Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 119"

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Kapitel 119
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Bei der Provinzialprüfung besteht Schatzjade und entsagt der Welt des Staubes,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_119|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_119|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Unter kaiserlicher Gnade wird das Haus Kaufmann wieder erhoben
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= Kapitel 119 =
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Es wird erzählt, dass Goldamsel<ref>Chin. 莺儿 Yīng'ér, wörtl. „Goldamsel". Schatzspanges Kammerzofe.</ref> Schatzjades Worten nicht recht folgen konnte und schon gehen wollte, als sie Schatzjade noch sagen hörte: „Dummes Mädchen, ich will es dir sagen: Da euer Fräulein vom Glück begünstigt ist und du ihr folgst, wirst natürlich auch du vom Glück begünstigt sein. Auf deine Schwester Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> ist kein Verlass. Du musst ihr in Zukunft nur von Herzen dienen; wenn sich dereinst Gutes ergibt, so hat sich deine Mühe im Dienst bei ihr gelohnt." Goldamsel fand, der Anfang klinge noch vernünftig, aber das Ende nicht mehr. So sagte sie: „Ich verstehe. Das Fräulein wartet noch auf mich. Wenn der Zweite Herr Obst essen möchte, braucht er nur ein kleines Mädchen zu schicken, um mich zu rufen." Schatzjade nickte, und Goldamsel ging. Als dann Schatzspange und Dufthauch zurückkamen, gingen alle in ihre Zimmer. Davon sei nicht mehr die Rede.
== 中乡魁宝玉却尘缘 / 沐皇恩贾家延世泽 ==
 
  
Erlaubnis, wieder zurückzukehren. Auf seinem Weg hörte er von der Amnestie und gelangte zwei Tage später wieder zu Hause an, genau an dem Tag, als das Edikt dem Jung-guo-Anwesen übermittelt wurde – gerade in dem Moment, als die Dame Hsing sich fragte, wer im Namen der Familie diesen Erlaß empfangen könnte. Djia Lan war nun gewissermaßen dazu auserkoren, diese Funktion zu erfüllen, doch er war eigentlich noch zu jung. Dann wurde Djia Liäns Ankunft angekündigt. Er begrüßte alle um sich, und die Wiedervereinigung bot Anlaß zu Kummer und Freude. Dennoch war keine Zeit mehr, noch länger zu reden, und Djia Liän eilte in die Haupthalle, um den Kaiserlichen Abgesandten zu empfangen, der sich nach Djia Schës Gesundheit erkundigte und sagte: „Morgen müßt Ihr zur Kaiserlichen Schatzkammer gehen, um eure Entschädigung zu erhalten. Die Ning-guo Residenz tritt wieder in den Besitz eurer Familie.“
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Einige Tage darauf war Prüfungszeit. Alle dachten nur daran, dass Onkel und Neffe gute Aufsätze schreiben und hoch bestehen würden. Nur Schatzspange fand, dass Schatzjades Studien zwar gut aussahen, aber es etwas wie absichtliche Gleichgültigkeit an ihm gab, eine eigentümliche Kühle. Da er nun zur Prüfung musste, war sie erstens besorgt, weil beide, Onkel und Neffe, zum ersten Mal an einer Prüfung teilnahmen und sie bei dem Gedränge etwas zustoßen könnte; und zweitens, weil Schatzjade, seit der Mönch gegangen war, überhaupt nicht mehr aus dem Haus gegangen war — obwohl er fleißig lernte und zufrieden wirkte, hatte er sich allzu rasch und allzu gründlich geändert, was sie misstrauisch machte und sie einen neuen Vorfall befürchten ließ. Daher bestimmte sie am Tag vor der Prüfung einerseits Dufthauch mit den kleinen Mädchen und Suyun, alles für die beiden herzurichten, überprüfte selbst noch einmal alles und ließ es bereitlegen; andererseits ging sie mit Seidenweiß Pflaume zu Frau König und bat darum, einige erfahrene ältere Diener zusätzlich mitzuschicken — angeblich nur aus Angst vor dem Gedränge.
Die Männer erhoben sich, und der Abgesandte ging wieder fort. Djia Liän begleitete ihn bis zum vorderen Tor, wo gerade einige ländliche Kutschen heranfuhren. Die Torwächter gestatteten es nicht, daß die Kutschen dort halten durften, und ein lauter Streit erhob sich. Djia Liän bemerkte sofort, daß seine Tochter in einer dieser Kutschen sitzen müsse, und begann, die Torwächter wütend anzuschreien: „Ihr Pack elender Köter! Während ich fort war, habt ihr euch gegen euren eigenen Herrn gewendet und meine Tochter von zuhause fortgeschickt. Jetzt wollt ihr sie davon abhalten zurückzukehren! Wollt ihr euch an mir rächen?“
 
Die Diener hatten Djia Liäns Rückkehr befürchtet, da er gewiß früher oder später herausfinden würde, was während seiner Abwesenheit geschehen war, und sie bestimmt für ihre Beteiligung daran bestrafen würde. Es war für sie wie ein Schock, ihn bereits so früh so reden zu hören, als ob er schon alles wüßte. Wie das möglich war, konnten sie nicht verstehen. Sie erhoben sich und protestierten: „Während ihr fort wart, Herr, waren einige von uns krank, einige fort. Alles ging von Herr Huan aus, Herrn Tchiang und Herrn Yün, Herr, es hatte nichts mit uns zu tun.“
 
„Ihr dummen Unfähigen!“, rief Djia Liän, „ich kümmere mich um euch, wenn ich fertig bin. Beeilt euch und laßt diese Kutschen herein!“
 
Als Djia Liän wieder hereinging, sagte er der Dame Hsing nichts von alledem. Er ging zur Wohnung der Dame Wang, kniete vor ihr nieder und verkündete: „Deinem Voraussehen ist es zu verdanken, Tante Wang, daß meine Tochter sicher zurückgekehrt ist. Ich sollte besser nichts von Vetter Huans Betragen in diesem Fall erzählen, das wird kaum nötig sein. Doch so weit diese Kreatur Yün betroffen ist –, auch beim letzten Mal, als er die Verantwortung zu tragen hatte, gab es nur Ärger, und nun, in den wenigen Monaten, in denen ich fort war, hat er volles Verderben beschert. Meiner Meinung nach sollte er weggeschickt werden und niemals wieder eine Stellung hier erlangen.“
 
„Und was ist mit deinem Schwiegerbruder, Wang Jën?“, erkundigte sich Frau Wang, „was brachte ihn dazu, sich so verachtenswert zu betragen?“ –
 
„Verschwende keinen Atem für ihn“, antwortete Djia Liän, „um ihn werde ich mich später kümmern.“
 
Tsai-yün trat ein, um Tchiau-djies Ankunft anzukündigen. Als die Dame Wang sie sah, kamen, obwohl sie nicht lange voneinander getrennt gewesen waren, die quälenden Vermutungen über ihr Verbleiben nach ihrer Flucht wieder. Sie brach zusammen und weinte bitterlich. Tchiau-djie mußte selbst fürchterlich weinen. Djia Liän bedankte sich währenddessen bei Oma Liu. Die Dame Wang bat sie, sich zu setzen, und sie besprachen gemeinsam das ganze Abenteuer. Als Djia Liän Ping-örl wiedersah, überkam ihn große Dankbarkeit für alles, was sie getan hatte und, obwohl er seine Gefühle bei einer solchen Familienversammlung kaum zum Ausdruck bringen durfte, konnte er sich einiger Tränen nicht erwehren. Von diesem Tag an stieg Ping-örl in ihrem Rang immer höher, und sie wurde in die Position einer ordentlichen Frau befördert. Doch nun zu jemand anderem.
 
Die Dame Hsing war sicher, daß es Ärger geben würde, sobald Djia Liän von Tchiau-djies Verschwinden erfahren würde. Wie sie vernahm, daß er sich bei der Dame Wang aufhielt, wurde sie ganz ängstlich und schickte eine Magd zu lauschen. Diese informierte sie bei ihrer Rückkehr darüber, daß Tchiau-djie und Oma Liu sich beide unterhielten, nachdem sie eben zusammen angekommen waren. Plötzlich dämmerte es der Dame Hsing, was sich zugetragen hatte. Sie wußte, daß sie reingelegt worden war und war sehr verärgert über die Dame Wang: „Schürt einfach Ärger zwischen mir und meinem Sohn! Ich frage mich, wer Ping-örl unser Geheimnis verraten haben kann!“
 
In diesem Moment sah sie Tchiau-djie und Oma Liu in Begleitung von Ping-örl eintreten. Die Dame Wang folgte ihnen, und sie sprach zu ihr, die Schuld an allem auf Djia Yün und Wang Jën abwälzend: „Du bist auf das her­ein­gefallen, was sie sagten, Schwägerin. Du wolltest nur das Beste. Wie konntest du nur etwas von den Ränken und Intrigen wissen, die sie geschmiedet hatten!“
 
Die Dame Hsing schämte sich sehr. Sie sah, daß die Dame Wang richtig gehandelt hatte und rechnete es ihr hoch an. Von da an beruhigten sich die Spannungen zwischen den beiden Schwägerinnen.
 
Ping-örl sprach mit der Dame Wang und ging dann mit Tchiau-djie, um Bau-tschai zu begrüßen. Sie tauschten beide ihr Beileid aus.
 
„Da die Gunst des Kaisers jetzt wiederhergestellt ist“, sagte Tchiau-djie, „steigt unsere Familie wieder auf. Und sicher wird Onkel Bau-yü zurückkommen.“
 
Während sie sprachen, kam Tjiu-wën hastig in das Zimmer gerannt und schrie: „Hilfe! Hsi-jën geht es schlecht!“
 
Doch um zu erfahren, was dann geschah, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
  
120. Dschën Schï-yin erklärt detailliert das Wesen von Leidenschaft und Illusion
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Am nächsten Tag legten Schatzjade und Orchidee Kaufmann<ref>Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.</ref> halbneue Kleidung an und traten fröhlich vor Frau König. Frau König ermahnte sie: „Ihr zwei geht zum ersten Mal zur Prüfung. Ihr habt euer ganzes Leben lang mich noch keinen einzigen Tag verlassen; selbst wenn ihr nicht bei mir wart, waren Mädchen und Frauen um euch herum — wann habt ihr je eine Nacht allein geschlafen? Heute geht jeder für sich hinein, einsam und verlassen, ohne einen Vertrauten. Ihr müsst auf euch selbst achtgeben. Schreibt eure Aufsätze schnell fertig, kommt heraus, sucht die Bediensteten und kehrt bald zurück, damit eure Mütter und Frauen sich keine Sorgen machen." Dabei wurde Frau König unweigerlich traurig. Orchidee Kaufmann antwortete auf jeden Satz.
Und Djia Yü-tsun faßt den Traum der Roten Kammer zusammen.
 
  
Sobald sie von Tjiu-wën hörte, daß Hsi-jën ernsthaft erkrankt war, stürmte Bau-tschai mit Tchiau-djie und Ping-örl herein, um nach ihr zu sehen. Sie fanden sie bewußtlos auf dem Ofenbett liegend, anscheinend hatte sie einen Herzschlag erlitten. Sie flößten ihr abgekochtes, kaltes Wasser ein, und endlich kam sie wieder zu sich, sie geleiteten sie zur Ruhe und schickten nach dem Sterbearzt.
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Doch Schatzjade gab keinen Laut von sich. Als Frau König zu Ende gesprochen hatte, trat er vor, kniete vor ihr nieder, die Augen voller Tränen, verneigte sich dreimal bis zum Boden und sprach: „Die Mutter hat mich zur Welt gebracht und mein ganzes Leben lang für mich gesorgt; ich weiß nicht, wie ich es vergelten soll. Nur diese eine Prüfung — wenn ich mein Bestes gebe und als Graduierter bestehe, dann wird die gnädige Dame sich freuen, und die Angelegenheit meines ganzen Lebens wäre erledigt, und alles Schlechte meines ganzen Lebens wäre vergessen." Frau König wurde noch trauriger und sagte: „Wenn du solche Gesinnung hast, ist das natürlich gut. Nur schade, dass deine Großmutter es nicht mehr erleben kann." Dabei weinte sie und zog ihn zu sich. Doch Schatzjade blieb knien und wollte nicht aufstehen. Er sprach: „Ob die Großmutter es sieht oder nicht — sie weiß es und freut sich; da sie es weiß und sich freut, ist es, als sähe sie es, auch wenn sie es nicht sieht. Nur die leibliche Gestalt trennt uns, nicht der Geist!"
„Wie konnte Hsi-jën so plötzlich von uns gerufen werden?“, fragte Tchiau-djie.
 
„Gestern Abend“, antwortete Bau-tschai, „weinte sie sich in einen fürchterlichen Zustand und erlitt einen plötzlichen Schwindelanfall. Mutter bat eine der Mägde, ihr vom Boden aufzuhelfen, und schließlich ging sie schlafen. Es war an dem Abend so viel los, daß wir nicht nach einem Arzt schickten. Nur deshalb konnte es so weit kommen.“
 
Bald war der Arzt da, und die Frauen zogen sich zurück. Nachdem er Hsi-jëns Puls gefühlt hatte, diagnostizierte er ihren Zustand als Folge übermäßiger Aufregung und Ärger, stellte ein entsprechendes Rezept aus und ging.
 
Hsi-jën hatte tatsächlich mitgehört, oder dachte, sie hätte mitgehört, daß jemand sagte, daß alle von Bau-yüs Mägden entlassen würden, wenn er nicht zurückkehre. Der Schock, dieses zu hören, war es, der sie aufgeregt und ihre Krankheit verschlimmert hatte. Als der Arzt aufgebrochen war und Tjiu-wën hinausgegangen war, um ihre Medizin zu kochen, blieb Hsi-jën alleine auf ihrem Bett liegend zurück und in ihrer Verwirrung dachte sie, Bau-yü vor sich stehen zu sehen. Dann erschien die vage Gestalt eines Mönchs vor ihren Augen, er hielt Seiten eines Registers in Händen und sagte: „Du bist nicht für mich bestimmt. In kommenden Tagen wird jemand anderer kommen, um dich für sich zu beanspruchen.“
 
Hsi-jën wollte ihn ansprechen, als Tjiu-wën zurückkam. „Deine Medizin ist fertig“, sagte sie, „du solltest sie besser jetzt nehmen.“
 
Hsi-jën öffnete ihre Augen und erkannte, daß alles ein Traum gewesen war. Sie vertraute sich Tjiu-wën nicht an, sondern schluckte ihre Arznei, lag da und grübelte bei sich: ‚Bau-yü muß mit dem Mönch fortgegangen sein. Ich erinnere mich an den Tag, als er versuchte, den Jadestein zu holen und dem Mönch zu geben, er schien fortlaufen zu wollen. Als ich ihn festzuhalten versuchte, war es nicht sein normales Ich, so wie er mich wegdrückte und fortdrängelte. Er schien sich gar nicht mehr um mich zu kümmern. Seitdem war er stets so kühl gegenüber Frau Bau-tschai und uns anderen gegenüber gleichgültig. Sie sagte zu ihm:
 
„Ich vermute, daß du dies für die Erleuchtung hältst. Aber welche Art von Erleuchtung ist es, wenn du dich von deiner eigenen Frau abwendest? Die gnädige Frau bat mich, dir zu dienen, aber obwohl meine Monatsbezüge die einer Kammerfrau waren, bin ich nie offiziell als eine solche anerkannt worden. Wenn der Herr und die Herrin mich jetzt entlassen und ich darauf bestehe zu bleiben, aus Respekt vor dem Andenken an dich, werden mich die Leute lächerlich finden. Aber wie kann ich es aushalten, Sie zu verlassen, wenn ich mich doch daran erinnere, wie die Dinge zwischen uns waren?“
 
Sie zerbrach sich den Kopf über ihr Dilemma und erinnerte sich an die ahnungsvollen Worte, die Bau-yü in ihrem Traum zu ihr gesprochen hatte. Sie schwor sich selbst, daß, wenn sie ihr Schicksal nicht mit Bau-yü teilen könnte, sie am liebsten überhaupt nicht mehr leben würde.
 
Dank der Medizin ließ ihr Schmerz jedoch ein wenig nach. Sie fühlte sich schuldig, da sie die ganze Zeit lag, doch zwang sie sich selbst zur Ruhe und quälte sich durch die nächsten paar Tage, bis sie wieder aufstehen und ihrer Herrin zu Diensten sein konnte. Bau-tschai selbst, obwohl sie die ganze Zeit an Bau-yü dachte und in manchem einsamen Moment ihr unglückliches Schicksal beweinen mußte, war damit beschäftigt, ihrer Mutter dabei zu helfen, die Zahlung für Hsüä Pans Bußgeld zu arrangieren, was bei weitem keine leichte Aufgabe war. Doch später mehr dazu.
 
Djia Dschëng war mit dem Sarg der Herzoginmutter in Begleitung von Djia Jung und den Särgen von Tjin-schï, Hsi-fëng, Dai-yü und Yüan-yang in Nanking angekommen. Sie ließen die Mitglieder der Familie Djia beerdigen, und dann brachte Djia Jung Dai-yüs Sarg zu den Gräbern ihrer eigenen Familie, daß er dort begraben werden konnte, während Djia Dschëng sich um die Errichtung der Grabmäler kümmerte. Eines Tages kam dann ein Brief von zuhause an, in welchem er von dem Erfolg las, den Bau-yü und Djia Lan in ihren Examen gehabt hatten, was ihn sehr erfreute, – und von Bau-yüs Verschwinden, was ihn sehr beunruhigte und ihn dazu brachte, seinen Aufenthalt so kurz wie möglich zu halten und schnellstmöglich zurück nach Hause zu kehren. Auf seiner Rückreise erfuhr er von der vom Kaiser erlassenen Amnestie und erhielt einen weiteren Brief von zuhause, in welchem zu lesen stand, daß Djia Schë und Vetter Dschën begnadigt worden waren, und sie ihre Titel wieder zurückerhalten hatten. Von diesen Neuigkeiten außerordentlich erfreut, be­eilte er sich, nach Hause zu kommen und reiste Tag und Nacht.
 
An dem Tag, als sein Boot die Poststelle in Piling erreichte, gab es eine plötzliche Wendung des Wetters, und es begann zu schneien. Er legte an einem stillen, verlassenen Ärmel des Kanals an und schickte seine Diener an Land, um Visitenkarten zu verschicken und einigen Freunden in der Gegend seine Entschuldigung zu übermitteln, da er, sobald sein Boot wieder in Fahrt sei, nicht persönlich bei ihnen vorbeischauen könne. Nur ein Page blieb bei ihm, während er in der Kabine saß und einen Brief nach Hause schrieb, der zu Land sofort verschickt werden sollte. Als er dazu ansetzte, über Bau-yü zu schreiben, hielt er für einen Moment inne und blickte auf. Oben auf dem Deck stand am Eingang zu seiner Kabine eine Figur, deren Silhouette sich leicht vom Schnee abhob. Es war die Figur eines Mannes mit geschorenem Haupt und nackten Füßen, gehüllt in eine weite Robe aus purpurnem Filz. Die Figur kniete nieder und verneigte sich vor Djia Dschëng, der diese besondere Verhaltensweise nicht verstand. Er eilte an Deck mit der Absicht, ihn nach seinem Namen zu fragen. Der Mann verneigte sich vier Male, stand sodann aufrecht und drückte seine Handflächen vor der Brust wie beim Mönchsgruß zusammen. Djia Dschëng wollte diese Geste eben mit einer Verneigung seines Hauptes erwidern, als er dem Mann in die Augen blickte und ihn mit einem großen Schrecken als Bau-yü erkannte.
 
