Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 7"

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Kapitel 7
<div style="background-color: #8b1a1a; color: white; padding: 12px 15px; margin: 0 0 20px 0; border-radius: 4px; font-size: 1.1em;">
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Beim Überbringen der Palastblumen vergnügt sich Kette Kaufmann [贾琏] mit Phönixglanz [熙凤]
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_2|<span style="color: #FFD700;">2</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_3|<span style="color: #FFD700;">3</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_4|<span style="color: #FFD700;">4</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_5|<span style="color: #FFD700;">5</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_6|<span style="color: #FFD700;">6</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''7'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_8|<span style="color: #FFD700;">8</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_9|<span style="color: #FFD700;">9</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_10|<span style="color: #FFD700;">10</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">[21-30]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Beim Festmahl im Stillfriede-Anwesen trifft Schatzjade [宝玉] auf Liebglocke Anmutig Minne<ref>Chin. 秦钟 Qín Zhōng. 钟 zhōng „Glocke“. Der Name klingt wie 情种 qíngzhǒng „Liebessame“.Chin. 秦钟 Qín Zhōng, wörtl. „Anmutig Minne-Glocke" Jüngerer Bruder von Anmutig Anmutig Minne.</ref>
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_7|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_7|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 7 =
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Dem Kapitel vorangestellt:
== 送宫花贾琏戏熙凤 ==
 
=== 宴宁府宝玉会秦钟 ===
 
  
Nachdem Dschou Juees Frau Oma Liu hinausbegleitet hatte, wollte sie Dame Wang Bericht erstatten gehen. Wider Erwarten war aber Dame Wang nicht in ihren Räumen, und von den Sklavenmädchen erfuhr Dschou Juees Frau, sie sei zu Tante Hsüä gegangen, um mit ihr zu plaudern. Also ging Dschou Juees Frau durch das östliche Seitentor hinaus und über das Ostgehöft zum Birnendufthof. Als sie hier durch das Hoftor trat, sah sie auf dem Aufgang zur Plattform Djin-tschuan, das Sklavenmädchen von Dame Wang, mit einem Mädchen spielen, das eben erst sein Haar wachsen ließ.
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    Zwölf Blumengesichter, die frischesten von allen —
Als Djin-tschuan Dschou Juees Frau erblickte, wußte sie, daß diese der Herrin etwas zu berichten hatte, und wies mit dem Kinn zur Tür. Leise hob Dschou Juees Frau den Türvorhang auf und ging hinein. Dort fand sie Dame Wang in ein Gespräch über Familienangelegenheiten und alle möglichen Leute vertieft. Da sie hierbei nicht zu stören wagte, ging sie in den Innenraum weiter, wo Bau-tschai in Alltagskleidung, das Haar zu einem lockeren Knoten geschlungen, auf dem Ofenbett saß und sich über ein flaches Tischchen beugte, um mit dem Sklavenmädchen Ying-örl zusammen Stickmuster abzuzeichnen.
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    Wer weiß, wer die Blumen hütet?
Als sie Dschou Juees Frau hereinkommen sah, legte Bau-tschai den Pinsel weg, wandte sich zu ihr um und forderte sie mit strahlendem Lächeln auf: „Setz dich, Schwester Dschou!“
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    Wenn man bei der Begegnung nach dem Namen fragt:
Dschou Juees Frau verzog das Gesicht rasch ebenfalls zu einem Lächeln und fragte: „Wie geht es Euch, Fräulein?“ Sie nahm auf dem Rand des Ofenbetts Platz, dann fuhr sie fort: „Ich habe Euch schon zwei oder drei Tage nicht drüben bei uns gesehen, Fräulein. Hat etwa Bau-yü Euch gekränkt?“ –
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    Am Südufer des Yangtze daheim, vom Geschlecht der Anmutig Minne.
„Aber woher denn!“ entgegnete Bau-tschai lächelnd, „es ist nur, weil meine Krankheit mich wieder quält. Deshalb bin ich die letzten beiden Tage nicht aus dem Haus gegangen.“ –
 
„Da habt Ihr ganz recht getan“, sagte Dschou Juees Frau. „Aber was fehlt Euch eigentlich, Fräulein? Ihr solltet rechtzeitig einen Arzt kommen lassen, damit er Euch schön ein Rezept zusammenstellt, und dann das Medikament gewissenhaft einnehmen, um so das Übel an der Wurzel zu packen. Mit einer Krankheit, die man sich in jungen Jahren zuzieht, ist nicht zu spaßen.“ –
 
„Hör mir auf mit Medikamenten!“ erwiderte Bau-tschai lächelnd, „wegen dieser Krankheit haben wir schon wer weiß wieviel Silber für Ärzte und Medikamente verschleudert. Aber kein noch so berühmter Arzt und kein noch so wundertätiges Mittel haben auch nur das mindeste geholfen. Dann sind wir durch Zufall an einen kahlköpfigen Mönch geraten, der sagte, daß er speziell unbekannte Krankheiten kuriere.
 
Ich ließ mich von ihm untersuchen, und er erklärte, es sei eine Vergiftung durch hitziges Blut, die ich von Geburt an hätte. Da ich aber von Natur aus kräftig sei, habe sie nicht viel zu besagen. Doch mit gewöhnlichen Mitteln sei mir nicht zu helfen. Darum gab er mir das Rezept eines Wundermittels und als Zusatz ein Päckchen mit einem Pulver, das einen ganz eigenartigen Wohlgeruch hat. Wer weiß, woher es stammt!
 
Er sagte, wenn die Krankheit ausbräche, genüge es, eine Kugel von seinem Wundermittel zu nehmen, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Das Merkwürdige ist, wenn ich das Mittel nehme, zeigt sich tatsächlich einige Wirkung.“ –
 
„Und was ist das für ein Wundermittel?“ fragte Dschou Juees Frau. „Sagt es mir, Fräulein! Ich will es mir merken und auch an andere weitergeben. So vollbringt man ein gutes Werk, wenn noch jemand Eure Krankheit bekommt.“
 
Bau-tschai lächelte wieder, als sie die Bitte hörte, dann sagte sie: „Das beste ist schon, man kommt ohne dieses Mittel aus. Denn wenn man es braucht, kann es einen wirklich um den Verstand bringen. Die Zutaten halten sich alle in Grenzen, die Schwierigkeit liegt darin, daß sie genau zum rechten Zeitpunkt beschafft werden müssen.
 
Man braucht zwölf Liang weiße Päonienblüten aus dem Frühjahr, zwölf Liang weiße Lotosblüten aus dem Sommer, zwölf Liang weiße Hibiskusblüten aus dem Herbst und zwölf Liang weiße Aprikosenblüten aus dem Winter. Diese viererlei Blütenblätter muß man im folgenden Jahr am Tage des Frühlingsanfangs trocknen, mit dem Pulver mischen und dann fein zerreiben. Dann braucht man zwölf Tjiän Regenwasser vom Tage ‚Regenwasser‘...“ –
 
„Ach, du meine Güte!“ fiel ihr Dschou Juees Frau ins Wort. „Auf diese Art braucht man ja drei Jahre. Und was macht man, wenn es zu ‚Regenwasser‘ nicht regnet?“ –
 
„Das sage ich ja“, nahm wieder Bau-tschai das Wort, „wann gibt es schon so einen pünktlichen Regen! Wenn es nicht regnet, muß man eben noch warten.
 
Dann braucht man zwölf Tjiän Tau vom Tage ‚Weißer Tau‘, zwölf Tjiän Reif vom Tage ‚Reiffall‘ und zwölf Tjiän Schnee vom Tage ‚Kleiner Schnee‘. Diese viererlei Wasser muß man mischen und auf das Pulver gießen. Dann gibt man noch zwölf Tjiän Bienenhonig und zwölf Tjiän Weißzucker dazu und formt Kugeln, so groß wie Longanen , daraus, die man in einen alten Porzellankrug tut.
 
Den Krug muß man unter den Wurzeln eines Blütenstrauches vergraben, und wenn die Krankheit ausbricht, gräbt man ihn aus und nimmt eine Kugel ein. Dazu trinkt man einen Aufguß von zwölf Fën Korkbaumrinde.“
 
„Buddha Amitabha!“ sagte Dschou Juees Frau lächelnd, „darüber kann man ja wirklich den Verstand verlieren! Man wartet vielleicht zehn Jahre, ohne daß alles so günstig zusammentrifft.“
 
„Wir hatten Glück“, sagte Bau-tschai, „ein, zwei Jahre, nachdem uns der Mönch das Rezept gegeben hatte, war alles richtig beisammen, und wir konnten gerade eine Portion Kugeln daraus zubereiten. Wir haben sie aus dem Süden hier in den Norden mitgebracht, und jetzt liegen sie unter einem der Birnbäume vergraben.“
 
„Haben die Kugeln auch einen Namen?“ erkundigte sich Dschou Juees Frau weiter.
 
