Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 107"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 107)
 
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= Kapitel 107 =
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== Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> ihren persönlichen Besitz ==
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_102|<span style="color: #FFD700;">102</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_103|<span style="color: #FFD700;">103</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_104|<span style="color: #FFD700;">104</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_105|<span style="color: #FFD700;">105</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_106|<span style="color: #FFD700;">106</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">107</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_108|<span style="color: #FFD700;">108</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_109|<span style="color: #FFD700;">109</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_110|<span style="color: #FFD700;">110</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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== Dank kaiserlicher Gunst empfängt Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> den erblichen Titel seines Bruders ==
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Wie bereits erzählt, ging Aufrecht Kaufmann in den Palast hinein, wo er die verschiedenen Würdenträger des Geheimen Staatsrates und die Fürsten vorfand. Der Fürst von Beijing sagte: "Wir haben Euch heute auf kaiserlichen Befehl rufen lassen, um Euch zu befragen." Aufrecht Kaufmann kniete sogleich nieder. Die Würdenträger fragten: "War Euch bekannt, dass Euer älterer Bruder mit auswärtigen Beamten konspirierte, seine Macht missbrauchte und Schwächere schikanierte, dass er seinen Sohn zum Glücksspiel anstiftete und gewaltsam die Ehefrau eines ehrbaren Bürgers als Nebenfrau nahm und sie in den Tod trieb, als sie sich weigerte?"
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Aufrecht Kaufmann antwortete: "Der Angeklagte wurde durch die Gnade Seiner Majestät zum Bildungskommissar ernannt. Nach Ablauf der Amtszeit inspizierte er Hilfsmaßnahmen, kehrte gegen Ende des vergangenen Winters nach Hause zurück und wurde dann von seinen Vorgesetzten mit Bauarbeiten beauftragt. Danach wurde er als Getreide-Intendant nach Jiangxi berufen, von dort unter Anklage in die Hauptstadt zurückbeordert und versieht seither wieder seinen Dienst im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Tag und Nacht wagte er nicht, nachlässig zu sein. Um die Familienangelegenheiten hat er sich in keiner Weise gekümmert und ist in der Tat völlig ahnungslos gewesen. Dass er es versäumt hat, die Söhne und Neffen zu erziehen, ist sein Vergehen gegen die kaiserliche Gnade. Er bittet nur darum, dass Seine Majestät ihn streng bestrafe."
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Der Fürst von Beijing trug dies dem Thron vor. Nach kurzer Zeit wurde der kaiserliche Erlass übermittelt. Der Fürst von Beijing verlas ihn: "Seine Majestät hat erwogen: Bezüglich der Anklage des Zensors, Begnadigung Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾赦</ref> habe mit auswärtigen Beamten konspiriert und seine Macht missbraucht, um Schwächere zu schikanieren: Der Zensor nannte den Präfekten von Pingan als Komplizen. Bei strenger Vernehmung gab Begnadigung Kaufmann zu Protokoll, der Präfekt von Pingan sei ein angeheirateter Verwandter, mit dem man lediglich persönlichen Umgang gepflegt habe, ohne sich in Amtsgeschäfte einzumischen. Auch der Zensor konnte diesen Punkt nicht beweisen. Lediglich die Anklage, er habe unter Ausnutzung seiner Stellung einen gewissen Shi Daizi zur Herausgabe antiker Fächer genötigt, wurde bestätigt. Doch handelt es sich um Spielzeug und Sammelstücke, was nicht mit der gewaltsamen Aneignung von Gut ehrlicher Bürger zu vergleichen ist. Dass Shi Daizi sich daraufhin das Leben nahm, liegt an dessen eigener Verrücktheit und ist nicht gleichzusetzen mit einem Freitod durch Nötigung. Daher wird Begnadigung Kaufmann gnädig zu Strafdienst an einem Grenzposten verurteilt, wo er seine Schuld durch treuen Dienst tilgen kann.
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Was die Anklage gegen Herrlichkeit Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾珍</ref> betrifft, er habe gewaltsam die Ehefrau eines ehrlichen Bürgers als Nebenfrau genommen und sie durch Zwang in den Tod getrieben: Nach Prüfung der Originalakten beim Zensorat stellte sich heraus, dass die besagte Dame Zweitschwester Sonders tatsächlich von einem gewissen Zhang Hua durch ein Verlöbnis im Mutterleib zur Frau bestimmt worden war. Da dieser in Armut lebte, wünschte er selbst die Auflösung der Verlobung. Die Mutter von Zweitschwester Sonders war einverstanden, ihre Tochter als Nebenfrau zu geben, und zwar nicht an Herrlichkeit Kaufmann selbst, sondern an dessen jüngeren Vetter. Von 'gewaltsamer Aneignung' kann also keine Rede sein.
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Zum Fall der Drittschwester Sonders, die sich selbst erdolchte und heimlich beerdigt wurde, ohne dass der Tod den Behörden gemeldet wurde: Bei näherer Untersuchung ergab sich, dass Drittschwester Sonders die jüngere Schwester von Herrlichkeit Kaufmanns Ehefrau war. Es lag ursprünglich in seiner Absicht, eine passende Heirat für sie zu vermitteln. Doch die Forderung nach Rückgabe der Brautgeschenke durch den Verlobten und die verbreiteten Gerüchte über ihr unehrbares Verhalten führten bei ihr zu solcher Scham und Empörung, dass sie sich das Leben nahm. Eine Nötigung durch Herrlichkeit Kaufmann lag nicht vor. Gleichwohl hat Herrlichkeit Kaufmann als Träger eines erblichen Amtes die Gesetze missachtet und einen Todesfall verheimlicht, wofür er schwer bestraft werden müsste. In Anbetracht dessen, dass er Nachkomme verdienter Vorfahren ist, wird von der vollen Strafe abgesehen. Er wird gnädig seines erblichen Titels enthoben und an die Küste entsandt, um dort durch pflichtgetreuen Dienst seine Schuld zu tilgen. Rong Kaufmann ist zu jung, um in die Sache verwickelt zu sein, und wird freigesprochen. Aufrecht Kaufmann hat über viele Jahre in auswärtigen Ämtern pflichtbewusst und gewissenhaft gedient und wird von der Verantwortung für die mangelhafte Haushaltsführung entbunden."
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Als Aufrecht Kaufmann das hörte, war er zu Tränen der Dankbarkeit gerührt und verneigte sich hastig vor dem Thron. Dann bat er den Fürsten, seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln. Der Fürst von Beijing sagte: "Dankt dem Himmel für die Gnade. Was gäbe es noch vorzubringen?"
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Aufrecht Kaufmann sagte: "Der Angeklagte ist überwältigt von der Gnade Seiner Majestät, die ihm nicht nur keine schwere Strafe auferlegt, sondern auch noch das Familienvermögen zurückgegeben hat. In tiefster Beschämung möchte er den gesamten von seinen Ahnen ererbten Besitz und alle angesammelten Güter dem Thron überlassen."
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Der Fürst von Beijing sagte: "Seine Majestät ist human und mitfühlend gegenüber seinen Untertanen, weise und gerecht in seinen Urteilen, unfehlbar bei Belohnung und Bestrafung. Nachdem Euch das Vermögen durch eine so große Gnade zurückgegeben wurde, bedarf es keiner weiteren Geste Eurerseits." Die anderen Würdenträger bestätigten dies.
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So dankte Aufrecht Kaufmann abermals der kaiserlichen Gnade und dem Fürsten und verließ den Palast. Da er wusste, wie besorgt die Herzoginmutter wartete, eilte er nach Hause. Alle Hausbewohner, Männer wie Frauen, standen draußen und warteten bange auf Nachrichten. Als sie Aufrecht Kaufmann wohlbehalten zurückkehren sahen, atmeten alle etwas auf, doch wagte niemand zu fragen. Aufrecht Kaufmann eilte direkt zu den Gemächern der Herzoginmutter und berichtete ihr die Einzelheiten des kaiserlichen Erlasses.
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Die Herzoginmutter war zwar erleichtert, doch dass zwei erbliche Titel eingezogen worden waren und Begnadigung Kaufmann an einen Grenzposten und Herrlichkeit Kaufmann an die Küste entsandt werden sollten, betrübte sie zutiefst. Die Frau Strafe <ref>Chinesisch: 邢夫人</ref> und Dame Sonders brachen sofort in lautes Weinen aus.
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Aufrecht Kaufmann sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Auch wenn der ältere Bruder an einem Grenzposten dienen muss, dient er doch dem Staat und wird nicht leiden müssen. Wenn er sich bewährt, kann er seinen Titel zurückerhalten. Und Juwel ist noch jung und sollte durchaus seinen Dienst leisten. Hätten wir es nicht so weit kommen lassen, hätten wir den Segen unserer Ahnen ohnehin nicht ewig genießen können." Er fügte noch weitere tröstende Worte hinzu.
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Die Herzoginmutter hatte Begnadigung Kaufmann ohnehin nie besonders gemocht, und Herrlichkeit Kaufmann vom Stillfriede-Anwesen war eine Stufe entfernt. Nur die Frau Strafe und Dame Sonders weinten ohne Unterlass.
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Die Frau Strafe dachte bei sich: "Das gesamte Vermögen ist weg, und mein Mann muss in seinem Alter in die Ferne ziehen. Zwar habe ich Kette als Sohn, aber der hat sich schon immer mehr zu seinem Onkel Aufrecht hingezogen. Jetzt, wo wir alle von Aufrecht abhängen, werden er und seine Frau sich natürlich noch mehr jener Seite zuwenden. Da bleibe ich ganz allein — einsam und verlassen. Was soll nur aus mir werden?"
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Dame Sonders ihrerseits hatte im Stillfriede-Anwesen stets allein den Haushalt geführt und war nach Herrlichkeit Kaufmann die angesehenste Person gewesen. Zudem waren sie und Herrlichkeit Kaufmann ein harmonisches Ehepaar gewesen. Nun wurde er in Schande fortgeschickt, das gesamte Vermögen war beschlagnahmt, und sie mussten im Prunkwille-Anwesen um Aufnahme bitten. Auch wenn die Herzoginmutter sie liebevoll behandelte, lebte sie doch unter fremdem Dach. Dazu musste sie Peifeng und Xieluan versorgen, und das junge Paar Rong Kaufmann und seine Frau konnten kaum einen eigenen Haushalt gründen. Sie dachte weiter: "Die Zweite und die Dritte Schwester — ihr Unglück war letztlich Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref>s Schuld. Und trotzdem kommen er und seine Frau ungeschoren davon und bleiben als Ehepaar beisammen, während uns nur ein elendes Dasein bleibt. Wie soll man da weiterleben?" Bei diesem Gedanken brach sie in bitteres Weinen aus.
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Die Herzoginmutter konnte es nicht mit ansehen und fragte Aufrecht Kaufmann: "Der Fall deines Bruders und Juwels ist nun entschieden. Dürfen sie nach Hause kommen? Rong hat nichts verbrochen, der müsste doch freigelassen werden."
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Aufrecht Kaufmann antwortete: "Nach den Vorschriften dürfte der ältere Bruder eigentlich nicht nach Hause kommen. Doch ich habe bereits um eine persönliche Gunst gebeten, damit er zusammen mit dem Neffen heimkehren kann, um die Reisevorbereitungen zu treffen. Das Gericht hat gnädig zugestimmt. Rong dürfte zusammen mit seinem Großvater und seinem Vater herauskommen. Bitte mache dir keine Sorgen, gnädige Mutter. Ich werde alles regeln."
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Die Herzoginmutter sagte ferner: "Ich bin in den letzten Jahren zu alt und gebrechlich geworden und habe mich überhaupt nicht mehr um die Familienfinanzen gekümmert. Nun ist im Stillfriede-Anwesen alles beschlagnahmt, das Haus einbezogen. Auf unserer Seite wurde bei deinem Bruder und bei Kette auch alles genommen. Sag mir besser jetzt: Wie viel haben wir noch in der Schatzkammer und wie viel sind die Ländereien in der östlichen Provinz noch wert? Wenn die beiden aufbrechen müssen, sollten wir ihnen doch einige tausend Silbertael mitgeben."
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Aufrecht Kaufmann steckte in der Klemme. Als die Herzoginmutter so fragte, dachte er: "Wenn ich ihr die Wahrheit sage, wird sie einen Schock bekommen. Wenn ich es aber verschweige, wie sollen wir dann unsere derzeitigen Probleme lösen, von der Zukunft ganz zu schweigen?" Nach kurzem Überlegen antwortete er: "Hätte die gnädige Mutter nicht gefragt, hätte ich es nicht gewagt zu sagen. Da die gnädige Mutter aber nun fragt und Kette auch hier ist: Gestern habe ich die Konten geprüft. Die alte Schatzkammer ist seit langem völlig leer. Nicht nur ist alles aufgebraucht, wir haben auch noch erhebliche Schulden draußen. Für die Angelegenheit des älteren Bruders müssen wir dringend Geld aufbringen, um die Beamten zu besänftigen. Denn trotz der großzügigen Gnade Seiner Majestät könnte es Vater und Sohn schlecht ergehen, wenn wir nicht eingreifen. Nur weiß ich nicht, woher das Geld kommen soll. Auf die Ländereien in der östlichen Provinz können wir uns nicht verlassen — die Pachteinnahmen des kommenden Jahres sind schon für Schulden aus dem laufenden Jahr verplant und können nicht so schnell flüssig gemacht werden. Uns bleibt nur, die Kleidung und den Schmuck, die uns glücklicherweise gelassen wurden, zu verkaufen und den Erlös dem älteren Bruder und Juwel als Reisegeld mitzugeben. Wie wir danach selbst über die Runden kommen, ist wieder ein anderes Problem."
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Die Herzoginmutter brach erneut in Tränen aus: "Wie? Ist es wirklich so weit mit uns gekommen? So etwas habe ich nie erlebt. Wenn ich an meine eigene Familie in früheren Zeiten denke — die waren noch zehnmal wohlhabender als wir. Auch sie haben einige Jahre lang eine leere Fassade aufrechterhalten. Aber selbst ohne ein solches Unglück brach schließlich alles zusammen, und in ein, zwei Jahren war es vorbei. Aber nach dem, was du sagst, werden wir nicht einmal ein bis zwei Jahre durchhalten?"
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Aufrecht Kaufmann sagte: "Hätten wir noch die beiden erblichen Besoldungen, könnte man anderswo Mittel auftreiben. Aber jetzt, wo wir nichts mehr als Sicherheit bieten können, wird uns niemand Geld leihen." Auch ihm liefen die Tränen über die Wangen. "Was die Verwandten betrifft: Die, bei denen wir in der Schuld stehen, sind selbst arm geworden. Und die, die uns nie etwas schuldeten, wollen uns nicht helfen. Gestern habe ich die Konten nicht im Detail geprüft, aber ich habe die Personalliste durchgesehen. Von oben kommt keinerlei Einkommen, und unten können wir die vielen Diener auch nicht mehr ernähren."
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Die Herzoginmutter grämte sich immer mehr. Da kamen Begnadigung Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Rong Kaufmann herein und begrüßten sie. Die Herzoginmutter sah die drei: Mit der einen Hand ergriff sie Begnadigung Kaufmann, mit der anderen Herrlichkeit Kaufmann, und brach in lautes Schluchzen aus. Die beiden schämten sich zutiefst, und als sie die Herzoginmutter weinen sahen, fielen sie auf die Knie und riefen weinend: "Wir unwürdigen Söhne und Enkel haben die Verdienste unserer Ahnen verspielt und die gnädige Mutter in Kummer gestürzt. Wir verdienen es nicht einmal, nach dem Tod begraben zu werden!"
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Daraufhin brach der ganze Raum in Wehklagen aus. Aufrecht Kaufmann mahnte: "Wir sollten zunächst die Reisevorbereitungen der beiden besprechen. Sie können höchstens ein bis zwei Tage zu Hause bleiben, sonst werden die Behörden ungeduldig."
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Die Herzoginmutter hielt ihre Tränen mühsam zurück und sagte: "Geht, ihr beiden, und sprecht mit euren Ehefrauen." Dann wies sie Aufrecht Kaufmann an: "Diese Sache duldet keinen Aufschub. Ich sehe, dass Anleihen von außen nichts nützen werden. Wenn wir die Frist verstreichen lassen, was dann? Ich muss wohl selbst etwas unternehmen. Bei dem Durcheinander im Haus kann es auch nicht so weitergehen." Dabei rief sie Mandarinenente <ref>Chinesisch: 鸳鸯</ref> herbei und gab ihr Anweisungen.
  
