Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 109"

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= Kapitel 109 =
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== Wu'er empfängt fälschlich Zuneigung im Namen eines duftenden Geistes; ==
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_102|<span style="color: #FFD700;">102</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_103|<span style="color: #FFD700;">103</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_104|<span style="color: #FFD700;">104</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_105|<span style="color: #FFD700;">105</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_106|<span style="color: #FFD700;">106</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_107|<span style="color: #FFD700;">107</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_108|<span style="color: #FFD700;">108</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">109</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_110|<span style="color: #FFD700;">110</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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== Im Kreislauf der Vergeltung kehrt Willkommensfrühling ins Wahre zurück ==
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Es wird erzählt, daß Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.</ref> Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.</ref> beauftragt hatte, den wahren Grund herauszufinden. Aus Sorge, Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.</ref> könnte vor Kummer krank werden, sprach sie mit Dufthauch absichtlich im Plauderton über Kajaljades letzte Worte vor ihrem Tod, so daß Schatzjade es mithören konnte. Sie sagte: „Solange ein Mensch auf der Welt ist, hat er Gefühle und Empfindungen. Doch nach dem Tode geht jeder seiner eigenen Wege, und es ist keineswegs so wie im Leben. Die Toten sind nicht mehr so, wie sie zu Lebzeiten waren. Die Lebenden mögen noch so sehr an ihnen hängen — die Verstorbenen wissen nichts davon. Zudem hat Fräulein Lin doch gesagt, sie gehe zu den Unsterblichen; sie betrachtet die Sterblichen als unreine, trübe Wesen — wie sollte sie sich noch in der irdischen Welt aufhalten wollen? Nur der eigene Argwohn der Menschen ruft allerlei Dämonen und böse Geister herbei, die einen dann heimsuchen." Obwohl Schatzspange mit Dufthauch sprach, waren die Worte für Schatzjades Ohren bestimmt. Dufthauch verstand und sagte ebenfalls: „So etwas gibt es nicht. Wenn Fräulein Lins Seele wirklich noch im Garten weilte — wir waren doch auch befreundet, warum habe ich dann nicht ein einziges Mal von ihr geträumt?"
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Schatzjade hörte draußen zu und dachte sorgfältig nach: „Es ist wirklich seltsam! Ich weiß, daß Schwester Lin tot ist, und denke jeden Tag unzählige Male an sie — warum habe ich nie von ihr geträumt? Gewiß ist sie in den Himmel aufgestiegen und blickt auf mich gewöhnlichen Sterblichen herab, der nicht mit den Göttern verkehren kann — deshalb habe ich nicht einen einzigen Traum gehabt. Wenn ich heute nacht draußen im Vorzimmer schlafe, oder wenn ich aus dem Garten zurückkomme, wird sie vielleicht mein Herz kennen und mir im Traume erscheinen wollen. Ich muß sie unbedingt fragen, wo sie wirklich hingegangen ist, dann werde ich ihr auch regelmäßig Opfer darbringen. Wenn sie sich aber tatsächlich um dieses trübe Wesen nicht kümmert und kein einziger Traum kommt, dann werde ich auch aufhören, an sie zu denken." Sein Entschluß stand fest, und er sagte: „Ich werde heute nacht draußen im Vorzimmer schlafen. Ihr braucht euch nicht um mich zu kümmern."
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Schatzspange drängte ihn nicht, sondern sagte nur: „Du brauchst nicht so wirre Gedanken zu haben. Hast du nicht gesehen, wie aufgeregt die Mutter war, als du in den Garten gegangen bist, so daß sie kaum ein Wort herausbrachte? Wenn du jetzt noch nicht auf deine Gesundheit achtest und die Großmutter davon erfährt, wird sie wieder sagen, wir kümmerten uns nicht genug." Schatzjade sagte: „Es wird schon nichts sein, ich sitze noch ein Weilchen und komme dann herein. Du bist auch müde, leg dich zuerst schlafen." Schatzspange rechnete damit, daß er ohnehin hereinkommen würde, und sagte zum Schein: „Ich gehe schlafen. Laß die Schwester Dufthauch dich bedienen."
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Schatzjade hörte das und fand es gerade passend. Als Schatzspange sich niedergelegt hatte, ließ er Dufthauch und Moschusmond<ref>Moschusmond: Chin. 麝月 (Shèyuè), wörtl. „Moschusmond". Dienstmädchen von Schatzjade.</ref> ein weiteres Bett aufschlagen und schickte ständig jemanden hinein, um nachzusehen, ob die Zweite Herrin schon eingeschlafen sei. Schatzspange tat absichtlich so, als schliefe sie, war aber die ganze Nacht unruhig. Schatzjade glaubte, Schatzspange schlafe, und sagte zu Dufthauch: „Geht alle schlafen, ich bin gar nicht traurig. Wenn du mir nicht glaubst, bediene mich, bis ich eingeschlafen bin, und geh dann hinein; du brauchst mich nur nicht zu wecken." Dufthauch bediente ihn tatsächlich bis zum Einschlafen, stellte Tee bereit, schloß die Tür und ging ins Innenzimmer, um nach dem Rechten zu sehen, legte sich dann selbst hin und döste nur, bereit, wieder herauszukommen, falls Schatzjade sich regen sollte.
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Als Schatzjade sah, daß Dufthauch hineingegangen war, schickte er die beiden Nachtwache haltenden alten Weiber nach draußen. Dann setzte er sich leise auf, murmelte im Stillen einige Gebetsworte und legte sich erst dann nieder. Anfangs konnte er durchaus nicht einschlafen, doch nachdem er sein Herz beruhigt hatte, schlief er unversehens ein und ruhte die ganze Nacht friedlich. Erst als es hell wurde, erwachte er, rieb sich die Augen, saß da und dachte nach — doch er hatte keinen Traum gehabt. Er seufzte und sprach: „So ist es denn: ‚Seit langem trennt der Tod uns voneinander, und doch ist ihre Seele nie im Traum erschienen.'" <ref>Zitat aus Bai Juyis „Lied von der ewigen Sehnsucht", in dem der Kaiser Tang Xuanzong vergeblich auf den Traum seiner toten Geliebten Yang Guifei wartet.</ref>
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Schatzspange hingegen hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Als sie hörte, wie Schatzjade draußen diese beiden Verse murmelte, erwiderte sie: „Da hast du dich unbedacht ausgedrückt — wenn Schwester Lin noch am Leben wäre, würde sie sich wieder ärgern." Als Schatzjade das hörte, wurde es ihm verlegen zumute, und er stand auf, kam verlegen herein und sagte: „Eigentlich wollte ich hereinkommen, doch weiß ich nicht, wie es kam — ich bin einfach eingenickt." Schatzspange sagte: „Ob du hereinkommst oder nicht, was geht mich das an!"
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Auch Dufthauch hatte nicht geschlafen. Als sie die beiden reden hörte, stand sie eilig auf und brachte Tee. Da kam ein kleines Mädchen von der Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.</ref> herüber und fragte: „Hat der Zweite Herr Schatzjade letzte Nacht ruhig geschlafen? Wenn ja, soll er sich bald mit der Zweiten Herrin frisieren und herüberkommen." Dufthauch sagte: „Geh und melde der Herzoginmutter, daß Schatzjade letzte Nacht sehr ruhig geschlafen hat; er kommt gleich." Das kleine Mädchen ging. Schatzspange machte sich eilig zurecht, und Oriole, Dufthauch und die anderen folgten ihr. Zuerst ging sie zur Herzoginmutter und erwies ihr die Ehre, dann zu Frau König<ref>Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref>, danach zu Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.</ref> — allen machte sie ihren Besuch. Dann kehrte sie zur Herzoginmutter zurück und traf auch ihre Mutter an. Alle fragten: „Geht es Schatzjade abends gut?" Schatzspange sagte: „Er hat sich gleich hingelegt und geschlafen, es gab nichts." Alle waren beruhigt und plauderten noch ein wenig.
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Da kam ein kleines Mädchen herein und sagte: „Die Zweite Herrin Schwägerin will zurückfahren. Es heißt, daß von Schwager Suns Seite Leute gekommen sind und bei der Ersten Herrin einiges besprochen haben. Die Erste Herrin hat zum Quartier der Vierten Herrin schicken lassen und sagen lassen, man brauche sie nicht mehr aufzuhalten, sie solle gehen. Jetzt weint die Zweite Herrin Schwägerin bei der Ersten Herrin; wahrscheinlich kommt sie gleich, um sich von der Herzoginmutter zu verabschieden." Als die Herzoginmutter und alle es hörten, waren sie äußerst betrübt und sagten: „Willkommensfrühling<ref>Willkommensfrühling: Chin. 迎春 (Yíngchūn), wörtl. „Den Frühling willkommen heißen". Zweite Tochter von Begnadigung Kaufmann.</ref> ist doch eine so feine Person — warum muß das Schicksal ihr ausgerechnet solch einen Menschen bescheren? Ihr ganzes Leben lang kann sie den Kopf nicht heben — wie soll das nur enden?"
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Während sie noch redeten, trat Willkommensfrühling herein, das Gesicht voller Tränenspuren. Da es Schatzspanges Geburtstag war, schluckte sie die Tränen hinunter, verabschiedete sich von allen und wollte gehen. Die Herzoginmutter kannte ihr Leid und versuchte sie nicht gewaltsam zurückzuhalten, sondern sagte nur: „Geh nur zurück, aber sei nicht traurig. Einen solchen Menschen zu treffen, dagegen ist kein Kraut gewachsen. In ein paar Tagen schicke ich jemanden, der dich wieder abholt." Willkommensfrühling sagte: „Die Großmutter hat mich von Anfang an geliebt, doch jetzt kann sie nichts mehr für mich tun. Die Ärmste, ich habe keine Gelegenheit mehr, wiederzukommen." Dabei strömten ihr die Tränen. Alle trösteten sie: „Was soll denn daran sein, daß du nicht wiederkommen könntest? Du bist doch nicht wie deine Dritte Schwester, die so weit weg ist, daß ein Wiedersehen schwierig wäre." Als die Herzoginmutter und die anderen an Willkommensfrühlings Dritte Schwester dachten, begannen unwillkürlich alle zu weinen. Da es Schatzspanges Geburtstag war, rissen sie sich zusammen und sagten: „So schwierig ist das auch nicht — wenn die Küstenprovinzen befriedet sind und die dortigen Anverwandten in die Hauptstadt versetzt werden, dann kann man sich wiedersehen." Alle sagten: „Ja, so wird es wohl sein."
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Willkommensfrühling mußte trauernd Abschied nehmen. Alle geleiteten sie hinaus und kehrten dann zur Herzoginmutter zurück. Von morgens bis abends war wieder ein ganzer Tag vergangen. Als die Leute sahen, daß die Herzoginmutter erschöpft war, zerstreuten sich alle.
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Nur Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.</ref> verabschiedete sich von der Herzoginmutter und ging zu Schatzspange hinüber. Sie sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr hinter sich; man muß bis zu einer kaiserlichen Amnestie warten, bis seine Strafe gemildert und er ausgelöst werden kann. Diese paar Jahre — wie soll ich das allein und verlassen aushalten? Ich möchte deinen Zweiten Bruder verheiraten — was meinst du?" Schatzspange sagte: „Mutter hat Angst bekommen wegen der Heirat des älteren Bruders und zweifelt deshalb auch an der Sache des zweiten Bruders. Meiner Meinung nach sollte man es unbedingt tun. Die Xing-Schwägerin kennt Mutter ja — sie hat es hier auch recht schwer. Wenn man sie heiratet, mögen wir auch arm sein, aber es ist allemal besser, als bei fremden Leuten unterzukommen." Tante Schnee sagte: „Wenn du Gelegenheit hast, geh und sag es der Herzoginmutter — sag ihr, daß unser Haus niemanden hat und wir einen günstigen Tag wählen wollen." Schatzspange sagte: „Mutter soll nur mit dem Zweiten Bruder besprechen und einen guten Tag wählen, dann herüberkommen und es der Herzoginmutter und der Ersten Herrin sagen, sie heimführen, und damit ist die Sache erledigt. Die Erste Herrin hier kann es auch kaum erwarten, daß sie geheiratet wird." Tante Schnee sagte: „Heute habe ich gehört, daß auch die Xiang-Schwägerin bald zurückkehren wird. Die Herzoginmutter möchte, daß deine Schwester noch ein paar Tage hierbleibt, deshalb ist sie geblieben. Ich denke, auch sie wird nicht mehr lange bleiben — ihr Schwestern solltet noch ein paar Tage miteinander plaudern." Schatzspange sagte: „Ganz recht." Daraufhin saß Tante Schnee noch eine Weile, verabschiedete sich von allen und ging heim.
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Nun wird erzählt, daß Schatzjade am Abend in sein Zimmer zurückkehrte und bei sich dachte: „Letzte Nacht ist Kajaljade mir wirklich nicht im Traum erschienen. Vielleicht ist sie schon zur Unsterblichen geworden und will sich deshalb einem so trüben Wesen wie mir nicht zeigen — das ist durchaus möglich. Oder aber ich war zu ungeduldig — auch das kann sein." Er ersann einen Plan und sagte zu Schatzspange: „Ich bin gestern zufällig draußen eingeschlafen, und es scheint, als hätte ich draußen ruhiger geschlafen als drinnen. Heute morgen fühlte ich mich auch klarer im Kopf. Ich möchte noch zwei Nächte draußen schlafen, aber ihr werdet mich wohl wieder daran hindern."
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Schatzspange hörte es und wußte genau, daß die Verse, die er am Morgen gemurmelt hatte, natürlich Kajaljades wegen gewesen waren. Da sie bedachte, daß sein eigensinniges Naturell nicht umzustimmen war, hielt sie es für besser, ihn zwei Nächte schlafen zu lassen, damit er sich die Sache vielleicht von selbst aus dem Kopf schlage; zudem hatte sie gehört, daß er in der vergangenen Nacht durchaus ruhig geschlafen hatte. Sie sagte: „Was für ein Unsinn! Schlaf nur, wir halten dich doch nicht auf. Nur denk dir nicht lauter wirres Zeug aus und ruf damit Dämonen und Spukgestalten herbei." Schatzjade lachte: „Wer denkt denn an so etwas?"
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Dufthauch sagte: „Ich rate dem Zweiten Herrn, doch lieber im Zimmer zu schlafen. Draußen kann man nicht gleich nach dem Rechten sehen, und wenn Ihr Euch erkältet, ist das auch nicht gut." Schatzjade wollte gerade antworten, da machte Schatzspange Dufthauch ein Zeichen mit den Augen. Dufthauch verstand und sagte: „Na gut, dann laß wenigstens jemanden bei dir sein, der dir nachts Tee und Wasser bringen kann." Schatzjade lachte: „Wenn schon, dann komm du mit mir." Dufthauch wurde es peinlich zumute, augenblicklich errötete sie bis über beide Ohren und sagte kein Wort. Schatzspange kannte Dufthauchs gesetztes Wesen und sagte: „Sie ist es gewohnt, bei mir zu sein — laß sie nur bei mir. Moschusmond und Wu'er können sich um dich kümmern. Außerdem hat sie heute den ganzen Tag mit mir herumgewirtschaftet und ist müde — laß sie ein wenig ausruhen."
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Schatzjade ging lachend hinaus. Schatzspange wies Moschusmond und Wu'er an, für Schatzjade im Vorzimmer wieder ein Bett aufzuschlagen, und ermahnte die beiden: „Schlaft mit einem offenen Auge; ob Tee, ob Wasser — seid aufmerksam." Die beiden sagten ja und kamen heraus. Da sahen sie Schatzjade aufrecht auf dem Bett sitzen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet — wahrhaftig wie ein Mönch. Die beiden wagten nicht zu sprechen und konnten ihn nur anblicken und kichern. Schatzspange schickte Dufthauch noch hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Als Dufthauch ihn so sah, mußte sie auch lachen und rief leise: „Es ist Zeit zu schlafen — was sitzt du denn da und meditierst?" Schatzjade öffnete die Augen, sah Dufthauch und sagte: „Geht nur alle schlafen, ich sitze noch ein Weilchen und lege mich dann hin." Dufthauch sagte: „Weil du gestern so warst, hat die Zweite Herrin die ganze Nacht nicht geschlafen. Wenn du so weitermachst, was soll denn das werden?" Schatzjade merkte, daß niemand schlafen würde, solange er selbst nicht schlief, und legte sich gehorsam nieder. Dufthauch ermahnte Moschusmond noch mit einigen Worten und ging dann hinein, schloß die Tür und schlief. Hier räumten Moschusmond und Wu'er ihre Betten zusammen und warteten, bis Schatzjade eingeschlafen war, dann legten sie sich selbst hin.
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Doch Schatzjade wollte schlafen und konnte nicht. Als er sah, wie die beiden ihre Betten richteten, fiel ihm plötzlich ein: „In jenem Jahr, als Dufthauch nicht zu Hause war, bedienten mich Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.</ref> und Moschusmond. Nachts ging Moschusmond hinaus, und Heitermuster wollte sie erschrecken; weil sie nichts übergezogen hatte, erkältete sie sich, und schließlich ist sie an eben dieser Krankheit gestorben." Bei diesem Gedanken wandten sich alle seine Gedanken Heitermuster zu. Dann fiel ihm ein, daß Phönixglanz gesagt hatte, Wu'er sei Heitermuster wie ein Ebenbild, und er übertrug seine Sehnsucht nach Heitermuster auf Wu'er. Er tat so, als schliefe er, und beobachtete Wu'er verstohlen — je länger er schaute, desto mehr glich sie Heitermuster. Unwillkürlich regte sich wieder sein eigensinniges Wesen. Er lauschte und hörte, daß es im Innenzimmer still geworden war — dort schlief man also. Doch er wußte nicht, ob Moschusmond schon schlief, und rief absichtlich zwei Mal — doch niemand antwortete.
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Wu'er hörte, daß Schatzjade nach jemandem rief, und fragte: „Was wünscht der Zweite Herr?" Schatzjade sagte: „Ich möchte mir den Mund ausspülen." Wu'er sah, daß Moschusmond bereits schlief, und stand widerwillig auf, putzte die Kerze, goß eine Tasse Tee ein und hielt mit der anderen Hand die Spülschale. Da sie eilig aufgestanden war, trug sie nur ein dünnes pfirsichrotes Seidenjäckchen und hatte das Haar lose hochgesteckt. Als Schatzjade hinblickte, war es wahrhaftig, als sei Heitermuster wiedererstanden. Da fielen ihm Heitermusters Worte ein: „Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten" — und er starrte sie geistesabwesend an, ohne den Tee zu nehmen.
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Jene Wu'er hatte, seit Duftköpfchen fortgegangen war, eigentlich kein Herz mehr gehabt, hierher zu kommen. Später, als sie hörte, daß Phönixglanz sie hereinbeordert hatte, um Schatzjade zu bedienen, war sie noch ungeduldiger als Schatzjade selbst, der auf ihr Kommen wartete. Doch als sie dann wirklich da war und sah, wie Schatzspange und Dufthauch gleichermaßen vornehm und gesetzt waren, empfand sie in ihrem Herzen aufrichtige Bewunderung. Zudem bemerkte sie, daß Schatzjade sich verrückt und töricht benahm, nicht mehr so anmutig wie früher. Und sie hatte gehört, daß Frau König alle Mädchen, die mit Schatzjade gescherzt hatten, hinausgeworfen hatte. Deshalb legte sie ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und ihre frühere schwärmerische Zuneigung ganz beiseite.
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Doch an diesem Abend behandelte der eigensinnige junge Herr sie wie Heitermuster und begann sie zu umhegen. Wu'er war längst vor Scham über beide Wangen errötet, wagte aber nicht laut zu sprechen und sagte nur leise: „Zweiter Herr, spült Euch doch den Mund." Schatzjade nahm lächelnd die Tasse in die Hand — ob er sich den Mund gespült hatte oder nicht, war unklar — und fragte dann grinsend: „Du warst doch mit Schwester Heitermuster befreundet, nicht wahr?" Wu'er wußte nicht, wovon er sprach, und sagte: „Wir waren alle Schwestern, es gab nichts, was nicht gut gewesen wäre." Schatzjade fragte leise weiter: „Als Heitermuster schwer krank war und ich sie besuchte — warst du da nicht auch dabei?" Wu'er lächelte leicht und nickte. Schatzjade fragte: „Hast du gehört, was sie gesagt hat?" Wu'er schüttelte den Kopf: „Nein."
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Schatzjade war bereits ganz entrückt und ergriff Wu'ers Hand. Wu'er erschrak und errötete, ihr Herz klopfte wild, und sie sagte leise: „Zweiter Herr, wenn Ihr etwas zu sagen habt, sagt es ruhig, aber bitte kein Zerren und Ziehen." Schatzjade ließ sie erst dann los und sagte: „Sie hat zu mir gesagt: ‚Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten.' Wie kannst du das nicht gehört haben?"
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Wu'er hörte das und merkte deutlich, daß diese Worte auf sie selbst abzielten, wagte aber nichts zu erwidern und sagte: „Das war doch ihr eigenes schamloses Gerede — können wir Mädchen so etwas sagen?" Schatzjade rief aufgeregt: „Wieso bist auch du so ein Moralprediger? Ich sehe, daß du ihr aufs Haar gleichst, deshalb sage ich dir diese Dinge — wie kannst du sie mit solchen Worten beschmutzen?" Wu'er wußte in diesem Augenblick nicht, was Schatzjade eigentlich meinte, und sagte: „Es ist spät in der Nacht, Zweiter Herr, legt Euch schlafen. Sitzt nicht die ganze Zeit auf, Ihr könntet Euch erkälten. Was haben die Herrin und Schwester Dufthauch vorhin gesagt?" Schatzjade sagte: „Mir ist nicht kalt."
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An dieser Stelle fiel ihm plötzlich ein, daß Wu'er keinen Mantel anhatte, und er fürchtete, sie könnte sich wie Heitermuster erkälten. Er fragte: „Warum bist du herübergekommen, ohne dir etwas überzuziehen?" Wu'er sagte: „Der Herr hat so dringend gerufen, wo hätte ich Zeit gehabt, mich erst ordentlich anzuziehen? Hätte ich gewußt, daß wir so lange reden, hätte ich mich auch angezogen." Schatzjade nahm sogleich seinen eigenen mondweißen Seidenwattejacke, die über ihn gebreitet lag, und reichte sie Wu'er, damit sie sich darin einwickle. Wu'er weigerte sich anzunehmen und sagte: „Der Zweite Herr soll sich zudecken, mir ist nicht kalt; wenn mir kalt ist, habe ich meine eigenen Sachen."
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Damit ging sie zu ihrem Bett zurück und zog eine lange Jacke über. Sie horchte — Moschusmond schlief tief und fest. Dann kam sie langsam herüber und sagte: „Wollte der Zweite Herr heute nacht nicht den Geist beruhigen?" Schatzjade lachte: „Ich sage es dir ehrlich — was ‚Geist beruhigen', ich wollte eigentlich Unsterblichen begegnen." Wu'er wurde immer mißtrauischer und fragte: „Welchen Unsterblichen begegnen?" Schatzjade sagte: „Wenn du es wissen willst, das ist eine lange Geschichte. Setz dich neben mich, dann erzähle ich es dir." Wu'er errötete und lachte: „Ihr liegt da im Bett — wie soll ich mich denn setzen?" Schatzjade sagte: „Was macht das schon? In jenem kalten Winter spielten deine Schwester Heitermuster und Schwester Moschusmond miteinander. Ich fürchtete, sie könne frieren, und nahm sie sogar mit unter eine Decke. Was ist schon dabei? Im allgemeinen soll man sich nicht so affig und heuchlerisch anstellen."
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Wu'er hörte es, und Satz für Satz klangen Schatzjades Worte wie Schmeichelei — doch wußte sie nicht, daß dieser eigensinnige junge Herr jedes Wort von Herzen meinte. Wu'er wußte in diesem Augenblick weder, ob sie gehen, stehen oder sich setzen sollte, und war ganz ratlos. Sie blickte ihn aus den Augenwinkeln an, preßte die Lippen zusammen und kicherte: „Hört auf, solches Zeug zu reden — wenn jemand das hört, was soll der denken? Kein Wunder, daß die Leute sagen, Ihr wendet Eure ganze Mühe nur an die Mädchen. Ihr habt doch die Zweite Herrin und Schwester Dufthauch, die wie Göttinnen sind — und mißt Euch lieber mit anderen herum. Wenn Ihr morgen wieder so redet, gehe ich zur Zweiten Herrin und sage es — dann schauen wir mal, wie Ihr den Leuten ins Gesicht blickt!"
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Gerade als sie das sagte, hörten sie draußen ein dumpfes Poltern, und beide erschraken. Im Innenzimmer hustete Schatzspange. Schatzjade hörte es und legte hastig den Finger auf die Lippen. Wu'er löschte eilig die Lampe und legte sich leise hin. In Wahrheit hatten Schatzspange und Dufthauch, da sie in der vergangenen Nacht nicht geschlafen und tagsüber den ganzen Tag geschuftet hatten, so fest geschlafen, daß sie ihr Gespräch gar nicht gehört hatten. Als es im Hof polterte, fuhren sie jäh aus dem Schlaf, lauschten eine Weile und hörten nichts mehr.
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Schatzjade lag im Bett und grübelte: „Sollte Schwester Lin gekommen sein, unser Gespräch gehört und uns absichtlich erschreckt haben?" Er wälzte sich hin und her, in wirren Gedanken, und erst nach der fünften Nachtwache fiel er in einen leichten Schlummer.
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Nun wird erzählt, daß Wu'er, die Schatzjades alberne Reden eine halbe Nacht lang über sich hatte ergehen lassen, überdies durch Schatzspanges Husten ein schlechtes Gewissen bekam, weil sie fürchtete, Schatzspange könnte alles gehört haben. Sie grübelte vor und zurück und schlief die ganze Nacht nicht. Am nächsten Morgen stand sie früh auf und sah, daß Schatzjade noch in tiefem Schlummer lag. Leise räumte sie das Zimmer auf. Inzwischen war Moschusmond wach geworden und sagte: „Warum bist du so früh aufgestanden? Hast du etwa die ganze Nacht nicht geschlafen?" Als Wu'er das hörte, glaubte sie, Moschusmond wüßte Bescheid, und konnte nur verlegen lächeln, ohne zu antworten. Bald standen auch Schatzspange und Dufthauch auf und öffneten die Tür. Als sie sahen, daß Schatzjade noch schlief, wunderten sie sich: „Wie kommt es, daß er draußen zwei Nächte lang so ruhig geschlafen hat?"
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Als Schatzjade erwachte und sah, daß alle schon auf waren, sprang er hastig auf. Er rieb sich die Augen und dachte sorgfältig nach — auch letzte Nacht hatte er nicht geträumt; die Wege der Unsterblichen und Sterblichen waren also wirklich getrennt. Langsam stieg er aus dem Bett und erinnerte sich an Wu'ers gestrige Worte, daß Schatzspange und Dufthauch wie himmlische Göttinnen seien — das war eigentlich gar nicht falsch. So starrte er Schatzspange geistesabwesend an.
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Schatzspange sah sein Starren und wußte, daß es wegen Kajaljade war, doch sie konnte nicht sicher sein, ob er geträumt hatte oder nicht. Nur daß sein Starren sie selbst verlegen machte. Sie sagte: „Bist du gestern nacht einer Unsterblichen begegnet?" Schatzjade hörte es und glaubte, Schatzspange habe das Gespräch von gestern abend gehört. Er lachte verlegen und sagte gezwungen: „Was für ein Unsinn!" Als Wu'er das hörte, wurde sie nur noch nervöser, wagte aber nichts zu sagen und beobachtete nur Schatzspanges Miene. Schatzspange fragte Wu'er lächelnd: „Hast du gehört, ob der Zweite Herr im Schlaf geredet hat?" Schatzjade hörte das, konnte nicht mehr sitzen bleiben und schlüpfte verlegen davon.
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Wu'er errötete tief und sagte nur vage: „In der ersten Nachthälfte hat er ein paar Sätze gesagt, ich habe nicht genau zugehört. Etwas von ‚einen falschen Ruf getragen' und ‚keinen ordentlichen Entschluß gefaßt' — ich habe es nicht verstanden und den Zweiten Herrn zum Schlafen ermahnt. Danach bin ich auch eingeschlafen und weiß nicht, ob der Zweite Herr noch weiter geredet hat." Schatzspange senkte den Kopf und überlegte: „Diese Worte beziehen sich eindeutig auf Kajaljade. Doch wenn ich ihn ständig draußen schlafen lasse, könnte sein Geist sich verirren und allerlei Blumen- und Weidengespenster herbeirufen. Zudem lag sein altes Leiden ja immer in seiner tiefen Zuneigung zu den Schwestern. Man muß einen Weg finden, seine Zuneigung auf mich zu lenken, dann wird es vielleicht Ruhe geben." Bei diesem Gedanken errötete sie unwillkürlich, und auch ihr wurde es verlegen zumute. So ging sie linkisch ins Zimmer, um sich frisieren und waschen zu lassen.
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Nun wird berichtet, daß die Herzoginmutter an den beiden festlichen Tagen etwas zuviel gegessen hatte und sich am Abend unwohl fühlte. Am nächsten Tag hatte sie ein Völlegefühl in der Brust. Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.</ref> und die anderen wollten Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.</ref> benachrichtigen, doch die Herzoginmutter verbot es ihnen und sagte: „Ich war in den letzten Tagen etwas gierig und habe zuviel gegessen. Wenn ich eine Mahlzeit auslasse, wird es schon besser. Macht nur ja keinen Lärm!" So sagten Mandarinenente und die anderen niemandem Bescheid.
  
