Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 102"
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| − | < | + | Im Ning-Herzogspalast werden Familienmitglieder von Krankheit und Unheil befallen. Im Garten der Großen Anschauung werden mit Weihwasser Dämonen vertrieben. |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Frau König jemanden schickte, um Schatzspange zu rufen. Schatzspange kam eilig und begrüßte sie. Frau König sagte: „Deine dritte Schwägerin Erkundefrühling steht jetzt vor der Heirat. Als Schwägerinnen solltet ihr sie ein wenig aufmuntern und ermutigen – das ist die Zuneigung unter Schwestern. Sie ist übrigens ein verständiges Kind, und ich sehe, dass ihr euch gut versteht. Außerdem habe ich gehört, dass Schatzjade vor Kummer geweint hat, als er erfuhr, dass seine dritte Schwester heiratet. Du solltest ihm auch zureden. Ich selbst bin ständig krank und schwach, und deine zweite Schwägerin Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.</ref> ist auch mehr krank als gesund. Du hast noch den klarsten Verstand – was geregelt werden muss, da schluck nicht alles hinunter, nur um niemanden zu kränken. Die Führung des Haushalts wird in Zukunft ganz auf deinen Schultern lasten." | |
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| + | Schatzspange stimmte zu. | ||
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| + | Frau König fuhr fort: „Noch etwas: Deine zweite Schwägerin hat gestern ein Mädchen der Frau Liu mitgebracht und gesagt, es solle als Ergänzung in euren Gemächern dienen." Schatzspange sagte: „Heute hat Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.</ref> sie herübergebracht und gesagt, es sei der Wunsch der Gnädigen Frau und der Zweiten Herrin." Frau König sagte: „Ja, so ist es. Deine Schwägerin hat es mir vorgeschlagen, und ich dachte, es sei nicht wichtig genug, um abzulehnen. Nur eines: Ich finde, das Mädchen hat etwas im Blick, das mir nicht ganz geheuer ist. Damals musste ich wegen der Mädchen in Schatzjades Zimmer, die sich aufführten wie Füchse, einige hinauswerfen. Das weißt du sicher noch – zu der Zeit bist du erst zurück ins Elternhaus gezogen. Jetzt, wo du da bist, ist es natürlich anders als früher. Ich sage dir nur: Pass ein wenig auf. Von allen Mädchen in eurem Gemach ist nur Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.</ref> wirklich zu gebrauchen." | ||
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| + | Schatzspange stimmte zu, wechselte noch ein paar Worte und ging dann. Nach dem Essen besuchte sie Erkundefrühling und sprach ihr mit warmherzigen, tröstenden Worten Mut zu. Das braucht hier nicht im Einzelnen beschrieben zu werden. | ||
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| + | Am nächsten Tag, kurz vor Erkundefrühlings Aufbruch, kam sie noch einmal, um sich von Schatzjade zu verabschieden. Schatzjade konnte sich natürlich nur schwer von ihr trennen. Doch Erkundefrühling sprach so überzeugend von den Pflichten und dem großen Zusammenhang der familiären Ordnung, dass Schatzjade anfangs schweigend den Kopf senkte, dann aber von Trauer zu Freude überging und eine Art Erkenntnis zu spüren schien. Beruhigt verabschiedete sich Erkundefrühling von allen, stieg in ihre Sänfte und brach auf – zu Wasser und zu Land reiste sie in die Ferne. | ||
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| + | Früher hatten alle Schwestern im Garten der Großen Anschauung gewohnt. Doch nach dem Tod der Edlen Gemahlin Urfrühling wurden keine Reparaturen mehr vorgenommen. Nach Schatzjades Hochzeit und Kajaljades Tod war Xiang-Flusswolke Geschichte fortgezogen, und Kostbarzither Schnee<ref>Kostbarzither Schnee: Chin. 薛宝琴 (Xuē Bǎoqín), wörtl. „Kostbare Zither". Jüngere Cousine von Schatzspange.</ref> lebte wieder zu Hause. Es waren nur noch wenige Menschen im Garten, und bei der kalten Witterung waren Seidenweiß Pflaume<ref>Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Orchidee Kaufmann.</ref>, Erkundefrühling, Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.</ref> und die anderen alle in ihre alten Wohnungen zurückgekehrt. An Fest- und Feiertagen verabredeten sie sich zwar noch zum gemeinsamen Vergnügen, doch seit Erkundefrühlings Abschied und Schatzjades Krankheit fehlte es gänzlich an heiterer Gesellschaft. Der Garten lag verlassen da; nur noch ein paar Familien von Gartenwächtern wohnten dort. | ||
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| + | Eines Tages kam die Schwägerin Sonders<ref>Schwägerin Sonders: Chin. 尤氏 (Yóu Shì). Ehefrau von Herrlichkeit Kaufmann aus dem Ning-Palast.</ref> herüber, um Erkundefrühling zu verabschieden. Da es spät wurde und sie sich das Anspannen der Kutsche ersparen wollte, ging sie durch jene Verbindungstür, die vor zwei Jahren zwischen den Gärten der beiden Paläste geöffnet worden war. Überall bot sich ein trostloser Anblick: Die Terrassen und Pavillons standen noch, aber die Mauern waren ringsum zu Gemüsegärten umgewandelt worden. Ihr Herz wurde schwer, als hätte sie etwas verloren. | ||
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| + | Zu Hause angekommen, begann sie Fieber zu bekommen. Sie quälte sich noch ein, zwei Tage, dann lag sie flach. Tagsüber war das Fieber erträglich, doch nachts brannte der Körper vor Hitze, und sie phantasierte in einem fort. | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 (Jiǎ Zhēn). Herr des Ning-Palastes.</ref> ließ sofort einen Arzt kommen. Der diagnostizierte eine Erkältung, die sich auf den Fuß-Yangming-Magenmeridian geschlagen habe, weshalb sie im Delirium liege, als sähe sie Dinge. Sobald der Stuhlgang komme, werde sie sich bessern. | ||
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| + | Doch nach zwei Dosen Medizin war keine Besserung eingetreten, im Gegenteil – sie begann im Fieberwahn herumzuschlagen. Herrlichkeit Kaufmann wurde besorgt und sagte zu Hibiskus Kaufmann<ref>Hibiskus Kaufmann: Chin. 贾蓉 (Jiǎ Róng). Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref>: „Erkundige dich nach einem guten Arzt, wir brauchen weitere Meinungen." | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann erwiderte: „Der Arzt von neulich ist der angesehenste, den es gibt. Ich fürchte, Mutters Krankheit lässt sich nicht mit Medizin heilen." Herrlichkeit Kaufmann schimpfte: „Unsinn! Wenn man keine Medizin gibt, soll man es laufen lassen?" | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann sagte: „Ich sage ja nicht, wir sollten nicht behandeln. Nur – Mutter ging neulich durch den Garten zum Westpalast und bekam sofort nach ihrer Rückkehr Fieber. Vielleicht ist sie einem Geist begegnet? Draußen gibt es einen gewissen Halbweisen Mao, einen Südchinesen, dessen Orakel sehr treffsicher sein sollen. Warum bitten wir ihn nicht, ein Hexagramm zu stellen? Wenn er etwas findet, richten wir uns danach. Wenn nicht, holen wir einen anderen guten Arzt." | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann stimmte zu und ließ den Mann sofort kommen. Im Arbeitszimmer trank der Wahrsager Tee und fragte: „Wofür soll ich das Orakel befragen?" Hibiskus Kaufmann sagte: „Meine Mutter ist krank. Ich bitte um ein Hexagramm." | ||
