Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 100"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 100)
 
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Kapitel 100
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Duftkastanie durchkreuzt eine Verführung und erntet tiefen Hass
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_92|<span style="color: #FFD700;">92</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_93|<span style="color: #FFD700;">93</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_94|<span style="color: #FFD700;">94</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_95|<span style="color: #FFD700;">95</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_96|<span style="color: #FFD700;">96</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_97|<span style="color: #FFD700;">97</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_98|<span style="color: #FFD700;">98</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_99|<span style="color: #FFD700;">99</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">100</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Schatzjade trauert über eine Fernheirat und empfindet den Schmerz des Abschieds
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Es wird erzählt, dass Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> den Generalgouverneur aufsuchte. Er war bereits eine halbe Ewigkeit drinnen, ohne wieder herauszukommen, und draußen wurde allerhand spekuliert. Li Zehnter <ref>Chinesisch: 李十儿</ref> konnte draußen auch nichts in Erfahrung bringen und dachte mit Sorge an die in der Amtszeitung gemeldete Affäre mit Becken Schnee <ref>Chinesisch: 薛蟠</ref>. Endlich hörte er, dass Aufrecht Kaufmann herauskam, eilte ihm entgegen und folgte ihm. Ohne abwarten zu können, bis sie zu Hause wären, fragte er ihn, sobald sie einen ruhigen Ort erreicht hatten: „Herr, Sie waren so lange drinnen — ging es um etwas Dringendes?" Aufrecht Kaufmann lächelte: „Es war eigentlich nichts Besonderes. Der Kommandant von Zhenhai <ref>Chinesisch: 镇海</ref> ist ein Verwandter des Generalgouverneurs, und er hatte ihm geschrieben mit der Bitte, sich um mich zu kümmern. Deshalb sagte er mir einige freundliche Worte. Er meinte sogar, wir seien jetzt ebenfalls verwandt." Li Zehnter freute sich innerlich darüber, fühlte sich dadurch ermutigt und drängte Aufrecht Kaufmann begeistert, der Heiratsverbindung zuzustimmen.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_100|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_100|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 100 =
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Aufrecht Kaufmann dachte bei sich: „Was die Sache mit Becken Schnee betrifft — ob sie mich irgendwie belastet, lässt sich von hier draußen, wo die Nachrichten so schlecht durchkommen, schwer herausfinden und noch schwerer in die richtigen Bahnen lenken." So kehrte er zu seinem eigenen Amtssitz zurück und schickte einen Bediensteten nach Peking, um Erkundigungen einzuziehen. Gleichzeitig ließ er der Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> das Heiratsangebot des Generalgouverneurs mitteilen: Falls sie einverstanden sei, solle die dritte junge Dame zu seinem Amtssitz gebracht werden.
== 破好事香菱结深恨 / 悲远嫁宝玉感离情 ==
 
  
h Unfall“ zu reduzieren. Djia Dschëng knallte mit der Hand auf den Tisch. „Er ist geliefert!“
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Der Bedienstete folgte dem Befehl und eilte in die Hauptstadt, wo er zuerst Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> Bericht erstattete. Dann erkundigte er sich beim Beamtenministerium <ref>Chinesisch: 吏部</ref> und erfuhr, dass gegen Aufrecht Kaufmann keine Strafe verhängt worden war; nur der kommissarische Magistrat des Kreises Taiping war seines Amtes enthoben worden. Er schrieb einen beruhigenden Brief an Aufrecht Kaufmann und blieb in der Hauptstadt, um auf weitere Nachrichten zu warten.
Er las den Bericht zu Ende:
 
„Der hauptstädtische Gouverneur hat folgenden Auszug das Falles verschickt:
 
Hsüä Pan von Nanking übernachtete, als er durch die Stadt Tai-ping reiste, in Lis Hotel. Einer seiner Kellner, eingestellt beim Besitzer Li, war ein bestimmter Dschang San, mit dem Hsüä vorher nicht bekannt war. Am soundsovielten des Monats sowieso im Jahre sowieso, bestellte Hsüä Pan bei dem Besitzer etwas Wein, da er Wu Liang (ursprünglich aus Tai-ping) eingeladen hatte, mit ihm zu trinken. Als sein Gast kam, schickte er den Kellner Dschang San, ihm den Wein zu bringen. Der Wein war nicht lecker genug, und Hsüä Pan bat ihn, ihn durch etwas Besseres zu ersetzen. Dschang San verwies darauf, daß dieser bestimmte Wein bestellt worden war, und es unmöglich wäre, ihn zu ersetzen. Hsüä Pan fand Dschangs Benehmen anmaßend und hob den Becher, um ihm den Wein ins Gesicht zu schütten. Unglücklicherweise warf er den Becher zu fest und der Becher rutschte ihm aus der Hand, gerade als Dschang seinen Kopf beugte, um ein Stäbchen vom Boden aufzuheben. Der Becher traf Dschang auf dem Kopf, es gab einen großen Blutverlust, und er starb kurz darauf. Der Besitzer Li eilte zum Schauplatz, aber es war zu spät, um zu helfen. Er informierte Frau Dschang, geborene Wang, die Mutter des Toten, die zum Hotel kam, nur um ihren Sohn bereits tot vorzufinden. Sie rief die Polizei und reichte eine Klage beim örtlichen Yamen ein. Der daraufhin handelnde Magistrat machte eine Befragung, und der Gerichtsmediziner fertigte das übliche Gutachten an. Zwei wichtige Fakten wurden jedoch ausgelassen: erstens, daß die Scheitelbein-Fraktur drei Fingerbreit lang war; und zweitens, daß Dschang auch Verletzungen am Kreuz in Höhe der Taille hatte. Der Fall wurde hoch zum Präfektur-Yamen geschickt, wo bestätigt wurde, daß Hsüä Pan nur vorhatte, den Wein zu werfen, daß der Becher aus seiner Hand gerutscht war und daß er daher den Tod von Dschang San durch einen Unfall verursacht hatte. Er wurde in der Kategorie ‚Tod durch Unfall‘ dem Gesetz gemäß behandelt, und es wurde ihm erlaubt, ein Bußgeld im Austausch zu zahlen.
 
Der Richter hat die Beweise, die vom Angeklagten, von den verschiedenen Zeugen und von den Verwandten des Toten vorgelegt wurden, untersucht und fand, daß sie nicht widerspruchsfrei waren. Er hat auch die detaillierten Anhaltspunkte, die zu einem Totschlag führen könnten, herausgearbeitet, worin ein Kampf als ein ‚Ringen zwischen zwei Menschen‘ definiert ist, und eine Rauferei als ein ‚Kampf, in welchem die Beteiligten sich gegenseitig schlagen’. Es muß keinen Beweis eines solchen Kampfes oder Ringens geben, wenn die Verteidigung ‚Unfall-Todschlag‘ lautet. Der Fall wurde daher zum Büro des hauptstädtischen Gouverneurs zurückgegeben, um die genauen Fakten zu erheben, auf dessen Basis eine Empfehlung der Verurteilung erreicht werden konnte.
 
Dies ist die Grundlage der endgültigen Beurteilung des Gouverneurs: Hsüä Pan war bereits betrunken, als Dschang San sich weigerte, den Wein zurückzunehmen. Er faßte Dschang an der Hand, und schlug ihm auf den Rücken in Höhe der Taille. Daraufhin begann Dschang Hsüä Pan zu beschimpfen, der dann seinen Becher auf ihn warf, der eine schwere Wunde an seinem Schädel hinterließ. Der Knochen hatte einen Riß, was schwere Verletzungen am Gehirn verursachte und zum sofortigen Tod führte. Mit anderen Worten wurde Dschangs Tod direkt durch die Wucht verursacht, mit der Hsüä Pan den Becher warf. Hsüä Pan sollte daher diese Straftat mit dem Leben bezahlen. Gemäß dem Gesetzbuch im Fall des Totschlags, soll er im Gefängnis bis zur Schwurgerichtssitzung bleiben, und dann gehängt werden. Wu Liang sollte ausgepeitscht werden und zu einer Zuchthausstrafe verurteilt werden.
 
Der Präfekt, der Kreisbeamte und die Bezirksbehörden, die die unwahre Berufung durchgeführt waren, werden gebeten...
 
Der Bericht brach an diesem Punkt ab, mit der Bemerkung „Fortsetzung folgt“.
 
Djia Dschëng dachte darüber nach, daß er es gewesen war, der auf Frau Hsüäs Bitte, Druck auf die örtlichen Behörden ausgeübt hatte, um die Anklage in Hsüä Pans Fall zu drehen. Wenn dieser Magistrat nun geschnappt worden war und Ermittlungen angestellt wurden, wäre er selbst mit hineingezogen worden. Es war sehr beunruhigend. Er las die nächste Bekanntmachung, aber es handelte sich leider nicht um die Fortsetzung. Er durchsuchte all die übriggebliebenen Artikel, ohne den Schluß des Berichts zu finden. Er war immer beunruhigter und war in Gedanken, als Li Schï-örl hereinkam und sagte:
 
„Werden Sie, bitte, zum Yamen vortreten, um den Vizekönig zu erwarten, Herr? Seine Angestellten haben bereits zwei Mal die Trommel geschlagen.“
 
Djia Dschëng in Gedanken weit weg und hörte nichts davon. Li mußte sich wiederholen.
 
„Was kann ich tun?“ murmelte Djia Dschëng zu sich selbst.
 
„Ist irgendetwas, Herr?“, fragte Li.
 
Djia Dschëng vertraute Li seine Angst über die Bekanntmachung an.
 
„Sorgen Sie sich nicht zuviel darum, Herr“, sagte Li. „In der Tat, wenn Sie mich fragen, hat Herr Hsüä viel Glück gehabt. In der Hauptstadt hörte ich, daß er viele Frauen eingeladen hatte, genau zu diesem Hotel und daß sie alle zusammen trinken wollten und einen ziemlichen Krawall genau an dem Abend veranstalten wollten, als er den Kellner totgeschlagen hat. Und ich hörte, daß der lokale Mandarin nicht der einzige war, der der Familie einen Gefallen tun sollte. Anscheinend hat Herr Liän ein kleines Vermögen für den Fall gezahlt, und Bestechungsgelder an alle Yamen bezahlt, die darin ver­wickelt waren, um Herrn Pan freizubekommen. Es ist witzig, daß das Gericht dies nicht im Bericht erwähnt. Ich glaube, auf eine Weise wird so etwas einfach erwartet. Nun, diese Affäre ist ans Licht gekommen, die Leute, die darin verwickelt sind, müssen alle damit beschäftigt sein, sich gegenseitig zu
 
decken. Sie versuchen, alles unter den Teppich zu kehren. Sie wollen es wie einen kleineren Fall der Fahrlässigkeit aussehen lassen. Dann ist das Schlimmste, was ihnen passieren kann, daß sie ihre Stellen verlieren. Sie würden niemals zugeben, daß sie Bestechungsgeld angenommen haben. Das ist viel zu ernst. Kümmert Euch nicht darum, ergattert besser die wahre Geschichte! Wir lassen den Vizekönig besser nicht länger warten.
 
„Woher könntest Du das verstehen“, sagte Djia Dschëng, „jene örtliche Behörde fühlt sich schuldig. Um uns diesen Gefallen zu tun, hat er seine Stelle eingebüßt. Und das mag nicht einmal das Ende für ihn sein.“ –
 
„Es ist nicht gut, sich um ihn zu sorgen, Herr“, sagte Li. „Ihre Diener warten nun eine lange Zeit. Sie gehen jetzt besser hinein, um den Vizekönig zu sehen, Herr.“
 
Um zu wissen, was der Vizekönig von Djia Dschëng wollte, lese man bitte das nächste Kapitel.
 
100. Hsiang-ling stört eine kunstvolle Verführung und ruft damit tiefen Haß hervor
 
Bau-yü trauert ob einer weiteren Verlobung und beklagt einen bevorstehenden Abschied.
 
  
Djia Dschëng war lange Zeit beim Vizekönig, und draußen spekulierten die Diener über die Gründe für die Unterredung. Li Schï-örl wußte auch nichts und vermutete in seiner Unkenntnis, es ginge um die Hungersnot, die aus dem ländlichen Gebieten berichtet wurde und fürchtete das Schlimmste. Endlich kam Djia Dschëng heraus, Li eilte ihm entgegen und wartete nicht, bis sie zu Hause angekommen waren, sondern fragte Djia Dschëng, sobald sie einen ruhigen Ort erreicht hatten:
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Unterdessen hatte Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> wegen Becken Schnees Totschlagsprozess bei den verschiedenen Behörden unzählige Summen Geldes aufgewandt, um das Urteil auf „Tötung durch Unfall" herabstufen zu lassen. Sie hatte vorgehabt, eines der Pfandhäuser zu verkaufen und mit dem Erlös die Strafe freizukaufen. Doch das Strafministerium <ref>Chinesisch: 刑部</ref> verwarf das Urteil bei der Überprüfung. Erneut wurden Leute beauftragt, viel Geld auszugeben, doch alles war vergeblich — das Urteil lautete weiterhin auf Tod, und er blieb im Gefängnis, um die große Herbstverhandlung abzuwarten. Tante Schnee war gleichermaßen zornig und schmerzerfüllt und weinte Tag und Nacht.
„Warum dauerte das so lange, Herr? Ich nehme an, es ging um etwas von großer Wichtigkeit.“
 
Djia Dschëng lächelte: „Nicht wirklich. Es stellte sich heraus, daß der Kommandant der Haimen Region, dessen Sohn meine Tochter versprochen ist, selbst ein Verwandter des Vizekönigs ist. Er hatte ihm einen Brief geschrieben, solle ihn bitten, für mein Wohlergehen zu sorgen. Der Vizekönig war äußerst freundlich und ging sogar so weit, zu sagen: ‚Jetzt sind auch wir verwandt.‘ “
 
Li freute sich innerlich und fühlte sich dadurch in seinem Tun ermutigt. Er ermutigte Djia Dschëng begeistert, die Hochzeit schnell in die Wege zu leiten.
 
Djia Dschëng dachte aber immer noch an die Geschichte mit Hsüä Pan. Der Nachrichtenaustausch zwischen der Provinz Djianghsi und der Hauptstadt war sehr langsam, und es war schwer für Djia Dschëng herauszubekommen, ob er persönlich in Hsüä Pans Probleme verwickelt war. Bei einer so großen Distanz wäre es für ihn schwierig, den Lauf der Dinge zu Hsüä Pans Gunsten zu beeinflussen. Als er zu seinem eigenen Yamen zurückkehrte, beorderte er einen Diener zur Hauptstadt, um zu erkunden, was genau passiert war, und und gleichzeitig, um der Herzoginmutter eine Nachricht über das Heiratsangebot zu senden. Falls sie zustimmen sollte, schlug er vor, daß Tan-tschun direkt zu ihm geschickt werden sollte, damit die Hochzeit vorbereitet werden konnte. Der Diener eilte schnellstmöglich in die Hauptstadt. Er berichtete zuerst Dame Wang, und dann ging er zum Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten, wo seine Erkundigungen ergaben, daß die einzige Person, die durch den Fall Hsüä Pan zu leiden hatte, der aktive Magistrat von Tai-ping war, der seine Stellung verlor, und daß Djia Dschëng nicht im geringsten verwickelt war. Der Diener schickte Djia Dschëng einen versichernden Brief zurück, blieb selber dort und wartete auf weitere Nachrichten.
 