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Am Abend dieses Tages kehrte Schatzjade in sein Zimmer zurück. Schatzspange war gerade von ihrem Besuch bei der Herzoginmutter und Frau König zurückgekommen. Schatzjade dachte an die peinliche Angelegenheit vom Morgen und schämte sich. Schatzspange sah ihn so und wußte, daß es ihm unangenehm war. Da sie bedachte, daß er ein leidenschaftlicher Mensch war, mußte man seine Krankheit wohl mit Leidenschaft heilen. Sie überlegte und fragte Schatzjade dann: „Willst du heute abend wieder draußen schlafen?" Schatzjade fühlte sich beschämt und sagte: „Drinnen oder draußen, das ist alles dasselbe." Schatzspange wollte noch etwas sagen, aber es kam ihr nicht über die Lippen.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_109|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_109|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 109 =
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Dufthauch sagte: „Laßt doch, was soll das für eine Ordnung sein? Ich glaube nicht, daß er so ruhig geschlafen hat." Wu'er hörte das und warf schnell ein: „Wenn der Zweite Herr draußen schläft, gibt es weiter nichts — nur redet er gern im Schlaf, man versteht kein Wort, und man traut sich auch nicht, ihm zu widersprechen." Dufthauch sagte: „Heute nacht werde ich draußen auf dem Bett schlafen und nachsehen, ob er im Schlaf redet oder nicht. Bringt einfach das Bettzeug des Zweiten Herrn ins Innenzimmer, dann ist es erledigt."
== 候芳魂五儿承错爱 / 还孽债迎女返真元 ==
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Schatzspange hörte das und sagte nichts. Schatzjade schämte sich — wie hätte er da noch widersprechen können? Also fügte er sich und zog wieder ins Innenzimmer. Zum einen wollte Schatzjade sein Vergehen gutmachen und Schatzspanges Herz beruhigen; zum anderen fürchtete Schatzspange, Schatzjade könnte vor Grübelei krank werden, und zeigte ihm lieber etwas Zärtlichkeit und Nähe — eine List, um die Blume zu verpflanzen und den Stamm zu wechseln <ref>„yihua jie mu" — die Zuneigung von Kajaljade auf sich selbst zu lenken</ref>. So schlief Dufthauch tatsächlich an diesem Abend draußen. Schatzjade hatte natürlich die Absicht, sein Vergehen abzubüßen, und Schatzspange war natürlich nicht abgeneigt, den Gast zu empfangen. Von der Hochzeitsnacht bis zum heutigen Tage war es erst jetzt so weit, daß Regen und Wolken sich süß vereinten und Dunst und Nebel sich harmonisch vermischten <ref>poetische Umschreibung der ehelichen Vereinigung</ref>. Fortan „verbanden sich Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen fügten sich wunderbar zusammen und verdichteten sich" <ref>Zitat aus Zhou Dunyis „Erklärung zum Taiji-Diagramm" — ein Hinweis darauf, daß Schatzspange schwanger wurde</ref>. Doch dies ist eine spätere Geschichte.
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Am nächsten Morgen standen Schatzjade und Schatzspange gemeinsam auf. Schatzjade machte sich zurecht und ging als erstes zur Herzoginmutter hinüber. Die Herzoginmutter, die Schatzjade liebte und auch an Schatzspanges Pietät dachte, fiel plötzlich ein bestimmter Gegenstand ein. Sie ließ Mandarinenente eine Truhe öffnen und ein von den Vorfahren vererbtes Jadestück aus der Han-Dynastie herausnehmen — ein Jade-Jue <ref>ein ringförmiges Jadeschmuckstück mit einer Öffnung, Symbol für Entschluß und Trennung</ref>. Zwar kam es nicht an Schatzjades eigenen Jadestein heran, doch am Körper getragen war es durchaus kostbar. Mandarinenente fand es und reichte es der Herzoginmutter, wobei sie sagte: „Dieses Stück habe ich anscheinend noch nie gesehen. Die Herzoginmutter erinnert sich nach all den Jahren noch so genau — sie sagte, in welcher Truhe, in welchem Kästchen es lag, und ich brauchte nur hinzugreifen. Wozu läßt die Herzoginmutter es jetzt heraussuchen?" Die Herzoginmutter sagte: „Das weißt du nicht. Dieses Jadestück hat mein Urgroßvater meinem Großvater gegeben. Mein Großvater liebte mich, und als ich heiratete, ließ er mich zu sich kommen und gab es mir eigenhändig. Er sagte noch: ‚Dieses Jade stammt aus der Han-Dynastie und ist sehr kostbar. Wenn du es trägst, ist es, als sähest du mich.' Damals war ich noch klein; ich nahm es und machte mir nichts daraus — warf es einfach in die Truhe. Als ich hierherkam, sah ich, daß unsere Familie ohnehin viele Schätze besaß; was war das schon? Ich habe es nie getragen und über sechzig Jahre lang vergessen. Heute, da Schatzjade so voller Pietät ist und seinen Jadestein verloren hat, dachte ich daran, es herauszuholen und ihm zu geben — ganz im Sinne meines Großvaters, der es mir einst schenkte."
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Als Schatzjade seine Aufwartung gemacht hatte, sagte die Herzoginmutter freudig: „Komm her, ich zeige dir etwas." Schatzjade trat ans Bett, und die Herzoginmutter reichte ihm das Han-Jade. Schatzjade betrachtete es: Es war etwa drei Zoll im Umfang, melonenförmig, rötlich schimmernd und äußerst fein gearbeitet. Schatzjade pries es in den höchsten Tönen. Die Herzoginmutter fragte: „Gefällt es dir? Mein Urgroßvater hat es mir gegeben — ich vererbe es dir." Schatzjade lachte, machte eine tiefe Verbeugung zum Dank und wollte es seiner Mutter zeigen. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn deine Mutter es sieht und es deinem Vater erzählt, wird er wieder sagen, ich liebte die Enkel mehr als die Söhne. Die haben es noch nie gesehen." Schatzjade ging lachend davon. Schatzspange und die anderen wechselten noch ein paar Worte und verabschiedeten sich ebenfalls.
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Von da an nahm die Herzoginmutter zwei Tage lang keine Nahrung zu sich. Die Brust war immer noch aufgebläht, und sie fühlte Schwindel und Husten. Frau Strafe<ref>Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.</ref>, Frau König, Phönixglanz und andere kamen, um nach ihr zu sehen. Da die Herzoginmutter noch bei gutem Geist war, ließen sie nur Aufrecht Kaufmann informieren, der sogleich kam und nach ihr sah. Aufrecht Kaufmann ging hinaus und rief sofort einen Arzt. Nach kurzer Zeit kam der Arzt, untersuchte den Puls und sagte, es handle sich bei einer betagten Person um eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung; ein wenig verdauungsanregende und schweißtreibende Medizin, und alles werde gut. Er schrieb ein Rezept. Aufrecht Kaufmann sah es sich an, erkannte gewöhnliche Kräuter und ließ die Medizin kochen und verabreichen. Danach kam Aufrecht Kaufmann morgens und abends, um nach der Herzoginmutter zu sehen.
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Drei Tage vergingen ohne Besserung. Aufrecht Kaufmann befahl Kette Kaufmann: „Erkundige dich nach einem guten Arzt und hole ihn schnell, um die Herzoginmutter zu untersuchen. Die Ärzte, die wir gewöhnlich rufen, scheinen mir nicht besonders gut zu sein — deshalb schicke ich dich." Kette Kaufmann überlegte und sagte: „Ich erinnere mich, daß in jenem Jahr, als Bruder Schatzjade krank war, ein Arzt gerufen wurde, der gar nicht praktizierte, und der hat ihn geheilt. Warum suchen wir nicht ihn?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Die Heilkunst ist in der Tat äußerst schwierig; gerade die Ärzte, die nicht in Mode sind, haben oft die größte Begabung. Schick sofort Leute, ihn zu suchen." Kette Kaufmann ging eilig und kam zurück mit der Nachricht: „Dieser Doktor Liu ist kürzlich aufs Land gezogen, um als Lehrer zu arbeiten, und kommt nur alle zehn Tage in die Stadt. Jetzt können wir nicht so lange warten. Ich habe einen anderen bestellt, der kommt gleich." Aufrecht Kaufmann hörte es und mußte sich damit abfinden.
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Als die Herzoginmutter krank lag, kamen alle Frauen des Hauses täglich, um nach ihr zu sehen. Eines Tages, als alle versammelt waren, kam die alte Frau, die die Gartenpforte bewachte, herein und meldete: „Die ehrwürdige Meisterin Miao<ref>Meisterin Miao: Chin. 妙玉 (Miàoyù), wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Grünlack-Kloster.</ref> aus dem Grünlack-Kloster im Garten hat von der Krankheit der Herzoginmutter erfahren und kommt eigens, um nach ihr zu sehen." Die Leute sagten: „Sie kommt sonst nicht oft herüber; wenn sie heute eigens kommt, bittet sie schnell herein." Phönixglanz ging zum Bett und meldete es der Herzoginmutter. Höhlennebel Strafe<ref>Höhlennebel Strafe: Chin. 邢岫烟 (Xíng Xiùyān), wörtl. „Nebelwolke am Felsgipfel". Nichte von Frau Strafe.</ref>, die Meisterin Miao von früher kannte, ging als erste hinaus, um sie zu empfangen. Sie sah Meisterin Miao mit der Miaochangguan-Haube auf dem Kopf <ref>benannt nach der Figur Chen Miaochang aus dem Theaterstück „Der Jadehaarschmuck"</ref>, in einem mondweißen Seidenhemd, darüber eine lange Weste aus wasserblauem Atlas mit eingefaßtem Rand, mit einer herbstgelben Seidenkordel gegürtet, darunter einen weißen Seidenrock mit blasser Tuschmalerei. In der Hand hielt sie einen Fliegenwedel und einen Rosenkranz, und eine Dienerin folgte ihr — so kam sie herangeschwebt. Höhlennebel Strafe begrüßte sie und sagte: „Als ich noch im Garten wohnte, konnte ich dich oft besuchen. Seit weniger Leute im Garten wohnen, kommt man als einzelne Frau nicht leicht heraus, und außerdem ist unsere Gartenpforte meist geschlossen — deshalb habe ich dich in letzter Zeit nicht gesehen. Welch glückliches Treffen heute!" Meisterin Miao sagte: „Früher wart ihr alle in eurer lebhaften Gesellschaft, und obwohl du auch im äußeren Garten wohntest, schickte es sich für mich nicht, ständig zu kommen. Nun weiß ich, daß es hier nicht mehr so gut steht; ich habe gehört, daß die Herzoginmutter krank liegt; ich denke an dich und will auch Fräulein Schatzspange sehen. Ob ihr die Türen sperrt oder nicht — wenn ich kommen will, komme ich; und wenn ich nicht kommen will, könnt ihr mich auch nicht herbeirufen!" Höhlennebel Strafe lachte: „Du hast noch immer dein altes Temperament."
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Während sie sprachen, gelangten sie ins Zimmer der Herzoginmutter. Alle begrüßten sich. Meisterin Miao trat ans Bett der Herzoginmutter und erkundigte sich nach ihrem Befinden, wobei sie einige Höflichkeitsfloskeln sagte. Die Herzoginmutter sprach: „Du bist eine weibliche Bodhisattva — sag mir, ob meine Krankheit zu heilen ist oder nicht." Meisterin Miao sagte: „Ein so gütiger Mensch wie die Herzoginmutter hat gewiß noch viele Lebensjahre. Eine vorübergehende Erkältung — ein paar Rezepte, und es wird schon besser. Bei betagten Personen kommt es nur darauf an, sich nicht zu viele Sorgen zu machen." Die Herzoginmutter sagte: „Mir geht es gar nicht um solche Dinge — ich suche von jeher gern das Vergnügen. Diese Krankheit spüre ich kaum, nur die Brust ist mir beklemmt. Vorhin sagte der Arzt, es komme von Kummer und Ärger. Du weißt doch selbst — wer wagte es, mir Ärger zu bereiten? Ist das nicht ein Beweis, daß der Arzt den Puls nur mittelmäßig liest? Ich habe zu Kette Kaufmann gesagt, der erste Arzt, der Erkältung und Verdauungsstörung diagnostizierte, lag richtig — morgen soll er ihn wieder holen." Dann rief sie Mandarinenente: „Sag der Küche, sie soll ein rein vegetarisches Mahl zubereiten — die ehrwürdige Meisterin Miao soll hier zu Mittag essen." Meisterin Miao sagte: „Ich habe schon zu Mittag gegessen; ich esse nichts mehr." Frau König sagte: „Dann setz dich wenigstens noch ein Weilchen, und wir plaudern." Meisterin Miao sagte: „Ich habe euch schon lange nicht gesehen; heute kam ich, um nach euch zu sehen." Sie unterhielt sich noch eine Weile und wollte dann gehen. Da sah sie Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.</ref> stehen und fragte: „Warum ist die Vierte Schwester so mager geworden? Du solltest nicht so viel malen und dein Herz anstrengen." Bedauerfrühling sagte: „Ich habe schon lange nicht mehr gemalt. Die Räume, in denen ich jetzt wohne, sind nicht so hell wie im Garten — deshalb habe ich keine Lust mehr zu malen." Meisterin Miao fragte: „Wo wohnst du denn jetzt?" Bedauerfrühling sagte: „Gleich östlich von der Pforte, durch die du eben gekommen bist. Wenn du mich besuchen willst, ist es ganz nah." Meisterin Miao sagte: „Wenn mir danach ist, komme ich dich besuchen." Bedauerfrühling und die anderen geleiteten sie hinaus. Als sie zurückkamen, hörten sie die Mägde sagen, der Arzt sei bei der Herzoginmutter, und alle zerstreuten sich vorläufig.
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Die Krankheit der Herzoginmutter verschlimmerte sich jedoch von Tag zu Tag. Die ärztliche Behandlung zeigte keine Wirkung, und es kam noch Durchfall hinzu. Aufrecht Kaufmann war sehr besorgt, wußte, daß die Krankheit schwer zu heilen war, und ließ seinen Urlaub vom Amt melden. Tag und Nacht pflegte er zusammen mit Frau König die Kranke persönlich und reichte ihr die Medizin.
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Eines Tages, als die Herzoginmutter ein wenig gegessen hatte und Aufrecht Kaufmanns Sorge etwas nachließ, sah er eine alte Frau vor der Tür herumspähen. Frau König schickte Farbwölkchen nachsehen, wer es sei. Farbwölkchen erkannte die Begleiterin, die Willkommensfrühling zum Hause Sun begleitet hatte, und sagte: „Was willst du hier?" Die alte Frau sagte: „Ich bin schon eine halbe Ewigkeit hier, konnte aber keine der Fräulein finden. Ich wagte nicht, mich vorzudrängen, und bin doch so in Sorge." Farbwölkchen fragte: „Was hast du für Sorgen? Hat der Schwiegersohn die Herrin wieder mißhandelt?" Die alte Frau sagte: „Der Herrin geht es schlecht! Vorgestern gab es wieder einen schrecklichen Streit, die Herrin weinte die ganze Nacht. Gestern hat Schleim ihr die Atemwege verstopft. Die haben auch keinen Arzt geholt, und heute ist es noch schlimmer." Farbwölkchen sagte: „Die Herzoginmutter ist krank — mach hier keine Aufregung."
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Frau König hatte drinnen alles gehört und fürchtete, die Herzoginmutter könnte es hören und sich aufregen. Eilig ließ sie Farbwölkchen die Frau nach draußen bringen. Doch die Herzoginmutter, deren Geist in der Krankheit besonders wach war, hatte jedes Wort gehört und fragte: „Will Willkommensfrühling sterben?" Frau König sagte: „Nein, nein. Die alten Weiber kennen kein Maß; sie sagen nur, sie sei seit einigen Tagen ein wenig krank und werde wohl nicht so schnell gesund. Sie kommen hierher, um nach dem Arzt zu fragen." Die Herzoginmutter sagte: „Dann schickt unseren Arzt hin. Beeilt euch!" Frau König ließ Farbwölkchen die alte Frau zur Ersten Herrin [Frau Strafe] schicken. Die alte Frau ging.
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Da begann die Herzoginmutter zu weinen und sagte: „Meine drei Enkeltöchter — eine hat das Glück bis zum Ende genossen und ist gestorben <ref>Urfrühling / Frühlingsbeginn, die kaiserliche Gemahlin</ref>; die Dritte ist weit fortgeheiratet und läßt sich nicht mehr sehen; Willkommensfrühling hat es zwar schwer, aber vielleicht übersteht sie es — doch daß ein so junges Mädchen schon sterben soll, damit habe ich nicht gerechnet. Wozu lebe ich Alte noch?" Frau König, Mandarinenente und die anderen trösteten sie eine ganze Weile.
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Zu dieser Zeit waren Schatzspange, Frau Li<ref>Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.</ref> und die anderen nicht im Zimmer; Phönixglanz war seit kurzem selbst krank. Frau König, die fürchtete, die Herzoginmutter könnte vor Trauer noch kränker werden, ließ sie alle herbeiholen. Sie selbst ging in ihr Zimmer zurück und schalt Farbwölkchen: „Diese dumme Alte! Von jetzt an, wenn ich bei der Herzoginmutter bin, braucht ihr mit nichts zu kommen!" Die Mägde gehorchten und sagten nichts mehr.
  