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| + | Der Halbweise Mao sagte: „Dann wäscht Eure Hände mit reinem Wasser, stellt einen Weihrauchaltar auf, und ich werde ein Hexagramm aufstellen." Bald war alles bereitgestellt. Er zog den Orakelbecher hervor, trat vor den Altar, verneigte sich ehrfürchtig, schüttelte den Becher und murmelte eine Beschwörungsformel. Dann warf er die Münzen. | ||
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| + | Nachdem alle sechs Linien bestimmt waren, setzte er sich und erklärte: „Dies ist das Hexagramm ‚Noch nicht vollendet'. Das Weltzeichen ist die dritte Linie – Mittagsfeuer, Bruder, Räuber des Reichtums: ein Unglücksomen steht fest. Für die Mutter ist die erste Linie maßgebend – das Elternzeichen verwandelt sich in ein Amtsgeist-Zeichen. Auf der fünften Linie steht ebenfalls ein Amtsgeist. Ich sehe, die Krankheit der gnädigen Frau ist nicht leicht. Aber es gibt Hoffnung: Derzeit ist das Kind-Wasser im Zustand der Schwäche, das Tigerbaum-Holz bewegt sich und nährt das Feuer. Auf dem Weltzeichen erscheint ein Kindessohn – der bezwingt den Geist. Zudem stützen Sonne und Mond den Körper. In zwei Tagen wird das Kind-Wasser als Amtsgeist in die Leere fallen, und am Hundetag wird es besser. Allerdings – das Elternzeichen verwandelt sich in einen Geist, daher könnte auch der gnädige Herr in Mitleidenschaft gezogen werden. Und das Weltzeichen selbst zeigt zu viel ‚Bruder-Raub': An Tagen, wo Wasser zunimmt und Erde abnimmt, sieht es ebenfalls ungünstig aus." | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann hatte anfangs innerlich gelacht über das Hokuspokus, doch die Deutung klang logisch. Als er hörte, dass auch sein Vater gefährdet sei, fragte er: „Das Hexagramm ist sehr aufschlussreich. Aber was genau ist die Krankheit meiner Mutter?" | ||
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| + | Der Wahrsager sagte: „Nach diesem Hexagramm ist das Weltzeichen Mittagsfeuer, das sich in Wasser-Gegenwirkung verwandelt – das muss ein Kälte-Feuer-Stau sein. Für eine genauere Deutung wäre die Schafgarben-Methode auch nicht viel besser; nur mit der ‚Großen Sechs-Ren'-Methode lässt sich ein präzises Urteil fällen." | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann fragte: „Beherrscht Ihr die auch?" Der Wahrsager sagte: „Ein wenig." | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann bat um eine Deutung. Der Wahrsager zeichnete ein Diagramm und ordnete die Göttergeneräle an. „Auf der Hunde-Position steht der Weiße Tiger – das ist die ‚Seelenwandlungs-Figur'. Der Weiße Tiger ist ein Unglücksgott. Wenn er in starker Position und unter Kontrolle steht, kann er keinen Schaden anrichten. Aber jetzt, wo er von Tod und Verfall begleitet wird, ist er ein ‚hungriger Tiger' – der verletzt gewiss jemanden. Die Seele des Menschen wird erschreckt und zerstreut – daher der Name ‚Seelenwandlung'. Wer dieses Hexagramm erhält, dem drohen: körperlicher Verfall, Kummer auf Kummer, Krankheit und Tod, Rechtsstreitigkeiten und Schrecken. Nach dem Bild ‚Tiger in der Abenddämmerung' muss die Krankheit am Abend eingetreten sein. Für Männer bedeutet der Tiger auf der Yang-Seite Gefahr, für Frauen auf der Yin-Seite – dieses Hexagramm ist höchst bedrohlich!" | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann wurde bleich vor Schreck: „Eure Deutung trifft zu! Aber widerspricht sie nicht dem früheren Hexagramm? Gibt es wirklich Gefahr?" | ||
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| + | Der Wahrsager sagte: „Keine Panik. Lasst mich weiter nachschauen." Er murmelte eine Weile, dann sagte er: „Gut – es gibt einen Retter! Auf der Schlangen-Position steht ein Edelgott zur Rettung bereit, das nennt man ‚Seelenwandlung und Seelenrückkehr': Erst Sorge, dann Freude. Es ist keine Gefahr – nur Vorsicht ist geboten." | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann zahlte das Orakelhonorar und begleitete ihn hinaus. Dann berichtete er Herrlichkeit Kaufmann: „Mutters Krankheit kommt daher, dass sie abends durch den alten Garten ging und dort einem ‚verborgenen Tiger-Dämon' begegnete." | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Du sagtest doch, sie sei durch den Garten zurückgekommen. Erinnerst du dich, wie damals deine Tante Phönixglanz im Garten war und danach krank wurde? Sie selbst hat zwar nichts gesehen, aber die Mädchen und Mütterchen sagten alle, auf dem Felshügel sei ein zottiges Wesen mit Augen so groß wie Laternen gewesen, das sogar sprechen konnte und die Zweite Herrin verjagte!" | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann sagte: „Wie sollte ich das vergessen! Ich habe sogar von Schatzjades Burschen Beiming gehört, Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.</ref> sei zur Göttin der Hibiskusblüten im Garten geworden. Und als Fräulein Lin starb, erklang Musik in den Lüften – sie muss auch irgendeine Blumengöttin geworden sein. Mit all diesen Geistern im Garten – das kann ja nicht gutgehen! Früher, als noch viele Menschen dort waren und das Yang stark war, ging es; aber jetzt, wo es leer und kalt ist, ist Mutter von dort hindurchgegangen und hat wohl auf eine Blume getreten – oder sie ist einem dieser Wesen begegnet. Das Orakel scheint zu stimmen." | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Hat er gesagt, ob es gefährlich wird?" | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann sagte: „Am Hundetag soll es besser werden. Ich hoffe nur, es wird ein paar Tage früher oder ein paar Tage später." | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann: „Was soll das heißen?" | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann: „Wenn der Wahrsager so treffsicher ist, könnte auch der gnädige Herr selbst etwas bekommen..." | ||
