Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 88"
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(DE4 Korrektur-Update Kap. 88) |
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| − | + | Achtundachtzigstes Kapitel | |
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| − | < | + | Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> erfreut die Großmutter und lobt den Waisenknaben, |
| − | + | Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".</ref> stellt die Hausordnung her und lässt den frechen Diener peitschen | |
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| − | + | Wie berichtet, studierte Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> gerade ein Go-Lehrbuch, als im Hof jemand nach Caiping rief — es war niemand anders als Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref>. Caiping ging hinaus und kam mit Mandarinenente herein. Diese hatte ein kleines Mädchen bei sich, das ein gelbes Seidenpäckchen trug. Bedauerfrühling fragte lachend: „Was gibt es?" Mandarinenente erklärte: „Die Alte Ahnin wird nächstes Jahr einundachtzig — eine ‚verborgene Neun'. Sie hat gelobt, eine neun Tage und neun Nächte dauernde Andacht abzuhalten und dreitausendsechshunderteinundfünfzig Abschriften des Diamant-Sutra<ref>Diamant-Sutra (金刚经, Jīngāng Jīng): Eines der wichtigsten Sutras des Mahāyāna-Buddhismus, häufig als Verdienst für Verstorbene oder zum Schutz abgeschrieben.</ref> schreiben zu lassen. Diese werden bereits draußen abgeschrieben. Doch man sagt, das Diamant-Sutra sei wie die äußere Hülle eines daoistischen Talismans, und das Herz-Sutra<ref>Herz-Sutra (心经, Xīnjīng): Das kürzeste und am häufigsten rezitierte Sutra des Mahāyāna-Buddhismus.</ref> sei erst der eigentliche Kern. Darum muss in jedes Diamant-Sutra ein Herz-Sutra eingelegt werden — das bringt noch mehr Verdienst. Da die Alte Ahnin das Herz-Sutra für besonders wichtig hält und Guanyin zudem eine weibliche Bodhisattva ist, möchte sie, dass die weiblichen Verwandten und Fräulein des Hauses dreihundertfünfundsechzig Abschriften schreiben — das ist zugleich frommer und sauberer. Außer der Zweiten Herrin — erstens hat sie als Haushälterin keine Zeit, zweitens kann sie auch nicht so gut schreiben — soll jede, die schreiben kann, nach Vermögen beitragen: die Erste Herrin Zhen vom Osthaus, die Nebenfrauen, und natürlich erst recht alle hier im Haus." Bedauerfrühling nickte: „Anderes kann ich nicht, aber Sutras abschreiben — dafür brenne ich! Leg es hin und trink Tee." | |
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| − | + | Mandarinenente legte das Päckchen auf den Tisch und setzte sich zu Bedauerfrühling. Caiping brachte Tee. Bedauerfrühling fragte lachend: „Schreibst du auch?" Mandarinenente sagte: „Das Fräulein scherzt! In den letzten drei, vier Jahren — hat das Fräulein mich jemals einen Pinsel in die Hand nehmen sehen?" Bedauerfrühling sagte: „Es wäre ein großes Verdienst." Mandarinenente erwiderte: „Ich habe allerdings etwas anderes: Seit ich die Alte Ahnin zur Nachtruhe gebettet habe, spreche ich jedes Mal meine Reisgebete — schon seit über drei Jahren. Den Reis hebe ich sorgfältig auf, und wenn die Alte Ahnin ihre Andacht hält, will ich ihn als Opfergabe für den Buddha beifügen — das ist mein aufrichtiger Beitrag." Bedauerfrühling sagte: „So gesehen ist die Alte Ahnin die Guanyin, und du bist das Drachenmädchen." Mandarinenente sagte: „So weit reiche ich nicht! Nur weiß ich: Außer der Alten Ahnin könnte ich niemandem dienen — was für ein Schicksal aus einem früheren Leben mich an sie bindet, weiß ich nicht." Sie wollte gehen und ließ das kleine Mädchen das Seidenpäckchen öffnen: „Dieser Stapel reines Papier ist zum Abschreiben des Herz-Sutra." Dann hielt sie ein Bündel tibetischen Weihrauch hoch: „Den soll man beim Schreiben anzünden." Bedauerfrühling nahm alles an. | |
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| − | + | Mandarinenente verabschiedete sich und ging mit dem kleinen Mädchen zur Herzoginmutters Gemächern zurück, wo sie Bericht erstattete. Die Herzoginmutter spielte gerade mit Seidenweiß Pflaume<ref>Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".</ref> Backgammon. Mandarinenente schaute von der Seite zu. Seidenweiß Pflaume hatte Glück mit dem Würfel und schlug der Großmutter gleich mehrere Steine herunter. Mandarinenente musste lachen und hielt sich den Mund zu. | |
| − | + | Da kam Schatzjade herein, in jeder Hand einen kleinen Käfig aus feinem Bambus, in denen einige Grashüpfer saßen. Er sagte: „Ich habe gehört, die Großmutter schläft nachts schlecht — da bringe ich ihr diese zur Unterhaltung." die Herzoginmutter lachte: „Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, erlaubst du dir solche Streiche!" Schatzjade lachte: „Ich habe doch gar keine Streiche gemacht!" die Herzoginmutter fragte: „Wenn du keine Streiche machst, warum bist du dann nicht in der Schule beim Lesen, sondern bringst solches Zeug?" Schatzjade erklärte: „Die habe ich nicht selbst gefangen! Neulich hat der Lehrer Huan und Lan Gegenpaare bilden lassen. Huan konnte es nicht, und ich habe ihm heimlich eingeflüstert. Als er die Antwort vortrug, lobte der Lehrer ihn. Aus Dankbarkeit hat er mir diese Grashüpfer gekauft, und ich bringe sie der Großmutter." die Herzoginmutter sagte: „Lernt er denn nicht jeden Tag? Warum kann er kein Gegenpaar finden? Wenn nicht, soll der Großonkel Ru ihm auf den Mund schlagen — ob ihm das nicht peinlich wäre! Du hast es auch nicht leicht gehabt — erinnerst du dich, wie du dich gefürchtet hast wie ein Gespenst, wenn dein Vater dich Gedichte und Lieder aufsagen ließ? Und jetzt sprichst du große Worte! Dieser Huan ist noch unfähiger — lässt sich die Arbeit von anderen machen und besticht sie dann dafür. So ein kleiner Junge treibt schon solche Ränke und schämt sich nicht — wer weiß, was aus dem noch wird!" Das ganze Zimmer lachte. | |
| − | + | Die Herzoginmutter fragte weiter: „Und der kleine Lan? Hat er seine Aufgabe geschafft? Jetzt hätte Huan ihm helfen müssen — Lan ist ja jünger. Nicht wahr?" Schatzjade lachte: „Er hat keine Hilfe gebraucht — er hat es selbst gemacht." die Herzoginmutter sagte: „Das glaube ich nicht — wenn, dann hast du auch da nachgeholfen. Du bist mir einer! Aus der Hammelherde ragt ein Kamel hervor — du bist der Größte und schreibst nun auch schon Aufsätze!" Schatzjade lachte: „Er hat es wirklich selbst gemacht! Der Lehrer hat ihn sogar gelobt und gesagt, aus dem werde einmal etwas Großes. Wenn die Großmutter mir nicht glaubt, lass ihn doch herkommen und prüfe ihn selbst." die Herzoginmutter sagte: „Wenn das stimmt, freue ich mich wirklich. Ich fürchte nur, dass du schummelst. Wenn er es wirklich selbst geschrieben hat, kann aus dem Jungen etwas werden." Dabei blickte sie Seidenweiß Pflaume an und dachte an Herrlichkeit Kaufmann. Sie fuhr fort: „Dann ist dein älterer Bruder nicht umsonst gestorben, und deine ältere Schwägerin hat ihn nicht umsonst großgezogen. Eines Tages wird er das Haus seines Vaters stützen und ehren." Dabei konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. | |
| − | + | Seidenweiß Pflaume war von diesen Worten tief gerührt, doch da die Großmutter schon traurig war, hielt sie sich zurück und tröstete lächelnd: „Das ist alles der gesammelte Segen der Alten Ahnin. Wir stehen unter ihrem Schutz. Wenn der Junge den Erwartungen der Alten Ahnin gerecht wird, ist das unser Glück. Warum trauert die Alte Ahnin, statt sich zu freuen?" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Onkel Bao, lob ihn morgen nicht so überschwänglich. Er ist noch ein kleines Kind — was weiß er schon? Du meinst es nur gut, aber er versteht das nicht. Mit der Zeit wird er übermütig, und dann kann er keine Fortschritte mehr machen." die Herzoginmutter nickte: „Deine Schwägerin hat recht. Er ist noch so klein — treib ihn nicht zu hart an. Kleine Kinder sind scheu; wenn man sie zu sehr bedrängt, werden sie noch krank, und dann war all deine Mühe umsonst." Bei diesen Worten konnte Seidenweiß Pflaume ihre Tränen nicht mehr halten und wischte sie eilig weg. | |
