Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 116"

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Kapitel 116
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Der Wunderjade <ref>Chinesisch: 妙玉</ref>stein wird wiedergefunden, und in der Traumwelt erkennt man das Schicksal;
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_116|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_116|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Der Sarg der liebevollen Großmutter wird in die Heimat geleitet, um die Kindespflicht zu erfüllen
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= Kapitel 116 =
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Es wird erzählt, dass Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref>, als er Mondscheins Worte hörte, nach hinten fiel und abermals wie tot war. Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> und die anderen waren außer sich und hörten nicht auf zu weinen und zu rufen. Mondschein wusste, dass ihre unbedachten Worte das Unglück verursacht hatten. Frau König und die anderen waren in diesem Augenblick nicht in der Lage, sie zurechtzuweisen. Mondschein weinte und überlegte fieberhaft. Sie dachte: „Sollte Schatzjade sterben, dann nehme ich mir das Leben und folge ihm."
== 得通灵幻境悟仙缘 / 送慈柩故乡全孝道 ==
 
  
n, den Anschein von Respekt gegenüber Bau-yü zu bewahren. Es war ohnehin zu spät, für einen Augenblick lösten sie den Griff, und Bau-yü war fort. Hsi-jën stellte sich selbst zufrieden, indem sie eine jüngere Magd mit Anweisungen für Bee-ming und Bau-yüs anderen Pagen zum inneren Tor schickte, um ein Auge auf ihn zu werfen, da er sich „sehr seltsam“ benehme. Die Magd befolgte ihre Anweisung sofort.
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Von Mondscheins Gedanken sei hier nicht weiter die Rede. Frau König und die anderen sahen, dass Schatzjade nicht zu Bewusstsein kam, und schickten Leute hinaus, um den Mönch zu suchen, damit er ihn heile. Doch als Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> vorhin hinausgegangen war, war der Mönch bereits verschwunden. Aufrecht Kaufmann war noch ganz verwundert, als er drinnen erneut Lärm hörte. Eilig ging er hinein und sah, dass Schatzjade wieder im selben Zustand war wie zuvor: der Kiefer fest zusammengepresst, der Puls erloschen. Als er mit der Hand auf die Herzgrube drückte, war dort noch Wärme. So ließ er eilends den Arzt kommen und Medizin einflößen. Doch Schatzjades Seele hatte den Körper längst verlassen. War er etwa tot? Nein — in einem verschwommenen Zustand war er zum vorderen Saal geeilt, wo er den Mönch, der den Jade gebracht hatte, sitzen sah. Er verneigte sich. Der Mönch stand hastig auf, nahm Schatzjade bei der Hand und ging los. Schatzjade folgte dem Mönch und fühlte sich leicht wie ein Blatt — schwebend und schwerelos. Er war nicht durch das Haupttor gegangen und wusste nicht, wo er herausgekommen war.
Die Dame Wang und Bau-tschai gingen währenddessen in Bau-yüs Gemächer und setzten sich. Sie fragten Hsi-jën, was genau passiert sei und diese berichtete ausführlich, was Bau-yü alles gesagt hatte. Sie waren beide sehr verstört und schickten einen weiteren Botschafter mit Anweisungen, daß die Diener Bau-yü gründlich bewachen und genau zuhören sollten, was der Mönch sagte. Einen Augenblick später kehrte eine jüngere Magd zurück und berichtete Frau Wang: „Herr Bau-yü benimmt sich äußerst merkwürdig, Herrin. Die Pagen draußen sagen, daß, weil Sie ihm den Jade nicht gegeben haben, er sich nun selbst an seiner Stelle anbiete.“ –
 
„Ausgezeichnet!“, rief Frau Wang. „Und was hat der Mönch darauf gesagt?“ –
 
„Er sagte, er wolle den Jade, nicht den Mann“, antwortete die Magd. „Nicht das Geld?“, fragte Bau-tschai.
 
„Das hatten sie gar nicht erwähnt. Danach standen der Mönch und Herr Bau-yü sich unterhaltend da und lachten zusammen. Doch viel davon habe ich nicht mitbekommen.“ –
 
„Diese kleinen Dummköpfe!“, nörgelte die Dame Wang. „Wenn sie es schon nicht verstanden haben, könnten sie es wenigstens für uns wiederholen. Geh und sag’ ihnen, sie sollen herkommen!“
 
Die Magd mußte sich einer Befragung der Dame Wang unterziehen. Dann erschien Bee-ming, stand draußen im Flur, mischte sich ein und begrüßte sie durch das Fenster.
 
„Natürlich“, so die Dame Wang, „wenn ihr die Bedeutung nicht von dem verstanden habt, was Herr Bau-yü und der Mönch sagten, sollte es doch wenigstens möglich sein, uns die Worte zu wiederholen.“ –
 
„Alles, was wir gehört haben“, antwortete Bee-ming, „war etwas über einen großen einsamen Berg und ein grünen Bergesfuß. Und dann etwas über ein Land der Täuschungen und „sich auflösende weltliche Bänder“.
 
Für die Dame Wang ergab das genauso wenig Sinn wie für den Pagen. Doch Bau-tschai, die stumm vor sich hin starrte, konnte etwas damit anfangen.
 
Sie wollten gerade jemanden schicken, der Bau-yü zurückholt, bis er selbst breit lächelnd eintrat und verkündete: „Alles ist gut! Alles ist gut!“
 
Bau-tschai starrte ihn kummervoll an, während die Dame Wang fragte: „Was gab es denn mit dem Mönch zu plaudern?“
 
„Es war kein Geplauder. Es war ein ernsthaftes Gespräch. Es hat sich herausgestellt, daß er mich kennt und daß er mich im Grunde genommen nur sehen wollte. Er wollte niemals Geld. Er hoffte nur auf eine freundliche Zuwendung, welche gutes Karma hervorruft. Sobald er sich verstanden gefühlt hatte, war er auch schon gegangen. Ganz einfach. Daher wirst du mir sicher zustimmen, daß alles gut ist!“
 
Frau Wang konnte das nicht glauben und fragte Bee-ming, die immer noch auf der anderen Seite des Fensters stand, ob sie Bau-yüs Geschichte bestätigen könne. Er eilte fort, um den Torwächter zu befragen und kehrte sofort zurück, um zu berichten: „Es ist wahr. Der Mönch ist wirklich fort. Als er ging, sagte er: „Die Herrin braucht sich nicht zu sorgen. Das Geld wollte ich niemals.“ Er sagt, er wolle nur, daß Herr Bau-yü ihn oft besucht. ‚Laß alles mit Karma angereichert werden! In allen Dingen liegt eine feste Bestimmung.‘ Das waren seine Abschiedsworte.“ –
 
„Also war er nur ein guter Mönch“, rief die Dame Wang, „hat ihn irgend jemand gefragt, wo er denn lebt?“
 
„Der Torwächter meint, der Mönch sagte, Herr Bau-yü würde wissen, wo er ihn zu finden habe.“
 
Frau Wang wandte sich an Bau-yü: „Nun – und wo lebt er?“
 
Bau-yü lächelte rätselhaft: „Seine Unterkunft ist weit weg und zugleich ganz in der Nähe. Es hängt alles davon ab, von wo aus man es betrachtet.“ –
 
„Um Himmels willen!“, unterbrach Bau-tschai ihn ungeduldig, bevor er zu Ende gesprochen hatte. „Reiß dich zusammen und hör’ mit dem Unsinn auf! Du weißt, wie sehr Mutter und Vater dich lieben! Und Vater hat dir gesagt, wie wichtig es im Leben sei, Erfolg zu haben!“ –
 
„Zählt das, worüber ich spreche, nicht als Erfolg?“, fragte Bau-yü auf heitere Art. „Kennst du nicht das Sprichwort: ‚Wenn ein Sohn ein Mönch wird, werden die Seelen von sieben Generationen in den Himmel aufsteigen‘? “
 
Als sie dies hörte, war die Dame Wang  noch verzeifelter als vorher: „Unsere Familie ist ruiniert! Hsi-tschun spricht nur noch von ihrer Schwe­stern­schaft, und jetzt fängt auch er noch damit an! Warum soll ich mein Leben dann noch unnötig verlängern?“
 
Sie begann, hysterisch zu schluchzen. Bau-tschai versuchte sie zu trö­sten, doch Bau-yü lachte nur und sagte: „Das war ein Scherz! Es gibt doch keinen Grund, das ernst zu nehmen.“ Die Dame Wang trocknete ihre Tränen: „Wie kann man über so etwas nur scherzen?“
 
In diesem kritischen Augenblick kam eine Magd herein, um die Ankuft von Djia Liän anzukündigen: „Er sieht auch traurig aus, Herrin. Er möchte sich gerne mit ihnen unterhalten.“
 
Das war ein weiterer Schock für die Dame Wang. „Frag’ ihn bitte, ob er herkommen kann. Frau Bau-tschai ist seine Kusine, also muß er sich um ihre Anwesenheit nicht kümmern!“
 
Djia Liän kam ordnungsgemäß herein und begrüßte die Dame Wang. Bau-tschai grüßte ihn auch, dann sagte er: „Ich habe eben einen Brief von Vater erhalten“, sagte Djia Liän, „darin steht, er sei schwer krank geworden. Ich  muß schnell zu ihm gehen, bevor es zu spät ist!“ Tränen flossen ihm über die Wangen.
 
„Stand in dem Brief, was für eine Krankheit er hat?“, fragte die Dame Wang.
 
„Es begann als eine Grippe, die sich zu einer Lungenentzündung ent­wickelt hat, die sich nun in einem kritischen Stadium befindet. Ein spezieller Botschafter reiste Tag und Nacht, um die Neuigkeiten zu überbringen und sagte, daß wenn sich meine Abreise um einen Tag verzögere, es schon zu spät sein könnte. Ich muß schnellstmöglich aufbrechen. Ich fürchte, da Onkel nun im Süden ist, wird niemand hier sein, um sich um alles zu kümmern. Ihr müßtet dann mit Tchiang-örl und Yün-örl zurechtkommen. So groß ihre Schwächen auch sein mögen, wenigstens sind sie Männer und können mit euch über alles reden, was draußen geschieht. In meinen Gemächern muß man sich nicht um viel kümmern. Tchiu-tung ist die ganze Zeit am Weinen und Klagen und sagt, daß sie gehen will, deshalb habe ich ihrer Familie gesagt, sie solle sie abholen. Das wird das Leben für Ping-örl immerhin erträglicher machen. Es ist niemand da, der sich um Tchiau-djie kümmern kann, ich weiß, doch Ping-örl kommt gut mit ihr zurecht. Tchiau-djie ist ein sehr einfühlsames Mädchen, doch hat sie einen noch härteren Charakter als ihre Mutter, deshalb hoffe ich, daß du sie weitgehend führen kannst, Tantchen.“
 
Während er sprach, erröteten seine Augen verräterisch, und er nahm ein seidenes Taschentuch aus seiner Betelnußtasche am Bauch und tupfte sie damit ab.
 
„Wenn ihre eigene Großmutter unmittelbar in der Nähe ist, warum vertraust du sie dann mir an?“, fragte die Dame Wang.
 
„Wenn Sie sich so eine Haltung angewöhnen, kann ich mich genau so gut totschlagen!“, sagte Djia Liän zur Dame Wang mit leiser Stimme. „Ich werde nichts mehr sagen, ich bitte dich nur, nett zu mir zu sein und zu tun, was du kannst.“
 
Er kniete vor ihr.
 
„Steh sofort auf!“, rief die Dame Wang, ihre Augen waren naß vor Tränen. „Was ist das für eine Art, wie Tante und Neffe miteinander reden? Eines sollten wir noch besprechen. Das Kind hat nun sein Alter erreicht. Wenn deinem Vater irgend etwas Unerwartetes zugestoßen ist und du zurückgehalten wirst und wenn in dieser Zeit eine angemessene Familie ein Heiratsangebot macht, soll ich damit dann auf deine Rückkehr warten, oder soll ich deine Mutter während deiner Abwesenheit entscheiden lassen?“
 
„Natürlich brauchst du nicht auf mich warten. Wenn du und Mutter hier seid, könnt ihr beide so entscheiden, wie ihr es für richtig haltet.“ –
 
„Dann geh jetzt besser“, sagte Frau Wang. „Schreibe deinem Onkel Dschëng eine Nachricht. Sag’ ihm, daß dein Vater in einem bedenklichen Gesundheitszustand ist und daß keine Männer im Haus sind. Bitte ihn, die Beerdigungsriten für Großmutter schnellstmöglich zu beenden und so zügig wie möglich nach Hause zu kommen.“
 
„Nun gut, Tante.“
 
Als er gerade gehen wollte, kehrte er noch einmal um und sagte: „Es sollten genug Diener im Haus sein. Doch es ist niemand im Garten. Der Ort ist zu verlassen, besonders da Bau Yung mit den Dschëns zurückgegangen ist und Vetter Ke und Frau Hsüä in ihr altes Gelände in der Nähe des Gartens gezogen sind, um in ihren eigenen Gemächern zu wohnen. Alle Gebäude im Garten sind leer und vernachlässigt. Ihr solltet jemanden schicken, der sich diesen Ort näher anschaut. Das Kloster Gefangenes Grün ist ein Familienstift, und da Miau-yü verschwunden ist, muß etwas mit ihren Begleitern geschehen. Die Oberin glaubt nicht, sie könne selbst eine Entscheidung treffen und möchte, daß jemand aus der Familie das übernimmt.“
 
„Das wird warten müssen“, antwortete die Dame Wang. „Wenn unser eigener Haushalt schon in solchem Chaos ist, sind wir nicht in der Lage, zusätzliche Verpflichtungen zu übernehmen. Das darfst du auf keinen Fall gegenüber Hsi-tschun erwähnen. Das würde sie nur in ihrem Vorhaben bestärken. Meine Güte, wie weit ist es nur mit uns gekommen? Eine Nonne in der Familie wäre eine Katastrophe!“ –
 
„Das hätte ich schon nicht selbst erwähnt“, sagte Djia Liän, „doch da du es nun getan hast, sollte ich vielleicht meinen Rat anbieten. Hsi-tschun gehört trotz allem zur Ning-guo-Seite der Familie. Von ihren Eltern lebt keiner mehr, ihr älterer Bruder wurde in die Verbannung geschickt, und sie und ihre Schwiegerschwester kommen schlecht miteinander aus. Ich habe gehört, daß sie einige Male versucht hat, Selbstmord zu begehen. Wenn sie wirklich fest entschlossen ist, eine Nonne zu werden, und wir immer noch auf unserer Ablehnung beharren, wird sie sich wirklich das Leben nehmen. Und dann hätten wir sie ganz verloren!“
 
Die Dame Wang nickte: „Diese Last ist zu schwer für mich! Das gehört wirklich nicht zu meiner Verantwortung. Ich muß es ihrer Schwiegerschwester überlassen, das zu entscheiden.
 
Djia Liän sagte noch etwas und brach dann auf. Er rief die Diener herbei und gab ihnen Anweisungen. Dann schrieb er einen Brief an Djia Dschëng und packte seine Sachen. Ping-örl bat ihn, gut auf sich acht zu geben, während Tchiau-djie sehr traurig über die Abreise ihres Vaters war. Djia Liän formulierte seinen Wunsch, sie solle sich um Onkel Wang Jën kümmern, doch das wollte sie nicht. Und wie sie erfuhr, daß Djia Yün-örl und Djia Tchiang-örl außerhalb verpflichtet waren, war sie sehr widerspenstig und sagte nichts mehr. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater und beschloß, zu Hause ein ruhiges Leben mit Ping-örl zu verbringen.
 
