Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 110"

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search
(German-only page for Hongloumeng chapter 110)
 
(DE4 Korrektur-Update Kap. 110)
 
(3 intermediate revisions by the same user not shown)
Line 1: Line 1:
__NOTOC__
+
= Kapitel 110 =
<div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;">
+
== Die alte Fürstin stirbt und kehrt ins Totenreich zurück; ==
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_102|<span style="color: #FFD700;">102</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_103|<span style="color: #FFD700;">103</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_104|<span style="color: #FFD700;">104</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_105|<span style="color: #FFD700;">105</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_106|<span style="color: #FFD700;">106</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_107|<span style="color: #FFD700;">107</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_108|<span style="color: #FFD700;">108</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_109|<span style="color: #FFD700;">109</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">110</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
+
== Phönixglanz verliert ihre Kraft und das Vertrauen der Menschen ==
</div>
+
 
 +
 
 +
Es wird erzählt, daß die Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.</ref> sich aufsetzte und sprach: „Ich bin nun schon über sechzig Jahre in eurer Familie. Von meiner Jugend bis ins hohe Alter habe ich das Glück bis zur Neige genossen. Seit eurem Vater angefangen, waren Söhne und Enkel allesamt tüchtig. Nur Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.</ref> — den habe ich umsonst geliebt …" Bei diesen Worten ließ sie ihren Blick über alle im Raum schweifen. Frau König<ref>Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref> schob Schatzjade zum Bett. Die Herzoginmutter streckte die Hand unter der Decke hervor und ergriff Schatzjades Hand: „Mein Kind, du mußt dich zusammennehmen!" Schatzjade antwortete, doch ihm wurde das Herz schwer, und die Tränen wollten fließen. Er wagte aber nicht zu weinen und stand nur da, während die Herzoginmutter weitersprach: „Ich möchte noch einen Urenkel sehen, dann bin ich beruhigt. Wo ist mein Lan'er?"
 +
 
 +
Frau Li<ref>Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.</ref> schob Lan Kaufmann<ref>Lan Kaufmann: Chin. 贾兰 (Jiǎ Lán), wörtl. „Orchidee". Sohn von Zhu Kaufmann und Frau Li, Enkel von Aufrecht Kaufmann.</ref> nach vorn. Die Herzoginmutter ließ Schatzjades Hand los und ergriff die von Lan Kaufmann: „Deine Mutter ist eine pflichtbewußte Frau. Wenn du einmal etwas geworden bist, laß auch deine Mutter in Ehren erstrahlen! — Wo ist mein Phönixmädchen?"
 +
 
 +
Phönixglanz<ref>Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.</ref> hatte die ganze Zeit neben der Herzoginmutter gestanden und trat nun eilig vor: „Hier bin ich." Die Herzoginmutter sagte: „Mein Kind, du warst nur allzu klug. Von nun an solltest du Gutes tun und dir Verdienste sammeln. Auch ich habe nicht viel Gutes getan — nur ein aufrichtiges Herz gehabt, das mir Verluste einbrachte. Was das Fasten und Beten angeht, habe ich auch nicht viel davon gehalten. Nur voriges Jahr habe ich einige Abschriften des Diamant-Sutra herstellen und verteilen lassen — sind die alle verteilt?" Phönixglanz sagte: „Noch nicht." Die Herzoginmutter sagte: „Man hätte sie längst verteilen sollen. — Unser ältester Herr und Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 (Jiǎ Zhēn). Herr des Ning-Palastes.</ref> sind wohl draußen? Am ärgerlichsten ist, daß die Xiang-Schwester kein Herz hat — warum kommt sie mich gar nicht besuchen?" Mandarinenente<ref>Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.</ref> und die anderen, die den wahren Grund wohl kannten, sagten kein Wort.
 +
 
 +
Die Herzoginmutter blickte noch einmal zu Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.</ref> hinüber und seufzte. Da sah man, daß ihr Gesicht sich rötete. Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.</ref> erkannte sofort, daß es das Aufleuchten vor dem Ende war, und flößte ihr eilig Ginsengbrühe ein — doch die Herzoginmutter hatte die Zähne bereits fest zusammengebissen. Sie schloß die Augen für einen Augenblick, öffnete sie wieder und blickte im ganzen Zimmer umher. Frau König und Schatzspange stützten sie sanft von oben, während Frau Strafe<ref>Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.</ref> und Phönixglanz ihr eilig die Sterbekleider anlegten. Unten hatten die alten Frauen bereits das Totenbett aufgestellt und mit Decken belegt. Da hörte man im Hals der Herzoginmutter ein leises Rasseln, und über ihr Gesicht glitt ein letztes Lächeln — sie war dahin. Sie wurde dreiundachtzig Jahre alt. Die alten Frauen legten sie eilig auf das Totenbett.
 +
 
 +
Daraufhin knieten Aufrecht Kaufmann und die anderen Herren auf der einen Seite, Frau Strafe und die anderen Frauen auf der anderen, und alle brachen gemeinsam in lautes Wehklagen aus. Draußen hatten die Diener alles vorbereitet; als die Nachricht aus dem Inneren kam, wurden vom großen Tor des Rong-Palastes bis zu den Innentüren sämtliche Türflügel weit aufgerissen und mit weißem Papier bezogen. Die Trauerzelte ragten empor, und vor dem großen Tor wurde der Trauerbogen sogleich errichtet. Das gesamte Personal legte unverzüglich Trauerkleidung an. Aufrecht Kaufmann meldete seine Trauerzeit beim Amt <ref>„Ding You" — nach konfuzianischem Ritus mußte ein Beamter bei Tod der Eltern sein Amt für eine bestimmte Zeit niederlegen</ref>. Das Ritenministerium erstattete dem Thron Bericht. Der gnädige Kaiser, eingedenk der Verdienste der Familie über Generationen und da die Herzoginmutter zudem die Großmutter der kaiserlichen Gemahlin Frühlingsbeginn war, schenkte tausend Tael Silber und befahl dem Ritenministerium, die Haupttrauerfeier auszurichten. Die Diener verbreiteten die Todesnachricht an alle Verwandten und Bekannten. Obwohl alle wußten, daß die Kaufmann-Familie in Ungnade gefallen war, kamen sie angesichts der kaiserlichen Ehren in großer Zahl zum Trauerbesuch. Zu einem günstigen Zeitpunkt wurde der Leichnam in den Sarg gelegt und im Hauptsaal aufgebahrt.
 +
 
 +
Da Begnadigung Kaufmann<ref>Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 (Jiǎ Shè), wörtl. „Begnadigung". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.</ref> nicht daheim war, war Aufrecht Kaufmann der älteste Anwesende. Schatzjade, Unheil Kaufmann<ref>Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 (Jiǎ Huán). Jüngerer Halbbruder von Schatzjade.</ref> und Lan Kaufmann waren leibliche Enkel und noch jung — sie mußten am Sarg wachen. Kette Kaufmann war zwar auch ein leiblicher Enkel, konnte aber zusammen mit Hibiskus Kaufmann<ref>Hibiskus Kaufmann: Chin. 贾蓉 (Jiǎ Róng). Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref> die Diener einteilen und die Geschäfte führen. Obwohl man einige Verwandte beiderlei Geschlechts zur Hilfe herangezogen hatte, mußten im Inneren Frau Strafe, Frau König, Frau Li, Phönixglanz und Schatzspange am Sarg klagen. Dame Sonders hätte zwar helfen können, doch seit Herrlichkeit Kaufmanns Abwesenheit lebte sie im Rong-Palast und hatte sich stets zurückgehalten; zudem war sie mit den Angelegenheiten des Prunkwille-Anwesenes nicht sonderlich vertraut. Von Hibiskus Kaufmann' junger Frau ganz zu schweigen. Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.</ref> war noch jung; zwar war sie hier aufgewachsen, doch von den Haushaltsangelegenheiten verstand sie gar nichts. So war im Inneren wahrhaftig niemand, der alles zusammenhielt. Nur Phönixglanz konnte die inneren Angelegenheiten leiten, zumal Kette Kaufmann draußen die Fäden in der Hand hielt — die beiden zusammen ergänzten sich ganz gut.
 +
 
 +
Phönixglanz hatte anfangs im Vertrauen auf ihr Talent erwartet, daß sie nach dem Tod der Herzoginmutter groß auftrumpfen könnte. Frau Strafe und Frau König wußten, daß sie schon die Trauerfeierlichkeiten für Frau Qin des Ning-Palastes organisiert hatte und gewiß alles tadellos erledigen würde. So übertrugen sie Phönixglanz abermals die Gesamtleitung der inneren Angelegenheiten. Phönixglanz konnte natürlich nicht ablehnen und nahm an. Sie dachte bei sich: „Die Angelegenheiten hier habe ich ohnehin immer geführt; die Dienstboten sind meine Leute. Die Leute der Herrschaften und der Schwägerin aus dem Ning-Palast, die schwer zu handhaben waren, sind alle fort. Zwar gibt es keine Kontrollplaketten mehr für das Geld, doch das Geld selbst ist vorhanden. Und draußen hat unser Mann alles in der Hand. Auch wenn es mir gesundheitlich nicht gut geht — ich denke, es wird keine Kritik geben; es muß besser werden als damals im Ning-Palast."
 +
 
 +
Innerlich gefaßt, wollte sie zunächst den dritten Tag abwarten <ref>„jie san" — die Zeremonie am dritten Tag nach dem Tod</ref>, um am übernächsten Morgen die Aufgaben zu verteilen. Sie ließ der Frau von Zhou Rui ausrichten, das Personalverzeichnis heraufzubringen. Phönixglanz sah es sorgfältig durch: Insgesamt gab es nur einundzwanzig männliche und neunzehn weibliche Dienstboten. Die übrigen waren nur Mägde, zusammen mit den Mägden aus allen Gemächern nicht mehr als dreißig Personen — viel zu wenig, um alle Dienste zu besetzen. Sie dachte: „Bei dieser Trauerfeier haben wir weniger Personal als damals beim Ning-Palast." Sie ließ noch einige vom Landgut kommen, doch auch das reichte nicht.
 +
 
 +
Gerade als sie nachrechnete, kam ein kleines Mädchen und sagte: „Schwester Mandarinenente läßt die Zweite Herrin bitten." Phönixglanz ging hinüber. Da sah sie Mandarinenente, die wie ein Tränenmeer aussah, und Mandarinenente ergriff Phönixglanz' Hand und sagte: „Zweite Herrin, bitte setzt Euch, ich will Euch einen Kotau machen. Zwar verneigt man sich in der Trauerzeit nicht, aber diesen Kotau muß ich machen." Damit kniete Mandarinenente nieder. Phönixglanz erschrak und hielt sie fest: „Was soll das? Sag, was du zu sagen hast." Mandarinenente kniete noch, und Phönixglanz zog sie hoch. Mandarinenente sagte: „Die Angelegenheiten der Herzoginmutter, innen wie außen, liegen bei dem Zweiten Herrn und der Zweiten Herrin. Das Geld dafür hat die Herzoginmutter hinterlassen. Die Herzoginmutter hat ihr ganzes Leben lang nie Geld verschwendet, und nun, bei dieser letzten großen Angelegenheit, bitte ich die Zweite Herrin, es würdig und angemessen zu erledigen. Vorhin habe ich den Herrn etwas von ‚so sagt der Meister, so stehen die Lieder' sagen hören — ich habe nichts davon verstanden. Dann sagte er etwas von ‚Trauerriten sollen eher schlicht als aufwendig, eher von echter Trauer als von äußerem Prunk sein' <ref>Zitat aus den „Gesprächen des Konfuzius" (Lunyu)</ref> — das habe ich noch weniger begriffen. Ich habe die Zweite Herrin Schatzspange gefragt, und sie sagte, der Herr meine: Die Trauerfeier solle aufrichtig traurig sein, das sei wahre Pietät; man brauche nicht verschwenderisch und auf äußeren Schein bedacht zu sein. Ich denke aber — wie sollte eine solche Person wie die Herzoginmutter es nicht verdienen, würdig bestattet zu werden? Ich bin nur eine Sklavin und Magd; was wage ich schon zu sagen? Nur hat die Herzoginmutter die Zweite Herrin und mich so sehr geliebt — soll man sie im Tod nicht in Glanz und Ehren entlassen? Ich weiß, daß die Zweite Herrin große Dinge bewerkstelligen kann, deshalb habe ich Euch hergebeten, damit Ihr entscheidet. Im Leben gehörte ich der Herzoginmutter, und im Tode gehöre ich auch ihr. Wenn ich nicht sehe, daß ihre Angelegenheit gut erledigt wird — wie soll ich der Herzoginmutter in der anderen Welt gegenübertreten?"
 +
 
 +
Phönixglanz hörte diese seltsamen Worte und sagte: „Sei unbesorgt. Die Würde zu wahren ist nicht schwer. Auch wenn der Herr von Sparsamkeit spricht — die Form muß stimmen. Selbst wenn wir das ganze Geld für die Herzoginmutter ausgeben, ist das nur recht und billig." Mandarinenente sagte: „Die Herzoginmutter hat in ihrem letzten Willen gesagt, alles, was übrig ist, solle uns gehören. Wenn die Zweite Herrin das Geld nicht reichen sollte, nehmt ruhig davon und setzt es ein. Selbst wenn der Herr etwas dagegen sagt — man kann doch den letzten Willen der Herzoginmutter nicht mißachten. Zudem hat der Herr die Verteilung doch selbst mit angehört."
 +
 
 +
Phönixglanz sagte: „Du bist doch sonst die Klügste — warum diese Aufregung?" Mandarinenente sagte: „Ich bin nicht aufgeregt, sondern besorgt. Die Erste Herrin [Frau Strafe] kümmert sich um nichts. Der Herr fürchtet Aufsehen. Wenn nun auch die Zweite Herrin so denkt wie der Herr — wenn sie sagt: ‚Eine Familie, die schon durchsucht wurde, wie kann die noch eine prunkvolle Trauerfeier abhalten, sonst wird man abermals durchsucht' — und man deshalb die Herzoginmutter vernachlässigt, was dann? Ich als Magd habe nichts zu verlieren, aber es geht um den Ruf der Familie." Phönixglanz sagte: „Ich verstehe. Sei ganz beruhigt — ich bin ja da!" Mandarinenente bedankte sich tausendmal und vertraute alles Phönixglanz an.
 +
 
 +
Phönixglanz ging hinaus und dachte: „Mandarinenente ist ein merkwürdiges Geschöpf — was hat sie sich nur in den Kopf gesetzt? Vernünftig betrachtet, sollte die Trauerfeier natürlich würdig sein. Ach! Lassen wir das, ich erledige es einfach so, wie es unserer Familie früher entsprach." So ließ sie die Frau von Wang'er kommen und sagte, man solle den Zweiten Herrn hereinbitten.
 +
 
 +
Bald darauf kam Kette Kaufmann und sagte: „Warum suchst du mich? Du brauchst nur innen auf alles zu achten. Letztlich entscheiden der Herr und die Herrschaften; was die sagen, das tun wir." Phönixglanz sagte: „Jetzt redest du auch schon so — da hat Mandarinenente also recht behalten." Kette Kaufmann fragte: „Was hat Mandarinenente gesagt?" Phönixglanz erzählte ihm alles. Kette Kaufmann sagte: „Was schert mich deren Gerede? Vorhin hat mich der Zweite Herr gerufen und gesagt: ‚Die Trauerfeier für die Herzoginmutter soll zwar ordentlich sein, aber wer Bescheid weiß, wird sagen, die Herzoginmutter hat sich selbst versorgt. Wer es nicht weiß, wird sagen, wir hätten Vermögen versteckt und lebten in Wahrheit im Überfluß. Das übriggebliebene Geld der Herzoginmutter — wer will es denn? Es soll für die Herzoginmutter verwendet werden: Die Herzoginmutter stammt aus dem Süden; zwar gibt es dort eine Grabstätte, doch noch keine Grabanlage. Ihr Sarg soll in den Süden überführt werden, und mit dem Geld sollen auf dem Ahnenfriedhof Gebäude errichtet werden. Was übrig bleibt, soll als Opferland angelegt werden. Wenn wir zurückkehren, ist es gut; und wenn nicht, können die armen Verwandten dort wohnen und zu den rechten Zeiten Weihrauch brennen und die Gräber pflegen.' Findest du das nicht vernünftig? Willst du etwa alles auf einmal ausgeben?"
 +
 