erkannt. Also dann besorg’ uns diesen Mann!“
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Doch kaum war die alte Frau bei Frau Strafe eingetroffen, brachten die Leute von draußen die Nachricht: „Die Zweite Herrin Schwägerin ist gestorben." Als Frau Strafe es hörte, weinte sie eine ganze Weile. Da Willkommensfrühlings Vater nicht daheim war, ließ sie nur Kette Kaufmann hingehen, um nachzusehen. Da die Herzoginmutter schwer krank war, wagte niemand, es ihr zu sagen. Ach, die arme Willkommensfrühling — blumenschön und mondgleich, kaum ein Jahr verheiratet, vom Hause Sun zu Tode gequält! Und da die Herzoginmutter im Sterben lag, konnte niemand fortgehen; man ließ die Familie Sun die Beerdigung notdürftig erledigen.
Djia Liän brach sofort auf, nur um mit der Nachricht zurückzukehren, daß der besagte Arzt Liu zur Zeit die Stadt verlassen habe, um seine Schüler zu unterrichten und erst in zehn Tagen zurückkomme. Doch weil die Angelegenheit dringend war, besorgte Djia Liän einen anderen, der bereits auf dem Weg war. Djia Dschëng konnte nur warten. Soviel dazu.
 
Während dieser Krankheit waren alle Damen in ständiger Aufwartung bei der Herzoginmutter. Bei einer Gelegenheit, als sie alle in den Gemächern versammelt waren, kam eine der alten Frauen, deren Aufgabe es war, das Seitentor des Gartens zu bewachen, mit einer Botschaft.
 
„Schwester Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün, die zur Zeit im Garten ist, hat gehört, daß die Herzoginmutter krank ist und kommt daher zu Besuch.“ –
 
„Sie kommt so selten“, kommentierten alle, „geht und laßt sie sofort vor!“
 
Hsi-fëng ging zum Bett der Herzoginmutter, um es ihr zu erzählen, und Hsiu-yän, Miau-yüs alte Freundin, ging hinaus, um sie zu empfangen. Miau-yü trug die Kopfbedeckung einer ungeschorenen Schwester und einen mondweißen Seidenumhang mit dem Flickwerk einer langen, ärmellosen Jacke darüber, abgesetzt mit Seide in wasserblauer Farbe. Sie hatte ihren Umhang mit einer in herbstlichen Farben gewebten Binde geschlossen, worunter sie einen langen, weißen damast-seidenen Rock, mit hellgrauen Mustern verziert, trug. In einer Hand hielt sie eine Gebetskette. Sie folgte der Dienerin und schritt würdevoll herein. Hsiu-yän begrüßte sie: „Als ich auch noch im Garten wohnte, konnte ich öfter kommen und Sie sehen. Doch in letzter Zeit gibt es wenige Diener im Garten, und es ist schwer für mich, allein hinauszugehen. Darüberhinaus ist das Seitentor oft geschlossen. Deswegen konnte ich Euch so lange nicht besuchen. Wie schön es ist, euch heute wiederzusehen!“ –
 
„Ihr und die anderen wart hier immer in geschäftigem Treiben“, antwortete Miau-yü. „Deshalb konnte ich euch, auch als Ihr noch im Garten gewohnt hattet, nicht oft besuchen. Doch ich habe von dem derzeitigen Ärger gehört und erfuhr, daß die Herzoginmutter krank ist. Ich habe an euch gedacht und wollte Bau-tschai sehen. Was für einen Unterschied macht es für mich, ob die Tore geschlossen sind oder nicht? Ich wollte kommen und kam. Wenn ich mich entschieden hätte, nicht zu kommen, hätte es keinen Unterschied gemacht, ob mich jemand sehen wollte.“ Hsiu-yän lachte. „Du hast dich wirklich kein bißchen verändert!“
 
Dann betraten sie das Zimmer der Herzoginmutter. Alle Damen hießen Miau-yü willkommen und sie ging an das Bett, erkundigte sich nach der Gesundheit der alten Dame und unterhielt sich ein wenig mit ihr.
 
„Du bist ein weiblicher Boddhisattva“, sagte die alte Dame, „sag’ mir, wird es mir besser gehen oder nicht?“
 
„Eine wohltätige und tugendhafte Person wie sie, Herzoginmutter, wird gewiß ein sehr hohes Alter erreichen“, antwortete Miau-yü. „Sie haben eine leichte Erkältung, und ich bin sicher, ein wenig Medizin wird alles wieder in Ordnung bringen. In ihrem Alter ist es wichtig, sich auszuruhen.“ –
 
„Meine Krankheit liegt nicht an den unglücklichen Umständen“, sagte die Herzoginmutter. „Ich war immer frohen Mutes. Ich weiß nicht, warum ich derzeit Druck in der Brust und einen aufgeblähten Magen habe. Der letzte Arzt, den ich sah, sagte, daß ich mich in letzter Zeit etwas überanstrengt habe. Doch du weißt ganz genau, daß niemand wagt, mich aufzuregen! Ich glaube, der Arzt wußte nicht recht, wovon er sprach. Ich sagte Liän, der erste Arzt habe Recht gehabt. – Ich habe nur Magenbeschwerden und eine Erkältung. Liän sollte ihn morgen wieder herbestellen.“
 
Sie rief Yüan-yang zu sich: „Sag’ in der Küche Bescheid, es soll etwas Vegetarisches zubereitet werden, sodaß Schwester Miau-yü etwas essen kann, während sie hier ist.“ –
 
„Ich habe bereits gegessen“, sagte Miau-yü, „ich möchte nichts.“ –
 
„Auch wenn du nichts essen möchtest“, sagte die Dame Wang, „bleibe und plaudere doch noch mit uns.“ –
 
„Nun gut, es ist lange her, daß ich das letzte Mal hier war. Ich wollte sowieso wissen, wie es euch allen geht.“
 
Sie sprach noch etwas länger mit ihnen und sagte dann, daß sie gehen müsse. Wie sie sich umblickte, sah sie Hsi-tschun.
 
„Warum siehst du so dünn aus, Hsi-tschun?“, fragte sie. „Du darfst dich beim Malen nicht zu sehr erschöpfen.“
 
„Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr gemalt“, sagte Hsi-tschun. „Das Zimmer, das ich bewohne, hat zu wenig Licht. Außerdem ist mir zur Zeit nicht nach Malen.“ – „Wo lebst du denn jetzt?“, fragte Miau-yü.
 
„In einem Zimmer östlich des Tores, durch das Ihr eben gekommen seid“, antwortete Hsi-tschun. „Es ist nicht weit, schau’ ruhig mal vorbei.“ –
 
„Das werde ich eines Tages“, antwortete Miau-yü, „wenn ich mich in der richtigen Verfassung dazu befinde.“
 
Hsi-tschun und die anderen führten sie hinaus und unterhielten sich beim Gehen. Als sie zurückkamen, informierten sie die Mägde, daß der Arzt bei der Herzoginmutter sei, und sie gingen alle ihrer Wege.
 
Im Gegensatz zu jedermanns heiterer Voraussage verschlechterte sich der Zustand der Herzoginmutter weiter. Keine Behandlung, die ihr verordnet wurde, führte zur Besserung, und sie litt unter schwerem Durchfall. Djia Dschëng bemerkte, daß ihr Zustand kritisch wurde und war sehr betroffen. Er schickte einen Botschafter zum Amt, um Bescheid zu geben, daß er zu Hause bleibe. Er selbst und die Dame Wang bereiteten Tag und Nacht die Medizin für die alte Dame zu. Als sie an einem Tag etwas aß und trank, waren sie ein wenig zuversichtlicher. Ein altes Dienstmädchen schob ihren Kopf durch die Tür. Die Dame Wang schickte Tsai-yün hin, um zu sehen, wer es war. Es war eine der Frauen, die Ying-tschun mit zu ihrer Hochzeit genommen hatte.
 
„Warum bist du gekommen?“, fragte sie.
 
„Ich habe eine Ewigkeit gewartet!“, antwortete die alte Frau. „Ich konnte nirgends eine Magd finden und wollte nicht hereinplatzen. Ich war sehr aufgeregt!“ –
 
„Wozu der Aufwand?“, fragte Tsai-yün. „Sag’ nicht, Herr Sun hat Fräulein Ying wieder etwas Schlimmes angetan!“
 
„Es gibt keine Hoffnung mehr für sie!“, sagte die alte Frau. „Er hatte vorgestern einen seiner Ausbrüche, sie weinte die ganze Nacht, gestern würgte sie und konnte kaum atmen. Sie wollten keinen Arzt rufen und heute ist es sogar noch schlimmer!“
 
„Die Herzoginmutter ist selbst krank!“, sagte Tsai-yün. „Um Himmels willen, macht nicht so einen Lärm!“
 
Die Dame Wang hatte diese Unterhaltung von innen gehört. Aus Angst, die Herzoginmutter könnte auf diese Ereignisse schlecht reagieren, trug sie Tsai-yün auf, das Dienstmädchen mitzunehmen und woanders mit ihr zu sprechen. Doch die Herzoginmutter hatte ihre Sinnesschärfe nicht verloren und verstand einen großen Teil der Unterhaltung.
 
„Stirbt sie?“ weinte sie.
 
„Bestimmt nicht“, sagte die Dame Wang. „Diese Frauen haben ihren Sinn für Angemessenheit verloren. Es ging ihr in den letzten Tagen nur etwas schlecht, sie waren deshalb besorgt und wollten einen Arzt kommen lassen.“ –
 
„Sie sollten besser meinen nehmen“, sagte die Herzoginmutter. „Sagt ihm, er soll nach ihr sehen.“ Die Dame Wang beauftragte Tsai-yün, die alte Frau zurück zur Dame Hsing zu schicken, und die alte Frau verließ sie.
 
Die Herzoginmutter wurde auf einmal sehr betrübt. „Von meinen drei Enkelinnen“, sagte sie, „ist die älteste tot. Tan-tschun, meine dritte, ist verheiratet und lebt am anderen Ende der Welt und ich werde sie niemals wiedersehen. Und jetzt Ying-tschun, – ich wußte, daß ihr Leben schwer ist, doch irgendwie glaubte ich, sie würde noch bessere Tage sehen. Jetzt wird sie sterben und sie ist doch noch so jung! Und ich bin hier noch übrig, eine nutzlose, alte Frau ohne Grund, weiter zu leben.“
 
Die Damen Wang und Yüan-yang versuchten, sie zu trösten. Bau-tschai und Li Wan waren an diesem Tag nicht da, und Hsi-fëng war in den letzten Tagen auch wieder krank. Die DameWang fürchtete, daß die Krankheit der Herzoginmutter durch diesen geistigen Druck noch verschlimmert würde, und schickte sofort nach den anderen Damen, daß diese zur Herzoginmutter kommen möchten. Sie selbst kehrte in ihre eigenen Gemächer zurück und rief Tsai-yün zu sich.
 
„Dieses dumme, alte Dienstmädchen!“, sagte sie ärgerlich, „wenn ich in Zukunft bei der Herzoginmutter bin, wirst du mich nicht noch einmal stören, egal, worum es geht!“
 
Tsai-yün versprach, diese Anweisungen zu befolgen und sagte nichts mehr. Die alte Frau war inzwischen bei der Dame Hsing angekommen, als die Neuigkeit antraf, daß Ying-tschun gestorben war. Die Dame Hsing brach in Tränen aus. Während Djia Schës Abwesenheit mußte sie Djia Liän zu den Suns schicken, daß er die Familie repräsentieren möge.
 
Die Herzoginmutter war so krank, daß niemand es wagte, ihr die Neuigkeiten zu überbringen.
 