Fëng-örl und Hsiau-hung waren seit Hsi-fëngs Tod völlig von der Rolle, in einem Moment wollten sie gehen, im anderen gaben sie vor, krank zu sein. Ping-örl hatte eine junge Dame aus einem anderen Zweig ihrer Familie hergebeten, um bei ihnen zu bleiben, zum Teil, um Tchiau-djie Gesellschaft zu leisten, zum Teil, um sie zu erziehen, doch die einzigen Namen, die ihr einfielen, waren Hsi-luan und Si-djie, die Liebste der Herzoginmutter, und von den beiden hatte Si-djie kürzlich geheiratet, während Hsi-luan verlobt und kurz davor war, das Haus zu verlassen.
 
Djia Yün und Djia Tchiang begleiteten Djia Liän hinaus und kamen dann wieder herein, um den Damen Hsing und Wang zu berichten. Die zwei Männer erfüllten ihre nächtlichen Pflichten im äußeren Studierzimmer, und während des Tages vergnügten sie sich mit den Dienern, veranstalteten Feste und luden verschiedene Freunde ein, die sich als Gastgeber stets abwechselten. Es gab sogar ernsthaftes Glücksspiel. Die Damen hatten davon natürlich keine Ahnung.
 
Eines Tages kamen der Bruder der Dame Hsing, Hsing Dë-tchüän und Wang Jën vorbei. Wie sie erfuhren, daß Yün und Tchiang nun im Jung-guo-Anwesen eingesetzt waren, und wie sie mitbekamen, wie sie ihre Zeit genossen, begannen sie regelmäßig, ‚nach dem Rechten zu sehen‘ und richteten ein regelmäßiges Trinken und Spielen im äußeren Studierzimmer ein. Alle derzeitigen Diener hatten entweder Djia Dschëng oder Djia Liän begleitet und die übrigen männlichen Diener waren Söhne und Neffen von Verwalter Lai und Lin, die nun dem leichten Leben zugeneigt waren, welches ihre Eltern ihnen zufällig vermacht hatten; sie interessierten sich recht wenig für die Grundsätze, wie ein Haushalt vernünftig geführt werden sollte. Da ihre Eltern fort waren, glichen sie jungen Hengsten, die man auf der Weide losgelassen hat. Und durch die zwei jüngeren Herren, die sie weiter anspornten, kannten ihre Vergnügen keine Grenzen.
 
Unter dieser Herrschaft hätte das Familienmotto einfach lauten können: ‚Erlaubt ist, was gefällt.‘
 
Djia Tchiang hatte überlegt, Bau-yü einzuladen, doch Djia Yün verwarf die Idee schnell: „Der Kerl ist ein absoluter Spaßverderber. Der würde nur Ärger machen. Vor ein oder zwei Jahren hatte ich die perfekte Hochzeit für ihn vorbereitet. Der Vater des Mädchens war ein Steuereintreiber aus einer der Provinzen, die Familie besaß mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen selbst war einfach zuckersüß. Ich habe viele Strapazen auf mich genommen und ihm einen langen Brief geschrieben, doch die Mühe hätte ich mir sparen können. Er ist der reinste Spielverderber.
 
Yün blickte um sich, um sicher zu gehen, daß niemand zuhörte und fuhr fort:
 
„In Wirklichkeit hatte er schon seine neue Frau im Auge! Und dann war da noch Fräulein Dai-yü, davon mußt du gehört haben. Sie starb an gebrochenen Herzen, das ist allgemein bekannt. Und es war alles seine Schuld. Doch das ist eine andere Geschichte. Jedem gebührt sein eigenes Schicksal in der Liebe, nehme ich an. Alles dasselbe, ich sehe nicht ein, warum er böse auf mich sein und mir alles vermasseln sollte. Vielleicht glaubte er, ich würde in Schulden geraten oder so.“
 
Djia Tchiang nickte und gab die Idee auf, Bau-yü einzuladen. Was keiner von ihnen wußte, war, daß Bau-yü seit seinem Treffen mit dem Mönch völlig von seinen weltlichen Fesseln gelöst war. Während der Anwesenheit seiner Mutter benahm er sich so normal wie möglich, doch seine Beziehungen zu Bau-tschai und Hsi-jën waren um einiges kälter geworden. Die Mägde hatten von diesem Wandel nichts bemerkt und behandelten ihn wie vorher, wobei sie allerdings von seiner Seite ignoriert wurden. Er schien praktische Haushaltsangelegenheiten völlig vergessen zu haben. Und was seine Studien betrifft, wann immer seine Mutter und Bau-tschai sich danach erkundigten, heuchelte er Strebsamkeit, doch in Wirklichkeit konnte er nur an den Mönch und seine rätselhafte Reise in das Feenreich denken. Jeder um ihn schien so unerträglich banal, und er begann, sich in seiner familiären Umgebung immer weniger wohl zu fühlen. Wenn er von Verpflichtungen befreit war, war es Hsi-tschun, die er als Begleitung aussuchte. Die beiden entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten, und ihre belebten Unterhaltungen festigten seinen Entschluß. Für Djia Huan und Djia Lan hatte er nur noch wenig Zeit.
 
Djia Huan begann nun, da sein Vater von Zuhause fort und seine Mutter, Frau Dschau, tot war, und seit die Dame Wang ihm nur noch wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte, sich zu Djia Tchiang und seinen Kumpanen hingezogen zu fühlen. Tsai-yün, die stets versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, empfing nichts als Beschimpfungen für ihre Mühen. Yü-tschuan bemerkte selbst, daß Bau-yü noch gestörter als zuvor war und fragte ihre Mutter, ob sie aus dem Dienst genommen werden könnte. Derzeit gelang es Bau-yü und Djia Huan auf ihre Weise, die Leute um sich herum abzuschrecken. Djia Lan saß im Gegensatz dazu fleißig studierend an der Seite seiner Mutter. Und wenn er einen Aufsatz beendet hatte, ging er damit zur Familienschule, um Kommentare des Lehrers zu erhalten. Zur Zeit war der Lehrer lange Zeit bettlägerig gewesen, und Djia Lan mußte ständig alleine arbeiten. Seine Mutter Li Wan mochte es immer friedlich und ruhig und, außer die Dame Wang und Bau-tschai zu treffen, tat sie weiter nicht viel, als zu Hause zu sitzen und Djia Lan bei seiner Arbeit zuzusehen. So ging das Leben im Jung-guo-Anwesen weiter, jeder ging seinen eigenen Geschäft nach, was Djia Huan, Djia Tchiang und der Gesellschaft die Freiheit ließ, ungestört fortzufahren. Bald hatten sie alles Familieneigentum heimlich verpfändet oder verkauft, um ihre unehrenhaften Geschäfte zu bezahlen. Djia Huan war am schlimmsten. Seine Hurerei und sein Spiel kannten keine Grenzen.
 
Eines Tages wollten Hsing Dë-tchüän und Wang Jën, die bereits heiter trinkend im Studierzimmer waren Unterhaltung. Sie waren ganz berauscht und verlangten nach ein paar Singmädchen, die sie mit einigen Liedern unterhalten und ihnen beim Zechen Gesellschaft leisten sollten.
 
„Das wird doch die reinste Orgie!“, protestierte Djia Tchiang scherzhaft. „Ich schlage vor, wir veranstalten ein Trinkspiel, um etwas in Stimmung zu kommen.“
 
Jeder hielt das für eine gute Idee. „Reich’ den Becher auf das Wort ‚Mond‘ weiter,“ schlug Djia Tchiang vor. „Ich nenne einen Vers und zähle, und wer das Wort ‚Mond‘ bekommt, muß trinken und zwei Verse nennen – einen Einleitungs- und einen Endvers – meinen Anweisungen folgend. Die Strafe sind drei große Becher.“
 
Jeder stimmte seinen Regeln zu. Zuerst trank Djia Tchiang einen Becher zum Auftakt und zitierte dann Li Bos Vers: „Die Pfauenbecher fliegen, der betrunkene Mond...“ Der ‚Mond‘ fiel auf Djia Huan.
 
„Für den Einleitungsvers gib einen Vers mit ‚Cassia‘ “, sagte Djia Tchiang.
 
Djia Huan zitierte einen Vers des Tang-Dichters Wang Djiän: „Kalter Tau benäßt still die Cassia-Blumen...“ –
 
„Und Duft für den Endvers“, folgerte Djia Tchiang.
 
Djia Huan war mit dem Vers eines weiteren Tang-Dichters an der Reihe, Sung Dschï-wën: „Hinter den Wolken weht ein himmlischer Duft...“.
 
„Langweilig! Langweilig!“ beschwerte sich Hsing Dë-tchüän. „Hör’ auf rumzupoetisieren, Huan, alter Junge! Was weißt du schon von Poesie! Das macht überhaupt keinen Spaß. Es reicht, du machst mich krank! Wir machen Schluß und spielen lieber Fingerraten. Der Verlierer trinkt und singt ein Lied, eine doppelte Strafe. Wer nicht singen kann, muß statt dessen einen Witz erzählen. Doch es sollte besser ein lustiger sein.“
 
Alle stimmten dem neuen Vorschlag zu, und es gab einen großen Lärm, als sie begannen, die Finger auszuwürfeln. Wang Jën war der erste Verlierer. Er trank und sang ein Lied.
 
„Bravo!“, riefen sie und machten weiter. Als nächstes verlor eines der Mädchen. Sie sang ein Lied mit dem Namen „Lilien-Fräulein-Zauberhaft“. Dann war Hsing Dë-tchüän an der Reihe. Jeder wollte, daß er ein Lied sang, doch er beharrte darauf, er sei taubstumm. „Dann erzähl’ uns einen Witz!“ –
 
„Wenn keiner lacht,“ warnte ihn Djia Tchiang, „mußt du auch Strafe zahlen.“
 
Hsing senkte den Becher und erzählte seine Geschichte: „Meine Damen und Herren: Es war einmal in einem bestimmten Dorf, da waren zwei Tempel, – ein Großer, dem Großen Gott des Nordens gewidmet und daneben ein Kleinerer, dem Dorfgott gewidmet. Der Große Gott lud den Dorfgott immer zum Plaudern ein. Eines Tages wurde ihm etwas aus seinem Tempel gestohlen, und er bat den Dorfgott, der Sache auf den Grund zu gehen. ‚Doch es gibt in dieser Gegend keine Diebe‘, protestierte der Dorfgott. ‚Es muß die Nachlässigkeit einer deiner Torwächter sein. Jemand muß sich hineingeschlichen und die Dinge gestohlen haben.‘ – ‚Unsinn!‘ antwortete der Große Gott. ‚Du hast zur Zeit Schulden. Wenn es einen Dieb gibt, trägst du die Verantwortung. Was soll denn das auch? Du solltest den Dieb besser suchen, als die Torwächter der Nachlässigkeit zu beschuldigen!‘ – ‚Was ich mit nachlässig meinte‘, verdrehte der Dorfgott, ‚ist, daß dein Tempel schlecht plaziert ist, die Drachenlinien müssen sich irren.‘ – ‚Ich wußte nicht, daß du über Fengshui Bescheid weißt‘, kommentierte der Große Gott ungläubig. ‚Erlaube mir, selbst nachzusehen‘, bot der Dorfgott an, ‚und wir werden sehen, was ich sehe.‘ Er ging um den Tempel, untersuchte jede Nische und jedes Versteck und nach einer Weile berichtete er: ‚Mein Herr, hinter deinem Thron ist eine doppelblättrige, rote Tür. Eine unsichere Konstruktion. Ich persönlich habe hinter meinem Thron eine stabile Steinmauer, deshalb wird mir nichts gestohlen. Du kannst dir in der jetztigen Situation einfach damit behelfen, an Stelle des Thrones eine Mauer zu bauen.‘ Dies erschien dem Großen Gott einleuchtend, und er wies die Torwächter an, Arbeiter zu rufen, die eine solche Mauer errichten sollten. ‚Doch wir können uns nicht einmal eine Kerze oder ein Weihrauchstäbchen für diesen Tempel leisten!‘, klagten die Torwächter. ‚Wie können wir uns dann Steine und Mörtel leisten und die Arbeiter bezahlen?‘ Dem Großen Gott fiel keine Lösung ein. Er trug ihnen auf, eine zu finden, doch sie waren zu ratlos dazu. Doch der Schildkrötengeneral, dessen ruhende Steinform zu Füßen des Großen Gottes lag, stand auf und sagte: ‚Ihr seid eine nutzlose Bande! Ich habe eine Idee: reißt die rote Tür nieder und benutzt meinen Bauch, um die Öffnung zu blockieren. Ich bin sicher, das wird seinen Zweck erfüllen.‘ – ‚Ein ausgezeichneter Plan!‘, riefen die Torwächter im Chor, ‚einfach, zuverlässig und umsonst!‘ So wurde der Schildkrötengeneral zur Rückwand, und es herrschte Frieden – eine Weile. Dann begannen wieder, Dinge aus dem Tempel zu verschwinden. Die Torwächter riefen den Dorfgott herbei und klagten: ‚Ihr habt uns Sicherheit garantiert, wenn wir eine Mauer errichten, doch nun seht, was geschehen ist! Wir haben eine Mauer und verlieren immer noch Dinge!‘ – ‚Die Mauer kann nicht stabil genug sein.‘ – ‚Schaut selbst nach,‘ forderten sie. Dies tat der Dorfgott. Die Mauer schien durchaus stabil. Das war seltsam. Dann fühlte er mit seiner Hand. ‚Aaah!‘, rief er, ‚kein Wunder! Ich meinte eine vernünftig gebaute Mauer. Ein alter Dieb könnte diese Mauer herunterdrücken (Djia Tchiang).‘ “
 
Alle lachten, sogar Tchiang, dessen Name als Grundlage für diesen Witz diente. „Komm schon, Onkel Hsing!“, protestierte er. „Sei fair! Ich habe niemals etwas von Witzen auf Kosten von Namen gesagt! Dafür mußt du einen trinken!“
 
Onkel Hsing, der bereits ein Blatt im Wind war, gab willig nach. Sie tranken alle noch ein paar Becher und im allgemeinen Rausch ließ der dumme Onkel einige boshafte Bemerkungen über seine Schwester, die Dame Hsing los, während Wang Jën eine entwürdigende Erinnerung an seineSchwester Hsi-fëng beisteuerte, – beide waren voller Bitterkeit. Ihr Beispiel und der Wein verliehen Djia Huan mehr Mut, und auch er lieferte einen Beitrag, bemängelte, wie herzlos Hsi-fëng gewesen sei und wie sie versucht habe, so viele ihrer Leben zu ruinieren. „Ja, die Leute sollten allgemein mehr Anstand zeigen“, stimmten alle ein. „Wie sie Frau Djias Einfluß genutzt hat, jeden zu schikanieren, war furchtbar. Sie war starr, ohne einen Erben zu ge­bäh­ren. Sie hatte nur eine Tochter. Vergeltung noch zu Lebzeiten!“
 
Djia Yün, der sich nur zu gut daran erinnern konnte, wie grob Hsi-fëng einst zu ihm war und wie Tchiau-djie immer anfing zu brüllen, wenn sie ihn erblickte, verfiel dem herrschenden Ton und gab auch seine Schmähungen zum Besten. Djia Tchiang wollte die rachsüchtige Gesellschaft wieder etwas aufheitern: „Laßt uns lieber noch einen Becher trinken! Das Gerede führt doch zu nichts!“ –
 
„Wie alt ist denn die junge Dame, die du erwähnt hast?“, erkundigten sich die beiden Gesangsmädchen. „Ist sie hübsch?“ –
 
„Oh ja“, antwortete Djia Tchiang, „sehr sogar. Sie ist etwa dreizehn.“ –
 
„In diesem Fall ist es eine Schande, daß sie in eine Familie wie eure hineingeboren wurde,“ bemerkten die Mädchen, „wenn sie nur aus einem ehrbaren Haus wäre, könnte sie eine Stellung erreichen, wodurch sie für ihre Familie gute Arbeit finden und haufenweise Geld bringen würde.“ –
 
„Was meinst du?“ –
 
„Wir kennen einen bestimmten mongolischen Prinzen“, antworteten die Mädchen, „er ist wirklich ein Mann der Damen. Er sucht nach einer Konkubine, und die Dame, die seinen Vorstellungen entspricht, könnte mit ihrer ganzen Familie im Palast leben. Was für ein unsagbares Glück das für jemanden wäre!“
 
Keiner von ihnen schien wirklich zuzuhören, mit Ausnahme von Wang Jën, der sehr nachdenklich aussah. Zunächst sagte er nichts und trank weiter.
 