 +
Phönixglanz fragte: „Ist das Geld denn schon ausgegeben worden?" Kette Kaufmann sagte: „Wer hat je Geld gesehen? Ich habe gehört, daß unsere Herrin [Frau Strafe], als sie die Worte des Zweiten Herrn hörte, eifrig Frau König und den Zweiten Herrn bestärkt hat: ‚Das ist eine gute Idee!' Was soll ich da machen? Draußen braucht man für die Trauerzelte und Sargträger einige hundert Tael, und noch immer ist nichts ausgezahlt worden. Wenn ich hingehe, sagen alle, es sei vorhanden, man solle erst draußen anfangen, die Abrechnung komme später. Denk doch nur: Von den Dienern sind die, die Geld haben, längst verschwunden. Wenn man sie nach dem Verzeichnis rufen läßt, sagen die einen, sie seien krank, die anderen, sie seien aufs Landgut gefahren. Die wenigen, die nicht mehr laufen können, verstehen sich aufs Geldverdienen, aber nicht aufs Drauflegen!" Phönixglanz hörte das und war eine Weile wie versteinert: „Wie soll man da noch etwas ausrichten?"
 +
 
 +
Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen und richtete aus: „Die Erste Herrin läßt fragen: Es ist der dritte Tag; drinnen herrscht noch das Chaos. Die Speisen sind aufgetragen, aber sollen die Verwandten noch warten? Man hat eine halbe Ewigkeit gerufen, endlich kamen die Speisen — aber der Reis fehlt. Was ist das für eine Art, Dinge zu erledigen?" Phönixglanz eilte hinein und trieb die Leute an, das Frühstück notdürftig abzuwickeln. Doch an diesem Tag kamen besonders viele Gäste. Die Dienerinnen standen mit toten Augen da. Phönixglanz mußte persönlich eine Weile alles überwachen. Zugleich mußte sie an die Diensteinteilung denken. Sie kam eilig heraus, ließ die Frau von Wang'er alle Dienerinnen zusammenrufen und verteilte die Aufgaben einzeln. Die Leute sagten alle ja, rührten sich aber nicht. Phönixglanz fragte: „Was ist das für eine Zeit — warum werden die Speisen nicht aufgetragen?" Die Leute sagten: „Speisen auftragen ist leicht — aber erst müssen die Sachen von drinnen herausgegeben werden, dann können wir aufpassen." Phönixglanz rief: „Ihr dummen Dinger! Wenn ihr eingeteilt seid, bekommt ihr auch alles." Die Leute fügten sich widerwillig.
 +
 
 +
Phönixglanz ging sogleich in die oberen Gemächer, um die benötigten Gegenstände zu holen. Sie wollte Frau Strafe und Frau König um Erlaubnis bitten, doch es waren zu viele Leute da, um frei zu reden. Die Sonne neigte sich schon gen Westen. Schließlich fand sie Mandarinenente und bat um das Tafelgeschirr, das die Herzoginmutter aufbewahrt hatte. Mandarinenente sagte: „Das fragst du mich? In dem Jahr, als der Zweite Herr es versetzt hat — ist es denn je ausgelöst worden?" Phönixglanz sagte: „Nicht die silbernen oder goldenen — nur das gewöhnliche Geschirr." Mandarinenente sagte: „Was meint Ihr, woher das Geschirr kommt, das die Erste Herrin und die Schwägerin aus dem Ning-Palast gerade benutzen?" Phönixglanz sah ein, daß sie recht hatte, drehte sich um und ging. Sie mußte schließlich zu Frau König gehen, wo sie mit Hilfe von Yuchuan und Farbwölkchen ein Garnitur auftrieb, ließ Caiming alles in eine Liste eintragen und verteilte es an die Leute.
  
<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
+
Mandarinenente sah, wie aufgelöst Phönixglanz war, und konnte sie auch nicht zurückrufen. Sie dachte bei sich: „Früher erledigte sie alles so forsch und umsichtig — wie kommt es, daß man ihr jetzt so die Hände bindet? Seit zwei, drei Tagen kommt sie zu gar nichts — da hat die Herzoginmutter sie wohl umsonst geliebt!" Doch sie wußte nicht, daß Frau Strafe, als sie Aufrecht Kaufmanns Worte hörte, damit ganz auf ihrer Linie lag, die für die Zukunft sparen wollte, und es ihr nur recht war, wenn man etwas zurückhielt. Zudem war die Trauerfeier eigentlich Sache des ältesten Sohnes; da Begnadigung Kaufmann nicht da war, sagte Aufrecht Kaufmann bei allem: „Man frage die Erste Herrin." Frau Strafe aber kannte Phönixglanz' verschwenderische Art und Kette Kaufmanns Hang zum Leichtsinn, und so hielt sie die Zügel straff und gab nichts frei. Mandarinenente aber glaubte, das Geld sei bereits ausgegeben worden, und als sie sah, wie Phönixglanz behindert wurde, argwöhnte sie, Phönixglanz gebe sich nicht genug Mühe. So jammerte und klagte sie unablässig vor dem Sarg der Herzoginmutter. Frau Strafe und die anderen hörten, daß ihre Worte Anspielungen enthielten, dachten aber nicht daran, daß sie selbst es waren, die Phönixglanz nicht frei handeln ließen, sondern sagten: „Phönixglanz gibt sich wirklich keine rechte Mühe."
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_110|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_110|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
</div>
 
  
= Kapitel 110 =
+
Am Abend rief Frau König Phönixglanz zu sich und sagte: „Unsere Familie mag zwar nicht mehr so wohlhabend sein, aber den äußeren Anstand muß man wahren. Diese zwei, drei Tage, mit all dem Kommen und Gehen — die Leute werden nicht richtig versorgt; vermutlich hast du keine Anweisungen gegeben. Du mußt dir schon etwas mehr Mühe geben." Phönixglanz hörte das und erstarrte. Sie wollte das Problem mit dem fehlenden Geld ansprechen, doch das Geld lag in der Hand der Männer, und Frau König sprach von mangelhafter Versorgung — da wagte Phönixglanz nicht zu widersprechen und schwieg. Frau Strafe, die daneben stand, sagte: „Eigentlich sollten wir Schwiegertöchter uns kümmern, nicht die Enkelschwiegertochter. Aber da wir uns nicht rühren können, haben wir dich beauftragt — du darfst die Hände nicht in den Schoß legen." Phönixglanz lief purpurrot an und wollte gerade erwidern, als draußen die Trauermusik einsetzte — es war die Zeit des abendlichen Papierverbrennens. Alle brachen in Wehklagen aus, und Phönixglanz kam nicht mehr zu Wort. Sie hatte vorgehabt, später darauf zurückzukommen, doch Frau König schickte sie hinaus: „Hier sind wir. Geh schnell und kümmere dich um die Vorbereitungen für morgen."
== 史太君寿终归地府 / 王凤姐力诎失人心 ==
+
 
 +
Phönixglanz wagte nicht mehr zu widersprechen. Mit verhaltenen Tränen und unterdrücktem Schluchzen ging sie hinaus, ließ alle zusammenrufen und gab abermals Anweisungen: „Liebe Frauen und Tanten, habt Erbarmen mit mir! Ich bin oben tüchtig gescholten worden, weil ihr nicht ordentlich arbeitet und man sich blamiert. Morgen strengt euch bitte an!" Die Leute antworteten: „Die Zweite Herrin hat schon öfter Dinge erledigt, das ist ja nichts Neues — würden wir es wagen, uns zu widersetzen? Nur ist es diesmal oben besonders umständlich. Allein das Essen: Manche essen hier, manche wollen zu Hause essen; man lädt diese Dame ein, aber jene kommt nicht — wie soll man es allen recht machen? Wir bitten nur die Zweite Herrin, den Mädchen zu sagen, sie sollen weniger mäkeln." Phönixglanz sagte: „Das Schwierigste sind die Mägde der Herzoginmutter — die sind schwer zu handhaben. Und die Mägde der Herrschaften sind auch nicht einfach. Wen soll ich denn zur Ordnung rufen?"
 +
 
 +
Die Leute sagten: „Als die Zweite Herrin damals die Trauerfeier im Ning-Palast leitete — da war sie doch nur die Stellvertreterin, und trotzdem: prügeln und schimpfen, wie entschlossen war sie da! Wer hätte es gewagt, ihr zu widersprechen? Und jetzt kann sie die Mädchen nicht mehr bändigen?" Phönixglanz seufzte: „Im Ning-Palast wurde mir die Aufgabe zwar übertragen, aber die Herrschaften waren dort nur Gäste und mischten sich nicht ein. Jetzt ist es unsere eigene Angelegenheit, und es geht um gemeinsames Geld — da kann jeder mitreden. Außerdem kommt von draußen das Geld nicht. Wenn man für das Trauerzelt etwas braucht und es bestellt — es kommt einfach nicht. Was soll ich da machen?"
 +
 
 +
Die Leute sagten: „Der Zweite Herr ist doch draußen zuständig — sollte er nicht liefern?" Phönixglanz sagte: „Fragt mich nicht. Er hat es auch schwer. Erstens hat er das Geld nicht in der Hand; für jede Kleinigkeit muß er erst bitten, und das dauert." Die Leute sagten: „Ist das Geld der Herzoginmutter denn nicht in den Händen des Zweiten Herrn?" Phönixglanz sagte: „Fragt die Verwalter — die werden es euch sagen." Die Leute sagten: „Kein Wunder! Draußen beschweren sich die Männer: ‚Bei einem so großen Anlaß kriegen wir keinen Pfennig — nur die Drecksarbeit.' Da soll man sich wundern, daß niemand mit dem Herzen dabei ist?"
 +
 
 +
Phönixglanz sagte: „Jetzt reicht es. Was vor Augen liegt, darauf achtet bitte. Wenn es oben Ärger gibt, lasse ich euch nicht davonkommen!" Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin kann befehlen, was sie will — wir wagen nicht zu maulen. Nur daß oben jeder eine andere Meinung hat — das macht es uns wirklich schwer." Phönixglanz sah ein, daß nichts zu machen war, und bat: „Gute Frauen, morgen helft mir wenigstens einen Tag. Wenn ich mit den Mädchen alles geklärt habe, reden wir weiter." Die Leute gehorchten und gingen.
 +
 
 +
Phönixglanz hatte den Bauch voller Kummer. Je mehr sie nachdachte, desto zorniger wurde sie. Erst bei Tagesanbruch mußte sie wieder hinauf. Sie wollte die Leute aller Gemächer in Ordnung bringen, fürchtete aber den Zorn von Frau Strafe. Sie wollte mit Frau König reden, doch Frau Strafe hetzte dagegen. Die Mägde, die sahen, daß Frau Strafe und die anderen Phönixglanz nicht den Rücken stärkten, benahmen sich erst recht unverschämt. Zum Glück vermittelte Friedchen<ref>Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.</ref> und sagte: „Die Zweite Herrin würde es ja gern gut machen, aber der Herr und die Herrschaften haben draußen angeordnet, daß nicht verschwendet werden darf. Deshalb kann unsere Zweite Herrin nicht alles befriedigen." Erst nach mehrmaligem Erklären kehrte etwas Ruhe ein.
 +
 
 +
Obwohl Mönche Sutren rezitierten und Priester Bußzeremonien hielten, Trauerbesuche und Opfermähler einander ablösten, wurde wegen der Knauserei mit dem Geld niemand zum Eifer angetrieben, und alles geschah nur notdürftig. An den folgenden Tagen kamen nicht wenige kaiserliche Gemahlinnen und hohe Damen, doch Phönixglanz konnte nicht hinaufgehen und sie empfangen; sie mußte unten improvisieren. Hatte sie die eine gerufen, lief die andere weg; bald wurde sie unwirsch, bald mußte sie flehen; kaum hatte sie eine Sache hinter sich gebracht, kam die nächste. Nicht nur Mandarinenente und die anderen fanden es unwürdig — selbst Phönixglanz konnte es in ihrem Herzen nicht verantworten.
 +
 
 +
Frau Strafe, obwohl sie als Erste Herrin die Hauptverantwortung trug, berief sich auf die vier Worte „Aufrichtige Trauer ist wahre Pietät" und kümmerte sich um nichts. Frau König konnte nur Frau Strafe folgen; die übrigen taten noch weniger. Nur Frau Li durchschaute Phönixglanz' Not, wagte aber nicht, für sie zu sprechen. Sie seufzte nur bei sich: „Wie das Sprichwort sagt: ‚Die Pfingstrose mag noch so schön sein — sie braucht grüne Blätter, die sie stützen.' Wenn die Herrschaften Phönixglanz im Stich lassen, wer hilft ihr dann? Wenn die Dritte Schwester noch da wäre, ginge es. Jetzt hat Phönixglanz nur ihre eigenen wenigen Leute, die kopflos herumrennen und sich hinter ihrem Rücken beschweren, daß sie keinen Pfennig zu sehen bekommen und auch keine Ehre einlegen können. Der Herr denkt nur an die Pietät und versteht von praktischen Dingen nichts. Bei einem so großen Anlaß — wie soll man das ohne Geld bewerkstelligen? Die arme Phönixglanz — jahrelang hat sie sich abgemüht, und ausgerechnet bei der Sache der Herzoginmutter wird sie wohl ihr Gesicht verlieren." Dann rief sie bei Gelegenheit ihre eigenen Leute zusammen und wies sie an: „Schaut nicht auf die anderen und behandelt die Zweite Herrin Kette schlecht. Denkt nicht, daß Trauerkleider tragen und am Sarg wachen schon alles sei — man muß nur ein paar Tage durchstehen. Wenn ihr seht, daß die Leute nicht zurechtkommen, helft ein wenig — es ist ja das Gemeinwohl, und alle sollten sich einsetzen." Ihre Leute, die Frau Li von jeher gehorchten, stimmten zu und sagten: „Die Erste Herrin hat ganz recht; wir würden so etwas nicht wagen. Nur hören wir aus dem Ton der Schwester Mandarinenente heraus, als ob man der Zweiten Herrin Kette die Schuld gäbe."
 +
 
 +
Frau Li sagte: „Auch Mandarinenente habe ich es gesagt. Ich sagte: Die Zweite Herrin Kette gibt sich bei der Sache der Herzoginmutter durchaus Mühe. Nur hat sie kein Geld in der Hand — soll sie als kluge Frau auch noch Brei aus Nichts kochen? Jetzt versteht Mandarinenente es auch und gibt ihr nicht mehr die Schuld. Nur ihr Benehmen ist seltsam — nicht mehr wie früher. Damals, als die Herzoginmutter sie noch liebte, hat sie nie ihre Macht ausgespielt; jetzt, da die Herzoginmutter tot ist und niemand mehr hinter ihr steht — da scheint mir ihr Wesen verändert. Vorher habe ich mir Sorgen um sie gemacht — zum Glück ist der Erste Herr nicht zu Hause, so ist sie davongekommen; sonst — was hätte sie tun können?"
 +
 
 +
Während sie sprach, kam Lan Kaufmann herein und sagte: „Mutter, geh schlafen. Den ganzen Tag Gäste empfangen — du bist erschöpft, ruh dich aus. Ich habe seit Tagen kein Buch angerührt. Heute hat der Großvater gesagt, ich könne zu Hause schlafen. Ich bin ganz froh und möchte ein, zwei Bücher durchgehen, sonst habe ich nach der Trauerzeit alles vergessen." Frau Li sagte: „Braves Kind, Bücher lesen ist natürlich gut. Aber heute ruh dich erst aus — lies, wenn die Herzoginmutter bestattet ist." Lan Kaufmann sagte: „Wenn Mutter schlafen will, schlafe ich auch, und denke im Bett über den Stoff nach."
 +
 