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Begnadigung Kaufmann und die anderen gingen hinaus und sprachen noch einmal weinend mit Aufrecht Kaufmann. Sie drückten ihr Bedauern über ihren früheren Eigensinn aus, klagten über die bevorstehende Trennung und gingen dann zu ihren Frauen, um dort zu trauern. Begnadigung Kaufmann war schon älter und konnte sich leichter damit abfinden. Herrlichkeit Kaufmann und Dame Sonders dagegen — wie sollten sie die Trennung ertragen! Kette Kaufmann und Rong Kaufmann hielten ihren Vater an den Händen und weinten. Obwohl die Strafe milder war als Verbannung oder Zwangsarbeit, war es doch ein Abschied, bei dem man nicht wusste, ob man einander jemals wiedersehen würde. Es war, wie es war, und sie mussten sich mit zusammengebissenem Herzen fügen.
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= Kapitel 107 =
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Dann ließ die Herzoginmutter die Damen Xing und Wang zusammen mit Mandarinenente und den Mägden alle Truhen und Kisten öffnen. Alles, was sie seit ihrer Eheschließung im Laufe der Jahre angesammelt hatte, wurde hervorgeholt. Sie rief Begnadigung Kaufmann, Aufrecht Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und alle anderen herbei und verteilte alles einzeln.
== 散馀资贾母明大义 / 复世职政老沐天恩 ==
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Begnadigung Kaufmann erhielt dreitausend Silbertael. Sie sagte: "Von dem hier vorhandenen Silber nimmst du zweitausend als Reisegeld mit und lässt eintausend für die ältere gnädige Frau zum täglichen Gebrauch zurück. Diese dreitausend sind für Juwel: Du darfst nur eintausend mitnehmen und lässt deiner Frau zweitausend. Sie sollen weiterhin ihre eigenen Angelegenheiten regeln, auch wenn sie hier bei uns wohnen. Die Mahlzeiten möge jeder für sich bestreiten. Um Bedauerfrühlings künftige Heirat kümmere ich mich selbst. Die arme Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> hat sich ihr ganzes Leben lang abgemüht, und nun hat sie nichts mehr. Auch ihr gebe ich dreitausend Tael, und sie soll sie selbst verwahren. Kette darf nichts davon anrühren. Da sie gerade todkrank ist, soll Friedchen <ref>Chinesisch: 平儿</ref> kommen und es in Empfang nehmen. Hier sind Gewänder, die dein Großvater hinterlassen hat, und Kleider und Schmuck, die ich als junge Frau getragen habe — ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider sollen der ältere Herr Begnadigung, Juwel, Kette und Rong unter sich aufteilen; die Frauenkleider sollen die ältere gnädige Frau, Juwels Frau und Phönixglanz unter sich teilen. Diese fünfhundert Silbertael sind für Kette, um nächstes Jahr den Sarg der jungen Dai-yü in den Süden überführen zu lassen."
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Als die Verteilung abgeschlossen war, rief sie Aufrecht Kaufmann zu sich: "Du sagtest, es gäbe noch Außenstände. Die müssen unbedingt beglichen werden. Nimm dafür dieses Gold und lass es eintauschen. Dass es so weit gekommen ist, haben sie verschuldet, nicht ich. Aber du bist ebenfalls mein Sohn, und ich begünstige niemanden. Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> ist nun verheiratet. Was mir an Gold und Silber noch bleibt, ist noch einige tausend Tael wert — das alles gehört ihm. Zhus Witwe war mir immer eine pflichtbewusste Schwiegertochter, und der kleine Lan ist brav. Auch ihnen gebe ich etwas ab. Damit ist meine Angelegenheit erledigt."
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Als Aufrecht Kaufmann und die anderen sahen, wie klar und umsichtig die Herzoginmutter alles geregelt hatte, knieten sie alle weinend nieder und sagten: "Die gnädige Mutter in ihrem hohen Alter — wir Söhne und Enkel haben nicht das Geringste zu ihrer Pflege beigetragen und empfangen nun solche Großzügigkeit von unserer Ahnherrin. Wir schämen uns so, dass wir am liebsten im Boden versinken würden!"
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Die Herzoginmutter sagte: "Redet keinen Unsinn! Wäre dieses Durcheinander nicht gekommen, hätte ich alles für mich behalten. Aber nun zum Ernst der Lage: Wir haben zu viele Diener. Du bist der Einzige mit einem Amt, Aufrecht. Ein paar Diener genügen. Lass die Verwalter alle zusammenrufen und alles ordentlich regeln. Jeder Haushalt soll mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Stellt euch vor, alles wäre konfisziert worden — was dann? Auch in den Frauengemächern muss aufgeräumt werden: Manche Mägde sollen verheiratet werden, andere freigelassen. Auch wenn uns das Anwesen geblieben ist, solltest du den Garten an den Staat übergeben. Kette soll die ländlichen Güter prüfen: Was verkauft werden muss, wird verkauft, was behalten werden kann, wird behalten. Aber Schluss mit dem leeren Gepränge und der falschen Fassade! Und noch etwas muss ich erwähnen: Die Familie Echt in Jiangnan hat noch etwas Silber bei uns stehen. Die Frau des Zweiten Herrn verwahrt es. Schickt jemanden und bringt es ihnen zurück. Sollte uns noch etwas zustoßen, ziehen wir sie nur noch tiefer in den Schlamassel — wir müssen nicht vom Regen in die Traufe kommen."
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Aufrecht Kaufmann, der sich seiner Unfähigkeit in Haushaltsdingen durchaus bewusst war, murmelte zu jeder Anweisung demütig "Ja, gnädige Mutter" und dachte bei sich: "Die gnädige Mutter ist wirklich eine geborene Verwalterin! Und was für ein Versager bin ich im Vergleich!"
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Er sah, dass die Herzoginmutter erschöpft war, und bat sie, sich auszuruhen.
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Die Herzoginmutter sagte noch: "Das Wenige, was mir noch bleibt, soll nach meinem Tod für mein Begräbnis verwendet werden. Was dann noch übrig ist, geht an meine Dienerinnen."
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Als Aufrecht Kaufmann und die anderen das hörten, wurden sie noch trauriger und knieten erneut nieder: "Möge die gnädige Mutter sich beruhigen! Wenn wir Söhne mit der Gunst der gnädigen Mutter in einiger Zeit die Gnade Seiner Majestät wiedererlangen, werden wir uns mit aller Kraft dem Aufbau der Familie widmen, unsere früheren Fehler gutmachen und die gnädige Mutter bis ins hundertste Lebensjahr umsorgen."
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Die Herzoginmutter sagte: "Wenn das nur gelänge, könnte ich nach dem Tod unseren Ahnen mit Stolz entgegentreten. Denkt ja nicht, ich wäre jemand, der nur Reichtum genießen und keine Armut ertragen kann! So ist es nicht. In den letzten Jahren habt ihr so prunkvoll gelebt, und ich habe mich gefreut, mich nicht einzumischen, habe geplaudert und gelacht und mich gepflegt. Dass das Familienglück so tief fallen würde, hätte ich nie gedacht. Dass hinter der schönen Fassade Leere herrschte, habe ich schon früh erkannt. Nur ist es so: 'Der Wohnort verändert das Wesen, die Pflege verändert den Körper' — man kann eben nicht so schnell von seinem hohen Ross herunter. Jetzt ist die richtige Zeit, sich zu bescheiden und den Familiennamen zu bewahren, damit man nicht zum Gespött der Leute wird. Aber was die beiden, Vater und Sohn, für Dinge getrieben haben — das wisst ihr noch gar nicht!"
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Während die Herzoginmutter noch in ihrer langen Rede war, kam Feng'er aufgeregt hereingelaufen und wandte sich an Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref>: "Heute Morgen hat unsere gnädige Herrin die Nachrichten von draußen gehört und heftig geweint. Jetzt bekommt sie kaum noch Luft. Friedchen hat mich geschickt, um es der gnädigen Frau zu melden."
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Feng'er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Herzoginmutter es schon gehört hatte und fragte: "Wie geht es ihr denn jetzt?" Frau König antwortete für Feng'er: "Es geht ihr wohl gar nicht gut."
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Die Herzoginmutter erhob sich: "Ach! Diese Plagegeister wollen mich noch ins Grab bringen!" Sie ließ sich stützen und wollte selbst nach Phönixglanz sehen.
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Aufrecht Kaufmann hielt sie eilig zurück und sagte: "Die gnädige Mutter hat sich lange gegrämt und so viele Anordnungen getroffen. Jetzt sollte sie sich dringend ausruhen. Wenn die Schwiegertochter etwas hat, kann meine Frau nach ihr sehen. Warum muss die gnädige Mutter persönlich hingehen? Wenn sich die gnädige Mutter noch mehr aufregt und ihr selber etwas zustößt, wie sollen wir Söhne das verantworten?"
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Die Herzoginmutter sagte: "Geht alle hinaus. Kommt später noch einmal, ich habe noch etwas zu sagen."
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Aufrecht Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und ging hinaus, um die Reisevorbereitungen für seinen Bruder und seinen Neffen zu überwachen. Er wies Kette Kaufmann an, Begleiter für die Reise auszuwählen.
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Hierauf ließ die Herzoginmutter durch Mandarinenente die Geschenke für Phönixglanz hinüberbringen. Phönixglanz war gerade ohnmächtig geworden. Friedchen hatte sich die Augen rot und die Wangen geschwollen geweint. Als sie hörte, dass die Herzoginmutter mit Frau König und den anderen im Anmarsch war, eilte sie hastig hinaus, um sie zu empfangen.
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Die Herzoginmutter fragte: "Wie geht es ihr jetzt?" Friedchen, die die Herzoginmutter nicht erschrecken wollte, sagte: "Es geht ihr etwas besser." Sie führte die Gesellschaft hinein, eilte zum Bett vor und hob behutsam den Bettvorhang. Phönixglanz öffnete die Augen und sah die Herzoginmutter eintreten. Tiefe Scham ergriff sie. Zuvor hatte sie geglaubt, die ganze Familie zürne ihr und niemand kümmere sich mehr um sie, ob sie lebe oder sterbe. Dass nun die Herzoginmutter persönlich an ihr Bett kam, ließ ihr Herz sich weiten, und der Druck in ihrer Brust löste sich ein wenig. Sie wollte sich sogar aufrichten, doch die Herzoginmutter ließ Friedchen sie zurückhalten.
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"Beweg dich nicht", sagte sie zu Phönixglanz. "Geht es dir etwas besser?"
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Phönixglanz antwortete mit Tränen in den Augen: "Seit ich als junge Braut in dieses Haus kam, haben die gnädige Mutter und die gnädige Frau König mich so liebevoll behandelt! Doch das Schicksal hat mich verfolgt, Geister und Dämonen haben mich um den Verstand gebracht, und ich habe es nicht geschafft, der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante auch nur einen Funken Dankbarkeit zu erweisen. Trotzdem habt ihr mich wie einen Menschen behandelt und mich den Haushalt führen lassen. Doch ich habe alles drunter und drüber gebracht. Wie kann ich der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante noch ins Gesicht sehen? Dass die gnädige Mutter heute persönlich kommt, ist mehr, als ich verdiene. Ich fürchte, wenn mir noch drei Tage zum Leben bestimmt waren, sind jetzt zwei davon abgezogen."
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Sie schluchzte erbärmlich. Die Herzoginmutter tröstete sie: "Den ganzen Ärger haben andere angezettelt, was hat das mit dir zu tun? Dass man deine Sachen genommen hat — das ist doch nicht so schlimm! Ich habe dir allerhand Gutes mitgebracht, schau einmal!" Sie ließ die Geschenke vor ihr ausbreiten.
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Phönixglanz war von Natur aus habgierig, und der plötzliche Verlust all ihres Besitzes hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Zudem fürchtete sie die Vorwürfe der anderen und war dem Tode nahe. Dass nun die Herzoginmutter sie immer noch liebte und auch Frau König ihr keinen Vorwurf machte, sondern sie tröstete, und dass auch Kette Kaufmann nichts geschehen war — all das erleichterte sie sehr.
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Sie verneigte sich vom Kissen aus vor der Herzoginmutter und sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Wenn ich durch den Segen der gnädigen Mutter genese, will ich freiwillig als einfache Dienstmagd arbeiten und mit ganzem Herzen und ganzer Seele der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante dienen."
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Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, und sie brach in Tränen aus.
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Schatzjade, der noch nie eine solche Krise erlebt hatte und immer nur Frieden und Freude gekannt hatte, sah nun, wohin er blickte, nur Kummer und Leid. Wenn er jemanden weinen sah, weinte er automatisch mit.
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Phönixglanz sah, wie niedergeschlagen alle waren, und raffte sich auf, ein paar tröstende Worte für die Herzoginmutter zu finden. Sie bat: "Die gnädige Mutter und die gnädige Tante mögen nach Hause gehen. Wenn es mir etwas besser geht, komme ich persönlich, um meinen Kotau zu machen." Dabei hob sie schwach den Kopf vom Kissen.
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Die Herzoginmutter wies Friedchen an: "Pflege sie gut! Wenn es euch an etwas fehlt, kommt zu mir." Dann machte sie sich mit Frau König auf den Rückweg in ihre eigenen Gemächer. Unterwegs hörte sie aus zwei, drei Ecken Weinlaute. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte Frau König fort und wies Schatzjade an: "Geh und verabschiede dich von deinem Onkel und deinem Vetter, dann komm sofort zurück."
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Allein ließ sie sich auf ihr Ruhebett fallen und weinte. Mandarinenente versuchte mit allen erdenklichen Worten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.
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Der Abschied von Begnadigung Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann war voller Schmerz. Die zu ihrer Begleitung bestimmten Diener wollten allesamt nicht gehen und beklagten laut ihr Schicksal. Im Leben verlassen zu werden ist wahrlich noch schmerzhafter als durch den Tod getrennt zu werden, und die Zuschauer litten noch mehr als die Betroffenen selbst. Das einst so glanzvolle Prunkwille-Anwesen war nun von Menschengeheul und Geisterweinen erfüllt.
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Aufrecht Kaufmann, stets ein Mann der Formen und der Pflichterfüllung, erwies seinem älteren Bruder den gebührenden Respekt. Sie reichten sich zu Hause die Hände, und dann ritt Aufrecht Kaufmann voraus vor die Stadtmauer, wo er rituell den Abschiedswein darreichte. Er ermahnte Begnadigung Kaufmann, an die Erwartungen zu denken, die der Staat an die Nachkommen verdienter Vorfahren stelle, und sich diesen durch treuen Dienst würdig zu erweisen. Begnadigung Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann wischten sich die Tränen ab und machten sich in verschiedene Richtungen auf den Weg.
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Aufrecht Kaufmann kehrte mit Schatzjade nach Hause zurück. Noch bevor sie das Tor erreichten, sahen sie draußen eine Menschenmenge, die laut durcheinanderrief: "Heute ist ein kaiserlicher Erlass ergangen: Das erbliche Amt des Herzogs von Prunkwille wird Aufrecht Kaufmann übertragen!"
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Die Leute verlangten ein Trinkgeld für die gute Nachricht, doch die Pförtner stritten mit ihnen: "Es ist ein Titel, der schon immer in unserer Familie war, und jetzt hat unser Herr ihn geerbt. Was gibt es da zu feiern?"
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Die Leute riefen: "Die Ehre eines erblichen Amtes ist höher als alles andere! Euer älterer Herr hat den Titel verspielt, und den wiederzubekommen war unmöglich. Jetzt hat Seine Majestät in seiner Gnade, die größer ist als der Himmel, den Titel dem Herrn Aufrecht verliehen. So etwas kommt nur einmal in tausend Jahren vor — wie soll das kein Trinkgeld wert sein?"
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Gerade als sie sich stritten, kam Aufrecht Kaufmann nach Hause. Die Pförtner berichteten ihm. Obwohl es eine freudige Nachricht war, verdankte er sein Glück letztlich der Schande seines Bruders, und so waren seine Gefühle eher von Dankbarkeit und Tränen geprägt als von Freude. Er eilte nach drinnen und berichtete der Herzoginmutter. Sie freute sich natürlich und ermahnte ihn, sich der Gnade durch treuen Dienst würdig zu erweisen.
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Frau König kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und als sie von der Wiederherstellung des Titels erfuhr, war auch sie erfreut. Nur die Frau Strafe und Dame Sonders waren innerlich bitter, doch sie konnten es nicht zeigen.
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Die opportunistischen Verwandten und Freunde, die sich in schlechten Zeiten ferngehalten hatten, erfuhren nun, dass Aufrecht Kaufmann den Titel erhalten hatte, und schlossen daraus, dass die Familie immer noch die Gunst Seiner Majestät genieße. Sie kamen in Scharen, um ihre Glückwünsche darzubringen.
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Doch Aufrecht Kaufmann war von Natur ein durch und durch aufrichtiger Mann. Dass er den Titel seines Bruders erhalten hatte, bereitete ihm eher Unbehagen als Freude, und er dachte vor allem daran, wie er seine Dankbarkeit gegenüber dem Thron unter Beweis stellen könnte. Am nächsten Tag ging er in den Palast, um formell zu danken, und ging so weit, in einem Antrag um Rückgabe des verschonten Anwesens und des Gartens der Großen Betrachtung an den Staat zu bitten. Ein kaiserlicher Erlass lehnte dies als unnötig ab. Aufrecht Kaufmann kehrte beruhigt nach Hause zurück und widmete sich fortan pflichtbewusst seinem Amt.
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Doch die Familienfinanzen waren in desolatem Zustand: Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen bei weitem. Aufrecht Kaufmann war nicht der Mann für gesellschaftliche Beziehungspflege. Die Diener sahen seine Redlichkeit; Phönixglanz war krank und konnte den Haushalt nicht führen; Kette Kaufmanns Schulden wuchsen von Tag zu Tag, und es schien unvermeidlich, weiteres Eigentum und Land zu veräußern. Die wohlhabenderen unter den Dienern fürchteten, Kette Kaufmann könnte sie um Geld bitten, taten arm, mieden den Dienst und suchten sich anderweitige Beschäftigung.
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Nur einer war eine Ausnahme: Bao Yong. Obwohl er erst kurz vor der Krise als Neuling eingetreten war, erwies er sich als aufrichtig und pflichtbewusst. Es empörte ihn, wie die anderen Diener ihren Herrn hintergingen. Da er aber ein Neuankömmling war, konnte er kein Wort mitreden. So aß er seinen Reis und legte sich verdrossen schlafen. Die anderen mochten ihn nicht, weil er nicht mitmachte, und beschwerten sich bei Aufrecht Kaufmann: Er sei den ganzen Tag betrunken, stifte Unruhe und drücke sich vor der Arbeit.
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Aufrecht Kaufmann sagte: "Lasst ihn. Er wurde von der Familie Echt empfohlen, da können wir nicht so streng sein. Wir sind zwar arm, aber ein Esser mehr oder weniger fällt nicht ins Gewicht." Er ließ Bao Yong nicht fortjagen. Die Diener gingen mit ihren Klagen auch zu Kette Kaufmann, doch der wagte selbst nicht mehr autoritär aufzutreten und ließ die Sache auf sich beruhen.
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Eines Tages hielt Bao Yong es nicht mehr aus. Er trank einige Becher Wein und bummelte auf der Straße vor dem Prunkwille-Anwesen, wo er zwei Männer miteinander reden hörte.
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Der eine sagte: "Sieh dir dieses große Haus an! Neulich wurde es durchsucht. Ich frage mich, wie es ihnen jetzt geht."
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Der andere antwortete: "Die werden schon zurechtkommen! Ich habe gehört, eine ihrer Töchter war kaiserliche Nebengemahlin. Auch wenn sie tot ist, solche Verbindungen lösen sich nicht so schnell auf. Außerdem sieht man ständig Fürsten und Adlige bei ihnen ein- und ausgehen. Die werden schon jemanden finden, der ihnen hilft. Der jetzige Präfekt, der frühere Kriegsminister — die sind alle aus derselben Sippe. Mit solchen Leuten wird alles gut gehen!"
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Der erste erwiderte: "Du wohnst hier und hast doch keine Ahnung! Von den anderen Freunden weiß ich nichts, aber dieser hohe Beamte Jia, den du erwähnst — der ist der Schlimmste! Ich habe ihn oft in den beiden Kaufmann-Anwesen ein- und ausgehen sehen, also stand er früher gut mit ihnen. Als dann der Zensor die Anklage einreichte, befahl Seine Majestät dem Präfekten, die Tatsachen zu untersuchen. Und was hat der getan? Weil er den beiden Häusern einiges schuldig war und fürchtete, man könnte ihm vorwerfen, seine Verwandten zu decken, hat er umso schärfer gegen sie ausgesagt. Erst dadurch kam es zur Beschlagnahmung beider Häuser. Ist das nicht entsetzlich, wie die Leute heutzutage ihre Freunde behandeln?"
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Die beiden plauderten arglos dahin, ohne zu ahnen, dass jemand neben ihnen alles mithörte. Bao Yong dachte empört: "Dass so ein Schuft frei herumläuft! Ich wüsste gern, in welcher Beziehung er zu unserem Herrn steht. Wenn ich den zu fassen bekomme, prügle ich ihn tot, und die Folgen trage ich!"
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Bao Yong war gerade in seinem Weinrausch dabei, wilde Rachepläne zu schmieden, als er von der anderen Seite die Rufe von Vorlaufboten hörte. Er blieb stehen und beobachtete aus der Ferne. Die beiden Männer flüsterten einander zu: "Da kommt er ja — der hohe Beamte Jia, von dem wir gerade sprachen!"
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Bao Yong hörte das, und der Wein gab ihm den nötigen Mut. Er brüllte laut: "Gewissenloser Kerl! Wie kannst du die Güte unserer Familie Kaufmann vergessen?" Regendorf Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾雨村</ref> hörte in seiner Sänfte das Wort "Kaufmann" und blickte aufmerksam hinaus. Er sah nur einen Betrunkenen und kümmerte sich nicht weiter darum. Die Sänfte zog weiter.
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Bao Yong stolperte betrunken und zufrieden mit sich nach Hause, erkundigte sich bei seinen Kameraden und erfuhr, dass jener hohe Beamte seinen gesamten Aufstieg tatsächlich der Gunst der Familie Kaufmann verdankte. "So ein undankbarer Schuft! Ich habe ihm meine Meinung gesagt, und er hat nicht gewagt, mir zu widersprechen!"
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Die anderen Diener, die Bao Yong allesamt nicht leiden konnten, hatten bisher Aufrecht Kaufmann nicht überzeugen können, ihn loszuwerden. Nun hatten sie den perfekten Vorwand. Sie nutzten die Gelegenheit, während Aufrecht Kaufmann frei war, und berichteten ihm, Bao Yong habe betrunken auf der Straße Unruhe gestiftet.
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Aufrecht Kaufmann, der große Angst hatte, erneut Schwierigkeiten mit den Behörden zu bekommen, war sehr erzürnt, als er davon hörte. Er ließ Bao Yong rufen und schalt ihn gehörig aus. Da er ihn wegen der Empfehlung durch die Familie Echt nicht zu hart bestrafen konnte, versetzte er ihn zur Strafe als Wächter in den Garten und verbot ihm, sich draußen herumzutreiben.
  