Ein wenig später kamen zwei junge Männer herein, jüngere Söhne der Verwalter Lai und Lin.
 
„Ihr scheint euch die Zeit gut zu vertreiben, ihr Herren, in Anbetracht der Umstände“, riefen sie.
 
Jeder erhob sich, um sie zu grüßen.
 
„Wo wart ihr zwei denn so lange? Wir haben so lange auf euch gewartet.“
 
Sie erklärten: „Am frühen Morgen hörten wir das üble Gerücht, unsere Familie sei wieder in ernsthaften Schwierigkeiten; also eilten wir hin, um zu sehen, welche Neuigkeiten im Palast herauszufinden seien. Es stellte sich heraus, daß es gar nichts mit unserer Familie zu tun hatte.“
 
Alle fragten: „Wenn dem so ist, warum seid ihr dann nicht direkt hergekommen?“
 
Die beiden erklärten: „Es betraf nicht genau unsere Familie, doch es hat etwas mit uns zu tun. Es war dieser Herr Djia Yü-tsun. Als wir am Palast waren, sahen wir ihn in Ketten gelegt. Man sagte uns, er würde zum Hohen Gericht zu einem Verhör gebracht. Wir wußten, daß er hier regelmäßig zu Besuch war und fürchteten, daß uns dieser Fall doch beträfe, deshalb folgten wir ihm, um zu sehen, was dabei heraus käme.“
 
„Gut bedacht, Männer!“, rief Djia Yün. „Wir sind euch zu Dank verpflichtet. Setzt euch, trinkt etwas und erzählt uns davon.“
 
Die zwei setzten sich nach höflicher Zurückhaltung und fuhren trinkend fort: „Dieser Herr Yü-tsun ist bestimmt ein fachverständiger Mann und weiß, wie man die Fäden zu ziehen hat. Bis jetzt hatte er das immer gut getan. Doch er hat einiges Schmiergeld genommen und wurde verraten. Wie wir alle wissen, ist unser derzeitiger erhabener Herrscher überaus weise, mitleidig und wohltätig. Es gibt nur eine Sache, die ihn wirklich erzürnt, und das ist Korruption, jede Form tyrannischen oder schikanierenden Benehmens. Daher beschloß seine Majestät, daß der Beschuldigte in diesem Fall festgenommen und vor Gericht gebracht werden solle. Wenn er für schuldig befunden wird, sieht es sehr schlecht für ihn aus. Wird er frei gesprochen, dann geraten die Männer, die ihn angeklagt haben, in Schwierigkeiten. Es ist überaus beruhigend zu sehen, in welch gerechten Zeiten wir leben! Glückliche Zeiten auf jeden Fall für Beamte.“ –
 
„Wie dein älterer Bruder“, sagten die Männer und bezogen sich dabei auf Verwalter Lai Das ältesten Sohn, Lai Shang-jung. „Er ist Bezirksma­gi­strat. Er hat wohl für sich ausgesorgt.“
 
„Wohl wahr“, antwortete der junge Lai, „doch sein Verhalten läßt durchaus zu wünschen übrig, fürchte ich. Seine Stellung wird er nicht so lange behalten.“ –
 
„Hat er sich selbst in einen Engpaß getrieben?“
 
Lai nickte und senkte sein Glas.
 
„Was für andere Neuigkeiten habt ihr aus dem Palast mitgebracht?“, fragten sie die beiden.
 
„Ach, nicht viel. Eine Zahl Verbrecher an der Küste wurde festgenommen und zum Hohen Gericht geschickt. Während ihrer Verhandlung haben sie wohl sämtliche Mitwirkenden bekannt gegeben, die hier in der Stadt ansässig sind, die alles beobachten und auf eine gute Gelegenheiten für weitere Verbrechen warten. Glücklicherweise haben die zivilen und militärischen Autoritäten hier soweit alles im Griff und sind ihrem Dienst für den Thron so ergeben, daß alle kriminellen Elemente sicher kontrolliert werden.“ –
 
„Wenn ihr von solchen Fällen gehört habt, vielleicht gibt es etwas Neues von unserem Diebstahl?“, fragten die Männer.
 
„Ich fürchte nicht,“ war die Antwort, „ich hörte nur etwas von einem Mann aus den inneren Provinzen, der sich hier in der Stadt dafür Ärger einhandelte, daß er eine Frau entführte und mit ihr an die Küste verschwand. Sie setzte sich zur Wehr und das endete mit ihrem Tod. Sie nahmen ihn an der Grenze fest und richteten ihn auf der Stelle hin.“ –
 
„War Schwester Miau-yü aus dem Kloster Gefangenes Grün nicht unter ähnlichen Umständen entführt worden?“ warf einer der anderen ein. „Könnte sie es nicht gewesen sein?“ –
 
„Sie war es“, murrte Djia Huan.
 
„Woher weißt du das?“, fragten sie ihn.
 
„Sie war eine äußerst unsympathische Person“, sagte Djia Huan. „Sie hielt sich selbst immer für etwas Besseres. Sie mußte nur Bau-yü anschauen, da lächelte sie schon über das ganze Gesicht. Doch meine Existenz hat sie nie zur Kenntnis genommen. Ich hoffe, sie war es!“
 
„Es werden ständig Leute entführt“, kommentierte jemand. „Es könnte genau so gut jemand anderes gewesen sein.“
 
„Ich kann mir gut vorstellen, daß sie es war“, sagte Djia Yün. „Vorgestern habe ich gehört, daß eine der Schwestern in der Herberge einen Traum hatte, in welchem Miau-yü ermordet wurde.“
 
Das wurde mit Spott aufgenommen: „Träume kann man doch nicht ernst nehmen.“
 
„Traum oder nicht Traum, das ist mir alles gleich“, protestierte Onkel Hsing. „Laßt uns lieber erst zu Abend essen und dann eine ordentliche Partie spielen.“
 
Das wurde allgemein begrüßt und, sobald sie ihr Essen beendet hatten, spielten sie intensiv. Bis nach Mitternacht waren sie damit beschäftigt, als sie in den inneren Gemächern einen plötzlichen Aufruhr hörten. Sie wurden schließlich informiert, daß Hsi-tschun mit You-schï gestritten hatte und das Ergebnis war, daß sie ihr ganzes Haar abgeschnitten hatte und zu den Damen Hsing und Wang gerannt war. Dort verbeugte sie sich und flehte sie an, ihrem Wunsch nachzugeben. Wenn nicht, so drohte sie, sich sofort das Leben zu nehmen. Die beiden Damen waren mit ihren Nerven am Ende und schickten nach Djia Tchiang und Djia Yün, um einzugreifen. Djia Yün wußte aber, daß dies etwas war, das Hsi-tschun schon längst hätte tun sollen, spätestens seit der fatalen Nacht der Plünderung, als ihr allein die Verantwortung des Hauses übertragen worden war, und ihm schien es, daß es kaum noch Hoffnung gab, sie davon abbringen zu können. Er besprach es mit Djia Tchiang: „Die Dame Wang sagt, wir sollen eingreifen, doch ich wüßte nicht, wie wir etwas erreichen könnten. Das ist eine schwere Verantwortung, und sie wollen sie auf uns abwälzen. Wir müssen uns einiges einfallen lassen, um Hsi-tschun von ihrem Plan abzubringen, und dann, wenn sie nicht zuhören will, müssen wir sie den Damen wieder übergeben. Währenddessen schreibe ich Onkel Liän einen Brief, der uns von aller Schuld befreit.“
 
Sie stimmten beide seinem Plan zu, riefen die Damen Hsing und Wang und versuchten nun, Hsi-tschun zu überzeugen. Wie vorhergesagt, blieb sie hartnäckig. Wenn sie in keinen Konvent außerhalb des Familiengrundstücks flüchten könne, würde sie sich, wie sie sagte, einige stille Zimmer einrichten, worin sie ihre Sutras rezitieren und ihre Gebete aufsagen konnte. So konnte You-schï sehen, daß die Tanten nicht in der Lage waren, diese Verantwortung zu übernehmen. Ihre eigene Angst, daß Hsi-tschun Selbstmord begehen könnte, war sie los, und sie zwang sich selbst zu einem Kompromiß.
 
„Ich werde sehen, daß ich die Schuld auf mich nehme. Nun gut. Laß sie sagen, daß ich es war, der ich die Schwester meines eigenen Mannes nicht geduldet habe und sie in die Schwesternschaft getrieben habe. Was kümmert es mich? Doch ich kann ihr nicht gestatten, das Haus zu verlassen. Das steht außer Frage. Sie wird hier bleiben müssen. Damen Hsing und Wang, ich bitte Sie, meine Entscheidung zu bezeugen. Djia Tchiang, schreibe bitte einen Brief, worin du meinem Eheman und dem Vetter Liän mitteiltest, was vorgefallen ist.“
 
Djia Tchiang und Djia Yün stimmten You-schïs Entscheidung zu.
 
Doch um zu erfahren, ob die Damen Hsing und Frau Wang dies auch taten, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
118. Von beißender Abneigung getrieben, planen Onkel und Vetter den Untergang eines unschuldigen Mädchens
 
Von rätselhaften Äußerungen alarmiert, protestieren Frau und Dienerin gegen ihren verwirrten Herrn.
 
  
Die Damen Hsing und Wang schlossen aus You-schïs Worten, daß die Situation nicht zu retten war.
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Nach einer Weile gelangten sie an einen öden, verwilderten Ort. In der Ferne erblickte man einen Torbogen, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Gerade wollte er den Mönch fragen, als schemenhaft eine Frau auftauchte. Schatzjade dachte bei sich: „In dieser einsamen Wildnis — woher kommt eine solche Schönheit? Das muss eine Unsterbliche sein, die herabgestiegen ist." Während er noch überlegte, ging er näher und schaute genau hin — es kam ihm vor, als kenne er sie, doch im Augenblick fiel ihm nicht ein, woher. Er sah, wie die Frau und der Mönch sich einen Blick zuwarfen, und dann war sie verschwunden. Als er nachdachte, erkannte er: Es war das Antlitz der Dritten Schwester You. Noch verwunderter fragte er sich: „Wie kommt auch sie hierher?" Ehe er fragen konnte, hatte der Mönch ihn schon am Torbogen vorbeigeführt. Auf dem Bogen standen in großen Schriftzeichen die vier Worte: „Wahres Sosein — Gefilde der Glückseligkeit". Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar:
„Wenn unsere Nichte es wünscht, eine Nonne zu werden“, sagte die Dame Wang mit resignierendem Unterton, „dann muß dies in einem früheren Leben bestimmt worden sein. Dies ist offensichtlich ihr Karma, und wir können nichts tun, um das abzuwenden. Dennoch sieht es sehr schlecht für ein Mädchen aus einer Familie wie der unseren aus, wenn sie in ein Kloster geht. Das ist unvorstellbar.“
 
Sie wandte sich an Hsi-tschun: „Deine Schwiegerschwester hat dir die Erlaubnis erteilt, und wir können ihr nur zustimmen. Doch ich muß dich bitten, nicht deinen Kopf zu rasieren. Was zählt, ist deine gedankliche Haltung, nicht deine Frisur. Auch Miau-yü hat ihre Haare nicht rasiert. Und ich muß wieder sagen, daß ich dieses schreckliche Geschäft nicht verstehe! Wie konnte sie sich nur so leicht verführen lassen? Doch egal, wenn du wirklich fest dazu entschlossen bist, dann werden wir uns um deine Unterkunft in geweihten Räumen kümmern. Deine Diener und Mägde sollten bald dorthin geschickt werden, und wir lassen ihnen die Wahl. Diejenigen, die bei dir bleiben wollen, können dies tun, und für die anderen werden wir einen Ehemann finden.“
 
Hsi-tschun hörte schließlich auf zu weinen und verbeugte sich dankbar vor den Damen Hsing und Wang, Li Wan, You-schï und den anderen Anwesenden.
 
Frau Wang wandte sich nun an Tsai-ping und Hsi-tschuns andere Mägde:„Welche von euch möchte das religiöse Leben eurer Herrin teilen?“ –
 
„Wir werden tun, was immer Sie befehlen, Herrin“, lautete ihre Antwort.
 
Die Dame Wang konnte sich sagen, daß keine von ihnen es wirklich wollte und überlegte, wer sonst eine passende Begleitung für Hsi-tschuns neues Leben war. Hsi-jën stand hinter Bau-yü, erwartete nach Hsi-tschuns Entscheidung zu sehen, daß er weinte oder einen seiner Anfälle bekäme, doch zu ihrer Überraschung und zu ihrem Kummer, seufzte er nur vor Bewunderung und sagte: „Daß ich das erleben darf!“
 
Bau-tschai gab keinen Kommentar ab. Doch sie hielt ständig Ausschau nach verräterischen Zeichen, um die Gefühle und Absichten ihres Ehemannes einzuschätzen und konnte über dieses offensichtliche Zeichen seines verwirrten Geistes, wie sie glaubte, nur still weinen.
 