 +
Alle lobten: „Was für ein braver junger Herr! In seinem Alter und denkt sofort an die Bücher! Ganz anders als der Zweite Herr Schatzjade: ein verheirateter Mann und noch immer so kindisch. Diese Tage kniet er neben dem Herrn, und man sieht ihm an, wie unwohl es ihm ist. Kaum bewegt sich der Herr, läuft er zur Zweiten Herrin und tuschelt mit ihr. Wenn die ihn nicht mehr beachtet, sucht er Fräulein Kostbarzither Schnee auf. Kostbarzither Schnee weicht ihm aus, und die Xing-Schwester redet auch nicht viel mit ihm. Dagegen unsere eigene Cousine Xi und die Vierte Schwester — die nennen ihn ‚großer Bruder' hier und ‚großer Bruder' da und halten sich gern bei ihm auf. Wir meinen: Der Zweite Herr Schatzjade tut außer dem Umgang mit Damen und Fräulein wohl gar nichts. Die arme Herzoginmutter hat ihn umsonst geliebt. Wo reicht er auch nur an ein Zehntel des jungen Herrn Lan heran? Die Erste Herrin wird sich eines Tages nicht zu sorgen brauchen." Frau Li sagte: „Selbst wenn er tüchtig wird — er ist noch klein. Und bis er groß ist, wer weiß, wie es dann um unsere Familie steht. Und wie findet ihr den jungen Herrn Huan?"
 +
 
 +
Die Leute sagten: „Der ist noch schlimmer! Seine Augen sind wie die eines lebhaften Affen — sie schweifen hierhin und dorthin. Zwar heult er mit den anderen, aber sobald eine Dame oder ein Fräulein kommt, lugt er hinter dem Trauervorhang hervor und glotzt sie an." Frau Li sagte: „Er ist eigentlich auch nicht mehr so jung; neulich hieß es, man wolle ihm eine Braut suchen. Jetzt muß man damit wieder warten. Ach! Noch etwas: Die Leute in unserer Familie — das läßt sich auch nicht so leicht klären. Aber lassen wir das Gerede. Übermorgen wird die Beisetzung gefeiert — wie steht es mit den Wagen für die einzelnen Gemächer?"
 +
 
 +
Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin Kette ist in den letzten Tagen ganz von Sinnen; sie hat noch nichts nach draußen bestellt. Gestern haben wir die Männer draußen sagen hören: Der Zweite Herr hat den Zweiten Herrn Qiang mit den Vorbereitungen beauftragt. Unsere eigenen Wagen reichen nicht, und Kutscher sind auch zu wenig — man muß bei Verwandten borgen." Frau Li lachte: „Man kann auch Wagen borgen?" Die Leute sagten: „Die Herrin scherzt. Warum sollte man keine Wagen borgen können? Nur ist an dem Tag bei allen Verwandten auch Bedarf an Wagen — da wird es schwer, welche zu borgen. Man wird wohl auch mieten müssen." Frau Li sagte: „Für die niederen Dienstboten mag man mieten — aber auch die weißen Trauerwagen für die Herrschaften?" Die Leute sagten: „Nehmt nur die Erste Herrin, die Schwägerin aus dem Ning-Palast und die junge Frau Hibiskus — die haben alle keine Wagen mehr. Wenn man nicht mietet, wo sollen sie herkommen?" Frau Li seufzte: „Früher, wenn Verwandte unserer Familie in gemieteten Wagen kamen, haben wir sie ausgelacht. Jetzt trifft es uns selbst. Sagt morgen euren Männern: Unsere Wagen und Pferde sollen rechtzeitig bereitstehen — damit es kein Gedränge gibt." Die Leute bejahten und gingen.
 +
 
 +
Nun wird berichtet, daß Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.</ref>, weil ihr Mann krank lag, nach dem Tod der Herzoginmutter nur einmal gekommen war. Da übermorgen die Beisetzung stattfand, konnte sie nicht fernbleiben. Zudem hatte sich die Krankheit ihres Mannes als Schwindsucht erwiesen, die vorläufig nicht lebensbedrohlich war. So kam sie am Abend vor der Totenwache. Sie dachte an die Liebe, die ihr die Herzoginmutter immer erwiesen hatte, und an ihr eigenes bitteres Schicksal — kaum hatte sie einen Mann geheiratet, der schön und begabt war und einen guten Charakter hatte, da mußte er ausgerechnet an dieser Krankheit leiden, und es war nur noch ein Dahinschleppen von Tag zu Tag. So wurde ihr Schmerz nur noch größer, und sie weinte eine halbe Nacht, ohne daß Mandarinenente und die anderen sie trösten konnten.
 +
 
 +
Schatzjade blickte sie an und war von Trauer überwältigt, doch wagte er nicht vorzutreten und sie zu trösten. Er sah, wie sie leicht geschminkt und in schlichtem Gewand — ohne Rouge und Puder — noch schöner war als vor ihrer Heirat. Dann blickte er zu Kostbarzither Schnee und den anderen, die ebenfalls schlicht gekleidet waren und doch von strahlender Anmut. Und als er Schatzspange ansah, in voller Trauer, war diese besondere Eleganz noch eindrucksvoller als in farbiger Kleidung. Er dachte: „Die Alten sagten: ‚Unter Tausend von Rot und Purpur gebührt der Pflaumenblüte der erste Rang.' Nun sehe ich: Das liegt nicht nur daran, daß die Pflaume früh blüht — nein, die vier Worte ‚Rein, weiß, klar, duftend' sind wahrhaft unerreicht. Nur — wenn jetzt auch Schwester Lin so gekleidet wäre, wie unvergleichlich wäre ihre Anmut erst!" Bei diesem Gedanken wurde ihm schwer ums Herz, die Tränen rollten herab, und er nutzte den Anlaß der Trauerfeier, um hemmungslos zu weinen.
 +
 
 +
Die Leute trösteten gerade Xiangfluss-Wolke, als draußen plötzlich ein weiteres Schluchzen ertönte. Alle dachten, er trauere um die Herzoginmutter, die ihn so geliebt hatte. Doch in Wahrheit hatte jeder von beiden seine eigenen Tränen. Dieses gemeinsame große Weinen rührte alle Anwesenden zu Tränen. Erst Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.</ref> und Frau Li, die Tante, konnten sie beruhigen.
  
Wirtschaftlichkeit gegeben, und es gibt nichts, was sie dagegen tun kann.“
+
Am nächsten Tag, der Nacht der Totenwache, ging es noch lebhafter zu. Phönixglanz konnte sich an diesem Tag kaum noch auf den Beinen halten und hatte kein Mittel mehr. Sie gab ihr Letztes und schrie sich die Kehle heiser, um den halben Tag zu überstehen. Am Nachmittag kamen noch mehr Verwandte und Bekannte, die Geschäfte häuften sich, und sie konnte vorn nicht aufpassen und gleichzeitig hinten alles regeln.
Buddhistische Sutren wurden gelesen, dauistische Feiern abgehalten, es gab einen endlosen Fluß ritueller Klagen und Opfer für den Geist der Verstorbenen. Aber irgendwie war alles sowohl beim Trauern als bei den Opferritualen, dem Motto des Einsparens unterworfen. Täglich kamen Gefolge von Prinzen und Damen von hohem Rang. Keine von ihnen konnte Hsi-fëng persönlich empfangen, da sie zu beschäftigt war, die Dinge hinter den Kulissen in Ordnung zu halten. Sobald sie einen Diener mobilisiert hatte, wurde ein anderer schon wieder vermißt. Sie verlor ihre Geduld, sie bettelte; sie schlug sich durch eine Sitzung und mußte sich dann mit neuen Problemen beschäftigen. Nun war Yüan-yang nicht die einzige, die bemerkte, daß die Dinge schief liefen. Sogar Hsi-fëng selbst wußte, zu ihrer großen Demütigung, daß der Beerdigungsempfang ein Chaos war.
 
Obwohl die Dame Hsing die Frau des älteren Sohnes der Verstorbenen war, war sie fähig, ihre Unwissenheit gegenüber den praktischen Maßnahmen mit folgendem kurzen Text zu rechtfertigen: ‚Trauer ist die Essenz der Demut.‘ - Die Dame Wang folgte dem, wie es all die anderen Damen der Familie taten – mit der einzigen Ausnahme von Li Wan. Sie sah die Schwierigkeiten, die Hsi-fëng hatte, und, obwohl sie sich nicht traute, für sich zu sprechen, seufzte sie und dachte: ‚Es gibt ein Sprichwort: ‚Die Mudan-Blüte kann erst durch den Kontrast zu ihrem Grün ihre wahre Schönheit erweisen.‘ Alle Damen waren immer von Hsi-fëng abhängig. Aber wie kann sie den Damen helfen, wenn die Diener nicht länger auf sie hören? Wenn Tan-tschun zu Hause wäre, könnte sie helfen. Aber so, wie die Dinge liegen, rennen sogar Hsi-fëngs eigene Diener im Kreis herum und reden hinter ihrem Rücken und jammern, daß sie hier keinen Profit machen können und daß sie sich nur für dumm verkaufen lassen. Vater ist ein großer Anhänger der töchterlichen Frömmigkeit. Aber er versteht nichts von praktischen Dingen. Bei so etwas Großem, wie einer Beerdigung, muß man Geld ausgeben, wenn die Dinge anständig laufen sollen. Arme Hsi-fëng! Nach all diesen Jahren, wer hätte da gedacht, daß sie sich bei der Beisetzung der Großmutter als unfähig erweist und ihr Gesicht verliert!“
 
Als sich eine Gelegenheit bot, sprach Li Wan zu ihren eigenen Dienern: „Nun, behandelt Fräulein Liän nicht respektlos, nur weil es alle anderen tun. Glaubt nicht, daß es für eine Beerdigung reicht, wenn die Leute Trauerkleidung tragen und die Totenwache halten! Glaubt nicht, daß es reichen wird, sich ein paar Tage durchzumogeln. Wenn ihr die anderen in Schwierigkeiten seht, dann müßt ihr helfen. Dies ist eine Familienangelegenheit. Jeder sollte sein Bestes tun, um zu helfen.
 
Li Wans vertraute Diener antworteten: „Sie haben sehr recht, Fräulein. Wir würden es im Traum nicht wagen, gegen Fräulein Liän vorzugehen. Aber Yüan-yang und die anderen scheinen sie zu beschuldigen.“
 
„Ich habe bereits mit Yüan-yang gesprochen“, sagte Li Wan. „Ich habe ihr gesagt, daß es nicht Fräulein Liäns Fehler ist; Fräulein Liän tut alles, was sie kann, um der Herzoginmutter eine anständige Beerdigung zu ermöglichen. Aber sie bekommt kein Geld. Wie kann die schlaueste Schwiegertochter der Welt Reisbrei ohne Reis kochen? Yüan-yang kennt nun die Wahrheit und sie beschuldigt Fräulein Liän nicht länger. Wohlgemerkt, benimmt sich Yüan-yang sehr seltsam, muß ich sagen, sie ist nicht so wie sonst. Als die Herzoginmutter noch lebte und sie liebte und beschützte, hat sie nie einen Ton gesagt, aber nun, da die Herzoginmutter tot ist und ihre Unterstützung weg ist, scheint sie sich auf eine sehr eigene Art zu benehmen. Ich habe Mitleid mit ihr. Sie sollte ihren günstigen Sternen danken, daß Herr Schë nicht zu Hause ist und daß sie diesem Schicksal entkommen ist. Wenn er hier wäre, würde ihre Zukunft wirklich schlimm aussehen.“
 
Als sie sprach, kam Djia Lan herein. „Es ist Zeit, zu Bett zu gehen, Mutter“, sagte er. „Die Gäste kamen und gingen den ganzen Tag, und du mußt ganz erschöpft sein. Es ist Zeit für dich auszuruhen. Ich habe nicht einmal in meine Bücher gesehen in den letzten paar Tagen. Heute sagte Großvater, daß ich zu Hause schlafen darf. Ich bin so froh, weil dies bedeutet, daß ich wieder etwas arbeiten kann. Andererseits, wenn die Zeit der Trauer vorbei ist, werde ich alles vergessen haben.“
 
„Du bist so ein guter Junge!“, sagte seine Mutter. „Natürlich hast du ein Recht darauf, zu studieren. Aber heute solltest du auch etwas ausruhen. Warte bis die Beisetzungsfeier vorüber ist, dann kannst du dich wieder an deine Bücher setzen!“ –
 
„Wenn du schlafen gehst“, antwortete Djia Lan, „gehe ich auch zu Bett und denke dort noch ein bißchen nach.“
 
Die Diener lobten ihn: „Was für ein wunderbarer Junge! So jung, aber so eifrig, jede Gelegenheit zum Studieren zu nutzen! Nicht wie sein Onkel. Herr Bau-yü mag ein verheirateter Mann sein, aber er ist nie erwachsen geworden. Ihn zu sehen, wie er dort unten mit Herrn Dschëng kniet – so linkisch und bemitleidenswert, darauf brennend, daß Herr Dschëng aufsteht, sodaß er weggehen kann, um Frau Bau-tschai zu finden und das Flüstern anfängt, Gott weiß worüber. Frau Bau-tschai schenkt ihm keine Aufmerksamkeit, und so geht er zu Fräulein Bau-tjin und belästigt sie. Auch sie erhört ihn nicht, und auch Fräulein Hsiu-yän will nicht mit ihm sprechen, und am Ende waren Fräulein Hsi-luan und Fräulein Si-djie die einzigen, die es tun. Sie hängen an jedem seiner Worte. Es scheint, daß Herr Bau-yü noch immer nur ein Interesse im Leben hat: mit den jungen Mädchen zu spielen. Es gibt kein bißchen Dankbarkeit in ihm, für die Art, wie die Herzoginmutter ihn in all den Jahren liebte. Er ist nicht wie Herr Lan! Sie haben sicherlich keinen Grund, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen, Herrin!“ –
 
„Er mag ein guter Junge sein“, kommentierte Li Wan, „aber er ist noch so jung. Wenn er erwachsen ist, wer weiß, was bis dahin aus der Familie geworden ist? Sagt mir, wie hat sich der junge Herr Huan benommen?“ –
 
„Oh, er ist eine richtige Schande!“, antwortete eine der Dienerinnen. „Ein richtiger kleiner Rabauke, hält seine Nase immer in die Angelegenheiten anderer Leute und schleicht sich herum. Selbst wenn er trauern soll, in dem Moment, in dem eine junge Dame ankommt, fängt er an, hinter den Abschirmungen hervorzuschauen.“ –
 
„Huan wird nun sehr erwachsen“, sagte Li Wan. „Neulich hörte ich etwas über seine Verlobung. Aber das mußte wegen der Beerdigung verschoben werden. Nun, kein Getuschel mehr: in so einer großen Familie wie unserer, wo so vieles vor sich geht, wird man nie fähig sein, alles in Ordnung zu bringen. Da war noch etwas anderes, das ich euch fragen wollte. Wurden die Kutschen schon für die Prozession übermorgen vorbereitet?“
 
„Fräulein Liän war in den letzten paar Tagen sehr beschäftigt“, kam die Antwort, „sie ist in einem entsetzlichen Zustand. Soweit wir wissen, hat sie noch keine Anweisungen wegen der Kutschen gegeben. Gestern hörten wir einen der Männer sagen, daß Herr Liän Herrn Tchiang dafür verantwortlich gemacht hat. Anscheinend haben wir selbst nicht genug Kutschen oder Fahrer, und sie planen, von Verwandten zu leihen.“
 
Li Wan lächelte: „Seid ihr sicher, daß unsere Verwandten mit dem Verleihen einverstanden sind?“ –
 
„Sie müssen scherzen, Fräulein! Natürlich leihen sie uns ihre Kutschen. Der Ärger ist, daß sie vielleicht ihre eigenen für die Beerdigung nutzen müssen, sodaß es aussieht, daß wir trotzdem welche mieten müssen.“ –
 
„Wir können Kutschen für die Diener mieten. Aber werden wir fähig sein, eine dezente, weiße Beerdigungskutsche für die Herzoginmutter zu finden?“, sagte Li Wan. Die anderen sagten: „Die Dame Hsing und beide, Frau You und Frau Jung vom Ning-guo-Anwesen, haben noch immer keine eigenen Kutschen. Wie sollen sie kommen, wenn wir keine mieten?“
 
Li Wan seufzte: „Ich erinnere mich an den Tag, als wir dachten, daß es ein Scherz sei, einen unserer Verwandten in einer geliehenen Kutsche zu sehen! Nun werden sie alle über uns lachen. Morgen müßt ihr den männlichen Dienern sagen, daß sie die Kutschen und Pferde lange vorher vorbereiten. Wir wollen in letzter Minute keine Panik.“
 
„Ja, Fräulein.“ Li Wans Diener machten sich an ihre Arbeit.
 