„Ja“, sagte Bau-tschai, „den hat uns der grindköpfige Mönch auch gesagt. Sie heißen Kugeln des Kalten Duftes.“
 
Dschou Juees Frau nickte, dann fragte sie: „Was spürt Ihr eigentlich, wenn Ihr diese Krankheit bekommt?“
 
„Gar nichts Besonderes“, gab Bau-tschai zur Antwort, „nur Atembeschwerden und ein bißchen Husten. Aber wenn ich eine von den Kugeln nehme, wird mir besser.“
 
Als Dschou Juees Frau sich eben noch weiter erkundigen wollte, hörte sie plötzlich Dame Wang fragen: „Wer ist denn dort mit im Zimmer?“
 
Sofort ging Dschou Juees Frau hinaus, um ihr zu antworten, und berichtete bei dieser Gelegenheit gleich über die Sache mit Oma Liu. Dann wartete sie einen Augenblick, und als Dame Wang nichts weiter sagte, wollte sie sich wieder zurückziehen. Da sagte Tante Hsüä plötzlich mit einem Lächeln: „Warte noch! Ich habe etwas, was du mitnehmen kannst.“ Dann rief sie: „Hsiang-ling!“
 
Man hörte den Türvorhang klappern, und herein kam das kleine Sklavenmädchen, das eben mit Djin-tschuan gespielt hatte. „Was befehlt Ihr, Herrin?“ fragte sie.
 
„Bring die Blumen in der Schachtel her!“ sagte Tante Hsüä. Hsiang-ling bestätigte den Auftrag und brachte ihr eine brokatbezogene Schachtel.
 
„Das sind zwölf Blumen, die im Kaiserpalast auf eine neuartige Weise aus Seidengaze gefertigt worden sind“, erläuterte Tante Hsüä. „Sie sind mir gestern wieder eingefallen, und es ist schade, wenn sie hier unnütz herumliegen. Warum sollen nicht die jungen Fräulein sie tragen? Ich wollte sie schon gestern hinüberbringen lassen, aber dann habe ich es wieder vergessen. Jetzt trifft es sich gut, daß du hier bist. Du kannst sie mitnehmen. Je ein Paar ist für die drei Töchter des Hauses, von den übrigen sechs bekommt zwei Fräulein Lin, und die anderen vier gibst du Djia Liäns Frau.“
 
„Behalt sie doch, damit Bau-tschai sie trägt“, schlug Dame Wang vor. „Warum denkst du immer nur an die andern?“
 
„Du weißt ja nicht, wie sonderbar das Mädchen ist“, sagte Tante Hsüä. „Sie hat sich nie etwas aus solchen Blumen oder aus Puder gemacht.“
 
Als sie das gesagt hatte, nahm Dschou Juees Frau die Schachtel und ging zur Tür hinaus. Draußen stieß sie wieder auf Djin-tschuan, die sich jetzt sonnte, und fragte sie: „Diese kleine Hsiang-ling ist doch das Mädchen, von dem so viel die Rede war, weil es gekauft wurde, kurz bevor die Familie Hsüä in die Hauptstadt aufbrach, und wegen dessen es dann zu dem Mordprozeß gekommen ist, nicht wahr?“
 
„Ja, das ist sie“, bestätigte Djin-tschuan eben, als auch Hsiang-ling selbst mit lächelnder Miene aus dem Haus trat. Dschou Juees Frau faßte sie bei der Hand und musterte sie eine Zeitlang aufmerksam, um dann lächelnd zu Djin-tschuan zu sagen: „Sie sieht gut aus. Und ähnelt sie nicht in ihrer Art der Frau von unserem jungen Herrn Djia Jung im Ostanwesen?“
 
„Das habe ich auch schon gesagt“, pflichtete Djin-tschuan ihr bei.
 
Dann wandte sich Dschou Juees Frau mit ihren Fragen an Hsiang-ling. „Wie alt warst du, als man dich hierher gegeben hat? Wo leben deine Eltern? Wie alt bist du jetzt? An welchem Ort warst du zu Hause?“ wollte sie wissen.
 
Aber Hsiang-ling schüttelte zu allem nur den Kopf und sagte: „Ich kann mich nicht mehr erinnern.“ Als Dschou Juees Frau und Djin-tschuan das hörten, seufzten sie mitfühlend und waren ein Weilchen bekümmert.
 
Bald darauf stand Dschou Juees Frau mit der Blumenschachtel in der Hand vor dem Anbau an der Rückseite von Dame Wangs Wohngebäude. Vor kurzem hatte nämlich die Herzoginmutter erklärt, angesichts so vieler Enkeltöchter sei es unbequem, wenn sich alle an einer Stelle zusammendrängen müßten, und hatte nur Bau-yü und Dai-yü bei sich behalten, um an ihnen Zerstreuung zu haben. Ying-tschun, Hsi-tschun und Tan-tschun aber hatte sie in einen kleinen Anbau von drei Säulenzwischenräumen Breite hinter dem Gebäude, in dem Dame Wang wohnte, umquartiert und Li Wan beauftragt, ihnen Gesellschaft zu leisten und sich um sie zu kümmern. Deshalb ging Dschou Juees Frau zuerst hierher, weil es am Wege lag.
 
Als sie in den Anbau trat, erblickte sie mehrere kleine Sklavenmädchen, die sich in Erwartung von Befehlen im Vorraum aufhielten. Ying-tschuns Sklavenmädchen Sï-tji und Tan-tschuns Sklavenmädchen Dai-schu kamen eben mit Teeschalen in der Hand aus dem Innenraum, woraus Dschou Juees Frau schloß, die Fräulein müßten alle im Zimmer zusammensitzen. Also trat sie dort ein, fand aber nur Ying-tschun und Tan-tschun, die am Fenster beim Schachspiel saßen. Dschou Juees Frau reichte ihnen die Blumen und erklärte, was es damit auf sich hatte. Rasch unterbrachen die beiden ihr Spiel, bedankten sich mit einer Verbeugung und sagten, sie solle die Blumen ihren Sklavenmädchen geben.
 
Dschou Juees Frau sagte: „Jawohl!“ Dann fragte sie: „Das vierte gnädige Fräulein ist ja nicht hier, sie ist wohl bei der alten gnädigen Frau?“
 
„Drüben im anderen Zimmer ist sie doch“, erklärten ihr die Sklavenmädchen, und so ging sie in den anderen Innenraum hinüber, wo sie Hsi-tschun dabei traf, wie sie sich mit der kleinen Nonne Dschï-nëng aus dem Wassermondkloster zusammen die Zeit vertrieb.
 
Als Hsi-tschun Dschou Juees Frau hereinkommen sah, fragte sie, was sie wolle, also öffnete diese die Schachtel mit den Blumen und berichtete, worum es ging.
 
Lachend sagte Hsi-tschun: „Gerade habe ich hier mit Dschï-nëng besprochen, daß ich mir morgen den Kopf scheren lasse und ebenfalls Nonne werde, da bringst du mir Blumen. Wie soll ich sie mir ins Haar stecken, wenn ich mich scheren lasse?“ Alle machten ein Weilchen ihre Späße darüber, dann befahl Hsi-tschun ihrem Sklavenmädchen Ju-hua, die Blumen in Verwahrung zu nehmen.
 
Nun wandte sich Dschou Juees Frau an Dschï-nëng und fragte: „Seit wann bist du hier? Und wo steckt deine Äbtissin, diese kahlköpfige Hure?“
 
„Wir sind schon seit dem frühen Morgen hier“, gab Dschï-nëng Auskunft. „Meine Äbtissin war bei der gnädigen Frau, dann ist sie in das Anwesen des alten Herrn Yü gegangen und hat mir aufgetragen, hier auf sie zu warten.“
 
„Habt ihr am fünfzehnten die monatliche Spende und das Silber für das Weihrauchopfer bekommen?“ fragte Dschou Juees Frau weiter.
 
Dschï-nëng schüttelte den Kopf und sagte: „Das weiß ich nicht.“
 
„Wer verwaltet jetzt das monatliche Spendensilber für die einzelnen Tempel?“ erkundigte sich Hsi-tschun bei Dschou Juees Frau, als sie deren Frage gehört hatte.
 
„Dafür ist Yü Hsin zuständig“, antwortete Dschou Juees Frau.
 
„Drum auch!“ lachte Hsi-tschun, „kaum daß die Äbtissin hier war, kam Yü Hsins Frau gelaufen und hat wer weiß wie lange mit ihr getuschelt. Sicher war davon die Rede.“
 
Dschou Juees Frau schwatzte noch eine Weile mit Dschï-nëng, dann ging sie weiter zu Hsi-fëng. Als sie den Durchgang zwischen den Mauern passiert hatte und an Li Wans Hinterfenstern vorbeikam, sah sie durch die Glasscheiben, daß Li Wan schräg auf dem Ofenbett lag und schlief. Dann ging sie weiter durch das Seitentor in der verzierten Westmauer und kam in den Hof von Hsi-fëngs Anwesen.
 