Die Dame Wang wollte gerade alle Mägde zur Versammlung rufen, um sie zu befragen, als Dsï-djüan plötzlich erschien und vor ihr niederkniete:
 
„Haben sie bereits entschieden, Madam, wer dazu geeignet ist, Fräulein Hsi-tschun aufzuwarten?“
 
„Ich habe nicht die Absicht, jemanden zu zwingen“, antwortete Frau Wang, „wer bereit dazu ist, soll seine Stimme erheben.“ –
 
„Fräulein Hsi-tschun hat ein religiöses Leben gewählt“, sagte Dsï-djüan. „Doch es scheint, daß keine ihrer Mägde ihr Bestreben teilt. Es gibt etwas, das ich gern sagen möchte, Herrin. Zwar wünsche ich nicht, daß Fräulein Hsi-tschun von ihren Mägden getrennt wird, doch man strebt nicht immer nach demselben. Ich habe Fräulein Dai-yü eine lange Zeit gedient, und wie ihr wißt, Herrin, hat sie mich mit einer Güte behandelt, die ich niemals zurückzahlen kann. Als sie starb, war es mein einziger Wunsch, ihr ins Grab zu folgen. Doch weil sie kein Mitglied dieser Familie war und weil ich auch euch allen so viel zu verdanken habe, war es zu schwer für mich, diesen Schritt zu gehen. Da Fräulein Hsi-tschun nun wünscht, eine Schwester zu werden, bitte ich Sie Herrin, daß ich sie begleiten und ihr den Rest meines Lebens dienen darf. Wenn Sie, Herrin, mir nur diesen einen Wunsch erfüllen, werde ich mein Glück finden!“
 
Als Dsï-djüan zu Ende gesprochen hatte und noch bevor die Damen Hsing und Wang antworten konnten, lachte Bau-yü, der zunächst bei der Erwähnung von Dai-yüs Namen in einen Zustand des Kummers verfallen war, plötzlich laut auf und sprach: „Eigentlich liegt es nicht an mir, das zu sagen, ich weiß, doch da ihr so gut wart, Dsï-djüan zum Arbeiten in meine Gemächer zu schicken, Mutter, hoffe ich, daß ich meine Gedanken frei äußern darf. Bitte erfüllt ihr diesen Wunsch, und erlaubt ihr, diese Entscheidung zu treffen.“
 
„Wenn irgendeine andere Kusine wegen einer Heirat das Haus verläßt“, antwortete die Dame Wang, „würdest du dir die Augen ausweinen. Doch jetzt, da Hsi-tschun uns verlassen möchte, weil sie eine Nonne werden will, bestärkst du sie noch, anstatt sie davon abzubringen. Ich fürchte, ich verstehe überhaupt nicht mehr, was in dir vorgeht.“ –
 
„Laßt mich zuerst wissen, ob diese Angelegenheit fest beschlossen ist“, sagte Bau-yü. „Ist Hsi-tschun wirklich fest davon überzeugt? Und hat man ihr endgültig die Erlaubnis erteilt? Wenn das wirklich wahr ist, dann gibt es noch ewas, das ich dir erzählen muß, Mutter. Doch wenn es noch nicht sicher ist, muß ich zurückhalten, was ich weiß.“
 
„Was für eine seltsame Art zu reden!“, bemerkte Hsi-tschun. „Ganz im Ernst, glaubst du wirklich, ich hätte meine Tanten so einfach überzeugen können? Ich fühle mich genauso wie Dsï-djüan: Wenn sie mich tun lassen, was ich wünsche, halte ich das für einen Segen. Wenn nicht, dann sterbe ich lieber, als mein Leben so weiter zu führen! Also gibt es nichts zu befürchten. Was immer du zu sagen hast, sag’ es.“ –
 
„Wenn ich dir das sage, würde ich kaum ein Geheimnis verraten“, sagte Bau-yü, „Es bezieht sich auf etwas, das ohnehin vorherbestimmt ist. Ich bitte euch alle zuzuhören, während ich ein Gedicht vortrage.“ –
 
„Also wirklich!“ ermahnten sie ihn. „In so einem Moment, in dem Menschen wirklich leiden, denkst du nur an Poesie! Wie fürchterlich!“ –
 
„Es ist keines von mir. Ich habe es einmal irgendwo gesehen. Ich möchte doch nur, daß ihr zuhört.“ –
 
„Nun gut. Dann beeil’ dich. Genug mit dem Geplauder!“ Bau-yü versuchte nicht, sich weiter zu erklären, sondern begann seinen Vortrag:
 
„Wenn du den Zustand der kurzlebigen Frühlingsszenerie betrachtest,
 
wird die Tracht einer schwarzen Nonne bald deine eigene ersetzen.
 
Oje, diese Tochter aus solch einem reichen Hause,
 
sollte an Buddhas Altarlicht alleine schlafen.“
 
Li Wan und Bau-tschai riefen beide entsetzt: „Oje, er ist radikal geistlich geworden!“
 
Die Dame Wang schüttelte ihren Kopf und seufzte: „Bau-yü, wo hast du dieses Gedicht nur gelesen?“
 
Bau-yü war unwillig, noch mehr zu sagen und bemerkte nur: „Bitte frag’ nicht, Mutter! Denke nur an diese Worte!“
 
Als die Bedeutung des Gedichtes ihr langsam einleuchtete, begann die Dame Wang wieder zu schluchzen: „Letztens sagtest du, es sei ein Scherz, als du davon gesprochen hattest, selbst ein Mönch zu werden. Und nun plötzlich dieses Gedicht! Genug! Ich verstehe. Was soll ich tun? Es gibt nichts, das ich tun kann, außer dich deine eigenen Wege gehen zu lassen. Wenn du nur damit gewartet hättest, bis ich tot bin! Dann hättet ihr machen können, was ihr wollt!“
 
Bau-tschai versuchte, sie zu trösten, war aber selbst kaum dazu in der Lage. Der Schmerz, den sie ertragen mußte, durchstach ihr Herz wie ein Messer, und dann brach sie zusammen und begann bitterlich zu weinen. Hsi-jën weinte ebenso und mußte von Tjiu-wën gestützt werden. Bau-yü vergoß weder eine Träne, noch bot er irgendeinen Trost an. Er blieb völlig still. Djia Lan und Djia Huan waren bereits gegangen, und nur Li Wan konnte noch versuchen, die Situation zu retten: „Ich glaube einfach, daß Bau-yü selbst über Hsi-tschuns Entscheidung zu traurig ist, daß er nicht mehr weiß, was er sagt. Wir sollten das nicht zu ernst nehmen. Dsï-djüan muß trotzdem eine Antwort erhalten. Wir müssen sie aufstehen lassen. Wird ihre Bitte nun erfüllt oder nicht?
 
„Welchen Unterschied macht das schon?“, antwortete die Dame Wang. „Sie hat sich das gut genug überlegt und, wenn jemand fest zu etwas entschlossen ist, kann ihn nichts mehr aufhalten. Ohne Zweifel wird uns Bau-yü erzählen, daß Dsï-djüans Entscheidung vorherbestimmt war.“
 
Dsï-djüan verbeugte sich und Hsi-tschun dankte der Dame Wang. Dsï-djüan verbeugte sich auch vor Bau-yü und Bau-tschai.
 
„Amitabha!“, rief Bau-yü fromm. „Wie nobel! Wie selten! Ich hätte niemals gedacht, daß du als erste von uns errettet wirst!“
 
Bau-tschais Selbstbeherrschung versagte wieder, und Hsi-jën brach ungeachtet von der Anwesenheit der Dame Wang in Schluchzen aus und rief: „Ich will mit Fräulein Hsi-tschun gehen!“
 
Bau-yü lächelte: „Du strebst auch nach etwas Gutem. Aber ein Leben in Abgeschiedenheit hat das Schicksal für dich nicht bestimmt.“
 
„Dann möchte ich lieber sterben!“, schluchzte Hsi-jën.
 
Entgegen seiner neu gefundenen Distanziertheit, war Bau-yü von ihren Worten sehr bewegt. Doch er sagte nichts.
 
Es war bereits vier Uhr morgens, und er schlug seiner Mutter vor, sich zur Nachtruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen zurück in ihre Gemächer und Tsai-ping geleitete Hsi-tschun in ihr Zimmer, wo sie darauf wartete, daß bald Ehemänner für Hsi-tschuns Mägde gefunden würden und Dsï-djüan verbrachte den Rest des Tages damit, ihr demütig zu dienen. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen.
 
Djia Dschëng hatte den Sarg der Herzoginmutter immer weiter gen Süden übergeführt.
 