Der Leser erinnert sich sicherlich noch daran, wie weit Frau Hsüä gegangen war und mit welch enormen Geldbeträgen sie alle Betroffenen hatte bestechen müssen, um das Urteil eines „Unfalltodes“ im frühen Stadium von Hsüä Pans Fall zu erreichen. Sie hatte beabsichtigt, das Geld über die Geschäfte des Familienpfandhauses aufzubringen. Doch als sie von dem neuen Urteil der Strafrichter hörte, waren mehr Bestechungen nötig, brachten jedoch keinen Erfolg. Das Urteil lautete ‚Tod durch Erdrosselung‘ durch das Schwurgericht. Tag und Nacht weinte sie Tränen des Kummers und des Zornes bis zum Herbst, in dem das Urteil verkündet werden sollte.
 
Bau-tschai besuchte sie mehrere Male und versuchte, sie zu trösten:
 
„Bruder Pan muß unter einem unglücklichen Stern geboren sein, Mama! Er hat ja die Familie von Großvater geerbt und sollte ruhig und behaglich leben und den Reichtum schützen. Doch stattdessen muß er nach Nanking und dieses undankbare Geschäft mit Hsiang-ling machen. Er mußte vollständig für den Tod des armen Mannes büßen und es war sein Glück, daß wir in diesen Tages noch über mehr als genug Geld verfügten und ihn so frei bekamen.
 
‚Man könnte meinen, ein solcher Ärger sei genug gewesen, um ihn zu ändern. Man sollte meinen, er hätte das Leben danach ernster genommen und sich mehr Zeit genommen, sich um seine Mama zu kümmern. Aber nein, sobald wir hier ankamen, war es immer wieder dieselbe Geschichte. Ich hasse es, daran zu denken, wie viele Sorgen er dir bereitet hat, Mama, wie viele Tränen du seinetwegen vergossen hast. Dann war er verheiratet, und wir dachten, das Leben würde für uns nun ein wenig ruhiger. Doch das Schicksal hatte wohl etwas anderes geplant. Ausgerechnet die Frau, die er heiratete, war schrecklich mit ihrem unerträglichen Gehabe, so daß er sich vor ihr außer Haus versteckte.
 
Und sogar das war noch nicht das Ende. Wie das Sprichwort sagt: ,Leute, die viele Feinde haben, laufen auf schmalem Grat und Zusammenstöße sind schwer zu vermeiden!‘ Es hat nur wenige Tage gedauert, bis es ein Menschenleben gekostet hat. Du und Vetter Ke habt alles Mögliche getan. Abgesehen von all dem Geld, daß es Euch gekostet hat, habt Ihr nie aufgehört, überall um Hilfe zu bitten und darüber nachzudenken, wie er frei kommen könnte. Man kann sich mit dem Schicksal nicht anlegen. Er wird den Preis für seine Untaten zahlen müssen.
 
Die meisten Eltern benötigen im Alter die Unterstützung ihrer Kinder und sogar in armen Familien wird ein Mann sein Bestes tun, seiner Mutter eine Schale Reis zu besorgen. Doch was hat Pan getan? Er verschwendete das Glück, was er hatte und ruinierte sogar noch das Leben der Generation seiner Eltern, ließ sie sich zu Tode weinen. Ich weiß, ich sollte das nicht sagen, doch die Wahrheit ist, mein Bruder ist nicht dein Sohn, sondern dein Fluch. Wenn du die Wahrheit immer noch nicht sehen willst, wenn du vom Morgen bis zum Abend und nachts bis morgens weinst, wenn du sogar die Wutausbrüche der Schwägerin Djin-guee ertragen hast: Es bedrückt mich, dich in so einem Zustand zu sehen. Ich wünschte nur, ich könnte immer bei dir sein und helfen, Frieden zu bewahren. Doch ich kann nicht. Bau-yü würde mich niemals zurückkehren lassen, so begriffsstützig er auch sein mag.
 
Vor ein paar Tagen schickte Herr Dschëng eine Nachricht nach Hause, um zu sagen, wie entsetzt er war, den Justizbericht zu lesen. Er hat bereits einen seiner Männer geschickt, um etwas über Pan herauszubekommen. Wie du siehst – so viele Leute versuchen, Pan aus dem Unglück herauszuhelfen, was er sich selbst eingebrockt hat. Ein Glück, daß ich letztendlich in der Nähe bei dir bin. Ich denke, wenn ich weit weg wohnte und hörte, was passiert ist, würde ich mir Sorgen um dich machen, daß du dir das Leben nimmst. Bitte, Mama, gönne dir selbst eine Ruhepause. Sei dankbar, daß Pan noch lebt. Nutze diese Gelegenheit, um Bilanz zu ziehen! Frag’ einen der langgedienten Mitarbeiter in der Firma, um herauszufinden, wem wir was schulden und was man uns schuldet und sieh, wieviel genau übrig bleibt.“
 
„Liebes Mädchen“, sagte Frau Hsüä weinend, „in den letzten Tagen waren wir zu sehr mit deinem Bruder beschäftigt. Wann immer du zu mir ge-kommen bist, hast du entweder versucht, mich aufzumuntern oder mir die letzten Neuigkeiten vom Yamen zu überbringen. Ich habe dir noch nicht das Schlimmste erzählt. Wir wurden aus dem Register der Hofhändler entfernt. Zwei unserer Pfandhäuser wurden verkauft, und wir haben bereits das Geld vom Verkauf ausgegeben, während der Leiter des anderen Pfandhauses mit Tausenden von Taels verschwunden ist und wir deswegen in einen weiteren Fall verwickelt sind. Dein Vetter Ke war jeden Tag fort, um Geld zu leihen. In der Hauptstadt hat er bereits Zigtausend Taels geliehen, und wir werden eine Hypothek auf unseren Anteil an unseren Grundbesitz in Nanking aufnehmen müssen, um unseren Verpflichtungen nachzukommen. Vor zwei Tagen habe ich sogar das Gerücht gehört, daß der Pfandleihhandel im Nanking bankrott gegangen ist und geschlossen wurde! Wenn das wahr ist, kann ich nicht mehr weiterleben!“
 
Frau Hsüä begann, hysterisch zu weinen. Bau-tschai standen auch die Tränen in den Augen, doch versuchte sie weiter, sie zu trösten:
 
„Es hat keinen Sinn, daß du an den Finanzen zugrunde gehst, Mama; Vetter Ke wird sich darum kümmern. Ich hasse diese Angestellten, die uns verlassen, weil unser Stern sinkt. Ich kann verstehen, daß sie ihre eigene Haut retten wollen; doch ich weiß, daß manche von ihnen Außenstehende ermutigen, uns weiter zugrunde zu richten. Mein Bruder Pan hat im Laufe der Zeit viele Freunde gewonnen. Doch auch, was sie angeht, ist es Zeitverschwendung, von ihnen Hilfe zu erwarten. Für Feierlichkeiten sind sie gut zu gebrauchen. Doch beim ersten Zeichen von Ärger sind sie fort.
 
Wenn du mich liebst, Mama, dann höre bitte auf meinen Rat! In deinem Alter ist es besser, an sich selbst zu denken und sich weniger um andere zu kümmern. Es sollte nie so weit kommen, daß du dich erkältest oder hungern mußt. Vergiß die Kleider und die Möbel! Laß Djin-guee sie haben! Du kannst nichts gegen sie tun. Nicht viele der Diener und Mägde werden bleiben wollen, also kannst du die meisten von ihnen gehen lassen. Es tut mir leid für Hsiang-ling. Nach allem, was sie ihr Leben lang hier durchgemacht hat, denke ich, solltest du sie bei dir behalten. Wenn es dir an irgendwas mangelt, kann ich immer aushelfen, vorausgesetzt, wir haben es zu Haus. Ich bin sicher, daß wir alle Wünsche erfüllen werden. Und Hsi-jën ist ein aufrichtiges und anständiges Mädchen. Sie weiß um unsere Probleme; in der Tat treibt ihr die geringste Erwähnung deines Namens Tränen in die Augen. Bau-yü weiß nicht so recht, was vor sich geht, also war er auch überhaupt nicht betroffen. Wenn er die Wahrheit mitbekäme, denke ich, wäre er zu Tode er­schrocken.“ –
 
„Gute Tochter“, sagte Frau Hsüä, ohne sie zum Ende kommen zu lassen, „was immer du tust, sag’ ihm kein Wort! Er starb fast an dem Bericht über Fräulein Dai-yü. Heute geht es ihm etwas besser. Wenn er dann wegen uns vor Sorge krank würde, würde es dir noch mehr Kummer bringen! Und dann hätte ich keine Stütze mehr.“
 
„Daran habe ich auch gedacht“, antwortete Bau-tschai, „deswegen habe ich ihm nie etwas davon gesagt.“
 
Genau in diesem Moment kam Hsüä Pans Frau Djin-guee ins äußere Zimmer gerannt und schrie:
 
„Was ist so gut daran, am Leben zu sein? Mein Mann ist ohnehin verloren. Reue hat keinen Zweck! Ich werde heute einmal eine richtige Szene machen. Ich werde zur Hinrichtungsstätte marschieren und einen Kampf anzetteln!“
 
Dann begann sie, ihren Kopf gegen die hölzerne Trennwand zu stoßen, bis sich ihre Frisur löste und ihre Haare wild über die Schulter hingen. Frau Hsüä konnte sie nur in sprachloser Wut anstarren, während Bau-tschai versuchte, vernünftig mit ihrer ‚lieben Schwieger-Schwester‘ zu reden, ‚ihrer guten Schwägerin’, alles ohne Nutzen.
 
„Liebe Schwägerin“, erwiderte Djin-guee, „du bist heute nicht mehr mit uns zu vergleichen. Du und dein lieber Herr Bau-yü werdet glücklich miteinander leben, meine ich, doch ich bin ganz allein. Wozu soll ich noch mein Gesicht wahren!“
 
Sie kündigte ihr Vorhaben an, zu ihrer Mutter zurückzukehren und rannte auf die Straße. Glücklicherweise waren dort genug Leute, um sie aufzuhalten. Es gelang ihnen schließlich, sie zu beruhigen. Bau-tjin, die die ganze Zeit für die Vorbereitung ihrer Hochzeit bei Frau Hsüä blieb, war so entsetzt über Djin-guees Verhalten, daß sie beschloß, ihr von nun an aus dem Weg zu gehen.
 
Immer wenn Hsüä Kë zu Hause war, wählte Djin-guee eines ihrer aufreizenden Kleider und takelte sich auf, mit schwer gepuderten Wangen, nachgezeichneten Augenbrauen, die Haare auf verlockende Weise hochgesteckt. Sie fädelte es dann ein, hinter seinen Gemächern zu laufen, wo sie extra laut hustete. Oder, wenn er zuhause war, fragte sie unschuldig, wer denn im Zimmer sei. Wenn sie ihn persönlich traf, lauerte sie ihm auf und betörte ihn mit verführerischem Geplauder, lächelte aufgesetzt, war abwechselnd fröhlich und schmollend, spielte ihren ganzen weiblichen Charme aus. Als die Mägde sahen, was sie vorhatte, zogen sie sich schnell zurück. Djin-guee machte bedenkenlos weiter, mit der Absicht, Bau-tschans Pläne, Hsüä Kë zu erobern, zunichte zu machen. Er versuchte für seinen Teil, den Umgang mit ihr zu vermeiden und, wenn es ihm nicht gelang, bemühte er sich, freundlich zu sein, er wollte nur vermeiden, daß sie durch eine direkte Ablehnung eine Szene machte.
 
Doch Djin-guees Versessenheit machte sie für die Wahrheit blind, so daß Hsüä Kës höfliches Verhalten ihr Verlangen nur noch steigerte. Die einzige Kleinigkeit, die ihre Illusion verunzierte, war die Art, wie das Objekt ihrer Begierde sich für jede kleinste Angelegenheit seiner Hsiang-ling anvertraute. Das Sortieren, Flicken und Waschen seiner Kleider, alles wurde ihr übertragen. Und wenn sie, Djin-guee, den Raum betrat, wenn die beiden miteinander redeten, bemerkte sie, wie sie eilig ihrer Wege gingen, als wenn Eifersucht mit im Spiel wäre. Sie konnte sich einfach nicht direkt an Hsüä Kë damit wenden, aus Angst, jede Bemerkung gegen Hsiang-ling würde Hsüä Kë gegen sie einnehmen. Statt dessen entwickelte sie beständig eine tiefere Abneigung gegen ihre Rivalin.
 
Eines Tages kam Bau-tschan in ihr Zimmer und kicherte: „Frau Pan, haben sie Herrn Ke gesehen?“
 
Djin-guee: „Habe ich nicht.“
 
Bau-tschan: „Ich sagte Ihnen, er würde uns mit seinem Gerede zum Narren halten. Wenn wir ihm etwas Wein schickten, sagt er, er tränke nicht. Doch gerade eben sah ich ihn bei Hsüäs, nach Alkohol riechend und mit rötlichem Gesicht. Wenn Sie mir nicht glauben, warum warten Sie nicht vor dem Tor auf ihn? Er wird dort entlang gehen. Halten Sie ihn an und fragen Sie ihn! Wir werden sehen, was er sagen wird.“
 
Djin-guee sagte genervt: „Ich bin sicher, er wird jetzt noch nicht kommen. Wozu sollen wir ihn fragen, wenn er doch kein Herz hat?“
 
Bau-tschan: „Jetzt seien Sie nicht dumm, Herrin. Warum es nicht ver-suchen? Wenn er spielt, können wir das auch. Wenn nicht, müssen wir uns etwas anderes ausdenken.“
 
Vielleicht hatte sie ja doch recht, dachte Djin-guee bei sich. Sie schickte Bau-tschan nach draußen, um nach Hsüä Kë Ausschau zu halten und ging wieder einmal zu ihrem Schminktisch. Sie öffnete den Spiegel und betrachtete sich von oben bis unten. Etwas mehr Lippenstift, ein geblümtes Taschentuch, und sie war fertig für die Schlacht. Oder beinahe fertig: Irgend etwas fehlte noch. Doch bevor sie nachdenken konnte, was dieser letzte Schliff sein könnte, hörte sie Bau-tschans Stimme draußen:
 
„Sie sind heute aber gut gelaunt, Herr Ke! Wo haben Sie denn Wein getrunken?“
 
Das war das Stichwort. Djin-guee hob den Vorhang und ging gerade rechtzeitig hinaus, um Hsüä Kës Antwort zu hören: „Unser Geschäftsführer Herr Dschang feiert heute seinen Geburtstag, und ich mußte einen halben Becher mittrinken. Mein Gesicht brennt immer noch.“ Bevor er zu Ende war, folgte Djin-guees Einsatz: „Der Wein anderer Leute schmeckt wohl besser als unserer, wage ich zu sagen...“  Hsüä Kë spürte die Schärfe dieser Bemerkung und errötete noch mehr. Er ging ihr einen Schritt entgegen und sagte mit einem gewungenen Lächeln: „Aber natürlich nicht, Schwägerin.“
 
Nun, da die Unterredung beendet war, verschwand Bau-tschan nach innen und ließ sie allein. Djin-guee hatte beabsichtigt, ihrem Liebsten Ärger vorzutäuschen, doch das Erröten seiner Wangen und sein unschuldiger Blick hatten so etwas Jungenhaftes, daß ihr Herz schmolz und ihre gespielte Feindseligkeit schnell ins ferne Land Java verschwand. Sie lächelte.
 