| − | Warum, | ||
| − | + | Da kamen Unheil Kaufmann<ref>Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".</ref> und Orchidee Kaufmann herein, um die Großmutter zu begrüßen. Orchidee Kaufmann grüßte auch seine Mutter und stellte sich neben die Herzoginmutter. Die Großmutter sagte: „Ich habe gerade von deinem Onkel gehört, dass du ein gutes Gegenpaar gemacht hast und der Lehrer dich gelobt hat." Orchidee Kaufmann sagte nichts und lächelte nur verschämt. Mandarinenente kam und meldete: „Das Abendessen ist angerichtet." die Herzoginmutter sagte: „Holt die Tante." Hupo schickte sogleich jemanden zu Frau König, um Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref> zu bitten. Schatzjade und Unheil Kaufmann zogen sich zurück. Suyun und die kleinen Mädchen räumten das Backgammonbrett weg. Seidenweiß Pflaume wartete, um der Großmutter beim Essen aufzuwarten; Orchidee Kaufmann stand neben seiner Mutter. Die Herzoginmutter sagte: „Ihr beiden esst mit mir." Seidenweiß Pflaume sagte zu. Man trug auf. Ein Mädchen kam zurück und meldete: „Die Gnädige Frau lässt der Alten Ahnin ausrichten: Die Tante kommt und geht in letzter Zeit und konnte sich nicht melden; heute ist sie nach dem Essen nach Hause gefahren." die Herzoginmutter ließ Orchidee Kaufmann neben sich Platz nehmen, und alle aßen gemeinsam. | |
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| − | + | Als die Herzoginmutter gerade mit dem Essen fertig war und, den Mund gespült, auf dem Bett lag und plauderte, kam ein kleines Mädchen und flüsterte Hupo etwas zu. Hupo meldete: „Der Erste Herr aus dem Osthaus lässt einen guten Abend wünschen." die Herzoginmutter sagte: „Sagt ihm: Er ist von der Hausverwaltung erschöpft; er soll sich ausruhen. Ich weiß Bescheid." Über die Mädchen und Dienerinnen wurde Herrlichkeit Kaufmann informiert, und er zog sich zurück. | |
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| − | + | Am nächsten Tag ging Herrlichkeit Kaufmann hinüber, um verschiedene Angelegenheiten zu regeln. Die Pförtnerdiener meldeten nacheinander einige Dinge. Einer meldete: „Der Gutsverwalter hat Obst gebracht." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wo ist die Liste?" Der Diener reichte sie eilig herein. Es waren Saisonfrüchte, dazu einiges Gemüse und Wild. Herrlichkeit Kaufmann las die Liste und fragte: „Wer verwaltet das normalerweise?" Man antwortete: „Zhou Rui." Herrlichkeit Kaufmann rief Zhou Rui: „Zähl alles nach der Liste durch und lass es nach drinnen bringen. Ich mache eine Kopie der Lieferliste für den Abgleich." Dann befahl er: „Sag der Küche, sie soll den Speiseplan um einige Posten ergänzen und dem Gutsverwalter wie üblich eine Mahlzeit und Geld geben." | |
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| − | + | Zhou Rui sagte zu. Während man die Lieferung in Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref>s Hof brachte und die Bücher mit dem Obst ordnungsgemäß übergab, ging Zhou Rui hinaus und kam bald zurück zu Herrlichkeit Kaufmann: „Das vorhin gelieferte Obst — hat der Erste Herr die Menge überprüft?" Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Wann hätte ich Zeit, das zu zählen? Ich habe dir die Liste gegeben — zähl du nach." Zhou Rui sagte: „Ich habe nachgezählt: es fehlt nichts, aber es ist auch nichts übrig. Da der Erste Herr die Kopie behalten hat, sollte man den Boten fragen, ob die Liste stimmt." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Was soll das? Es sind doch nur ein paar Früchte — was gibt es da Wichtiges? Ich habe dich nicht verdächtigt." | |
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| − | + | Da kam Bao Er herbeigelaufen, machte einen Kotau und sagte: „Bitte lasst mich wieder draußen arbeiten wie früher." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Was ist denn schon wieder los bei euch?" Bao Er sagte: „Ich komme hier drinnen nicht zu Wort." Herrlichkeit Kaufmann: „Wer verlangt, dass du hier redest?" Bao Er: „Was soll ich hier als Aufpasser herumstehen?" Zhou Rui mischte sich ein: „Ich verwalte hier die Pacht, die Gutserträge und die Ein- und Ausgaben — jedes Jahr mehrere zehntausend Tael<ref>Tael (两, Liǎng): Traditionelle chinesische Gewichts- und Silberwährungseinheit, ca. 37,3 Gramm.</ref>. Weder der gnädige Herr noch die gnädigen Damen haben je etwas beanstandet, geschweige denn solche Kleinigkeiten. Wenn man Bao Er glaubt, hätten wir Diener den ganzen Grundbesitz veruntreut." Herrlichkeit Kaufmann überlegte: „Bao Er muss sich hier gestritten haben — am besten schicke ich ihn weg." Er sagte zu Bao Er: „Verschwinde!" Und zu Zhou Rui: „Du brauchst auch nichts weiter zu sagen — mach deine Arbeit." Beide gingen. | |
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| − | + | Herrlichkeit Kaufmann ruhte sich gerade im Arbeitszimmer aus, als draußen am Tor ein Tumult losbrach. Er schickte jemanden nachsehen; der Bote kam zurück: „Bao Er prügelt sich mit Zhou Ruis Adoptivsohn." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wer ist Zhou Ruis Adoptivsohn?" Der Pförtner antwortete: „Er heißt He San, ein nichtsnutziger Kerl, der zu Hause jeden Tag trinkt und Streit sucht. Er lungert ständig am Tor herum. Als er den Zank zwischen Bao Er und Zhou Rui hörte, mischte er sich ein." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Das ist unerhört! Bindet Bao Er und diesen He San zusammen fest! Und Zhou Rui?" Der Pförtner: „Der war schon weg, als die Prügelei anfing." Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Holt ihn her! So weit kommt es noch!" Alle liefen los. Gerade kam auch Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".</ref> zurück. Herrlichkeit Kaufmann erzählte ihm alles. Kette Kaufmann rief: „Unerhört!" Man schickte noch mehr Leute, Zhou Rui zu holen. Der wusste, dass er nicht entkommen konnte, und kam. Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Alle fesseln!" Kette Kaufmann sprach zu Zhou Rui: „Euer vorheriger Streit wäre nicht so schlimm gewesen — der Erste Herr hatte es beigelegt. Warum dann draußen noch eine Schlägerei? Die Schlägerei allein wäre schon unerhört genug, aber ihr bringt auch noch einen streunenden Bastard namens He San ins Spiel! Und statt sie in Schach zu halten, bist du einfach verschwunden." Er trat Zhou Rui ein paar Mal. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Zhou Rui allein zu bestrafen genügt nicht!" Er befahl, Bao Er und He San je fünfzig Peitschenhiebe zu geben und hinauszuwerfen. Danach besprach er mit Kette Kaufmann die eigentlichen Geschäfte. | |
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| − | + | Die Dienerschaft tuschelte hinter vorgehaltener Hand: Manche sagten, Herrlichkeit Kaufmann decke seine Günstlinge; andere meinten, er könne nicht vermitteln; wieder andere nannten ihn selbst keinen guten Charakter: „Erinnert euch an die hässliche Affäre mit den Schwestern You — war es nicht Herrlichkeit Kaufmann, der Bao Er dem Zweiten Herrn als Diener zuschob? Jetzt findet er Bao Er nicht mehr brauchbar — bestimmt hat sich Bao Ers Frau nicht genug um ihn gekümmert." Viele Mäuler, viele Meinungen. | |
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| − | + | Was Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> betrifft: Seit er im Ministerium für Öffentliche Arbeiten das Siegel führte, hatten einige seiner Diener ordentlich verdient. Efeu Kaufmann hörte davon und wollte auch etwas abbekommen. Er sprach draußen mit einigen Baumeistern, vereinbarte Provisionen und kaufte modische Stickereigeschenke, um sich bei Phönixglanz einzuschmeicheln. | |