Unsere Geschichte wendet sich nun Schï Hsiang-yün zu. Zuvor konnte sie wegen der Krankheit ihres Mannes nur einmal zum Trauern kommen. Sie dachte, daß es nun, da es nur zwei Tage vor der Trauerprozession war, ihre Pflicht war, sich auf den Weg zu machen. Und da der Zustand ihres Mannes als Erschöpfung diagnostiziert wurde und er daher nicht mehr in Todesgefahr war, entschied sie sich, noch einmal vorbeizukommen. Sie kam am Tag vor der letzten Todeswache. Sie erinnerte sich an all die Liebe, die die Herzoginmutter für sie hatte, und dann wanderten ihre Gedanken zurück zu ihrem eigenen Schicksal, einen so angenehmen Mann geheiratet zu haben, einen Mann von so einer Anmut und einem Talent, so einer sanften Natur, nur um ihm zuzusehen, wie er ihr langsam und unaufhaltsam von einer Krankheit genommen wird. Sie weinte mit erneuter Trauer die halbe Nacht, trotz der anhaltenden Anstrengungen von Yüan-yang und den anderen Mädchen, sie zu trösten.
 
Bau-yü war vom Anblick der weinenden Hsiang-yün unerträglich erschüttert, aber er konnte sie inmitten der zeremoniellen Klagen kaum trösten. Die einfache Trauerkleidung, die sie trug, und das Fehlen von Schminke, schienen sie noch schöner zu machen als vor ihrer Hochzeit. Er drehte sich zu Bau-tjin und den anderen Mädchen um. Auch sie waren einfach gekleidet, mit wenig Schmuck. Diese Einfachheit verlieh ihrer Erscheinung Anmut und Charme. Seine Augen ruhten auf Bau-tschai: wie gut ihr die Trauerkleidung stand! Sie sah noch attraktiver aus, als in ihrer Alltagskleidung.“
 
‚Die Männer in alter Zeit‘, dachte Bau-yü bei sich, ‚sagten, daß von all den Blumen keine mit dem Glanz der Pflaumenblüte mithalten kann. Nicht wegen der frühen Blüte, sondern wegen der unvergleichbaren Reinheit des Weißes, der unübertrefflichen Frische und der Feinheit des Geruchs. Wenn nur  Kusine Dai-yü nun hier wäre, mit einem einfachen weißen Trauerkleid bekleidet, wie exquisit müßte sie aussehen!’
 
Er fühlte einen stechenden Schmerz der Trauer, Tränen rollten seine Wangen herunter, und er begann laut und hemmungslos zu schluchzen. Es war trotz allem eine Beerdigung, und niemand würde daran denken, daß dieses Benehmen unangebracht wäre. Die Damen waren bereits damit beschäftigt, Hsiang-yün zu trösten, als sie plötzlich eine andere vertraute Stimme außerhalb der Abschirmung in Klagen ausbrechen hörten. Sie dachten, daß Vetter und Kusine von den Erinnerungen an die vergangene Liebe und Freundlichkeit der Herzoginmutter übermannt wurden und wenige errieten, daß Hsiang-yün und Bau-yü beide ihre privaten Gründe der Trauer hatten. Ihre beherzten Klagen brachten bald alle zum Weinen, und es war an Frau Hsüä und der alten Frau Li, Trost zu bieten.
 
Am folgenden Tag war die nächtliche Trauerwache, und daher war alles geschäftiger als vorher. Hsi-fëng war zu sehr erschöpft, aber es war umsonst, sie mußte kämpfen und sich ihren Weg durch den Morgen mogeln, obwohl sie nun ihre Stimme verloren hatte. Am Nachmittag, als die Anzahl der Gäste anschwoll und aus allen Zimmern Bedürfnisse angemeldet wurden, brach sie zusammen. Da kam eine junge Magd herein: „Hier sind sie also Fräulein! Kein Wunder, daß die Dame Hsing so erzürnt ist! Sie sagte ‚So viele Gäste, ich kann mich unmöglich um alle kümmern. Wo versteckt sich Fräulein Liän? Sie hat sicher ihre Füße hochgelegt!‘ “
 
Dieser unverdiente Tadel provozierte einen plötzlichen Stoß der Entrü­stung in Hsi-fëng. Sie kämpfte damit, sich zu kontrollieren, aber die Tränen flossen, und alles wurde ihr schwarz vor Augen. Ein kranker Geschmack kam ihr in den Mund, und sie begann Mengen von hellrotem Blut zu erbrechen. Ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie sank zu Boden. Glücklicherweise war Ping-örl zur Stelle und eilte herbei, um ihre Herrin zu stützen, als sie dort hockte, Blut rann in einem andauernden Fluß aus ihrem Mund.
 
Um zu erfahren, ob sie diese Krise überlebte oder nicht, muß man das nächste Kapitel aufschlagen.
 
111. Eine ergebene Magd erbringt ihre letzte Pflicht und begleitet ihre Herrin in himmlische Gefilde
 
Ein schurkischer Diener nimmt Rache und liefert seine Herren Räubern aus.
 
  
Ping-örl eilte hervor und hob mit der Hilfe eines anderen Mädchens Hsi-fëng vom Boden auf. Sie begleiteten sie sanft in ihr Zimmer. Dort legte sie sich vorsichtig auf das Ofenbett, und Ping-örl bat Hsiau-hung sogleich um einen Becher heißes Wasser und diese hielt ihn an ihre Lippen. Hsi-fëng trank einen Schluck und sank dann in einen tiefen Schlaf der Bewußtlosigkeit. Tchiu-tung kam kurz in das Zimmer und sah, wie sie dort lag und ging wieder hinaus. Ping-örl bat sie, nicht zu bleiben, sondern wendete sich stattdessen an Fëng-örl, die an ihrer Seite stand und sagte: „Geh und sag’ es sofort den Damen!“
+
Gerade in ihrer größten Not kam ein kleines Mädchen gelaufen und sagte: „Hier ist die Zweite Herrin also! Kein Wunder, daß die Erste Herrin sagt, es seien drinnen zu viele Leute und man komme nicht zurecht — die Zweite Herrin hat sich verkrochen, um es sich bequem zu machen!" Als Phönixglanz diese Worte hörte, stieg ihr eine Woge der Wut hoch, würgte sie im Hals, die Tränen schossen ihr in die Augen; es wurde ihr schwarz vor Augen, der Hals wurde süß — und sie spie leuchtend rotes Blut. Ihre Beine gaben nach, und sie sackte zu Boden. Zum Glück eilte Friedchen herbei und stützte sie. Phönixglanz spuckte einen Schwall Blut nach dem anderen und hörte nicht auf.
Fëng-örl informierte die Damen Hsing und Wang, daß Hsi-fëng Blut erbrochen hatte und nicht fähig war, ihre Pflichten weiterhin zu erfüllen. Die Dame Hsing verdächtigte Hsi-fëng der Simulation, aber unterließ es, ihre Verdächtigungen vor ihren weiblichen Verwandten auszusprechen.
 
„Sag’ Fräulein Liän, sie solle sich dann hinlegen“, sagte sie.
 
Niemand machte einen weiteren Kommentar. An diesem Abend kam ein endloser Strom von Verwandten und Freunden, um ihr Beileid zu bekunden, und nur dank der Hilfe von wenigen engen Verwandten konnte der Anschein von Normalität erweckt werden. Hsi-fëngs Abwesenheit war ein Stichwort für viele des Personals, die Arbeit ganz aufzugeben, und wenig stand nun zwischen dem Jung-guo-Anwesen und dem totalem Chaos.
 
Um zehn Uhr abends, als die Gäste, die einen weiten Weg vor sich hatten, gegangen waren, begann sich die Familie, für die Totenwache vorzubereiten, und ein Chor der Klagen erhob sich von den Frauen, die sich innerhalb der Abschirmung für die Beerdigung befanden. Yüan-yang weinte sich selbst in eine Ohnmacht, mußte gestützt werden und wurde energisch geschlagen. Als sie wieder zu sich kam, war alles, was sie sagen konnte: „Die Herzoginmutter war immer so gut zu mir! Ich will mit ihr gehen!“
 
Ihre Worte wurden nicht ernst genommen, und eher als natürlicher, wenn nicht sogar übertriebener Ausdruck ihrer Trauer verstanden. Später, als die Zeit für die richtige Trauerwache kam, und über hundert Familienmitglieder und Diener für das Ritual zusammenkamen, wurde Yüan-yang nirgendwo gesehen, und in der allgemeinen Aufregung kümmerte sich niemand darum, nach ihr zu suchen. Nun waren Hu-po und die anderen Mägde der Herzoginmutter an der Reihe, zu klagen und ihr Opfer zu bringen, und sie suchten nach Yüan-yang, damit sie sich zu ihnen geselle. Aber sie dachten, sie sei von all dem Weinen zu erschöpft gewesen und gegangen, um sich auszuruhen, also entschieden sie, sie nicht mehr weiter zu suchen.
 
Als das Ritual vorüber war, bat Djia Dschëng Djia Liän sicherzugehen, daß alles für den Leichenzug vorbereitet war, und besprach mit ihm, wer auf das Haus aufpassen sollte, während die Familie abwesend war.
 
„Ich habe Yün-örl befohlen, zu Hause zu bleiben, und die Verantwortung zu übernehmen“, sagte Djia Liän. „Und Lin Dschï-hsiau und seine Familie werden ebenfalls zurückbleiben und die Abnahme des Trauertuchs überwachen. Ich weiß noch nicht, wer von den Damen auf die inneren Gemächer aufpassen soll.“ –
 
„Ich hörte Mutter sagen, Hsi-fëng sei krank und würde nicht gehen“, antwortete Djia Dschëng. „Also wird sie sowieso zu Hause bleiben. Und Vetter Dschëns Frau schlug vor, daß, da sie so krank sei, Hsi-fëng mit Hsi-tschun und ein paar Mägden und Dienerinnen dablieben, um ihr Gesellschaft zu leisten. Zusammen können sie ein Auge auf die Gemächer der Großmutter werfen.“
 
Djia Liän hatte seine Einwände gegen diesen Vorschlag. ‚Frau Dschën mag Hsi-tschun nicht‘, dachte er bei sich, ‚und hält sie absichtlich von der Prozession ab. Aber Hsi-tschun kann nicht alleine die Verantwortung übernehmen. Und Hsi-fëng ist zu krank, um helfen zu können.‘
 
„Du solltest nun gehen und dich ausruhen, Onkel“, sagte er zu Djia Dschëng. „Ich werde mich wieder bei dir melden, wenn ich mit Mutter geredet habe.“
 
Djia Dschëng nickte, und Djia Liän ging zu den Gemächern der Dame Hsing.
 
Früher an diesem Abend brütete Yüan-yang tränenerstickt für sich: ‚Mein ganzes Leben lang habe ich mit der Herzoginmutter verbracht, und nun, da sie tot ist, weiß ich nicht, wohin ich gehen soll. Herr Schë ist nicht zu Hause, das ist etwas, wofür man dankbar sein sollte, aber ich mag die Art nicht, wie sich die Dame Hsing benimmt. Herr Dschëng wird sich nie für mich einsetzen, und auf die eine oder andere Weise sieht meine Zukunft sehr schwarz aus. Die jungen Herren werden versuchen, ihren Kopf durchzusetzen. Wir werden dann alle so behandelt, wie sie wollen, manche werden am Bett festgehalten, manche heiraten ihre Pagen... Nun, ich für meinen Teil will das nicht! Eher sterbe ich! Aber wie? Das ist die Frage.‘
 
Sie machte sich auf den Weg zum inneren Zimmer der Herzoginmutter. Auf der Türschwelle entdeckte sie einen undeutlichen Umriss, im matten Licht, eine Frau mit einem Strick in der Hand, souverän, als wäre sie gerade dabei, sich am Balken zu erhängen. Yüan-yang war überhaupt nicht erschrocken.
 
‚Wer kann das sein?‘, fragte sie sich. ‚Jemand, der auf demselben Kurs ist wie ich, aber schon einen Schritt weiter ist.’
 
„Wer bist du?“, sagte sie laut. „Wir scheinen denselben Gedanken zu haben! Laß uns zusammen sterben!“
 
Es kam keine Antwort. Yüan-yang ging näher heran und konnte nun sehen, daß es keine der Mägde aus den Gemächern der Herzoginmutter war. Sie schaute genauer hin. Eine kühle Brise umwehte sie, und die Gestalt der Frau löste sich in Luft auf. Yüan-yang stand noch einen Moment länger benebelt dort, dann ging sie zurück in den äußeren Raum und setzte sich gedankenverloren auf die Ecke des Ofenbetts. Plötzlich rief sie: „Natürlich! Das war sie! Herr Jungs erste Frau, vom Ning-guo-Anwesen. Aber sie starb vor langer Zeit. Was hat sie hier gemacht? Ich glaube, sie kam, um mich zu holen. Aber warum mußte sie sich dafür erhängen?“
 
Nach weiteren Gedanken: „Das ist es! Sie zeigte mir wie!“
 
Mit diesem Geistesblitz war ihr das Böse bis ins Mark gedrungen, und ihre Entscheidung war endlich getroffen. Sie erhob sich wie in Trance und ging in ihr Badezimmer. Aus ihrem Mitgift-Koffer nahm sie den Haarzopf heraus, den sie sich einmal abgeschnitten hatte, und steckte ihn in den Ausschnitt ihres Kleides. Sie entknotete das Band um ihre Hüfte und hängte ein Ende über den Balken, wo Tjin Kë-tjing gerade gestanden hatte. Dann ergriff sie ein letzter Heulkrampf. Sie hörte, wie sich die Gäste in der Ferne verabschiedeten, und fürchtete, daß jemand hereinkommen könnte und sie überraschte, bevor sie ihre Tat vollenden konnte. Sie zog die Tür zu und holte einen Schemel. Sie stand auf dem Schemel, knüpfte einen Knoten in ihr Band, legte ihren Kopf durch die Schlinge und stieß den Schemel mit dem Fuß fort. ,Endlich!‘ Der letzte Atem war bald aus ihrem Hals gewichen, und ihre sanfte Seele floh aus der sterblichen Hülle.
 
Die wandernde Seele war noch immer unsicher, wohin sie schwinden sollte, als sie noch einmal den matten Umriß von Tjin Kë-tjing vor sich stehen sah. „Frau Jung!“, rief sie, indem sie sich der Erscheinung drängend näherte, „warten Sie auf mich!“
 
„Ich bin nicht Frau Jung,“ kam die Antwort, „ich bin die jüngere Schwester der Ernüchterung, Kë-tjing.“
 
„Aber Sie sind definitiv Frau Jung“, protestierte Yüan-yang. „Wie können Sie das verleugnen?“
 
Die andere antwortete: „Es gibt einen Grund dafür. Ich will dir die wahre Geschichte davon erzählen, und dann wirst du sicher verstehen. Ich habe einmal den höchsten Rang im Tribunal der Liebe und Ernüchterung innegehabt. Unter meiner Verantwortung stand die Vergeltung der Schulden der Leidenschaft. Ich ging hinunter in die menschliche Welt, wo ich natürlicherweise dazu bestimmt war, die führende Wohltäterin zu sein. Meine Mission war, die liebeskranken Jungen und die vor Liebeskummer vergehenden Mädchen sehr schnell zurück zum Tribunal zu bringen und für die Vergeltung ihrer Schulden durch meinen Tod mit einer Anhänger-Halskette zu sorgen. Teil dieser Mission war mein Karma, mich zu strafen. Ich habe nun die Täuschung der sterblichen Liebe durchschaut, erhob mich über das Meer der Leidenschaft, um zum Paradies der Liebe zurückzukehren. Dies hinterläßt eine freie Stelle im Land der Illusionen, im Bereich der zärtlichen Verliebtheit. Du wurdest von der Ernüchterung auserwählt, meinen Platz einzunehmen, und ich wurde geschickt, dich dorthin zu begleiten.“
 
„Aber ich bin eine leidenschaftslose Person!“ protestierte Yüan-yang. „Wie kann ich als Liebende verstanden werden?“
 
„Du verstehst nicht“, antwortete die andere, „Erdenmenschen sehen Lust und Liebe als dasselbe an. Das heißt, daß sie alle Arten der Begehrlichkeit und Unsittlichkeit praktizieren, und es als ‚harmlose Romanze‘ abtun. Sie verstehen nicht die wahre Bedeutung des Wortes ‚Liebe‘. Bevor die Gefühle Behagen, Zorn, Trauer und Freude sich in der menschlichen Brust rühren, existiert der ‚natürliche Zustand‘ der Liebe. Das Rühren dieser Gefühle erzeugt Leidenschaft. Unsere Art der Liebe, deine und meine, ist der vorherige natürliche Zustand. Es ist wie eine Knospe, die auf das Öffnen wartet. Diese leidenschaftslose Liebe ist keine wahre Liebe.“
 
Yüan-yangs Seele signalisierte ihr Verständnis mit einem Nicken, und folgte Tjin Kë-tjing.
 