„Du meinst, du trinkst erst, wenn du gezwungen wirst?“
 
„Gewiß. Ich bin kein echter Trinker.“
 
„Ich bin froh, das zu hören. Auf jeden Fall besser als dein Vetter, der sich ständig neuen Ärger antrinkt. Wenn du später heiratest, muß deine Frau wenigstens nicht wie ich ewig einsam bleiben.
 
Sie näherte sich ihm mit andeutungsvollen Blicken, und sie fühlte, wie ihre Wangen erröteten. Hsüä Kë sah die ernsthafte Bedrohung und beschloß, so zügig zu verschwinden, wie es nur ging. Djin-guee ahnte das und wollte ihn nicht entkommen lassen. Sie sprang zu ihm und hielt ihn fest im Griff.
 
„Schwägerin!“, rief Hsüä Kë entrüstet, „das gehört sich nicht!“
 
Er zitterte am ganzen Leib. Djin-guee schlug alle Umsicht in den Wind. „Komm herein zu mir. Ich muß dir etwas Wichtiges sagen.“
 
Der kritische Augenblick war gerade erreicht, als eine Stimme hinter ihr rief: „Frau Pan! Es ist Hsiang-ling. Sie kommt hier lang!“
 
Djin-guee war erschrocken und blickte sich um. Bau-tschan hatte den Vorhang beiseite gezogen, um zu sehen, wie das Gespräch verlief. Dann wurde sie von Hsiang-ling gesehen, die aus der anderen Richtung kam und beeilte sich, Djin-guee zu warnen. Djin-guee lockerte in ihrer Panik ihren Griff, und Hsüä Kë nutzte seine Chance zu entkommen. Hsiang-ling hatte selbst nichts bemerkt und ging unschuldig ihrer Wege, bis sie Bau-tschan rufen hörte, sich umblickte und zu ihrem Entsetzen Djin-guee sah, die Hsüä Kë in ihr Gemach zu drängen versuchte. Hsiang-ling drehte sich sofort um und begann mit pochendem Herzen in die Richtung zurückzugehen, aus der sie gekommen war. Djin-guee stand dort eine Weile und starrte in wütender Bestürzung dem flüchtenden Hsüä Kë nach. Dann schnaufte sie laut enttäuscht und kehrte in ihre Gemächer zurück. Seitdem haßte Djin-guee Hsiang-ling bis aufs Mark. Hsiang-ling, die eigentlich auf dem Weg zu Bau-tjin war, als sie auf die beiden gestoßen war, eilte erschrocken zurück in ihr Zimmer.
 
Später am selben Tag war Bau-tschai in den Gemächern der Herzogin­mut­ter und hörte die Dame Wang von der Verlobung sprechen, die Djia Dschëng für Tan-tschun vorgeschlagen hatte.
 
„Ich hörte, daß dieser Junge auch aus Nanking stammt und schon einmal bei uns zu Besuch war“, sagte die Herzoginmutter. „Ich kann nicht verstehen, warum Dschëng nie etwas erwähnt hat.“
 
„Wir wissen auch nichts darüber“, sagte die Dame Wang.
 
„Ich sehe darin durchaus Vorteile“, sagte die Herzoginmutter. „Meine einzigen Bedenken liegen in der Entfernung. Ich weiß, daß Dschëng zur Zeit dort angestellt ist. Doch angenommen er siedelt um, dann wäre Tan sehr isoliert.“
 
„Bei Beamten kann man nie wissen, wo sie eingesetzt werden“, antwor­te­te die Dame Wang. „Der Vater des Jungen könnte auch zurück in die Hauptstadt berufen werden. Auch wenn nicht, wird auf die eine oder andere Weise, wie man sagt, das fallende Blatt zur Wurzel zurückkehren‘. Nebenbei
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Schatzspange <ref>Chinesisch: 薛宝钗</ref> kam häufig vorbei, um sie zu trösten. Sie sagte: „Bruder hatte von Anfang an kein Glück. Er hat das gesamte Vermögen vom Großvater geerbt und hätte ruhig und friedlich davon leben sollen. Schon im Süden hat er sich unmöglich benommen — allein die Geschichte mit Duftkastanie <ref>Chinesisch: 香菱</ref> war ungeheuerlich. Nur weil er sich auf die Macht unserer Verwandten stützen konnte und einiges Geld ausgab, kam er damit davon, einen jungen Mann totgeschlagen zu haben. Danach hätte Bruder sich ändern und ein anständiger Mensch werden sollen, er hätte seine Mutter versorgen müssen. Aber kaum war er in der Hauptstadt, ging es genauso weiter. Mama, wie viel Kränkungen hast du seinetwegen erdulden müssen, wie viele Tränen hast du vergossen! Wir haben ihm eine Frau genommen, in der Hoffnung, dass nun alle in Ruhe und Frieden leben könnten. Doch das Schicksal wollte es anders — ausgerechnet die Schwägerin, die er heiratete, war auch eine Unruhestifterin, sodass Bruder vor ihr aus dem Haus floh. Wie das Sprichwort so wahr sagt: ‚Wer viele Feinde hat, trifft sie auf schmalem Pfad' <ref>Chinesisch: 冤家路儿狭</ref> — nach wenigen Tagen gab es schon einen Toten. Mama und der zweite Vetter [Xue Ke] haben wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan: Nicht nur haben sie Geld ausgegeben, sondern sie haben auch überall um Hilfe gebeten und sich den Kopf zerbrochen. Doch gegen das Schicksal kommt man nicht an, es ist letztlich selbst verschuldet. Im Allgemeinen zieht man Kinder auf, damit man im Alter jemanden hat, auf den man sich stützen kann. Selbst in den ärmsten Familien bemüht sich ein Sohn, seiner Mutter wenigstens eine Schale Reis zu beschaffen. Wo gibt es so jemanden, der das vorhandene Vermögen durchbringt und obendrein die alten Eltern zum Verzweifeln bringt? Ich will es nicht aussprechen, aber Bruders Verhalten — das ist nicht das eines Sohnes, das ist das eines Widersachers. Wenn Mama das immer noch nicht einsieht und von morgens bis abends und von abends bis morgens weint und dann auch noch die Wutanfälle der Schwägerin erduldet — ich kann ja nicht ständig hier sein und trösten. Wenn ich Mama in diesem Zustand sehe, wie soll ich da in Ruhe sein? Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> — so begriffsstutzig er auch sein mag — würde mich nie zurückgehen lassen. Vor einigen Tagen schickte der Herr [Aufrecht Kaufmann] jemanden mit der Nachricht, er sei beim Lesen der Amtszeitung erschrocken und habe daher Leute geschickt, um die Sache zu regeln. Wie man sieht, machen sich nicht wenige Leute Sorgen wegen Bruders Skandal. Ein Glück, dass ich wenigstens in der Nähe bin, als wäre ich direkt bei dir. Wenn ich fern von der Heimat wäre und von alldem hörte, würde ich mich vor Sorge um Mama zu Tode grämen. Ich bitte Mama, sich erst einmal etwas zu erholen. Solange Bruder noch am Leben ist, sollten wir die verschiedenen Geschäftskonten durchsehen. Was andere uns schulden und was wir anderen schulden — man sollte einen alten Mitarbeiter bitten, einmal durchzurechnen, und sehen, wie viel Geld noch übrig ist."
ist Dschëngs Vorgesetzter für die Hochzeit, und es wird sehr schwer für ihn ab­zulehnen. Ich glaube, er hat das Ganze bereits mehr oder weniger durch­dacht und hat dir nur wegen einer förmlichen Absegnung geschrieben, Mut­ter.“
 
„Wenn ihr beide dafür seid“, sagte die Herzoginmutter, „dann ist es schön und gut. Dennoch bekümmert es mich, daran zu denken, wie lange es dauern kann, bis Tan uns besuchen kommt. Wenn es länger als ein oder zwei Jahre dauert, werde ich nicht mehr lang genug leben, um sie wiederzusehen.
 
Sie weinte, während sie sprach.
 
„Eine Heirat ist etwas, das Mädchen geschieht, wenn es erwachsen wird“, sagte die Dame Wang, „und sogar wenn die Familie des Mannes aus dem Ort kommt, kann man nie sicher sein, daß die beiden dort bleiben. Falls er nämlich später Beamter wird, kann er auf eine Stelle in der Ferne berufen werden. Wichtig ist doch nur, daß sie miteinander glücklich werden. Nimm Ying-tschuns Fall. Ihr Ehemann wohnt in der Nähe, doch das ist nicht zu ihrem Glück. Man hört oft, daß sie von ihrem Mann geschlagen wird und noch nicht einmal genug zu essen bekommt. Was wir ihr schicken, erhält sie nicht einmal zu sehen, geschweige denn zu berühren. Und wie ich höre, wird es sogar noch schlimmer. Er verbietet ihr, uns zu besuchen, und wenn die beiden streiten, behauptet er, wir würden sein Geld benutzen. Armes Kind! Ihre Zukunft sieht finster aus. Vor ein paar Tagen habe ich an sie gedacht, und schickte ein paar Angestellte zu ihr, um im Sonnenhaus vorbeizuschauen. Ying-tschun versteckte sich im Nebenraum und wollte nicht kommen, um sie zu sehen. Sie bestanden darauf einzutreten und fanden sie bei dieser bitteren Kälte mit nichts an außer ein paar abgenutzten, alten Kleidern, das arme Ding. Sie brach vor ihnen zusammen und flehte sie an, von ihrem Elend nicht zu Hause zu berichten. ‚Es ist mein Schicksal, so zu leiden‘ sagte sie. Und wir sollten ihr keine Kleidung und kein Essen mehr schicken. Es erreiche sie nichts, und ihr Mann würde sie dafür nur ein weiteres Mal schlagen, weil sie sich anscheinend bei uns beschwert habe. ‚Du siehst, Mutter, Ying-tschun ist zwar in der Nähe, doch die Nähe macht es nur noch schwerer, das zu ertragen. Ihre Schwiegermutter stellt sich blind, und ihr Schwiegervater weigert sich, überhaupt einzugreifen. Sie ist schlimmer dran als eine deiner niedrigsten Mägde.‘ “
 
Obwohl Tan nicht meine eigene Tochter ist, bin ich sicher, daß Dschëng nur das Beste für sie tun will. Er hat den Jungen offensichtlich gesehen, und es muß wohl eine gute Partie sein. Deshalb hoffe ich, daß du zustimmst, dann können wir ihr einen glücklichen Tag für eine Reise aussuchen und eine angemessene Eskorte schicken, die sie zu Dschëngs offizieller Residenz begleitet. Ich bin sicher, Dschëng wird dafür sorgen, daß alles ordentlich vorbereitet ist.“
 
„Dann ist es gut,“ stimmte die Herzoginmutter zu. „Setze Dschëngs Idee um, und ich überlasse es dir, die nötigen Maßnahmen zu treffen. Wähle einen angemessenen Tag für die lange Reise. Gut, damit ist die Angelegenheit beschlossen.“
 
„Ja, Mutter.
 
Bau-tschai konnte alles deutlich hören und dachte, obwohl sie keinen Laut des Protestes von sich gab, traurig bei sich: ‚Tan ist eine unserer Besten. Jetzt wird sie auch noch verheiratet und weit weg geschickt. Jetzt geht einer nach dem anderen.
 
Wie sie sah, daß die Dame Wang sich erhoben hatte, um aufzubrechen, begleitete sie Bau-tschai aus dem Zimmer und kehrte umgehend in ihre Gemächer zurück. Sie sagte Bau-yü nichts von Tan-tschuns Verlobung, aber erzählte es später Hsi-jën, als sie sie allein beim Nähen fand. Hsi-jën war auch sehr unglücklich über die Neuigkeiten.
 
Frau Dschau dagegen war positiv überrascht.
 
,Das Mädchen hat mir nichts als Geringschätzung entgegengebracht‘, dachte sie bei sich. ,Niemand würde meinen, daß ich als ihre Mutter von ihr schlechter behandelt werde als eine ihrer Mägde! Sie versucht immer andere zu unterstützen, nur nicht ihre eigene Mutter oder ihren Bruder. Wenn sie im Weg stünde, würde Huan-örl niemals die Gelegenheit haben, überhaupt irgendwohin zu kommen. Wenn ihr Vater nach ihr schickt, bin ich froh, sie los zu sein! Ich habe längst aufgegeben, von ihr Respekt zu erwarten. Ich hoffe, es wird ihr so elendig wie Ying-tschun ergehen. Ich wäre zu froh, das zu sehen.‘
 
Sie eilte hinüber zu Tan-tschuns Gemächern, um ihre ,Glück­wün­sche‘ zu überbringen.
 
„Mädchen, du bist jemand, der bald nach oben kommt!“ frohlockte sie. „Bei deinem Verlobten ist selbstverständlich alles besser als hier. Ich denke, du freust dich darüber. Ich habe dich so viele Jahre ernährt und großgezogen und habe nichts von deinen Vorzügen genießen können. Wenn ich als Mutter auch sieben Zehntel schlecht gewesen sein mag, so gab es doch drei Zehntel Gutes. Bitte vergiß mich nicht, wenn du fortgegangen bist.“
 
Tan-tschun verweigerte trotzig ihre Antwort und behielt ihren Kopf still über der Nadelarbeit geneigt. Frau Dschau war sichtlich brüskiert und verließ den Raum voller Groll.
 
Tan-tschun sah, wie lächerlich das Verhalten ihrer Mutter war, doch hinterließ es sie zornig und verletzt, sodaß sie für einen Moment im Stillen weinte. Zuletzt ging sie ermüdet und niedergeschlagen hinaus und dachte, sie würde gern bei Bau-yü vorbeischauen.
 
„Erzähl’ mir, Tan“, sagte er, als sie seine Gemächer betrat, „ich weiß, daß du bei Kusine Dai-yü warst, als sie starb und daß du in der Ferne Musik vernommen hast. Glaubst du, es steckt ein unerklärliches Geheimnis dahinter? Denkst du, Kusine Dai-yü war wirklich eine Fee und daß sie bei ihrem Tod lediglich zu ihrem himmlischen Wohnsitz zurückkehrte?“
 
Tan-tschun lächelte, „das denkst du dir wohl so. Dennoch war es eine seltsame Nacht, das ist wahr; und eine solche Musik hatte ich noch nie zuvor gehört. Wer weiß, vielleicht hast du ja recht.“
 
Bau-yü sah dies als Bestätigung seiner Annahme. Er erinnerte sich an die Worte des Mannes, dem er in einem merkwürdigen Traum vor ein paar Monaten begegnet war. Dieser hatte gesagt, Dai-yü sei ,kein gewöhnlicher Schatten einer gewöhnlichen Sterblichen‘, sondern ,eine Überirdische, die auf Erden zu Besuch war‘. Das erinnerte ihn plötzlich wieder an die Mondgöttin in der Theatervorführung, die er letztes Jahr gesehen hatte. Die Göttin und Dai-yü besaßen dieselbe Schönheit, trugen das gleiche die Weiblichkeit betonende Gewand und hatten beide dieselbe überirdische Ausstrahlung... Nach einer Weile, nachdem Tan-tschun gegangen war, spürte er den plötzlichen und überwältigenden Drang, Dsï-djüan in seiner Nähe zu haben, und bat die Herzoginmutter, sie in seine Gemächer bringen zu lassen.
 