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| − | + | Phönixglanz war in ihrem Zimmer, als Mädchen meldeten: „Der Erste und der Zweite Herr sind wütend und lassen draußen Leute verprügeln." Phönixglanz fragte sich, was los war. Gerade wollte sie jemanden schicken, als Kette Kaufmann hereinkam und alles erzählte. Phönixglanz sagte: „Die Sache selbst ist nicht so schwerwiegend, aber solche Sitten dürfen nicht einreißen. Im Moment sind wir noch auf dem Höhepunkt unseres Wohlstands, und die Diener wagen es schon, sich zu prügeln; wenn später die jüngere Generation das Sagen hat, werden sie völlig außer Kontrolle geraten. Vor zwei Jahren habe ich im Osthaus mit eigenen Augen gesehen, wie Jiao Da sich volllaufen ließ, unter der Treppe lag und alle beschimpfte — ohne Rücksicht auf Rang und Stand, alles in einen Topf werfend. Er mag Verdienste haben, aber zwischen Herr und Diener sollte ein Mindestmaß an Anstand herrschen. Die Erste Herrin Zhen — ich sage es ungern — ist zu gutmütig; sie hat jeden so verwöhnt, dass keiner mehr zu bändigen ist. Und jetzt dieser Bao Er. Ich habe gehört, er war euer und des Ersten Herrn Vertrauensmann — warum wird er dann heute geschlagen?" Bei diesen Worten spürte Kette Kaufmann den Stich, wurde verlegen und versuchte abzulenken. Er murmelte etwas von Geschäften und ging. | |
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| + | Xiaohong kam herein und meldete: „Der Zweite Herr Yun möchte die Herrin sprechen." Phönixglanz überlegte: „Was will der schon wieder?" Dann sagte sie: „Lass ihn herein." Xiaohong ging hinaus und blickte Efeu Kaufmann mit einem leichten Lächeln an. Efeu Kaufmann trat eilig einen Schritt näher und fragte: „Fräulein, habt Ihr mich angekündigt?" Xiaohong errötete: „Ich sehe nur, dass der Zweite Herr viel zu tun hat." Efeu Kaufmann: „Wann hatte ich je so viel zu tun, dass ich das Fräulein im Inneren bemühen müsste? Damals, als das Fräulein im Zimmer des Zweiten Onkels Bao war, da habe ich Euch …" Xiaohong fürchtete, jemand könnte sie sehen, und unterbrach: „Das Seidentuch, das ich Euch damals getauscht habe — habt Ihr es gesehen?" Efeu Kaufmann hätte diesen Satz nicht glücklicher hören können; er wollte gerade antworten, als ein kleines Mädchen von drinnen herauskam. Efeu Kaufmann ging hastig neben Xiaohong hinein. Seite an Seite, in geringem Abstand, flüsterte er: „Wenn ich wieder herauskomme — bringst du mich hinaus, und ich erzähle dir etwas Lustiges." Xiaohong wurde knallrot, warf ihm einen Blick zu, antwortete aber nicht. Am Eingang zu Phönixglanzs Gemächern ging sie allein hinein und meldete sich. Dann kam sie heraus, hob den Vorhang, winkte mit der Hand und sagte absichtlich laut: „Die Herrin bittet den Zweiten Herrn Yun herein!" | ||
| + | Efeu Kaufmann lächelte, folgte ihr ins Zimmer, begrüßte Phönixglanz und sagte: „Meine Mutter lässt grüßen." Phönixglanz erwiderte den Gruß. „Was führt dich her?" Efeu Kaufmann erklärte: „Der Neffe hat die frühere Güte der Tante nie vergessen und denkt ständig daran. Er wollte ihr schon immer etwas schenken, fürchtete aber, die Tante könnte zu viel hineindeuten. Da jetzt das Doppelneunfest naht, habe ich eine Kleinigkeit mitgebracht. Die Tante hat natürlich alles — es ist nur mein bescheidener Ausdruck der Dankbarkeit. Wenn die Tante ihn nur nicht verschmäht." Phönixglanz lächelte: „Setz dich und sag, was du zu sagen hast." Efeu Kaufmann setzte sich seitlich und legte das Geschenk auf den Nebentisch. | ||
| + | Phönixglanz sagte: „Du bist kein reicher Mensch — warum gibst du Geld aus? Ich brauche es nicht. Sag mir lieber, was du wirklich im Sinn hast — ehrlich." Efeu Kaufmann sagte: „Nichts weiter als Dankbarkeit gegenüber der Tante." Dabei lächelte er. Phönixglanz sagte: „So geht das nicht. Ich weiß, dass du knapp bei Kasse bist — warum sollte ich dir unnötig Geld abknöpfen? Wenn du willst, dass ich das Geschenk annehme, musst du mir vorher reinen Wein einschenken. Wenn du herumdruckst und halb hinterm Berg hältst, nehme ich es nicht an." | ||
| − | Bau | + | Efeu Kaufmann konnte nicht anders, stand auf und erklärte verlegen lächelnd: „Es ist wirklich kein unverschämter Wunsch. Neulich hörte ich, der gnädige Herr leite den Bau der kaiserlichen Grabanlage. Ich habe ein paar Freunde, die schon etliche Bauprojekte durchgeführt haben — alles sehr zuverlässig. Wenn die Tante beim gnädigen Herrn ein gutes Wort einlegen könnte, damit man mir ein oder zwei Aufträge gibt, werde ich die Güte der Tante nie vergessen. Und wenn es Arbeit im Haus gibt, kann ich der Tante auch von Nutzen sein." |
| − | + | Phönixglanz antwortete: „Bei anderen Dingen könnte ich schon ein Wort mitreden. Aber Behördenangelegenheiten — da wird oben alles von den Ministerialbeamten bestimmt, und unten machen es die Schreiber und Amtsboten. Da kann ein Außenstehender sich kaum einschalten. Selbst die eigenen Hausleute können nur den gnädigen Herrn begleiten; und dein Onkel geht auch nur wegen der eigenen Familienangelegenheiten hin — er kann keine offiziellen Aufträge vergeben. Was das Haus betrifft: Hier drückt man an einem Ende und hebt am anderen, und selbst der Erste Herr Zhen kann die Leute kaum im Zaum halten. Du bist zu jung und zu niedrig im Rang — wie willst du mit diesen Leuten fertig werden? Außerdem nähert sich die Arbeit im Ministerium ohnehin dem Ende — es ist mehr Leerlauf als Arbeit. Was kannst du zu Hause nicht alles tun — bist du ohne diesen Auftrag etwa am Verhungern? Das sage ich dir ehrlich — geh heim und denk darüber nach. Deinen guten Willen habe ich zur Kenntnis genommen. Aber nimm die Sachen wieder mit und gib sie dorthin zurück, wo du sie herbekommen hast." | |
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| − | + | Gerade da kam die Amme mit einer Schar Mädchen und brachte Pfiffigmädchen herein. Das Mädchen war prächtig gekleidet und hatte allerlei Spielzeug in den Händen; lachend lief sie zu Phönixglanz und plapperte. Efeu Kaufmann stand auf und sagte mit strahlendem Lächeln: „Ist das die große Schwester? Willst du nicht ein schönes Spielzeug?" Pfiffigmädchen brach sofort in Geschrei aus. Efeu Kaufmann wich zurück. Phönixglanz tröstete: „Liebling, hab keine Angst" und nahm Pfiffigmädchen auf den Arm: „Das ist dein großer Bruder Yun — warum tust du so fremd?" Efeu Kaufmann sagte schmeichelnd: „Die kleine Schwester ist wunderschön — die wird einmal großes Glück haben." Pfiffigmädchen blickte sich nach Efeu Kaufmann um und fing wieder an zu weinen — mehrmals hintereinander. | |
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| − | + | Efeu Kaufmann konnte nicht länger bleiben, stand auf und verabschiedete sich. Phönixglanz sagte: „Nimm die Sachen mit." Efeu Kaufmann bat: „Nicht einmal diese Kleinigkeit?" Phönixglanz antwortete: „Wenn du sie nicht mitnimmst, lasse ich sie zu dir nach Hause bringen. Yun, stell dich nicht so an — du bist doch kein Fremder. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, schicke ich nach dir. Aber ohne konkreten Anlass kann ich nichts tun — da helfen keine Geschenke." Efeu Kaufmann sah, dass Phönixglanz unnachgiebig war, und sagte errötend: „Dann bringe ich das nächste Mal etwas Brauchbares als Geschenk." Phönixglanz rief Xiaohong: „Nimm die Sachen und begleite den Herrn Yun hinaus." | |
| − | + | Efeu Kaufmann dachte im Gehen: „Die Leute sagen, die Zweite Herrin sei streng — und wirklich: Kein Spalt, keine Lücke, wie mit dem Meißel geschnitten. Kein Wunder, dass sie keinen Nachwuchs hat. Und diese Pfiffigmädchen — die benimmt sich, als wäre ich ihr Feind aus einem früheren Leben. Wirklich Pech! Der ganze Tag umsonst." | |
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| − | + | Xiaohong sah, dass Efeu Kaufmann mit leeren Händen ging, und war ebenfalls enttäuscht. Sie trug die Sachen hinaus. Efeu Kaufmann nahm das Päckchen, öffnete es, wählte zwei Stücke aus und reichte sie heimlich Xiaohong. Xiaohong nahm sie nicht an: „Das geht nicht, Zweiter Herr — wenn die Herrin davon erfährt, stehen wir alle schlecht da." Efeu Kaufmann: „Bewahr sie gut auf — wovor hast du Angst? Wer sollte davon erfahren? Wenn du sie nicht willst, ist das, als hieltest du mich für minderwertig." Xiaohong lächelte leicht und nahm sie entgegen: „Wer braucht denn deine Sachen? Als ob die etwas wert wären!" Bei diesem Satz wurde sie wieder rot. Efeu Kaufmann lachte: „Mir geht es auch nicht um die Sachen — und die Sachen sind ohnehin nichts Besonderes." | |