Als sie in das Hauptgebäude trat, fand sie das Sklavenmädchen Fëng-örl auf der Türschwelle von Hsi-fëngs Zimmer sitzen. Und kaum daß sie sie hereinkommen sah, machte sie ihr Zeichen mit der Hand, sie solle ins Ostzimmer gehen. Dschou Juees Frau verstand den Wink und schlich auf leisen Sohlen ins Ostzimmer. Hier war eben eine Amme damit beschäftigt, Hsi-fëngs Tochter Da-djiä in den Schlaf zu tätscheln.
 
„Die Herrin hält wohl ihren Mittagsschlaf?“ fragte Dschou Juees Frau leise und setzte hinzu: „Dann muß ich bitten, daß sie geweckt wird.“
 
Aber die Amme schüttelte den Kopf. Im selben Moment tönte ein Lachen herüber, es war die Stimme von Djia Liän. Dann klappte drüben die Tür, und Ping-örl kam mit einer großen Messingschüssel heraus und befahl Fëng-örl, Wasser zu holen und es hineinzubringen. Nun kam Ping-örl ins Ostzimmer herüber, und kaum daß sie Dschou Juees Frau erblickte, fragte sie: „Wie kommst du schon wieder hierher, alte Dame?“
 
Rasch stand Dschou Juees Frau auf, gab Ping-örl die Schachtel und erklärte ihr die Sache mit den Blumen. Ping-örl klappte die Schachtel auf, nahm vier Blumen heraus und ging davon. Ein paar Minuten später kam sie mit zwei von den Blumen zurück, rief nach Tsai-ming und trug ihr auf: „Bring sie hinüber ins andere Anwesen! Die Frau des jungen Herrn Jung soll sie tragen.“ Anschließend befahl sie Dschou Juees Frau, sie solle gehen und Hsi- fëngs Dank für die Blumen ausrichten.
 
  
Aus: Chengjiaben 1791.
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Nachdem Frau Zhou Oma Liu verabschiedet hatte, ging sie hinauf, um Dame König Bericht zu erstatten. Dame König war jedoch nicht in ihren Gemächern — die Dienerinnen sagten, sie sei bei Tante Schnee<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee", Mutter von Schatzspange und Schwester von Dame König.</ref> [薛姨妈] zum Plaudern hinübergegangen. Frau Zhou machte sich also zum Birnenduft-Hof auf. Am Eingang sah sie die Dienerin Goldarmreif<ref>Chin. 金钗 Jīn Chuàn. 金 jīn „Gold“; 钗 chuàn „Armreif“.</ref><ref>Chin. 金钏儿 Jīn Chuàn'ér, wörtl. „Goldenes Armband".</ref> [金钏儿], die mit einem kleinen Mädchen auf den Stufen spielte. Als Goldarmreif Frau Zhou kommen sah, deutete sie mit dem Kinn nach innen. Frau Zhou schob leise den Vorhang beiseite und sah Dame König und Tante Schnee in ein langes Gespräch über Familienangelegenheiten und gesellschaftliche Beziehungen vertieft.
Jetzt erst begab sich Dschou Juees Frau zu den Räumen der Herzoginmutter. Als sie eben in die Durchgangshalle trat, kam ihr plötzlich ihre Tochter entgegen, die sorgfältig gekleidet und geputzt aus dem Hause ihrer Schwiegereltern hierher gekommen war. „Was machst du hier?“ fragte Dschou Juees Frau sofort.
 
„Wie geht es Euch?“ fragte die Tochter lächelnd und erklärte dann: „Ich habe die ganze Zeit bei Euch in der Wohnung gewartet, aber Ihr seid nicht gekommen. Was habt Ihr denn für dringende Besorgungen, daß Ihr nicht nach Hause kommt? Dann hatte ich das Warten satt, bin herübergekommen und habe der alten gnädigen Frau meine Aufwartung gemacht. Jetzt wollte ich noch der gnädigen Frau meinen Gruß entbieten. Was habt Ihr noch zu erledigen, und was tragt Ihr da in der Hand?“
 
„Ach“, sagte Dschou Juees Frau lächelnd. „Ausgerechnet heute mußte so eine Oma Liu kommen, und obwohl ich selber genug zu tun hatte, mußte ich den halben Tag mit ihr herumlaufen. Dann bin ich noch der gnädigen Frau Tante in den Weg gelaufen und muß jetzt für die Fräulein und die junge gnädige Frau diese Blumen austragen. Damit bin ich noch nicht fertig. Aber du hast doch bestimmt etwas auf dem Herzen!“
 
„Ihr habt wirklich einen guten Riecher, Mutter!“ sagte die Tochter lächelnd. „Die Sache ist die, daß Euer Schwiegersohn neulich ein paar Becher Wein zuviel getrunken hatte und mit jemandem Streit bekam. Der hat dann einfach das Gerücht aufgebracht, er habe eine zweifelhafte Vergangenheit, und hat ihn beim Amt angezeigt. Jetzt will man ihn zwangsweise in seinen Heimatort abschieben. Darum möchte ich mit Euch beraten, wen man um Hilfe angehen kann, damit die Sache geregelt wird.“
 
„Gut, ich weiß nun Bescheid“, sagte Dschou Juees Frau, als ihre Tochter zu Ende erzählt hatte. „Aber was ist das schon großartig für ein Problem? Geh zu uns nach Hause und warte dort! Ich bringe nur noch diese Blumen zu Fräulein Lin, und dann komme ich. Die gnädige Frau und die junge gnädige Frau haben jetzt beide keine Zeit. Also geh und warte auf mich! Was ist schon weiter dabei? Warum bist du so ungeduldig?“
 
Als die Tochter das gehört hatte, machte sie wirklich kehrt, bat aber noch: „Beeilt Euch auf jeden Fall, Mutter!“
 
„Ja doch“, sagte Dschou Juees Frau. „Du bist ein junges Ding und hast noch nichts durchgemacht, darum bist du so aufgeregt.“
 
Nach diesen Worten ging sie in Dai-yüs Zimmer, wo sie diese jedoch nicht fand. Sie war bei Bau-yü, wo sich alle damit vergnügten, die Neun Verbundenen Ringe zu entwirren. Als Dschou Juees Frau hier eintrat, sagte sie lächelnd: „Fräulein Lin, die gnädige Frau Tante hat mir aufgetragen, Euch diese Blumen zu bringen.
 
„Was für Blumen?“ fragte Bau-yü sofort, als er das gehört hatte. „Gib sie mir!“ Und schon streckte er die Hand aus und nahm Dschou Juees Frau die Schachtel ab. Als er sie aufmachte, sah er, daß es neuartige Gazeblumen aus dem Kaiserpalast waren.
 
Dai-yü warf nur einen kurzen Blick auf die Blumen, als Bau-yü sie in der Hand hielt, dann fragte sie: „Bekomme nur ich allein welche oder die anderen Fräulein auch?“
 
„Jede hat welche bekommen“, antwortete Dschou Juees Frau. „Diese beiden sind für Euch.“
 
Dai-yü lachte verächtlich auf und sagte dann: „Ich verstehe. Aber die Reste, die den anderen nicht gut genug waren, will ich auch nicht.
 
Dschou Juees Frau wußte kein Wort darauf zu erwidern.
 
„Warum warst du drüben, Schwester Dschou?“ erkundigte sich Bau-.
 
„Die gnädige Frau ist drüben, und weil ich ihr etwas zu berichten hatte, bin ich hinübergegangen“, erklärte ihm Dschou Juees Frau. „Bei der Gelegenheit hat mir die gnädige Frau Tante die Blumen mitgegeben.
 
„Was macht Kusine Bau-tschai zu Hause? Warum ist sie in den letzten Tagen nicht hier gewesen?“ fragte Bau-yü weiter.
 
„Sie fühlt sich nicht recht wohl“, gab Dschou Juees Frau Auskunft.
 
Als Bau-yü das hörte, wandte er sich an die Sklavenmädchen und fragte: „Wer von euch geht hinüber, um nach ihr zu sehen? Ihr sagt, Fräulein Lin und ich schicken euch, um der gnädigen Frau Tante und der Kusine einen Gruß zu bestellen und um zu fragen, an welcher Krankheit die Kusine leidet und welche Medikamente sie einnimmt. Dann sagt ihr noch, eigentlich müßte ich selber kommen, aber ich sei eben erst vom Unterricht zurück und sei auch etwas erkältet. Ein andermal käme ich selbst, um nach ihr zu sehen.
 
Tjiän-hsüä sagte, sie werde gehen, und jetzt ging auch Dschou Juees Frau ihrer Wege.
 
Dschou Juees Schwiegersohn war niemand anders als Djia Yü-tsuns Freund Lëng Dsï-hsing. Er war unlängst durch seinen Antiquitätenhandel mit jemandem in einen Rechtsstreit verwickelt worden und hatte deswegen seine Frau ins Jung-guo-Anwesen geschickt, um dort Protektion zu suchen. Dschou Juees Frau verließ sich ganz auf die Macht ihrer Herrschaft und nahm sich solche Dinge durchaus nicht zu Herzen. Sie bat nur am Abend Hsi-fëng um Hilfe, und damit war der Fall schon erledigt.
 