Dsï-djüan wollte eigentlich nicht zu Bau-yü, doch sie konnte sich kaum einer Anordnung, die von der Herzoginmutter und der Dame Wang kam, verweigern. Wann immer sie bei Bau-yü war, konnte sie nur seufzen, auf eine Art, die sowohl Kummer für ihre Herrin als auch Mißbilligung gegenüber Bau-yü ausdrückte. Hinter dem Rücken der anderen bettelte Bau-yü sie immer an, um etwas über Dai-yü zu erfahren. Sie wußte nicht so recht, was sie sagen sollte. Bau-tschai beobachtete dieses und beschimpfte sie nicht, sondern lobte sie vor anderen stets für ihre Treue gegenüber ihrer Herrin. Bau-tschai hielt dagegen Hsüä-yän, die ja durchaus ihren Einsatz bei den Hochzeitsränken gezeigt hatte, für ein dummes Mädchen. Sie bat die Herzoginmutter und die Dame Wang, sie mit einem der Pagen zu verheiraten, daß sie dann für sich leben könnten. Die Dame Wang hielt daran fest, Dai-yüs Sarg zu einem späteren Zeitpunkt in den Süden zu begleiten, während Ying-ge und die anderen Dienstmädchen Dai-yüs in den Gemächern der Herzogin­mut­ter weiter arbeiteten.
 
Bau-yüs Trauer um Dai-yü und sein allgemeiner Trübsinn wurden noch verstärkt, als er darüber nachdachte, daß die verbliebenen Angestellten der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß wie Wolken in alle Winde zerstreut wurden. Damit erschien ihm ihr Tod plötzlich noch fragwürdiger, so fragwürdig, daß er gar keinen Grund für ihn finden konnte. Plötzlich dachte er daran, daß er gehört hatte, wie klar ihr Verstand war, als sie starb. Er dachte, dies müsse daran liegen, daß diese Unsterbliche wieder in ihre überirdischen Gefilde zurückgekehrt war. Dieser Gedanke stimmte ihn fröhlicher. Allerdings hörte er in diesem Moment Bau-tschai und Hsi-jën im Nachbarraum über die bevorstehende Hochzeit von Tan-tschun reden. Mit einem Schrei der Bestürzung sank er nieder und weinte auf dem Ofenbett. Bau-tschai und Hsi-jën eilten herbei, um ihm zu helfen mit Rufen wie „Was ist los?“, doch er war zu verwirrt, um zu antworten. Nach einer Weile hatte er sich ausreichend gefaßt, um zu sprechen:
 
„Das war der letzte Schlag, nacheinander werden meine Geschwister und Kusinen von mir genommen, Kusine Dai-yü ist eben in die überirdischen Gefilde zurückgekehrt; meine älteste Schwester ist tot – das ist nicht so schlimm, da wir ja nicht jeden Tag zusammen waren; meine zweitälteste Schwester Ying ist an diesen verdammten Dreckskerl gebunden, und jetzt wird Tan für ihre Hochzeit an das Ende der Welt geschickt, und ich werde sie niemals wiedersehen! Und Schwester Schï Hsiang-yün, wer weiß, wo sie enden wird? Hsüä Bau-tjin ist auch bereits verlobt und wird nicht länger bei uns bleiben. Wird keiner verschont? Wird keiner mehr dableiben? Was mache ich hier alleine?“
 
Hsi-jën war mit ihren tröstenden Worten am Ende, doch Bau-tschai beruhigte sie mit einem Wink ihrer Hand: „Du brauchst ihn nicht beruhigen. Laß mich ihm stattdessen lieber eine Frage stellen.“ Sie wandte sich an Bau-yü: „Was genau möchtest du eigentlich? Erwartest du von all deinen Schwestern, daß sie zuhause bleiben, bis du alt wirst? Das ist eine Sache des ganzen Lebens und der Zukunft. Wir sprechen hier über andere, die haben ihre eigenen Gedanken und Pläne. Wenn deine Geschwister in der Ferne verheiratet werden, gibt es darüber nicht viel zu sagen. Das ist Sache deines Vaters, was könntest du denn schon dagegen ausrichten? Du bist nicht der einzige Mensch auf der Welt, der seine Kusinen liebt. Doch wenn jeder mit solchen Gefühlen sich so benähme wie du, dann würde auch ich jetzt nicht mehr hier bei dir leben.
 
Mein edler Herr sollte durch das Studium der Bücher eigentlich klug  geworden sein. Doch du fängst an, völlig verwirrt zu sein! Wenn du wirklich so denkst, könnten Hsi-jën und ich auch gehen und irgendwo anders leben. Dann kannst du deine Kusinen und Schwestern wieder bitten herzukommen, daß sie sich um dich kümmern.“
 
Als Bau-yü dies hörte, nahm er beide an der Hand: „Ich weiß, ihr habt ja recht. Doch warum muß das alles so früh passieren? Konnten sie nicht warten, bis ich zu Staub zerfallen bin!“
 
Hsi-jën legte ihre Hand auf seinen Mund: „Da haben wir es! Noch mehr Unsinn! Sie haben gerade begonnen, sich zu erholen und Ihre Frau bekommt wenigstens wieder etwas Appetit. Wenn Sie noch eine Szene machen, dann werde ich mich nicht mehr um Sie kümmern.“
 
Bau-yü wußte, daß beide eigentlich etwas Vernünftiges gesagt hatten. Doch in seinem Herzen fand er keinen Zugang zu ihrer wohlbedachten Ansicht. „Was ihr sagt, ist ja vollkommen richtig,“ jammerte er, „doch was kann ich tun? Ich fühle mich so erbärmlich.“
 
Bau-tschai sagte nichts weiter, doch schickte die heimlich Hsi-jën, ihm ein Beruhigungsmittel zu besorgen. Sie versuchten ihr Bestes, um ihn zu beruhigen, und Hsi-jën schlug Bau-tschai vor, daß sie Tan-tschun bitten sollte, Bau-yü vor ihrer Abreise nicht mehr aufzusuchen.
 
„Es gibt keinen Grund zur Sorge“, sagte Bau-tschai. „In ein oder zwei Tagen, wenn er wieder zur Vernunft gekommen ist, wäre es bestimmt gut, sich mit ihm ausgiebig zu unterhalten. Tan-tschun ist eine äußerst intelligente Person und nicht der Mensch, der anderen etwas vormacht. Ich bin sicher, sie wird ihm einen guten Rat geben und ihn belehren, nicht weiter so zu denken.“
 
Währenddessen kam Yüan-yang mit einer Nachricht von der Herzoginmutter, die eben erst von Bau-yüs Rückfall gehört hatte. Hsi-jën sollte ihn trösten und ihm auf keinen Fall erlauben, sich aufzuregen. Hsi-jën versicherte Yüan-yang, daß sie die Anweisungen der Herzoginmutter befolgen werde und, nachdem sie eine Weile zusammen gesessen hatten, kehrte Yüan-yang zurück.
 
Die Herzoginmutter war auch mit den Vorbereitungen für Tan-tschuns Abreise befaßt. Obwohl Tan-tschun nicht mit der vollständigen Aussteuer reisen würde, wollte man trotzdem alles Notwendige vorbereiten. Die Herzoginmutter schickte nach Hsi-fëng, berichtete ihr von Djia Dschëngs Entscheidung und übertrug ihr die Planung. Hsi-fëng übernahm diese Verantwortung.
 
Doch um herauszubekommen, wie sie das bewerkstelligte, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
101. Im Garten des Großen Anblicks wiederholt eine Mondlichterscheinung eine uralte Warnung
 
Im Konvent der Verstreuten Blumen prophezeien die Schicksalsstäbe ein seltsames Omen.
 
  
Hsi-fëng kehrte in ihre Gemächer zurück und wie sie sah, daß Djia Liän noch nicht zu Hause war, begann sie, die Vorbereitungen für Tan-tschuns Gepäck und Aussteuer zu betreuen.
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Tante Schnee sagte weinend: „In den letzten Tagen waren wir so beschäftigt mit den Angelegenheiten deines Bruders. Jedes Mal, wenn du kamst, hast du entweder mich getröstet oder ich habe dir die Neuigkeiten von den Behörden erzählt. Du weißt noch gar nicht das Schlimmste: Der Name unserer Familie ist aus dem Register der Hofhändler <ref>Chinesisch: 官商</ref> gestrichen worden. Zwei Pfandhäuser sind bereits an andere übergegangen, und das Geld ist längst aufgebraucht. Beim dritten Pfandhaus ist der Geschäftsführer geflohen und hat einen Fehlbetrag von mehreren tausend Taels hinterlassen — auch darum führen wir noch einen Prozess. Dein Vetter Ke <ref>Chinesisch: 薛蝌</ref> ist jeden Tag unterwegs, um Geld einzutreiben. Die Schulden in der Hauptstadt belaufen sich bereits auf Zehntausende von Taels; wir müssten den Anteil am Grundbesitz und das Wohnhaus im Süden verkaufen, damit es reicht. Vor zwei Tagen habe ich sogar ein beunruhigendes Gerücht gehört, dass auch das gemeinsame Pfandhaus <ref>Chinesisch: 公分</ref> im Süden Verluste gemacht habe und geschlossen worden sei. Wenn das wahr ist, kann deine Mutter nicht mehr weiterleben!" Dabei brach sie erneut in lautes Weinen aus.
Am späteren Abend, als die Dämmerung in Nacht überging, kam sie plötzlich auf die Idee, Tan-tschun zu besuchen. Sie trug Fëng-örl und zwei anderen Mägden auf, sie zu begleiten und schickte eine von ihnen mit einer Laterne voraus. Wie sie hinausgingen, hatte sich bereits ein strahlender Mond erhoben, so klar wie Wasser, und Hsi-fëng sagte der Magd, welche die Laterne hielt, daß sie sie nun nicht mehr bräuchte und daß sie nach Hause gehen könne. Dann, als sie am Fenster des Teehauses vorbeigingen, wo die Dienstboten sich öfter aufhielten, hörte sie, wie drinnen geredet wurde. Es schien eine belebte Diskussion in Gang zu sein, unterbrochen von gelegentlichem Schluchzen oder Gelächter. ‚Die Ammen scheinen sich für eine Plauderrunde getroffen zu haben‘, Hsi-fëng fühlte sich ein bißchen beunruhigt und schickte Hsiau-hung hinein, um sich scheinbar unbeteiligt unter ihnen umzuhören.
 
„Hör’ gut zu“, sagte sie, „misch dich unter sie und find heraus, worüber sie reden.“ – „Ja, Herrin“, sagte Hsiau-hung und folgte ihrem Auftrag.
 
Hsi-fëng ging weiter in Richtung des Gartens, nur noch in Begleitung von Fëng-örl. Das Tor stand halb offen, und Herrin und Magd konnten es leicht öffnen und eintreten. In dem Garten schien alles unter dem Mondlicht noch klarer und heller als draußen, und der Boden war mit den langen und tiefen Schatten der Bäume bedeckt. Die tiefe Stille wirkte extrem einsam und trostlos. Sie wollten gerade den Weg zum Heiteren Herbstatelier nehmen, als ein Windstoß durch die Bäume wehte, eine Menge Blätter herabfallen ließ, die mit einem raschelnden Geräusch durch die Zweige fielen, das die Krähen weckte und andere dort überwinternde Vögel auffliegen ließ. Hsi-fëng hatte früher am Abend etwas Wein getrunken. Wie der Wind sie nun streifte, begann zu zittern vor Kälte.
 
„Wie kalt!“, sagte Fëng-örl von hinten und versuchte, sich warm zu rubbeln. Die Kälte war zu viel für Hsi-fëng.
 
„Du solltest besser direkt nach Hause gehen und meine ärmellose Hermelinjacke holen. Ich warte auf dich bei Fräulein Tan.“
 
Feng war froh, für sich selbst etwas Wärmeres zum Anziehen besorgen zu können, nickte und rannte sofort los.
 
Hsi-fëng war stehen geblieben und glaubte, etwas hinter sich gehört zu haben, ein seltsames Geräusch, wie das Schnüffeln eines Tieres. Ihre Haare standen zu Berge und beim Zurücksehen, erblickte sie etwas Schwarzes und Schimmerndes, eine Nase, spitz zulaufend, in ihre Richtung schnaubend und zwei Augen, die wie Laternen glühten. Sie war starr vor Schreck und stieß einen Hilfeschrei aus. Dann sah sie die Kreatur– sie konnte erkennen, daß es eine Art großer Hund war, nicht weit von ihr entfernt, einen buschigen Schwanz hinter sich her ziehend. Er sprang auf einen Erdhügel, stand stocksteif und drehte sich wieder zu ihr, seine Vorderpfoten wie einen grotesken Gruß in die Luft hebend.
 
Hsi-fëng war in einem Zustand äußerster Panik und schüttelte sich
 
hy­ste­risch – sie eilte so schnell sie konnte in Richtung des Heiteren Herbstateliers. Sie hatte beinahe ihr Ziel erreicht und verbarg sich hinter einem Fels, als sie den flüchtigen Blick eines Menschenschattens wahrnahm, der ihr entgegenkam.
 
