Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 86"

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Sechsundachtzigstes Kapitel
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Durch private Bestechung dreht ein Beamter die Akten um,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_86|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_86|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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In müßiger Stimmung entziffert eine gebildete junge Dame ein Qin-Notenbuch<ref>Qin (琴): Die siebensaitige Griffbrettzither, eines der vier Künste des chinesischen Gelehrten (Qin, Schach, Kalligraphie, Malerei).</ref>
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= Kapitel 86 =
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Wie berichtet, hatte Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref> Xue Kes Brief erhalten und den Diener hereinrufen lassen. Sie fragte: „Hast du gehört, was dein Erster Herr erzählt hat — wie es dazu kam, dass jemand totgeschlagen wurde?" Der Diener sagte: „Ich habe es nicht genau gehört. An dem Tag erzählte der Erste Herr dem Zweiten Herrn …" Er blickte sich um, und als er sah, dass niemand zuhörte, fuhr er fort: „Der Erste Herr sagte: Seit es zu Hause so furchtbar zuging, habe er die Lust verloren und wolle in den Süden fahren, um Waren einzukaufen. An dem Tag wollte er jemanden als Reisebegleiter treffen, der über zweihundert Li südlich der Stadt wohnt. Auf dem Weg dorthin traf er zufällig den früheren Bekannten Jiang Yuhan, der mit einer Gruppe junger Schauspieler in die Stadt kam. Der Erste Herr aß und trank mit ihm in einer Wirtschaft. Da der Schankbursche ständig zu Jiang Yuhan hinüberschielte, wurde der Erste Herr ärgerlich. Danach ging Jiang Yuhan. Am nächsten Tag lud der Erste Herr den Reisebegleiter zum Trinken ein. Nach dem Wein erinnerte er sich an den Vorfall vom Vortag und rief den Schanken, um anderen Wein zu bringen. Der Bursche kam zu spät, und der Erste Herr fing an zu schimpfen. Der Mann war nicht einverstanden, und der Erste Herr warf die Weinschale nach ihm. Doch der Kerl war ein Raufbold und streckte den Kopf vor, damit der Erste Herr zuschlagen möge. Der Erste Herr schlug ihm die Schale auf den Kopf — sofort schoss das Blut hervor, und er fiel zu Boden. Erst schimpfte er noch, dann sagte er nichts mehr." Tante Schnee fragte: „Hat denn niemand vermittelt?" Der Diener sagte: „Davon hat der Erste Herr nichts erzählt; ich wage nicht, etwas zu erfinden." Tante Schnee sagte: „Geh dich erst einmal ausruhen." Der Diener ging hinaus.
== 受私贿老官翻案牍 / 寄闲情淑女解琴书 ==
 
  
889b.
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Tante Schnee suchte Frau König auf und bat sie, bei Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> ein gutes Wort einzulegen. Aufrecht Kaufmann erkundigte sich nach den Umständen und konnte nur vage zusagen; er sagte, man müsse erst abwarten, bis Xue Ke seine Eingabe eingereicht habe und wie der Kreisrichter darüber befinde, ehe man weitersehen könne.
de­res, ganz zu Hsi-fëngs Erleichterung. Eine der jüngeren Mägde der Dame Wang erschien mit einem kleinen roten Päckchen.
 
„Wir haben etwas Bezoar gefunden, gnädige Frau. Die gnädige Herrin sagt, ihr sollt die Menge in zwei Rationen aufteilen und verwenden.“
 
Hsi-fëng bat die Magd, der Herzoginmutter ihren Dank auszusprechen. Wang nahm das Päckchen und trug Ping auf, die pulverisierten Perlen, Sumatrakampfer und Zinnober zusammen mit dem Bezoar in den vorgeschriebenen Mengen zusammenzukochen. Sie selbst wog die korrekte Menge des pulverisierten Bezoars aus und fügte es der Mixtur hinzu. Sie wartete, bis Tchiau-djie wieder aufwachte, um ihr dann den Trunk zu verabreichen.  
 
Wer außer Djia Huan könnte genau in diesem Moment in den Raum platzen?
 
„Wie geht es Tchiau-djie, Kusine Hsi-fëng? Mutter schickte mich, um nachzufragen.“
 
Hsi-fëngs Nackenhaare sträubten sich immer vollständig, wenn sie ihn oder seine Mutter, Tante Dschau, sah.
 
„Es geht ihr etwas besser“, antwortete sie mit einem beißenden Ton. „Wenn du zurückgehst, sag’ deiner Mutter bitte, daß es mir leid tut, ihr so viel Ärger bereitet zu haben.“
 
Djia Huan murmelte etwas von Abschied, begann aber , im Zimmer herumzuschnüffeln.
 
„Sag’ mal“, sagte er nach einer Weile, „ich habe gehört, ihr habt etwas von diesem Bezoarzeug hier. Ich habe noch nie zuvor welches gesehen. Laß es mich doch mal ansehen.“
 
„Tchiau-djie erholt sich langsam“, sagte Hsi-fëng, „was winselst du dann noch hier rum? Die Bezoarsteine wurden bereits vollständig für ihren Trunk aufgebraucht.“
 
Dies vernehmend, faßte Djia Huan ungeschickt an die Bettvorhangs­quaste und warf dabei den heißen kochenden Medizintopf um. Es gab ein großes Zischen, als der Topf auslief und die kostbare Medizin sich in die Kohle ergoß und beinahe das Feuer löschte. Djia Huan sah, daß er in Schwierigkeiten war und zog sich schnell zurück. Hsi-fëng war so wütend, daß sie Funken vor Wut versprühte.
 
„Du Balg einer verkommenen Widersacherin!“ schrie sie ihm nach. „Fluch meines Lebens! Was habe ich in meinem vergangenen Leben nur angerichtet, um so eine Schmach zu verdienen? Deine Mutter versuchte, es mir einzuflößen, jetzt hat es Tchiau-djie erwischt! Wofür muß sich diese Fehde über so viele Generationen fortsetzen?“
 
Sie beschimpfte auch Ping, daß diese nicht vorsichtig genug gewesen sei. Während Hsi-fëng vollkommen in Rage war, kam eine Magd, um Djia Huan zu suchen.
 
„Geh und sag’ Frau Dschau,“ befahl Hsi-fëng, „daß sie sich keine Umstände machen muß. Tchiau-djie ist so gut wie tot, sie muß nicht mehr lange aushar­ren!“
 
Die Magd, verblüfft von Hsi-fëngs Bemerkungen, ging hinüber zu Ping, die eben einen neuen Trunk zubereitete und fragte flüsternd:
 
„Was hat Frau Liän denn so wütend gemacht?“
 
Ping erzählte ihr Djia Huans Debakel.
 
„Kein Wunder, daß er wegrannte und sich nicht traute, nach Hause zu kommen!“ erläuterte die Magd. „Er hat sich irgendwo versteckt. Ich weiß noch nicht, wie das morgen mit diesem Huan weitergehen wird! Kann ich beim Aufräumen helfen, Ping?“
 
„Mach’ dir keine Umstände. Glücklicherweise hatten wir noch einige Bezoarsteine übrig und alles ist fertig gemacht, du kannst nun ruhig gehen.“
 
„Ich werde gewiß Frau Dschau davon berichten, wenn ich zurück bin. Vielleicht hört sie dann auf, ständig von ihm zu prahlen.“
 
Die Magd ging wieder zurück, hielt ihr Wort und gab Tante Dschau einen ausführlichen Bericht von Djia Huans Debakel.
 
„Bring ihn zu mir!“, rief Tante Dschau mit erregter Stimme.
 
Nach kurzer Suche  entdeckte ihn die Magd im angrenzenden Raum  her­umschleichen und Tante Dschau begann unverzüglich, einen Hagel von Beschimpfungen auf ihn niederprasseln zu lassen:
 
„Du verkommener kleiner Wicht! Was mußtest du unbedingt losgehen und Unruhe stiften, indem du die ganze Medizin auf dem Boden verteiltest? Ich sagte, du solltest gehen und fragen, wie es ihr geht und nicht dort hineinstürmen! Doch du mußtest unbedingt, oder? Und als du drinnen warst, mußtest du unbedingt bleiben und Flöhe auf den Tigerkopf werfen. Warte nur, bis dein Vater davon hört! Er wird dir die Prügel geben, die du verdienst!“
 
Während sie Djia Huan beschimpfte, hörte sie noch schlimmere Beschimpfungen im äußeren Zimmer. Doch um es selbst zu hören, lese man im nächsten Kapitel weiter.
 
85. Ankündigung der Beförderung von Djia Dschëng in den Rang eines ständigen Geschäftsführers
 
Entdeckung, daß Hsüä Pan sich wieder der Gefahr der Verbannung aussetzt.
 
  
Bevor seine Mutter geendet hatte, hörte sie, wie Djia Huan im äußeren Zimmer rief: „Alles, was ich tat, war den Topf umzuwerfen und etwas Medizin zu verschütten! Dein widerliches kleines Balg ist ja nicht gestorben, oder? Es lohnt sich ja nicht, mich so zu beschimpfen! Du wirfst mir vor, daß ich ein schlechter Mensch sei und würdest mich auch noch zu Tode trampeln. Warte bis morgen, dann werde ich sie wirklich beseitigen! Das wäre euch eine Lektion! Sagt ihnen besser, sie sollen aufpassen!“
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Tante Schnee ließ beim Pfandhaus Silber wechseln und schickte den Diener damit los. Drei Tage später kam tatsächlich Antwort. Tante Schnee empfing den Brief und ließ sofort durch ein kleines Mädchen Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> benachrichtigen, die eilig herüberkam. Der Brief lautete:
Tante Dschau kam angerannt und hielt ihm den Mund zu.
 
„Du verlangst völlig danach, solche schrecklichen Dinge zu sagen! Sie werden mich zuerst töten, mein Junge, paß auf, daß sie es nicht tun!“
 
Die zwei stritten sich eine Weile. Dann hörten sie Hsi-fëngs boshafte kleine Mitteilung, wodurch seine Mutter noch mehr verbittert wurde. Es kam nicht in Frage, daß sie jemanden zu Hsi-fëng mit einer Entschuldigung schicken sollte und obwohl Tchiau-djie sich einige Tage später wieder vollständig erholte, hatte diese Episode die Fehde zwischen den beiden Familiengruppen noch verstärkt.
 
Eines Tages kam Lin Dschï-hsiau, um Dji Dschëng zu berichten, daß der Prinz Bee-djing Geburtstag habe.
 
„Gibt es dazu irgendwelche besonderen Anweisungen, Herr?“ –
 
„Schicke, was wir gewöhnlich schicken“, antwortete Djia Dschëng.
 
„Berichte es erst Herrn Djia Schë, bevor du die Geschenke überbringst.“ – „Sehr wohl, Herr“, sagte Lin und ging, um die nötigen Dinge zu erledigen. Wenig später erschien Djia Schë selbst, um mit seinem Bruder die Einzelheiten des Besuches zu besprechen. Sie entschlossen sich, Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü mitzunehmen, um dem Prinzen  Bee-djing zu gratulieren. Während dies für die älteren Männer lediglich eine weitere gesellschaftliche Pflichtsache war, war es für Bau-yü eine lang erwartete Gelegenheit. Er war ein feuriger Bewunderer der ansehlichen Erscheinung und des anmutigen Betragens des Prinzen seit der ersten Begegnung, an die er sich erinnern konnte. Er wollte ihn öfter sehen. Er wechselte rasch seine Kleider und begab sich zu den anderen in die nördliche Halle.
 
Bei der Ankunft am Palast präsentierten Djia Schë und Djia Dschëng ihre Visitenkarten und nach kurzer Zeit eilte ein Eunuch herbei, in der Hand eine buddhistische Perlenkette haltend: „Ich hoffe, Ihnen beiden geht es gut?“
 
Sie erwiderten den Gruß, und die drei jüngeren Djias traten vor, um ihre Grüße zu bestellen.
 
„Ihre Kaiserliche Hoheit wird erfreut sein, Sie jetzt zu empfangen.“ Der Eunuch führte die fünf hinein, durch zwei weitere Durchgänge und hinter ein riesiges Prunkgemach, zum inneren Tor der privaten Residenz des Prinzen. Hier hielten sie noch einmal an, während die Eunuchen hineingingen, um ihre Ankunft anzukündigen. Die Gäste ließen sie während ihres Wartens vor dem Tor von einer Gruppe jüngerer Eunuchen unterhalten.
 
Nach kurzer Verzögerung kehrte die ursprüngliche Eskorte zurück.
 
„Bitte treten sie ein!“
 
Alle traten ehrfürchtig und mit ernsten Gesichtern ein. Der Prinz, in voller Robe seines Standes gekleidet, erwies ihnen das Kompliment, sie in einem der versteckten Gänge in der Nähe des Eingangs zur Haupthalle zu begrüßen. Die zwei Brüder gingen voran, um ihre Aufwartung zu machen, nach Dienstalter geordnet, gefolgt von Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü. Der Prinz nahm Bau-yüs Hand.
 
„Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich habe oft an dich gedacht.“
 
Er lächelte: „Sag’ mir, wie verhält es sich mit deinem Jadestein?“
 
Bau-yü begab sich in eine halb knieende Position und antwortete mit gesenktem Haupt:
 
„Die wohltätige Aura Euer Hoheit hat uns vor Unglück bewahrt. Uns geht es allen gut.“ –
 
„Es gibt heute nichts Besonderes zu essen,“ fuhr der Prinz fröhlich fort, „wir sollten aber die Gelegenheit nutzen, uns gut zu unterhalten, weil du da bist.“
 
Die älteren Eunuchen hoben die Vorhänge und der Prinz sagte: „Bitte einzutreten“, ging aber selbst zuerst hinein. Die Jias folgten dem Alter gemäß, bewegten sich mit ehrerbietender Haltung. Innen angelangt, war Djia Schë der erste, der seine Geburtstagsglückwünsche überbrachte. Diese nahm der Prinz bescheiden entgegen, während Djia Schë sich niederkniete. Die anderen taten es ihm gleich.
 
Als diese Formalitäten (eine sehr detailreiche Beschreibung, die der Erzähler hier ausläßt) vorüber waren, begannen die Djias diskret, ihren Abschied einzuleiten. Der Prinz wandte sich an seine Eunuchen und gab Anweisungen, daß die Eunuchen sich in der Empfangshalle gut um sie, seine Verwandten und die auserwählten Gäste kümmern sollten. Er bat Bau-yü, für ein kleines Gespräch zu bleiben.
 
