Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 82"

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Zweiundachtzigstes Kapitel
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Der alte Gelehrte warnt mit seinen Erläuterungen ein eigensinniges Herz,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_82|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_82|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Die kranke Xiaoxiang erschrickt in verworrenem Traum aus bösem Schlaf
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= Kapitel 82 =
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Wie berichtet, kam Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> aus der Schule zurück und suchte die Alte Ahnin auf. Die Alte Ahnin lachte und sagte: „Gut so, nun ist das wilde Pferd gezäumt! Geh, besuche deinen Vater, und dann kannst du dich ein wenig zerstreuen." Schatzjade gehorchte und ging zu Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref>. Aufrecht Kaufmann fragte: „Schon so früh aus der Schule? Hat der Lehrer dir einen Stundenplan festgelegt?" Schatzjade antwortete: „Ja: Am Morgen die Bücher ordnen, nach dem Essen Schönschrift üben, am Mittag Texte erläutern und Musteraufsätze lesen." Aufrecht Kaufmann nickte und sprach: „Geh nun, setz dich noch eine Weile zur Alten Ahnin. Du solltest auch etwas über die Pflichten des Lebens lernen und nicht nur dem Vergnügen nachjagen. Schlaf abends früh, steh jeden Morgen zeitig auf für die Schule. Hast du verstanden?"
== 老学究讲义警顽心 / 病潇湘痴魂惊恶梦 ==
 
  
ren läßt.“
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Schatzjade beeilte sich, mehrmals „Ja" zu sagen, zog sich zurück, eilte noch schnell zu Frau König hinüber und schaute auch bei der Alten Ahnin vorbei. Dann drängte es ihn hinaus; am liebsten wäre er mit einem einzigen Schritt im Xiaoxiang-Pavillon<ref>Xiaoxiang-Pavillon (潇湘馆): Kajaljades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss in Hunan.</ref> gewesen. Kaum an der Tür angekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!" Was Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> so erschreckte, dass sie zusammenfuhr. Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> hob den Vorhang, und Schatzjade trat ein und setzte sich.
„Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“
 
„Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.
 
Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“
 
„Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“
 
Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch. Bau-yü befahl ihm, sich damit neben ihn zu setzen, und lehnte sich an ihn.
 
Jetzt kam Ein-Pflaster-Wang ein Gedanke. Kichernd trat er näher und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hab‘s! Wahrscheinlich widmet sich der kleine Herr inzwischen schon den Schlafzimmerkünsten und möchte ein Stärkungsmittel haben. Stimmt‘s?“
 
Kaum hatte er das gesagt, fuhr Ming-yän ihn an: „Dafür verdienst du den Tod! Aufs Maul sollte man dir schlagen!“
 
Bau-yü, der gar nicht verstanden hatte, worum es ging, fragte: „Was hat er gesagt?“
 
„Unsinn hat er geschwatzt“, erwiderte Ming-yän kurz angebunden. Ein-Pflaster-Wang aber traute sich vor Schreck nicht, noch weiter zu fragen, und bat: „Sagt es nur klar heraus, kleiner Herr!“
 
„Was ich dich fragen möchte, ist, ob es ein Pflaster gibt, mit dem man eine Frau von der Eifersucht heilen kann“, sagte Bau-yü.
 
„Also nein!“ rief Ein-Pflaster-Wang lächelnd und schlug dabei die Hände zusammen, „dagegen habe ich keine Salbe, und ich habe auch nie gehört, daß es eine gibt, die dagegen hilft.“
 
„Dann sind deine Salben aber nicht viel wert“, urteilte Bau-yü lächelnd.
 
Doch rasch fuhr Ein-Pflaster-Wang fort: „Eine Salbe gegen die Eifersucht ist mir noch nicht untergekommen, aber einen Heiltrank gibt es, der vielleicht dagegen hilft. Nur wirkt er etwas langsam, der Erfolg stellt sich nicht im Handumdrehen ein.
 
„Was für ein Trank ist das? Und wie muß man ihn einnehmen?“ erkundigte sich Bau-.
 
„Er heißt ‚Heiltrank gegen die Eifersucht‘“, gab Ein-Pflaster-Wang Auskunft. „Man kocht eine feste Birne mit zwei Tjiän Kandiszucker und einem Tjiän getrockneter Mandarinenschale in drei Schalen Wasser, bis sie weich ist. Wenn man jeden Morgen so eine Birne ißt, verliert sich die Eifersucht auf die Dauer.
 
„Das wäre nicht teuer, aber ich fürchte, es wird nicht unbedingt helfen“, äußerte Bau-yü.
 
„Wenn eine Portion nicht hilft, nimmt man zehn, und solange die Wirkung nicht eintritt, nimmt man das Mittel weiter“, erläuterte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es in diesem Jahr noch nicht hilft, dann nimmt man es im nächsten weiter. Auf jeden Fall kräftigen alle drei Bestandteile die Lunge, regen den Appetit an und schaden nicht. Das Mittel ist süß und wohlschmeckend und ist auch gut gegen Husten. Wenn man es hundert Jahre genommen hat, stirbt man eines Tages, und wer tot ist, ist nicht mehr eifersüchtig. Spätestens dann setzt also die Wirkung ein.“
 
Kaum hatte er das gesagt, brachen Bau-yü und Ming-yän in Gelächter aus und schalten ihn eine glattzüngige Ochsenfratze.
 
Aber lächelnd entschuldigte sich Ein-Pflaster-Wang: „Es war doch nur ein harmloser Scherz, um dem kleinen Herrn nach dem Essen die Müdigkeit zu vertreiben. Und ist es nicht Geld wert, Euch zum Lachen gebracht zu haben? Um Euch die Wahrheit zu sagen, selbst meine Pflaster sind fauler Zauber. Wenn ich ein wirkliches Medikament kennen würde, hätte ich es schon längst genommen und wäre zum Unsterblichen geworden. Oder meint Ihr, ich würde dann noch hier herumkrebsen?“
 
Als er das eben sagte, war die glückverheißende Stunde gekommen, und er bat Bau-yü hinaus, um das Opfer zu vollziehen und dann die Opferspeisen zu verteilen. Erst als dies alles erledigt war, kehrte Bau-yü nach Hause in die Stadt zurück.
 
Um diese Zeit war Ying-tschun schon eine gute Weile im Hause, und die Sklavinnen der Familie Sun, die sie begleitet hatten, waren mit Abendessen bewirtet und wieder heimgeschickt worden. Jetzt erst klagte Ying-tschun bei Dame Wang im Zimmer schluchzend ihr Leid und berichtete: „Sun Schau-dsu hat nichts anderes im Kopf als Weibergeschichten, Glücksspiele  und  Trinkgelage.  Unter den  Sklavenfrauen und -mädchen  des
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Kajaljade sagte: „Ich hörte undeutlich, dass du zum Unterricht gegangen bist — und bist schon wieder zurück?" Schatzjade rief: „Ach du meine Güte! Wurde ich nicht von Vater zum Lernen gerufen? Mir war, als würde ich euch nie wiedersehen. Mühsam habe ich einen ganzen Tag durchgestanden, und nun, da ich euch wiedersehe, ist es, als wäre ich von den Toten auferstanden. Wie wahr ist doch das alte Wort: ‚Ein Tag gleicht drei Herbsten' — das stimmt vollkommen." Kajaljade fragte: „Warst du schon oben?" Schatzjade antwortete: „Überall war ich schon." Kajaljade fragte: „Und anderswo?" Schatzjade: „Nein." Kajaljade sagte: „Du solltest auch die anderen besuchen." Schatzjade entgegnete: „Ich bin zu träge, mich jetzt noch zu bewegen. Ich möchte nur hier bei Schwester sitzen und ein Weilchen plaudern. Vater verlangt, dass ich früh schlafe und früh aufstehe — die anderen besuche ich morgen." Kajaljade sagte: „Sitz noch ein wenig, dann solltest du dich aber ausruhen." Schatzjade erwiderte: „Ich bin doch gar nicht müde, nur gelangweilt bis zum Ersticken. Gerade jetzt, wo wir zusammensitzen und die Langeweile sich zerstreut hat, treibst du mich schon fort." Kajaljade lächelte leicht und rief Purpurkuckuck zu: „Brüh dem Zweiten Herrn eine Schale meines Longjing-Tees auf. Der Zweite Herr studiert jetzt, das ist nicht mehr wie früher." Purpurkuckuck antwortete lachend, holte die Teeblätter und wies eine kleine Magd an, den Tee aufzubrühen.
Hauses ist kaum noch eine,  mit der er es nicht getrieben hätte.  Nachdem  ich  zwei oder drei Mal versucht hatte, ihm etwas ins Gewissen zu reden, schimpfte er, ich müsse in Essig eingelegt worden sein0. Außerdem behauptete er, mein Vater habe fünftausend Liang Silber von ihm in Verwahrung bekommen, die er nicht ausgeben sollte, und jetzt habe er sie schon ein paarmal zurückverlangt, aber nicht bekommen.
 
Mit dem Finger hat er mir ins Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Meine Gattin willst du sein? Dein Vater hat meine fünftausend Liang Silber veruntreut und dich dafür in Zahlung gegeben. Wenn du dich nicht zu benehmen weißt, kannst du eine Tracht Prügel haben und in der Gesindestube schlafen. Seinerzeit, als dein Großvater noch lebte, stachen ihm der Reichtum und die Vornehmheit unserer Familie dermaßen in die Augen, daß er sich eilig an uns herangemacht hat. Obwohl ich eigentlich zur selben Generation wie dein Vater gehöre, war ich nun gezwungen, den Abstand einer ganzen Generation zu verschenken. Auch deshalb hätte ich mich auf die Hochzeit mit dir nicht einlassen sollen, damit mir niemand nachsagen kann, ich strebte nach Vorteil und Macht.‘“
 
Während sie das erzählte, weinte sie herzzerreißend, und auch Dame Wang und allen Kusinen liefen die Tränen aus den Augen. Was aber konnte Dame Wang anderes tun, als auf sie einzureden: „Was kann man da noch machen, nachdem du einmal an diesen unverständigen Menschen geraten bist? Dein Onkel hat damals deinem Vater geraten, sich nicht auf diese Hochzeit einzulassen. Er aber wollte nicht hören und war ganz Feuer und Flamme dafür, und so ist es dazu gekommen. Es ist dein Schicksal, mein Kind.
 
„Ich kann nicht glauben, daß mir so ein schlechtes Schicksal beschieden ist“, bezweifelte Ying-tschun weinend, „schon als kleines Kind habe ich meine Mutter verloren, dann hatte ich das Glück, hier bei Euch, Tante, ein paar unbeschwerte Jahre verleben zu dürfen, und das soll jetzt das Ergebnis sein?“
 
Dame Wang redete erst weiter begütigend auf Ying-tschun ein und fragte dann, wo sie am liebsten logieren wolle.
 
„Seitdem ich meine Kusinen verlassen mußte, habe ich mich in Schlaf und Traum nach ihnen gesehnt“, erwiderte Ying-tschun. „Außerdem habe ich Sehnsucht nach meinen alten Zimmern im Garten. Wenn ich dort noch einmal drei oder fünf Tage wohnen darf, will ich zufrieden sterben. Wer weiß, ob ich noch ein weiteres Mal Gelegenheit haben werde, dort zu wohnen!“
 
„Hör auf, so zu reden!“ ermahnte Dame Wang sie sogleich. „Ein kleiner Streit zwischen jungen Eheleuten kommt überall einmal vor. Wie kannst du gleich von Tod und Sterben sprechen?!“ Dann gab sie den Auftrag, rasch die Zimmer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herzurichten, und befahl den Mädchen, sie sollten ihrer Kusine Gesellschaft leisten und ihr Mut zusprechen. Bau-yü schärfte sie dann noch ein: „Kein Wort von alledem vor der alten gnädigen Frau! Wenn sie davon erfährt, hat sie es nur von dir.
 
Gehorsam versprach Bau-yü, den Mund zu halten.
 
In dieser Nacht schlief Ying-tschun wieder in ihrem alten Heim, und ihre Kusinen begegneten ihr mit größter Herzlichkeit. Erst drei Tage später begab sich Ying-tschun zu Dame Hsing hinüber. Zuvor aber nahm sie Abschied von der Herzoginmutter und Dame Wang. Als sie den Kusinen auf Wiedersehen sagen mußte, war sie vor Kummer und Schmerz nicht von ihnen loszubringen. Wieder mußten Dame Wang und Tante Hsüä auf sie einreden, ehe sie endlich nachgab und hinüberging.
 
Bei Dame Hsing blieb sie noch zwei Tage, bis Sun Schau-dsu seine Leute schickte, um sie wieder abzuholen. Ying-tschun hatte zwar nicht die geringste Lust, zu ihm zurückzukehren, aber aus Furcht vor seinen Boshaftigkeiten mußte sie sich schließlich bezwingen und Abschied nehmen.
 
Dame Hsing aber war nicht sehr aufmerksam. Sie fragte weder, wie sich die Gatten verstanden, noch erkundigte sie sich, wie Ying-tschun mit der Hausarbeit zu Rande kam. Alles, was sie tat, war, obenhin ihrer Pflicht nachzukommen.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
81. Vier Schöne angeln Glücksfische
 
Baoyu erhält eine Standpauke und muss wieder zur Hausschule
 
  
Nun laßt uns davon erzählen, was nach der Abfahrt von Ying-tschun geschah. Die Dame Hsing tat so, als sei nichts vorgefallen. Der Dame Wang aber, die Ying-tschun großgezogen hatte, ging es wirklich nahe. Man hörte sie in ihrem Zimmer seufzen. Bau-yü trat ein, um ihr seinen Respekt zu erweisen. Sie schien geweint zu haben, und er wagte es nicht, sich zu setzen. So blieb er neben ihr stehen. Erst nachdem seine Mutter ihn aufgefordert hatte, sich zu setzen, nahm er zögernd an der Seite auf dem Ofenbett Platz. Sie sah, daß er teilnahmslos vor sich hinstarrte und offensichtlich etwas auf dem Herzen hatte. Sie fragte: „Warum starrst du schon wieder so?“ Bau-yü antwortete: „Ach nichts, es ist nur, daß ich gestern hörte, in welch be­mitleidenswerter Lage sich Ying-tschun befindet. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, könnte ich ein so großes Unglück genauso wenig ertragen. Ich traue mich zwar nicht, Großmutter davon zu erzählen, konnte aber die beiden letzten Nächte nicht schlafen. Wie kann ein junges Mädchen aus einer Familie wie der unseren so ein Unrecht ertragen? Sie ist auch eine so zerbrechliche Person, sie stritt sich nie mit anderen. Wie schlimm, daß gerade sie auf so einen Unmenschen getroffen ist. Bis dahin wußte sie nichts von den Schwierigkeiten, denen Frauen begegnen können.“ Während er das sagte, fing er fast an zu weinen.
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Schatzjade fuhr fort: „Sprich mir bloß nicht vom Lernen! Mir sind diese moralischen Reden am verhasstesten. Am lächerlichsten sind die Achtgliedrigen Aufsätze: Wenn man sie benutzt, um sich Amt und Brot zu erschwindeln, meinetwegen — aber dann noch zu behaupten, man spräche im Namen der Heiligen und Weisen! Die Besseren flicken wenigstens noch ein paar Klassiker-Stellen zusammen; aber dann gibt es noch eine Sorte, die wirklich zum Lachen ist: im Kopf haben sie nichts, ziehen alles von hier und dort herbei, bis es vor Ochsendämonen und Schlangengöttern wimmelt, und halten sich auch noch für tiefsinnig. Was hat das mit der Darlegung der Lehre der Heiligen zu tun? Und jetzt besteht Vater unablässig darauf, dass ich das lerne — ich wage nicht zu widersprechen. Und du fängst jetzt auch noch vom Lernen an!" Kajaljade erwiderte: „Wir Mädchen brauchen das zwar nicht, aber als ich klein war und bei eurem Lehrer Regendorf unterrichtet wurde, habe ich auch hineingeschaut. Manches darin ist dem Gefühl und der Vernunft nahe, manches ist von klarer Feinheit und stiller Tiefe. Damals verstand ich nicht viel davon, fand es aber schön; man sollte nicht alles über einen Kamm scheren. Zudem ist es für den Erwerb der Beamtenlaufbahn immerhin eine ehrbare Sache." Als Schatzjade das hörte, klang es ihm unangenehm in den Ohren. Er dachte: „Kajaljade war nie so ein Mensch — wieso ist auch sie nun von Ehrgeiz und Eigennutz berauscht?" Aber er wagte nicht, ihr zu widersprechen, und lachte nur leise durch die Nase.
Seine Mutter erwiderte: „Es gibt keinen Ausweg. Ein Sprichwort lautet: Eine verheiratete Tochter ist wie verschüttetes Wasser. Sag’ mir doch, was kann ich schon dagegen tun?“ Bau-yü entgegnete: „Gestern nacht kam mir eine Idee. Wie wäre es, wenn wir Großmutter berichten würden, Ying-tschun zurückzuholen und auf der Insel der Violetten Wassernüsse einzuquartieren, wo wir Geschwister wieder miteinander essen und spielen können? Somit kann sie dem Zorn dieses Bastards der Fa­mi­­lie Sun entgehen. Warten wir ab, bis er kommt, um sie zu holen, wir werden standhaft bleiben. Wenn er sie hundert Mal zurückholen will, werden wir sie hundert Mal behalten. Wir brauchen nur zu sagen, das sei im Sinne der Großmutter. Das ist doch ein tolle Idee, oder?“
 
Als die Dame Wang das gehört hatte, war sie leicht verstimmt, gleichzeitig aber auch amüsiert: „Du redest wieder nur Unsinn. Als Mädchen verläßt man eines Tages das Haus. Ist man verheiratet, dann zieht die Braut zu den Schwiegereltern. Wer nimmt dort auf sie Rücksicht? Die Braut muß sich auf ihr eigenes Schicksal verlassen. Mit etwas Glück hat sie einen guten Ehemann abbekommen. Wenn nicht, kann sie auch nichts dagegen tun. Hast du noch nie gehört: ‚Heiratet man einen Hahn, wird man ein Hahn, heiratet man einen Hund, wird man ein Hund.‘? Nicht jeder hat dasselbe Glück wie deine ältere Schwester, kaiserliche Nebenfrau dritten Ranges zu werden. Ying-tschun ist erst frisch verheiratet und ihr Ehemann noch jung. Ein jeder hat sein eigenes Temperament. Es ist normal, daß es anfängliche Schwierigkeiten zwischen Eheleuten gibt. Nach ein paar Jahren lernt ein jeder das Temperament des anderen kennen. Nach der Geburt eines Sohnes und dem Aufziehen einer Tochter nimmt alles ein gutes Ende. Du solltest in Anwesenheit der Großmutter kein Wort hierüber verlieren. Ich weiß, daß diese Situation dir nicht gefällt. Geh und kümmere dich um deine eigene Angelegenheit und rede hier nicht länger Unsinn!“ Nachdem sie geendet hatte, wagte Bau-yü kein Wort zu sagen, saß noch eine Weile und ging dann zerschlagen hinaus. Er unterdrückte seine Wut im Bauch, wußte nicht, an wem er sie auslassen sollte, lief in den Garten und dann direkt von dort zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Sobald er drinnen war, brach er in Tränen aus.
 