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| − | + | Plaudernd waren die beiden am zweiten Tor angelangt. Efeu Kaufmann steckte den Rest in seinen Ärmel. Xiaohong drängte: „Geh jetzt. Wenn du etwas brauchst, komm ruhig zu mir. Ich bin jetzt in diesem Hof — das ist kein Umweg." Efeu Kaufmann nickte: „Die Zweite Herrin ist zu streng — ich kann unmöglich oft kommen. Was ich vorhin sagen wollte, weißt du im Herzen. Wenn ich Gelegenheit habe, erzähle ich es dir." Xiaohong errötete: „Geh jetzt. Komm ruhig auch sonst mal vorbei. Du machst dich selbst zum Fremden." Efeu Kaufmann sagte: „Verstanden." Damit ging er durch das Hoftor. Xiaohong stand an der Tür und sah ihm nach, bis er verschwunden war, dann kehrte sie zurück. | |
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| − | + | Phönixglanz ließ das Abendessen vorbereiten und fragte: „Habt ihr den Brei gekocht?" Die Mädchen fragten nach und meldeten: „Ja, er ist fertig." Phönixglanz sagte: „Macht ein, zwei Schüsseln von den eingelegten Südfrüchten zurecht." Qiutong sagte zu und wies die Mädchen an. | |
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| − | + | Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".</ref> kam lachend herein: „Ich hab es fast vergessen: Heute Mittag, als die Herrin oben bei der Alten Ahnin war, kam jemand aus dem Wassermondkloster und bat die Herrin um zwei Flaschen eingelegtes Südgemüse und um ein paar Monatsgehälter im Vorschuss; die Äbtissin sei krank. Ich fragte die Klosterfrau: ‚Was fehlt der Äbtissin?' Sie erzählte: ‚Seit vier, fünf Tagen. Neulich nachts haben einige der kleinen Novizen und Novizinnen beim Schlafen die Lampe nicht ausgeblasen. Die Äbtissin hat es mehrmals gesagt, aber sie hörten nicht. Mitten in der Nacht, nach der dritten Nachtwache, brannte immer noch Licht. Die Äbtissin ging selbst hin und blies alle Lampen aus. Zurück auf ihrem Kang sah sie zwei Gestalten — einen Mann und eine Frau — auf dem Bett sitzen. Sie fragte, wer sie seien, da warfen sie ihr eine Schlinge um den Hals. Sie schrie um Hilfe. Alle kamen mit Lichtern angelaufen — sie lag am Boden, Schaum vor dem Mund. Zum Glück wurde sie gerettet. Seitdem kann sie nichts essen und bat daher um eingelegtes Gemüse.' Da die Herrin nicht im Zimmer war, habe ich ihr nichts gegeben und sie weggeschickt. Als ich eben die Rede von südlichem Gemüse hörte, fiel es mir wieder ein — sonst hätte ich es vergessen." | |
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| − | + | Phönixglanz hielt kurz inne und sagte: „Südgemüse haben wir noch — schickt ihr etwas. Das Silber — sag dem jungen Qin, er soll es in ein paar Tagen abholen." Da kam Xiaohong herein und meldete: „Der Zweite Herr lässt ausrichten: Er hat heute Abend Geschäfte außerhalb der Stadt und kommt nicht nach Hause. Er schickt Bescheid." Phönixglanz sagte: „Gut." | |
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| − | + | Da hörte man ein kleines Mädchen aus dem Hinterhaus atemlos hereingerannt kommen. Draußen empfing sie Friedchen; ein paar andere Mädchen flüsterten miteinander. Phönixglanz rief: „Was tuschelt ihr?" Friedchen sagte: „Die Kleine hat Angst und redet von Geistern." Phönixglanz fragte: „Welche?" Das Mädchen kam herein. Phönixglanz fragte: „Was für Geistergeschichten?" Das Mädchen erzählte: „Ich bin gerade nach hinten gegangen, um den Kohlemann zu rufen. In den drei leeren Zimmern hörte ich es klappern und knarren — ich dachte, es seien Katzen oder Ratten. Dann hörte ich ein ‚Aaah', wie wenn jemand seufzt. Da habe ich mich gefürchtet und bin gerannt." Phönixglanz schimpfte: „Unsinn! In meinem Haus wird nicht von Geistern und Gespenstern geredet! Ich habe noch nie an so etwas geglaubt. Raus mit dir!" Das Mädchen verschwand. | |
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| + | Phönixglanz ließ Caiming die Tagesausgaben abgleichen. Es war fast die zweite Nachtwache. Man ruhte noch ein Weilchen, plauderte ein wenig, und dann ging jeder schlafen. Auch Phönixglanz legte sich nieder. | ||
| − | + | Gegen die dritte Nachtwache lag Phönixglanz im Halbschlaf, als sie plötzlich eine Gänsehaut überlief. Sie fuhr hoch, und je länger sie lag, desto unheimlicher wurde ihr. Sie rief Friedchen und Qiutong, ihr Gesellschaft zu leisten. Die beiden verstanden nicht, was los war. Qiutong hatte sich mit Phönixglanz nie gut verstanden; nachdem Kette Kaufmann sie wegen der Sache mit Zweitschwester Sonders vernachlässigte, hatte Phönixglanz sie wieder um sich geschart, und nun war es äußerlich ruhig — aber innerlich war Qiutong lange nicht so aufrichtig wie Friedchen. Als sie Phönixglanzs Unwohlsein sah, brachte sie ihr pflichtgemäß Tee. Phönixglanz trank einen Schluck und sagte: „Danke dir. Geh schlafen — Friedchen allein genügt." Doch Qiutong wollte sich dienstbeflissen zeigen: „Wenn die Herrin nicht schlafen kann, wechseln wir uns eben ab." Während sie sprach, schlief Phönixglanz ein. Friedchen und Qiutong sahen, dass Phönixglanz schlief; in der Ferne krähte ein Hahn. Beide legten sich angekleidet kurz hin. Schon wurde es hell, und sie sprangen auf, um Phönixglanz bei der Morgentoilette zu helfen. | |
| − | + | Phönixglanz war durch die nächtlichen Vorfälle unruhig und verwirrt, doch ihr Stolz ließ sie sich nichts anmerken, und sie raffte sich auf. Grübelnd saß sie da, als ein kleines Mädchen im Hof nach Friedchen rief. Friedchen antwortete. Das Mädchen hob den Vorhang: Frau König habe jemanden geschickt, um Kette Kaufmann zu suchen; draußen sei eine dringende Amtssache zu klären, Aufrecht Kaufmann sei gerade ausgegangen, und die Gnädige Frau bitte den Zweiten Herrn, sofort zu kommen. Phönixglanz erschrak. | |
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| + | Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren. | ||
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| + | <references /> | ||
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| + | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). | ||
Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
Achtundachtzigstes Kapitel
Schatzjade[1] erfreut die Großmutter und lobt den Waisenknaben, Herrlichkeit Kaufmann[2] stellt die Hausordnung her und lässt den frechen Diener peitschen
Wie berichtet, studierte Bedauerfrühling[3] gerade ein Go-Lehrbuch, als im Hof jemand nach Caiping rief — es war niemand anders als Mandarinenente[4]. Caiping ging hinaus und kam mit Mandarinenente herein. Diese hatte ein kleines Mädchen bei sich, das ein gelbes Seidenpäckchen trug. Bedauerfrühling fragte lachend: „Was gibt es?" Mandarinenente erklärte: „Die Alte Ahnin wird nächstes Jahr einundachtzig — eine ‚verborgene Neun'. Sie hat gelobt, eine neun Tage und neun Nächte dauernde Andacht abzuhalten und dreitausendsechshunderteinundfünfzig Abschriften des Diamant-Sutra[5] schreiben zu lassen. Diese werden bereits draußen abgeschrieben. Doch man sagt, das Diamant-Sutra sei wie die äußere Hülle eines daoistischen Talismans, und das Herz-Sutra[6] sei erst der eigentliche Kern. Darum muss in jedes Diamant-Sutra ein Herz-Sutra eingelegt werden — das bringt noch mehr Verdienst. Da die Alte Ahnin das Herz-Sutra für besonders wichtig hält und Guanyin zudem eine weibliche Bodhisattva ist, möchte sie, dass die weiblichen Verwandten und Fräulein des Hauses dreihundertfünfundsechzig Abschriften schreiben — das ist zugleich frommer und sauberer. Außer der Zweiten Herrin — erstens hat sie als Haushälterin keine Zeit, zweitens kann sie auch nicht so gut schreiben — soll jede, die schreiben kann, nach Vermögen beitragen: die Erste Herrin Zhen vom Osthaus, die Nebenfrauen, und natürlich erst recht alle hier im Haus." Bedauerfrühling nickte: „Anderes kann ich nicht, aber Sutras abschreiben — dafür brenne ich! Leg es hin und trink Tee."