  
Ohje, was für ein grausames Ende für so ein zartes Geschöpf, ihre blumenhafte Schönheit war innerhalb eines Ehejahres dahingewelkt!
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Die Krankheit der Herzoginmutter nahm von Tag zu Tag zu. Sie dachte ständig an ihre Enkeltöchter. Einmal dachte sie an Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.</ref> und schickte Leute, nach ihr zu sehen. Der Bote kam zurück und suchte leise Mandarinenente; da diese aber am Bett der Herzoginmutter saß und auch Frau König dabei war, traute er sich nicht hinauf. Er ging nach hinten und fand Hupo<ref>Hupo: Chin. 琥珀 (Hǔpò), wörtl. „Bernstein". Dienerin der Herzoginmutter.</ref> und erzählte ihr: „Die Herzoginmutter vermißt die Xiang-Schwester und hat mich losgeschickt, Erkundigungen einzuziehen. Wer hätte gedacht, daß die Xiang-Schwester bitter weint! Sie sagt, ihr Mann sei plötzlich schwer erkrankt, alle Ärzte hätten ihn gesehen, und man fürchtet, er werde nicht gesund. Wenn es sich in eine Schwindsucht verwandelt, könne er vielleicht noch vier, fünf Jahre hinschleppen. Die Xiang-Schwester macht sich große Sorgen. Sie weiß auch von der Krankheit der Herzoginmutter und kann nur nicht zur Aufwartung kommen. Sie bittet, es vor der Herzoginmutter nicht zu erwähnen, und falls die Herzoginmutter fragen sollte, sollen wir uns eine Ausrede einfallen lassen." Als Hupo das hörte, seufzte sie nur und sagte lange nichts. Dann sagte sie: „Geh nur." Hupo wagte es auch nicht, es zu berichten; sie wollte Mandarinenente informieren und sie lügen lassen. Als sie an das Bett der Herzoginmutter trat, sah sie, daß sich die Gesichtsfarbe der Herzoginmutter stark verändert hatte. Im Zimmer standen die Leute dicht an dicht und flüsterten: „Es sieht nicht gut aus." Da wagte sie nicht mehr zu sprechen.
  
Niemand von den Djias konnte das Haus mit der Herzoginmutter in einem solchen Zustand verlassen, und die Suns gaben Ying-tschun eine erwartungsgemäß notdürftige Beerdigung.
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Aufrecht Kaufmann winkte Kette Kaufmann leise zu sich und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Kette Kaufmann antwortete leise, ging hinaus, versammelte alle im Hause anwesenden Leute und sagte: „Was die Angelegenheit der Herzoginmutter betrifft — sowie es so weit ist, geht schnell und verteilt die Aufgaben. Erstens: Laßt den Sarg herausschaffen und prüft, ob die Auskleidung in Ordnung ist. Zweitens: Geht schnell zu allen und nehmt die Maße für die Kleidung auf, schreibt alles genau auf und laßt die Schneider sofort die Trauerkleider nähen. Drittens: Die Trauerzelte, die Sargträger und das Geleit müssen bestellt werden. Viertens: Die Küche braucht mehr Personal." Laide und die anderen fragten: „Zweiter Herr, um all das braucht Ihr Euch nicht zu sorgen — wir haben alles schon vorbereitet. Nur eins: Woher kommt das Geld dafür?" Kette Kaufmann sagte: „Dieses Geld braucht nicht von außen zu kommen — die Herzoginmutter hat es selbst zurückgelegt. Der Herr hat es gerade so bestimmt: Es soll gut gemacht werden. Ich denke, auch nach außen soll es ansehnlich sein." Laide und die anderen antworteten und gingen, die Aufgaben zu verteilen.
Der Herzoginmutter ging es weiterhin immer schlechter, doch ihre einzigen Gedanken waren stets bei ihren Enkelinnen und Großnichten. Einmal stand Hsiang-yün im Zentrum ihrer Gedanken, und sie schickte eine Magd, um zu sehen, wo sie war. Die Magd kehrte zurück und schlich hinein, um heimlich Yüan-yang zu finden. Yüan-yang stand am Bett sowie die Dame Wang und die anderen Damen. Die Magd, welche nicht stören wollte, ging zurück, um Hu-po zu suchen. „Die Herzoginmutter schickt mich, um Neuigkeiten von Fräulein Hsiang-yün einzuholen“, sagte sie zu Hu-po, „und ich sah, daß sie bitterlich weinte! Ihr Ehemann ist plötzlich krank geworden, und die Ärzte sagen, es gäbe keine Hoffnung mehr für ihn. Im besten Fall kommt es zu einer Auszehrung, und er erlebt noch weitere vier oder fünf Jahre! Du kannst dir vorstellen, wie sehr Fräulein Hsiang-yün das zu schaffen macht! Sie ist von der Krankheit der Herzoginmutter tief bedrückt, doch jetzt kann sie ihr zu Hause einfach nicht verlassen. Sie sagte mir, ich solle die Krankheit ihres Mannes nicht gegenüber der Herzoginmutter erwähnen. Wenn sie nach Fräulein Hsiang-yün fragt, mußt du dir eine Ausrede für ihre Abwesenheit einfallen lassen.“
 
Hu-po seufzte tief und schickte die Magd nach langem Schweigen fort. Sie dachte auch, es sei unklug, die Herzoginmutter davon zu unterrichten und ging mit der Absicht an ihr Bett, mit Hilfe von Yüan-yang eine erfundene Geschichte zu erzählen. Sie fand die Herzoginmutter leichenblaß und jeder im Raum flüsterte: „Man kann sehen, daß sie von uns geht!“
 
Hu-po wagte kein Wort zu sagen. Djia Dschëng wandte sich an Djia Liän, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, und Djia Liän schlich hinaus, um seine Anweisungen zu geben. Er versammelte draußen den restlichen Hausstand.
 
„Die Herzoginmutter weilt nicht mehr lange unter uns. Ihr müßt sicher gehen, daß alles in Ordnung ist. Zunächst untersucht ihr den Sarg und meßt ihn genau ab. Geht durch alle Gemächer, nehmt eines jeden Maße auf und gebt dem Schneider eine vollständige Liste mit Anweisungen, für jeden Trauergewänder zu schneidern. Sorgt dafür, daß im Garten für die Beerdigung ein Tuch aufgespannt wird und Sargträger bestellt werden. Und haltet die Küche voll besetzt.“ –
 
„Herr Liän“, antwortete Lai Da für die anderen, „machen Sie sich darüber keine Sorgen. Wir haben bereits an alles gedacht. Doch woher nehmen wir das Geld?“ –
 
„Wir müssen uns nichts leihen“, sagte Djia Liän, „die Herzoginmutter hat selbst vorgesorgt. Der Herr trug mir eben auf, daß er keine Kosten scheuen möchte. Es soll würdevoll vonstatten gehen; wir möchten alles gut präsentieren.“ –
 
„Ja, Herr.“ –
 
Lai Da und die anderen gingen sofort ihren Aufträgen nach, und Djia Liän kehrte in seine eigenen Gemächer zurück.
 
„Wie geht es Frau Liän?“, fragte er Ping-örl.
 
Ping-örl blickte in Richtung des inneren Raumes: „Geht und seht selbst!“
 
Djia Liän ging hinein. Hsi-fëng war bemüht, sich selbst anzukleiden, doch war sie zu schwach. Sie war auf dem Ofenbett zusammengebrochen und lehnte über dem Ofenbett-Tisch.
 
„Es ist jetzt keine Zeit zum Ausruhen!“, rief Djia Liän. „Mit der Herzoginmutter neigt es sich heute oder morgen zum Ende, und du mußt da sein. Beeil’  dich  und  sag’,  daß  hier  alles aufgeräumt werden soll. Und nimm dich zusammen, wenn das Schlimmste passiert, werden wir uns nicht zurückziehen können.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Kette Kaufmann kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und fragte Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.</ref>: „Wie geht es deiner Herrin heute?" Friedchen deutete mit einer Lippenbewegung nach innen und sagte: „Sieh selbst." Kette Kaufmann trat ein und sah Phönixglanz, die sich gerade anziehen wollte, aber nicht mehr konnte und sich vorläufig auf den Kangtisch lehnte. Kette Kaufmann sagte: „Du wirst wohl nicht durchhalten können. Die Sache mit der Herzoginmutter — heute oder morgen wird es so weit sein. Kannst du dich noch aufraffen? Laß schnell das Zimmer aufräumen und dann geh hinauf. Wenn es soweit ist, können wir dann noch hierher zurückkommen?" Phönixglanz sagte: „Was gibt es hier noch aufzuräumen? Es sind nur noch diese paar Dinge, was soll man da fürchten? Geh du zuerst und sieh nach, ob der Herr dich braucht. Ich ziehe mich um und komme gleich." Kette Kaufmann ging zurück zum Zimmer der Herzoginmutter und berichtete Aufrecht Kaufmann leise: „Alles ist verteilt und geregelt." Aufrecht Kaufmann nickte.
„Es ist nichts mehr zum Aufräumen übrig!“, sagte Hsi-fëng bitter. „Nur noch etwas Krempel, nichts, worum man sich sorgen müßte. Geh nur vor, Djia Dschëng könnte nach dir verlangen. Komm wieder, wenn ich vernünftig angezogen bin.“
 
Djia Liän kehrte in die Gemächer der Herzoginmutter zurück, und berichtete  Djia Dschëng leise, daß alle Vorbereitungen getroffen und alle Aufträge erteilt worden seien. Djia Dschëng nickte. Der Kaiserliche Leibarzt wurde angekündigt, und Djia Liän ging hinaus, um ihn zu empfangen. Der Puls der Herzoginmutter wurde gemessen, und dann fuhr der Arzt fort, Djia Liän in gedämpftem Ton zu berichten: „Der Puls der Herzoginmutter ist sehr schwach. Ihr müßt auf das Schlimmste gefaßt sein.“
 
Djia Liän verstand und überbrachte der Dame Wang und den anderen die Nachricht. Die Dame Wang gab Yüan-yang ein bedeutungsvolles Zeichen und trug ihr auf, die Begräbniskleidung der Herzoginmutter vorzubereiten. Yüan-yang ging sie holen.
 
Die Herzoginmutter öffnete ihre Augen und bat um etwas Tee. Die Dame Hsing brachte ihr eine Tasse Ginseng-Tee, und sie setzte ihre Lippen daran.
 
„Nicht sowas!“ protestierte sie. „Gebt mir vernünftigen Tee!“
 
Sie wagten nicht, ihr die Bitte zu verweigern und brachten ihr sofort normalen Tee. Sie nahm einen Schluck, dann noch einen und dann kündigte sie an, sie wolle sich aufsetzen.
 
„Mutter,“ flehte Djia Dschëng für die anderen, „was immer du möchtest, du mußt es uns nur sagen. Doch bitte streng dich selbst nicht zu sehr mit dem Sitzen an!“ –
 
„Ich habe etwas getrunken und fühle mich nun besser“, antwortete sie. „Ich möchte gerne sitzen und mich etwas unterhalten.“
 
Dschën-dschu und die anderen Mägde stützten sie vorsichtig mit den Händen. Sie schien wiederbelebt.
 
Doch ob sie nun weiterlebt oder nicht, das erfährt man im nächsten Kapitel.
 
  
110. Die Herzoginmutter stirbt und kehrt zurück ins Land der Schatten
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Von draußen wurde gemeldet: „Der Leibarzt ist da." Kette Kaufmann empfing ihn und ließ ihn den Puls fühlen. Der Arzt ging hinaus und sagte leise zu Kette Kaufmann: „Der Puls der Herzoginmutter ist ungünstig. Seid darauf gefaßt." Kette Kaufmann verstand und informierte Frau König und die anderen. Frau König gab Mandarinenente sogleich ein Zeichen, sie solle die Sterbekleider der Herzoginmutter heraussuchen und bereitlegen. Mandarinenente ging, um alles vorzubereiten.
Wang Hsi-fëng reizt ihre Stärke aus und büßt die Achtung der Familie ein.
 
  
Die Herzoginmutter saß aufrecht im Bett und begann zu sprechen: „Ich war über sechzig Jahre Teil der Familie Djia. Ich habe ein langes Leben gelebt und erfreute mich des vollen Glücks. Ich denke, ich kann sagen, daß alle, mein Ehemann, meine Kinder und Enkel gut erzogen waren. Und was Bau-yü angeht: Ich habe ihn so innig geliebt.“ Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.
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Die Herzoginmutter öffnete die Augen und verlangte nach Tee. Frau Strafe reichte ihr eine Tasse Ginsengbrühe. Die Herzoginmutter setzte gerade die Lippen an und sagte: „Das will ich nicht. Bringt mir eine Tasse Tee." Die Leute wagten nicht zu widersprechen und brachten ihn sogleich. Sie trank einen Schluck und wollte noch mehr, trank einen zweiten Schluck und sagte dann: „Ich möchte mich aufsetzen." Aufrecht Kaufmann und die anderen sagten: „Wenn die Herzoginmutter etwas wünscht, soll sie es nur sagen — aber bitte nicht aufstehen." Die Herzoginmutter sagte: „Ich habe einen Schluck Wasser getrunken, und mein Herz fühlt sich etwas besser. Ich möchte mich nur anlehnen und ein wenig mit euch reden." Perle und die anderen richteten sie vorsichtig auf, und man sah, daß die Herzoginmutter in diesem Augenblick etwas mehr Lebenskraft hatte.
Die Dame Wang schubste Bau-yü an das Bett. Die Herzoginmutter schob eine Hand unter der Bettdecke hervor und faßte ihn bei seiner Hand: „Mein Junge, du mußt mir versprechen, dein Bestes zu tun!“ -
 
„Ja, Großmutter“, sagte Bau-yü, sein Herz war gerührt. Er kämpfte, um sein Weinen zurückzuhalten,und hörte ihr zu, wie sie fort fuhr:
 
„Ich will einen meiner Urenkel sehen, und dann glaube ich, kann mein Herz zur Ruhe kommen. Wo ist mein kleiner Lan?“
 
Li Wan schubste Lan vor. Die Herzoginmutter ließ Bau-yü gehen und nahm Lan an die Hand. „Du mußt ein guter Junge sein und immer deine Pflichten für deine Mutter tun. Und wenn du groß bist, mußt du Ehre und Ruhm für sie gewinnen! Nun, wo ist Hsi-fëng?“
 
Hsi-fëng stand an der Seite des Bettes und eilte herum, um die Herzoginmutter zu sehen. „Hier bin ich.“ –
 
„Mein Kind“, sagte Die Herzoginmutter, „dein Problem ist, daß du zu gescheit bist! Versuch’ in Zukunft noch rücksichtsvoller zu sein und halte Frieden mit dem Schicksal. Ich weiß, daß gerade ich nicht von so etwas reden sollte; das meiste, was ich in meinem Leben tat, ist zu versuchen, ehrlich zu sein und mein Unglück mit Geduld zu ertragen. Ich war nie jemand, der fastet oder betet. Die einzige gute Arbeit, die ich jemals tat, war das Abschreiben des Diamanten-Sutras vor einem Jahr oder so. Ich frage mich, ob sie alle bereits verteilt wurden?“
 
Hsi-fëng informierte sie, daß die Abschriften noch nicht verteilt wurden.
 
„Je eher diese Tat der Ergebenheit vollbracht ist, desto besser“, sagte die alte Dame „Ich weiß, daß mein älterer Sohn Schë und Vetter Dschën im Exil festgehalten werden und nicht hier sein können: aber warum ist Hsiang-yün so herzlos, nicht zu kommen, um mich zu sehen?“
 
Yüan-yang und ihr anderen Mägde kannten den Grund zu gut, aber sagten nichts.
 
Die Herzoginmutter sah sich als nächstes Bau-tschai an. Als sie dies tat, seufzte sie und errötete im ganzen Gesicht. Djia Dschëng wußte, daß dies ein Zeichen des bevorstehenden Todes war. Er kam mit dem Ginsengtee vor, aber die Zähne der Herzoginmutter waren fest geschlossen. Sie schloß ihre Augen, öffnete sie dann noch einmal und starrte durch das ganze Zimmer. Die Dame Wang und Bau-tschai kamen herbei und unterstützten sie sanft, während die Dame Hsing und Hsi-fëng sie ankleideten. Die alte Dienerin bereitete das Bett vor, wo sie ausgelegt wurde, und arrangierten die Bettdecke. Man hörte ein leichtes Rasseln in ihrem Hals, ein Lächeln stahl sich über ihr Gesicht, und sie war gestorben. Sie war zweiundachtzig Jahre alt. Die Dienerinnen eilten vor, um sie in das Bett zu legen.
 
Djia Dschëng und die anderen Männer knieten im äußeren Zimmer, die Dame Hsing und die anderen Frauen knieten am Bett; von beiden erhob sich der erste Chor des Jammerns. Die Diener hatten draußen alle Vorbereitungen getroffen, und sobald die Nachricht aus den inneren Räumen kam, wurden alle Tore aufgeworfen, vom Haupteingang zu den inneren Toren, die zu den Gemächern der Herzoginmutter führten, und weißes Papier wurde an jede Tür geklebt.0 Das Beerdigungstuch wurde über dem Hof gespannt, und ein Gedächtnistorbogen wurde außerhalb des Haupteingangs errichtet. Jedes Mitglied des Haushalts zog sofort die Trauerkleidung an.
 
Djia Dschëng kündigte dem Ritenamt seinen Verlust und den Anfang seiner siebenundzwanzig-monatigen Trauerzeit an. Das Ritenamt schlug ein Grabmal vor, welches den Anweisungen des Herrschers in dieser Sache entsprechen sollte. Seine Majestät war eine Person von tiefstem Mitgefühl und Freundlichkeit. Seit Generationen hatte die Familie Djia dem Herrscherhaus gedient. Zudem war die Herzoginmutter die Großmutter der kaiserlichen Konkubine Yüän-tschun. Er wies an, daß sie eine Spende von eintausend Tael Silber bekämen, und befahl den Beamten des Ritenamtes, ihnen Geschenke zu geben und ihre Verehrung vor ihrem Sarg auszudrücken. Die Angestellten des Djia-Haushalts wurden losgeschickt, um allen Verwandten und Freunden der Familie die Nachricht vom Tod der Herzoginmutter zu überbringen und sie alle kamen zur Trauerfeier. Während sie wußten, daß die Djias vieles auf der Welt verloren hatten, sahen sie auch, daß die Familie immer noch in der Gunst des Kaisers stand. Ein günstiger Tag wurde für das Begräbnis und die folgende Zeremonie ausgewählt.
 
Seit Djia Schë von zu Hause weg war, war Djia Dschëng der ausführende Kopf der Familie. Zwei der Enkelsöhne der Herzoginmutter, Bau-yü und Djia Huan, und ihr Urenkel Djia Lan, waren alle zu jung, um am Empfang teilzunehmen, sie trauerten am Sarg. Ihr anderer Enkelsohn, Djia Liän war mit der Hilfe von Djia Jung und verschiedenen anderen weiblichen und männlichen Verwandten damit beschäftigt, die Diener zu organisieren. Die Damen Hsing und Wang, Li Wan, Hsi-fëng und Bau-tschai sollten die Haupttrauernden sein, und weinten am Sarg. Niemand konnte Hsi-fëng bei den Haushaltsangelegenheiten unterstützen. Frau You-schï, die seit Vetter Dschëns Abreise und ihrer Einsetzung im Jung-guo-Anwesen eine Vertrauensperson geworden war, hatte sich sehr im Hintergrund gehalten, und war sowieso nicht vertraut mit den Arbeiten dieser Seite der Familie. Dann war da noch Djia Jungs neue Frau, die noch unsicherer in dieser Angelegenheit war. Und da war auch Hsi-tschun, die noch immer zu jung und obwohl sie mit dem Jung-guo-Zweig aufgewachsen war, gänzlich unwissend geblieben war, was die Familienbräuche angeht. Keine von ihnen war eine wirklich gute Kandidatin für solche Angelegenheiten.
 