  
Der Prinz von Bee-djing. Aus: Gai Qi 1879.
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„Das mitgebrachte Silber wurde für Bestechungsgelder an Hoch und Niedrig der Behörde verwendet. Bruder sitzt im Gefängnis, leidet aber nicht allzu sehr — Gnädige Frau sei beruhigt. Nur sind die Leute hier sehr gerissen: Die Angehörigen des Toten, die Zeugen — keiner ist nachgiebig, und sogar der Freund, den Bruder zum Trinken eingeladen hatte, hält zu ihnen. Li Xiang und ich sind hier völlig Fremde. Zum Glück fanden wir einen guten Advokaten, dem wir Silber versprachen. Er riet: Man müsse den Wu Liang, der mit Bruder zusammen getrunken hat, auf seine Seite ziehen, ihn gegen Kaution freipressen und bestechen, damit er die Sache bereinigt. Wenn er nicht will, droht man ihm: Zhang San sei in Wahrheit von ihm getötet worden und nur einem Auswärtigen in die Schuhe geschoben worden das hält er nicht aus, und dann wird es einfach. Ich folgte seinem Rat, und tatsächlich kam Wu Liang heraus. Inzwischen hat er die Angehörigen und Zeugen bestochen und eine neue Eingabe verfasst. Vorgestern wurde sie eingereicht, heute kam die Antwort. Siehe die Abschrift der Eingabe."
„Setz’ dich!“, begann er, als die anderen gegangen waren. Bau-yü bedankte sich für diese Ehre mit einem Kotau. Er setzte sich vorsichtig auf einen seidenumhüllten Porzellanhocker nahe der Tür, sie sprachen eine Weile über seine Studien, seine Kompositionen und über andere Dinge. Der Prinz schien noch entzückter als je zuvor von seinem kleinen Schützling und bot ihm etwas Tee an. Weiterhin sagte er:
 
„Exzellenz Direktor Wu war gestern in der Stadt für eine Audienz mit Seiner Majestät. Er sagte mir, daß dein Vater in seiner letzten Aufgabe als Bildungsbeauftragter eine gewissenhafte Unparteilichkeit gezeigt habe und sich den Respekt aller Kandidaten verdient habe, die er begutachtete. Als Ihre Majestät sich bei der Audienz erkundigte, erteilte Wu deinem Vater die größten Komplimente. Wirklich ein gutes Omen ...“
 
Bau-yü hatte sich eben flink erhoben, als der Prinz zu sprechen begann. Als er fertig war, antwortete er ihm:
 
„Ihr habt uns einen großen Vorzug erwiesen, Eure Hoheit, und Direktor Wu hat überschwengliche Freundlichkeit gezeigt.“
 
Während er sprach, kehrte ein jüngerer Eunuch von der Rezeption der vorderen Empfangshalle zurück, um den Dank verschiedener Adeliger und Ehrenmänner für das Bankett zu übermitteln, ihre Anerkennungskarten zu präsentieren und  die mittäglichen Grüße für den Prinzen zu übermitteln. Der Prinz warf einen kurzen Blick auf die Kärtchen und gab sie dem jungen Eunuchen lächelnd mit dem Zeichen der dankbaren Kenntnisnahme zurück.
 
Der Eunuch fuhr fort: „Die Mahlzeit, die ihr extra für Herrn Bau-yü vorbereiten ließt, ist nun bereit.“
 
Der Prinz gab weitere Anweisungen. Der Eunuch begleitete Bau-yü nach draußen zu einem kleinen, aber feinen Hof. Dort wurden die Anwesenden instruiert, während des Mahls zu seiner Verfügung zu stehen. Anschließend kehrte Bau-yü zurück, um dem Prinzen zu danken, und plauderte auf dieselbe höfliche Art mit ihm weiter. Plötzlich sagte dieser lächelnd: „Als ich das erste Mal diesen Stein von dir sah, war ich, wie du weißt, so davon hingerissen, daß ich bei meiner Rückkehr den Jadearbeitern eine Beschreibung von ihm gab und sie bat, mir auch einen solchen anzufertigen. Ich bin so froh, daß du heute hier bist. Du kannst Ihn dann mit nach Hause nehmen. Es wird dich sicher freuen, daß du ihn behalten darfst.
 
Er beauftragte einen der jungen Eunuchen, den Jade hereinzubringen, und der Prinz selbst gab sie Bau-yü, der sie demütig mit beiden Händen empfing, sich bedankte und sich auf den Heimweg begab. Der Prinz trug zwei jungen Eunuchen auf, ihn nach draußen zu begleiten, wo Djia Schë und die anderen Familienmitglieder auf ihn warteten, und sie gingen alle nach Hause.
 
Bei ihrer Ankunft begrüßte Djia Schë die Herzoginmutter und begab sich in seine Wohnung. Djia Dschëng mit den drei anderen begrüßte die Herzoginmutter ebenso und gaben einen vollständigen Bericht von ihrem Empfang. Bau-yü berichtete seinem Vater die Neuigkeiten, die er über Direktor Wus großzügiges Handeln in Erfahrung gebracht hatte. „Direktor Wu“, erklärte Djia Dschëng, „hat uns ja schon immer sehr gut behandelt. Er ist meine Generation und ein Staatsmann höchster Integrität.“
 
Nach weiterem Plaudern erteilte die Herzoginmutter allen die Erlaubnis zu gehen. Djia Dschëng brach auf und Vetter Dschën, Djia Liän und Bau-yü begleiteten ihn bis zur Tür.
 
Djia Dschëng sagte: „Geht zurück und leistet Eurer Großmutter noch etwas Gesellschaft!“, und begab sich zurück in seine Wohnung. Er war noch nicht lange da, als eine Magd hereinkam und ankündigte, daß Lin Dschï-hsiau draußen warte, um ihm etwas zu berichten. Sie überrreichte ihm auch eine rote Besucherkarte von „Direktor Wu“. Djia Dschëng wußte, daß es ein offizieller Besuch war, ließ das Dienstmädchen Lin hereinbitten und ging hinaus, um mit ihm im Wandelgang unter dem Dachvorsprung zu sprechen.
 
„Seine Exzellenz Direktor Wu wollte sie heute sehen, Herr,“ berichtete Lin. „Ich teilte ihm mit, sie seien unterwegs. Und noch etwas anderes, Herr; Ich habe gehört, daß die Stelle eines Dauerhaften Sekretärs im Arbeitsmini­ste­rium frei geworden ist. Verschiedene Leute außerhalb und innerhalb des Ministeriums sind alle der Meinung, daß Sie der Richtige für dieses Amt sind.“
 
„Hm...“, sagte Djia Dschëng, „wir werden sehen.“
 
Lin beriet sich mit seinem Herrn noch über einige andere Dinge und ging.
 
Nachdem Djia Dschëng die Herzoginmutter verlassen hatte, kehrten Vetter Dschën und Djia Liän in ihre eigenen Wohnungen zurück, während Bau-yü zur Herzoginmutter zurückkehrte. Jetzt konnte er ihr alles sagen, was im Palast geschehen war. Er beschrieb, wie freundlich der Prinz ihn behandelt hatte, und nahm den Jade heraus, der ihm geschenkt worden war. Alle schauten ihn sich an, es war eine heitere Stimmung. Die Herzoginmutter beauftragte eine Magd, ihn vorsichtig wegzulegen.
 
„Hast du deinen eigenen Jade gut aufbewahrt?“, sagte sie zu Bau-yü. „Sonst verwechselst du die beiden noch.“
 
Bau-yü nahm sofort das Original von seinem Hals.
 
„Aber sieh doch!“, sagte er, „die sind so verschieden, wie könnte ich sie jemals verwechseln? Großmutter, das erinnert mich an etwas, das mir letzte Nacht widerfahren ist, als ich gerade ins Bett ging. Ich hatte gerade meinen Jade abgenommen und sie hinter dem Bettvorhang aufgehängt, als sie anfing, zu leuchten. Der ganze Innenbereich meines Bettes war rot.“
 
„Dummer Junge!“, ermahnte ihn die Herzoginmutter. „Da sind rote Bänder an deiner Vorhangleiste. Kerzenlicht erzeugt dann natürlich ein rotes Leuchten.“
 
„Nein, die Kerzen waren alle aus, in meinem Zimmer war es stockfin­ster und ich sah es immer noch glimmen.
 
Die Damen Hsing und Wang kicherten. Hsi-fëng konnte sich auch nicht zurückhalten rätselhaft zu bemerken:
 
„Kein Zweifel, das kündigt die Hochzeit an...“
 
„Welche Hochzeit?“, fragte Bau-yü.
 
„Davon verstehst du nichts“, sagte die Herzoginmutter, „aber jetzt komm! Es war ein turbulenter Tag für dich, und du solltest nun gehen und dich ausruhen und keine Zeit damit verschwenden, hier Geschichten zu erzählen.
 
Bau-yü blieb noch ein bißchen und kehrte dann in den Garten zurück. Als er aus dem Zimmer war, wandte sich die Herzoginmutter an die Dame Wang:
 
„Nun, warst du schon bei Frau Hsüä und hast mit ihr darüber gesprochen?“ –
 
„Ja, Mutter, das wollte ich eigentlich sofort machen“, antwortete die Dame Wang. „Aber weil Hsi-fëng in den letzten Tagen mit der kranken Tchiau-djie beschäftigt war, konnte ich es erst zwei Tage später machen. Auf jeden Fall scheint meine Schwester sehr erfreut über diese Idee, doch sie sagt, sie müsse warten, bis Pan nach Hause komme, bevor sie sich auf etwas festlegt. Sie muß erst ihn als ältesten Mann der Familie befragen.“
 
„Wohl wahr“, sagte die Herzoginmutter, „dann müssen wir wohl abwarten, bis sie darüber gesprochen haben. Unterdessen kein Wort davon zu niemandem, bis eine endgültige Entscheidung von Frau Hsüä vorliegt.
 
  
Wir müssen nun diese Hochzeits-Plauderei verlassen und begeben uns zur unwissenden Hauptperson, die sich bei ihrer Ankunft im Roten Hof der Freude Hsi-jën anvertraute:
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Dann las Schatzspange die Abschrift der Eingabe vor:
„Großmutter und Tante Hsi-fëng haben über etwas sehr seltsam gesprochen heute morgen. Ich weiß nicht, um was es geht.“
 
Hsi-jën blickte einen Moment nachdenklich.
 
„Ich habe auch keine Ahnung“, entgegnete sie dann mit einem besonderen Lächeln: „Ich überlege, war Fräulein Dai-yü dabei, als sie darüber sprachen?“
 
„Seit Fräulein Dai-yü krank ist, wie könnte sie da bei der Großmutter sein?“
 
Das Gespräch wurde durch Geräusche von Schë-yüä und Tjiu-wën unterbrochen, die sich im Nebenzimmer stritten.
 
„Was ist los mit euch beiden?“, rief Hsi-jën. –
 
„Wir haben Karten gespielt. Tjiu-wën hat gewonnen und mein Geld genommen. Jetzt, wo sie verliert, will sie das Geld nicht mehr herausrücken. Jetzt bin ich komplett ausgeraubt“, antwortete Schë-yüä.
 
„Ach kommt schon!“ ermahnte sie Bau-yü lachend, „seid doch nicht dumm! Wer will sich schon über ein paar Taler streiten?“ Beide ließen von einander, gingen schmollend fort und ließen Hsi-jën Bau-yü für die Nacht herrichten.
 
Jetzt war Hsi-jën sicher, daß die rätselhafte Unterredung, die Bau-yü erwähnte, irgendwie mit seiner Verlobung zu tun haben mußte. Sie hatte ihre Unwissenheit nur vorgetäuscht, aus Angst, daß die Erwähnung eines solch ernsten Themas in seiner derzeitigen Verfassung noch mehr dummes Gerede Bau-yüs produzieren würde. In ihrem Herzen war dies aber eine sehr wichtige Angelegenheit, die sie beschäftigte. Sie selbst fürchtete diese Neuigkeiten und lag in dieser Nacht wach. Dabei fiel ihr ein, daß sie am besten gleich am nächsten Morgen Dsï-djüan besuchen würde. Sie würde schauen, ob es von ihrer Seite Anzeichen gab, und dann würde sie Bescheid wissen.
 
Also stand sie am nächsten Tag früh auf, machte sie sich selbst zurecht, nachdem sie Bau-yü zur Schule geschickt hatte, und spazierte durch den Garten zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Dsï-djüan war im Fronthof Blumen pflücken und grüßte sie mit einem Lächeln: „Komm her und setz’ dich nach drinnen!“ – Hsi-yän ging hinein und setzte sich.
 
„Nun, so setze ich mich. Wie ich sehe, bist du mit deinen Blumen beschäftigt... Was ist mit Fräulein Dai-yü?“
 
„Sie hat sich gerade zurechtgemacht. Sie wartet darauf, daß ihre Medizin aufgewärmt wird.“
 
Dsï-djüan nahm Hsi-jën mit nach innen. Dai-yü las ein Buch, was Hsi-jën direkt ein Gesprächsthema lieferte. Sie lächelte liebenswürdig: „Kein Wunder, daß Ihr Euch geistig verausgabt. Ihr steht auf und lest schon ein Buch. Wenn Herr Bau-yü Ihrem Beispiel nur ein bißchen folgen würde!“
 
Dai-yü lächelte und legte das Buch nieder. Währenddessen kam Hsüä-yän mit einem kleinen Teetablett mit einem Schüsselchen Medizin und einem mit Wasser. Gefolgt wurde sie von einer jungen Magd, die einen Spucknapf trug.
 
Eigentlich war es Hsi-jëns Absicht, sie auszuhorchen; doch irgendwie, inmitten all dieser medizinischen Fürsorge, fiel ihr kein passender Einstieg in das Thema ein, und sie erkannte, daß es das Risiko nicht wert war, das reizbare Fräulein zu kränken, um die Informationen zu erhalten, die sie brauchte. Nachdem sie nun eine Weile dort gesessen und planlos geplaudert hatte, verabschiedete sie sich und ging nach Hause.
 
Sie näherte sich dem Roten Hof der Freude, als sie zu ihrer großen Überraschung zwei männliche Figuren etwas weiter weg stehen sah. Sie hielt es für diskreter, sich nicht weiter zu nähern. Einer von ihnen hatte sie bereits gesichtet und rannte zu ihr herüber. Es stellte sich heraus, daß es Tschu-yau war, einer von Bau-yüs Pagen.
 
„Was tust du hier?“, fragte sie ihn.
 
„Herr Yün kam gerade mit einem Brief und sagte, er sei für Herrn Bau-yü, und deshalb bin ich hier.“
 
„Aber du mußt doch wissen, daß Herr Bau-yü jeden Tag in die Schule geht, worauf wartet ihr also?“
 
„Das habe ich ihm auch gesagt“, sagte der Page schüchtern grinsend. „Doch er sagte, ich solle es dir erzählen und stattdessen auf deine Antwort warten.“
 
Hsi-jën wollte gerade antworten, als sie bemerkte, daß der andere Mann begann, ihnen entgegenzuschlendern. Eine eingehende Betrachtung bestätigte, daß der heimliche Eindringling tatsächlich Djia Yün war. Sie drehte sich dem Pagen zu und sagte forsch:
 
„Sag’ ihm, ich werde den Brief unverzüglich an Herrn Bau-yü weiterleiten.“
 
Djia Yüns langsames Heranschreiten sollte sein wahres Ziel verdecken, welches war, mit dem angesehenen Fräulein Hsi-jën ein Tête-à-tête zu arrangieren, wollte sie aber auch nicht verärgern. Seine Abweisung (die er sehr deutlich vernahm), zwang ihn, wenn auch innerhalb seines Zielbereiches, seine Pläne zu verwerfen und zu einem vorzeitigen Stillstand zu kommen. Hsi-jën drehte sich auf ihrem Absatz um und begab sich zum Hof der Freude am Roten. Djia Yün konnte nichts tun und ging ganz enttäuscht mit Tschu-Yau zurück.
 
Hsi-jën teilte diesen Zwischenfall am Abend Bau-yü mit, als er von der Schule zurückkehrte:
 
„Dieser junge Herr Yün war heute hier“, sagte sie.
 
„Was wollte er?“
 
„Er hinterließ Ihnen einen Brief.“ –
 
„Wo ist er? Zeig’ ihn mir mal.“
 
Schë-yüä besorgte Yuns Brief von der Buchablage aus dem inneren Zimmer und gab ihn Bau-yü. Auf dem Umschlag stand: „An meinen verehrten Onkel.“
 
„Lustig“, sagte Bau-yü, „ich dachte, ich sollte sein Vater sein!“ –
 
„Was?“, erwiderte Hsi-jën.
 
„Erinnerst du dich nicht, vorletztes Jahr, als er mir weiße Zieräpfel brachte, bezeichnete er mich als ‚verehrter Vater‘? Und heute schreibt er auf dem Umschlag ‚Onkel‘ – er erkennt mich nicht mehr als Vater an...“ – Hsi-jën sagte: „Er schämt sich nicht, und du schämst dich auch nicht! Er ist ja schon groß und soll noch dein Sohn sein? Er sollte sich wirklich schämen. Du bist ja noch nicht mal...“
 
Hsi-jën stockte. Sie errötete und lächelte verlegen. Bau-yü bemerkte das.
 