Mandarinenente legte das Päckchen auf den Tisch und setzte sich zu Bedauerfrühling. Caiping brachte Tee. Bedauerfrühling fragte lachend: „Schreibst du auch?" Mandarinenente sagte: „Das Fräulein scherzt! In den letzten drei, vier Jahren — hat das Fräulein mich jemals einen Pinsel in die Hand nehmen sehen?" Bedauerfrühling sagte: „Es wäre ein großes Verdienst." Mandarinenente erwiderte: „Ich habe allerdings etwas anderes: Seit ich die Alte Ahnin zur Nachtruhe gebettet habe, spreche ich jedes Mal meine Reisgebete — schon seit über drei Jahren. Den Reis hebe ich sorgfältig auf, und wenn die Alte Ahnin ihre Andacht hält, will ich ihn als Opfergabe für den Buddha beifügen — das ist mein aufrichtiger Beitrag." Bedauerfrühling sagte: „So gesehen ist die Alte Ahnin die Guanyin, und du bist das Drachenmädchen." Mandarinenente sagte: „So weit reiche ich nicht! Nur weiß ich: Außer der Alten Ahnin könnte ich niemandem dienen — was für ein Schicksal aus einem früheren Leben mich an sie bindet, weiß ich nicht." Sie wollte gehen und ließ das kleine Mädchen das Seidenpäckchen öffnen: „Dieser Stapel reines Papier ist zum Abschreiben des Herz-Sutra." Dann hielt sie ein Bündel tibetischen Weihrauch hoch: „Den soll man beim Schreiben anzünden." Bedauerfrühling nahm alles an.
Mandarinenente verabschiedete sich und ging mit dem kleinen Mädchen zur Herzoginmutters Gemächern zurück, wo sie Bericht erstattete. Die Herzoginmutter spielte gerade mit Seidenweiß Pflaume[7] Backgammon. Mandarinenente schaute von der Seite zu. Seidenweiß Pflaume hatte Glück mit dem Würfel und schlug der Großmutter gleich mehrere Steine herunter. Mandarinenente musste lachen und hielt sich den Mund zu.
Da kam Schatzjade herein, in jeder Hand einen kleinen Käfig aus feinem Bambus, in denen einige Grashüpfer saßen. Er sagte: „Ich habe gehört, die Großmutter schläft nachts schlecht — da bringe ich ihr diese zur Unterhaltung." die Herzoginmutter lachte: „Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, erlaubst du dir solche Streiche!" Schatzjade lachte: „Ich habe doch gar keine Streiche gemacht!" die Herzoginmutter fragte: „Wenn du keine Streiche machst, warum bist du dann nicht in der Schule beim Lesen, sondern bringst solches Zeug?" Schatzjade erklärte: „Die habe ich nicht selbst gefangen! Neulich hat der Lehrer Huan und Lan Gegenpaare bilden lassen. Huan konnte es nicht, und ich habe ihm heimlich eingeflüstert. Als er die Antwort vortrug, lobte der Lehrer ihn. Aus Dankbarkeit hat er mir diese Grashüpfer gekauft, und ich bringe sie der Großmutter." die Herzoginmutter sagte: „Lernt er denn nicht jeden Tag? Warum kann er kein Gegenpaar finden? Wenn nicht, soll der Großonkel Ru ihm auf den Mund schlagen — ob ihm das nicht peinlich wäre! Du hast es auch nicht leicht gehabt — erinnerst du dich, wie du dich gefürchtet hast wie ein Gespenst, wenn dein Vater dich Gedichte und Lieder aufsagen ließ? Und jetzt sprichst du große Worte! Dieser Huan ist noch unfähiger — lässt sich die Arbeit von anderen machen und besticht sie dann dafür. So ein kleiner Junge treibt schon solche Ränke und schämt sich nicht — wer weiß, was aus dem noch wird!" Das ganze Zimmer lachte.
Die Herzoginmutter fragte weiter: „Und der kleine Lan? Hat er seine Aufgabe geschafft? Jetzt hätte Huan ihm helfen müssen — Lan ist ja jünger. Nicht wahr?" Schatzjade lachte: „Er hat keine Hilfe gebraucht — er hat es selbst gemacht." die Herzoginmutter sagte: „Das glaube ich nicht — wenn, dann hast du auch da nachgeholfen. Du bist mir einer! Aus der Hammelherde ragt ein Kamel hervor — du bist der Größte und schreibst nun auch schon Aufsätze!" Schatzjade lachte: „Er hat es wirklich selbst gemacht! Der Lehrer hat ihn sogar gelobt und gesagt, aus dem werde einmal etwas Großes. Wenn die Großmutter mir nicht glaubt, lass ihn doch herkommen und prüfe ihn selbst." die Herzoginmutter sagte: „Wenn das stimmt, freue ich mich wirklich. Ich fürchte nur, dass du schummelst. Wenn er es wirklich selbst geschrieben hat, kann aus dem Jungen etwas werden." Dabei blickte sie Seidenweiß Pflaume an und dachte an Herrlichkeit Kaufmann. Sie fuhr fort: „Dann ist dein älterer Bruder nicht umsonst gestorben, und deine ältere Schwägerin hat ihn nicht umsonst großgezogen. Eines Tages wird er das Haus seines Vaters stützen und ehren." Dabei konnte sie die Tränen nicht zurückhalten.
Seidenweiß Pflaume war von diesen Worten tief gerührt, doch da die Großmutter schon traurig war, hielt sie sich zurück und tröstete lächelnd: „Das ist alles der gesammelte Segen der Alten Ahnin. Wir stehen unter ihrem Schutz. Wenn der Junge den Erwartungen der Alten Ahnin gerecht wird, ist das unser Glück. Warum trauert die Alte Ahnin, statt sich zu freuen?" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Onkel Bao, lob ihn morgen nicht so überschwänglich. Er ist noch ein kleines Kind — was weiß er schon? Du meinst es nur gut, aber er versteht das nicht. Mit der Zeit wird er übermütig, und dann kann er keine Fortschritte mehr machen." die Herzoginmutter nickte: „Deine Schwägerin hat recht. Er ist noch so klein — treib ihn nicht zu hart an. Kleine Kinder sind scheu; wenn man sie zu sehr bedrängt, werden sie noch krank, und dann war all deine Mühe umsonst." Bei diesen Worten konnte Seidenweiß Pflaume ihre Tränen nicht mehr halten und wischte sie eilig weg.
