangen, zeigten sich die Pflegemütter überaus dankbar und zufrieden. Gemeinsam erschienen sie vor Dame König, um sich kniefaellig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen.

Dann durchsuchte Dame König alle Gegenstände in Schatzjades Räumen. Alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einpacken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume bringen. „Jetzt ist es sauber hier“, sagte sie, „und wir ersparen uns das Gerede Außenstehender.“

Dufthauch und Moschusmond wurden ermahnt: „Nehmt euch in Acht! Wenn auch nur das Geringste geschieht, kenne ich kein Erbarmen! Ich habe nachschlagen lassen: Dieses Jahr ist für einen Umzug ungünstig. Also bleibt er einstweilen hier, aber nächstes Jahr zieht ihr alle mit ihm wieder aus, damit ich Ruhe finde.“

Nach diesen Worten führte Dame König ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Doch davon später.

Schatzjade hatte ursprünglich gedacht, Dame König werde nur eine einfache Kontrolle durchführen. Wer hätte ahnen können, dass sie mit Donner und Blitz erscheinen würde? All ihre Vorwürfe betrafen Dinge, die tatsächlich gesagt worden waren, Wort für Wort zutreffend. Es war klar, dass nichts rückgängig zu machen war. Obwohl er am liebsten gestorben wäre, wagte er im Angesicht von Dame Königs Zorn kein überflüssiges Wort und keinen überflüssigen Schritt. Schweigend begleitete er Dame König bis zum Duftgetränkten Pavillon. Dort befahl sie ihm: „Geh zurück und lies deine Bücher! Pass auf, wenn du morgen geprüft wirst! Vorhin war dein Vater schon sehr verärgert.“

Erst jetzt machte Schatzjade kehrt. Auf dem ganzen Rückweg überlegte er: „Wer hat so geschwatzt? Niemand weiß doch, was hier vorgeht. Wie konnte sie alles so genau wissen?“ Mit diesen Gedanken betrat er seine Räume und fand Dufthauch in Tränen.

Nun war ihm der wichtigste Mensch genommen worden — wie hätte er nicht trauern sollen? Er warf sich aufs Bett und weinte ebenfalls.

Dufthauch wusste, dass ihm die Trennung von Heitermuster am meisten zusetzte, und stiess ihn an, um ihn zu trösten: „Weinen hilft jetzt nichts. Steh auf und hör zu: Heitermuster geht es schon besser. Jetzt kann sie sich zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du sie wirklich nicht loslassen kannst, warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau darum. Mit der Zeit kann sie vielleicht zurückkommen. Es ist nur ein Zufall, dass die gnädige Frau den Verleumdungen geglaubt und im Zorn so entschieden hat.“

„Ich möchte doch nur wissen, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Heitermuster begangen haben soll!“ schluchzte Schatzjade.

„Die gnädige Frau verübelt ihr nur, dass sie so hübsch ist“, erklärte Dufthauch. „Wer so schön ist, wirkt unvermeidlich ein wenig leichtfertig. Die gnädige Frau weiß genau, dass bei einer solchen Schönheit kein Friede herrschen kann, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Geschöpfe wie wir sind ihr lieber.“

„Das mag sein“, erwiderte Schatzjade, „aber woher kennt die gnädige Frau sogar unsere heimlichen Scherzworte? Kein Außenstehender kann sie verraten haben. Das ist rätselhaft.“

„Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Dufthauch. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir völlig egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen gab und dich warnen wollte, wussten die Leute längst Bescheid, noch ehe du überhaupt etwas bemerkt hattest.“

„Aber wie kommt es dann“, fragte Schatzjade verwundert, „dass die gnädige Frau über jedermanns Fehler Bescheid weiß, nur dich, Moschusmond und Herbstmuster nicht erwähnt hat?“

Betroffen senkte Dufthauch den Kopf. Lange wusste sie nichts zu erwidern, bis sie endlich lächelnd sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, dass auch wir in unseren unvorsichtigen Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen haben — warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen.“

„Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchigkeit“, sagte Schatzjade lächelnd, „und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben? Duftblümchen ist noch klein und ein wenig zu keck, so hat sie sich aufs hohe Ross gesetzt und sich den Hass der Leute zugezogen. Bei der Vierten trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, rief ich sie hinterher zu mir, um feinere Arbeiten für mich zu erledigen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemasst. Nur deshalb ist es zu diesem Ende gekommen.