  
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Schatzspange weinte ebenfalls und versuchte zu trösten: „Was die Finanzen angeht, Mama, nützt es nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen — der zweite Vetter kümmert sich darum. Was mich empört, sind diese Angestellten: Kaum sehen sie, dass es mit unserer Familie bergab geht, suchen sie sich alle ihr eigenes Heil — das wäre ja noch hinnehmbar. Aber ich habe gehört, dass manche sogar Außenstehenden helfen, uns auszuplündern. Daran sieht man, was für Leute mein Bruder sein Leben lang um sich versammelt hat — nichts als Zechkumpane, von denen in der Not kein einziger da ist. Wenn Mama mich liebt, dann höre auf meinen Rat: In deinem Alter solltest du auf dich selbst achten. Du wirst in deinem ganzen Leben wohl nicht frieren oder hungern müssen. Die paar Kleider und Habseligkeiten im Haus — die muss man der Schwägerin <ref>Chinesisch: 金桂</ref> überlassen, da ist nichts zu machen. Was die Diener und deren Frauen betrifft — die haben ohnehin kein Herz mehr bei der Sache; wer gehen will, den lass gehen. Nur die arme Duftkastanie tut mir leid — sie hat ihr ganzes Leben lang gelitten und sollte bei Mama bleiben. Wenn es wirklich an etwas fehlt und ich es habe, kann ich immer etwas herüberbringen; ich bin sicher, auch unser Herr [Schatzjade] hätte nichts dagegen. Selbst Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> ist ein aufrichtiges und anständiges Mädchen — wenn sie von unseren Nöten hört und Mamas Name fällt, kommen ihr sofort die Tränen. Unser Herr [Schatzjade] ahnt noch gar nichts von alldem, deshalb macht er sich keine Sorgen. Wenn er es erführe, würde es ihn halbtot vor Schreck treffen." Tante Schnee ließ sie nicht ausreden und sagte: „Mein liebes Mädchen, sag ihm bloß kein Wort davon! Wegen Fräulein Lin [Kajaljade] hat er beinahe sein Leben verloren, jetzt geht es ihm gerade etwas besser. Wenn er vor Aufregung wieder krank würde, bekämst nicht nur du eine Sorge mehr — ich hätte vollends keine Stütze mehr." Schatzspange erwiderte: „Das habe ich mir auch gedacht, deshalb habe ich ihm nichts gesagt."
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Während sie noch sprachen, kam Goldosmanthus <ref>Chinesisch: 金桂</ref> ins Vorzimmer gerannt und schrie unter Weinen: „Mein Leben ist mir gleichgültig! Mein Mann ist so gut wie tot! Jetzt machen wir einmal richtig Krach — wir marschieren alle zur Hinrichtungsstätte und liefern uns einen Kampf!" Dabei rannte sie mit dem Kopf gegen die Trennwand und stieß so heftig dagegen, dass sich ihr Haar löste und ihr wirr über die Schultern fiel. Tante Schnee war so empört, dass sie nur mit weit aufgerissenen Augen dastehen konnte, ohne ein Wort herauszubringen. Es war Schatzspanges Verdienst, dass sie „liebe Schwägerin" hin und "liebe Schwägerin" her redete und sie mit guten und schlechten Worten zu beruhigen suchte. Goldosmanthus rief: „Liebe Schwägerin, du kannst dich jetzt nicht mehr mit früher vergleichen! Ihr zwei lebt gut und glücklich miteinander. Ich bin eine alleinstehende Frau — was soll ich noch auf mein Ansehen geben?" Dabei machte sie Anstalten, auf die Straße zu rennen und zu ihrer Mutter zurückzukehren. Zum Glück waren genug Leute da, die sie festhielten und erst nach langem Zureden beruhigen konnten. Kostbarzither Schnee <ref>Chinesisch: 宝琴</ref> war so erschrocken, dass sie sich fortan nicht mehr in Goldosmanthus' Nähe wagte.
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Wenn Xue Ke <ref>Chinesisch: 薛蝌</ref> zu Hause war, schminkte Goldosmanthus sich ausgiebig, puderte die Wangen, zog die Augenbrauen nach und steckte das Haar auf verführerische Weise hoch. Dann ging sie absichtlich vor Xue Kes Gemächern auf und ab, hustete einmal demonstrativ oder fragte, obwohl sie genau wusste, dass er drinnen war, wer sich denn im Zimmer befände. Wenn sie ihm begegnete, gebärdete sie sich kokett und verführerisch, fragte ihn hier nach seiner Gesundheit und dort nach seinem Befinden, war bald fröhlich, bald schmollend. Die Mägde zogen sich eilig zurück, sobald sie sahen, was vor sich ging. Goldosmanthus selbst merkte es gar nicht — sie war mit Leib und Seele darauf bedacht, Xue Kes Gefühle zu wecken, um Schatzkrötes <ref>Chinesisch: 宝蟾</ref> Plan zum Erfolg zu verhelfen.
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Xue Ke seinerseits wich ihr nach Möglichkeit aus. Wenn er ihr doch begegnete, wagte er es nicht, unfreundlich zu sein — er fürchtete nur, dass sie eine Szene machen würde. Doch Goldosmanthus' verblendete Leidenschaft ließ sie nicht erkennen, ob Xue Kes Höflichkeit echt oder nur gespielt war — je mehr sie ihn ansah, desto mehr gefiel er ihr; je mehr sie an ihn dachte, desto mehr verfiel sie Wunschträumen. Nur eines störte sie: Sie sah, dass Xue Ke alle seine Sachen Duftkastanie zur Aufbewahrung anvertraute; das Nähen und Waschen seiner Kleidung oblag ebenfalls Duftkastanie. Wenn die beiden sich gelegentlich unterhielten und Goldosmanthus hinzukam, gingen sie hastig auseinander — da regte sich sofort die Eifersucht in ihr. Doch sie wagte es nicht, sich an Xue Ke darüber zu beklagen, aus Angst, ihn zu verärgern; so richtete sie ihren ganzen verborgenen Groll gegen Duftkastanie. Aber auch dort scheute sie sich vor einem offenen Ausbruch, weil sie befürchtete, einen Streit mit Duftkastanie würde Xue Ke gegen sie aufbringen. So hielt sie ihren Hass mühsam zurück.
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Eines Tages kam Schatzkröte <ref>Chinesisch: 宝蟾</ref> kichernd zu Goldosmanthus und sagte: „Herrin, haben Sie den zweiten Herrn [Xue Ke] gesehen?" Goldosmanthus antwortete: „Nein." Schatzkröte lachte: „Ich sagte ja, dem zweiten Herrn und seiner angeblichen Tugendhaftigkeit kann man nicht trauen. Neulich, als wir ihm Wein schickten, sagte er, er könne nicht trinken. Eben aber habe ich ihn bei der gnädigen Frau [Tante Schnee] hereingehen sehen — mit puterrotem Gesicht und nach Alkohol riechend. Wenn die Herrin mir nicht glaubt, warten Sie einfach vor unserem Hoftor auf ihn. Er wird von dort vorbeikommen — die Herrin kann ihn anhalten und fragen. Mal sehen, was er dann sagt." Goldosmanthus war verärgert und erwiderte: „Er wird jetzt bestimmt noch nicht herauskommen! Wenn er ohnehin kein Interesse hat, wozu soll ich ihn dann fragen?" Schatzkröte sagte: „Da ist die Herrin wieder einmal zu umständlich. Wenn er sich freundlich zeigt, können wir weitersehen; wenn nicht, denken wir uns etwas anderes aus." Goldosmanthus fand, das klang vernünftig, und befahl: „Pass auf, ob er herauskommt." Schatzkröte ging hinaus, um Ausschau zu halten.
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Goldosmanthus öffnete ihren Schminkkasten, warf noch einen Blick in den Spiegel und trug etwas Lippenstift auf. Dann nahm sie ein geblümtes Seidentuch und wollte schon hinausgehen, doch es war, als hätte sie etwas vergessen — sie wusste gar nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Da hörte sie Schatzkröte draußen sagen: „Zweiter Herr, Sie sind heute ja guter Laune! Wo haben Sie denn Wein getrunken?" Goldosmanthus verstand sofort, dass dies das Zeichen war, und hob rasch den Vorhang, um hinauszutreten. Sie sah, wie Xue Ke zu Schatzkröte sagte: „Heute ist der Festtag des Geschäftsführers Zhang <ref>Chinesisch: 张大爷</ref>. Die haben mich so genötigt, dass ich einen halben Becher getrunken habe — mein Gesicht brennt immer noch." Bevor er den Satz beendet hatte, fiel Goldosmanthus ihm ins Wort: „Natürlich — der Wein fremder Leute schmeckt wohl besser als der eigene." Xue Ke wurde durch diese spitze Bemerkung noch röter im Gesicht, trat rasch einen Schritt näher und sagte mit verlegenem Lächeln: „Schwägerin, wie kommt Ihr auf so etwas?" Als Schatzkröte sah, dass die beiden im Gespräch waren, verschwand sie ins Innere.
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Goldosmanthus hatte ursprünglich vorgehabt, Xue Ke zum Schein ein paar Vorwürfe zu machen. Doch als sie seine leicht geröteten Wangen und seine schläfrig glänzenden Augen sah, die etwas Schüchternes und Rührendes hatten, war ihr ganzer hochfahrender Trotz mit einem Mal wie ins ferne Land Java <ref>Chinesisch: 爪洼国</ref> entschwunden. Sie lächelte und sagte: „So, du trinkst also nur, wenn man dich regelrecht zwingt?" Xue Ke antwortete: „Ich kann wirklich nicht trinken." Goldosmanthus sagte: „Umso besser. Dann ist es nicht wie bei deinem Vetter [Becken Schnee], der sich durch Trinken solchen Ärger einhandelt. Wenn du später einmal heiratest, muss deine Frau wenigstens nicht wie ich als lebende Witwe in Einsamkeit schmachten!" Bei diesen Worten schielten ihre Augen bereits begehrlich zu ihm hinüber, und ihre Wangen überzog ein Rot. Xue Ke merkte, dass das Gespräch eine zunehmend anstößige Wendung nahm, und machte Anstalten zu gehen. Goldosmanthus durchschaute seine Absicht und ließ es nicht zu — sie war bereits zu ihm gesprungen und hatte ihn fest gepackt. Xue Ke rief erschrocken: „Schwägerin, wahrt den Anstand!" Dabei zitterte er am ganzen Leib. Goldosmanthus jedoch warf alle Scham über Bord und sagte: „Komm einfach herein, ich muss dir etwas Wichtiges sagen."
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Gerade in diesem kritischen Augenblick rief eine Stimme hinter ihr: „Herrin, Duftkastanie kommt!" Goldosmanthus erschrak heftig. Sie drehte sich um und sah Schatzkröte, die den Vorhang gelüftet hatte, um die beiden zu beobachten. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie Duftkastanie, die von der anderen Seite herankam, und warnte sofort Goldosmanthus. Das war ein gewaltiger Schreck für Goldosmanthus — ihre Hand lockerte sich unwillkürlich, und Xue Ke nutzte die Gelegenheit und rannte davon. Duftkastanie ihrerseits war einfach ihres Weges gegangen und hatte nichts bemerkt, bis sie Schatzkrötes Ruf hörte. Erst dann blickte sie auf und sah, wie Goldosmanthus Xue Ke festhielt und ihn mit Gewalt ins Haus zu zerren versuchte. Duftkastanie erschrak so sehr, dass ihr Herz zu rasen begann; sie wandte sich sofort um und ging eilig zurück. Goldosmanthus aber stand da, halb vor Schreck, halb vor Zorn erstarrt, und starrte Xue Ke nach, der davonlief. Nach langem Verharren stieß sie einen wütenden Laut aus und kehrte enttäuscht in ihre Gemächer zurück. Von diesem Tag an hasste sie Duftkastanie bis ins Mark. Duftkastanie war eigentlich auf dem Weg zu Kostbarzither Schnee <ref>Chinesisch: 宝琴</ref> gewesen; als sie am Durchgangstor das Geschehen erblickte, war sie erschrocken zurückgelaufen.
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An jenem Tag befand sich Schatzspange in den Gemächern der Herzoginmutter und hörte, wie Frau König der alten Herzoginmutter von der geplanten Verlobung Erkundefrühlings <ref>Chinesisch: 探春</ref> berichtete. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn der junge Mann auch aus unserer Heimatprovinz <ref>Chinesisch: 金陵</ref> stammt, ist das sehr schön. Nur habe ich gehört, dass er schon einmal bei uns zu Besuch war — warum hat dein Herr [Aufrecht Kaufmann] ihn damals nie erwähnt?" Frau König erwiderte: „Selbst wir wussten nichts davon." Die Herzoginmutter sagte: „An sich ist es gut, nur liegt es gar zu weit weg. Solange der Herr noch dort im Amt ist, geht es ja. Aber wenn er einmal versetzt wird, steht unser Kind dann nicht ganz allein da?" Frau König antwortete: „Beide Familien sind Beamtenfamilien — da kann man nie wissen. Vielleicht wird der andere noch in die Hauptstadt versetzt; wenn nicht, so heißt es doch: ‚Das fallende Laub kehrt zur Wurzel zurück.' <ref>Chinesisch: 叶落归根</ref> Außerdem — wo der Herr dort Beamter ist und sein Vorgesetzter das selbst vorgeschlagen hat — wie könnte man da ablehnen? Ich denke, der Herr hat sich bereits entschieden und hat nur deshalb jemanden geschickt, um die Zustimmung der alten Herzoginmutter einzuholen." Die Herzoginmutter sagte: „Wenn ihr beide einverstanden seid, ist es gut. Nur macht es mich traurig: Wenn das dritte Fräulein einmal fort ist, kann es zwei oder drei Jahre dauern, bis sie zurückkehrt. Wenn es noch länger dauert, fürchte ich, werde ich nicht mehr leben, um sie wiederzusehen." Dabei kamen ihr die Tränen.
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Frau König sagte: „Wenn die Töchter erwachsen sind, müssen sie früher oder später verheiratet werden. Selbst wenn der Ehemann aus dem Ort wäre — es sei denn, er wäre kein Beamter –, wer könnte garantieren, dass sie immer beieinander blieben? Wichtig ist nur, dass die Kinder ihr Glück finden. Nehmen wir Fräulein Willkommensfrühling <ref>Chinesisch: 迎春</ref> als Beispiel — die hat ja ganz in der Nähe geheiratet, und dennoch hört man ständig, dass sie von ihrem Mann geschlagen wird und nicht einmal genug zu essen bekommt. Was wir ihr schicken, bekommt sie nicht einmal zu sehen. In letzter Zeit heißt es, es werde sogar noch schlimmer, und er lässt sie auch nicht nach Hause kommen. Wenn die beiden sich streiten, behauptet er, wir hätten sein Geld benutzt. Das arme Kind hat keinen einzigen Tag des Glücks! Vor kurzem habe ich an sie gedacht und Dienerinnen geschickt, nach ihr zu sehen. Willkommensfrühling versteckte sich in einer Kammer und wollte nicht herauskommen. Die Frauen bestanden darauf hineinzugehen, und fanden sie in dieser bitteren Kälte in ein paar abgetragenen alten Kleidern. Unter Tränen sagte sie: ‚Berichtet zu Hause nicht, wie elend es mir geht — es ist mein Schicksal, das mir das eingebracht hat. Schickt mir auch keine Kleider oder Sachen mehr; nicht nur bekomme ich nichts davon, sondern ich beziehe dafür obendrein noch Prügel, weil er behauptet, ich hätte mich beschwert.' Mutter, bedenke: Das ist es, was es heißt, in der Nähe zu sein und das Elend mit eigenen Augen sehen zu müssen — ist das nicht noch schwerer zu ertragen? Die Schwiegermutter kümmert sich nicht, und der Schwiegervater weigert sich einzugreifen. Heute ist Fräulein Willkommensfrühling schlechter dran als unsere niedrigste Magd. Was Erkundefrühling betrifft — sie ist zwar nicht meine leibliche Tochter, aber da der Herr den jungen Mann offenbar selbst gesehen hat, wird er sie gewiss nur an jemanden Tüchtigen vergeben. Ich bitte die alte Herzoginmutter um ihre Weisung: Wählen wir einen günstigen Tag, stellen ein angemessenes Geleit zusammen und schicken sie zum Amtssitz des Herrn. Was dort zu tun ist, wird der Herr schon nicht nachlässig betreiben." Die Herzoginmutter sagte: „Da der Vater die Entscheidung getroffen hat, richte du alles Nötige her. Wähle einen günstigen Reisetag und schicke sie los — damit ist die Sache erledigt." Frau König antwortete: „Ja, Mutter."
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Schatzspange hörte alles deutlich mit an und wagte keinen Laut, doch in ihrem Herzen klagte sie: „Von unseren Fräuleins gilt Erkundefrühling als die Klügste und Fähigste, und nun soll sie auch noch in die Ferne verheiratet werden. Es werden von Tag zu Tag weniger hier." Als sie sah, dass Frau König sich erhob und sich verabschiedete, begleitete sie sie hinaus und kehrte dann geradewegs in ihre eigenen Gemächer zurück. Schatzjade sagte sie nichts davon. Als sie Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> allein beim Nähen fand, erzählte sie ihr, was sie gehört hatte. Auch Dufthauch war sehr betrübt darüber.
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Die Nebenfrau Zhao <ref>Chinesisch: 赵姨娘</ref> hingegen freute sich, als sie von Erkundefrühlings Verlobung erfuhr, und dachte bei sich: „Dieses Mädchen hat mich zu Hause immer verachtet. War ich denn je eine Mutter für sie? Schlimmer als eine ihrer Mägde hat sie mich behandelt! Obendrein hat sie sich immer bei den anderen eingeschmeichelt und auf deren Seite geschlagen. Solange sie mir im Weg steht, kommt selbst Unheil <ref>Chinesisch: 贾环</ref> nie zum Zug. Jetzt, wo der Vater sie zu sich holt, bin ich sie endlich los. Dass sie mich respektvoll behandelt — darauf kann ich sowieso nicht hoffen. Ich wünsche ihr nur, dass es ihr genauso ergeht wie Fräulein Willkommensfrühling. Dann hätte ich wenigstens diese Genugtuung."
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So denkend eilte sie zu Erkundefrühlings Gemächern und gratulierte ihr: „Fräulein, Sie sind bestimmt zu Höherem berufen! Bei Ihrem Verlobten wird natürlich alles besser sein als hier — ich denke, Sie freuen sich darüber. Ich habe Sie so viele Jahre großgezogen und nie auch nur den geringsten Vorteil von Ihnen gehabt. Selbst wenn ich zu sieben Zehnteln schlecht war, so gab es doch drei Zehntel Gutes an mir. Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie fort sind." Erkundefrühling fand diese Worte völlig abwegig und hielt schweigend den Kopf über ihre Nadelarbeit gesenkt, ohne ein einziges Wort zu erwidern. Nebenfrau Zhao sah sich missachtet, ärgerte sich und ging davon.
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Erkundefrühling ihrerseits war gleichermaßen zornig, belustigt und verletzt über das Verhalten ihrer Mutter und vergoss still ein paar Tränen. Nachdem sie eine Weile dagesessen hatte, ging sie bedrückt hinüber zu Schatzjade.
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Schatzjade fragte sie: „Dritte Schwester, als Kusine Dai starb — ich habe gehört, du warst dabei. Man hat mir erzählt, dass in der Ferne Musik zu hören war, als sie starb. Vielleicht hatte sie ja eine besondere Herkunft, wer weiß." Erkundefrühling lächelte: „Das denkst du dir wohl so. Allerdings war es in jener Nacht tatsächlich merkwürdig — die Musik klang nicht wie gewöhnliche Klänge. Vielleicht hast du recht." Als Schatzjade das hörte, war er umso überzeugter. Er erinnerte sich, dass ihm jemand während seiner geistigen Verwirrung vor einiger Zeit erschienen war und gesagt hatte, Kajaljade sei nicht wie gewöhnliche Menschen geboren und nicht wie gewöhnliche Geister gestorben — gewiss eine Himmelsfee, die auf Erden geweilt hatte. Dann dachte er an jene Theateraufführung vor Jahren, in der die Mondgöttin Chang'e <ref>Chinesisch: 嫦娥</ref> dargestellt worden war — so schwebend, so bezaubernd, was für eine überirdische Anmut!
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Nach einer Weile ging Erkundefrühling wieder. Schatzjade wollte unbedingt Purpurkuckuck <ref>Chinesisch: 紫鹃</ref> in seiner Nähe haben und bat sogleich die Herzoginmutter, sie herüberschicken zu lassen. Purpurkuckuck war im Herzen nicht gewillt, doch da die Herzoginmutter und Frau König sie abgestellt hatten, konnte sie sich nicht widersetzen. Bei Schatzjade war sie jedoch ständig am Seufzen und Stöhnen. Hinter dem Rücken der anderen nahm Schatzjade sie beiseite und fragte demütig nach Kajaljade. Doch Purpurkuckuck gab ihm nie eine freundliche Antwort. Schatzspange tadelte sie deswegen nicht, sondern lobte sie im Gegenteil insgeheim für ihre Treue.
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Was Schneegans <ref>Chinesisch: 雪雁</ref> betraf — obwohl sie in der Hochzeitsnacht durchaus ihren Beitrag geleistet hatte, hielt Schatzjade sie für etwas einfältig. Er bat die Herzoginmutter und Frau König, sie mit einem Pagen zu verheiraten, damit sie ihr eigenes Leben führen konnte. Die Amme Wang <ref>Chinesisch: 王奶妈</ref> wurde weiter versorgt, damit sie zu gegebener Zeit Kajaljades Sarg in den Süden begleiten konnte. Papagei <ref>Chinesisch: 鹦哥</ref> und die anderen kleinen Mägde blieben weiterhin bei der Herzoginmutter im Dienst.
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Schatzjade sehnte sich nach Kajaljade. Von diesem Gedanken ging er zum nächsten über und dachte daran, dass die Menschen, die Kajaljade umgeben hatten, nun wie Wolken zerstreut waren. Das machte ihn noch bedrückter. Als er keinen Ausweg mehr aus seiner Trübsal fand, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass Kajaljades Tod so klar und gefasst gewesen war — sie musste gewiss eine Unsterbliche sein, die in ihre himmlische Heimat zurückgekehrt war. Dieser Gedanke stimmte ihn unerwartet fröhlich.
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Doch plötzlich hörte er, wie Dufthauch und Schatzspange nebenan über Erkundefrühlings bevorstehende Hochzeitsreise sprachen. „Ach!" rief Schatzjade und sank weinend auf das Ofenbett. Schatzspange und Dufthauch eilten erschrocken herbei und richteten ihn auf: „Was ist denn los?" Aber Schatzjade war schon so verweint, dass er kein Wort herausbrachte. Nachdem er sich eine Weile gefasst hatte, sagte er: „Das ist nicht mehr auszuhalten! Meine Schwestern gehen eine nach der anderen fort: Kusine Dai ist als Unsterbliche in den Himmel zurückgekehrt; die älteste Schwester ist gestorben — das mag noch angehen, denn wir sahen uns ohnehin nicht täglich; die zweite Schwester [Willkommensfrühling] ist an so einen unmöglichen Wüstling geraten; die dritte Schwester soll nun in die Ferne verheiratet werden, und wir werden uns nie mehr sehen; Schwester Geschichte <ref>Chinesisch: 史湘云</ref> — wer weiß, wohin es sie verschlägt; Schwester Schnee ist bereits verlobt. Keine einzige meiner Schwestern und Kusinen bleibt zu Hause — wozu lässt man mich dann allein hier?"
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Dufthauch versuchte sofort, ihn mit guten Worten zu beruhigen. Doch Schatzspange winkte ab und sagte: „Lass nur, du brauchst ihm nicht zuzureden. Ich werde ihn fragen." Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du eigentlich? Sollen all diese Schwestern und Kusinen hier bleiben und dich begleiten, bis du alt und grau bist, ohne je an ihre eigene Zukunft zu denken? Von anderen will ich gar nicht reden — aber wenn es um deine eigene Schwester geht: Selbst wenn sie nicht in die Ferne verheiratet würde — wenn der Vater es so bestimmt hat, was könntest du denn tun? Meinst du, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der seine Schwestern liebt? Wenn alle so denken würden wie du, dann könnte auch ich nicht mehr hier bei dir bleiben. Im Allgemeinen studiert man die Bücher, um Vernunft zu erlernen — wie kommt es, dass du mit zunehmendem Studium immer verwirrter wirst? Wenn du es so haben willst, können Dufthauch und ich jede auf ihre Seite gehen, und du lädst dir all deine Schwestern ein, damit sie sich um dich kümmern."
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Schatzjade ergriff mit beiden Händen Schatzspange und Dufthauch und sagte: „Ich weiß ja, dass ihr recht habt. Aber warum müssen sie alle so früh fortgehen? Wenn sie erst gingen, nachdem ich zu Asche geworden bin, wäre es doch auch nicht zu spät." Dufthauch hielt ihm den Mund zu: „Schon wieder so ein unsinniges Gerede! Gerade erst geht es Ihnen etwas besser, die gnädige Frau isst gerade wieder ein wenig — wenn Sie jetzt wieder alles durcheinanderbringen, kümmere ich mich auch nicht mehr!" Schatzjade hörte, dass beide etwas Vernünftiges sagten, konnte aber in seinem Herzen einfach keinen Frieden finden, und sagte nur: „Ich verstehe ja alles, nur mein Herz will einfach keine Ruhe geben." Schatzspange beachtete ihn nicht weiter und gab Dufthauch heimlich zu verstehen, ihm schnell seine Beruhigungspillen zu geben und ihn allmählich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
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Dufthauch wollte Erkundefrühling Bescheid geben, sie solle vor der Abreise nicht mehr persönlich Abschied nehmen. Schatzspange sagte: „Das ist doch nicht nötig. Wenn er sich in ein paar Tagen beruhigt hat und wieder klar denkt, wäre es sogar gut, die beiden noch einmal ausgiebig miteinander reden zu lassen. Die dritte Schwester ist ein äußerst verständiger Mensch und nicht jemand, der anderen etwas vorspielt. Sie wird ihm sicher ein paar ernste Worte mit auf den Weg geben, und danach wird er nicht mehr so sein."
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Gerade als sie so sprachen, schickte die Herzoginmutter Mandarinenente <ref>Chinesisch: 鸳鸯</ref> herüber mit der Nachricht, sie habe gehört, dass Schatzjades alte Krankheit wieder aufgeflammt sei. Dufthauch solle ihn trösten und beruhigen und dürfe ihn nicht grübeln lassen. Dufthauch und die anderen versicherten es. Mandarinenente blieb ein Weilchen sitzen und ging dann wieder.
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Die Herzoginmutter dachte auch an Erkundefrühlings bevorstehende Abreise. Obwohl die Aussteuer nicht in vollem Umfang mitgegeben werden konnte, musste dennoch alles Notwendige vorbereitet werden. Sie ließ Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> rufen, berichtete ihr von Aufrecht Kaufmanns Entschluss und beauftragte sie mit der Planung. Phönixglanz übernahm die Aufgabe.
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Wie sie das bewerkstelligte, davon erzählt das nächste Kapitel.
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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Kapitel 100 Duftkastanie durchkreuzt eine Verführung und erntet tiefen Hass Schatzjade trauert über eine Fernheirat und empfindet den Schmerz des Abschieds