„Bist du nicht mein Sohn?“, fragte er.
 
Der Mann blieb still, und ein Ausdruck, der Freude und Kummer auszudrücken schien, kam über sein Gesicht. Djia Dschëng fragte wieder: „Wenn du Bau-yü bist, warum bist du dann so gekleidet? Und was führt dich hierher?“
 
Bevor Bau-yü antworten konnte, erschienen zwei andere Männer an Deck, ein buddhistischer Mönch und ein Dauist. Sie hielten ihn zwischen sich und sagten: „Komm, dein weltliches Karma ist vollständig! Verweile nicht länger!“
 
Die drei stiegen über den Damm und verschwanden im Schnee. Djia Dschëng eilte ihnen nach, ihrer verschwindenden Spur folgend, doch obwohl er sie vor sich erblicken konnte, schienen sie stets außer Reichweite zu sein. Er konnte sie eine Art Lied singen hören:
 
„An grünen Berges Fuß verweile ich.
 
In der Kosmischen Leere
 
streife ich umher.
 
Wer will übertreten,
 
Wer will mit mir gehen, wer will erkunden
 
die unaussprechlichen großen Mysterien
 
der Wildnis,
 
zu welcher ich zurückkehre.“
 
Djia Dschëng lauschte dem Lied und folgte ihnen weiter, bis sie den Hang eines kleinen Berges erreichten und plötzlich aus seiner Sicht verschwanden. Er war nun schwach und außer Atem durch diese außerordentliche Anstrengung und überaus verwirrt von dem, was er gesehen hatte. Zurückblickend erspähte er seinen Pagen, der ihm nachgeeilt war.
 
„Hast du diese drei Männer vorhin gesehen?“fragte er ihn.
 
„Ja, Herr, das habe ich“, antwortete der Page. „Ich sah, wie Sie ihnen folgten und bin deshalb hinterhergekommen. Dann waren sie verschwunden, und ich konnte außer Ihnen niemanden mehr sehen.“
 
Djia Dschëng wollte weitergehen, doch alles, was er vor sich sehen konnte, war eine riesige weiße Fläche und keine Menschenseele. Er wußte, daß es mit diesem Zwischenfall mehr auf sich hatte, als er verstehen konnte, und kehrte unwillig um, wobei er seine Spuren zurückfolgte.
 
Die anderen Diener waren gerade zum Schiff ihres Herrn zurückgekehrt, wo sie seine Kabine leer vorfanden und vom Steuermann die Mitteilung erhielten, daß Djia Dschëng an Land gegangen sei, um zwei Mönche und einen Dauisten zu verfolgen. Sie folgten seinen Schritten durch den Schnee und, als sie ihn in der Ferne auf sich zukommen sahen, eilten sie ihm entgegen und kehrten gemeinsam zum Schiff zurück. Djia Dschëng setzte sich nieder, um zu Atem zu kommen, und erzählte ihnen, was geschehen war. Sie wollten seine Autorität nicht anzweifeln und schlugen vor, in dieser Gegend eine Suche nach Bau-yü einzuleiten, doch Djia Dschëng verwarf diese Idee.
 
„Ihr versteht nicht“, sagte er mit einem Seufzen, „dies war wirklich keine übernatürliche Erscheinung. Ich sah diese Männer mit eigenen Augen. Ich hörte sie singen, und die Worte ihres Liedes hatten eine sehr tiefsinnige und rätselhafte Bedeutung. Bau-yü kam mit seiner Jade auf die Welt, und damit hatte es stets etwas Merkwürdiges auf sich. Ich erkannte es als ein schlimmes Omen. Nur weil seine Großmutter derart an ihm hing, haben wir uns so um ihn gekümmert und bis jetzt verzogen. - Diesen Mönch und den Dauisten habe ich schon vorher gesehen, dreimal insgesamt. Das erste Mal war, als sie kamen, um die Macht der Jade zu preisen. Das zweite Mal erschien der Mönch während Bau-yüs schwerer Krankheit und sprach ein Gebet über den Jadestein, was Bau-yü half, sofort zu genesen. Das dritte Mal war, als er uns den Jadestein zurückbrachte, nachdem er verlorengegangen war. Er saß in einem Moment in der Halle, und im nächsten Moment war er verschwunden. Ich hielt dies für äußerst merkwürdig und konnte daraus nur schließen, daß Bau-yü in irgendeiner Weise gesegnet war und daß diese beiden heiligen Männer gekommen waren, um ihn zu beschützen. Doch ich vermute, die Wahrheit ist, daß er selbst aus einer höheren Sphäre stammt und sich auf die Erde niedergelassen hat, um die Prüfungen des menschlichen Lebens zu bestehen. Die ganzen letzten neunzehn Jahre über war seine Großmutter umsonst in ihn vernarrt gewesen! Jetzt erst verstehe ich alles!“
 
Wie er dies sagte, kamen ihm Tränen in die Augen.
 
„Ja, aber“, protestierte einer der Diener, „wenn Herr Bau-yü wirklich ein unsterblicher buddhistischer Mönch war, wozu mußte er dann erst das Staatsexamen bestehen, bevor er verschwunden ist?“ –
 
„Wie könntest du so etwas auch nur im Ansatz verstehen?“, antwortete Djia Dschëng mit einem Seufzen. „Die Ordnungen im Himmel, die Einsiedler in ihren Hütten, die Geister in ihren Höhlen, alles hat seine eigene Beschaffenheit, eine einzigartige Natur. Wann hast du Bau-yü jemals ernsthaft mit seinen Büchern arbeiten gesehen? Und selbst wenn er es darauf angelegt hätte, war für ihn nichts unmöglich. Seine Natur war wirklich einzigartig.“
 
Mit der Absicht, daß seine Lebensgeister sich wieder erholen konnten, lenkten sie das Thema auf Djia Lans Erfolg beim Examen und die Wiedererlangung des familiären Glücks. - Dann schrieb Djia Dschëng seinen Brief zu Ende und versiegelte ihn. Er beschrieb in ihm seine Begegnung mit Bau-yü und wies die Familie an, über diesen Verlust nicht zu lange betrübt zu sein; einem der Diener trug er auf, den Brief zum Jung-guo-Anwesen zu bringen, während er selbst seine Reise auf dem Schiff fortsetzte. Doch genug davon.
 
Als Frau Hsüä von der allgemeinen Amnestie hörte, die der Kaiser ausgesprochen hatte, schickte sie Hsüä Kë, um Geld zu leihen, wo immer er konnte, um damit und mit ihrem Ersparten Hsüä Pans Ablöse zu bezahlen. Die Justizbehörde gab schließlich ihre Zustimmung. Sie nahm das Geld als Ausgleich an, und es wurde ein amtliches Schreiben angefertigt, das Hsüä Pans Freilassung genehmigte. Als er mit der Familie wiedervereint war, gab es für ihn unendlich viele Neuigkeiten, manche davon waren traurig, manche heiter. Doch dies können wir ruhig der Vorstellung des Lesers überlassen. Hsüä Pan für seinen Teil leistete einen feierlichen Schwur: „Wenn ich mich jemals wieder so betragen sollte, so möge ich in Stücke gehackt werden.“
 
Frau Hsüä legte ihm die Hand auf den Mund: „Beschließe nur, deine Wege zu bessern! Es gibt keinen Grund für solche bluttriefenden Schwüre! Nach allem, was Hsiang-ling deinetwegen durchgemacht hat! Wir mögen zwar arm sein, aber es reicht noch zum Leben. Ich meine, du solltest sie zur Frau nehmen. Was denkst du?“
 
Hsüä Pan nickte zustimmend, während Bau-tschai Tante Hsüäs Vorhaben ihre volle Unterstützung versicherte. Hsiang-ling selbst schien überwältigt und ihr Gesicht färbte sich tiefrot: „Es ist dasselbe, als würde ich Herrn Pan weiter dienen“, sagte sie. „Es wird sich nichts ändern.“
 
Von nun an nannten sie alle Diener nur noch Frau Pan und schauten mit großer Ehrerbietung zu ihr auf.
 
Hsüä Pan ging darauf bei den Djias vorbei und bedankte sich bei ihnen für alles, was sie für ihn getan hatten. Er wurde von seiner Mutter und Bau-tschai begleitet, und im Jung-guo-Anwesen gab es eine Familienversammlung. Begrüßungen wurden ausgetauscht, und sie unterhielten sich, als plötzlich ein Botschafter erschien und den Brief überrreichte, den Djia Dschëng auf dem Schiff verfaßt hatte. „Der Herr wird in wenigen Tagen hier eintreffen“, berichtete er.
 
Die Dame Wang bat Djia Lan, den Brief laut vorzulesen. Als sie den Abschnitt erreicht hatten, in welchem Djia Dschëng von seiner Begegnung mit Bau-yü berichtete, begannen alle bitterlich zu weinen, die Dame Wang, Bau-tschai und Hsi-jën am meisten von allen. Dann hörten sie zu, wie Djia Lan laut Djia Dschëngs Rat vortrug, daß sie nicht trauern, sondern verstehen sollten, es sei Bau-yüs Schicksal gewesen, daß er die Reinkarnation eines unsterblichen Buddhisten war.
 
„Wäre er jemals in den Status eines Beamten aufgestiegen und hätte seine Laufbahn dann in einer Katastrophe geendet, wäre alles viel schlimmer gewesen“, trösteten sie sich selbst. „Das wäre in öffentlicher Mißbilligung und im Ruin geendet.“
 
Im Brief hieß es: „Letzten Endes sollten wir uns an der Ehre laben, einen heiligen Mann in der Familie zu haben. Trotzdem war es das Karma seines eigenen Vaters und seiner eigenen Mutter, ihre Tugend, welche ihn dazu brachte, in diese Familie geboren zu werden.
 
Ohne den Wunsch, respektlos zu erscheinen, darf gesagt werden, noch nicht einmal Herrn Djing aus dem Ning-guo-Anwesen, der all die Jahre Joga praktiziert hatte, ist es gelungen, ein Unsterblicher zu werden. Bei Bau-yü war es keine wirkliche Leistung. Wenn man es so betrachtet, sollte es leichter sein, sich keine Sorgen zu machen.“ –
 
„Glaubst du, ich mache es Bau-yü zum Vorwurf, daß er mich verlassen hat?“, schluchzte Frau Wang zu Frau Hsüä. „Nein, doch was mich bekümmert, ist eher das Schicksal seiner armen Frau. Nach nur etwas über einem Jahr der Ehe, wie konnte er nur so gefühllos sein, sie auf diese Weise zu verlassen?“
 
Frau Hsüä fand dies äußerst herzerweichend, während Bau-tschai selbst beinahe bis zur Ohnmacht geweint hatte. Nachdem sich alle Männer nun in der Vorderen Halle versammelt hatten, fuhr die Dame Wang fort, ihr Herz vor ihrer Schwester auszuschütten: „Bei all diesem Trubel und der Aufregung mußte ich seinetwegen viel erleiden. Wenigstens war es ein Trost, ihn heiraten und sein Examen bestehen zu sehen, und ich hätte vielleicht auf ein Enkelkind hoffen können. Und jetzt das! Wenn ich gewußt hätte, daß es so endet, hätte ich ihn nie an erster Stelle heiraten lassen! Niemals hätte ich zugelassen, daß diesem armen Mädchen ein solches Unglück widerfährt!“ –
 
„All dies hat das Schicksal entschieden“, tröstete sie Frau Hsüä. „Was hätten wir unter diesen Umständen anderes sagen oder tun können? Wir müssen uns selbst gesegnet schätzen, daß meine Tochter ein Kind erwartet und daß du ein Enkelkind haben wirst. Ich bin sicher, daß es ihm trotz allem gut geht und er das Beste daraus macht. Sieh dir nur Li Wan an: ihr Sohn hat sein Provinz-Examen bestanden, und es besteht kein Zweifel, daß der junge Lan nächstes Jahr ein Palastgraduierter und ein Beamter sein wird. Nach allem, was seine Mutter erlitten hat, erhält sie doch noch ihre Entschädigung. Und was meine Tochter betrifft, so weißt du, daß sie kein unbeständiges und launisches Mädchen ist. Um ihretwegen mußt du dich nicht sorgen.“
 
Die Dame Wang fand die Worte ihrer Schwester, Frau Hsüä, überzeugend und beruhigend.
 
‚Bau-tschai war als Kind immer so zurückhaltend und bescheiden‘, dachte sie bei sich selbst. ‚Sie war mit den einfachsten Dingen zufrieden. Vielleicht war ihr deshalb eine solche Vorhersage bestimmt. Vielleicht ist überhaupt alles in der Welt vorherbestimmt! Obwohl Bau-tschai sehr geweint hat, hat sie niemals ihre Würde verloren. Sie hat sogar noch versucht, mich zu trösten. Was für ein besonderes Mädchen sie ist! Ihrem Mann so unähnlich, dem offensichtlich nicht die Freuden dieser Welt beschert waren.‘
 
Von diesen Gedanken ein wenig getröstet, wandte sich die Dame Wang in Gedanken an Hsi-jën: ‚Keine ihrer anderen Mägde stellt ein Problem dar. Die älteren können verheiratet werden, die jüngeren können Bau-tschai dienen. Doch was soll ich mit Hsi-jën anfangen?‘
 
Sie fühlte sich nicht wirklich in der gefühlsmäßigen Verfassung, eine große Familienversammlung einzuberufen und entschied, bis zum Abend zu warten, wenn sie allein mit ihrer Schwester reden konnte.
 
Frau Hsüä kam diese Nacht nicht nach Hause, sondern blieb bei Bau-tschai, um sie zu trösten, da sie fürchtete, die Trauer könnte sie doch noch überwältigen. Doch am Ende stellte sich heraus, daß Bau-tschai äußerst vernünftig war. Sie dachte schicksalsergeben über den Lauf der Ereignisse nach und folgerte, daß Bau-yü ohnehin stets eine sehr seltsame Person war und kein Zweifel daran bestand, alles, was sich zugetragen hatte, sei vorherbestimmt gewesen. So gab es keinen Grund, das zu bezweifeln. Mit erhobenem Haupt erklärte sie dies ihrer Mutter, die sichtlich erleichtert war zu hören, daß sie eine solche Haltung eingenommen hatte; sie berichtete es der Dame Wang, als sie sie das nächste Mal sah. Die Dame Wang nickte und seufzte: „Wäre ich wirklich eine so schlechte Frau, hätte mir das Schicksal sicher nicht eine so wunderbare Schwiegertochter beschert!“
 
Ihr kamen wieder die Tränen, und Frau Hsüä versuchte, sie zu beruhigen. Sie griff das Thema von Hsi-jën auf: „Sie ist in letzter Zeit so abgemagert. Die ganze Zeit grübelt sie nur über Bau-yü. Es ist richtig und gehört sich so für eine Ehefrau, gegenüber ihrem Mann eine solche Ergebenheit zu zeigen, selbst, wenn er kein richtiger Ehemann mehr ist. Und ein Zimmermädchen kann sich ebenso betragen, wenn sie es wünscht. Doch Hsi-jën gehörte niemals offiziell zu Bau-yüs Zimmermädchen, obwohl wir wissen, daß sie es eigentlich doch war.“
 
„Ja, vor kurzem habe auch ich noch darüber nachgedacht“, sagte die Dame Wang. „Ich habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, um in Ruhe mit dir darüber sprechen zu können. Wenn wir sie einfach des Dienstes verweisen, fürchte ich, wird sie nicht gehen wollen und sich vielleicht sogar das Leben nehmen. Wir könnten sie hierbehalten, doch ich gehe davon aus, daß Herr Dschëng seine Zustimmung nicht geben wird. Das ist ein schwieriges Problem.“ –
 
„Ich glaube kaum, daß Herr Dschëng wünscht, sie sollte allein bleiben und gegenüber Bau-yü ihre Treue behaupten“, sagte Frau Hsüä, „er weiß ja noch nicht einmal, daß sie Bau-yüs Zimmermädchen war. Er hielt sie stets für eine ganz gewöhnliche Magd, daher würde es ihm absurd erscheinen, sie hier zu behalten. Die einzige Lösung für dich wäre, nach einem ihrer Familienmitglieder zu schicken und auf die Dringlichkeit einer Heirat hinzuweisen. Wir können ihr eine großzügige Abfindung überreichen. Sie ist ein gutherziges Mädchen und immer noch sehr jung. Du solltest für sie tun, was du kannst, nach all der Zeit, in der sie hart für euch gearbeitet hat. Laß mich ihr alles ausführlich erklären. Doch jetzt braucht sie noch nicht alles zu erfahren. Zuerst sollten wir uns mit ihrer Familie in Verbindung setzen und diese eine Hochzeit arrangieren lassen. Danach sollten wir Nachforschungen anstellen. Und wenn dann ein möglicher Ehemann für sie gefunden ist und wenn er sich selbst als passend erweist, können wir sie gehen und sich verheiraten lassen.“
 
„Das ist eine sehr gute Idee. Du hast alles genau durchdacht“, antwortete die Dame Wang. „Wenn wir nicht die Initiative ergreifen, wird Herr Dschëng es tun und sehr taktlos mit ihr umgehen, und damit wären wir für ein weiteres Unglück verantwortlich.“
 
„Genau denselben Gedanken hatte ich auch“, sagte Frau Hsüä nickend.
 
Nachdem sie sich noch etwas länger unterhalten hatten, verabschiedete sich Frau Hsüä und ging in Bau-tschais Gemächer. Sie fand Hsi-jën in Strömen von Tränen und tat ihr Bestes, sie zu trösten, soweit es unter diesen Umständen noch möglich war. Hsi-jën war ein eher einfaches Mädchen und nicht allzu gesprächig, und zu allem, was  Frau Hsüä sagte, gab sie nur knappe Antworten.
 
„Ich bin nur eine Dienerin“, sagte sie schließlich, „und es ist sehr lieb von Ihnen, so mit mir zu reden, Herrin. Ich hätte niemals gewagt, einem der Wünsche der Damen zu widersprechen.“ –
 
„Gutes Mädchen!“, sagte Frau Hsüä, wobei sie überaus zufrieden mit ihr war. Bau-tschai fügte von sich noch ein paar aufrichtende Worte hinzu, und als sie und Tante Hsüä Hsi-jën verließen, fühlten sie sich deutlich erleichtert.
 
Einige Tage später kam Djia Dschëng nach Hause und wurde bei seiner Ankunft von der ganzen Familie begrüßt. Djia Schë und Vetter Dschën waren nun auch aus ihrem Exil zurückgekehrt; sie verbrachten einige Zeit mit Djia Dschëng und tauschten Neuigkeiten aus. Dann ging Djia Dschëng, um nach den Frauen zu sehen. Bau-yüs Abwesenheit warf aber einen düsteren Schatten über die Versammlung, was Djia Dschëng nach bestem Bemühen auszugleichen versuchte.
 
„Es gab für all das einen Grund“, sagte er. Es liegt nun an uns Männern, den hohen Rang unseres öffentlichen Lebens weiterzuführen, und ich hoffe, ihr bringt alle uns zu Hause die nötige Unterstützung entgegen. Wir dürfen auf keinen Fall in unsere alten Gewohnheiten zurückfallen. Alle Gemächer kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten, und wir brauchen keinen allgemeinen Verwalter mehr.
 