Aber Heitermuster ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hereingekommen. Dass sie schöner gewachsen ist als andere, ist doch kein Verbrechen. Und mag sie auch einen offenherzigen Charakter und eine scharfe Zunge haben — euch hat sie doch nichts zuleide getan. Ich denke, sie ist wirklich zu hübsch, und das hat ihr Verderben gebracht.“ Bei diesen Worten brach er erneut in Tränen aus.

Dufthauch überlegte sorgfaeltig. Es schien ihr, als ob Schatzjade an ihr zweifelte, und so konnte sie ihm nicht gut länger zureden. Stattdessen sagte sie seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Jetzt wirst du doch nicht herausfinden, wer schuld ist, und sinnloses Weinen hat keinen Zweck. Am besten beruhigst du dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Heitermuster zurück.“

„Du brauchst mich nicht mit leeren Worten zu trösten“, entgegnete Schatzjade kühl. „Wie soll ich abwarten, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Von Kindheit an ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag Kränkung erfahren müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.

Dass sie jetzt fortgeschickt wurde, ist, als würde man einen Orchideentopf, der gerade die ersten zarten Knospen treibt, in einen Schweinestall stellen. Zumal sie schwer krank ist und obendrein voller Verdruss. Sie hat keine leiblichen Eltern, nur einen ständig betrunkenen Vetter. Dort wird sie sich überhaupt nicht zurechtfinden. Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal sehen werde!“ Er weinte nun noch bitterlicher.

Dufthauch lachte: „Da hast du es wieder: 'Nur der Beamte darf die Stadt in Brand stecken, aber das Volk darf nicht einmal eine Laterne anzünden!' Wenn wir aus Versehen einmal ein störendes Wort sagen, heißt es gleich, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr selbst die schlimmsten Dinge an, als wäre alles ausgemacht! So zartbesaitet sie auch sein mag, so schlimm wird es doch nicht kommen.“

„Ich dichte ihr nichts an“, erwiderte Schatzjade. „Schon im Frühling gab es ein Vorzeichen.“

„Was für ein Vorzeichen?“ fragte Dufthauch sofort.

„Der schöne Zierapfelbaum[3] vor unserer Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt“, erklärte Schatzjade. „Da wusste ich, dass etwas Ungewöhnliches geschehen würde. Und nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“

Dufthauch lachte wieder: „Eigentlich wollte ich es nicht sagen, aber ich kann nicht anders. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib! Wie kann ein Mann, der Bücher liest, so etwas sagen? Was haben Pflanzen und Bäume mit Menschen zu tun? Wenn du nicht weibisch bist, bist du zum Narren geworden.“

„Was wisst ihr schon davon!“, seufzte Schatzjade. „Nicht nur Pflanzen und Bäume — alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, zeigen sie außerordentliche Feinfühligkeit.

Wenn ich große Beispiele anführe: Da ist der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel und die Schafgarbe an Konfuzius' Grab, der Lebensbaum vor Zhuge Liangs Tempel und die Kiefern an Yue Feis Grab. Das alles sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?

Wenn ich kleine Beispiele anführe: Da sind die Päonien vor Yang Guifeis Adlerholzpavillon und der Baum des Gedenkens an ihrem Turm der Aufrichtigkeit zu nennen, sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Zhaojun. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wie der Zierapfelbaum anzeigen wollte, dass seine Herrin sterben wird, und darum zürst er zur Hälfte abgestorben ist.“

Als Dufthauch diese versonnene Rede hörte, war ihr zugleich zum Lachen und zum Seufzen zumute. Lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Heitermuster, dass du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Persönlichkeiten vergleichst? Und außerdem: Wie gut sie auch sein mag, sie kann mir doch nicht den Rang streitig machen. Wenn dieser Zierapfelbaum etwas bedeutet, dann deutet er zürst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben!“

Erschrocken hielt Schatzjade ihr den Mund zu: „Warum sagst du so etwas? Noch ist das Schicksal der einen nicht geklärt, und schon fängst du damit an! Schluss jetzt, kein Wort mehr davon! Sonst könnte es sein, dass zu den dreien, die ich verloren habe, noch eine vierte kommt.“

Dufthauch hörte dies mit heimlicher Zufriedenheit und dachte: Wie hättest du die Sache sonst zum Abschluss bringen wollen?

