Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 88"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 88)
 
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Achtundachtzigstes Kapitel
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<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_82|<span style="color: #FFD700;">82</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_83|<span style="color: #FFD700;">83</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_84|<span style="color: #FFD700;">84</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_85|<span style="color: #FFD700;">85</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_86|<span style="color: #FFD700;">86</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_87|<span style="color: #FFD700;">87</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">88</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_89|<span style="color: #FFD700;">89</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_90|<span style="color: #FFD700;">90</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> erfreut die Großmutter und lobt den Waisenknaben,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_88|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_88|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".</ref> stellt die Hausordnung her und lässt den frechen Diener peitschen
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= Kapitel 88 =
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Wie berichtet, studierte Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> gerade ein Go-Lehrbuch, als im Hof jemand nach Caiping rief — es war niemand anders als Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".</ref>. Caiping ging hinaus und kam mit Mandarinenente herein. Diese hatte ein kleines Mädchen bei sich, das ein gelbes Seidenpäckchen trug. Bedauerfrühling fragte lachend: „Was gibt es?" Mandarinenente erklärte: „Die Alte Ahnin wird nächstes Jahr einundachtzig — eine ‚verborgene Neun'. Sie hat gelobt, eine neun Tage und neun Nächte dauernde Andacht abzuhalten und dreitausendsechshunderteinundfünfzig Abschriften des Diamant-Sutra<ref>Diamant-Sutra (金刚经, Jīngāng Jīng): Eines der wichtigsten Sutras des Mahāyāna-Buddhismus, häufig als Verdienst für Verstorbene oder zum Schutz abgeschrieben.</ref> schreiben zu lassen. Diese werden bereits draußen abgeschrieben. Doch man sagt, das Diamant-Sutra sei wie die äußere Hülle eines daoistischen Talismans, und das Herz-Sutra<ref>Herz-Sutra (心经, Xīnjīng): Das kürzeste und am häufigsten rezitierte Sutra des Mahāyāna-Buddhismus.</ref> sei erst der eigentliche Kern. Darum muss in jedes Diamant-Sutra ein Herz-Sutra eingelegt werden — das bringt noch mehr Verdienst. Da die Alte Ahnin das Herz-Sutra für besonders wichtig hält und Guanyin zudem eine weibliche Bodhisattva ist, möchte sie, dass die weiblichen Verwandten und Fräulein des Hauses dreihundertfünfundsechzig Abschriften schreiben — das ist zugleich frommer und sauberer. Außer der Zweiten Herrin — erstens hat sie als Haushälterin keine Zeit, zweitens kann sie auch nicht so gut schreiben — soll jede, die schreiben kann, nach Vermögen beitragen: die Erste Herrin Zhen vom Osthaus, die Nebenfrauen, und natürlich erst recht alle hier im Haus." Bedauerfrühling nickte: „Anderes kann ich nicht, aber Sutras abschreiben — dafür brenne ich! Leg es hin und trink Tee."
== 博庭欢宝玉赞孤儿 / 正家法贾珍鞭悍仆 ==
 
  
aber zu teilen...“
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Mandarinenente legte das Päckchen auf den Tisch und setzte sich zu Bedauerfrühling. Caiping brachte Tee. Bedauerfrühling fragte lachend: „Schreibst du auch?" Mandarinenente sagte: „Das Fräulein scherzt! In den letzten drei, vier Jahren — hat das Fräulein mich jemals einen Pinsel in die Hand nehmen sehen?" Bedauerfrühling sagte: „Es wäre ein großes Verdienst." Mandarinenente erwiderte: „Ich habe allerdings etwas anderes: Seit ich die Alte Ahnin zur Nachtruhe gebettet habe, spreche ich jedes Mal meine Reisgebete — schon seit über drei Jahren. Den Reis hebe ich sorgfältig auf, und wenn die Alte Ahnin ihre Andacht hält, will ich ihn als Opfergabe für den Buddha beifügen — das ist mein aufrichtiger Beitrag." Bedauerfrühling sagte: „So gesehen ist die Alte Ahnin die Guanyin, und du bist das Drachenmädchen." Mandarinenente sagte: „So weit reiche ich nicht! Nur weiß ich: Außer der Alten Ahnin könnte ich niemandem dienen — was für ein Schicksal aus einem früheren Leben mich an sie bindet, weiß ich nicht." Sie wollte gehen und ließ das kleine Mädchen das Seidenpäckchen öffnen: „Dieser Stapel reines Papier ist zum Abschreiben des Herz-Sutra." Dann hielt sie ein Bündel tibetischen Weihrauch hoch: „Den soll man beim Schreiben anzünden." Bedauerfrühling nahm alles an.
Dai-yü schloß die Augen und senkte langsam den Kopf.
 
Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ –
 
„Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ –
 
„Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“
 
Dai-yü lachte.
 
„Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht. Dann gibt es Zeichen für alle Stile – die engen und die weiten schwingend, die steigenden und die fallenden gleitend, die Beize, das zitternd, das fallende gleitend0 mit offensaitigem Dröhnen...“
 
Bau-yü war außer sich vor Begeisterung.
 
„So perfekt, wie du das verstehst, Kusinchen, warum lernen wir nicht zusammem das Zitherspiel?“ –
 
„Das Wesen der Zither“, antwortete Dai-yü, „ist die Beherrschung. Es wurde vor langer Zeit erfunden, um sich selbst zu reinigen und ein gutes und besonnenes Leben zu führen, alle irdischen Lüste zu bezwingen und jeden zügellosen Impuls zu hemmen. Wenn du es zu spielen wünschst, mußt du dir erst eine ruhige Kammer suchen, ein Atelier mit weitem Ausblick oder einen höheren Raum, oder einen abgelegener Winkel über Hügeln und Bäumen, auf einem felsigen Gipfel, an einem Wasserufer...
 
Laß das Wetter klar und ruhig sein, eine leichte Brise, eine mondhelle Nacht. Entzünde Räucherstäbchen und sitz dort in stiller Meditation. Befreie deinen Geist von äußeren Gedanken. Die Balance von Atmung und Blut in perfekter Harmonie, nur so kann dein Geist sich dann mit dem Göttlichen verbinden und eine geheimnisvolle Einigung mit dem Dau antreten.
 
Wie die Alten sagen, es ist schwer, einen wahre Musikkenner zu treffen. Wenn es niemanden gibt, der die Wonne deiner Musik teilt, dann sitze allein und spiele der Brise und dem Mondlicht ein Lied, sing ein Loblied auf die alten Kiefern und die wettergegerbten Felsen; laß die wilden Affen und die ehrwürdigen Kraniche dein Lied hören, viel eher als das gemeine Volk, ihre dumpfen Ohren würden den kostbaren Klang des Zither nur besudeln.
 
So viel zur Umgebung. Das Nächstwesentliche sind die Fingertechnik und die Haltung. Bevor du das Instrument ergreifst, kleide dich angemessen – vorzugsweise mit einem baumwollenen Umhang oder einer antiken Robe. Übernimm die ehrenvollen Gebärden der Alten, die Art der Weisen, das ausgewählte Instrument zu tragen. Wasch deine Hände. Entzünde Räucherstäbchen. Setze dich auf die Ecke deiner Liege. Lege die Zither auf dem Tisch vor dir und setze dich so, daß du mit der Brust dem fünften Bund gegenüber sitzest. Erhebe beide Hände langsam und anmutig. Nun bist du mit Körper und Geist bereit zu beginnen.
 
„Während des Spielens mußt du sorgfältig die Tempi-Angaben beachten – leise, kräftig, munter-schnell, langsam0 – und bewahre die ganze Zeit eine entspannte und ernste Haltung.“ –
 
„Ach du meine Güte!“, rief Bau-yü aus, „ich dachte, wir könnten es zu unserem Vergnügen machen! Wenn das so kompliziert ist, glaube ich nicht, daß ich bereit dafür bin!“
 
Während sie sprachen, kam Dsï-djüan herein und fragte, als sie Bau-yü in dem Zimmer sah, mit einem Lächeln:
 
„Warum freuen Sie sich heute so sehr, Herr Bau-yü?“ –
 
„Kusine Dai hat mir eben etwas über die Zither beigebracht. Es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich könnte für immer zuhören!“ –
 
„Das meinte ich nicht“, sagte Dsï-djüan, „was ich meinte war, daß wir Sie in letzter Zeit so selten sehen, ich überlegte, ob etwas Außergewöhnliches passiert sei, das Sie hierher führte?“ –
 
„Ich fürchte, es sieht wirklich so aus“, antwortete Bau-yü „Doch weshalb ich in der letzten Zeit nicht so oft vorbeischaute, war, weil es Kusine Dai-yü nicht gut ging und ich dachte, es sei besser, sie nicht zu stören. Und ich mußte auch zur Schule gehen...“ –
 
„Nun,“ unterbrach Dsï-djüan, „Fräulein Dai-yü hat gerade angefangen, sich besser zu fühlen, also warum laßt Ihr sie nicht lieber noch in Ruhe, statt sie um Unterricht zu bitten?“ –
 
„Oje! Wie gedankenlos von mir!“ stieß er mit einem Lachen hervor. „Ich war so gefangen von dem, was sie sagte, daß mir nicht in den Kopf kam, es könnte sie ermüden.“ –
 
„Das hat es auch nicht“, sagte Dai-yü lächelnd, „über Musik zu sprechen, ermüdet mich nie, ganz im Gegenteil, es weckt meine Geister. Ich mache mir nur Sorgen, daß ich vielleicht nur vor mich hin gesprochen habe und du das vielleicht gar nicht verstanden hast...“ –
 
„Das macht nichts“, sagte Bau-yü, „nach und nach durchdringe ich es schon.
 
Er stand auf.
 
„Doch im Ernst, ich sollte dich jetzt wirklich besser in Ruhe lassen. Morgen werde ich die dritte Schwester Tan und die vierte Schwester Hsi fragen, ob sie mit mir herüber kommen. Ihr drei könnt dann zusammen lernen. Ich werde dann dabei sitzen und...“ –
 
„Warum denn, du Faulpelz!“, lachte Dai-yü, „stell’ dir vor, wir drei lernen zu spielen und du bleibst so unwissend wie immer: so ist das wie Perlen vor die Säue werfen.“
 
An dieser Stelle stockte sie, weil sie plötzlich an eine Herzensangelegenheit dachte. Bau-yü lachte nur:
 
„Ich wäre schon froh, dich spielen zu hören. Dafür würde ich alles tun – sogar deine Sau sein!“
 
Dai-yü errötete, doch lachte dann auf. Dsï-djüan und Hsüä-yän lachten ebenfalls.
 
Bau-yü verabschiedete sich und erreichte gerade die Tür, als Tjiu-wën erschien, gefolgt von einer jüngeren Magd, die einen kleinen Topf mit Orchideen-Pflanzen trug.
 
„Die gnädige Herrin schickt vier Orchideentöpfe“, sagte Tjiu-wën, „und sie dachte, da sie im Palast sehr beschäftigt ist und keine Zeit hätte, sie zu pflegen, wäre es besser diese an Sie Herr Bau-yü, und Sie, Fräulein Dai-yü, weiterzugeben.“
 
Dai-yü betrachtete die Orchideen. Unter ihnen waren auch einige Doppelköpfige, und wie sie diese anschaute, hatte sie das merkwürdige Gefühl, es habe etwas zu bedeuten. Es war entweder Kummer oder Freude, worauf sie hindeuteten, sie konnte es nicht sagen. Doch es war etwas Wichtiges. Sie starrte sie an und war dabei in Gedanken verloren.
 
Im Gegensatz dazu war Bau-yüs Kopf immer noch voll mit schwingend und gleitend und als er ging, sagte er erheitert:
 
„Jetzt, da du diese Orchideen hast, Kusinchen, kannst du deinen eigenen eleganten Schreittanz, einen Pfauentanz0 der einsamen Orchideen komponieren. Und ich bin sicher, es wird so gut wie das von Konfuzius!
 
Dai-yüs Herz war zu verärgert, um dieser Abschiedsgeste zu antworten. Sie ging wieder hinein und dachte bei sich, als sie die Orchideen anblickte:
 
‚Blumen haben ihren Frühling, eine Zeit der frischen Blüten und jungen Blätter. Ich bin jung, doch schwach – wie die Weide, die den ersten Hauch des Herbstes scheut... Wenn alles im Guten endet, werde ich wieder zu Kräften kommen. Aber wenn nicht, wird mein Schicksal ähnlich dem der Blütenblätter sein, die am Frühlingsende fallen, getrieben vom Regen und vom Wind verwirbelt...‘
 
Wegen dieser düsteren Gedanken kamen ihr die Tränen. Dsï-djüan war verwirrt, sie weinen zu sehen. ‚Eben gerade‘, dachte sie bei sich selbst, ‚als Herr Bau-yü hier war, waren die beiden so beflügelt; und schau’ sie dir jetzt an! Und das, als sie die schönen Blumen anschaute!’
 
Sie versuchte immer noch vergeblich, sie zu trösten, bis sie sah, daß Bau-tschai einige Dienerinnen hergeschickt hatte. Doch wer den Zweck ihres Besuches erfahren möchte, muß das nächste Kapitel lesen.
 
87. Die Kombination aus herbstlichen Klängen und traurigen Erinnerungen inspiriert eine Zither-Komposition
 
Und eine Flut von Leidenschaften erlaubt einem bösen Dämon, die Heiterkeit des Dsën zu stören.
 
  
Dai-yü bat die Dienstmädchen in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Nach der Begrüßung überreichte eine Magd einen Brief für Dai-yü. Dai-yü ließ sie mit den anderen Dienstmädchen Tee trinken gehen und öffnete den Brief. Er war von Bau-tschai und begann folgendermaßen:
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Mandarinenente verabschiedete sich und ging mit dem kleinen Mädchen zur Herzoginmutters Gemächern zurück, wo sie Bericht erstattete. Die Herzoginmutter spielte gerade mit Seidenweiß Pflaume<ref>Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".</ref> Backgammon. Mandarinenente schaute von der Seite zu. Seidenweiß Pflaume hatte Glück mit dem Würfel und schlug der Großmutter gleich mehrere Steine herunter. Mandarinenente musste lachen und hielt sich den Mund zu.
  