Als es Zeit war, die Lampen anzuzünden, ging Hsi-fëng, die bereits ihren Putz abgelegt hatte, zu Dame Wang und berichtete ihr: „Die Sachen, die heute von den Dschëns gekommen sind, habe ich einräumen lassen. Wollen wir unsere Geschenke für sie auf den Booten mitnehmen lassen, mit denen sie die frischen Eßwaren zum Jahreswechsel an den Kaiserhof gebracht haben?"
 
Als Dame Wang nickte, fuhr Hsi-fëng fort: „Die Geburtstagsgeschenke für die Mutter des Grafen Lin-an sind vorbereitet. Wen wollen wir damit hinschicken?“
 
„Sieh zu, wer frei ist“, sagte Dame Wang. „Wenn vier Frauen gehen, ist es genug. Warum machst du so ein Aufheben darum und fragst mich extra?“
 
Hsi-fëng lächelte nur und fuhr fort: „Die Frau von Vetter Dschën war hier und hat mich für morgen zu sich eingeladen. Zu tun ist doch morgen nichts, oder?“
 
„Was stört das schon, ob etwas zu tun ist oder nicht?“ fragte Dame Wang. „Sonst lädt sie uns immer mit ein, und du kannst dich nicht frei bewegen. Wenn sie diesmal dich allein einlädt, beweist das ihre ehrliche Absicht, dir einmal Zerstreuung zu verschaffen. Also enttäusche sie nicht und geh hin, auch wenn eigentlich etwas zu tun wäre!“
 
Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“ Und im selben Augenblick kam Li Wan mit Ying-tschun, Tan-tschun und den anderen Mädchen, um den Abendgruß zu entbieten. Dann ging jede in ihr Zimmer, und weiter ist davon nichts zu berichten.
 
Als Hsi-fëng sich am nächsten Tag frisiert und gewaschen hatte, meldete sie sich zuerst bei Dame Wang ab, dann ging sie sich von der Herzoginmutter verabschieden. Als Bau-yü hörte, was sie vorhatte, verlangte er, mitgehen zu dürfen, und Hsi-fëng blieb nichts weiter übrig, als zuzustimmen. Sie wartete, bis er sich umgezogen hatte, dann stiegen sie zu zweit in den Wagen und waren bald darauf im Ning-guo-Anwesen.
 
Dort warteten Djia Dschëns Gattin, Frau You, und ihre Schwiegertochter, Djia Jungs Gattin, Frau Tjin, schon mit einem ganzen Schwarm Nebenfrauen und Sklavinnen am Zeremonialtor. Kaum daß Frau You Hsi-fëng erblickt hatte, mußte sie sie zuerst ein Weilchen necken, wie es ihre Art war, dann nahm sie Bau-yü bei der Hand, und sie gingen zusammen in den Hauptraum des Wohnhauses, wo sie sich setzten.
 
Als Frau Tjin den Tee serviert hatte, sagte Hsi-fëng: „Warum habt ihr mich eingeladen? Wenn ihr etwas Schönes für mich habt, dann nur schnell her damit, ich habe noch andere Dinge zu erledigen!“
 
  
Die Frau You. Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Da Frau Zhou sie nicht stören wollte, ging sie ins Nebenzimmer. Dort saß Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange aus dem Hause Schnee".</ref> in Hauskleidung, die Haare lose zusammengesteckt, am Rand des Ofenbettes über einem kleinen Tisch gebeugt, zusammen mit ihrer Dienerin Yinger [莺儿] Stickmuster abzeichnend. Als Schatzspange [宝钗] sie eintreten sah, legte sie den Pinsel nieder, drehte sich lächelnd um und bot ihr Platz an. Frau Zhou setzte sich an den Bettrand und fragte: „In den letzten zwei, drei Tagen war das Fräulein nicht drüben — hat der junge Herr Schatzjade sie vielleicht verschnupft?" Schatzspange lachte: „Nein, ganz und gar nicht. Nur hat meine alte Krankheit wieder eingesetzt, daher bin ich in den letzten Tagen nicht ausgegangen." Frau Zhou fragte besorgt nach der Ursache und riet ihr, einen guten Arzt aufzusuchen.
Ehe Frau You und Frau Tjin antworten konnten, sagten die Nebenfrau­en schon: „Dann hättet Ihr nicht kommen dürfen! Nachdem Ihr einmal hier seid, geht es nicht mehr nach Euch!“
 
Während sie das sagten, kam Djia Jung herein, um die Gäste zu begrüßen. Dann erkundigte sich Bau-yü: „Ist Vetter Dschën heute nicht zu Hause?“
 
„Er ist vor die Stadt geritten, um dem alten Herrn seinen Gruß zu entbieten“, sagte Frau You. „Aber dir wird es mehr als langweilig sein. Warum willst du hier herumsitzen, anstatt ein bißchen spazierenzugehen?“
 
Da meldete sich Frau Tjin zu Wort und sagte lächelnd: „Heute trifft es sich gut, daß mein Bruder hier ist, den Onkel Bau-yü letztens sofort zu sehen ver­lang­te. Ich glaube, er ist in der Bibliothek. Warum sollte Onkel Bau-yü ihn nicht sehen gehen?“
 
Als Bau-yü das hörte, stieg er sofort vom Ofenbett und wollte hinübergehen, Frau You und Hsi-fëng aber sagten rasch: „Es muß jemand mitgehen und achtgeben, daß er ihn nicht kränkt. Es ist schließlich nicht dasselbe, als wenn er mit der alten gnädigen Frau hier wäre.“
 
Dann aber sagte Hsi-fëng: „Warum bitten wir den jungen Herrn Tjin nicht lieber her? Ich möchte ihn auch einmal sehen. Oder darf ich das nicht?“
 
„Schluß! Hör auf!“ sagte Frau You lachend. „Du brauchst ihn nicht zu sehen. Er kennt diesen rüden Ton nicht wie die Kinder in unserer Familie. Anderer Leute Kinder sind einen gesitteten Umgang gewöhnt. Wenn er plötzlich dich Hausteufel sieht, lacht er sich krank!“
 
„Alle andern Leute sind froh, wenn ich sie nicht auslache, und da soll ausgerechnet dieses Kind mich auslachen?“ fragte Hsi-fëng lächelnd.
 
„So ist das ja auch gar nicht“, sagte Djia Jung und lächelte ebenfalls. „Er ist von Natur aus schüchtern und hat noch nichts gesehen von der Welt. Ihr dürft ihm nicht böse sein, wenn Ihr ihn seht, Tante!“
 
„Wie er nun auch immer sein möge, ich will ihn sehen“, verlangte Hsi-fëng. „Also red keinen Blödsinn, sondern zeig ihn mir, sonst bekommst du ein paar ordentliche Maulschellen!“
 
„Ich wage mich nicht zu sträuben und bringe ihn her“, sagte Djia Jung lächelnd und ging jetzt wirklich hinaus, um dann mit einem Knaben zurückzukommen, der etwas schmächtiger war als Bau-yü. Er hatte ein hübsches Gesicht, das aussah wie geschminkt und gepudert, und eine anmutige Gestalt. Sein Benehmen war elegant, und darin schien er Bau-yü zu übertreffen. Nur war er scheu wie ein Mädchen. Schüchtern und befangen verbeugte er sich vor Hsi-fëng und begrüßte sie.
 
Hsi-fëng stieß Bau-yü an und bemerkte fröhlich: „Den Vergleich hältst du nicht aus.“ Dann beugte sie sich vor, faßte den Knaben bei der Hand und ließ ihn an ihrer Seite Platz nehmen. Behutsam fragte sie ihn nach seinem Alter, nach den Büchern, die er gelesen hatte, nach seinen Brüdern, nach seinem Schulnamen, und Tjin Dschung beantwortete eine Frage nach der anderen. Hsi-fëngs Sklavinnen hatten bemerkt, daß Hsi-fëng bei dieser ersten Begegnung mit Tjin Dschung kein Geschenk zur Hand hatte, darum waren sie rasch ins Jung-guo-Anwesen zurückgekehrt und hatten Ping-örl davon berichtet.
 
Ping-örl wußte, wie eng Hsi-fëng mit Frau Tjin befreundet war, darum durfte das Geschenk, auch wenn es für einen Knaben war, nicht zu kärglich sein. So entschied sie sich für eine Länge Brokat und zwei kleine Goldstücke mit der glückverheißenden Aufschrift ‚Als Bester aus der Palastprüfung hervorgehen‘ und übergab diese Dinge den Botinnen, damit sie sie ins Ning-guo-Anwesen hinübertrugen. Hsi-fëng sagte lächelnd, ihre Geschenke seien zu gering, und ähnliches mehr, Frau Tjin und die anderen bedankten sich. Nachdem sie ein Weilchen später gegessen hatten, spielten Frau You, Hsi-fëng und Frau Tjin Domino, aber davon soll nicht weiter die Rede sein.
 