„Von nun an wollen wir nicht mehr davon sprechen“, sagte Schatzjade. „Tun wir einfach so, als wären die drei gestorben, und damit gut. Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne dass es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart reden! Ihre Sachen sind noch hier. Man darf zwar die Obrigkeit täuschen, aber nicht die Untergebenen. Also schick heimlich jemanden, der ihr alles bringt. Und wenn wir noch erspartes Geld haben, schick ihr ein paar Schnüre Kupfermünzen, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern zusammengelebt.“

„Du hältst uns wirklich für allzu kleinlich und herzlos“, erwiderte Dufthauch lächelnd. „Als ob ich deine Aufforderung gebraucht hätte! Vorhin habe ich bereits alle ihre Kleider und Habseligkeiten zusammenpacken und beiseitelegen lassen. Bei Tage sind zu viele neugierige Augen da, was nur Ärger bringen könnte. Warten wir bis zum Abend, dann schicke ich Mutter Song heimlich zu ihr. Auch ein paar Schnüre Kupfermünzen, die ich gespart habe, soll sie bekommen.“

Schatzjades Dank kannte keine Grenzen. Dufthauch bemerkte lächelnd: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchigkeit — muss ich mir da nicht wenigstens diesen Ruf bewahren?“

Als Schatzjade sich an seine eigenen Worte erinnert fühlte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf sie ein. Am Abend wurde Mutter Song dann wirklich heimlich losgeschickt.

Nachdem Schatzjade alle mit Aufträgen beschäftigt wusste, schlich er sich allein zum hinteren Seitentor hinaus und bat dort eine alte Dienerin, ihn zu Heitermuster zu bringen. Zürst wollte die Alte sich auf keinen Fall darauf einlassen: „Wenn es jemand erfährt und der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zu essen!“

Doch Schatzjade flehte und flehte und versprach ihr Geld, bis die Alte ihn schließlich hinführte.

Heitermuster war seinerzeit von der Familie Lai für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und trug ihr Haar noch kurz. Weil sie oft mit Mutter Lai zusammen ins Haus kam und äußerst hübsch und aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großen Gefallen an ihr. Daraufhin schenkte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Gebrauch, und so gelangte sie schließlich in Schatzjades Gemächer.

Als Heitermuster ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern. Sie wusste nur, dass sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Heitermuster die Lais, auch ihren Vetter aufzunehmen und ihm eine Anstellung zu geben. Die Lais waren gerührt davon, dass Heitermuster, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente und äußerst aufgeweckt und redegewandt, allerdings auch spitzzüngig und temperamentvoll war, ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergass. Also kauften sie auch Heitermusters Vetter und verheirateten ihn mit einer jungen Frau aus dem Haushalt.

Doch kaum lebte der Vetter nach der Heirat in gesicherten Verhältnissen, vergass er auch schon seine Jahre als Herumtreiber und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Familie zu kümmern. Seine Frau war jedoch eine gefühlvolle Schönheit. Als sie sah, dass ihr Mann sie nicht beachtete und weder Feingefühl noch Leidenschaft besass, sondern nur sinnlos dem Wein frönnte, empfand sie den Kummer des Jadeschilfs zwischen gemeinem Rohr und die Trauer einer vernachlässigten jungen Frau. Als sie dann feststellte, dass ihr Mann äußerst großzügig war und nicht die geringste Eifersucht kannte, ließ sie ihren Trieben freien Lauf. Im ganzen Anwesen ging sie auf die Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte gut die Hälfte aller Männer, ob Herren oder Diener, bei ihr die Prüfung abgelegt.