„Liebe Kusine,
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Da kam Schatzjade herein, in jeder Hand einen kleinen Käfig aus feinem Bambus, in denen einige Grashüpfer saßen. Er sagte: „Ich habe gehört, die Großmutter schläft nachts schlecht — da bringe ich ihr diese zur Unterhaltung." die Herzoginmutter lachte: „Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, erlaubst du dir solche Streiche!" Schatzjade lachte: „Ich habe doch gar keine Streiche gemacht!" die Herzoginmutter fragte: „Wenn du keine Streiche machst, warum bist du dann nicht in der Schule beim Lesen, sondern bringst solches Zeug?" Schatzjade erklärte: „Die habe ich nicht selbst gefangen! Neulich hat der Lehrer Huan und Lan Gegenpaare bilden lassen. Huan konnte es nicht, und ich habe ihm heimlich eingeflüstert. Als er die Antwort vortrug, lobte der Lehrer ihn. Aus Dankbarkeit hat er mir diese Grashüpfer gekauft, und ich bringe sie der Großmutter." die Herzoginmutter sagte: „Lernt er denn nicht jeden Tag? Warum kann er kein Gegenpaar finden? Wenn nicht, soll der Großonkel Ru ihm auf den Mund schlagen — ob ihm das nicht peinlich wäre! Du hast es auch nicht leicht gehabt — erinnerst du dich, wie du dich gefürchtet hast wie ein Gespenst, wenn dein Vater dich Gedichte und Lieder aufsagen ließ? Und jetzt sprichst du große Worte! Dieser Huan ist noch unfähiger — lässt sich die Arbeit von anderen machen und besticht sie dann dafür. So ein kleiner Junge treibt schon solche Ränke und schämt sich nicht — wer weiß, was aus dem noch wird!" Das ganze Zimmer lachte.
  
Es muß ein schlechter Stern über dem Tag meiner Geburt gestanden haben! Unglück verfolgt die Familie zu jeder Gelegenheit! Vetter Tjin und ich sind vaterlos; Mutter ist in fortgeschrittenem Alter; dazu kommt der Lärm von bestialischem Gezetere, das zur Zeit aus unseren inneren Gemächern den ganzen Tag und Abend über zu hören ist; und um den Vortrag über das Familienelend zu vervollständigen, Bruder Pans kürzlicher und allerschlimmster Schlag! Oje! Wir werden in der Tat von heulendem Wind und sturzflutartigem Regen heimgesucht! Als ich nachts wach lag, mich in meinem Bett wälzend, unfähig meinen Kummer zu bewältigen, war mein einziger Trost der Gedanke an eine verwandte Seele wie die deine. Ach, liebe Kusine! Ich weiß, daß du die Last gerne mit mir teiltest, so wie du einst die Freuden des goldenen Herbstes teiltest, als Harmonie und Fröhlichkeit vorherrschten. Dann, vereint unter der Schirmherrschaft des Begonienbundes, kosteten wir Delikatessen wie Schalentiere und betrachteten Chrysanthemen. Einmal, ich erinnere mich, befragtest du die Blumen wie folgt:
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Die Herzoginmutter fragte weiter: „Und der kleine Lan? Hat er seine Aufgabe geschafft? Jetzt hätte Huan ihm helfen müssen — Lan ist ja jünger. Nicht wahr?" Schatzjade lachte: „Er hat keine Hilfe gebraucht — er hat es selbst gemacht." die Herzoginmutter sagte: „Das glaube ich nicht — wenn, dann hast du auch da nachgeholfen. Du bist mir einer! Aus der Hammelherde ragt ein Kamel hervor — du bist der Größte und schreibst nun auch schon Aufsätze!" Schatzjade lachte: „Er hat es wirklich selbst gemacht! Der Lehrer hat ihn sogar gelobt und gesagt, aus dem werde einmal etwas Großes. Wenn die Großmutter mir nicht glaubt, lass ihn doch herkommen und prüfe ihn selbst." die Herzoginmutter sagte: „Wenn das stimmt, freue ich mich wirklich. Ich fürchte nur, dass du schummelst. Wenn er es wirklich selbst geschrieben hat, kann aus dem Jungen etwas werden." Dabei blickte sie Seidenweiß Pflaume an und dachte an Herrlichkeit Kaufmann. Sie fuhr fort: „Dann ist dein älterer Bruder nicht umsonst gestorben, und deine ältere Schwägerin hat ihn nicht umsonst großgezogen. Eines Tages wird er das Haus seines Vaters stützen und ehren." Dabei konnte sie die Tränen nicht zurückhalten.
  
Wer, Weltverächter, teilt dein Versteck?
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Seidenweiß Pflaume war von diesen Worten tief gerührt, doch da die Großmutter schon traurig war, hielt sie sich zurück und tröstete lächelnd: „Das ist alles der gesammelte Segen der Alten Ahnin. Wir stehen unter ihrem Schutz. Wenn der Junge den Erwartungen der Alten Ahnin gerecht wird, ist das unser Glück. Warum trauert die Alte Ahnin, statt sich zu freuen?" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Onkel Bao, lob ihn morgen nicht so überschwänglich. Er ist noch ein kleines Kind — was weiß er schon? Du meinst es nur gut, aber er versteht das nicht. Mit der Zeit wird er übermütig, und dann kann er keine Fortschritte mehr machen." die Herzoginmutter nickte: „Deine Schwägerin hat recht. Er ist noch so klein — treib ihn nicht zu hart an. Kleine Kinder sind scheu; wenn man sie zu sehr bedrängt, werden sie noch krank, und dann war all deine Mühe umsonst." Bei diesen Worten konnte Seidenweiß Pflaume ihre Tränen nicht mehr halten und wischte sie eilig weg.
Warum, von allen Blumen, blüht deine so spät?  
 
  
Diesen Zeilen gelingt es stets, mein Herz zu zerreißen. Sind wir beide denn nicht Chrysanthemen, die spät blühen und im sich nähernden Frost duften?
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Da kamen Unheil Kaufmann<ref>Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".</ref> und Orchidee Kaufmann herein, um die Großmutter zu begrüßen. Orchidee Kaufmann grüßte auch seine Mutter und stellte sich neben die Herzoginmutter. Die Großmutter sagte: „Ich habe gerade von deinem Onkel gehört, dass du ein gutes Gegenpaar gemacht hast und der Lehrer dich gelobt hat." Orchidee Kaufmann sagte nichts und lächelte nur verschämt. Mandarinenente kam und meldete: „Das Abendessen ist angerichtet." die Herzoginmutter sagte: „Holt die Tante." Hupo schickte sogleich jemanden zu Frau König, um Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".</ref> zu bitten. Schatzjade und Unheil Kaufmann zogen sich zurück. Suyun und die kleinen Mädchen räumten das Backgammonbrett weg. Seidenweiß Pflaume wartete, um der Großmutter beim Essen aufzuwarten; Orchidee Kaufmann stand neben seiner Mutter. Die Herzoginmutter sagte: „Ihr beiden esst mit mir." Seidenweiß Pflaume sagte zu. Man trug auf. Ein Mädchen kam zurück und meldete: „Die Gnädige Frau lässt der Alten Ahnin ausrichten: Die Tante kommt und geht in letzter Zeit und konnte sich nicht melden; heute ist sie nach dem Essen nach Hause gefahren." die Herzoginmutter ließ Orchidee Kaufmann neben sich Platz nehmen, und alle aßen gemeinsam.
Ich habe mich bemüht, eine Wehklage in vier Stanzen zu komponieren, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Ich bitte dich, lies es nicht als Stück Literatur, nur als einfaches Gefäß für meine Tränen.
 
  
Gezeiten wechseln, und wieder einmal
+
Als die Herzoginmutter gerade mit dem Essen fertig war und, den Mund gespült, auf dem Bett lag und plauderte, kam ein kleines Mädchen und flüsterte Hupo etwas zu. Hupo meldete: „Der Erste Herr aus dem Osthaus lässt einen guten Abend wünschen." die Herzoginmutter sagte: „Sagt ihm: Er ist von der Hausverwaltung erschöpft; er soll sich ausruhen. Ich weiß Bescheid." Über die Mädchen und Dienerinnen wurde Herrlichkeit Kaufmann informiert, und er zog sich zurück.
bringt Wechsel Herbstfrost
 
vor uns're Tür, freudeleer.
 
Voll Trauer und einsam
 
- wie der Mutter Eintagslilie –
 
ist mein Herz unruhig
 
und sorgenvoll. Niemand
 
enthebt mich meiner Sorgen.
 
  
Wolkenballen: Vorübergetrieben
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Am nächsten Tag ging Herrlichkeit Kaufmann hinüber, um verschiedene Angelegenheiten zu regeln. Die Pförtnerdiener meldeten nacheinander einige Dinge. Einer meldete: „Der Gutsverwalter hat Obst gebracht." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wo ist die Liste?" Der Diener reichte sie eilig herein. Es waren Saisonfrüchte, dazu einiges Gemüse und Wild. Herrlichkeit Kaufmann las die Liste und fragte: „Wer verwaltet das normalerweise?" Man antwortete: „Zhou Rui." Herrlichkeit Kaufmann rief Zhou Rui: „Zähl alles nach der Liste durch und lass es nach drinnen bringen. Ich mache eine Kopie der Lieferliste für den Abgleich." Dann befahl er: „Sag der Küche, sie soll den Speiseplan um einige Posten ergänzen und dem Gutsverwalter wie üblich eine Mahlzeit und Geld geben."
von schneidenden Herbstwinden!
 
Wohin gehe ich?  
 
Woher komme ich?
 
Verloren habe ich meine Freude.
 
Schweigend grüble ich
 
meinen Gedanken nach.
 
  
Der Wei-Lachs wohnt im tiefen See.
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Zhou Rui sagte zu. Während man die Lieferung in Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".</ref>s Hof brachte und die Bücher mit dem Obst ordnungsgemäß übergab, ging Zhou Rui hinaus und kam bald zurück zu Herrlichkeit Kaufmann: „Das vorhin gelieferte Obst — hat der Erste Herr die Menge überprüft?" Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Wann hätte ich Zeit, das zu zählen? Ich habe dir die Liste gegeben — zähl du nach." Zhou Rui sagte: „Ich habe nachgezählt: es fehlt nichts, aber es ist auch nichts übrig. Da der Erste Herr die Kopie behalten hat, sollte man den Boten fragen, ob die Liste stimmt." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Was soll das? Es sind doch nur ein paar Früchte — was gibt es da Wichtiges? Ich habe dich nicht verdächtigt."
Der Kranich thront auf seinem Dach.
 
Den Fisch verbirgt sein Schuppengewand,
 
Hummer und Krebs ihr Panzerharnisch.
 
Den Vogel schützt sein Federkleid.
 
Grübelnd schau’ ich ins Weite und frage mich:
 
„Oh, Tiefen der Erde! Oh, endloser Himmel!
 
Was bleibt nach dieser Wunde?  
 
Wer weiß es?
 
  
Unter der funkelnden Milchstraße
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Da kam Bao Er herbeigelaufen, machte einen Kotau und sagte: „Bitte lasst mich wieder draußen arbeiten wie früher." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Was ist denn schon wieder los bei euch?" Bao Er sagte: „Ich komme hier drinnen nicht zu Wort." Herrlichkeit Kaufmann: „Wer verlangt, dass du hier redest?" Bao Er: „Was soll ich hier als Aufpasser herumstehen?" Zhou Rui mischte sich ein: „Ich verwalte hier die Pacht, die Gutserträge und die Ein- und Ausgaben — jedes Jahr mehrere zehntausend Tael<ref>Tael (两, Liǎng): Traditionelle chinesische Gewichts- und Silberwährungseinheit, ca. 37,3 Gramm.</ref>. Weder der gnädige Herr noch die gnädigen Damen haben je etwas beanstandet, geschweige denn solche Kleinigkeiten. Wenn man Bao Er glaubt, hätten wir Diener den ganzen Grundbesitz veruntreut." Herrlichkeit Kaufmann überlegte: „Bao Er muss sich hier gestritten haben — am besten schicke ich ihn weg." Er sagte zu Bao Er: „Verschwinde!" Und zu Zhou Rui: „Du brauchst auch nichts weiter zu sagen — mach deine Arbeit." Beide gingen.
fühle ich eiskalte Luft hereindringen
 
Das Mondlicht scheint schräg herunter,  
 
die Jadeuhr senkt sich in die Nacht.
 
Mein ruheloses Herz trauert immer noch;
 
Ich lese noch einmal diese traurige Klage,  
 
bevor ich sie dir anvertraue,
 
meine verwandte Seele und Freundin!
 
  
Dai-yü war tief bewegt. ‚Sie wußte, ich würde sie verstehen, da wir in einer ähnlichen Situation sind!‘, dachte sie bei sich, „deswegen schreibt sie lieber mir als irgend jemand anderem.“ Sie war in traurigen Gedanken versunken, als eine Stimme von draußen rief:
+
Herrlichkeit Kaufmann ruhte sich gerade im Arbeitszimmer aus, als draußen am Tor ein Tumult losbrach. Er schickte jemanden nachsehen; der Bote kam zurück: „Bao Er prügelt sich mit Zhou Ruis Adoptivsohn." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wer ist Zhou Ruis Adoptivsohn?" Der Pförtner antwortete: „Er heißt He San, ein nichtsnutziger Kerl, der zu Hause jeden Tag trinkt und Streit sucht. Er lungert ständig am Tor herum. Als er den Zank zwischen Bao Er und Zhou Rui hörte, mischte er sich ein." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Das ist unerhört! Bindet Bao Er und diesen He San zusammen fest! Und Zhou Rui?" Der Pförtner: „Der war schon weg, als die Prügelei anfing." Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Holt ihn her! So weit kommt es noch!" Alle liefen los. Gerade kam auch Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".</ref> zurück. Herrlichkeit Kaufmann erzählte ihm alles. Kette Kaufmann rief: „Unerhört!" Man schickte noch mehr Leute, Zhou Rui zu holen. Der wusste, dass er nicht entkommen konnte, und kam. Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Alle fesseln!" Kette Kaufmann sprach zu Zhou Rui: „Euer vorheriger Streit wäre nicht so schlimm gewesen — der Erste Herr hatte es beigelegt. Warum dann draußen noch eine Schlägerei? Die Schlägerei allein wäre schon unerhört genug, aber ihr bringt auch noch einen streunenden Bastard namens He San ins Spiel! Und statt sie in Schach zu halten, bist du einfach verschwunden." Er trat Zhou Rui ein paar Mal. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Zhou Rui allein zu bestrafen genügt nicht!" Er befahl, Bao Er und He San je fünfzig Peitschenhiebe zu geben und hinauszuwerfen. Danach besprach er mit Kette Kaufmann die eigentlichen Geschäfte.
„Ist Kusine Dai-yü zu Hause?“
 
Den Brief zusammenfaltend, antwortete sie in einem distanzierten Ton:
 
„Wer ist es?“
 
Ihre Besucher waren bereits auf dem Weg zu ihrem Zimmer – Tan‑tschun, Schï Hsiang‑yün und die zwei Schwestern Li-wën und Li Tchi. Die Mädchen tauschten Begrüßungen aus und Hsüä-yän brachte ihnen Tee. Während der darauf folgenden Unterhaltung kehrten Dai-yüs Gedanken zu der Versammlung vor zwei Jahren zurück, bei welcher sie die Chrysanthemen-Gedichte geschrieben hatten: „Denkst du nicht, daß es seltsam ist?“, bemerkte sie zu den anderen. „Seit Kusine Bau-tschai den Garten verlassen hat, kam sie nur zwei Mal, um uns alle zusammen zu sehen. Und heute kommt sie nicht einmal vorbei, wenn sie die Gelegenheit hat. Ich befürchte, sie kommt bewußt nicht zu uns.“
 
Tan‑tschun lächelte: „Natürlich, sie will ja herkommen! Nur im Moment stehen die Dinge etwas schwierig: Vetter Pans Frau ist eine sehr durchtriebene Person, Frau Hsüä kommt in die Jahre und mit Pans letztem Ärger, die Spitze von allem, muß Bau-tschai sich zu Hause um alles kümmern. Es ist nicht wie in den alten Tagen, als sie die Freiheit hatte zu tun, was sie wollte.
 