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| + | Da rief jemand von drinnen: „Die Herrin will aufstehen und in den Garten gehen, die Mädchen können sie nicht halten!" Herrlichkeit Kaufmann eilte hinein. Die Schwägerin Sonders phantasierte: „Eine Rotgekleidete ruft mich, eine Grüngekleidete jagt mich!" Die Dienerinnen waren erschrocken und belustigt zugleich. | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann ließ Papiergeld kaufen und im Garten verbrennen. Tatsächlich schwitzte die Schwägerin Sonders in jener Nacht und wurde ruhiger. Am Hundetag besserte sich ihr Zustand allmählich. | ||
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| + | Von da an verbreitete sich das Gerücht: Im Garten der Großen Anschauung gibt es Dämonen! Die Gartenwächter pflegten weder Blumen noch Bäume mehr. Anfangs trauten sie sich nachts nicht mehr hinaus, so dass Vögel und Tiere überhandnahmen; schließlich gingen sie selbst am Tag nur noch in Gruppen und bewaffnet. | ||
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| + | Einige Zeit später erkrankte tatsächlich auch Herrlichkeit Kaufmann. Man holte keine Ärzte, sondern verbrannte im Garten Opferpapier und hielt Sternzeremonien ab. Kaum war Herrlichkeit Kaufmann genesen, erkrankten nacheinander Hibiskus Kaufmann und andere. Monatelang ging das so weiter, bis beide Paläste in Angst und Schrecken versetzt waren. Bei jedem Windhauch und jedem Kranichruf glaubte man Geister zu hören, jeder Grashalm und jedes Blatt schien ein Dämon zu sein. | ||
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| + | Die Gartenerträge fielen ganz weg, stattdessen mussten die Monatsgelder für alle Häuser wieder erhöht werden – die Finanzen des Rong-Palastes wurden noch knapper. Die Gartenwächter, die keinen Gewinn mehr sahen, wollten alle weg. Sie erfanden Geschichten von Blumengeistern und Baumdämonen und drängten darauf, auszuziehen. Die Gartentore wurden versiegelt, und kein Mensch wagte sich mehr hinein. Die herrlichen Turmbauten, die Jadehallen und Perlenterrassen wurden zum Aufenthaltsort von Vögeln und Tieren. | ||
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| + | Nun lebte Heitermusters Vetter Wu Gui mit seiner Frau genau am Gartentor. Seit Heitermuster Tod und den Gerüchten, sie sei Blumengöttin geworden, traute sich seine Frau abends nicht mehr vor die Tür. Eines Tages kam Wu Gui spät vom Einkaufen zurück. Seine Frau hatte sich erkältet und eine falsche Medizin eingenommen; als er nach Hause kam, lag sie tot auf dem Bett. Die Leute draußen, die ohnehin misstrauisch waren, sagten sofort, ein Dämon sei über die Mauer gestiegen und habe ihr die Lebenskraft ausgesaugt. | ||
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| + | Die Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.</ref> war außer sich vor Sorge und ließ eine Schar Wächter um Schatzjades Wohnung postieren, die Runden gingen und die Nachtwache hielten. Die kleinen Mädchen behaupteten, die eine habe ein rotes Gesicht gesehen, die andere eine wunderschöne Frau – es gab kein Ende des Geschreis. Schatzjade hatte jeden Tag Angst. Zum Glück bewahrte Schatzspange die Ruhe: Wenn die Mädchen wirres Zeug redeten, drohte sie mit Prügel, und so ließen die Gerüchte etwas nach. Aber in den anderen Häusern waren alle aufgeregt und stellten zusätzliche Nachtwachen auf, was die Ausgaben weiter erhöhte. | ||
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| + | Einzig Begnadigung Kaufmann<ref>Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 (Jiǎ Shè), wörtl. „Begnadigung". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.</ref> wollte den Gerüchten nicht glauben: „In einem ganz normalen Garten – woher sollen da Geister kommen?" An einem windstillen, sonnigen Tag ging er mit mehreren bewaffneten Dienern in den Garten, um nach dem Rechten zu sehen. Alle rieten ab, doch er bestand darauf. | ||
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| + | Im Garten war die Atmosphäre unheimlich drückend. Begnadigung Kaufmann ging tapfer voran, doch seine Begleiter streckten nur zaghaft die Köpfe vor. Ein junger Diener, innerlich schon halb tot vor Angst, hörte plötzlich ein Flattern, drehte sich um und sah etwas Schillerndes in fünf Farben vorbeisspringen. Vor Schreck schrie er „Au!" und sackte zusammen. | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann fragte, was los sei. Der Bursche keuchte: „Ich habe mit eigenen Augen ein Ungeheuer gesehen – gelbes Gesicht, roter Bart, grüne Kleidung – es ist in die Höhle hinter den Bäumen verschwunden!" | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann bekam es nun selbst mit der Angst. „Habt ihr es auch gesehen?", fragte er. Ein paar der Diener, die gern mit dem Strom schwammen, sagten: „Wie sollten wir es nicht gesehen haben? Nur weil der gnädige Herr voranging, wagten wir nicht, Alarm zu schlagen." Das reichte, um Begnadigung Kaufmann endgültig einzuschüchtern. Er wagte nicht weiterzugehen und kehrte eilig um. | ||
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| + | Er wies die Burschen an: „Kein Wort darüber! Sagt nur, wir hätten alles durchsucht und nichts gefunden." Doch insgeheim glaubte er es nun selbst und wollte Daoisten von einer angesehenen Abtei holen, um die Dämonen auszutreiben. | ||
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| + | Natürlich taten die Diener das Gegenteil: Sie erzählten die Geschichte weiter und schmückten sie kräftig aus, so dass jedermann die Zunge herausstreckte. | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann blieb nichts anderes übrig, als Daoisten zu beauftragen, im Garten eine Exorzismus-Zeremonie abzuhalten. Man wählte einen günstigen Tag und richtete in der Haupthalle des kaiserlichen Empfangspavillons eine Kultstätte ein: Oben die Bildnisse der Drei Reinen, daneben die Achtundzwanzig Sternbilder und die vier Großen Generäle Ma, Zhao, Wen und Zhou, darunter die Bildnisse der Sechsunddreißig Himmelsgeneräle. Weihrauch, Blumen, Kerzen und Lampen füllten den ganzen Saal, Glocken und Ritualgegenstände standen zu beiden Seiten, die fünf Richtungsfahnen waren aufgepflanzt. | ||
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| + | Die Daoistische Kanzlei stellte neunundvierzig Daoisten ab. Nach einem Tag der Altarreinigung begannen die drei Obermeister mit der Zeremonie: Weihwasser und Weihrauch, dann das Ritual. Die Meister trugen Sieben-Sterne-Kronen, Neun-Palast-Acht-Trigramm-Gewänder und Wolkensteigeschuhe, hielten Elfenbein-Tafeln und verlasen die Gebete. Dann rezitierten sie einen ganzen Tag lang das ‚Mystische Sutra zur Abwehr von Unheil', bevor sie die Bannsprüche zur Anrufung der Generäle verkündeten. | ||