„Alles in euren Gemächern, überlasse ich euch“, das war besonders an die Dame Wang gerichtet, „geht damit angemessen um.“
 
Die Dame Wang teilte ihm mit, Bau-tschai erwarte ein Kind und daß allen Mägden von Bau-yü gekündigt werde. Djia Dschëng nickte schweigend.
 
Am folgenden Tag ging er an den Hof, um von den Ministern seine Anweisungen zu erhalten.
 
„Ich bin für die großzügige Gunst seiner Majestät mehr als dankbar“, sagte er, „doch da ich immer noch in meiner Trauerzeit bin, so bitte ich euch, mich anzuweisen, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken soll.“
 
Die Minister boten ihm an, eine Gedenkstätte einzurichten. Der Kaiser gewährte Djia Dschëng in seiner Großmut eine Audienz und, nachdem er seinen formalen Dankesbezeugungen zugehört hatte, erteilte er ihm einige kaiserliche Aufträge und erkundigte sich nach seinem Sohn, dem erfolgreichen Provinz-Graduierten. Djia Dschëng erzählte ihm die ganze Geschichte von Bau-yüs Verschwinden. Der Kaiser wunderte sich darüber und bemerkte, daß Bau-yüs Aufsätze sich durch eine besondere Originalität auszeichneten, eine Qualität, die man sonst nur von jenseitigen Seelen erwarten könne. Eine solche Person könnte niemals am Hofe gedient haben, sein Schicksal wäre dies nicht gewesen. Denn ihm war vorbehalten, keine Ehren weltlicher Natur zu empfangen. Es bereitete seiner Majestät eine äußerst große Freude, ihm den religiösen Titel des „Herrn über das unergründliche Wort“ zu verleihen.
 
Djia Dschëng verbeugte sich wieder, um seine Dankbarkeit für diese große Ehre zu bekunden und verabschiedete sich. Bei seiner Rückkehr nach Hause wurde er von Djia Liän und Vetter Dschën empfangen, die begeistert waren, von den Neuigkeiten am Hof zu hören.
 
„Im Jung-guo-Anwesen ist nun wieder alles in Ordnung“, sagte Vetter Dschën, „und mit deiner Zustimmung nehmen wir dort wieder Residenz. Das Kloster Gefangenes Grün im Garten wurde für die Eremitage meiner Schwe­ster Hsi-tschun vorbereitet.“
 
Nach kurzer Zeit des Nachdenkens hielt Djia Dschëng ihnen eine lange Predigt über die tiefe Dankbarkeit, die sie dem Thron für diese Gunst schuldeten. Djia Liän nutzte die Gelegenheit und lenkte das Thema auf die Hochzeit seiner Tochter: „Vater und Mutter sind beide einverstanden, daß Tchiau-djie mit diesem Herr Dschou verheiratet werden soll.“
 
Djia Dschëng hatte die Einzelheitgen von Tchiau-djies Geschichte am Abend zuvor gehört und antwortete: „Wenn dies ihre Entscheidung ist, dann soll es so sein. Es gibt nichts gegen das Landleben einzuwenden. Was zählt, ist, daß die Familie aufrichtig ist und der Bursche ein Studium aufnimmt, sodaß er sich in der Welt behaupten kann. Außerdem entstammt nicht jeder Beamte am Hof einer städtischen Familie.“ Djia Liän antwortete angemessen und fuhr fort: „Vater ist in seinem Alter bereits weit fortgeschritten und befindet sich immer mehr in einem phlegmatischen Zustand. Er hat vor, sich für ein paar Jahre zurückzuziehen und dir alles zu überlassen, Onkel.“ –
 
„Eine ruhige Zurückgezogenheit auf dem Land klingt sehr gut für mich“, kommentierte Djia Dschëng, „doch leider verbieten es mir die Verpflichtungen gegenüber dem Thron.
 
Djia Dschëng kehrte in seine Gemächer zurück, während Djia Liän jemanden schickte, der Oma Liu zu ihnen bat. Als man ihr mitteilte, daß die Hochzeit vom Herrn genehmigt worden war, erzählte sie es gleich darauf der Dame Wang und den anderen Damen mit einer langen Ausführung über den Erfolg, der dem jungen Mann in der Zukunft bevorstünde, wie seine Familie sich in der Welt behaupten würde und wie viele Söhne und Enkelsöhne ihrer Ehe entspringen würden.
 
Während sie sprach, erschien eine der Mägde, um anzukündigen, daß Hua Dsï-fang, Hsi-jëns Bruder, seine Frau geschickt habe, um seinen Respekt zu erweisen. Die Dame Wang sprach mit der Frau und fand dabei heraus, daß von der Familie Hua eine Hochzeit mit einem gewissen Herrn Djiang vorgeschlagen worden war, der südlich der Stadt lebte, einem jungen Mann mit Eigentum und einem eigenen Pfandhaus. Er war nur wenige Jahre älter als Hsi-jën, doch war er noch nicht verheiratet und sah außergewöhnlich gut aus. Die Dame Wang war mit dieser Beschreibung sehr zufrieden.
 
„Überbringe ihnen meine Zustimmung“, sagte sie. „In ein paar Tagen kann dein Mann kommen, um seine Schwester zu holen und sie zu ihrer Hochzeit zu bringen.
 
Sie schickte auch jemanden von ihren Leuten, um diskrete Erkundigungen anzustellen und erhielt positive Rückmeldungen über den Charakter des Mannes, wovon sie Bau-tschai berichtete, und Frau Hsüä fragte, ob man die Neuigkeiten vorsichtig Hsi-jën übermitteln könne. Die arme Hsi-jën war untröstlich bei dem Gedanken, das Jung-guo-Anwesen verlassen zu müssen, doch sie konnte keinen Widerstand leisten. Sie erinnerte sich an den Besuch, den Bau-yü ihr vor Jahren zu Hause abgestattet hatte, und den Eid, den sie daraufhin geschworen hatte, ihn niemals zu verlassen, noch nicht einmal im Tode. ‚Jetzt veranlaßt die Herrin, daß ich dies gegen meinen Willen tue und wenn ich darauf bestehe, alleine und seinem Gedenken treu zu bleiben, werden sich die Leute für mich schämen. Doch wenn ich nun gehe, so ist es nicht mein Wunsch.
 
Sie weinte, bis sie vor lauter Tränen bald würgen mußte. Frau Hsüä und Bau-tschai gaben ihr Bestes, um ihr gut zuzureden und schließlich dachte sie bei sich: ‚Wenn ich hier sterben sollte, wäre das eine schlechte Erwiderung für alles, was die Herrin in der Vergangenheit an guten Dingen für mich getan hat. Ich wäre besser zu Hause gestorben.‘
 
Endlich verabschiedete sie sich von allen, wobei ihr Herz schwer vor lauter Kummer war. Ebenso schmerzhaft war es für sie, all die anderen Mägde verlassen zu müssen. Fest entschlossen, sich bei der nächsten Gelegenheit das Leben zu nehmen, bestieg sie eine Kutsche und fuhr nach Hause. Als sie zuerst ihren Bruder und seine Frau sah, gab es reichlich Tränen, doch sie konnte es nicht über sich bringen zu sagen, was in ihr vorging. Ihr Bruder zeigte ihr Stück für Stück die Geschenke, die ihr von der Familie Djiang zugesendet worden waren und die Kiste, die er selbst für sie vorbereitet hatte. Ein Teil von dem, erklärte er, war ihm von der Dame Wang gegeben worden, während er einen Teil für sich selbst genutzt hatte. Diese Freundlichkeit machte es für Hsi-jën noch schwerer als vorher, ihren Kummer auszudrücken; nachdem sie zwei Tage bei ihrem Bruder zu Hause verbracht hatte, dachte sie noch einmal gründlich über alles nach: ‚Er hat alles so nett für mich hergerichtet. Wenn ich nun hier sterbe, würde ich ihm damit nicht wehtun?‘ Sie ging dies wieder und wieder in Gedanken durch, und absolut keine Handlungsweise erschien ihr richtig. Ihr Herz hatte sich verknotet. Sie konnte ihr Schicksal nur stoisch erdulden und warten, bis ihre Zeit gekommen war.
 
Der erfolgversprechende Tag im Almanach war für sie gekommen, an dem sie zum Haus ihres Mannes gebracht werden sollte und da sie keinen Aufruhr verursachen wollte, vertröstete sie ihren Kummer auf später und ließ sich auf die hochzeitliche Sänfte heben. An ihrem neuen Zuhause, dachte sie bei sich, würde sie neue Pläne schmieden. Doch sobald sie im Hause Djiang angekommen war, waren alle so aufrichtig und respektvoll zu ihr, ordneten sich ihr als junger, verheirateter Dame unter, die Mägde und Dienstmädchen nannten sie alle ihre Frau Djiang, als sie nur einen Fuß in das Haus gesetzt hatte, sodaß der Tod ihr hier wieder unmöglich erschien: Hier zu sterben wäre für ihn eine große Schmach, dachte sie bei sich; es wäre eine schlechte Erwiderung für all ihre Freundlichkeit. In ihrer Hochzeitsnacht weinte sie pausenlos und hätte sich kaum der Umarmung ihres Gatten hingegeben, wenn er sie nicht mit sehr zärtlicher Zuneigung umgarnt hätte.
 
Am nächsten Tag, als sie gemeinsam ihre Koffer auspackten, bemerkte Djiang unter ihren Sachen ein rotes Halstuch. Daraus folgerte er, daß seine Frau eines der Zimmermädchen von Bau-yü gewesen sein mußte, welchem er einst dieses Band geschenkt hatte. Vorher hatte er gedacht, seine Frau sei nur eine der Mägde der Herzoginmutter gewesen. Er hätte sich niemals träumen lassen, daß er eines Tages Hsi-jën heiraten würde. Djiang Yü-han (nebenbei bemerkt war dies Bau-yüs Schauspielerfreund) war sichtlich bewegt, als er sich an all die Wärme erinnerte, die Bau-yü ihm entgegengebracht hatte und als Konsequenz behandelte er Hsi-jën mit noch größerer Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Er zeigte ihr die damastgrüne Schärpe, die Bau-yü ihm als Tauschmittel für das Halstuch gegeben hatte als eindeutigen Beweis für die Freundschaft ihres Mannes mit ihrem einstigen Herrn. Dies machte Hsi-jën glauben, ihr Leben läge in der Hand des Schicksals, ja daß ihre Hochzeit vorherbestimmt gewesen sei. Diese Wendung verlieh ihr den Mut, ihrem Mann ihr Herz zu öffnen. Djiang erwies sich ihrer wert und brachte ihr tiefe Gefühle entgegen, dazu einen großen Respekt, der sie niemals zwang, eine andere Richtung einzuschlagen; vielmehr brachte er ihr nur noch mehr aufrichtige Zuneigung und Aufmerksamkeit entgegen. Somit hatte sich Hsi-jën auch der letzten Möglichkeit entledigt, sich jemals das Leben zu nehmen.
 
Geneigter Leser, es ist in der Tat wahr, wie Hsi-jën geschlußfolgert hatte, daß das Leben vorherbestimmt ist und daß dagegen „nichts getan werden kann“. Doch unglücklicherweise wird dieses Argument zu oft von Söhnen und Staatsmännern herangezogen, die sich in einer ungünstigen Situation befinden oder von treuen Witwen und Witwern als Ausrede für moralische Stumpfheit. Es war diese besondere Neigung ihrer Persönlichkeit, die Hsi-jën in das „Zweite Zusatzregister“ verwies. Ein Dichter aus vergangenen Tagen hatte einst geschrieben, als er an dem Tempel vorbeischritt, den er in Gedenken an die Dame der Pfirsischblüte errichtet hatte:
 
„Für die Alten ist der Tod nicht die schlimmste Wahl;
 
Frau Hsi war nicht allein, als sie ihre Schwäche beklagte.
 
Hsi-jëns Eheleben ist das erste Kapitel einer anderen Geschichte. Unsere Erzählung widmet sich nun wieder Djia Yü-tsun, der, nachdem er wegen Habsucht und Mißbrauch verurteilt worden war, ebenso aufgrund der allgemeinen Amnestie freigelassen worden war und als gewöhnlicher Bürger in seine Heimatstadt zurückkehren durfte. Er schickte seiner Familie einen Vorboten und reiste selbst mit einem jungen Pagen und einer Kutsche mit Gepäck. Seine Reise führte ihn wieder einmal an die Fähren-Anlegestelle und, wie er sich dem Fluß näherte, sah er einen dauistischen Einsiedler, der aus einer Strohhütte in der Nähe des Flußufers gerannt kam und zur Begrüßung in die Hände klatschte. Dieses Mal erkannte ihn Yü-tsun sofort als Dschën Schï-yin und verneigte sich vor ihm zum Gruß.
 
„Verehrter Herr Djia“, begann der alte Einsiedler, „ich bin sicher, es ist Ihnen gut ergangen, seit wir uns das letzte Mal begegnet waren?“ –
 
„Sie, Herr, sind in der Tat mein einstiger Beschützer Herr Dschën, in unsterblicher Gestalt!“, rief Yü-tsun. „Warum habe ich Sie bei unserem letzten Treffen nur nicht erkannt? Im Anschluß daran habe ich vernommen, daß Ihre Hütte durch Feuer zerstört worden sei. Ich war ernsthaft um Ihre Sicherheit besorgt. Ich schätze mich überaus glücklich, diese zweite Gelegenheit erhalten zu haben, Ihre geistige Tiefe bewundern zu dürfen. Leider bin ich immer noch genauso unwissend wie zuvor, wie ihr an meinem jetztigen Zustand erkennen könnt.“ –
 
„Bei der ersten Gelegenheit“, antwortete Dschën Schï-yin, „war Ihre Rangstellung so hoch, daß ich es nicht wagte, mir eure Bekanntschaft anzumaßen. Wegen unserer damaligen Freundschaft, sagte ich ein paar Worte, die Sie allesamt ignorierten. Gesundheit und Armut, Erfolg und Versagen, nichts davon hängt vom Zufall ab. Weder ist unser heutiges Treffen hier ein Zufall noch ein besonderes, wundersames Ereignis. Wir sind nicht weit von meinem Haus, und ich wäre überaus erfreut, wenn Sie bei mir verweilen und den Tag mit mir verbringen würden.“
 
Djia Yü-tsun willigte begeistert ein, und die beiden Männer gingen Hand in Hand, dabei folgte ihnen der Page mit dem Gepäck in die kleine, einfache Hütte. Schï-yin führte Yü-tsun herein;  dieser setzte sich, und der Helfer des alten Mannes brachte ihm Tee. Yü-tsun bat darum, die Geschichte seiner mystischen Umwandlung hören zu dürfen, und Schï-yin lächelte:
 
„Auf eine Weise wurde meine Welt umgewandelt. Sie selbst, Herr, der Sie einer Sphäre des Wohlstandes und Überflusses entstammen, müssen bestimmt von einer Person mit dem Namen Bau-yü gehört haben?“ –
 
„Natürlich“, antwortete Yü-tsun, „zuletzt habe ich das Gerücht gehört, daß er auch in das Dharma aufgestiegen sein soll. Ich habe ihn in vergangenen Tagen einige Male gesehen und es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, daß er diesen Schritt gehen würde.“ –
 
„Mir war das schon klar“, sagte Schï-yin. „Ich wußte bereits seit Jahren von seinem Streben.
 