Fragt man nach ihren Namen — es waren jener Trunkenbold Duo und seine Frau Laternchen Deng, mit denen Kette Kaufmann, wie in einem früheren Kapitel erzählt, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Heitermuster noch besass, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf in deren Haus auf.

Trunkenbold Duo war gerade ausgegangen, und Frau Deng war nach dem Essen zu einer Nachbarin gegangen. So lag Heitermuster allein im Vorderzimmer auf dem Ofenbett. Schatzjade hiess die alte Dienerin im Hof Wache stehen, hob selbst den Strohvorhang und trat ein. Auf den ersten Blick sah er Heitermuster auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde liegen, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus alten Tagen.

In seinem Herzen wusste er nicht, wohin mit sich. Er trat näher, streckte weinend die Hand aus, berührte sie sacht und rief leise ihren Namen. Heitermuster hatte sich verkühlt und war von ihrem Vetter und seiner Frau mit bösen Worten bedrängt worden, so dass zu ihrer Krankheit noch eine weitere kam. Den ganzen Tag hatte sie gehustet, ehe sie endlich in einen unruhigen Schlummer gefallen war. Als sie jemanden rufen hörte, schlug sie mühsam ihre Sternenaugen auf, und als sie Schatzjade erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich. Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand. Erst nach langem Schluchzen brachte sie hervor: „Ich dachte schon, ich würde dich nicht mehr sehen ...“ Dann musste sie ohne Unterlass husten.

Auch Schatzjade konnte nichts anderes tun als schluchzen. Heitermuster sagte: „Amitabha Buddha! Gut, dass du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale Tee! Ich habe solchen Durst und rufe schon die ganze Zeit, ohne dass jemand kommt.“

Hastig wischte sich Schatzjade die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“

„Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Heitermuster.

Als Schatzjade sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der keinerlei Ähnlichkeit mit einer Teekanne hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und grob war, dass sie nicht wie eine Teeschale außah. Noch ehe er sie in der Hand hielt, stieg ihm ein ranziger, fettiger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst einige Male mit Wasser aus und goss dann aus dem Tiegel eine halbe Schale ein. Die Flüssigkeit war rötlich-trüb und sah ganz und gar nicht nach Tee aus.

„Gib schnell her, lass mich trinken!“ drängte Heitermuster, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“

Schatzjade kostete zunächst selbst. Es war weder aromatisch noch frisch, nur bitter und herb, mit einer vagen Andeutung von Teegeschmack. Dann reichte er die Schale Heitermuster. Als hätte sie süßen Tau bekommen, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter.

Still dachte Schatzjade bei sich: Wie oft war sie mit unserem feinen Tee unzufrieden, und heute trinkt sie das hier! Wie wahr ist doch das alte Wort: 'Wer satt ist, verachtet Braten und Geröstetes; wer hungert, isst sich an Kleie und Spreu satt.' Und ebenso: 'Wer den Reis satt hat, sehnt sich nach dünner Reissuppe.'

Unter Tränen fragte er: „Hast du mir etwas zu sagen? Dann tu es jetzt, solange niemand da ist.“

Schluchzend sagte Heitermuster: „Was gibt es schon zu sagen? Für mich zählt jetzt jede Stunde, jeder Tag. Ich weiß wohl, dass ich in höchstens drei bis fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Pein: Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, doch ich hatte keinerlei heimliche Absichten auf dich und habe dich in keiner Weise zu verführen versucht. Warum hat man sich so hartnäckig darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden!

Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, und obwohl ich dem Tod ins Auge sehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewusst, wie alles kommen würde, hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden für immer zusammenbleiben. Nun ist aus dem Nichts dieses Gerücht entstanden, und ich leide Unrecht, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus.

Schatzjade griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, dass es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Armreifen. Weinend sagte er: „Leg sie ab und heb sie auf, bis du wieder gesund bist.“ Er streifte ihr die Armreifen ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Wie schade um deine Fingernägel! Mit welcher Mühe hast du sie zwei Zoll lang wachsen lassen. Durch diese Krankheit werden sie wieder verderben.“

Heitermuster wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die wie Röhrenblätter vom Lauch außahen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke die alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Schatzjade zusammen mit den Fingernägeln.