  
[[Category:Books]]
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Das Falsche geht, das Wahre kommt — das Wahre übertrifft das Falsche;
[[Category:Hongloumeng]]
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Das Nichts bedingt das Sein, das Sein bedarf des Nichts.
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Hinter dem Torbogen befand sich ein Palasttor. Darüber standen ebenfalls vier große Schriftzeichen: „Glück den Guten, Unheil den Frevlern." Und wiederum ein Spruchpaar:
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Vergangenheit und Zukunft — rühmt euch nicht, der Weise könne sie durchschauen;
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Ursache und Wirkung — wisset, dass selbst Nahestehende einander verfehlen.
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Schatzjade las und dachte: „So also verhält es sich. Ich möchte nach dem Kommen und Gehen von Ursache und Wirkung fragen." Kaum hatte er das gedacht, sah er Mandarinenente <ref>Chinesisch: 鸳鸯</ref> dort stehen, die ihm zuwinkte. Schatzjade dachte: „Ich bin nun schon eine halbe Ewigkeit gelaufen, und eigentlich habe ich den Garten nie verlassen — warum sieht hier alles anders aus?" Er eilte zu Mandarinenente, um mit ihr zu sprechen, doch als er den Blick wandte, war sie verschwunden. Verwundert ging er zu der Stelle, wo sie gestanden hatte: Es war eine Reihe von Seitenhallen, jede mit einer Inschriftentafel. Schatzjade achtete nicht darauf und lief zu dem Ort, wo Mandarinenente gestanden hatte. Eine der Seitenhallen hatte eine halb offene Tür. Schatzjade wagte nicht, einfach einzutreten. Er wollte gerade den Mönch fragen, doch als er sich umdrehte, war der Mönch längst verschwunden. Schemenhaft erkannte Schatzjade, dass die Hallen majestätisch aufragten — ganz und gar keine Landschaft des Großen Gartens. Er blieb stehen und hob den Blick zur Inschriftentafel. Dort stand: „Den Liebessüchtigen zur Erleuchtung." Daneben ein Spruchpaar:
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Freude und Lachen, Trauer und Leid — alles ist Schein;
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Gier und Sehnsucht kommen allein aus der Torheit.
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Schatzjade las, nickte und seufzte. Er wollte hineingehen und Mandarinenente suchen, um sie zu fragen, was dies für ein Ort sei. Je mehr er darüber nachdachte, desto vertrauter kam ihm alles vor. Er fasste Mut, stieß die Tür auf und trat ein. Er blickte sich im ganzen Raum um — keine Spur von Mandarinenente. Drinnen war es stockfinster, und ihm wurde bange. Gerade wollte er sich zurückziehen, als er ein Dutzend große Schränke bemerkte, deren Türen halb offen standen. Plötzlich erinnerte sich Schatzjade: „In meiner Jugend habe ich einmal geträumt, ich sei an einem solchen Ort gewesen. Nun kann ich wirklich hierher kommen — welch ein Glück!" In seiner Benommenheit vergaß er den Gedanken an Mandarinenente, fasste Mut und öffnete die Tür des ersten Schranks. Darin lagen mehrere Alben; sein Herz schlug vor Freude. Er dachte: „Gewöhnlich sagt man, Träume seien unwahr. Aber wo es diesen Traum gibt, gibt es auch diese Wirklichkeit. Ich habe immer gesagt, ich wollte diesen Traum noch einmal träumen, und es gelang mir nie. Und heute habe ich das hier gefunden! Nur weiß ich nicht, ob es dieselben Alben sind, die ich einst gesehen habe."
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Er griff nach einem Album; darauf stand: „Goldenes Register der Zwölf Haarnadelschönheiten von Jinling — Hauptregister". Schatzjade nahm es in die Hand und dachte: „Ich erinnere mich verschwommen daran — nur war mir leider nicht mehr klar genug." Er schlug die erste Seite auf. Oben war eine Zeichnung, doch die Linien waren so verwischt, dass man sie nicht mehr erkennen konnte. Dahinter standen einige Zeilen Schrift, ebenfalls undeutlich, doch noch einigermaßen nachzulesen. Er schaute genauer hin und erkannte etwas wie „Jadegürtel", oben darüber ein Zeichen, das dem Schriftzeichen „Lin" glich. Er dachte: „Handelt das etwa von meiner Cousine Lin?" Aufmerksam las er weiter. Darunter standen die vier Zeichen „Goldene Nadel im Schnee". Erstaunt sagte er: „Wie? Das sieht auch aus wie ihr Name?" Er las die vier Verse vor und zurück und sagte: „Da steckt keine besondere Bedeutung drin — es sind nur die beiden Namen versteckt. Nichts Ungewöhnliches. Nur die Zeichen ‚kalt' und ‚Seufzer' verheißen nichts Gutes. Was bedeutet das?"
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Bei diesem Gedanken schalt er sich: „Ich schaue heimlich — wenn ich hier nur stehe und grüble und jemand kommt, kann ich den Rest nicht mehr lesen." Also blätterte er weiter, ließ die Zeichnungen unbeachtet und las nur den Text. Als er am Ende einige Verse fand, darunter den Satz „Tiger und Hase begegnen sich, der große Traum endet", ging ihm plötzlich ein Licht auf: „Ja! So ist es also — das Schicksal irrt sich nicht. Das muss die älteste Schwester Urfrühling sein. Wenn alles so deutlich ist, möchte ich es abschreiben und in Ruhe studieren — dann wüsste ich um Lebensdauer und Schicksal aller Schwestern. Zu Hause würde ich nichts verraten, nur ein Hellseher sein, und mir bliebe viel unnötiges Grübeln erspart."
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Er sah sich nach allen Seiten um, doch nirgends fand er Pinsel und Tusche. Aus Angst, es könnte jemand kommen, las er hastig weiter. Im Bild sah er schattenhaft jemanden, der einen Drachen steigen ließ, doch er schenkte dem keine Beachtung. In aller Eile las er alle zwölf Gedichte durch — manche verstand er auf den ersten Blick, manche nach kurzem Nachdenken, manche blieben ihm dunkel. Er prägte sich alles fest ein. Seufzend griff er nach dem „Zweitrangigen Register der Zwölf Haarnadelschönheiten von Jinling". Als er las: „Bewundernswert, die Schauspielerin hat Glück; wer hätte gedacht, der junge Herr hat kein Schicksal mit ihr" — das hatte er vorher nicht verstanden, doch als er oben die Umrisse einer Blumenmatte erkannte, erschrak er zutiefst und brach in heftiges Weinen aus.
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Er wollte weiterlesen, als er jemanden sagen hörte: „Da stehst du wieder und starrst! Cousine Lin ruft dich." Es klang wie Mandarinenentes Stimme, doch als er sich umdrehte, war niemand da. Sein Herz war voller Erstaunen und Zweifel, als Mandarinenente plötzlich draußen vor der Tür erschien und ihm zuwinkte. Schatzjade war überglücklich und eilte hinaus, doch Mandarinenente ging schattenhaft vor ihm her, und er konnte sie nicht einholen. Schatzjade rief: „Gute Schwester, warte auf mich!" Doch Mandarinenente achtete nicht auf ihn und ging weiter. Schatzjade hatte keine Wahl und rannte mit aller Kraft hinterher. Plötzlich eröffnete sich eine andere Welt: Hochragende Paläste, fein gearbeitete Dachgiebel, und dazwischen schimmerten zahlreiche Palastmädchen. Schatzjade war so gefesselt von der Pracht, dass er Mandarinenente ganz vergaß.
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Schatzjade trat durch ein Palasttor. Drinnen wuchsen wundersame Blumen und seltene Gewächse, die er nicht zu benennen wusste. Nur eine Pflanze fiel ihm auf: Hinter einer Balustrade aus weißem Stein wuchs ein grünes Kraut mit einem Hauch von Rot an den Blattspitzen; er wusste nicht, was es war, dass man es so sorgsam hegte. Ein leiser Wind kam auf, und das grüne Kraut schwankte unablässig. Obgleich es nur ein kleiner Halm ohne Blüte war, lag in seiner Anmut etwas, das das Herz rührte, den Geist bezauberte und die Seele ergriff.
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Schatzjade starrte es gedankenverloren an, als neben ihm eine Stimme ertönte: „Du plumpes Ding — wo kommst du her, dass du hier das Unsterblichkeitskraut belauschst?" Schatzjade erschrak, drehte sich um und sah eine Himmelsjungfrau. Er verneigte sich und sprach: „Ich suchte meine Schwester Mandarinenente und bin versehentlich in die Himmelssphäre eingedrungen. Vergebt mir meine Kühnheit. Darf ich die Himmelsjungfrau fragen: Was ist das für ein Ort? Warum ist meine Schwester Mandarinenente hierher gelangt, und warum sagte sie, Cousine Lin rufe nach mir? Ich bitte um Aufklärung." Jene antwortete: „Was weiß ich von deinen Schwestern und Cousinen! Ich bin die Hüterin des Unsterblichkeitskrauts und dulde keine Sterblichen hier." Schatzjade wollte gehen, konnte sich aber nicht losreißen, und bat: „Wenn Ihr, Himmelsjungfrau, dieses Kraut hütet, seid Ihr gewiss die Blumengöttin. Was hat es mit diesem Kraut auf sich?" Die Himmelsjungfrau erwiderte: „Wenn du es wissen willst — die Geschichte ist lang. Dieses Kraut wuchs am Ufer des Geistigen Flusses und hieß ‚Purpurperlen-Kraut'. Als es einst verwelkte, hatte es das Glück, dass ein Diener des Göttlichen Jaspis es Tag für Tag mit süßem Tau begoss, sodass es ewiges Leben erlangte. Später stieg es in die Welt der Sterblichen hinab, um die Schuld für jene Bewässerung abzutragen, und ist nun in die Sphäre der Wahrheit zurückgekehrt. Darum hat die Himmelsfee der Warnung mich beauftragt, es zu hüten und keine Bienen und Falter heranzulassen."
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Schatzjade verstand nicht; er war überzeugt, der Blumengöttin begegnet zu sein, und durfte diese Gelegenheit nicht verpassen. Er fragte: „Ihr hütet dieses Kraut, Himmelsjungfrau. Es gibt unzählige edle Blumen — gewiss hat jede ihre eigene Hüterin. Ich wage nicht, nach allen zu fragen; nur: Wer hütet die Lotosblume?" Die Himmelsjungfrau antwortete: „Das weiß ich nicht. Nur meine Herrin könnte es sagen." Schatzjade fragte: „Wer ist denn Eure Herrin?" Die Himmelsjungfrau antwortete: „Meine Herrin ist die Fürstin des Xiaoxiang-Palastes." Schatzjade hörte das und rief: „Genau! Ihr wisst es nicht, aber diese Fürstin ist meine Cousine Kajaljade." Die Himmelsjungfrau rief: „Unsinn! Dies hier ist die Sphäre himmlischer Göttinnen. Zwar trägt sie den Titel ‚Fürstin von Xiaoxiang', doch sie ist keineswegs wie die Kaiserinnen E Huang und Nü Ying. Wie sollte sie mit einem Sterblichen verwandt sein? Hüte deine Zunge, oder ich lasse die Wächter dich hinausprügeln!"
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Schatzjade stand wie betäubt da und empfand sich als schmutzig und unwürdig. Gerade wollte er sich zurückziehen, als er jemanden hörte, der eilig herankam und rief: „Man bittet den Diener des Göttlichen Jaspis herein." Ein anderer erwiderte: „Ich habe auf Befehl lange gewartet, doch der Diener des Göttlichen Jaspis kam nicht vorbei. Wo soll ich ihn denn suchen?" Der Erste lachte: „Der gerade zurückgetreten ist — war er das nicht?" Die Dienerin eilte hastig hinaus und rief: „Der Diener des Göttlichen Jaspis möge bitte zurückkehren." Schatzjade glaubte, man frage nach jemand anderem, und fürchtete zugleich, verfolgt zu werden, also stolperte er davon.
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Während er ging, stellte sich ihm plötzlich jemand mit einem Schwert in der Hand in den Weg und rief: „Wohin des Wegs?" Schatzjade erschrak. Mutig blickte er auf — es war niemand anderes als die Drittschwester Sonders. Er fasste sich ein wenig und bat: „Schwester, wie — auch Ihr bedrängt mich?" Jene antwortete: „Unter euch Brüdern ist kein einziger guter Mensch: Ihr ruiniert den Ruf der Frauen und zerstört ihre Ehen. Heute, da du hierher gekommen bist, verschone ich dich nicht." Schatzjade hörte, dass es übel klang, und war in großer Angst. Da rief jemand von hinten: „Schwester, haltet ihn schnell fest, lasst ihn nicht entkommen!" Die Drittschwester Sonders sagte: „Auf Befehl der Fürstin habe ich lange gewartet. Heute, da ich dich sehe, werde ich mit einem Schwerthieb deine irdischen Bande durchtrennen!"
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Schatzjade erschrak noch mehr und verstand nicht, was all diese Worte bedeuteten. Er wollte umkehren und fliehen. Doch die Person hinter ihm war niemand anderes als Klarwolke. Bei ihrem Anblick erfüllten ihn Trauer und Freude zugleich. Er rief: „Ganz allein bin ich umhergeirrt und habe den Weg verloren; dann traf ich auf eine Feindin und wollte fliehen, doch ich fand niemanden von euch, der mir folgte. Nun ist alles gut — Schwester Klarwolke, bring mich schnell nach Hause!" Klarwolke sagte: „Der Diener möge nicht misstrauisch sein. Ich bin nicht Klarwolke — ich komme auf Befehl der Fürstin, um Euch zu einer Begegnung einzuladen. Es geschieht Euch nichts." Schatzjade war voller Zweifel und fragte: „Ihr sagt, die Fürstin rufe mich — wer ist diese Fürstin?" Klarwolke antwortete: „Fragt jetzt nicht. Wenn Ihr dort ankommt, werdet Ihr es wissen."
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Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Er betrachtete ihren Rücken, ihre Bewegungen — es war genau Klarwolke. „Gesicht und Stimme stimmen — warum sagt sie, sie sei es nicht? Mein Verstand ist gerade umnebelt; lassen wir das. Wenn ich dort ankomme und die Fürstin sehe — selbst wenn ich etwas falsch gemacht habe, werde ich sie um Verzeihung bitten. Frauen sind barmherzigen Herzens; sie wird mir meine Unbedachtheit gewiss verzeihen."
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Noch während er grübelte, gelangten sie bald an einen Ort. Prachtvolle Hallen, leuchtende Farben; im Hof ein Hain von Bambus, vor den Türen einige alte Kiefern. Unter den Dachtraufen standen mehrere Dienerinnen in Palasttracht. Als sie Schatzjade eintreten sahen, flüsterten sie: „Ist das der Diener des Göttlichen Jaspis?" Die Begleiterin sagte: „Ja, das ist er. Geh schnell hinein und melde es." Eine Dienerin winkte lächelnd; Schatzjade folgte ihr. Nach mehreren Räumen erblickte er einen Hauptsaal mit hochgezogenen Perlenvorhängen. Die Dienerin sagte: „Bleibt stehen und wartet auf den kaiserlichen Befehl." Schatzjade wagte keinen Laut und wartete draußen. Nach kurzer Zeit kam die Dienerin heraus und sagte: „Der Diener möge eintreten und sich vorstellen." Jemand hob den Perlenvorhang. Drinnen saß eine Frau, das Haupt mit einer Blumenkrone geschmückt, den Leib in ein besticktes Gewand gekleidet. Schatzjade hob kaum den Blick und erkannte Kajaljade <ref>Chinesisch: 黛玉</ref>. Er konnte nicht an sich halten und rief: „Cousine! Hier bist du — ich habe dich so vermisst!" Die Dienerin draußen vor dem Vorhang zischte: „Dieser Diener ist unverschämt! Hinaus, sofort!" Kaum hatte sie ausgesprochen, ließ eine andere den Perlenvorhang herab.
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Schatzjade wagte weder einzutreten noch fortzugehen; er konnte sich nicht trennen. Er wollte jemanden fragen, doch die Dienerinnen kannte er alle nicht, und man jagte ihn fort. Verzweifelt ging er hinaus und wollte Klarwolke fragen, doch als er sich umsah, war sie nirgends zu sehen. Ratlos schleppte er sich von dannen; es war niemand da, der ihn führte, und er fand den alten Weg nicht mehr.
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In seiner Not sah er Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> unter einem Dachvorsprung stehen und ihm zuwinken. Schatzjade freute sich und rief: „Endlich! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich nur so verwirrt sein?" Er rannte hin und sagte: „Schwester, du bist hier? Diese Leute haben mich so genarrt, und Cousine Lin wollte mich nicht sehen — ich weiß nicht, warum." Als er an der Stelle ankam, wo Phönixglanz gestanden hatte, und genau hinsah, war es gar nicht Phönixglanz — es war Kaufmann Rons erste Gemahlin, Frau Qin. Schatzjade blieb stehen und wollte fragen, wo Schwester Phönixglanz sei. Doch Frau Qin antwortete nicht und ging einfach ins Haus. Schatzjade war ganz benommen und wagte nicht, ihr zu folgen. Er stand da und seufzte: „Was habe ich heute verbrochen, dass niemand sich um mich kümmert?" Er brach in Tränen aus. Da kamen einige Wächter mit gelben Kopftüchern und Peitschen angelaufen und riefen: „Was für ein Mann wagt es, in unser Paradies der Himmelsjungfrauen einzudringen? Raus mit dir, sofort!"
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Schatzjade wagte kein Wort. Gerade suchte er den Ausweg, als er in der Ferne eine Schar Frauen sah, die lachend und plaudernd näherkamen. Es schienen Willkommfrühling und die anderen zu sein. Freudig rief er: „Ich bin hier verloren! Kommt schnell und rettet mich!" Doch die Wächter hinter ihm holten ihn ein. Schatzjade rannte in Panik vorwärts — da verwandelten sich die Frauen in Gespenster und Ungeheuer und stürzten sich auf ihn.
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In äußerster Not erschien der Mönch, der den Jade gebracht hatte, mit einem Spiegel in der Hand. Er richtete ihn auf die Szene und rief: „Auf Befehl der Edlen Gemahlin Urfrühling bin ich gekommen, um dich zu retten." Augenblicklich verschwanden die Geister, und es war wieder nur öde Wildnis. Schatzjade hielt den Mönch fest und sagte: „Ich erinnere mich — Ihr habt mich hierhergeführt, doch dann wart Ihr plötzlich verschwunden. Ich habe viele Verwandte gesehen, doch niemand achtete auf mich; dann verwandelten sie sich in Gespenster. War dies ein Traum oder Wirklichkeit? Ich bitte den ehrwürdigen Meister um eine klare Erklärung." Der Mönch fragte: „Hast du hier heimlich irgendwelche Dinge angeschaut?" Schatzjade überlegte: „Da er mich zum Paradies der Himmelsjungfrauen führen konnte, ist er gewiss selbst ein Unsterblicher. Wie sollte ich etwas vor ihm verbergen? Und ich möchte ohnehin Klarheit." Er sagte: „Ich habe tatsächlich einige Alben gesehen." Der Mönch rief: „Da haben wir's! Du hast die Alben gesehen und begreifst immer noch nicht? Alle Liebesbande auf Erden sind nur Trugbilder des Bösen. Merke dir nur alles, was du erlebt hast; in Zukunft werde ich es dir erklären." Damit gab er Schatzjade einen kräftigen Stoß und rief: „Geh zurück!" Schatzjade verlor das Gleichgewicht, stürzte zu Boden und schrie: „Au!"
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Alle weinten gerade, als sie hörten, dass Schatzjade zu sich kam. Hastig riefen sie nach ihm. Schatzjade öffnete die Augen — er lag noch immer auf seinem Ruhebett. Er sah Frau König, Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> und die anderen mit rotgeschwollenen Augen vom Weinen. Er sammelte seine Gedanken und dachte: „Ja — ich bin gestorben und zurückgekehrt." Er rief sich alles, was seine Seele erlebt hatte, sorgfältig ins Gedächtnis. Zum Glück erinnerte er sich an das meiste und lachte: „So ist es also, so ist es!"
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Frau König glaubte, das alte Leiden sei zurückgekehrt, und wollte schon den Arzt rufen lassen. Sie befahl den Zofen und alten Dienerinnen, schnell Aufrecht Kaufmann mitzuteilen: „Schatzjade ist zu sich gekommen. Vorhin war er nur in Geistesverwirrung befangen; nun spricht er wieder. Die Vorbereitungen für das Letzte können eingestellt werden." Aufrecht Kaufmann hörte es und eilte herein. Tatsächlich sah er Schatzjade wieder bei Bewusstsein und sagte: „Du glückloses Kind! Wen willst du zu Tode erschrecken?" Dabei liefen ihm unwillkürlich die Tränen herab. Er seufzte mehrmals und ging hinaus, um den Arzt kommen zu lassen, den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen.
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Mondschein, die gerade an Selbstmord gedacht hatte, beruhigte sich, als sie sah, dass Schatzjade wieder erwacht war. Frau König ließ Longansaft bringen und ihn einige Schlucke trinken, und allmählich kam er zu Sinnen. Frau König und die anderen waren beruhigt und machten Mondschein keine Vorwürfe. Sie ließen den Jade wieder Schatzspange übergeben, damit sie ihn Schatzjade umhänge. Dann dachte man an den Mönch: „Wo er den Jade wohl her hatte — das ist auch sonderbar: Erst verlangt er Silber, dann ist er plötzlich verschwunden. War er ein Unsterblicher?" Schatzspange sagte: „Wenn man bedenkt, wie er kam und wie er ging — der Jade wurde nicht ‚gefunden'. Als er damals verloren ging, muss der Mönch ihn genommen haben." Frau König fragte: „Der Jade war im Hause — wie hätte er ihn nehmen können?" Schatzspange erwiderte: „Wenn er ihn bringen konnte, konnte er ihn auch nehmen." Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> und Mondschein sagten: „In dem Jahr, als der Jade verloren ging, ließ der Herr Lin ein Schriftzeichen deuten. Nachdem die Zweite Herrin ins Haus gekommen war, haben wir ihr davon erzählt — das Zeichen war ‚Shang', ‚Belohnung'. Erinnert Ihr Euch, Zweite Herrin?" Schatzspange überlegte: „Ja! Ihr sagtet, man solle im Pfandhaus nachforschen. Jetzt wird mir alles klar — es war das Zeichen ‚Shang' von ‚Heshang', ‚Mönch', das oben stand. Hat der Mönch ihn nicht weggenommen?"
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Frau König sagte: „Dieser Mönch war schon immer sonderbar. In dem Jahr, als Schatzjade krank war, kam ein Mönch und sagte, in unserem Hause sei ein Schatz, der helfen könne — er meinte diesen Jade. Da er das wusste, hat der Jade gewiss eine besondere Herkunft. Außerdem wurde dein Mann mit dem Stein im Mund geboren — habt ihr je von so etwas gehört, von der Antike bis heute? Nur weiß ich nicht, was auf Dauer mit diesem Jade geschehen wird; ja, wir wissen nicht einmal, was mit unserem eigenen Schatzjade werden wird. Krank ist er wegen dieses Steins, gesund auch wegen dieses Steins; geboren ist er mit diesem Stein …" Bei diesen Worten stockte sie, und die Tränen flossen erneut. Schatzjade hörte zu und verstand in seinem Herzen. Wenn er an das dachte, was er im Jenseits erlebt hatte, wurde alles noch deutlicher. Er sprach kein Wort, sondern erinnerte sich still an jedes Detail.
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Da sagte Bedauerfrühling <ref>Chinesisch: 惜春</ref>: „Als damals der Jade verloren ging, bat man Wunderjade, ein Geistorakel zu befragen. Es hieß: ‚Am Fuß des Grünen Grates, angelehnt an eine uralte Kiefer' und ‚Tritt ein in mein Tor und begegne einem Lächeln'. Wenn ich jetzt daran denke, sind die drei Worte ‚Tritt ein in mein Tor' von tiefer Bedeutung. Das Tor des Buddhismus ist das größte aller Tore — nur fürchte ich, der Zweite Bruder kann es nicht durchschreiten." Schatzjade hörte das und lachte mehrmals kalt. Schatzspange zog die Augenbrauen zusammen und fiel in Grübeln. Dame Sonders sagte: „Du musst immer gleich vom Buddhismus reden — hast du deinen Wunsch, ins Kloster zu gehen, immer noch nicht aufgegeben?" Bedauerfrühling lächelte: „Ich will es der Schwägerin nicht verschweigen — ich habe schon lange auf Fleisch verzichtet." Frau König sagte: „Gutes Kind, Amitabha! Solche Gedanken darf man gar nicht erst aufkommen lassen." Bedauerfrühling schwieg dazu.
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Schatzjade dachte an den Vers „Neben der grünen Lampe und dem alten Buddha" und seufzte mehrmals. Dann fiel ihm das Gedicht ein — „Ein Bett aus Binsen", „Ein Zweig, eine Blüte" — und er blickte Dufthauch an, worauf ihm erneut die Tränen kamen. Alle sahen, wie er bald lachte, bald trauerte, und verstanden nicht, was das bedeutete; sie hielten es für sein altes Leiden. Doch Schatzjade, wo immer er hinkam, empfing geheime Zeichen; tatsächlich hatte er sich die Verse aus dem heimlich betrachteten Album fest eingeprägt. Nur sprach er nicht darüber; in seinem Herzen aber hatte er sich längst eine eigene Meinung gebildet. Doch davon sei für den Augenblick nicht weiter die Rede.
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Alle sahen, dass Schatzjade vom Tode zurückgekehrt war. Sein Geist war klar, und mit den Tagen, an denen er Medizin einnahm, ging es ihm von Tag zu Tag besser; er erholte sich vollständig. Da Aufrecht Kaufmann sah, dass Schatzjade genesen war, und er sich, ohnehin in der Trauerzeit ohne Amtsgeschäfte, Sorgen machte — der Sarg der Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> stand noch immer im Tempel, ohne dass man wusste, wann Kaufmann Huldreich begnadigt würde — , wollte er den Sarg nach Süden überführen und dort bestatten lassen. Er rief Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref>, um sich zu beraten.
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Kette Kaufmann sagte: „Der Herr hat vollkommen recht. Jetzt, in der Trauerzeit, ist der beste Zeitpunkt, diese wichtige Sache zu erledigen. Wenn der Herr seinen Dienst wieder antritt, wird es vermutlich nicht mehr möglich sein. Nur — mein Vater ist nicht zu Hause, und ich als Neffe wage es nicht, mich anzumaßen. Der Gedanke des Herrn ist richtig; doch diese Angelegenheit kostet einige tausend Silbertael. Die Behörden werden das konfiszierte Vermögen nicht herausgeben." Aufrecht Kaufmann sagte: „Mein Entschluss steht fest. Nur weil dein Vater nicht da ist, rufe ich dich zur Beratung. Du selbst kannst ja nicht abreisen; es fehlt hier an Leuten. Ich dachte daran, den jungen Ron mitzunehmen — zumal der Sarg seiner Frau auch dabei ist. Und auch der Sarg deiner Cousine Lin gehört dazu, so hat es die Herzoginmutter verfügt: Er soll zusammen mit ihr nach Süden zurückkehren. Was das Geld betrifft — ich werde mir dort einige tausend borgen; das dürfte reichen."
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Kette Kaufmann sagte: „Die Leute sind heutzutage herzlos; der Herr ist in Trauer, und unser Herr ist auswärts — kurzfristig lässt sich nichts borgen. Man könnte nur die Grundbücher und Grundstücksurkunden als Pfand geben." Aufrecht Kaufmann sagte: „Das Wohnhaus ist ein kaiserliches Gebäude, das darf nicht angetastet werden." Kette Kaufmann erwiderte: „Das Wohnhaus nicht, aber draußen haben wir noch einige Häuser, die man veräußern kann. Wenn der Herr seinen Dienst wieder antritt, kann man sie zurückkaufen; und wenn mein Vater zurückkommt und ebenfalls wieder ein Amt erhält, kann man sie ebenfalls auslösen. Nur: Der Herr ist in einem Alter, in dem er sich eine solche Strapaze nicht mehr antun sollte; das bedrückt uns Neffen." Aufrecht Kaufmann sagte: „Es geht um die Angelegenheit der Herzoginmutter — das ist meine Pflicht. Du musst nur zu Hause besonnen sein und die Dinge fest im Griff behalten." Kette Kaufmann sagte: „Was das betrifft, kann der Herr ganz beruhigt sein; so verständnislos bin ich nicht, dass ich die Dinge nicht gewissenhaft erledigen würde. Da der Herr auf dem Weg nach Süden sicher einige Leute mitnimmt, bleiben nur wenige zurück; die Kosten dürften zu bewältigen sein. Sollte es auf der Reise an Geld fehlen: Der Weg führt am Amtssitz von Lai Shangrong vorbei — man könnte ihn um Unterstützung bitten." Aufrecht Kaufmann sagte: „Es geht um unsere eigene Großmutter — warum sollten wir andere belästigen?" Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und ging hinaus, um die Finanzen zu ordnen.
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Aufrecht Kaufmann unterrichtete Frau König und übergab ihr die Haushaltsführung. Er wählte einen Tag für die Überführung und den Aufbruch. Da Schatzjade wieder genesen war, widmeten sich Unheil Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾环</ref> und Lan Kaufmann ernsthaft den Studien. Aufrecht Kaufmann übergab alles an Kette Kaufmann und trug ihm auf, über die Ausbildung zu wachen: „In diesem Jahr findet die große Prüfung statt. Huan kann wegen der Trauerzeit nicht teilnehmen; Lan als Enkel darf jedoch nach Ablauf der Trauerfrist antreten. Schatzjade muss unbedingt zusammen mit dem Neffen zur Prüfung gehen. Sollte einer von ihnen den Titel eines Juren erlangen, könnte das unsere Schuld ein wenig tilgen." Kette Kaufmann und die anderen gehorchten. Aufrecht Kaufmann gab den Daheimgebliebenen noch viele Anweisungen, nahm Abschied vom Ahnentempel, hielt einige Tage Gebete außerhalb der Stadt ab und brach dann mit dem Trauerzug auf. Er bestieg das Schiff und nahm Lin Zhixiao und andere mit. Er wollte weder Verwandte noch Freunde belästigen; nur die eigenen Familienangehörigen begleiteten den Zug ein Stück und kehrten dann zurück.
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Da Aufrecht Schatz Kaufmannjade befohlen hatte, an der Prüfung teilzunehmen, drängte Frau König ihn immer wieder und prüfte seine Studienleistungen. Dass Schatzspange und Dufthauch ihn beständig ermahnten und ermutigten, versteht sich von selbst. Doch nach seiner Krankheit wurde Schatzjades Gesinnung immer eigentümlicher, ja sie verwandelte sich vollständig: Nicht nur verabscheute er Ruhm und Karriere, auch die Bande der Zuneigung zu Frauen nahm er leichter als je zuvor. Nur sprach er zu niemandem davon; und die anderen bemerkten es nicht.
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Eines Tages kam Purpurkuckuck, die den Sarg Kajaljade nach Süden begleitet hatte, zurück. In ihrem Zimmer saß sie einsam da und weinte. Sie dachte: „Schatzjade ist herzlos! Er hat den Sarg von Fräulein Lin nach Süden abreisen sehen und kein Zeichen von Trauer oder Tränen gezeigt; als er mich so weinen sah, kam er nicht einmal, um mich zu trösten, sondern sah mich an und lachte. Was für ein treueloser Mensch! Früher waren es alles nur schöne Worte, um uns zu betören. Neulich nachts — zum Glück habe ich es durchschaut, sonst wäre ich beinahe wieder auf ihn hereingefallen. Nur eines ist unbegreiflich: Jetzt sehe ich, dass er auch Dufthauch gegenüber kühl ist. Die Zweite Herrin war schon immer jemand, der Herzlichkeit nicht besonders pflegt. Beschweren sich Mondschein und die anderen denn nicht? Offenbar sind die meisten Mädchen von törischem Herzen; umsonst haben sie sich all die Jahre gesorgt. Wie wird das am Ende ausgehen?"
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Noch in Gedanken versunken, kam Fünftchen herein, um nach ihr zu sehen. Als sie Purpurkuckucks tränennasses Gesicht erblickte, sagte sie: „Schwester weint schon wieder um Fräulein Lin? Ich dachte immer, was man von einem Menschen hört, ist weniger als das, was man mit eigenen Augen sieht. Früher hörte ich, der Zweite Herr sei zu den Mädchen überaus freundlich, und so drängte meine Mutter darauf, mich hierher zu schicken. Und jetzt? Ich habe ihm mit Leib und Seele bei seinen Krankheiten gedient, und nun, da er gesund ist, gibt es nicht einmal ein gutes Wort; und jetzt würdigt er mich nicht einmal eines Blickes." Purpurkuckuck fand ihre Worte zum Lachen, prustete los und spuckte verächtlich aus: „Pfui, du kleines Biest! Was willst du denn, wie Schatzjade dich behandelt? Als Mädchen — schämst du dich nicht? Seine ordentlich angetrauten Bediensteten beachtet er kaum — wo hätte er Zeit, sich um dich zu kümmern?" Dann lachte sie und fuhr mit dem Finger über ihre eigene Wange: „Was bist du für Schatzjade eigentlich?"
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Fünftchen erkannte, dass sie sich verraten hatte, und lief rot an. Gerade als sie erklären wollte, es ginge ihr nicht um besondere Aufmerksamkeit, sondern um seine neuerdings fehlende Fürsorge für die Dienerschaft, hörte man draußen im Hof lautes Geschrei: „Der Mönch ist wieder da und verlangt die zehntausend Tael Silber! Die Gnädige Frau ist in Aufregung und hat den Zweiten Herrn Kette geschickt, um mit ihm zu verhandeln, doch ausgerechnet ist Kette nicht zu Hause. Der Mönch redet draußen wirres Zeug. Die Gnädige Frau lässt die Zweite Herrin bitten, herüberzukommen und zu beraten."
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Wie man den Mönch abfertigte — das wird im nächsten Kapitel erzählt.
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 116