„Wer weiß?“, witzelte er, „man sagt ja: ‚Ein Mönch hat keine Kinder, aber viele, die ihn wie einen Vater verehren.‘ Ich sehe ihn nur als einen einnehmenden Menschen, deshalb mache ich das überhaupt. Wenn er es nicht will, bereue ich es auch nicht.“ –
 
Während Bau-yü den Brief öffnete, fuhr Hsi-jën fort: „Wenn du es genau wissen willst, der kleine Herr Yün sah ja merkwürdig aus. Er guckt mal heraus, mal versteckt er sich, ich glaube, er ist ein schlechter Kerl.“
 
Bau-yü war zu sehr darin vertieft, den Brief zu öffnen, als daß er ihr zugehört hätte. Sie studierte sein Gesicht, während er las. Ein Stirnrunzeln, dann ein Lächeln, welches überging in ein Kopfschütteln und letztlich dem Ausdruck der Ungeduld. Als er fertig zu sein schien, fragte sie: „Worum geht es denn?“
 
Bau-yü antwortete nicht, sondern zerriß den Brief in Stücke. Hsi-jën sah das und wußte, daß sie nicht weiter fragen sollte. Stattdessen fragte sie:
 
„Hast du vor, nach dem Abendessen noch etwas zu lesen?“ –
 
„Was für ein lächerliches kleines Kind, dieser gemeine Yün!“
 
Hsi-jën lachte über diese Aussage, nach der sie nicht gefragt hatte, und fragte: „Worum geht es eigentlich?“ –
 
„Frag’ nicht! Laß uns zu Abend essen! Danach gehe ich gleich schlafen. Es ist nur nervig.“
 
Er wies eine der jüngeren Mägde an, Feuer anzuzünden und warf die Stücke von Yüns Brief hinein.
 
Das Abendessen wurde bald serviert, doch Bau-yü war dazu nicht in Stimmung und starrte nur mürrisch vor sich hin.
 
Hsi-jën drängelte ihn auf allerlei Arten, bis er endlich etwas aß, doch er stellte seine Schüssel wieder hin und saß halb aufgerichtet im Bett, plötzlich begann er zu weinen.
 
Weder sie noch Schë-yüä wußten, was sie tun sollten.
 
„Nun komm schon, du mußt es uns erzählen“, sagte Schë-yüa. „All dies ist Yüns Schuld, oder wie auch immer sein verdammter Name ist. Ich kann mir nicht vorstellen, was in diesem blöden Brief gestanden haben kann, daß er so einen Eindruck auf dich machte, in der einen Minute warst du am Lachen, in der nächsten bitterlich am Weinen. Wenn du noch länger auf so seltsame Art weiter machst, wie können wir das weiter ertragen.“
 
Sie war selbst den Tränen nahe. Hsi-jën fand das beinahe zum Lachen:
 
„Liebste Schë-yüä, mach’ doch bitte nicht alles noch schlimmer. Er plagt sich doch bereits mit genug Dingen herum. Vielmehr könnte man meinen, der Brief hätte etwas mit dir zu tun...“ –
 
„Also das ist wirklich eine dumme Bemerkung, muß ich sagen!“, antwortete Schë-yüä. „Du weißt, daß irgendwelche Dummheiten darin standen. Warum ziehst du mich da mit rein? Wenn du so sprichst, hat es vielleicht ja viel eher etwas mit dir zu tun...“
 
Bevor Hsi-jën antworten konnte, kam prasselndes Gelächter aus dem Bett, Bau-yü setzte sich auf, schüttelte seine Kleider und sagte zu beiden:
 
„Jetzt ist es aber genug. Laß uns schlafen! Ich muß morgen früh arbeiten.“ Mit diesen Worten zog er sich zurück und legte sich schlafen.
 
Die Nacht ging ereignislos vorüber und am nächsten Morgen, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, ging er in die Schule. Er ging gerade durch das Hoftor, als er sich an etwas erinnerte. Er sagte Bee-ming, sie solle warten. Er kehrte um und rief „Wo ist Schë-yüä?“ –
 
Sie kam herbeigeeilt: „Wieso sind Sie wieder zurück, was ist denn los?“ – „Wenn Yün heute wiederkommt, sag’ ihm, er soll keinen Ärger machen, oder ich werde es der gnädigen Frau und Herrn Dschëng berichten.“ – „Das werde ich.“ Bau-yü brach erneut auf und war auf dem Weg nach draußen, da sah er, wie Djia Yün nervös herkam. Als er Bau-yü sah, grüßte er sofort und sagte:
 
„Meine herzlichsten Glückwünsche, Onkel!“
 
Bau-yü verstand dies als Anspielung auf die Sache in dem Brief vom Vortag und antwortete knapp: „Du bist ja viel zu taktlos! Du kümmerst dich nicht darum, wie es anderen geht, du kommst nur um Chaos zu bringen...“ –
 
„Aber Onkel!“ protestierte Yün mit einem süffisanten Lächeln. „Wenn du mir nicht glaubst, schau’ dich selbst an. Die Massen stehen vor dem Tor.“ –
 
„Was erzählst du?“ gab Bau-yü kurz zurück, seine Stimme wurde wütender.
 
In diesem Moment schwappte eine Welle von Rufen und Pfeifen von der Straße herein.
 
„Hörst du das!“, rief Djia Yün. „Glaubst du mir nun?“
 
Bau-yü war noch verblüffter als zuvor. Aus dem ganzen Klamauk konnte er kein Wort erkennen. Er rief: „Habt ihr Leute keine Manieren? Was fällt euch ein, hierher zu kommen und so einen Aufstand zu machen?“
 
Eine Stimme antwortete: „Da Euer Vater befördert wurde, wie könnten wir nicht herkommen um Euch zu gratulieren? Andere Leute träumen davon und erreichen nichts.“
 
Bau-yü verstand, daß die Beförderung seines Vaters zuletzt offiziell ausgerufen worden war und daß der Lärm vor den Toren von einer Menge von Leuten kam, die gratulierten. Ihre Begeisterung steigerte die Lautstärke immer mehr. Er wollte gerade losgehen, als Djia Yün rief: „Freust du dich nicht, Onkel? Wenn du dich jetzt noch verloben würdest, verhieße das ja doppeltes Glück ...“
 
Bau-yü errötete heftig, und er spuckte Djia Yün ins Gesicht: „Pfui! Warum verschwindest du nicht einfach? Du ekelst mich an!“
 
Djia Yün errötete ebenfalls. „Was soll denn das? Ich sehe, du bist ein wenig...“ –
 
„Ein wenig was?“, fragte Bau-yü wütend.
 
Doch Djia Yüns Nerven ließen ihn im Stich und er ließ seine Bemerkung unvollendet.
 
Bau-yü eilte zur Schule, wo Dai-ju ihn mit einem Lächeln begrüßte:
 
„Ich habe eben die guten Nachrichten gehört, mein Junge. Ich muß sagen, ich bin überrascht, dich heute überhaupt hier zu sehen.“ –
 
„Ich dachte, ich sollte es euch zuerst berichten, Herr, bevor ich meine Glückwünsche überbringe“, antwortete Bau-yü mit einem freundlichen Lächeln.
 
„Ich verstehe. Also gut, heute brauchst du nicht zum Unterricht. Nutze deinen freien Tag. Doch bitte vertrödel dich nicht im Garten. Da du auf Grund deines Alters noch nicht aktiv an den familiären Angelegenheiten teilnehmen kannst, solltest du mit deinen älteren Vettern lernen.“ –
 
„Ja, Herr.“
 
Bau-yü kehrte nach Hause zurück. Als er sich dem zweiten Eingangstor näherte, kam ihm Li Guee entgegen, der ihm gratulierte.
 
  
Offizielle Bekanntgabe der Beförderung von Djia Dschëng. Aus: Jinyuyuan 1889a.
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„Der Unterzeichnete, Soundso, reicht diese Klage ein im Namen seines Bruders, der von einem unverschuldeten Unglück betroffen wurde: Mein leiblicher Bruder Becken Schnee, gebürtig aus Nanjing, wohnhaft in der Westlichen Hauptstadt, reiste an dem betreffenden Tag mit Kapital in den Süden zum Handel. Wenige Tage nach seiner Abreise sandte ein Diener Nachricht nach Hause, dass er in einen Totschlag verwickelt sei. Ich eilte sofort zur ehrenwerten Behörde und erfuhr, dass mein Bruder unbeabsichtigt einen Mann namens Zhang verletzt habe. Im Gefängnis erzählte mein Bruder unter Tränen: Er kenne den besagten Zhang überhaupt nicht, es bestehe keinerlei Feindschaft. Bei einem Wortwechsel wegen des Weinwechselns habe er den Wein zu Boden geschüttet. Unglücklicherweise bückte sich Zhang San gerade, um etwas aufzuheben, und die Weinschale traf versehentlich seine Fontanelle, woran er starb. Bei der früheren Vernehmung habe mein Bruder aus Angst vor der Folter zugegeben, er habe ihn im Streit totgeschlagen. Euer erhabene Güte hat bereits erkannt, dass hier Unrecht vorliegt, und den Fall noch nicht abgeschlossen. Mein Bruder als Häftling darf keine Eingabe machen; ich wage es als sein Bruder, unter Einsatz meines Lebens, stellvertretend um Wiederaufnahme und Anhörung der Zeugen zu bitten. Falls dies gnädig gewährt wird, werden wir die grenzenlose Gnade unserer Lebetage preisen."
„Bin ich froh, daß du zurück bist“, sagte Li Guee, der lächelnd neben ihm stehenblieb. „Ich wollte gerade zur Schule gehen, um dich zu holen.“ –
 
„Wer hat dir das aufgetragen?“, fragte Bau-yü.
 
„Die Herzoginmutter schickte jemanden zu dir“, antwortete Li Guee, „doch die Mägde sagten, du seist bereits in der Schule, deshalb schickte sie jemanden mit den Anweisungen, dich für ein paar Tage von der Schule zu befreien. Während die Herzoginmutter gerade Theaterschauspieler für die Festlichkeiten besorgt, kommst du gerade.
 
Bau-yü ging hinein, um zu sehen, daß der Vorhof der Herzoginmutter von Mägden und Dienstmädchen überquoll, ihre Gesichter strahlten vor aufrichtiger Begeisterung:
 
„Sie sind spät, Herr Bau-yü! Beeilen Sie sich besser, um der gnädigen Frau zu gratulieren!“
 
Bau-yüs Gesicht erhellte sich. Als er den Raum betrat, fand er seine Großmutter mit Dai-yü links und Hsiang‑yün rechts neben ihr sitzend aufrecht auf dem Ofenbett, während darunter die Damen Hsing und Wang, Tan‑tschun, Hsi­-tschun, Li Wan und Hsi-fëng, Li Wans zwei Kusinen Wën und Tchi und die Dame Hsings Nichte Hsing Hsiu‑yän versammelt waren. Er bemerkte, daß Bau‑tschai, Bau‑tjin und Ying-tschun nicht dabei waren.
 
Überglücklich, eine solche Versammlung zu sehen, gratulierte Bau-yü seinerseits der Herzoginmutter herzlichst, dann seiner Mutter und der Dame Hsing und anschließend dem Rest der Familie. Er wandte sich lächelnd an Dai-yü und sagte: „Hast du dich denn etwas erholt, Kusine?“ –
 
„Ja, es geht mir viel besser“, antwortete Dai-yü lächelnd. „Und dir? Ich habe gehört, daß es dir auch nicht allzu gut ging.“ –
 
„Ja, in einer Nacht hatte ich plötzlich einen Schmerz in der Brust verspürt. Seit ein paar Tagen ist mir wieder besser, doch ich mußte jeden Tag zur Schule, deshalb konnte ich dich nicht besuchen kommen.“
 
Bevor er zu Ende sprechen konnte, wandte sich Dai-yü ab, um mit Tan‑tschun zu sprechen. Hsi-fëng stand in ihrer Nähe und bemerkte sarka­stisch:
 
„Ich dachte, ihr beiden wärt unzertrennlich? Wie höflich ihr miteinander redet, könnte man meinen, ihr seid Gäste. Das ist so wie in der Redewendung ‚sich zu respektieren wie Ehrengäste“.“ Alle lachten. Dai-yüs Gesicht verfärbte sich und zuerst war sie vor Verlegenheit sprachlos. Doch da sie dachte, von ihr würde nun irgendeine Antwort erwartet, entfuhr ihr schließlich:„Was verstehst du denn ...?“ Das schien alle noch mehr zu erheitern.
 
Nach kurzem Überlegen bemerkte Hsi-fëng, daß ihr Scherz deplaziert war, und sie wollte gerade ein neues Thema anfangen, um die Atmosphäre aufzulockern, als sich Bau-yü plötzlich zu Dai-yü wandte und sagte:
 
„Kusine, weißt du, was dieser taktlose, unmögliche Narr Yün versucht...“ Dann fiel ihm ein, daß er darüber besser nicht sprechen sollte. Verblüfftes Lachen kam von den anderen. Jemand sagte: „Wovon redest du?“
 
Dai-yü tappte ebenso wie sie im Dunkeln und lächelte unbeholfen. Bau-yü wand sich irgendwie heraus und ging zu einem anderen Thema über: „Ich habe vorhin erst gehört, daß einige Theaterschauspieler bestellt wurden. Wieviele Stücke werden denn aufgeführt?“
 
Alle guckten ihn lachend an. Hsi-fëng antwortete dann:
 
„Du hast es ja von draußen gehört. Du hast es uns ja jetzt berichtet. Wen willst du denn fragen?“
 
Bau-yü antwortete verlegen: „Ich gehe besser hinaus und sehe mal nach.“
 
„Jetzt auch noch nach draußen!“ warnte seine Großmutter. „Du möchtest doch nicht, daß sich die Menge über dich lustig macht, oder? Und denke daran, dies ist ein ganz besonderer Tag für deinen Vater und wenn er nach Hause kommt und du treibst dich herum, gibt es mit Sicherheit Ärger.“ –
 
„Ja, Großmutter“, antwortete Bau-yü und begab sich auf die Flucht.
 
Als er gegangen war, fragte die Herzoginmutter Hsi-fëng: „Wer hat etwas von Theater gesagt?“ –
 
„Der Familie von Onkel Wang Dsï‑scheng geht es gut“, antwortete Hsi-fëng, „sie möchten dir, Onkel Dschëng und den Damen gratulieren. Sie haben extra eine neue Truppe an Schauspielern engagiert und sagen, daß es Euch nicht nur gut gehe, sondern der ganze Tag glücklich werde.
 
Hsi-fëng lachte: „Und das nicht nur auf eine Art.“
 
Sie schaute Dai-yü an und lächelte. Dai-yü lächelte schüchtern zurück.
 
„Natürlich!“ stieß die Dame Wang hervor. „Es ist der Geburtstag unserer Nichte!“
 
Als die Herzoginmutter das vernahm, lachte sie laut: „Das alles zeigt nur, wie geistesabwesend ich in meinem Alter werde! Es ist gut, daß Hsi-fëng hier alles organisiert. Nun, und was könnte besser sein: wir können die Beförderung deines Onkels Dschëng feiern und gleichzeitig deinen Geburtstag!“ Darauf mußte jeder lachen, und alle stimmten einhellig darin überein, daß die alte Dame die Ereignisse so druckreif zusammengeführt hatte, daß die Familie völlig zu Recht ein so ungeheures Glück genösse.
 
Bau-yü kam rechtzeitig zurück, um von der Feier zu hören, und tanzte vor Freude. Sie setzten sich alle zum Mittagessen in einer Atmosphäre größter Heiterkeit. Nach dem Essen kehrte Djia Dschëng von seiner Danksagung am Hof zurück. Nach einem zeremoniellen Kniefall vor dem Familienschrein kam er herein, um vor seiner Mutter einen Kotau zu machen. Dann erhob er sich und sagte ein paar Worte, bevor er draußen die Gäste empfing und sich bei ihnen bedankte.
 