Da kamen Unheil Kaufmann[8] und Orchidee Kaufmann herein, um die Großmutter zu begrüßen. Orchidee Kaufmann grüßte auch seine Mutter und stellte sich neben die Herzoginmutter. Die Großmutter sagte: „Ich habe gerade von deinem Onkel gehört, dass du ein gutes Gegenpaar gemacht hast und der Lehrer dich gelobt hat." Orchidee Kaufmann sagte nichts und lächelte nur verschämt. Mandarinenente kam und meldete: „Das Abendessen ist angerichtet." die Herzoginmutter sagte: „Holt die Tante." Hupo schickte sogleich jemanden zu Frau König, um Tante Schnee[9] zu bitten. Schatzjade und Unheil Kaufmann zogen sich zurück. Suyun und die kleinen Mädchen räumten das Backgammonbrett weg. Seidenweiß Pflaume wartete, um der Großmutter beim Essen aufzuwarten; Orchidee Kaufmann stand neben seiner Mutter. Die Herzoginmutter sagte: „Ihr beiden esst mit mir." Seidenweiß Pflaume sagte zu. Man trug auf. Ein Mädchen kam zurück und meldete: „Die Gnädige Frau lässt der Alten Ahnin ausrichten: Die Tante kommt und geht in letzter Zeit und konnte sich nicht melden; heute ist sie nach dem Essen nach Hause gefahren." die Herzoginmutter ließ Orchidee Kaufmann neben sich Platz nehmen, und alle aßen gemeinsam.
Als die Herzoginmutter gerade mit dem Essen fertig war und, den Mund gespült, auf dem Bett lag und plauderte, kam ein kleines Mädchen und flüsterte Hupo etwas zu. Hupo meldete: „Der Erste Herr aus dem Osthaus lässt einen guten Abend wünschen." die Herzoginmutter sagte: „Sagt ihm: Er ist von der Hausverwaltung erschöpft; er soll sich ausruhen. Ich weiß Bescheid." Über die Mädchen und Dienerinnen wurde Herrlichkeit Kaufmann informiert, und er zog sich zurück.
Am nächsten Tag ging Herrlichkeit Kaufmann hinüber, um verschiedene Angelegenheiten zu regeln. Die Pförtnerdiener meldeten nacheinander einige Dinge. Einer meldete: „Der Gutsverwalter hat Obst gebracht." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wo ist die Liste?" Der Diener reichte sie eilig herein. Es waren Saisonfrüchte, dazu einiges Gemüse und Wild. Herrlichkeit Kaufmann las die Liste und fragte: „Wer verwaltet das normalerweise?" Man antwortete: „Zhou Rui." Herrlichkeit Kaufmann rief Zhou Rui: „Zähl alles nach der Liste durch und lass es nach drinnen bringen. Ich mache eine Kopie der Lieferliste für den Abgleich." Dann befahl er: „Sag der Küche, sie soll den Speiseplan um einige Posten ergänzen und dem Gutsverwalter wie üblich eine Mahlzeit und Geld geben."
Zhou Rui sagte zu. Während man die Lieferung in Phönixglanz[10]s Hof brachte und die Bücher mit dem Obst ordnungsgemäß übergab, ging Zhou Rui hinaus und kam bald zurück zu Herrlichkeit Kaufmann: „Das vorhin gelieferte Obst — hat der Erste Herr die Menge überprüft?" Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Wann hätte ich Zeit, das zu zählen? Ich habe dir die Liste gegeben — zähl du nach." Zhou Rui sagte: „Ich habe nachgezählt: es fehlt nichts, aber es ist auch nichts übrig. Da der Erste Herr die Kopie behalten hat, sollte man den Boten fragen, ob die Liste stimmt." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Was soll das? Es sind doch nur ein paar Früchte — was gibt es da Wichtiges? Ich habe dich nicht verdächtigt."
Da kam Bao Er herbeigelaufen, machte einen Kotau und sagte: „Bitte lasst mich wieder draußen arbeiten wie früher." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Was ist denn schon wieder los bei euch?" Bao Er sagte: „Ich komme hier drinnen nicht zu Wort." Herrlichkeit Kaufmann: „Wer verlangt, dass du hier redest?" Bao Er: „Was soll ich hier als Aufpasser herumstehen?" Zhou Rui mischte sich ein: „Ich verwalte hier die Pacht, die Gutserträge und die Ein- und Ausgaben — jedes Jahr mehrere zehntausend Tael[11]. Weder der gnädige Herr noch die gnädigen Damen haben je etwas beanstandet, geschweige denn solche Kleinigkeiten. Wenn man Bao Er glaubt, hätten wir Diener den ganzen Grundbesitz veruntreut." Herrlichkeit Kaufmann überlegte: „Bao Er muss sich hier gestritten haben — am besten schicke ich ihn weg." Er sagte zu Bao Er: „Verschwinde!" Und zu Zhou Rui: „Du brauchst auch nichts weiter zu sagen — mach deine Arbeit." Beide gingen.
Herrlichkeit Kaufmann ruhte sich gerade im Arbeitszimmer aus, als draußen am Tor ein Tumult losbrach. Er schickte jemanden nachsehen; der Bote kam zurück: „Bao Er prügelt sich mit Zhou Ruis Adoptivsohn." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wer ist Zhou Ruis Adoptivsohn?" Der Pförtner antwortete: „Er heißt He San, ein nichtsnutziger Kerl, der zu Hause jeden Tag trinkt und Streit sucht. Er lungert ständig am Tor herum. Als er den Zank zwischen Bao Er und Zhou Rui hörte, mischte er sich ein." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Das ist unerhört! Bindet Bao Er und diesen He San zusammen fest! Und Zhou Rui?" Der Pförtner: „Der war schon weg, als die Prügelei anfing." Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Holt ihn her! So weit kommt es noch!" Alle liefen los. Gerade kam auch Kette Kaufmann[12] zurück. Herrlichkeit Kaufmann erzählte ihm alles. Kette Kaufmann rief: „Unerhört!" Man schickte noch mehr Leute, Zhou Rui zu holen. Der wusste, dass er nicht entkommen konnte, und kam. Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Alle fesseln!" Kette Kaufmann sprach zu Zhou Rui: „Euer vorheriger Streit wäre nicht so schlimm gewesen — der Erste Herr hatte es beigelegt. Warum dann draußen noch eine Schlägerei? Die Schlägerei allein wäre schon unerhört genug, aber ihr bringt auch noch einen streunenden Bastard namens He San ins Spiel! Und statt sie in Schach zu halten, bist du einfach verschwunden." Er trat Zhou Rui ein paar Mal. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Zhou Rui allein zu bestrafen genügt nicht!" Er befahl, Bao Er und He San je fünfzig Peitschenhiebe zu geben und hinauszuwerfen. Danach besprach er mit Kette Kaufmann die eigentlichen Geschäfte.
Die Dienerschaft tuschelte hinter vorgehaltener Hand: Manche sagten, Herrlichkeit Kaufmann decke seine Günstlinge; andere meinten, er könne nicht vermitteln; wieder andere nannten ihn selbst keinen guten Charakter: „Erinnert euch an die hässliche Affäre mit den Schwestern You — war es nicht Herrlichkeit Kaufmann, der Bao Er dem Zweiten Herrn als Diener zuschob? Jetzt findet er Bao Er nicht mehr brauchbar — bestimmt hat sich Bao Ers Frau nicht genug um ihn gekümmert." Viele Mäuler, viele Meinungen.
Was Aufrecht Kaufmann[13] betrifft: Seit er im Ministerium für Öffentliche Arbeiten das Siegel führte, hatten einige seiner Diener ordentlich verdient. Efeu Kaufmann hörte davon und wollte auch etwas abbekommen. Er sprach draußen mit einigen Baumeistern, vereinbarte Provisionen und kaufte modische Stickereigeschenke, um sich bei Phönixglanz einzuschmeicheln.