Es wird erzählt, dass Aufrecht Kaufmann [1] den Generalgouverneur aufsuchte. Er war bereits eine halbe Ewigkeit drinnen, ohne wieder herauszukommen, und draußen wurde allerhand spekuliert. Li Zehnter [2] konnte draußen auch nichts in Erfahrung bringen und dachte mit Sorge an die in der Amtszeitung gemeldete Affäre mit Becken Schnee [3]. Endlich hörte er, dass Aufrecht Kaufmann herauskam, eilte ihm entgegen und folgte ihm. Ohne abwarten zu können, bis sie zu Hause wären, fragte er ihn, sobald sie einen ruhigen Ort erreicht hatten: „Herr, Sie waren so lange drinnen — ging es um etwas Dringendes?" Aufrecht Kaufmann lächelte: „Es war eigentlich nichts Besonderes. Der Kommandant von Zhenhai [4] ist ein Verwandter des Generalgouverneurs, und er hatte ihm geschrieben mit der Bitte, sich um mich zu kümmern. Deshalb sagte er mir einige freundliche Worte. Er meinte sogar, wir seien jetzt ebenfalls verwandt." Li Zehnter freute sich innerlich darüber, fühlte sich dadurch ermutigt und drängte Aufrecht Kaufmann begeistert, der Heiratsverbindung zuzustimmen.

Aufrecht Kaufmann dachte bei sich: „Was die Sache mit Becken Schnee betrifft — ob sie mich irgendwie belastet, lässt sich von hier draußen, wo die Nachrichten so schlecht durchkommen, schwer herausfinden und noch schwerer in die richtigen Bahnen lenken." So kehrte er zu seinem eigenen Amtssitz zurück und schickte einen Bediensteten nach Peking, um Erkundigungen einzuziehen. Gleichzeitig ließ er der Herzoginmutter [5] das Heiratsangebot des Generalgouverneurs mitteilen: Falls sie einverstanden sei, solle die dritte junge Dame zu seinem Amtssitz gebracht werden.

Der Bedienstete folgte dem Befehl und eilte in die Hauptstadt, wo er zuerst Frau König [6] Bericht erstattete. Dann erkundigte er sich beim Beamtenministerium [7] und erfuhr, dass gegen Aufrecht Kaufmann keine Strafe verhängt worden war; nur der kommissarische Magistrat des Kreises Taiping war seines Amtes enthoben worden. Er schrieb einen beruhigenden Brief an Aufrecht Kaufmann und blieb in der Hauptstadt, um auf weitere Nachrichten zu warten.

Unterdessen hatte Tante Schnee [8] wegen Becken Schnees Totschlagsprozess bei den verschiedenen Behörden unzählige Summen Geldes aufgewandt, um das Urteil auf „Tötung durch Unfall" herabstufen zu lassen. Sie hatte vorgehabt, eines der Pfandhäuser zu verkaufen und mit dem Erlös die Strafe freizukaufen. Doch das Strafministerium [9] verwarf das Urteil bei der Überprüfung. Erneut wurden Leute beauftragt, viel Geld auszugeben, doch alles war vergeblich — das Urteil lautete weiterhin auf Tod, und er blieb im Gefängnis, um die große Herbstverhandlung abzuwarten. Tante Schnee war gleichermaßen zornig und schmerzerfüllt und weinte Tag und Nacht.

Schatzspange [10] kam häufig vorbei, um sie zu trösten. Sie sagte: „Bruder hatte von Anfang an kein Glück. Er hat das gesamte Vermögen vom Großvater geerbt und hätte ruhig und friedlich davon leben sollen. Schon im Süden hat er sich unmöglich benommen — allein die Geschichte mit Duftkastanie [11] war ungeheuerlich. Nur weil er sich auf die Macht unserer Verwandten stützen konnte und einiges Geld ausgab, kam er damit davon, einen jungen Mann totgeschlagen zu haben. Danach hätte Bruder sich ändern und ein anständiger Mensch werden sollen, er hätte seine Mutter versorgen müssen. Aber kaum war er in der Hauptstadt, ging es genauso weiter. Mama, wie viel Kränkungen hast du seinetwegen erdulden müssen, wie viele Tränen hast du vergossen! Wir haben ihm eine Frau genommen, in der Hoffnung, dass nun alle in Ruhe und Frieden leben könnten. Doch das Schicksal wollte es anders — ausgerechnet die Schwägerin, die er heiratete, war auch eine Unruhestifterin, sodass Bruder vor ihr aus dem Haus floh. Wie das Sprichwort so wahr sagt: ‚Wer viele Feinde hat, trifft sie auf schmalem Pfad' [12] — nach wenigen Tagen gab es schon einen Toten. Mama und der zweite Vetter [Xue Ke] haben wirklich alles in ihrer Macht Stehende getan: Nicht nur haben sie Geld ausgegeben, sondern sie haben auch überall um Hilfe gebeten und sich den Kopf zerbrochen. Doch gegen das Schicksal kommt man nicht an, es ist letztlich selbst verschuldet. Im Allgemeinen zieht man Kinder auf, damit man im Alter jemanden hat, auf den man sich stützen kann. Selbst in den ärmsten Familien bemüht sich ein Sohn, seiner Mutter wenigstens eine Schale Reis zu beschaffen. Wo gibt es so jemanden, der das vorhandene Vermögen durchbringt und obendrein die alten Eltern zum Verzweifeln bringt? Ich will es nicht aussprechen, aber Bruders Verhalten — das ist nicht das eines Sohnes, das ist das eines Widersachers. Wenn Mama das immer noch nicht einsieht und von morgens bis abends und von abends bis morgens weint und dann auch noch die Wutanfälle der Schwägerin erduldet — ich kann ja nicht ständig hier sein und trösten. Wenn ich Mama in diesem Zustand sehe, wie soll ich da in Ruhe sein? Schatzjade [13] — so begriffsstutzig er auch sein mag — würde mich nie zurückgehen lassen. Vor einigen Tagen schickte der Herr [Aufrecht Kaufmann] jemanden mit der Nachricht, er sei beim Lesen der Amtszeitung erschrocken und habe daher Leute geschickt, um die Sache zu regeln. Wie man sieht, machen sich nicht wenige Leute Sorgen wegen Bruders Skandal. Ein Glück, dass ich wenigstens in der Nähe bin, als wäre ich direkt bei dir. Wenn ich fern von der Heimat wäre und von alldem hörte, würde ich mich vor Sorge um Mama zu Tode grämen. Ich bitte Mama, sich erst einmal etwas zu erholen. Solange Bruder noch am Leben ist, sollten wir die verschiedenen Geschäftskonten durchsehen. Was andere uns schulden und was wir anderen schulden — man sollte einen alten Mitarbeiter bitten, einmal durchzurechnen, und sehen, wie viel Geld noch übrig ist."