„Heb das auf“, sagte sie. „Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als sähest du mich selbst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und lass sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als wäre ich noch immer im Hof der Roten Freude. Eigentlich gehört sich das nicht, aber da man mich nun einmal zu Unrecht verdächtigt hat, bleibt mir keine andere Wahl.“

Schatzjade zog sich rasch um und steckte die Fingernägel zu sich. Weinend fügte Heitermuster hinzu: „Wenn du zurück bist und die anderen es sehen und fragen, brauchst du nicht zu lügen. Sag einfach, es sei von mir. Da man mich ohnehin zu Unrecht verdächtigt hat, kann ich es nun auch darauf ankommen lassen. Mehr ist es ja nicht.“

Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den Vorhang hereingetreten kam: „Bestens! Alles, was ihr gesagt habt, habe ich gehört!“ Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du als junger Herr hier in den Dienstbotenräumen? Du hast wohl bemerkt, dass ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“

Erschrocken bat Schatzjade mit verbindlichem Lächeln: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“

Frau Deng zog ihn am Arm in den hinteren Raum und sagte lächelnd: „Wenn du willst, dass ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und presste Schatzjade fest an ihre Brust.

Dergleichen hatte Schatzjade noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Aufregung lief er puterrot an. Zugleich beschämt und erschrocken, bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“

„Pah!“ sagte Frau Deng und kniff ihre weinschweren Augen zusammen. „Ich höre doch ständig, du seist ein geübter Kämpfer auf dem Schlachtfeld der Liebe — warum zierst du dich da plötzlich?“

„Schwester, lass mich los!“, bat Schatzjade mit rotem Gesicht. „Wir können über alles reden. Aber was soll die alte Dienerin draußen denken, wenn sie uns hört?“

Frau Deng lachte: „Ich bin schon längst hier. Die Alte habe ich zum Gartentor geschickt, damit sie dort wartet. Ich habe schon so lange auf dich gewartet, und heute habe ich dich endlich! Viel gehört habe ich von dir, aber Hörensagen ist nicht wie Sehen. Ganz umsonst bist du so hübsch — du bist wie ein Böller ohne Pulver, nur zum Angeben gut. Du genierst dich ja mehr als ich!

Da sieht man, dass man den Leuten nicht glauben darf. Als unsere Schwester hinausgeworfen wurde, war ich fest überzeugt, ihr hättet ein heimliches Verhältnis. Aber als ich vorhin kam und am Fenster lauschte — ihr wart nur zu zweit im Zimmer — , da hättet ihr, wenn wirklich etwas zwischen euch gewesen wäre, bestimmt davon gesprochen. Doch ihr habt euch nicht im Geringsten nähergekommen! Da sieht man, wie viel Unrecht es auf der Welt gibt! Jetzt bereue ich, euch grundlos verdächtigt zu haben. Also sei ganz beruhigt: Komm künftig nur, ich werde dich nicht belästigen.“

Nun erst beruhigte sich Schatzjade. Er stand auf, brachte seine Kleider in Ordnung und bat: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester. Ich muss jetzt gehen.“ Dann trat er in den Vorderraum und verabschiedete sich von Heitermuster. Beide konnten sich nicht voneinander losreißen, und doch mussten sie sich trennen. Da Heitermuster wusste, wie schwer Schatzjade das fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.

Schatzjade hatte noch vorgehabt, Duftblümchen und die Vierte zu besuchen, doch inzwischen war es dunkel geworden. Er war schon zu lange fort, und wenn man ihn vermisste, konnte neues Unheil entstehen. Also war es besser, in den Garten zurückzukehren und für den nächsten Tag neue Pläne zu machen. Als er zum hinteren Seitentor kam, trugen die Diener gerade das Bettzeug hinaus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Augenblick später gekommen, wäre das Tor bereits verschlossen gewesen.