Dai-yü, die sich gerade schön gemacht hatte, erschrak beinahe zu Tode, als sie sah, in welchem Zustand sich Bau-yü befand. Sie fragte besorgt: „Was ist los mit dir? Wer belästigt dich?“ Obwohl sie mehrmals fragte, hielt Bau-yü den Kopf auf den Tisch gesenkt, schluchzte und brachte keinen Ton heraus. Dai-yü saß auf einem Stuhl und sah ihn verwundert an. Nach einer Weile fragte sie: „Hat dich jemand belästigt oder bin ich es, die dir etwas getan hat?“ Bau-yü winkte ab: „Nein, beides nicht.“ – „Warum bist du so unglücklich?“ – „Ich dachte gerade: je früher wir alle sterben, desto besser, weiterzuleben ist wirklich sinnlos.“ Dai-yü erschrak daraufhin erst recht und sagte: „Was redest du da, du mußt wirklich verrückt sein.“
 
Bau-yü erwiderte: „Verrückt bin ich auch nicht. Wenn ich es dir sagen würde, würdest du unter Garantie auch traurig werden. Als Ying-tschun bekümmert heimkam, hast du ja auch gesehen, in welchem Zustand sie hier ankam, und gehört, was sie sagte. Wieso muß man heiraten, wenn man groß wird? Wie man unter anderen zu leiden hat! Kannst du dich an die fröhliche Zeit erinnern, als wir den ‚Begonienbund‘ gründeten, Gedichte vortrugen und die anderen freihielten? Damals war viel los. Schwester Bau-tschai ist nach Hause zurückgekehrt, auch Hsiang-ling kann nicht mehr hierher kommen. Auch meine große Schwester Ying-tschun ist aus dem Haus. Alle Seelenverwandten sind nicht mehr bei mir, deshalb fühle ich mich so elend. Zunächst wollte ich Großmutter bitten, Ying-tschun wieder nach Hause zu holen. Wie hätte ich wissen können, daß dies nicht im Sinne meiner Großmutter war, sie behauptete, ich sei einfältig und redete Unsinn. Ich wagte nicht, ihr zu widersprechen. Sieh nur, in welch kurzer Zeit sich der Zustand des Gartens völlig verändert hat! Wer weiß, wie er in ein paar Jahren aussieht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto trauriger fühle ich mich, ich kann nicht anders.“
 
Dai-yü hörte ihm bis zu Ende zu, senkte langsam den Kopf, der Körper sackte auf das Ofenbett, sie sagte nichts mehr, seufzte und legte sich mit dem Gesicht aufs Bett hin. Dsï-djüan brachte gerade Tee herein und sah beide verwundert an. Dann kam auch Hsi-jën zur Bambushütte, sah Bau-yü und sagte: „Hier sind Sie also, zweiter Herr. Die gnädige Frau verlangt Sie zu sehen. Ich habe Sie schon hier vermutet.“ Dai-yü hörte, daß es Hsi-jën war. Sie richtete sich auf und bat sie, sich zu setzen. Dai-yüs Augen waren rot vom Weinen. Bau-yü sah das und sagte: „Schwester, ich habe eben etwas Unsinniges gesagt, bitte sei deswegen nicht traurig. Was mich angeht, achte lieber auf deine Gesundheit! Ruhe dich ein wenig aus! Ich komme sofort zurück, nachdem ich herausgefunden habe, was Großmutter von mir will.“ Dann ging er hinaus. Behutsam fragte Hsi-jën Dai-yü: „Was ist mit euch beiden wieder einmal los?“ – „Er ist traurig wegen seiner älteren Schwester Ying-tschun. Meine Augen haben nur gejuckt, das ist alles.“ Hsi-jën antwortete nicht und lief Bau-yü hinterher, schlug dann aber einen anderen Weg ein. Bau-yü kam zum Haus der Herzoginmutter, die jedoch bereits ihren Mittagsschlaf hielt. So ging er zurück zu seinem Roten Hof der Freude.
 
Nach dem Mittagsschlaf war ihm langweilig, er griff sich aufs Geratewohl ein Buch und begann zu lesen. Als Hsi-jën sah, daß er las, und begann eilig, Tee aufzugießen. Wer hätte gedacht, dass das Buch, dass er zufällig gegriffen hatte, das „Guyüä-fu“ war, eine Sammlung von alten Gedichten im Stil der Musikamtlieder? Er stieß auf ein Gedicht von Tsau Tsau mit dem Titel „Wein und Gesang sollte man auskosten, wie selten gibt es das im Leben“, es versetzte ihm unmerklich einen Stich ins Herz. So legte er das Buch weg und ergriff ein weiteres – es war Prosa aus der Djin-Dynastie. Schon nach ein paar Seiten legte er das Buch wieder weg, in Gedanken verloren stützte er sein Kinn in die Hand. Als Hsi-jën ihm den Tee brachte und ihn so geistesabwesend sitzen sah, fragte sie ihn: „Wieso hast du bereits aufgehört zu lesen?“ Bau-yü blieb stumm, nahm den Tee, trank einen Schluck und stellte ihn zurück. Hsi-jën, die neben ihm stand, betrachtete verständnislos kopfkratzend eine Weile das Geschehen, bis er endlich aufstand. Er nuschelte: „Was für ein freier Mensch!“ Hsi-jën hörte ihm amüsiert zu, traute sich jedoch nicht, ihn zu fragen. Es blieb ihr nur noch, ihm zu raten: „Wenn du diese Bücher nicht magst, so geh doch im Garten spazieren! Wenn du so nachdenkst, wirst du ja noch krank davon.“ Bau-yü stimmte murmelnd zu, und er verließ geistesabwesend den Raum.
 
Als er nach einer Weile am Duftgetränkten Pavillon angekommen war, bot sich ihm das Bild eines einsamen und verlassenen Ortes. Wieder am Haselwurzpark angekommen, verstärkte sich der Eindruck. Das Duftkraut wuchs wie zuvor, Türen und Fenster waren verriegelt. Im Vorbeigehen am Kiosk des Lotoswurzelduftes konnte man nur ein paar Menschen bei den Liauhsü-Büschen in der Ferne erkennen, die sich mit dem Rücken an ein Geländer lehnten. Ein paar Dienstmädchen suchten auf dem Boden hockend nach etwas. Bau-yü ging leise hinter einen kleinen künstlichen Felsen, um sie zu belauschen. Da hörte er, wie eine sagte: „Taucht er auf oder nicht?“ Das klang wie Li-wën. Eine andere sagte lachend: „Toll, er ist abgetaucht. Ich weiß, sie lassen sich sowieso nicht anlocken.“ Das war die Stimme von Tan-tschun. Eine andere antwortete: „Nein, Schwe­stern, rührt Euch nicht von der Stelle! Wartet nur! Der Bißanzeiger hat sich aufgerichtet.“ Wiederum ein anderes Mädchen rief: „Da ist einer!“ Die letzten beiden Stimmen gehörten Li-tji und Hsing Hsiu-yän.
 
Bau-yü konnte sich nicht zusammenreißen. Er griff nach einem kleinen Ziegelstein und warf ihn ins Wasser. Das dumpfe Geräusch des ins Wasser plumpsenden Steins erschreckte die vier Mädchen. „Wer ist dieser Frechdachs, der uns einen solchen Schrecken einjagt?“ Da sprang Bau-yü lachend hinter dem Hügel hervor: „Ihr amüsiert euch hier ohne mich?“ – Tan-tschun antwortete: „Beinahe hätte ich es mir denken können. Kein anderer kann so frech sein wie unser großer Bruder. Daß du den Fisch vertrieben hast, mußt du wieder gut machen. Das ist dir ja wohl klar! Er kam gerade hoch und war kurz davor anzubeißen, da hast du ihn verscheucht.“ Und Bau-yü lachte nur: „Ihr habt hier euren Spaß ohne mich. Dafür muß ich euch nach wie vor bestrafen.“ Alle mußten lachen. Da schlug Bau-yü vor: „Das Angeln soll unsere Zukunft voraussagen. Wer es schafft, einen Fisch zu fangen, hat dieses Jahr Glück, und wer keinen fängt, der wird eine Pechsträhne haben. Wer fängt an?“ Tan-tschun wollte, daß Li-wën anfing, aber die war damit nicht einverstanden. „Na gut, dann mach’ ich es eben“, entschied sich Tan-tschun lachend und sah Bau-yü an: „Bruder, verscheuche meinen Fisch nicht noch einmal – das kannst du mit mir nicht machen.“ Bau-yü entgegnete: „Eigentlich wollte ich euch eben bloß erschrecken, aber jetzt wollen wir ja alle Fische fangen.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Während sie noch sprachen, hörten sie draußen zwei Personen reden — es waren Herbstmuster und Purpurkuckuck. Herbstmuster sagte: „Schwester Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> hat mich geschickt, ihn bei der Alten Ahnin abzuholen, und nun ist er hier." Purpurkuckuck entgegnete: „Wir haben gerade erst Tee aufgebrüht, lass ihn doch austrinken, bevor er geht." Beide kamen zusammen herein. Schatzjade sagte lachend zu Herbstmuster: „Ich komme gleich, warum musstest du dich bemühen, mich zu suchen?" Ehe Herbstmuster antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Trink schnell deinen Tee und geh — die Leute haben den ganzen Tag an dich gedacht." Herbstmuster spuckte aus: „Pfui! Was für ein freches Ding!" Alle lachten. Schatzjade erhob sich und verabschiedete sich. Kajaljade begleitete ihn bis zur Zimmertür, Purpurkuckuck stand unten an der Treppe, und erst als Schatzjade gegangen war, kehrten sie ins Zimmer zurück.
Tan-tschun warf die Angelschnur ins Wasser, und schneller, als man zehn Sätze sagen kann, hatte ein Beilbauch-Weißfisch angebissen und zog den Bißanzeiger nach unten. Tan-tschun riß die Angelrute hoch, und der Fisch fiel zappelnd auf den Boden.  Dai-schu griff mit beiden Händen nach dem Fisch und gab ihn in ein kleines mit frischem Wasser gefülltes Porzellangefäß. Tan-tschun gab die Angelrute an Li-wën weiter. Sie warf die Angelschnur ebenfalls ins Wasser, aber als sich die Schnur nur ein kleines bißchen bewegte, zog sie diese rasch aus dem Wasser – nichts war am Haken. Sie ließ die Schnur abermals ins Wasser. Erst nach einiger Zeit bewegte diese sich, sie zog sie heraus, und wieder war der Haken leer. Li-wën nahm den Haken näher in Augenschein und erkannte, daß er nach innen gebogen war. „Kein Wunder, daß ich nichts fange.“ Daraufhin ließ sie rasch Su-yün den Haken wieder zurecht biegen und einen neuen Wurm daran befestigen. Oben wurde noch ein Wasserpflanzenblatt angebracht. Nachdem die Angelschnur eine Weile im Wasser geruht hatte, versank das Blatt (das als Stopper diente) senkrecht im Wasser. Eilig zog sie die Schnur heraus. Sie hatte ein fünf Zentimeter großes Karpfenjungtier gefangen. Sie lachte Bau-yü an und sagte: „Jetzt bist du dran.“ Darauf entgegnete er: „Warum lassen wir nicht den anderen beiden Schwestern den Vortritt?“ Hsiu-yän sagte nichts, Li-tji hingegen bestand darauf: „Versuch’ du es, Bruder.“ Während sie sich unterhielten, trat eine Luftblase an die Wasseroberfläche. Tan-tschun sagte: „Ihr verpaßt eure besten Chancen. Ihr müsst Euch nicht immer nur den Vortritt lassen! Die Fische sind alle dort bei Li-tji. Schnell, Schwes­ter Li-tji, angel!
 
Li-tji nahm lachend die Angel. Wie erwartet, biß sofort ein Fisch an. Nachdem Hsiu-yän auch einen gefangen hatte, gab sie die Angel an Tan-tschun zurück, und dann kam erst Bau-yü dran. „Ich werde so gut fischen wie Großvater Djiang, bei dem die Fische freiwillig anbissen“, sagte er, ging die Steinstufen hinunter und setzte sich an den Teichrand und begann zu angeln. Die Fische bemerkten jedoch seinen Schatten und schwammen davon. Obwohl Bau-yü eine ganze Weile die Bambusangel hielt, bewegte sich die Schnur kein bißchen. Auf einmal blubberte ein Fisch an der Seite, und Bau-yü bewegte die Angel so heftig, daß der Fisch erschrocken die Flucht ergriff. Aufgeregt sagte Bau-yü: „Ich bin halt aufgeregter Natur, sie hingegen sind langsam. Was soll ich nur tun? Lieber, lieber Fisch, komm schnell her und hilf mir!“ Alle vier brachen in Gelächter aus.
 
Bau-yü hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da zuckte die Angelschnur. Bau-yü war überglücklich, zog den Fisch kraftvoll nach oben, schlug jedoch mit der Angelrute gegen einen Stein, sie brach entzwei, die Schnur riß ebenfalls,  auch der Haken flog  werweißwohin. Die  Umstehenden
 
  
Li-wën und Li-tji. Aus: Gai Qi 1879.
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Nun kam Schatzjade im Hof der Roten Freude an, betrat sein Zimmer und sah Dufthauch aus dem hinteren Raum entgegenkommen. Sie fragte: „Bist du zurück?" Herbstmuster antwortete: „Der Zweite Herr war schon lange da, er war drüben bei Fräulein Lin." Schatzjade fragte: „Ist heute etwas vorgefallen?" Dufthauch erwiderte: „Eigentlich nichts. Vorhin hat die Gnädige Frau die Schwester Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref> geschickt mit einer Botschaft an uns: Da der Herr Vater nun streng darauf besteht, dass du lernst, werden alle Mägde, die es wagen, mit dir zu scherzen, nach dem Beispiel von Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".</ref> und Schachspielerin bestraft. Wenn ich bedenke, wie ich dich die ganze Zeit bedient habe, nur um mir solche Worte einzuhandeln — da ist wenig Trost dabei." Dabei wurde sie traurig. Schatzjade beeilte sich zu sagen: „Liebe Schwester, sei unbesorgt, ich werde nur brav lernen, und dann wird die Gnädige Frau euch nicht mehr schelten. Heute Abend muss ich noch lesen, morgen verlangt der Lehrer, dass ich einen Text erläutere. Wenn ich etwas brauche, sind Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".</ref> und Herbstmuster ja da — ruh dich aus." Dufthauch sagte: „Wenn du wirklich bereit bist zu lernen, bedienen wir dich gern."
lachten erst recht laut heraus. Tan-tschun sagte: „So einen unbeholfenen Kerl wie dich gibt’s kein zweites Mal.“ Da kam Schë-yüä aufgelöst herbeigeeilt und sagte: „Zweiter junger Herr, die Herzoginmutter ist erwacht und ruft nach Ihnen.“ Alle fünf erschraken.
 
Tan-tschun fragte Schë-yüä: „Was will die Herzoginmutter vom zweiten jungen Herrn?“ Schë-yüä erklärte: „Das weiß ich selbst nicht. Ich habe nur gehört, es gehe um einen Aufruhr, und sie wolle Bau-yü rufen,  um ihn zu befragen, und sie wolle dazu auch Herrin Liän befragen.“ Bau-yü war vor Schreck wie gelähmt und sagte: „Wer weiß, welches Mädchen diesmal krank geworden ist.“ Tan-tschun sagte: „Ich weiß nicht, worum es geht, zweiter älterer Bruder, aber geh schnell! Wenn es eine Neuigkeit gibt, schick’ sie zunächst Schë-yüä, um uns Bescheid zu geben!“ Nachdem sie das gesagt hatte, brach sie mit Li-wën, Li-tji und Hsiu-yän auf.
 