Der Wunderjade [1]stein wird wiedergefunden, und in der Traumwelt erkennt man das Schicksal; Der Sarg der liebevollen Großmutter wird in die Heimat geleitet, um die Kindespflicht zu erfüllen

Es wird erzählt, dass Schatzjade [2], als er Mondscheins Worte hörte, nach hinten fiel und abermals wie tot war. Frau König [3] und die anderen waren außer sich und hörten nicht auf zu weinen und zu rufen. Mondschein wusste, dass ihre unbedachten Worte das Unglück verursacht hatten. Frau König und die anderen waren in diesem Augenblick nicht in der Lage, sie zurechtzuweisen. Mondschein weinte und überlegte fieberhaft. Sie dachte: „Sollte Schatzjade sterben, dann nehme ich mir das Leben und folge ihm."

Von Mondscheins Gedanken sei hier nicht weiter die Rede. Frau König und die anderen sahen, dass Schatzjade nicht zu Bewusstsein kam, und schickten Leute hinaus, um den Mönch zu suchen, damit er ihn heile. Doch als Aufrecht Kaufmann [4] vorhin hinausgegangen war, war der Mönch bereits verschwunden. Aufrecht Kaufmann war noch ganz verwundert, als er drinnen erneut Lärm hörte. Eilig ging er hinein und sah, dass Schatzjade wieder im selben Zustand war wie zuvor: der Kiefer fest zusammengepresst, der Puls erloschen. Als er mit der Hand auf die Herzgrube drückte, war dort noch Wärme. So ließ er eilends den Arzt kommen und Medizin einflößen. Doch Schatzjades Seele hatte den Körper längst verlassen. War er etwa tot? Nein — in einem verschwommenen Zustand war er zum vorderen Saal geeilt, wo er den Mönch, der den Jade gebracht hatte, sitzen sah. Er verneigte sich. Der Mönch stand hastig auf, nahm Schatzjade bei der Hand und ging los. Schatzjade folgte dem Mönch und fühlte sich leicht wie ein Blatt — schwebend und schwerelos. Er war nicht durch das Haupttor gegangen und wusste nicht, wo er herausgekommen war.

Nach einer Weile gelangten sie an einen öden, verwilderten Ort. In der Ferne erblickte man einen Torbogen, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Gerade wollte er den Mönch fragen, als schemenhaft eine Frau auftauchte. Schatzjade dachte bei sich: „In dieser einsamen Wildnis — woher kommt eine solche Schönheit? Das muss eine Unsterbliche sein, die herabgestiegen ist." Während er noch überlegte, ging er näher und schaute genau hin — es kam ihm vor, als kenne er sie, doch im Augenblick fiel ihm nicht ein, woher. Er sah, wie die Frau und der Mönch sich einen Blick zuwarfen, und dann war sie verschwunden. Als er nachdachte, erkannte er: Es war das Antlitz der Dritten Schwester You. Noch verwunderter fragte er sich: „Wie kommt auch sie hierher?" Ehe er fragen konnte, hatte der Mönch ihn schon am Torbogen vorbeigeführt. Auf dem Bogen standen in großen Schriftzeichen die vier Worte: „Wahres Sosein — Gefilde der Glückseligkeit". Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar:

Das Falsche geht, das Wahre kommt — das Wahre übertrifft das Falsche; Das Nichts bedingt das Sein, das Sein bedarf des Nichts.

Hinter dem Torbogen befand sich ein Palasttor. Darüber standen ebenfalls vier große Schriftzeichen: „Glück den Guten, Unheil den Frevlern." Und wiederum ein Spruchpaar:

Vergangenheit und Zukunft — rühmt euch nicht, der Weise könne sie durchschauen; Ursache und Wirkung — wisset, dass selbst Nahestehende einander verfehlen.

Schatzjade las und dachte: „So also verhält es sich. Ich möchte nach dem Kommen und Gehen von Ursache und Wirkung fragen." Kaum hatte er das gedacht, sah er Mandarinenente [5] dort stehen, die ihm zuwinkte. Schatzjade dachte: „Ich bin nun schon eine halbe Ewigkeit gelaufen, und eigentlich habe ich den Garten nie verlassen — warum sieht hier alles anders aus?" Er eilte zu Mandarinenente, um mit ihr zu sprechen, doch als er den Blick wandte, war sie verschwunden. Verwundert ging er zu der Stelle, wo sie gestanden hatte: Es war eine Reihe von Seitenhallen, jede mit einer Inschriftentafel. Schatzjade achtete nicht darauf und lief zu dem Ort, wo Mandarinenente gestanden hatte. Eine der Seitenhallen hatte eine halb offene Tür. Schatzjade wagte nicht, einfach einzutreten. Er wollte gerade den Mönch fragen, doch als er sich umdrehte, war der Mönch längst verschwunden. Schemenhaft erkannte Schatzjade, dass die Hallen majestätisch aufragten — ganz und gar keine Landschaft des Großen Gartens. Er blieb stehen und hob den Blick zur Inschriftentafel. Dort stand: „Den Liebessüchtigen zur Erleuchtung." Daneben ein Spruchpaar:

Freude und Lachen, Trauer und Leid — alles ist Schein; Gier und Sehnsucht kommen allein aus der Torheit.

Schatzjade las, nickte und seufzte. Er wollte hineingehen und Mandarinenente suchen, um sie zu fragen, was dies für ein Ort sei. Je mehr er darüber nachdachte, desto vertrauter kam ihm alles vor. Er fasste Mut, stieß die Tür auf und trat ein. Er blickte sich im ganzen Raum um — keine Spur von Mandarinenente. Drinnen war es stockfinster, und ihm wurde bange. Gerade wollte er sich zurückziehen, als er ein Dutzend große Schränke bemerkte, deren Türen halb offen standen. Plötzlich erinnerte sich Schatzjade: „In meiner Jugend habe ich einmal geträumt, ich sei an einem solchen Ort gewesen. Nun kann ich wirklich hierher kommen — welch ein Glück!" In seiner Benommenheit vergaß er den Gedanken an Mandarinenente, fasste Mut und öffnete die Tür des ersten Schranks. Darin lagen mehrere Alben; sein Herz schlug vor Freude. Er dachte: „Gewöhnlich sagt man, Träume seien unwahr. Aber wo es diesen Traum gibt, gibt es auch diese Wirklichkeit. Ich habe immer gesagt, ich wollte diesen Traum noch einmal träumen, und es gelang mir nie. Und heute habe ich das hier gefunden! Nur weiß ich nicht, ob es dieselben Alben sind, die ich einst gesehen habe."