Während der nächsten Tage herrschte durchgehender Betrieb und ein Durcheinander, als ein Schwall Verwandter das Jung-guo-Anwesen belagerte. Pferde und Kutschen drängten am Haupteingang, und in jeder Ecke wartete ein wichtig aussehender Edelmann auf seinen Einsatz, mit gestärktem Hut und Ehrendolch geschmückt. Es war wirklich, wie es heißt:
 
  
Über Blumenblüte
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Der Bescheid lautete:
Bienen- und Schmetterlingstanz,
 
Unter weitem Himmel,
 
Über'm Ozean der Vollmond.
 
  
Zwei Tage später kamen die Theaterschauspieler, auf Anweisung von Wang Dsï‑scheng und weiteren Angehörigen, am frühen Morgen an. Sie bauten ihre Bühne im Hof der Herzoginmutter auf, der der Haupthalle gegenüber lag. Die Männer der Familie Djia waren in offiziellen Gewändern gekleidet und unterhielten ihre Gratulanten und Verwandten im offenen Hof, wo mehr als zehn Tische aufgestellt waren. Da eine Premiere gegeben wurde, wurde eine besondere gläserne Sichtwand zwischen Hof und Hinterzimmer aufgestellt, durch die das Spiel von der Nordseite angeschaut werden konnte. Vier Tische wurden im geschlossenen Raum aufgestellt, um den Damen und besonders der Herzoginmutter zu ermöglichen, die Spiele zu sehen. Alles war darauf ausgerichtet, besonders der Herzoginmutter eine Freude zu machen. Frau Hsüä saß am Kopf des Ehrentisches, umsäumt von ihrer Schwester, der Dame Wang, und ihrer Nichte Bau‑tjin, während die Herzoginmutter am Kopf des Tisches gegenüber saß, begleitet von der Dame Hsing und ihrer Nichte Hsiu‑yän. Die zwei verbleibenden Tische waren noch leer, und die Herzoginmutter rief den anderen zu, sich zu beeilen und zu setzen.
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„Die Leichenschau am Tatort hat eindeutige Beweise erbracht. Zudem hat dein Bruder ohne Anwendung von Folter aus freien Stücken den Totschlag im Streit gestanden, und das Geständnis liegt aktenkundig vor. Du bist von weit hergekommen und warst kein Augenzeuge — wie darfst du da erdichtete Behauptungen aufstellen und eine unbegründete Gegenklage einreichen? Eigentlich wärest du zu bestrafen; in Anbetracht deiner brüderlichen Sorge sei dir vorerst verziehen. Abgelehnt."
Hsi-fëng wurde von Dai-yü begleitet und holte sämtliche Dienstmägde. Dai-yü trug ein neues Kleid und sah, als sie hereinkam, aus wie die Mondgöttin, die auf die Erde niedersteigt. Sie begrüßte die Herzoginmutter, und ihre Tanten mit einem schüchternen Lächeln und Hsiang‑yün und die zwei Li-Schwestern baten sie, sich am Kopf ihres Tisches niederzulassen. Ihre freundliche Ablehnung wurde schnell von der Herzoginmutter überstimmt:
 
„Nun komm schon, Liebes, heute mußt du den Platz einnehmen!“ –
 
„Wirklich?“, stieß Frau Hsüä sich erhebend hervor. „Hat Fräulein Dai-yü heute auch etwas zu feiern?“
 
Die Herzoginmutter lachte: „Es ist ihr Geburtstag!“ –
 
„Ach, du meine Güte. Ich habe es vergessen! Wie schrecklich von mir!“ Frau Hsüä ging zu Dai-yü: „Es tut mir leid. Ich hoffe, du vergibst mir meine Vergeßlichkeit. Ich werde Bau‑tjin bitten, dich später aufzusuchen und dir alles Gute zu wünschen.“ –
 
„Bitte mach’ dir meinetwegen nicht solche Mühe“, sagte Dai-yü lächelnd. Sie blickte um sich, als sich alle setzten, und bemerkte, daß Bau‑tschai nicht gekommen war.
 
„Ich hoffe, Kusine Bau-tschai geht es gut. Warum konnte sie heute nicht kommen?“ –
 
„Sie wollte“, antwortete Frau Hsüä, „doch da zuhause niemand aufpaßt, mußte sie dort bleiben.“
 
Dai-yü errötete und sagte mit einem erstaunten Lächeln: „Jetzt, da Vetter Pan verheiratet ist und eine neue Schwägerin da ist, müßte sie doch nicht mehr zu Hause bleiben? Sie war sicher nicht in der Stimmung für diesen ganzen Lärm und die Aufregung. Es ist schade, daß sie nicht kommen konnte. Sie fehlt mir sehr.“ Frau Hsüä lächelte: „Das ist süß von dir, Liebes. Sie denkt auch ständig an dich. Ich werde ihr sagen, sie soll an einem Tag einmal zum Plaudern vorbeikommen.“
 
Die Mägde servierten bereits den Wein und deckten die Tische, während die Theatervorstellung draußen begonnen hatte. Selbstverständlich wurde sie mit zwei komödiantischen Stücken eröffnet. Bei dem dritten Stück schien es sich um eine Premiere zu handeln. Ein Chor goldener Pagen und Jade-Jungfrauen kam auf die Bühne, Feenbänder und Flaggen schwebten in der Höhe, um eine überaus betörende junge Dame zu enthüllen, ihr Kopf war mit einem Tuch schwarz drapiert, ihr Seidenkostüm schimmerte in den Farben eines Regenbogens, und sie trug eine gefiederten bunte Jacke. Der junge Mann in der Frauenrolle sang eine kurze Arie und verließ die Bühne.
 
Keiner aus der Familie konnte dieses Stück überhaupt kennen, und sie hörten, wie einer der Gäste sagte:
 
„Das war ,Die Verwandlung“, von einer ihrer letzten Darstellungen, Der Perlenpalast. Es wird die Geschichte von Chang E erzählt, die aus ihrem Mondpalast herunter auf die Erde kommt und sich gerade mit ihrem sterblichen Liebhaber vermählen will, als die Göttin der Barmherzigkeit ihr die Augen für die Wahrheit öffnet, und sie stirbt, bevor die Hochzeit stattfindet. In dieser Szene schwebt sie gerade zum Mond. Hast du den Text der Arie gehört?
 
  
Die Liebe, die der Menschen Geist beherrscht,
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Tante Schnee sagte bestürzt: „Dann ist er also nicht mehr zu retten? Was sollen wir tun?" Schatzspange antwortete: „Der Brief des Zweiten Bruders ist noch nicht zu Ende — es kommt noch etwas." Sie las weiter: „Das Wichtigste erfährt man vom Boten."
verdunkelt alle Spuren
 
ewiger Wahrheit:  
 
Die Erntemonde schwinden,
 
des Frühlings frische Schönheit,
 
voll der Anmut, welkt.
 
Sterbliche Liebe war's,
 
die meiner Augen Licht benahm
 
und um mich spann
 
ein Netz von Dunkelheit.
 
  
Als viertes Stück stand die 21. Szene: ,Eine Ehefrau ißt Weizen und bezichtigt sich selbst’, aus ,Die Geschichte der Laute‘ auf dem Programm, gefolgt von dem fünften Stück ,Bodhidharma und seine Schüler überquerten den Fluß‘, aus ,Die Pilgerreise‘. Als Bühnenhintergrund wurde eine Fata Morgana-Szene aufgebaut, und es sah turbulent aus. Die Begeisterung hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht, als einer der Diener der Hsüä-Familie, mit schweißüberströmtem Gesicht, in den Hörsaal des Hofes platzte und zu Hsüä Kës Tisch eilte:
+
Tante Schnee fragte den Boten, und dieser erklärte: „Der Kreisrichter weiß sehr wohl, dass unsere Familie vermögend ist. Man muss in der Hauptstadt jemanden finden, der beim hohen Gericht vorspricht, und außerdem ein stattliches Geschenk schicken. Dann kann eine Neuverhandlung stattfinden und die Strafe gemildert werden. Die Gnädige Frau muss sofort handeln — jede Verzögerung bedeutet, dass der Erste Herr im Gefängnis zu leiden hat."
„Herr Ke! Kommen Sie schnell nach Hause! Und sagen Sie der Herrin Bescheid, daß sie auch kommen soll. Es ist sehr dringend!“ –
 
„Was ist passiert?“, fragte Hsüä Kë.
 
„Ich sage es ihnen, wenn wir zu Hause sind, Herr!“, keuchte der Junge.
 
Seinen Gastgebern unaufhörlich dankend, folgte Hsüä Kë dem Jungen aus dem Hof und schickte eine der Mägde mit einer Nachricht in den Damenbereich. Als Frau Hsüä die Neuigkeiten vernahm, verfinsterte sich ihre Miene. Bau‑tjin mit sich nehmend, verabschiedete sie sich unkonzentriert und begab sich direkt zu ihrer Sänfte, die ganze Versammlung dabei in höchstem Aufruhr verlassend.
 
„Wir schicken jemanden hin, um zu erfahren, was los ist“, sagte die Herzoginmutter, „alle machen sich Sorgen.
 
Alle stimmten zu.
 
Die Spieler fuhren mit ihrem Programm fort. Doch wir müssen sie verlassen und Frau Hsüä folgen, die bei ihrer Ankunft zu Hause zwei Boten des Yamen am inneren Torweg warten sah. Bei ihnen waren einige Angestellte des Familienpfandhauses.
 
„Wenn Frau Hsüä erscheint“, sagten sie, „wird sie alles erklären können.“
 
Als die Boten des Yamen diese ältere Dame mit ihrem Gefolge männlicher und weiblicher Begleiter zum Tor eilen sahen und die erhöhte Position der Person sahen, mit der sie es zu tun hatten, standen sie stramm und ließen sie passieren. Frau Hsüä ging weiter durch die Empfangshalle und konnte bereits lautes Weinen aus der Wohnung ihrer Schwiegertochter vernehmen. Sie beschleunigte ihren Gang. Bau‑tschai kam ihr mit einem Gesicht naß vor Trä­nen entgegen.
 
„Hast du es gehört, Mama? Bitte keine Aufregung! Wir müssen etwas tun!“
 
Sie gingen zusammen hinein. Einige der Diener hatten Frau Hsüä auf ihrem Weg hinein bereits gesagt, worum es ging. Bau-tschai schluchzte und zitterte immer noch von dem Schrecken.
 
„Doch wer? Wer war es?“, fragte sie aufgewühlt.
 
„Herrin“, sagte einer der Diener, „solche Details werden an der Situation im Moment nichts ändern. Das Gesetz sagt: ‚Ein Leben muß mit einem Leben vergolten werden‘. Deshalb müssen wir überlegen, was zu tun ist.“ –
 
„Überlegen!“, schrie Frau Hsüä hysterisch, „was bringt denn schon Überlegen in so einem verdammten Moment wie jetzt?“ –
 
„Das Beste, wie wir finden“, fuhr der Diener fort, „ist dies. Zuerst
 
schicken wir den jungen Herr Ke mit etwas Geld, um Herrn Pan im Gefängnis zu besuchen. Was morgen zuerst zu tun ist: Herr Ke muß sich einen guten Berufsschreiber besorgen, jemand, der mit der gerichtlichen Terminologie vertraut ist. Er muß ihm ein gutes Honorar anbieten, um sicherzugehen, daß sein Todesurteil verworfen wird. Wenn das erledigt ist, müssen wir einen der Edelmänner der Familie Djia hier fragen, ob sie ein paar Fäden ziehen.
 