  
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Seidenweiß Pflaume sah, wie Frau König und er sich so gebärdeten, und fürchtete einerseits, Schatzjades Krankheit könnte wieder ausbrechen, andererseits empfand sie die Szene als nicht sehr verheißungsvoll. Eilig trat sie hinzu und sagte: „Gnädige Dame, dies ist doch ein freudiger Anlass, warum so traurig? Bruder Schatzjade ist in letzter Zeit sehr verständig, sehr pietätvoll und studiert fleißig. Er braucht nur den Neffen mitzunehmen, gute Aufsätze zu schreiben und bald zurückzukommen; dann lässt er sie von unseren altbekannten Gelehrtenfreunden lesen, und wir warten, bis beide die Freudenbotschaft bringen — das ist alles." Zugleich ließ sie jemanden Schatzjade aufhelfen.
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Doch Schatzjade drehte sich um und verbeugte sich vor Seidenweiß Pflaume: „Schwägerin, sei unbesorgt! Wir beide, Onkel und Neffe, werden gewiss bestehen. Und der kleine Orchidee wird es noch weit bringen — die Schwägerin wird noch die Phönixkrone tragen und den Scharlachumhang!" Seidenweiß Pflaume lachte: „Möge sich dein Wort bewahrheiten, das wäre nicht umsonst ..." An dieser Stelle brach sie ab, aus Furcht, Frau Königs Trauer erneut zu wecken. Schatzjade lächelte: „Wenn man nur einen guten Sohn hat, der das Erbe der Vorfahren fortführen kann, dann hat auch der ältere Bruder, selbst wenn er es nicht mehr sehen kann, seine Angelegenheit vollendet." Seidenweiß Pflaume sah, dass die Zeit drängte, und wollte nicht endlos mit ihm reden; sie nickte nur.
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Schatzspange hatte all dies gehört und war bereits erstarrt. Diese Worte — nicht nur was Schatzjade sagte, klang schlecht, sondern auch was Frau König und Seidenweiß Pflaume sagten, war Wort für Wort ein böses Omen; doch sie wagte nicht, es ernst zu nehmen, und konnte nur die Tränen zurückhalten und schweigen. Da trat Schatzjade vor sie hin und verbeugte sich tief. Alle fanden sein Benehmen sonderbar, wussten nicht recht, was sie davon halten sollten, und wagten nicht zu lachen. Doch Schatzspanges Tränen strömten nur so herab, und alle waren betroffen. Dann hörten sie Schatzjade sagen: „Schwester, ich muss nun gehen. Bleibe wohl bei der gnädigen Dame und warte auf meine Freudenbotschaft." Schatzspange erwiderte: „Es ist Zeit, hör auf, solche langweiligen Reden zu führen." Schatzjade sagte: „Du treibst mich ja, aber ich weiß auch selbst, dass es Zeit ist zu gehen." Er blickte sich um und sah, dass alle anwesend waren, nur nicht Bedauerfrühling<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.</ref> und Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref>. Da sagte er: „Bestellt der Vierten Schwester und Schwester Purpurkuckuck meinen Gruß — die beiden werde ich auf jeden Fall wiedersehen."
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Alle fanden seine Worte halb vernünftig, halb wahnsinnig. Da er noch nie von zu Hause fort gewesen war, meinten alle, es seien nur die Worte der gnädigen Dame gewesen, die ihn aufgewühlt hätten; man solle ihn lieber schnell verabschieden — dann sei die Sache erledigt. So sagten sie: „Draußen warten Leute auf dich, wenn du noch länger herumtrödlest, verpasst du die Zeit." Schatzjade warf den Kopf zurück und lachte laut: „Fort, fort! Kein Aufhebens mehr, alles ist getan!" Auch die anderen lachten: „Nun geh schon!" Nur Frau König und Schatzspange, Mutter und Schwiegertochter, standen da wie bei einem Abschied auf Leben und Tod; die Tränen flossen, keiner wusste woher, und sie wären beinahe in lautes Schluchzen ausgebrochen. Doch Schatzjade ging lachend und albern, in einem Zustand, der ganz dem Wahnsinn glich, und verließ das Haus. Es heißt:
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Er schritt zum einzigartigen Ort von Ruhm und Ehren,
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Und schlug sich durch das Gitter des Käfigs als Erster hindurch.
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Wir lassen Schatzjade und Orchidee Kaufmann zur Prüfung gehen. Kreis Kaufmann<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.</ref> aber sah, wie sie zur Prüfung aufbrachen, und kochte vor Neid und Hass. Er gebärdete sich als Herr des Hauses und sprach: „Jetzt kann ich Rache für meine Mutter nehmen! Kein Mann ist im Haus, die Erste Frau steht auf meiner Seite — wen sollte ich fürchten?" Er beschloss seinen Plan und lief zu Frau Strafe, machte seine Aufwartung und sagte einige schmeichlerische Worte. Frau Strafe war natürlich erfreut und sagte: „Du bist wirklich ein vernünftiger Junge! Bei Klugmädchens<ref>Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.</ref> Angelegenheit sollte eigentlich ich entscheiden. Dein Zweiter Bruder Kette<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> ist ein Dummkopf; anstatt die leibliche Großmutter zu bitten, wendet er sich an andere." Kreis Kaufmann erwiderte: „Von der anderen Seite heißt es: Man kennt nur dieses eine Haus; die Sache ist so gut wie abgemacht, und man wird der gnädigen Dame ein großes Geschenk schicken! Wenn die gnädige Dame jetzt einen Barbarenprinzen als Enkelschwiegersohn hat, braucht der Erste Herr sich um seinen hohen Posten keine Sorgen mehr zu machen. Ich will ja nicht die eigene gnädige Dame schlecht reden, aber die anderen haben, seit sie die Edle Gemahlin zur Schwester hatten, die Leute ganz schön herumgestoßen. Hoffentlich ist Klugmädchen nicht auch so undankbar — ich gehe sie mal fragen." Frau Strafe sagte: „Du solltest es ihr sagen, damit sie deine Güte erkennt. Selbst wenn ihr Vater zu Hause wäre, könnte er keine so gute Partie finden. Nur Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.</ref>, dieser Wirrkopf, sagt, die Sache sei nicht gut und die gnädige Dame sei auch dagegen. Vermutlich fürchtet sie, dass wir Erfolg haben. Wenn wir zögern und dein Zweiter Bruder zurückkommt und auf andere hört, geht alles schief."
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Kreis Kaufmann sagte: „Die andere Seite hat alles geregelt, man wartet nur auf die Geburtsdaten der gnädigen Dame. Nach der Sitte des Fürstenhauses wird die Braut innerhalb von drei Tagen abgeholt. Aber eines fürchte ich — die gnädige Dame wird nicht einverstanden sein: Die andere Seite sagt, man dürfe nicht die Enkelin eines verurteilten Beamten heiraten, darum müsse sie still und heimlich abgeholt werden; wenn der Erste Herr erst begnadigt und wieder im Amt ist, könne man alles öffentlich feiern." Frau Strafe sagte: „Was soll daran nicht recht sein? Das entspricht doch dem Anstand." Kreis Kaufmann fuhr fort: „Wenn das so ist, dann braucht die gnädige Dame nur die Geburtsdaten herauszugeben." Frau Strafe erwiderte: „Was ist das für ein dummes Gerede? Hier drinnen sind nur Frauen, lass den Efeu-Jungen die Karte schreiben — das genügt." Kreis Kaufmann war hocherfreut, antwortete eilig und rannte hinaus, um es Efeu Kaufmann zu berichten, und zusammen mit König Ren<ref>Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.</ref> gingen sie zum Gästehaus des Barbarenfürsten, um den Vertrag aufzusetzen und das Silber zu wechseln.
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Doch was sie eben besprochen hatten, war von einem Dienstmädchen der Frau Strafe mitangehört worden. Dieses Mädchen hatte seinen Posten durch Friedchens Fürsprache erhalten und rannte, sobald sich eine Gelegenheit bot, zu Friedchen und erzählte ihr alles haarklein. Friedchen wusste längst, dass die Sache nicht gut stand, und hatte Klugmädchen alles genau erklärt. Klugmädchen hatte die ganze Nacht geweint und darauf bestanden, ihres Vaters Rückkehr abzuwarten, um zu entscheiden; der Anweisung der Ersten Frau könne sie nicht folgen. Als sie nun diese Nachricht hörte, brach sie in lautes Weinen aus und wollte zur gnädigen Dame gehen und sich beschweren. Friedchen hielt sie eilig zurück: „Fräulein, wartet noch! Die Erste Frau ist Eure leibliche Großmutter; sie sagt, da der Zweite Herr nicht zu Hause ist, habe sie das Entscheidungsrecht. Dazu kommt der Onkel als Bürge. Die stecken alle unter einer Decke; das Fräulein allein kann sich nicht gegen sie durchsetzen. Ich bin schließlich nur eine Dienerin und habe nichts zu melden. Jetzt können wir nur einen Ausweg suchen und dürfen nichts Übereiltes tun." Das Dienstmädchen von Frau Strafes Seite sagte: „Überlegt euch schnell etwas, sonst wird sie bald abgeholt!" Damit ging sie.
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Friedchen wandte sich um und sah Klugmädchen schluchzend zusammenbrechen. Sie stützte sie eilig und sagte: „Fräulein, Weinen nützt nichts. Euren Zweiten Vater können wir jetzt nicht erreichen. Nach dem, was die Leute sagen ..." Doch bevor sie den Satz beenden konnte, kam jemand von Frau Strafes Seite mit der Botschaft: „Dem Fräulein ist eine große Freude widerfahren! Friedchen soll die Aussteuer des Fräuleins zusammenpacken. Was die Mitgift betrifft, so heißt es: Die wird geregelt, wenn der Zweite Herr zurück ist."
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Friedchen musste sich fügen und kam zurück. Da sah sie, dass auch Frau König herübergekommen war. Klugmädchen klammerte sich an sie, weinte und fiel ihr in die Arme. Frau König weinte ebenfalls: „Kind, sei nicht verzweifelt. Wegen dir habe ich mir von der Ersten Frau so vieles anhören müssen; es ist nicht zu ändern. Wir müssen zunächst zustimmen und die Sache hinauszögern; dann schicken wir sofort einen Boten zu deinem Vater." Friedchen sagte: „Weiß die gnädige Dame es noch nicht? Heute Morgen hat der Dritte Herr bei der Ersten Frau gesagt, nach der Sitte des Fürstenhauses werde die Braut in drei Tagen abgeholt. Die Erste Frau hat den Efeu-Jungen bereits die Karte mit Namen und Geburtsdaten schreiben lassen — können wir da noch auf den Zweiten Herrn warten?" Als Frau König hörte, dass es der Dritte war, verschlug es ihr vor Zorn die Sprache. Sie stand eine halbe Ewigkeit da und rief dann immer wieder nach Kreis Kaufmann. Man suchte ihn, aber der Diener meldete: „Heute Morgen ist er mit dem Rosenholz-Jungen und dem Onkel Wang ausgegangen." Frau König fragte: „Und der Efeu-Junge?" Niemand wusste es. In Klugmädchens Zimmer standen alle mit aufgerissenen Augen da, ratlos. Frau König konnte auch nicht mit Frau Strafe streiten; allen blieb nichts, als sich weinend in den Armen zu halten.
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Mitten in dem Durcheinander kam eine Dienerin und meldete: „Am Hintertor sagt man, Oma Liu sei wieder da." Frau König erwiderte: „Unser Haus hat solches Unglück, wer hat Zeit für Besucher? Schickt sie irgendwie weg." Friedchen sagte: „Die gnädige Dame sollte sie hereinbitten lassen. Sie ist die Patentante des Fräuleins; wir müssen ihr davon erzählen." Frau König schwieg. Die Dienerin führte Oma Liu herein. Alle begrüßten sich. Oma Liu sah, dass alle rotgeränderte Augen hatten, und war verwirrt. Nach einer Weile fragte sie: „Was ist denn los? Die gnädige Dame und die Fräulein vermissen wohl die Zweite Nichte?" Als Klugmädchen die Erwähnung ihrer Mutter hörte, weinte sie noch heftiger.
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Friedchen sagte: „Alte Liu, rede nicht drum herum. Da Ihr die Patentante des Fräuleins seid, müsst Ihr es wissen." Und sie erzählte ihr alles von Anfang bis Ende. Oma Liu war vor Schreck wie versteinert. Nach einer langen Weile lachte sie plötzlich: „Du bist doch ein so kluges Mädchen — hast du nie ein Trommellied gehört? Da gibt es doch genug Tricks! Was soll daran schwer sein?" Friedchen fragte hastig: „Alte Liu, wenn Ihr einen Ausweg wisst, so sagt ihn schnell!" Oma Liu erwiderte: „Was soll daran schwer sein? Ohne dass irgendjemand es merkt: einfach losrennen — und die Sache ist erledigt!" Friedchen sagte: „Das ist doch Unsinn! Leute aus einer Familie wie der unseren — wohin sollten wir gehen?" Oma Liu sagte: „Wenn ihr nur nicht geht, ist es freilich schlecht; aber wenn ihr geht, dann kommt zu uns aufs Land! Ich verstecke das Fräulein. Sofort lasse ich meinen Schwiegersohn Leute schicken, das Fräulein schreibt eigenhändig einen Brief, und wir bringen ihn schnurstracks zum Herrn Vater — wäre das nicht fein?" Friedchen fragte: „Und wenn die Erste Frau es erfährt?" Oma Liu antwortete: „Wissen sie denn, dass ich hier bin?" Friedchen erwiderte: „Die Erste Frau wohnt vorne; sie behandelt die Dienerschaft schlecht, und wenn es eine Neuigkeit gibt, bringt ihr niemand die Botschaft. Wärt Ihr durch das Vordertor gekommen, wüsste sie es; aber Ihr seid durch das Hintertor gekommen, also ist es kein Problem." Oma Liu sagte: „Dann machen wir einen Termin ab, und mein Schwiegersohn kommt mit dem Wagen, um sie abzuholen." Friedchen sagte: „Wie können wir noch einen Termin abwarten? Wartet hier." Sie eilte hinein und erzählte alles, was Oma Liu gesagt hatte, nur im Beisein der Vertrauten.
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Frau König überlegte lange und fand es nicht ganz richtig. Friedchen sagte: „Es gibt keinen anderen Weg. Nur um der gnädigen Dame willen wage ich, offen zu sprechen. Die gnädige Dame tut einfach so, als wüsste sie von nichts, und fragt dann die Erste Frau. Wir schicken inzwischen sofort jemanden los; der Zweite Herr wird vermutlich bald zurück sein." Frau König schwieg und seufzte. Klugmädchen flehte: „Bitte rettet mich, gnädige Dame! Wenn der Vater zurückkommt, wird er nur dankbar sein." Friedchen sagte: „Zögert nicht, die gnädige Dame gehe zurück. Schickt nur jemanden, um das Zimmer zu bewachen." Frau König sagte: „Aber sorgt dafür, dass ihr Kleidung und Bettzeug mitnehmt!" Friedchen erwiderte: „Wir müssen schnell fort, sonst nützt es nichts! Wenn die anderen mit der fertigen Abmachung zurückkehren, gibt es eine Katastrophe." Dieses Wort brachte Frau König zur Besinnung: „Richtig! Beeilt euch, ich stehe hinter euch!"
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Also ging Frau König zurück und suchte sogar selbst Frau Strafe auf, um sie mit Geplauder aufzuhalten. Friedchen schickte hier ihre Leute los und wies sie an: „Tut nicht heimlich — wenn jemand hereinkommt und es sieht, sagt einfach, es sei auf Anweisung der Ersten Frau, man brauche einen Wagen, um Oma Liu nach Hause zu bringen." Dann bestach sie die Wächter am Hintertor und ließ einen Wagen kommen. Friedchen verkleidete Klugmädchen als einfaches Mädchen, und in aller Eile fuhren sie los. Friedchen tat so, als begleite sie die Besucherin nur bis zum Tor, doch kaum sah niemand hin, stieg auch sie auf den Wagen.
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Tatsächlich war das Hintertor des Kaufmann-Hauses in jenen Tagen zwar offen, aber nur ein, zwei Leute hielten Wache; die übrigen Bediensteten waren wegen des großen, fast leeren Hauses überall verstreut. Und da Frau Strafe die Dienerschaft ohnehin schlecht behandelte und alle Friedchens Güte kannten, hielten sie alle zusammen und ließen Klugmädchen entkommen. Frau Strafe plauderte noch immer mit Frau König und ahnte nichts.
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Nur Frau König war höchst beunruhigt. Nach einer Weile des Plauderns ging sie leise zu Schatzspange und setzte sich, das Herz voller Sorge. Schatzspange bemerkte Frau Königs zerstreuten Blick und fragte: „Hat die gnädige Dame etwas auf dem Herzen?" Frau König erzählte ihr die ganze Geschichte im Vertrauen. Schatzspange sagte: „Das war knapp! Jetzt müssen wir schnellstens den Efeu-Jungen anweisen, die Sache drüben zu stoppen." Frau König sagte: „Ich kann den Kreislein ja nicht finden." Schatzspange erwiderte: „Die gnädige Dame muss so tun, als wüsste sie von nichts. Lasst mich jemanden finden, der die Erste Frau ins Bild setzt." Frau König nickte und überließ es Schatzspange, einen Boten zu finden. Davon sei zunächst nicht weiter die Rede.
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Was den Barbarenfürsten betrifft: Er hatte nur einige Dienstmägde kaufen wollen. Da der Heiratsvermittler die Sache einseitig dargestellt hatte, schickte er jemanden zur Besichtigung. Als der Besichtiger zurückkehrte und dem Fürsten berichtete und dieser nach der Herkunft der Familie fragte, wagten die Leute nicht, es zu verheimlichen, und erzählten die Wahrheit. Der Barbarenfürst erschrak: „Das geht nicht! Das verstößt gegen die Gesetze! Um ein Haar hätten wir eine große Dummheit begangen. Außerdem ist meine Audienz beim Kaiser vorüber, und ich muss bald abreisen. Wenn jemand noch einmal mit solchen Vorschlägen kommt, werft ihn sofort hinaus!"
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An diesem Tag kamen Efeu Kaufmann, König Ren und die anderen mit den Geburtsdaten zum Fürstenpalais. Doch die Leute am Tor riefen: „Auf Befehl des Fürsten: Wer es wagt, Mädchen aus dem Kaufmann-Haus als gewöhnliche Bürgertöchter auszugeben, wird festgenommen und bestraft! In diesen friedlichen Zeiten — wer wagt solche Frechheit!" Dieses Geschrei jagte König Ren und den anderen solchen Schrecken ein, dass sie Hals über Kopf hinausstürzten, die Schuld auf den Vermittler schoben und sich verdrossen zerstreuten.
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Kreis Kaufmann wartete zu Hause auf Nachricht und hörte zugleich, dass Frau König nach ihm rufen ließ; er wurde nervös. Als Efeu Kaufmann allein zurückkam und ihm entgegenrannte, fragte er hastig: „Ist es abgemacht?" Efeu Kaufmann stampfte aufgeregt mit dem Fuß: „Alles verloren! Alles verloren! Irgendjemand hat es verraten!" Und er schilderte, wie sie abgewiesen worden waren. Kreis Kaufmann war vor Wut wie erstarrt: „Heute Morgen habe ich es bei der Ersten Frau so gut dargestellt — und was jetzt? Ihr alle habt mich reingelegt!"
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Während er noch ratlos war, hörte man von drinnen Geschrei; jemand rief die Namen von Kreis Kaufmann und den anderen: „Die Erste und die Zweite Frau rufen euch!" Die beiden schlichen nur widerwillig hinein. Frau König empfing sie mit zornverzerrtem Gesicht: „Ihr habt feine Sachen angestellt! Jetzt habt ihr Klugmädchen und Friedchen in den Tod getrieben! Schafft mir augenblicklich die Leichen herbei!" Beide knieten nieder; Kreis Kaufmann wagte kein Wort. Efeu Kaufmann senkte den Kopf und sagte: „Der Enkel hat nichts getan; es war der Onkel Xing und der Onkel Wang, die als Heiratsvermittler für Cousine Klugmädchen auftreten wollten. Wir haben es den gnädigen Damen nur gemeldet. Die Erste Frau war einverstanden und ließ mich die Karte schreiben. Die andere Seite will sie nicht einmal haben — wie können wir da die Cousine in den Tod getrieben haben?" Frau König sagte: „Kreis Kaufmann hat der Ersten Frau erzählt, die Braut werde in drei Tagen abgeholt — sind das Sitten einer Heiratsvermittlung? Ich frage nicht weiter; gebt mir Klugmädchen zurück, und wenn der Herr zurückkommt, werden wir weiterreden." Frau Strafe konnte jetzt kein einziges Wort mehr sagen und vergoss nur Tränen. Frau König schimpfte Kreis Kaufmann: „Nebenfrau Zhao war ein solches Luder, und ihr Spross ist genauso verlottert!" Damit ließ sie sich von den Dienerinnen stützen und ging in ihr eigenes Zimmer zurück.
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Kreis Kaufmann, Efeu Kaufmann und Frau Strafe schoben einander die Schuld zu. Efeu Kaufmann sagte: „Lass uns jetzt nicht streiten. Ich glaube kaum, dass sie wirklich tot sind; bestimmt hat Friedchen sie zu irgendeiner Verwandten gebracht. Klugmädchens Dienerinnen wissen, dass jeder sie hasst, und haben sie bestimmt versteckt — aber dieses Wort wagen wir vor Frau König nicht zu sagen." So suchten sie bei allen Verwandten, fanden aber keine Spur. Im Haus hatte Frau Strafe auf der einen Seite und Kreis Kaufmann und die anderen auf der anderen Seite Tag und Nacht keine Ruhe.
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So kam der Tag, an dem die Prüfung endete. Frau König wartete nur darauf, dass Schatzjade und Orchidee Kaufmann zurückkehrten. Gegen Mittag waren sie noch nicht da; Frau König, Seidenweiß Pflaume und Schatzspange gerieten in Sorge und schickten Leute zu ihrem Quartier, um Nachricht einzuholen. Die erste Gruppe ging und kam nicht zurück; dann schickten sie eine zweite Gruppe, die ebenfalls nicht wiederkam. Die drei Frauen waren wie in siedendem Öl.
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Gegen Abend kam jemand herein — es war Orchidee Kaufmann. Alle freuten sich: „Wo ist der Zweite Onkel?" Orchidee Kaufmann machte sich nicht einmal die Mühe, alle zu begrüßen, und weinte: „Der Zweite Onkel ist verschwunden!" Als Frau König dies hörte, erstarrte sie eine halbe Ewigkeit, sagte kein Wort und fiel steif auf das Bett zurück. Zum Glück stützte Farbenglanz sie von hinten, und man rief sie unter großer Mühe ins Leben zurück. Weinend sah sie, dass auch Schatzspange nur starr vor sich hin blickte und Dufthauch und die anderen weinten, als wären sie zu Tränenfiguren geworden. Unter Tränen schalt sie Orchidee Kaufmann: „Du dummer Junge! Du warst doch mit dem Zweiten Onkel zusammen — wie kann er da verschwinden?" Orchidee Kaufmann erklärte: „Mein Onkel und ich haben im Quartier zusammen gegessen und geschlafen, in der Prüfungshalle saßen wir nicht weit auseinander, wir waren ständig beisammen. Heute Morgen hatte der Zweite Onkel seinen Aufsatz früh fertig und wartete auf mich. Wir zwei gaben unsere Aufsätze gleichzeitig ab und kamen zusammen heraus. Am Drachentor war ein Gedränge, und als ich mich umdrehte, war er weg. Unsere Leute, die uns abholten, fragten mich alle; Li Gui sagte noch: ‚Ich habe ihn gesehen, wir waren nur ein paar Schritte auseinander — wie kann er beim Gedränge verschwinden?' Sie sind nun in alle Richtungen ausgezogen, um ihn zu suchen. Auch ich habe mit meinen Leuten alle Prüfungszellen abgesucht — nichts! Darum bin ich erst jetzt zurück."