Er griff nach einem Album; darauf stand: „Goldenes Register der Zwölf Haarnadelschönheiten von Jinling — Hauptregister". Schatzjade nahm es in die Hand und dachte: „Ich erinnere mich verschwommen daran — nur war mir leider nicht mehr klar genug." Er schlug die erste Seite auf. Oben war eine Zeichnung, doch die Linien waren so verwischt, dass man sie nicht mehr erkennen konnte. Dahinter standen einige Zeilen Schrift, ebenfalls undeutlich, doch noch einigermaßen nachzulesen. Er schaute genauer hin und erkannte etwas wie „Jadegürtel", oben darüber ein Zeichen, das dem Schriftzeichen „Lin" glich. Er dachte: „Handelt das etwa von meiner Cousine Lin?" Aufmerksam las er weiter. Darunter standen die vier Zeichen „Goldene Nadel im Schnee". Erstaunt sagte er: „Wie? Das sieht auch aus wie ihr Name?" Er las die vier Verse vor und zurück und sagte: „Da steckt keine besondere Bedeutung drin — es sind nur die beiden Namen versteckt. Nichts Ungewöhnliches. Nur die Zeichen ‚kalt' und ‚Seufzer' verheißen nichts Gutes. Was bedeutet das?"

Bei diesem Gedanken schalt er sich: „Ich schaue heimlich — wenn ich hier nur stehe und grüble und jemand kommt, kann ich den Rest nicht mehr lesen." Also blätterte er weiter, ließ die Zeichnungen unbeachtet und las nur den Text. Als er am Ende einige Verse fand, darunter den Satz „Tiger und Hase begegnen sich, der große Traum endet", ging ihm plötzlich ein Licht auf: „Ja! So ist es also — das Schicksal irrt sich nicht. Das muss die älteste Schwester Urfrühling sein. Wenn alles so deutlich ist, möchte ich es abschreiben und in Ruhe studieren — dann wüsste ich um Lebensdauer und Schicksal aller Schwestern. Zu Hause würde ich nichts verraten, nur ein Hellseher sein, und mir bliebe viel unnötiges Grübeln erspart."

Er sah sich nach allen Seiten um, doch nirgends fand er Pinsel und Tusche. Aus Angst, es könnte jemand kommen, las er hastig weiter. Im Bild sah er schattenhaft jemanden, der einen Drachen steigen ließ, doch er schenkte dem keine Beachtung. In aller Eile las er alle zwölf Gedichte durch — manche verstand er auf den ersten Blick, manche nach kurzem Nachdenken, manche blieben ihm dunkel. Er prägte sich alles fest ein. Seufzend griff er nach dem „Zweitrangigen Register der Zwölf Haarnadelschönheiten von Jinling". Als er las: „Bewundernswert, die Schauspielerin hat Glück; wer hätte gedacht, der junge Herr hat kein Schicksal mit ihr" — das hatte er vorher nicht verstanden, doch als er oben die Umrisse einer Blumenmatte erkannte, erschrak er zutiefst und brach in heftiges Weinen aus.

Er wollte weiterlesen, als er jemanden sagen hörte: „Da stehst du wieder und starrst! Cousine Lin ruft dich." Es klang wie Mandarinenentes Stimme, doch als er sich umdrehte, war niemand da. Sein Herz war voller Erstaunen und Zweifel, als Mandarinenente plötzlich draußen vor der Tür erschien und ihm zuwinkte. Schatzjade war überglücklich und eilte hinaus, doch Mandarinenente ging schattenhaft vor ihm her, und er konnte sie nicht einholen. Schatzjade rief: „Gute Schwester, warte auf mich!" Doch Mandarinenente achtete nicht auf ihn und ging weiter. Schatzjade hatte keine Wahl und rannte mit aller Kraft hinterher. Plötzlich eröffnete sich eine andere Welt: Hochragende Paläste, fein gearbeitete Dachgiebel, und dazwischen schimmerten zahlreiche Palastmädchen. Schatzjade war so gefesselt von der Pracht, dass er Mandarinenente ganz vergaß.

Schatzjade trat durch ein Palasttor. Drinnen wuchsen wundersame Blumen und seltene Gewächse, die er nicht zu benennen wusste. Nur eine Pflanze fiel ihm auf: Hinter einer Balustrade aus weißem Stein wuchs ein grünes Kraut mit einem Hauch von Rot an den Blattspitzen; er wusste nicht, was es war, dass man es so sorgsam hegte. Ein leiser Wind kam auf, und das grüne Kraut schwankte unablässig. Obgleich es nur ein kleiner Halm ohne Blüte war, lag in seiner Anmut etwas, das das Herz rührte, den Geist bezauberte und die Seele ergriff.

Schatzjade starrte es gedankenverloren an, als neben ihm eine Stimme ertönte: „Du plumpes Ding — wo kommst du her, dass du hier das Unsterblichkeitskraut belauschst?" Schatzjade erschrak, drehte sich um und sah eine Himmelsjungfrau. Er verneigte sich und sprach: „Ich suchte meine Schwester Mandarinenente und bin versehentlich in die Himmelssphäre eingedrungen. Vergebt mir meine Kühnheit. Darf ich die Himmelsjungfrau fragen: Was ist das für ein Ort? Warum ist meine Schwester Mandarinenente hierher gelangt, und warum sagte sie, Cousine Lin rufe nach mir? Ich bitte um Aufklärung." Jene antwortete: „Was weiß ich von deinen Schwestern und Cousinen! Ich bin die Hüterin des Unsterblichkeitskrauts und dulde keine Sterblichen hier." Schatzjade wollte gehen, konnte sich aber nicht losreißen, und bat: „Wenn Ihr, Himmelsjungfrau, dieses Kraut hütet, seid Ihr gewiss die Blumengöttin. Was hat es mit diesem Kraut auf sich?" Die Himmelsjungfrau erwiderte: „Wenn du es wissen willst — die Geschichte ist lang. Dieses Kraut wuchs am Ufer des Geistigen Flusses und hieß ‚Purpurperlen-Kraut'. Als es einst verwelkte, hatte es das Glück, dass ein Diener des Göttlichen Jaspis es Tag für Tag mit süßem Tau begoss, sodass es ewiges Leben erlangte. Später stieg es in die Welt der Sterblichen hinab, um die Schuld für jene Bewässerung abzutragen, und ist nun in die Sphäre der Wahrheit zurückgekehrt. Darum hat die Himmelsfee der Warnung mich beauftragt, es zu hüten und keine Bienen und Falter heranzulassen."

Schatzjade verstand nicht; er war überzeugt, der Blumengöttin begegnet zu sein, und durfte diese Gelegenheit nicht verpassen. Er fragte: „Ihr hütet dieses Kraut, Himmelsjungfrau. Es gibt unzählige edle Blumen — gewiss hat jede ihre eigene Hüterin. Ich wage nicht, nach allen zu fragen; nur: Wer hütet die Lotosblume?" Die Himmelsjungfrau antwortete: „Das weiß ich nicht. Nur meine Herrin könnte es sagen." Schatzjade fragte: „Wer ist denn Eure Herrin?" Die Himmelsjungfrau antwortete: „Meine Herrin ist die Fürstin des Xiaoxiang-Palastes." Schatzjade hörte das und rief: „Genau! Ihr wisst es nicht, aber diese Fürstin ist meine Cousine Kajaljade." Die Himmelsjungfrau rief: „Unsinn! Dies hier ist die Sphäre himmlischer Göttinnen. Zwar trägt sie den Titel ‚Fürstin von Xiaoxiang', doch sie ist keineswegs wie die Kaiserinnen E Huang und Nü Ying. Wie sollte sie mit einem Sterblichen verwandt sein? Hüte deine Zunge, oder ich lasse die Wächter dich hinausprügeln!"

Schatzjade stand wie betäubt da und empfand sich als schmutzig und unwürdig. Gerade wollte er sich zurückziehen, als er jemanden hörte, der eilig herankam und rief: „Man bittet den Diener des Göttlichen Jaspis herein." Ein anderer erwiderte: „Ich habe auf Befehl lange gewartet, doch der Diener des Göttlichen Jaspis kam nicht vorbei. Wo soll ich ihn denn suchen?" Der Erste lachte: „Der gerade zurückgetreten ist — war er das nicht?" Die Dienerin eilte hastig hinaus und rief: „Der Diener des Göttlichen Jaspis möge bitte zurückkehren." Schatzjade glaubte, man frage nach jemand anderem, und fürchtete zugleich, verfolgt zu werden, also stolperte er davon.

Während er ging, stellte sich ihm plötzlich jemand mit einem Schwert in der Hand in den Weg und rief: „Wohin des Wegs?" Schatzjade erschrak. Mutig blickte er auf — es war niemand anderes als die Drittschwester Sonders. Er fasste sich ein wenig und bat: „Schwester, wie — auch Ihr bedrängt mich?" Jene antwortete: „Unter euch Brüdern ist kein einziger guter Mensch: Ihr ruiniert den Ruf der Frauen und zerstört ihre Ehen. Heute, da du hierher gekommen bist, verschone ich dich nicht." Schatzjade hörte, dass es übel klang, und war in großer Angst. Da rief jemand von hinten: „Schwester, haltet ihn schnell fest, lasst ihn nicht entkommen!" Die Drittschwester Sonders sagte: „Auf Befehl der Fürstin habe ich lange gewartet. Heute, da ich dich sehe, werde ich mit einem Schwerthieb deine irdischen Bande durchtrennen!"

Schatzjade erschrak noch mehr und verstand nicht, was all diese Worte bedeuteten. Er wollte umkehren und fliehen. Doch die Person hinter ihm war niemand anderes als Klarwolke. Bei ihrem Anblick erfüllten ihn Trauer und Freude zugleich. Er rief: „Ganz allein bin ich umhergeirrt und habe den Weg verloren; dann traf ich auf eine Feindin und wollte fliehen, doch ich fand niemanden von euch, der mir folgte. Nun ist alles gut — Schwester Klarwolke, bring mich schnell nach Hause!" Klarwolke sagte: „Der Diener möge nicht misstrauisch sein. Ich bin nicht Klarwolke — ich komme auf Befehl der Fürstin, um Euch zu einer Begegnung einzuladen. Es geschieht Euch nichts." Schatzjade war voller Zweifel und fragte: „Ihr sagt, die Fürstin rufe mich — wer ist diese Fürstin?" Klarwolke antwortete: „Fragt jetzt nicht. Wenn Ihr dort ankommt, werdet Ihr es wissen."

Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Er betrachtete ihren Rücken, ihre Bewegungen — es war genau Klarwolke. „Gesicht und Stimme stimmen — warum sagt sie, sie sei es nicht? Mein Verstand ist gerade umnebelt; lassen wir das. Wenn ich dort ankomme und die Fürstin sehe — selbst wenn ich etwas falsch gemacht habe, werde ich sie um Verzeihung bitten. Frauen sind barmherzigen Herzens; sie wird mir meine Unbedachtheit gewiss verzeihen."

Noch während er grübelte, gelangten sie bald an einen Ort. Prachtvolle Hallen, leuchtende Farben; im Hof ein Hain von Bambus, vor den Türen einige alte Kiefern. Unter den Dachtraufen standen mehrere Dienerinnen in Palasttracht. Als sie Schatzjade eintreten sahen, flüsterten sie: „Ist das der Diener des Göttlichen Jaspis?" Die Begleiterin sagte: „Ja, das ist er. Geh schnell hinein und melde es." Eine Dienerin winkte lächelnd; Schatzjade folgte ihr. Nach mehreren Räumen erblickte er einen Hauptsaal mit hochgezogenen Perlenvorhängen. Die Dienerin sagte: „Bleibt stehen und wartet auf den kaiserlichen Befehl." Schatzjade wagte keinen Laut und wartete draußen. Nach kurzer Zeit kam die Dienerin heraus und sagte: „Der Diener möge eintreten und sich vorstellen." Jemand hob den Perlenvorhang. Drinnen saß eine Frau, das Haupt mit einer Blumenkrone geschmückt, den Leib in ein besticktes Gewand gekleidet. Schatzjade hob kaum den Blick und erkannte Kajaljade [6]. Er konnte nicht an sich halten und rief: „Cousine! Hier bist du — ich habe dich so vermisst!" Die Dienerin draußen vor dem Vorhang zischte: „Dieser Diener ist unverschämt! Hinaus, sofort!" Kaum hatte sie ausgesprochen, ließ eine andere den Perlenvorhang herab.

Schatzjade wagte weder einzutreten noch fortzugehen; er konnte sich nicht trennen. Er wollte jemanden fragen, doch die Dienerinnen kannte er alle nicht, und man jagte ihn fort. Verzweifelt ging er hinaus und wollte Klarwolke fragen, doch als er sich umsah, war sie nirgends zu sehen. Ratlos schleppte er sich von dannen; es war niemand da, der ihn führte, und er fand den alten Weg nicht mehr.

In seiner Not sah er Phönixglanz [7] unter einem Dachvorsprung stehen und ihm zuwinken. Schatzjade freute sich und rief: „Endlich! Ich bin wieder zu Hause! Wie konnte ich nur so verwirrt sein?" Er rannte hin und sagte: „Schwester, du bist hier? Diese Leute haben mich so genarrt, und Cousine Lin wollte mich nicht sehen — ich weiß nicht, warum." Als er an der Stelle ankam, wo Phönixglanz gestanden hatte, und genau hinsah, war es gar nicht Phönixglanz — es war Kaufmann Rons erste Gemahlin, Frau Qin. Schatzjade blieb stehen und wollte fragen, wo Schwester Phönixglanz sei. Doch Frau Qin antwortete nicht und ging einfach ins Haus. Schatzjade war ganz benommen und wagte nicht, ihr zu folgen. Er stand da und seufzte: „Was habe ich heute verbrochen, dass niemand sich um mich kümmert?" Er brach in Tränen aus. Da kamen einige Wächter mit gelben Kopftüchern und Peitschen angelaufen und riefen: „Was für ein Mann wagt es, in unser Paradies der Himmelsjungfrauen einzudringen? Raus mit dir, sofort!"

Schatzjade wagte kein Wort. Gerade suchte er den Ausweg, als er in der Ferne eine Schar Frauen sah, die lachend und plaudernd näherkamen. Es schienen Willkommfrühling und die anderen zu sein. Freudig rief er: „Ich bin hier verloren! Kommt schnell und rettet mich!" Doch die Wächter hinter ihm holten ihn ein. Schatzjade rannte in Panik vorwärts — da verwandelten sich die Frauen in Gespenster und Ungeheuer und stürzten sich auf ihn.

In äußerster Not erschien der Mönch, der den Jade gebracht hatte, mit einem Spiegel in der Hand. Er richtete ihn auf die Szene und rief: „Auf Befehl der Edlen Gemahlin Urfrühling bin ich gekommen, um dich zu retten." Augenblicklich verschwanden die Geister, und es war wieder nur öde Wildnis. Schatzjade hielt den Mönch fest und sagte: „Ich erinnere mich — Ihr habt mich hierhergeführt, doch dann wart Ihr plötzlich verschwunden. Ich habe viele Verwandte gesehen, doch niemand achtete auf mich; dann verwandelten sie sich in Gespenster. War dies ein Traum oder Wirklichkeit? Ich bitte den ehrwürdigen Meister um eine klare Erklärung." Der Mönch fragte: „Hast du hier heimlich irgendwelche Dinge angeschaut?" Schatzjade überlegte: „Da er mich zum Paradies der Himmelsjungfrauen führen konnte, ist er gewiss selbst ein Unsterblicher. Wie sollte ich etwas vor ihm verbergen? Und ich möchte ohnehin Klarheit." Er sagte: „Ich habe tatsächlich einige Alben gesehen." Der Mönch rief: „Da haben wir's! Du hast die Alben gesehen und begreifst immer noch nicht? Alle Liebesbande auf Erden sind nur Trugbilder des Bösen. Merke dir nur alles, was du erlebt hast; in Zukunft werde ich es dir erklären." Damit gab er Schatzjade einen kräftigen Stoß und rief: „Geh zurück!" Schatzjade verlor das Gleichgewicht, stürzte zu Boden und schrie: „Au!"