Schatzjade kehrte in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. In seinen Räumen angelangt, sagte er Dufthauch nur, er sei bei Tante Xue gewesen, und damit war die Sache abgetan.

Als bald darauf das Bett gerichtet wurde, musste Dufthauch notgedrungen fragen, wie sie heute Nacht schlafen wollten. Schatzjade antwortete nur: „Das ist mir einerlei.“

In den letzten ein, zwei Jahren, seit Dame König Dufthauch Beachtung schenkte, hatte diese großen Wert auf Würde gelegt. Wenn sie mit Schatzjade allein war, auch nachts, wahrte sie Abstand und war zurückhaltender als in ihren frühen Jahren. Zwar hatte sie keine großen Aufgaben, doch war es mühsam genug, alle Näharbeiten zu erledigen und für Schatzjade wie für die kleinen Dienerinnen Geld, Kleider und allerlei Gegenstände zu verwalten. Zudem hatte sie ihr altes Leiden des Blutspuckens zwar überwunden, doch bei Überanstrengung oder Erkältung zeigte sich stets wieder Blut im Auswurf. Deshalb hatte sie in letzter Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Schatzjade geschlafen.

Schatzjade jedoch wurde nachts häufig wach und war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Heitermuster einen leichten Schlaf hatte und sich lautlos bewegen konnte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzuschenken und andere Handreichungen zu tun. Deshalb hatte nur sie neben seinem Bett geschlafen. Nun, da sie fort war, musste Dufthauch wohl oder übel fragen, denn dieser Nachtdienst war noch wichtiger als der Dienst am Tage.

Da Schatzjade gesagt hatte, es sei ihm einerlei, blieb Dufthauch nichts übrig, als es wie in früheren Jahren zu halten. Sie holte ihr eigenes Bettzeug und richtete sich damit vor Schatzjades Lager ein.

Schatzjade brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin. Erst als Dufthauch ihn mahnte, sich hinzulegen, und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf dem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst nach der dritten Nachtwache wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Dufthauch beruhigt und döste selbst ein.

Doch es dauerte kaum so lange, wie man für eine halbe Schale Tee braucht, da rief Schatzjade: „Heitermuster!“

Sofort riss Dufthauch die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Schatzjade bat um Tee. Dufthauch stand rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goss aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale ein, die sie ihm reichte.

Lächelnd sagte Schatzjade: „Ich habe mich so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, dass ich ganz vergass, dass du es bist.“

Ebenfalls lächelnd erwiderte Dufthauch: „Als sie neu hierher kam, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich wusste, dass der Name Heitermuster bleiben würde, auch wenn Heitermuster nicht mehr da ist.“

Damit legten sich beide wieder hin. Erneut wälzte sich Schatzjade eine weitere Nachtwache lang von einer Seite auf die andere und schlief erst in der fünften Wache ein. Da sah er, wie Heitermuster von draußen hereinkam, außehend wie immer. Im Zimmer angekommen, sagte sie lächelnd zu Schatzjade: „Lebt alle wohl! Ich komme nicht wieder.“ Dann drehte sie sich um und ging hinaus.

Als Schatzjade ihr nachrief, weckte er wieder Dufthauch. Zunächst glaubte sie, er habe aus alter Gewohnheit Heitermusters Namen gerufen, doch dann sah sie, dass er weinte, und hörte ihn sagen: „Heitermuster ist gestorben.“

„Was redest du da?“ hielt sie ihm vor. „Das ist doch Unsinn! Was sollen die Leute denken, wenn sie dich hören?“

Schatzjade wollte natürlich nicht auf sie hören und wartete sehnsüchtig darauf, dass es hell wurde, um jemanden nach Nachrichten auszuschicken.