zu werden, und das Verfolgen eines solchen Abschieds ist meist noch trauriger als der eigentliche Abschied selbst. Das Jung-guo-Anwesen, einst ein so strahlender Ort der Vornehmheit, war nun von Jammern und Klagen erfüllt.
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Bao Yong war ein aufrichtiger, geradliniger Mensch. Hatte er einmal einen Herrn angenommen, diente er ihm mit ganzem Herzen. Dass Aufrecht Kaufmann den Verleumdungen der anderen geglaubt und ihn ausgescholten hatte, betrübte ihn zutiefst. Doch er sagte kein Wort des Protests. Er packte nur seine Sachen und ging in den Garten, um dort seine Aufgaben als Wächter und Gärtner zu versehen.
Djia Dschëng war gewöhnlich ein großer Verfechter von Formalitäten, und so fuhr er trotz allem fort, Djia Schë den ernsten Respekt entgegen zu bringen, der einem älteren Bruder gebührte. Die zwei Brüder reichten sich daheim die Hände, und Djia Dschëng ritt dann vor hinter die Stadtmauer und wartete dort, um rituell das Glas Wein zum Abschied zu trinken. Er ermahnte Djia Schë, sich an die Erwartungen zu erinnern, die der Staat ihm wegen seiner Vorfahren entgegenbrachte und sich dessen würdig zu erweisen. Djia Schë und Vetter Dschën wischten sich die Tränen aus den Augen und begaben sich auf den Weg zu ihren verschiedenen Reisezielen.
 
Djia Dschëng kehrte mit Bau-yü zurück nach Hause. Als sie sich dem Torweg des Jung-guo-Anwesens näherten, sahen sie draußen eine Menge versammelt und hörten einen großen Lärm an Stimmen: „Ein kaiserliches Edikt wurde heute überbracht! Der erbliche Rang und Titel des Herzogs von Jung-guo werden an Djia Dschëng übergeben!“
 
Die Männer in der Menge verlangten das ihnen gesetzlich zustehende Trinkgeld für das Überbringen dieser guten Nachricht, doch die Pförtner wehrten sich regelrecht: „Der Titel gehörte der Familie bereits und wurde von unseren Herren geerbt. Das ist kein Geld wert!“
 
„Kommt schon!“ war die empörte Antwort. „Denkt an den Ruhm! Ein solcher Titel ist der ehrenhafteste, den es gibt – und euer Herr Schë kann niemals hoffen, ihn zurück zu bekommen, nicht nachdem, was er getan hat. Jetzt hat seine Majestät in seiner Weisheit und Mildtätigkeit, die größer ist als der Himmel breit, diesen Titel an Herrn Dschëng übertragen; für eure Familie ist das ein Wunder, das einem nur einmal in tausend Jahren widerfährt, und auf jeden Fall ein Trinkgeld wert!“
 
Djia Dschëng betrat das Haus und empfing von den Pförtnern einen vollständigen Bericht. Seine Begeisterung wurde jedoch dadurch verringert, daß sein Glück nur durch die Schande seines Bruders möglich war. Er war überwältigt und konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Dann beeilte er sich, um der Herzoginmutter die Neuigkeiten zu überbringen. Sie nahm ihn be­gei­stert an der Hand und ermahnte ihn, sich des neuen Titels würdig zu erweisen. Die Dame Wang kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und war auch überglücklich, Djia Dschëngs Neuigkeiten zu hören. Nur die Dame Hsing und You-schï empfanden ihr Unglück noch stärker, ein Gefühl, das sie kaum zurückhalten konnten.
 
Die Freunde und Verwandten der Familie, die sich in harten Zeiten stets fern hielten, hatten vernommen, daß Djia Dschëng nun der Titel seines Bruders verliehen wurde und – folgerten daraus, daß die Djias immer noch von Seiner Majestät begünstigt wurden. Sie kamen im Jung-guo-Anwesen zusammen, um ihre Glückwünsche zu überbringen. Doch Djia Dschëng war zwischen verschiedenen Gefühlen hin- und hergerissen. Er war von Natur aus ein Mann von höchster Rechtschaffenheit, so daß er weit über die Gratulationen zu seinem Glück hinaus zutiefst bekümmert war und überlegte, wie er nur seine Dankbarkeit unter Beweis stellen könnte. Am folgenden Tag ging er in den Palast, um seine formale Danksagung zu überbringen und dieses Mal ging er so weit, die mahnende Bitte zu überbringen, daß sein verschontes Anwesen, zusammen mit dem Garten des Großen Anblicks, als Geschenk für den Kaiser akzeptiert werden sollten. Als Antwort auf diese Bitte wurde ein Erlaß übermittelt, das dies als überflüssig abwies. Djia Dschëng, dessen Gewissen nun etwas beschwichtigt war, kehrte nach Hause zurück und widmete sich pflichtbewußt seinen amtlichen Aufgaben.
 
Um die Familienfinanzen stand es immer noch prekär. Das Einkommen sank weitaus schneller als die Ausgaben. Unterhaltung, Pflege von Beziehungen mit den richtigen Leuten und Gunst zu erwerben waren nicht Djia Dschëngs größtes Anliegen. Die Diener wußten, wie ungemein aufrichtig er war, während Hsi-fëng immer noch krank war und ihre Erfahrungen nicht einbringen konnte, um den Haushalt zu stabilisieren. Die Schulden, die Djia Liän begleichen mußte, stiegen täglich, und es schien beinahe unvermeidlich, daß er weiteres Eigentum und Land verkaufen müßte. Die Diener sahen es kommen. Einige von ihnen waren selbst wohlhabend und waren betrübt, daß Djia Liän sie um Geld bat. Einige verwahrten sich davor und gaben vor, arm zu sein, andere wollten verschwinden und sich nach einer anderen Arbeit umsehen.
 
Eine Ausnahme war Bau Yung. Obwohl er ein Neuling war und nur eine kurze Zeit vor der Krise angekommen war, bestätigte er, ein aufrichtiger und fleißiger Diener zu sein und war über die Art erschrocken, wie die anderen Diener ihren Nutzen aus der Lage ihres Herren zogen. Seine Stellung im Hausstand war zu unsicher, als daß er es wagen könnte, seine Gefühle auszusprechen. Er konnte nur noch sein Abendbrot essen und entrüstet ins Bett gehen. Den anderen gefiel es nicht, daß er nicht mit ihnen ging und sie beschwerten sich über ihn bei Djia Dschëng, bezeichneten ihn als unfähig, als einen Trinker und Unruhestifter.
 
„Laßt ihn“, war Djia Dschëngs Antwort, „er wurde von den Dschëns zu mir geschickt, und wir dürfen nicht zu streng mit ihm sein. Wir sind zwar arm, doch ein zusätzliches Mündlein können wir schon stopfen.“
 
Als seine Reaktionen ihren Erwartungen widersprach, gingen die Diener mit ihren Beschwerden zu Djia Liän. Doch Djia Liän sah sich nicht in der Position, seine Autorität zu beweisen und am Ende ließen sie Bau Yung in Ruhe.
 
Eines Tages war Bau Yung sehr wütend. Nachdem er einige Becher Wein getrunken hatte, um sich selbst zu trösten, bummelte er ein wenig auf der Straße vor dem Jung-guo-Anwesen, wo er folgendes Gespräch mithörte: „Seht ihr das große Haus dort?“, sagte ein Mann und zeigte dabei auf das Jung-guo-Anwesen. „Ich frage mich, wie sie nach der Plünderung über die Runden kommen...“ –
 
„Ach, denen wird es gut gehen!“, antwortete ein anderer Mann, „ich habe gehört, daß eine ihrer Töchter eine Konkubine Seiner Majestät war. Jetzt ist sie tot, doch eine solche Verbindung löst sich so schell nicht auf. Und sie haben andauernd mit irgendwelchen Prinzen, Adligen, Hochedlen und Fürsten zu tun. Die werden niemals ohne Freunde sein. Nimm den derzeitigen Major, der einst Kriegsminister war, der kommt aus derselben Familie. Wenn solche Leute sich um einen kümmern, wird alles erfolgreich verlaufen.“ –
 
„Hm!“, antwortete der erste, „du magst hier vor Ort leben, doch ich sehe, daß du nicht auf dem Laufenden bist. Ich weiß zwar nichts von ihren Freunden, doch der Major Djia, den du erwähnt hast, ist nur gewöhnlich eingesetzt, und ich sage dir, warum ich dir das erzähle. Ich habe ihn im Jung-guo-Anwesen unzählige Male gesehen; also weiß ich, daß er in der Vergangenheit viel mit ihnen zu tun hatte. Als der Zensor diese Anschuldigungen gegen die Mitglieder der Familie Djia vorbrachte, trug der Kaiser ihm auf, dem ganzen nachzugehen und Tatsachen über den Fall herauszufinden. Und was glaubst du, was er getan hat? Weil er beiden Zweigen der Familie noch jede Menge schuldete und weil er fürchtete, er könnte verdächtigt werden, etwas für seine Familie zu verdecken, ging er in das andere Extrem. Er sagte die schlimmsten Dinge über sie. Das führte überhaupt zu der Plünderung beider Haushalte. Es ist erschreckend, wie die Leute ihre Freunde heutzutage behandeln, nicht wahr?“
 
Diese beiläufige Konversation bekam jemand zu hören, der nur zu gut wußte, was damit gemeint war.
 