Als Bau-yü gesehen hatte, wie sehr sich Tjin Dschung von der großen Masse unterschied, war ihm zumute, als ob er etwas verloren hätte. Nachdem er lange Zeit dumpf vor sich hingebrütet hatte, kamen ihm allerlei törichte Gedanken in den Sinn. „Daß es so etwas gibt auf der Welt!“ dachte er. „Ich komme mir jetzt vor wie ein schmieriges Schwein, wie ein räudiger Hund. Warum nur bin ich in einer Herzogsfamilie zur Welt gekommen? Wäre ich doch auch in der armen Familie eines kleinen Beamten geboren, dann hätte ich ihn schon längst kennenlernen können und hätte mein Leben nicht umsonst gelebt! Ich bin so viel vornehmer als er, und doch bin ich nur ein Holzklotz, den man in Gaze und bunte Seide wickelt, eine Jauchegrube, die man mit Wein und Lammfleisch füllt. Die Begriffe Reichtum und Vornehmheit werden durch mich beschmutzt und vergiftet.“
 
Als Tjin Dschung seinerseits sah, daß Bau-yü durch Ansehen und Betragen von der Menge abstach, daß er noch dazu goldenen Kopfschmuck und gestickte Kleidung trug und von stolzen Sklavenmädchen und übermütigen Sklavenjungen umgeben war, sagte er sich: ‚Kein Wunder, daß diesen Bau-yü jedermann liebt! Welch ein Jammer, daß ich ausgerechnet einer armen, ehrlichen Familie entstamme und nicht sein vertrauter Freund sein kann! Da sieht man, wie der Mensch durch die beiden Begriffe Armut und Dürftigkeit eingeschränkt wird.re ich doch auch in der armen Familie eines kleinen Beamten geboren, dann hätte ich ihn schon längst kennenlernen können und hätte mein Leben nicht umsonst gelebt! Ich bin so viel vornehmer als er, und doch bin ich nur ein Holzklotz, den man in Gaze und bunte Seide wickelt, eine Jauchegrube, die man mit Wein und Lammfleisch füllt. Die Begriffe Reichtum und Vornehmheit werden durch mich beschmutzt und vergiftet.“
 
Als Tjin Dschung seinerseits sah, daß Bau-yü durch Ansehen und Betragen von der Menge abstach, daß er noch dazu goldenen Kopfschmuck und gestickte Kleidung trug und von stolzen Sklavenmädchen und übermütigen Sklavenjungen umgeben war, sagte er sich: ‚Kein Wunder, daß diesen Bau-yü jedermann liebt! Welch ein Jammer, daß ich ausgerechnet einer armen, ehrlichen Familie entstamme und nicht sein vertrauter Freund sein kann! Da sieht man, wie der Mensch durch die beiden Begriffe Armut und Dürftigkeit eingeschränkt wird. Auch das ist eine der großen Unerfreulichkeiten dieser Welt!‘
 
So hingen sie beide gleichermaßen unsinnigen und verworrenen Gedanken nach.
 
Plötzlich fragte Bau-yü, welche Bücher Tjin Dschung lese. Tjin Dschung hörte, wie Bau-yü ihn ansprach, und antwortete wahrheitsgemäß. So gab ein Wort das andere, und als sie zehn Sätze miteinander gewechselt hatten, fühlten beide, wie sie vertraut miteinander wurden.
 
Als bald darauf Tee und Naschwerk aufgetragen wurden, sagte Bau-yü: „Wir beide trinken doch keinen Wein, also laßt uns die Sachen auf das kleine Ofenbett im Innenraum stellen, dann setzen wir uns dorthin und stören euch nicht.“
 
So gingen sie beide in den Innenraum und tranken dort ihren Tee. Frau Tjin setzte Hsi-fëng Wein und Näschereien vor, dann ging sie den beiden nach und bat Bau-yü: „Onkel Bau-yü! Wenn etwa Euer Neffe etwas Ungebührliches sagt, nehmt es ihm bitte mir zuliebe nicht übel! Er ist zwar scheu, aber es kommt vor, daß er eigensinnig und nicht eben folgsam ist.“
 
„Geh nur, ich weiß schon Bescheid“, sagte Bau-yü lächelnd. Aber Frau Tjin erteilte ihrem Bruder erst noch einige Ermahnungen, ehe sie wieder zu Hsi-fëng hinüberging, um ihr Gesellschaft zu leisten.
 
Ein Weilchen später schickten Hsi-fëng und Frau You jemanden hinüber, um Bau-yü zu fragen, was er essen wolle. Es sei alles da, er brauche nur etwas zu sagen. Bau-yü sagte zwar „Ja!“ dazu, aber ihm stand jetzt der Sinn nicht nach Essen, und er erkundigte sich bei Tjin Dschung nach dessen häuslichen Verhältnissen.
 
Daraufhin berichtete ihm Tjin Dschung: „Im letzten Jahr ist mein Lehrer an einer Krankheit gestorben. Mein Vater ist alt und von allerlei Übeln geplagt, außerdem sind seine Amtsgeschäfte zu zahlreich. So ist noch nicht die Rede davon gewesen, einen neuen Lehrer zu suchen. Zur Zeit frische ich zu Hause nur den alten Lehrstoff auf. Um weiterzulernen, brauche ich ein, zwei gute Freunde, die mir Gesellschaft leisten. Nur wenn man sich ständig über alles ausspricht, kann man vorankommen...“
 
Ohne das Ende seiner Rede abzuwarten, sagte Bau-yü: „Du hast Recht! Aber wir haben hier eine Familienschule, die jeder besuchen kann, der zur Sippe gehört, wenn er nicht in der Lage ist, einen Lehrer anzustellen. Unter den Jungen sind auch angeheiratete Verwandte, die mitlernen dürfen. Ich mache jetzt ebenfalls eine Zwangspause, seitdem mein Lehrer im vergangenen Jahr in seine Heimat zurückgekehrt ist.
 
Mein Vater möchte, daß ich einstweilen die Familienschule besuche, um die Texte zu wiederholen, die ich früher gelesen habe, und dann wieder allein zu Hause weiterlerne, wenn im nächsten Jahr ein neuer Lehrer gekommen ist. Aber meine Großmutter fand, es seien zu viele Jungen in der Schule und sie seien alle miteinander ungezogen, was nicht gut für mich wäre. Außerdem bin ich auch ein paar Tage krank gewesen, wodurch sich die Sache verzögert hat.
 
Wenn sich also dein Herr Vater Sorgen deswegen macht, warum willst du ihm dann nicht heute, wenn du nach Hause kommst, davon berichten und dann in unsere bescheidene Familienschule kommen? Ich würde dir Gesellschaft leisten, und wir hätten beide einen Nutzen davon. Wäre das nicht eine gute Sache?“
 
Lächelnd erwiderte Tjin Dschung: „Als mein Vater neulich davon sprach, einen neuen Hauslehrer zu suchen, hat er auch die hiesige Freischule erwähnt und gesagt, sie sei sehr gut. Eigentlich wollte er herkommen, um mit Herrn Djia Dschën darüber zu sprechen und mich für die Schule vorzuschlagen. Aber da hier alle viel zu tun haben, kann er schlecht jemanden wegen so einer Kleinigkeit belästigen.
 
Wenn Ihr Euch tatsächlich für mich einsetzt, Onkel Bau-yü, kann ich vielleicht die Tusche für Euch reiben und Euren Tuschereibstein waschen. Warum können wir das nicht schnell in Ordnung bringen? Dann brauchte keiner von uns das Lernen zu vernachlässigen, und wir könnten uns immer miteinander unterhalten. Unsere Eltern wären beruhigt, und wir könnten die Freuden der Freundschaft genießen. Wäre das nicht wirklich schön?“
 
„Keine Sorge, keine Sorge!“ sagte Bau-yü. „Wir sprechen mit deinem Schwager, mit deiner Schwester und mit Djia Liäns Frau. Wenn du heute nach Hause kommst, berichtest du deinem Herrn Vater davon, und ich berichte es meiner Großmutter. Dann gibt es keinen Grund mehr, warum die Sache nicht bald in Ordnung gehen sollte.“
 
Als sie so alles abgesprochen hatten, war es bereits Zeit, die Lampen anzuzünden. Sie gingen ins andere Zimmer hinüber und sahen beim Dominospiel zu. Als abgerechnet wurde, hatten Frau Tjin und Frau You wieder einmal verloren und mußten dafür eine Theatervorstellung mit Umtrunk ausrichten. Nachdem sie festgelegt hatten, die Vorstellung solle am übernächsten Tag stattfinden, befahlen sie, das Abendessen aufzutragen. Nach dem Essen war es bereits dunkel, und so sagte Frau You: „Zwei Diener sollen den jungen Herrn Tjin nach Hause begleiten!“
 
Einige Zeit, nachdem die Sklavenfrauen den Befehl nach draußen weitergegeben hatten, verabschiedete sich Tjin Dschung und stand auf. „Wer ist beauftragt mitzugehen?“ erkundigte sich Frau You, und die Sklavinnen meldeten ihr: „Die von draußen wollten Djiau Da schicken, aber er ist betrunken und hat wieder einmal geschimpft.“
 
„Warum mußten sie ausgerechnet ihn schicken?“ fragten Frau You und Frau Tjin. „All die jungen Diener werden in Ruhe gelassen, von denen braucht keiner zu gehen, nein, Djiau Da muß es sein, den sie wieder mal damit triezen.“
 
„Ich sage ja immer, ihr seid zu weich“, mischte Hsi-fëng sich ein. „Ist denn das die Möglichkeit? Wie kann man so viel Nachsicht mit dem Gesinde haben?“
 
„Du weißt wohl nicht, wer Djiau Da ist?“ fragte Frau You und seufzte. „Selbst der alte gnädige Herr macht ihm keine Vorschriften, und dein Schwager Dschën ebensowenig. Von klein auf hat er die gnädigen Ahnherren auf drei oder vier Feldzügen begleitet. Unsern gnädigen Ahn hat er auf seinem Rücken aus einem Leichenhaufen herausgetragen, und nachdem er ihm so das Leben gerettet hatte, hat er selbst gehungert, aber für seinen Herrn hat er etwas zu essen gestohlen. Als sie tagelang nichts getrunken hatten und er eine halbe Schale Wasser beschaffen konnte, hat er sie seinem Herrn gegeben, und er selber hat Pferdeharn getrunken.
 