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| + | An jenem Tag strömten alle Familienmitglieder beider Paläste herbei, um den Meistern beim Dämonenfang zuzusehen. „Ein gewaltiges Ritual! Mit solcher Macht können auch noch so viele Dämonen vertrieben werden!", sagten alle. | ||
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| + | Die kleinen Daoisten hoben die Fahnen, stellten sich nach den fünf Himmelsrichtungen auf und warteten auf die Befehle der Meister. Die drei Obermeister – einer mit Schwert und Weihwasser, einer mit der Sieben-Sterne-Fahne, einer mit der Dämonenpeitsche aus Pfirsichholz – stellten sich vor den Altar. Die Ritualgegenstände verstummten, dreimal schlug das Kommandotäfelchen, und die Meister begannen die Beschwörung. Die fünf Fahnen wirbelten, die Meister stiegen vom Altar herab und ließen sich vom Hausherrn durch alle Gebäude, Hallen, Pavillons, Berge und Teiche führen, besprengten alles mit Weihwasser und zeichneten mit dem Schwert Bannzeichen. | ||
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| + | Zurück am Altar schlugen sie die Kommandotäfelchen, schwangen die Sieben-Sterne-Fahne, die Daoisten sammelten die Fahnen, und die Dämonenpeitsche schlug dreimal in die Luft. Die Zuschauer drängten sich vor, überzeugt, dass Dämonen gefangen worden seien. Doch als sie nachschauten, war nichts zu sehen. Die Meister ließen lediglich Gefäße und Krüge herbeibringen, „versiegelten die Dämonen" mit Bannzetteln und ließen sie in den Tempel bringen, wo sie unter einer Pagode eingemauert wurden. | ||
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| + | Hibiskus Kaufmann und die jüngeren Vettern kicherten hinter vorgehaltener Hand: „Was für ein Aufwand! Ich dachte, wir bekämen die Dämonen zu sehen – und dann so eine Vorstellung! Sind die Dämonen nun gefangen oder nicht?" | ||
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| + | Herrlichkeit Kaufmann schimpfte: „Dummköpfe! Dämonen nehmen Gestalt an, wenn sie sich sammeln, und werden zu Luft, wenn sie sich zerstreuen. Bei so vielen Göttergenerälen wagen sie doch nicht, sich zu zeigen! Die Meister haben nur die Dämonenluft eingesammelt – dann gibt es keine Spukerscheinungen mehr. Das ist die Kraft des Rituals!" | ||
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| + | Alle waren halb überzeugt. Man beschloss abzuwarten. | ||
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| + | Die Dienstleute, die glaubten, die Dämonen seien gefangen, beruhigten sich. Tatsächlich sprach danach niemand mehr davon. Herrlichkeit Kaufmann und die anderen erholten sich, und alle priesen die Kraft der Daoisten. | ||
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| + | Nur ein Bursche sagte lachend: „Die früheren Spukerscheinungen kenne ich nicht. Aber an dem Tag, als ich mit dem Ersten Herrn in den Garten ging, war das eindeutig ein großer wilder Fasan, der vorbeiflog! Ratschi hat vor Schreck so getan, als hätte er einen Dämon gesehen, und wir haben seine Lüge gedeckt. Der Erste Herr hat es ernst genommen – und wir bekamen diese hübsche Zeremonie zu sehen." | ||
| − | + | Die Leute hörten es zwar, wollten es aber nicht glauben. Keiner traute sich, im Garten zu wohnen. | |
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| − | + | Eines Tages, als Begnadigung Kaufmann gerade vorhatte, einige Diener in den Garten zu schicken, um dort als Wächter zu wohnen – er fürchtete, nachts könnten sich Verbrecher dort verstecken –, kam Kette Kaufmann herein, begrüßte ihn und berichtete: „Heute war ich beim ersten Onkel und habe ein beunruhigendes Gerücht gehört: Der zweite Onkel soll vom Gouverneur wegen Nachlässigkeit in der Aufsicht über Untergebene und überhöhter Getreideabgaben angeklagt und auf kaiserlichen Erlass hin seines Amtes enthoben worden sein." | |
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| + | Begnadigung Kaufmann erschrak: „Das ist doch wohl nur ein Gerücht? Neulich hat dein Onkel Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.</ref> geschrieben, Erkundefrühling sei wohlbehalten an ihrem Bestimmungsort angekommen und die Hochzeit am Meer sei glücklich verlaufen. Der Gouverneur habe sogar als neuer Verwandter ein Festmahl gegeben. Wie kann ein frischgebackener Verwandter eine Anklage erheben? Sag vorerst niemandem davon, fahr sofort zum Amt und erkundige dich – dann komm zurück und berichte." | ||
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| + | Kette Kaufmann eilte hinaus und kam nach einem halben Tag zurück: „Im Amt hat sich bestätigt: Onkel Aufrecht wurde angeklagt. Die Anklageschrift wurde dem Kaiser vorgelegt. Dank der kaiserlichen Gnade wurde kein Verfahren eröffnet. Der Kaiser hat verfügt: Nachlässigkeit in der Aufsicht, überhöhte Abgaben und Unterdrückung des Volkes – eigentlich Amtsenthebung, doch in Anbetracht, dass es sein erstes auswärtiges Amt ist und er von der Verwaltung wenig versteht, weil seine Beamten ihn betrogen haben, wird er um drei Ränge herabgestuft, darf aber gnädigerweise als Sekretär im Bauministerium weiterarbeiten und soll sofort in die Hauptstadt zurückkehren. | ||
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| + | Während ich im Amt war, kam ein Kreisbeamter aus Jiangxi zur Audienz, der Onkel Aufrecht sehr dankbar ist. Er sagt, Onkel sei ein guter Vorgesetzter, nur habe er die falschen Leute eingesetzt. Seine Hausdiener hätten draußen angegeben und betrogen, die Untergebenen eingeschüchtert, und so seinen guten Ruf ruiniert. Der Gouverneur habe schon länger davon gewusst und Onkel persönlich für einen guten Mann gehalten. Warum er ihn dennoch anklagte, ist unklar – vielleicht war das Treiben so schlimm geworden, dass er fürchtete, es könne ein größeres Unglück daraus entstehen, und deshalb eine geringere Sache als Anlass nahm. Gewissermaßen das Schwere vermeidend und das Leichte anklagend." | ||
| − | + | Begnadigung Kaufmann hörte nicht einmal ganz zu und sagte: „Geh sofort zu deiner Tante und sag ihr Bescheid. Aber der Ahnherrin sagt vorerst noch nichts." | |
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| − | + | Kette Kaufmann ging, um Frau König zu informieren. | |
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| − | + | <small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small> | |
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Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Kapitel 102
Im Ning-Herzogspalast werden Familienmitglieder von Krankheit und Unheil befallen. Im Garten der Großen Anschauung werden mit Weihwasser Dämonen vertrieben.