Als sie sprach, hörten sie draußen plötzlich einen Windstoß und das Prasseln von fallenden Blättern gegen das Papierfenster. Ein zarter Duft strömte in den Raum. Sie überlegten alle, von welcher Blume er stammen könne.
 
„Es ist wie die Cassiablüte“, vermutete Dai-yü.
 
Tan‑tschun lachte.
 
„Immer noch eine Südländerin im Herzen! Es ist der neunte Monat, lange nach der Cassia-Zeit.“
 
Dai-yü lächelte.
 
„Du hast recht. Ich sagte ja nicht, es war, sondern nur wie.. .
 
„Egal, Tan“, warf Hsiang‑yün ein, „rede nicht mehr so weiter. Kennst du nicht die Zeilen: ,Der Lotusduft strömt über Meilen, die Cassia blüht bis an das Herbst­ende.‘ Im Süden hat es die spät blühende Cassia zur Zeit am Besten. Du hast sie nur nie gesehen. Wenn du jemals die Gelegenheit bekommst, in den Süden zu reisen, wirst du sie selbst sehen können.“ –
 
„Und was soll ich im Süden?“, entgegnete Tan‑tschun mit einem Lächeln. „Außerdem wußte ich das alles schon lange. Das mußt du mir doch nicht noch erklären.“
 
Die Li Schwestern schwiegen und lächelten sich an.
 
„Du hast nicht ganz recht, Tan-tschun“, sagte Dai-yü, „wir sind ‚feenhafte und leichtfüßige Erdlinge‘, das sagt das Sprichwort. Heute sind wir hier, wo sind wir morgen? Nimm mich als Beispiel. Ich bin eine geborene Südländerin, doch lebe ich hier im Norden.
 
Hsiang‑yün klatschte in die Hände und lachte: „Gut gesagt! Dai-yü hat gegenüber dir hier gepunktet, Tan-tschun! Und sie ist nicht die einzige, die diese Erfahrung gemacht hat. Schau den Rest von uns an. Manche von uns sind Nordländer, dort geboren und aufgewachsen. Manche sind im Süden geboren, doch im Norden aufgewachsen. Und manche sind im Süden aufgewachsen und kamen erst später hierher. Und jetzt sind wir alle zusammen hier. Du siehst, es ist unser Schicksal. Menschen und Orte haben eine Neigung zueinander. Ihr Karma bringt sie zusammen.“
 
Sie alle nickten zu Hsiang‑yüns kleinem Diskurs, außer Tan‑tschun, die nur lächelte. Nachdem sie noch länger miteinander geredet hatten, machten sie sich auf zu gehen. Dai-yü ging mit ihnen bis zur Tür und wäre hinaus gegangen, doch die anderen rieten ihr davon ab:
 
„Du fängst eben erst an, dich besser zu fühlen. Wenn du jetzt hinaus gehst, könntest du dich erkälten.
 
Also stand sie in der Tür, sagte ein paar Worte zum Abschied und schaute den vieren nach, bis sie aus dem Hof gegangen waren.
 
Dann kam sie wieder herein und setzte sich. Die Vögel kehrten zu ihren Nestern zurück; die Sonne sank. Hsiang‑yüns Worte über den Süden tönten ihr noch in den Ohren und Dai-yü verfiel in einen Tagtraum. Wenn ihre Eltern noch lebten... Wenn sie immer noch im Süden lebte, dieses milde Land der Frühlingsblumen und des herbstlichen Mondlichtes, des klaren Wassers und der strahlenden Berge... Wie liebend gern sie wieder dort wäre, um die vierundzwanzig Brücken in Yangdschou zu besichtigen und all die berühmten historischen Bauten aus sechs Dynastien in Nanking! Im Süden hätte sie eine Menge eigener Dienstmädchen, die auf sie warteten. Sie konnte sagen und tun, was ihr gefiel, in einem bemalten Ausflugboot fahren und in parfümierten Kutschen reisen, die Felder von roten Aprikosenblüten vorübergehen sehen, die Gasthausschilder durch die Bäume erspähen... Sie wäre eine junge Dame mit ihren eigenen Rechten, kein Außenseiter, für alles von anderen abhängig. Wieviel die Djias auch für sie taten, sie fühlte stets die Dringlichkeit, sich von ihrer besten Seite zeigen zu müssen. Was hatte sie in ihrer früheren Verkörperung nur falsch gemacht, um dies einsame Dasein zu verdienen? Diese Worte wurden vom Kaiser der Südlichen Tang in der Gefangenschaft geschrieben: „Hier bade ich den ganzen Tag mein Gesicht in Tränen.“
 
Wie gut drückte dies ihre eigenen Gefühle aus! Ihre Seele schien in eine entfernte Region zu entschweben.
 
Als Dsï-djüan eintrat, reichte ein einziger Blick, um den Grund für Dai-yüs ,Abwesenheit‘ zu erahnen. Sie war im Zimmer, als Hsiang-yün sprach und wußte, wie schnell Dai-yü bei der geringsten Erwähnung des Südens traurig wurde, da es ihr Herz anrührte.
 
„Ich glaubte, du seist wieder müde, Fräulein“, sagte sie, „nach all deinen Besuchern und so vielen Gesprächen, deshalb habe ich Hsüä-yän in die Küche geschickt, um eine Chinakohlsuppe mit Schinken zu kochen. Sie sollte noch getrocknete Krabben und mit grünen jungen Bambussprossen und Seetang vermengen. Klingt das nicht gut?“ –
 
„Doch ich vermute schon.“ –
 
„Und etwas südländischen Brei aus Klebreis?“ –
 
Dai-yü nickte.
 
„Ich hätte lieber, wenn du und Hsüä-yän den Reisbrei selber machtest. Laßt ihn nicht in der Küche zubereiten.“ –
 
„Nein, Fräulein. Man kann nie sicher sein, wie sauber es in der Küche ist. Wir werden den Reisbrei selbst zubereiten. Ich habe Hsüä-yän aufgetragen, der Köchin Liu zu sagen, sie solle in der Küche besondere Acht auf die Suppe geben. Köchin Liu sagt, wir bräuchten uns nicht zu sorgen, sie wird persönlich danach sehen und sie selber zubereiten. Ihre fünfte Tochter Wu Er wird ein Auge darauf werfen, während sie köchelt.“ –
 
„Das meinte ich nicht“, antwortete Dai-yü, „ich beklagte nicht, daß die Küche schmutzig sei. Es ist nur, weil ich den Leuten so lange aufgebürdet worden bin und meine Krankheit ohnehin genug zusätzlichen Aufwand bereitet hat. Mit all diesen besonderen Anweisungen für Suppe und Reisbrei fürchte ich, daß ich mich unbeliebt mache.“ –
 
Ihre Augen glänzten leuchtend rot.
 
„Oh Fräulein! Du stellst dir Sachen vor!“, protestierte Dsï-djüan. „Du bist die leibhafte Enkelin der gnädigen Frau, ihr eigenes Fleisch und Blut, ihr Herzstück. Um dir dienen zu dürfen, würden die Leute miteinander wetteifern. Wer würde sich denn darüber beschweren?“
 
Dai-yü nickte nachdenklich.
 
„Übrigens“, fragte sie, „erwähntest du vorhin das Mädchen Wu Er, das sich gut mit Fang-guan verstand, als diese bei Herrn Bau-yü war?“ –
 
„Das ist richtig.“ –
 
„Stimmt es, daß sie bei Herrn Bau-yü selbst den Dienst antreten wollte?“ –
 
„Ja, das stimmt. Doch dann wurde sie krank und, als sie genesen und bereit anzufangen war, kam der ganze Ärger über Tjing-wën, und es mußte verschoben werden.“ –
 
„Dieses Mädchen war anscheinend sehr sauber“, sagte Dai-yü.
 
Währenddessen kam eine Amme mit der Suppe und Hsüä-yän nahm sie entgegen.
 
„Die Köchin Liu sagt, dies wurde speziell für Fräulein Dai-yü in einem eigenen Raum von Wu-örl zubereitet“, sagte die Amme, „weil wir ja wissen, daß Fräulein Dai-yü kein unreines Essen mag.“ –
 
Hsüä-yän versicherte, sie würde die Nachricht überbringen, und brachte die Suppe ins Zimmer. Dai-yü hatte die Unterhaltung schon mitangehört und sagte Hsüä-yän, sie solle sofort zur Amme zurückgehen und sie bitten, Frau Liu dafür zu danken. Hsüä-yän tat dies, und die alte Frau ging.
 
Hsüä-yän legte nun Dai-yüs Schüssel und Eßstäbchen auf den Tisch.
 
„Möchten Sie auch etwas von dem getrockneten Rübensalat, den wir aus dem Süden mitgebracht haben, Fräulein, wenn wir ihn mit etwas Sesamöl und Essig vermengen?“ –
 
„Wenn du magst. Doch mach’ dir nicht zuviel Umstände!
 
Hsüä-yän füllte ihre Schüssel mit Reisbrei. Dai-yü aß die Hälfte und trank ein paar Löffel von der Suppe. Sie legte ihren Löffel hin, und die zwei Mägde brachten die Sachen fort und säuberten den Tisch, welchen sie dann entfernten und durch den ersetzten, der gewöhnlich dort stand. Dai-yü spülte ihren Mund aus und wusch sich die Hände.
 
„Dsï-djüan, hast du etwas Räucherstäbchen in das Kohlebecken gelegt?“ –
 
„Das wollte ich eben tun, Fräulein.“ –
 
„Du und Hsüä-yän nehmt euch von der Suppe und dem Reisbrei. Sie sind gut und gesund. Ich schaue nach den Räucherstäbchen.“ –
 
Die Mägde begaben sich in ein äußeres Zimmer, um zu essen. Dai-yü legte etwas Räucherstäbchen nach und setzte sich hin. Sie wollte sich eben ein Buch zum Lesen nehmen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich von der Melancholie des Windes, der draußen durch die Bäume heulte, ergriffen wurde. Ein langer Seufzer schwebte von einem Ende des Gartens zum anderen. Das Metallglockenspiel in Pferdeform unter dem Dachvorsprung begann zu erklingen.
 
Hsüä-yän war als erste mit der Suppe fertig und kam herein, um zu sehen, ob Dai-yü irgend etwas fehlte.
 
„Es wird kälter“, sagte Dai-yü, „wurden die pelzgefütterten Jacken schon gelüftet – die, welche ich dich letztens bat, herauszuholen?“ –
 
„Ja, Fräulein.“ –
 
„Bringst du sie mir her? Ich würde mir gerne etwas Warmes überziehen.
 
Hsüä-yän ging hinaus und kehrte mit einem Bündel Pelzkleider, eingewickelt in Seide, zurück. Sie wickelte sie aus und hielt die Kleider vor Dai-yü, damit sie sich welche aussuchen konnte. Dai-yü bemerkte unter den Kleidern noch ein weiteres kleines Bündel, das in Seide gehüllt war. Sie streckte ihre Hand aus, um es zu nehmen, und wickelte es aus. Darin fand sie ein Paar seidener Taschentücher. Sie erkannte sie als jene, welche Bau-yü ihr heimlich während ihrer Genesungszeit geschickt hatte! Da waren die Verse, die sie darauf geschrieben hatte! Sogar die Tränenflecken konnte man noch sehen! Und daneben in dem Bündel war das parfümierte Duftkissen, das sie für ihn gestickt hatte, das halb aufgerissen war, ein paar Fächersäckchen und die abgeschnittenen Reste der seidenen Quaste, die sie für seinen magischen Jadestein gemacht hatte. Dsï-djüan mußte beim Sortieren der Kleider zum Lüften in einer der Kisten auf diese Andenken gestoßen sein und sie zur Sicherheit in dieses Bündel gelegt haben. Dai-yü schien Hsüä-yän und die Kleider völlig vergessen zu haben. Sie stand dort mit den Taschentüchern in ihrer Hand und starrte sie wie in Trance an. Als sie die Versen las, liefen ihr Tränen über die Wangen.
 
Dsï-djüan kam herein, fand Hsüä-yän dort stumm herumstehen, immer noch die in Seide eingewickelten Kleider vor sich, während auf dem Tisch neben Dai-yü das Duftkissen, zwei, drei zusammengefaltete Fächersäckchen und die Reste der Quaste lagen. Dai-yü hielt zwei gelbliche Taschentücher mit etwas Geschriebenem in der Hand und blickte sie mit Tränen an. Das ist ja, wie es im Gedicht heißt:
 
  
Ein Mensch, gescheitert,
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Die Dienerschaft tuschelte hinter vorgehaltener Hand: Manche sagten, Herrlichkeit Kaufmann decke seine Günstlinge; andere meinten, er könne nicht vermitteln; wieder andere nannten ihn selbst keinen guten Charakter: „Erinnert euch an die hässliche Affäre mit den Schwestern You — war es nicht Herrlichkeit Kaufmann, der Bao Er dem Zweiten Herrn als Diener zuschob? Jetzt findet er Bao Er nicht mehr brauchbar — bestimmt hat sich Bao Ers Frau nicht genug um ihn gekümmert." Viele Mäuler, viele Meinungen.
tut Sinnloses.  
 