Das sind die Verdienste, auf die er sich beruft, und solange der gnädige Ahnherr noch lebte, wurde auch Djiau Da mit besonderen Augen angesehen. Wer brächte es da heute fertig, ihm zu nahe zu treten! Jetzt ist er alt geworden und hat auch keinen Sinn mehr für Anstand. Er trinkt nur in einem fort, und wenn er betrunken ist, macht er mit seinem Geschimpfe vor niemand halt. Ich habe den Verantwortlichen immer wieder gesagt, sie sollten ihm keine Aufträge mehr geben und einfach so tun, als ob er gar nicht da wäre, und damit basta. Aber jetzt wollten sie ihn wieder losschicken.“
 
„Wie sollte ich Djiau Da nicht kennen!“ wehrte sich Hsi-fëng. „Aber ihr seid wirklich einfallslos. Wenn die Sache so ist, warum schickt ihr ihn nicht weit weg aufs Dorf? Damit wäre der Fall erledigt.“ Dann erkundigte sie sich: „Ist unser Wagen bereit?“
 
„Er ist bereit“, antworteten die zahlreichen Sklavinnen, die dabeistanden.
 
Hsi-fëng stand auf und verabschiedete sich. Dann ging sie mit Bau-yü an der Hand hinaus. Frau You und die anderen begleiteten sie bis zur Vorhalle, wo die Menge der Sklaven im hellen Licht der Laternen auf der Treppe der Plattform wartete.
 
Djiau Da nutzte die Abwesenheit von Djia Dschën – der aber, selbst wenn er zu Hause gewesen wäre, kaum etwas dagegen vermocht hätte – und ließ sich nach Herzenslust gehen. Zuerst beschimpfte er in seiner Trunkenheit den Hauptverwalter Lai Schëng und warf ihm vor, er sei ungerecht, bedrücke die Schwachen und fürchte die Starken.
 
  
Hauptverwalter Lai Schëng. Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Schatzspange lachte: „Ach, redet nicht vom Medizinnehmen! Für diese Krankheit haben wir schon unzählige Ärzte bezahlt — kein einziger Berühmter hat geholfen. Schließlich kam ein kahlköpfiger Mönch, der sagte, er heile namenlose Krankheiten. Er diagnostizierte ein angeborenes ‚Hitzegift' aus dem Mutterleib — zum Glück sei meine Konstitution robust. Gewöhnliche Medizin helfe nicht. Er verschrieb ein Rezept namens ‚Methode vom Meer' und gab ein Päckchen merkwürdig duftendes Pulver dazu. Er sagte, bei einem Anfall solle man eine Pille nehmen. Erstaunlicherweise wirkt seine Medizin tatsächlich."
„Wenn du einen guten Auftrag hast, schickst du die andern, aber wenn mitten in finstrer Nacht jemand zu begleiten ist, schickst du mich, du gemeiner Hurensohn!“ warf er ihm vor. „Hast du mal daran gedacht, du Idiot von Verwalter, daß du deinen Kopf nicht so hoch heben kannst wie ich meine Füße? Zwanzig Jahre lang hat sich Herr Djiau Da hier von niemand etwas sagen lassen müssen, von euch Bastarden und Hurensöhnen schon gar nicht!
 
Er war gerade im besten Schimpfen, als Djia Jung den Wagen mit Hsi-fëng hinausbegleitete, und obwohl ihm alle zuriefen, er solle still sein, hörte er nicht darauf. Djia Jung konnte nicht an sich halten und schrie ihn an, außerdem befahl er den Leuten, ihn zu binden. „Wenn er morgen wieder nüchtern ist, wollen wir ihn fragen, ob ihm immer noch danach ist, sich ins Verderben zu stürzen!“ sagte er.
 
Wer aber war in Djau Das Augen schon Djia Jung! Er begann erst recht zu krakeelen, lief hinter ihm her und schrie: „Spiel dich nicht vor Djiau Da als Herr auf, Söhnchen! Einer wie du will sich vor Djiau Da großtun? Sogar dein Vater würde das nicht wagen, nicht einmal dein Großvater. Was wäre denn heute mit Euren Beamtenrängen, Eurer Vornehmheit, Eurem Reichtum, wenn ich nicht gewesen wäre?!
 
Euer Ahnherr war es, der sein Leben riskiert hat, damit etwas wird aus der Familie, aber meine Verdienste sind mir bis heute noch nicht gelohnt worden. Statt dessen kehrt Ihr vor mir den Herrn heraus. Seid bloß still, sonst geht mein Messer blank rein und kommt rot wieder raus!“
 
Hier sagte Hsi-fëng aus dem Wagen heraus zu Djia Jung: „Wenn ihr diesen aufrührerischen Kerl nicht aufs Land schickt, tut er noch jemand etwas zuleide! Und wenn etwa Verwandte oder Freunde erfahren, wie er sich aufführt, werden sie uns dafür auslachen, daß bei Leuten wie uns weder Gesetz noch Anstand gelten!“
 
„Ganz recht!“ erwiderte Djia Jung.
 
Die Sklavenjungen sahen, daß Djiau Da sich zu unverschämt benahm, und so blieb ihnen keine andere Wahl, als mit ein paar Mann auf ihn loszugehen, ihn zu Boden zu werfen und in den Pferdestall zu schleppen. Aber das brachte Djiau Da nur noch mehr in Wut. Er ließ jetzt selbst Djia Dschën nicht mehr ungeschoren und zeterte wild: „Ich will in den Ahnentempel und meinen gnädigen Herrn beweinen! Der hätte sich auch nicht träumen lassen, daß es solches Viehzeug in seiner Familie geben würde, solche läufigen Hunde und geilen Hennen! Die einen kriechen in der Asche, die andern halten‘s mit ihren jüngeren Schwägern. Ich weiß alles! Aber wenn der Arm gebrochen ist, wird er im Ärmel versteckt.“
 
Als die Sklavenjungen diese haltlosen und respektlosen Anschuldigungen hörten, waren sie zu Tode erschrocken. Nun gab es für sie nur noch eins: Sie fesselten Djiau Da und stopften ihm den Mund voll Erde und Pferdemist.
 
Hsi-fëng und Djia Jung, die von weitem alles mit angehört hatten, gaben sich den Anschein, als hätten sie nichts gehört. Bau-yü aber hatte das Toben des Betrunkenen vom Wagen aus ganz amüsant gefunden und fragte jetzt Hsi-fëng: „Hast du gehört, wie er gesagt hat, die einen kriechen in der Asche? Was heißt das, ‚in der Asche kriechen‘?“
 
Sofort zog Hsi-fëng die Brauen steil zusammen und sagte böse: „Red nicht solchen Unsinn! Wie schamlos von dir, das Geschwafel eines Trunkenbolds nicht einfach zu überhören, sondern dich sogar noch genau danach zu erkundigen! Warte, wenn wir erst zu Hause sind und ich deiner Mutter davon berichte! Da wollen wir sehen, ob du nicht Prügel dafür bekommst!“
 
Erschrocken sagte Bau-yü sogleich: „Ich will es nie wieder tun!“
 
„So ist es recht!“ lobte Hsi-fëng. „Wenn wir zu Hause sind, sprichst du mit der Großmutter, damit sie dich mit deinem Neffen Tjin Dschung zusammen zur Schule schickt. Das ist wichtig.“
 
Als sie dies sagte, waren sie bereits im Jung-guo-Anwesen angelangt.
 
Wahrlich:
 
Ohne seine Schönheit hätte er nicht einen Freund gefunden,
 
nur seine Eleganz hat ihm den Weg zum Lernen geebnet.
 