Doch als es Tag wurde, stand schon eines der kleinen Dienstmädchen aus Dame Königs Räumen vor dem vorderen Seitentor und verlangte, man solle sofort öffnen, damit sie Dame Königs Botschaft überbringen könne: „Weckt Schatzjade sofort! Er soll sich schnell waschen und umziehen und herüberkommen. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern. Weil der gnädige Herr sich über das Gedicht gefreut hat, das Schatzjade neulich verfasste, will er ihn mitnehmen. Das sind die Worte der gnädigen Frau, kein einziges darf fehlen! Lauft schnell und sagt ihm Bescheid, er soll sofort kommen! Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen Mehlsuppe frühstücken. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch! Und schickt noch jemanden zum kleinen Herrn Lan — auch ihm soll dasselbe bestellt werden!“

Drinnen bestätigten die Dienerinnen jeden Satz, knöpften sich dabei die Kleider zu und öffneten das Tor. Zwei, drei von ihnen machten sich sofort in verschiedene Richtungen auf den Weg, noch während sie sich fertig anzogen.

Als Dufthauch hörte, dass ans Hoftor gepocht wurde, ahnte sie, dass etwas Wichtiges vorlag. Während sie schnell jemanden nach draußen schickte, stand sie bereits selbst auf. Nachdem sie die Botschaft vernommen hatte, ließ sie sofort Waschwasser bringen und trieb Schatzjade zum Aufstehen an. Selbst ging sie seine Kleider holen. Da er Aufrecht Kaufmann begleiten sollte, wollte sie ihm nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und wählte daher nur Kleider zweiter Wahl.

Schatzjade blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberüzeilen. Tatsächlich fand er Aufrecht Kaufmann beim Frühstück vor, in bester Stimmung. Hastig entbot Schatzjade seinen Morgengruß. Auch Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann begrüßten ihn.

Aufrecht Kaufmann befahl Schatzjade, Platz zu nehmen und von der Mehlsuppe zu essen. Dann wandte er sich an Unheil Kaufmann und Orchidee Kaufmann: „Beim Bücherstudium steht Schatzjade hinter euch zurück, doch in der Kunst, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserem heutigen Besuch wird man euch gewiss drängen, Verse zu machen — dabei soll euch Schatzjade helfen.“

Noch nie hatte Dame König solch ein Urteil aus dem Munde ihres Gatten gehört. Dies war eine ganz und gar unerwartete Freude.

Bald darauf, nachdem Vater und Söhne aufgebrochen waren und Dame König sich gerade zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Duftblümchen und zwei anderen Schauspielmädchen und berichteten: „Seitdem Duftblümchen neulich die Gnade erfahren hat, freigelassen zu werden, ist sie völlig von Sinnen! Sie trinkt keinen Tee, sie isst keinen Reis. Sie hat Lotoswürzlein und Blütenstäubchen dazu angestiftet, dass alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen, sich die Haare abschneiden und Nonnen werden zu wollen. Wir dachten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind — nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie immer schlimmer, und auch Schläge und Schelte helfen nicht. Wir wissen wirklich keinen Rat mehr und bitten Euch, sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden zu lassen, oder ihnen eine Lektion zu erteilen und sie jemand anderem als Ziehtochter zu geben — für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“

„Unsinn!“ sagte Dame König. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster geht man nicht leichtfertig. Jede bekommt eine Tracht Prügel, und dann werden wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“

Nun hatten sich gerade zum fünfzehnten Tag des achten Monats Nonnen aus den verschiedenen Tempeln eingefunden, um Opfergebäck zu bringen, wie es der Brauch verlangte. Dame König hatte die Nonne Zhitong aus dem Wassermondkloster[4] und Yuanxin vom Dizang-Tempel für ein paar Tage als Gäste behalten.

Als die beiden Nonnen diese Neuigkeiten hörten, brannten sie darauf, die Mädchen als Schülerinnen mitzunehmen — in Wahrheit, um sie als Arbeitskräfte zu benutzen. So sagten sie zu Dame König: „Euer Anwesen ist wahrlich ein Haus guter Menschen, und weil Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, sind auch die Mädchen in dieser Weise erleuchtet worden. Gewiss ist der Eintritt ins Kloster nicht leichtfertig zu nehmen, doch man muss auch wissen, dass nach Buddhas Gesetz alle gleichwertig sind. Unser Buddha hat gelobt, sämtliche Lebewesen zu erlösen, seien es auch nur Hühner und Hunde, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer die Wurzel des Guten in sich traegt und erwachen kann, vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. In den Sutras finden sich genügend Fälle, in denen sogar Tiger, Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben.