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Frau König weinte so, dass sie kein Wort herausbrachte. Schatzspange ahnte bereits, was geschehen war. Dufthauch weinte ohne Unterlass. Rosenholz Kaufmann und die anderen warteten keine Anweisungen ab und schwärmten in alle Richtungen aus. Die Menschen im Haus Kaufmann-Ehren waren allesamt mehr tot als lebendig; das bereitete Festessen zur Feier der Prüfungsrückkehr blieb unberührt. Orchidee Kaufmann hatte seine Erschöpfung vergessen und wollte selbst noch einmal suchen gehen. Doch Frau König hielt ihn zurück: „Mein Kind, dein Onkel ist verschwunden — soll ich auch noch dich verlieren? Gutes Kind, geh und ruh dich aus." Doch Orchidee Kaufmann wollte nicht gehen, und Dame Sonders und die anderen mussten ihn lange bitten, bis er aufgab.
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Unter allen war es nur Bedauerfrühling, die in ihrem Herzen verstand, was geschehen war, doch sie wagte es nicht auszusprechen. Sie fragte Schatzspange: „Hat der Zweite Bruder seinen Jade mitgenommen?" Schatzspange antwortete: „Das ist etwas, das er immer bei sich trägt — wie sollte er es nicht mitgenommen haben?" Bedauerfrühling hörte dies und schwieg.
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Dufthauch erinnerte sich an jenen Tag, als sie um den Jade gekämpft hatte, und war sicher, dass der Mönch dahintersteckte. Ihr zartes Herz brach beinahe, die Tränen tropften wie Perlen, und sie schluchzte und wimmerte ohne Ende. Sie dachte an all die Jahre, wie Schatzjade sie behandelt hatte: „Manchmal, wenn ich ihn ärgerte, wurde er böse, aber er hatte immer etwas an sich, das einen versöhnte; von seiner Zärtlichkeit und Fürsorge ganz zu schweigen. Und wenn ich ihn zu sehr reizte, schwor er, ein Mönch zu werden — wer hätte gedacht, dass sich dieses Wort heute bewahrheiten würde!"
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Wir verlassen Dufthauchs bittere Gedanken. Es war bereits die vierte Nachtwache, und noch immer gab es keine Nachricht. Seidenweiß Pflaume fürchtete, Frau König würde vor Kummer zusammenbrechen, und drang darauf, dass sie in ihr Zimmer zurückkehre. Alle begleiteten sie; nur Frau Strafe ging für sich nach Hause. Kreis Kaufmann traute sich nicht heraus. Frau König schickte Orchidee Kaufmann fort. Eine schlaflose Nacht folgte.
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Am nächsten Morgen kamen zwar Diener zurück, doch alle sagten: „Wir haben überall gesucht, aber keine Spur gefunden." Daraufhin kamen Frau Xue, Xue Ke, Xiang-Flusswolke Geschichte, Kostbarzither Schnee, die Schwägerin Li und andere nacheinander, um sich zu erkundigen.
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So vergingen mehrere Tage. Frau König weinte, bis sie nicht mehr essen konnte und dem Tode nahe war. Da meldete ein Diener: „Von der Küste ist jemand eingetroffen, der sagt, er komme im Auftrag des Oberkommandierenden der Seeverteidigung, und unsere Dritte Nichte werde morgen in die Hauptstadt zurückkehren." Als Frau König hörte, dass Frühlingserforscherin<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.</ref> zurückkehre, konnte das zwar den Kummer um Schatzjade nicht lindern, doch ihr Herz beruhigte sich ein wenig.
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Am nächsten Tag kehrte Frühlingserforscherin tatsächlich zurück. Alle empfingen sie schon von weitem. Sie war noch schöner geworden als zuvor, in leuchtenden, prächtigen Gewändern. Als sie Frau Königs abgezehrtes Gesicht sah und die geschwollenen Augen und geröteten Wangen der anderen, brach sie in heftiges Weinen aus. Nachdem sie eine Weile geweint hatte, wurden die Begrüßungen vollzogen. Als sie Bedauerfrühling in ihrer Nonnentracht sah, war sie tief betroffen. Dann erfuhr sie von Schatzjades Verschwinden und all den unglücklichen Ereignissen im Haus, und alle weinten erneut. Zum Glück war Frühlingserforscherin redegewandt und von klarem Verstand; mit ruhigen Worten tröstete sie alle eine ganze Weile, und Frau König und die anderen fühlten sich ein wenig besser.
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Am nächsten Tag kam auch ihr Schwiegersohn und erfuhr von den Vorfällen; er ließ Frühlingserforscherin zur Aufmunterung bei der Familie bleiben. Die Dienerinnen und Frauen, die mit Frühlingserforscherin gekommen waren, gesellten sich zu den Schwestern, und alle erzählten einander, was in der Zwischenzeit geschehen war. Von da an warteten alle im Haus, Tag und Nacht, ausschließlich auf Nachricht von Schatzjade.
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In jener Nacht, kurz nach der fünften Nachtwache, kamen einige Diener zum Zweiten Tor und überbrachten Freudenrufe. Einige kleine Mädchen liefen aufgeregt herein, ohne den älteren Dienerinnen Bescheid zu geben, stürzten ins Zimmer und riefen: „Gnädige Dame, gnädige Herrinen — große Freude!" Frau König glaubte, Schatzjade sei gefunden worden, stand freudig auf und rief: „Wo habt ihr ihn gefunden? Schnell, bringt ihn herein!" Die Leute antworteten: „Er hat den siebten Platz bei der Provinzialprüfung belegt!" Frau König fragte: „Und wo ist Schatzjade?" Die Diener schwiegen. Frau König setzte sich wieder hin. Frühlingserforscherin fragte: „Wer hat den siebten Platz belegt?" Der Diener antwortete: „Der Zweite Herr Schatzjade."
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Noch während sie sprachen, wurde draußen gerufen: „Auch der junge Herr Orchidee hat bestanden!" Der Diener rannte hinaus, nahm die offizielle Ergebnisliste in Empfang und berichtete: Orchidee Kaufmann hatte den hundertdreißigsten Platz belegt. Seidenweiß Pflaume war innerlich natürlich erfreut, aber da Schatzjade verschwunden war, wagte sie es nicht, ihre Freude zu zeigen. Frau König war ebenfalls froh über Orchidee Kaufmanns Erfolg, dachte aber nur: „Wenn Schatzjade auch zurückkäme, was wäre das für eine Freude für uns alle!" Nur Schatzspange empfand tiefe Trauer und wagte doch nicht, ihre Tränen fließen zu lassen.
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Alle gratulierten und sagten: „Da Schatzjade das Glück hatte zu bestehen, wird er gewiss nicht verloren gehen. In ein, zwei Tagen wird er bestimmt gefunden." Frau König und die anderen fanden das einleuchtend und zeigten ein zaghaftes Lächeln. Die Anwesenden nutzten die Gelegenheit und drängten Frau König und die anderen, etwas zu essen. Da hörte man von jenseits des Dritten Tors den Diener Peitschenruß laut rufen: „Unser Zweiter Herr hat die Provinzialprüfung bestanden — den verliert man nicht!" Die Leute fragten: „Wie kommst du darauf?" Peitschenruß erwiderte: „‚Ein einziger Erfolg, und die ganze Welt kennt seinen Namen!' Wohin der Zweite Herr jetzt auch geht — überall wird man ihn kennen. Wer würde es wagen, ihn nicht zurückzubringen?" Die Leute drinnen sagten alle: „Dieser Bursche hat zwar keine Manieren, aber sein Wort ist nicht falsch."
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Bedauerfrühling sagte: „Ein Erwachsener geht doch nicht einfach verloren! Ich fürchte, er hat die Welt durchschaut und ist ins Kloster gegangen — dann wird es schwer, ihn zu finden." Dieses Wort ließ Frau König und die anderen erneut in lautes Weinen ausbrechen. Seidenweiß Pflaume sagte: „Seit alters haben viele, die Buddha wurden oder heilige Patriarchen oder Unsterbliche, Rang und Reichtum hinter sich gelassen — davon gibt es viele Beispiele." Frau König weinte: „Wenn er Vater und Mutter verlässt, so ist das Pietätlosigkeit — wie kann er da Buddha werden oder ein heiliger Patriarch?" Frühlingserforscherin sagte: „Im Allgemeinen soll ein Mensch nichts Außergewöhnliches an sich haben. Der Zweite Bruder kam mit einem Jadestein in der Hand zur Welt, und alle hielten es für ein gutes Zeichen; aber so betrachtet war es gerade dieser Stein, der Unglück brachte. Wenn er in den nächsten Tagen nicht gefunden wird — ich sage es nicht, um die gnädige Dame zu kränken, aber es muss einen Grund geben. Man sollte es so nehmen, als wäre dieser Bruder nie geboren worden. Wenn er wirklich einen höheren Ursprung hat und die wahre Frucht erlangt, so ist das die Tugend vieler Generationen der gnädigen Dame." Schatzspange hörte zu und sagte nichts. Dufthauch konnte es nicht ertragen; ein stechender Schmerz durchfuhr ihr Herz, Schwindel überfiel sie, und sie fiel um. Frau König empfand Mitleid und ließ sie in ihr Zimmer bringen.
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Kreis Kaufmann sah, wie Bruder und Neffe bestanden hatten, und schämte sich wegen der Sache mit Klugmädchen; er gab Rosenholz Kaufmann und Efeu Kaufmann die Schuld. Er wusste, dass Frühlingserforscherin zurückgekehrt war und die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen würde, wagte aber auch nicht, sich zu verstecken; so saß er tagelang wie auf Dornen und Nadeln.
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Am nächsten Tag musste Orchidee Kaufmann zuerst zur Dankesaudienz gehen. Er erfuhr, dass auch Zhen Schatzjade<ref>Chin. 甄宝玉 Zhēn Bǎoyù, wörtl. „Wahrer Kostbare Jade". Schatzjades Doppelgänger aus der Familie Echt.</ref> bestanden hatte, und sie begrüßten einander als Mitbewerber desselben Jahrgangs. Als die Rede auf Schatzjades Verschwinden kam, seufzte Zhen Schatzjade und sprach ihm Trost zu. Der Prüfungsvorsitzende legte die Aufsätze der Erfolgreichen dem Thron vor. Der Erhabene las jeden einzelnen und fand sie alle ausgewogen und klar. Als er sah, dass der Siebtplatzierte Schatzjade Kaufmann aus Jinling stammte und der Hundertdreißigste ebenfalls ein Kaufmann-Orchidee aus Jinling war, ließ er durch kaiserlichen Erlass nachfragen: „Sind diese beiden Kaufmanns aus Jinling Angehörige der Edlen Gemahlin Kaufmann?" Ein Minister nahm den Befehl entgegen und rief Schatzjade Kaufmann und Orchidee Kaufmann zur Befragung. Orchidee Kaufmann berichtete von Schatzjades Verschwinden nach der Prüfung und legte die drei Generationen seiner Herkunft dar. Der Minister trug alles dem Thron vor. Der Erhabene war höchst weise und gütig; er gedachte der Verdienste des Hauses Kaufmann und ließ durch einen Minister Nachforschungen anstellen. Der Minister legte alles ausführlich dar. Der Erhabene empfand tiefes Mitgefühl und befahl, die Akten über Ehrgeiz Kaufmann' Vergehen vorzulegen. Dann sah der Erhabene einen Bericht über die „Befriedung der Seeräuber und Angelegenheiten nach dem Sieg an der Küste", in dem von „Frieden an den Meeren und auf den Flüssen, Freude des Volkes" berichtet wurde. Der Erhabene war hocherfreut, befahl den Neun Ministern, Verdienste aufzulisten und Belohnungen vorzuschlagen, und erließ eine allgemeine Amnestie. Orchidee Kaufmann und die anderen verließen nach der Audienz den Hof, besuchten ihre Prüfungsmeister und hörten von der bevorstehenden Amnestie. Er berichtete alles Frau König und den anderen. Die ganze Familie zeigte eine gewisse Heiterkeit und hoffte nur auf Schatzjades Rückkehr. Frau Xue war besonders erfreut und wollte sogleich die Losskaufung ihres Sohnes in die Wege leiten.
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Eines Tages wurde gemeldet, der alte Herr Zhen und der Dritte Schwiegersohn seien zum Gratulieren gekommen. Frau König ließ Orchidee Kaufmann sie empfangen. Bald darauf kam Orchidee Kaufmann strahlend zurück und berichtete: „Große Freude, gnädige Damen! Der alte Herr Zhen hat bei Hof erfahren, dass ein kaiserlicher Erlass ergangen ist: Der Erste Großvater ist begnadigt; dem Herrn Juwel<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.</ref> ist nicht nur verziehen worden, er hat auch den Dritten Erbrang des Hauses Kaufmann-Frieden übernommen. Das Erbe des Hauses Kaufmann-Ehren hat weiterhin der Großvater inne; nach Ende der Trauerzeit wird er wieder zum Beamten im Bauministerium ernannt. Das gesamte beschlagnahmte Vermögen wird vollständig zurückgegeben. Die Aufsätze des Zweiten Onkels haben dem Erhabenen sehr gefallen; als er erfuhr, dass er der Bruder der Edlen Gemahlin war, hat der Fürst des Nördlichen Friedens zudem seine Tugend gerühmt, und der Erhabene hat befohlen, ihn in Audienz zu empfangen. Die Minister haben vorgetragen: ‚Laut seines Neffen Orchidee Kaufmann ist er nach der Prüfung verschwunden; man sucht ihn überall.' Der Erhabene hat einen Erlass an die fünf Garderegimenter und alle Behörden erlassen, ihn sorgfältig zu suchen. Bei solcher kaiserlicher Gnade wird man ihn gewiss finden." Frau König und die anderen begannen nun endlich, sich zu beglückwünschen und sich zu freuen.
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Nur Kreis Kaufmann und die anderen waren in Angst und suchten überall nach Klugmädchen. Doch Klugmädchen war mit der alten Liu und Friedchen aus der Stadt gefahren und auf dem Bauernhof angekommen. Oma Liu wagte es nicht, Klugmädchen respektlos zu behandeln; sie ließ das beste Zimmer reinigen und bot es Klugmädchen und Friedchen als Unterkunft an. Die tägliche Kost war zwar einfach und ländlich, aber sauber; und Blaukind leistete ihr Gesellschaft. Vorübergehend beruhigte sich das Gemüt.
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Auf dem Land gab es einige wohlhabende Familien, die erfuhren, dass bei der alten Liu ein Fräulein aus dem Kaufmann-Haus zu Gast war, und alle kamen, um sie zu sehen. Alle sagten, sie sei eine Himmelsfee. Einige brachten Gemüse und Obst, andere Wildbret — es ging recht lebhaft zu. Unter ihnen gab es eine besonders reiche Familie namens Zhou mit riesigem Vermögen und tausend Morgen fruchtbaren Landes. Sie hatten nur einen Sohn, fein gebildet und von angenehmem Aussehen, vierzehn Jahre alt. Seine Eltern hatten ihm einen Hauslehrer bestellt; kürzlich hatte er bei der Vorprüfung den Titel eines Xiucai erlangt. An jenem Tag sah seine Mutter Klugmädchen und war hingerissen; sie dachte: „Wir sind Bauersleute — wie könnten wir um ein Fräulein aus einem solchen Haus werben?" Sie stand nur da und grübelte. Oma Liu erkannte ihre Gedanken sofort und sagte: „Ich weiß, was du denkst; ich vermittle die Ehe für euch." Frau Zhou lachte: „Mach mich nicht zum Narren! Solche Leute — würden sie ihr Kind einer Bauernfamilie geben?" Oma Liu antwortete: „Wart nur ab!" Und so gingen die beiden auseinander.
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Oma Liu dachte an die Familie Kaufmann und schickte Brettchen in die Stadt. An jenem Tag kam er in die Kaufmann-Ehren-Straße, und dort standen viele Kutschen und Sänften. Brettchen erkundigte sich in der Nachbarschaft; man sagte ihm: „Die Häuser Kaufmann-Frieden und Kaufmann-Ehren sind wieder im Amt, das beschlagnahmte Vermögen ist zurückgegeben — das Haus kommt wieder zu Ehren. Nur ihr Schatzjade hat die Prüfung bestanden und ist dann irgendwohin verschwunden." Brettchen war froh und wollte schon umkehren, da kamen noch einige Reiter an und stiegen vor dem Tor ab. Der Pförtner verbeugte sich: „Der Zweite Herr ist zurück! Große Freude! Wie geht es dem Ersten Herrn?" Der Ankömmling lachte: „Besser; dazu kam noch der kaiserliche Gnadenakt, und er wird bald zurückkehren." Er fragte: „Und was tun all diese Leute hier?" Der Pförtner antwortete: „Der Kaiser hat Beamte geschickt, um den Erlass zur Rückgabe des Vermögens zu überbringen." Der Herr ging fröhlich hinein. Brettchen schloss, dass es Kette Kaufmann sein musste, erkundigte sich nicht weiter und eilte nach Hause, um seiner Großmutter zu berichten.
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Oma Liu hörte es, freute sich über beide Ohren und ging zu Klugmädchen, um ihr zu gratulieren. Sie erzählte alles, was Brettchen berichtet hatte. Friedchen sagte lachend: „Zum Glück hat die Alte Liu so gehandelt! Sonst hätte das Fräulein diese guten Zeiten nie erlebt." Klugmädchen freute sich noch mehr.
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Gerade als sie noch sprachen, kam auch der Bote zurück, der Kette Kaufmann die Nachricht gebracht hatte: „Der Herr Vater ist überaus dankbar. Er sagt, sobald ich zu Hause bin, soll ich das Fräulein sofort zurückschicken. Und er hat mir noch einige Tael Silber geschenkt." Oma Liu war hocherfreut und ließ zwei Wagen anspannen. Sie bat Klugmädchen und Friedchen aufzusteigen. Klugmädchen, die sich bei der alten Liu schon wie zu Hause fühlte, konnte sich kaum trennen; und Blaukind weinte und wollte sie am liebsten dabehalten. Oma Liu sah, wie schwer ihnen der Abschied fiel, und ließ Blaukind mit in die Stadt fahren, geradewegs zum Kaufmann-Ehren-Haus.
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Kette Kaufmann hatte zuvor erfahren, dass Ehrgeiz Kaufmann<ref>Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Begnadigung Kaufmann". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.</ref> schwer erkrankt war, und war eilig an den Verbannungsort gereist. Vater und Sohn hatten sich unter Tränen wiedergesehen, und Ehrgeiz Kaufmann erholte sich allmählich. Kette Kaufmann empfing den Familienbrief, erfuhr von den Vorgängen zu Hause, berichtete Ehrgeiz Kaufmann und machte sich auf den Rückweg. Unterwegs erfuhr er von der Amnestie, reiste noch zwei Tage schneller und kam heute an — gerade als der kaiserliche Erlass zur Rückgabe des Vermögens eintraf. Drinnen war Frau Strafe schon in Sorge gewesen, weil niemand da war, den Erlass entgegenzunehmen; obwohl Orchidee Kaufmann da war, war er noch zu jung. Als gemeldet wurde, der Zweite Herr Kette sei zurück, begrüßten sich alle unter Tränen und Freude. Man hatte keine Zeit für Gespräche; sofort ging er in den Vorsaal und kniete vor dem kaiserlichen Abgesandten nieder. Der kaiserliche Beauftragte erkundigte sich nach dem Befinden des Vaters und sagte: „Morgen ist das Vermögen beim Kaiserlichen Amt abzuholen; das Haus Kaufmann-Frieden wird zum Bewohnen übergeben." Alle erhoben sich und verabschiedeten die Abgesandten.
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Kette Kaufmann begleitete sie hinaus und sah einige Landwagen, deren Weiterfahrt die Diener behinderten. Kette Kaufmann wusste sofort, dass es Klugmädchens Wagen waren. Er schimpfte die Diener: „Ihr Bande von dämlichen Schildkrötenbrut! Sobald ich nicht zu Hause bin, hintergeht und verfolgt ihr die Herrin und treibt das Fräulein zur Flucht; und jetzt, wo man sie zurückbringt, wollt ihr sie aufhalten — habt ihr etwa etwas gegen mich?" Die Diener hatten Kette Kaufmanns Rückkehr gefürchtet und gedacht, es werde noch etwas dauern; nun sprach er schon so deutlich, und sie verstanden nichts mehr. Sie standen da und sagten: „Seit der Zweite Herr fort war, waren die Kranken krank, die Beurlaubten beurlaubt — alles wurde vom Dritten Herrn, dem Rosenholz-Herrn und dem Efeu-Herrn bestimmt; mit uns hat das nichts zu tun." Kette Kaufmann rief: „Was für ein Gesindel! Wenn ich mit meinen Geschäften fertig bin, rede ich noch mit euch! Lasst die Wagen sofort herein!"
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Kette Kaufmann ging hinein, sah Frau Strafe und sagte kein Wort. Dann ging er zu Frau König, kniete nieder, verbeugte sich und berichtete: „Das Fräulein ist zurück, alles dank der gnädigen Dame. Was den Bruder Kreis betrifft — darüber brauche ich kein Wort zu verlieren. Nur dieser Efeu-Bursche — schon beim letzten Mal, als er das Haus hütete, hat er Unruhe gestiftet; jetzt war ich nur ein paar Monate fort, und schon treibt er es so weit. Ich melde der gnädigen Dame: Solch einen Menschen kann man hinauswerfen und den Umgang mit ihm abbrechen!" Frau König sagte: „König Ren, dieses niederträchtige Gewächs! Warum ist der auch so verdorben?" Kette Kaufmann antwortete: „Darüber braucht sich die gnädige Dame keine Gedanken zu machen, das regele ich."
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Gerade als sie sprachen, meldete Farbenglanz: „Das Fräulein ist da!" So traf Klugmädchen Frau König wieder; obwohl die Trennung nicht lang gewesen war, überkam sie bei der Erinnerung an die Flucht tiefe Rührung und Tränen. Auch Klugmädchen weinte bitterlich. Kette Kaufmann trat herbei und dankte der alten Liu. Frau König zog sie zum Sitzen heran und erzählte von den Ereignissen jenes Tages. Kette Kaufmann sah Friedchen, konnte vor den anderen nichts sagen, doch sein Herz war voller Dankbarkeit, und die Tränen kamen ihm. Von da an achtete er Friedchen noch mehr und beschloss, bei Ehrgeiz Kaufmann' Rückkehr Friedchen zur rechtmäßigen Gattin zu erheben. Doch dies gehört in eine spätere Erzählung.
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Frau Strafe fürchtete, Kette Kaufmann würde, wenn er Klugmädchen nicht finde, eine Szene machen; als sie hörte, dass er bei Frau König war, wurde ihre Angst noch größer. Sie schickte ein Mädchen, um zu horchen. Die kam zurück und berichtete, Klugmädchen sei zusammen mit der alten Liu dort und plaudere. Frau Strafe erwachte wie aus einem Traum: Sie wusste nun, dass die anderen es eingefädelt hatten, und beschuldigte Frau König: „Sie hat Mutter und Sohn gegeneinander aufgehetzt! Wer hat bloß Friedchen die Nachricht gesteckt?" Gerade als sie so fragte, kamen Klugmädchen und Oma Liu mit Friedchen herein, und Frau König folgte ihnen. Man schob alle Schuld auf Efeu Kaufmann und König Ren und sagte: „Die Erste Frau hat nur das gehört, was die Leute erzählten, und meinte, es sei eine gute Sache — wie hätte sie die Machenschaften der Leute draußen kennen sollen?" Als Frau Strafe dies hörte, schämte sie sich. Da sie einsah, dass Frau Königs Handeln richtig gewesen war, gab sie ihr in ihrem Herzen recht. So fanden die beiden Damen Xing und Wang zueinander und beruhigten sich.
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Friedchen verabschiedete sich von Frau König, nahm Klugmädchen mit und ging zu Schatzspange, um sich zu erkundigen. Jede erzählte von ihren eigenen Nöten. Dann sagte jemand: „Dank der kaiserlichen Gnade wird unser Haus wieder aufblühen. Der Zweite Herr Schatzjade wird bestimmt zurückkehren." Gerade als diese Worte fielen, kam Herbstgaze<ref>Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.</ref> in heller Aufregung hereingerannt und rief: „Dufthauch geht es schlecht!"
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Was geschehen war, davon erzählt das nächste Kapitel.
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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<references />

Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 119

Bei der Provinzialprüfung besteht Schatzjade und entsagt der Welt des Staubes, Unter kaiserlicher Gnade wird das Haus Kaufmann wieder erhoben

Es wird erzählt, dass Goldamsel[1] Schatzjades Worten nicht recht folgen konnte und schon gehen wollte, als sie Schatzjade noch sagen hörte: „Dummes Mädchen, ich will es dir sagen: Da euer Fräulein vom Glück begünstigt ist und du ihr folgst, wirst natürlich auch du vom Glück begünstigt sein. Auf deine Schwester Dufthauch[2] ist kein Verlass. Du musst ihr in Zukunft nur von Herzen dienen; wenn sich dereinst Gutes ergibt, so hat sich deine Mühe im Dienst bei ihr gelohnt." Goldamsel fand, der Anfang klinge noch vernünftig, aber das Ende nicht mehr. So sagte sie: „Ich verstehe. Das Fräulein wartet noch auf mich. Wenn der Zweite Herr Obst essen möchte, braucht er nur ein kleines Mädchen zu schicken, um mich zu rufen." Schatzjade nickte, und Goldamsel ging. Als dann Schatzspange und Dufthauch zurückkamen, gingen alle in ihre Zimmer. Davon sei nicht mehr die Rede.

Einige Tage darauf war Prüfungszeit. Alle dachten nur daran, dass Onkel und Neffe gute Aufsätze schreiben und hoch bestehen würden. Nur Schatzspange fand, dass Schatzjades Studien zwar gut aussahen, aber es etwas wie absichtliche Gleichgültigkeit an ihm gab, eine eigentümliche Kühle. Da er nun zur Prüfung musste, war sie erstens besorgt, weil beide, Onkel und Neffe, zum ersten Mal an einer Prüfung teilnahmen und sie bei dem Gedränge etwas zustoßen könnte; und zweitens, weil Schatzjade, seit der Mönch gegangen war, überhaupt nicht mehr aus dem Haus gegangen war — obwohl er fleißig lernte und zufrieden wirkte, hatte er sich allzu rasch und allzu gründlich geändert, was sie misstrauisch machte und sie einen neuen Vorfall befürchten ließ. Daher bestimmte sie am Tag vor der Prüfung einerseits Dufthauch mit den kleinen Mädchen und Suyun, alles für die beiden herzurichten, überprüfte selbst noch einmal alles und ließ es bereitlegen; andererseits ging sie mit Seidenweiß Pflaume zu Frau König und bat darum, einige erfahrene ältere Diener zusätzlich mitzuschicken — angeblich nur aus Angst vor dem Gedränge.

Am nächsten Tag legten Schatzjade und Orchidee Kaufmann[3] halbneue Kleidung an und traten fröhlich vor Frau König. Frau König ermahnte sie: „Ihr zwei geht zum ersten Mal zur Prüfung. Ihr habt euer ganzes Leben lang mich noch keinen einzigen Tag verlassen; selbst wenn ihr nicht bei mir wart, waren Mädchen und Frauen um euch herum — wann habt ihr je eine Nacht allein geschlafen? Heute geht jeder für sich hinein, einsam und verlassen, ohne einen Vertrauten. Ihr müsst auf euch selbst achtgeben. Schreibt eure Aufsätze schnell fertig, kommt heraus, sucht die Bediensteten und kehrt bald zurück, damit eure Mütter und Frauen sich keine Sorgen machen." Dabei wurde Frau König unweigerlich traurig. Orchidee Kaufmann antwortete auf jeden Satz.

Doch Schatzjade gab keinen Laut von sich. Als Frau König zu Ende gesprochen hatte, trat er vor, kniete vor ihr nieder, die Augen voller Tränen, verneigte sich dreimal bis zum Boden und sprach: „Die Mutter hat mich zur Welt gebracht und mein ganzes Leben lang für mich gesorgt; ich weiß nicht, wie ich es vergelten soll. Nur diese eine Prüfung — wenn ich mein Bestes gebe und als Graduierter bestehe, dann wird die gnädige Dame sich freuen, und die Angelegenheit meines ganzen Lebens wäre erledigt, und alles Schlechte meines ganzen Lebens wäre vergessen." Frau König wurde noch trauriger und sagte: „Wenn du solche Gesinnung hast, ist das natürlich gut. Nur schade, dass deine Großmutter es nicht mehr erleben kann." Dabei weinte sie und zog ihn zu sich. Doch Schatzjade blieb knien und wollte nicht aufstehen. Er sprach: „Ob die Großmutter es sieht oder nicht — sie weiß es und freut sich; da sie es weiß und sich freut, ist es, als sähe sie es, auch wenn sie es nicht sieht. Nur die leibliche Gestalt trennt uns, nicht der Geist!"

Seidenweiß Pflaume sah, wie Frau König und er sich so gebärdeten, und fürchtete einerseits, Schatzjades Krankheit könnte wieder ausbrechen, andererseits empfand sie die Szene als nicht sehr verheißungsvoll. Eilig trat sie hinzu und sagte: „Gnädige Dame, dies ist doch ein freudiger Anlass, warum so traurig? Bruder Schatzjade ist in letzter Zeit sehr verständig, sehr pietätvoll und studiert fleißig. Er braucht nur den Neffen mitzunehmen, gute Aufsätze zu schreiben und bald zurückzukommen; dann lässt er sie von unseren altbekannten Gelehrtenfreunden lesen, und wir warten, bis beide die Freudenbotschaft bringen — das ist alles." Zugleich ließ sie jemanden Schatzjade aufhelfen.

Doch Schatzjade drehte sich um und verbeugte sich vor Seidenweiß Pflaume: „Schwägerin, sei unbesorgt! Wir beide, Onkel und Neffe, werden gewiss bestehen. Und der kleine Orchidee wird es noch weit bringen — die Schwägerin wird noch die Phönixkrone tragen und den Scharlachumhang!" Seidenweiß Pflaume lachte: „Möge sich dein Wort bewahrheiten, das wäre nicht umsonst ..." An dieser Stelle brach sie ab, aus Furcht, Frau Königs Trauer erneut zu wecken. Schatzjade lächelte: „Wenn man nur einen guten Sohn hat, der das Erbe der Vorfahren fortführen kann, dann hat auch der ältere Bruder, selbst wenn er es nicht mehr sehen kann, seine Angelegenheit vollendet." Seidenweiß Pflaume sah, dass die Zeit drängte, und wollte nicht endlos mit ihm reden; sie nickte nur.

Schatzspange hatte all dies gehört und war bereits erstarrt. Diese Worte — nicht nur was Schatzjade sagte, klang schlecht, sondern auch was Frau König und Seidenweiß Pflaume sagten, war Wort für Wort ein böses Omen; doch sie wagte nicht, es ernst zu nehmen, und konnte nur die Tränen zurückhalten und schweigen. Da trat Schatzjade vor sie hin und verbeugte sich tief. Alle fanden sein Benehmen sonderbar, wussten nicht recht, was sie davon halten sollten, und wagten nicht zu lachen. Doch Schatzspanges Tränen strömten nur so herab, und alle waren betroffen. Dann hörten sie Schatzjade sagen: „Schwester, ich muss nun gehen. Bleibe wohl bei der gnädigen Dame und warte auf meine Freudenbotschaft." Schatzspange erwiderte: „Es ist Zeit, hör auf, solche langweiligen Reden zu führen." Schatzjade sagte: „Du treibst mich ja, aber ich weiß auch selbst, dass es Zeit ist zu gehen." Er blickte sich um und sah, dass alle anwesend waren, nur nicht Bedauerfrühling[4] und Purpurkuckuck[5]. Da sagte er: „Bestellt der Vierten Schwester und Schwester Purpurkuckuck meinen Gruß — die beiden werde ich auf jeden Fall wiedersehen."

Alle fanden seine Worte halb vernünftig, halb wahnsinnig. Da er noch nie von zu Hause fort gewesen war, meinten alle, es seien nur die Worte der gnädigen Dame gewesen, die ihn aufgewühlt hätten; man solle ihn lieber schnell verabschieden — dann sei die Sache erledigt. So sagten sie: „Draußen warten Leute auf dich, wenn du noch länger herumtrödlest, verpasst du die Zeit." Schatzjade warf den Kopf zurück und lachte laut: „Fort, fort! Kein Aufhebens mehr, alles ist getan!" Auch die anderen lachten: „Nun geh schon!" Nur Frau König und Schatzspange, Mutter und Schwiegertochter, standen da wie bei einem Abschied auf Leben und Tod; die Tränen flossen, keiner wusste woher, und sie wären beinahe in lautes Schluchzen ausgebrochen. Doch Schatzjade ging lachend und albern, in einem Zustand, der ganz dem Wahnsinn glich, und verließ das Haus. Es heißt:

Er schritt zum einzigartigen Ort von Ruhm und Ehren, Und schlug sich durch das Gitter des Käfigs als Erster hindurch.

Wir lassen Schatzjade und Orchidee Kaufmann zur Prüfung gehen. Kreis Kaufmann[6] aber sah, wie sie zur Prüfung aufbrachen, und kochte vor Neid und Hass. Er gebärdete sich als Herr des Hauses und sprach: „Jetzt kann ich Rache für meine Mutter nehmen! Kein Mann ist im Haus, die Erste Frau steht auf meiner Seite — wen sollte ich fürchten?" Er beschloss seinen Plan und lief zu Frau Strafe, machte seine Aufwartung und sagte einige schmeichlerische Worte. Frau Strafe war natürlich erfreut und sagte: „Du bist wirklich ein vernünftiger Junge! Bei Klugmädchens[7] Angelegenheit sollte eigentlich ich entscheiden. Dein Zweiter Bruder Kette[8] ist ein Dummkopf; anstatt die leibliche Großmutter zu bitten, wendet er sich an andere." Kreis Kaufmann erwiderte: „Von der anderen Seite heißt es: Man kennt nur dieses eine Haus; die Sache ist so gut wie abgemacht, und man wird der gnädigen Dame ein großes Geschenk schicken! Wenn die gnädige Dame jetzt einen Barbarenprinzen als Enkelschwiegersohn hat, braucht der Erste Herr sich um seinen hohen Posten keine Sorgen mehr zu machen. Ich will ja nicht die eigene gnädige Dame schlecht reden, aber die anderen haben, seit sie die Edle Gemahlin zur Schwester hatten, die Leute ganz schön herumgestoßen. Hoffentlich ist Klugmädchen nicht auch so undankbar — ich gehe sie mal fragen." Frau Strafe sagte: „Du solltest es ihr sagen, damit sie deine Güte erkennt. Selbst wenn ihr Vater zu Hause wäre, könnte er keine so gute Partie finden. Nur Friedchen[9], dieser Wirrkopf, sagt, die Sache sei nicht gut und die gnädige Dame sei auch dagegen. Vermutlich fürchtet sie, dass wir Erfolg haben. Wenn wir zögern und dein Zweiter Bruder zurückkommt und auf andere hört, geht alles schief."

Kreis Kaufmann sagte: „Die andere Seite hat alles geregelt, man wartet nur auf die Geburtsdaten der gnädigen Dame. Nach der Sitte des Fürstenhauses wird die Braut innerhalb von drei Tagen abgeholt. Aber eines fürchte ich — die gnädige Dame wird nicht einverstanden sein: Die andere Seite sagt, man dürfe nicht die Enkelin eines verurteilten Beamten heiraten, darum müsse sie still und heimlich abgeholt werden; wenn der Erste Herr erst begnadigt und wieder im Amt ist, könne man alles öffentlich feiern." Frau Strafe sagte: „Was soll daran nicht recht sein? Das entspricht doch dem Anstand." Kreis Kaufmann fuhr fort: „Wenn das so ist, dann braucht die gnädige Dame nur die Geburtsdaten herauszugeben." Frau Strafe erwiderte: „Was ist das für ein dummes Gerede? Hier drinnen sind nur Frauen, lass den Efeu-Jungen die Karte schreiben — das genügt." Kreis Kaufmann war hocherfreut, antwortete eilig und rannte hinaus, um es Efeu Kaufmann zu berichten, und zusammen mit König Ren[10] gingen sie zum Gästehaus des Barbarenfürsten, um den Vertrag aufzusetzen und das Silber zu wechseln.

Doch was sie eben besprochen hatten, war von einem Dienstmädchen der Frau Strafe mitangehört worden. Dieses Mädchen hatte seinen Posten durch Friedchens Fürsprache erhalten und rannte, sobald sich eine Gelegenheit bot, zu Friedchen und erzählte ihr alles haarklein. Friedchen wusste längst, dass die Sache nicht gut stand, und hatte Klugmädchen alles genau erklärt. Klugmädchen hatte die ganze Nacht geweint und darauf bestanden, ihres Vaters Rückkehr abzuwarten, um zu entscheiden; der Anweisung der Ersten Frau könne sie nicht folgen. Als sie nun diese Nachricht hörte, brach sie in lautes Weinen aus und wollte zur gnädigen Dame gehen und sich beschweren. Friedchen hielt sie eilig zurück: „Fräulein, wartet noch! Die Erste Frau ist Eure leibliche Großmutter; sie sagt, da der Zweite Herr nicht zu Hause ist, habe sie das Entscheidungsrecht. Dazu kommt der Onkel als Bürge. Die stecken alle unter einer Decke; das Fräulein allein kann sich nicht gegen sie durchsetzen. Ich bin schließlich nur eine Dienerin und habe nichts zu melden. Jetzt können wir nur einen Ausweg suchen und dürfen nichts Übereiltes tun." Das Dienstmädchen von Frau Strafes Seite sagte: „Überlegt euch schnell etwas, sonst wird sie bald abgeholt!" Damit ging sie.

Friedchen wandte sich um und sah Klugmädchen schluchzend zusammenbrechen. Sie stützte sie eilig und sagte: „Fräulein, Weinen nützt nichts. Euren Zweiten Vater können wir jetzt nicht erreichen. Nach dem, was die Leute sagen ..." Doch bevor sie den Satz beenden konnte, kam jemand von Frau Strafes Seite mit der Botschaft: „Dem Fräulein ist eine große Freude widerfahren! Friedchen soll die Aussteuer des Fräuleins zusammenpacken. Was die Mitgift betrifft, so heißt es: Die wird geregelt, wenn der Zweite Herr zurück ist."