Als Bau-yü in die Gemächer der Herzoginmutter trat, sah er nur, wie seine Mutter ihr Gesellschaft beim Kartenspielen leistete. Da er sah, daß alles in Ordnung war, fühlte er sich schon halb erleichtert. Als die Herzoginmutter ihn eintreten sah, fragte sie ihn: „Als du vorletztes Jahr einmal schwer krank warst, haben dich glücklicherweise ein verrückter Mönch und ein lahmer dauistischer Priester geheilt. Wie hat sich damals die Krankheit angefühlt?“ Bau-yü dachte kurz nach und berichtete dann: „Ich erinnere mich, daß ich, als ich krank wurde, aufrecht stehend das Gefühl hatte, jemand schlüge von hinten mit einem Knüppel auf meinen Kopf. Mir wurde vor Schmerz schwarz vor Augen, das ganze Zimmer war auf einmal voller grüngesichtiger Dämonen mit langen Zähnen, die Messer und Stöcke trugen. Wenn ich auf dem Ofenbett lag, fühlte es sich an, als wenn mein Kopf mit einigen Kopfbändern umschnürt worden sei. Danach wurde ich vor Schmerzen ohnmächtig.
 
Als es mir wieder besser ging, erinnere ich mich, daß in der Haupthalle ein goldener Lichtstrahl direkt in mein Zimmer schien, die Dämonen hatten sich alle verkrochen und waren nicht mehr zu sehen. Mein Kopf schmerzte auch nicht mehr, ich war auf einmal wieder klar.“ Die Herzoginmutter sagte zur Dame Wang: „So ungefähr sah das auch aus.“
 
In dem Moment kam Hsi-fëng ins Zimmer und begrüßte die Herzoginmutter. Als sie sich umdrehte und die Dame Wang begrüßt hatte, fragte sie: „Was will die gnädige Frau mich fragen?“
 
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als du letztes Jahr diesen Anfall von Wahnsinn hattest?“, fragte die Herzoginmutter.
 
Hsi-fëng antwortete lachend: „Ich erinnere mich nicht mehr sehr gut, aber ich glaube, daß ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper hatte. Es war, als sei ich von bösen Geistern besessen, die mich dazu trieben, Leute umzubringen. Was auch immer ich in die Finger bekam, benutzte ich als Waffe und ging auf jeden los, der mir unter die Augen kam. Selbst fühlte ich mich sehr müde, dennoch konnte ich nicht aufhören.“
 
„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es war, als es dir wieder besser ging?“ wollte die Herzoginmutter weiter wissen. Hsi-fëng antwortete: „Als es mir wieder besser ging, war es, als ob jemand aus der Luft mir etwas zuflüsterte. Was es war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ –
 
„So wie du es beschrieben hast, klingt es so, als ob sie dafür verantwortlich gewesen sei. Kusine und Vetter hatten die gleichen Erlebnisse während ihrer Krankheit. Wie kann die alte Hexe so bösartig sein. Wenn ich daran denke, daß wir sie auch noch zu Bau-yüs Patin gemacht haben! Und bei dem buddhistischen Mönch und dem dauistischen Priester, die Bau-yüs Leben gerettet haben, gelobt sei Buddha, haben wir uns noch nicht einmal bedankt.“ –
 
„Warum interessieren Sie sich denn für unsere Anfälle, gnädige Frau?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Frag’ lieber deine Tante, ich möchte nicht darüber sprechen.“
 
Die Dame Wang fing an zu erklären: „Eben war dein ehrwürdiger Onkel hier und erzählte uns, daß Bau-yüs Patin als böse Hexe, die schwarze Magie praktiziert, entlarvt worden ist. Nachdem ihr Geheimnis bekannt geworden war, wurde sie von der Kriminalpolizei festgenommen und ins Gefängnis des Justizministeriums geworfen, wo sie eines Ver­bre­­chens angeklagt werden soll, das mit der Todesstrafe geahndet wird.
 
Vor ein paar Tagen hat irgendein Mann sie angezeigt, ich glaube er heißt Pan San-bau. Er hat sein Haus an die Pfandleihe schräg gegenüber verkauft.
 
Der Kaufpreis war um ein vielfaches höher als der eigentliche Wert des Hauses, aber Pan San-bau kriegte den Hals nicht voll und wollte sogar noch mehr, womit der Pfandleiher aber nicht einverstanden war.
 
Pan San-bau hat die alte Hexe angeheuert, weil sie öfter bei der Familie des Pfandleihers vorbeischaute und sich mit den weib­li­chen Angehörigen des Pfandleihers gut verstand.
 
Diesmal hat sie die Familie allerdings mit einem Fluch belegt, der die Menschen krank machte und Unglück über das Haus brachte.
 
Sie hat auch behauptet, daß sie die Krankheiten heilen könne, und dazu Opfer und Papiergeld verbrannt. Das hat tatsächlich geholfen.
 
Und dafür bekam sie von ihnen über ein Dutzend Liang Silber.
 
Aber weil Buddha alles sieht, mußte sie ja bald entlarvt wer­den:
 
Als sie eines Tages nach Hause eilte, verlor sie ein Seidenbündel.  
 
Der Pfandleiher hob es auf, um es sich anzusehen, und entdeckte darin mehrere Papierpuppen und vier stark riechende Pillen.
 
Er wunderte sich noch darüber, als die Hexe zurückkam, um ihr Bündel zu suchen.
 
Die Leute hielten sie sofort fest und durchsuchten sie, wobei sie eine kleine Schachtel ans Licht zogen, in der zwei nackte Dämonenfiguren aus Elfenbein waren, eine männliche und eine weibliche, und außerdem sieben grellrote Sticknadeln.
 
Er hat die Person sofort zur Kriminalpolizei gebracht, wo sie verhört wurde und Geheimnisse vieler Frauen und Mädchen aus einflußreichen Familien preisgab.
 
Deswegen wurde der Polizei­trup­pe Meldung gemacht, um ihr Haus zu durchsuchen. Dort wurden viele Tonfiguren von bösen Geistern und Dämonen sowie Betäubungsmittel gefunden. Hinter dem Ofenbett befand sich ein leerer Raum mit einer Öllampe mit sieben Flammen, unter der einige Strohpuppen lagen. Manche von ihnen hatten eiserne Bänder um den Kopf, in den Brustkörben von anderen steckten Nägel, und wieder andere waren gefesselt.
 
Im Schrank waren unzählige Papierpuppen. Darunter lagen mehrere Geschäftsbücher, in denen die Namen verschiedener Familien aufgeführt waren und welche Summen die Hexe noch von ihnen erpressen wollte. Für Öl und Räucherstäbchen hatte sie ebenfalls viel Geld bekommen.“
 
Hsi-fëng sagte: „Bestimmt ist sie an unseren Anfällen schuld. Ich erinnere mich, daß ich sie nach unseren Anfällen einige Male bei Tante Dschau gesehen habe. Sie wollte Geld von ihr, und sobald sie mich sah, wurde sie blaß und stierte mich mit ihren pechschwarzen Augen böse an.
 
Ich war ihr gegenüber schon früher gelegentlich argwöhnisch, ohne zu wissen warum. Aber jetzt ist mir alles klar.
 
Da ich den Haushalt führe und es natürlich nicht immer allen recht machen kann, ist es kein Wunder, daß manche Leute mich bestrafen wollen.
 
Aber wieso sollte sich jemand auf so grausame Art und Weise an Bau-yü rächen wollen?“
 
Die Herzoginmutter antwortete: „Ich glaube der Grund dafür ist, daß ich Bau-yü Huan-örl vorziehe. Das sät Zwietracht.“
 
Die Dame Wang entgegnete: „Die alte Hexe muß sich bereits vor Gericht ver­antworten. Wir können sie kaum zur Beweisführung herkommen lassen. Da es keinen Beweis gibt, wird Konkubine Dschau nicht gestehen. Wenn diese ganze Geschichte bekannt wird, macht es keinen guten Ein­druck. Warten wir, bis sie die Suppe ausgelöffelt hat, die sie sich eingebrockt hat. Sie wird sich auf jeden Fall selbst verraten.“ -
 
„Du hast ganz recht“, sagte die Herzoginmutter, „Ohne Beweise kann man das schlecht regeln. Nur Buddha sieht alles, und Kusine und Vetter sind heute schon wieder so gesund und so sehr zu nichts zu gebrauchen wie nur irgendwer. Die Geschichte ist vorbei, Hsi-fëng, auch du solltest nicht mehr an das Vergangene denken! Bevor ihr heute geht, müssen du und deine Tante unbedingt noch mit mir Abend essen.“ Sie befahl Yüan-yang und Hu-po, das Essen zu servieren.
 
Hsi-fëng lächelte und sagte rasch: „Ehrenwerte Ahnin, machen Sie sich bloß keine Umstände!“ Auch die Dame Wang lächelte. Hsi-fëng sah einige Dienstmädchen, die draußen arbeiteten, und bat sofort eine von ihnen, Essen zu bringen: „Die gnädige Frau und ich essen zusammen mit der Herzoginmutter.“ Just in dem Moment kam Yü-tschuan und sagte zur Herzoginmutter: „Der gnädige Herr möchte etwas herausgesucht haben und bittet darum, dass die gnädige Frau, wenn sie mit der alten gnädigen Frau gespeist hat, dies selbst sucht.“ Die Herzoginmutter sagte: „Geh jetzt besser, wahrscheinlich hat dein Mann etwas Wichtiges!“ Die Dame Wang war einverstanden, sie verschwand, es blieb Hsi-fëng zurück, um aufzuwarten.
 
Sie ging zurück in ihr Zimmer, um noch ein wenig mit Djia Dschëng zu plaudern und ihm die gewünschten Sachen zu bringen. Djia Dschëng fragte: „Wie geht es Ying-tschun denn in der Familie Sun? Sie ist doch wieder daheim!?“ Die Dame Wang antwortete: „Sie hat bitterlich geweint und gesagt, ihr Mann sei unheimlich brutal.“ Dann erzählte sie, was Ying-tschun ihr berichtet hatte. Djia Dschëng seufzte: „Ich hatte mir gleich gedacht, daß das nichts wird, aber wenn mein Bruder, der ehrenwerte Herr, etwas beschließt, kann ich nichts dagegen tun. Nur ist Ying-tschun halt diejenige, die darunter zu leiden hat.“ Die Dame Wang sagte: „Sie ist erst seit kurzem verheiratet. Hoffen wir, daß es noch besser wird.“ Dann lachte sie höhnisch auf. Djia Dschëng fragte, warum sie lache. Sie antwortete: „Ich lache über Bau-yü. Heute kam er früh morgens zu mir und redete kindisches Zeug.“ – „Was hat er gesagt?“ Die Dame Wang erzählte es unter Lachen.
 
Djia Dschëng mußte auch lachen und fügte hinzu: „Apropos Bau-yü: Das bringt mich auf etwas. Es ist nicht gut, daß er jeden Tag im Garten spielt. Wenn man eine Tochter gebiert, ist sie keine Hilfe, schließlich wird sie sowieso irgendwann das Haus verlassen. Aber wenn der Sohn keine Hilfe ist, hat das größere Auswirkungen. Neulich hat mir jemand einen Lehrer empfohlen, der wie wir aus dem Süden stammt. Er soll sehr belesen sein und einen guten Charakter haben. Aber ich denke, daß die Leute aus dem Süden zu friedlich sind. Deswegen greifen sie nicht hart gegen unsere Lausebengel aus der Stadt durch. Einige von ihnen sind schlitzohrig und mogeln sich durch, sie trauen sich auch etwas. Die Lehrer aus dem Süden wollen das Gesicht der Kinder wahren. Sie vergeuden ihre Zeit damit, es den Kindern den ganzen Tag recht zu machen. Deshalb wollten unsere Vorfahren auch keine Fremden als Lehrer beschäftigen, sondern baten ältere Familienmitglieder mit ausreichender Bildung, sich um die Familienschule zu kümmern. Djia Dai-ju, der jetzt die Schule leitet, ist zwar nicht über die Maßen gebildet, aber er versteht es, die Kinder zu disziplinieren, und läßt nicht aus Dumm­heit den Dingen ihren Lauf. Ich finde es nicht gut, daß Bau-yü ein so ungeregeltes Leben führt, wir sollten ihn wieder in die Familienschule schicken.“ Die Dame Wang sagte: „Damit habt Ihr recht. Nachdem Ihr auf den Provinzposten versetzt worden wart, war Bau-yü oft krank und hat deswegen den Unterricht ein paar Jahre versäumt. Es wäre gut, wenn er alles noch einmal in der Familienschule auffrischen könnte.“ Djia Dschëng nickte und plauderte noch eine Weile.
 
Am nächsten Morgen stand Bau-yü auf, wusch sich und kämmte seine Haare, als die Diener kamen und ihm die Botschaft übermittelten, daß sein Vater ihn sehen wolle. Bau-yü brachte rasch seine Kleidung in Ordnung und ging in Djia Dschëngs Studierzimmer, wo er grüßte und abwartend stehen blieb. Djia Dschëng fragte ihn: „Was lernst du in letzter Zeit? Obwohl du einiges geschrieben hast, ist es doch oft trivial. Ich habe bemerkt, daß du in den letzten Jahren immer ungezügelter geworden bist. Ich hörte, daß du wegen Krankheiten nicht lernen willst. Heute scheint es dir ja gut zu gehen. Mir ist auch zu Ohren gekommen, daß Du täglich mit deiner Schwester und den Kusinen im Garten lachst und herumalberst, sogar mit den Dienstmägden Hallodrie treibst und dabei alle wichtigen Dinge vernachlässigst. Zwar hast du ein bißchen was an Poesie geschrieben, aber sie taugen nicht viel. Welche Stellen darin sind schon gelungen? Schließlich ist das Aufsatz-Schreiben in der Beamtenprüfung das Wichtigste, und darauf hast du dich gar nicht vorbereitet. Ich sage dir: Von heute an darfst du weder Gedichte noch Parallel­sätze mehr schreiben. Du wirst dich vielmehr intensiv mit dem Verfassen von Achtgliedrigen Essays aus­ein­an­der­set­zen. Ich gebe dir dafür ein Jahr Zeit – wenn du dann keine Fortschritte gemacht hast, brauchst du überhaupt nichts mehr lernen, denn dann will ich dich auch nicht mehr zum Sohn haben!“ Dann rief er nach Li Guee und sagte zu ihm: „Morgen früh soll Bee-ming mit Bau-yü die Bücher zusammensuchen, die er braucht, und sie mir zeigen. Ich werde ihn persönlich wieder in die Familienschule schicken.“ Bau-yü wies er an: „Geh jetzt! Komm morgen zeitig zu mir!“ Bau-yü hörte das, ihm fiel keine Antwort ein, und so ging er in den Roten Hof der Freude zurück.
 
Hsi-jën hatte besorgt auf Bau-yü gewartet, und die Nachricht, daß er wieder in die Schule gehen sollte, erfreute sie. Doch er ließ seiner Großmutter schnell die Neuigkeit überbringen, in der Hoffnung, daß sie noch etwas verhindern könne. Nachdem die Herzoginmutter die Nachricht erhalten hatte, schickte sie nach Bau-yü und sagte dann zu ihm: „Sei unbesorgt und geh erst einmal in die Schule, um den Zorn deines Vaters nicht zu erregen! Solltest du in Schwierigkeiten geraten, gibt es mich ja auch noch.“ Bau-yü blieb nichts anderes übrig, als den Dienerinnen zu sagen: „Weckt mich morgen ganz früh! Der gnädige Herr wünscht, daß ich zur Schule gehe.“ Hsi-jën und die anderen bestätigten die Anweisung. Sie und Schë-yüä hielten die Nacht über abwechselnd Wache, um den nächsten Morgen nicht zu verpassen.
 
Am Morgen des nächsten Tages wurde Bau-yü von Hsi-jën geweckt. Sie half ihm beim Kämmen, Waschen und Anziehen. Dann schickte sie ein Mädchen zum Tor von Bee-ming, welcher ihm helfen sollte, die Bü­cher und anderen Schulsachen zu tragen. Doch sie mußte Bau-yü zweimal antreiben, bevor er das Haus verließ. Als er das Studierzimmer von Djia Dschëng erreichte, fragte er als erstes: „Ist mein Vater bereits da?“ Aus dem Zimmer antwortete Hsiau-schë: „Grade eben bat ein Hausgast den Herrn, Bericht erstatten zu dürfen. Doch dieser sagte, er kämme und wasche sich gerade, und befahl ihm, draußen zu warten.“ Als Bau-yü dies hörte, fühlte er sich ein wenig beruhigter. Er eilte zu Djia Dschëngs Gemächern, er erreichte diese gerade, als sein Vater nach ihm rufen ließ. Er ging mit dem Boten hinein. Wie nicht anders zu erwarten, gab ihm Djia Dschëng noch einige Anweisungen und nahm ihn in seiner Sänfte mit. Bee-ming trug die Bücher und es ging direkt ins Innere der Privatschule.
 