Auf alte Tränen
 
fallen neue.
 
  
Dsï-djüan kannte die zarten Erinnerungen zu gut, die mit jedem dieser Dinge verbunden waren. Sie dachte, Mitleid würde in diesem Moment wenig Trost bringen und versuchte es statt dessen mit einem heiteren Tadel.
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Was Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref> betrifft: Seit er im Ministerium für Öffentliche Arbeiten das Siegel führte, hatten einige seiner Diener ordentlich verdient. Efeu Kaufmann hörte davon und wollte auch etwas abbekommen. Er sprach draußen mit einigen Baumeistern, vereinbarte Provisionen und kaufte modische Stickereigeschenke, um sich bei Phönixglanz einzuschmeicheln.
„Nun kommen Sie schon, Fräulein, welchen Sinn hat es, die Dinge so zu sehen? Sie gehören der Vergangenheit an. Sie und Herr Bau-yü waren damals Kinder. Wer weiß, was ihr alles für dummes Zeug angestellt habt! In der einen Minute fröhlich lächelnd, in der nächsten kläglich weinend. Ein Glück, daß ihr beide nun älter seid und gelernt habt, das Leben etwas ernster zu nehmen. Du würdest solche schönen Dinge wie diese doch nicht verunzieren wollen, oder?“
 
Sie hatte es gut gemeint. Doch ihre Worte erinnerten Dai­yu an die alten Tage mit Bau-yü und brachen einer neuen Flut von Tränen Bahn. Dsï-djüan versuchte wieder, sie aufzuheitern:
 
„Jetzt kommen Sie aber, Fräulein. Hsüä-yän wartet. Bitte suchen Sie sich etwas zum Anziehen aus.
 
Dai-yü ließ die Taschentücher fallen. Dsï-djüan hob sie geschwind wieder auf, wickelte sie mit dem Duftkissen und den anderen Dingen wieder ein und legte sie weg.
 
Schließlich legte Dai-yü eine der pelzbesetzten Jacken über ihre Schultern und ging teilnahmslos in das äußere Zimmer. Sie setzte sich und sah Bau-tschais Gedicht und Brief immer noch auf dem Tisch liegen. Sie nahm sie an sich und las sie mehrere Male.
 
„Das sind die gleichen Gefühle“, sagte sie zu sich selbst mit einem Seufzen, „sogar obwohl unsere Umstände verschieden sind. Ich sollte ihr etwas zur Antwort schreiben. Ich werde vier Strophen schreiben und sie mit Tönen für die Wölbbrettzither unterlegen. Dann kann man darauf spielen und singen. Morgen mache ich es fertig und schicke es ihr als Antwort.“
 
Sie trug Hsüä-yän auf, ihr ihren Pinsel und Tinte zu geben, die draußen auf dem Tisch standen und nach dem Eintauchen des Pinsels in die Tusche schwang sie diesen, um zu schreiben. Als sie die vier Strophen beendet hatte, nahm sie ein Wölbbrettzither-Handbuch von ihrer Ablage und schaute es durch. Sie beschloß, eine Suite aus den zwei Melodien aus der Pfauentanz  der einsamen Orchideen und der Heiligen Tugend zu wählen. Als sie mit dem Vertonen fertig war, machte sie eine saubere Abschrift und schickte sie Bau-tschai. Dann bat sie Hsüä-yän, die dreiviertel große Zither, die sie von zu Hause mitgebracht und in einem Koffer verstaut hatte, zu holen. Sie stimmte die Saiten und machte ein paar vorläufige Fingerübungen. Ihre natürliche Begabung glich ihren Mangel an praktischer Übung aus, und es dauerte nicht lange, bis alles, was sie als Kind gelernt hatte, zurückkehrte. Nachdem sie eine Weile gespielt hatte und sah, daß es bereits spät am Abend war, bat sie Hsüä-yän, die Zither wegzuräumen und ging ins Bett. Und so müssen wir sie nun verlassen.
 
  
Eines Tages begab sich Bau-yü, nachdem er sich zurechtgemacht hatte, wie üblich mit Bee-ming zur Schule. Auf ihrem Weg begegneten sie Mo-yü, einen anderen der Pagen-Jungen, der ihnen hüpfend mit einem breiten Grinsen im Gesicht entgegenkam und verkündete:
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Phönixglanz war in ihrem Zimmer, als Mädchen meldeten: „Der Erste und der Zweite Herr sind wütend und lassen draußen Leute verprügeln." Phönixglanz fragte sich, was los war. Gerade wollte sie jemanden schicken, als Kette Kaufmann hereinkam und alles erzählte. Phönixglanz sagte: „Die Sache selbst ist nicht so schwerwiegend, aber solche Sitten dürfen nicht einreißen. Im Moment sind wir noch auf dem Höhepunkt unseres Wohlstands, und die Diener wagen es schon, sich zu prügeln; wenn später die jüngere Generation das Sagen hat, werden sie völlig außer Kontrolle geraten. Vor zwei Jahren habe ich im Osthaus mit eigenen Augen gesehen, wie Jiao Da sich volllaufen ließ, unter der Treppe lag und alle beschimpfte — ohne Rücksicht auf Rang und Stand, alles in einen Topf werfend. Er mag Verdienste haben, aber zwischen Herr und Diener sollte ein Mindestmaß an Anstand herrschen. Die Erste Herrin Zhen — ich sage es ungern — ist zu gutmütig; sie hat jeden so verwöhnt, dass keiner mehr zu bändigen ist. Und jetzt dieser Bao Er. Ich habe gehört, er war euer und des Ersten Herrn Vertrauensmann — warum wird er dann heute geschlagen?" Bei diesen Worten spürte Kette Kaufmann den Stich, wurde verlegen und versuchte abzulenken. Er murmelte etwas von Geschäften und ging.
„Gute Neuigkeiten, Herr Bau-yü! Der Lehrer ist heute nicht in der Schule und Ihr alle habt den heutigen Tag frei“ –
 
„Meinst du das ernst?“, fragte Bau-yü. –
 
„Wenn ihr mir nicht glaubt, seht selbst: sind das nicht Herr Huan und der junge Herr Lan dort auf ihrem Weg zurück?“
 
Bau-yü schaute – tatsächlich, dort dann kamen ihm sein Halbbruder und junger Neffe mit einem Aufgebot an Pagen gerade entgegen, plauderten und kicherten, doch er bekam nicht mit, worüber sie sprachen. Als sie ihn sahen, hielten sie an und stellten sich mit den Armen an der Seite respektvoll hin.
 
„Warum seid ihr schon so früh aus der Schule?“, fragte sie Bau-yü.
 
„Der Lehrer ist heute beschäftigt“, antwortete Huan, „und sagt, wir haben den heutigen Tag frei. Wir werden dort wie gewohnt morgen wieder zugegen sein.“
 
Wie Bau-yü dies hörte, kehrte er auf der Stelle um, und als er die Neuigkeiten seiner Großmutter und seinem Vater berichtet hatte, kehrte er zum Hof der Freude am Roten zurück.
 
„Warum bist du wieder da?“, fragte Hsi-jën.
 
Er erzählte ihr, was sich ereignet hatte, und nachdem er ein Weilchen mit ihr zusammen gesessen hatte, wollte er wieder hinausgehen.
 
„Warum bist du in solcher Eile?“, fragte sie. „Nur weil du heute keine Schule hast, heißt das nicht, daß du hier herumrennen mußt. Du solltest lieber einen Ruhetag einlegen.
 
Bau-yü stoppte seinen Lauf und ließ den Kopf hängen.
 
„Ich weiß, du hast Recht. Doch wann werde ich jemals wieder  eine Gelegenheit wie diesen freien Tag haben. So nutze ich ihn doch am besten, um ein bißchen zu spazieren. Hab doch Mitleid...“
 
Hsi-jën sah, daß er ein so mitleidheischendes Gesicht machte, daß sie lachend nachgab:
 
„Der Herr entscheidet natürlich selbst“, sagte sie.
 
Währenddessen wurde das Mittagessen hereingebracht, und er mußte zum Essen bleiben. Er schlang es herunter, spülte seinen Mund aus und war fort. Schnell wie ein Windstoß eilte er zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Er fand Dsï-djüan im Hof, wie sie Taschentücher zum Trocknen aufhängte.
 
„Hat Fräulein Dai-yü schon zu Mittag gegessen?“, fragte er.
 
„Sie hat vorhin eine halbe Schüssel Reisbrei gegessen“, antwortete Dsï-djüan, „doch war sie nicht sehr hungrig. Im Moment schläft sie. Geht besser woanders hin, Herr Bau-yü, und kommt etwas später wieder.“
 
Widerstrebend ging er und wußte nicht so recht, wohin er gehen sollte. Plötzlich fiel ihm ein, daß er Hsi‑tschun schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatte, und begann in Richtung der Laube des Knöterichwindes zu schlendern. Als er den Hof erreichte und an einem der Fenster stand, schien alles ruhig und verlassen. Er folgerte daraus, daß auch sie ihren Mittagsschlaf hielt und nicht gestört werden wollte. Er wollte gerade gehen, da hörte er ein leises Geräusch von innen, zu ungenau, um es zu erkennen. Er stand still und hörte wieder hin in der Hoffnung, es nun deutlicher zu hören. Nach einer Weile hörte er noch einmal ein Klacken. Er überlegte immer noch, was es sein könnte, als eine Stimme sagte:
 
„Warum hast du diesen Zug gemacht und nicht hier gekontert?“
 
Es war ein Go-Spiel! Doch Bau-yü hatte nicht die Zeit, die Stimme des Sprechers zu ergründen. Er hörte Hsi‑tschun antworten:
 
„Wozu die Mühe? Wenn du mich da schlägst, kontere ich einfach hier, und wenn du mich wieder schlägst, kontere ich noch einmal. Ich werde trotzdem vorankommen und am Ende wieder den Anschluß bekommen.“ –
 
„Und wenn ich dich hier schlage?“ –
 
„Ohje!“, rief Hsi‑tschun. „Du hast einen Ersatzplan im Ärmel. Darauf war ich ja gar nicht vorbereitet.“
 
Die Stimme des anderen Mädchen war so vertraut! Doch noch erkannte er sie nicht. Es war keine seiner Kusinen, da war er sicher. Aber Hsi-tschun würde sich kaum mit einem Außenstehenden amüsieren. Den Türvorhang vorsichtig beiseite schiebend, spähte er hinein. Der Go‑Partner war niemand anders als die Ordensschwester des Klosters Gefangenes Grün, die außerhalb der Stadt wohnende Miau-yü. Er wagte nicht, weiter zu gehen. Die Mädchen waren so in ihr Spiel vertieft, daß sie nicht bemerkten, wie sie beobachtet wurden. Bau-yü stand weiter dort und schaute sie an. Miau-yü lehnte sich über das Brett und sagte zu Hsi‑tschun:
 
„Willst du diese ganze Ecke verlieren?“ –
 
„Natürlich nicht! Diese Ecke ist absolut sicher. All deine Figuren sind doch ‚tot‘ oder nicht?“ –
 
„Bist du sicher? Zieh herüber und versuche es.“ –
 
„Nun gut. Es ist mein Zug. Jetzt laß uns sehen, was du tun kannst.“
 
Ein Lächeln zeichnete sich in Miau-yüs Gesicht ab. Sie plazierte ihre nächste Figur so,  daß sie es mit einer verbinden konnte,  die  bereits an dieser
 
  
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Xiaohong kam herein und meldete: „Der Zweite Herr Yun möchte die Herrin sprechen." Phönixglanz überlegte: „Was will der schon wieder?" Dann sagte sie: „Lass ihn herein." Xiaohong ging hinaus und blickte Efeu Kaufmann mit einem leichten Lächeln an. Efeu Kaufmann trat eilig einen Schritt näher und fragte: „Fräulein, habt Ihr mich angekündigt?" Xiaohong errötete: „Ich sehe nur, dass der Zweite Herr viel zu tun hat." Efeu Kaufmann: „Wann hatte ich je so viel zu tun, dass ich das Fräulein im Inneren bemühen müsste? Damals, als das Fräulein im Zimmer des Zweiten Onkels Bao war, da habe ich Euch …" Xiaohong fürchtete, jemand könnte sie sehen, und unterbrach: „Das Seidentuch, das ich Euch damals getauscht habe — habt Ihr es gesehen?" Efeu Kaufmann hätte diesen Satz nicht glücklicher hören können; er wollte gerade antworten, als ein kleines Mädchen von drinnen herauskam. Efeu Kaufmann ging hastig neben Xiaohong hinein. Seite an Seite, in geringem Abstand, flüsterte er: „Wenn ich wieder herauskomme — bringst du mich hinaus, und ich erzähle dir etwas Lustiges." Xiaohong wurde knallrot, warf ihm einen Blick zu, antwortete aber nicht. Am Eingang zu Phönixglanzs Gemächern ging sie allein hinein und meldete sich. Dann kam sie heraus, hob den Vorhang, winkte mit der Hand und sagte absichtlich laut: „Die Herrin bittet den Zweiten Herrn Yun herein!"
  
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Efeu Kaufmann lächelte, folgte ihr ins Zimmer, begrüßte Phönixglanz und sagte: „Meine Mutter lässt grüßen." Phönixglanz erwiderte den Gruß. „Was führt dich her?" Efeu Kaufmann erklärte: „Der Neffe hat die frühere Güte der Tante nie vergessen und denkt ständig daran. Er wollte ihr schon immer etwas schenken, fürchtete aber, die Tante könnte zu viel hineindeuten. Da jetzt das Doppelneunfest naht, habe ich eine Kleinigkeit mitgebracht. Die Tante hat natürlich alles — es ist nur mein bescheidener Ausdruck der Dankbarkeit. Wenn die Tante ihn nur nicht verschmäht." Phönixglanz lächelte: „Setz dich und sag, was du zu sagen hast." Efeu Kaufmann setzte sich seitlich und legte das Geschenk auf den Nebentisch.
  
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Phönixglanz sagte: „Du bist kein reicher Mensch — warum gibst du Geld aus? Ich brauche es nicht. Sag mir lieber, was du wirklich im Sinn hast — ehrlich." Efeu Kaufmann sagte: „Nichts weiter als Dankbarkeit gegenüber der Tante." Dabei lächelte er. Phönixglanz sagte: „So geht das nicht. Ich weiß, dass du knapp bei Kasse bist — warum sollte ich dir unnötig Geld abknöpfen? Wenn du willst, dass ich das Geschenk annehme, musst du mir vorher reinen Wein einschenken. Wenn du herumdruckst und halb hinterm Berg hältst, nehme ich es nicht an."
  