Friedchen musste sich fügen und kam zurück. Da sah sie, dass auch Frau König herübergekommen war. Klugmädchen klammerte sich an sie, weinte und fiel ihr in die Arme. Frau König weinte ebenfalls: „Kind, sei nicht verzweifelt. Wegen dir habe ich mir von der Ersten Frau so vieles anhören müssen; es ist nicht zu ändern. Wir müssen zunächst zustimmen und die Sache hinauszögern; dann schicken wir sofort einen Boten zu deinem Vater." Friedchen sagte: „Weiß die gnädige Dame es noch nicht? Heute Morgen hat der Dritte Herr bei der Ersten Frau gesagt, nach der Sitte des Fürstenhauses werde die Braut in drei Tagen abgeholt. Die Erste Frau hat den Efeu-Jungen bereits die Karte mit Namen und Geburtsdaten schreiben lassen — können wir da noch auf den Zweiten Herrn warten?" Als Frau König hörte, dass es der Dritte war, verschlug es ihr vor Zorn die Sprache. Sie stand eine halbe Ewigkeit da und rief dann immer wieder nach Kreis Kaufmann. Man suchte ihn, aber der Diener meldete: „Heute Morgen ist er mit dem Rosenholz-Jungen und dem Onkel Wang ausgegangen." Frau König fragte: „Und der Efeu-Junge?" Niemand wusste es. In Klugmädchens Zimmer standen alle mit aufgerissenen Augen da, ratlos. Frau König konnte auch nicht mit Frau Strafe streiten; allen blieb nichts, als sich weinend in den Armen zu halten.

Mitten in dem Durcheinander kam eine Dienerin und meldete: „Am Hintertor sagt man, Oma Liu sei wieder da." Frau König erwiderte: „Unser Haus hat solches Unglück, wer hat Zeit für Besucher? Schickt sie irgendwie weg." Friedchen sagte: „Die gnädige Dame sollte sie hereinbitten lassen. Sie ist die Patentante des Fräuleins; wir müssen ihr davon erzählen." Frau König schwieg. Die Dienerin führte Oma Liu herein. Alle begrüßten sich. Oma Liu sah, dass alle rotgeränderte Augen hatten, und war verwirrt. Nach einer Weile fragte sie: „Was ist denn los? Die gnädige Dame und die Fräulein vermissen wohl die Zweite Nichte?" Als Klugmädchen die Erwähnung ihrer Mutter hörte, weinte sie noch heftiger.

Friedchen sagte: „Alte Liu, rede nicht drum herum. Da Ihr die Patentante des Fräuleins seid, müsst Ihr es wissen." Und sie erzählte ihr alles von Anfang bis Ende. Oma Liu war vor Schreck wie versteinert. Nach einer langen Weile lachte sie plötzlich: „Du bist doch ein so kluges Mädchen — hast du nie ein Trommellied gehört? Da gibt es doch genug Tricks! Was soll daran schwer sein?" Friedchen fragte hastig: „Alte Liu, wenn Ihr einen Ausweg wisst, so sagt ihn schnell!" Oma Liu erwiderte: „Was soll daran schwer sein? Ohne dass irgendjemand es merkt: einfach losrennen — und die Sache ist erledigt!" Friedchen sagte: „Das ist doch Unsinn! Leute aus einer Familie wie der unseren — wohin sollten wir gehen?" Oma Liu sagte: „Wenn ihr nur nicht geht, ist es freilich schlecht; aber wenn ihr geht, dann kommt zu uns aufs Land! Ich verstecke das Fräulein. Sofort lasse ich meinen Schwiegersohn Leute schicken, das Fräulein schreibt eigenhändig einen Brief, und wir bringen ihn schnurstracks zum Herrn Vater — wäre das nicht fein?" Friedchen fragte: „Und wenn die Erste Frau es erfährt?" Oma Liu antwortete: „Wissen sie denn, dass ich hier bin?" Friedchen erwiderte: „Die Erste Frau wohnt vorne; sie behandelt die Dienerschaft schlecht, und wenn es eine Neuigkeit gibt, bringt ihr niemand die Botschaft. Wärt Ihr durch das Vordertor gekommen, wüsste sie es; aber Ihr seid durch das Hintertor gekommen, also ist es kein Problem." Oma Liu sagte: „Dann machen wir einen Termin ab, und mein Schwiegersohn kommt mit dem Wagen, um sie abzuholen." Friedchen sagte: „Wie können wir noch einen Termin abwarten? Wartet hier." Sie eilte hinein und erzählte alles, was Oma Liu gesagt hatte, nur im Beisein der Vertrauten.

Frau König überlegte lange und fand es nicht ganz richtig. Friedchen sagte: „Es gibt keinen anderen Weg. Nur um der gnädigen Dame willen wage ich, offen zu sprechen. Die gnädige Dame tut einfach so, als wüsste sie von nichts, und fragt dann die Erste Frau. Wir schicken inzwischen sofort jemanden los; der Zweite Herr wird vermutlich bald zurück sein." Frau König schwieg und seufzte. Klugmädchen flehte: „Bitte rettet mich, gnädige Dame! Wenn der Vater zurückkommt, wird er nur dankbar sein." Friedchen sagte: „Zögert nicht, die gnädige Dame gehe zurück. Schickt nur jemanden, um das Zimmer zu bewachen." Frau König sagte: „Aber sorgt dafür, dass ihr Kleidung und Bettzeug mitnehmt!" Friedchen erwiderte: „Wir müssen schnell fort, sonst nützt es nichts! Wenn die anderen mit der fertigen Abmachung zurückkehren, gibt es eine Katastrophe." Dieses Wort brachte Frau König zur Besinnung: „Richtig! Beeilt euch, ich stehe hinter euch!"

Also ging Frau König zurück und suchte sogar selbst Frau Strafe auf, um sie mit Geplauder aufzuhalten. Friedchen schickte hier ihre Leute los und wies sie an: „Tut nicht heimlich — wenn jemand hereinkommt und es sieht, sagt einfach, es sei auf Anweisung der Ersten Frau, man brauche einen Wagen, um Oma Liu nach Hause zu bringen." Dann bestach sie die Wächter am Hintertor und ließ einen Wagen kommen. Friedchen verkleidete Klugmädchen als einfaches Mädchen, und in aller Eile fuhren sie los. Friedchen tat so, als begleite sie die Besucherin nur bis zum Tor, doch kaum sah niemand hin, stieg auch sie auf den Wagen.

Tatsächlich war das Hintertor des Kaufmann-Hauses in jenen Tagen zwar offen, aber nur ein, zwei Leute hielten Wache; die übrigen Bediensteten waren wegen des großen, fast leeren Hauses überall verstreut. Und da Frau Strafe die Dienerschaft ohnehin schlecht behandelte und alle Friedchens Güte kannten, hielten sie alle zusammen und ließen Klugmädchen entkommen. Frau Strafe plauderte noch immer mit Frau König und ahnte nichts.

Nur Frau König war höchst beunruhigt. Nach einer Weile des Plauderns ging sie leise zu Schatzspange und setzte sich, das Herz voller Sorge. Schatzspange bemerkte Frau Königs zerstreuten Blick und fragte: „Hat die gnädige Dame etwas auf dem Herzen?" Frau König erzählte ihr die ganze Geschichte im Vertrauen. Schatzspange sagte: „Das war knapp! Jetzt müssen wir schnellstens den Efeu-Jungen anweisen, die Sache drüben zu stoppen." Frau König sagte: „Ich kann den Kreislein ja nicht finden." Schatzspange erwiderte: „Die gnädige Dame muss so tun, als wüsste sie von nichts. Lasst mich jemanden finden, der die Erste Frau ins Bild setzt." Frau König nickte und überließ es Schatzspange, einen Boten zu finden. Davon sei zunächst nicht weiter die Rede.

Was den Barbarenfürsten betrifft: Er hatte nur einige Dienstmägde kaufen wollen. Da der Heiratsvermittler die Sache einseitig dargestellt hatte, schickte er jemanden zur Besichtigung. Als der Besichtiger zurückkehrte und dem Fürsten berichtete und dieser nach der Herkunft der Familie fragte, wagten die Leute nicht, es zu verheimlichen, und erzählten die Wahrheit. Der Barbarenfürst erschrak: „Das geht nicht! Das verstößt gegen die Gesetze! Um ein Haar hätten wir eine große Dummheit begangen. Außerdem ist meine Audienz beim Kaiser vorüber, und ich muss bald abreisen. Wenn jemand noch einmal mit solchen Vorschlägen kommt, werft ihn sofort hinaus!"

An diesem Tag kamen Efeu Kaufmann, König Ren und die anderen mit den Geburtsdaten zum Fürstenpalais. Doch die Leute am Tor riefen: „Auf Befehl des Fürsten: Wer es wagt, Mädchen aus dem Kaufmann-Haus als gewöhnliche Bürgertöchter auszugeben, wird festgenommen und bestraft! In diesen friedlichen Zeiten — wer wagt solche Frechheit!" Dieses Geschrei jagte König Ren und den anderen solchen Schrecken ein, dass sie Hals über Kopf hinausstürzten, die Schuld auf den Vermittler schoben und sich verdrossen zerstreuten.

Kreis Kaufmann wartete zu Hause auf Nachricht und hörte zugleich, dass Frau König nach ihm rufen ließ; er wurde nervös. Als Efeu Kaufmann allein zurückkam und ihm entgegenrannte, fragte er hastig: „Ist es abgemacht?" Efeu Kaufmann stampfte aufgeregt mit dem Fuß: „Alles verloren! Alles verloren! Irgendjemand hat es verraten!" Und er schilderte, wie sie abgewiesen worden waren. Kreis Kaufmann war vor Wut wie erstarrt: „Heute Morgen habe ich es bei der Ersten Frau so gut dargestellt — und was jetzt? Ihr alle habt mich reingelegt!"

Während er noch ratlos war, hörte man von drinnen Geschrei; jemand rief die Namen von Kreis Kaufmann und den anderen: „Die Erste und die Zweite Frau rufen euch!" Die beiden schlichen nur widerwillig hinein. Frau König empfing sie mit zornverzerrtem Gesicht: „Ihr habt feine Sachen angestellt! Jetzt habt ihr Klugmädchen und Friedchen in den Tod getrieben! Schafft mir augenblicklich die Leichen herbei!" Beide knieten nieder; Kreis Kaufmann wagte kein Wort. Efeu Kaufmann senkte den Kopf und sagte: „Der Enkel hat nichts getan; es war der Onkel Xing und der Onkel Wang, die als Heiratsvermittler für Cousine Klugmädchen auftreten wollten. Wir haben es den gnädigen Damen nur gemeldet. Die Erste Frau war einverstanden und ließ mich die Karte schreiben. Die andere Seite will sie nicht einmal haben — wie können wir da die Cousine in den Tod getrieben haben?" Frau König sagte: „Kreis Kaufmann hat der Ersten Frau erzählt, die Braut werde in drei Tagen abgeholt — sind das Sitten einer Heiratsvermittlung? Ich frage nicht weiter; gebt mir Klugmädchen zurück, und wenn der Herr zurückkommt, werden wir weiterreden." Frau Strafe konnte jetzt kein einziges Wort mehr sagen und vergoss nur Tränen. Frau König schimpfte Kreis Kaufmann: „Nebenfrau Zhao war ein solches Luder, und ihr Spross ist genauso verlottert!" Damit ließ sie sich von den Dienerinnen stützen und ging in ihr eigenes Zimmer zurück.

Kreis Kaufmann, Efeu Kaufmann und Frau Strafe schoben einander die Schuld zu. Efeu Kaufmann sagte: „Lass uns jetzt nicht streiten. Ich glaube kaum, dass sie wirklich tot sind; bestimmt hat Friedchen sie zu irgendeiner Verwandten gebracht. Klugmädchens Dienerinnen wissen, dass jeder sie hasst, und haben sie bestimmt versteckt — aber dieses Wort wagen wir vor Frau König nicht zu sagen." So suchten sie bei allen Verwandten, fanden aber keine Spur. Im Haus hatte Frau Strafe auf der einen Seite und Kreis Kaufmann und die anderen auf der anderen Seite Tag und Nacht keine Ruhe.

So kam der Tag, an dem die Prüfung endete. Frau König wartete nur darauf, dass Schatzjade und Orchidee Kaufmann zurückkehrten. Gegen Mittag waren sie noch nicht da; Frau König, Seidenweiß Pflaume und Schatzspange gerieten in Sorge und schickten Leute zu ihrem Quartier, um Nachricht einzuholen. Die erste Gruppe ging und kam nicht zurück; dann schickten sie eine zweite Gruppe, die ebenfalls nicht wiederkam. Die drei Frauen waren wie in siedendem Öl.

Gegen Abend kam jemand herein — es war Orchidee Kaufmann. Alle freuten sich: „Wo ist der Zweite Onkel?" Orchidee Kaufmann machte sich nicht einmal die Mühe, alle zu begrüßen, und weinte: „Der Zweite Onkel ist verschwunden!" Als Frau König dies hörte, erstarrte sie eine halbe Ewigkeit, sagte kein Wort und fiel steif auf das Bett zurück. Zum Glück stützte Farbenglanz sie von hinten, und man rief sie unter großer Mühe ins Leben zurück. Weinend sah sie, dass auch Schatzspange nur starr vor sich hin blickte und Dufthauch und die anderen weinten, als wären sie zu Tränenfiguren geworden. Unter Tränen schalt sie Orchidee Kaufmann: „Du dummer Junge! Du warst doch mit dem Zweiten Onkel zusammen — wie kann er da verschwinden?" Orchidee Kaufmann erklärte: „Mein Onkel und ich haben im Quartier zusammen gegessen und geschlafen, in der Prüfungshalle saßen wir nicht weit auseinander, wir waren ständig beisammen. Heute Morgen hatte der Zweite Onkel seinen Aufsatz früh fertig und wartete auf mich. Wir zwei gaben unsere Aufsätze gleichzeitig ab und kamen zusammen heraus. Am Drachentor war ein Gedränge, und als ich mich umdrehte, war er weg. Unsere Leute, die uns abholten, fragten mich alle; Li Gui sagte noch: ‚Ich habe ihn gesehen, wir waren nur ein paar Schritte auseinander — wie kann er beim Gedränge verschwinden?' Sie sind nun in alle Richtungen ausgezogen, um ihn zu suchen. Auch ich habe mit meinen Leuten alle Prüfungszellen abgesucht — nichts! Darum bin ich erst jetzt zurück."

Frau König weinte so, dass sie kein Wort herausbrachte. Schatzspange ahnte bereits, was geschehen war. Dufthauch weinte ohne Unterlass. Rosenholz Kaufmann und die anderen warteten keine Anweisungen ab und schwärmten in alle Richtungen aus. Die Menschen im Haus Kaufmann-Ehren waren allesamt mehr tot als lebendig; das bereitete Festessen zur Feier der Prüfungsrückkehr blieb unberührt. Orchidee Kaufmann hatte seine Erschöpfung vergessen und wollte selbst noch einmal suchen gehen. Doch Frau König hielt ihn zurück: „Mein Kind, dein Onkel ist verschwunden — soll ich auch noch dich verlieren? Gutes Kind, geh und ruh dich aus." Doch Orchidee Kaufmann wollte nicht gehen, und Dame Sonders und die anderen mussten ihn lange bitten, bis er aufgab.

Unter allen war es nur Bedauerfrühling, die in ihrem Herzen verstand, was geschehen war, doch sie wagte es nicht auszusprechen. Sie fragte Schatzspange: „Hat der Zweite Bruder seinen Jade mitgenommen?" Schatzspange antwortete: „Das ist etwas, das er immer bei sich trägt — wie sollte er es nicht mitgenommen haben?" Bedauerfrühling hörte dies und schwieg.

Dufthauch erinnerte sich an jenen Tag, als sie um den Jade gekämpft hatte, und war sicher, dass der Mönch dahintersteckte. Ihr zartes Herz brach beinahe, die Tränen tropften wie Perlen, und sie schluchzte und wimmerte ohne Ende. Sie dachte an all die Jahre, wie Schatzjade sie behandelt hatte: „Manchmal, wenn ich ihn ärgerte, wurde er böse, aber er hatte immer etwas an sich, das einen versöhnte; von seiner Zärtlichkeit und Fürsorge ganz zu schweigen. Und wenn ich ihn zu sehr reizte, schwor er, ein Mönch zu werden — wer hätte gedacht, dass sich dieses Wort heute bewahrheiten würde!"

Wir verlassen Dufthauchs bittere Gedanken. Es war bereits die vierte Nachtwache, und noch immer gab es keine Nachricht. Seidenweiß Pflaume fürchtete, Frau König würde vor Kummer zusammenbrechen, und drang darauf, dass sie in ihr Zimmer zurückkehre. Alle begleiteten sie; nur Frau Strafe ging für sich nach Hause. Kreis Kaufmann traute sich nicht heraus. Frau König schickte Orchidee Kaufmann fort. Eine schlaflose Nacht folgte.

Am nächsten Morgen kamen zwar Diener zurück, doch alle sagten: „Wir haben überall gesucht, aber keine Spur gefunden." Daraufhin kamen Frau Xue, Xue Ke, Xiang-Flusswolke Geschichte, Kostbarzither Schnee, die Schwägerin Li und andere nacheinander, um sich zu erkundigen.

So vergingen mehrere Tage. Frau König weinte, bis sie nicht mehr essen konnte und dem Tode nahe war. Da meldete ein Diener: „Von der Küste ist jemand eingetroffen, der sagt, er komme im Auftrag des Oberkommandierenden der Seeverteidigung, und unsere Dritte Nichte werde morgen in die Hauptstadt zurückkehren." Als Frau König hörte, dass Frühlingserforscherin[11] zurückkehre, konnte das zwar den Kummer um Schatzjade nicht lindern, doch ihr Herz beruhigte sich ein wenig.

Am nächsten Tag kehrte Frühlingserforscherin tatsächlich zurück. Alle empfingen sie schon von weitem. Sie war noch schöner geworden als zuvor, in leuchtenden, prächtigen Gewändern. Als sie Frau Königs abgezehrtes Gesicht sah und die geschwollenen Augen und geröteten Wangen der anderen, brach sie in heftiges Weinen aus. Nachdem sie eine Weile geweint hatte, wurden die Begrüßungen vollzogen. Als sie Bedauerfrühling in ihrer Nonnentracht sah, war sie tief betroffen. Dann erfuhr sie von Schatzjades Verschwinden und all den unglücklichen Ereignissen im Haus, und alle weinten erneut. Zum Glück war Frühlingserforscherin redegewandt und von klarem Verstand; mit ruhigen Worten tröstete sie alle eine ganze Weile, und Frau König und die anderen fühlten sich ein wenig besser.

Am nächsten Tag kam auch ihr Schwiegersohn und erfuhr von den Vorfällen; er ließ Frühlingserforscherin zur Aufmunterung bei der Familie bleiben. Die Dienerinnen und Frauen, die mit Frühlingserforscherin gekommen waren, gesellten sich zu den Schwestern, und alle erzählten einander, was in der Zwischenzeit geschehen war. Von da an warteten alle im Haus, Tag und Nacht, ausschließlich auf Nachricht von Schatzjade.