  
[[Category:Books]]
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Tante Schnee schickte den Diener weg und eilte sofort in die Jia-Residenz, um Frau König alles zu erklären und Aufrecht Kaufmann um Hilfe zu bitten. Aufrecht Kaufmann war bereit, jemanden zu beauftragen, ein gutes Wort beim Kreisrichter einzulegen, wollte aber kein Geld ins Spiel bringen. Tante Schnee fürchtete, das reiche nicht aus, und bat Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref>, mit Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".</ref> zu sprechen. Mit einigen tausend Tael Silber wurde der Kreisrichter bestochen, und auch Xue Ke konnte an seinem Ende alles regeln.
[[Category:Hongloumeng]]
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Daraufhin eröffnete der Kreisrichter die Sitzung, ließ alle Nachbarn, Zeugen und Angehörigen des Toten laden, führte Becken Schnee aus dem Gefängnis vor und rief die Gerichtsschreiber auf, alle Namen zu verlesen. Der Richter ließ den Dorfvorsteher das Originalgeständnis vortragen und rief dann die Witwe des Toten, Zhang König Shi, sowie den Onkel Zhang Er auf. Zhang König Shi heulte: „Mein Mann Zhang Da ist vor achtzehn Jahren gestorben. Der erste und der zweite Sohn sind auch gestorben. Nur dieser Jüngste blieb mir übrig, Zhang San, dreiundzwanzig Jahre alt, noch unverheiratet. Weil wir so arm waren und es nichts zu essen gab, hat er als Schankbursche bei der Wirtschaft Li gearbeitet. An dem Tag kam mittags jemand aus der Wirtschaft und sagte: ‚Dein Sohn ist totgeschlagen worden!' Ach, gnädiger Herr, ich wäre vor Schreck fast gestorben! Ich rannte hin und sah meinen Jungen mit blutigem Kopf auf dem Boden liegen und keuchen; auf meine Fragen konnte er nicht mehr antworten, und kurz darauf war er tot. Ich wollte mich auf diesen Lump stürzen und mit meinem Leben bezahlen!" Die Gerichtsdiener riefen sie zur Ordnung. Zhang König Shi warf sich auf die Knie: „Gnädiger Herr, verschafft mir Gerechtigkeit! Er war mein einziger Sohn!"
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Der Richter rief: „Zurücktreten!" Dann wandte er sich an den Wirt Li Er: „War dieser Zhang San als Schankbursche bei dir angestellt?" Li Er antwortete: „Er war nicht fest angestellt, er half als Laufbursche aus." Der Richter fragte: „Bei der ersten Leichenschau hast du ausgesagt, du habest mit eigenen Augen gesehen, wie Becken Schnee Zhang San mit der Schale totschlug. Hast du es wirklich gesehen?" Li Er sagte: „Ich stand am Tresen und hörte, dass im Gastzimmer Wein verlangt wurde. Kurz darauf hieß es: ‚Es ist etwas Schlimmes passiert — es ist einer verletzt!' Ich rannte hin und sah Zhang San auf dem Boden liegen; er konnte nicht mehr sprechen. Ich benachrichtigte den Dorfvorsteher und seine Mutter. Wie genau geschlagen wurde, weiß ich wirklich nicht. Fragen Sie doch den Zechgenossen." Der Richter herrschte ihn an: „Bei der ersten Vernehmung hast du behauptet, du habest es mit eigenen Augen gesehen — und heute sagst du, du habest nichts gesehen?" Li Er stammelte: „An dem Tag war ich so verwirrt vor Schreck, dass ich alles durcheinanderbrachte." Die Gerichtsdiener brüllten ihn an.
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Der Richter rief Wu Liang auf: „Du hast mit ihm zusammen getrunken. Wie hat Becken Schnee zugeschlagen? Sag die Wahrheit!" Wu Liang sagte: „Ich war an dem Tag zu Hause. Dieser Herr Xue lud mich zum Trinken ein. Er fand den Wein schlecht und wollte tauschen, aber Zhang San weigerte sich. Herr Xue wurde wütend und schüttete ihm den Wein ins Gesicht — ich weiß nicht, wie, aber die Schale traf seinen Kopf. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen." Der Richter schrie: „Unsinn! Bei der Leichenschau hat Becken Schnee selbst zugegeben, er habe ihn mit der Schale totgeschlagen, und du hast bestätigt, es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Warum stimmt deine heutige Aussage nicht überein? Maulschellen!" Die Diener wollten zuschlagen. Wu Liang flehte: „Becken Schnee hat sich wirklich nicht mit Zhang San geprügelt. Die Weinschale ist ihm aus der Hand gerutscht und gegen den Kopf gestoßen. Fragen Sie doch Becken Schnee selbst — das wäre eine Gnade!"
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Der Richter rief Becken Schnee vor und fragte: „Was für eine Feindschaft hattest du mit Zhang San? Wie genau ist er gestorben? Sag die Wahrheit!" Becken Schnee flehte: „Euer Gnaden, Erbarmen! Ich habe ihn wirklich nicht geschlagen. Weil er den Wein nicht wechseln wollte, schüttete ich den Wein auf den Boden. Dabei rutschte mir die Schale aus der Hand und traf seinen Kopf. Sofort versuchte ich, das Blut zu stillen, aber es war nicht zu stoppen; es blutete immer mehr, und bald darauf war er tot. Bei der Leichenschau hatte ich Angst vor der Folter und sagte deshalb, ich hätte ihn mit der Schale geschlagen. Ich flehe um Gnade!" Der Richter herrschte ihn an: „Du dummer Kerl! Als ich dich fragte, wie du ihn geschlagen hast, gestehst du, du habest ihn aus Wut über den Wein geschlagen — und heute sagst du, die Schale sei dir ausgerutscht!" Der Richter tat, als wolle er foltern und pressen lassen. Becken Schnee beharrte unerschütterlich auf seiner Aussage.
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Der Richter rief den Gerichtsmediziner: „Berichte wahrheitsgemäß die Verletzungen, die du bei der Leichenschau am Tatort festgestellt hast." Der Gerichtsmediziner meldete: „Am Leichnam des Zhang San fanden sich keine Verletzungen. Nur an der Fontanelle befand sich eine Wunde von einer Porzellanscherbe, ein Zoll und sieben Fen lang, fünf Fen tief, die Haut aufgerissen. Der Fontanellenknochen war brüchig und auf drei Fen gerissen — es handelt sich eindeutig um eine Stoß- oder Aufprallverletzung." Der Richter verglich es mit dem Leichenschauprotokoll — es stimmte überein. Er wusste natürlich, dass der Gerichtsschreiber die Schwere der Verletzung abgemildert hatte, ließ es aber durchgehen und ordnete die Unterzeichnung der Protokolle an.
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Zhang König Shi schrie weinend: „Gnädiger Herr! Letztes Mal hieß es noch, es gäbe viele Verletzungen — warum sind die heute alle verschwunden?" Der Richter schrie: „Was redet die Frau da! Hier ist das offizielle Protokoll — kannst du nicht lesen?" Er rief den Onkel Zhang Er und fragte: „Dein Neffe ist tot — wie viele Verletzungen hatte er?" Zhang Er beeilte sich zu sagen: „Eine Wunde am Kopf." Der Richter nickte: „Na also!" Er ließ den Gerichtsschreiber der Witwe das Protokoll vorzeigen und den Dorfvorsteher und den Onkel es ihr erklären: Alle Zeugen hätten übereinstimmend ausgesagt, es habe keine Schlägerei stattgefunden — also liege kein Totschlag im Streit vor. Es werde als versehentliche Tötung gewertet. Er ordnete die Unterzeichnung an und ließ Becken Schnee in Haft auf die Bestätigung durch die höhere Instanz warten; alle übrigen wurden dem Dorfvorsteher zur Freilassung übergeben, und die Sitzung wurde geschlossen. Zhang König Shi schrie und tobte; der Richter ließ sie von den Dienern hinaustreiben. Zhang Er redete auf sie ein: „Es war wirklich ein Versehen — wie willst du dem die Schuld geben? Der Richter hat klar geurteilt. Hör auf mit dem Unsinn."
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Xue Ke erfuhr draußen die Details und war erleichtert. Er schickte einen Boten mit der Nachricht nach Hause. Man musste nun die Bestätigung der höheren Instanz abwarten, um die Freikaufung zu regeln. Da hörte man unterwegs Gerüchte: Eine Kaiserliche Gemahlin sei gestorben, der Kaiser halte drei Tage Staatstrauer. Xue Ke vermutete, dass der Kreisrichter, da die Grabstätte nicht weit entfernt war, nun mit den Trauervorbereitungen beschäftigt sein und den Fall nicht so schnell abschließen würde. Da es keinen Sinn hatte, hier zu warten, ging er ins Gefängnis, sagte Becken Schnee, er solle geduldig ausharren, und fuhr nach Hause; in ein paar Tagen komme er wieder. Becken Schnee fürchtete um seine Mutter und ließ ausrichten: „Mir geht es gut. Man muss noch einige Male bei der Behörde Geld aufwenden, dann kann ich nach Hause. Nur spart nicht am Silber."
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Xue Ke ließ Li Xiang dort zur Aufsicht und fuhr direkt nach Hause. Bei Tante Schnee angekommen, berichtete er, wie der Kreisrichter den Fall nach Gefallen gedreht und schließlich auf versehentliche Tötung entschieden hatte. Wenn man den Angehörigen des Toten noch etwas Geld gebe, könne man einen Freikauf bewirken, und alles wäre erledigt. Tante Schnee atmete vorerst auf und sagte: „Gut, dass du nach Hause kommst, um nach dem Rechten zu sehen. Bei den Jias müssten wir uns eigentlich bedanken, doch jetzt, wo die Zhou-Kaisergemahlin gestorben ist, sind sie ständig im Palast, und zu Hause ist es leer. Ich dachte daran, hinüberzugehen und der Tante ein wenig Gesellschaft zu leisten und zu helfen, nur fehlte es bei uns an jemandem. Jetzt, wo du da bist, passt es gut."
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Xue Ke sagte: „Unterwegs habe ich gehört, es sei die Jia-Kaisergemahlin gestorben; deshalb bin ich so schnell zurückgekommen. Ich wunderte mich: Unserer Kaisergemahlin ging es doch gut — wieso ist sie plötzlich gestorben?" Tante Schnee erzählte: „Letztes Jahr war sie einmal krank, aber sie erholte sich. Diesmal hörte man auch nichts von einer Krankheit der Gemahlin. Nur dass drüben die Alte Ahnin seit einigen Tagen nicht recht wohl war — sobald sie die Augen schloss, sah sie die Kaisergemahlin Urfrühling vor sich, und alle machten sich Sorgen. Als man aber nachforschte, war im Palast alles in Ordnung. Dann, vorgestern Abend, sagte die Alte Ahnin selbst: ‚Warum kommt Urfrühling ganz allein zu mir?' Alle dachten, eine alte Dame phantasiere in der Krankheit, und glaubten es nicht. Die Alte Ahnin sagte weiter: ‚Ihr glaubt mir nicht? Urfrühling hat sogar zu mir gesagt: Aller Glanz geht rasch zu Ende — man muss sich rechtzeitig zurückziehen.' Jeder dachte, das seien die Grübeleien einer alten Frau, und nahm es nicht ernst. Am nächsten Morgen kam aufgeregt die Nachricht aus dem Palast: Die Gemahlin sei schwer erkrankt, und alle Ehrentitelträgerinnen sollten sich melden. Da erschraken alle zutiefst und eilten in den Palast. Ehe sie zurückkehrten, hörten wir zu Hause schon, dass die Zhou-Kaisergemahlin gestorben sei. Stell dir vor: Das Gerücht von draußen und die Angst zu Hause fielen genau zusammen — ist das nicht seltsam?"
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Schatzspange sagte: „Nicht nur die Gerüchte draußen waren falsch — auch zu Hause hat man, kaum das Wort ‚Kaisergemahlin' gehört, sofort panisch reagiert, und erst hinterher wurde alles klar. In den letzten Tagen kamen die Mädchen und Dienerinnen von drüben und sagten, sie hätten schon vorher gewusst, dass es nicht unsere Kaisergemahlin war. Ich fragte: ‚Woher wusstet ihr das so sicher?' Sie erzählten: ‚Vor ein paar Jahren, im ersten Monat, wurde aus der Provinz ein Wahrsager empfohlen, der angeblich sehr treffsicher sei. Die Alte Ahnin ließ die Geburtsdaten der Kaisergemahlin unter die der Dienstmädchen mischen und zum Wahrsagen schicken. Er sagte über das eine Mädchen, das am ersten Tag des ersten Monats geboren war: Die Geburtsstunde stimme wohl nicht; sonst wäre sie wirklich eine Person von höchstem Rang und könnte nicht in diesem Haus leben. Der gnädige Herr und alle sagten: Ob richtig oder nicht — rechne einfach nach den Daten. Der Wahrsager sprach: Im Jiashen-Jahr, erster Monat, Bingyin — diese Zeichen enthielten zwar Zeichen für Verlust; doch das Shen-Zeichen berge Amt und Glückspferd, und das bedeute, sie könne nicht im Hause gehalten werden, aber besonders gut sei es auch nicht. Der Tagesstamm Yimao, Frühholz in voller Kraft — zwar gleichartig, doch je mehr gleichartig, desto besser; wie ein gutes Holz, das erst durch kunstvolles Schnitzen zum Meisterwerk wird. Besonders erfreulich sei die Stunde mit dem Xinjin-Metall als Edelzeichen und dem Si-Zeichen mit Amt und Glückspferd, was ‚Fliegendes-Glück-Pferd-Format' heiße. Er sagte noch: Der Tag treffe auf reines Glück von höchstem Gewicht; Himmels- und Mondtugend stünden im eigenen Schicksal — begünstigt mit der Huld des Pfeffer-Palastes. Wenn die Geburtsstunde stimme, sei dieses Mädchen bestimmt eine Kaisergemahlin. Und das stimmte doch! Aber er sagte auch: Nur schade, dass der Glanz nicht von Dauer sei — er fürchte, im Yin-Jahr und Mao-Monat, da sei Gleichartiges auf Gleichartigem und Raub auf Raub; wie ein gutes Holz, das man zu fein schnitze, bis die Substanz nicht mehr halte. Das haben alle vergessen und nur blindlings Panik gemacht. Als ich mich daran erinnerte, erzählte ich es unserer Ersten Schwägerin — dieses Jahr ist doch gar kein Yin-Jahr und Mao-Monat!'"
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Ehe Schatzspange den Bericht beendet hatte, unterbrach Xue Ke ungeduldig: „Lasst jetzt die Angelegenheiten anderer Leute! Wenn es so einen göttlichen Wahrsager gibt, will ich wissen, welcher böse Stern dieses Jahr meinem Bruder dieses Unglück beschert hat. Schreibt schnell seine Geburtsdaten auf — ich lasse ihn wahrsagen! Droht Gefahr?" Schatzspange sagte: „Er kam aus der Provinz — wer weiß, ob er dieses Jahr noch in der Hauptstadt ist."
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Damit machte man Tante Schnee für den Besuch bei den Jias zurecht. Dort waren nur Seidenweiß Pflaume<ref>Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".</ref> und Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> zu Hause und empfingen sie. Erkundefrühling fragte: „Wie steht es mit dem Fall des Großen Bruders?" Tante Schnee sagte: „Man wartet noch auf die Bestätigung der höheren Instanz, aber es sieht so aus, als werde es nicht die Todesstrafe." Da waren alle erleichtert. Erkundefrühling erzählte: „Gestern Abend sagte die Tante: ‚Als wir damals in Schwierigkeiten waren, hat die Tante uns geholfen; jetzt, wo wir selbst Sorgen haben, können wir schlecht darum bitten.' Es lässt ihr keine Ruhe." Tante Schnee sagte: „Auch mir fällt es zu Hause schwer. Nur hat mein älterer Sohn diesen Ärger, und der jüngere ist in Geschäften unterwegs. Zu Hause ist Schatzspange allein — was kann die schon ausrichten? Dazu ist unsere Schwiegertochter eine, die nichts versteht; deshalb konnte ich mich nicht losreißen. Jetzt, wo der Kreisrichter mit den Vorbereitungen für die Zhou-Kaisergemahlin beschäftigt ist und den Fall nicht weiterverfolgen kann, ist der Zweite zurückgekehrt, und ich konnte endlich herüberkommen." Seidenweiß Pflaume sagte: „Wenn die Tante ein paar Tage hierbleiben möchte, wäre das noch besser." Tante Schnee nickte: „Ich möchte euch Mädchen ein wenig Gesellschaft leisten; nur ist eure Schwester Bao dann einsamer." Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> fragte: „Wenn die Tante sich sorgt — warum holt man Schwester Schatzspange nicht auch her?" Tante Schnee lachte: „Das geht nicht." Bedauerfrühling fragte: „Warum nicht? Früher hat sie doch auch hier gewohnt!" Seidenweiß Pflaume sagte: „Du verstehst das nicht. Bei ihnen zu Hause ist gerade etwas vorgefallen — wie soll sie da kommen?" Bedauerfrühling nahm das für bare Münze und fragte nicht weiter.
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Da kamen die Herzoginmutter und die anderen zurück. Beim Anblick von Tante Schnee vergaßen sie fast die Begrüßung und fragten sofort nach Becken Schnees Angelegenheit. Tante Schnee erzählte alles ausführlich. Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref>, der daneben stand und den Namen Jiang Yuhan hörte, wagte vor den anderen nicht zu fragen, dachte aber bei sich: „Wenn er nach Peking zurückgekommen ist, warum besucht er mich nicht?" Und dass Schatzspange nicht erschien, wusste er nicht zu deuten. Grübelnd stand er da, als Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> ebenfalls zur Begrüßung kam. Schatzjade fühlte sich sogleich ein wenig froher, ließ den Gedanken an Schatzspange fahren und aß mit den Schwestern bei der Großmutter zu Abend. Danach ging man auseinander; Tante Schnee übernachtete im Nebengemach der Herzoginmutter.
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Schatzjade kam in sein Zimmer, wechselte die Kleider, und plötzlich fiel ihm das Schweißtuch ein, das Jiang Yuhan ihm einst geschenkt hatte. Er fragte Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref>: „Das rote Schweißtuch, das du vor Jahren nicht mehr getragen hast — hast du das noch?" Dufthauch sagte: „Ich habe es aufgehoben. Warum fragst du?" Schatzjade: „Nur so." Dufthauch: „Du hast gehört, mit was für Gesindel Herr Xue verkehrt und wie das zu diesem Mordfall geführt hat — und da bringst du solche Sachen zur Sprache? Statt dir unnötig den Kopf zu zerbrechen, könntest du lieber in Ruhe lernen und diese belanglosen Dinge beiseitelassen." Schatzjade: „Ich mache doch gar nichts — es fiel mir nur zufällig ein. Ob es da ist oder nicht, ich frage ja nur, und schon hältst du mir eine Predigt!" Dufthauch lachte: „Ich rede nicht zu viel. Wenn ein Mensch gebildet und gesittet ist, sollte er nach oben streben. Selbst wenn jemand, den man liebt, käme — man möchte doch, dass er Freude und Achtung empfindet!"
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Dufthauchs Worte erinnerten Schatzjade, und er rief: „Ach herrje! Vorhin bei der Großmutter habe ich bei den vielen Menschen gar nicht mit Schwester Lin gesprochen, und sie hat mich auch keines Blickes gewürdigt. Beim Aufbrechen ging sie als Erste. Bestimmt ist sie jetzt in ihrem Zimmer — ich gehe kurz hin und komme gleich zurück." Damit lief er los. Dufthauch rief: „Komm bald zurück! Ich habe das Thema angeschnitten und nun erst recht deine Begeisterung geweckt."
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Schatzjade antwortete nicht, ging mit gesenktem Kopf geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon. Kajaljade saß am Tisch und las. Schatzjade trat heran und sagte lächelnd: „Schwester, du bist schon früh zurück?" Kajaljade lachte: „Wenn du mich nicht beachtest, was soll ich dort noch?" Schatzjade entschuldigte sich lachend: „Es waren so viele Leute, ich kam nicht zu Wort, deshalb habe ich nicht mit dir gesprochen." Dabei blickte er auf Kajaljades Buch — kein einziges Zeichen konnte er lesen. Manche sahen aus wie „Shao", andere wie „Mang"; dann gab es ein „Da"-Zeichen mit einem Haken daneben, einer „Neun" darüber und einer „Fünf" in der Mitte; andere hatten oben eine „Fünf" und eine „Sechs", dann ein „Mu"-Zeichen, und unten wieder eine „Fünf". Es sah sonderbar und rätselhaft aus. Schatzjade sagte: „Schwester, du machst wirklich Fortschritte — schon liest du Himmelsschrift!"
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Kajaljade lachte auf: „Ein feiner Gelehrter! Noch nie eine Qin-Partitur gesehen!" Schatzjade erwiderte: „Natürlich kenne ich Qin-Partituren — aber warum kann ich kein einziges Zeichen lesen? Kannst du das denn?" Kajaljade sagte: „Wenn ich es nicht könnte, warum sollte ich es mir ansehen?" Schatzjade: „Das glaube ich nicht — ich habe noch nie gehört, dass du die Zither spielst. In unserer Bibliothek hängen mehrere Zithern; vor zwei Jahren kam ein literarischer Berater namens Ji Haogu, und der Vater bat ihn um ein Stück. Er nahm eine Zither herunter und sagte, keine davon tauge etwas. Er sagte: ‚Wenn der gnädige Herr einmal Lust hat, bringe ich ein andermal mein eigenes Instrument mit.' Aber der Vater versteht wohl auch nichts davon, und so kam er nicht wieder. Und du hast dieses Talent die ganze Zeit verborgen?"
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Kajaljade sagte: „Ich kann doch gar nicht wirklich spielen! Neulich, als es mir etwas besserging, fand ich beim Stöbern im großen Bücherschrank ein Qin-Notenbuch. Es war von feinstem Geschmack; die darin dargelegte Theorie der Zither war sehr stimmig, und die Spieltechnik wurde klar erklärt — wahrhaftig die Kunst der Alten zur Beruhigung des Geistes und Pflege des Gemüts. In Yangzhou habe ich auch Vorträge darüber gehört und sogar geübt; nur weil ich aufhörte, ging alles verloren. Wie man so sagt: ‚Drei Tage nicht gespielt, und Dornen wachsen an den Händen.' Neulich fand ich in diesem Buch nur Stücknamen ohne Text; da suchte ich anderswo ein Buch mit Texten und fand es viel interessanter. Freilich ist es sehr schwer, wirklich gut zu spielen. Im Buch heißt es: Als der Meister Shi Kuang die Zither spielte, kamen Wind, Donner, Drachen und Phönixe herbei. Und der heilige Konfuzius lernte die Zither beim Meister Xiang — schon nach einem Stück erkannte er, dass es von Wen König stammte. ‚Hohe Berge und fließendes Wasser' — so fand man den wahren Geistesverwandten." Bei diesen Worten zuckten ihre Augenlider leicht, und langsam senkte sie den Kopf.
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Schatzjade hörte begeistert zu und rief: „Liebe Schwester, was du gerade erzählt hast, ist wirklich faszinierend! Nur die Zeichen von vorhin — das ‚Da' mit dem Haken und der ‚Fünf' in der Mitte — das musst du mir erklären." Kajaljade lachte: „Das braucht man nicht zu lehren — ein Wort genügt. Das ‚Da' und die ‚Neun' bedeuten: Mit dem Daumen der linken Hand drückt man auf den neunten Bund der Zither. Der Haken mit der ‚Fünf' heißt: Mit der rechten Hand zupft man die fünfte Saite an. Das sind keine einzelnen Schriftzeichen, sondern zusammengesetzte Zeichen für einen Ton — ganz einfach. Dazu gibt es noch Techniken wie Yin, Rou, Chuo, Zhu, Zhuang, Zou, Fei und Tui — das sind alles Anweisungen für die Spieltechnik."
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Schatzjade war so begeistert, dass er vor Freude hüpfte: „Liebe Schwester, da du die Zitherkunst verstehst — warum fangen wir nicht an zu lernen?" Kajaljade antwortete: „Qin heißt ‚Einhalt' — die Alten schufen sie zur Selbstdisziplin, zur Pflege des Gemüts und zur Unterdrückung von Ausschweifung und Verschwendung. Wenn man spielen will, braucht man ein stilles Gemach oder einen hohen Saal, oder man sitzt hoch oben in einem Turm, zwischen Felsen und Bäumen, auf einem Berggipfel oder am Ufer eines Flusses. Man wartet auf einen Augenblick, da Himmel und Erde im Einklang sind, der Wind klar und der Mond hell. Man entzündet Weihrauch und sitzt still; das Herz schweift nicht nach außen, Qi und Blut sind in Harmonie — erst dann kann der Geist sich mit dem Göttlichen verbinden und der Weg mit dem Wunderbaren verschmelzen. Darum sagten die Alten: ‚Einen wahren Geistesverwandten zu finden, ist schwer.' Findet man keinen, so ist es besser, allein vor dem klaren Wind und dem hellen Mond, zwischen alten Kiefern und bizarren Felsen, wilden Affen und ehrwürdigen Kranichen zu spielen, um seine Empfindungen auszudrücken — das erst wird dem Instrument gerecht. Und es gibt noch eine Ebene: Man braucht eine gute Fingertechnik und einen schönen Anschlag. Will man wirklich spielen, muss man zuerst ordentlich gekleidet sein — in einem Kranichmantel oder einem tiefen Gewand nach Art der Alten –, dann erst ist man des heiligen Instruments würdig. Man wäscht sich die Hände, entzündet Weihrauch, nimmt Platz auf einer Liege, legt die Zither auf den Tisch und sitzt am fünften Bund, die Mitte der Zither genau gegenüber der Brust. Dann hebt man langsam und gelassen beide Hände — erst dann sind Leib und Seele aufrecht. Man muss auch das Wechselspiel von Leicht und Schwer, Schnell und Langsam, Spannung und Lösung kennen, sich natürlich bewegen und eine würdevolle Haltung wahren." Schatzjade sagte: „Wir wollen doch nur zum Vergnügen lernen — wenn man es so genau nimmt, wird es wirklich schwer."
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Während sie noch sprachen, kam Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> herein und sah Schatzjade. Lachend sagte sie: „Der Zweite Herr Bao ist heute aber bester Laune!" Schatzjade lachte: „Was die Schwester eben auseinandergesetzt hat, war mir eine wahre Erleuchtung — je mehr ich höre, desto lieber höre ich zu." Purpurkuckuck sagte: „Das meine ich nicht — ich meine, dass Ihr zu uns herübergekommen seid." Schatzjade erwiderte: „In letzter Zeit war die Schwester krank, und ich fürchtete, sie zu stören; außerdem ging ich in die Schule — so entstand der Eindruck, als hätten wir uns entfremdet." Purpurkuckuck unterbrach ihn: „Das Fräulein hat sich gerade erst erholt. Wenn der Zweite Herr schon so sagt — sitzen kann er ja ein Weilchen, aber dann sollte er das Fräulein auch ausruhen lassen, statt sie mit solchen Vorträgen zu ermüden." Schatzjade lachte: „Natürlich — ich habe nur so gern zugehört, dass ich ganz vergessen habe, wie anstrengend es für die Schwester ist."
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Kajaljade lächelte: „So zu reden macht mir auch Freude — anstrengend ist es nicht. Nur fürchte ich, dass ich immerzu rede und du immerzu nichts verstehst." Schatzjade sagte: „Nach und nach werde ich es schon begreifen." Er stand auf: „Ruh dich wirklich aus, Schwester. Morgen sage ich es der Dritten und der Vierten Schwester — die sollen auch lernen, und ich werde zuhören." Kajaljade lachte: „Du bist wirklich verwöhnt! Selbst wenn alle es lernten und spielten, und du verstündest nichts davon — dann wärst du doch gegen …" An dieser Stelle dachte sie an etwas, das sie im Herzen trug, und brach ab. Schatzjade lachte: „Solange ihr spielen könnt, höre ich gern zu — ob Perlen vor die Ochsen geworfen oder nicht." Kajaljade errötete und lächelte; auch Purpurkuckuck und Schneegans lachten.
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Schatzjade ging zur Tür hinaus. Da kam Herbstmuster mit einem kleinen Mädchen, das ein Töpfchen mit Orchideen trug, und sagte: „Drüben bei der Gnädigen Frau hat jemand vier Töpfe Orchideen gebracht; weil drinnen gerade viel los ist und niemand Zeit hat, sich darum zu kümmern, schickt man dem Zweiten Herrn einen und dem Fräulein Lin einen." Kajaljade betrachtete die Pflanze — einige Stiele trugen Doppelblüten — und ein plötzliches Gefühl durchzuckte sie, sie wusste nicht, ob Freude oder Trauer, und starrte nur stumm auf die Blüten. Schatzjade aber hatte im Augenblick nur die Zither im Sinn und sagte: „Jetzt, wo die Schwester Orchideen hat, kann sie die ‚Elegie auf die Orchidee' spielen."
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Als Kajaljade dies hörte, wurde ihr seltsam unbehaglich zumute. Zurück in ihrem Zimmer, betrachtete sie die Blüte und dachte: „Gräser und Bäume blühen im Frühling, Blüten leuchten und Blätter gedeihen. Aber ich, noch so jung, bin schon wie eine Herbstweide im September. Wenn sich mein Herzenswunsch erfüllt, mag es allmählich bergauf gehen; wenn nicht, fürchte ich, bin ich wie Blumen und Weiden am Ende des Frühlings — wie sollte ich dem treibenden Wind und peitschenden Regen standhalten?" Bei diesem Gedanken liefen ihr die Tränen über die Wangen.
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Purpurkuckuck sah es und konnte sich den Grund nicht erklären: „Eben, als Schatzjade hier war, war sie so fröhlich; und jetzt schaut sie sich Blumen an und wird plötzlich traurig?" Gerade grübelte sie, wie sie trösten sollte, als ein Bote von Schatzspange erschien.
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Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Sechsundachtzigstes Kapitel