Bau-yü beobachtet Miau-yü und Hsi-tschun beim Go-Spiel. Aus: Jingsi shanmin 1815.
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Efeu Kaufmann konnte nicht anders, stand auf und erklärte verlegen lächelnd: „Es ist wirklich kein unverschämter Wunsch. Neulich hörte ich, der gnädige Herr leite den Bau der kaiserlichen Grabanlage. Ich habe ein paar Freunde, die schon etliche Bauprojekte durchgeführt haben — alles sehr zuverlässig. Wenn die Tante beim gnädigen Herrn ein gutes Wort einlegen könnte, damit man mir ein oder zwei Aufträge gibt, werde ich die Güte der Tante nie vergessen. Und wenn es Arbeit im Haus gibt, kann ich der Tante auch von Nutzen sein."
  
Ecke des Bret­tes stand, stützte sich dann auf eine von Hsi‑tschuns Figuren und ver­nich­te­te die ganze Ecke. Sie lachte:
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Phönixglanz antwortete: „Bei anderen Dingen könnte ich schon ein Wort mitreden. Aber Behördenangelegenheiten — da wird oben alles von den Ministerialbeamten bestimmt, und unten machen es die Schreiber und Amtsboten. Da kann ein Außenstehender sich kaum einschalten. Selbst die eigenen Hausleute können nur den gnädigen Herrn begleiten; und dein Onkel geht auch nur wegen der eigenen Familienangelegenheiten hin — er kann keine offiziellen Aufträge vergeben. Was das Haus betrifft: Hier drückt man an einem Ende und hebt am anderen, und selbst der Erste Herr Zhen kann die Leute kaum im Zaum halten. Du bist zu jung und zu niedrig im Rang — wie willst du mit diesen Leuten fertig werden? Außerdem nähert sich die Arbeit im Ministerium ohnehin dem Ende — es ist mehr Leerlauf als Arbeit. Was kannst du zu Hause nicht alles tun — bist du ohne diesen Auftrag etwa am Verhungern? Das sage ich dir ehrlich — geh heim und denk darüber nach. Deinen guten Willen habe ich zur Kenntnis genommen. Aber nimm die Sachen wieder mit und gib sie dorthin zurück, wo du sie herbekommen hast."
„Das nennt man ‚Bauernopfer‘!“
 
Bevor Hsi‑tschun Zeit zum Antworten fand, brach ihr unbeobachteter Beobachter, der sich nicht mehr beherrschen konnte, in gellendes Gelächter aus. Die beiden Mädchen blickten erschrocken auf.
 
„Was fällt dir ein, hier einfach herumzuschleichen, ohne ein Wort zu sagen?“, rief Hsi‑tschun. „Was für eine unmögliche Art sich zu benehmen, wirklich! Wie lange warst du schon da?“ –
 
„Ich kam gerade herein, als du anfingst, diese Ecke zu spielen. Ich mußte doch abwarten.“
 
Er beugte sich zu Miau-yü.
 
„Seid gegrüßt, ehrwürdige Schwester!“, sagte er mit einem Lächeln. „Wozu dieser seltene Ausflug aus den mystischen Portalen von Dsën? Welches Karma führt dich heute in irdische Gefilde?“
 
Sie errötete bis über beide Ohren, sagte nichts, senkte ihren Kopf und blickte auf das Go-Brett. Bau-yü sah, daß er sie in Verlegenheit gebracht hatte und fuhr in einem lockeren Ton fort.
 
„Im Ernst“, sagte er mit einem reizenden Lächeln, „wie kann man Normalsterbliche mit jenen vergleichen, die, wie du, der Welt entsagt haben? An erster Stelle hast du inneren Frieden erreicht. Und mit dem Frieden kommt eine tiefe Geistigkeit. Und mit der Geistigkeit die klare Einsicht...“
 
Während er sprach, erhob Miau-yü ihren Blick und schaute ihn an. Dann blickte sie wieder nach unten und errötete noch mehr. Bau-yü merkte, daß sie absichtlich versuchte, ihn zu ignorieren und setzte sich ungeschickterweise mit an den Tisch. Hsi‑tschun wollte das Spiel fortsetzen, nach einer Pause sagte auch Miau-yü: „Laß uns weiterspielen.“
 
Sie erhob sich, richtete ihr Kleid her und setzte sich wieder. Dann fragte sie, an Bau-yü gewandt, mit einer komischen Stimme: „Wo kommst du her?“
 
Es war eine große Erleichterung für Bau-yü, daß sie überhaupt mit ihm sprach, denn er konnte sein Versehen von vorhin kaum wiedergutmachen. Doch dann fiel ihm ein, daß ihre Frage nicht ganz so ernst gemeint war, wie sie klang. War das eine ihrer Dsën0-Eigenarten? Er saß dort sprachlos und mit rotem Gesicht. Miau-yü lächelte und drehte sich zu Hsi‑tschun hin. Hsi‑­tschun lächelte auch.
 
„Vetter Bau-yü“, sagte sie, „was ist so schwer daran? Kennst du nicht die Redensart ‚Ich komme, woher ich komme‘? Der Farbe deines Gesichtes nach zu urteilen, sitzt du hier unter Fremden. Sei nicht schüchtern!“
 
Miau-yü schien das sehr persönlich zu nehmen. Sie erfuhr eine seltsame Rührung der Gefühle, und ihr Gesicht wurde heiß. Sie wußte, daß sie wieder errötete und war sehr verwirrt. Sich erhebend sagte sie:
 
„Ich bin sehr lange hier gewesen. Ich sollte mich lieber auf den Weg zurück zum Tempel machen.“
 
Hsi‑tschun wußte um die Besonderheit von Miau-yüs Charakter und drängte sie nicht zu bleiben. Sie begleitete sie gerade nach draußen, als Miau-yü lachte und sagte:
 
„Ich war so lange nicht mehr hier, um dich zu sehen, und der Weg nach Hause ist voller Kurven und Abzweigungen. Ich fürchte, ich könnte mich verirren.“ –
 
„Erlaube mir, dich zu führen!“, erklärte sich Bau-yü sofort bereit.
 
„Das wäre eine große Ehre“, antwortete sie, „bitte geh vor, Bau-yü!“
 
Beide verabschiedeten sich von Hsi‑tschun und verließen die Laube des Knöterichwindes. Ihr gewundener Weg führte sie in die Nähe der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und, als sie sich ihr näherten, waren Klänge von Musik in der Luft.
 
„Das ist eine Zither“, sagte Miau-yü, „ich frage mich, woher das kommt?“ –
 
„Kusine Dai-yü muß sie in ihrem Zimmer spielen“, antwortete Bau-yü.
 
„Wirklich? Ist das eine weitere ihrer Fähigkeiten? Sie hat es nie erwähnt.“
 
Bau-yü wiederholte, was Dai-yü ihm erzählt hatte.
 
„Sollen wir ihr dabei zusehen?“, schlug er vor.
 
„Du meinst zuhören, nehme ich an?“, sagte Miau-yü. „Man hört einer Zither zu. Man sieht ihr nicht zu.“ –
 
„Da hast du es!“, sagte Bau-yü schmunzelnd. „Ich sagte, ich bin nur ein Normalsterblicher.“
 
Sie hatten einen kleinen Steingarten bei der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreicht. Sie setzten sich, lauschten in Ruhe, berührt von der Melancholie der Melodie. Dann begann eine leise Stimme zu singen:
 
  
Der Wind weht, und tiefer wird
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Gerade da kam die Amme mit einer Schar Mädchen und brachte Pfiffigmädchen herein. Das Mädchen war prächtig gekleidet und hatte allerlei Spielzeug in den Händen; lachend lief sie zu Phönixglanz und plapperte. Efeu Kaufmann stand auf und sagte mit strahlendem Lächeln: „Ist das die große Schwester? Willst du nicht ein schönes Spielzeug?" Pfiffigmädchen brach sofort in Geschrei aus. Efeu Kaufmann wich zurück. Phönixglanz tröstete: „Liebling, hab keine Angst" und nahm Pfiffigmädchen auf den Arm: „Das ist dein großer Bruder Yun — warum tust du so fremd?" Efeu Kaufmann sagte schmeichelnd: „Die kleine Schwester ist wunderschön — die wird einmal großes Glück haben." Pfiffigmädchen blickte sich nach Efeu Kaufmann um und fing wieder an zu weinen — mehrmals hintereinander.
der Hauch des Herbstes.
 
Fern ist mein lieber Schatz,
 
tausend Meilen fern.
 
Voller Trauer bin ich,
 
schaue aus nach der Heimat
 
- einsam auf dem Balkon –
 
und weiß nicht, wo sie ist.
 
Die Tränen fließen.
 
  
Nach einer kurzen Pause ging das Lied weiter:
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Efeu Kaufmann konnte nicht länger bleiben, stand auf und verabschiedete sich. Phönixglanz sagte: „Nimm die Sachen mit." Efeu Kaufmann bat: „Nicht einmal diese Kleinigkeit?" Phönixglanz antwortete: „Wenn du sie nicht mitnimmst, lasse ich sie zu dir nach Hause bringen. Yun, stell dich nicht so an — du bist doch kein Fremder. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, schicke ich nach dir. Aber ohne konkreten Anlass kann ich nichts tun — da helfen keine Geschenke." Efeu Kaufmann sah, dass Phönixglanz unnachgiebig war, und sagte errötend: „Dann bringe ich das nächste Mal etwas Brauchbares als Geschenk." Phönixglanz rief Xiaohong: „Nimm die Sachen und begleite den Herrn Yun hinaus."
  
Berge und Seen liegen weit.
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Efeu Kaufmann dachte im Gehen: „Die Leute sagen, die Zweite Herrin sei streng — und wirklich: Kein Spalt, keine Lücke, wie mit dem Meißel geschnitten. Kein Wunder, dass sie keinen Nachwuchs hat. Und diese Pfiffigmädchen — die benimmt sich, als wäre ich ihr Feind aus einem früheren Leben. Wirklich Pech! Der ganze Tag umsonst."
Durch mein Fenster scheint klar der Mond.
 
Dem Schlaflosen leuchtet
 
- verstreuter Nebel – die Milchstraße.
 
Dünn zittert – wie Tau in kaltem Wind –
 
um mich mein Kleid.
 
  
Es gab eine weitere kurze Pause. Miau-yü sagte zu Bau-yü:
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Xiaohong sah, dass Efeu Kaufmann mit leeren Händen ging, und war ebenfalls enttäuscht. Sie trug die Sachen hinaus. Efeu Kaufmann nahm das Päckchen, öffnete es, wählte zwei Stücke aus und reichte sie heimlich Xiaohong. Xiaohong nahm sie nicht an: „Das geht nicht, Zweiter Herr — wenn die Herrin davon erfährt, stehen wir alle schlecht da." Efeu Kaufmann: „Bewahr sie gut auf — wovor hast du Angst? Wer sollte davon erfahren? Wenn du sie nicht willst, ist das, als hieltest du mich für minderwertig." Xiaohong lächelte leicht und nahm sie entgegen: „Wer braucht denn deine Sachen? Als ob die etwas wert wären!" Bei diesem Satz wurde sie wieder rot. Efeu Kaufmann lachte: „Mir geht es auch nicht um die Sachen — und die Sachen sind ohnehin nichts Besonderes."
„Die erste Strophe hat das Thema ‚traurig‘, die zweite ‚Licht‘. Hören wir weiter.
 
Sie sang:
 
  
Das Schicksal sagt 'Nein' zu deiner Freiheit,  
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Plaudernd waren die beiden am zweiten Tor angelangt. Efeu Kaufmann steckte den Rest in seinen Ärmel. Xiaohong drängte: „Geh jetzt. Wenn du etwas brauchst, komm ruhig zu mir. Ich bin jetzt in diesem Hof — das ist kein Umweg." Efeu Kaufmann nickte: „Die Zweite Herrin ist zu streng — ich kann unmöglich oft kommen. Was ich vorhin sagen wollte, weißt du im Herzen. Wenn ich Gelegenheit habe, erzähle ich es dir." Xiaohong errötete: „Geh jetzt. Komm ruhig auch sonst mal vorbei. Du machst dich selbst zum Fremden." Efeu Kaufmann sagte: „Verstanden." Damit ging er durch das Hoftor. Xiaohong stand an der Tür und sah ihm nach, bis er verschwunden war, dann kehrte sie zurück.
hält dich gefangen,
 
mich aber schlägt es mit Sorgen.
 
Du verstehst mich,
 
Ich gedenke der Taten der Ahnen,
 
Richtschnur meiner Tugend.
 
  
„Das muß das Ende der dritten Strophe sein“, sagte Miau-yü, „wie tragisch es ist!“ –
+
Phönixglanz ließ das Abendessen vorbereiten und fragte: „Habt ihr den Brei gekocht?" Die Mädchen fragten nach und meldeten: „Ja, er ist fertig." Phönixglanz sagte: „Macht ein, zwei Schüsseln von den eingelegten Südfrüchten zurecht." Qiutong sagte zu und wies die Mädchen an.
„Ich kenne mich mit Musik nicht aus“, sagte Bau-yü, „doch so wie sie sang, fand ich es sehr traurig.
 
Es gab eine weitere Pause und dann hörten sie Dai-yü ihre Zither stimmen.
 
„Ihr B-Ton ist zu hell“, kommentierte Miau-yü.
 
Der Gesang begann wieder:
 
  
Oh! Dies Staubteilchen, menschliche Seele,
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Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".</ref> kam lachend herein: „Ich hab es fast vergessen: Heute Mittag, als die Herrin oben bei der Alten Ahnin war, kam jemand aus dem Wassermondkloster und bat die Herrin um zwei Flaschen eingelegtes Südgemüse und um ein paar Monatsgehälter im Vorschuss; die Äbtissin sei krank. Ich fragte die Klosterfrau: ‚Was fehlt der Äbtissin?' Sie erzählte: ‚Seit vier, fünf Tagen. Neulich nachts haben einige der kleinen Novizen und Novizinnen beim Schlafen die Lampe nicht ausgeblasen. Die Äbtissin hat es mehrmals gesagt, aber sie hörten nicht. Mitten in der Nacht, nach der dritten Nachtwache, brannte immer noch Licht. Die Äbtissin ging selbst hin und blies alle Lampen aus. Zurück auf ihrem Kang sah sie zwei Gestalten — einen Mann und eine Frau — auf dem Bett sitzen. Sie fragte, wer sie seien, da warfen sie ihr eine Schlinge um den Hals. Sie schrie um Hilfe. Alle kamen mit Lichtern angelaufen — sie lag am Boden, Schaum vor dem Mund. Zum Glück wurde sie gerettet. Seitdem kann sie nichts essen und bat daher um eingelegtes Gemüse.' Da die Herrin nicht im Zimmer war, habe ich ihr nichts gegeben und sie weggeschickt. Als ich eben die Rede von südlichem Gemüse hörte, fiel es mir wieder ein — sonst hätte ich es vergessen."
spielt seine Rolle vorherbestimmt.
 