Als die Wache vorüber war, begannen die Damen Hsing und Wang, Anweisungen an die Diener zu geben, die zurückblieben, um auf das Haus aufzupassen. Hu-po ging hinein, um Yüan-yang zu suchen und um sie über die Sänften zu befragen. Sie suchte erfolglos in den äußeren Räumen der Gemächer der Herzoginmutter, und dann bemerkte sie, daß die Tür zum inneren Zimmer angelehnt war, sie drückte ihre Augen an die Öffnung und lugte hindurch in das halberhellte Innere. Ein Aufflackern der Lampe füllte das Zimmer mit schauerlichen Schatten. Kein Geräusch war aus dem Inneren zu hören, sie kehrte zurück und sagte zu sich: „Wo kann das elende Mädchen hin verschwunden sein?“
 
Auf ihrem Weg nach draußen begegnete sie Dschën-dschu.
 
„Hast du Yüan-yang gesehen?“, fragte sie.
 
„Nein“, antwortete Dschën-dschu, „ich suche selbst nach ihr. Die Damen wollen mit ihr sprechen. Sehr wahrscheinlich ist sie im inneren Zimmer eingeschlafen.“ – „Ich habe gerade dort nachgesehen – sie schien nicht dort zu sein“, sagte Hu-po.
 
„Die Lampe muß abgedreht werden, und es ist sehr dunkel und unheimlich dort drinnen. Ich bin nicht wirklich hineingegangen. Sollen wir zusammen hineingehen und richtig nachsehen?“ Die zwei Mägde betraten den Raum. Zuerst drehten sie die Lampe ab. „Wer hat den Schemel hierher gestellt?“, rief Dschën-dschu. „Ich wäre fast darüber gestolpert.“
 
Als sie sprach, sah sie hoch, und ihr entfuhr ein entsetzlicher Schrei.
 
„Oh! Sie fiel zurück und traf Hu-po, die selbst hochschaute, schrie und wie angewurzelt stehenblieb. Ihre Schreie wurden bald gehört und andere Mägde kamen in das Zimmer gerannt. Es gab noch mehr Schreckensschreie, und man schickte sofort nach den Damen Hsing und Wang.
 
Als die Dame Wang und Bau-tschai die Neuigkeiten hörten, brachen sie beide in Tränen aus und machten sich auf den Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter, um es selbst zu sehen.
 
„Ich hätte nie gedacht, daß Yüan-yang so etwas tun könnte!“, rief die Dame Hsing. „Schicke sofort jemanden, um Herrn Dschëng zu informieren!“
 
Bau-yü stand sprachlos, einen Ausdruck von erstarrtem Schrecken in den Augen. Hsi-jën und seine anderen Mägde trösteten ihn: „Weine, wenn du mußt, aber versteinere nicht so!“
 
Endlich bekam er einen heftigen Heulanfall. ‚Welch ein besonderes Mädchen war Yüan-yang, so einen Tod zu suchen!‘, dachte er bei sich selbst. ‚In ihrem Geschlecht ist sicherlich die klarste Essenz konzentriert! Sie hat einen passenden und noblen Tod gefunden. Wir, Großmutters eigene Enkel, sind jämmerlich in diesem Vergleich. Wir haben uns selbst weniger ergeben gezeigt, als ihre Magd.’
 
Er fand etwas seltsam Tröstendes in diesem Gedanken, und als Bau-tschai zu ihm kam, um seine Tränen zu trocknen, lächelte er wieder.
 
„Oh Liebes!“, weinte Hsi-jën, „Herr Bau-yü wird wieder verrückt!“
 
„Es gibt keinen Grund sich zu sorgen“, versicherte Bau-tschai ihr. „Ohne Zweifel hat er seine Gründe!
 
Bau-yü war erfreut, daß Bau-tschai dies sagte. ‚Vielleicht versteht sie mich wirklich‘, dachte er bei sich, ,wenn es so ist, ist sie die einzige.‘
 
Als Djia Dschëng ankam, war er noch in Phantasievorstellungen befangen.
 
„Yüan-yang ist ein lobenswertes Kind!“, rief Djia Dschëng mit einem ernsten Seufzer der Bewunderung. „Die Liebe der Dame Djia war nicht umsonst!“ Er wandte sich an Djia Liän: „Schicke jemanden, um für sie einen Sarg zu kaufen, und leg sie noch in dieser Nacht hinein! Morgen werden ihre Überreste zusammen mit denen von Mutter versandt, und ihr Sarg kann hinter dem ihrer Herrin aufgebahrt werden. Auf diese Art kann ihr nobler Akt ein angemessenes Ende finden.“
 
Djia Liän ging hinaus, um diese Anweisungen auszuführen, und gab Befehl, Yüan-yangs Körper herunterzuholen und im inneren Zimmer der Herzoginmutter aufbahren zu lassen.
 
Als Ping-örl die Neuigkeiten von Yüan-yangs Freitod hörte, kam sie mit Ying-örl und Hsi-jën sowie einigen anderen Mägden, und sie alle weinten bitterlich vor Yüan-yangs Leiche. Die Gelegenheit nahm Dsï-djüan zum Anlaß, an ihre eigene Zukunft und die Bedenklichkeit ihrer eigenen Situation zu denken, und sie bedauerte, daß sie nicht selbst den Weg Yüan-yangs genommen hatte, und Dai-yü nicht ins Grab gefolgt war. Wenn sie dies getan hätte, hätte sie wenigstens ihre Pflicht als Magd erfüllt und so einen ehrwürdigen Tod gehabt. In Bau-yüs Gemächern tat sie nichts mehr, als die ganze Zeit zu warten. Obwohl er ihr gegenüber sehr aufmerksam und liebevoll war, wußte sie, daß sie davon nichts hatte. All diese Gedanken fügten ihren Klagen eine persönliche Note hinzu.
 
Die Dame Wang schickte sofort nach Yüan-yangs Schwägerin. Sie sagte ihr, daß sie die Beerdigung beaufsichtigen solle, und sie gab, nachdem sie dies mit der Dame Hsing besprochen hatte, Yüan-yangs Schwägerin eine Beihilfe von einhundert Tael vom Geld der Herzoginmutter. Sie versprach auch, alle privaten Sachen von Yüan-yang auszusondern und sie ihr zu geben, sobald sie Zeit hatbe. Die Schwägerin verneigte sich, und, nachdem sie ein paar Zeichen der Trauer gezeigt hatte, freute sich sehr.
 
„Welch wundervollen Mut Yüan-yang zeigte!“, rief sie. „Und was für ein glückliches Mädchen sie ist, so einen Ruhm gewonnen zu haben, und so eine glänzende Beerdigung dafür zu erhalten!“
 
Eine der nahestehenden Dienerinnen tadelte sie: „Das ist genug von dir! Einhundert Taels sind ein armer Handel für das Leben deiner Schwägerin! Denke daran, wieviel mehr Profit du hättest machen können, wenn du sie Herrn Schë nur schon früher gegeben hättest! Dann könntest du dich noch mehr freuen!“
 
Die Worte trafen sie sehr, und Yüan-yangs Schwägerin ging mit rotem Kopf. Am inneren Tor traf sie Lin Dschï-hsiau mit einigen Männern, die den Sarg trugen und kehrte mit ihnen zurück; sie half ihnen, den Leichnam von Yüan-yang in den Sarg zu legen, und setzte selbst eine Trauermiene auf.
 
Djia Dschëng verehrte Yüan-yang als eine ‚aus Demut vor ihrer Herrin‘ Gestorbene, schickte nach Räucherduft und erzündete selbst drei Räucherstäbchen vor ihrem Sarg.
 
„Für ihre Treue und ihre Hingabe“, sagte er, indem er eine ernste Verbeugung machte, „sie verdient es, über den Rang einer einfachen Magd erhoben zu werden. Die jüngere Generation muß ihr die Ehre erweisen.“
 
Bau-yüs Freude kannte keine Grenzen. Er trat nach vorne, mit fast übertriebener Erfurcht verneigte er sich mehrfach mit der Stirn am Boden. Djia Liän erinnerte sich auch an Yüan-yangs vergangene Freundlichkeit ihm gegenüber und wäre ihm sofort darin gefolgt, aber die Dame Hsing hielt ihn zurück: „Einer der Herren ist wirklich genug. Zuviel davon könnte ihre Chancen der Wiedergeburt ruinieren.“
 
Djia Liän unterließ es. Aber Bau-tschai fühlte sich unwohl bei den Worten der Dame Hsing. „Streng genommen, sollte ich mich nicht vor ihr verneigen“, sagte sie, „aber dies ist ein besonderer Fall. Wir sind alle zu gebunden an unser Einverständnis mit den Lebenden, um einer extremen Zurschaustellung der Trauer nachzugeben. Aber Yüan-yang hat für uns gehandelt. Sie hat den vollsten Ausdruck unserer Demut gezeigt, und nun sollten wir sie bitten, der Großmutter weiterhin in der nächsten Welt an unserer Statt zu dienen. Das wäre wenigstens ein kleines Zeichen unserer Liebe!“
 
Bau-tschai ging an Ying-örls Arm vor und schüttete ein Trankopfer von Wein vor Yüan-yangs Sarg, die Tränen strömten im Überfluß an ihren Wangen hinunter. Als das Trankopfer beendet war, verneigte sie sich mehrere Male und weinte heftig. Einige der Versammelten kommentierten ironisch, daß nun beide Bau-yü und seine Frau verblödet seien. Andere protestierten, daß ihr Benehmen doch ein gutes Herz bekunde. Manche beschränkten sich darauf, zu bemerken, daß sie wenigstens einen Sinn dafür hatten, was gut und richtig sei. Djia Dschëng war für seinen Teil zufrieden mit ihnen.
 
Er hatte nun die Hausaufsichts-Maßnahmen geregelt, und man stimmte darin überein, daß Hsi-fëng und Hsi-tschun zurückgelassen wurden, während alle anderen Damen an der Prozession teilnehmen würden. Niemand schlief viel in dieser Nacht.
 
Um vier Uhr am Morgen konnte man den Trauerzug draußen zusammenkommen hören, und um sieben Uhr waren alle bereit voranzuschreiten, Djia Dschëng vorweg, in voller Trauerkleidung und weinend, ganz wie es die Riten für den Sohn verlangten. Als der Trauerzug auf die Straße stieß, war diese mit Beerdigungsständen unzähliger Familien gesäumt, was hier nicht im einzelnen beschrieben werden muß. Zum Schluß erreichten sie das Kloster Eiserne Schwelle, und die Särge wurden ausgesetzt, während die trauernden Männer sich vorbereiteten, die Nacht im Tempel zu verbringen.
 
Zu Hause beaufsichtigte Lin Dschï-hsiau die Abnahme des Beerdigungstuches, schraubte vorsichtig die Türen ab und stellte Klappen vor die Fenster, fegte den Hof und bestimmte die Wachen für die Nachtwache. Es war eine sehr gut etablierte Regel im Jung-guo-Anwesen, daß das innerste Tor um zehn Uhr geschlossen wurde, und nach dieser Stunde war der Besuch der inneren Gemächer für die Männer streng verboten. Weibliche Angestellte hielten drinnen Wache. Hsi-fëng hatte sich durch die Ruhe einer Nacht ein bißchen von ihrem Zusammenbruch erholt. Obwohl sie ein wenig gefaßter schien, war sie noch nicht fähig aufzustehen. Ping-örl und Hsi-tschun machten daher eine Besichtigungsrunde und gaben den Frauen der Nachtwache Anweisungen, bevor sie sich in ihre separaten Gemächern zurückzogen.
 
Unsere Erzählung wendet sich nun Dschou Juees Ziehsohn, Hë San, zu, – der, wie man sich vielleicht erinnert, im Vorjahr geschlagen und von Djia Dschën vom Jung-guo-Anwesen vertrieben wurde, weil er mit einem anderen Diener, Bau Örl, gekämpft hatte. Seitdem hatte er die meiste Zeit in Spielhäusern verbracht. Wegen des Todes der Herzoginmutter dachte Hë San, daß es da eine Möglichkeit der Wiedergutmachung oder wenigstens irgendeine Arbeit für ihn gebe, und er fragte am Jung-guo-Anwesen ein paar Tage hintereinander nach. Endlich wurde ihm klar, daß es aussichtslos war, und er kehrte seufzend zurück in eine der Spielhallen, in die er öfter ging, und ließ sich in einen Stuhl fallen. Seine Freunde bemerkten seinen niedergeschlagenen Zustand und fragten ihn: „Hë San, alter Freund, warum versuchst Du nicht einmal Dein Glück? Wer weiß, vielleicht wendet sich dein Glück.“
 
„Würde ich gerne!“, rief Hë San bitter. „Aber ich habe keine Münze zum Zahlen mehr.“
 
„Nach all der Zeit, die du bei deinem alten Ziehvater Dschou Juee verbracht hast? Mach’ uns nichts vor!“
 
„Das denkt ihr! Oh, sie haben genug – Millionen in der Tat, – aber sie behalten alles schön für sich. Sie wollen es nicht ausgeben. Sie hängen daran und am Ende muß es ein Feuer oder einen Dieb geben, damit sie davon ablassen!“
 
„Du kannst nicht von uns erwarten, daß wir glauben, daß sie so reich sind, nach dem, was man in der Durchsuchung beschlagnahmt hat?“
 
„Ihr versteht es nicht“, anwortete Hë San. „Es wurde nur das genommen, was sie nicht verstecken konnten. Die alte Dame hatte selbst noch eine Menge, als sie starb, und sie wollen keine Münze davon ausgeben. Es wurde alles in ihr Zimmer geräumt. Sie werden es nach der Beerdigung aufteilen.“
 
Diese Worte schienen auf ein Mitglied der Gesellschaft einen besonders starken Eindruck gemacht zu haben, denn dieser Mann rief nach einigen weiteren Würfelspielen aus: „Alles was ich tue, ist verlieren! Ich versuche nichts mehr. Ich gehe ins Bett.“
 
Als er hinausging, nahm er Hë San an die Seite und murmelte: „Auf ein Wort, alter San.“
 
Hë San folgte ihm hinaus.
 
„Ich kann nicht ertragen, daß ein gescheiter Junge arm ist, das ist doch ungerecht.“ –
 
„Das ist mein Schicksal“, murmelte Hë San, „was kann ich dafür?“ –
 
„Ich dachte nur, da du gesagt hast, daß das Jung-guo-Anwesen voller Geld sei, warum nimmst du nicht selbst etwas?“ –
 
„Bruder“, erwiderte Hë San. „Es mag voller Geld sein, aber das heißt nicht, daß sie uns eine Münze davon abgeben!“
 
Der Mann lachte. „Nun, wenn sie es nicht weggeben wollen, warum behelfen wir uns dann nicht.“
 
Hë San begann zu verstehen, worauf er hinaus wollte.
 
„Und wie schlägst du vor, dies zu tun?“, fragte er.
 