Es wird erzählt, dass Frau König jemanden schickte, um Schatzspange zu rufen. Schatzspange kam eilig und begrüßte sie. Frau König sagte: „Deine dritte Schwägerin Erkundefrühling steht jetzt vor der Heirat. Als Schwägerinnen solltet ihr sie ein wenig aufmuntern und ermutigen – das ist die Zuneigung unter Schwestern. Sie ist übrigens ein verständiges Kind, und ich sehe, dass ihr euch gut versteht. Außerdem habe ich gehört, dass Schatzjade vor Kummer geweint hat, als er erfuhr, dass seine dritte Schwester heiratet. Du solltest ihm auch zureden. Ich selbst bin ständig krank und schwach, und deine zweite Schwägerin Phönixglanz[1] ist auch mehr krank als gesund. Du hast noch den klarsten Verstand – was geregelt werden muss, da schluck nicht alles hinunter, nur um niemanden zu kränken. Die Führung des Haushalts wird in Zukunft ganz auf deinen Schultern lasten."
Schatzspange stimmte zu.
Frau König fuhr fort: „Noch etwas: Deine zweite Schwägerin hat gestern ein Mädchen der Frau Liu mitgebracht und gesagt, es solle als Ergänzung in euren Gemächern dienen." Schatzspange sagte: „Heute hat Friedchen[2] sie herübergebracht und gesagt, es sei der Wunsch der Gnädigen Frau und der Zweiten Herrin." Frau König sagte: „Ja, so ist es. Deine Schwägerin hat es mir vorgeschlagen, und ich dachte, es sei nicht wichtig genug, um abzulehnen. Nur eines: Ich finde, das Mädchen hat etwas im Blick, das mir nicht ganz geheuer ist. Damals musste ich wegen der Mädchen in Schatzjades Zimmer, die sich aufführten wie Füchse, einige hinauswerfen. Das weißt du sicher noch – zu der Zeit bist du erst zurück ins Elternhaus gezogen. Jetzt, wo du da bist, ist es natürlich anders als früher. Ich sage dir nur: Pass ein wenig auf. Von allen Mädchen in eurem Gemach ist nur Dufthauch[3] wirklich zu gebrauchen."
Schatzspange stimmte zu, wechselte noch ein paar Worte und ging dann. Nach dem Essen besuchte sie Erkundefrühling und sprach ihr mit warmherzigen, tröstenden Worten Mut zu. Das braucht hier nicht im Einzelnen beschrieben zu werden.
Am nächsten Tag, kurz vor Erkundefrühlings Aufbruch, kam sie noch einmal, um sich von Schatzjade zu verabschieden. Schatzjade konnte sich natürlich nur schwer von ihr trennen. Doch Erkundefrühling sprach so überzeugend von den Pflichten und dem großen Zusammenhang der familiären Ordnung, dass Schatzjade anfangs schweigend den Kopf senkte, dann aber von Trauer zu Freude überging und eine Art Erkenntnis zu spüren schien. Beruhigt verabschiedete sich Erkundefrühling von allen, stieg in ihre Sänfte und brach auf – zu Wasser und zu Land reiste sie in die Ferne.
Früher hatten alle Schwestern im Garten der Großen Anschauung gewohnt. Doch nach dem Tod der Edlen Gemahlin Urfrühling wurden keine Reparaturen mehr vorgenommen. Nach Schatzjades Hochzeit und Kajaljades Tod war Xiang-Flusswolke Geschichte fortgezogen, und Kostbarzither Schnee[4] lebte wieder zu Hause. Es waren nur noch wenige Menschen im Garten, und bei der kalten Witterung waren Seidenweiß Pflaume[5], Erkundefrühling, Bedauerfrühling[6] und die anderen alle in ihre alten Wohnungen zurückgekehrt. An Fest- und Feiertagen verabredeten sie sich zwar noch zum gemeinsamen Vergnügen, doch seit Erkundefrühlings Abschied und Schatzjades Krankheit fehlte es gänzlich an heiterer Gesellschaft. Der Garten lag verlassen da; nur noch ein paar Familien von Gartenwächtern wohnten dort.
Eines Tages kam die Schwägerin Sonders[7] herüber, um Erkundefrühling zu verabschieden. Da es spät wurde und sie sich das Anspannen der Kutsche ersparen wollte, ging sie durch jene Verbindungstür, die vor zwei Jahren zwischen den Gärten der beiden Paläste geöffnet worden war. Überall bot sich ein trostloser Anblick: Die Terrassen und Pavillons standen noch, aber die Mauern waren ringsum zu Gemüsegärten umgewandelt worden. Ihr Herz wurde schwer, als hätte sie etwas verloren.
Zu Hause angekommen, begann sie Fieber zu bekommen. Sie quälte sich noch ein, zwei Tage, dann lag sie flach. Tagsüber war das Fieber erträglich, doch nachts brannte der Körper vor Hitze, und sie phantasierte in einem fort.
Herrlichkeit Kaufmann[8] ließ sofort einen Arzt kommen. Der diagnostizierte eine Erkältung, die sich auf den Fuß-Yangming-Magenmeridian geschlagen habe, weshalb sie im Delirium liege, als sähe sie Dinge. Sobald der Stuhlgang komme, werde sie sich bessern.
Doch nach zwei Dosen Medizin war keine Besserung eingetreten, im Gegenteil – sie begann im Fieberwahn herumzuschlagen. Herrlichkeit Kaufmann wurde besorgt und sagte zu Hibiskus Kaufmann[9]: „Erkundige dich nach einem guten Arzt, wir brauchen weitere Meinungen."
Hibiskus Kaufmann erwiderte: „Der Arzt von neulich ist der angesehenste, den es gibt. Ich fürchte, Mutters Krankheit lässt sich nicht mit Medizin heilen." Herrlichkeit Kaufmann schimpfte: „Unsinn! Wenn man keine Medizin gibt, soll man es laufen lassen?"
Hibiskus Kaufmann sagte: „Ich sage ja nicht, wir sollten nicht behandeln. Nur – Mutter ging neulich durch den Garten zum Westpalast und bekam sofort nach ihrer Rückkehr Fieber. Vielleicht ist sie einem Geist begegnet? Draußen gibt es einen gewissen Halbweisen Mao, einen Südchinesen, dessen Orakel sehr treffsicher sein sollen. Warum bitten wir ihn nicht, ein Hexagramm zu stellen? Wenn er etwas findet, richten wir uns danach. Wenn nicht, holen wir einen anderen guten Arzt."
Herrlichkeit Kaufmann stimmte zu und ließ den Mann sofort kommen. Im Arbeitszimmer trank der Wahrsager Tee und fragte: „Wofür soll ich das Orakel befragen?" Hibiskus Kaufmann sagte: „Meine Mutter ist krank. Ich bitte um ein Hexagramm."