‚Das so ein Schuft auf dieser Erde überhaupt leben und atmen darf!‘, dachte Bau Yung insgeheim bei sich. ‚Ich frage mich, in welcher Beziehung er zum Herrn steht? Wenn ich ihn zu sehen bekomme, werde ich ihm die Eingeweide herausprügeln! Egal was das für Konsequenzen haben mag!‘
 
Wilde und ungezügelte Gedanken der Rache erfüllten Bau Yungs treu gesinntes Herz. Plötzlich waren die Rufe von amtlichen Laufboten zu hören, und von dort, wo er stand, konnte Bau Yung einen der Zuschauer zu einem anderen flüstern hören: „Ach, da kommt er ja, der Major Djia, über den wir gerade gesprochen hatten!“
 
Bau Yung war von wirklicher Verachtung erfüllt und der Wein verlieh ihm den notwendigen Mut: „Unhold!“ brüllte er unbedacht. „Gemeiner Schurke! Hast du die Freundlichkeit vergessen, mit der die Herrn Djia dich behandelt haben?“
 
In seiner Sänfte konnte Djia Yü-tsun den Namen Djia hören und lehnte sich vor, um zu sehen, was da los war. Nur ein weiterer lauter Trunkenbold auf der Straße, nicht der Rede wert. Seine Sänfte bewegte sich weiter und Bau Yung stolperte nach Hause, war dabei sehr zufrieden mit sich und viel zu betrunken, um diskret zu sein. Er machte ein paar Erkundigungen und seine Dienerkollegen bestätigten, daß dieser Major in der Tat seine ganze Karriere der Gunst der Djias zu verdanken hatte.
 
„Was für ein undankbarer Unhold, so habe ich es ihm gesagt!“ prustete Bau Yung. „Nach allem, was sie für ihn getan haben, fällt er ihnen so in den Rücken! Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt, und er hat sich nicht getraut, mir zu widersprechen.“
 
Bis jetzt waren die anderen Diener, die Bau Yung allesamt nicht leiden konnten, nicht in der Lage gewesen, Djia Dschëng zu überzeugen, ihn loszuwerden. Auf genau diesen Vorwand hatten sie gewartet, und sie nutzten die Gelegenheit, um dem Herrn zu berichten, er sei betrunken und desorientiert und würde auf der Straße Unruhe stiften. Djia Dschëng war sehr ängstlich, die Autoritäten schon wieder zu provozieren, und war sehr zornig, als er von Bau Yungs tölpelhaftem Verhalten hörte. Er rief ihn zu sich und hielt ihm eine ordentliche Standpauke. Er dachte immer noch, daß er ihn durch seine Verbindung mit den Dschëns nicht zu hart bestrafen sollte und versetzte ihn zur Strafe in den Garten als Wächter, mit der strengen Anweisung, nicht wieder draußen herumzulaufen.
 
Bau Yung war ein aufrichtiger Mann. Wenn er einmal für jemanden gearbeitet hatte, der sein Herr war, diente und beschützte er ihn mit aller Treue. Er war sehr bestürzt, daß Djia Dschëng Geschichten gehört hatte, die ihn dazu brachten, ihn derart auszuschelten. Doch er sagte nicht ein Wort des Protestes. Er packte bloß seine Sachen und ging in den Garten, um seine Pflichten zu erfüllen.
 
Um zu erfahren, was dann geschah, lese man das nächste Kapitel.
 
108. Eine Geburtstagsfeier zu Ehren von Bau-tschai erfordert aufgesetzte Fröhlichkeit
 
Wehklagen aus der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß sorgen für einen neuen Ausbruch von Kummer.
 
  
Wir haben bereits berichtet, wie der Kaiser Djia Dschëngs Bitte abwies, das Jung-guo-Anwesen und den Garten des Großen Anblicks dem Thron zu überlassen. Da aber auch niemand aus der Familie Djia noch im Garten lebte, waren seine Tore seitdem verschlossen. You-schï und Hsi-tschun, deren derzeitige Unterkunft im Jung-guo-Anwesen an die Gartenmauer grenzte, empfanden diesen Ort als schauerlich und verlassen, und auch das war einer der Gründe, warum Bau Yung mit der Gartenpflege beauftragt worden war.
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Was danach geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Djia Dschëng nahm sich ernstlich vor, sich um die Haushaltsange­legenheiten zu kümmern, und in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Herzoginmutter ordnete er eine umfassende Einschränkung des Personals und weitere Einsparungen an, und doch reichten diese Maßnahmen nicht. Gott sei Dank konnte sich Hsi-fëng dank der Liebe der Herzoginmutter weiter um den Haushalt kümmern. Obwohl Frau Wang und die anderen nicht mehr viel für sie übrig hatten, beschloß Djia Dschëng, sie trotzdem mit der Abwicklung der internen Angelegenheiten zu beauftragen. Sie übernahm diese Verantwortung gern, doch entdeckte sie bald, daß durch die Plünderung der Goldjacken alles nicht mehr so lief wie vorher. Alles mußte genau berechnet werden. Die Damen und ihre Mägde, von der höchsten zur niedrigsten, waren ein unbeschwertes Leben gewohnt. Wie sie unter den neuen schlechteren Umständen feststellten, daß sie sich ihren alten Luxus nicht mehr leisten konnten, waren sie nur am Jammern. Hsi-fëng konnte sich ihrer Pflicht nicht entziehen und versuchte trotz ihrer Krankheit die Herzoginmutter, so gut sie konnte zu erfreuen.
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Djia Schë und Vetter Dschën kamen gerade an ihrem vorgesehenen Exilort an. Dank des Geldes, das ihnen mitgegeben worden war, ging es ihnen zunächst soweit gut, und sie schrieben nach Haus, daß sie wohlauf waren und daß die Familie sich ihretwegen keine Sorgen machen müsse. Die Herzoginmutter war sehr erleichtert und die Neuigkeiten trösteten ihre Frauen ein wenig.
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
Einige Tage später kam Schï Hsiang-yün, die nun verheiratet war und zu Hause ihren Besuch des Neunten Tages abstattete. Die Herzoginmutter sagte, was für einen günstigen Bericht sie über ihren Ehemann vernommen habe, während Hsiang-yün bestätigte, daß das Eheleben sie glücklich mache. Sie bat die Herzoginmutter, sich keine Sorgen zu machen. Bei der Erwähnung von Dai-yüs Tod brachen beide in Tränen aus, und der Kummer der Herzoginmutter wurde mit den Gedanken an Ying-tschun und ihre Strapazen noch vergrößert. Hsiang-yün blieb eine Zeit bei ihr, gab ihr Bestes, um sie aufzuheitern, dann schaute sie bei den anderen vorbei und kehrte zuletzt zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Unterredung an diesem Abend richtete sich auf die Familie Hsüä, und Hsiang-yün erfuhr von der Herzoginmutter, wie aufgrund von Pans Eskapaden die Hsüäs nun vor dem vollständigen Ruin standen. Pans Todesurteil wurde zunächst aufgehoben, das war wahr, und er war immer noch lebend im Kerker. Doch es gab keinen Bericht darüber, ob das Urteil bis zum nächsten Jahr geändert und somit sein Leben gerettet werden könne.
 
„Und du hast auch noch nichts von Pans Frau gehört“, fuhr die Herzoginmutter fort. „Sie hat ein böses Ende gefunden, und es gab beinahe einen schrecklichen Skandal. Doch Buddha hat in seiner allsichtigen Weisheit ihre eigene Magd dazu gebracht, uns die ganze Geschichte zu erzählen. Frau Hsia mußte trotz all ihrer Possen der Wahrheit ins Angesicht blicken und bat zuletzt darum, die Untersuchung einzustellen. Das Ganze konnte gerade so in der Familie gehalten werden. Es ist ja wirklich so, daß die ganze Familie Hsüä unter diesem Schicksal litt. Tante Schë lebt nun mit dem jungen Ke zusammen. Er ist ein wundervoller Bursche und hat ein enormes Pflichtbe­wußt­sein. Er denkt, er müsse seine Hochzeit aufschieben, bis Pan aus dem Gefängnis entlassen und der Mordfall aufgeklärt sei. Natürlich macht dies die Sachen schwer, besonders für die arme Hsiu-yän, die bei ihrer Tante Hsing bleiben muß. Auch nicht viel besser ist es für Bau-tjin, die nicht ihren jungen Herrn Mei heiraten kann, bis die Trauerzeit für ihren Schwiegervater vorbei ist. Ach du meine Güte! Es kommt das eine zum anderen, unsere Verwandten scheinen in einer ähnlichen Lage wie wir zu sein. Laß mich sehen, was es sonst noch Neues gibt. In der Familie Wang, von dem älteren Bruder deiner Tante Wang, ist dein Großonkel Dsï-teng verschieden. Hsi-fëngs älterer Bruder Jen hat sich selbst entehrt. Und ihrem zweiten Onkel Dsï-sheng, deinem anderen Großonkel Wang, ergeht es auch nicht gut. Er konnte die Schulden seines älteren Bruders nicht bezahlen und hat uns deshalb um Hilfe gebeten. Wir wissen nichts Neues von den Dschëns, seitdem sie ebenso ausgeraubt wurden wie wir und man ihr Eigentum beschlagnahmte.“
 
„Gab es irgend etwas Neues von Tan-tschun, seit sie gegangen ist?“, fragte Hsiang-yün.
 
„Nach ihrer Hochzeit ist dein Onkel Dschëng von seinem Posten zurückgekehrt, und er erzählte mir, daß Tan-tschun in ihrem neuen Zuhause sehr glücklich sei, obwohl es so weit weg unten an der Küste ist. Wir haben immer noch nichts direkt von ihr gehört, und ich mache mir große Sorgen. Wir hatten hier vor Ort mit so vielen Problemen zu kämpfen, ich hatte einfach keine Zeit, etwas für sie zu tun. Und dann ist da noch Hsi-tschun. Ich habe immer noch keinen Ehemann für sie gefunden. Über den jungen Huan sagt man nicht das Beste. Oh, unser Zuhause hat sich sehr verändert, seit du das letzte Mal hier warst,– leider zum Schlechten. Deine arme Kusine Bau-tschai hat keinen Tag Frieden gehabt, seit sie in unsere Familie eingeheiratet hat. Und Bau-yü verhält sich immer noch so unbeholfen wie zuvor. Ach du liebe Güte! Wir sitzen wirklich in der Klemme!“
 
„Ich bin hier aufgewachsen“, sagte Hsiang-yün, „Deshalb kenne ich jeden einzelnen Charakter sehr gut. Aber dieses Mal haben sich alle verändert. Zuerst meinte ich, sie seien mir gegenüber etwas distanziert, weil ich so lange fort war. Doch dann dachte ich darüber nach und sah, daß dies nicht sein konnte. Sie wollten mit mir so heiter wie immer sein, doch nachdem wir miteinander zu reden begonnen hatten, wurden sie alle traurig. Deshalb bin ich nicht lange geblieben und kam zurück zu dir, Großmutter.“
 
„Für mich als alte Frau macht das nichts mehr“, sagte die Herzoginmutter. „Doch die jungen Leute scheinen daran zu zerbrechen. Ich habe heute ein wenig versucht, sie aufzuheitern, doch dann fehlte mir die Kraft dazu.“
 
„Ich habe eine Idee“, sagte Hsiang-yün. „Ist übermorgen nicht Bau-tschais Geburtstag? Warum bleibe ich dann nicht noch, um ihr Glück zu wünschen, dann sind wir einen Tag lang froh zusammen. Was sagst du dazu, Großmutter?“
 
„Meine Güte! Ich werde schon schusselig!“, rief die Herzoginmutter. „Wenn du das nicht erwähnt hättest, hätte ich es ganz vergessen. Natürlich, du hast recht! Morgen werde ich den Köchen etwas Geld geben, und wir feiern ein Fest. Bevor Bau-tschai Bau-yü heiratete, haben wir ihren Geburtstag einige Male gefeiert. Doch nicht, seit sie ein Teil der Familie ist. Bau-yü, das arme Kind, der ein Ausbund von Unfug und Spaß war, wurde so schwer von unseren Sorgen getroffen, daß er kaum zwei Worte zusammenbekommt. Ich kann mich immer noch auf Wan verlassen. Sie wird sich niemals ändern, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Sie und der kleine Lan verbringen ihre Tage ruhig zusammen. Sie ist ein Wunder!“
 
„Hsi-fëng hat sich am meisten verändert“, sagte Hsiang-yün. „Sie sieht zunächst einmal so anders aus und spricht nicht mehr so vergnügt wie damals. Morgen muß ich sehen, ob ich sie alle irgendwie aufmuntern kann. Doch ich fürchte, daß sie es mir innerlich übel nehmen, daß ich so glücklich bin.“
 
Sie hielt inne und errötete plötzlich. Die Herzoginmutter verstand, was sie meinte. „Es gibt keinen Grund, dir deshalb Sorgen zu machen. Du und deine Vetter seid zusammen als Kinder aufgewachsen. Ihr habt miteinander gespielt, geplaudert und zusammen gelacht. Denke nicht schlecht von ihnen! Wir müssen alle lernen, die Höhen und Tiefen des Lebens zu akzeptieren. Wir sollten alle lernen, das Glück zu nutzen, solange es dauert und Armut geduldig zu überstehen. Deine Kusine Bau-tschai hatte immer eine klare Sicht vom Leben. In vergangenen Tagen, als ihre Familie noch wohlgestellt war, war sie niemals eingebildet; und seitdem harte Zeiten angebrochen sind, ist sie davon kaum erschüttert. Nun, da sie ein Teil unserer Familie ist, ist sie ruhig und zufrieden wie immer, wenn Bau-yü nett zu ihr ist, und ich habe sie nie grummeln gesehen, wenn er sie manchmal zu einem Lied oder kleinen Tanz verleitet. Dieses Mädchen scheint mit einer herrlichen Gabe ausgestattet zu sein. Deine Kusine Dai-yü war so anders – sie kritisierte andere oft, war schnell gekränkt und zweifelte an allem. Es überraschte kaum, daß sie so jung starb, armes Kind. Und was Hsi-fëng angeht, sie hat etwas vom Leben gesehen, sie sollte es besser wissen, als sich von kleinen Unpäßlichkeiten erschlagen zu lassen. Schwachheit liegt in ihrem Charakter ... Ja, ich sollte eine bestimmte Geldsumme für Bau-tschais Geburtstag an die Seite legen, und wir werden ein frohes, kleines Fest feiern und werden ihr damit auch eine Freude bereiten.“
 
„Das klingt nach einer guten Idee, Großmutter“, antwortete Hsiang-yün, „ich werde schon mal die Mädchen einladen, und wir können alle zusammen ein bißchen plaudern.“ –
 
„Ja, tu das“, sagte die Herzoginmutter. In ihrer Begeisterung rief sie Yüan-yang zu sich und sagte: „Nimm hundert Tael Silber und sag’ den Kontoführern, daß wir Essen und Trinken für eine Zwei-Tages-Feier brauchen, die morgen beginnt!“
 
Yüan-yang gab einem alten Dienstmädchen das Geld, um den Auftrag auszuführen. Der folgende Abend und die Nacht blieben ohne weitere Ereignisse.
 
Am darauf folgenden Tag wurde ein Diener wegen der Feier zu Ying-tschun geschickt. Tante Hsüä und Bau-tjin wurden eingeladen und gebeten, Hsiang-ling mitzubringen. Frau Li wurde ebenfalls eingeladen und später am Tag kam sie zusammen mit Li Wën und Li Tchi an.
 
Die Vorbereitungen wurden vor Bau-tschai geheim gehalten. Eine der Mägde der Herzoginmutter kam einfach vorbei, um ihr zu sagen, daß ihre Mutter nach ihr riefe und bestellte sie hinüber in die Gemächer der Herzoginmutter. Bau-tschai war froh, von der Ankunft ihrer Mutter zu hören und ging gekleidet, wie sie war, um sie zu begrüßen. Sie fand dort ihre Kusine Bau-tjin, Hsiang-ling und Frau Li mit den Schwestern Li und nahm an, daß sie sich alle versammelt hatten, um die Nachrichten vom Ende der Familienkrise zu hören. Sie begrüßte Frau Li, dann die Herzoginmutter, wechselte dann ein paar Worte mit ihrer Mutter und begrüßte dann die Schwestern Li.
 