Alle weinten gerade, als sie hörten, dass Schatzjade zu sich kam. Hastig riefen sie nach ihm. Schatzjade öffnete die Augen — er lag noch immer auf seinem Ruhebett. Er sah Frau König, Schatzspange [8] und die anderen mit rotgeschwollenen Augen vom Weinen. Er sammelte seine Gedanken und dachte: „Ja — ich bin gestorben und zurückgekehrt." Er rief sich alles, was seine Seele erlebt hatte, sorgfältig ins Gedächtnis. Zum Glück erinnerte er sich an das meiste und lachte: „So ist es also, so ist es!"

Frau König glaubte, das alte Leiden sei zurückgekehrt, und wollte schon den Arzt rufen lassen. Sie befahl den Zofen und alten Dienerinnen, schnell Aufrecht Kaufmann mitzuteilen: „Schatzjade ist zu sich gekommen. Vorhin war er nur in Geistesverwirrung befangen; nun spricht er wieder. Die Vorbereitungen für das Letzte können eingestellt werden." Aufrecht Kaufmann hörte es und eilte herein. Tatsächlich sah er Schatzjade wieder bei Bewusstsein und sagte: „Du glückloses Kind! Wen willst du zu Tode erschrecken?" Dabei liefen ihm unwillkürlich die Tränen herab. Er seufzte mehrmals und ging hinaus, um den Arzt kommen zu lassen, den Puls zu fühlen und Medizin zu verabreichen.

Mondschein, die gerade an Selbstmord gedacht hatte, beruhigte sich, als sie sah, dass Schatzjade wieder erwacht war. Frau König ließ Longansaft bringen und ihn einige Schlucke trinken, und allmählich kam er zu Sinnen. Frau König und die anderen waren beruhigt und machten Mondschein keine Vorwürfe. Sie ließen den Jade wieder Schatzspange übergeben, damit sie ihn Schatzjade umhänge. Dann dachte man an den Mönch: „Wo er den Jade wohl her hatte — das ist auch sonderbar: Erst verlangt er Silber, dann ist er plötzlich verschwunden. War er ein Unsterblicher?" Schatzspange sagte: „Wenn man bedenkt, wie er kam und wie er ging — der Jade wurde nicht ‚gefunden'. Als er damals verloren ging, muss der Mönch ihn genommen haben." Frau König fragte: „Der Jade war im Hause — wie hätte er ihn nehmen können?" Schatzspange erwiderte: „Wenn er ihn bringen konnte, konnte er ihn auch nehmen." Dufthauch [9] und Mondschein sagten: „In dem Jahr, als der Jade verloren ging, ließ der Herr Lin ein Schriftzeichen deuten. Nachdem die Zweite Herrin ins Haus gekommen war, haben wir ihr davon erzählt — das Zeichen war ‚Shang', ‚Belohnung'. Erinnert Ihr Euch, Zweite Herrin?" Schatzspange überlegte: „Ja! Ihr sagtet, man solle im Pfandhaus nachforschen. Jetzt wird mir alles klar — es war das Zeichen ‚Shang' von ‚Heshang', ‚Mönch', das oben stand. Hat der Mönch ihn nicht weggenommen?"

Frau König sagte: „Dieser Mönch war schon immer sonderbar. In dem Jahr, als Schatzjade krank war, kam ein Mönch und sagte, in unserem Hause sei ein Schatz, der helfen könne — er meinte diesen Jade. Da er das wusste, hat der Jade gewiss eine besondere Herkunft. Außerdem wurde dein Mann mit dem Stein im Mund geboren — habt ihr je von so etwas gehört, von der Antike bis heute? Nur weiß ich nicht, was auf Dauer mit diesem Jade geschehen wird; ja, wir wissen nicht einmal, was mit unserem eigenen Schatzjade werden wird. Krank ist er wegen dieses Steins, gesund auch wegen dieses Steins; geboren ist er mit diesem Stein …" Bei diesen Worten stockte sie, und die Tränen flossen erneut. Schatzjade hörte zu und verstand in seinem Herzen. Wenn er an das dachte, was er im Jenseits erlebt hatte, wurde alles noch deutlicher. Er sprach kein Wort, sondern erinnerte sich still an jedes Detail.

Da sagte Bedauerfrühling [10]: „Als damals der Jade verloren ging, bat man Wunderjade, ein Geistorakel zu befragen. Es hieß: ‚Am Fuß des Grünen Grates, angelehnt an eine uralte Kiefer' und ‚Tritt ein in mein Tor und begegne einem Lächeln'. Wenn ich jetzt daran denke, sind die drei Worte ‚Tritt ein in mein Tor' von tiefer Bedeutung. Das Tor des Buddhismus ist das größte aller Tore — nur fürchte ich, der Zweite Bruder kann es nicht durchschreiten." Schatzjade hörte das und lachte mehrmals kalt. Schatzspange zog die Augenbrauen zusammen und fiel in Grübeln. Dame Sonders sagte: „Du musst immer gleich vom Buddhismus reden — hast du deinen Wunsch, ins Kloster zu gehen, immer noch nicht aufgegeben?" Bedauerfrühling lächelte: „Ich will es der Schwägerin nicht verschweigen — ich habe schon lange auf Fleisch verzichtet." Frau König sagte: „Gutes Kind, Amitabha! Solche Gedanken darf man gar nicht erst aufkommen lassen." Bedauerfrühling schwieg dazu.

Schatzjade dachte an den Vers „Neben der grünen Lampe und dem alten Buddha" und seufzte mehrmals. Dann fiel ihm das Gedicht ein — „Ein Bett aus Binsen", „Ein Zweig, eine Blüte" — und er blickte Dufthauch an, worauf ihm erneut die Tränen kamen. Alle sahen, wie er bald lachte, bald trauerte, und verstanden nicht, was das bedeutete; sie hielten es für sein altes Leiden. Doch Schatzjade, wo immer er hinkam, empfing geheime Zeichen; tatsächlich hatte er sich die Verse aus dem heimlich betrachteten Album fest eingeprägt. Nur sprach er nicht darüber; in seinem Herzen aber hatte er sich längst eine eigene Meinung gebildet. Doch davon sei für den Augenblick nicht weiter die Rede.

Alle sahen, dass Schatzjade vom Tode zurückgekehrt war. Sein Geist war klar, und mit den Tagen, an denen er Medizin einnahm, ging es ihm von Tag zu Tag besser; er erholte sich vollständig. Da Aufrecht Kaufmann sah, dass Schatzjade genesen war, und er sich, ohnehin in der Trauerzeit ohne Amtsgeschäfte, Sorgen machte — der Sarg der Herzoginmutter [11] stand noch immer im Tempel, ohne dass man wusste, wann Kaufmann Huldreich begnadigt würde — , wollte er den Sarg nach Süden überführen und dort bestatten lassen. Er rief Kette Kaufmann [12], um sich zu beraten.

Kette Kaufmann sagte: „Der Herr hat vollkommen recht. Jetzt, in der Trauerzeit, ist der beste Zeitpunkt, diese wichtige Sache zu erledigen. Wenn der Herr seinen Dienst wieder antritt, wird es vermutlich nicht mehr möglich sein. Nur — mein Vater ist nicht zu Hause, und ich als Neffe wage es nicht, mich anzumaßen. Der Gedanke des Herrn ist richtig; doch diese Angelegenheit kostet einige tausend Silbertael. Die Behörden werden das konfiszierte Vermögen nicht herausgeben." Aufrecht Kaufmann sagte: „Mein Entschluss steht fest. Nur weil dein Vater nicht da ist, rufe ich dich zur Beratung. Du selbst kannst ja nicht abreisen; es fehlt hier an Leuten. Ich dachte daran, den jungen Ron mitzunehmen — zumal der Sarg seiner Frau auch dabei ist. Und auch der Sarg deiner Cousine Lin gehört dazu, so hat es die Herzoginmutter verfügt: Er soll zusammen mit ihr nach Süden zurückkehren. Was das Geld betrifft — ich werde mir dort einige tausend borgen; das dürfte reichen."

Kette Kaufmann sagte: „Die Leute sind heutzutage herzlos; der Herr ist in Trauer, und unser Herr ist auswärts — kurzfristig lässt sich nichts borgen. Man könnte nur die Grundbücher und Grundstücksurkunden als Pfand geben." Aufrecht Kaufmann sagte: „Das Wohnhaus ist ein kaiserliches Gebäude, das darf nicht angetastet werden." Kette Kaufmann erwiderte: „Das Wohnhaus nicht, aber draußen haben wir noch einige Häuser, die man veräußern kann. Wenn der Herr seinen Dienst wieder antritt, kann man sie zurückkaufen; und wenn mein Vater zurückkommt und ebenfalls wieder ein Amt erhält, kann man sie ebenfalls auslösen. Nur: Der Herr ist in einem Alter, in dem er sich eine solche Strapaze nicht mehr antun sollte; das bedrückt uns Neffen." Aufrecht Kaufmann sagte: „Es geht um die Angelegenheit der Herzoginmutter — das ist meine Pflicht. Du musst nur zu Hause besonnen sein und die Dinge fest im Griff behalten." Kette Kaufmann sagte: „Was das betrifft, kann der Herr ganz beruhigt sein; so verständnislos bin ich nicht, dass ich die Dinge nicht gewissenhaft erledigen würde. Da der Herr auf dem Weg nach Süden sicher einige Leute mitnimmt, bleiben nur wenige zurück; die Kosten dürften zu bewältigen sein. Sollte es auf der Reise an Geld fehlen: Der Weg führt am Amtssitz von Lai Shangrong vorbei — man könnte ihn um Unterstützung bitten." Aufrecht Kaufmann sagte: „Es geht um unsere eigene Großmutter — warum sollten wir andere belästigen?" Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und ging hinaus, um die Finanzen zu ordnen.

Aufrecht Kaufmann unterrichtete Frau König und übergab ihr die Haushaltsführung. Er wählte einen Tag für die Überführung und den Aufbruch. Da Schatzjade wieder genesen war, widmeten sich Unheil Kaufmann [13] und Lan Kaufmann ernsthaft den Studien. Aufrecht Kaufmann übergab alles an Kette Kaufmann und trug ihm auf, über die Ausbildung zu wachen: „In diesem Jahr findet die große Prüfung statt. Huan kann wegen der Trauerzeit nicht teilnehmen; Lan als Enkel darf jedoch nach Ablauf der Trauerfrist antreten. Schatzjade muss unbedingt zusammen mit dem Neffen zur Prüfung gehen. Sollte einer von ihnen den Titel eines Juren erlangen, könnte das unsere Schuld ein wenig tilgen." Kette Kaufmann und die anderen gehorchten. Aufrecht Kaufmann gab den Daheimgebliebenen noch viele Anweisungen, nahm Abschied vom Ahnentempel, hielt einige Tage Gebete außerhalb der Stadt ab und brach dann mit dem Trauerzug auf. Er bestieg das Schiff und nahm Lin Zhixiao und andere mit. Er wollte weder Verwandte noch Freunde belästigen; nur die eigenen Familienangehörigen begleiteten den Zug ein Stück und kehrten dann zurück.

Da Aufrecht Schatz Kaufmannjade befohlen hatte, an der Prüfung teilzunehmen, drängte Frau König ihn immer wieder und prüfte seine Studienleistungen. Dass Schatzspange und Dufthauch ihn beständig ermahnten und ermutigten, versteht sich von selbst. Doch nach seiner Krankheit wurde Schatzjades Gesinnung immer eigentümlicher, ja sie verwandelte sich vollständig: Nicht nur verabscheute er Ruhm und Karriere, auch die Bande der Zuneigung zu Frauen nahm er leichter als je zuvor. Nur sprach er zu niemandem davon; und die anderen bemerkten es nicht.

Eines Tages kam Purpurkuckuck, die den Sarg Kajaljade nach Süden begleitet hatte, zurück. In ihrem Zimmer saß sie einsam da und weinte. Sie dachte: „Schatzjade ist herzlos! Er hat den Sarg von Fräulein Lin nach Süden abreisen sehen und kein Zeichen von Trauer oder Tränen gezeigt; als er mich so weinen sah, kam er nicht einmal, um mich zu trösten, sondern sah mich an und lachte. Was für ein treueloser Mensch! Früher waren es alles nur schöne Worte, um uns zu betören. Neulich nachts — zum Glück habe ich es durchschaut, sonst wäre ich beinahe wieder auf ihn hereingefallen. Nur eines ist unbegreiflich: Jetzt sehe ich, dass er auch Dufthauch gegenüber kühl ist. Die Zweite Herrin war schon immer jemand, der Herzlichkeit nicht besonders pflegt. Beschweren sich Mondschein und die anderen denn nicht? Offenbar sind die meisten Mädchen von törischem Herzen; umsonst haben sie sich all die Jahre gesorgt. Wie wird das am Ende ausgehen?"

Noch in Gedanken versunken, kam Fünftchen herein, um nach ihr zu sehen. Als sie Purpurkuckucks tränennasses Gesicht erblickte, sagte sie: „Schwester weint schon wieder um Fräulein Lin? Ich dachte immer, was man von einem Menschen hört, ist weniger als das, was man mit eigenen Augen sieht. Früher hörte ich, der Zweite Herr sei zu den Mädchen überaus freundlich, und so drängte meine Mutter darauf, mich hierher zu schicken. Und jetzt? Ich habe ihm mit Leib und Seele bei seinen Krankheiten gedient, und nun, da er gesund ist, gibt es nicht einmal ein gutes Wort; und jetzt würdigt er mich nicht einmal eines Blickes." Purpurkuckuck fand ihre Worte zum Lachen, prustete los und spuckte verächtlich aus: „Pfui, du kleines Biest! Was willst du denn, wie Schatzjade dich behandelt? Als Mädchen — schämst du dich nicht? Seine ordentlich angetrauten Bediensteten beachtet er kaum — wo hätte er Zeit, sich um dich zu kümmern?" Dann lachte sie und fuhr mit dem Finger über ihre eigene Wange: „Was bist du für Schatzjade eigentlich?"

Fünftchen erkannte, dass sie sich verraten hatte, und lief rot an. Gerade als sie erklären wollte, es ginge ihr nicht um besondere Aufmerksamkeit, sondern um seine neuerdings fehlende Fürsorge für die Dienerschaft, hörte man draußen im Hof lautes Geschrei: „Der Mönch ist wieder da und verlangt die zehntausend Tael Silber! Die Gnädige Frau ist in Aufregung und hat den Zweiten Herrn Kette geschickt, um mit ihm zu verhandeln, doch ausgerechnet ist Kette nicht zu Hause. Der Mönch redet draußen wirres Zeug. Die Gnädige Frau lässt die Zweite Herrin bitten, herüberzukommen und zu beraten."

Wie man den Mönch abfertigte — das wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chinesisch: 妙玉
  2. Chinesisch: 宝玉
  3. Chinesisch: 王夫人
  4. Chinesisch: 贾政
  5. Chinesisch: 鸳鸯
  6. Chinesisch: 黛玉
  7. Chinesisch: 王熙凤
  8. Chinesisch: 宝钗
  9. Chinesisch: 袭人
  10. Chinesisch: 惜春
  11. Chinesisch: 贾母
  12. Chinesisch: 贾琏
  13. Chinesisch: 贾环