Ein Diener eilte voran, um die Ankunft zu verkünden: „Der Herr ist gekommen.“ Dai-ju stand auf, als Djia Dschëng das Klassenzimmer betrat und ihn begrüßte. Dai-ju ergriff seine Hände, begrüßte ihn und fragte: „Wie geht es Ihrer werten Frau Mutter dieser Tage?“ Daraufhin kam auch Bau-yü, um ihn zu begrüßen, während sein Vater darauf wartete, daß Dai-ju Platz nahm, bevor auch er sich setzte. Djia Dschëng sprach: „Ich habe meinen Sohn heute hierher gebracht, weil ich eine Bitte habe. Er ist kein Kind mehr, und es ist nun für ihn die Zeit gekommen, für die Berufswelt der Erwachsenen zu lernen sowie sich zu behaupten, um sich einen Namen zu machen. Bis heutzutage albert er zu Hause mit den anderen Kindern herum. Obwohl er einiges von Poesie versteht, sind seine Verse unsinnig; auch wenn sie gelungen sind, haben die Ergüsse über Wind und Regen, über Mondschein und Tau, nichts mit den ernsthaften Dingen des Lebens zu tun.“ Dai-ju antwortete: „Er sieht ganz gut aus, und ist auch recht intelligent. Warum studiert er nicht die Bücher? Auch von Poesie kann man etwas lernen. Aber wenn du dich weiter ent­wickeln möchtest, solltest du weiter lernen, und es ist noch nicht zu spät.
 
Djia Dschëng sprach: „Es ist nämlich so, dass wir derzeit eigentlich nur von ihm verlangen, daß er am Unterricht teilnimmt, Texte analysiert und Aufsätze schreibt. Falls er nicht gehorsam ist, bitte ich Sie, ihn gründlich zu disziplinieren, so daß er sein Leben nicht aufgrund mangelnder Bildung vergeudet.“ Nach diesen Worten stand er auf, verbeugte sich mit zusammengelegten Händen, plauderte noch ein bißchen und verabschiedete sich dann höflich. Dai-ju begleitete ihn zur Tür und bat, der Herzoginmutter beste Grüße auszurichten. Djia Dschëng nickte, stieg in die Sänfte und wurde weggetragen. Dai-ju drehte sich um, ging wieder hinein und sah, dass für Bau-yü in der Nähe des südwestlichen Fens­ters ein Pult aus Rosenholz aufgestellt worden war; auf der rechten Seite lagen zwei Stapel alter Bücher und ein dünnes Aufsatzheft. Der Lehrer rief Bee-ming, seine Schreibutensilien für ihn in den Schreibtisch zu räumen. „Bau-yü, ich habe gehört, daß du vor Kurzem krank warst. Geht es dir inzwischen wieder besser?“, fragte Dai-ju. Bau-yü stand auf und antwortete: „Ja, viel besser.“ – „Wenn ich dich heute hier sehe, mußt du aber auch wieder fleißig werden. Dein Vater wünscht sich inständig, dass etwas aus dir wird. Zu Beginn solltest du das, was du bisher gelesen hast, einmal im Kopf neu sortieren. Steh jeden Morgen früh auf, um die Bücher zu repetieren, schreib nach dem Essen Zeichen, analysiere nachmittags Texte, lies Aufsätze mehrfach – und das ist es schon!“ Bau-yü wiederholte: „Gut“, wandte sich zum Hinsetzen um und sah sich dabei un­will­kür­lich nach allen Seiten um. Er sah, wie frühere Mitschüler wie Tjin-dschung verschwunden waren, während die jüngeren, die hinzugekommen waren, alle vulgär und unkul­ti­viert waren. Plötzlich erinnerte er sich an Tjin-dschung und dachte voller Trauer daran, daß es niemanden mehr gab, mit dem er ein vertrauliches Gespräch führen könne. Obwohl er innerlich traurig war, wagte er nicht, etwas zu sagen, sondern verschloß es in seinem Herzen und begann zu lesen. Dai-ju teilte Bau-yü mit: „Da heute dein erster Schultag ist, kannst du heute früher gehen. Morgen interpretieren wir Texte. Da du ja nicht dumm bist, interpretierst du mir morgen ein, zwei Textabschnitte, so dass ich sehen kann, wie viel du in letzter Zeit gelesen hast. Dann weiß ich, wo du stehst.“ Als Bau-yü dies hörte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Wie Bau-yü tags darauf dem Unterricht folgte, erfährt man im nächsten Kapitel.
 
82. Der Schulmeister ermahnt ein unbändiges Herz durch Auszüge aus den Klassikern
 
Die Kranke in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erschrak wegen eines Geisteralptraums.
 