„Wenn die Damen sich bitte setzen würden“, sagte Hsiang-yün von der Seite, „dann können wir meiner Kusine gratulieren und ihr ein langes und glückliches Leben zu diesem besonderen Anlaß wünschen.“
 
Bau-tschai blickte einen Moment verwirrt. Dann dachte sie bei sich, ‚Natürlich! Morgen habe ich Geburtstag!‘ Sie protestierte: „Es ist sehr gut, daß ihr Großmutter besuchen gekommen seid. Doch ihr hättet euch meinetwegen nicht so eine Mühe machen müssen.“
 
Bau-yü hörte das, als er hereinkam, um Tante Hsüä und Frau Li zu begrüßen. Er wollte eigentlich selbst etwas für Bau-tschais Geburtstag geplant haben, doch hatte er der Herzoginmutter wegen der Ärgernisse der letzten Wochen nichts davon gesagt. Er war sehr froh, daß Hsiang-yün die Initiative ergriffen hatte. „Ja, morgen hat sie Geburtstag“, sagte er, „ich wollte dich gerade daran erinnern, Großmutter.“ –
 
„Schande über dich!“, rief  Hsiang-yün mit einem scherzhaften Lachen, „als ob Großmutter daran erinnert werden müßte! Wer, glaubst du, hat die ganzen Leute eingeladen wenn nicht Großmutter?“
 
Bau-tschai zweifelte insgeheim daran. Doch dann hörte sie die Herzoginmutter zu ihrer Mutter sagen: „Arme Bau-tschai, es ist mehr als ein Jahr her, daß sie Bau-yü geheiratet hat und, da das eine zum anderen kam, haben wir nie ihren Geburtstag gefeiert. Heute wollte ich es richtig angehen, deshalb habe ich dich und Frau Li eingeladen, sodaß wir uns bei dieser Gelegenheit alle gut unterhalten können.“ –
 
„Sie fangen gerade erst an, ruhigere Zeiten zu haben, gnädige Frau“, protestierte Tante Hsüä, „es ist meine Tochter, die sich am ehesten bemühen sollte, ihre Pflichten zu erfüllen und Ihnen ihre Liebe und Respekt zu zeigen. Sie sollten wirklich nicht so einen Aufwand für Bau-tschai machen.“ –
 
„Bau-yü ist Großmutters Lieblingsenkel“, sagte Hsiang-yün, „deswegen hat sie natürlich auch eine kleine Schwäche für Bau-tschai! Trotzdem verdient Bau-tschai es, daß meine Großmutter für sie ein Geburtstagsessen organisiert!“
 
Wie es der Anstand erforderte, schwieg Bau-tschai mit gesenktem Kopf.
 
Bau-yü wunderte sich derweil selbst über Hsiang-yüns Offenheit: ‚Ich hatte mir immer vorgestellt, daß Hsiang-yün sich nach ihrer Hochzeit ändern würde; deshalb war ich gestern eher zurückhaltend zu ihr. Als Folge davon wird sie sich selbst auch etwas zurückgehalten haben. Doch wenn man sie jetzt reden hört, scheint sie dieselbe wie immer zu sein. Warum hat die Ehe mein Leben nur so bescheiden gemacht und schamhafter und sprachloser als je zuvor?’
 
Während diese Gedanken seinen Geist durchströmten, kam eine jüngere Magd herein, um die Ankunft von Ying-tschun anzukündigen. Kurz darauf kamen Li Wan und Hsi-fëng an, und sie begrüßten sich alle. Ying-tschun kam auf die Abreise ihres Vaters zu sprechen: „Ich wollte ihn vor seiner Abreise noch gesehen haben, doch mein Ehemann hat es mir nicht gestattet. Er sagte, er wolle nicht, daß das Unglück seine Familie befällt. Er wollte auf nichts hören, was ich sagte, und ich konnte nichts tun. Zwei oder drei Tage lang habe ich geweint.“
 
„Warum ließ er dich denn heute kommen?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Dieses Mal sagte er, daß seit Djia Dschëng den Titel wiedererlangt habe, es kein Problem mehr gebe, den Kontakt aufrecht zu erhalten.“ Sie brach in Tränen aus.
 
„Ich habe mich selber elendig gefühlt“, schimpfte die Herzoginmutter, „und ich habe dich nur gebeten, mit uns den Geburtstag meiner Schwiegerenkelin zu feiern und etwas Spaß zu haben. Ich dachte, wir könnten viel miteinander lachen – und dann erwähnst du deine betrüblichen Angelegenheiten und machst mich wieder ganz traurig.“
 
Ying-tschun und der Rest wurden still.
 
Hsi-fëng gab ihr Bestes, ein frohes Gesicht zu machen und die Herzoginmutter wieder aufzuheitern; doch irgendwie schien ihr das Talent abhanden gekommen zu sein, andere Leute zum Lachen zu bringen und ihre Mühen waren vergebens. Die Herzoginmutter selbst wollte Bau-tschai den Tag nicht verderben und stachelte Hsi-fëng ganz bewußt an. Hsi-fëng wußte, was die Herzoginmutter wollte und versuchte ihr Bestes: „Es geht Ihnen heute viel besser, nicht wahr, gnädige Frau? Hier sind wir alle nach so langer Zeit wieder versammelt. Es ist wirklich eine Wiedervereinigung!“
 
Nach diesen Worten blickte sie sich um, bemerkte die offensichtliche Abwesenheit der Damen Hsing und You-schï und schwieg. Das Wort „Wiedervereinigung“ hatte die Erinnerung der Herzoginmutter geweckt und sie schickte umgehend nach den fehlenden Damen. Die Dame Hsing, You-schï und Hsi-tschun wußten, daß sie dem Ruf der Herzoginmutter folgen mußten, obwohl eine Feier das Letzte war, wonach ihnen zumute war, da sie nur an ihren geplünderten Haushalt dachten. Die bloße Tatsache, daß die Herzoginmutter Bau-tschais Geburtstag inmitten ihres Unglücks feierte, war Beweis genug, wo ihre Zuneigung lag. Sie kamen in das Zimmer und boten ein Bild des Elends. Die Herzoginmutter erkundigte sich nach Hsiu-yän und die Dame Hsing erfand eine Krankheit, die ihre Nichte davon abhielt, zu der Feier zu erscheinen. Die Herzoginmutter selbst wußte nur zu gut, daß Hsiu-yäns Abwesenheit von ihrer Anwesenheit bei der Feier von Tante Hsüä herrührte, der Tante ihres zukünftigen Ehemannes, und fragte nicht nach.
 
Dann wurden Wein und Konfekt serviert.
 
„Es gibt keinen Grund, nach einem der Männer zu schicken“, sagte die Herzoginmutter, „heute ist Frauentag.“
 
Obwohl Bau-yü ein verheirateter Mann war, hatte er als Großmutters Liebling die Erlaubnis zu bleiben. Er wurde nicht an einen Tisch mit Hsiang-yün und Bau-tjin gesetzt, sondern auf einen besonderen Stuhl neben der Herzoginmutter. Bau-yü ließ Bau-tschai hochleben, ging herum und stieß einzeln mit allen an.
 
„Setzt euch beide,“ verlangte die Herzoginmutter, „und laßt uns alle etwas trinken. Später am Abend kannst du jedem gegenüber deine Pflicht erfüllen. Doch wenn du dich jetzt zu förmlich benimmst und eine Zeremonie aus dem Ganzen machst, ist meine Laune ganz tief unten, und die Feier macht keinen Spaß.“
 
Sie gehorchten und setzten sich. Die Herzoginmutter wandte sich zu den anderen: „Um Himmels willen, laßt uns doch entspannen. Wir brauchen nur eine oder zwei Mägde, die uns aufwarten. Yüan-yang, nimm Tsai-yün, Ying-örl, Hsi-jën und Ping-örl mit zurück und trinkt etwas Wein zusammen!“ –
 
„Aber wir haben immer noch nicht Frau Bau-tschai gratuliert“, protestierte Yüan-yang. „Wie können wir etwas trinken, ohne das vorher getan zu haben?“ –
 
„Ab mich euch!“ befahl die Herzoginmutter. „Wir lassen euch rufen, wenn wir euch brauchen.“
 
Yüan-yang und die anderen Mägde gehorchten.
 
Die Herzoginmutter forderte ihre Gäste nun zum Trinken auf. Doch bald bemerkte sie, daß nicht alle in der Stimmung zum Feiern waren.
 
„Was ist mit euch allen los?“, fragte sie ärgerlich. „Warum kann sich keiner von euch richtig amüsieren?“ –
 
„Wir essen und trinken“, antwortete Hsiang-yün. „Was erwartest du denn noch von uns?“
 
„Als sie alle noch Kinder waren“, sagte Hsi-fëng, „war es einfacher für sie, sorglos und heiter zu sein. Da sie nun erwachsen sind, lassen sie sich nicht mehr so gehen. Deswegen erscheinen sie so ruhig.“
 
Bau-yü sagte der Herzoginmutter im Vertrauen: „Am besten sagen wir gar nichts, Großmutter. Wenn  wir so offen sind wie du, könnte sich noch jemand verletzt fühlen. Warum schlägst du stattdessen nicht ein Trinkspiel vor?“
 
Die Herzoginmutter hatte zum Lauschen ihren Kopf zur Seite geneigt. „Wenn es ein Spiel sein soll“, antwortete sie mit einem Lachen, „müssen wir Yüan-yang zurückrufen!“
 
Bau-yü mußte kein zweites Mal gebeten werden, sondern ging direkt aus den Gemächern, um Yüan-yang zu finden.
 
„Großmutter möchte ein Spiel spielen und braucht deine Hilfe.“ –
 
„Herr Bau-yü, können wir uns nicht ausruhen und gemütlich unseren Wein trinken? Mußt du ein Mittel finden, um uns zu stören?“ –
 
„Es hat nichts mit mir zu tun. Ehrlich. Es ist Großmutter. Sie trug mir auf, dich zu holen.“
 
„Wenn es sein muß“, sagte Yüan-yang und ergab sich ihrem Schicksal. „Ihr bleibt alle hier und trinkt euren Wein. Ich bin gleich wieder da.“
 
Sie begab sich in die Gemächer der Herzoginmutter.
 
„Da bist du ja!“, rief die Herzoginmutter, als sie erschien. „Wir spielen ein Trinkspiel!“ –
 
„Herr Bau-yü sagte, ich sollte kommen, gnädige Frau“, sagte Yüan-yang, „Nun bin ich hier. Was für ein Spiel wolltet Ihr denn genau spielen?“ –
 
„Nun, für den Anfang keines aus diesen schlauen Büchern. Die sind zu langweilig. Und auch keines von diesen gewalttätigen. Irgendetwas Neues und Unterhaltsames.“
 
Yüan-yang überlegte einen Moment: „Da Frau Hsüä eine unserer Besucherinnen ist und ich sehe, daß sie eine ältere Dame ist, will ich sie nicht überfordern. Warum holen wir nicht ganz einfach die Würfelschale und werfen um Liedtitel? Der Verlierer muß ein Schälchen Wein trinken.“ –
 
„Das klingt gut“, sagte die Herzoginmutter. Sie bat eine der Mägde, die Würfel zu besorgen.
 
„Werft vier Würfel“, sagte Yüan-yang. „Wenn die Kombination keinen besonderen Namen hat, muß der Werfer ein Schälchen Wein trinken. Wenn der Wurf einen Namen ergibt, hängt die Anzahl der Schalen, die die anderen trinken müssen, von der Kombination ab.“
 
„Das klingt leicht genug“, antworteten sie, „wir folgen deiner Führung.“
 
Yüan-yang warf zwei Würfel, um zu schauen, wer anfangen sollte. Sie bestanden darauf, daß von Yüan-yang aus gezählt werden solle. Von ihr aus gezählt, kamen sie dann bei Tante Hsüä an, die warf, und vier „Einsen“ erwischte.
 
„Das ergibt bekannte historische Persönlichkeiten“, sagte Yüan-yang. „ ‚Die vier alten Einsiedler vom Berg Shang‘. Alle älteren Gäste müssen einen Becher trinken.“
 
Die Herzoginmutter, Frau Li, die Damen Hsing und Wang willigten ein. Gerade, als die Herzoginmutter ihren Becher an die Lippen hob, sagte Yüan-yang:
 
„Da dies Frau Hsüäs Wurf war, muß sie sich einen Vers einfallen lassen, um zu bestehen; und die Person neben ihr muß einen Vers der ‚Klassischen Dichter‘ hinzufügen. Wenn sie es nicht schafft, bedeutet es einen Becher Strafe.“ –
 
„Das ist ein Komplott!“, rief Tante Hsüä. „Ich habe doch keine Chance!“ –
 
„Komm schon,“ ermutigte sie die Herzoginmutter. „Versuch’ es. Sonst verdirbst du uns den Spaß. Ich bin als nächste dran und bestimmt falle ich auch herein, dann sitzen wir im selben Boot.“
 
Tante Hsüä versuchte es: „Nehmen wir dies: ‚Graubart zeigt sich in den Blumen‘.“ Die Herzoginmutter nickte und zitierte die Fortsetzung: „Und sie schwelgen im sorglosen Schein der Jugend...“
 
Der Würfelbecher wurde an Li Wën weitergereicht, die zwei „Vieren“ und zwei „Zweien“ warf.
 
„Auch das ergibt ein bekanntes Gedicht“, sagte Yüan-yang. „Zwei Reisende begegnen zwei überirdischen Damen in den Tiäntai-Bergen.“
 
Li Wën schlug das Gedicht „Zwei Freunde gingen in den Pfirsichblütenquell“ vor, und Li Wan, die neben ihr saß, zitierte den Vers: „Auf der Suche nach dem Pfirsichblütenquell, um der Tyrannei des Tjin zu entkommen...“
 
Jeder trank etwas, und die Würfel wurden der Herzoginmutter übergeben, die zwei „Zweien“ und zwei „Dreien“ warf.
 
„Ich fürchte, ich muß zur Strafe etwas trinken.“ –
 
„Nein“, sagte Yüan-yang. „Auch hier gibt es einen Vers. ‚Eine Flußschwalbe regt ihre Küken zum Fliegen an‘. Jeder muß einen Becher trinken.“ –
 
„Küken sind Küken, wenn sie Nestflüchter sind, ist es doch gut so, oder?“, sagte Hsi-fëng. Alle schauten sie an und Hsi-fëng verstummte. „Nun, was soll ich zu dem Vers sagen“, sagte die Herzoginmutter. „Wie wäre es mit ‚Der Großvater führt seinen Enkel‘?“
 
Dann war Li Qi an der Reihe, sie zitierte den Vers: „Gemütlich die Kinder beim Sammeln von Weidenkätzchen beobachten.“ Alle applaudierten zu ihrer Wahl.
 
Bau-yü war noch nicht an der Reihe, wollte aber auch etwas sagen. Während er gerade überlegte, wurden ihm die Würfel zugeworfen. Er warf eine „Zwei“, zwei „Dreien“ und eine „Eins“. –
 
„Was ist das?“, fragte er.
 
Yüan-yang lachte. „Ein kleiner Schluck als Strafe und dann darfst Du noch einmal würfeln.“
 
Bau-yü tat, was ihm aufgetragen wurde. Dieses Mal warf er zwei „Dreien“ und zwei „Vieren“.
 
„Das ist besser“, sagte Yüan-yang. „Das ist wie ‚Dschang Tschang zieht seiner Frau die Augenbrauen nach‘.“
 
Bau-yü wußte, daß sie sich über ihn lustig machte und Bau-tschai wurde auf der Stelle rot. Hsi-fëng schien nichts Außergewöhnliches bemerkt zu haben und sagte ihm, er solle sich beeilen und sich schnell einen Vers aussuchen.
 
„Dann sehen wir, wer als nächster dran ist.“
 
Bau-yü war zu verwirrt: „Bestraf mich ruhig. Ich habe ohnehin niemanden, der nach mir käme.“
 
Der Becher ging wieder an den Anfang der Runde zu Li Wan. Sie warf, und Yüan-yang benannte den Vers als Kombination „Die Zwölf Goldenen Haarspangen“. Bau-yü eilte an Li Wans Seite und betrachtete die Würfel: der rote und grüne Kern waren symmetrisch angeordnet.
 
„Sieht das nicht schön aus?“, rief er.
 
Plötzlich erinnerte er sich an seinen Traum und die Liste der Zwölf Haarspangen von Jinling. Er ging benebelt an seinen Platz zurück.
 