Die einzige Person für diese Arbeit war Hsi-fëng. Wenn Djia Liän für ‚draußen‘ zuständig war, würde es sehr sinnvoll für sie sein, das ‚Drinnen‘ zu erledigen und nach den weiblichen Gästen zu sehen. Sie war in der Vergangenheit immer sehr selbstsicher gewesen und hatte angenommen, daß die Beerdigung der Herzoginmutter der Höhepunkt ihrer Karriere sei, eine Gelegenheit für sie zu beweisen, wie unentbehrlich sie war. Die Damen Hsing und Wang erinnerten sich, wie gut sie die Beerdigung von Tjin Kë-tjing bewältigt hatte, und dachten, sie könnten sich auf sie verlassen, daß sie ihren Erfolg wiederholte. Als sie sie daher von ihren Pflichten als Trauernde freisprachen und sie baten, noch einmal volle Verantwortung als Aufsicht zu übernehmen, konnte Hsi-fëng dies kaum ablehnen.
 
,Nach allem‘, dachte sie bei sich selbst, ,hatte ich hier immer das Sagen. Die Diener sind daran gewöhnt, Anweisungen von mir zu erhalten. Es waren die Diener der Dame Hsing und You-schï, mit denen man vorher schwer umgehen konnte, und die sind alle gegangen. Es wird weniger angenehm sein, Rechnungen ohne Geld zu begleichen, aber ich werde Geld aus Großmutters Kapital nehmen, es sollte da also kein Problem geben. Es wird auch helfen, Liän als Unterstützng für den Empfang zu haben. Auch, wenn es mir nicht gut geht, denke ich, daß ich fähig bin, es zu schaffen, ohne mich in Verruf zu bringen. Es sollte einfacher sein als Tjin Kë-tjings Beerdigung.“
 
Sie wartete bis zum Morgen nach dem dritten Tag, an welchem die Zeremonien abgehalten wurden, um den Geist der Verstorbenen zurück im Jenseits willkommen zu heißen. Dann sagte sie Dschou Juees Frau, eine Vollversammlung des Personals zusammenzurufen und die Register mitzubringen. Als sie sie überprüfte, fand sie heraus, daß alle zusammen nur einundzwanzig Männer waren, neunzehn Mägde, und etwa ein Dutzend andere Mädchen. Insgesamt waren es nur über dreißig Personen, das war nicht genug.
 
‚Nun, wir haben weniger Diener für die Beerdigung der Herzoginmutter, als wir für die von Tjin Kë-tjing hatten!‘, dachte sie betroffen bei sich. ‚Sogar wenn ich extra Menschen aus den Landhäusern anforderte, wäre da noch immer ein ernster Mangel.‘
 
Sie drehte das Problem immer wieder in ihrem Kopf, als eine der jüngeren Mägde hereinkam: „Fräulein Yüan-yang möchte gerne, daß sie herüberkommen, um sie zu sehen, Frau Liän.“
 
Etwas widerstrebend ging Hsi-fëng hinüber zu den Gemächern der Herzoginmutter, wo sie Yüan-yang tränenüberströmt vorfand. Als sie Hsi-fëng sah, hielt sie sie fest und rief: „Setzen Sie sich bitte, Fräulein Liän, und lassen sie mich vor Ihnen einen Kotau machen! Ich weiß, man sollte solche Sachen nicht während einer Trauerphase machen, aber ich muß wirklich einen Kotau machen!“
 
Yüan-yang fiel auf ihre Knie, und Hsi-fëng streckte ihre Hände aus, um dies zu verhindern.
 
„Komm schon! Was bedeutet das alles? Wenn du etwas auf dem Herzen hast, dann sag’ es einfach!“
 
Yüan-yang bestand darauf, vor ihr zu knien, und Hsi-fëng fuhr mit ihren Bemühungen fort, sie auf die Füße zu stellen.
 
„Die Beerdigung der Herzoginmutter wurde ganz in ihre und Herrn Lians Hände gelegt“, sagte Yüan-yang. „Die Herzoginmutter hinterließ eine spezielle Geldsumme, um dies zu bezahlen. Während sie lebte, gab die Herzoginmutter nichts für sich selbst aus; nun, da die Zeit für ihre Beerdigung gekommen ist, flehe ich sie an, Fräulein, das Richtige zu tun, und sie auf eine standesgemäße Reise zu schicken! Gerade eben habe ich den Herrn darüber reden hören – ‚Das Buch der Gesänge dies‘, und ‚Konfuzius jenes‘ – ich habe nicht ein Wort von dem verstanden, was er sagte. Ich habe folgenden Satz aufgeschnappt: ‚Bei Beerdigungen ist wahre Trauer wichtiger als die Äußerlichkeiten.‘ - Ich bat Frau Bau-tschai zu erklären, was das hieß, und sie sagte, daß der Herr die Beerdigung einfach gestalten will. Er glaubt, daß Trauer aus tiefstem Herzen die treueste Form der Untergebenheit ist und daß ein verschwenderischer Aufwand nicht nötig sei. Aber wie ich das sehe, für jemanden wie die Herzoginmutter, sollten die Dinge etwas größer sein. Ich weiß, ich bin nur eine Dienerin, und habe kein Recht über diese Dinge zu sprechen, aber ich glaube, die Herzoginmutter hat uns beide geliebt, als sie lebte, Fräulein, beide, Sie und mich, und nun da sie tot ist, sind wir es ihr schuldig, sie stilvoll auf die Reise zu schicken! Ich weiß, wie gut sie bei solchen Sachen sind, Fräulein, und ich wollte sie um ihre Unterstützung bitten, so daß wir zusammen entscheiden können, was das Beste ist. Ich war mein ganzes Leben für die Herzoginmutter da, und auch im Tod bin ich ihr verpflichtet! Wenn ich nicht sehe, daß dies richtig gemacht wird, wie sollte ich ihr dann jemals wieder in das Gesicht sehen können?“
 
Hsi-fëng fand die Art, wie Yüan-yang sprach, eher seltsam.
 
„Mach’ dir keine Sorgen“, antwortete sie. „Natürlich wird alles den richtigen Stil haben. Herr Dschëng mag von dem Geld sprechen, aber wir müssen bestimmte Standards bewahren. Wir werden jede Münze des Geldes für die Dame Djia ausgeben, wenn es sein muß.“
 
„Bevor sie starb“, sagte Yüan-yang, „sagte die Herzoginmutter, daß alles, was nach der Verteilung in der Familie übrig bleibt, uns zu gute kommen soll. Wenn es da nicht genug Geld für die Beerdigung gibt, Fräulein, dann nehmen sie unseren Anteil der Sachen der Herzoginmutter und verpfänden sie. Was immer der Herr sagen mag, kann er kaum gegen die letzten Wünsche der Herzoginmutter angehen. Er war selbst dort, als sie alles einteilte.“ –
 
„Du warst immer so ein helles Köpfchen“, sagte Hsi-fëng, „was ist heute in dich gefahren?“ –
 
„Nichts ist in mich gefahren“, protestierte Yüan-yang, „ich weiß nur, daß die  Dame Hsing sich nicht darum kümmert und daß der Herr zu vorsichtig ist. Es kann sein, daß Sie derselben Meinung sind, wie der Herr, Herrin. Wenn Sie auch befürchten, daß wir ins Gerede kommen, wenn wir mit einem ausgeplünderten Haushalt eine solche anständige Beerdigung aufbringen können. Dann wird niemand sich trauen, der Herzoginmutter angemessen seine Ehre zu erweisen. Das wäre eine sehr schreckliche Sache! Ich bin nur eine Magd, daher ist es natürlich kein persönliches Problem von mir. Aber denken Sie daran, welche Schande das für die Familie wäre?“
 
„Du brauchst mich nicht daran zu erinnern“, antwortete Hsi-fëng. „Mach’ dir keine Gedanken! Ich kümmere mich um alles.“
 
Yüan-yang bat Hsi-fëng dringend darum, ihr Bestes zu tun, und gelobte ihre ewige Dankbarkeit.
 
‚Was für eine merkwürdige Kreatur‘, dachte Hsi-fëng bei sich, als sie die Gemächer der Herzoginmutter verließ. ‚Ich wundere mich, was in ihrem Kopf vorgeht. Natürlich hat sie recht: Großmutters Beerdigung sollte sehr stilvoll sein. Meine Güte! Ich kann Yüan-yangs Beschwerden nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken! Ich halte mich besser an die Familientradition.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Ob sie leben oder sterben wird das wird im nächsten Kapitel erzählt.
Sie rief Wang Örls Frau herbei, schickte sie mit einer Nachricht zu Djia Liän und bat ihn, zu kommen.
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„Was willst du von mir?“, fragte er, als er kurz danach ankam, „halte dich nur an deine Angelegenheiten im ‚Inneren‘. Da sollte es keine Probleme geben. Wenn du Zweifel hast, dann halte dich an Onkel Dschëngs Anweisungen.“
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
„Das ist es“, sagte Hsi-fëng, „was du sagst, trifft die Ängste Yüan-yangs.“
 
„Welche Ängste sind das?“
 
Hsi-fëng wiederholte den Kern der Unterhaltung mit Yüan-yang.
 
„Wer kümmert sich schon darum, was die Mägde sagen?“ schnaubte Djia Liän. „Ich war gerade drinnen und habe Onkel Dschëng gesehen, und er sagte: ‚Wir würden gerne etwas Großes für Mutters Begräbnis tun, aber obwohl die Leute verstehen, daß es ihr Geld ist, welches wir ausgeben, weniger gut informierte Beobachter werden uns verdächtigen, daß wir heimlich etwas von unseren eigenen Geldmittel genommen haben. Sie könnten denken, daß wir immer noch versteckten Reichtum besitzen. Natürlich wird niemand‘, fuhr Onkel Dschëng fort, ‚das übriggebliebene Geld, wenn wir nicht alles von ihrem Geld für das Begräbnis ausgeben, für den eigenen Bedarf wollen. Auf die eine oder andere Art sollte es für Großmutter ausgegeben werden. Nun, sie kam aus dem Süden, wir haben Begräbnisland der Vorfahren dort, es sind aber keine Gebäude darauf. Wenn ihr Sarg in den Süden transportiert würde, können wir mit dem Geld, das übrig ist, einige Gebäude auf dem Begräbnisland der Vorfahren aufbauen und einige Hektar Land kaufen, um unsere Opfer zu bringen. Wenn wir jemals selbst in den Süden zurückkehren, wird es nützlich sein und selbst wenn wir dies nicht tun, können wir immer noch die ärmeren Familienmitglieder dort wohnen lassen. Sie können die Räucherstäbchenopfer an den Feiertagen darbringen und regelmäßig die Gräber ausfegen.‘ Das war Onkel Dschëngs Vorschlag. Denkst du nicht, daß es ein anständiger Vorschlag ist? Du schlägst doch sicherlich nicht vor, daß wir den gesamten Betrag für die Beerdigung ausgeben, oder?“
 
„Wurde schon etwas von dem Geld ausgegeben?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Nicht eine Münze“, antwortete Djia Liän. „Ich hörte, daß Mutter, als sie von diesem Vorschlag erfuhr, diesen lobte und ihr Bestes tat, sie beide, ihn und Tante Wang, bei ihren Plänen zu unterstützen. Also was kann ich tun? Ich habe bereits mehrere hundert Tael für das Tuch und die Rechnung der Sargträger eingerechnet, aber das Geld wurde noch nicht freigegeben. Wenn ich gehe und danach frage, sagen sie mir alle, daß das Geld da ist, aber daß ich erst die Arbeit verrichten muß und daß das später verrechnet wird. Es gibt keinen, von dem wir etwas leihen können: die Diener mit etwas eigenem Geld sind alle verschwunden. Als ich die Versammlung einberief, waren manche ‚krank‘, andere ‚auf dem Land‘, während diejenigen, die noch hier waren, nur aus reiner Not blieben und uns nichts nützen. Wie könnte man von ihnen noch Geld verlangen?“
 
Hsi-fëng war für einen Moment in Gedanken versunken. „Wie willst du es dann machen?“, fragte sie endlich.
 
Als sie sprach, kam eine Magd in das Zimmer: „Da ist eine Nachricht für Sie von der Dame Hsing, Fräulein. Heute ist der dritte Tag des Empfangs der Damen, und die Anordnungen gehen noch immer durcheinander. Die Gäste sollten nicht auf ihr Essen warten müssen, auch der Leichenschmaus wurde gemacht! Sie mußten nach ihren Speisen mehrmals fragen, bevor sie serviert wurden. Und sogar, als die Hauptspeisen ankamen, gab es noch immer keinen Reis. Sicher können wir es besser als so!“
 
Hsi-fëng eilte hinein, um den Dienern Anweisungen zu geben, das Mittagessen zu servieren, und sie bekamen es hin, etwas Passables vorzuweisen. Unglücklicherweise war da eine ungewöhnlich große Menge an Gästen an diesem Tag, und das Personal war sehr mürrisch und teilnahmslos. Hsi-fëng mußte sie selbst beaufsichtigen. Dann eilte sie hinaus und wies Wang Örls Frau an, eine Vollversammlung der Dienerinnen einzuberufen. Sie gab jeder klare Anweisungen, auf welche jede mit einem sicheren, „Ja, Frau Liän“, antwortete und am Nachmittag mit ihrem Nichtstun so weitermachten.
 
„Seht, wie spät es ist! Warum habt ihr die Speisen für das Abendessen noch nicht serviert?“, fragte Hsi-fëng.
 
„Das Essen zu servieren wäre kein Problem, Fräulein“, kam die Antwort, „wenn wir das nötige Geschirr dafür hätten.“
 
„Geschirr!“, rief Hsi-fëng. „Das ist eure Aufgabe! Natürlich bekommt ihr alles, was ihr braucht!“
 
Die Dienerinnen fügten sich widerwillig und improvisierten, während Hsi-fëng sofort in die Hauptwohnung ging, um die Damen Hsing und Wang um die Erlaubnis für die nötigen Geräte zu bitten. Aber um sie herum war immer noch so ein starker Gästeandrang, daß sie sie nicht offen ansprechen konnte. Der Abend kam näher und in ihrer Verzweiflung ging sie zu Yüan-yang und bat sie, das zweite Abendservice der Herzoginmutter nutzen zu dürfen.
 
„Warum kommt ihr und fragt ihn danach?“, rief Yüan-yang, „Herr Liän verpfändete es vor ein paar Jahren! Fragen Sie ihn besser, ob er es jemals wieder ausgelöst hat.“ –
 
„Ich will nicht das Silber“, sagte Hsi-fëng, „das normale Service würde reichen.“ –
 
„Was glaubst, haben die Damen Hsing und You benutzt, seit sie hier eingezogen sind?“, fragte Yüan-yang spitz.
 
Hsi-fëng wußte, daß sie wohl die Wahrheit sagte, und ging sofort zu den Gemächern der Dame Wang, wo sie Yü-tschuan und Tsai-yün dazu überredete, ihr ihr Service zu leihen. Sie machte eine schnelle Inventur mit Tsai-ming und bat darum, daß das Geschirr an die Diener weitergeleitet werde.
 
Yüan-yang sah Hsi-fëng in diesem Zustand der Hektik und dachte, obwohl sie sie nicht zurückrief, um zu klagen, bei sich: ‚Warum vermasselt Frau Liän, die früher so fähig war, die Dinge diesmal so sehr? Die letzten paar Tage waren eine Schande. Das ist eine armselige Form der Dankbarkeit für die Liebe der Herzoginmutter!’
 
Sie war sich nicht bewußt, daß die Dame Hsing das Geld absichtlich von Hsi-fëng fernhielt. Djia Dschëngs Ansichten über die Haushaltswirtschaft paßten genau zu ihren Zukunftsängsten, und sie sah jeden Tael, der bei der Beerdigung gespart wurde, als Beitrag nicht nur für die Familienreserven, sondern auch für ihre eigene finanzielle Sicherheit an. Ihre Stellung hier wurde von der Tatsache gestärkt, daß strenggenommen der älteste Sohn der Herzoginmutter für die Beerdigung verantwortlich war. Djia Schë war nicht zu Hause, aber Djia Dschëng war ein unverbesserlicher Verfechter der Konventionen, und er antwortete, wann immer er um Rat gefragt wurde: „Frag’ die Dame Hsing, was sie denkt.“ Die Dame Hsing betrachtete Hsi-fëng als extravagant und Djia Liän als nicht vertrauenswürdig und hielt daher stark an jeder Münze des Beerdigungsfonds fest. Yüan-yang jedoch setzte voraus, daß das Geld für die Beerdigung bereits freigegeben worden war und so schrieb sie die gegenwärtige Krise dem Mangel an Eifer und Loyalität seitens Hsi-fëng zu, sie jammerte unaufhörlich vor dem Sarg ihrer toten Herrin.
 
Die Damen Hsing und Wang wußten nur zu gut, über was Yüan-yang klagte, aber bevor sie erkannten, daß die Ursache in ihrer eigenen Ablehnung lag, Hsi-fëng anständig für ihre Aufgabe auszustatten, begannen sie, Hsi-fëng laut zu kritisieren: „Yüan-yang hat recht: Hsi-fëng läßt uns sehr hängen!“
 
Am Abend rief die Dame Wang Hsi-fëng zu sich und tadelte sie: „Wir mögen in etwas strapazierten Umständen leben, aber wir müssen unsere Standards trotzdem beibehalten. Während der letzten zwei oder drei Tage habe ich bemerkt, daß die Mägde nicht anständig nach unseren Gästen schauten. Sicher hast du es versäumt, ihnen entsprechende Anweisungen zu geben. Bitte gib dir mehr Mühe und zeige etwas mehr Familiengeist!“
 
Hsi-fëng war sprachlos. Sie hatte die Tatsache aufgebracht, daß sie nicht mit Geld ausgestattet worden war, aber Geld sollte eigentlich Djia Liäns Gebiet sein, während die Dame Wang sich über den ‚inneren‘ Dienst beschwerte. Sie traute sich nicht, etwas zu antworten.
 
„Strenggenommen“, sagte die Dame Hsing, die auf der anderen Seite stand, „sollten deine Tante Wang und ich, als Schwiegertöchter der Herzoginmutter, für den Empfang verantwortlich sein, nicht ein Mitglied der jüngeren Generation; aber wir sind sehr mit der Trauer beschäftigt, und deswegen haben wir dir die Verantwortng übertragen. Denk’ bloß nicht, du könntest nachlässig sein!“
 
Hsi-fëng wurde rot vor Zorn. Sie war gerade dabei, etwas zu ihrer eigenen Verteidigung zu sagen, als sie draußen eine Trommel hörte: Es war Zeit für das abendliche Papiergeldopfer. Ein Gejammer erhob sich von den versammelten Trauernden und ihre Chance zu sprechen war vorbei. Sie dachte, sie würde bis später warten, aber nach der Opfergabe zwang die Dame Wang sie, ihren Pflichten nachzukommen.
 