Tante Schnee sagte weinend: „In den letzten Tagen waren wir so beschäftigt mit den Angelegenheiten deines Bruders. Jedes Mal, wenn du kamst, hast du entweder mich getröstet oder ich habe dir die Neuigkeiten von den Behörden erzählt. Du weißt noch gar nicht das Schlimmste: Der Name unserer Familie ist aus dem Register der Hofhändler [14] gestrichen worden. Zwei Pfandhäuser sind bereits an andere übergegangen, und das Geld ist längst aufgebraucht. Beim dritten Pfandhaus ist der Geschäftsführer geflohen und hat einen Fehlbetrag von mehreren tausend Taels hinterlassen — auch darum führen wir noch einen Prozess. Dein Vetter Ke [15] ist jeden Tag unterwegs, um Geld einzutreiben. Die Schulden in der Hauptstadt belaufen sich bereits auf Zehntausende von Taels; wir müssten den Anteil am Grundbesitz und das Wohnhaus im Süden verkaufen, damit es reicht. Vor zwei Tagen habe ich sogar ein beunruhigendes Gerücht gehört, dass auch das gemeinsame Pfandhaus [16] im Süden Verluste gemacht habe und geschlossen worden sei. Wenn das wahr ist, kann deine Mutter nicht mehr weiterleben!" Dabei brach sie erneut in lautes Weinen aus.

Schatzspange weinte ebenfalls und versuchte zu trösten: „Was die Finanzen angeht, Mama, nützt es nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen — der zweite Vetter kümmert sich darum. Was mich empört, sind diese Angestellten: Kaum sehen sie, dass es mit unserer Familie bergab geht, suchen sie sich alle ihr eigenes Heil — das wäre ja noch hinnehmbar. Aber ich habe gehört, dass manche sogar Außenstehenden helfen, uns auszuplündern. Daran sieht man, was für Leute mein Bruder sein Leben lang um sich versammelt hat — nichts als Zechkumpane, von denen in der Not kein einziger da ist. Wenn Mama mich liebt, dann höre auf meinen Rat: In deinem Alter solltest du auf dich selbst achten. Du wirst in deinem ganzen Leben wohl nicht frieren oder hungern müssen. Die paar Kleider und Habseligkeiten im Haus — die muss man der Schwägerin [17] überlassen, da ist nichts zu machen. Was die Diener und deren Frauen betrifft — die haben ohnehin kein Herz mehr bei der Sache; wer gehen will, den lass gehen. Nur die arme Duftkastanie tut mir leid — sie hat ihr ganzes Leben lang gelitten und sollte bei Mama bleiben. Wenn es wirklich an etwas fehlt und ich es habe, kann ich immer etwas herüberbringen; ich bin sicher, auch unser Herr [Schatzjade] hätte nichts dagegen. Selbst Dufthauch [18] ist ein aufrichtiges und anständiges Mädchen — wenn sie von unseren Nöten hört und Mamas Name fällt, kommen ihr sofort die Tränen. Unser Herr [Schatzjade] ahnt noch gar nichts von alldem, deshalb macht er sich keine Sorgen. Wenn er es erführe, würde es ihn halbtot vor Schreck treffen." Tante Schnee ließ sie nicht ausreden und sagte: „Mein liebes Mädchen, sag ihm bloß kein Wort davon! Wegen Fräulein Lin [Kajaljade] hat er beinahe sein Leben verloren, jetzt geht es ihm gerade etwas besser. Wenn er vor Aufregung wieder krank würde, bekämst nicht nur du eine Sorge mehr — ich hätte vollends keine Stütze mehr." Schatzspange erwiderte: „Das habe ich mir auch gedacht, deshalb habe ich ihm nichts gesagt."

Während sie noch sprachen, kam Goldosmanthus [19] ins Vorzimmer gerannt und schrie unter Weinen: „Mein Leben ist mir gleichgültig! Mein Mann ist so gut wie tot! Jetzt machen wir einmal richtig Krach — wir marschieren alle zur Hinrichtungsstätte und liefern uns einen Kampf!" Dabei rannte sie mit dem Kopf gegen die Trennwand und stieß so heftig dagegen, dass sich ihr Haar löste und ihr wirr über die Schultern fiel. Tante Schnee war so empört, dass sie nur mit weit aufgerissenen Augen dastehen konnte, ohne ein Wort herauszubringen. Es war Schatzspanges Verdienst, dass sie „liebe Schwägerin" hin und "liebe Schwägerin" her redete und sie mit guten und schlechten Worten zu beruhigen suchte. Goldosmanthus rief: „Liebe Schwägerin, du kannst dich jetzt nicht mehr mit früher vergleichen! Ihr zwei lebt gut und glücklich miteinander. Ich bin eine alleinstehende Frau — was soll ich noch auf mein Ansehen geben?" Dabei machte sie Anstalten, auf die Straße zu rennen und zu ihrer Mutter zurückzukehren. Zum Glück waren genug Leute da, die sie festhielten und erst nach langem Zureden beruhigen konnten. Kostbarzither Schnee [20] war so erschrocken, dass sie sich fortan nicht mehr in Goldosmanthus' Nähe wagte.

Wenn Xue Ke [21] zu Hause war, schminkte Goldosmanthus sich ausgiebig, puderte die Wangen, zog die Augenbrauen nach und steckte das Haar auf verführerische Weise hoch. Dann ging sie absichtlich vor Xue Kes Gemächern auf und ab, hustete einmal demonstrativ oder fragte, obwohl sie genau wusste, dass er drinnen war, wer sich denn im Zimmer befände. Wenn sie ihm begegnete, gebärdete sie sich kokett und verführerisch, fragte ihn hier nach seiner Gesundheit und dort nach seinem Befinden, war bald fröhlich, bald schmollend. Die Mägde zogen sich eilig zurück, sobald sie sahen, was vor sich ging. Goldosmanthus selbst merkte es gar nicht — sie war mit Leib und Seele darauf bedacht, Xue Kes Gefühle zu wecken, um Schatzkrötes [22] Plan zum Erfolg zu verhelfen.

Xue Ke seinerseits wich ihr nach Möglichkeit aus. Wenn er ihr doch begegnete, wagte er es nicht, unfreundlich zu sein — er fürchtete nur, dass sie eine Szene machen würde. Doch Goldosmanthus' verblendete Leidenschaft ließ sie nicht erkennen, ob Xue Kes Höflichkeit echt oder nur gespielt war — je mehr sie ihn ansah, desto mehr gefiel er ihr; je mehr sie an ihn dachte, desto mehr verfiel sie Wunschträumen. Nur eines störte sie: Sie sah, dass Xue Ke alle seine Sachen Duftkastanie zur Aufbewahrung anvertraute; das Nähen und Waschen seiner Kleidung oblag ebenfalls Duftkastanie. Wenn die beiden sich gelegentlich unterhielten und Goldosmanthus hinzukam, gingen sie hastig auseinander — da regte sich sofort die Eifersucht in ihr. Doch sie wagte es nicht, sich an Xue Ke darüber zu beklagen, aus Angst, ihn zu verärgern; so richtete sie ihren ganzen verborgenen Groll gegen Duftkastanie. Aber auch dort scheute sie sich vor einem offenen Ausbruch, weil sie befürchtete, einen Streit mit Duftkastanie würde Xue Ke gegen sie aufbringen. So hielt sie ihren Hass mühsam zurück.

Eines Tages kam Schatzkröte [23] kichernd zu Goldosmanthus und sagte: „Herrin, haben Sie den zweiten Herrn [Xue Ke] gesehen?" Goldosmanthus antwortete: „Nein." Schatzkröte lachte: „Ich sagte ja, dem zweiten Herrn und seiner angeblichen Tugendhaftigkeit kann man nicht trauen. Neulich, als wir ihm Wein schickten, sagte er, er könne nicht trinken. Eben aber habe ich ihn bei der gnädigen Frau [Tante Schnee] hereingehen sehen — mit puterrotem Gesicht und nach Alkohol riechend. Wenn die Herrin mir nicht glaubt, warten Sie einfach vor unserem Hoftor auf ihn. Er wird von dort vorbeikommen — die Herrin kann ihn anhalten und fragen. Mal sehen, was er dann sagt." Goldosmanthus war verärgert und erwiderte: „Er wird jetzt bestimmt noch nicht herauskommen! Wenn er ohnehin kein Interesse hat, wozu soll ich ihn dann fragen?" Schatzkröte sagte: „Da ist die Herrin wieder einmal zu umständlich. Wenn er sich freundlich zeigt, können wir weitersehen; wenn nicht, denken wir uns etwas anderes aus." Goldosmanthus fand, das klang vernünftig, und befahl: „Pass auf, ob er herauskommt." Schatzkröte ging hinaus, um Ausschau zu halten.

Goldosmanthus öffnete ihren Schminkkasten, warf noch einen Blick in den Spiegel und trug etwas Lippenstift auf. Dann nahm sie ein geblümtes Seidentuch und wollte schon hinausgehen, doch es war, als hätte sie etwas vergessen — sie wusste gar nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Da hörte sie Schatzkröte draußen sagen: „Zweiter Herr, Sie sind heute ja guter Laune! Wo haben Sie denn Wein getrunken?" Goldosmanthus verstand sofort, dass dies das Zeichen war, und hob rasch den Vorhang, um hinauszutreten. Sie sah, wie Xue Ke zu Schatzkröte sagte: „Heute ist der Festtag des Geschäftsführers Zhang [24]. Die haben mich so genötigt, dass ich einen halben Becher getrunken habe — mein Gesicht brennt immer noch." Bevor er den Satz beendet hatte, fiel Goldosmanthus ihm ins Wort: „Natürlich — der Wein fremder Leute schmeckt wohl besser als der eigene." Xue Ke wurde durch diese spitze Bemerkung noch röter im Gesicht, trat rasch einen Schritt näher und sagte mit verlegenem Lächeln: „Schwägerin, wie kommt Ihr auf so etwas?" Als Schatzkröte sah, dass die beiden im Gespräch waren, verschwand sie ins Innere.

Goldosmanthus hatte ursprünglich vorgehabt, Xue Ke zum Schein ein paar Vorwürfe zu machen. Doch als sie seine leicht geröteten Wangen und seine schläfrig glänzenden Augen sah, die etwas Schüchternes und Rührendes hatten, war ihr ganzer hochfahrender Trotz mit einem Mal wie ins ferne Land Java [25] entschwunden. Sie lächelte und sagte: „So, du trinkst also nur, wenn man dich regelrecht zwingt?" Xue Ke antwortete: „Ich kann wirklich nicht trinken." Goldosmanthus sagte: „Umso besser. Dann ist es nicht wie bei deinem Vetter [Becken Schnee], der sich durch Trinken solchen Ärger einhandelt. Wenn du später einmal heiratest, muss deine Frau wenigstens nicht wie ich als lebende Witwe in Einsamkeit schmachten!" Bei diesen Worten schielten ihre Augen bereits begehrlich zu ihm hinüber, und ihre Wangen überzog ein Rot. Xue Ke merkte, dass das Gespräch eine zunehmend anstößige Wendung nahm, und machte Anstalten zu gehen. Goldosmanthus durchschaute seine Absicht und ließ es nicht zu — sie war bereits zu ihm gesprungen und hatte ihn fest gepackt. Xue Ke rief erschrocken: „Schwägerin, wahrt den Anstand!" Dabei zitterte er am ganzen Leib. Goldosmanthus jedoch warf alle Scham über Bord und sagte: „Komm einfach herein, ich muss dir etwas Wichtiges sagen."

Gerade in diesem kritischen Augenblick rief eine Stimme hinter ihr: „Herrin, Duftkastanie kommt!" Goldosmanthus erschrak heftig. Sie drehte sich um und sah Schatzkröte, die den Vorhang gelüftet hatte, um die beiden zu beobachten. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie Duftkastanie, die von der anderen Seite herankam, und warnte sofort Goldosmanthus. Das war ein gewaltiger Schreck für Goldosmanthus — ihre Hand lockerte sich unwillkürlich, und Xue Ke nutzte die Gelegenheit und rannte davon. Duftkastanie ihrerseits war einfach ihres Weges gegangen und hatte nichts bemerkt, bis sie Schatzkrötes Ruf hörte. Erst dann blickte sie auf und sah, wie Goldosmanthus Xue Ke festhielt und ihn mit Gewalt ins Haus zu zerren versuchte. Duftkastanie erschrak so sehr, dass ihr Herz zu rasen begann; sie wandte sich sofort um und ging eilig zurück. Goldosmanthus aber stand da, halb vor Schreck, halb vor Zorn erstarrt, und starrte Xue Ke nach, der davonlief. Nach langem Verharren stieß sie einen wütenden Laut aus und kehrte enttäuscht in ihre Gemächer zurück. Von diesem Tag an hasste sie Duftkastanie bis ins Mark. Duftkastanie war eigentlich auf dem Weg zu Kostbarzither Schnee [26] gewesen; als sie am Durchgangstor das Geschehen erblickte, war sie erschrocken zurückgelaufen.

An jenem Tag befand sich Schatzspange in den Gemächern der Herzoginmutter und hörte, wie Frau König der alten Herzoginmutter von der geplanten Verlobung Erkundefrühlings [27] berichtete. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn der junge Mann auch aus unserer Heimatprovinz [28] stammt, ist das sehr schön. Nur habe ich gehört, dass er schon einmal bei uns zu Besuch war — warum hat dein Herr [Aufrecht Kaufmann] ihn damals nie erwähnt?" Frau König erwiderte: „Selbst wir wussten nichts davon." Die Herzoginmutter sagte: „An sich ist es gut, nur liegt es gar zu weit weg. Solange der Herr noch dort im Amt ist, geht es ja. Aber wenn er einmal versetzt wird, steht unser Kind dann nicht ganz allein da?" Frau König antwortete: „Beide Familien sind Beamtenfamilien — da kann man nie wissen. Vielleicht wird der andere noch in die Hauptstadt versetzt; wenn nicht, so heißt es doch: ‚Das fallende Laub kehrt zur Wurzel zurück.' [29] Außerdem — wo der Herr dort Beamter ist und sein Vorgesetzter das selbst vorgeschlagen hat — wie könnte man da ablehnen? Ich denke, der Herr hat sich bereits entschieden und hat nur deshalb jemanden geschickt, um die Zustimmung der alten Herzoginmutter einzuholen." Die Herzoginmutter sagte: „Wenn ihr beide einverstanden seid, ist es gut. Nur macht es mich traurig: Wenn das dritte Fräulein einmal fort ist, kann es zwei oder drei Jahre dauern, bis sie zurückkehrt. Wenn es noch länger dauert, fürchte ich, werde ich nicht mehr leben, um sie wiederzusehen." Dabei kamen ihr die Tränen.