  
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Frau Zhou fragte nach dem Rezept. Schatzspange lachte: „Die Zutaten selbst sind nicht schwer zu beschaffen — nur die ‚Zufälle' sind das Problem: Man braucht zwölf Liang [两] weiße Pfingstrosenblüten vom Frühling, zwölf Liang weiße Lotosblüten vom Sommer, zwölf Liang weiße Hibiskusblüten vom Herbst und zwölf Liang weiße Pflaumenblüten vom Winter. Diese vier Blütensorten trocknet man am Tagundnachtgleiche-Tag des folgenden Frühlings und mischt sie unter das Pulver. Dazu braucht man zwölf Qian [钱] Regenwasser vom Tag des ‚Regenwasser'-Sonnenwendepunkts [雨水] ..." Frau Zhou rief: „Ach du meine Güte! Das dauert ja drei Jahre! Und wenn es am Regenwasser-Tag gar nicht regnet?" Schatzspange lachte: „Eben! Wo gibt es solche Zufälle? Wenn es nicht regnet, muss man eben ein weiteres Jahr warten. Dazu braucht man zwölf Qian Tautropfen vom Tag des ‚Weißen Taus' [白露], zwölf Qian Reif vom Tag des ‚Reiffalls' [霜降] und zwölf Qian Schnee vom Tag des ‚Kleinen Schnees' [小雪]. Diese vier Wässer mischt man gleichmäßig unter die Arznei, fügt zwölf Qian Honig und zwölf Qian weißen Zucker hinzu, formt Pillen so groß wie Longanfrüchte und bewahrt sie in einem alten Porzellankrug auf, der unter Blumenwurzeln vergraben wird. Bei einem Anfall nimmt man eine Pille mit zwölf Teilen Huangbai-Absud [黄柏, Phellodendron] ein."
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Frau Zhou lachte: „Amitabha Buddha! Das ist ja ein Ding! In zehn Jahren trifft sich das vielleicht nicht einmal!" Schatzspange sagte: „Und doch — in ein, zwei Jahren nach seinem Besuch ergab sich tatsächlich alles wie von selbst. So konnte endlich eine Charge hergestellt werden. Sie ist aus dem Süden mitgebracht und liegt jetzt unter dem Birnbaum vergraben." Frau Zhou fragte: „Hat die Medizin einen Namen?" Schatzspange antwortete: „Ja — auch den hat der kahlköpfige Mönch gesagt: ‚Pille des Kalten Duftes' [冷香丸]." Frau Zhou fragte noch nach den Symptomen. Schatzspange sagte: „Es ist nicht schlimm — nur etwas Husten und Kurzatmigkeit. Eine Pille, und es wird besser."
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Frau Zhou wollte noch etwas sagen, als Dame König von nebenan rief: „Wer ist dort?" Frau Zhou eilte hinaus und antwortete, erstattete bei der Gelegenheit Bericht über den Besuch der alten Liu. Nach einer kurzen Pause, als Dame König nichts weiter sagte, wollte sie sich zurückziehen. Da rief Tante Schnee lachend: „Warte! Ich habe etwas, das du mitnehmen sollst." Sie rief nach Duftkastanie<ref>Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftende Lotosknolle", das geraubte Kind Zhen Wahrheitsverberger's.</ref> [香菱]. Man hörte den Vorhang rascheln, und das kleine Mädchen, das vorhin mit Goldarmreif gespielt hatte, kam herein und fragte: „Was wünscht die gnädige Frau?" Tante Schnee sagte: „Hol die Blumen aus dem Kästchen." Duftkastanie brachte ein kleines Brokatkästchen. Tante Schnee sagte: „Das sind zwölf Blumen aus dem Palast — ganz neue Mode, aus Gaze aufgetürmt. Gestern fiel mir ein, dass es schade wäre, sie einfach liegen zu lassen — warum nicht den Mädchen zum Tragen geben? Gestern wollte ich sie schicken und habe es dann vergessen. Gut, dass du heute da bist — nimm sie gleich mit. Für die drei jungen Damen in eurem Haus je ein Paar; von den restlichen sechs gib Kajaljade zwei, und die übrigen vier bekommt Phönixglanz." Dame König meinte: „Behalte sie doch für Schatzspange." Tante Schnee lachte: „Die Schwester kennt Schatzspange nicht — sie hat noch nie etwas für Blumen und Puder übrig gehabt."
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Frau Zhou nahm das Kästchen und ging hinaus. Vor der Tür saß Goldarmreif noch in der Sonne. Frau Zhou fragte sie: „Diese kleine Duftkastanie — ist das nicht die, die man immer erwähnt, die beim Aufbruch nach der Hauptstadt gekauft wurde und derentwegen der Mordprozess stattfand?" Goldarmreif bestätigte es. Da kam Duftkastanie lächelnd herbei. Frau Zhou nahm sie bei der Hand, betrachtete sie genau und sagte zu Goldarmreif: „Ein hübsches Ding! Sie hat tatsächlich Ähnlichkeit mit der jungen Frau Rong drüben im Ost-Haus." Goldarmreif stimmte zu. Frau Zhou fragte Duftkastanie nach ihrem Alter, ihren Eltern, ihrer Herkunft — doch Duftkastanie schüttelte bei jeder Frage den Kopf: „Ich erinnere mich nicht." Frau Zhou und Goldarmreif seufzten vor Mitleid.
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Dann trug Frau Zhou die Blumen hinter Dame Königs Hauptgemächern hindurch. Die Großmutter hatte kürzlich befunden, die Enkelinnen seien zu viele an einem Ort, und nur Schatzjade und Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Jade in Kajal-Schwarz" aus dem Hause Lin.</ref> [黛玉] bei sich behalten; Willkommensfrühling<ref>Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Den Frühling willkommen heißen", zweite der Jia-Schwestern.</ref> [迎春], Erkundefrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Den Frühling erspüren".</ref> [探春] und Bedauerfrühling<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Den Frühling hüten".</ref> [惜春] waren in drei kleine Zimmer hinter Dame Königs Gemächern umgezogen, wo Seidenweiß Pflaume<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Li Feingespinst", die junge Witwe von Aufrecht Kaufmanns ältestem Sohn.</ref> [李纨] sie betreute. Frau Zhou ging daher zuerst dorthin. Willkommensfrühlings Dienerin Schachspielerin [司棋] und Erkundefrühlings Dienerin Shishu [侍书] kamen gerade heraus. Frau Zhou fand Willkommensfrühling und Erkundefrühling beim Schachspielen am Fenster, überreichte die Blumen und erklärte den Anlass. Beide dankten höflich und ließen die Blumen von den Dienerinnen verwahren.
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Dann ging Frau Zhou zu Bedauerfrühling, die sie mit der kleinen Nonne Weisheitskraft<ref>Chin. 智能儿 Zhìnéng. 智 zhì „Weisheit“; 能 néng „Fähigkeit/Kraft“.</ref> vom Wassermond-Kloster [水月庵] beim Spielen und Lachen fand. Bedauerfrühling lachte: „Gerade sage ich zu Weisheitskraft, morgen lasse ich mir auch den Kopf scheren und werde Nonne — und da bringt man mir Blumen! Wenn ich mir den Kopf scheren lasse, wo soll ich die denn hintragen?" Alle lachten; Bedauerfrühling ließ ihre Dienerin Ruhua [入画] die Blumen verwahren.
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Frau Zhou fragte Weisheitskraft nach ihrer Meisterin und den monatlichen Opfergeldern. Dann machte sie sich auf zu Phönixglanz. Sie durchquerte den Verbindungsgang, passierte Seidenweiß Pflaumes Hinterfenster, stieg über die westliche Blumenmauer und betrat Phönixglanzs Hof. Im Durchgangsraum saß die kleine Dienerin Fenr [丰儿] auf der Schwelle und winkte Frau Zhou hastig zum östlichen Zimmer. Frau Zhou schlich auf Zehenspitzen hinein und fand die Amme, die die kleine Dajie in den Schlaf wiegte. Frau Zhou flüsterte: „Macht die junge gnädige Frau Mittagsschlaf? Soll sie nicht geweckt werden?" Die Amme schüttelte den Kopf. Da hörte man von nebenan Lachen — und die Stimme Kette Kaufmanns. Dann ging die Zimmertür auf, und Friedchen kam mit einem großen Kupferbecken heraus und rief Fenr, Wasser zu bringen. [Anm.: Die Szene deutet an, dass Kette Kaufmann und Phönixglanz sich tagsüber vergnügt haben.] Friedchen kam herüber, sah Frau Zhou und nahm das Kästchen entgegen. Sie öffnete es, nahm vier Blumen heraus und ging zurück. Nach einer Weile kam sie mit zwei Blumen und wies den Diener Caiming [彩明] an: „Bring die zur jungen Frau Rong drüben im Ost-Haus." Dann schickte sie Frau Zhou mit Dank zurück.