  
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Schatzjade hörte es, aß hastig sein Abendessen und ließ die Lampe anzünden. Er holte die „Vier Bücher" hervor, die er durchgenommen hatte. Nur — wo sollte er anfangen? Er blätterte ein Buch durch: Kapitel für Kapitel schien es ihm verständlich; doch wenn er genauer nachprüfte, war es gar nicht so klar. Er las die Anmerkungen und die Erläuterungen. So trieb er es, bis die erste Nachtwache geschlagen hatte, und dachte bei sich: „Bei Gedichten und Versen fällt mir alles leicht, aber hierbei bin ich völlig ratlos." Er saß da und starrte vor sich hin. Dufthauch sagte: „Ruh dich aus, die Arbeit läuft nicht weg." Schatzjade murmelte nur wirre Antworten.
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Moschusmond und Dufthauch brachten ihn zu Bett, und erst dann legten auch sie sich schlafen. Doch als Dufthauch einmal aufwachte, hörte sie, wie Schatzjade sich auf dem Kang noch immer hin und her wälzte. Sie sagte: „Du bist noch wach? Zergrüble dir nicht den Kopf, schone deine Kräfte, damit du morgen gut lernen kannst." Schatzjade sagte: „Das denke ich auch, nur kann ich nicht einschlafen. Komm, nimm mir eine Decke ab." Dufthauch entgegnete: „Es ist nicht heiß, lass das lieber." Schatzjade sagte: „Mir ist so unruhig ums Herz." Er strampelte die Decke von sich. Dufthauch kroch eilig auf, hielt ihn fest und legte die Hand auf seine Stirn — sie fühlte sich leicht fiebrig an. Sie sagte: „Bleib still liegen, du hast etwas Fieber." Schatzjade bestätigte: „Ja wohl." Dufthauch fragte: „Was soll das nur?" Schatzjade sagte: „Keine Angst, das kommt von meiner inneren Unruhe. Mach keinen Lärm, sonst erfährt Vater es und sagt bestimmt, ich stellte mich krank, um die Schule zu schwänzen — wie käme es sonst, dass die Krankheit so günstig fällt? Morgen bin ich besser, dann gehe ich wie gewohnt zur Schule, und die Sache ist erledigt." Dufthauch empfand Mitleid und sagte: „Ich lege mich neben dich." Sie klopfte ihm eine Weile den Rücken, und ohne es zu bemerken, schliefen beide ein.
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Erst als die rote Sonne hoch am Himmel stand, wachten sie auf. Schatzjade rief: „Das ist schlimm, es ist spät!" Eilig wusch und kämmte er sich, fragte nach dem Befinden der Eltern und eilte zur Schule. Dairu hatte schon ein finsteres Gesicht aufgesetzt und sagte: „Kein Wunder, dass dein Vater sich ärgert und sagt, du taugst nichts! Am zweiten Tag bist du schon faul — was ist das für eine Zeit, um zu kommen?" Schatzjade erklärte das Fieber vom Vorabend, und damit war die Sache überstanden; er lernte wie gewohnt weiter.
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Am späten Nachmittag sagte Dairu: „Schatzjade, da ist ein Kapitel — komm und erläutere es mir." Schatzjade kam herbei und sah, dass es das Kapitel „Die junge Generation ist zu fürchten" war. Schatzjade dachte bei sich: „Das geht noch an, zum Glück ist es nicht aus dem ‚Großen Lernen' oder der ‚Lehre von der Mitte'." Er fragte: „Wie soll ich es erläutern?" Dairu antwortete: „Erkläre mir den Kerngedanken und die einzelnen Sätze ausführlich." Schatzjade las das Kapitel erst einmal laut vor und sagte dann: „In diesem Kapitel ermutigt der Heilige die junge Generation, sich rechtzeitig anzustrengen, damit sie nicht am Ende …" An dieser Stelle hielt er inne und blickte zu Dairu auf. Dairu bemerkte es, lächelte und sprach: „Sprich nur weiter. Beim Erläutern von Texten gibt es keine Tabus. Im ‚Buch der Riten' heißt es: ‚Beim Lesen von Texten gelten keine Namenstabus.' Sprich frei. ‚Damit sie nicht am Ende' — was?" Schatzjade fuhr fort: „Damit sie nicht am Ende alt werden, ohne etwas erreicht zu haben. Zunächst spornt der Heilige mit den Worten ‚zu fürchten' den Ehrgeiz der jungen Generation an; dann warnt er mit ‚nicht mehr zu fürchten' vor einer verschwendeten Zukunft." Damit blickte er Dairu an. Dairu sagte: „Das mag angehen. Und die fortlaufende Erläuterung?" Schatzjade sagte: „Der Heilige sprach: Wenn ein Mensch jung ist, sind sein Verstand und seine Fähigkeiten überaus klug und tüchtig — das ist wahrhaft furchteinflößend. Wie kann man da im Voraus wissen, ob seine Zukunft nicht so sein wird wie meine Gegenwart? Wenn er aber sorglos und nachlässig mit vierzig oder fünfzig Jahren immer noch nichts erreicht hat, dann wird er, obgleich er in seiner Jugend vielversprechend wirkte, sein ganzes Leben lang von niemandem mehr gefürchtet werden." Dairu lachte und sagte: „Den Kerngedanken hast du eben klar dargelegt, nur in den einzelnen Sätzen ist noch etwas Kindisches. Die Worte ‚ohne Ruf' bedeuten nicht, dass man es nicht zu Amt und Karriere bringt. ‚Ruf' bedeutet, dass man wahrhaft die Vernunft durchdrungen und den rechten Weg erkannt hat; dann hat man auch ohne Amt einen ‚Ruf'. Andernfalls — gab es unter den alten Heiligen und Weisen nicht auch solche, die sich von der Welt zurückzogen und unbekannt blieben? Waren das etwa keine Menschen ohne Amt? Kann man ihnen etwa ‚keinen Ruf' zuschreiben? ‚Nicht mehr zu fürchten' bedeutet, dass man ihn einschätzen kann — dies steht dem ‚Wie kann man wissen' des ‚Wissens' gegenüber und hat nicht die Bedeutung von ‚fürchten'. Erst wenn man es von dieser Seite betrachtet, dringt man ins Detail vor. Verstehst du?" Schatzjade antwortete: „Ja, ich verstehe."
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Dairu fuhr fort: „Noch ein Kapitel sollst du erläutern." Er blätterte eine Seite vor und zeigte es Schatzjade. Schatzjade sah, dass es sich um „Ich habe noch keinen gesehen, der die Tugend so liebte wie die Schönheit" handelte. Schatzjade spürte, dass dieses Kapitel sein Innerstes traf, und sagte mit verlegenem Lächeln: „Über diesen Satz gibt es nicht viel zu sagen." Dairu rief: „Unsinn! Wenn bei einer Prüfung dieses Thema gestellt würde, würdest du auch sagen, darüber lasse sich nichts schreiben?" Schatzjade musste sich fügen und erläuterte: „Der Heilige sah, dass die Menschen die Tugend nicht pflegen wollten. Sobald sie Schönheit erblickten, waren sie ganz und gar hingerissen. Sie bedachten nicht, dass die Tugend etwas ist, das der menschlichen Natur von Anbeginn innewohnt, und doch will niemand sie pflegen. Was aber die Schönheit betrifft — sie ist zwar auch etwas, das man von Geburt an mitbringt, und niemand liebt sie nicht. Doch die Tugend ist himmlische Vernunft, die Schönheit hingegen menschliche Begierde. Wie könnte der Mensch bereit sein, die himmlische Vernunft ebenso zu lieben wie die menschliche Begierde? Obwohl der Heilige damit sein Bedauern ausdrückt, hofft er zugleich, dass die Menschen umkehren. Zudem zeigt er, dass es zwar Menschen gibt, die die Tugend lieben, doch ihre Liebe bleibt stets oberflächlich. Erst wenn man sie so liebte wie die Schönheit, wäre es wahre Tugendliebe."
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Dairu sagte: „Das ist auch noch annehmbar. Aber ich habe eine Frage an dich: Du verstehst die Worte des Heiligen — warum leidest du selbst gerade an diesen beiden Gebrechen? Obgleich ich nicht in eurem Haus wohne und dein Vater mir nichts davon erzählt hat, kenne ich doch alle deine Schwächen genau. Als Mensch — wie kann man nicht nach Fortschritt streben? Du bist jetzt gerade im Alter, da ‚die junge Generation zu fürchten' ist: Ob du ‚einen Ruf erlangst' oder ‚nicht mehr zu fürchten bist', liegt ganz in deiner eigenen Hand. Ich gebe dir jetzt einen Monat, um alle alten Texte vollständig aufzuarbeiten; dann noch einen Monat für die Aufsätze. Danach werde ich dir Themen stellen und Aufsätze von dir verlangen. Wehe, du wirst nachlässig — das werde ich keinesfalls dulden! Wie das alte Sprichwort sagt: ‚Wer etwas werden will, hat keine Ruhe; wer Ruhe will, wird nichts.' Merke dir meine Worte gut." Schatzjade sagte ja und musste sich fügen, Tag für Tag seinen Aufgaben nachzugehen. Davon sei nicht weiter berichtet.
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Nun war es so, dass nach Schatzjades Eintritt in die Schule der Hof der Roten Freude sich überaus ruhig und still anfühlte. Dufthauch konnte endlich einige Handarbeiten erledigen. Sie nahm Nadel und Faden zur Hand, um eine Betelnussbeutel-Stickerei anzufertigen, und dachte: „Jetzt, da Schatzjade seinen Lehrplan hat, haben die Mägde auch Ruhe. Hätte es so von Anfang an sein sollen, wäre Heitermuster nicht zu einem so kläglichen Ende gekommen." Wie der Hase stirbt und der Fuchs trauert, seufzte sie unwillkürlich. Dann dachte sie plötzlich an ihr eigenes Schicksal: „Ich bin ja nicht Schatzjades Hauptfrau, sondern nur eine Nebenfrau. Schatzjades Charakter kann man zwar vertrauen, aber wenn er einmal eine strenge Gattin bekommt, werde ich vielleicht ein zweites Schicksal wie Zweitschwester Sonders oder Duftkastanie erleiden. Nach allem, was die Alte Ahnin und Frau König durchblicken lassen und was Phönixglanz immer wieder andeutet, wird es zweifellos Kajaljade sein. Und Kajaljade ist nun einmal ein überaus empfindlicher Mensch." Bei diesem Gedanken wurde ihr Gesicht heiß und ihr Herz klopfte; die Nadel stach irgendwohin. Sie legte die Handarbeit beiseite und ging zu Kajaljade hinüber, um ihre Stimmung auszuloten.
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Kajaljade saß gerade da und las. Als sie Dufthauch sah, erhob sie sich leicht und bat sie, Platz zu nehmen. Dufthauch kam ebenfalls eilig entgegen und fragte: „Geht es dem Fräulein in den letzten Tagen viel besser?" Kajaljade erwiderte: „Wie könnte das sein? Nur ein wenig kräftiger bin ich. Was machst du zu Hause?" Dufthauch sagte: „Seit der Zweite Herr in der Schule ist, gibt es im Hause nicht das Geringste zu tun, und so bin ich gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen und ein wenig zu plaudern."
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Während sie sprachen, brachte Purpurkuckuck den Tee. Dufthauch sprang eilig auf und sagte: „Bleib sitzen, Schwester." Dann lachte sie und fuhr fort: „Neulich hörte ich von Herbstmuster, dass du hinter meinem Rücken etwas über uns gesagt hast." Purpurkuckuck lachte ebenfalls: „Glaub ihr doch nicht, Schwester. Ich sagte nur, dass der Zweite Herr jetzt in der Schule ist, das Fräulein Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> nicht mehr herüberkommt und selbst Duftkastanie nicht mehr vorbeischaut — da langweilt man sich natürlich." Dufthauch sagte: „Du erwähnst Duftkastanie — die hat es wirklich schwer! Mit dieser Unheilsgöttin von Schwägerin — wie soll sie das nur aushalten?" Sie streckte zwei Finger aus und sagte: „Die ist, wenn ich so sagen darf, noch schlimmer als jene andere, die nicht einmal mehr den Anstand nach außen wahrt." Kajaljade schloss sich an: „Ja, die hat genug gelitten. Wie ist die Zweitschwester Sonders ums Leben gekommen?" Dufthauch sagte: „Nicht wahr? Bedenkt man es recht, sind doch alle Menschen gleich — nur weil der Status ein wenig anders ist, warum solche Grausamkeit? Auch der Ruf nach draußen ist nicht gut." Kajaljade hatte noch nie gehört, dass Dufthauch hinter anderer Leute Rücken so sprach. Da diese Worte einen Grund zu haben schienen, rührte es etwas in ihrem Herzen, und sie sagte: „Das ist schwer zu sagen. In Familienangelegenheiten ist es eben so: Entweder beugt der Ostwind den Westwind nieder, oder der Westwind beugt den Ostwind nieder." Dufthauch erwiderte: „Wer nur die Nebenfrau ist, hat von vornherein schon Angst im Herzen — wie sollte sie da wagen, andere zu schikanieren?"
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Während sie noch sprachen, fragte eine alte Dienerin draußen im Hof: „Ist dies das Gemach des Fräuleins Lin? Ist die Schwester hier?" Schneegans kam heraus und erkannte sie undeutlich als jemanden aus Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref>s Haushalt. Sie fragte: „Was gibt es?" Die Alte antwortete: „Unser Fräulein schickt mich, dem Fräulein Lin hier etwas zu bringen." Schneegans sagte: „Warte einen Augenblick." Schneegans ging hinein und meldete es Kajaljade. Kajaljade ließ sie hereinführen.
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Die Alte trat ein, grüßte und musterte, statt zu sagen, was sie brächte, zunächst Kajaljade mit zusammengekniffenen Augen. Kajaljade wurde es unangenehm und sie fragte: „Was lässt das Fräulein Bao mir bringen?" Erst jetzt lachte die Alte und antwortete: „Unser Fräulein lässt dem Fräulein ein Glas eingelegte Litschis schicken." Dann erblickte sie Dufthauch und fragte: „Ist diese junge Dame nicht die Blumen-Schwester aus dem Gemach des Zweiten Herrn Bao?" Dufthauch lachte: „Woher kennt Ihr mich, Mütterchen?" Die Alte lachte: „Wir hüten nur die Zimmer bei der Gnädigen Frau und begleiten Gnädige Frau und die Fräulein selten nach draußen, daher kennen wir die Fräulein nicht alle. Wenn die Fräulein aber gelegentlich zu uns herüberkommen, erinnern wir uns vage." Damit reichte sie Schneegans ein Glas, wandte sich wieder um, betrachtete Kajaljade und sagte lachend zu Dufthauch: „Kein Wunder, dass unsere Gnädige Frau sagt, dieses Fräulein Lin und Euer Zweiter Herr Bao seien füreinander bestimmt — wahrhaftig, wie ein Wesen aus dem Himmel."
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Dufthauch merkte, dass die Alte unbedacht sprach, und lenkte schnell ab: „Mütterchen, Ihr seid gewiss müde, setzt Euch und trinkt eine Tasse Tee." Die Alte lachte vergnügt: „Wir sind gerade beschäftigt — alle sind mit den Angelegenheiten des Fräuleins Qin beschäftigt. Das Fräulein hat noch zwei Gläser Litschis, die dem Zweiten Herrn Bao gebracht werden sollen." Damit verabschiedete sie sich zitternd und schlurfend. Kajaljade ärgerte sich zwar über die Unverschämtheit der Alten, aber da Schatzspange sie geschickt hatte, konnte sie ihr nichts antun. Erst als die Alte zur Tür hinaus war, rief sie ihr nach: „Richtet Eurem Fräulein meinen Dank für die Mühe aus." Die alte Dienerin murmelte noch vor sich hin: „Bei solcher Schönheit — wer außer Schatzjade wäre ihrer würdig?" Kajaljade tat, als hätte sie nichts gehört. Dufthauch lachte: „Wie kommt es, dass alte Leute so wirres Zeug reden? Man ärgert sich und muss gleichzeitig lachen." Bald brachte Schneegans das Glas herüber und zeigte es Kajaljade. Kajaljade sagte: „Ich habe keine Lust zu essen, stell es fort." Sie plauderten noch eine Weile, dann ging Dufthauch.
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Als das Abendlicht bereits verblasste, betrat Kajaljade das innere Gemach. Ihr Blick fiel zufällig auf das Litschi-Glas, und unwillkürlich erinnerte sie sich an das wirre Gerede der alten Dienerin vom Tage — es stach ihr ins Herz. In dieser stillen Abendstunde überkamen sie tausend Sorgen und Kümmernisse. Sie dachte: „Mein Körper ist schwach, und ich werde älter. Schatzjades Herz gehört zwar keinem anderen, doch die Alte Ahnin und die Tante zeigen nicht die geringste Absicht. Warum haben meine Eltern, als sie noch lebten, diese Verlobung nicht früh festgelegt?" Dann dachte sie wieder: „Hätten meine Eltern mich damals anderswo verlobt, wo fände ich einen Mann von Schatzjades Aussehen und Charakter? So wie die Dinge jetzt stehen, gibt es vielleicht noch Hoffnung." Ihr Herz schwankte hin und her, die Gedanken verschlangen sich wie eine Seilwinde. Sie seufzte eine Weile, vergoss einige Tränen, und ohne Stimmung und Regung legte sie sich angekleidet nieder.
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Ohne es zu merken, sah sie ein kleines Mädchen kommen, das sagte: „Draußen ist der alte Herr Jia, Regendorf — er bittet das Fräulein um eine Audienz." Kajaljade sagte: „Obwohl ich bei ihm Unterricht hatte, bin ich doch nicht wie ein männlicher Schüler — warum sollte er mich sehen wollen? Zudem hat er bei seinen Besuchen beim Onkel mich nie erwähnt, ich muss ihn also nicht empfangen." Sie wies das Mädchen an: „Sage ihm, ich sei krank und könne nicht herauskommen. Er möge mir seinen Gruß bestellen." Das Mädchen sagte: „Aber er will dem Fräulein gratulieren — aus Nanjing sind Leute gekommen, um Euch abzuholen."
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Da kamen auch noch Phönixglanz zusammen mit Frau Strafe, Frau König und Schatzspange und sagten lachend: „Wir kommen zum einen, um zu gratulieren, zum anderen, um Abschied zu nehmen." Kajaljade erschrak: „Was redet ihr?" Phönixglanz sagte: „Tu nicht so ahnungslos! Weißt du denn nicht, dass der Herr Lin zum Getreide-Intendanten von Hubei befördert wurde und eine Stiefmutter geheiratet hat, die ihm sehr nach dem Herzen ist? Nun meint man, dass es nicht angehe, dich hier sitzen zu lassen. Man hat Regendorf Kaufmann als Heiratsvermittler gebeten, der dich irgendeinem Verwandten deiner Stiefmutter versprochen hat — es heißt, es sei eine Zweitehe. Deshalb schickt man Leute, um dich nach Hause zu holen. Sobald du ankommst, wird die Hochzeit stattfinden. Alles bestimmt deine Stiefmutter. Weil man befürchtet, dass du auf dem Weg nicht versorgt bist, soll dein Cousin Lian dich begleiten." Kajaljade brach der kalte Schweiß aus. Gleichzeitig schien es ihr undeutlich, als sei ihr Vater wirklich dort im Amt. Ihr Herz drängte; sie beharrte: „Das stimmt nicht, Schwester Phönix treibt ihren Scherz!" Da zwinkerte Frau Strafe Frau König zu: „Sie glaubt es noch nicht! Kommt, gehen wir." Kajaljade sagte mit Tränen: „Bitte bleibt doch einen Moment." Niemand antwortete; alle gingen mit kaltem Lächeln fort.
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Kajaljades Herz brannte vor Angst, doch sie konnte kein Wort hervorbringen. Schluchzend und würgend schien sie plötzlich wieder bei der Alten Ahnin zu sein. Sie dachte: „Wenn es überhaupt Rettung gibt, dann nur durch die Alte Ahnin." Sie kniete nieder, umklammerte die Beine der Alten Ahnin und flehte: „Alte Ahnin, rette mich! In den Süden gehe ich um keinen Preis — und mit einer Stiefmutter, die nicht meine leibliche Mutter ist! Ich will bei der Alten Ahnin bleiben." Doch die Alte Ahnin blickte sie starr an und sagte lächelnd: „Das geht mich nichts an." Kajaljade weinte: „Alte Ahnin, was soll das nur?" Die Alte Ahnin sagte: „Eine Zweitehe ist doch auch nicht schlecht — da bekommst du noch eine Mitgift dazu." Kajaljade schluchzte: „Ich werde der Alten Ahnin keinen unnötigen Groschen kosten, ich bitte nur, dass die Alte Ahnin mich rettet!" Die Alte Ahnin sagte: „Es nützt nichts mehr. Als Frau musst du irgendwann heiraten. Du als Kind verstehst das nicht — hier zu bleiben ist auf Dauer keine Lösung." Kajaljade schluchzte: „Ich will hier bleiben, und sei es als Magd, die sich selbst versorgt und ihr eigenes Brot verdient — wenn nur die Alte Ahnin entscheidet!" Die Alte Ahnin schwieg beharrlich. Kajaljade umklammerte sie weinend: „Alte Ahnin, Ihr wart immer die Gütigste und habt mich am meisten geliebt — warum kümmert Ihr Euch in der Not gar nicht? Sagt nicht, ich sei nur Eure Enkelin mütterlicherseits und stünde Euch ferner — meine Mutter war Eure leibliche Tochter! Um meiner Mutter willen solltet Ihr mich doch beschützen." Sie warf sich weinend in deren Arme. Doch die Alte Ahnin sagte: „Mandarinenente, bring das Fräulein hinaus, damit sie sich ausruht — sie hat mich ganz erschöpft."
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Kajaljade erkannte, dass alles verloren war und weiteres Flehen nutzlos. Lieber wollte sie in den Tod gehen. Sie stand auf und stürzte hinaus, in tiefem Schmerz darüber, keine leibliche Mutter mehr zu haben. Die Großmutter, die Tanten, die Schwestern — wie gut sie sie immer behandelt hatten! Nun zeigte sich, dass alles nur Schein gewesen war. Dann dachte sie: „Wo ist heute Schatzjade? Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte — hat er vielleicht ein Mittel?" Da stand Schatzjade vor ihr und sagte grinsend: „Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen!"
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Als Kajaljade das hörte, wurde ihre Verzweiflung grenzenlos. Alle Rücksicht vergessend, packte sie Schatzjade fest und rief: „Gut, Schatzjade! Heute erst erkenne ich, was für ein herzloser, treuloser Mensch du bist!" Schatzjade erwiderte: „Wieso herzlos und treulos? Da du nun einem anderen versprochen bist, geht jeder seinen eigenen Weg." Kajaljade wurde mit jedem Wort wütender und ratloser, klammerte sich weinend an Schatzjade und rief: „Guter Bruder, wohin soll ich gehen?" Schatzjade sagte: „Wenn du nicht gehen willst, bleib hier. Du warst doch mir versprochen, deshalb bist du in unser Haus gekommen. Wie ich dich behandelt habe — denk doch daran."
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Kajaljade war es undeutlich zumute, als hätte sie Schatzjade tatsächlich einst ihr Jawort gegeben. Plötzlich wandelte sich ihre Trauer in Freude, und sie fragte: „Ich bin nun fest entschlossen, auf Leben und Tod — sagst du mir nun endgültig, soll ich gehen oder nicht?" Schatzjade antwortete: „Ich sage dir, du sollst hierbleiben. Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir mein Herz an." Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und ritzte sich quer über die Brust. Frisches Blut strömte hervor. Kajaljade erschrak zu Tode, presste die Hand auf Schatzjades Herz und schluchzte: „Was hast du getan? Töte lieber erst mich!" Schatzjade sagte: „Hab keine Angst, ich zeige dir mein Herz." Dabei griff er mit der Hand in die aufgeritzte Stelle. Kajaljade zitterte, weinte und fürchtete, man könnte sie überraschen. Sie umklammerte Schatzjade und schluchzte bitterlich. Schatzjade rief: „Es ist zu spät! Mein Herz ist fort — ich kann nicht leben!" Seine Augen verdrehten sich nach oben, und mit einem dumpfen Laut fiel er um.
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Kajaljade schrie aus Leibeskräften, da hörte sie Purpurkuckuck rufen: „Fräulein, Fräulein! Ein Albtraum hat Euch gepackt — wacht auf, zieht Euch um und legt Euch schlafen." Kajaljade wälzte sich um — es war nur ein böser Traum gewesen. In der Kehle würgte es sie noch, das Herz hämmerte wild. Das Kopfkissen war durchnässt, Schultern und Rücken fühlten sich eiskalt an. Sie überlegte: „Meine Eltern sind längst tot, und zwischen Schatzjade und mir ist noch nichts vereinbart — wie kam ich auf solche Gedanken?" Dann dachte sie an den Traum: So hilflos und verlassen! Und wenn Schatzjade wirklich stürbe — was sollte sie dann tun? Aus dem Schmerz erwuchs neuer Schmerz, und ihre Seele geriet in Aufruhr.
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Sie weinte noch eine Weile, und am ganzen Körper trat leichter Schweiß hervor. Mühsam richtete sie sich auf, zog den äußeren Mantel aus, ließ sich von Purpurkuckuck die Decke richten und legte sich wieder hin. Doch sie wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Draußen hörte sie ein Rauschen und Rascheln, das wie Wind, aber auch wie Regen klang. Dann war es wieder still, und von fern hörte sie Rufe — doch es war nur Purpurkuckuck, die bereits schlief und deren Atem hörbar ein und aus ging. Mühsam richtete sie sich auf, wickelte sich in die Decke und saß eine Weile da. Aus den Fensterfugen drang ein kühler Luftzug, der ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte. Sie legte sich wieder hin. Gerade wollte sie in einen Halbschlummer sinken, da hörte sie auf dem Bambus unzählige Spatzen zwitschern und piepsen, ohne aufzuhören. Das Fensterpapier wurde durch den Rahmen hindurch allmählich von klarem Licht durchschienen.
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Kajaljade war nun hellwach, die Augen weit offen. Bald begann sie zu husten, und auch Purpurkuckuck wurde davon geweckt. Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, seid Ihr immer noch nicht eingeschlafen? Wieder hustet Ihr — vermutlich habt Ihr Euch erkältet. Das Fensterpapier wird schon hell, es wird bald Morgen. Ruht Euch aus, schont Eure Kräfte und grübelt nicht endlos hin und her." Kajaljade sagte: „Ich möchte ja schlafen, aber ich kann nicht. Schlaf du weiter." Dann hustete sie erneut. Purpurkuckuck sah Kajaljades Zustand, und auch ihr Herz zog sich zusammen; sie konnte nicht mehr schlafen. Als sie Kajaljade wieder husten hörte, stand sie eilig auf und hielt ihr die Spuckschale hin. Inzwischen war es hell geworden. Kajaljade fragte: „Willst du nicht mehr schlafen?" Purpurkuckuck lachte: „Es ist schon Tag — was soll ich noch schlafen?" Kajaljade sagte: „Dann wechsle die Spuckschale."
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Purpurkuckuck antwortete bejahend, eilte hinaus, wechselte die Spuckschale und stellte die benutzte auf den Tisch. Sie öffnete die Tür des inneren Gemachs, zog sie wieder zu, ließ den bestickten Vorhang herab, weckte Schneegans und öffnete die äußere Tür. Als sie die Schale ausleeren wollte, sah sie, dass sie randvoll mit Schleim war — und im Schleim waren Blutflecken. Purpurkuckuck erschrak, und unwillkürlich entfuhr ihr: „O weh! Das darf doch nicht wahr sein!" Kajaljade rief von drinnen: „Was ist denn?" Purpurkuckuck bemerkte ihren Versprecher und korrigierte sich schnell: „Mir ist die Schale beinahe aus der Hand gerutscht." Kajaljade fragte: „Ist etwa etwas mit dem Auswurf in der Schale?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, nichts." Während sie diese Worte sprach, wurde ihr das Herz schwer, die Tränen liefen ihr herab, und ihre Stimme klang schon ganz verändert.
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Kajaljade hatte selbst schon einen süßlich-blutigen Geschmack in der Kehle gespürt und war misstrauisch geworden. Als sie vorhin Purpurkuckucks erschrockenen Ausruf gehört hatte und nun auch Purpurkuckucks traurige Stimme vernahm, wusste sie fast sicher, woran sie war. Sie rief: „Komm herein, du erkältest dich draußen." Purpurkuckuck antwortete — und dieser Ton war noch trauriger als zuvor, ein Klang unterdrückter Tränen. Als Kajaljade das hörte, wurde ihr eiskalt. Sie sah Purpurkuckuck hereinkommen und sich mit dem Tuch die Augen wischen. Kajaljade fragte: „So früh am Morgen, warum weinst du?" Purpurkuckuck zwang sich zu einem Lächeln: „Wer weint denn? Heute Morgen sind meine Augen etwas gereizt. Fräulein, Ihr wart heute Nacht wohl noch länger wach als gewöhnlich? Ich hörte Euch die halbe Nacht husten." Kajaljade sagte: „Allerdings. Je mehr ich schlafen wollte, desto wacher wurde ich." Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, Ihr müsst Euch selbst Erleichterung verschaffen, wenn Ihr nicht gesund seid. Der Körper ist das Wichtigste. Wie das Sprichwort sagt: ‚Solange die grünen Berge stehen, braucht man kein Brennholz zu fürchten.' Zudem gibt es hier, von der Alten Ahnin und der Gnädigen Frau angefangen, niemanden, der das Fräulein nicht liebte!" Bei diesen Worten wurde Kajaljade an ihren Traum erinnert, und sie fühlte einen Stich im Herzen, ihre Augen verdunkelten sich, ihre Farbe veränderte sich. Purpurkuckuck hielt schnell die Spuckschale hin, Schneegans klopfte ihr den Rücken, und nach langer Zeit spuckte Kajaljade einen Klumpen Schleim aus — darin ein Streifen purpurnen Blutes, der zitternd aufspritzte. Purpurkuckuck und Schneegans wurden leichenblass vor Schreck. Sie wachten zu beiden Seiten, und Kajaljade sank benommen zurück. Purpurkuckuck sah, dass es schlimm stand, und deutete mit einer Geste Schneegans an, jemanden zu rufen.
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Schneegans trat gerade vor die Tür, da kamen Cuilü und Cuimo lachend herbei. Cuilü fragte: „Warum ist das Fräulein Lin zu so später Stunde noch nicht herausgekommen? Unser Fräulein und das Dritte Fräulein sind drüben beim Vierten Fräulein und besprechen das Gemälde, das sie von der Gartenlandschaft gemalt hat." Schneegans winkte hastig mit den Händen. Cuilü und Cuimo erschraken und fragten: „Was ist geschehen?" Schneegans erzählte ihnen alles. Beide streckten erschrocken die Zunge heraus und sagten: „Das ist kein Spaß! Warum habt ihr es nicht der Alten Ahnin gemeldet? So geht das doch nicht! Wie könnt ihr nur so begriffsstutzig sein!" Schneegans sagte: „Ich wollte gerade gehen, da kamt ihr schon."
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Gerade in diesem Moment rief Purpurkuckuck von drinnen: „Wer spricht dort draußen? Das Fräulein fragt." Alle drei gingen eilig zusammen hinein. Cuilü und Cuimo sahen, dass Kajaljade unter der Decke lag. Als sie die beiden erblickte, sagte sie: „Wer hat es euch erzählt, dass ihr so ein Aufheben macht?" Cuimo antwortete: „Unser Fräulein und die Wolken-Schwester sind gerade beim Vierten Fräulein drüben und besprechen das Gemälde. Wir sind geschickt worden, das Fräulein einzuladen, und wussten nicht, dass Ihr wieder unwohl seid." Kajaljade sagte: „Es ist nichts Schlimmes, ich fühle mich nur etwas schwach. Wenn ich mich ein wenig hinlege, stehe ich wieder auf. Sagt dem Dritten Fräulein und der Wolken-Schwester, sie mögen nach dem Essen, falls sie nichts zu tun haben, hierher kommen und bei mir sitzen. Ist der Zweite Herr Bao bei euch gewesen?" Beide verneinten. Cuimo fügte hinzu: „Der Zweite Herr Bao geht in letzter Zeit in die Schule; der Herr Vater kontrolliert jeden Tag die Aufgaben — da kann er nicht mehr wie früher überall herumrennen." Kajaljade hörte es und schwieg. Die beiden standen noch einen Augenblick, dann zogen sie sich leise zurück.
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Indessen besprachen Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> und Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".</ref> bei Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> das von Bedauerfrühling gemalte Bild des „Gartens der Großen Anschauung": hier fehlte ein Strich, dort war es zu viel; dies war zu weitläufig, jenes zu dicht. Man diskutierte auch über passende Inschriften und schickte nach Kajaljade, um sie um Rat zu bitten. Gerade da kehrten Cuilü und Cuimo mit verstörten Mienen zurück. Xiangfluss-Wolke fragte als Erste: „Warum kommt das Fräulein Lin nicht?" Cuilü antwortete: „Das Fräulein Lin hatte gestern Nacht wieder einen Anfall und hat die ganze Nacht gehustet. Wie wir von Schneegans hörten, hat sie eine ganze Schale Blutsputum ausgespuckt." Erkundefrühling fragte erschrocken: „Ist das wahr?" Cuilü sagte: „Wie sollte es nicht wahr sein?" Cuimo ergänzte: „Wir sind gerade hinein und haben nachgesehen — ihre Gesichtsfarbe ist gar keine Farbe mehr, und die Kraft zum Sprechen ist ganz schwach geworden." Xiangfluss-Wolke sagte: „Wenn es so schlimm ist, wie kann sie dann noch sprechen?" Erkundefrühling erwiderte: „Wie kannst du so begriffsstutzig sein? Wenn sie nicht mehr sprechen kann, dann ist sie ja bereits …" Bei diesen Worten brach sie ab. Bedauerfrühling sagte: „Schwester Lin ist doch so ein kluger Mensch, aber mir scheint, sie kann gewisse Dinge einfach nicht loslassen; jede Kleinigkeit nimmt sie sich zu Herzen. Aber wo gibt es in der Welt so viel Wahres?" Erkundefrühling sagte: „Wenn es so steht, dann lasst uns alle zu ihr gehen. Wenn die Krankheit ernst ist, sollten wir es der Schwägerin melden, damit sie der Alten Ahnin Bescheid sagt und einen Arzt holt — man muss doch zu einem Entschluss kommen." Xiangfluss-Wolke stimmte zu: „Ganz recht." Bedauerfrühling sagte: „Geht schon vor, ich komme nach."
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So gingen Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke, gestützt von kleinen Mägden, zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie eintraten, konnte Kajaljade sich des Kummers nicht erwehren. Dann dachte sie an den Traum: „Selbst die Alte Ahnin war so — was soll ich von den anderen erwarten? Zudem habe ich sie nicht gerufen; sie wären von allein nicht gekommen!" In ihrem Herzen dachte sie so, doch dem Anstand halber ließ sie sich von Purpurkuckuck aufrichten und bat sie herein. Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke setzten sich je an ein Ende des Bettrandes. Als sie Kajaljade in diesem Zustand sahen, waren auch sie bewegt. Erkundefrühling fragte: „Schwester, was fehlt dir schon wieder?" Kajaljade antwortete: „Nichts Ernstes, ich fühle mich nur sehr kraftlos."
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Hinter Kajaljades Rücken deutete Purpurkuckuck verstohlen auf die Spuckschale. Xiangfluss-Wolke, noch jung an Jahren und von aufrichtigem Temperament, griff sogleich nach der Schale. Als sie hineinblickte, erschrak sie zutiefst und rief: „Das hat Schwester ausgespuckt? So geht das doch nicht!" Anfangs hatte Kajaljade im Halbschlummer es nicht genau angesehen. Als Xiangfluss-Wolke nun so sprach und Kajaljade hinblickte, sank ihr Herz sofort. Erkundefrühling sah Xiangfluss-Wolkes Unbesonnenheit und beeilte sich zu erklären: „Das ist nur ein wenig Lungenfeuer — ein paar Blutspuren, das kommt häufig vor. Die Wolken-Schwester muss sich immer gleich so aufregen!" Xiangfluss-Wolke errötete und bereute ihren Ausrutscher.
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Erkundefrühling sah, dass Kajaljades Kräfte nachließen und sie erschöpft wirkte, und erhob sich schnell: „Schwester, ruh dich still aus. Wir kommen später wieder nach dir sehen." Kajaljade sagte: „Ich danke euch beiden für eure Sorge." Erkundefrühling ermahnte Purpurkuckuck noch: „Pass gut auf das Fräulein auf." Purpurkuckuck bejahte. Erkundefrühling wollte gerade gehen, da hörte man draußen jemanden losschimpfen.
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Wer es war, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Zweiundachtzigstes Kapitel