„Oh, zeig ein bißchen Mumm, Junge! Sei nicht so schwach!“ war die Antwort. „Ich hätte schon lange meine Finger danach ausgestreckt.“ –
 
„Welche Art ,Mumm‘ hast du da?“
 
Die Stimme des Mannes wurde zu einem Flüstern: „Wenn du viel Geld daraus machen willst, ist alles, was du tun mußt, mir den Weg hinein zu zeigen – ich habe ein paar Freunde in dieser Art Geschäft, erstklassige Arbeiter. Das sind die Richtigen für diese Arbeit. Und so sind die Djias alle unterwegs zu der Beerdigung, und es sind nur wenige Frauen zu Hause zurückgeblieben. Wohlgemerkt, könnte eine ganze Garnison von Männern nicht meine Freunde einschüchtern... Aber vielleicht hast du Angst?“
 
„Ich!“, warf Hë San erhitzt ein, „ich habe keine Angst! Glaubst du, ich habe Angst vor dem alten Dschou? Nun, er ist nur deshalb mein Ziehvater, weil seine Frau mich darum gebeten hat. Er ist ein Nichts. Aber das hört sich für mich alles etwas heikel an. Könnte uns viel Ärger bereiten. Die Djias haben Verbindungen zu jedem Amt. Angenommen wir schaffen es, das Zeug herauszuholen, wäre es schwer, es los zu werden.“
 
„Diesmal hast du Glück“, sagte der andere. „Einige meiner seefahrenden Freunde sind zufällig gerade in diesem Moment hier und warten nur auf einen Dienst wie diesen. Wenn wir nur erst einmal das Geld in unseren Händen haben, würden du und ich hier nur unsere Zeit vergeuden. Wir wären viel besser dran, wenn wir mit meinen Freunden zur See fahren und unser Geld dort ausgeben! Gute Idee, oder? Natürlich, wenn du den Gedanken nicht erträgst, dich von deiner alten Ziehmutter zu trennen, müssen wir sie auch mitnehmen. Laßt uns alle das Glück finden, einverstanden?“ –
 
„Du bist wohl betrunken!“, rief Hë San, „du weißt nicht, wovon du redest. Die ganze Idee ist verrückt.“
 
Trotzdem nahm er den Mann in eine ruhige Seitenstraße, und die zwei redeten dort noch eine längere Weile, bevor sie getrennte Wege gingen. Unsere Geschichte muß sie für die übrige Zeit dort verlassen.
 
Wir müssen nun aber zum Jung-guo-Anwesen und zu Bau Yung zurück, der, Gartenpfleger geworden war, nachdem er eine Rüge von Djia Dschëng erhalten hatte. Im allgemeinen Betrieb der Beerdigung der Herzoginmutter hatte niemand daran gedacht, ihm eine Aufgabe zu geben. Er war davon nicht betroffen und fuhr mit seinen eigenen Angelegenheiten fort, kochte für sich und führte ein mehr oder weniger sorgloses und unabhängiges Leben. Wenn er sich langweilte, schlief er, und wenn er wach war, übte er mit Säbel und Stock im Garten. Er war sehr wohl über die Prozession für die Herzoginmutter unterrichtet, hatte aber dort keine Aufgabe und machte an jenem Tag einen Spaziergang im Garten. Da sah er den Umriß einer Nonne, begleitet von einer dauistischen Oberin, auf dem Weg zum Seitentor. Sie klopften. Er ging hin: „Wohin gehen sie, Ehrwürdige Mutter?“
 
Die Oberin antwortete: „Wir hörten, daß die Trauerwache der Dame Djia vorüber ist, und da wir Fräulein Hsi-tschun nicht in der Prozession sehen konnten, dachten wir, sie sei zu Hause geblieben. Die Schwester dachte, sie möchte allein sein, und kam, um sie zu sehen.“ –
 
„Niemand aus der Familie ist zu Hause“, sagte Bau Yung. „Ich bin für den Garten verantwortlich, und ich muß sie bitten, zu ihren Gemächern zurückzukehren. Wenn Sie sie besuchen wollen, warten Sie bitte, bis die Herrschaften von der Prozession zurück sind.“ –
 
„Woher kommst denn du Grobian?“ protestierte die Oberin entrüstet. „Was geht es dich an, wohin wir gehen?“ –
 
„Ich mag Sie nicht,“ anwortete Bau Yung. „Ich habe sie nicht gerufen. Was können Sie da schon machen?“ –
 
„Nun, das ist richtige Meuterei!“, rief die Oberin ärgerlich. „Als die Herzoginmutter noch lebte, hat man uns nie aufgehalten, wenn wir ir­gendwo-
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
+
Ob sie leben wird oder sterben — das wird im nächsten Kapitel erzählt.
hin gingen. Woher kommst denn du, Ganove, daß du anfängst, dich in so einer anmaßenden Art aufzuspielen? Es ist mir egal, wenn du sagst, ich werde hier hinausgehen!“
+
----
Sie packte den Türknauf und zog mehrere Male mit all ihrer Kraft daran.
+
<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
Miau-yü war sprachlos vor Wut, als sie dieser Unterhaltung zuhörte. Sie wollte sich gerade schon wieder auf den Heimweg machen, als die alten Damen auf der anderen Seite des Tores vom Streit hörten. Sie machten auf, um nachzuschauen. Sie folgerten, daß Miau-yü von Bau Yung belästigt worden sein müsse, und da sie wußten, daß sie die Damen des Hauses näher kannte, besonders Fräulein Hsi-tschun, fürchteten die alten Frauen, daß Miau-yü später den Vorfall melden könne, weil sie sie nicht durchlassen wollten und dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten geraten könnten. Sie eilten hinter ihr her: „Wir hatten keine Ahnung, daß Sie hier sind, Oberin. Wir entschuldigen uns dafür, daß wir das Tor so langsam geöffnet haben. Fräulein Hsi-tschun ist zu Hause, und wäre erfreut, Sie zu sehen. Bitte kommen Sie herein. Dieser dumme Hauswart ist neu hier. Er weiß gar nichts. Wir werden später den Damen von ihm berichten. Sie werden ihn schlagen lassen und ihm kündigen.“
 
Zuerst weigerte sich Miau-yü, ihre Meinung zu ändern. Aber die alten Damen bedrängten sie weiter und bettelten sie an, sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Sie waren schon dabei, auf ihre Knie zu fallen, bis sie am Ende keine andere Wahl hatte, als zurückzukehren und ihnen in das Anwesen zu folgen. Als Bau Yung sah, wie die Dinge standen, machte er verständlicherweise keine weiteren Einwände, sondern ging zurück in sein Zimmer, starrte vor sich hin und brütete in seinen Gedanken.
 
Miau-yü brachte die dauistische Oberin direkt zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie schilderten die Aufregung von eben und redeten eine Weile.
 
„Derzeit gibt es keinen Mann in den inneren Gemächern. Ich habe immer noch ein paar Nächte, bevor die anderen nach Hause kommen“, sagte Hsi-tschun. „Hsi-fëng ist krank, und ich bin ganz alleine. Es ist so langweilig und beängstigend! Wenn ich nur jemanden hätte, der mir Gesellschaft leisten würde! Nun, da Sie den ganzen Weg gekommen sind, wollen Sie nicht die Nacht bleiben? Bitte! Wir könnten Go zusammen spielen und reden.“
 
Zunächst war Miau-yü abgeneigt. Aber sie hatte Mitleid mit Hsi-tschun, und dann erhellten sich ihre Augen bei der Erwähnung des Spiels Go, und sie war einverstanden zu bleiben. Sie bat die Oberin, zur Einsiedelei zurückzukehren und schickte nach einer der Novizinnen, ihre Teesachen, Kleidung und Bettsachen zu holen. Hsi-tschun war erfreut und wies Tsai-ping an, etwas vom Regenwasservorrat des Vorjahres zu holen, was gelagert und was beiseite gestellt worden war, um Tee zu machen. Miau-yü hatte ihr eigenes Teeservice. Die Novizin kam gerade mit Miau-yüs Dingen an, Hsi-tschun machte Tee, und die zwei ließen sich bald von einer geistigen Unterhaltung tragen, die bis acht Uhr am Abend ging, als Tsai-ping das Go-Brett auslegte und sie sich zum Spielen niedersetzten. Hsi-tschun verlor die ersten zwei Spiele, aber dann gab Miau-yü ihr eine Vorgabe von vier, und sie gewann das nächste Spiel mit einem halben Punkt.
 
Bevor sie sich versahen, war es bereits zwei Uhr in der Früh. Draußen war die Nacht atemlos still.
 
„Ich muß um vier Uhr meditieren“, sagte Miau-yü. „Geh nun, und ruhe! Meine eigene Magd kann auf mich aufpassen.“ Diese wollte noch nicht gehen, aber fügte sich, aus Respekt vor Miau-yüs religiösen Bräuchen.
 
  
[[Category:Books]]
+
<references />
[[Category:Hongloumeng]]
 

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Kapitel 110

Die alte Fürstin stirbt und kehrt ins Totenreich zurück;

Phönixglanz verliert ihre Kraft und das Vertrauen der Menschen

Es wird erzählt, daß die Herzoginmutter[1] sich aufsetzte und sprach: „Ich bin nun schon über sechzig Jahre in eurer Familie. Von meiner Jugend bis ins hohe Alter habe ich das Glück bis zur Neige genossen. Seit eurem Vater angefangen, waren Söhne und Enkel allesamt tüchtig. Nur Schatzjade[2] — den habe ich umsonst geliebt …" Bei diesen Worten ließ sie ihren Blick über alle im Raum schweifen. Frau König[3] schob Schatzjade zum Bett. Die Herzoginmutter streckte die Hand unter der Decke hervor und ergriff Schatzjades Hand: „Mein Kind, du mußt dich zusammennehmen!" Schatzjade antwortete, doch ihm wurde das Herz schwer, und die Tränen wollten fließen. Er wagte aber nicht zu weinen und stand nur da, während die Herzoginmutter weitersprach: „Ich möchte noch einen Urenkel sehen, dann bin ich beruhigt. Wo ist mein Lan'er?"

Frau Li[4] schob Lan Kaufmann[5] nach vorn. Die Herzoginmutter ließ Schatzjades Hand los und ergriff die von Lan Kaufmann: „Deine Mutter ist eine pflichtbewußte Frau. Wenn du einmal etwas geworden bist, laß auch deine Mutter in Ehren erstrahlen! — Wo ist mein Phönixmädchen?"

Phönixglanz[6] hatte die ganze Zeit neben der Herzoginmutter gestanden und trat nun eilig vor: „Hier bin ich." Die Herzoginmutter sagte: „Mein Kind, du warst nur allzu klug. Von nun an solltest du Gutes tun und dir Verdienste sammeln. Auch ich habe nicht viel Gutes getan — nur ein aufrichtiges Herz gehabt, das mir Verluste einbrachte. Was das Fasten und Beten angeht, habe ich auch nicht viel davon gehalten. Nur voriges Jahr habe ich einige Abschriften des Diamant-Sutra herstellen und verteilen lassen — sind die alle verteilt?" Phönixglanz sagte: „Noch nicht." Die Herzoginmutter sagte: „Man hätte sie längst verteilen sollen. — Unser ältester Herr und Herrlichkeit Kaufmann[7] sind wohl draußen? Am ärgerlichsten ist, daß die Xiang-Schwester kein Herz hat — warum kommt sie mich gar nicht besuchen?" Mandarinenente[8] und die anderen, die den wahren Grund wohl kannten, sagten kein Wort.

Die Herzoginmutter blickte noch einmal zu Schatzspange[9] hinüber und seufzte. Da sah man, daß ihr Gesicht sich rötete. Aufrecht Kaufmann[10] erkannte sofort, daß es das Aufleuchten vor dem Ende war, und flößte ihr eilig Ginsengbrühe ein — doch die Herzoginmutter hatte die Zähne bereits fest zusammengebissen. Sie schloß die Augen für einen Augenblick, öffnete sie wieder und blickte im ganzen Zimmer umher. Frau König und Schatzspange stützten sie sanft von oben, während Frau Strafe[11] und Phönixglanz ihr eilig die Sterbekleider anlegten. Unten hatten die alten Frauen bereits das Totenbett aufgestellt und mit Decken belegt. Da hörte man im Hals der Herzoginmutter ein leises Rasseln, und über ihr Gesicht glitt ein letztes Lächeln — sie war dahin. Sie wurde dreiundachtzig Jahre alt. Die alten Frauen legten sie eilig auf das Totenbett.

Daraufhin knieten Aufrecht Kaufmann und die anderen Herren auf der einen Seite, Frau Strafe und die anderen Frauen auf der anderen, und alle brachen gemeinsam in lautes Wehklagen aus. Draußen hatten die Diener alles vorbereitet; als die Nachricht aus dem Inneren kam, wurden vom großen Tor des Rong-Palastes bis zu den Innentüren sämtliche Türflügel weit aufgerissen und mit weißem Papier bezogen. Die Trauerzelte ragten empor, und vor dem großen Tor wurde der Trauerbogen sogleich errichtet. Das gesamte Personal legte unverzüglich Trauerkleidung an. Aufrecht Kaufmann meldete seine Trauerzeit beim Amt [12]. Das Ritenministerium erstattete dem Thron Bericht. Der gnädige Kaiser, eingedenk der Verdienste der Familie über Generationen und da die Herzoginmutter zudem die Großmutter der kaiserlichen Gemahlin Frühlingsbeginn war, schenkte tausend Tael Silber und befahl dem Ritenministerium, die Haupttrauerfeier auszurichten. Die Diener verbreiteten die Todesnachricht an alle Verwandten und Bekannten. Obwohl alle wußten, daß die Kaufmann-Familie in Ungnade gefallen war, kamen sie angesichts der kaiserlichen Ehren in großer Zahl zum Trauerbesuch. Zu einem günstigen Zeitpunkt wurde der Leichnam in den Sarg gelegt und im Hauptsaal aufgebahrt.

Da Begnadigung Kaufmann[13] nicht daheim war, war Aufrecht Kaufmann der älteste Anwesende. Schatzjade, Unheil Kaufmann[14] und Lan Kaufmann waren leibliche Enkel und noch jung — sie mußten am Sarg wachen. Kette Kaufmann war zwar auch ein leiblicher Enkel, konnte aber zusammen mit Hibiskus Kaufmann[15] die Diener einteilen und die Geschäfte führen. Obwohl man einige Verwandte beiderlei Geschlechts zur Hilfe herangezogen hatte, mußten im Inneren Frau Strafe, Frau König, Frau Li, Phönixglanz und Schatzspange am Sarg klagen. Dame Sonders hätte zwar helfen können, doch seit Herrlichkeit Kaufmanns Abwesenheit lebte sie im Rong-Palast und hatte sich stets zurückgehalten; zudem war sie mit den Angelegenheiten des Prunkwille-Anwesenes nicht sonderlich vertraut. Von Hibiskus Kaufmann' junger Frau ganz zu schweigen. Bedauerfrühling[16] war noch jung; zwar war sie hier aufgewachsen, doch von den Haushaltsangelegenheiten verstand sie gar nichts. So war im Inneren wahrhaftig niemand, der alles zusammenhielt. Nur Phönixglanz konnte die inneren Angelegenheiten leiten, zumal Kette Kaufmann draußen die Fäden in der Hand hielt — die beiden zusammen ergänzten sich ganz gut.

Phönixglanz hatte anfangs im Vertrauen auf ihr Talent erwartet, daß sie nach dem Tod der Herzoginmutter groß auftrumpfen könnte. Frau Strafe und Frau König wußten, daß sie schon die Trauerfeierlichkeiten für Frau Qin des Ning-Palastes organisiert hatte und gewiß alles tadellos erledigen würde. So übertrugen sie Phönixglanz abermals die Gesamtleitung der inneren Angelegenheiten. Phönixglanz konnte natürlich nicht ablehnen und nahm an. Sie dachte bei sich: „Die Angelegenheiten hier habe ich ohnehin immer geführt; die Dienstboten sind meine Leute. Die Leute der Herrschaften und der Schwägerin aus dem Ning-Palast, die schwer zu handhaben waren, sind alle fort. Zwar gibt es keine Kontrollplaketten mehr für das Geld, doch das Geld selbst ist vorhanden. Und draußen hat unser Mann alles in der Hand. Auch wenn es mir gesundheitlich nicht gut geht — ich denke, es wird keine Kritik geben; es muß besser werden als damals im Ning-Palast."