Durch private Bestechung dreht ein Beamter die Akten um, In müßiger Stimmung entziffert eine gebildete junge Dame ein Qin-Notenbuch[1]

Wie berichtet, hatte Tante Schnee[2] Xue Kes Brief erhalten und den Diener hereinrufen lassen. Sie fragte: „Hast du gehört, was dein Erster Herr erzählt hat — wie es dazu kam, dass jemand totgeschlagen wurde?" Der Diener sagte: „Ich habe es nicht genau gehört. An dem Tag erzählte der Erste Herr dem Zweiten Herrn …" Er blickte sich um, und als er sah, dass niemand zuhörte, fuhr er fort: „Der Erste Herr sagte: Seit es zu Hause so furchtbar zuging, habe er die Lust verloren und wolle in den Süden fahren, um Waren einzukaufen. An dem Tag wollte er jemanden als Reisebegleiter treffen, der über zweihundert Li südlich der Stadt wohnt. Auf dem Weg dorthin traf er zufällig den früheren Bekannten Jiang Yuhan, der mit einer Gruppe junger Schauspieler in die Stadt kam. Der Erste Herr aß und trank mit ihm in einer Wirtschaft. Da der Schankbursche ständig zu Jiang Yuhan hinüberschielte, wurde der Erste Herr ärgerlich. Danach ging Jiang Yuhan. Am nächsten Tag lud der Erste Herr den Reisebegleiter zum Trinken ein. Nach dem Wein erinnerte er sich an den Vorfall vom Vortag und rief den Schanken, um anderen Wein zu bringen. Der Bursche kam zu spät, und der Erste Herr fing an zu schimpfen. Der Mann war nicht einverstanden, und der Erste Herr warf die Weinschale nach ihm. Doch der Kerl war ein Raufbold und streckte den Kopf vor, damit der Erste Herr zuschlagen möge. Der Erste Herr schlug ihm die Schale auf den Kopf — sofort schoss das Blut hervor, und er fiel zu Boden. Erst schimpfte er noch, dann sagte er nichts mehr." Tante Schnee fragte: „Hat denn niemand vermittelt?" Der Diener sagte: „Davon hat der Erste Herr nichts erzählt; ich wage nicht, etwas zu erfinden." Tante Schnee sagte: „Geh dich erst einmal ausruhen." Der Diener ging hinaus.

Tante Schnee suchte Frau König auf und bat sie, bei Aufrecht Kaufmann[3] ein gutes Wort einzulegen. Aufrecht Kaufmann erkundigte sich nach den Umständen und konnte nur vage zusagen; er sagte, man müsse erst abwarten, bis Xue Ke seine Eingabe eingereicht habe und wie der Kreisrichter darüber befinde, ehe man weitersehen könne.

Tante Schnee ließ beim Pfandhaus Silber wechseln und schickte den Diener damit los. Drei Tage später kam tatsächlich Antwort. Tante Schnee empfing den Brief und ließ sofort durch ein kleines Mädchen Schatzspange[4] benachrichtigen, die eilig herüberkam. Der Brief lautete:

„Das mitgebrachte Silber wurde für Bestechungsgelder an Hoch und Niedrig der Behörde verwendet. Bruder sitzt im Gefängnis, leidet aber nicht allzu sehr — Gnädige Frau sei beruhigt. Nur sind die Leute hier sehr gerissen: Die Angehörigen des Toten, die Zeugen — keiner ist nachgiebig, und sogar der Freund, den Bruder zum Trinken eingeladen hatte, hält zu ihnen. Li Xiang und ich sind hier völlig Fremde. Zum Glück fanden wir einen guten Advokaten, dem wir Silber versprachen. Er riet: Man müsse den Wu Liang, der mit Bruder zusammen getrunken hat, auf seine Seite ziehen, ihn gegen Kaution freipressen und bestechen, damit er die Sache bereinigt. Wenn er nicht will, droht man ihm: Zhang San sei in Wahrheit von ihm getötet worden und nur einem Auswärtigen in die Schuhe geschoben worden — das hält er nicht aus, und dann wird es einfach. Ich folgte seinem Rat, und tatsächlich kam Wu Liang heraus. Inzwischen hat er die Angehörigen und Zeugen bestochen und eine neue Eingabe verfasst. Vorgestern wurde sie eingereicht, heute kam die Antwort. Siehe die Abschrift der Eingabe."

Dann las Schatzspange die Abschrift der Eingabe vor:

„Der Unterzeichnete, Soundso, reicht diese Klage ein im Namen seines Bruders, der von einem unverschuldeten Unglück betroffen wurde: Mein leiblicher Bruder Becken Schnee, gebürtig aus Nanjing, wohnhaft in der Westlichen Hauptstadt, reiste an dem betreffenden Tag mit Kapital in den Süden zum Handel. Wenige Tage nach seiner Abreise sandte ein Diener Nachricht nach Hause, dass er in einen Totschlag verwickelt sei. Ich eilte sofort zur ehrenwerten Behörde und erfuhr, dass mein Bruder unbeabsichtigt einen Mann namens Zhang verletzt habe. Im Gefängnis erzählte mein Bruder unter Tränen: Er kenne den besagten Zhang überhaupt nicht, es bestehe keinerlei Feindschaft. Bei einem Wortwechsel wegen des Weinwechselns habe er den Wein zu Boden geschüttet. Unglücklicherweise bückte sich Zhang San gerade, um etwas aufzuheben, und die Weinschale traf versehentlich seine Fontanelle, woran er starb. Bei der früheren Vernehmung habe mein Bruder aus Angst vor der Folter zugegeben, er habe ihn im Streit totgeschlagen. Euer erhabene Güte hat bereits erkannt, dass hier Unrecht vorliegt, und den Fall noch nicht abgeschlossen. Mein Bruder als Häftling darf keine Eingabe machen; ich wage es als sein Bruder, unter Einsatz meines Lebens, stellvertretend um Wiederaufnahme und Anhörung der Zeugen zu bitten. Falls dies gnädig gewährt wird, werden wir die grenzenlose Gnade unserer Lebetage preisen."