„Wir können hier auf die Dinge aufpassen. Du gehst und siehst zu, daß alles für morgen in Ordnung ist.“
 
Hsi-fëng traute sich nicht, ein Wort zu sagen, sondern ging hinaus, ihre Trauer und ihre Tränen so gut wie möglich verbergend. Sie rief erneut ein Personaltreffen ein und erinnerte alle nochmals an ihre Pflichten: „Die Damen, ihr Lieben, nehmt Rücksicht auf mich, ich bitte euch! Ich bin für alles von den Damen getadelt worden, und das nur, weil ihre eure Arbeit nicht anständig macht. Ihr macht uns alle lächerlich. Ich flehe euch an, euch morgen besonders anzustrengen.“ –
 
„Aber Fräulein“, kam die Antwort, „dies ist nicht das erte Mal, daß Sie die Veranwortung tragen. Sie kennen uns, wir würden uns niemals trauen, ihre Anweisungen zu mißachten. Aber diesmal verlangen die Damen zuviel. Schauen wir auf das letzte Essen: Manche wollten hier essen, manche in ihren eigenen Räumen. Wir baten die Dame So-und-so zu kommen und ihr Essen einzunehmen, und dann erscheint Frau Jemand-Anderes nicht. Wie können wir damit umgehen? Wir flehen sie an, Fräulein, reden sie mit den Mägden der Herzoginmutter und bitten sie sie, nicht so kleinlich zu sein!“
 
„Die Mägde der Herzoginmutter sind wirklich schwer zufriedenzustellen“, antwortete Hsi-fëng, „und für mich ist es schwer, den Mägden der Herzoginmutter Anweisungen zu geben. Wo ist jemand, mit dem ich sprechen kann?“
 
„Aber Fräulein Liän! Als Sie die Beerdigung für das Ning-guo-An­wesen durchgeführt haben, ließen Sie Leute schlagen, Sie schimpften sie aus, Sie haben eine sehr harte Linie eingeschlagen – und jeder hörte auf Sie. Werden Sie Ihre Autorität von diesen Mägden in Frage stellen lassen?“
 
„Bei jener Gelegenheit“, seufzte Hsi-fëng, „hatten die Damen keinen Grund, einen Fehler bei mir zu finden. Aber diesmal sind wir nicht im Ning-guo-Anwesen. Ich bin im eigenen Gebiet, damit überprüfbar und auf dem Präsentierteller. Also findet jeder einen Fehler bei mir. Außerdem, bekomme ich kein Geld, wenn ich darum bitte, es auszuzahlen. Wenn etwas bei dem Empfang gebraucht wird, schicke ich danach und nichts passiert, was kann ich tun?“
 
„Aber Herr Liän hat auf diesem Gebiet die Verantwortung. Sicher wird er Ihnen Geld geben, was immer Sie an Geld gebrauchen?“
 
„Das denkt ihr!“, antwortete Hsi-fëng. „Seine Hände sind genauso gebunden wie meine. Er hat keine Kontrolle über das Geld. Er muß selbst nach jeder Münze fragen. Er hat kaum Geld.“ –
 
„Aber hat er nicht das Geld der Herzoginmutter zur Verfügung?“ –
 
„Fragt die Verwalter“, sagte Hsi-fëng. „Die werden es euch sagen.“ –
 
„Kein Wunder, daß sich die männlichen Diener draußen beklagen! Sie sagen, was für eine große Arbeit das hier ist, welche harte Arbeit, und daß es keine Chance gibt, etwas nebenher zu verdienen. Wie können die Dinge nur glatt laufen, wenn es kein Geld gibt?“ –
 
„Genug“, sagte Hsi-fëng. „Alle von euch konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Tut sie, so gut ihr könnt! Wenn ich mehr Klagen der Damen höre, werde ich Euch dafür verantwortlich machen.“ –
 
„Wir tun, was immer Sie uns sagen, Fräulein, wir werden kein Wort sagen. Aber mit all ihren verschiedenen Ideen, wird es schwer sein, jede einzelne der Damen zufrieden zu stellen.“
 
Hsi-fëng flehte sie an: „Meine Lieben! Helft mir morgen, bitte! Gebt mir eine Chance, die Sache anständig mit den Mägden zu bereden! Und wir werden wieder darüber sprechen.“
 
Die Diener gingen an ihre Arbeit.
 
Hsi-fëng fühlte sich sehr falsch behandelt, und je mehr sie über die Situation, in der sie war, nachdachte, desto angespannter wurde sie.
 
Beim ersten Licht nach einer schlaflosen Nacht, mußte sie sich noch einmal wegen ihrer Pflichten bei den Damen Hsing und Wang melden. Sie hätte gerne die Mägde diszipliniert, hatte aber Angst, den Groll der Dame Hsing auf sich zu ziehen. Sie hätte sich gerne der Dame Wang anvertraut, aber die Dame Hsing hatte bereits die Dame Wang gegen sie aufgehetzt. Die Mägde machten ihr das Leben noch schwerer als zuvor, als sie sahen, daß die Damen Hsi-fëng nicht unterstützten. Die einzige Ausnahme war Ping-örl, die Hsi-fëng loyal beistand. „Fräulein Liän möchte die Dinge gerne anständig machen“, erklärte sie den anderen, um sie für sich zu gewinnen. „Aber Herr Dschëng und die Damen haben Anweisungen für eine strenge Wirtschaftlichkeit gegeben, und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann.“
 
Buddhistische Sutren wurden gelesen, dauistische Feiern abgehalten, es gab einen endlosen Fluß ritueller Klagen und Opfer für den Geist der Verstorbenen. Aber irgendwie war alles sowohl beim Trauern als bei den Opferritualen, dem Motto des Einsparens unterworfen. Täglich kamen Gefolge von Prinzen und Damen von hohem Rang. Keine von ihnen konnte Hsi-fëng persönlich empfangen, da sie zu beschäftigt war, die Dinge hinter den Kulissen in Ordnung zu halten. Sobald sie einen Diener mobilisiert hatte, wurde ein anderer schon wieder vermißt. Sie verlor ihre Geduld, sie bettelte; sie schlug sich durch eine Sitzung und mußte sich dann mit neuen Problemen beschäftigen. Nun war Yüan-yang nicht die einzige, die bemerkte, daß die Dinge schief liefen.
 
  
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 109

Wu'er empfängt fälschlich Zuneigung im Namen eines duftenden Geistes;

Im Kreislauf der Vergeltung kehrt Willkommensfrühling ins Wahre zurück

Es wird erzählt, daß Schatzspange[1] Dufthauch[2] beauftragt hatte, den wahren Grund herauszufinden. Aus Sorge, Schatzjade[3] könnte vor Kummer krank werden, sprach sie mit Dufthauch absichtlich im Plauderton über Kajaljades letzte Worte vor ihrem Tod, so daß Schatzjade es mithören konnte. Sie sagte: „Solange ein Mensch auf der Welt ist, hat er Gefühle und Empfindungen. Doch nach dem Tode geht jeder seiner eigenen Wege, und es ist keineswegs so wie im Leben. Die Toten sind nicht mehr so, wie sie zu Lebzeiten waren. Die Lebenden mögen noch so sehr an ihnen hängen — die Verstorbenen wissen nichts davon. Zudem hat Fräulein Lin doch gesagt, sie gehe zu den Unsterblichen; sie betrachtet die Sterblichen als unreine, trübe Wesen — wie sollte sie sich noch in der irdischen Welt aufhalten wollen? Nur der eigene Argwohn der Menschen ruft allerlei Dämonen und böse Geister herbei, die einen dann heimsuchen." Obwohl Schatzspange mit Dufthauch sprach, waren die Worte für Schatzjades Ohren bestimmt. Dufthauch verstand und sagte ebenfalls: „So etwas gibt es nicht. Wenn Fräulein Lins Seele wirklich noch im Garten weilte — wir waren doch auch befreundet, warum habe ich dann nicht ein einziges Mal von ihr geträumt?"

Schatzjade hörte draußen zu und dachte sorgfältig nach: „Es ist wirklich seltsam! Ich weiß, daß Schwester Lin tot ist, und denke jeden Tag unzählige Male an sie — warum habe ich nie von ihr geträumt? Gewiß ist sie in den Himmel aufgestiegen und blickt auf mich gewöhnlichen Sterblichen herab, der nicht mit den Göttern verkehren kann — deshalb habe ich nicht einen einzigen Traum gehabt. Wenn ich heute nacht draußen im Vorzimmer schlafe, oder wenn ich aus dem Garten zurückkomme, wird sie vielleicht mein Herz kennen und mir im Traume erscheinen wollen. Ich muß sie unbedingt fragen, wo sie wirklich hingegangen ist, dann werde ich ihr auch regelmäßig Opfer darbringen. Wenn sie sich aber tatsächlich um dieses trübe Wesen nicht kümmert und kein einziger Traum kommt, dann werde ich auch aufhören, an sie zu denken." Sein Entschluß stand fest, und er sagte: „Ich werde heute nacht draußen im Vorzimmer schlafen. Ihr braucht euch nicht um mich zu kümmern."

Schatzspange drängte ihn nicht, sondern sagte nur: „Du brauchst nicht so wirre Gedanken zu haben. Hast du nicht gesehen, wie aufgeregt die Mutter war, als du in den Garten gegangen bist, so daß sie kaum ein Wort herausbrachte? Wenn du jetzt noch nicht auf deine Gesundheit achtest und die Großmutter davon erfährt, wird sie wieder sagen, wir kümmerten uns nicht genug." Schatzjade sagte: „Es wird schon nichts sein, ich sitze noch ein Weilchen und komme dann herein. Du bist auch müde, leg dich zuerst schlafen." Schatzspange rechnete damit, daß er ohnehin hereinkommen würde, und sagte zum Schein: „Ich gehe schlafen. Laß die Schwester Dufthauch dich bedienen."

Schatzjade hörte das und fand es gerade passend. Als Schatzspange sich niedergelegt hatte, ließ er Dufthauch und Moschusmond[4] ein weiteres Bett aufschlagen und schickte ständig jemanden hinein, um nachzusehen, ob die Zweite Herrin schon eingeschlafen sei. Schatzspange tat absichtlich so, als schliefe sie, war aber die ganze Nacht unruhig. Schatzjade glaubte, Schatzspange schlafe, und sagte zu Dufthauch: „Geht alle schlafen, ich bin gar nicht traurig. Wenn du mir nicht glaubst, bediene mich, bis ich eingeschlafen bin, und geh dann hinein; du brauchst mich nur nicht zu wecken." Dufthauch bediente ihn tatsächlich bis zum Einschlafen, stellte Tee bereit, schloß die Tür und ging ins Innenzimmer, um nach dem Rechten zu sehen, legte sich dann selbst hin und döste nur, bereit, wieder herauszukommen, falls Schatzjade sich regen sollte.

Als Schatzjade sah, daß Dufthauch hineingegangen war, schickte er die beiden Nachtwache haltenden alten Weiber nach draußen. Dann setzte er sich leise auf, murmelte im Stillen einige Gebetsworte und legte sich erst dann nieder. Anfangs konnte er durchaus nicht einschlafen, doch nachdem er sein Herz beruhigt hatte, schlief er unversehens ein und ruhte die ganze Nacht friedlich. Erst als es hell wurde, erwachte er, rieb sich die Augen, saß da und dachte nach — doch er hatte keinen Traum gehabt. Er seufzte und sprach: „So ist es denn: ‚Seit langem trennt der Tod uns voneinander, und doch ist ihre Seele nie im Traum erschienen.'" [5]

Schatzspange hingegen hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Als sie hörte, wie Schatzjade draußen diese beiden Verse murmelte, erwiderte sie: „Da hast du dich unbedacht ausgedrückt — wenn Schwester Lin noch am Leben wäre, würde sie sich wieder ärgern." Als Schatzjade das hörte, wurde es ihm verlegen zumute, und er stand auf, kam verlegen herein und sagte: „Eigentlich wollte ich hereinkommen, doch weiß ich nicht, wie es kam — ich bin einfach eingenickt." Schatzspange sagte: „Ob du hereinkommst oder nicht, was geht mich das an!"

Auch Dufthauch hatte nicht geschlafen. Als sie die beiden reden hörte, stand sie eilig auf und brachte Tee. Da kam ein kleines Mädchen von der Herzoginmutter[6] herüber und fragte: „Hat der Zweite Herr Schatzjade letzte Nacht ruhig geschlafen? Wenn ja, soll er sich bald mit der Zweiten Herrin frisieren und herüberkommen." Dufthauch sagte: „Geh und melde der Herzoginmutter, daß Schatzjade letzte Nacht sehr ruhig geschlafen hat; er kommt gleich." Das kleine Mädchen ging. Schatzspange machte sich eilig zurecht, und Oriole, Dufthauch und die anderen folgten ihr. Zuerst ging sie zur Herzoginmutter und erwies ihr die Ehre, dann zu Frau König[7], danach zu Phönixglanz[8] — allen machte sie ihren Besuch. Dann kehrte sie zur Herzoginmutter zurück und traf auch ihre Mutter an. Alle fragten: „Geht es Schatzjade abends gut?" Schatzspange sagte: „Er hat sich gleich hingelegt und geschlafen, es gab nichts." Alle waren beruhigt und plauderten noch ein wenig.

Da kam ein kleines Mädchen herein und sagte: „Die Zweite Herrin Schwägerin will zurückfahren. Es heißt, daß von Schwager Suns Seite Leute gekommen sind und bei der Ersten Herrin einiges besprochen haben. Die Erste Herrin hat zum Quartier der Vierten Herrin schicken lassen und sagen lassen, man brauche sie nicht mehr aufzuhalten, sie solle gehen. Jetzt weint die Zweite Herrin Schwägerin bei der Ersten Herrin; wahrscheinlich kommt sie gleich, um sich von der Herzoginmutter zu verabschieden." Als die Herzoginmutter und alle es hörten, waren sie äußerst betrübt und sagten: „Willkommensfrühling[9] ist doch eine so feine Person — warum muß das Schicksal ihr ausgerechnet solch einen Menschen bescheren? Ihr ganzes Leben lang kann sie den Kopf nicht heben — wie soll das nur enden?"

Während sie noch redeten, trat Willkommensfrühling herein, das Gesicht voller Tränenspuren. Da es Schatzspanges Geburtstag war, schluckte sie die Tränen hinunter, verabschiedete sich von allen und wollte gehen. Die Herzoginmutter kannte ihr Leid und versuchte sie nicht gewaltsam zurückzuhalten, sondern sagte nur: „Geh nur zurück, aber sei nicht traurig. Einen solchen Menschen zu treffen, dagegen ist kein Kraut gewachsen. In ein paar Tagen schicke ich jemanden, der dich wieder abholt." Willkommensfrühling sagte: „Die Großmutter hat mich von Anfang an geliebt, doch jetzt kann sie nichts mehr für mich tun. Die Ärmste, ich habe keine Gelegenheit mehr, wiederzukommen." Dabei strömten ihr die Tränen. Alle trösteten sie: „Was soll denn daran sein, daß du nicht wiederkommen könntest? Du bist doch nicht wie deine Dritte Schwester, die so weit weg ist, daß ein Wiedersehen schwierig wäre." Als die Herzoginmutter und die anderen an Willkommensfrühlings Dritte Schwester dachten, begannen unwillkürlich alle zu weinen. Da es Schatzspanges Geburtstag war, rissen sie sich zusammen und sagten: „So schwierig ist das auch nicht — wenn die Küstenprovinzen befriedet sind und die dortigen Anverwandten in die Hauptstadt versetzt werden, dann kann man sich wiedersehen." Alle sagten: „Ja, so wird es wohl sein."

Willkommensfrühling mußte trauernd Abschied nehmen. Alle geleiteten sie hinaus und kehrten dann zur Herzoginmutter zurück. Von morgens bis abends war wieder ein ganzer Tag vergangen. Als die Leute sahen, daß die Herzoginmutter erschöpft war, zerstreuten sich alle.

Nur Tante Schnee[10] verabschiedete sich von der Herzoginmutter und ging zu Schatzspange hinüber. Sie sagte: „Dein Bruder hat dieses Jahr hinter sich; man muß bis zu einer kaiserlichen Amnestie warten, bis seine Strafe gemildert und er ausgelöst werden kann. Diese paar Jahre — wie soll ich das allein und verlassen aushalten? Ich möchte deinen Zweiten Bruder verheiraten — was meinst du?" Schatzspange sagte: „Mutter hat Angst bekommen wegen der Heirat des älteren Bruders und zweifelt deshalb auch an der Sache des zweiten Bruders. Meiner Meinung nach sollte man es unbedingt tun. Die Xing-Schwägerin kennt Mutter ja — sie hat es hier auch recht schwer. Wenn man sie heiratet, mögen wir auch arm sein, aber es ist allemal besser, als bei fremden Leuten unterzukommen." Tante Schnee sagte: „Wenn du Gelegenheit hast, geh und sag es der Herzoginmutter — sag ihr, daß unser Haus niemanden hat und wir einen günstigen Tag wählen wollen." Schatzspange sagte: „Mutter soll nur mit dem Zweiten Bruder besprechen und einen guten Tag wählen, dann herüberkommen und es der Herzoginmutter und der Ersten Herrin sagen, sie heimführen, und damit ist die Sache erledigt. Die Erste Herrin hier kann es auch kaum erwarten, daß sie geheiratet wird." Tante Schnee sagte: „Heute habe ich gehört, daß auch die Xiang-Schwägerin bald zurückkehren wird. Die Herzoginmutter möchte, daß deine Schwester noch ein paar Tage hierbleibt, deshalb ist sie geblieben. Ich denke, auch sie wird nicht mehr lange bleiben — ihr Schwestern solltet noch ein paar Tage miteinander plaudern." Schatzspange sagte: „Ganz recht." Daraufhin saß Tante Schnee noch eine Weile, verabschiedete sich von allen und ging heim.

Nun wird erzählt, daß Schatzjade am Abend in sein Zimmer zurückkehrte und bei sich dachte: „Letzte Nacht ist Kajaljade mir wirklich nicht im Traum erschienen. Vielleicht ist sie schon zur Unsterblichen geworden und will sich deshalb einem so trüben Wesen wie mir nicht zeigen — das ist durchaus möglich. Oder aber ich war zu ungeduldig — auch das kann sein." Er ersann einen Plan und sagte zu Schatzspange: „Ich bin gestern zufällig draußen eingeschlafen, und es scheint, als hätte ich draußen ruhiger geschlafen als drinnen. Heute morgen fühlte ich mich auch klarer im Kopf. Ich möchte noch zwei Nächte draußen schlafen, aber ihr werdet mich wohl wieder daran hindern."

Schatzspange hörte es und wußte genau, daß die Verse, die er am Morgen gemurmelt hatte, natürlich Kajaljades wegen gewesen waren. Da sie bedachte, daß sein eigensinniges Naturell nicht umzustimmen war, hielt sie es für besser, ihn zwei Nächte schlafen zu lassen, damit er sich die Sache vielleicht von selbst aus dem Kopf schlage; zudem hatte sie gehört, daß er in der vergangenen Nacht durchaus ruhig geschlafen hatte. Sie sagte: „Was für ein Unsinn! Schlaf nur, wir halten dich doch nicht auf. Nur denk dir nicht lauter wirres Zeug aus und ruf damit Dämonen und Spukgestalten herbei." Schatzjade lachte: „Wer denkt denn an so etwas?"

Dufthauch sagte: „Ich rate dem Zweiten Herrn, doch lieber im Zimmer zu schlafen. Draußen kann man nicht gleich nach dem Rechten sehen, und wenn Ihr Euch erkältet, ist das auch nicht gut." Schatzjade wollte gerade antworten, da machte Schatzspange Dufthauch ein Zeichen mit den Augen. Dufthauch verstand und sagte: „Na gut, dann laß wenigstens jemanden bei dir sein, der dir nachts Tee und Wasser bringen kann." Schatzjade lachte: „Wenn schon, dann komm du mit mir." Dufthauch wurde es peinlich zumute, augenblicklich errötete sie bis über beide Ohren und sagte kein Wort. Schatzspange kannte Dufthauchs gesetztes Wesen und sagte: „Sie ist es gewohnt, bei mir zu sein — laß sie nur bei mir. Moschusmond und Wu'er können sich um dich kümmern. Außerdem hat sie heute den ganzen Tag mit mir herumgewirtschaftet und ist müde — laß sie ein wenig ausruhen."