Innerlich gefaßt, wollte sie zunächst den dritten Tag abwarten [17], um am übernächsten Morgen die Aufgaben zu verteilen. Sie ließ der Frau von Zhou Rui ausrichten, das Personalverzeichnis heraufzubringen. Phönixglanz sah es sorgfältig durch: Insgesamt gab es nur einundzwanzig männliche und neunzehn weibliche Dienstboten. Die übrigen waren nur Mägde, zusammen mit den Mägden aus allen Gemächern nicht mehr als dreißig Personen — viel zu wenig, um alle Dienste zu besetzen. Sie dachte: „Bei dieser Trauerfeier haben wir weniger Personal als damals beim Ning-Palast." Sie ließ noch einige vom Landgut kommen, doch auch das reichte nicht.

Gerade als sie nachrechnete, kam ein kleines Mädchen und sagte: „Schwester Mandarinenente läßt die Zweite Herrin bitten." Phönixglanz ging hinüber. Da sah sie Mandarinenente, die wie ein Tränenmeer aussah, und Mandarinenente ergriff Phönixglanz' Hand und sagte: „Zweite Herrin, bitte setzt Euch, ich will Euch einen Kotau machen. Zwar verneigt man sich in der Trauerzeit nicht, aber diesen Kotau muß ich machen." Damit kniete Mandarinenente nieder. Phönixglanz erschrak und hielt sie fest: „Was soll das? Sag, was du zu sagen hast." Mandarinenente kniete noch, und Phönixglanz zog sie hoch. Mandarinenente sagte: „Die Angelegenheiten der Herzoginmutter, innen wie außen, liegen bei dem Zweiten Herrn und der Zweiten Herrin. Das Geld dafür hat die Herzoginmutter hinterlassen. Die Herzoginmutter hat ihr ganzes Leben lang nie Geld verschwendet, und nun, bei dieser letzten großen Angelegenheit, bitte ich die Zweite Herrin, es würdig und angemessen zu erledigen. Vorhin habe ich den Herrn etwas von ‚so sagt der Meister, so stehen die Lieder' sagen hören — ich habe nichts davon verstanden. Dann sagte er etwas von ‚Trauerriten sollen eher schlicht als aufwendig, eher von echter Trauer als von äußerem Prunk sein' [18] — das habe ich noch weniger begriffen. Ich habe die Zweite Herrin Schatzspange gefragt, und sie sagte, der Herr meine: Die Trauerfeier solle aufrichtig traurig sein, das sei wahre Pietät; man brauche nicht verschwenderisch und auf äußeren Schein bedacht zu sein. Ich denke aber — wie sollte eine solche Person wie die Herzoginmutter es nicht verdienen, würdig bestattet zu werden? Ich bin nur eine Sklavin und Magd; was wage ich schon zu sagen? Nur hat die Herzoginmutter die Zweite Herrin und mich so sehr geliebt — soll man sie im Tod nicht in Glanz und Ehren entlassen? Ich weiß, daß die Zweite Herrin große Dinge bewerkstelligen kann, deshalb habe ich Euch hergebeten, damit Ihr entscheidet. Im Leben gehörte ich der Herzoginmutter, und im Tode gehöre ich auch ihr. Wenn ich nicht sehe, daß ihre Angelegenheit gut erledigt wird — wie soll ich der Herzoginmutter in der anderen Welt gegenübertreten?"

Phönixglanz hörte diese seltsamen Worte und sagte: „Sei unbesorgt. Die Würde zu wahren ist nicht schwer. Auch wenn der Herr von Sparsamkeit spricht — die Form muß stimmen. Selbst wenn wir das ganze Geld für die Herzoginmutter ausgeben, ist das nur recht und billig." Mandarinenente sagte: „Die Herzoginmutter hat in ihrem letzten Willen gesagt, alles, was übrig ist, solle uns gehören. Wenn die Zweite Herrin das Geld nicht reichen sollte, nehmt ruhig davon und setzt es ein. Selbst wenn der Herr etwas dagegen sagt — man kann doch den letzten Willen der Herzoginmutter nicht mißachten. Zudem hat der Herr die Verteilung doch selbst mit angehört."

Phönixglanz sagte: „Du bist doch sonst die Klügste — warum diese Aufregung?" Mandarinenente sagte: „Ich bin nicht aufgeregt, sondern besorgt. Die Erste Herrin [Frau Strafe] kümmert sich um nichts. Der Herr fürchtet Aufsehen. Wenn nun auch die Zweite Herrin so denkt wie der Herr — wenn sie sagt: ‚Eine Familie, die schon durchsucht wurde, wie kann die noch eine prunkvolle Trauerfeier abhalten, sonst wird man abermals durchsucht' — und man deshalb die Herzoginmutter vernachlässigt, was dann? Ich als Magd habe nichts zu verlieren, aber es geht um den Ruf der Familie." Phönixglanz sagte: „Ich verstehe. Sei ganz beruhigt — ich bin ja da!" Mandarinenente bedankte sich tausendmal und vertraute alles Phönixglanz an.

Phönixglanz ging hinaus und dachte: „Mandarinenente ist ein merkwürdiges Geschöpf — was hat sie sich nur in den Kopf gesetzt? Vernünftig betrachtet, sollte die Trauerfeier natürlich würdig sein. Ach! Lassen wir das, ich erledige es einfach so, wie es unserer Familie früher entsprach." So ließ sie die Frau von Wang'er kommen und sagte, man solle den Zweiten Herrn hereinbitten.

Bald darauf kam Kette Kaufmann und sagte: „Warum suchst du mich? Du brauchst nur innen auf alles zu achten. Letztlich entscheiden der Herr und die Herrschaften; was die sagen, das tun wir." Phönixglanz sagte: „Jetzt redest du auch schon so — da hat Mandarinenente also recht behalten." Kette Kaufmann fragte: „Was hat Mandarinenente gesagt?" Phönixglanz erzählte ihm alles. Kette Kaufmann sagte: „Was schert mich deren Gerede? Vorhin hat mich der Zweite Herr gerufen und gesagt: ‚Die Trauerfeier für die Herzoginmutter soll zwar ordentlich sein, aber wer Bescheid weiß, wird sagen, die Herzoginmutter hat sich selbst versorgt. Wer es nicht weiß, wird sagen, wir hätten Vermögen versteckt und lebten in Wahrheit im Überfluß. Das übriggebliebene Geld der Herzoginmutter — wer will es denn? Es soll für die Herzoginmutter verwendet werden: Die Herzoginmutter stammt aus dem Süden; zwar gibt es dort eine Grabstätte, doch noch keine Grabanlage. Ihr Sarg soll in den Süden überführt werden, und mit dem Geld sollen auf dem Ahnenfriedhof Gebäude errichtet werden. Was übrig bleibt, soll als Opferland angelegt werden. Wenn wir zurückkehren, ist es gut; und wenn nicht, können die armen Verwandten dort wohnen und zu den rechten Zeiten Weihrauch brennen und die Gräber pflegen.' Findest du das nicht vernünftig? Willst du etwa alles auf einmal ausgeben?"

Phönixglanz fragte: „Ist das Geld denn schon ausgegeben worden?" Kette Kaufmann sagte: „Wer hat je Geld gesehen? Ich habe gehört, daß unsere Herrin [Frau Strafe], als sie die Worte des Zweiten Herrn hörte, eifrig Frau König und den Zweiten Herrn bestärkt hat: ‚Das ist eine gute Idee!' Was soll ich da machen? Draußen braucht man für die Trauerzelte und Sargträger einige hundert Tael, und noch immer ist nichts ausgezahlt worden. Wenn ich hingehe, sagen alle, es sei vorhanden, man solle erst draußen anfangen, die Abrechnung komme später. Denk doch nur: Von den Dienern sind die, die Geld haben, längst verschwunden. Wenn man sie nach dem Verzeichnis rufen läßt, sagen die einen, sie seien krank, die anderen, sie seien aufs Landgut gefahren. Die wenigen, die nicht mehr laufen können, verstehen sich aufs Geldverdienen, aber nicht aufs Drauflegen!" Phönixglanz hörte das und war eine Weile wie versteinert: „Wie soll man da noch etwas ausrichten?"

Gerade als sie das sagte, kam ein Mädchen und richtete aus: „Die Erste Herrin läßt fragen: Es ist der dritte Tag; drinnen herrscht noch das Chaos. Die Speisen sind aufgetragen, aber sollen die Verwandten noch warten? Man hat eine halbe Ewigkeit gerufen, endlich kamen die Speisen — aber der Reis fehlt. Was ist das für eine Art, Dinge zu erledigen?" Phönixglanz eilte hinein und trieb die Leute an, das Frühstück notdürftig abzuwickeln. Doch an diesem Tag kamen besonders viele Gäste. Die Dienerinnen standen mit toten Augen da. Phönixglanz mußte persönlich eine Weile alles überwachen. Zugleich mußte sie an die Diensteinteilung denken. Sie kam eilig heraus, ließ die Frau von Wang'er alle Dienerinnen zusammenrufen und verteilte die Aufgaben einzeln. Die Leute sagten alle ja, rührten sich aber nicht. Phönixglanz fragte: „Was ist das für eine Zeit — warum werden die Speisen nicht aufgetragen?" Die Leute sagten: „Speisen auftragen ist leicht — aber erst müssen die Sachen von drinnen herausgegeben werden, dann können wir aufpassen." Phönixglanz rief: „Ihr dummen Dinger! Wenn ihr eingeteilt seid, bekommt ihr auch alles." Die Leute fügten sich widerwillig.

Phönixglanz ging sogleich in die oberen Gemächer, um die benötigten Gegenstände zu holen. Sie wollte Frau Strafe und Frau König um Erlaubnis bitten, doch es waren zu viele Leute da, um frei zu reden. Die Sonne neigte sich schon gen Westen. Schließlich fand sie Mandarinenente und bat um das Tafelgeschirr, das die Herzoginmutter aufbewahrt hatte. Mandarinenente sagte: „Das fragst du mich? In dem Jahr, als der Zweite Herr es versetzt hat — ist es denn je ausgelöst worden?" Phönixglanz sagte: „Nicht die silbernen oder goldenen — nur das gewöhnliche Geschirr." Mandarinenente sagte: „Was meint Ihr, woher das Geschirr kommt, das die Erste Herrin und die Schwägerin aus dem Ning-Palast gerade benutzen?" Phönixglanz sah ein, daß sie recht hatte, drehte sich um und ging. Sie mußte schließlich zu Frau König gehen, wo sie mit Hilfe von Yuchuan und Farbwölkchen ein Garnitur auftrieb, ließ Caiming alles in eine Liste eintragen und verteilte es an die Leute.

Mandarinenente sah, wie aufgelöst Phönixglanz war, und konnte sie auch nicht zurückrufen. Sie dachte bei sich: „Früher erledigte sie alles so forsch und umsichtig — wie kommt es, daß man ihr jetzt so die Hände bindet? Seit zwei, drei Tagen kommt sie zu gar nichts — da hat die Herzoginmutter sie wohl umsonst geliebt!" Doch sie wußte nicht, daß Frau Strafe, als sie Aufrecht Kaufmanns Worte hörte, damit ganz auf ihrer Linie lag, die für die Zukunft sparen wollte, und es ihr nur recht war, wenn man etwas zurückhielt. Zudem war die Trauerfeier eigentlich Sache des ältesten Sohnes; da Begnadigung Kaufmann nicht da war, sagte Aufrecht Kaufmann bei allem: „Man frage die Erste Herrin." Frau Strafe aber kannte Phönixglanz' verschwenderische Art und Kette Kaufmanns Hang zum Leichtsinn, und so hielt sie die Zügel straff und gab nichts frei. Mandarinenente aber glaubte, das Geld sei bereits ausgegeben worden, und als sie sah, wie Phönixglanz behindert wurde, argwöhnte sie, Phönixglanz gebe sich nicht genug Mühe. So jammerte und klagte sie unablässig vor dem Sarg der Herzoginmutter. Frau Strafe und die anderen hörten, daß ihre Worte Anspielungen enthielten, dachten aber nicht daran, daß sie selbst es waren, die Phönixglanz nicht frei handeln ließen, sondern sagten: „Phönixglanz gibt sich wirklich keine rechte Mühe."

Am Abend rief Frau König Phönixglanz zu sich und sagte: „Unsere Familie mag zwar nicht mehr so wohlhabend sein, aber den äußeren Anstand muß man wahren. Diese zwei, drei Tage, mit all dem Kommen und Gehen — die Leute werden nicht richtig versorgt; vermutlich hast du keine Anweisungen gegeben. Du mußt dir schon etwas mehr Mühe geben." Phönixglanz hörte das und erstarrte. Sie wollte das Problem mit dem fehlenden Geld ansprechen, doch das Geld lag in der Hand der Männer, und Frau König sprach von mangelhafter Versorgung — da wagte Phönixglanz nicht zu widersprechen und schwieg. Frau Strafe, die daneben stand, sagte: „Eigentlich sollten wir Schwiegertöchter uns kümmern, nicht die Enkelschwiegertochter. Aber da wir uns nicht rühren können, haben wir dich beauftragt — du darfst die Hände nicht in den Schoß legen." Phönixglanz lief purpurrot an und wollte gerade erwidern, als draußen die Trauermusik einsetzte — es war die Zeit des abendlichen Papierverbrennens. Alle brachen in Wehklagen aus, und Phönixglanz kam nicht mehr zu Wort. Sie hatte vorgehabt, später darauf zurückzukommen, doch Frau König schickte sie hinaus: „Hier sind wir. Geh schnell und kümmere dich um die Vorbereitungen für morgen."

Phönixglanz wagte nicht mehr zu widersprechen. Mit verhaltenen Tränen und unterdrücktem Schluchzen ging sie hinaus, ließ alle zusammenrufen und gab abermals Anweisungen: „Liebe Frauen und Tanten, habt Erbarmen mit mir! Ich bin oben tüchtig gescholten worden, weil ihr nicht ordentlich arbeitet und man sich blamiert. Morgen strengt euch bitte an!" Die Leute antworteten: „Die Zweite Herrin hat schon öfter Dinge erledigt, das ist ja nichts Neues — würden wir es wagen, uns zu widersetzen? Nur ist es diesmal oben besonders umständlich. Allein das Essen: Manche essen hier, manche wollen zu Hause essen; man lädt diese Dame ein, aber jene kommt nicht — wie soll man es allen recht machen? Wir bitten nur die Zweite Herrin, den Mädchen zu sagen, sie sollen weniger mäkeln." Phönixglanz sagte: „Das Schwierigste sind die Mägde der Herzoginmutter — die sind schwer zu handhaben. Und die Mägde der Herrschaften sind auch nicht einfach. Wen soll ich denn zur Ordnung rufen?"

Die Leute sagten: „Als die Zweite Herrin damals die Trauerfeier im Ning-Palast leitete — da war sie doch nur die Stellvertreterin, und trotzdem: prügeln und schimpfen, wie entschlossen war sie da! Wer hätte es gewagt, ihr zu widersprechen? Und jetzt kann sie die Mädchen nicht mehr bändigen?" Phönixglanz seufzte: „Im Ning-Palast wurde mir die Aufgabe zwar übertragen, aber die Herrschaften waren dort nur Gäste und mischten sich nicht ein. Jetzt ist es unsere eigene Angelegenheit, und es geht um gemeinsames Geld — da kann jeder mitreden. Außerdem kommt von draußen das Geld nicht. Wenn man für das Trauerzelt etwas braucht und es bestellt — es kommt einfach nicht. Was soll ich da machen?"

Die Leute sagten: „Der Zweite Herr ist doch draußen zuständig — sollte er nicht liefern?" Phönixglanz sagte: „Fragt mich nicht. Er hat es auch schwer. Erstens hat er das Geld nicht in der Hand; für jede Kleinigkeit muß er erst bitten, und das dauert." Die Leute sagten: „Ist das Geld der Herzoginmutter denn nicht in den Händen des Zweiten Herrn?" Phönixglanz sagte: „Fragt die Verwalter — die werden es euch sagen." Die Leute sagten: „Kein Wunder! Draußen beschweren sich die Männer: ‚Bei einem so großen Anlaß kriegen wir keinen Pfennig — nur die Drecksarbeit.' Da soll man sich wundern, daß niemand mit dem Herzen dabei ist?"