Phönixglanz war in ihrem Zimmer, als Mädchen meldeten: „Der Erste und der Zweite Herr sind wütend und lassen draußen Leute verprügeln." Phönixglanz fragte sich, was los war. Gerade wollte sie jemanden schicken, als Kette Kaufmann hereinkam und alles erzählte. Phönixglanz sagte: „Die Sache selbst ist nicht so schwerwiegend, aber solche Sitten dürfen nicht einreißen. Im Moment sind wir noch auf dem Höhepunkt unseres Wohlstands, und die Diener wagen es schon, sich zu prügeln; wenn später die jüngere Generation das Sagen hat, werden sie völlig außer Kontrolle geraten. Vor zwei Jahren habe ich im Osthaus mit eigenen Augen gesehen, wie Jiao Da sich volllaufen ließ, unter der Treppe lag und alle beschimpfte — ohne Rücksicht auf Rang und Stand, alles in einen Topf werfend. Er mag Verdienste haben, aber zwischen Herr und Diener sollte ein Mindestmaß an Anstand herrschen. Die Erste Herrin Zhen — ich sage es ungern — ist zu gutmütig; sie hat jeden so verwöhnt, dass keiner mehr zu bändigen ist. Und jetzt dieser Bao Er. Ich habe gehört, er war euer und des Ersten Herrn Vertrauensmann — warum wird er dann heute geschlagen?" Bei diesen Worten spürte Kette Kaufmann den Stich, wurde verlegen und versuchte abzulenken. Er murmelte etwas von Geschäften und ging.
Xiaohong kam herein und meldete: „Der Zweite Herr Yun möchte die Herrin sprechen." Phönixglanz überlegte: „Was will der schon wieder?" Dann sagte sie: „Lass ihn herein." Xiaohong ging hinaus und blickte Efeu Kaufmann mit einem leichten Lächeln an. Efeu Kaufmann trat eilig einen Schritt näher und fragte: „Fräulein, habt Ihr mich angekündigt?" Xiaohong errötete: „Ich sehe nur, dass der Zweite Herr viel zu tun hat." Efeu Kaufmann: „Wann hatte ich je so viel zu tun, dass ich das Fräulein im Inneren bemühen müsste? Damals, als das Fräulein im Zimmer des Zweiten Onkels Bao war, da habe ich Euch …" Xiaohong fürchtete, jemand könnte sie sehen, und unterbrach: „Das Seidentuch, das ich Euch damals getauscht habe — habt Ihr es gesehen?" Efeu Kaufmann hätte diesen Satz nicht glücklicher hören können; er wollte gerade antworten, als ein kleines Mädchen von drinnen herauskam. Efeu Kaufmann ging hastig neben Xiaohong hinein. Seite an Seite, in geringem Abstand, flüsterte er: „Wenn ich wieder herauskomme — bringst du mich hinaus, und ich erzähle dir etwas Lustiges." Xiaohong wurde knallrot, warf ihm einen Blick zu, antwortete aber nicht. Am Eingang zu Phönixglanzs Gemächern ging sie allein hinein und meldete sich. Dann kam sie heraus, hob den Vorhang, winkte mit der Hand und sagte absichtlich laut: „Die Herrin bittet den Zweiten Herrn Yun herein!"
Efeu Kaufmann lächelte, folgte ihr ins Zimmer, begrüßte Phönixglanz und sagte: „Meine Mutter lässt grüßen." Phönixglanz erwiderte den Gruß. „Was führt dich her?" Efeu Kaufmann erklärte: „Der Neffe hat die frühere Güte der Tante nie vergessen und denkt ständig daran. Er wollte ihr schon immer etwas schenken, fürchtete aber, die Tante könnte zu viel hineindeuten. Da jetzt das Doppelneunfest naht, habe ich eine Kleinigkeit mitgebracht. Die Tante hat natürlich alles — es ist nur mein bescheidener Ausdruck der Dankbarkeit. Wenn die Tante ihn nur nicht verschmäht." Phönixglanz lächelte: „Setz dich und sag, was du zu sagen hast." Efeu Kaufmann setzte sich seitlich und legte das Geschenk auf den Nebentisch.
Phönixglanz sagte: „Du bist kein reicher Mensch — warum gibst du Geld aus? Ich brauche es nicht. Sag mir lieber, was du wirklich im Sinn hast — ehrlich." Efeu Kaufmann sagte: „Nichts weiter als Dankbarkeit gegenüber der Tante." Dabei lächelte er. Phönixglanz sagte: „So geht das nicht. Ich weiß, dass du knapp bei Kasse bist — warum sollte ich dir unnötig Geld abknöpfen? Wenn du willst, dass ich das Geschenk annehme, musst du mir vorher reinen Wein einschenken. Wenn du herumdruckst und halb hinterm Berg hältst, nehme ich es nicht an."
Efeu Kaufmann konnte nicht anders, stand auf und erklärte verlegen lächelnd: „Es ist wirklich kein unverschämter Wunsch. Neulich hörte ich, der gnädige Herr leite den Bau der kaiserlichen Grabanlage. Ich habe ein paar Freunde, die schon etliche Bauprojekte durchgeführt haben — alles sehr zuverlässig. Wenn die Tante beim gnädigen Herrn ein gutes Wort einlegen könnte, damit man mir ein oder zwei Aufträge gibt, werde ich die Güte der Tante nie vergessen. Und wenn es Arbeit im Haus gibt, kann ich der Tante auch von Nutzen sein."
Phönixglanz antwortete: „Bei anderen Dingen könnte ich schon ein Wort mitreden. Aber Behördenangelegenheiten — da wird oben alles von den Ministerialbeamten bestimmt, und unten machen es die Schreiber und Amtsboten. Da kann ein Außenstehender sich kaum einschalten. Selbst die eigenen Hausleute können nur den gnädigen Herrn begleiten; und dein Onkel geht auch nur wegen der eigenen Familienangelegenheiten hin — er kann keine offiziellen Aufträge vergeben. Was das Haus betrifft: Hier drückt man an einem Ende und hebt am anderen, und selbst der Erste Herr Zhen kann die Leute kaum im Zaum halten. Du bist zu jung und zu niedrig im Rang — wie willst du mit diesen Leuten fertig werden? Außerdem nähert sich die Arbeit im Ministerium ohnehin dem Ende — es ist mehr Leerlauf als Arbeit. Was kannst du zu Hause nicht alles tun — bist du ohne diesen Auftrag etwa am Verhungern? Das sage ich dir ehrlich — geh heim und denk darüber nach. Deinen guten Willen habe ich zur Kenntnis genommen. Aber nimm die Sachen wieder mit und gib sie dorthin zurück, wo du sie herbekommen hast."
Gerade da kam die Amme mit einer Schar Mädchen und brachte Pfiffigmädchen herein. Das Mädchen war prächtig gekleidet und hatte allerlei Spielzeug in den Händen; lachend lief sie zu Phönixglanz und plapperte. Efeu Kaufmann stand auf und sagte mit strahlendem Lächeln: „Ist das die große Schwester? Willst du nicht ein schönes Spielzeug?" Pfiffigmädchen brach sofort in Geschrei aus. Efeu Kaufmann wich zurück. Phönixglanz tröstete: „Liebling, hab keine Angst" und nahm Pfiffigmädchen auf den Arm: „Das ist dein großer Bruder Yun — warum tust du so fremd?" Efeu Kaufmann sagte schmeichelnd: „Die kleine Schwester ist wunderschön — die wird einmal großes Glück haben." Pfiffigmädchen blickte sich nach Efeu Kaufmann um und fing wieder an zu weinen — mehrmals hintereinander.
Efeu Kaufmann konnte nicht länger bleiben, stand auf und verabschiedete sich. Phönixglanz sagte: „Nimm die Sachen mit." Efeu Kaufmann bat: „Nicht einmal diese Kleinigkeit?" Phönixglanz antwortete: „Wenn du sie nicht mitnimmst, lasse ich sie zu dir nach Hause bringen. Yun, stell dich nicht so an — du bist doch kein Fremder. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, schicke ich nach dir. Aber ohne konkreten Anlass kann ich nichts tun — da helfen keine Geschenke." Efeu Kaufmann sah, dass Phönixglanz unnachgiebig war, und sagte errötend: „Dann bringe ich das nächste Mal etwas Brauchbares als Geschenk." Phönixglanz rief Xiaohong: „Nimm die Sachen und begleite den Herrn Yun hinaus."