‚In meinem Traum waren es zwölf,‘ überlegte er. ‚Doch von meinen schönen Kusinen wurden die meisten bereits in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Warum wurden so wenige verschont?‘
 
Er blickte sich um. Hsiang-yün und Bau-tschai waren an diesem Tag zugegen, das stimmte. Doch die Abwesenheit von Dai-yü schlug ihn wie eine überwältigende Kraft und er wußte, daß er in Tränen ausbrechen würde. Da er die anderen seinen Kummer nicht sehen lassen wollte, gab er vor, daß ihm heiß wäre und er vorhabe, sich umzuziehen. Er gab Bescheid und verließ die Runde.
 
Hsiang-yün bemerkte sein Gehen und glaubte, er sei von der Tatsache verärgert, daß er keinen guten Wurf gehabt hatte und von den anderen geschlagen worden war. Sie selbst war langsam gelangweilt und irritiert von dem Spiel.
 
„Mir fällt keines ein“, sagte Li Wan, die den Wurf der ‚Zwölf Schönheiten‘ hatte. „Einer aus der Runde fehlt ohnehin. Ich trinke einfach meinen Strafbecher, und dann ist es gut.“ –
 
„Dieses Spiel macht doch nicht so viel Spaß“, sagte die Herzoginmutter. „Warum machen wir nicht etwas anderes? Yüan-yang soll den letzten Wurf machen.“
 
Eine jüngere Magd stellte den Becher vor Yüan-yang hin, die tat, wie die Herzoginmutter geheißen hatte, und würfelte. Sie hatte zwei „Zweien“ und eine „Fünf“. Wie der letzte Würfel sich noch im Becher drehte, rief Yüan-yang aus: „Oh nein, bitte keine weitere ‚Fünf‘ !“
 
Schließlich kam er zum Ruhen; da war sie, eindeutig eine „Fünf“.
 
„Oh nein!“, rief Yüan-yang, „ich habe verloren.“
 
„Gibt es dafür keinen Vers?“, fragte die Herzoginmutter.
 
„Doch den gibt es“, sagte Yüan-yang. „Doch mir fällt das passende Lied dazu nicht ein.“
 
„Nun, sag’ uns den Vers, und ich überlege etwas.“ –
 
„Der Vers lautet ‚Wellen fegen über die schwebende Wasserlinse‘.“ – „Das ist nicht schwer“, sagte die Herzoginmutter. „Hier ist ein Lied für dich: ‚Herbstfisch in einer Höhle mit Hsiang-ling‘.“ Hsiang-yün, die neben
 
Yüan-yang saß, schlug das Lied vor: „Die weiße Wasserlinse jammert, wie der Herbst den südlichen Fluß erreicht.“ –
 
„Sehr passend!“, riefen alle.
 
„Das Spiel ist zu Ende“, sagte die Herzoginmutter, „jeder trinkt noch zwei Becher Wein, dann gibt es Abendbrot.“
 
Sie blickte sich um und bemerkte, daß Bau-yü immer noch fort war. „Wo ist Bau-yü hingegangen? Warum ist er noch nicht zurück?“ –
 
„Er wollte sich umziehen“, informierte sie Yüan-yang.
 
„Wer ist mit ihm gegangen?“
 
Ying-örl trat vor: „Als ich sah, daß Herr Bau-yü hinaus ging, trug ich Hsi-jën auf, mit ihm zu gehen.“
 
Das beruhigte die Damen. Sie warteten noch etwas länger auf seine Rückkehr und dann, als er immer noch nicht in Sicht war, schickte die Dame Wang eine ihrer jüngeren Mägde, um ihn zu suchen. Die Magd ging in seine neuen Gemächer, doch die einzige Person dort war Wu-örl, die Kerzen anzündete.
 
„Wo ist Herr Bau-yü hingegangen?“, fragte die Magd sie.
 
„Er trinkt Wein bei der Herzoginmutter“, antwortete Wu-örl.
 
„Hier ist er nicht. Ich komme gerade von dort. Die Herzoginmutter hat mich geschickt, um ihn zu holen. Sie vermutete, er sei hier.“ – „Nun, in diesem Fall weiß ich nicht, wo er ist. Suche besser woanders nach ihm.“
 
Die Mägde mußten umkehren und begegneten auf ihrem Weg Tjiu-wën. „Hast du gesehen, wo Herr Bau-yü hingegangen ist?“
 
„Ich suche ihn auch“, sagte Tjiu-wën, „die gnädige Herrin und die anderen warten auf ihn, damit sie zu Abend essen können. Wo kann er nur hingegangen sein? Ihr geht besser zurück und berichtet es der gnädigen Herrin. Sagt nicht, wir konnten ihn nicht finden, sondern daß er nicht kommen wollte, da er keinen Hunger habe. Sagt, er kommt herüber, wenn er sich ein bißchen hingelegt hat. Sagt der gnädigen Herrin und den anderen Damen, daß sie ohne ihn anfangen sollen.“
 
Die jüngere Magd überbrachte Tjiu-wëns Nachricht Dschën-dschu, die sie dann an die Herzoginmutter weitergab.
 
„Er ißt gewöhnlich auch nicht viel“, kommentierte die Herzoginmutter. „Er kann ruhig das Abendessen ausfallen lassen und sich ausruhen. Sagt ihm, er brauch nicht zurückzukommen. Seine Frau ist hier, das reicht.“
 
„Hast du das gehört?“, sagte Dschën-dschu zu der jüngeren Magd.
 
„Ja, Fräulein Dschën-dschu!“, sagte die Magd und wagte nicht zu erwähnen, wie es sich wirklich verhielt. Sie ging hinaus und lief etwas herum, kehrte dann zurück und gab vor, Bau-yü die Nachricht überbracht zu haben. Niemand nahm dies besonders zur Kenntnis. Sie aßen zu Abend und unterhielten sich.
 
Unser Erzähler verläßt sie nun und widmet sich Bau-yü. Von plötzlichem Kummer überwältigt, hatte er die Feier verlassen und lief ziellos draußen umher. Hsi-jën eilte ihm nach und fragte, was los sei.
 
„Nichts Ernstes“, antwortete er, „ich fühle mich nur auf einmal ganz übel. Warum bummeln wir nicht gemütlich zu den Gemächern, wo Vetter Dschëns Frau lebt und überlassen die anderen ihrem Gelage?“ –
 
„Aber Frau Dschën ist auf der Feier“, sagte Hsi-jën, „wen willst du in ihren Gemächern denn besuchen?“
 
„Niemanden“, antwortete Bau-yü, „ich wollte nur kurz dort vorbeischauen, um zu sehen, in welchen Gemächern sie nun lebt.“
 
Hsi-jën konnte ihn nur begleiten, und sie unterhielten sich auf ihrem Weg. Bald erreichten sie You-schïs Gemächer und bemerkten, daß das kleine Seitentor daneben, das in den Garten führte, halb offen war. Bau-yü ging gar nicht in You-schïs Gemächer; statt dessen ging er wegen des Tores zu den zwei alten Dienstmädchen, die auf der Schwelle saßen und sich unterhielten. Er fragte sie: „Wird das Seitentor offen gehalten?“ –
 
„Gewöhnlich nicht“, antwortete eine von ihnen, „doch heute wurde uns gesagt, daß die Herzoginmutter eventuell etwas Obst aus dem Garten haben wollte, für diesen Fall bleibt es geöffnet.
 
Bau-yü ging langsam zum Tor und sah, daß es tatsächlich halb offen stand, und er ging hindurch. Hsi-jën wollte ihn zurückhalten und sagte: „Geh nicht dort hinein! Der Garten ist verwahrlost. Es gehen selten Menschen hinein. Sonst würdest du Geistern begegnen.“ Bau-yü war noch ein wenig beschwippst, wollte es wagen und antwortete: „Vor so etwas habe ich keine Angst!“
 
Hsi-jën versuchte mit aller Kraft, ihn zurückzuhalten, doch es war zwecklos. Die Dienstmädchen kamen dazu: „Heute ist der Garten ruhig und friedlich. Seit die Priester hier waren und die bösen Geister vertrieben haben, sind wir oft dort gewesen, um Blumen und Früchte zu sammeln. Wenn Herr Bau-yü nachsehen möchte, gehen wir alle mit. Wenn so viele dabei sind, muß man gewöhnlich keine Angst haben.“
 
Bau-yü war begeistert; und Hsi-jën mußte ihre Bemühungen aufgeben, ihn aufhalten zu wollen und folgte ihnen ebenfalls.
 
Als Bau-yü den Garten betrat, wurde er von einem Bild vollständiger Verlassenheit begrüßt, wohin er auch schaute. Die Blumen und Bäume schienen alle zu verdorren, waren ausgetrocknet, und die Farbe blätterte seit langem von den einzelnen Gebäuden.
 
  
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 107

Aus weiser Großzügigkeit verteilt die Herzoginmutter [1] ihren persönlichen Besitz

Dank kaiserlicher Gunst empfängt Aufrecht Kaufmann [2] den erblichen Titel seines Bruders

Wie bereits erzählt, ging Aufrecht Kaufmann in den Palast hinein, wo er die verschiedenen Würdenträger des Geheimen Staatsrates und die Fürsten vorfand. Der Fürst von Beijing sagte: "Wir haben Euch heute auf kaiserlichen Befehl rufen lassen, um Euch zu befragen." Aufrecht Kaufmann kniete sogleich nieder. Die Würdenträger fragten: "War Euch bekannt, dass Euer älterer Bruder mit auswärtigen Beamten konspirierte, seine Macht missbrauchte und Schwächere schikanierte, dass er seinen Sohn zum Glücksspiel anstiftete und gewaltsam die Ehefrau eines ehrbaren Bürgers als Nebenfrau nahm und sie in den Tod trieb, als sie sich weigerte?"

Aufrecht Kaufmann antwortete: "Der Angeklagte wurde durch die Gnade Seiner Majestät zum Bildungskommissar ernannt. Nach Ablauf der Amtszeit inspizierte er Hilfsmaßnahmen, kehrte gegen Ende des vergangenen Winters nach Hause zurück und wurde dann von seinen Vorgesetzten mit Bauarbeiten beauftragt. Danach wurde er als Getreide-Intendant nach Jiangxi berufen, von dort unter Anklage in die Hauptstadt zurückbeordert und versieht seither wieder seinen Dienst im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Tag und Nacht wagte er nicht, nachlässig zu sein. Um die Familienangelegenheiten hat er sich in keiner Weise gekümmert und ist in der Tat völlig ahnungslos gewesen. Dass er es versäumt hat, die Söhne und Neffen zu erziehen, ist sein Vergehen gegen die kaiserliche Gnade. Er bittet nur darum, dass Seine Majestät ihn streng bestrafe."

Der Fürst von Beijing trug dies dem Thron vor. Nach kurzer Zeit wurde der kaiserliche Erlass übermittelt. Der Fürst von Beijing verlas ihn: "Seine Majestät hat erwogen: Bezüglich der Anklage des Zensors, Begnadigung Kaufmann [3] habe mit auswärtigen Beamten konspiriert und seine Macht missbraucht, um Schwächere zu schikanieren: Der Zensor nannte den Präfekten von Pingan als Komplizen. Bei strenger Vernehmung gab Begnadigung Kaufmann zu Protokoll, der Präfekt von Pingan sei ein angeheirateter Verwandter, mit dem man lediglich persönlichen Umgang gepflegt habe, ohne sich in Amtsgeschäfte einzumischen. Auch der Zensor konnte diesen Punkt nicht beweisen. Lediglich die Anklage, er habe unter Ausnutzung seiner Stellung einen gewissen Shi Daizi zur Herausgabe antiker Fächer genötigt, wurde bestätigt. Doch handelt es sich um Spielzeug und Sammelstücke, was nicht mit der gewaltsamen Aneignung von Gut ehrlicher Bürger zu vergleichen ist. Dass Shi Daizi sich daraufhin das Leben nahm, liegt an dessen eigener Verrücktheit und ist nicht gleichzusetzen mit einem Freitod durch Nötigung. Daher wird Begnadigung Kaufmann gnädig zu Strafdienst an einem Grenzposten verurteilt, wo er seine Schuld durch treuen Dienst tilgen kann.

Was die Anklage gegen Herrlichkeit Kaufmann [4] betrifft, er habe gewaltsam die Ehefrau eines ehrlichen Bürgers als Nebenfrau genommen und sie durch Zwang in den Tod getrieben: Nach Prüfung der Originalakten beim Zensorat stellte sich heraus, dass die besagte Dame Zweitschwester Sonders tatsächlich von einem gewissen Zhang Hua durch ein Verlöbnis im Mutterleib zur Frau bestimmt worden war. Da dieser in Armut lebte, wünschte er selbst die Auflösung der Verlobung. Die Mutter von Zweitschwester Sonders war einverstanden, ihre Tochter als Nebenfrau zu geben, und zwar nicht an Herrlichkeit Kaufmann selbst, sondern an dessen jüngeren Vetter. Von 'gewaltsamer Aneignung' kann also keine Rede sein.

Zum Fall der Drittschwester Sonders, die sich selbst erdolchte und heimlich beerdigt wurde, ohne dass der Tod den Behörden gemeldet wurde: Bei näherer Untersuchung ergab sich, dass Drittschwester Sonders die jüngere Schwester von Herrlichkeit Kaufmanns Ehefrau war. Es lag ursprünglich in seiner Absicht, eine passende Heirat für sie zu vermitteln. Doch die Forderung nach Rückgabe der Brautgeschenke durch den Verlobten und die verbreiteten Gerüchte über ihr unehrbares Verhalten führten bei ihr zu solcher Scham und Empörung, dass sie sich das Leben nahm. Eine Nötigung durch Herrlichkeit Kaufmann lag nicht vor. Gleichwohl hat Herrlichkeit Kaufmann als Träger eines erblichen Amtes die Gesetze missachtet und einen Todesfall verheimlicht, wofür er schwer bestraft werden müsste. In Anbetracht dessen, dass er Nachkomme verdienter Vorfahren ist, wird von der vollen Strafe abgesehen. Er wird gnädig seines erblichen Titels enthoben und an die Küste entsandt, um dort durch pflichtgetreuen Dienst seine Schuld zu tilgen. Rong Kaufmann ist zu jung, um in die Sache verwickelt zu sein, und wird freigesprochen. Aufrecht Kaufmann hat über viele Jahre in auswärtigen Ämtern pflichtbewusst und gewissenhaft gedient und wird von der Verantwortung für die mangelhafte Haushaltsführung entbunden."

Als Aufrecht Kaufmann das hörte, war er zu Tränen der Dankbarkeit gerührt und verneigte sich hastig vor dem Thron. Dann bat er den Fürsten, seine demütigste Ergebenheit zu übermitteln. Der Fürst von Beijing sagte: "Dankt dem Himmel für die Gnade. Was gäbe es noch vorzubringen?"

Aufrecht Kaufmann sagte: "Der Angeklagte ist überwältigt von der Gnade Seiner Majestät, die ihm nicht nur keine schwere Strafe auferlegt, sondern auch noch das Familienvermögen zurückgegeben hat. In tiefster Beschämung möchte er den gesamten von seinen Ahnen ererbten Besitz und alle angesammelten Güter dem Thron überlassen."

Der Fürst von Beijing sagte: "Seine Majestät ist human und mitfühlend gegenüber seinen Untertanen, weise und gerecht in seinen Urteilen, unfehlbar bei Belohnung und Bestrafung. Nachdem Euch das Vermögen durch eine so große Gnade zurückgegeben wurde, bedarf es keiner weiteren Geste Eurerseits." Die anderen Würdenträger bestätigten dies.

So dankte Aufrecht Kaufmann abermals der kaiserlichen Gnade und dem Fürsten und verließ den Palast. Da er wusste, wie besorgt die Herzoginmutter wartete, eilte er nach Hause. Alle Hausbewohner, Männer wie Frauen, standen draußen und warteten bange auf Nachrichten. Als sie Aufrecht Kaufmann wohlbehalten zurückkehren sahen, atmeten alle etwas auf, doch wagte niemand zu fragen. Aufrecht Kaufmann eilte direkt zu den Gemächern der Herzoginmutter und berichtete ihr die Einzelheiten des kaiserlichen Erlasses.

Die Herzoginmutter war zwar erleichtert, doch dass zwei erbliche Titel eingezogen worden waren und Begnadigung Kaufmann an einen Grenzposten und Herrlichkeit Kaufmann an die Küste entsandt werden sollten, betrübte sie zutiefst. Die Frau Strafe [5] und Dame Sonders brachen sofort in lautes Weinen aus.