Der Bescheid lautete:

„Die Leichenschau am Tatort hat eindeutige Beweise erbracht. Zudem hat dein Bruder ohne Anwendung von Folter aus freien Stücken den Totschlag im Streit gestanden, und das Geständnis liegt aktenkundig vor. Du bist von weit hergekommen und warst kein Augenzeuge — wie darfst du da erdichtete Behauptungen aufstellen und eine unbegründete Gegenklage einreichen? Eigentlich wärest du zu bestrafen; in Anbetracht deiner brüderlichen Sorge sei dir vorerst verziehen. Abgelehnt."

Tante Schnee sagte bestürzt: „Dann ist er also nicht mehr zu retten? Was sollen wir tun?" Schatzspange antwortete: „Der Brief des Zweiten Bruders ist noch nicht zu Ende — es kommt noch etwas." Sie las weiter: „Das Wichtigste erfährt man vom Boten."

Tante Schnee fragte den Boten, und dieser erklärte: „Der Kreisrichter weiß sehr wohl, dass unsere Familie vermögend ist. Man muss in der Hauptstadt jemanden finden, der beim hohen Gericht vorspricht, und außerdem ein stattliches Geschenk schicken. Dann kann eine Neuverhandlung stattfinden und die Strafe gemildert werden. Die Gnädige Frau muss sofort handeln — jede Verzögerung bedeutet, dass der Erste Herr im Gefängnis zu leiden hat."

Tante Schnee schickte den Diener weg und eilte sofort in die Jia-Residenz, um Frau König alles zu erklären und Aufrecht Kaufmann um Hilfe zu bitten. Aufrecht Kaufmann war bereit, jemanden zu beauftragen, ein gutes Wort beim Kreisrichter einzulegen, wollte aber kein Geld ins Spiel bringen. Tante Schnee fürchtete, das reiche nicht aus, und bat Phönixglanz[5], mit Kette Kaufmann[6] zu sprechen. Mit einigen tausend Tael Silber wurde der Kreisrichter bestochen, und auch Xue Ke konnte an seinem Ende alles regeln.

Daraufhin eröffnete der Kreisrichter die Sitzung, ließ alle Nachbarn, Zeugen und Angehörigen des Toten laden, führte Becken Schnee aus dem Gefängnis vor und rief die Gerichtsschreiber auf, alle Namen zu verlesen. Der Richter ließ den Dorfvorsteher das Originalgeständnis vortragen und rief dann die Witwe des Toten, Zhang König Shi, sowie den Onkel Zhang Er auf. Zhang König Shi heulte: „Mein Mann Zhang Da ist vor achtzehn Jahren gestorben. Der erste und der zweite Sohn sind auch gestorben. Nur dieser Jüngste blieb mir übrig, Zhang San, dreiundzwanzig Jahre alt, noch unverheiratet. Weil wir so arm waren und es nichts zu essen gab, hat er als Schankbursche bei der Wirtschaft Li gearbeitet. An dem Tag kam mittags jemand aus der Wirtschaft und sagte: ‚Dein Sohn ist totgeschlagen worden!' Ach, gnädiger Herr, ich wäre vor Schreck fast gestorben! Ich rannte hin und sah meinen Jungen mit blutigem Kopf auf dem Boden liegen und keuchen; auf meine Fragen konnte er nicht mehr antworten, und kurz darauf war er tot. Ich wollte mich auf diesen Lump stürzen und mit meinem Leben bezahlen!" Die Gerichtsdiener riefen sie zur Ordnung. Zhang König Shi warf sich auf die Knie: „Gnädiger Herr, verschafft mir Gerechtigkeit! Er war mein einziger Sohn!"

Der Richter rief: „Zurücktreten!" Dann wandte er sich an den Wirt Li Er: „War dieser Zhang San als Schankbursche bei dir angestellt?" Li Er antwortete: „Er war nicht fest angestellt, er half als Laufbursche aus." Der Richter fragte: „Bei der ersten Leichenschau hast du ausgesagt, du habest mit eigenen Augen gesehen, wie Becken Schnee Zhang San mit der Schale totschlug. Hast du es wirklich gesehen?" Li Er sagte: „Ich stand am Tresen und hörte, dass im Gastzimmer Wein verlangt wurde. Kurz darauf hieß es: ‚Es ist etwas Schlimmes passiert — es ist einer verletzt!' Ich rannte hin und sah Zhang San auf dem Boden liegen; er konnte nicht mehr sprechen. Ich benachrichtigte den Dorfvorsteher und seine Mutter. Wie genau geschlagen wurde, weiß ich wirklich nicht. Fragen Sie doch den Zechgenossen." Der Richter herrschte ihn an: „Bei der ersten Vernehmung hast du behauptet, du habest es mit eigenen Augen gesehen — und heute sagst du, du habest nichts gesehen?" Li Er stammelte: „An dem Tag war ich so verwirrt vor Schreck, dass ich alles durcheinanderbrachte." Die Gerichtsdiener brüllten ihn an.

Der Richter rief Wu Liang auf: „Du hast mit ihm zusammen getrunken. Wie hat Becken Schnee zugeschlagen? Sag die Wahrheit!" Wu Liang sagte: „Ich war an dem Tag zu Hause. Dieser Herr Xue lud mich zum Trinken ein. Er fand den Wein schlecht und wollte tauschen, aber Zhang San weigerte sich. Herr Xue wurde wütend und schüttete ihm den Wein ins Gesicht — ich weiß nicht, wie, aber die Schale traf seinen Kopf. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen." Der Richter schrie: „Unsinn! Bei der Leichenschau hat Becken Schnee selbst zugegeben, er habe ihn mit der Schale totgeschlagen, und du hast bestätigt, es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Warum stimmt deine heutige Aussage nicht überein? Maulschellen!" Die Diener wollten zuschlagen. Wu Liang flehte: „Becken Schnee hat sich wirklich nicht mit Zhang San geprügelt. Die Weinschale ist ihm aus der Hand gerutscht und gegen den Kopf gestoßen. Fragen Sie doch Becken Schnee selbst — das wäre eine Gnade!"

Der Richter rief Becken Schnee vor und fragte: „Was für eine Feindschaft hattest du mit Zhang San? Wie genau ist er gestorben? Sag die Wahrheit!" Becken Schnee flehte: „Euer Gnaden, Erbarmen! Ich habe ihn wirklich nicht geschlagen. Weil er den Wein nicht wechseln wollte, schüttete ich den Wein auf den Boden. Dabei rutschte mir die Schale aus der Hand und traf seinen Kopf. Sofort versuchte ich, das Blut zu stillen, aber es war nicht zu stoppen; es blutete immer mehr, und bald darauf war er tot. Bei der Leichenschau hatte ich Angst vor der Folter und sagte deshalb, ich hätte ihn mit der Schale geschlagen. Ich flehe um Gnade!" Der Richter herrschte ihn an: „Du dummer Kerl! Als ich dich fragte, wie du ihn geschlagen hast, gestehst du, du habest ihn aus Wut über den Wein geschlagen — und heute sagst du, die Schale sei dir ausgerutscht!" Der Richter tat, als wolle er foltern und pressen lassen. Becken Schnee beharrte unerschütterlich auf seiner Aussage.

Der Richter rief den Gerichtsmediziner: „Berichte wahrheitsgemäß die Verletzungen, die du bei der Leichenschau am Tatort festgestellt hast." Der Gerichtsmediziner meldete: „Am Leichnam des Zhang San fanden sich keine Verletzungen. Nur an der Fontanelle befand sich eine Wunde von einer Porzellanscherbe, ein Zoll und sieben Fen lang, fünf Fen tief, die Haut aufgerissen. Der Fontanellenknochen war brüchig und auf drei Fen gerissen — es handelt sich eindeutig um eine Stoß- oder Aufprallverletzung." Der Richter verglich es mit dem Leichenschauprotokoll — es stimmte überein. Er wusste natürlich, dass der Gerichtsschreiber die Schwere der Verletzung abgemildert hatte, ließ es aber durchgehen und ordnete die Unterzeichnung der Protokolle an.

Zhang König Shi schrie weinend: „Gnädiger Herr! Letztes Mal hieß es noch, es gäbe viele Verletzungen — warum sind die heute alle verschwunden?" Der Richter schrie: „Was redet die Frau da! Hier ist das offizielle Protokoll — kannst du nicht lesen?" Er rief den Onkel Zhang Er und fragte: „Dein Neffe ist tot — wie viele Verletzungen hatte er?" Zhang Er beeilte sich zu sagen: „Eine Wunde am Kopf." Der Richter nickte: „Na also!" Er ließ den Gerichtsschreiber der Witwe das Protokoll vorzeigen und den Dorfvorsteher und den Onkel es ihr erklären: Alle Zeugen hätten übereinstimmend ausgesagt, es habe keine Schlägerei stattgefunden — also liege kein Totschlag im Streit vor. Es werde als versehentliche Tötung gewertet. Er ordnete die Unterzeichnung an und ließ Becken Schnee in Haft auf die Bestätigung durch die höhere Instanz warten; alle übrigen wurden dem Dorfvorsteher zur Freilassung übergeben, und die Sitzung wurde geschlossen. Zhang König Shi schrie und tobte; der Richter ließ sie von den Dienern hinaustreiben. Zhang Er redete auf sie ein: „Es war wirklich ein Versehen — wie willst du dem die Schuld geben? Der Richter hat klar geurteilt. Hör auf mit dem Unsinn."

Xue Ke erfuhr draußen die Details und war erleichtert. Er schickte einen Boten mit der Nachricht nach Hause. Man musste nun die Bestätigung der höheren Instanz abwarten, um die Freikaufung zu regeln. Da hörte man unterwegs Gerüchte: Eine Kaiserliche Gemahlin sei gestorben, der Kaiser halte drei Tage Staatstrauer. Xue Ke vermutete, dass der Kreisrichter, da die Grabstätte nicht weit entfernt war, nun mit den Trauervorbereitungen beschäftigt sein und den Fall nicht so schnell abschließen würde. Da es keinen Sinn hatte, hier zu warten, ging er ins Gefängnis, sagte Becken Schnee, er solle geduldig ausharren, und fuhr nach Hause; in ein paar Tagen komme er wieder. Becken Schnee fürchtete um seine Mutter und ließ ausrichten: „Mir geht es gut. Man muss noch einige Male bei der Behörde Geld aufwenden, dann kann ich nach Hause. Nur spart nicht am Silber."

Xue Ke ließ Li Xiang dort zur Aufsicht und fuhr direkt nach Hause. Bei Tante Schnee angekommen, berichtete er, wie der Kreisrichter den Fall nach Gefallen gedreht und schließlich auf versehentliche Tötung entschieden hatte. Wenn man den Angehörigen des Toten noch etwas Geld gebe, könne man einen Freikauf bewirken, und alles wäre erledigt. Tante Schnee atmete vorerst auf und sagte: „Gut, dass du nach Hause kommst, um nach dem Rechten zu sehen. Bei den Jias müssten wir uns eigentlich bedanken, doch jetzt, wo die Zhou-Kaisergemahlin gestorben ist, sind sie ständig im Palast, und zu Hause ist es leer. Ich dachte daran, hinüberzugehen und der Tante ein wenig Gesellschaft zu leisten und zu helfen, nur fehlte es bei uns an jemandem. Jetzt, wo du da bist, passt es gut."

Xue Ke sagte: „Unterwegs habe ich gehört, es sei die Jia-Kaisergemahlin gestorben; deshalb bin ich so schnell zurückgekommen. Ich wunderte mich: Unserer Kaisergemahlin ging es doch gut — wieso ist sie plötzlich gestorben?" Tante Schnee erzählte: „Letztes Jahr war sie einmal krank, aber sie erholte sich. Diesmal hörte man auch nichts von einer Krankheit der Gemahlin. Nur dass drüben die Alte Ahnin seit einigen Tagen nicht recht wohl war — sobald sie die Augen schloss, sah sie die Kaisergemahlin Urfrühling vor sich, und alle machten sich Sorgen. Als man aber nachforschte, war im Palast alles in Ordnung. Dann, vorgestern Abend, sagte die Alte Ahnin selbst: ‚Warum kommt Urfrühling ganz allein zu mir?' Alle dachten, eine alte Dame phantasiere in der Krankheit, und glaubten es nicht. Die Alte Ahnin sagte weiter: ‚Ihr glaubt mir nicht? Urfrühling hat sogar zu mir gesagt: Aller Glanz geht rasch zu Ende — man muss sich rechtzeitig zurückziehen.' Jeder dachte, das seien die Grübeleien einer alten Frau, und nahm es nicht ernst. Am nächsten Morgen kam aufgeregt die Nachricht aus dem Palast: Die Gemahlin sei schwer erkrankt, und alle Ehrentitelträgerinnen sollten sich melden. Da erschraken alle zutiefst und eilten in den Palast. Ehe sie zurückkehrten, hörten wir zu Hause schon, dass die Zhou-Kaisergemahlin gestorben sei. Stell dir vor: Das Gerücht von draußen und die Angst zu Hause fielen genau zusammen — ist das nicht seltsam?"

Schatzspange sagte: „Nicht nur die Gerüchte draußen waren falsch — auch zu Hause hat man, kaum das Wort ‚Kaisergemahlin' gehört, sofort panisch reagiert, und erst hinterher wurde alles klar. In den letzten Tagen kamen die Mädchen und Dienerinnen von drüben und sagten, sie hätten schon vorher gewusst, dass es nicht unsere Kaisergemahlin war. Ich fragte: ‚Woher wusstet ihr das so sicher?' Sie erzählten: ‚Vor ein paar Jahren, im ersten Monat, wurde aus der Provinz ein Wahrsager empfohlen, der angeblich sehr treffsicher sei. Die Alte Ahnin ließ die Geburtsdaten der Kaisergemahlin unter die der Dienstmädchen mischen und zum Wahrsagen schicken. Er sagte über das eine Mädchen, das am ersten Tag des ersten Monats geboren war: Die Geburtsstunde stimme wohl nicht; sonst wäre sie wirklich eine Person von höchstem Rang und könnte nicht in diesem Haus leben. Der gnädige Herr und alle sagten: Ob richtig oder nicht — rechne einfach nach den Daten. Der Wahrsager sprach: Im Jiashen-Jahr, erster Monat, Bingyin — diese Zeichen enthielten zwar Zeichen für Verlust; doch das Shen-Zeichen berge Amt und Glückspferd, und das bedeute, sie könne nicht im Hause gehalten werden, aber besonders gut sei es auch nicht. Der Tagesstamm Yimao, Frühholz in voller Kraft — zwar gleichartig, doch je mehr gleichartig, desto besser; wie ein gutes Holz, das erst durch kunstvolles Schnitzen zum Meisterwerk wird. Besonders erfreulich sei die Stunde mit dem Xinjin-Metall als Edelzeichen und dem Si-Zeichen mit Amt und Glückspferd, was ‚Fliegendes-Glück-Pferd-Format' heiße. Er sagte noch: Der Tag treffe auf reines Glück von höchstem Gewicht; Himmels- und Mondtugend stünden im eigenen Schicksal — begünstigt mit der Huld des Pfeffer-Palastes. Wenn die Geburtsstunde stimme, sei dieses Mädchen bestimmt eine Kaisergemahlin. Und das stimmte doch! Aber er sagte auch: Nur schade, dass der Glanz nicht von Dauer sei — er fürchte, im Yin-Jahr und Mao-Monat, da sei Gleichartiges auf Gleichartigem und Raub auf Raub; wie ein gutes Holz, das man zu fein schnitze, bis die Substanz nicht mehr halte. Das haben alle vergessen und nur blindlings Panik gemacht. Als ich mich daran erinnerte, erzählte ich es unserer Ersten Schwägerin — dieses Jahr ist doch gar kein Yin-Jahr und Mao-Monat!'"