Frau König sagte: „Wenn die Töchter erwachsen sind, müssen sie früher oder später verheiratet werden. Selbst wenn der Ehemann aus dem Ort wäre — es sei denn, er wäre kein Beamter –, wer könnte garantieren, dass sie immer beieinander blieben? Wichtig ist nur, dass die Kinder ihr Glück finden. Nehmen wir Fräulein Willkommensfrühling [30] als Beispiel — die hat ja ganz in der Nähe geheiratet, und dennoch hört man ständig, dass sie von ihrem Mann geschlagen wird und nicht einmal genug zu essen bekommt. Was wir ihr schicken, bekommt sie nicht einmal zu sehen. In letzter Zeit heißt es, es werde sogar noch schlimmer, und er lässt sie auch nicht nach Hause kommen. Wenn die beiden sich streiten, behauptet er, wir hätten sein Geld benutzt. Das arme Kind hat keinen einzigen Tag des Glücks! Vor kurzem habe ich an sie gedacht und Dienerinnen geschickt, nach ihr zu sehen. Willkommensfrühling versteckte sich in einer Kammer und wollte nicht herauskommen. Die Frauen bestanden darauf hineinzugehen, und fanden sie in dieser bitteren Kälte in ein paar abgetragenen alten Kleidern. Unter Tränen sagte sie: ‚Berichtet zu Hause nicht, wie elend es mir geht — es ist mein Schicksal, das mir das eingebracht hat. Schickt mir auch keine Kleider oder Sachen mehr; nicht nur bekomme ich nichts davon, sondern ich beziehe dafür obendrein noch Prügel, weil er behauptet, ich hätte mich beschwert.' Mutter, bedenke: Das ist es, was es heißt, in der Nähe zu sein und das Elend mit eigenen Augen sehen zu müssen — ist das nicht noch schwerer zu ertragen? Die Schwiegermutter kümmert sich nicht, und der Schwiegervater weigert sich einzugreifen. Heute ist Fräulein Willkommensfrühling schlechter dran als unsere niedrigste Magd. Was Erkundefrühling betrifft — sie ist zwar nicht meine leibliche Tochter, aber da der Herr den jungen Mann offenbar selbst gesehen hat, wird er sie gewiss nur an jemanden Tüchtigen vergeben. Ich bitte die alte Herzoginmutter um ihre Weisung: Wählen wir einen günstigen Tag, stellen ein angemessenes Geleit zusammen und schicken sie zum Amtssitz des Herrn. Was dort zu tun ist, wird der Herr schon nicht nachlässig betreiben." Die Herzoginmutter sagte: „Da der Vater die Entscheidung getroffen hat, richte du alles Nötige her. Wähle einen günstigen Reisetag und schicke sie los — damit ist die Sache erledigt." Frau König antwortete: „Ja, Mutter."

Schatzspange hörte alles deutlich mit an und wagte keinen Laut, doch in ihrem Herzen klagte sie: „Von unseren Fräuleins gilt Erkundefrühling als die Klügste und Fähigste, und nun soll sie auch noch in die Ferne verheiratet werden. Es werden von Tag zu Tag weniger hier." Als sie sah, dass Frau König sich erhob und sich verabschiedete, begleitete sie sie hinaus und kehrte dann geradewegs in ihre eigenen Gemächer zurück. Schatzjade sagte sie nichts davon. Als sie Dufthauch [31] allein beim Nähen fand, erzählte sie ihr, was sie gehört hatte. Auch Dufthauch war sehr betrübt darüber.

Die Nebenfrau Zhao [32] hingegen freute sich, als sie von Erkundefrühlings Verlobung erfuhr, und dachte bei sich: „Dieses Mädchen hat mich zu Hause immer verachtet. War ich denn je eine Mutter für sie? Schlimmer als eine ihrer Mägde hat sie mich behandelt! Obendrein hat sie sich immer bei den anderen eingeschmeichelt und auf deren Seite geschlagen. Solange sie mir im Weg steht, kommt selbst Unheil [33] nie zum Zug. Jetzt, wo der Vater sie zu sich holt, bin ich sie endlich los. Dass sie mich respektvoll behandelt — darauf kann ich sowieso nicht hoffen. Ich wünsche ihr nur, dass es ihr genauso ergeht wie Fräulein Willkommensfrühling. Dann hätte ich wenigstens diese Genugtuung."

So denkend eilte sie zu Erkundefrühlings Gemächern und gratulierte ihr: „Fräulein, Sie sind bestimmt zu Höherem berufen! Bei Ihrem Verlobten wird natürlich alles besser sein als hier — ich denke, Sie freuen sich darüber. Ich habe Sie so viele Jahre großgezogen und nie auch nur den geringsten Vorteil von Ihnen gehabt. Selbst wenn ich zu sieben Zehnteln schlecht war, so gab es doch drei Zehntel Gutes an mir. Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie fort sind." Erkundefrühling fand diese Worte völlig abwegig und hielt schweigend den Kopf über ihre Nadelarbeit gesenkt, ohne ein einziges Wort zu erwidern. Nebenfrau Zhao sah sich missachtet, ärgerte sich und ging davon.

Erkundefrühling ihrerseits war gleichermaßen zornig, belustigt und verletzt über das Verhalten ihrer Mutter und vergoss still ein paar Tränen. Nachdem sie eine Weile dagesessen hatte, ging sie bedrückt hinüber zu Schatzjade.

Schatzjade fragte sie: „Dritte Schwester, als Kusine Dai starb — ich habe gehört, du warst dabei. Man hat mir erzählt, dass in der Ferne Musik zu hören war, als sie starb. Vielleicht hatte sie ja eine besondere Herkunft, wer weiß." Erkundefrühling lächelte: „Das denkst du dir wohl so. Allerdings war es in jener Nacht tatsächlich merkwürdig — die Musik klang nicht wie gewöhnliche Klänge. Vielleicht hast du recht." Als Schatzjade das hörte, war er umso überzeugter. Er erinnerte sich, dass ihm jemand während seiner geistigen Verwirrung vor einiger Zeit erschienen war und gesagt hatte, Kajaljade sei nicht wie gewöhnliche Menschen geboren und nicht wie gewöhnliche Geister gestorben — gewiss eine Himmelsfee, die auf Erden geweilt hatte. Dann dachte er an jene Theateraufführung vor Jahren, in der die Mondgöttin Chang'e [34] dargestellt worden war — so schwebend, so bezaubernd, was für eine überirdische Anmut!

Nach einer Weile ging Erkundefrühling wieder. Schatzjade wollte unbedingt Purpurkuckuck [35] in seiner Nähe haben und bat sogleich die Herzoginmutter, sie herüberschicken zu lassen. Purpurkuckuck war im Herzen nicht gewillt, doch da die Herzoginmutter und Frau König sie abgestellt hatten, konnte sie sich nicht widersetzen. Bei Schatzjade war sie jedoch ständig am Seufzen und Stöhnen. Hinter dem Rücken der anderen nahm Schatzjade sie beiseite und fragte demütig nach Kajaljade. Doch Purpurkuckuck gab ihm nie eine freundliche Antwort. Schatzspange tadelte sie deswegen nicht, sondern lobte sie im Gegenteil insgeheim für ihre Treue.

Was Schneegans [36] betraf — obwohl sie in der Hochzeitsnacht durchaus ihren Beitrag geleistet hatte, hielt Schatzjade sie für etwas einfältig. Er bat die Herzoginmutter und Frau König, sie mit einem Pagen zu verheiraten, damit sie ihr eigenes Leben führen konnte. Die Amme Wang [37] wurde weiter versorgt, damit sie zu gegebener Zeit Kajaljades Sarg in den Süden begleiten konnte. Papagei [38] und die anderen kleinen Mägde blieben weiterhin bei der Herzoginmutter im Dienst.

Schatzjade sehnte sich nach Kajaljade. Von diesem Gedanken ging er zum nächsten über und dachte daran, dass die Menschen, die Kajaljade umgeben hatten, nun wie Wolken zerstreut waren. Das machte ihn noch bedrückter. Als er keinen Ausweg mehr aus seiner Trübsal fand, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass Kajaljades Tod so klar und gefasst gewesen war — sie musste gewiss eine Unsterbliche sein, die in ihre himmlische Heimat zurückgekehrt war. Dieser Gedanke stimmte ihn unerwartet fröhlich.

Doch plötzlich hörte er, wie Dufthauch und Schatzspange nebenan über Erkundefrühlings bevorstehende Hochzeitsreise sprachen. „Ach!" rief Schatzjade und sank weinend auf das Ofenbett. Schatzspange und Dufthauch eilten erschrocken herbei und richteten ihn auf: „Was ist denn los?" Aber Schatzjade war schon so verweint, dass er kein Wort herausbrachte. Nachdem er sich eine Weile gefasst hatte, sagte er: „Das ist nicht mehr auszuhalten! Meine Schwestern gehen eine nach der anderen fort: Kusine Dai ist als Unsterbliche in den Himmel zurückgekehrt; die älteste Schwester ist gestorben — das mag noch angehen, denn wir sahen uns ohnehin nicht täglich; die zweite Schwester [Willkommensfrühling] ist an so einen unmöglichen Wüstling geraten; die dritte Schwester soll nun in die Ferne verheiratet werden, und wir werden uns nie mehr sehen; Schwester Geschichte [39] — wer weiß, wohin es sie verschlägt; Schwester Schnee ist bereits verlobt. Keine einzige meiner Schwestern und Kusinen bleibt zu Hause — wozu lässt man mich dann allein hier?"

Dufthauch versuchte sofort, ihn mit guten Worten zu beruhigen. Doch Schatzspange winkte ab und sagte: „Lass nur, du brauchst ihm nicht zuzureden. Ich werde ihn fragen." Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Was willst du eigentlich? Sollen all diese Schwestern und Kusinen hier bleiben und dich begleiten, bis du alt und grau bist, ohne je an ihre eigene Zukunft zu denken? Von anderen will ich gar nicht reden — aber wenn es um deine eigene Schwester geht: Selbst wenn sie nicht in die Ferne verheiratet würde — wenn der Vater es so bestimmt hat, was könntest du denn tun? Meinst du, du bist der einzige Mensch auf der Welt, der seine Schwestern liebt? Wenn alle so denken würden wie du, dann könnte auch ich nicht mehr hier bei dir bleiben. Im Allgemeinen studiert man die Bücher, um Vernunft zu erlernen — wie kommt es, dass du mit zunehmendem Studium immer verwirrter wirst? Wenn du es so haben willst, können Dufthauch und ich jede auf ihre Seite gehen, und du lädst dir all deine Schwestern ein, damit sie sich um dich kümmern."

Schatzjade ergriff mit beiden Händen Schatzspange und Dufthauch und sagte: „Ich weiß ja, dass ihr recht habt. Aber warum müssen sie alle so früh fortgehen? Wenn sie erst gingen, nachdem ich zu Asche geworden bin, wäre es doch auch nicht zu spät." Dufthauch hielt ihm den Mund zu: „Schon wieder so ein unsinniges Gerede! Gerade erst geht es Ihnen etwas besser, die gnädige Frau isst gerade wieder ein wenig — wenn Sie jetzt wieder alles durcheinanderbringen, kümmere ich mich auch nicht mehr!" Schatzjade hörte, dass beide etwas Vernünftiges sagten, konnte aber in seinem Herzen einfach keinen Frieden finden, und sagte nur: „Ich verstehe ja alles, nur mein Herz will einfach keine Ruhe geben." Schatzspange beachtete ihn nicht weiter und gab Dufthauch heimlich zu verstehen, ihm schnell seine Beruhigungspillen zu geben und ihn allmählich wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Dufthauch wollte Erkundefrühling Bescheid geben, sie solle vor der Abreise nicht mehr persönlich Abschied nehmen. Schatzspange sagte: „Das ist doch nicht nötig. Wenn er sich in ein paar Tagen beruhigt hat und wieder klar denkt, wäre es sogar gut, die beiden noch einmal ausgiebig miteinander reden zu lassen. Die dritte Schwester ist ein äußerst verständiger Mensch und nicht jemand, der anderen etwas vorspielt. Sie wird ihm sicher ein paar ernste Worte mit auf den Weg geben, und danach wird er nicht mehr so sein."

Gerade als sie so sprachen, schickte die Herzoginmutter Mandarinenente [40] herüber mit der Nachricht, sie habe gehört, dass Schatzjades alte Krankheit wieder aufgeflammt sei. Dufthauch solle ihn trösten und beruhigen und dürfe ihn nicht grübeln lassen. Dufthauch und die anderen versicherten es. Mandarinenente blieb ein Weilchen sitzen und ging dann wieder.

Die Herzoginmutter dachte auch an Erkundefrühlings bevorstehende Abreise. Obwohl die Aussteuer nicht in vollem Umfang mitgegeben werden konnte, musste dennoch alles Notwendige vorbereitet werden. Sie ließ Phönixglanz [41] rufen, berichtete ihr von Aufrecht Kaufmanns Entschluss und beauftragte sie mit der Planung. Phönixglanz übernahm die Aufgabe.

Wie sie das bewerkstelligte, davon erzählt das nächste Kapitel.

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

  1. Chinesisch: 贾政
  2. Chinesisch: 李十儿
  3. Chinesisch: 薛蟠
  4. Chinesisch: 镇海
  5. Chinesisch: 贾母
  6. Chinesisch: 王夫人
  7. Chinesisch: 吏部
  8. Chinesisch: 薛姨妈
  9. Chinesisch: 刑部
  10. Chinesisch: 薛宝钗
  11. Chinesisch: 香菱
  12. Chinesisch: 冤家路儿狭
  13. Chinesisch: 宝玉
  14. Chinesisch: 官商
  15. Chinesisch: 薛蝌
  16. Chinesisch: 公分
  17. Chinesisch: 金桂
  18. Chinesisch: 袭人
  19. Chinesisch: 金桂
  20. Chinesisch: 宝琴
  21. Chinesisch: 薛蝌
  22. Chinesisch: 宝蟾
  23. Chinesisch: 宝蟾
  24. Chinesisch: 张大爷
  25. Chinesisch: 爪洼国
  26. Chinesisch: 宝琴
  27. Chinesisch: 探春
  28. Chinesisch: 金陵
  29. Chinesisch: 叶落归根
  30. Chinesisch: 迎春
  31. Chinesisch: 袭人
  32. Chinesisch: 赵姨娘
  33. Chinesisch: 贾环
  34. Chinesisch: 嫦娥
  35. Chinesisch: 紫鹃
  36. Chinesisch: 雪雁
  37. Chinesisch: 王奶妈
  38. Chinesisch: 鹦哥
  39. Chinesisch: 史湘云
  40. Chinesisch: 鸳鸯
  41. Chinesisch: 王熙凤