Aufrecht Kaufmann sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Auch wenn der ältere Bruder an einem Grenzposten dienen muss, dient er doch dem Staat und wird nicht leiden müssen. Wenn er sich bewährt, kann er seinen Titel zurückerhalten. Und Juwel ist noch jung und sollte durchaus seinen Dienst leisten. Hätten wir es nicht so weit kommen lassen, hätten wir den Segen unserer Ahnen ohnehin nicht ewig genießen können." Er fügte noch weitere tröstende Worte hinzu.

Die Herzoginmutter hatte Begnadigung Kaufmann ohnehin nie besonders gemocht, und Herrlichkeit Kaufmann vom Stillfriede-Anwesen war eine Stufe entfernt. Nur die Frau Strafe und Dame Sonders weinten ohne Unterlass.

Die Frau Strafe dachte bei sich: "Das gesamte Vermögen ist weg, und mein Mann muss in seinem Alter in die Ferne ziehen. Zwar habe ich Kette als Sohn, aber der hat sich schon immer mehr zu seinem Onkel Aufrecht hingezogen. Jetzt, wo wir alle von Aufrecht abhängen, werden er und seine Frau sich natürlich noch mehr jener Seite zuwenden. Da bleibe ich ganz allein — einsam und verlassen. Was soll nur aus mir werden?"

Dame Sonders ihrerseits hatte im Stillfriede-Anwesen stets allein den Haushalt geführt und war nach Herrlichkeit Kaufmann die angesehenste Person gewesen. Zudem waren sie und Herrlichkeit Kaufmann ein harmonisches Ehepaar gewesen. Nun wurde er in Schande fortgeschickt, das gesamte Vermögen war beschlagnahmt, und sie mussten im Prunkwille-Anwesen um Aufnahme bitten. Auch wenn die Herzoginmutter sie liebevoll behandelte, lebte sie doch unter fremdem Dach. Dazu musste sie Peifeng und Xieluan versorgen, und das junge Paar Rong Kaufmann und seine Frau konnten kaum einen eigenen Haushalt gründen. Sie dachte weiter: "Die Zweite und die Dritte Schwester — ihr Unglück war letztlich Kette Kaufmann [6]s Schuld. Und trotzdem kommen er und seine Frau ungeschoren davon und bleiben als Ehepaar beisammen, während uns nur ein elendes Dasein bleibt. Wie soll man da weiterleben?" Bei diesem Gedanken brach sie in bitteres Weinen aus.

Die Herzoginmutter konnte es nicht mit ansehen und fragte Aufrecht Kaufmann: "Der Fall deines Bruders und Juwels ist nun entschieden. Dürfen sie nach Hause kommen? Rong hat nichts verbrochen, der müsste doch freigelassen werden."

Aufrecht Kaufmann antwortete: "Nach den Vorschriften dürfte der ältere Bruder eigentlich nicht nach Hause kommen. Doch ich habe bereits um eine persönliche Gunst gebeten, damit er zusammen mit dem Neffen heimkehren kann, um die Reisevorbereitungen zu treffen. Das Gericht hat gnädig zugestimmt. Rong dürfte zusammen mit seinem Großvater und seinem Vater herauskommen. Bitte mache dir keine Sorgen, gnädige Mutter. Ich werde alles regeln."

Die Herzoginmutter sagte ferner: "Ich bin in den letzten Jahren zu alt und gebrechlich geworden und habe mich überhaupt nicht mehr um die Familienfinanzen gekümmert. Nun ist im Stillfriede-Anwesen alles beschlagnahmt, das Haus einbezogen. Auf unserer Seite wurde bei deinem Bruder und bei Kette auch alles genommen. Sag mir besser jetzt: Wie viel haben wir noch in der Schatzkammer und wie viel sind die Ländereien in der östlichen Provinz noch wert? Wenn die beiden aufbrechen müssen, sollten wir ihnen doch einige tausend Silbertael mitgeben."

Aufrecht Kaufmann steckte in der Klemme. Als die Herzoginmutter so fragte, dachte er: "Wenn ich ihr die Wahrheit sage, wird sie einen Schock bekommen. Wenn ich es aber verschweige, wie sollen wir dann unsere derzeitigen Probleme lösen, von der Zukunft ganz zu schweigen?" Nach kurzem Überlegen antwortete er: "Hätte die gnädige Mutter nicht gefragt, hätte ich es nicht gewagt zu sagen. Da die gnädige Mutter aber nun fragt und Kette auch hier ist: Gestern habe ich die Konten geprüft. Die alte Schatzkammer ist seit langem völlig leer. Nicht nur ist alles aufgebraucht, wir haben auch noch erhebliche Schulden draußen. Für die Angelegenheit des älteren Bruders müssen wir dringend Geld aufbringen, um die Beamten zu besänftigen. Denn trotz der großzügigen Gnade Seiner Majestät könnte es Vater und Sohn schlecht ergehen, wenn wir nicht eingreifen. Nur weiß ich nicht, woher das Geld kommen soll. Auf die Ländereien in der östlichen Provinz können wir uns nicht verlassen — die Pachteinnahmen des kommenden Jahres sind schon für Schulden aus dem laufenden Jahr verplant und können nicht so schnell flüssig gemacht werden. Uns bleibt nur, die Kleidung und den Schmuck, die uns glücklicherweise gelassen wurden, zu verkaufen und den Erlös dem älteren Bruder und Juwel als Reisegeld mitzugeben. Wie wir danach selbst über die Runden kommen, ist wieder ein anderes Problem."

Die Herzoginmutter brach erneut in Tränen aus: "Wie? Ist es wirklich so weit mit uns gekommen? So etwas habe ich nie erlebt. Wenn ich an meine eigene Familie in früheren Zeiten denke — die waren noch zehnmal wohlhabender als wir. Auch sie haben einige Jahre lang eine leere Fassade aufrechterhalten. Aber selbst ohne ein solches Unglück brach schließlich alles zusammen, und in ein, zwei Jahren war es vorbei. Aber nach dem, was du sagst, werden wir nicht einmal ein bis zwei Jahre durchhalten?"

Aufrecht Kaufmann sagte: "Hätten wir noch die beiden erblichen Besoldungen, könnte man anderswo Mittel auftreiben. Aber jetzt, wo wir nichts mehr als Sicherheit bieten können, wird uns niemand Geld leihen." Auch ihm liefen die Tränen über die Wangen. "Was die Verwandten betrifft: Die, bei denen wir in der Schuld stehen, sind selbst arm geworden. Und die, die uns nie etwas schuldeten, wollen uns nicht helfen. Gestern habe ich die Konten nicht im Detail geprüft, aber ich habe die Personalliste durchgesehen. Von oben kommt keinerlei Einkommen, und unten können wir die vielen Diener auch nicht mehr ernähren."

Die Herzoginmutter grämte sich immer mehr. Da kamen Begnadigung Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und Rong Kaufmann herein und begrüßten sie. Die Herzoginmutter sah die drei: Mit der einen Hand ergriff sie Begnadigung Kaufmann, mit der anderen Herrlichkeit Kaufmann, und brach in lautes Schluchzen aus. Die beiden schämten sich zutiefst, und als sie die Herzoginmutter weinen sahen, fielen sie auf die Knie und riefen weinend: "Wir unwürdigen Söhne und Enkel haben die Verdienste unserer Ahnen verspielt und die gnädige Mutter in Kummer gestürzt. Wir verdienen es nicht einmal, nach dem Tod begraben zu werden!"

Daraufhin brach der ganze Raum in Wehklagen aus. Aufrecht Kaufmann mahnte: "Wir sollten zunächst die Reisevorbereitungen der beiden besprechen. Sie können höchstens ein bis zwei Tage zu Hause bleiben, sonst werden die Behörden ungeduldig."

Die Herzoginmutter hielt ihre Tränen mühsam zurück und sagte: "Geht, ihr beiden, und sprecht mit euren Ehefrauen." Dann wies sie Aufrecht Kaufmann an: "Diese Sache duldet keinen Aufschub. Ich sehe, dass Anleihen von außen nichts nützen werden. Wenn wir die Frist verstreichen lassen, was dann? Ich muss wohl selbst etwas unternehmen. Bei dem Durcheinander im Haus kann es auch nicht so weitergehen." Dabei rief sie Mandarinenente [7] herbei und gab ihr Anweisungen.

Begnadigung Kaufmann und die anderen gingen hinaus und sprachen noch einmal weinend mit Aufrecht Kaufmann. Sie drückten ihr Bedauern über ihren früheren Eigensinn aus, klagten über die bevorstehende Trennung und gingen dann zu ihren Frauen, um dort zu trauern. Begnadigung Kaufmann war schon älter und konnte sich leichter damit abfinden. Herrlichkeit Kaufmann und Dame Sonders dagegen — wie sollten sie die Trennung ertragen! Kette Kaufmann und Rong Kaufmann hielten ihren Vater an den Händen und weinten. Obwohl die Strafe milder war als Verbannung oder Zwangsarbeit, war es doch ein Abschied, bei dem man nicht wusste, ob man einander jemals wiedersehen würde. Es war, wie es war, und sie mussten sich mit zusammengebissenem Herzen fügen.

Dann ließ die Herzoginmutter die Damen Xing und Wang zusammen mit Mandarinenente und den Mägden alle Truhen und Kisten öffnen. Alles, was sie seit ihrer Eheschließung im Laufe der Jahre angesammelt hatte, wurde hervorgeholt. Sie rief Begnadigung Kaufmann, Aufrecht Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann und alle anderen herbei und verteilte alles einzeln.

Begnadigung Kaufmann erhielt dreitausend Silbertael. Sie sagte: "Von dem hier vorhandenen Silber nimmst du zweitausend als Reisegeld mit und lässt eintausend für die ältere gnädige Frau zum täglichen Gebrauch zurück. Diese dreitausend sind für Juwel: Du darfst nur eintausend mitnehmen und lässt deiner Frau zweitausend. Sie sollen weiterhin ihre eigenen Angelegenheiten regeln, auch wenn sie hier bei uns wohnen. Die Mahlzeiten möge jeder für sich bestreiten. Um Bedauerfrühlings künftige Heirat kümmere ich mich selbst. Die arme Phönixglanz [8] hat sich ihr ganzes Leben lang abgemüht, und nun hat sie nichts mehr. Auch ihr gebe ich dreitausend Tael, und sie soll sie selbst verwahren. Kette darf nichts davon anrühren. Da sie gerade todkrank ist, soll Friedchen [9] kommen und es in Empfang nehmen. Hier sind Gewänder, die dein Großvater hinterlassen hat, und Kleider und Schmuck, die ich als junge Frau getragen habe — ich brauche sie nicht mehr. Die Männerkleider sollen der ältere Herr Begnadigung, Juwel, Kette und Rong unter sich aufteilen; die Frauenkleider sollen die ältere gnädige Frau, Juwels Frau und Phönixglanz unter sich teilen. Diese fünfhundert Silbertael sind für Kette, um nächstes Jahr den Sarg der jungen Dai-yü in den Süden überführen zu lassen."

Als die Verteilung abgeschlossen war, rief sie Aufrecht Kaufmann zu sich: "Du sagtest, es gäbe noch Außenstände. Die müssen unbedingt beglichen werden. Nimm dafür dieses Gold und lass es eintauschen. Dass es so weit gekommen ist, haben sie verschuldet, nicht ich. Aber du bist ebenfalls mein Sohn, und ich begünstige niemanden. Schatzjade [10] ist nun verheiratet. Was mir an Gold und Silber noch bleibt, ist noch einige tausend Tael wert — das alles gehört ihm. Zhus Witwe war mir immer eine pflichtbewusste Schwiegertochter, und der kleine Lan ist brav. Auch ihnen gebe ich etwas ab. Damit ist meine Angelegenheit erledigt."

Als Aufrecht Kaufmann und die anderen sahen, wie klar und umsichtig die Herzoginmutter alles geregelt hatte, knieten sie alle weinend nieder und sagten: "Die gnädige Mutter in ihrem hohen Alter — wir Söhne und Enkel haben nicht das Geringste zu ihrer Pflege beigetragen und empfangen nun solche Großzügigkeit von unserer Ahnherrin. Wir schämen uns so, dass wir am liebsten im Boden versinken würden!"

Die Herzoginmutter sagte: "Redet keinen Unsinn! Wäre dieses Durcheinander nicht gekommen, hätte ich alles für mich behalten. Aber nun zum Ernst der Lage: Wir haben zu viele Diener. Du bist der Einzige mit einem Amt, Aufrecht. Ein paar Diener genügen. Lass die Verwalter alle zusammenrufen und alles ordentlich regeln. Jeder Haushalt soll mit so wenig Dienern wie möglich auskommen. Stellt euch vor, alles wäre konfisziert worden — was dann? Auch in den Frauengemächern muss aufgeräumt werden: Manche Mägde sollen verheiratet werden, andere freigelassen. Auch wenn uns das Anwesen geblieben ist, solltest du den Garten an den Staat übergeben. Kette soll die ländlichen Güter prüfen: Was verkauft werden muss, wird verkauft, was behalten werden kann, wird behalten. Aber Schluss mit dem leeren Gepränge und der falschen Fassade! Und noch etwas muss ich erwähnen: Die Familie Echt in Jiangnan hat noch etwas Silber bei uns stehen. Die Frau des Zweiten Herrn verwahrt es. Schickt jemanden und bringt es ihnen zurück. Sollte uns noch etwas zustoßen, ziehen wir sie nur noch tiefer in den Schlamassel — wir müssen nicht vom Regen in die Traufe kommen."

Aufrecht Kaufmann, der sich seiner Unfähigkeit in Haushaltsdingen durchaus bewusst war, murmelte zu jeder Anweisung demütig "Ja, gnädige Mutter" und dachte bei sich: "Die gnädige Mutter ist wirklich eine geborene Verwalterin! Und was für ein Versager bin ich im Vergleich!"

Er sah, dass die Herzoginmutter erschöpft war, und bat sie, sich auszuruhen.

Die Herzoginmutter sagte noch: "Das Wenige, was mir noch bleibt, soll nach meinem Tod für mein Begräbnis verwendet werden. Was dann noch übrig ist, geht an meine Dienerinnen."

Als Aufrecht Kaufmann und die anderen das hörten, wurden sie noch trauriger und knieten erneut nieder: "Möge die gnädige Mutter sich beruhigen! Wenn wir Söhne mit der Gunst der gnädigen Mutter in einiger Zeit die Gnade Seiner Majestät wiedererlangen, werden wir uns mit aller Kraft dem Aufbau der Familie widmen, unsere früheren Fehler gutmachen und die gnädige Mutter bis ins hundertste Lebensjahr umsorgen."

Die Herzoginmutter sagte: "Wenn das nur gelänge, könnte ich nach dem Tod unseren Ahnen mit Stolz entgegentreten. Denkt ja nicht, ich wäre jemand, der nur Reichtum genießen und keine Armut ertragen kann! So ist es nicht. In den letzten Jahren habt ihr so prunkvoll gelebt, und ich habe mich gefreut, mich nicht einzumischen, habe geplaudert und gelacht und mich gepflegt. Dass das Familienglück so tief fallen würde, hätte ich nie gedacht. Dass hinter der schönen Fassade Leere herrschte, habe ich schon früh erkannt. Nur ist es so: 'Der Wohnort verändert das Wesen, die Pflege verändert den Körper' — man kann eben nicht so schnell von seinem hohen Ross herunter. Jetzt ist die richtige Zeit, sich zu bescheiden und den Familiennamen zu bewahren, damit man nicht zum Gespött der Leute wird. Aber was die beiden, Vater und Sohn, für Dinge getrieben haben — das wisst ihr noch gar nicht!"

Während die Herzoginmutter noch in ihrer langen Rede war, kam Feng'er aufgeregt hereingelaufen und wandte sich an Frau König [11]: "Heute Morgen hat unsere gnädige Herrin die Nachrichten von draußen gehört und heftig geweint. Jetzt bekommt sie kaum noch Luft. Friedchen hat mich geschickt, um es der gnädigen Frau zu melden."

Feng'er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Herzoginmutter es schon gehört hatte und fragte: "Wie geht es ihr denn jetzt?" Frau König antwortete für Feng'er: "Es geht ihr wohl gar nicht gut."

Die Herzoginmutter erhob sich: "Ach! Diese Plagegeister wollen mich noch ins Grab bringen!" Sie ließ sich stützen und wollte selbst nach Phönixglanz sehen.