Schatzjade ging lachend hinaus. Schatzspange wies Moschusmond und Wu'er an, für Schatzjade im Vorzimmer wieder ein Bett aufzuschlagen, und ermahnte die beiden: „Schlaft mit einem offenen Auge; ob Tee, ob Wasser — seid aufmerksam." Die beiden sagten ja und kamen heraus. Da sahen sie Schatzjade aufrecht auf dem Bett sitzen, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet — wahrhaftig wie ein Mönch. Die beiden wagten nicht zu sprechen und konnten ihn nur anblicken und kichern. Schatzspange schickte Dufthauch noch hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Als Dufthauch ihn so sah, mußte sie auch lachen und rief leise: „Es ist Zeit zu schlafen — was sitzt du denn da und meditierst?" Schatzjade öffnete die Augen, sah Dufthauch und sagte: „Geht nur alle schlafen, ich sitze noch ein Weilchen und lege mich dann hin." Dufthauch sagte: „Weil du gestern so warst, hat die Zweite Herrin die ganze Nacht nicht geschlafen. Wenn du so weitermachst, was soll denn das werden?" Schatzjade merkte, daß niemand schlafen würde, solange er selbst nicht schlief, und legte sich gehorsam nieder. Dufthauch ermahnte Moschusmond noch mit einigen Worten und ging dann hinein, schloß die Tür und schlief. Hier räumten Moschusmond und Wu'er ihre Betten zusammen und warteten, bis Schatzjade eingeschlafen war, dann legten sie sich selbst hin.

Doch Schatzjade wollte schlafen und konnte nicht. Als er sah, wie die beiden ihre Betten richteten, fiel ihm plötzlich ein: „In jenem Jahr, als Dufthauch nicht zu Hause war, bedienten mich Heitermuster[11] und Moschusmond. Nachts ging Moschusmond hinaus, und Heitermuster wollte sie erschrecken; weil sie nichts übergezogen hatte, erkältete sie sich, und schließlich ist sie an eben dieser Krankheit gestorben." Bei diesem Gedanken wandten sich alle seine Gedanken Heitermuster zu. Dann fiel ihm ein, daß Phönixglanz gesagt hatte, Wu'er sei Heitermuster wie ein Ebenbild, und er übertrug seine Sehnsucht nach Heitermuster auf Wu'er. Er tat so, als schliefe er, und beobachtete Wu'er verstohlen — je länger er schaute, desto mehr glich sie Heitermuster. Unwillkürlich regte sich wieder sein eigensinniges Wesen. Er lauschte und hörte, daß es im Innenzimmer still geworden war — dort schlief man also. Doch er wußte nicht, ob Moschusmond schon schlief, und rief absichtlich zwei Mal — doch niemand antwortete.

Wu'er hörte, daß Schatzjade nach jemandem rief, und fragte: „Was wünscht der Zweite Herr?" Schatzjade sagte: „Ich möchte mir den Mund ausspülen." Wu'er sah, daß Moschusmond bereits schlief, und stand widerwillig auf, putzte die Kerze, goß eine Tasse Tee ein und hielt mit der anderen Hand die Spülschale. Da sie eilig aufgestanden war, trug sie nur ein dünnes pfirsichrotes Seidenjäckchen und hatte das Haar lose hochgesteckt. Als Schatzjade hinblickte, war es wahrhaftig, als sei Heitermuster wiedererstanden. Da fielen ihm Heitermusters Worte ein: „Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten" — und er starrte sie geistesabwesend an, ohne den Tee zu nehmen.

Jene Wu'er hatte, seit Duftköpfchen fortgegangen war, eigentlich kein Herz mehr gehabt, hierher zu kommen. Später, als sie hörte, daß Phönixglanz sie hereinbeordert hatte, um Schatzjade zu bedienen, war sie noch ungeduldiger als Schatzjade selbst, der auf ihr Kommen wartete. Doch als sie dann wirklich da war und sah, wie Schatzspange und Dufthauch gleichermaßen vornehm und gesetzt waren, empfand sie in ihrem Herzen aufrichtige Bewunderung. Zudem bemerkte sie, daß Schatzjade sich verrückt und töricht benahm, nicht mehr so anmutig wie früher. Und sie hatte gehört, daß Frau König alle Mädchen, die mit Schatzjade gescherzt hatten, hinausgeworfen hatte. Deshalb legte sie ihre mädchenhafte Zärtlichkeit und ihre frühere schwärmerische Zuneigung ganz beiseite.

Doch an diesem Abend behandelte der eigensinnige junge Herr sie wie Heitermuster und begann sie zu umhegen. Wu'er war längst vor Scham über beide Wangen errötet, wagte aber nicht laut zu sprechen und sagte nur leise: „Zweiter Herr, spült Euch doch den Mund." Schatzjade nahm lächelnd die Tasse in die Hand — ob er sich den Mund gespült hatte oder nicht, war unklar — und fragte dann grinsend: „Du warst doch mit Schwester Heitermuster befreundet, nicht wahr?" Wu'er wußte nicht, wovon er sprach, und sagte: „Wir waren alle Schwestern, es gab nichts, was nicht gut gewesen wäre." Schatzjade fragte leise weiter: „Als Heitermuster schwer krank war und ich sie besuchte — warst du da nicht auch dabei?" Wu'er lächelte leicht und nickte. Schatzjade fragte: „Hast du gehört, was sie gesagt hat?" Wu'er schüttelte den Kopf: „Nein."

Schatzjade war bereits ganz entrückt und ergriff Wu'ers Hand. Wu'er erschrak und errötete, ihr Herz klopfte wild, und sie sagte leise: „Zweiter Herr, wenn Ihr etwas zu sagen habt, sagt es ruhig, aber bitte kein Zerren und Ziehen." Schatzjade ließ sie erst dann los und sagte: „Sie hat zu mir gesagt: ‚Hätte ich gewußt, daß ich den Ruf ohne die Tat trage, hätte ich auch gleich zur Tat geschritten.' Wie kannst du das nicht gehört haben?"

Wu'er hörte das und merkte deutlich, daß diese Worte auf sie selbst abzielten, wagte aber nichts zu erwidern und sagte: „Das war doch ihr eigenes schamloses Gerede — können wir Mädchen so etwas sagen?" Schatzjade rief aufgeregt: „Wieso bist auch du so ein Moralprediger? Ich sehe, daß du ihr aufs Haar gleichst, deshalb sage ich dir diese Dinge — wie kannst du sie mit solchen Worten beschmutzen?" Wu'er wußte in diesem Augenblick nicht, was Schatzjade eigentlich meinte, und sagte: „Es ist spät in der Nacht, Zweiter Herr, legt Euch schlafen. Sitzt nicht die ganze Zeit auf, Ihr könntet Euch erkälten. Was haben die Herrin und Schwester Dufthauch vorhin gesagt?" Schatzjade sagte: „Mir ist nicht kalt."

An dieser Stelle fiel ihm plötzlich ein, daß Wu'er keinen Mantel anhatte, und er fürchtete, sie könnte sich wie Heitermuster erkälten. Er fragte: „Warum bist du herübergekommen, ohne dir etwas überzuziehen?" Wu'er sagte: „Der Herr hat so dringend gerufen, wo hätte ich Zeit gehabt, mich erst ordentlich anzuziehen? Hätte ich gewußt, daß wir so lange reden, hätte ich mich auch angezogen." Schatzjade nahm sogleich seinen eigenen mondweißen Seidenwattejacke, die über ihn gebreitet lag, und reichte sie Wu'er, damit sie sich darin einwickle. Wu'er weigerte sich anzunehmen und sagte: „Der Zweite Herr soll sich zudecken, mir ist nicht kalt; wenn mir kalt ist, habe ich meine eigenen Sachen."

Damit ging sie zu ihrem Bett zurück und zog eine lange Jacke über. Sie horchte — Moschusmond schlief tief und fest. Dann kam sie langsam herüber und sagte: „Wollte der Zweite Herr heute nacht nicht den Geist beruhigen?" Schatzjade lachte: „Ich sage es dir ehrlich — was ‚Geist beruhigen', ich wollte eigentlich Unsterblichen begegnen." Wu'er wurde immer mißtrauischer und fragte: „Welchen Unsterblichen begegnen?" Schatzjade sagte: „Wenn du es wissen willst, das ist eine lange Geschichte. Setz dich neben mich, dann erzähle ich es dir." Wu'er errötete und lachte: „Ihr liegt da im Bett — wie soll ich mich denn setzen?" Schatzjade sagte: „Was macht das schon? In jenem kalten Winter spielten deine Schwester Heitermuster und Schwester Moschusmond miteinander. Ich fürchtete, sie könne frieren, und nahm sie sogar mit unter eine Decke. Was ist schon dabei? Im allgemeinen soll man sich nicht so affig und heuchlerisch anstellen."

Wu'er hörte es, und Satz für Satz klangen Schatzjades Worte wie Schmeichelei — doch wußte sie nicht, daß dieser eigensinnige junge Herr jedes Wort von Herzen meinte. Wu'er wußte in diesem Augenblick weder, ob sie gehen, stehen oder sich setzen sollte, und war ganz ratlos. Sie blickte ihn aus den Augenwinkeln an, preßte die Lippen zusammen und kicherte: „Hört auf, solches Zeug zu reden — wenn jemand das hört, was soll der denken? Kein Wunder, daß die Leute sagen, Ihr wendet Eure ganze Mühe nur an die Mädchen. Ihr habt doch die Zweite Herrin und Schwester Dufthauch, die wie Göttinnen sind — und mißt Euch lieber mit anderen herum. Wenn Ihr morgen wieder so redet, gehe ich zur Zweiten Herrin und sage es — dann schauen wir mal, wie Ihr den Leuten ins Gesicht blickt!"

Gerade als sie das sagte, hörten sie draußen ein dumpfes Poltern, und beide erschraken. Im Innenzimmer hustete Schatzspange. Schatzjade hörte es und legte hastig den Finger auf die Lippen. Wu'er löschte eilig die Lampe und legte sich leise hin. In Wahrheit hatten Schatzspange und Dufthauch, da sie in der vergangenen Nacht nicht geschlafen und tagsüber den ganzen Tag geschuftet hatten, so fest geschlafen, daß sie ihr Gespräch gar nicht gehört hatten. Als es im Hof polterte, fuhren sie jäh aus dem Schlaf, lauschten eine Weile und hörten nichts mehr.

Schatzjade lag im Bett und grübelte: „Sollte Schwester Lin gekommen sein, unser Gespräch gehört und uns absichtlich erschreckt haben?" Er wälzte sich hin und her, in wirren Gedanken, und erst nach der fünften Nachtwache fiel er in einen leichten Schlummer.

Nun wird erzählt, daß Wu'er, die Schatzjades alberne Reden eine halbe Nacht lang über sich hatte ergehen lassen, überdies durch Schatzspanges Husten ein schlechtes Gewissen bekam, weil sie fürchtete, Schatzspange könnte alles gehört haben. Sie grübelte vor und zurück und schlief die ganze Nacht nicht. Am nächsten Morgen stand sie früh auf und sah, daß Schatzjade noch in tiefem Schlummer lag. Leise räumte sie das Zimmer auf. Inzwischen war Moschusmond wach geworden und sagte: „Warum bist du so früh aufgestanden? Hast du etwa die ganze Nacht nicht geschlafen?" Als Wu'er das hörte, glaubte sie, Moschusmond wüßte Bescheid, und konnte nur verlegen lächeln, ohne zu antworten. Bald standen auch Schatzspange und Dufthauch auf und öffneten die Tür. Als sie sahen, daß Schatzjade noch schlief, wunderten sie sich: „Wie kommt es, daß er draußen zwei Nächte lang so ruhig geschlafen hat?"

Als Schatzjade erwachte und sah, daß alle schon auf waren, sprang er hastig auf. Er rieb sich die Augen und dachte sorgfältig nach — auch letzte Nacht hatte er nicht geträumt; die Wege der Unsterblichen und Sterblichen waren also wirklich getrennt. Langsam stieg er aus dem Bett und erinnerte sich an Wu'ers gestrige Worte, daß Schatzspange und Dufthauch wie himmlische Göttinnen seien — das war eigentlich gar nicht falsch. So starrte er Schatzspange geistesabwesend an.

Schatzspange sah sein Starren und wußte, daß es wegen Kajaljade war, doch sie konnte nicht sicher sein, ob er geträumt hatte oder nicht. Nur daß sein Starren sie selbst verlegen machte. Sie sagte: „Bist du gestern nacht einer Unsterblichen begegnet?" Schatzjade hörte es und glaubte, Schatzspange habe das Gespräch von gestern abend gehört. Er lachte verlegen und sagte gezwungen: „Was für ein Unsinn!" Als Wu'er das hörte, wurde sie nur noch nervöser, wagte aber nichts zu sagen und beobachtete nur Schatzspanges Miene. Schatzspange fragte Wu'er lächelnd: „Hast du gehört, ob der Zweite Herr im Schlaf geredet hat?" Schatzjade hörte das, konnte nicht mehr sitzen bleiben und schlüpfte verlegen davon.

Wu'er errötete tief und sagte nur vage: „In der ersten Nachthälfte hat er ein paar Sätze gesagt, ich habe nicht genau zugehört. Etwas von ‚einen falschen Ruf getragen' und ‚keinen ordentlichen Entschluß gefaßt' — ich habe es nicht verstanden und den Zweiten Herrn zum Schlafen ermahnt. Danach bin ich auch eingeschlafen und weiß nicht, ob der Zweite Herr noch weiter geredet hat." Schatzspange senkte den Kopf und überlegte: „Diese Worte beziehen sich eindeutig auf Kajaljade. Doch wenn ich ihn ständig draußen schlafen lasse, könnte sein Geist sich verirren und allerlei Blumen- und Weidengespenster herbeirufen. Zudem lag sein altes Leiden ja immer in seiner tiefen Zuneigung zu den Schwestern. Man muß einen Weg finden, seine Zuneigung auf mich zu lenken, dann wird es vielleicht Ruhe geben." Bei diesem Gedanken errötete sie unwillkürlich, und auch ihr wurde es verlegen zumute. So ging sie linkisch ins Zimmer, um sich frisieren und waschen zu lassen.

Nun wird berichtet, daß die Herzoginmutter an den beiden festlichen Tagen etwas zuviel gegessen hatte und sich am Abend unwohl fühlte. Am nächsten Tag hatte sie ein Völlegefühl in der Brust. Mandarinenente[12] und die anderen wollten Aufrecht Kaufmann[13] benachrichtigen, doch die Herzoginmutter verbot es ihnen und sagte: „Ich war in den letzten Tagen etwas gierig und habe zuviel gegessen. Wenn ich eine Mahlzeit auslasse, wird es schon besser. Macht nur ja keinen Lärm!" So sagten Mandarinenente und die anderen niemandem Bescheid.

Am Abend dieses Tages kehrte Schatzjade in sein Zimmer zurück. Schatzspange war gerade von ihrem Besuch bei der Herzoginmutter und Frau König zurückgekommen. Schatzjade dachte an die peinliche Angelegenheit vom Morgen und schämte sich. Schatzspange sah ihn so und wußte, daß es ihm unangenehm war. Da sie bedachte, daß er ein leidenschaftlicher Mensch war, mußte man seine Krankheit wohl mit Leidenschaft heilen. Sie überlegte und fragte Schatzjade dann: „Willst du heute abend wieder draußen schlafen?" Schatzjade fühlte sich beschämt und sagte: „Drinnen oder draußen, das ist alles dasselbe." Schatzspange wollte noch etwas sagen, aber es kam ihr nicht über die Lippen.

Dufthauch sagte: „Laßt doch, was soll das für eine Ordnung sein? Ich glaube nicht, daß er so ruhig geschlafen hat." Wu'er hörte das und warf schnell ein: „Wenn der Zweite Herr draußen schläft, gibt es weiter nichts — nur redet er gern im Schlaf, man versteht kein Wort, und man traut sich auch nicht, ihm zu widersprechen." Dufthauch sagte: „Heute nacht werde ich draußen auf dem Bett schlafen und nachsehen, ob er im Schlaf redet oder nicht. Bringt einfach das Bettzeug des Zweiten Herrn ins Innenzimmer, dann ist es erledigt."

Schatzspange hörte das und sagte nichts. Schatzjade schämte sich — wie hätte er da noch widersprechen können? Also fügte er sich und zog wieder ins Innenzimmer. Zum einen wollte Schatzjade sein Vergehen gutmachen und Schatzspanges Herz beruhigen; zum anderen fürchtete Schatzspange, Schatzjade könnte vor Grübelei krank werden, und zeigte ihm lieber etwas Zärtlichkeit und Nähe — eine List, um die Blume zu verpflanzen und den Stamm zu wechseln [14]. So schlief Dufthauch tatsächlich an diesem Abend draußen. Schatzjade hatte natürlich die Absicht, sein Vergehen abzubüßen, und Schatzspange war natürlich nicht abgeneigt, den Gast zu empfangen. Von der Hochzeitsnacht bis zum heutigen Tage war es erst jetzt so weit, daß Regen und Wolken sich süß vereinten und Dunst und Nebel sich harmonisch vermischten [15]. Fortan „verbanden sich Yin und Yang, die fünf Wandlungsphasen fügten sich wunderbar zusammen und verdichteten sich" [16]. Doch dies ist eine spätere Geschichte.

Am nächsten Morgen standen Schatzjade und Schatzspange gemeinsam auf. Schatzjade machte sich zurecht und ging als erstes zur Herzoginmutter hinüber. Die Herzoginmutter, die Schatzjade liebte und auch an Schatzspanges Pietät dachte, fiel plötzlich ein bestimmter Gegenstand ein. Sie ließ Mandarinenente eine Truhe öffnen und ein von den Vorfahren vererbtes Jadestück aus der Han-Dynastie herausnehmen — ein Jade-Jue [17]. Zwar kam es nicht an Schatzjades eigenen Jadestein heran, doch am Körper getragen war es durchaus kostbar. Mandarinenente fand es und reichte es der Herzoginmutter, wobei sie sagte: „Dieses Stück habe ich anscheinend noch nie gesehen. Die Herzoginmutter erinnert sich nach all den Jahren noch so genau — sie sagte, in welcher Truhe, in welchem Kästchen es lag, und ich brauchte nur hinzugreifen. Wozu läßt die Herzoginmutter es jetzt heraussuchen?" Die Herzoginmutter sagte: „Das weißt du nicht. Dieses Jadestück hat mein Urgroßvater meinem Großvater gegeben. Mein Großvater liebte mich, und als ich heiratete, ließ er mich zu sich kommen und gab es mir eigenhändig. Er sagte noch: ‚Dieses Jade stammt aus der Han-Dynastie und ist sehr kostbar. Wenn du es trägst, ist es, als sähest du mich.' Damals war ich noch klein; ich nahm es und machte mir nichts daraus — warf es einfach in die Truhe. Als ich hierherkam, sah ich, daß unsere Familie ohnehin viele Schätze besaß; was war das schon? Ich habe es nie getragen und über sechzig Jahre lang vergessen. Heute, da Schatzjade so voller Pietät ist und seinen Jadestein verloren hat, dachte ich daran, es herauszuholen und ihm zu geben — ganz im Sinne meines Großvaters, der es mir einst schenkte."

Als Schatzjade seine Aufwartung gemacht hatte, sagte die Herzoginmutter freudig: „Komm her, ich zeige dir etwas." Schatzjade trat ans Bett, und die Herzoginmutter reichte ihm das Han-Jade. Schatzjade betrachtete es: Es war etwa drei Zoll im Umfang, melonenförmig, rötlich schimmernd und äußerst fein gearbeitet. Schatzjade pries es in den höchsten Tönen. Die Herzoginmutter fragte: „Gefällt es dir? Mein Urgroßvater hat es mir gegeben — ich vererbe es dir." Schatzjade lachte, machte eine tiefe Verbeugung zum Dank und wollte es seiner Mutter zeigen. Die Herzoginmutter sagte: „Wenn deine Mutter es sieht und es deinem Vater erzählt, wird er wieder sagen, ich liebte die Enkel mehr als die Söhne. Die haben es noch nie gesehen." Schatzjade ging lachend davon. Schatzspange und die anderen wechselten noch ein paar Worte und verabschiedeten sich ebenfalls.