Der Halbweise Mao sagte: „Dann wäscht Eure Hände mit reinem Wasser, stellt einen Weihrauchaltar auf, und ich werde ein Hexagramm aufstellen." Bald war alles bereitgestellt. Er zog den Orakelbecher hervor, trat vor den Altar, verneigte sich ehrfürchtig, schüttelte den Becher und murmelte eine Beschwörungsformel. Dann warf er die Münzen.
Nachdem alle sechs Linien bestimmt waren, setzte er sich und erklärte: „Dies ist das Hexagramm ‚Noch nicht vollendet'. Das Weltzeichen ist die dritte Linie – Mittagsfeuer, Bruder, Räuber des Reichtums: ein Unglücksomen steht fest. Für die Mutter ist die erste Linie maßgebend – das Elternzeichen verwandelt sich in ein Amtsgeist-Zeichen. Auf der fünften Linie steht ebenfalls ein Amtsgeist. Ich sehe, die Krankheit der gnädigen Frau ist nicht leicht. Aber es gibt Hoffnung: Derzeit ist das Kind-Wasser im Zustand der Schwäche, das Tigerbaum-Holz bewegt sich und nährt das Feuer. Auf dem Weltzeichen erscheint ein Kindessohn – der bezwingt den Geist. Zudem stützen Sonne und Mond den Körper. In zwei Tagen wird das Kind-Wasser als Amtsgeist in die Leere fallen, und am Hundetag wird es besser. Allerdings – das Elternzeichen verwandelt sich in einen Geist, daher könnte auch der gnädige Herr in Mitleidenschaft gezogen werden. Und das Weltzeichen selbst zeigt zu viel ‚Bruder-Raub': An Tagen, wo Wasser zunimmt und Erde abnimmt, sieht es ebenfalls ungünstig aus."
Hibiskus Kaufmann hatte anfangs innerlich gelacht über das Hokuspokus, doch die Deutung klang logisch. Als er hörte, dass auch sein Vater gefährdet sei, fragte er: „Das Hexagramm ist sehr aufschlussreich. Aber was genau ist die Krankheit meiner Mutter?"
Der Wahrsager sagte: „Nach diesem Hexagramm ist das Weltzeichen Mittagsfeuer, das sich in Wasser-Gegenwirkung verwandelt – das muss ein Kälte-Feuer-Stau sein. Für eine genauere Deutung wäre die Schafgarben-Methode auch nicht viel besser; nur mit der ‚Großen Sechs-Ren'-Methode lässt sich ein präzises Urteil fällen."
Hibiskus Kaufmann fragte: „Beherrscht Ihr die auch?" Der Wahrsager sagte: „Ein wenig."
Hibiskus Kaufmann bat um eine Deutung. Der Wahrsager zeichnete ein Diagramm und ordnete die Göttergeneräle an. „Auf der Hunde-Position steht der Weiße Tiger – das ist die ‚Seelenwandlungs-Figur'. Der Weiße Tiger ist ein Unglücksgott. Wenn er in starker Position und unter Kontrolle steht, kann er keinen Schaden anrichten. Aber jetzt, wo er von Tod und Verfall begleitet wird, ist er ein ‚hungriger Tiger' – der verletzt gewiss jemanden. Die Seele des Menschen wird erschreckt und zerstreut – daher der Name ‚Seelenwandlung'. Wer dieses Hexagramm erhält, dem drohen: körperlicher Verfall, Kummer auf Kummer, Krankheit und Tod, Rechtsstreitigkeiten und Schrecken. Nach dem Bild ‚Tiger in der Abenddämmerung' muss die Krankheit am Abend eingetreten sein. Für Männer bedeutet der Tiger auf der Yang-Seite Gefahr, für Frauen auf der Yin-Seite – dieses Hexagramm ist höchst bedrohlich!"
Hibiskus Kaufmann wurde bleich vor Schreck: „Eure Deutung trifft zu! Aber widerspricht sie nicht dem früheren Hexagramm? Gibt es wirklich Gefahr?"
Der Wahrsager sagte: „Keine Panik. Lasst mich weiter nachschauen." Er murmelte eine Weile, dann sagte er: „Gut – es gibt einen Retter! Auf der Schlangen-Position steht ein Edelgott zur Rettung bereit, das nennt man ‚Seelenwandlung und Seelenrückkehr': Erst Sorge, dann Freude. Es ist keine Gefahr – nur Vorsicht ist geboten."
Hibiskus Kaufmann zahlte das Orakelhonorar und begleitete ihn hinaus. Dann berichtete er Herrlichkeit Kaufmann: „Mutters Krankheit kommt daher, dass sie abends durch den alten Garten ging und dort einem ‚verborgenen Tiger-Dämon' begegnete."
Herrlichkeit Kaufmann sagte: „Du sagtest doch, sie sei durch den Garten zurückgekommen. Erinnerst du dich, wie damals deine Tante Phönixglanz im Garten war und danach krank wurde? Sie selbst hat zwar nichts gesehen, aber die Mädchen und Mütterchen sagten alle, auf dem Felshügel sei ein zottiges Wesen mit Augen so groß wie Laternen gewesen, das sogar sprechen konnte und die Zweite Herrin verjagte!"
Hibiskus Kaufmann sagte: „Wie sollte ich das vergessen! Ich habe sogar von Schatzjades Burschen Beiming gehört, Heitermuster[10] sei zur Göttin der Hibiskusblüten im Garten geworden. Und als Fräulein Lin starb, erklang Musik in den Lüften – sie muss auch irgendeine Blumengöttin geworden sein. Mit all diesen Geistern im Garten – das kann ja nicht gutgehen! Früher, als noch viele Menschen dort waren und das Yang stark war, ging es; aber jetzt, wo es leer und kalt ist, ist Mutter von dort hindurchgegangen und hat wohl auf eine Blume getreten – oder sie ist einem dieser Wesen begegnet. Das Orakel scheint zu stimmen."
Herrlichkeit Kaufmann fragte: „Hat er gesagt, ob es gefährlich wird?"
Hibiskus Kaufmann sagte: „Am Hundetag soll es besser werden. Ich hoffe nur, es wird ein paar Tage früher oder ein paar Tage später."
Herrlichkeit Kaufmann: „Was soll das heißen?"
Hibiskus Kaufmann: „Wenn der Wahrsager so treffsicher ist, könnte auch der gnädige Herr selbst etwas bekommen..."
Da rief jemand von drinnen: „Die Herrin will aufstehen und in den Garten gehen, die Mädchen können sie nicht halten!" Herrlichkeit Kaufmann eilte hinein. Die Schwägerin Sonders phantasierte: „Eine Rotgekleidete ruft mich, eine Grüngekleidete jagt mich!" Die Dienerinnen waren erschrocken und belustigt zugleich.