Efeu Kaufmann dachte im Gehen: „Die Leute sagen, die Zweite Herrin sei streng — und wirklich: Kein Spalt, keine Lücke, wie mit dem Meißel geschnitten. Kein Wunder, dass sie keinen Nachwuchs hat. Und diese Pfiffigmädchen — die benimmt sich, als wäre ich ihr Feind aus einem früheren Leben. Wirklich Pech! Der ganze Tag umsonst."
Xiaohong sah, dass Efeu Kaufmann mit leeren Händen ging, und war ebenfalls enttäuscht. Sie trug die Sachen hinaus. Efeu Kaufmann nahm das Päckchen, öffnete es, wählte zwei Stücke aus und reichte sie heimlich Xiaohong. Xiaohong nahm sie nicht an: „Das geht nicht, Zweiter Herr — wenn die Herrin davon erfährt, stehen wir alle schlecht da." Efeu Kaufmann: „Bewahr sie gut auf — wovor hast du Angst? Wer sollte davon erfahren? Wenn du sie nicht willst, ist das, als hieltest du mich für minderwertig." Xiaohong lächelte leicht und nahm sie entgegen: „Wer braucht denn deine Sachen? Als ob die etwas wert wären!" Bei diesem Satz wurde sie wieder rot. Efeu Kaufmann lachte: „Mir geht es auch nicht um die Sachen — und die Sachen sind ohnehin nichts Besonderes."
Plaudernd waren die beiden am zweiten Tor angelangt. Efeu Kaufmann steckte den Rest in seinen Ärmel. Xiaohong drängte: „Geh jetzt. Wenn du etwas brauchst, komm ruhig zu mir. Ich bin jetzt in diesem Hof — das ist kein Umweg." Efeu Kaufmann nickte: „Die Zweite Herrin ist zu streng — ich kann unmöglich oft kommen. Was ich vorhin sagen wollte, weißt du im Herzen. Wenn ich Gelegenheit habe, erzähle ich es dir." Xiaohong errötete: „Geh jetzt. Komm ruhig auch sonst mal vorbei. Du machst dich selbst zum Fremden." Efeu Kaufmann sagte: „Verstanden." Damit ging er durch das Hoftor. Xiaohong stand an der Tür und sah ihm nach, bis er verschwunden war, dann kehrte sie zurück.
Phönixglanz ließ das Abendessen vorbereiten und fragte: „Habt ihr den Brei gekocht?" Die Mädchen fragten nach und meldeten: „Ja, er ist fertig." Phönixglanz sagte: „Macht ein, zwei Schüsseln von den eingelegten Südfrüchten zurecht." Qiutong sagte zu und wies die Mädchen an.
Friedchen[14] kam lachend herein: „Ich hab es fast vergessen: Heute Mittag, als die Herrin oben bei der Alten Ahnin war, kam jemand aus dem Wassermondkloster und bat die Herrin um zwei Flaschen eingelegtes Südgemüse und um ein paar Monatsgehälter im Vorschuss; die Äbtissin sei krank. Ich fragte die Klosterfrau: ‚Was fehlt der Äbtissin?' Sie erzählte: ‚Seit vier, fünf Tagen. Neulich nachts haben einige der kleinen Novizen und Novizinnen beim Schlafen die Lampe nicht ausgeblasen. Die Äbtissin hat es mehrmals gesagt, aber sie hörten nicht. Mitten in der Nacht, nach der dritten Nachtwache, brannte immer noch Licht. Die Äbtissin ging selbst hin und blies alle Lampen aus. Zurück auf ihrem Kang sah sie zwei Gestalten — einen Mann und eine Frau — auf dem Bett sitzen. Sie fragte, wer sie seien, da warfen sie ihr eine Schlinge um den Hals. Sie schrie um Hilfe. Alle kamen mit Lichtern angelaufen — sie lag am Boden, Schaum vor dem Mund. Zum Glück wurde sie gerettet. Seitdem kann sie nichts essen und bat daher um eingelegtes Gemüse.' Da die Herrin nicht im Zimmer war, habe ich ihr nichts gegeben und sie weggeschickt. Als ich eben die Rede von südlichem Gemüse hörte, fiel es mir wieder ein — sonst hätte ich es vergessen."
Phönixglanz hielt kurz inne und sagte: „Südgemüse haben wir noch — schickt ihr etwas. Das Silber — sag dem jungen Qin, er soll es in ein paar Tagen abholen." Da kam Xiaohong herein und meldete: „Der Zweite Herr lässt ausrichten: Er hat heute Abend Geschäfte außerhalb der Stadt und kommt nicht nach Hause. Er schickt Bescheid." Phönixglanz sagte: „Gut."
Da hörte man ein kleines Mädchen aus dem Hinterhaus atemlos hereingerannt kommen. Draußen empfing sie Friedchen; ein paar andere Mädchen flüsterten miteinander. Phönixglanz rief: „Was tuschelt ihr?" Friedchen sagte: „Die Kleine hat Angst und redet von Geistern." Phönixglanz fragte: „Welche?" Das Mädchen kam herein. Phönixglanz fragte: „Was für Geistergeschichten?" Das Mädchen erzählte: „Ich bin gerade nach hinten gegangen, um den Kohlemann zu rufen. In den drei leeren Zimmern hörte ich es klappern und knarren — ich dachte, es seien Katzen oder Ratten. Dann hörte ich ein ‚Aaah', wie wenn jemand seufzt. Da habe ich mich gefürchtet und bin gerannt." Phönixglanz schimpfte: „Unsinn! In meinem Haus wird nicht von Geistern und Gespenstern geredet! Ich habe noch nie an so etwas geglaubt. Raus mit dir!" Das Mädchen verschwand.
Phönixglanz ließ Caiming die Tagesausgaben abgleichen. Es war fast die zweite Nachtwache. Man ruhte noch ein Weilchen, plauderte ein wenig, und dann ging jeder schlafen. Auch Phönixglanz legte sich nieder.
Gegen die dritte Nachtwache lag Phönixglanz im Halbschlaf, als sie plötzlich eine Gänsehaut überlief. Sie fuhr hoch, und je länger sie lag, desto unheimlicher wurde ihr. Sie rief Friedchen und Qiutong, ihr Gesellschaft zu leisten. Die beiden verstanden nicht, was los war. Qiutong hatte sich mit Phönixglanz nie gut verstanden; nachdem Kette Kaufmann sie wegen der Sache mit Zweitschwester Sonders vernachlässigte, hatte Phönixglanz sie wieder um sich geschart, und nun war es äußerlich ruhig — aber innerlich war Qiutong lange nicht so aufrichtig wie Friedchen. Als sie Phönixglanzs Unwohlsein sah, brachte sie ihr pflichtgemäß Tee. Phönixglanz trank einen Schluck und sagte: „Danke dir. Geh schlafen — Friedchen allein genügt." Doch Qiutong wollte sich dienstbeflissen zeigen: „Wenn die Herrin nicht schlafen kann, wechseln wir uns eben ab." Während sie sprach, schlief Phönixglanz ein. Friedchen und Qiutong sahen, dass Phönixglanz schlief; in der Ferne krähte ein Hahn. Beide legten sich angekleidet kurz hin. Schon wurde es hell, und sie sprangen auf, um Phönixglanz bei der Morgentoilette zu helfen.
Phönixglanz war durch die nächtlichen Vorfälle unruhig und verwirrt, doch ihr Stolz ließ sie sich nichts anmerken, und sie raffte sich auf. Grübelnd saß sie da, als ein kleines Mädchen im Hof nach Friedchen rief. Friedchen antwortete. Das Mädchen hob den Vorhang: Frau König habe jemanden geschickt, um Kette Kaufmann zu suchen; draußen sei eine dringende Amtssache zu klären, Aufrecht Kaufmann sei gerade ausgegangen, und die Gnädige Frau bitte den Zweiten Herrn, sofort zu kommen. Phönixglanz erschrak.
Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
- ↑ Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
- ↑ Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".
- ↑ Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".
- ↑ Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
- ↑ Diamant-Sutra (金刚经, Jīngāng Jīng): Eines der wichtigsten Sutras des Mahāyāna-Buddhismus, häufig als Verdienst für Verstorbene oder zum Schutz abgeschrieben.
- ↑ Herz-Sutra (心经, Xīnjīng): Das kürzeste und am häufigsten rezitierte Sutra des Mahāyāna-Buddhismus.
- ↑ Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".
- ↑ Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".
- ↑ Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
- ↑ Tael (两, Liǎng): Traditionelle chinesische Gewichts- und Silberwährungseinheit, ca. 37,3 Gramm.
- ↑ Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
- ↑ Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).