Ehe Schatzspange den Bericht beendet hatte, unterbrach Xue Ke ungeduldig: „Lasst jetzt die Angelegenheiten anderer Leute! Wenn es so einen göttlichen Wahrsager gibt, will ich wissen, welcher böse Stern dieses Jahr meinem Bruder dieses Unglück beschert hat. Schreibt schnell seine Geburtsdaten auf — ich lasse ihn wahrsagen! Droht Gefahr?" Schatzspange sagte: „Er kam aus der Provinz — wer weiß, ob er dieses Jahr noch in der Hauptstadt ist."

Damit machte man Tante Schnee für den Besuch bei den Jias zurecht. Dort waren nur Seidenweiß Pflaume[7] und Erkundefrühling[8] zu Hause und empfingen sie. Erkundefrühling fragte: „Wie steht es mit dem Fall des Großen Bruders?" Tante Schnee sagte: „Man wartet noch auf die Bestätigung der höheren Instanz, aber es sieht so aus, als werde es nicht die Todesstrafe." Da waren alle erleichtert. Erkundefrühling erzählte: „Gestern Abend sagte die Tante: ‚Als wir damals in Schwierigkeiten waren, hat die Tante uns geholfen; jetzt, wo wir selbst Sorgen haben, können wir schlecht darum bitten.' Es lässt ihr keine Ruhe." Tante Schnee sagte: „Auch mir fällt es zu Hause schwer. Nur hat mein älterer Sohn diesen Ärger, und der jüngere ist in Geschäften unterwegs. Zu Hause ist Schatzspange allein — was kann die schon ausrichten? Dazu ist unsere Schwiegertochter eine, die nichts versteht; deshalb konnte ich mich nicht losreißen. Jetzt, wo der Kreisrichter mit den Vorbereitungen für die Zhou-Kaisergemahlin beschäftigt ist und den Fall nicht weiterverfolgen kann, ist der Zweite zurückgekehrt, und ich konnte endlich herüberkommen." Seidenweiß Pflaume sagte: „Wenn die Tante ein paar Tage hierbleiben möchte, wäre das noch besser." Tante Schnee nickte: „Ich möchte euch Mädchen ein wenig Gesellschaft leisten; nur ist eure Schwester Bao dann einsamer." Bedauerfrühling[9] fragte: „Wenn die Tante sich sorgt — warum holt man Schwester Schatzspange nicht auch her?" Tante Schnee lachte: „Das geht nicht." Bedauerfrühling fragte: „Warum nicht? Früher hat sie doch auch hier gewohnt!" Seidenweiß Pflaume sagte: „Du verstehst das nicht. Bei ihnen zu Hause ist gerade etwas vorgefallen — wie soll sie da kommen?" Bedauerfrühling nahm das für bare Münze und fragte nicht weiter.

Da kamen die Herzoginmutter und die anderen zurück. Beim Anblick von Tante Schnee vergaßen sie fast die Begrüßung und fragten sofort nach Becken Schnees Angelegenheit. Tante Schnee erzählte alles ausführlich. Schatzjade[10], der daneben stand und den Namen Jiang Yuhan hörte, wagte vor den anderen nicht zu fragen, dachte aber bei sich: „Wenn er nach Peking zurückgekommen ist, warum besucht er mich nicht?" Und dass Schatzspange nicht erschien, wusste er nicht zu deuten. Grübelnd stand er da, als Kajaljade[11] ebenfalls zur Begrüßung kam. Schatzjade fühlte sich sogleich ein wenig froher, ließ den Gedanken an Schatzspange fahren und aß mit den Schwestern bei der Großmutter zu Abend. Danach ging man auseinander; Tante Schnee übernachtete im Nebengemach der Herzoginmutter.

Schatzjade kam in sein Zimmer, wechselte die Kleider, und plötzlich fiel ihm das Schweißtuch ein, das Jiang Yuhan ihm einst geschenkt hatte. Er fragte Dufthauch[12]: „Das rote Schweißtuch, das du vor Jahren nicht mehr getragen hast — hast du das noch?" Dufthauch sagte: „Ich habe es aufgehoben. Warum fragst du?" Schatzjade: „Nur so." Dufthauch: „Du hast gehört, mit was für Gesindel Herr Xue verkehrt und wie das zu diesem Mordfall geführt hat — und da bringst du solche Sachen zur Sprache? Statt dir unnötig den Kopf zu zerbrechen, könntest du lieber in Ruhe lernen und diese belanglosen Dinge beiseitelassen." Schatzjade: „Ich mache doch gar nichts — es fiel mir nur zufällig ein. Ob es da ist oder nicht, ich frage ja nur, und schon hältst du mir eine Predigt!" Dufthauch lachte: „Ich rede nicht zu viel. Wenn ein Mensch gebildet und gesittet ist, sollte er nach oben streben. Selbst wenn jemand, den man liebt, käme — man möchte doch, dass er Freude und Achtung empfindet!"

Dufthauchs Worte erinnerten Schatzjade, und er rief: „Ach herrje! Vorhin bei der Großmutter habe ich bei den vielen Menschen gar nicht mit Schwester Lin gesprochen, und sie hat mich auch keines Blickes gewürdigt. Beim Aufbrechen ging sie als Erste. Bestimmt ist sie jetzt in ihrem Zimmer — ich gehe kurz hin und komme gleich zurück." Damit lief er los. Dufthauch rief: „Komm bald zurück! Ich habe das Thema angeschnitten und nun erst recht deine Begeisterung geweckt."

Schatzjade antwortete nicht, ging mit gesenktem Kopf geradewegs zum Xiaoxiang-Pavillon. Kajaljade saß am Tisch und las. Schatzjade trat heran und sagte lächelnd: „Schwester, du bist schon früh zurück?" Kajaljade lachte: „Wenn du mich nicht beachtest, was soll ich dort noch?" Schatzjade entschuldigte sich lachend: „Es waren so viele Leute, ich kam nicht zu Wort, deshalb habe ich nicht mit dir gesprochen." Dabei blickte er auf Kajaljades Buch — kein einziges Zeichen konnte er lesen. Manche sahen aus wie „Shao", andere wie „Mang"; dann gab es ein „Da"-Zeichen mit einem Haken daneben, einer „Neun" darüber und einer „Fünf" in der Mitte; andere hatten oben eine „Fünf" und eine „Sechs", dann ein „Mu"-Zeichen, und unten wieder eine „Fünf". Es sah sonderbar und rätselhaft aus. Schatzjade sagte: „Schwester, du machst wirklich Fortschritte — schon liest du Himmelsschrift!"

Kajaljade lachte auf: „Ein feiner Gelehrter! Noch nie eine Qin-Partitur gesehen!" Schatzjade erwiderte: „Natürlich kenne ich Qin-Partituren — aber warum kann ich kein einziges Zeichen lesen? Kannst du das denn?" Kajaljade sagte: „Wenn ich es nicht könnte, warum sollte ich es mir ansehen?" Schatzjade: „Das glaube ich nicht — ich habe noch nie gehört, dass du die Zither spielst. In unserer Bibliothek hängen mehrere Zithern; vor zwei Jahren kam ein literarischer Berater namens Ji Haogu, und der Vater bat ihn um ein Stück. Er nahm eine Zither herunter und sagte, keine davon tauge etwas. Er sagte: ‚Wenn der gnädige Herr einmal Lust hat, bringe ich ein andermal mein eigenes Instrument mit.' Aber der Vater versteht wohl auch nichts davon, und so kam er nicht wieder. Und du hast dieses Talent die ganze Zeit verborgen?"

Kajaljade sagte: „Ich kann doch gar nicht wirklich spielen! Neulich, als es mir etwas besserging, fand ich beim Stöbern im großen Bücherschrank ein Qin-Notenbuch. Es war von feinstem Geschmack; die darin dargelegte Theorie der Zither war sehr stimmig, und die Spieltechnik wurde klar erklärt — wahrhaftig die Kunst der Alten zur Beruhigung des Geistes und Pflege des Gemüts. In Yangzhou habe ich auch Vorträge darüber gehört und sogar geübt; nur weil ich aufhörte, ging alles verloren. Wie man so sagt: ‚Drei Tage nicht gespielt, und Dornen wachsen an den Händen.' Neulich fand ich in diesem Buch nur Stücknamen ohne Text; da suchte ich anderswo ein Buch mit Texten und fand es viel interessanter. Freilich ist es sehr schwer, wirklich gut zu spielen. Im Buch heißt es: Als der Meister Shi Kuang die Zither spielte, kamen Wind, Donner, Drachen und Phönixe herbei. Und der heilige Konfuzius lernte die Zither beim Meister Xiang — schon nach einem Stück erkannte er, dass es von Wen König stammte. ‚Hohe Berge und fließendes Wasser' — so fand man den wahren Geistesverwandten." Bei diesen Worten zuckten ihre Augenlider leicht, und langsam senkte sie den Kopf.

Schatzjade hörte begeistert zu und rief: „Liebe Schwester, was du gerade erzählt hast, ist wirklich faszinierend! Nur die Zeichen von vorhin — das ‚Da' mit dem Haken und der ‚Fünf' in der Mitte — das musst du mir erklären." Kajaljade lachte: „Das braucht man nicht zu lehren — ein Wort genügt. Das ‚Da' und die ‚Neun' bedeuten: Mit dem Daumen der linken Hand drückt man auf den neunten Bund der Zither. Der Haken mit der ‚Fünf' heißt: Mit der rechten Hand zupft man die fünfte Saite an. Das sind keine einzelnen Schriftzeichen, sondern zusammengesetzte Zeichen für einen Ton — ganz einfach. Dazu gibt es noch Techniken wie Yin, Rou, Chuo, Zhu, Zhuang, Zou, Fei und Tui — das sind alles Anweisungen für die Spieltechnik."

Schatzjade war so begeistert, dass er vor Freude hüpfte: „Liebe Schwester, da du die Zitherkunst verstehst — warum fangen wir nicht an zu lernen?" Kajaljade antwortete: „Qin heißt ‚Einhalt' — die Alten schufen sie zur Selbstdisziplin, zur Pflege des Gemüts und zur Unterdrückung von Ausschweifung und Verschwendung. Wenn man spielen will, braucht man ein stilles Gemach oder einen hohen Saal, oder man sitzt hoch oben in einem Turm, zwischen Felsen und Bäumen, auf einem Berggipfel oder am Ufer eines Flusses. Man wartet auf einen Augenblick, da Himmel und Erde im Einklang sind, der Wind klar und der Mond hell. Man entzündet Weihrauch und sitzt still; das Herz schweift nicht nach außen, Qi und Blut sind in Harmonie — erst dann kann der Geist sich mit dem Göttlichen verbinden und der Weg mit dem Wunderbaren verschmelzen. Darum sagten die Alten: ‚Einen wahren Geistesverwandten zu finden, ist schwer.' Findet man keinen, so ist es besser, allein vor dem klaren Wind und dem hellen Mond, zwischen alten Kiefern und bizarren Felsen, wilden Affen und ehrwürdigen Kranichen zu spielen, um seine Empfindungen auszudrücken — das erst wird dem Instrument gerecht. Und es gibt noch eine Ebene: Man braucht eine gute Fingertechnik und einen schönen Anschlag. Will man wirklich spielen, muss man zuerst ordentlich gekleidet sein — in einem Kranichmantel oder einem tiefen Gewand nach Art der Alten –, dann erst ist man des heiligen Instruments würdig. Man wäscht sich die Hände, entzündet Weihrauch, nimmt Platz auf einer Liege, legt die Zither auf den Tisch und sitzt am fünften Bund, die Mitte der Zither genau gegenüber der Brust. Dann hebt man langsam und gelassen beide Hände — erst dann sind Leib und Seele aufrecht. Man muss auch das Wechselspiel von Leicht und Schwer, Schnell und Langsam, Spannung und Lösung kennen, sich natürlich bewegen und eine würdevolle Haltung wahren." Schatzjade sagte: „Wir wollen doch nur zum Vergnügen lernen — wenn man es so genau nimmt, wird es wirklich schwer."

Während sie noch sprachen, kam Purpurkuckuck[13] herein und sah Schatzjade. Lachend sagte sie: „Der Zweite Herr Bao ist heute aber bester Laune!" Schatzjade lachte: „Was die Schwester eben auseinandergesetzt hat, war mir eine wahre Erleuchtung — je mehr ich höre, desto lieber höre ich zu." Purpurkuckuck sagte: „Das meine ich nicht — ich meine, dass Ihr zu uns herübergekommen seid." Schatzjade erwiderte: „In letzter Zeit war die Schwester krank, und ich fürchtete, sie zu stören; außerdem ging ich in die Schule — so entstand der Eindruck, als hätten wir uns entfremdet." Purpurkuckuck unterbrach ihn: „Das Fräulein hat sich gerade erst erholt. Wenn der Zweite Herr schon so sagt — sitzen kann er ja ein Weilchen, aber dann sollte er das Fräulein auch ausruhen lassen, statt sie mit solchen Vorträgen zu ermüden." Schatzjade lachte: „Natürlich — ich habe nur so gern zugehört, dass ich ganz vergessen habe, wie anstrengend es für die Schwester ist."

Kajaljade lächelte: „So zu reden macht mir auch Freude — anstrengend ist es nicht. Nur fürchte ich, dass ich immerzu rede und du immerzu nichts verstehst." Schatzjade sagte: „Nach und nach werde ich es schon begreifen." Er stand auf: „Ruh dich wirklich aus, Schwester. Morgen sage ich es der Dritten und der Vierten Schwester — die sollen auch lernen, und ich werde zuhören." Kajaljade lachte: „Du bist wirklich verwöhnt! Selbst wenn alle es lernten und spielten, und du verstündest nichts davon — dann wärst du doch gegen …" An dieser Stelle dachte sie an etwas, das sie im Herzen trug, und brach ab. Schatzjade lachte: „Solange ihr spielen könnt, höre ich gern zu — ob Perlen vor die Ochsen geworfen oder nicht." Kajaljade errötete und lächelte; auch Purpurkuckuck und Schneegans lachten.

Schatzjade ging zur Tür hinaus. Da kam Herbstmuster mit einem kleinen Mädchen, das ein Töpfchen mit Orchideen trug, und sagte: „Drüben bei der Gnädigen Frau hat jemand vier Töpfe Orchideen gebracht; weil drinnen gerade viel los ist und niemand Zeit hat, sich darum zu kümmern, schickt man dem Zweiten Herrn einen und dem Fräulein Lin einen." Kajaljade betrachtete die Pflanze — einige Stiele trugen Doppelblüten — und ein plötzliches Gefühl durchzuckte sie, sie wusste nicht, ob Freude oder Trauer, und starrte nur stumm auf die Blüten. Schatzjade aber hatte im Augenblick nur die Zither im Sinn und sagte: „Jetzt, wo die Schwester Orchideen hat, kann sie die ‚Elegie auf die Orchidee' spielen."

Als Kajaljade dies hörte, wurde ihr seltsam unbehaglich zumute. Zurück in ihrem Zimmer, betrachtete sie die Blüte und dachte: „Gräser und Bäume blühen im Frühling, Blüten leuchten und Blätter gedeihen. Aber ich, noch so jung, bin schon wie eine Herbstweide im September. Wenn sich mein Herzenswunsch erfüllt, mag es allmählich bergauf gehen; wenn nicht, fürchte ich, bin ich wie Blumen und Weiden am Ende des Frühlings — wie sollte ich dem treibenden Wind und peitschenden Regen standhalten?" Bei diesem Gedanken liefen ihr die Tränen über die Wangen.

Purpurkuckuck sah es und konnte sich den Grund nicht erklären: „Eben, als Schatzjade hier war, war sie so fröhlich; und jetzt schaut sie sich Blumen an und wird plötzlich traurig?" Gerade grübelte sie, wie sie trösten sollte, als ein Bote von Schatzspange erschien.

Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.

  1. Qin (琴): Die siebensaitige Griffbrettzither, eines der vier Künste des chinesischen Gelehrten (Qin, Schach, Kalligraphie, Malerei).
  2. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  3. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  4. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  5. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  6. Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
  7. Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".
  8. Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  9. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".
  10. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  11. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  12. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  13. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).