Warum soll ich dem Rad des Karmas zuschauen,
 
voll Kummer? Wie könnte mein armes Herz
 
aufsteigen zum Himmel?
 
Wie dem Mond begegnen?
 
  
Miau-yü wurde bleich vor Schreck, als sie dies hörte.
+
Phönixglanz hielt kurz inne und sagte: „Südgemüse haben wir noch — schickt ihr etwas. Das Silber — sag dem jungen Qin, er soll es in ein paar Tagen abholen." Da kam Xiaohong herein und meldete: „Der Zweite Herr lässt ausrichten: Er hat heute Abend Geschäfte außerhalb der Stadt und kommt nicht nach Hause. Er schickt Bescheid." Phönixglanz sagte: „Gut."
„Hör’ doch nur, wie sie plötzlich die hellere vierte hier benutzt! Mit ihrer Intonation kann sie Bronze und Gestein zerschmettern! Das ist viel zu stark gespannt!“ –
 
„Was meinst du damit, zu stark gespannt?“, fragte Bau-yü.
 
„Das kann beim Anschlagen der Saite nicht lange gutgehen.“
 
Als sie sprachen, hörten sie auf einmal einen Knall, und die B-Ton-Saite riß. Miau-yü stand sofort auf und ging los.
 
„Was ist los?“, fragte Bau-yü.
 
„Das wirst du bald herausfinden. Bitte, sprich nicht mehr darüber.“
 
Sie ging weg und ließ Bau-yü in einem Zustand der Verwirrung zurück. Schließlich ging auch er nach Hause. Reden wir nicht mehr davon.
 
  
Miau-yü kam im Kloster Gefangenes Grün an und sah, daß die alten Ordensschwestern sie bereits am Tor empfingen. Sie schlossen das Tor hinter ihr, und sie saß eine Weile mit ihnen zusammen und las dabei die tägliche Dsën-Meditation noch einmal. Sie aßen zu Abend und danach wurden die Räucherstäbchen wieder nachgelegt.
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Da hörte man ein kleines Mädchen aus dem Hinterhaus atemlos hereingerannt kommen. Draußen empfing sie Friedchen; ein paar andere Mädchen flüsterten miteinander. Phönixglanz rief: „Was tuschelt ihr?" Friedchen sagte: „Die Kleine hat Angst und redet von Geistern." Phönixglanz fragte: „Welche?" Das Mädchen kam herein. Phönixglanz fragte: „Was für Geistergeschichten?" Das Mädchen erzählte: „Ich bin gerade nach hinten gegangen, um den Kohlemann zu rufen. In den drei leeren Zimmern hörte ich es klappern und knarren — ich dachte, es seien Katzen oder Ratten. Dann hörte ich ein ‚Aaah', wie wenn jemand seufzt. Da habe ich mich gefürchtet und bin gerannt." Phönixglanz schimpfte: „Unsinn! In meinem Haus wird nicht von Geistern und Gespenstern geredet! Ich habe noch nie an so etwas geglaubt. Raus mit dir!" Das Mädchen verschwand.
Sie verbeugten sich alle vor dem Schrein des Bodhisattva, und die Frauen gingen ihren Verpflichtungen nach, Miau-yü alleinlassend. Ihre Liege und ihre Lehne des Dsën-Bettes wurden ihr zurechtgestellt. Mit überkreuzten Beinen sitzend, kontrollierte sie erst ihren Atem und schloß die Augen. Dann, von allen gegenwärtigen Gedanken gereinigt, begann ihr Geist, in die Bereiche einer höheren Wahrheit aufzusteigen. Bis nach Mitternacht saß sie in Meditation, als sie ein Geräusch hörte, als ob sich eine große Menge von Dachziegeln bewegten. Aus Angst, es könnten Einbrecher sein, erhob sie sich von ihrer Liege und ging in die Vorderhalle. Sie schaute sich um, aber alles, was sie sehen konnte, waren Wolken, die den Himmel bedeckten, und der Mond schien so klar wie durch Wasser. Es war eine milde Nacht, und sie blieb dort eine Weile über die Balustrade gelehnt.
 
Plötzlich begannen zwei Katzen auf dem Dach über ihrem Kopf zu jammern. Die Worte, die Bau-yü an diesem Nachmittag gesprochen hatte, fielen ihr blitzartig wieder ein. Sie fühlte, wie ihr Herz ungewollt raste, ihre Ohren brannten. Sie versuchte, sich wieder zu fassen, ging zurück in den Meditationsraum und setzte sich wieder auf ihre Liege. Ihre Anstrengungen waren umsonst. Etwas überwältigte sie. Sie fühlte zehntausend Pferde durch ihren Kopf galoppieren. Die Liege schien hin- und hergeschüttelt zu werden, und ihr Körper schien die Einsiedelei zu verlassen. Sie war umgeben von einer Handvoll junger Adeliger, die alle um ihre Hand anhielten. Ehestifter drängten sie gegen ihren Willen in eine Hochzeitskutsche. Plötzlich bedrohte sie eine Horde Raufbolde mit Schwertern und Knüppeln. Sie schrie um Hilfe.
 
Nun waren die Klosterfrauen und Ordensschwestern wieder hellwach und kamen mit Kerzen in die Halle geeilt, um nachzusehen. Sie sahen sie auf dem Boden liegen, mit ausgestreckten Armen und Schaum um den Mund. Sie erwachte aus ihrem offensichtlichen Koma, nur, um ihre Augen ins Leere starren zu lassen und mit scharlachroten Wangen auszurufen:
 
„Buddha ist mein Beschützer! Faßt mich nicht an, ihr Raufbolde!“
 
Die Frauen waren zu erschrocken, um irgendetwas zu tun, und riefen: „Wach auf! Wach auf! Wir sind jetzt hier!“ –
 
„Ich will nach Hause!“, antwortete Miau-yü. „Wer möchte der gute Mensch sein, mich nach Hause zu bringen?“ –
 
„Aber das ist doch dein Zuhause!“
 
Während die anderen weiter zu ihr sprachen, wurde eine Nonne losgeschickt, um zur Göttin der Barmherzigkeit zu beten. Sie holte den Bambushalter mit den Gebetsstäbchen unter dem Altar hervor, schüttelte sie, zog Stäbchen und trug denjenigen Text vor, in welchem der Yin-Geist der Toten des Südwest-Bereiches geschmäht wurde.
 
„Natürlich!“, rief eine der anderen, als sie zurückkam: „Der Südwest-Bereich des Gartens des Großen Anblicks war ursprünglich unbewohnt, deshalb ist es wahrscheinlich, daß er über eine hohe Konzentration Yin-Geist verfügt.
 
Manche waren damit beschäftigt, eine Suppe zuzubereiten, andere brachten Wasser. Eine der Schwestern, die mit Miau-yü aus dem Süden kam und ihr deshalb näher und ergebener war als die anderen, saß bei ihr auf dem Dsën-Bett und legte den Arm schützend um sie. Miau-yü drehte ihren Kopf:
 
„Wer ist da?“ –
 
„Ich bin es nur.“
 
Miau-yü betrachtete sie eine Weile neugierig.
 
„Oh wirklich!“, rief sie, schlang ihre Arme um die Nonne und schluchzte hysterisch. „Oh du bist ja meine Mutter, wenn du mich nicht rettest, möchte ich nicht mehr weiterleben!
 
Die Nonne rief nach ihr, um sie wieder zu Sinnen zu bringen, und begann, sie sachte zu massieren. Eine Amme brachte Tee. Sie saßen zusammen,  erst  bei  Morgendämmerung  schlief  Miau-yü  endlich  ein. Die
 
  
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Phönixglanz ließ Caiming die Tagesausgaben abgleichen. Es war fast die zweite Nachtwache. Man ruhte noch ein Weilchen, plauderte ein wenig, und dann ging jeder schlafen. Auch Phönixglanz legte sich nieder.
  
Aus: Jingsi shanmin 1815.
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Gegen die dritte Nachtwache lag Phönixglanz im Halbschlaf, als sie plötzlich eine Gänsehaut überlief. Sie fuhr hoch, und je länger sie lag, desto unheimlicher wurde ihr. Sie rief Friedchen und Qiutong, ihr Gesellschaft zu leisten. Die beiden verstanden nicht, was los war. Qiutong hatte sich mit Phönixglanz nie gut verstanden; nachdem Kette Kaufmann sie wegen der Sache mit Zweitschwester Sonders vernachlässigte, hatte Phönixglanz sie wieder um sich geschart, und nun war es äußerlich ruhig — aber innerlich war Qiutong lange nicht so aufrichtig wie Friedchen. Als sie Phönixglanzs Unwohlsein sah, brachte sie ihr pflichtgemäß Tee. Phönixglanz trank einen Schluck und sagte: „Danke dir. Geh schlafen — Friedchen allein genügt." Doch Qiutong wollte sich dienstbeflissen zeigen: „Wenn die Herrin nicht schlafen kann, wechseln wir uns eben ab." Während sie sprach, schlief Phönixglanz ein. Friedchen und Qiutong sahen, dass Phönixglanz schlief; in der Ferne krähte ein Hahn. Beide legten sich angekleidet kurz hin. Schon wurde es hell, und sie sprangen auf, um Phönixglanz bei der Morgentoilette zu helfen.
  
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Phönixglanz war durch die nächtlichen Vorfälle unruhig und verwirrt, doch ihr Stolz ließ sie sich nichts anmerken, und sie raffte sich auf. Grübelnd saß sie da, als ein kleines Mädchen im Hof nach Friedchen rief. Friedchen antwortete. Das Mädchen hob den Vorhang: Frau König habe jemanden geschickt, um Kette Kaufmann zu suchen; draußen sei eine dringende Amtssache zu klären, Aufrecht Kaufmann sei gerade ausgegangen, und die Gnädige Frau bitte den Zweiten Herrn, sofort zu kommen. Phönixglanz erschrak.
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Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Achtundachtzigstes Kapitel

Schatzjade[1] erfreut die Großmutter und lobt den Waisenknaben, Herrlichkeit Kaufmann[2] stellt die Hausordnung her und lässt den frechen Diener peitschen

Wie berichtet, studierte Bedauerfrühling[3] gerade ein Go-Lehrbuch, als im Hof jemand nach Caiping rief — es war niemand anders als Mandarinenente[4]. Caiping ging hinaus und kam mit Mandarinenente herein. Diese hatte ein kleines Mädchen bei sich, das ein gelbes Seidenpäckchen trug. Bedauerfrühling fragte lachend: „Was gibt es?" Mandarinenente erklärte: „Die Alte Ahnin wird nächstes Jahr einundachtzig — eine ‚verborgene Neun'. Sie hat gelobt, eine neun Tage und neun Nächte dauernde Andacht abzuhalten und dreitausendsechshunderteinundfünfzig Abschriften des Diamant-Sutra[5] schreiben zu lassen. Diese werden bereits draußen abgeschrieben. Doch man sagt, das Diamant-Sutra sei wie die äußere Hülle eines daoistischen Talismans, und das Herz-Sutra[6] sei erst der eigentliche Kern. Darum muss in jedes Diamant-Sutra ein Herz-Sutra eingelegt werden — das bringt noch mehr Verdienst. Da die Alte Ahnin das Herz-Sutra für besonders wichtig hält und Guanyin zudem eine weibliche Bodhisattva ist, möchte sie, dass die weiblichen Verwandten und Fräulein des Hauses dreihundertfünfundsechzig Abschriften schreiben — das ist zugleich frommer und sauberer. Außer der Zweiten Herrin — erstens hat sie als Haushälterin keine Zeit, zweitens kann sie auch nicht so gut schreiben — soll jede, die schreiben kann, nach Vermögen beitragen: die Erste Herrin Zhen vom Osthaus, die Nebenfrauen, und natürlich erst recht alle hier im Haus." Bedauerfrühling nickte: „Anderes kann ich nicht, aber Sutras abschreiben — dafür brenne ich! Leg es hin und trink Tee."

Mandarinenente legte das Päckchen auf den Tisch und setzte sich zu Bedauerfrühling. Caiping brachte Tee. Bedauerfrühling fragte lachend: „Schreibst du auch?" Mandarinenente sagte: „Das Fräulein scherzt! In den letzten drei, vier Jahren — hat das Fräulein mich jemals einen Pinsel in die Hand nehmen sehen?" Bedauerfrühling sagte: „Es wäre ein großes Verdienst." Mandarinenente erwiderte: „Ich habe allerdings etwas anderes: Seit ich die Alte Ahnin zur Nachtruhe gebettet habe, spreche ich jedes Mal meine Reisgebete — schon seit über drei Jahren. Den Reis hebe ich sorgfältig auf, und wenn die Alte Ahnin ihre Andacht hält, will ich ihn als Opfergabe für den Buddha beifügen — das ist mein aufrichtiger Beitrag." Bedauerfrühling sagte: „So gesehen ist die Alte Ahnin die Guanyin, und du bist das Drachenmädchen." Mandarinenente sagte: „So weit reiche ich nicht! Nur weiß ich: Außer der Alten Ahnin könnte ich niemandem dienen — was für ein Schicksal aus einem früheren Leben mich an sie bindet, weiß ich nicht." Sie wollte gehen und ließ das kleine Mädchen das Seidenpäckchen öffnen: „Dieser Stapel reines Papier ist zum Abschreiben des Herz-Sutra." Dann hielt sie ein Bündel tibetischen Weihrauch hoch: „Den soll man beim Schreiben anzünden." Bedauerfrühling nahm alles an.

Mandarinenente verabschiedete sich und ging mit dem kleinen Mädchen zur Herzoginmutters Gemächern zurück, wo sie Bericht erstattete. Die Herzoginmutter spielte gerade mit Seidenweiß Pflaume[7] Backgammon. Mandarinenente schaute von der Seite zu. Seidenweiß Pflaume hatte Glück mit dem Würfel und schlug der Großmutter gleich mehrere Steine herunter. Mandarinenente musste lachen und hielt sich den Mund zu.