Der alte Gelehrte warnt mit seinen Erläuterungen ein eigensinniges Herz, Die kranke Xiaoxiang erschrickt in verworrenem Traum aus bösem Schlaf

Wie berichtet, kam Schatzjade[1] aus der Schule zurück und suchte die Alte Ahnin auf. Die Alte Ahnin lachte und sagte: „Gut so, nun ist das wilde Pferd gezäumt! Geh, besuche deinen Vater, und dann kannst du dich ein wenig zerstreuen." Schatzjade gehorchte und ging zu Aufrecht Kaufmann[2]. Aufrecht Kaufmann fragte: „Schon so früh aus der Schule? Hat der Lehrer dir einen Stundenplan festgelegt?" Schatzjade antwortete: „Ja: Am Morgen die Bücher ordnen, nach dem Essen Schönschrift üben, am Mittag Texte erläutern und Musteraufsätze lesen." Aufrecht Kaufmann nickte und sprach: „Geh nun, setz dich noch eine Weile zur Alten Ahnin. Du solltest auch etwas über die Pflichten des Lebens lernen und nicht nur dem Vergnügen nachjagen. Schlaf abends früh, steh jeden Morgen zeitig auf für die Schule. Hast du verstanden?"

Schatzjade beeilte sich, mehrmals „Ja" zu sagen, zog sich zurück, eilte noch schnell zu Frau König hinüber und schaute auch bei der Alten Ahnin vorbei. Dann drängte es ihn hinaus; am liebsten wäre er mit einem einzigen Schritt im Xiaoxiang-Pavillon[3] gewesen. Kaum an der Tür angekommen, klatschte er in die Hände und rief lachend: „Da bin ich wieder!" Was Kajaljade[4] so erschreckte, dass sie zusammenfuhr. Purpurkuckuck[5] hob den Vorhang, und Schatzjade trat ein und setzte sich.

Kajaljade sagte: „Ich hörte undeutlich, dass du zum Unterricht gegangen bist — und bist schon wieder zurück?" Schatzjade rief: „Ach du meine Güte! Wurde ich nicht von Vater zum Lernen gerufen? Mir war, als würde ich euch nie wiedersehen. Mühsam habe ich einen ganzen Tag durchgestanden, und nun, da ich euch wiedersehe, ist es, als wäre ich von den Toten auferstanden. Wie wahr ist doch das alte Wort: ‚Ein Tag gleicht drei Herbsten' — das stimmt vollkommen." Kajaljade fragte: „Warst du schon oben?" Schatzjade antwortete: „Überall war ich schon." Kajaljade fragte: „Und anderswo?" Schatzjade: „Nein." Kajaljade sagte: „Du solltest auch die anderen besuchen." Schatzjade entgegnete: „Ich bin zu träge, mich jetzt noch zu bewegen. Ich möchte nur hier bei Schwester sitzen und ein Weilchen plaudern. Vater verlangt, dass ich früh schlafe und früh aufstehe — die anderen besuche ich morgen." Kajaljade sagte: „Sitz noch ein wenig, dann solltest du dich aber ausruhen." Schatzjade erwiderte: „Ich bin doch gar nicht müde, nur gelangweilt bis zum Ersticken. Gerade jetzt, wo wir zusammensitzen und die Langeweile sich zerstreut hat, treibst du mich schon fort." Kajaljade lächelte leicht und rief Purpurkuckuck zu: „Brüh dem Zweiten Herrn eine Schale meines Longjing-Tees auf. Der Zweite Herr studiert jetzt, das ist nicht mehr wie früher." Purpurkuckuck antwortete lachend, holte die Teeblätter und wies eine kleine Magd an, den Tee aufzubrühen.

Schatzjade fuhr fort: „Sprich mir bloß nicht vom Lernen! Mir sind diese moralischen Reden am verhasstesten. Am lächerlichsten sind die Achtgliedrigen Aufsätze: Wenn man sie benutzt, um sich Amt und Brot zu erschwindeln, meinetwegen — aber dann noch zu behaupten, man spräche im Namen der Heiligen und Weisen! Die Besseren flicken wenigstens noch ein paar Klassiker-Stellen zusammen; aber dann gibt es noch eine Sorte, die wirklich zum Lachen ist: im Kopf haben sie nichts, ziehen alles von hier und dort herbei, bis es vor Ochsendämonen und Schlangengöttern wimmelt, und halten sich auch noch für tiefsinnig. Was hat das mit der Darlegung der Lehre der Heiligen zu tun? Und jetzt besteht Vater unablässig darauf, dass ich das lerne — ich wage nicht zu widersprechen. Und du fängst jetzt auch noch vom Lernen an!" Kajaljade erwiderte: „Wir Mädchen brauchen das zwar nicht, aber als ich klein war und bei eurem Lehrer Regendorf unterrichtet wurde, habe ich auch hineingeschaut. Manches darin ist dem Gefühl und der Vernunft nahe, manches ist von klarer Feinheit und stiller Tiefe. Damals verstand ich nicht viel davon, fand es aber schön; man sollte nicht alles über einen Kamm scheren. Zudem ist es für den Erwerb der Beamtenlaufbahn immerhin eine ehrbare Sache." Als Schatzjade das hörte, klang es ihm unangenehm in den Ohren. Er dachte: „Kajaljade war nie so ein Mensch — wieso ist auch sie nun von Ehrgeiz und Eigennutz berauscht?" Aber er wagte nicht, ihr zu widersprechen, und lachte nur leise durch die Nase.

Während sie noch sprachen, hörten sie draußen zwei Personen reden — es waren Herbstmuster und Purpurkuckuck. Herbstmuster sagte: „Schwester Dufthauch[6] hat mich geschickt, ihn bei der Alten Ahnin abzuholen, und nun ist er hier." Purpurkuckuck entgegnete: „Wir haben gerade erst Tee aufgebrüht, lass ihn doch austrinken, bevor er geht." Beide kamen zusammen herein. Schatzjade sagte lachend zu Herbstmuster: „Ich komme gleich, warum musstest du dich bemühen, mich zu suchen?" Ehe Herbstmuster antworten konnte, sagte Purpurkuckuck: „Trink schnell deinen Tee und geh — die Leute haben den ganzen Tag an dich gedacht." Herbstmuster spuckte aus: „Pfui! Was für ein freches Ding!" Alle lachten. Schatzjade erhob sich und verabschiedete sich. Kajaljade begleitete ihn bis zur Zimmertür, Purpurkuckuck stand unten an der Treppe, und erst als Schatzjade gegangen war, kehrten sie ins Zimmer zurück.

Nun kam Schatzjade im Hof der Roten Freude an, betrat sein Zimmer und sah Dufthauch aus dem hinteren Raum entgegenkommen. Sie fragte: „Bist du zurück?" Herbstmuster antwortete: „Der Zweite Herr war schon lange da, er war drüben bei Fräulein Lin." Schatzjade fragte: „Ist heute etwas vorgefallen?" Dufthauch erwiderte: „Eigentlich nichts. Vorhin hat die Gnädige Frau die Schwester Mandarinenente[7] geschickt mit einer Botschaft an uns: Da der Herr Vater nun streng darauf besteht, dass du lernst, werden alle Mägde, die es wagen, mit dir zu scherzen, nach dem Beispiel von Heitermuster[8] und Schachspielerin bestraft. Wenn ich bedenke, wie ich dich die ganze Zeit bedient habe, nur um mir solche Worte einzuhandeln — da ist wenig Trost dabei." Dabei wurde sie traurig. Schatzjade beeilte sich zu sagen: „Liebe Schwester, sei unbesorgt, ich werde nur brav lernen, und dann wird die Gnädige Frau euch nicht mehr schelten. Heute Abend muss ich noch lesen, morgen verlangt der Lehrer, dass ich einen Text erläutere. Wenn ich etwas brauche, sind Moschusmond[9] und Herbstmuster ja da — ruh dich aus." Dufthauch sagte: „Wenn du wirklich bereit bist zu lernen, bedienen wir dich gern."

Schatzjade hörte es, aß hastig sein Abendessen und ließ die Lampe anzünden. Er holte die „Vier Bücher" hervor, die er durchgenommen hatte. Nur — wo sollte er anfangen? Er blätterte ein Buch durch: Kapitel für Kapitel schien es ihm verständlich; doch wenn er genauer nachprüfte, war es gar nicht so klar. Er las die Anmerkungen und die Erläuterungen. So trieb er es, bis die erste Nachtwache geschlagen hatte, und dachte bei sich: „Bei Gedichten und Versen fällt mir alles leicht, aber hierbei bin ich völlig ratlos." Er saß da und starrte vor sich hin. Dufthauch sagte: „Ruh dich aus, die Arbeit läuft nicht weg." Schatzjade murmelte nur wirre Antworten.

Moschusmond und Dufthauch brachten ihn zu Bett, und erst dann legten auch sie sich schlafen. Doch als Dufthauch einmal aufwachte, hörte sie, wie Schatzjade sich auf dem Kang noch immer hin und her wälzte. Sie sagte: „Du bist noch wach? Zergrüble dir nicht den Kopf, schone deine Kräfte, damit du morgen gut lernen kannst." Schatzjade sagte: „Das denke ich auch, nur kann ich nicht einschlafen. Komm, nimm mir eine Decke ab." Dufthauch entgegnete: „Es ist nicht heiß, lass das lieber." Schatzjade sagte: „Mir ist so unruhig ums Herz." Er strampelte die Decke von sich. Dufthauch kroch eilig auf, hielt ihn fest und legte die Hand auf seine Stirn — sie fühlte sich leicht fiebrig an. Sie sagte: „Bleib still liegen, du hast etwas Fieber." Schatzjade bestätigte: „Ja wohl." Dufthauch fragte: „Was soll das nur?" Schatzjade sagte: „Keine Angst, das kommt von meiner inneren Unruhe. Mach keinen Lärm, sonst erfährt Vater es und sagt bestimmt, ich stellte mich krank, um die Schule zu schwänzen — wie käme es sonst, dass die Krankheit so günstig fällt? Morgen bin ich besser, dann gehe ich wie gewohnt zur Schule, und die Sache ist erledigt." Dufthauch empfand Mitleid und sagte: „Ich lege mich neben dich." Sie klopfte ihm eine Weile den Rücken, und ohne es zu bemerken, schliefen beide ein.

Erst als die rote Sonne hoch am Himmel stand, wachten sie auf. Schatzjade rief: „Das ist schlimm, es ist spät!" Eilig wusch und kämmte er sich, fragte nach dem Befinden der Eltern und eilte zur Schule. Dairu hatte schon ein finsteres Gesicht aufgesetzt und sagte: „Kein Wunder, dass dein Vater sich ärgert und sagt, du taugst nichts! Am zweiten Tag bist du schon faul — was ist das für eine Zeit, um zu kommen?" Schatzjade erklärte das Fieber vom Vorabend, und damit war die Sache überstanden; er lernte wie gewohnt weiter.