Herrlichkeit Kaufmann ließ Papiergeld kaufen und im Garten verbrennen. Tatsächlich schwitzte die Schwägerin Sonders in jener Nacht und wurde ruhiger. Am Hundetag besserte sich ihr Zustand allmählich.
Von da an verbreitete sich das Gerücht: Im Garten der Großen Anschauung gibt es Dämonen! Die Gartenwächter pflegten weder Blumen noch Bäume mehr. Anfangs trauten sie sich nachts nicht mehr hinaus, so dass Vögel und Tiere überhandnahmen; schließlich gingen sie selbst am Tag nur noch in Gruppen und bewaffnet.
Einige Zeit später erkrankte tatsächlich auch Herrlichkeit Kaufmann. Man holte keine Ärzte, sondern verbrannte im Garten Opferpapier und hielt Sternzeremonien ab. Kaum war Herrlichkeit Kaufmann genesen, erkrankten nacheinander Hibiskus Kaufmann und andere. Monatelang ging das so weiter, bis beide Paläste in Angst und Schrecken versetzt waren. Bei jedem Windhauch und jedem Kranichruf glaubte man Geister zu hören, jeder Grashalm und jedes Blatt schien ein Dämon zu sein.
Die Gartenerträge fielen ganz weg, stattdessen mussten die Monatsgelder für alle Häuser wieder erhöht werden – die Finanzen des Rong-Palastes wurden noch knapper. Die Gartenwächter, die keinen Gewinn mehr sahen, wollten alle weg. Sie erfanden Geschichten von Blumengeistern und Baumdämonen und drängten darauf, auszuziehen. Die Gartentore wurden versiegelt, und kein Mensch wagte sich mehr hinein. Die herrlichen Turmbauten, die Jadehallen und Perlenterrassen wurden zum Aufenthaltsort von Vögeln und Tieren.
Nun lebte Heitermusters Vetter Wu Gui mit seiner Frau genau am Gartentor. Seit Heitermuster Tod und den Gerüchten, sie sei Blumengöttin geworden, traute sich seine Frau abends nicht mehr vor die Tür. Eines Tages kam Wu Gui spät vom Einkaufen zurück. Seine Frau hatte sich erkältet und eine falsche Medizin eingenommen; als er nach Hause kam, lag sie tot auf dem Bett. Die Leute draußen, die ohnehin misstrauisch waren, sagten sofort, ein Dämon sei über die Mauer gestiegen und habe ihr die Lebenskraft ausgesaugt.
Die Herzoginmutter[11] war außer sich vor Sorge und ließ eine Schar Wächter um Schatzjades Wohnung postieren, die Runden gingen und die Nachtwache hielten. Die kleinen Mädchen behaupteten, die eine habe ein rotes Gesicht gesehen, die andere eine wunderschöne Frau – es gab kein Ende des Geschreis. Schatzjade hatte jeden Tag Angst. Zum Glück bewahrte Schatzspange die Ruhe: Wenn die Mädchen wirres Zeug redeten, drohte sie mit Prügel, und so ließen die Gerüchte etwas nach. Aber in den anderen Häusern waren alle aufgeregt und stellten zusätzliche Nachtwachen auf, was die Ausgaben weiter erhöhte.
Einzig Begnadigung Kaufmann[12] wollte den Gerüchten nicht glauben: „In einem ganz normalen Garten – woher sollen da Geister kommen?" An einem windstillen, sonnigen Tag ging er mit mehreren bewaffneten Dienern in den Garten, um nach dem Rechten zu sehen. Alle rieten ab, doch er bestand darauf.
Im Garten war die Atmosphäre unheimlich drückend. Begnadigung Kaufmann ging tapfer voran, doch seine Begleiter streckten nur zaghaft die Köpfe vor. Ein junger Diener, innerlich schon halb tot vor Angst, hörte plötzlich ein Flattern, drehte sich um und sah etwas Schillerndes in fünf Farben vorbeisspringen. Vor Schreck schrie er „Au!" und sackte zusammen.
Begnadigung Kaufmann fragte, was los sei. Der Bursche keuchte: „Ich habe mit eigenen Augen ein Ungeheuer gesehen – gelbes Gesicht, roter Bart, grüne Kleidung – es ist in die Höhle hinter den Bäumen verschwunden!"
Begnadigung Kaufmann bekam es nun selbst mit der Angst. „Habt ihr es auch gesehen?", fragte er. Ein paar der Diener, die gern mit dem Strom schwammen, sagten: „Wie sollten wir es nicht gesehen haben? Nur weil der gnädige Herr voranging, wagten wir nicht, Alarm zu schlagen." Das reichte, um Begnadigung Kaufmann endgültig einzuschüchtern. Er wagte nicht weiterzugehen und kehrte eilig um.
Er wies die Burschen an: „Kein Wort darüber! Sagt nur, wir hätten alles durchsucht und nichts gefunden." Doch insgeheim glaubte er es nun selbst und wollte Daoisten von einer angesehenen Abtei holen, um die Dämonen auszutreiben.
Natürlich taten die Diener das Gegenteil: Sie erzählten die Geschichte weiter und schmückten sie kräftig aus, so dass jedermann die Zunge herausstreckte.
Begnadigung Kaufmann blieb nichts anderes übrig, als Daoisten zu beauftragen, im Garten eine Exorzismus-Zeremonie abzuhalten. Man wählte einen günstigen Tag und richtete in der Haupthalle des kaiserlichen Empfangspavillons eine Kultstätte ein: Oben die Bildnisse der Drei Reinen, daneben die Achtundzwanzig Sternbilder und die vier Großen Generäle Ma, Zhao, Wen und Zhou, darunter die Bildnisse der Sechsunddreißig Himmelsgeneräle. Weihrauch, Blumen, Kerzen und Lampen füllten den ganzen Saal, Glocken und Ritualgegenstände standen zu beiden Seiten, die fünf Richtungsfahnen waren aufgepflanzt.
Die Daoistische Kanzlei stellte neunundvierzig Daoisten ab. Nach einem Tag der Altarreinigung begannen die drei Obermeister mit der Zeremonie: Weihwasser und Weihrauch, dann das Ritual. Die Meister trugen Sieben-Sterne-Kronen, Neun-Palast-Acht-Trigramm-Gewänder und Wolkensteigeschuhe, hielten Elfenbein-Tafeln und verlasen die Gebete. Dann rezitierten sie einen ganzen Tag lang das ‚Mystische Sutra zur Abwehr von Unheil', bevor sie die Bannsprüche zur Anrufung der Generäle verkündeten.
An jenem Tag strömten alle Familienmitglieder beider Paläste herbei, um den Meistern beim Dämonenfang zuzusehen. „Ein gewaltiges Ritual! Mit solcher Macht können auch noch so viele Dämonen vertrieben werden!", sagten alle.