In jener Nacht, kurz nach der fünften Nachtwache, kamen einige Diener zum Zweiten Tor und überbrachten Freudenrufe. Einige kleine Mädchen liefen aufgeregt herein, ohne den älteren Dienerinnen Bescheid zu geben, stürzten ins Zimmer und riefen: „Gnädige Dame, gnädige Herrinen — große Freude!" Frau König glaubte, Schatzjade sei gefunden worden, stand freudig auf und rief: „Wo habt ihr ihn gefunden? Schnell, bringt ihn herein!" Die Leute antworteten: „Er hat den siebten Platz bei der Provinzialprüfung belegt!" Frau König fragte: „Und wo ist Schatzjade?" Die Diener schwiegen. Frau König setzte sich wieder hin. Frühlingserforscherin fragte: „Wer hat den siebten Platz belegt?" Der Diener antwortete: „Der Zweite Herr Schatzjade."

Noch während sie sprachen, wurde draußen gerufen: „Auch der junge Herr Orchidee hat bestanden!" Der Diener rannte hinaus, nahm die offizielle Ergebnisliste in Empfang und berichtete: Orchidee Kaufmann hatte den hundertdreißigsten Platz belegt. Seidenweiß Pflaume war innerlich natürlich erfreut, aber da Schatzjade verschwunden war, wagte sie es nicht, ihre Freude zu zeigen. Frau König war ebenfalls froh über Orchidee Kaufmanns Erfolg, dachte aber nur: „Wenn Schatzjade auch zurückkäme, was wäre das für eine Freude für uns alle!" Nur Schatzspange empfand tiefe Trauer und wagte doch nicht, ihre Tränen fließen zu lassen.

Alle gratulierten und sagten: „Da Schatzjade das Glück hatte zu bestehen, wird er gewiss nicht verloren gehen. In ein, zwei Tagen wird er bestimmt gefunden." Frau König und die anderen fanden das einleuchtend und zeigten ein zaghaftes Lächeln. Die Anwesenden nutzten die Gelegenheit und drängten Frau König und die anderen, etwas zu essen. Da hörte man von jenseits des Dritten Tors den Diener Peitschenruß laut rufen: „Unser Zweiter Herr hat die Provinzialprüfung bestanden — den verliert man nicht!" Die Leute fragten: „Wie kommst du darauf?" Peitschenruß erwiderte: „‚Ein einziger Erfolg, und die ganze Welt kennt seinen Namen!' Wohin der Zweite Herr jetzt auch geht — überall wird man ihn kennen. Wer würde es wagen, ihn nicht zurückzubringen?" Die Leute drinnen sagten alle: „Dieser Bursche hat zwar keine Manieren, aber sein Wort ist nicht falsch."

Bedauerfrühling sagte: „Ein Erwachsener geht doch nicht einfach verloren! Ich fürchte, er hat die Welt durchschaut und ist ins Kloster gegangen — dann wird es schwer, ihn zu finden." Dieses Wort ließ Frau König und die anderen erneut in lautes Weinen ausbrechen. Seidenweiß Pflaume sagte: „Seit alters haben viele, die Buddha wurden oder heilige Patriarchen oder Unsterbliche, Rang und Reichtum hinter sich gelassen — davon gibt es viele Beispiele." Frau König weinte: „Wenn er Vater und Mutter verlässt, so ist das Pietätlosigkeit — wie kann er da Buddha werden oder ein heiliger Patriarch?" Frühlingserforscherin sagte: „Im Allgemeinen soll ein Mensch nichts Außergewöhnliches an sich haben. Der Zweite Bruder kam mit einem Jadestein in der Hand zur Welt, und alle hielten es für ein gutes Zeichen; aber so betrachtet war es gerade dieser Stein, der Unglück brachte. Wenn er in den nächsten Tagen nicht gefunden wird — ich sage es nicht, um die gnädige Dame zu kränken, aber es muss einen Grund geben. Man sollte es so nehmen, als wäre dieser Bruder nie geboren worden. Wenn er wirklich einen höheren Ursprung hat und die wahre Frucht erlangt, so ist das die Tugend vieler Generationen der gnädigen Dame." Schatzspange hörte zu und sagte nichts. Dufthauch konnte es nicht ertragen; ein stechender Schmerz durchfuhr ihr Herz, Schwindel überfiel sie, und sie fiel um. Frau König empfand Mitleid und ließ sie in ihr Zimmer bringen.

Kreis Kaufmann sah, wie Bruder und Neffe bestanden hatten, und schämte sich wegen der Sache mit Klugmädchen; er gab Rosenholz Kaufmann und Efeu Kaufmann die Schuld. Er wusste, dass Frühlingserforscherin zurückgekehrt war und die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen würde, wagte aber auch nicht, sich zu verstecken; so saß er tagelang wie auf Dornen und Nadeln.

Am nächsten Tag musste Orchidee Kaufmann zuerst zur Dankesaudienz gehen. Er erfuhr, dass auch Zhen Schatzjade[12] bestanden hatte, und sie begrüßten einander als Mitbewerber desselben Jahrgangs. Als die Rede auf Schatzjades Verschwinden kam, seufzte Zhen Schatzjade und sprach ihm Trost zu. Der Prüfungsvorsitzende legte die Aufsätze der Erfolgreichen dem Thron vor. Der Erhabene las jeden einzelnen und fand sie alle ausgewogen und klar. Als er sah, dass der Siebtplatzierte Schatzjade Kaufmann aus Jinling stammte und der Hundertdreißigste ebenfalls ein Kaufmann-Orchidee aus Jinling war, ließ er durch kaiserlichen Erlass nachfragen: „Sind diese beiden Kaufmanns aus Jinling Angehörige der Edlen Gemahlin Kaufmann?" Ein Minister nahm den Befehl entgegen und rief Schatzjade Kaufmann und Orchidee Kaufmann zur Befragung. Orchidee Kaufmann berichtete von Schatzjades Verschwinden nach der Prüfung und legte die drei Generationen seiner Herkunft dar. Der Minister trug alles dem Thron vor. Der Erhabene war höchst weise und gütig; er gedachte der Verdienste des Hauses Kaufmann und ließ durch einen Minister Nachforschungen anstellen. Der Minister legte alles ausführlich dar. Der Erhabene empfand tiefes Mitgefühl und befahl, die Akten über Ehrgeiz Kaufmann' Vergehen vorzulegen. Dann sah der Erhabene einen Bericht über die „Befriedung der Seeräuber und Angelegenheiten nach dem Sieg an der Küste", in dem von „Frieden an den Meeren und auf den Flüssen, Freude des Volkes" berichtet wurde. Der Erhabene war hocherfreut, befahl den Neun Ministern, Verdienste aufzulisten und Belohnungen vorzuschlagen, und erließ eine allgemeine Amnestie. Orchidee Kaufmann und die anderen verließen nach der Audienz den Hof, besuchten ihre Prüfungsmeister und hörten von der bevorstehenden Amnestie. Er berichtete alles Frau König und den anderen. Die ganze Familie zeigte eine gewisse Heiterkeit und hoffte nur auf Schatzjades Rückkehr. Frau Xue war besonders erfreut und wollte sogleich die Losskaufung ihres Sohnes in die Wege leiten.

Eines Tages wurde gemeldet, der alte Herr Zhen und der Dritte Schwiegersohn seien zum Gratulieren gekommen. Frau König ließ Orchidee Kaufmann sie empfangen. Bald darauf kam Orchidee Kaufmann strahlend zurück und berichtete: „Große Freude, gnädige Damen! Der alte Herr Zhen hat bei Hof erfahren, dass ein kaiserlicher Erlass ergangen ist: Der Erste Großvater ist begnadigt; dem Herrn Juwel[13] ist nicht nur verziehen worden, er hat auch den Dritten Erbrang des Hauses Kaufmann-Frieden übernommen. Das Erbe des Hauses Kaufmann-Ehren hat weiterhin der Großvater inne; nach Ende der Trauerzeit wird er wieder zum Beamten im Bauministerium ernannt. Das gesamte beschlagnahmte Vermögen wird vollständig zurückgegeben. Die Aufsätze des Zweiten Onkels haben dem Erhabenen sehr gefallen; als er erfuhr, dass er der Bruder der Edlen Gemahlin war, hat der Fürst des Nördlichen Friedens zudem seine Tugend gerühmt, und der Erhabene hat befohlen, ihn in Audienz zu empfangen. Die Minister haben vorgetragen: ‚Laut seines Neffen Orchidee Kaufmann ist er nach der Prüfung verschwunden; man sucht ihn überall.' Der Erhabene hat einen Erlass an die fünf Garderegimenter und alle Behörden erlassen, ihn sorgfältig zu suchen. Bei solcher kaiserlicher Gnade wird man ihn gewiss finden." Frau König und die anderen begannen nun endlich, sich zu beglückwünschen und sich zu freuen.

Nur Kreis Kaufmann und die anderen waren in Angst und suchten überall nach Klugmädchen. Doch Klugmädchen war mit der alten Liu und Friedchen aus der Stadt gefahren und auf dem Bauernhof angekommen. Oma Liu wagte es nicht, Klugmädchen respektlos zu behandeln; sie ließ das beste Zimmer reinigen und bot es Klugmädchen und Friedchen als Unterkunft an. Die tägliche Kost war zwar einfach und ländlich, aber sauber; und Blaukind leistete ihr Gesellschaft. Vorübergehend beruhigte sich das Gemüt.

Auf dem Land gab es einige wohlhabende Familien, die erfuhren, dass bei der alten Liu ein Fräulein aus dem Kaufmann-Haus zu Gast war, und alle kamen, um sie zu sehen. Alle sagten, sie sei eine Himmelsfee. Einige brachten Gemüse und Obst, andere Wildbret — es ging recht lebhaft zu. Unter ihnen gab es eine besonders reiche Familie namens Zhou mit riesigem Vermögen und tausend Morgen fruchtbaren Landes. Sie hatten nur einen Sohn, fein gebildet und von angenehmem Aussehen, vierzehn Jahre alt. Seine Eltern hatten ihm einen Hauslehrer bestellt; kürzlich hatte er bei der Vorprüfung den Titel eines Xiucai erlangt. An jenem Tag sah seine Mutter Klugmädchen und war hingerissen; sie dachte: „Wir sind Bauersleute — wie könnten wir um ein Fräulein aus einem solchen Haus werben?" Sie stand nur da und grübelte. Oma Liu erkannte ihre Gedanken sofort und sagte: „Ich weiß, was du denkst; ich vermittle die Ehe für euch." Frau Zhou lachte: „Mach mich nicht zum Narren! Solche Leute — würden sie ihr Kind einer Bauernfamilie geben?" Oma Liu antwortete: „Wart nur ab!" Und so gingen die beiden auseinander.

Oma Liu dachte an die Familie Kaufmann und schickte Brettchen in die Stadt. An jenem Tag kam er in die Kaufmann-Ehren-Straße, und dort standen viele Kutschen und Sänften. Brettchen erkundigte sich in der Nachbarschaft; man sagte ihm: „Die Häuser Kaufmann-Frieden und Kaufmann-Ehren sind wieder im Amt, das beschlagnahmte Vermögen ist zurückgegeben — das Haus kommt wieder zu Ehren. Nur ihr Schatzjade hat die Prüfung bestanden und ist dann irgendwohin verschwunden." Brettchen war froh und wollte schon umkehren, da kamen noch einige Reiter an und stiegen vor dem Tor ab. Der Pförtner verbeugte sich: „Der Zweite Herr ist zurück! Große Freude! Wie geht es dem Ersten Herrn?" Der Ankömmling lachte: „Besser; dazu kam noch der kaiserliche Gnadenakt, und er wird bald zurückkehren." Er fragte: „Und was tun all diese Leute hier?" Der Pförtner antwortete: „Der Kaiser hat Beamte geschickt, um den Erlass zur Rückgabe des Vermögens zu überbringen." Der Herr ging fröhlich hinein. Brettchen schloss, dass es Kette Kaufmann sein musste, erkundigte sich nicht weiter und eilte nach Hause, um seiner Großmutter zu berichten.

Oma Liu hörte es, freute sich über beide Ohren und ging zu Klugmädchen, um ihr zu gratulieren. Sie erzählte alles, was Brettchen berichtet hatte. Friedchen sagte lachend: „Zum Glück hat die Alte Liu so gehandelt! Sonst hätte das Fräulein diese guten Zeiten nie erlebt." Klugmädchen freute sich noch mehr.

Gerade als sie noch sprachen, kam auch der Bote zurück, der Kette Kaufmann die Nachricht gebracht hatte: „Der Herr Vater ist überaus dankbar. Er sagt, sobald ich zu Hause bin, soll ich das Fräulein sofort zurückschicken. Und er hat mir noch einige Tael Silber geschenkt." Oma Liu war hocherfreut und ließ zwei Wagen anspannen. Sie bat Klugmädchen und Friedchen aufzusteigen. Klugmädchen, die sich bei der alten Liu schon wie zu Hause fühlte, konnte sich kaum trennen; und Blaukind weinte und wollte sie am liebsten dabehalten. Oma Liu sah, wie schwer ihnen der Abschied fiel, und ließ Blaukind mit in die Stadt fahren, geradewegs zum Kaufmann-Ehren-Haus.

Kette Kaufmann hatte zuvor erfahren, dass Ehrgeiz Kaufmann[14] schwer erkrankt war, und war eilig an den Verbannungsort gereist. Vater und Sohn hatten sich unter Tränen wiedergesehen, und Ehrgeiz Kaufmann erholte sich allmählich. Kette Kaufmann empfing den Familienbrief, erfuhr von den Vorgängen zu Hause, berichtete Ehrgeiz Kaufmann und machte sich auf den Rückweg. Unterwegs erfuhr er von der Amnestie, reiste noch zwei Tage schneller und kam heute an — gerade als der kaiserliche Erlass zur Rückgabe des Vermögens eintraf. Drinnen war Frau Strafe schon in Sorge gewesen, weil niemand da war, den Erlass entgegenzunehmen; obwohl Orchidee Kaufmann da war, war er noch zu jung. Als gemeldet wurde, der Zweite Herr Kette sei zurück, begrüßten sich alle unter Tränen und Freude. Man hatte keine Zeit für Gespräche; sofort ging er in den Vorsaal und kniete vor dem kaiserlichen Abgesandten nieder. Der kaiserliche Beauftragte erkundigte sich nach dem Befinden des Vaters und sagte: „Morgen ist das Vermögen beim Kaiserlichen Amt abzuholen; das Haus Kaufmann-Frieden wird zum Bewohnen übergeben." Alle erhoben sich und verabschiedeten die Abgesandten.

Kette Kaufmann begleitete sie hinaus und sah einige Landwagen, deren Weiterfahrt die Diener behinderten. Kette Kaufmann wusste sofort, dass es Klugmädchens Wagen waren. Er schimpfte die Diener: „Ihr Bande von dämlichen Schildkrötenbrut! Sobald ich nicht zu Hause bin, hintergeht und verfolgt ihr die Herrin und treibt das Fräulein zur Flucht; und jetzt, wo man sie zurückbringt, wollt ihr sie aufhalten — habt ihr etwa etwas gegen mich?" Die Diener hatten Kette Kaufmanns Rückkehr gefürchtet und gedacht, es werde noch etwas dauern; nun sprach er schon so deutlich, und sie verstanden nichts mehr. Sie standen da und sagten: „Seit der Zweite Herr fort war, waren die Kranken krank, die Beurlaubten beurlaubt — alles wurde vom Dritten Herrn, dem Rosenholz-Herrn und dem Efeu-Herrn bestimmt; mit uns hat das nichts zu tun." Kette Kaufmann rief: „Was für ein Gesindel! Wenn ich mit meinen Geschäften fertig bin, rede ich noch mit euch! Lasst die Wagen sofort herein!"

Kette Kaufmann ging hinein, sah Frau Strafe und sagte kein Wort. Dann ging er zu Frau König, kniete nieder, verbeugte sich und berichtete: „Das Fräulein ist zurück, alles dank der gnädigen Dame. Was den Bruder Kreis betrifft — darüber brauche ich kein Wort zu verlieren. Nur dieser Efeu-Bursche — schon beim letzten Mal, als er das Haus hütete, hat er Unruhe gestiftet; jetzt war ich nur ein paar Monate fort, und schon treibt er es so weit. Ich melde der gnädigen Dame: Solch einen Menschen kann man hinauswerfen und den Umgang mit ihm abbrechen!" Frau König sagte: „König Ren, dieses niederträchtige Gewächs! Warum ist der auch so verdorben?" Kette Kaufmann antwortete: „Darüber braucht sich die gnädige Dame keine Gedanken zu machen, das regele ich."

Gerade als sie sprachen, meldete Farbenglanz: „Das Fräulein ist da!" So traf Klugmädchen Frau König wieder; obwohl die Trennung nicht lang gewesen war, überkam sie bei der Erinnerung an die Flucht tiefe Rührung und Tränen. Auch Klugmädchen weinte bitterlich. Kette Kaufmann trat herbei und dankte der alten Liu. Frau König zog sie zum Sitzen heran und erzählte von den Ereignissen jenes Tages. Kette Kaufmann sah Friedchen, konnte vor den anderen nichts sagen, doch sein Herz war voller Dankbarkeit, und die Tränen kamen ihm. Von da an achtete er Friedchen noch mehr und beschloss, bei Ehrgeiz Kaufmann' Rückkehr Friedchen zur rechtmäßigen Gattin zu erheben. Doch dies gehört in eine spätere Erzählung.

Frau Strafe fürchtete, Kette Kaufmann würde, wenn er Klugmädchen nicht finde, eine Szene machen; als sie hörte, dass er bei Frau König war, wurde ihre Angst noch größer. Sie schickte ein Mädchen, um zu horchen. Die kam zurück und berichtete, Klugmädchen sei zusammen mit der alten Liu dort und plaudere. Frau Strafe erwachte wie aus einem Traum: Sie wusste nun, dass die anderen es eingefädelt hatten, und beschuldigte Frau König: „Sie hat Mutter und Sohn gegeneinander aufgehetzt! Wer hat bloß Friedchen die Nachricht gesteckt?" Gerade als sie so fragte, kamen Klugmädchen und Oma Liu mit Friedchen herein, und Frau König folgte ihnen. Man schob alle Schuld auf Efeu Kaufmann und König Ren und sagte: „Die Erste Frau hat nur das gehört, was die Leute erzählten, und meinte, es sei eine gute Sache — wie hätte sie die Machenschaften der Leute draußen kennen sollen?" Als Frau Strafe dies hörte, schämte sie sich. Da sie einsah, dass Frau Königs Handeln richtig gewesen war, gab sie ihr in ihrem Herzen recht. So fanden die beiden Damen Xing und Wang zueinander und beruhigten sich.

Friedchen verabschiedete sich von Frau König, nahm Klugmädchen mit und ging zu Schatzspange, um sich zu erkundigen. Jede erzählte von ihren eigenen Nöten. Dann sagte jemand: „Dank der kaiserlichen Gnade wird unser Haus wieder aufblühen. Der Zweite Herr Schatzjade wird bestimmt zurückkehren." Gerade als diese Worte fielen, kam Herbstgaze[15] in heller Aufregung hereingerannt und rief: „Dufthauch geht es schlecht!"

Was geschehen war, davon erzählt das nächste Kapitel.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 莺儿 Yīng'ér, wörtl. „Goldamsel". Schatzspanges Kammerzofe.
  2. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  3. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.
  4. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  5. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  6. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
  7. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  8. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  9. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  10. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  11. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Frühlings-Erkunderin". Dritte Tochter von Aufrecht Kaufmann.
  12. Chin. 甄宝玉 Zhēn Bǎoyù, wörtl. „Wahrer Kostbare Jade". Schatzjades Doppelgänger aus der Familie Echt.
  13. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.
  14. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè, wörtl. „Begnadigung Kaufmann". Älterer Bruder von Aufrecht Kaufmann.
  15. Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.