Da kam Schatzjade herein, in jeder Hand einen kleinen Käfig aus feinem Bambus, in denen einige Grashüpfer saßen. Er sagte: „Ich habe gehört, die Großmutter schläft nachts schlecht — da bringe ich ihr diese zur Unterhaltung." die Herzoginmutter lachte: „Nur weil dein Vater nicht zu Hause ist, erlaubst du dir solche Streiche!" Schatzjade lachte: „Ich habe doch gar keine Streiche gemacht!" die Herzoginmutter fragte: „Wenn du keine Streiche machst, warum bist du dann nicht in der Schule beim Lesen, sondern bringst solches Zeug?" Schatzjade erklärte: „Die habe ich nicht selbst gefangen! Neulich hat der Lehrer Huan und Lan Gegenpaare bilden lassen. Huan konnte es nicht, und ich habe ihm heimlich eingeflüstert. Als er die Antwort vortrug, lobte der Lehrer ihn. Aus Dankbarkeit hat er mir diese Grashüpfer gekauft, und ich bringe sie der Großmutter." die Herzoginmutter sagte: „Lernt er denn nicht jeden Tag? Warum kann er kein Gegenpaar finden? Wenn nicht, soll der Großonkel Ru ihm auf den Mund schlagen — ob ihm das nicht peinlich wäre! Du hast es auch nicht leicht gehabt — erinnerst du dich, wie du dich gefürchtet hast wie ein Gespenst, wenn dein Vater dich Gedichte und Lieder aufsagen ließ? Und jetzt sprichst du große Worte! Dieser Huan ist noch unfähiger — lässt sich die Arbeit von anderen machen und besticht sie dann dafür. So ein kleiner Junge treibt schon solche Ränke und schämt sich nicht — wer weiß, was aus dem noch wird!" Das ganze Zimmer lachte.

Die Herzoginmutter fragte weiter: „Und der kleine Lan? Hat er seine Aufgabe geschafft? Jetzt hätte Huan ihm helfen müssen — Lan ist ja jünger. Nicht wahr?" Schatzjade lachte: „Er hat keine Hilfe gebraucht — er hat es selbst gemacht." die Herzoginmutter sagte: „Das glaube ich nicht — wenn, dann hast du auch da nachgeholfen. Du bist mir einer! Aus der Hammelherde ragt ein Kamel hervor — du bist der Größte und schreibst nun auch schon Aufsätze!" Schatzjade lachte: „Er hat es wirklich selbst gemacht! Der Lehrer hat ihn sogar gelobt und gesagt, aus dem werde einmal etwas Großes. Wenn die Großmutter mir nicht glaubt, lass ihn doch herkommen und prüfe ihn selbst." die Herzoginmutter sagte: „Wenn das stimmt, freue ich mich wirklich. Ich fürchte nur, dass du schummelst. Wenn er es wirklich selbst geschrieben hat, kann aus dem Jungen etwas werden." Dabei blickte sie Seidenweiß Pflaume an und dachte an Herrlichkeit Kaufmann. Sie fuhr fort: „Dann ist dein älterer Bruder nicht umsonst gestorben, und deine ältere Schwägerin hat ihn nicht umsonst großgezogen. Eines Tages wird er das Haus seines Vaters stützen und ehren." Dabei konnte sie die Tränen nicht zurückhalten.

Seidenweiß Pflaume war von diesen Worten tief gerührt, doch da die Großmutter schon traurig war, hielt sie sich zurück und tröstete lächelnd: „Das ist alles der gesammelte Segen der Alten Ahnin. Wir stehen unter ihrem Schutz. Wenn der Junge den Erwartungen der Alten Ahnin gerecht wird, ist das unser Glück. Warum trauert die Alte Ahnin, statt sich zu freuen?" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Onkel Bao, lob ihn morgen nicht so überschwänglich. Er ist noch ein kleines Kind — was weiß er schon? Du meinst es nur gut, aber er versteht das nicht. Mit der Zeit wird er übermütig, und dann kann er keine Fortschritte mehr machen." die Herzoginmutter nickte: „Deine Schwägerin hat recht. Er ist noch so klein — treib ihn nicht zu hart an. Kleine Kinder sind scheu; wenn man sie zu sehr bedrängt, werden sie noch krank, und dann war all deine Mühe umsonst." Bei diesen Worten konnte Seidenweiß Pflaume ihre Tränen nicht mehr halten und wischte sie eilig weg.

Da kamen Unheil Kaufmann[8] und Orchidee Kaufmann herein, um die Großmutter zu begrüßen. Orchidee Kaufmann grüßte auch seine Mutter und stellte sich neben die Herzoginmutter. Die Großmutter sagte: „Ich habe gerade von deinem Onkel gehört, dass du ein gutes Gegenpaar gemacht hast und der Lehrer dich gelobt hat." Orchidee Kaufmann sagte nichts und lächelte nur verschämt. Mandarinenente kam und meldete: „Das Abendessen ist angerichtet." die Herzoginmutter sagte: „Holt die Tante." Hupo schickte sogleich jemanden zu Frau König, um Tante Schnee[9] zu bitten. Schatzjade und Unheil Kaufmann zogen sich zurück. Suyun und die kleinen Mädchen räumten das Backgammonbrett weg. Seidenweiß Pflaume wartete, um der Großmutter beim Essen aufzuwarten; Orchidee Kaufmann stand neben seiner Mutter. Die Herzoginmutter sagte: „Ihr beiden esst mit mir." Seidenweiß Pflaume sagte zu. Man trug auf. Ein Mädchen kam zurück und meldete: „Die Gnädige Frau lässt der Alten Ahnin ausrichten: Die Tante kommt und geht in letzter Zeit und konnte sich nicht melden; heute ist sie nach dem Essen nach Hause gefahren." die Herzoginmutter ließ Orchidee Kaufmann neben sich Platz nehmen, und alle aßen gemeinsam.

Als die Herzoginmutter gerade mit dem Essen fertig war und, den Mund gespült, auf dem Bett lag und plauderte, kam ein kleines Mädchen und flüsterte Hupo etwas zu. Hupo meldete: „Der Erste Herr aus dem Osthaus lässt einen guten Abend wünschen." die Herzoginmutter sagte: „Sagt ihm: Er ist von der Hausverwaltung erschöpft; er soll sich ausruhen. Ich weiß Bescheid." Über die Mädchen und Dienerinnen wurde Herrlichkeit Kaufmann informiert, und er zog sich zurück.

Am nächsten Tag ging Herrlichkeit Kaufmann hinüber, um verschiedene Angelegenheiten zu regeln. Die Pförtnerdiener meldeten nacheinander einige Dinge. Einer meldete: „Der Gutsverwalter hat Obst gebracht." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wo ist die Liste?" Der Diener reichte sie eilig herein. Es waren Saisonfrüchte, dazu einiges Gemüse und Wild. Herrlichkeit Kaufmann las die Liste und fragte: „Wer verwaltet das normalerweise?" Man antwortete: „Zhou Rui." Herrlichkeit Kaufmann rief Zhou Rui: „Zähl alles nach der Liste durch und lass es nach drinnen bringen. Ich mache eine Kopie der Lieferliste für den Abgleich." Dann befahl er: „Sag der Küche, sie soll den Speiseplan um einige Posten ergänzen und dem Gutsverwalter wie üblich eine Mahlzeit und Geld geben."

Zhou Rui sagte zu. Während man die Lieferung in Phönixglanz[10]s Hof brachte und die Bücher mit dem Obst ordnungsgemäß übergab, ging Zhou Rui hinaus und kam bald zurück zu Herrlichkeit Kaufmann: „Das vorhin gelieferte Obst — hat der Erste Herr die Menge überprüft?" Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Wann hätte ich Zeit, das zu zählen? Ich habe dir die Liste gegeben — zähl du nach." Zhou Rui sagte: „Ich habe nachgezählt: es fehlt nichts, aber es ist auch nichts übrig. Da der Erste Herr die Kopie behalten hat, sollte man den Boten fragen, ob die Liste stimmt." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Was soll das? Es sind doch nur ein paar Früchte — was gibt es da Wichtiges? Ich habe dich nicht verdächtigt."

Da kam Bao Er herbeigelaufen, machte einen Kotau und sagte: „Bitte lasst mich wieder draußen arbeiten wie früher." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Was ist denn schon wieder los bei euch?" Bao Er sagte: „Ich komme hier drinnen nicht zu Wort." Herrlichkeit Kaufmann: „Wer verlangt, dass du hier redest?" Bao Er: „Was soll ich hier als Aufpasser herumstehen?" Zhou Rui mischte sich ein: „Ich verwalte hier die Pacht, die Gutserträge und die Ein- und Ausgaben — jedes Jahr mehrere zehntausend Tael[11]. Weder der gnädige Herr noch die gnädigen Damen haben je etwas beanstandet, geschweige denn solche Kleinigkeiten. Wenn man Bao Er glaubt, hätten wir Diener den ganzen Grundbesitz veruntreut." Herrlichkeit Kaufmann überlegte: „Bao Er muss sich hier gestritten haben — am besten schicke ich ihn weg." Er sagte zu Bao Er: „Verschwinde!" Und zu Zhou Rui: „Du brauchst auch nichts weiter zu sagen — mach deine Arbeit." Beide gingen.

Herrlichkeit Kaufmann ruhte sich gerade im Arbeitszimmer aus, als draußen am Tor ein Tumult losbrach. Er schickte jemanden nachsehen; der Bote kam zurück: „Bao Er prügelt sich mit Zhou Ruis Adoptivsohn." Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Wer ist Zhou Ruis Adoptivsohn?" Der Pförtner antwortete: „Er heißt He San, ein nichtsnutziger Kerl, der zu Hause jeden Tag trinkt und Streit sucht. Er lungert ständig am Tor herum. Als er den Zank zwischen Bao Er und Zhou Rui hörte, mischte er sich ein." Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Das ist unerhört! Bindet Bao Er und diesen He San zusammen fest! Und Zhou Rui?" Der Pförtner: „Der war schon weg, als die Prügelei anfing." Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Holt ihn her! So weit kommt es noch!" Alle liefen los. Gerade kam auch Kette Kaufmann[12] zurück. Herrlichkeit Kaufmann erzählte ihm alles. Kette Kaufmann rief: „Unerhört!" Man schickte noch mehr Leute, Zhou Rui zu holen. Der wusste, dass er nicht entkommen konnte, und kam. Herrlichkeit Kaufmann befahl: „Alle fesseln!" Kette Kaufmann sprach zu Zhou Rui: „Euer vorheriger Streit wäre nicht so schlimm gewesen — der Erste Herr hatte es beigelegt. Warum dann draußen noch eine Schlägerei? Die Schlägerei allein wäre schon unerhört genug, aber ihr bringt auch noch einen streunenden Bastard namens He San ins Spiel! Und statt sie in Schach zu halten, bist du einfach verschwunden." Er trat Zhou Rui ein paar Mal. Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Zhou Rui allein zu bestrafen genügt nicht!" Er befahl, Bao Er und He San je fünfzig Peitschenhiebe zu geben und hinauszuwerfen. Danach besprach er mit Kette Kaufmann die eigentlichen Geschäfte.

Die Dienerschaft tuschelte hinter vorgehaltener Hand: Manche sagten, Herrlichkeit Kaufmann decke seine Günstlinge; andere meinten, er könne nicht vermitteln; wieder andere nannten ihn selbst keinen guten Charakter: „Erinnert euch an die hässliche Affäre mit den Schwestern You — war es nicht Herrlichkeit Kaufmann, der Bao Er dem Zweiten Herrn als Diener zuschob? Jetzt findet er Bao Er nicht mehr brauchbar — bestimmt hat sich Bao Ers Frau nicht genug um ihn gekümmert." Viele Mäuler, viele Meinungen.

Was Aufrecht Kaufmann[13] betrifft: Seit er im Ministerium für Öffentliche Arbeiten das Siegel führte, hatten einige seiner Diener ordentlich verdient. Efeu Kaufmann hörte davon und wollte auch etwas abbekommen. Er sprach draußen mit einigen Baumeistern, vereinbarte Provisionen und kaufte modische Stickereigeschenke, um sich bei Phönixglanz einzuschmeicheln.

Phönixglanz war in ihrem Zimmer, als Mädchen meldeten: „Der Erste und der Zweite Herr sind wütend und lassen draußen Leute verprügeln." Phönixglanz fragte sich, was los war. Gerade wollte sie jemanden schicken, als Kette Kaufmann hereinkam und alles erzählte. Phönixglanz sagte: „Die Sache selbst ist nicht so schwerwiegend, aber solche Sitten dürfen nicht einreißen. Im Moment sind wir noch auf dem Höhepunkt unseres Wohlstands, und die Diener wagen es schon, sich zu prügeln; wenn später die jüngere Generation das Sagen hat, werden sie völlig außer Kontrolle geraten. Vor zwei Jahren habe ich im Osthaus mit eigenen Augen gesehen, wie Jiao Da sich volllaufen ließ, unter der Treppe lag und alle beschimpfte — ohne Rücksicht auf Rang und Stand, alles in einen Topf werfend. Er mag Verdienste haben, aber zwischen Herr und Diener sollte ein Mindestmaß an Anstand herrschen. Die Erste Herrin Zhen — ich sage es ungern — ist zu gutmütig; sie hat jeden so verwöhnt, dass keiner mehr zu bändigen ist. Und jetzt dieser Bao Er. Ich habe gehört, er war euer und des Ersten Herrn Vertrauensmann — warum wird er dann heute geschlagen?" Bei diesen Worten spürte Kette Kaufmann den Stich, wurde verlegen und versuchte abzulenken. Er murmelte etwas von Geschäften und ging.

Xiaohong kam herein und meldete: „Der Zweite Herr Yun möchte die Herrin sprechen." Phönixglanz überlegte: „Was will der schon wieder?" Dann sagte sie: „Lass ihn herein." Xiaohong ging hinaus und blickte Efeu Kaufmann mit einem leichten Lächeln an. Efeu Kaufmann trat eilig einen Schritt näher und fragte: „Fräulein, habt Ihr mich angekündigt?" Xiaohong errötete: „Ich sehe nur, dass der Zweite Herr viel zu tun hat." Efeu Kaufmann: „Wann hatte ich je so viel zu tun, dass ich das Fräulein im Inneren bemühen müsste? Damals, als das Fräulein im Zimmer des Zweiten Onkels Bao war, da habe ich Euch …" Xiaohong fürchtete, jemand könnte sie sehen, und unterbrach: „Das Seidentuch, das ich Euch damals getauscht habe — habt Ihr es gesehen?" Efeu Kaufmann hätte diesen Satz nicht glücklicher hören können; er wollte gerade antworten, als ein kleines Mädchen von drinnen herauskam. Efeu Kaufmann ging hastig neben Xiaohong hinein. Seite an Seite, in geringem Abstand, flüsterte er: „Wenn ich wieder herauskomme — bringst du mich hinaus, und ich erzähle dir etwas Lustiges." Xiaohong wurde knallrot, warf ihm einen Blick zu, antwortete aber nicht. Am Eingang zu Phönixglanzs Gemächern ging sie allein hinein und meldete sich. Dann kam sie heraus, hob den Vorhang, winkte mit der Hand und sagte absichtlich laut: „Die Herrin bittet den Zweiten Herrn Yun herein!"