Die kleinen Daoisten hoben die Fahnen, stellten sich nach den fünf Himmelsrichtungen auf und warteten auf die Befehle der Meister. Die drei Obermeister – einer mit Schwert und Weihwasser, einer mit der Sieben-Sterne-Fahne, einer mit der Dämonenpeitsche aus Pfirsichholz – stellten sich vor den Altar. Die Ritualgegenstände verstummten, dreimal schlug das Kommandotäfelchen, und die Meister begannen die Beschwörung. Die fünf Fahnen wirbelten, die Meister stiegen vom Altar herab und ließen sich vom Hausherrn durch alle Gebäude, Hallen, Pavillons, Berge und Teiche führen, besprengten alles mit Weihwasser und zeichneten mit dem Schwert Bannzeichen.
Zurück am Altar schlugen sie die Kommandotäfelchen, schwangen die Sieben-Sterne-Fahne, die Daoisten sammelten die Fahnen, und die Dämonenpeitsche schlug dreimal in die Luft. Die Zuschauer drängten sich vor, überzeugt, dass Dämonen gefangen worden seien. Doch als sie nachschauten, war nichts zu sehen. Die Meister ließen lediglich Gefäße und Krüge herbeibringen, „versiegelten die Dämonen" mit Bannzetteln und ließen sie in den Tempel bringen, wo sie unter einer Pagode eingemauert wurden.
Hibiskus Kaufmann und die jüngeren Vettern kicherten hinter vorgehaltener Hand: „Was für ein Aufwand! Ich dachte, wir bekämen die Dämonen zu sehen – und dann so eine Vorstellung! Sind die Dämonen nun gefangen oder nicht?"
Herrlichkeit Kaufmann schimpfte: „Dummköpfe! Dämonen nehmen Gestalt an, wenn sie sich sammeln, und werden zu Luft, wenn sie sich zerstreuen. Bei so vielen Göttergenerälen wagen sie doch nicht, sich zu zeigen! Die Meister haben nur die Dämonenluft eingesammelt – dann gibt es keine Spukerscheinungen mehr. Das ist die Kraft des Rituals!"
Alle waren halb überzeugt. Man beschloss abzuwarten.
Die Dienstleute, die glaubten, die Dämonen seien gefangen, beruhigten sich. Tatsächlich sprach danach niemand mehr davon. Herrlichkeit Kaufmann und die anderen erholten sich, und alle priesen die Kraft der Daoisten.
Nur ein Bursche sagte lachend: „Die früheren Spukerscheinungen kenne ich nicht. Aber an dem Tag, als ich mit dem Ersten Herrn in den Garten ging, war das eindeutig ein großer wilder Fasan, der vorbeiflog! Ratschi hat vor Schreck so getan, als hätte er einen Dämon gesehen, und wir haben seine Lüge gedeckt. Der Erste Herr hat es ernst genommen – und wir bekamen diese hübsche Zeremonie zu sehen."
Die Leute hörten es zwar, wollten es aber nicht glauben. Keiner traute sich, im Garten zu wohnen.
Eines Tages, als Begnadigung Kaufmann gerade vorhatte, einige Diener in den Garten zu schicken, um dort als Wächter zu wohnen – er fürchtete, nachts könnten sich Verbrecher dort verstecken –, kam Kette Kaufmann herein, begrüßte ihn und berichtete: „Heute war ich beim ersten Onkel und habe ein beunruhigendes Gerücht gehört: Der zweite Onkel soll vom Gouverneur wegen Nachlässigkeit in der Aufsicht über Untergebene und überhöhter Getreideabgaben angeklagt und auf kaiserlichen Erlass hin seines Amtes enthoben worden sein."
Begnadigung Kaufmann erschrak: „Das ist doch wohl nur ein Gerücht? Neulich hat dein Onkel Aufrecht Kaufmann[13] geschrieben, Erkundefrühling sei wohlbehalten an ihrem Bestimmungsort angekommen und die Hochzeit am Meer sei glücklich verlaufen. Der Gouverneur habe sogar als neuer Verwandter ein Festmahl gegeben. Wie kann ein frischgebackener Verwandter eine Anklage erheben? Sag vorerst niemandem davon, fahr sofort zum Amt und erkundige dich – dann komm zurück und berichte."
Kette Kaufmann eilte hinaus und kam nach einem halben Tag zurück: „Im Amt hat sich bestätigt: Onkel Aufrecht wurde angeklagt. Die Anklageschrift wurde dem Kaiser vorgelegt. Dank der kaiserlichen Gnade wurde kein Verfahren eröffnet. Der Kaiser hat verfügt: Nachlässigkeit in der Aufsicht, überhöhte Abgaben und Unterdrückung des Volkes – eigentlich Amtsenthebung, doch in Anbetracht, dass es sein erstes auswärtiges Amt ist und er von der Verwaltung wenig versteht, weil seine Beamten ihn betrogen haben, wird er um drei Ränge herabgestuft, darf aber gnädigerweise als Sekretär im Bauministerium weiterarbeiten und soll sofort in die Hauptstadt zurückkehren.
Während ich im Amt war, kam ein Kreisbeamter aus Jiangxi zur Audienz, der Onkel Aufrecht sehr dankbar ist. Er sagt, Onkel sei ein guter Vorgesetzter, nur habe er die falschen Leute eingesetzt. Seine Hausdiener hätten draußen angegeben und betrogen, die Untergebenen eingeschüchtert, und so seinen guten Ruf ruiniert. Der Gouverneur habe schon länger davon gewusst und Onkel persönlich für einen guten Mann gehalten. Warum er ihn dennoch anklagte, ist unklar – vielleicht war das Treiben so schlimm geworden, dass er fürchtete, es könne ein größeres Unglück daraus entstehen, und deshalb eine geringere Sache als Anlass nahm. Gewissermaßen das Schwere vermeidend und das Leichte anklagend."
Begnadigung Kaufmann hörte nicht einmal ganz zu und sagte: „Geh sofort zu deiner Tante und sag ihr Bescheid. Aber der Ahnherrin sagt vorerst noch nichts."
Kette Kaufmann ging, um Frau König zu informieren.
Was dann besprochen wurde, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.
- ↑ Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.
- ↑ Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.
- ↑ Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.
- ↑ Kostbarzither Schnee: Chin. 薛宝琴 (Xuē Bǎoqín), wörtl. „Kostbare Zither". Jüngere Cousine von Schatzspange.
- ↑ Seidenweiß Pflaume: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Orchidee Kaufmann.
- ↑ Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.
- ↑ Schwägerin Sonders: Chin. 尤氏 (Yóu Shì). Ehefrau von Herrlichkeit Kaufmann aus dem Ning-Palast.
- ↑ Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 (Jiǎ Zhēn). Herr des Ning-Palastes.
- ↑ Hibiskus Kaufmann: Chin. 贾蓉 (Jiǎ Róng). Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
- ↑ Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.
- ↑ Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.
- ↑ Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 (Jiǎ Shè), wörtl. „Begnadigung". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.
- ↑ Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.