Am späten Nachmittag sagte Dairu: „Schatzjade, da ist ein Kapitel — komm und erläutere es mir." Schatzjade kam herbei und sah, dass es das Kapitel „Die junge Generation ist zu fürchten" war. Schatzjade dachte bei sich: „Das geht noch an, zum Glück ist es nicht aus dem ‚Großen Lernen' oder der ‚Lehre von der Mitte'." Er fragte: „Wie soll ich es erläutern?" Dairu antwortete: „Erkläre mir den Kerngedanken und die einzelnen Sätze ausführlich." Schatzjade las das Kapitel erst einmal laut vor und sagte dann: „In diesem Kapitel ermutigt der Heilige die junge Generation, sich rechtzeitig anzustrengen, damit sie nicht am Ende …" An dieser Stelle hielt er inne und blickte zu Dairu auf. Dairu bemerkte es, lächelte und sprach: „Sprich nur weiter. Beim Erläutern von Texten gibt es keine Tabus. Im ‚Buch der Riten' heißt es: ‚Beim Lesen von Texten gelten keine Namenstabus.' Sprich frei. ‚Damit sie nicht am Ende' — was?" Schatzjade fuhr fort: „Damit sie nicht am Ende alt werden, ohne etwas erreicht zu haben. Zunächst spornt der Heilige mit den Worten ‚zu fürchten' den Ehrgeiz der jungen Generation an; dann warnt er mit ‚nicht mehr zu fürchten' vor einer verschwendeten Zukunft." Damit blickte er Dairu an. Dairu sagte: „Das mag angehen. Und die fortlaufende Erläuterung?" Schatzjade sagte: „Der Heilige sprach: Wenn ein Mensch jung ist, sind sein Verstand und seine Fähigkeiten überaus klug und tüchtig — das ist wahrhaft furchteinflößend. Wie kann man da im Voraus wissen, ob seine Zukunft nicht so sein wird wie meine Gegenwart? Wenn er aber sorglos und nachlässig mit vierzig oder fünfzig Jahren immer noch nichts erreicht hat, dann wird er, obgleich er in seiner Jugend vielversprechend wirkte, sein ganzes Leben lang von niemandem mehr gefürchtet werden." Dairu lachte und sagte: „Den Kerngedanken hast du eben klar dargelegt, nur in den einzelnen Sätzen ist noch etwas Kindisches. Die Worte ‚ohne Ruf' bedeuten nicht, dass man es nicht zu Amt und Karriere bringt. ‚Ruf' bedeutet, dass man wahrhaft die Vernunft durchdrungen und den rechten Weg erkannt hat; dann hat man auch ohne Amt einen ‚Ruf'. Andernfalls — gab es unter den alten Heiligen und Weisen nicht auch solche, die sich von der Welt zurückzogen und unbekannt blieben? Waren das etwa keine Menschen ohne Amt? Kann man ihnen etwa ‚keinen Ruf' zuschreiben? ‚Nicht mehr zu fürchten' bedeutet, dass man ihn einschätzen kann — dies steht dem ‚Wie kann man wissen' des ‚Wissens' gegenüber und hat nicht die Bedeutung von ‚fürchten'. Erst wenn man es von dieser Seite betrachtet, dringt man ins Detail vor. Verstehst du?" Schatzjade antwortete: „Ja, ich verstehe."

Dairu fuhr fort: „Noch ein Kapitel sollst du erläutern." Er blätterte eine Seite vor und zeigte es Schatzjade. Schatzjade sah, dass es sich um „Ich habe noch keinen gesehen, der die Tugend so liebte wie die Schönheit" handelte. Schatzjade spürte, dass dieses Kapitel sein Innerstes traf, und sagte mit verlegenem Lächeln: „Über diesen Satz gibt es nicht viel zu sagen." Dairu rief: „Unsinn! Wenn bei einer Prüfung dieses Thema gestellt würde, würdest du auch sagen, darüber lasse sich nichts schreiben?" Schatzjade musste sich fügen und erläuterte: „Der Heilige sah, dass die Menschen die Tugend nicht pflegen wollten. Sobald sie Schönheit erblickten, waren sie ganz und gar hingerissen. Sie bedachten nicht, dass die Tugend etwas ist, das der menschlichen Natur von Anbeginn innewohnt, und doch will niemand sie pflegen. Was aber die Schönheit betrifft — sie ist zwar auch etwas, das man von Geburt an mitbringt, und niemand liebt sie nicht. Doch die Tugend ist himmlische Vernunft, die Schönheit hingegen menschliche Begierde. Wie könnte der Mensch bereit sein, die himmlische Vernunft ebenso zu lieben wie die menschliche Begierde? Obwohl der Heilige damit sein Bedauern ausdrückt, hofft er zugleich, dass die Menschen umkehren. Zudem zeigt er, dass es zwar Menschen gibt, die die Tugend lieben, doch ihre Liebe bleibt stets oberflächlich. Erst wenn man sie so liebte wie die Schönheit, wäre es wahre Tugendliebe."

Dairu sagte: „Das ist auch noch annehmbar. Aber ich habe eine Frage an dich: Du verstehst die Worte des Heiligen — warum leidest du selbst gerade an diesen beiden Gebrechen? Obgleich ich nicht in eurem Haus wohne und dein Vater mir nichts davon erzählt hat, kenne ich doch alle deine Schwächen genau. Als Mensch — wie kann man nicht nach Fortschritt streben? Du bist jetzt gerade im Alter, da ‚die junge Generation zu fürchten' ist: Ob du ‚einen Ruf erlangst' oder ‚nicht mehr zu fürchten bist', liegt ganz in deiner eigenen Hand. Ich gebe dir jetzt einen Monat, um alle alten Texte vollständig aufzuarbeiten; dann noch einen Monat für die Aufsätze. Danach werde ich dir Themen stellen und Aufsätze von dir verlangen. Wehe, du wirst nachlässig — das werde ich keinesfalls dulden! Wie das alte Sprichwort sagt: ‚Wer etwas werden will, hat keine Ruhe; wer Ruhe will, wird nichts.' Merke dir meine Worte gut." Schatzjade sagte ja und musste sich fügen, Tag für Tag seinen Aufgaben nachzugehen. Davon sei nicht weiter berichtet.

Nun war es so, dass nach Schatzjades Eintritt in die Schule der Hof der Roten Freude sich überaus ruhig und still anfühlte. Dufthauch konnte endlich einige Handarbeiten erledigen. Sie nahm Nadel und Faden zur Hand, um eine Betelnussbeutel-Stickerei anzufertigen, und dachte: „Jetzt, da Schatzjade seinen Lehrplan hat, haben die Mägde auch Ruhe. Hätte es so von Anfang an sein sollen, wäre Heitermuster nicht zu einem so kläglichen Ende gekommen." Wie der Hase stirbt und der Fuchs trauert, seufzte sie unwillkürlich. Dann dachte sie plötzlich an ihr eigenes Schicksal: „Ich bin ja nicht Schatzjades Hauptfrau, sondern nur eine Nebenfrau. Schatzjades Charakter kann man zwar vertrauen, aber wenn er einmal eine strenge Gattin bekommt, werde ich vielleicht ein zweites Schicksal wie Zweitschwester Sonders oder Duftkastanie erleiden. Nach allem, was die Alte Ahnin und Frau König durchblicken lassen und was Phönixglanz immer wieder andeutet, wird es zweifellos Kajaljade sein. Und Kajaljade ist nun einmal ein überaus empfindlicher Mensch." Bei diesem Gedanken wurde ihr Gesicht heiß und ihr Herz klopfte; die Nadel stach irgendwohin. Sie legte die Handarbeit beiseite und ging zu Kajaljade hinüber, um ihre Stimmung auszuloten.

Kajaljade saß gerade da und las. Als sie Dufthauch sah, erhob sie sich leicht und bat sie, Platz zu nehmen. Dufthauch kam ebenfalls eilig entgegen und fragte: „Geht es dem Fräulein in den letzten Tagen viel besser?" Kajaljade erwiderte: „Wie könnte das sein? Nur ein wenig kräftiger bin ich. Was machst du zu Hause?" Dufthauch sagte: „Seit der Zweite Herr in der Schule ist, gibt es im Hause nicht das Geringste zu tun, und so bin ich gekommen, um nach dem Fräulein zu sehen und ein wenig zu plaudern."

Während sie sprachen, brachte Purpurkuckuck den Tee. Dufthauch sprang eilig auf und sagte: „Bleib sitzen, Schwester." Dann lachte sie und fuhr fort: „Neulich hörte ich von Herbstmuster, dass du hinter meinem Rücken etwas über uns gesagt hast." Purpurkuckuck lachte ebenfalls: „Glaub ihr doch nicht, Schwester. Ich sagte nur, dass der Zweite Herr jetzt in der Schule ist, das Fräulein Schatzspange[10] nicht mehr herüberkommt und selbst Duftkastanie nicht mehr vorbeischaut — da langweilt man sich natürlich." Dufthauch sagte: „Du erwähnst Duftkastanie — die hat es wirklich schwer! Mit dieser Unheilsgöttin von Schwägerin — wie soll sie das nur aushalten?" Sie streckte zwei Finger aus und sagte: „Die ist, wenn ich so sagen darf, noch schlimmer als jene andere, die nicht einmal mehr den Anstand nach außen wahrt." Kajaljade schloss sich an: „Ja, die hat genug gelitten. Wie ist die Zweitschwester Sonders ums Leben gekommen?" Dufthauch sagte: „Nicht wahr? Bedenkt man es recht, sind doch alle Menschen gleich — nur weil der Status ein wenig anders ist, warum solche Grausamkeit? Auch der Ruf nach draußen ist nicht gut." Kajaljade hatte noch nie gehört, dass Dufthauch hinter anderer Leute Rücken so sprach. Da diese Worte einen Grund zu haben schienen, rührte es etwas in ihrem Herzen, und sie sagte: „Das ist schwer zu sagen. In Familienangelegenheiten ist es eben so: Entweder beugt der Ostwind den Westwind nieder, oder der Westwind beugt den Ostwind nieder." Dufthauch erwiderte: „Wer nur die Nebenfrau ist, hat von vornherein schon Angst im Herzen — wie sollte sie da wagen, andere zu schikanieren?"

Während sie noch sprachen, fragte eine alte Dienerin draußen im Hof: „Ist dies das Gemach des Fräuleins Lin? Ist die Schwester hier?" Schneegans kam heraus und erkannte sie undeutlich als jemanden aus Tante Schnee[11]s Haushalt. Sie fragte: „Was gibt es?" Die Alte antwortete: „Unser Fräulein schickt mich, dem Fräulein Lin hier etwas zu bringen." Schneegans sagte: „Warte einen Augenblick." Schneegans ging hinein und meldete es Kajaljade. Kajaljade ließ sie hereinführen.

Die Alte trat ein, grüßte und musterte, statt zu sagen, was sie brächte, zunächst Kajaljade mit zusammengekniffenen Augen. Kajaljade wurde es unangenehm und sie fragte: „Was lässt das Fräulein Bao mir bringen?" Erst jetzt lachte die Alte und antwortete: „Unser Fräulein lässt dem Fräulein ein Glas eingelegte Litschis schicken." Dann erblickte sie Dufthauch und fragte: „Ist diese junge Dame nicht die Blumen-Schwester aus dem Gemach des Zweiten Herrn Bao?" Dufthauch lachte: „Woher kennt Ihr mich, Mütterchen?" Die Alte lachte: „Wir hüten nur die Zimmer bei der Gnädigen Frau und begleiten Gnädige Frau und die Fräulein selten nach draußen, daher kennen wir die Fräulein nicht alle. Wenn die Fräulein aber gelegentlich zu uns herüberkommen, erinnern wir uns vage." Damit reichte sie Schneegans ein Glas, wandte sich wieder um, betrachtete Kajaljade und sagte lachend zu Dufthauch: „Kein Wunder, dass unsere Gnädige Frau sagt, dieses Fräulein Lin und Euer Zweiter Herr Bao seien füreinander bestimmt — wahrhaftig, wie ein Wesen aus dem Himmel."

Dufthauch merkte, dass die Alte unbedacht sprach, und lenkte schnell ab: „Mütterchen, Ihr seid gewiss müde, setzt Euch und trinkt eine Tasse Tee." Die Alte lachte vergnügt: „Wir sind gerade beschäftigt — alle sind mit den Angelegenheiten des Fräuleins Qin beschäftigt. Das Fräulein hat noch zwei Gläser Litschis, die dem Zweiten Herrn Bao gebracht werden sollen." Damit verabschiedete sie sich zitternd und schlurfend. Kajaljade ärgerte sich zwar über die Unverschämtheit der Alten, aber da Schatzspange sie geschickt hatte, konnte sie ihr nichts antun. Erst als die Alte zur Tür hinaus war, rief sie ihr nach: „Richtet Eurem Fräulein meinen Dank für die Mühe aus." Die alte Dienerin murmelte noch vor sich hin: „Bei solcher Schönheit — wer außer Schatzjade wäre ihrer würdig?" Kajaljade tat, als hätte sie nichts gehört. Dufthauch lachte: „Wie kommt es, dass alte Leute so wirres Zeug reden? Man ärgert sich und muss gleichzeitig lachen." Bald brachte Schneegans das Glas herüber und zeigte es Kajaljade. Kajaljade sagte: „Ich habe keine Lust zu essen, stell es fort." Sie plauderten noch eine Weile, dann ging Dufthauch.

Als das Abendlicht bereits verblasste, betrat Kajaljade das innere Gemach. Ihr Blick fiel zufällig auf das Litschi-Glas, und unwillkürlich erinnerte sie sich an das wirre Gerede der alten Dienerin vom Tage — es stach ihr ins Herz. In dieser stillen Abendstunde überkamen sie tausend Sorgen und Kümmernisse. Sie dachte: „Mein Körper ist schwach, und ich werde älter. Schatzjades Herz gehört zwar keinem anderen, doch die Alte Ahnin und die Tante zeigen nicht die geringste Absicht. Warum haben meine Eltern, als sie noch lebten, diese Verlobung nicht früh festgelegt?" Dann dachte sie wieder: „Hätten meine Eltern mich damals anderswo verlobt, wo fände ich einen Mann von Schatzjades Aussehen und Charakter? So wie die Dinge jetzt stehen, gibt es vielleicht noch Hoffnung." Ihr Herz schwankte hin und her, die Gedanken verschlangen sich wie eine Seilwinde. Sie seufzte eine Weile, vergoss einige Tränen, und ohne Stimmung und Regung legte sie sich angekleidet nieder.

Ohne es zu merken, sah sie ein kleines Mädchen kommen, das sagte: „Draußen ist der alte Herr Jia, Regendorf — er bittet das Fräulein um eine Audienz." Kajaljade sagte: „Obwohl ich bei ihm Unterricht hatte, bin ich doch nicht wie ein männlicher Schüler — warum sollte er mich sehen wollen? Zudem hat er bei seinen Besuchen beim Onkel mich nie erwähnt, ich muss ihn also nicht empfangen." Sie wies das Mädchen an: „Sage ihm, ich sei krank und könne nicht herauskommen. Er möge mir seinen Gruß bestellen." Das Mädchen sagte: „Aber er will dem Fräulein gratulieren — aus Nanjing sind Leute gekommen, um Euch abzuholen."

Da kamen auch noch Phönixglanz zusammen mit Frau Strafe, Frau König und Schatzspange und sagten lachend: „Wir kommen zum einen, um zu gratulieren, zum anderen, um Abschied zu nehmen." Kajaljade erschrak: „Was redet ihr?" Phönixglanz sagte: „Tu nicht so ahnungslos! Weißt du denn nicht, dass der Herr Lin zum Getreide-Intendanten von Hubei befördert wurde und eine Stiefmutter geheiratet hat, die ihm sehr nach dem Herzen ist? Nun meint man, dass es nicht angehe, dich hier sitzen zu lassen. Man hat Regendorf Kaufmann als Heiratsvermittler gebeten, der dich irgendeinem Verwandten deiner Stiefmutter versprochen hat — es heißt, es sei eine Zweitehe. Deshalb schickt man Leute, um dich nach Hause zu holen. Sobald du ankommst, wird die Hochzeit stattfinden. Alles bestimmt deine Stiefmutter. Weil man befürchtet, dass du auf dem Weg nicht versorgt bist, soll dein Cousin Lian dich begleiten." Kajaljade brach der kalte Schweiß aus. Gleichzeitig schien es ihr undeutlich, als sei ihr Vater wirklich dort im Amt. Ihr Herz drängte; sie beharrte: „Das stimmt nicht, Schwester Phönix treibt ihren Scherz!" Da zwinkerte Frau Strafe Frau König zu: „Sie glaubt es noch nicht! Kommt, gehen wir." Kajaljade sagte mit Tränen: „Bitte bleibt doch einen Moment." Niemand antwortete; alle gingen mit kaltem Lächeln fort.