Diese Mädchen haben weder Vater noch Mutter, und ihre Heimat ist weit. Sie haben Reichtum und Vornehmheit erlebt und wissen, wie bitter ihr Schicksal von klein auf war, als sie einem leichtfertigen Gewerbe nachgehen mussten. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Deshalb haben sie beschlossen, das Meer des Leidens zu verlassen und im Kloster für ein besseres nächstes Leben zu beten — das ist ein nobler Entschluss. Die gnädige Frau sollte ihre guten Absichten nicht einschränken.“

Dame König war von Natur aus fromm gesinnt. Wenn sie vorhin den Wunsch der Mädchen abgelehnt hatte, so nur, weil sie fürchtete, die jungen Dinger könnten die Entsagung des Klosterlebens nicht ertragen und sich dadurch nur Schuld aufladen. Nun aber klangen die Worte der beiden Nonnen durchaus vernünftig. Zudem hatte der Haushalt in letzter Zeit ohnehin viele Sorgen: Dame Strafe hatte jemanden geschickt, um mitzuteilen, Willkommensfrühling solle nach Hause kommen, damit eine Familie sie sich ansehen könne; und es waren auch schon offizielle Heiratsvermittlerinnen gekommen, um sich nach Erkundefrühling zu erkundigen. Dame König war ohnehin gedanklich überlastet und hatte keine Nerven, sich mit solchen Nebensächlichkeiten zu befassen. Als sie die Worte der Nonnen hörte, lächelte sie und sagte: „Wenn es so ist, warum nehmt ihr sie nicht als eure Schülerinnen mit?“

Die beiden Nonnen sprachen ein Gebet: „Vortrefflich! Vortrefflich! Wenn es so geschieht, ist Euer Verdienst an verborgener Tugend wahrlich nicht gering.“ Dann verneigten sie sich dankend.

Dame König sagte: „Gut, dann fragt sie selbst. Wenn sie es wirklich ernst meinen, sollen sie hier vor mir ihre Lehrmeisterinnen begrüßen und dann mit ihnen gehen.“

Die drei Pflegemütter gingen hinaus und brachten die drei Mädchen herein. Dame König fragte sie noch mehrmals, aber die drei waren fest entschlossen. So knieten sie vor den beiden Nonnen nieder und verabschiedeten sich dann von Dame König. Als Dame König sah, wie entschieden sie waren, wusste sie, dass Zwang keinen Sinn mehr hatte. Gerührt ließ sie einige Geschenke bringen und den Mädchen mitgeben, und auch den beiden Nonnen schickte sie Geschenke.

Von da an folgte Duftblümchen der Nonne Zhitong ins Wassermondkloster, während Blütenstäubchen und Lotoswürzlein der Nonne Yuanxin ins Dizang-Kloster folgten. Alle drei verließen das weltliche Leben.

Was weiter geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Ein Liang (两) entspricht etwa 37,3 Gramm. Zwei Liang hochwertiger Ginseng (人参, rénshēn, Panax ginseng) waren ein beträchtlicher Wert — der Text erwähnt später einen Preis von dreißig Liang Silber pro Liang.
  2. 司棋 (Sīqí), wörtlich „die das Schachspiel Leitende“. Willkommensfrühlings Zofe, die bei der Durchsuchung des Gartens (Kapitel 74) mit einem heimlichen Liebhaber ertappt wurde.
  3. 海棠 (hǎi táng), der Zier-Holzapfelbaum (Malus spectabilis). Im Roman ein wiederkehrendes Symbol: Sein Verwelken wird als Omen für das Schicksal der Bewohner des Hofes der Freude am Roten gedeutet.
  4. 水月庵 (Shuǐyuè Ān), wörtlich „Klause des Wassermondes“. Der Name spielt auf die buddhistische Metapher an, dass die Wirklichkeit so flüchtig ist wie der Mond, der sich im Wasser spiegelt.