Efeu Kaufmann lächelte, folgte ihr ins Zimmer, begrüßte Phönixglanz und sagte: „Meine Mutter lässt grüßen." Phönixglanz erwiderte den Gruß. „Was führt dich her?" Efeu Kaufmann erklärte: „Der Neffe hat die frühere Güte der Tante nie vergessen und denkt ständig daran. Er wollte ihr schon immer etwas schenken, fürchtete aber, die Tante könnte zu viel hineindeuten. Da jetzt das Doppelneunfest naht, habe ich eine Kleinigkeit mitgebracht. Die Tante hat natürlich alles — es ist nur mein bescheidener Ausdruck der Dankbarkeit. Wenn die Tante ihn nur nicht verschmäht." Phönixglanz lächelte: „Setz dich und sag, was du zu sagen hast." Efeu Kaufmann setzte sich seitlich und legte das Geschenk auf den Nebentisch.

Phönixglanz sagte: „Du bist kein reicher Mensch — warum gibst du Geld aus? Ich brauche es nicht. Sag mir lieber, was du wirklich im Sinn hast — ehrlich." Efeu Kaufmann sagte: „Nichts weiter als Dankbarkeit gegenüber der Tante." Dabei lächelte er. Phönixglanz sagte: „So geht das nicht. Ich weiß, dass du knapp bei Kasse bist — warum sollte ich dir unnötig Geld abknöpfen? Wenn du willst, dass ich das Geschenk annehme, musst du mir vorher reinen Wein einschenken. Wenn du herumdruckst und halb hinterm Berg hältst, nehme ich es nicht an."

Efeu Kaufmann konnte nicht anders, stand auf und erklärte verlegen lächelnd: „Es ist wirklich kein unverschämter Wunsch. Neulich hörte ich, der gnädige Herr leite den Bau der kaiserlichen Grabanlage. Ich habe ein paar Freunde, die schon etliche Bauprojekte durchgeführt haben — alles sehr zuverlässig. Wenn die Tante beim gnädigen Herrn ein gutes Wort einlegen könnte, damit man mir ein oder zwei Aufträge gibt, werde ich die Güte der Tante nie vergessen. Und wenn es Arbeit im Haus gibt, kann ich der Tante auch von Nutzen sein."

Phönixglanz antwortete: „Bei anderen Dingen könnte ich schon ein Wort mitreden. Aber Behördenangelegenheiten — da wird oben alles von den Ministerialbeamten bestimmt, und unten machen es die Schreiber und Amtsboten. Da kann ein Außenstehender sich kaum einschalten. Selbst die eigenen Hausleute können nur den gnädigen Herrn begleiten; und dein Onkel geht auch nur wegen der eigenen Familienangelegenheiten hin — er kann keine offiziellen Aufträge vergeben. Was das Haus betrifft: Hier drückt man an einem Ende und hebt am anderen, und selbst der Erste Herr Zhen kann die Leute kaum im Zaum halten. Du bist zu jung und zu niedrig im Rang — wie willst du mit diesen Leuten fertig werden? Außerdem nähert sich die Arbeit im Ministerium ohnehin dem Ende — es ist mehr Leerlauf als Arbeit. Was kannst du zu Hause nicht alles tun — bist du ohne diesen Auftrag etwa am Verhungern? Das sage ich dir ehrlich — geh heim und denk darüber nach. Deinen guten Willen habe ich zur Kenntnis genommen. Aber nimm die Sachen wieder mit und gib sie dorthin zurück, wo du sie herbekommen hast."

Gerade da kam die Amme mit einer Schar Mädchen und brachte Pfiffigmädchen herein. Das Mädchen war prächtig gekleidet und hatte allerlei Spielzeug in den Händen; lachend lief sie zu Phönixglanz und plapperte. Efeu Kaufmann stand auf und sagte mit strahlendem Lächeln: „Ist das die große Schwester? Willst du nicht ein schönes Spielzeug?" Pfiffigmädchen brach sofort in Geschrei aus. Efeu Kaufmann wich zurück. Phönixglanz tröstete: „Liebling, hab keine Angst" und nahm Pfiffigmädchen auf den Arm: „Das ist dein großer Bruder Yun — warum tust du so fremd?" Efeu Kaufmann sagte schmeichelnd: „Die kleine Schwester ist wunderschön — die wird einmal großes Glück haben." Pfiffigmädchen blickte sich nach Efeu Kaufmann um und fing wieder an zu weinen — mehrmals hintereinander.

Efeu Kaufmann konnte nicht länger bleiben, stand auf und verabschiedete sich. Phönixglanz sagte: „Nimm die Sachen mit." Efeu Kaufmann bat: „Nicht einmal diese Kleinigkeit?" Phönixglanz antwortete: „Wenn du sie nicht mitnimmst, lasse ich sie zu dir nach Hause bringen. Yun, stell dich nicht so an — du bist doch kein Fremder. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, schicke ich nach dir. Aber ohne konkreten Anlass kann ich nichts tun — da helfen keine Geschenke." Efeu Kaufmann sah, dass Phönixglanz unnachgiebig war, und sagte errötend: „Dann bringe ich das nächste Mal etwas Brauchbares als Geschenk." Phönixglanz rief Xiaohong: „Nimm die Sachen und begleite den Herrn Yun hinaus."

Efeu Kaufmann dachte im Gehen: „Die Leute sagen, die Zweite Herrin sei streng — und wirklich: Kein Spalt, keine Lücke, wie mit dem Meißel geschnitten. Kein Wunder, dass sie keinen Nachwuchs hat. Und diese Pfiffigmädchen — die benimmt sich, als wäre ich ihr Feind aus einem früheren Leben. Wirklich Pech! Der ganze Tag umsonst."

Xiaohong sah, dass Efeu Kaufmann mit leeren Händen ging, und war ebenfalls enttäuscht. Sie trug die Sachen hinaus. Efeu Kaufmann nahm das Päckchen, öffnete es, wählte zwei Stücke aus und reichte sie heimlich Xiaohong. Xiaohong nahm sie nicht an: „Das geht nicht, Zweiter Herr — wenn die Herrin davon erfährt, stehen wir alle schlecht da." Efeu Kaufmann: „Bewahr sie gut auf — wovor hast du Angst? Wer sollte davon erfahren? Wenn du sie nicht willst, ist das, als hieltest du mich für minderwertig." Xiaohong lächelte leicht und nahm sie entgegen: „Wer braucht denn deine Sachen? Als ob die etwas wert wären!" Bei diesem Satz wurde sie wieder rot. Efeu Kaufmann lachte: „Mir geht es auch nicht um die Sachen — und die Sachen sind ohnehin nichts Besonderes."

Plaudernd waren die beiden am zweiten Tor angelangt. Efeu Kaufmann steckte den Rest in seinen Ärmel. Xiaohong drängte: „Geh jetzt. Wenn du etwas brauchst, komm ruhig zu mir. Ich bin jetzt in diesem Hof — das ist kein Umweg." Efeu Kaufmann nickte: „Die Zweite Herrin ist zu streng — ich kann unmöglich oft kommen. Was ich vorhin sagen wollte, weißt du im Herzen. Wenn ich Gelegenheit habe, erzähle ich es dir." Xiaohong errötete: „Geh jetzt. Komm ruhig auch sonst mal vorbei. Du machst dich selbst zum Fremden." Efeu Kaufmann sagte: „Verstanden." Damit ging er durch das Hoftor. Xiaohong stand an der Tür und sah ihm nach, bis er verschwunden war, dann kehrte sie zurück.

Phönixglanz ließ das Abendessen vorbereiten und fragte: „Habt ihr den Brei gekocht?" Die Mädchen fragten nach und meldeten: „Ja, er ist fertig." Phönixglanz sagte: „Macht ein, zwei Schüsseln von den eingelegten Südfrüchten zurecht." Qiutong sagte zu und wies die Mädchen an.

Friedchen[14] kam lachend herein: „Ich hab es fast vergessen: Heute Mittag, als die Herrin oben bei der Alten Ahnin war, kam jemand aus dem Wassermondkloster und bat die Herrin um zwei Flaschen eingelegtes Südgemüse und um ein paar Monatsgehälter im Vorschuss; die Äbtissin sei krank. Ich fragte die Klosterfrau: ‚Was fehlt der Äbtissin?' Sie erzählte: ‚Seit vier, fünf Tagen. Neulich nachts haben einige der kleinen Novizen und Novizinnen beim Schlafen die Lampe nicht ausgeblasen. Die Äbtissin hat es mehrmals gesagt, aber sie hörten nicht. Mitten in der Nacht, nach der dritten Nachtwache, brannte immer noch Licht. Die Äbtissin ging selbst hin und blies alle Lampen aus. Zurück auf ihrem Kang sah sie zwei Gestalten — einen Mann und eine Frau — auf dem Bett sitzen. Sie fragte, wer sie seien, da warfen sie ihr eine Schlinge um den Hals. Sie schrie um Hilfe. Alle kamen mit Lichtern angelaufen — sie lag am Boden, Schaum vor dem Mund. Zum Glück wurde sie gerettet. Seitdem kann sie nichts essen und bat daher um eingelegtes Gemüse.' Da die Herrin nicht im Zimmer war, habe ich ihr nichts gegeben und sie weggeschickt. Als ich eben die Rede von südlichem Gemüse hörte, fiel es mir wieder ein — sonst hätte ich es vergessen."

Phönixglanz hielt kurz inne und sagte: „Südgemüse haben wir noch — schickt ihr etwas. Das Silber — sag dem jungen Qin, er soll es in ein paar Tagen abholen." Da kam Xiaohong herein und meldete: „Der Zweite Herr lässt ausrichten: Er hat heute Abend Geschäfte außerhalb der Stadt und kommt nicht nach Hause. Er schickt Bescheid." Phönixglanz sagte: „Gut."

Da hörte man ein kleines Mädchen aus dem Hinterhaus atemlos hereingerannt kommen. Draußen empfing sie Friedchen; ein paar andere Mädchen flüsterten miteinander. Phönixglanz rief: „Was tuschelt ihr?" Friedchen sagte: „Die Kleine hat Angst und redet von Geistern." Phönixglanz fragte: „Welche?" Das Mädchen kam herein. Phönixglanz fragte: „Was für Geistergeschichten?" Das Mädchen erzählte: „Ich bin gerade nach hinten gegangen, um den Kohlemann zu rufen. In den drei leeren Zimmern hörte ich es klappern und knarren — ich dachte, es seien Katzen oder Ratten. Dann hörte ich ein ‚Aaah', wie wenn jemand seufzt. Da habe ich mich gefürchtet und bin gerannt." Phönixglanz schimpfte: „Unsinn! In meinem Haus wird nicht von Geistern und Gespenstern geredet! Ich habe noch nie an so etwas geglaubt. Raus mit dir!" Das Mädchen verschwand.

Phönixglanz ließ Caiming die Tagesausgaben abgleichen. Es war fast die zweite Nachtwache. Man ruhte noch ein Weilchen, plauderte ein wenig, und dann ging jeder schlafen. Auch Phönixglanz legte sich nieder.

Gegen die dritte Nachtwache lag Phönixglanz im Halbschlaf, als sie plötzlich eine Gänsehaut überlief. Sie fuhr hoch, und je länger sie lag, desto unheimlicher wurde ihr. Sie rief Friedchen und Qiutong, ihr Gesellschaft zu leisten. Die beiden verstanden nicht, was los war. Qiutong hatte sich mit Phönixglanz nie gut verstanden; nachdem Kette Kaufmann sie wegen der Sache mit Zweitschwester Sonders vernachlässigte, hatte Phönixglanz sie wieder um sich geschart, und nun war es äußerlich ruhig — aber innerlich war Qiutong lange nicht so aufrichtig wie Friedchen. Als sie Phönixglanzs Unwohlsein sah, brachte sie ihr pflichtgemäß Tee. Phönixglanz trank einen Schluck und sagte: „Danke dir. Geh schlafen — Friedchen allein genügt." Doch Qiutong wollte sich dienstbeflissen zeigen: „Wenn die Herrin nicht schlafen kann, wechseln wir uns eben ab." Während sie sprach, schlief Phönixglanz ein. Friedchen und Qiutong sahen, dass Phönixglanz schlief; in der Ferne krähte ein Hahn. Beide legten sich angekleidet kurz hin. Schon wurde es hell, und sie sprangen auf, um Phönixglanz bei der Morgentoilette zu helfen.

Phönixglanz war durch die nächtlichen Vorfälle unruhig und verwirrt, doch ihr Stolz ließ sie sich nichts anmerken, und sie raffte sich auf. Grübelnd saß sie da, als ein kleines Mädchen im Hof nach Friedchen rief. Friedchen antwortete. Das Mädchen hob den Vorhang: Frau König habe jemanden geschickt, um Kette Kaufmann zu suchen; draußen sei eine dringende Amtssache zu klären, Aufrecht Kaufmann sei gerade ausgegangen, und die Gnädige Frau bitte den Zweiten Herrn, sofort zu kommen. Phönixglanz erschrak.

Was es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.

  1. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  2. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Schein-Echtheit".
  3. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".
  4. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 Yuānyāng, wörtl. „Mandarinenente".
  5. Diamant-Sutra (金刚经, Jīngāng Jīng): Eines der wichtigsten Sutras des Mahāyāna-Buddhismus, häufig als Verdienst für Verstorbene oder zum Schutz abgeschrieben.
  6. Herz-Sutra (心经, Xīnjīng): Das kürzeste und am häufigsten rezitierte Sutra des Mahāyāna-Buddhismus.
  7. Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Frau im Schleiertuch".
  8. Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".
  9. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante des Xue-Hauses".
  10. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix".
  11. Tael (两, Liǎng): Traditionelle chinesische Gewichts- und Silberwährungseinheit, ca. 37,3 Gramm.
  12. Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadeschale".
  13. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  14. Friedchen: Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedliche".

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).