Kajaljades Herz brannte vor Angst, doch sie konnte kein Wort hervorbringen. Schluchzend und würgend schien sie plötzlich wieder bei der Alten Ahnin zu sein. Sie dachte: „Wenn es überhaupt Rettung gibt, dann nur durch die Alte Ahnin." Sie kniete nieder, umklammerte die Beine der Alten Ahnin und flehte: „Alte Ahnin, rette mich! In den Süden gehe ich um keinen Preis — und mit einer Stiefmutter, die nicht meine leibliche Mutter ist! Ich will bei der Alten Ahnin bleiben." Doch die Alte Ahnin blickte sie starr an und sagte lächelnd: „Das geht mich nichts an." Kajaljade weinte: „Alte Ahnin, was soll das nur?" Die Alte Ahnin sagte: „Eine Zweitehe ist doch auch nicht schlecht — da bekommst du noch eine Mitgift dazu." Kajaljade schluchzte: „Ich werde der Alten Ahnin keinen unnötigen Groschen kosten, ich bitte nur, dass die Alte Ahnin mich rettet!" Die Alte Ahnin sagte: „Es nützt nichts mehr. Als Frau musst du irgendwann heiraten. Du als Kind verstehst das nicht — hier zu bleiben ist auf Dauer keine Lösung." Kajaljade schluchzte: „Ich will hier bleiben, und sei es als Magd, die sich selbst versorgt und ihr eigenes Brot verdient — wenn nur die Alte Ahnin entscheidet!" Die Alte Ahnin schwieg beharrlich. Kajaljade umklammerte sie weinend: „Alte Ahnin, Ihr wart immer die Gütigste und habt mich am meisten geliebt — warum kümmert Ihr Euch in der Not gar nicht? Sagt nicht, ich sei nur Eure Enkelin mütterlicherseits und stünde Euch ferner — meine Mutter war Eure leibliche Tochter! Um meiner Mutter willen solltet Ihr mich doch beschützen." Sie warf sich weinend in deren Arme. Doch die Alte Ahnin sagte: „Mandarinenente, bring das Fräulein hinaus, damit sie sich ausruht — sie hat mich ganz erschöpft."

Kajaljade erkannte, dass alles verloren war und weiteres Flehen nutzlos. Lieber wollte sie in den Tod gehen. Sie stand auf und stürzte hinaus, in tiefem Schmerz darüber, keine leibliche Mutter mehr zu haben. Die Großmutter, die Tanten, die Schwestern — wie gut sie sie immer behandelt hatten! Nun zeigte sich, dass alles nur Schein gewesen war. Dann dachte sie: „Wo ist heute Schatzjade? Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte — hat er vielleicht ein Mittel?" Da stand Schatzjade vor ihr und sagte grinsend: „Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen!"

Als Kajaljade das hörte, wurde ihre Verzweiflung grenzenlos. Alle Rücksicht vergessend, packte sie Schatzjade fest und rief: „Gut, Schatzjade! Heute erst erkenne ich, was für ein herzloser, treuloser Mensch du bist!" Schatzjade erwiderte: „Wieso herzlos und treulos? Da du nun einem anderen versprochen bist, geht jeder seinen eigenen Weg." Kajaljade wurde mit jedem Wort wütender und ratloser, klammerte sich weinend an Schatzjade und rief: „Guter Bruder, wohin soll ich gehen?" Schatzjade sagte: „Wenn du nicht gehen willst, bleib hier. Du warst doch mir versprochen, deshalb bist du in unser Haus gekommen. Wie ich dich behandelt habe — denk doch daran."

Kajaljade war es undeutlich zumute, als hätte sie Schatzjade tatsächlich einst ihr Jawort gegeben. Plötzlich wandelte sich ihre Trauer in Freude, und sie fragte: „Ich bin nun fest entschlossen, auf Leben und Tod — sagst du mir nun endgültig, soll ich gehen oder nicht?" Schatzjade antwortete: „Ich sage dir, du sollst hierbleiben. Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir mein Herz an." Mit diesen Worten nahm er ein kleines Messer und ritzte sich quer über die Brust. Frisches Blut strömte hervor. Kajaljade erschrak zu Tode, presste die Hand auf Schatzjades Herz und schluchzte: „Was hast du getan? Töte lieber erst mich!" Schatzjade sagte: „Hab keine Angst, ich zeige dir mein Herz." Dabei griff er mit der Hand in die aufgeritzte Stelle. Kajaljade zitterte, weinte und fürchtete, man könnte sie überraschen. Sie umklammerte Schatzjade und schluchzte bitterlich. Schatzjade rief: „Es ist zu spät! Mein Herz ist fort — ich kann nicht leben!" Seine Augen verdrehten sich nach oben, und mit einem dumpfen Laut fiel er um.

Kajaljade schrie aus Leibeskräften, da hörte sie Purpurkuckuck rufen: „Fräulein, Fräulein! Ein Albtraum hat Euch gepackt — wacht auf, zieht Euch um und legt Euch schlafen." Kajaljade wälzte sich um — es war nur ein böser Traum gewesen. In der Kehle würgte es sie noch, das Herz hämmerte wild. Das Kopfkissen war durchnässt, Schultern und Rücken fühlten sich eiskalt an. Sie überlegte: „Meine Eltern sind längst tot, und zwischen Schatzjade und mir ist noch nichts vereinbart — wie kam ich auf solche Gedanken?" Dann dachte sie an den Traum: So hilflos und verlassen! Und wenn Schatzjade wirklich stürbe — was sollte sie dann tun? Aus dem Schmerz erwuchs neuer Schmerz, und ihre Seele geriet in Aufruhr.

Sie weinte noch eine Weile, und am ganzen Körper trat leichter Schweiß hervor. Mühsam richtete sie sich auf, zog den äußeren Mantel aus, ließ sich von Purpurkuckuck die Decke richten und legte sich wieder hin. Doch sie wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Draußen hörte sie ein Rauschen und Rascheln, das wie Wind, aber auch wie Regen klang. Dann war es wieder still, und von fern hörte sie Rufe — doch es war nur Purpurkuckuck, die bereits schlief und deren Atem hörbar ein und aus ging. Mühsam richtete sie sich auf, wickelte sich in die Decke und saß eine Weile da. Aus den Fensterfugen drang ein kühler Luftzug, der ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte. Sie legte sich wieder hin. Gerade wollte sie in einen Halbschlummer sinken, da hörte sie auf dem Bambus unzählige Spatzen zwitschern und piepsen, ohne aufzuhören. Das Fensterpapier wurde durch den Rahmen hindurch allmählich von klarem Licht durchschienen.

Kajaljade war nun hellwach, die Augen weit offen. Bald begann sie zu husten, und auch Purpurkuckuck wurde davon geweckt. Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, seid Ihr immer noch nicht eingeschlafen? Wieder hustet Ihr — vermutlich habt Ihr Euch erkältet. Das Fensterpapier wird schon hell, es wird bald Morgen. Ruht Euch aus, schont Eure Kräfte und grübelt nicht endlos hin und her." Kajaljade sagte: „Ich möchte ja schlafen, aber ich kann nicht. Schlaf du weiter." Dann hustete sie erneut. Purpurkuckuck sah Kajaljades Zustand, und auch ihr Herz zog sich zusammen; sie konnte nicht mehr schlafen. Als sie Kajaljade wieder husten hörte, stand sie eilig auf und hielt ihr die Spuckschale hin. Inzwischen war es hell geworden. Kajaljade fragte: „Willst du nicht mehr schlafen?" Purpurkuckuck lachte: „Es ist schon Tag — was soll ich noch schlafen?" Kajaljade sagte: „Dann wechsle die Spuckschale."

Purpurkuckuck antwortete bejahend, eilte hinaus, wechselte die Spuckschale und stellte die benutzte auf den Tisch. Sie öffnete die Tür des inneren Gemachs, zog sie wieder zu, ließ den bestickten Vorhang herab, weckte Schneegans und öffnete die äußere Tür. Als sie die Schale ausleeren wollte, sah sie, dass sie randvoll mit Schleim war — und im Schleim waren Blutflecken. Purpurkuckuck erschrak, und unwillkürlich entfuhr ihr: „O weh! Das darf doch nicht wahr sein!" Kajaljade rief von drinnen: „Was ist denn?" Purpurkuckuck bemerkte ihren Versprecher und korrigierte sich schnell: „Mir ist die Schale beinahe aus der Hand gerutscht." Kajaljade fragte: „Ist etwa etwas mit dem Auswurf in der Schale?" Purpurkuckuck sagte: „Nein, nichts." Während sie diese Worte sprach, wurde ihr das Herz schwer, die Tränen liefen ihr herab, und ihre Stimme klang schon ganz verändert.

Kajaljade hatte selbst schon einen süßlich-blutigen Geschmack in der Kehle gespürt und war misstrauisch geworden. Als sie vorhin Purpurkuckucks erschrockenen Ausruf gehört hatte und nun auch Purpurkuckucks traurige Stimme vernahm, wusste sie fast sicher, woran sie war. Sie rief: „Komm herein, du erkältest dich draußen." Purpurkuckuck antwortete — und dieser Ton war noch trauriger als zuvor, ein Klang unterdrückter Tränen. Als Kajaljade das hörte, wurde ihr eiskalt. Sie sah Purpurkuckuck hereinkommen und sich mit dem Tuch die Augen wischen. Kajaljade fragte: „So früh am Morgen, warum weinst du?" Purpurkuckuck zwang sich zu einem Lächeln: „Wer weint denn? Heute Morgen sind meine Augen etwas gereizt. Fräulein, Ihr wart heute Nacht wohl noch länger wach als gewöhnlich? Ich hörte Euch die halbe Nacht husten." Kajaljade sagte: „Allerdings. Je mehr ich schlafen wollte, desto wacher wurde ich." Purpurkuckuck sagte: „Fräulein, Ihr müsst Euch selbst Erleichterung verschaffen, wenn Ihr nicht gesund seid. Der Körper ist das Wichtigste. Wie das Sprichwort sagt: ‚Solange die grünen Berge stehen, braucht man kein Brennholz zu fürchten.' Zudem gibt es hier, von der Alten Ahnin und der Gnädigen Frau angefangen, niemanden, der das Fräulein nicht liebte!" Bei diesen Worten wurde Kajaljade an ihren Traum erinnert, und sie fühlte einen Stich im Herzen, ihre Augen verdunkelten sich, ihre Farbe veränderte sich. Purpurkuckuck hielt schnell die Spuckschale hin, Schneegans klopfte ihr den Rücken, und nach langer Zeit spuckte Kajaljade einen Klumpen Schleim aus — darin ein Streifen purpurnen Blutes, der zitternd aufspritzte. Purpurkuckuck und Schneegans wurden leichenblass vor Schreck. Sie wachten zu beiden Seiten, und Kajaljade sank benommen zurück. Purpurkuckuck sah, dass es schlimm stand, und deutete mit einer Geste Schneegans an, jemanden zu rufen.

Schneegans trat gerade vor die Tür, da kamen Cuilü und Cuimo lachend herbei. Cuilü fragte: „Warum ist das Fräulein Lin zu so später Stunde noch nicht herausgekommen? Unser Fräulein und das Dritte Fräulein sind drüben beim Vierten Fräulein und besprechen das Gemälde, das sie von der Gartenlandschaft gemalt hat." Schneegans winkte hastig mit den Händen. Cuilü und Cuimo erschraken und fragten: „Was ist geschehen?" Schneegans erzählte ihnen alles. Beide streckten erschrocken die Zunge heraus und sagten: „Das ist kein Spaß! Warum habt ihr es nicht der Alten Ahnin gemeldet? So geht das doch nicht! Wie könnt ihr nur so begriffsstutzig sein!" Schneegans sagte: „Ich wollte gerade gehen, da kamt ihr schon."

Gerade in diesem Moment rief Purpurkuckuck von drinnen: „Wer spricht dort draußen? Das Fräulein fragt." Alle drei gingen eilig zusammen hinein. Cuilü und Cuimo sahen, dass Kajaljade unter der Decke lag. Als sie die beiden erblickte, sagte sie: „Wer hat es euch erzählt, dass ihr so ein Aufheben macht?" Cuimo antwortete: „Unser Fräulein und die Wolken-Schwester sind gerade beim Vierten Fräulein drüben und besprechen das Gemälde. Wir sind geschickt worden, das Fräulein einzuladen, und wussten nicht, dass Ihr wieder unwohl seid." Kajaljade sagte: „Es ist nichts Schlimmes, ich fühle mich nur etwas schwach. Wenn ich mich ein wenig hinlege, stehe ich wieder auf. Sagt dem Dritten Fräulein und der Wolken-Schwester, sie mögen nach dem Essen, falls sie nichts zu tun haben, hierher kommen und bei mir sitzen. Ist der Zweite Herr Bao bei euch gewesen?" Beide verneinten. Cuimo fügte hinzu: „Der Zweite Herr Bao geht in letzter Zeit in die Schule; der Herr Vater kontrolliert jeden Tag die Aufgaben — da kann er nicht mehr wie früher überall herumrennen." Kajaljade hörte es und schwieg. Die beiden standen noch einen Augenblick, dann zogen sie sich leise zurück.

Indessen besprachen Erkundefrühling[12] und Xiangfluss-Wolke[13] bei Bedauerfrühling[14] das von Bedauerfrühling gemalte Bild des „Gartens der Großen Anschauung": hier fehlte ein Strich, dort war es zu viel; dies war zu weitläufig, jenes zu dicht. Man diskutierte auch über passende Inschriften und schickte nach Kajaljade, um sie um Rat zu bitten. Gerade da kehrten Cuilü und Cuimo mit verstörten Mienen zurück. Xiangfluss-Wolke fragte als Erste: „Warum kommt das Fräulein Lin nicht?" Cuilü antwortete: „Das Fräulein Lin hatte gestern Nacht wieder einen Anfall und hat die ganze Nacht gehustet. Wie wir von Schneegans hörten, hat sie eine ganze Schale Blutsputum ausgespuckt." Erkundefrühling fragte erschrocken: „Ist das wahr?" Cuilü sagte: „Wie sollte es nicht wahr sein?" Cuimo ergänzte: „Wir sind gerade hinein und haben nachgesehen — ihre Gesichtsfarbe ist gar keine Farbe mehr, und die Kraft zum Sprechen ist ganz schwach geworden." Xiangfluss-Wolke sagte: „Wenn es so schlimm ist, wie kann sie dann noch sprechen?" Erkundefrühling erwiderte: „Wie kannst du so begriffsstutzig sein? Wenn sie nicht mehr sprechen kann, dann ist sie ja bereits …" Bei diesen Worten brach sie ab. Bedauerfrühling sagte: „Schwester Lin ist doch so ein kluger Mensch, aber mir scheint, sie kann gewisse Dinge einfach nicht loslassen; jede Kleinigkeit nimmt sie sich zu Herzen. Aber wo gibt es in der Welt so viel Wahres?" Erkundefrühling sagte: „Wenn es so steht, dann lasst uns alle zu ihr gehen. Wenn die Krankheit ernst ist, sollten wir es der Schwägerin melden, damit sie der Alten Ahnin Bescheid sagt und einen Arzt holt — man muss doch zu einem Entschluss kommen." Xiangfluss-Wolke stimmte zu: „Ganz recht." Bedauerfrühling sagte: „Geht schon vor, ich komme nach."

So gingen Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke, gestützt von kleinen Mägden, zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie eintraten, konnte Kajaljade sich des Kummers nicht erwehren. Dann dachte sie an den Traum: „Selbst die Alte Ahnin war so — was soll ich von den anderen erwarten? Zudem habe ich sie nicht gerufen; sie wären von allein nicht gekommen!" In ihrem Herzen dachte sie so, doch dem Anstand halber ließ sie sich von Purpurkuckuck aufrichten und bat sie herein. Erkundefrühling und Xiangfluss-Wolke setzten sich je an ein Ende des Bettrandes. Als sie Kajaljade in diesem Zustand sahen, waren auch sie bewegt. Erkundefrühling fragte: „Schwester, was fehlt dir schon wieder?" Kajaljade antwortete: „Nichts Ernstes, ich fühle mich nur sehr kraftlos."

Hinter Kajaljades Rücken deutete Purpurkuckuck verstohlen auf die Spuckschale. Xiangfluss-Wolke, noch jung an Jahren und von aufrichtigem Temperament, griff sogleich nach der Schale. Als sie hineinblickte, erschrak sie zutiefst und rief: „Das hat Schwester ausgespuckt? So geht das doch nicht!" Anfangs hatte Kajaljade im Halbschlummer es nicht genau angesehen. Als Xiangfluss-Wolke nun so sprach und Kajaljade hinblickte, sank ihr Herz sofort. Erkundefrühling sah Xiangfluss-Wolkes Unbesonnenheit und beeilte sich zu erklären: „Das ist nur ein wenig Lungenfeuer — ein paar Blutspuren, das kommt häufig vor. Die Wolken-Schwester muss sich immer gleich so aufregen!" Xiangfluss-Wolke errötete und bereute ihren Ausrutscher.

Erkundefrühling sah, dass Kajaljades Kräfte nachließen und sie erschöpft wirkte, und erhob sich schnell: „Schwester, ruh dich still aus. Wir kommen später wieder nach dir sehen." Kajaljade sagte: „Ich danke euch beiden für eure Sorge." Erkundefrühling ermahnte Purpurkuckuck noch: „Pass gut auf das Fräulein auf." Purpurkuckuck bejahte. Erkundefrühling wollte gerade gehen, da hörte man draußen jemanden losschimpfen.

Wer es war, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

  1. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  2. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  3. Xiaoxiang-Pavillon (潇湘馆): Kajaljades Wohnsitz im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss in Hunan.
  4. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  5. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  6. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  7. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
  8. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".
  9. Moschusmond: Chin. 麝月 Shèyuè, wörtl. „Moschusmond".
  10. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  11. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  12. Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  13. Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".
  14. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).