Aufrecht Kaufmann hielt sie eilig zurück und sagte: "Die gnädige Mutter hat sich lange gegrämt und so viele Anordnungen getroffen. Jetzt sollte sie sich dringend ausruhen. Wenn die Schwiegertochter etwas hat, kann meine Frau nach ihr sehen. Warum muss die gnädige Mutter persönlich hingehen? Wenn sich die gnädige Mutter noch mehr aufregt und ihr selber etwas zustößt, wie sollen wir Söhne das verantworten?"

Die Herzoginmutter sagte: "Geht alle hinaus. Kommt später noch einmal, ich habe noch etwas zu sagen."

Aufrecht Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und ging hinaus, um die Reisevorbereitungen für seinen Bruder und seinen Neffen zu überwachen. Er wies Kette Kaufmann an, Begleiter für die Reise auszuwählen.

Hierauf ließ die Herzoginmutter durch Mandarinenente die Geschenke für Phönixglanz hinüberbringen. Phönixglanz war gerade ohnmächtig geworden. Friedchen hatte sich die Augen rot und die Wangen geschwollen geweint. Als sie hörte, dass die Herzoginmutter mit Frau König und den anderen im Anmarsch war, eilte sie hastig hinaus, um sie zu empfangen.

Die Herzoginmutter fragte: "Wie geht es ihr jetzt?" Friedchen, die die Herzoginmutter nicht erschrecken wollte, sagte: "Es geht ihr etwas besser." Sie führte die Gesellschaft hinein, eilte zum Bett vor und hob behutsam den Bettvorhang. Phönixglanz öffnete die Augen und sah die Herzoginmutter eintreten. Tiefe Scham ergriff sie. Zuvor hatte sie geglaubt, die ganze Familie zürne ihr und niemand kümmere sich mehr um sie, ob sie lebe oder sterbe. Dass nun die Herzoginmutter persönlich an ihr Bett kam, ließ ihr Herz sich weiten, und der Druck in ihrer Brust löste sich ein wenig. Sie wollte sich sogar aufrichten, doch die Herzoginmutter ließ Friedchen sie zurückhalten.

"Beweg dich nicht", sagte sie zu Phönixglanz. "Geht es dir etwas besser?"

Phönixglanz antwortete mit Tränen in den Augen: "Seit ich als junge Braut in dieses Haus kam, haben die gnädige Mutter und die gnädige Frau König mich so liebevoll behandelt! Doch das Schicksal hat mich verfolgt, Geister und Dämonen haben mich um den Verstand gebracht, und ich habe es nicht geschafft, der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante auch nur einen Funken Dankbarkeit zu erweisen. Trotzdem habt ihr mich wie einen Menschen behandelt und mich den Haushalt führen lassen. Doch ich habe alles drunter und drüber gebracht. Wie kann ich der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante noch ins Gesicht sehen? Dass die gnädige Mutter heute persönlich kommt, ist mehr, als ich verdiene. Ich fürchte, wenn mir noch drei Tage zum Leben bestimmt waren, sind jetzt zwei davon abgezogen."

Sie schluchzte erbärmlich. Die Herzoginmutter tröstete sie: "Den ganzen Ärger haben andere angezettelt, was hat das mit dir zu tun? Dass man deine Sachen genommen hat — das ist doch nicht so schlimm! Ich habe dir allerhand Gutes mitgebracht, schau einmal!" Sie ließ die Geschenke vor ihr ausbreiten.

Phönixglanz war von Natur aus habgierig, und der plötzliche Verlust all ihres Besitzes hatte ihr einen schweren Schlag versetzt. Zudem fürchtete sie die Vorwürfe der anderen und war dem Tode nahe. Dass nun die Herzoginmutter sie immer noch liebte und auch Frau König ihr keinen Vorwurf machte, sondern sie tröstete, und dass auch Kette Kaufmann nichts geschehen war — all das erleichterte sie sehr.

Sie verneigte sich vom Kissen aus vor der Herzoginmutter und sagte: "Die gnädige Mutter möge sich beruhigen. Wenn ich durch den Segen der gnädigen Mutter genese, will ich freiwillig als einfache Dienstmagd arbeiten und mit ganzem Herzen und ganzer Seele der gnädigen Mutter und der gnädigen Tante dienen."

Diese demütige Dankbarkeit ging der Herzoginmutter ans Herz, und sie brach in Tränen aus.

Schatzjade, der noch nie eine solche Krise erlebt hatte und immer nur Frieden und Freude gekannt hatte, sah nun, wohin er blickte, nur Kummer und Leid. Wenn er jemanden weinen sah, weinte er automatisch mit.

Phönixglanz sah, wie niedergeschlagen alle waren, und raffte sich auf, ein paar tröstende Worte für die Herzoginmutter zu finden. Sie bat: "Die gnädige Mutter und die gnädige Tante mögen nach Hause gehen. Wenn es mir etwas besser geht, komme ich persönlich, um meinen Kotau zu machen." Dabei hob sie schwach den Kopf vom Kissen.

Die Herzoginmutter wies Friedchen an: "Pflege sie gut! Wenn es euch an etwas fehlt, kommt zu mir." Dann machte sie sich mit Frau König auf den Rückweg in ihre eigenen Gemächer. Unterwegs hörte sie aus zwei, drei Ecken Weinlaute. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie schickte Frau König fort und wies Schatzjade an: "Geh und verabschiede dich von deinem Onkel und deinem Vetter, dann komm sofort zurück."

Allein ließ sie sich auf ihr Ruhebett fallen und weinte. Mandarinenente versuchte mit allen erdenklichen Worten, sie zu trösten, und schließlich schlief die Herzoginmutter ein.

Der Abschied von Begnadigung Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann war voller Schmerz. Die zu ihrer Begleitung bestimmten Diener wollten allesamt nicht gehen und beklagten laut ihr Schicksal. Im Leben verlassen zu werden ist wahrlich noch schmerzhafter als durch den Tod getrennt zu werden, und die Zuschauer litten noch mehr als die Betroffenen selbst. Das einst so glanzvolle Prunkwille-Anwesen war nun von Menschengeheul und Geisterweinen erfüllt.

Aufrecht Kaufmann, stets ein Mann der Formen und der Pflichterfüllung, erwies seinem älteren Bruder den gebührenden Respekt. Sie reichten sich zu Hause die Hände, und dann ritt Aufrecht Kaufmann voraus vor die Stadtmauer, wo er rituell den Abschiedswein darreichte. Er ermahnte Begnadigung Kaufmann, an die Erwartungen zu denken, die der Staat an die Nachkommen verdienter Vorfahren stelle, und sich diesen durch treuen Dienst würdig zu erweisen. Begnadigung Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann wischten sich die Tränen ab und machten sich in verschiedene Richtungen auf den Weg.

Aufrecht Kaufmann kehrte mit Schatzjade nach Hause zurück. Noch bevor sie das Tor erreichten, sahen sie draußen eine Menschenmenge, die laut durcheinanderrief: "Heute ist ein kaiserlicher Erlass ergangen: Das erbliche Amt des Herzogs von Prunkwille wird Aufrecht Kaufmann übertragen!"

Die Leute verlangten ein Trinkgeld für die gute Nachricht, doch die Pförtner stritten mit ihnen: "Es ist ein Titel, der schon immer in unserer Familie war, und jetzt hat unser Herr ihn geerbt. Was gibt es da zu feiern?"

Die Leute riefen: "Die Ehre eines erblichen Amtes ist höher als alles andere! Euer älterer Herr hat den Titel verspielt, und den wiederzubekommen war unmöglich. Jetzt hat Seine Majestät in seiner Gnade, die größer ist als der Himmel, den Titel dem Herrn Aufrecht verliehen. So etwas kommt nur einmal in tausend Jahren vor — wie soll das kein Trinkgeld wert sein?"

Gerade als sie sich stritten, kam Aufrecht Kaufmann nach Hause. Die Pförtner berichteten ihm. Obwohl es eine freudige Nachricht war, verdankte er sein Glück letztlich der Schande seines Bruders, und so waren seine Gefühle eher von Dankbarkeit und Tränen geprägt als von Freude. Er eilte nach drinnen und berichtete der Herzoginmutter. Sie freute sich natürlich und ermahnte ihn, sich der Gnade durch treuen Dienst würdig zu erweisen.

Frau König kam gerade, um die Herzoginmutter zu trösten, und als sie von der Wiederherstellung des Titels erfuhr, war auch sie erfreut. Nur die Frau Strafe und Dame Sonders waren innerlich bitter, doch sie konnten es nicht zeigen.

Die opportunistischen Verwandten und Freunde, die sich in schlechten Zeiten ferngehalten hatten, erfuhren nun, dass Aufrecht Kaufmann den Titel erhalten hatte, und schlossen daraus, dass die Familie immer noch die Gunst Seiner Majestät genieße. Sie kamen in Scharen, um ihre Glückwünsche darzubringen.

Doch Aufrecht Kaufmann war von Natur ein durch und durch aufrichtiger Mann. Dass er den Titel seines Bruders erhalten hatte, bereitete ihm eher Unbehagen als Freude, und er dachte vor allem daran, wie er seine Dankbarkeit gegenüber dem Thron unter Beweis stellen könnte. Am nächsten Tag ging er in den Palast, um formell zu danken, und ging so weit, in einem Antrag um Rückgabe des verschonten Anwesens und des Gartens der Großen Betrachtung an den Staat zu bitten. Ein kaiserlicher Erlass lehnte dies als unnötig ab. Aufrecht Kaufmann kehrte beruhigt nach Hause zurück und widmete sich fortan pflichtbewusst seinem Amt.

Doch die Familienfinanzen waren in desolatem Zustand: Die Ausgaben überstiegen die Einnahmen bei weitem. Aufrecht Kaufmann war nicht der Mann für gesellschaftliche Beziehungspflege. Die Diener sahen seine Redlichkeit; Phönixglanz war krank und konnte den Haushalt nicht führen; Kette Kaufmanns Schulden wuchsen von Tag zu Tag, und es schien unvermeidlich, weiteres Eigentum und Land zu veräußern. Die wohlhabenderen unter den Dienern fürchteten, Kette Kaufmann könnte sie um Geld bitten, taten arm, mieden den Dienst und suchten sich anderweitige Beschäftigung.

Nur einer war eine Ausnahme: Bao Yong. Obwohl er erst kurz vor der Krise als Neuling eingetreten war, erwies er sich als aufrichtig und pflichtbewusst. Es empörte ihn, wie die anderen Diener ihren Herrn hintergingen. Da er aber ein Neuankömmling war, konnte er kein Wort mitreden. So aß er seinen Reis und legte sich verdrossen schlafen. Die anderen mochten ihn nicht, weil er nicht mitmachte, und beschwerten sich bei Aufrecht Kaufmann: Er sei den ganzen Tag betrunken, stifte Unruhe und drücke sich vor der Arbeit.

Aufrecht Kaufmann sagte: "Lasst ihn. Er wurde von der Familie Echt empfohlen, da können wir nicht so streng sein. Wir sind zwar arm, aber ein Esser mehr oder weniger fällt nicht ins Gewicht." Er ließ Bao Yong nicht fortjagen. Die Diener gingen mit ihren Klagen auch zu Kette Kaufmann, doch der wagte selbst nicht mehr autoritär aufzutreten und ließ die Sache auf sich beruhen.

Eines Tages hielt Bao Yong es nicht mehr aus. Er trank einige Becher Wein und bummelte auf der Straße vor dem Prunkwille-Anwesen, wo er zwei Männer miteinander reden hörte.

Der eine sagte: "Sieh dir dieses große Haus an! Neulich wurde es durchsucht. Ich frage mich, wie es ihnen jetzt geht."

Der andere antwortete: "Die werden schon zurechtkommen! Ich habe gehört, eine ihrer Töchter war kaiserliche Nebengemahlin. Auch wenn sie tot ist, solche Verbindungen lösen sich nicht so schnell auf. Außerdem sieht man ständig Fürsten und Adlige bei ihnen ein- und ausgehen. Die werden schon jemanden finden, der ihnen hilft. Der jetzige Präfekt, der frühere Kriegsminister — die sind alle aus derselben Sippe. Mit solchen Leuten wird alles gut gehen!"

Der erste erwiderte: "Du wohnst hier und hast doch keine Ahnung! Von den anderen Freunden weiß ich nichts, aber dieser hohe Beamte Jia, den du erwähnst — der ist der Schlimmste! Ich habe ihn oft in den beiden Kaufmann-Anwesen ein- und ausgehen sehen, also stand er früher gut mit ihnen. Als dann der Zensor die Anklage einreichte, befahl Seine Majestät dem Präfekten, die Tatsachen zu untersuchen. Und was hat der getan? Weil er den beiden Häusern einiges schuldig war und fürchtete, man könnte ihm vorwerfen, seine Verwandten zu decken, hat er umso schärfer gegen sie ausgesagt. Erst dadurch kam es zur Beschlagnahmung beider Häuser. Ist das nicht entsetzlich, wie die Leute heutzutage ihre Freunde behandeln?"

Die beiden plauderten arglos dahin, ohne zu ahnen, dass jemand neben ihnen alles mithörte. Bao Yong dachte empört: "Dass so ein Schuft frei herumläuft! Ich wüsste gern, in welcher Beziehung er zu unserem Herrn steht. Wenn ich den zu fassen bekomme, prügle ich ihn tot, und die Folgen trage ich!"

Bao Yong war gerade in seinem Weinrausch dabei, wilde Rachepläne zu schmieden, als er von der anderen Seite die Rufe von Vorlaufboten hörte. Er blieb stehen und beobachtete aus der Ferne. Die beiden Männer flüsterten einander zu: "Da kommt er ja — der hohe Beamte Jia, von dem wir gerade sprachen!"

Bao Yong hörte das, und der Wein gab ihm den nötigen Mut. Er brüllte laut: "Gewissenloser Kerl! Wie kannst du die Güte unserer Familie Kaufmann vergessen?" Regendorf Kaufmann [12] hörte in seiner Sänfte das Wort "Kaufmann" und blickte aufmerksam hinaus. Er sah nur einen Betrunkenen und kümmerte sich nicht weiter darum. Die Sänfte zog weiter.

Bao Yong stolperte betrunken und zufrieden mit sich nach Hause, erkundigte sich bei seinen Kameraden und erfuhr, dass jener hohe Beamte seinen gesamten Aufstieg tatsächlich der Gunst der Familie Kaufmann verdankte. "So ein undankbarer Schuft! Ich habe ihm meine Meinung gesagt, und er hat nicht gewagt, mir zu widersprechen!"

Die anderen Diener, die Bao Yong allesamt nicht leiden konnten, hatten bisher Aufrecht Kaufmann nicht überzeugen können, ihn loszuwerden. Nun hatten sie den perfekten Vorwand. Sie nutzten die Gelegenheit, während Aufrecht Kaufmann frei war, und berichteten ihm, Bao Yong habe betrunken auf der Straße Unruhe gestiftet.

Aufrecht Kaufmann, der große Angst hatte, erneut Schwierigkeiten mit den Behörden zu bekommen, war sehr erzürnt, als er davon hörte. Er ließ Bao Yong rufen und schalt ihn gehörig aus. Da er ihn wegen der Empfehlung durch die Familie Echt nicht zu hart bestrafen konnte, versetzte er ihn zur Strafe als Wächter in den Garten und verbot ihm, sich draußen herumzutreiben.

Bao Yong war ein aufrichtiger, geradliniger Mensch. Hatte er einmal einen Herrn angenommen, diente er ihm mit ganzem Herzen. Dass Aufrecht Kaufmann den Verleumdungen der anderen geglaubt und ihn ausgescholten hatte, betrübte ihn zutiefst. Doch er sagte kein Wort des Protests. Er packte nur seine Sachen und ging in den Garten, um dort seine Aufgaben als Wächter und Gärtner zu versehen.

Was danach geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chinesisch: 贾母
  2. Chinesisch: 贾政
  3. Chinesisch: 贾赦
  4. Chinesisch: 贾珍
  5. Chinesisch: 邢夫人
  6. Chinesisch: 贾琏
  7. Chinesisch: 鸳鸯
  8. Chinesisch: 王熙凤
  9. Chinesisch: 平儿
  10. Chinesisch: 宝玉
  11. Chinesisch: 王夫人
  12. Chinesisch: 贾雨村