Phönixglanz sagte: „Jetzt reicht es. Was vor Augen liegt, darauf achtet bitte. Wenn es oben Ärger gibt, lasse ich euch nicht davonkommen!" Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin kann befehlen, was sie will — wir wagen nicht zu maulen. Nur daß oben jeder eine andere Meinung hat — das macht es uns wirklich schwer." Phönixglanz sah ein, daß nichts zu machen war, und bat: „Gute Frauen, morgen helft mir wenigstens einen Tag. Wenn ich mit den Mädchen alles geklärt habe, reden wir weiter." Die Leute gehorchten und gingen.

Phönixglanz hatte den Bauch voller Kummer. Je mehr sie nachdachte, desto zorniger wurde sie. Erst bei Tagesanbruch mußte sie wieder hinauf. Sie wollte die Leute aller Gemächer in Ordnung bringen, fürchtete aber den Zorn von Frau Strafe. Sie wollte mit Frau König reden, doch Frau Strafe hetzte dagegen. Die Mägde, die sahen, daß Frau Strafe und die anderen Phönixglanz nicht den Rücken stärkten, benahmen sich erst recht unverschämt. Zum Glück vermittelte Friedchen[19] und sagte: „Die Zweite Herrin würde es ja gern gut machen, aber der Herr und die Herrschaften haben draußen angeordnet, daß nicht verschwendet werden darf. Deshalb kann unsere Zweite Herrin nicht alles befriedigen." Erst nach mehrmaligem Erklären kehrte etwas Ruhe ein.

Obwohl Mönche Sutren rezitierten und Priester Bußzeremonien hielten, Trauerbesuche und Opfermähler einander ablösten, wurde wegen der Knauserei mit dem Geld niemand zum Eifer angetrieben, und alles geschah nur notdürftig. An den folgenden Tagen kamen nicht wenige kaiserliche Gemahlinnen und hohe Damen, doch Phönixglanz konnte nicht hinaufgehen und sie empfangen; sie mußte unten improvisieren. Hatte sie die eine gerufen, lief die andere weg; bald wurde sie unwirsch, bald mußte sie flehen; kaum hatte sie eine Sache hinter sich gebracht, kam die nächste. Nicht nur Mandarinenente und die anderen fanden es unwürdig — selbst Phönixglanz konnte es in ihrem Herzen nicht verantworten.

Frau Strafe, obwohl sie als Erste Herrin die Hauptverantwortung trug, berief sich auf die vier Worte „Aufrichtige Trauer ist wahre Pietät" und kümmerte sich um nichts. Frau König konnte nur Frau Strafe folgen; die übrigen taten noch weniger. Nur Frau Li durchschaute Phönixglanz' Not, wagte aber nicht, für sie zu sprechen. Sie seufzte nur bei sich: „Wie das Sprichwort sagt: ‚Die Pfingstrose mag noch so schön sein — sie braucht grüne Blätter, die sie stützen.' Wenn die Herrschaften Phönixglanz im Stich lassen, wer hilft ihr dann? Wenn die Dritte Schwester noch da wäre, ginge es. Jetzt hat Phönixglanz nur ihre eigenen wenigen Leute, die kopflos herumrennen und sich hinter ihrem Rücken beschweren, daß sie keinen Pfennig zu sehen bekommen und auch keine Ehre einlegen können. Der Herr denkt nur an die Pietät und versteht von praktischen Dingen nichts. Bei einem so großen Anlaß — wie soll man das ohne Geld bewerkstelligen? Die arme Phönixglanz — jahrelang hat sie sich abgemüht, und ausgerechnet bei der Sache der Herzoginmutter wird sie wohl ihr Gesicht verlieren." Dann rief sie bei Gelegenheit ihre eigenen Leute zusammen und wies sie an: „Schaut nicht auf die anderen und behandelt die Zweite Herrin Kette schlecht. Denkt nicht, daß Trauerkleider tragen und am Sarg wachen schon alles sei — man muß nur ein paar Tage durchstehen. Wenn ihr seht, daß die Leute nicht zurechtkommen, helft ein wenig — es ist ja das Gemeinwohl, und alle sollten sich einsetzen." Ihre Leute, die Frau Li von jeher gehorchten, stimmten zu und sagten: „Die Erste Herrin hat ganz recht; wir würden so etwas nicht wagen. Nur hören wir aus dem Ton der Schwester Mandarinenente heraus, als ob man der Zweiten Herrin Kette die Schuld gäbe."

Frau Li sagte: „Auch Mandarinenente habe ich es gesagt. Ich sagte: Die Zweite Herrin Kette gibt sich bei der Sache der Herzoginmutter durchaus Mühe. Nur hat sie kein Geld in der Hand — soll sie als kluge Frau auch noch Brei aus Nichts kochen? Jetzt versteht Mandarinenente es auch und gibt ihr nicht mehr die Schuld. Nur ihr Benehmen ist seltsam — nicht mehr wie früher. Damals, als die Herzoginmutter sie noch liebte, hat sie nie ihre Macht ausgespielt; jetzt, da die Herzoginmutter tot ist und niemand mehr hinter ihr steht — da scheint mir ihr Wesen verändert. Vorher habe ich mir Sorgen um sie gemacht — zum Glück ist der Erste Herr nicht zu Hause, so ist sie davongekommen; sonst — was hätte sie tun können?"

Während sie sprach, kam Lan Kaufmann herein und sagte: „Mutter, geh schlafen. Den ganzen Tag Gäste empfangen — du bist erschöpft, ruh dich aus. Ich habe seit Tagen kein Buch angerührt. Heute hat der Großvater gesagt, ich könne zu Hause schlafen. Ich bin ganz froh und möchte ein, zwei Bücher durchgehen, sonst habe ich nach der Trauerzeit alles vergessen." Frau Li sagte: „Braves Kind, Bücher lesen ist natürlich gut. Aber heute ruh dich erst aus — lies, wenn die Herzoginmutter bestattet ist." Lan Kaufmann sagte: „Wenn Mutter schlafen will, schlafe ich auch, und denke im Bett über den Stoff nach."

Alle lobten: „Was für ein braver junger Herr! In seinem Alter und denkt sofort an die Bücher! Ganz anders als der Zweite Herr Schatzjade: ein verheirateter Mann und noch immer so kindisch. Diese Tage kniet er neben dem Herrn, und man sieht ihm an, wie unwohl es ihm ist. Kaum bewegt sich der Herr, läuft er zur Zweiten Herrin und tuschelt mit ihr. Wenn die ihn nicht mehr beachtet, sucht er Fräulein Kostbarzither Schnee auf. Kostbarzither Schnee weicht ihm aus, und die Xing-Schwester redet auch nicht viel mit ihm. Dagegen unsere eigene Cousine Xi und die Vierte Schwester — die nennen ihn ‚großer Bruder' hier und ‚großer Bruder' da und halten sich gern bei ihm auf. Wir meinen: Der Zweite Herr Schatzjade tut außer dem Umgang mit Damen und Fräulein wohl gar nichts. Die arme Herzoginmutter hat ihn umsonst geliebt. Wo reicht er auch nur an ein Zehntel des jungen Herrn Lan heran? Die Erste Herrin wird sich eines Tages nicht zu sorgen brauchen." Frau Li sagte: „Selbst wenn er tüchtig wird — er ist noch klein. Und bis er groß ist, wer weiß, wie es dann um unsere Familie steht. Und wie findet ihr den jungen Herrn Huan?"

Die Leute sagten: „Der ist noch schlimmer! Seine Augen sind wie die eines lebhaften Affen — sie schweifen hierhin und dorthin. Zwar heult er mit den anderen, aber sobald eine Dame oder ein Fräulein kommt, lugt er hinter dem Trauervorhang hervor und glotzt sie an." Frau Li sagte: „Er ist eigentlich auch nicht mehr so jung; neulich hieß es, man wolle ihm eine Braut suchen. Jetzt muß man damit wieder warten. Ach! Noch etwas: Die Leute in unserer Familie — das läßt sich auch nicht so leicht klären. Aber lassen wir das Gerede. Übermorgen wird die Beisetzung gefeiert — wie steht es mit den Wagen für die einzelnen Gemächer?"

Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin Kette ist in den letzten Tagen ganz von Sinnen; sie hat noch nichts nach draußen bestellt. Gestern haben wir die Männer draußen sagen hören: Der Zweite Herr hat den Zweiten Herrn Qiang mit den Vorbereitungen beauftragt. Unsere eigenen Wagen reichen nicht, und Kutscher sind auch zu wenig — man muß bei Verwandten borgen." Frau Li lachte: „Man kann auch Wagen borgen?" Die Leute sagten: „Die Herrin scherzt. Warum sollte man keine Wagen borgen können? Nur ist an dem Tag bei allen Verwandten auch Bedarf an Wagen — da wird es schwer, welche zu borgen. Man wird wohl auch mieten müssen." Frau Li sagte: „Für die niederen Dienstboten mag man mieten — aber auch die weißen Trauerwagen für die Herrschaften?" Die Leute sagten: „Nehmt nur die Erste Herrin, die Schwägerin aus dem Ning-Palast und die junge Frau Hibiskus — die haben alle keine Wagen mehr. Wenn man nicht mietet, wo sollen sie herkommen?" Frau Li seufzte: „Früher, wenn Verwandte unserer Familie in gemieteten Wagen kamen, haben wir sie ausgelacht. Jetzt trifft es uns selbst. Sagt morgen euren Männern: Unsere Wagen und Pferde sollen rechtzeitig bereitstehen — damit es kein Gedränge gibt." Die Leute bejahten und gingen.

Nun wird berichtet, daß Xiangfluss-Wolke[20], weil ihr Mann krank lag, nach dem Tod der Herzoginmutter nur einmal gekommen war. Da übermorgen die Beisetzung stattfand, konnte sie nicht fernbleiben. Zudem hatte sich die Krankheit ihres Mannes als Schwindsucht erwiesen, die vorläufig nicht lebensbedrohlich war. So kam sie am Abend vor der Totenwache. Sie dachte an die Liebe, die ihr die Herzoginmutter immer erwiesen hatte, und an ihr eigenes bitteres Schicksal — kaum hatte sie einen Mann geheiratet, der schön und begabt war und einen guten Charakter hatte, da mußte er ausgerechnet an dieser Krankheit leiden, und es war nur noch ein Dahinschleppen von Tag zu Tag. So wurde ihr Schmerz nur noch größer, und sie weinte eine halbe Nacht, ohne daß Mandarinenente und die anderen sie trösten konnten.

Schatzjade blickte sie an und war von Trauer überwältigt, doch wagte er nicht vorzutreten und sie zu trösten. Er sah, wie sie leicht geschminkt und in schlichtem Gewand — ohne Rouge und Puder — noch schöner war als vor ihrer Heirat. Dann blickte er zu Kostbarzither Schnee und den anderen, die ebenfalls schlicht gekleidet waren und doch von strahlender Anmut. Und als er Schatzspange ansah, in voller Trauer, war diese besondere Eleganz noch eindrucksvoller als in farbiger Kleidung. Er dachte: „Die Alten sagten: ‚Unter Tausend von Rot und Purpur gebührt der Pflaumenblüte der erste Rang.' Nun sehe ich: Das liegt nicht nur daran, daß die Pflaume früh blüht — nein, die vier Worte ‚Rein, weiß, klar, duftend' sind wahrhaft unerreicht. Nur — wenn jetzt auch Schwester Lin so gekleidet wäre, wie unvergleichlich wäre ihre Anmut erst!" Bei diesem Gedanken wurde ihm schwer ums Herz, die Tränen rollten herab, und er nutzte den Anlaß der Trauerfeier, um hemmungslos zu weinen.

Die Leute trösteten gerade Xiangfluss-Wolke, als draußen plötzlich ein weiteres Schluchzen ertönte. Alle dachten, er trauere um die Herzoginmutter, die ihn so geliebt hatte. Doch in Wahrheit hatte jeder von beiden seine eigenen Tränen. Dieses gemeinsame große Weinen rührte alle Anwesenden zu Tränen. Erst Tante Schnee[21] und Frau Li, die Tante, konnten sie beruhigen.

Am nächsten Tag, der Nacht der Totenwache, ging es noch lebhafter zu. Phönixglanz konnte sich an diesem Tag kaum noch auf den Beinen halten und hatte kein Mittel mehr. Sie gab ihr Letztes und schrie sich die Kehle heiser, um den halben Tag zu überstehen. Am Nachmittag kamen noch mehr Verwandte und Bekannte, die Geschäfte häuften sich, und sie konnte vorn nicht aufpassen und gleichzeitig hinten alles regeln.

Gerade in ihrer größten Not kam ein kleines Mädchen gelaufen und sagte: „Hier ist die Zweite Herrin also! Kein Wunder, daß die Erste Herrin sagt, es seien drinnen zu viele Leute und man komme nicht zurecht — die Zweite Herrin hat sich verkrochen, um es sich bequem zu machen!" Als Phönixglanz diese Worte hörte, stieg ihr eine Woge der Wut hoch, würgte sie im Hals, die Tränen schossen ihr in die Augen; es wurde ihr schwarz vor Augen, der Hals wurde süß — und sie spie leuchtend rotes Blut. Ihre Beine gaben nach, und sie sackte zu Boden. Zum Glück eilte Friedchen herbei und stützte sie. Phönixglanz spuckte einen Schwall Blut nach dem anderen und hörte nicht auf.

Ob sie leben wird oder sterben — das wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Herzoginmutter: Chin. 贾母 (Jiǎ Mǔ), auch „Alte Fürstin". Oberhaupt der Familie Kaufmann.
  2. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 (Jiǎ Bǎoyù), wörtl. „Kostbare Jade". Protagonist des Romans.
  3. Frau König: Chin. 王夫人 (Wáng Fūrén). Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  4. Frau Li: Chin. 李纨 (Lǐ Wán). Witwe von Zhu Kaufmann, Mutter von Lan Kaufmann.
  5. Lan Kaufmann: Chin. 贾兰 (Jiǎ Lán), wörtl. „Orchidee". Sohn von Zhu Kaufmann und Frau Li, Enkel von Aufrecht Kaufmann.
  6. Phönixglanz: Chin. 王熙凤 (Wáng Xīfèng), wörtl. „Strahlender Phönix". Ehefrau von Kette Kaufmann, Haushälterin des Rong-Palastes.
  7. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 (Jiǎ Zhēn). Herr des Ning-Palastes.
  8. Mandarinenente: Chin. 鸳鸯 (Yuānyāng), wörtl. „Mandarinenten-Paar". Engste Dienerin der Herzoginmutter.
  9. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 (Xuē Bǎochāi), wörtl. „Kostbare Haarspange". Ehefrau von Schatzjade.
  10. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 (Jiǎ Zhèng), wörtl. „Aufrecht/Rechtschaffen". Vater von Schatzjade.
  11. Frau Strafe: Chin. 邢夫人 (Xíng Fūrén). Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  12. „Ding You" — nach konfuzianischem Ritus mußte ein Beamter bei Tod der Eltern sein Amt für eine bestimmte Zeit niederlegen
  13. Begnadigung Kaufmann: Chin. 贾赦 (Jiǎ Shè), wörtl. „Begnadigung". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.
  14. Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 (Jiǎ Huán). Jüngerer Halbbruder von Schatzjade.
  15. Hibiskus Kaufmann: Chin. 贾蓉 (Jiǎ Róng). Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
  16. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 (Xīchūn), wörtl. „Den Frühling bewahren". Vierte Tochter der Familie Kaufmann, aus dem Ning-Palast.
  17. „jie san" — die Zeremonie am dritten Tag nach dem Tod
  18. Zitat aus den „Gesprächen des Konfuzius" (Lunyu)
  19. Friedchen: Chin. 平儿 (Píng'ér), wörtl. „Friedliches Kind". Nebenfrau und treue Gehilfin von Phönixglanz.
  20. Xiangfluss-Wolke: Chin. 史湘云 (Shǐ Xiāngyún), wörtl. „Wolken über dem Xiang-Fluss". Cousine von Schatzjade.
  21. Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 (Xuē Yímā). Mutter von Schatzspange und Becken Schnee.