Von da an nahm die Herzoginmutter zwei Tage lang keine Nahrung zu sich. Die Brust war immer noch aufgebläht, und sie fühlte Schwindel und Husten. Frau Strafe[18], Frau König, Phönixglanz und andere kamen, um nach ihr zu sehen. Da die Herzoginmutter noch bei gutem Geist war, ließen sie nur Aufrecht Kaufmann informieren, der sogleich kam und nach ihr sah. Aufrecht Kaufmann ging hinaus und rief sofort einen Arzt. Nach kurzer Zeit kam der Arzt, untersuchte den Puls und sagte, es handle sich bei einer betagten Person um eine Verdauungsstörung mit leichter Erkältung; ein wenig verdauungsanregende und schweißtreibende Medizin, und alles werde gut. Er schrieb ein Rezept. Aufrecht Kaufmann sah es sich an, erkannte gewöhnliche Kräuter und ließ die Medizin kochen und verabreichen. Danach kam Aufrecht Kaufmann morgens und abends, um nach der Herzoginmutter zu sehen.

Drei Tage vergingen ohne Besserung. Aufrecht Kaufmann befahl Kette Kaufmann: „Erkundige dich nach einem guten Arzt und hole ihn schnell, um die Herzoginmutter zu untersuchen. Die Ärzte, die wir gewöhnlich rufen, scheinen mir nicht besonders gut zu sein — deshalb schicke ich dich." Kette Kaufmann überlegte und sagte: „Ich erinnere mich, daß in jenem Jahr, als Bruder Schatzjade krank war, ein Arzt gerufen wurde, der gar nicht praktizierte, und der hat ihn geheilt. Warum suchen wir nicht ihn?" Aufrecht Kaufmann sagte: „Die Heilkunst ist in der Tat äußerst schwierig; gerade die Ärzte, die nicht in Mode sind, haben oft die größte Begabung. Schick sofort Leute, ihn zu suchen." Kette Kaufmann ging eilig und kam zurück mit der Nachricht: „Dieser Doktor Liu ist kürzlich aufs Land gezogen, um als Lehrer zu arbeiten, und kommt nur alle zehn Tage in die Stadt. Jetzt können wir nicht so lange warten. Ich habe einen anderen bestellt, der kommt gleich." Aufrecht Kaufmann hörte es und mußte sich damit abfinden.

Als die Herzoginmutter krank lag, kamen alle Frauen des Hauses täglich, um nach ihr zu sehen. Eines Tages, als alle versammelt waren, kam die alte Frau, die die Gartenpforte bewachte, herein und meldete: „Die ehrwürdige Meisterin Miao[19] aus dem Grünlack-Kloster im Garten hat von der Krankheit der Herzoginmutter erfahren und kommt eigens, um nach ihr zu sehen." Die Leute sagten: „Sie kommt sonst nicht oft herüber; wenn sie heute eigens kommt, bittet sie schnell herein." Phönixglanz ging zum Bett und meldete es der Herzoginmutter. Höhlennebel Strafe[20], die Meisterin Miao von früher kannte, ging als erste hinaus, um sie zu empfangen. Sie sah Meisterin Miao mit der Miaochangguan-Haube auf dem Kopf [21], in einem mondweißen Seidenhemd, darüber eine lange Weste aus wasserblauem Atlas mit eingefaßtem Rand, mit einer herbstgelben Seidenkordel gegürtet, darunter einen weißen Seidenrock mit blasser Tuschmalerei. In der Hand hielt sie einen Fliegenwedel und einen Rosenkranz, und eine Dienerin folgte ihr — so kam sie herangeschwebt. Höhlennebel Strafe begrüßte sie und sagte: „Als ich noch im Garten wohnte, konnte ich dich oft besuchen. Seit weniger Leute im Garten wohnen, kommt man als einzelne Frau nicht leicht heraus, und außerdem ist unsere Gartenpforte meist geschlossen — deshalb habe ich dich in letzter Zeit nicht gesehen. Welch glückliches Treffen heute!" Meisterin Miao sagte: „Früher wart ihr alle in eurer lebhaften Gesellschaft, und obwohl du auch im äußeren Garten wohntest, schickte es sich für mich nicht, ständig zu kommen. Nun weiß ich, daß es hier nicht mehr so gut steht; ich habe gehört, daß die Herzoginmutter krank liegt; ich denke an dich und will auch Fräulein Schatzspange sehen. Ob ihr die Türen sperrt oder nicht — wenn ich kommen will, komme ich; und wenn ich nicht kommen will, könnt ihr mich auch nicht herbeirufen!" Höhlennebel Strafe lachte: „Du hast noch immer dein altes Temperament."

Während sie sprachen, gelangten sie ins Zimmer der Herzoginmutter. Alle begrüßten sich. Meisterin Miao trat ans Bett der Herzoginmutter und erkundigte sich nach ihrem Befinden, wobei sie einige Höflichkeitsfloskeln sagte. Die Herzoginmutter sprach: „Du bist eine weibliche Bodhisattva — sag mir, ob meine Krankheit zu heilen ist oder nicht." Meisterin Miao sagte: „Ein so gütiger Mensch wie die Herzoginmutter hat gewiß noch viele Lebensjahre. Eine vorübergehende Erkältung — ein paar Rezepte, und es wird schon besser. Bei betagten Personen kommt es nur darauf an, sich nicht zu viele Sorgen zu machen." Die Herzoginmutter sagte: „Mir geht es gar nicht um solche Dinge — ich suche von jeher gern das Vergnügen. Diese Krankheit spüre ich kaum, nur die Brust ist mir beklemmt. Vorhin sagte der Arzt, es komme von Kummer und Ärger. Du weißt doch selbst — wer wagte es, mir Ärger zu bereiten? Ist das nicht ein Beweis, daß der Arzt den Puls nur mittelmäßig liest? Ich habe zu Kette Kaufmann gesagt, der erste Arzt, der Erkältung und Verdauungsstörung diagnostizierte, lag richtig — morgen soll er ihn wieder holen." Dann rief sie Mandarinenente: „Sag der Küche, sie soll ein rein vegetarisches Mahl zubereiten — die ehrwürdige Meisterin Miao soll hier zu Mittag essen." Meisterin Miao sagte: „Ich habe schon zu Mittag gegessen; ich esse nichts mehr." Frau König sagte: „Dann setz dich wenigstens noch ein Weilchen, und wir plaudern." Meisterin Miao sagte: „Ich habe euch schon lange nicht gesehen; heute kam ich, um nach euch zu sehen." Sie unterhielt sich noch eine Weile und wollte dann gehen. Da sah sie Bedauerfrühling[22] stehen und fragte: „Warum ist die Vierte Schwester so mager geworden? Du solltest nicht so viel malen und dein Herz anstrengen." Bedauerfrühling sagte: „Ich habe schon lange nicht mehr gemalt. Die Räume, in denen ich jetzt wohne, sind nicht so hell wie im Garten — deshalb habe ich keine Lust mehr zu malen." Meisterin Miao fragte: „Wo wohnst du denn jetzt?" Bedauerfrühling sagte: „Gleich östlich von der Pforte, durch die du eben gekommen bist. Wenn du mich besuchen willst, ist es ganz nah." Meisterin Miao sagte: „Wenn mir danach ist, komme ich dich besuchen." Bedauerfrühling und die anderen geleiteten sie hinaus. Als sie zurückkamen, hörten sie die Mägde sagen, der Arzt sei bei der Herzoginmutter, und alle zerstreuten sich vorläufig.

Die Krankheit der Herzoginmutter verschlimmerte sich jedoch von Tag zu Tag. Die ärztliche Behandlung zeigte keine Wirkung, und es kam noch Durchfall hinzu. Aufrecht Kaufmann war sehr besorgt, wußte, daß die Krankheit schwer zu heilen war, und ließ seinen Urlaub vom Amt melden. Tag und Nacht pflegte er zusammen mit Frau König die Kranke persönlich und reichte ihr die Medizin.

Eines Tages, als die Herzoginmutter ein wenig gegessen hatte und Aufrecht Kaufmanns Sorge etwas nachließ, sah er eine alte Frau vor der Tür herumspähen. Frau König schickte Farbwölkchen nachsehen, wer es sei. Farbwölkchen erkannte die Begleiterin, die Willkommensfrühling zum Hause Sun begleitet hatte, und sagte: „Was willst du hier?" Die alte Frau sagte: „Ich bin schon eine halbe Ewigkeit hier, konnte aber keine der Fräulein finden. Ich wagte nicht, mich vorzudrängen, und bin doch so in Sorge." Farbwölkchen fragte: „Was hast du für Sorgen? Hat der Schwiegersohn die Herrin wieder mißhandelt?" Die alte Frau sagte: „Der Herrin geht es schlecht! Vorgestern gab es wieder einen schrecklichen Streit, die Herrin weinte die ganze Nacht. Gestern hat Schleim ihr die Atemwege verstopft. Die haben auch keinen Arzt geholt, und heute ist es noch schlimmer." Farbwölkchen sagte: „Die Herzoginmutter ist krank — mach hier keine Aufregung."

Frau König hatte drinnen alles gehört und fürchtete, die Herzoginmutter könnte es hören und sich aufregen. Eilig ließ sie Farbwölkchen die Frau nach draußen bringen. Doch die Herzoginmutter, deren Geist in der Krankheit besonders wach war, hatte jedes Wort gehört und fragte: „Will Willkommensfrühling sterben?" Frau König sagte: „Nein, nein. Die alten Weiber kennen kein Maß; sie sagen nur, sie sei seit einigen Tagen ein wenig krank und werde wohl nicht so schnell gesund. Sie kommen hierher, um nach dem Arzt zu fragen." Die Herzoginmutter sagte: „Dann schickt unseren Arzt hin. Beeilt euch!" Frau König ließ Farbwölkchen die alte Frau zur Ersten Herrin [Frau Strafe] schicken. Die alte Frau ging.

Da begann die Herzoginmutter zu weinen und sagte: „Meine drei Enkeltöchter — eine hat das Glück bis zum Ende genossen und ist gestorben [23]; die Dritte ist weit fortgeheiratet und läßt sich nicht mehr sehen; Willkommensfrühling hat es zwar schwer, aber vielleicht übersteht sie es — doch daß ein so junges Mädchen schon sterben soll, damit habe ich nicht gerechnet. Wozu lebe ich Alte noch?" Frau König, Mandarinenente und die anderen trösteten sie eine ganze Weile.

Zu dieser Zeit waren Schatzspange, Frau Li[24] und die anderen nicht im Zimmer; Phönixglanz war seit kurzem selbst krank. Frau König, die fürchtete, die Herzoginmutter könnte vor Trauer noch kränker werden, ließ sie alle herbeiholen. Sie selbst ging in ihr Zimmer zurück und schalt Farbwölkchen: „Diese dumme Alte! Von jetzt an, wenn ich bei der Herzoginmutter bin, braucht ihr mit nichts zu kommen!" Die Mägde gehorchten und sagten nichts mehr.

Doch kaum war die alte Frau bei Frau Strafe eingetroffen, brachten die Leute von draußen die Nachricht: „Die Zweite Herrin Schwägerin ist gestorben." Als Frau Strafe es hörte, weinte sie eine ganze Weile. Da Willkommensfrühlings Vater nicht daheim war, ließ sie nur Kette Kaufmann hingehen, um nachzusehen. Da die Herzoginmutter schwer krank war, wagte niemand, es ihr zu sagen. Ach, die arme Willkommensfrühling — blumenschön und mondgleich, kaum ein Jahr verheiratet, vom Hause Sun zu Tode gequält! Und da die Herzoginmutter im Sterben lag, konnte niemand fortgehen; man ließ die Familie Sun die Beerdigung notdürftig erledigen.

Die Krankheit der Herzoginmutter nahm von Tag zu Tag zu. Sie dachte ständig an ihre Enkeltöchter. Einmal dachte sie an Xiangfluss-Wolke[25] und schickte Leute, nach ihr zu sehen. Der Bote kam zurück und suchte leise Mandarinenente; da diese aber am Bett der Herzoginmutter saß und auch Frau König dabei war, traute er sich nicht hinauf. Er ging nach hinten und fand Hupo[26] und erzählte ihr: „Die Herzoginmutter vermißt die Xiang-Schwester und hat mich losgeschickt, Erkundigungen einzuziehen. Wer hätte gedacht, daß die Xiang-Schwester bitter weint! Sie sagt, ihr Mann sei plötzlich schwer erkrankt, alle Ärzte hätten ihn gesehen, und man fürchtet, er werde nicht gesund. Wenn es sich in eine Schwindsucht verwandelt, könne er vielleicht noch vier, fünf Jahre hinschleppen. Die Xiang-Schwester macht sich große Sorgen. Sie weiß auch von der Krankheit der Herzoginmutter und kann nur nicht zur Aufwartung kommen. Sie bittet, es vor der Herzoginmutter nicht zu erwähnen, und falls die Herzoginmutter fragen sollte, sollen wir uns eine Ausrede einfallen lassen." Als Hupo das hörte, seufzte sie nur und sagte lange nichts. Dann sagte sie: „Geh nur." Hupo wagte es auch nicht, es zu berichten; sie wollte Mandarinenente informieren und sie lügen lassen. Als sie an das Bett der Herzoginmutter trat, sah sie, daß sich die Gesichtsfarbe der Herzoginmutter stark verändert hatte. Im Zimmer standen die Leute dicht an dicht und flüsterten: „Es sieht nicht gut aus." Da wagte sie nicht mehr zu sprechen.

Aufrecht Kaufmann winkte Kette Kaufmann leise zu sich und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Kette Kaufmann antwortete leise, ging hinaus, versammelte alle im Hause anwesenden Leute und sagte: „Was die Angelegenheit der Herzoginmutter betrifft — sowie es so weit ist, geht schnell und verteilt die Aufgaben. Erstens: Laßt den Sarg herausschaffen und prüft, ob die Auskleidung in Ordnung ist. Zweitens: Geht schnell zu allen und nehmt die Maße für die Kleidung auf, schreibt alles genau auf und laßt die Schneider sofort die Trauerkleider nähen. Drittens: Die Trauerzelte, die Sargträger und das Geleit müssen bestellt werden. Viertens: Die Küche braucht mehr Personal." Laide und die anderen fragten: „Zweiter Herr, um all das braucht Ihr Euch nicht zu sorgen — wir haben alles schon vorbereitet. Nur eins: Woher kommt das Geld dafür?" Kette Kaufmann sagte: „Dieses Geld braucht nicht von außen zu kommen — die Herzoginmutter hat es selbst zurückgelegt. Der Herr hat es gerade so bestimmt: Es soll gut gemacht werden. Ich denke, auch nach außen soll es ansehnlich sein." Laide und die anderen antworteten und gingen, die Aufgaben zu verteilen.

Kette Kaufmann kehrte in sein eigenes Zimmer zurück und fragte Friedchen[27]: „Wie geht es deiner Herrin heute?" Friedchen deutete mit einer Lippenbewegung nach innen und sagte: „Sieh selbst." Kette Kaufmann trat ein und sah Phönixglanz, die sich gerade anziehen wollte, aber nicht mehr konnte und sich vorläufig auf den Kangtisch lehnte. Kette Kaufmann sagte: „Du wirst wohl nicht durchhalten können. Die Sache mit der Herzoginmutter — heute oder morgen wird es so weit sein. Kannst du dich noch aufraffen? Laß schnell das Zimmer aufräumen und dann geh hinauf. Wenn es soweit ist, können wir dann noch hierher zurückkommen?" Phönixglanz sagte: „Was gibt es hier noch aufzuräumen? Es sind nur noch diese paar Dinge, was soll man da fürchten? Geh du zuerst und sieh nach, ob der Herr dich braucht. Ich ziehe mich um und komme gleich." Kette Kaufmann ging zurück zum Zimmer der Herzoginmutter und berichtete Aufrecht Kaufmann leise: „Alles ist verteilt und geregelt." Aufrecht Kaufmann nickte.

Von draußen wurde gemeldet: „Der Leibarzt ist da." Kette Kaufmann empfing ihn und ließ ihn den Puls fühlen. Der Arzt ging hinaus und sagte leise zu Kette Kaufmann: „Der Puls der Herzoginmutter ist ungünstig. Seid darauf gefaßt." Kette Kaufmann verstand und informierte Frau König und die anderen. Frau König gab Mandarinenente sogleich ein Zeichen, sie solle die Sterbekleider der Herzoginmutter heraussuchen und bereitlegen. Mandarinenente ging, um alles vorzubereiten.

Die Herzoginmutter öffnete die Augen und verlangte nach Tee. Frau Strafe reichte ihr eine Tasse Ginsengbrühe. Die Herzoginmutter setzte gerade die Lippen an und sagte: „Das will ich nicht. Bringt mir eine Tasse Tee." Die Leute wagten nicht zu widersprechen und brachten ihn sogleich. Sie trank einen Schluck und wollte noch mehr, trank einen zweiten Schluck und sagte dann: „Ich möchte mich aufsetzen." Aufrecht Kaufmann und die anderen sagten: „Wenn die Herzoginmutter etwas wünscht, soll sie es nur sagen — aber bitte nicht aufstehen." Die Herzoginmutter sagte: „Ich habe einen Schluck Wasser getrunken, und mein Herz fühlt sich etwas besser. Ich möchte mich nur anlehnen und ein wenig mit euch reden." Perle und die anderen richteten sie vorsichtig auf, und man sah, daß die Herzoginmutter in diesem Augenblick etwas mehr Lebenskraft hatte.

Ob sie leben oder sterben wird — das wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.
  2. Dufthauch: Chin. 袭人 (Xírén), wörtl. „Den Menschen überraschend duftend". Erste Kammerzofe von Schatzjade.
  3. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.
  4. Moschusmond: Chin. 麝月 (Shèyuè), wörtl. „Moschusmond". Dienstmädchen von Schatzjade.
  5. Zitat aus Bai Juyis „Lied von der ewigen Sehnsucht", in dem der Kaiser Tang Xuanzong vergeblich auf den Traum seiner toten Geliebten Yang Guifei wartet.
  6. Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.
  7. Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  8. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.
  9. Willkommensfrühling: Chin. 迎春 (Yíngchūn), wörtl. „Den Frühling willkommen heißen". Zweite Tochter von Begnadigung Kaufmann.
  10. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.
  11. Heitermuster: Chin. 晴雯 (Qíngwén), wörtl. „Heiteres Wolkenmuster". Verstorbene Kammerzofe von Schatzjade.
  12. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.
  13. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.
  14. „yihua jie mu" — die Zuneigung von Kajaljade auf sich selbst zu lenken
  15. poetische Umschreibung der ehelichen Vereinigung
  16. Zitat aus Zhou Dunyis „Erklärung zum Taiji-Diagramm" — ein Hinweis darauf, daß Schatzspange schwanger wurde
  17. ein ringförmiges Jadeschmuckstück mit einer Öffnung, Symbol für Entschluß und Trennung
  18. Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  19. Meisterin Miao: Chin. 妙玉 (Miàoyù), wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Grünlack-Kloster.
  20. Höhlennebel Strafe: Chin. 邢岫烟 (Xíng Xiùyān), wörtl. „Nebelwolke am Felsgipfel". Nichte von Frau Strafe.
  21. benannt nach der Figur Chen Miaochang aus dem Theaterstück „Der Jadehaarschmuck"
  22. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.
  23. Urfrühling / Frühlingsbeginn, die kaiserliche Gemahlin
  24. Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.
  25. Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.
  26. Hupo: Chin. 琥珀 (Hǔpò), wörtl. „Bernstein". Dienerin der Herzoginmutter.
  27. Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.