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Frau Zhou begab sich nun zur Großmutter. Im Durchgang traf sie plötzlich ihre Tochter, die gerade von ihren Schwiegereltern kam und einen dringenden Fall zu besprechen hatte: Ihr Schwiegersohn — kein anderer als Leng Selbstaufsteiger<ref>Chin. 冷子兴 Lěng Zìxīng, wörtl. „Kalt-Selbstaufsteiger", ein Antiquitätenhändler.</ref> [冷子兴], Regendorfs alter Freund — war in einen Rechtsstreit wegen Antiquitätenhandels geraten und sollte in seine Heimat zurückgeschickt werden. Die Tochter bat Frau Zhou um Vermittlung. Frau Zhou beruhigte sie und schickte sie nach Hause — abends werde sie Phönixglanz um Hilfe bitten, das sei eine Kleinigkeit.
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Dann ging Frau Zhou zu Kajaljade. Kajaljade war jedoch nicht in ihrem eigenen Zimmer, sondern bei Schatzjade, wo sie zusammen ein Rätselspiel mit neun Ringen spielten. Frau Zhou trat lächelnd ein: „Fräulein Lin, die Frau Tante Schnee schickt Ihnen Blumen." Schatzjade rief: „Was für Blumen? Zeig her!" und griff nach dem Kästchen. Es waren kunstvolle Palastblumen aus aufgetürmter Gaze. Kajaljade warf nur einen Blick darauf und fragte: „Sind die nur für mich allein, oder haben alle Mädchen welche bekommen?" Frau Zhou antwortete: „Alle haben schon welche — diese beiden sind die Ihren." Kajaljade lachte kalt: „Das habe ich mir gedacht — was andere nicht mehr haben wollen, gibt man mir."
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Frau Zhou verstummte. Schatzjade fragte: „Schwester Zhou, was hast du drüben gemacht?" Sie erzählte von ihrem Auftrag. Schatzjade fragte: „Was macht die Schwester Schatzspange? Warum kommt sie in den letzten Tagen nicht herüber?" Frau Zhou antwortete: „Ihr geht es nicht gut." Schatzjade schickte sogleich seine Dienerin Qianxue [茜雪] mit Grüßen hinüber und ließ fragen, was für eine Krankheit es sei und welche Medizin sie nehme, und er werde sie demnächst persönlich besuchen. Frau Zhou ging, und damit war diese Sache erledigt. [Anm.: Der Schwiegersohn von Frau Zhou ist eben jener Leng Selbstaufsteiger. Frau Zhou bat abends Phönixglanz um Hilfe, und die Sache war schnell erledigt.]
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Am Abend erschien Phönixglanz abgeschminkt bei Dame König zum Bericht: Die Zhens hatten Geschenke geschickt; man müsse die Gegengeschenke mit deren Schiffen zurücksenden. Dann besprachen sie das Geburtstagsgeschenk für die alte Fürstin des Grafen von Lin'an und andere Angelegenheiten. Phönixglanz erwähnte, die Schwägerin Zhen [尤氏] habe sie für morgen zu einem Besuch eingeladen. Dame König erlaubte es: „Ob es Geschäfte gibt oder nicht — da sie nicht uns, sondern nur dich einlädt, zeigt es ihre aufrichtige Absicht, dich zu zerstreuen. Du solltest gehen." Phönixglanz stimmte zu. Seidenweiß Pflaume und die Schwestern kamen noch zur Gute-Nacht-Visite, dann gingen alle in ihre Zimmer.
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Am nächsten Tag frühstückte Phönixglanz, meldete sich bei Dame König ab und verabschiedete sich bei der Großmutter. Als Schatzjade hörte, sie fahre zum Stillfriede-Anwesen, wollte er mit. Phönixglanz willigte ein; die beiden stiegen in die Kutsche und fuhren zum Stillfriede-Anwesen. Dort empfingen sie Herrlichkeit Kaufmann<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann", Oberhaupt des Stillfriede-Anwesen.</ref> [贾珍]s Gattin You [尤氏] und Hibiskus Kaufmann [贾蓉]s Gattin Anmutig Minne<ref>Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng, Schwiegertochter im Stillfriede-Anwesen, von rätselhafter Herkunft.</ref> [秦氏], Schwiegermutter und Schwiegertochter, mit einem Gefolge von Nebenfrauen und Dienerinnen am Zeremonielltor. You begrüßte Phönixglanz wie gewohnt mit neckenden Scherzen, nahm Schatzjade bei der Hand, und sie gingen gemeinsam in den Empfangsraum. Anmutig Minne servierte Tee. Phönixglanz fragte: „Wozu habt ihr mich hergebeten? Wenn ihr mir etwas Gutes anbieten wollt, dann schnell — ich bin beschäftigt!" You und Anmutig Minne hatten noch nicht geantwortet, als einige Nebenfrauen lachend sagten: „Wenn die Zweite Schwiegertochter schon da ist, gehört sie uns — sie kann sich nicht mehr wehren!"
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Gerade da kam Herrlichkeit Kaufmann herein und begrüßte alle. Schatzjade fragte: „Ist der Große Bruder [Herrlichkeit Kaufmann] heute nicht zu Hause?" You antwortete: „Er ist aufs Land gefahren, um den alten Herrn zu besuchen. Du langweilst dich doch hier — warum gehst du nicht ein wenig spazieren?"
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Anmutig Minne lachte: „Heute trifft es sich gut: Der jüngere Bruder, den der junge Onkel Bao letztes Mal unbedingt sehen wollte, ist heute auch da — wahrscheinlich im Studierzimmer. Warum geht der junge Onkel nicht hin?" Schatzjade sprang sofort auf. You und Phönixglanz riefen: „Vorsicht! Wohin so eilig!" Sie gaben den Dienern Anweisungen, gut auf ihn achtzugeben. Phönixglanz sagte: „Warum bringt man diesen jungen Herrn Anmutig Minne nicht herein? Ich möchte ihn auch sehen." You lachte: „Lass nur! Unsere Kinder sind wildes Herumtollen gewöhnt. Seine Kinder sind fein erzogen — wenn er dich Raufboldin sieht, wird man uns auslachen!" Phönixglanz lachte: „Alle Welt — ich lache über sie, und ein Knirps soll über mich lachen?" Herrlichkeit Kaufmann sagte entschuldigend: „Er ist eben schüchtern und hat große Gesellschaft nicht gewöhnt — die Tante würde sich nur ärgern." Phönixglanz rief: „Und wenn er Nezha wäre — ich will ihn sehen! Rede keinen Unsinn, oder du bekommst eine Ohrfeige!"
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Herrlichkeit Kaufmann ging lachend hinaus und brachte tatsächlich einen jungen Mann herein — etwas schlanker als Schatzjade, mit feinen Brauen und klaren Augen, rosigem Gesicht und roten Lippen, von anmutiger Gestalt und elegantem Auftreten, das Schatzjades vielleicht noch übertraf. Nur war er schüchtern und verschämt, mit einer mädchenhaften Zurückhaltung, und verbeugte sich zaghaft vor Phönixglanz. Phönixglanz war entzückt, stieß Schatzjade an und lachte: „Gegen den siehst du alt aus!" Sie ergriff des Jünglings Hand, ließ ihn neben sich sitzen und fragte nach seinem Alter und seinen Studien. Sie erfuhr, dass sein Schulname Liebglocke Anmutig Minne [秦钟] war. Phönixglanzs Dienerinnen bemerkten, dass sie kein Begrüßungsgeschenk mitgebracht hatten, und eilten zu Friedchen, die eigenständig ein Stück Seide und zwei kleine Goldklumpen mit der Aufschrift „Erster Platz bei der Palastprüfung" [状元及第] herüberschickte. Phönixglanz sagte scherzhaft, das sei zu wenig. Anmutig Minne dankte. Man aß gemeinsam, und dann spielten You, Phönixglanz und Qin Mahjong.
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Schatzjade und Liebglocke Anmutig Minne saßen beisammen und plauderten. Schatzjade war beim ersten Anblick von Liebglocke Minnes feiner Erscheinung wie verzaubert und sann eine Weile nach. Er dachte: „Welch ein Mensch! Neben ihm bin ich ein Schwein aus Schlamm und ein räudiger Hund! Wie bedauerlich, dass ich in einem Fürstenhaus geboren wurde! Wäre ich in einer bescheidenen Familie aufgewachsen, hätte ich mich längst mit ihm angefreundet — dann wäre mein Leben nicht umsonst gewesen. Trotz meines höheren Ranges — Seide und Brokat umhüllen nur dieses tote Holz; feiner Wein und Lammbraten füllen nur diese Schmutzgrube. Die zwei Worte ‚Reichtum und Adel' werden durch mich geschändet!" Liebglocke Anmutig Minne seinerseits bewunderte Schatzjades außergewöhnliche Erscheinung und sein vornehmes Auftreten und dachte bei sich: „Kein Wunder, dass alle ihn verhätscheln! Wie schade, dass ich in ärmlichen Verhältnissen geboren bin und ihm nicht nahe sein kann. Die Kluft zwischen Arm und Reich — das ist wahrlich die größte Ungerechtigkeit der Welt!" Beide versanken in ähnliche Grübeleien. Dann fragte Schatzjade, was Liebglocke Anmutig Minne lese; dieser antwortete aufrichtig. Nach zehn Sätzen hin und her fühlten sie sich einander schon eng verbunden.
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Man brachte Tee und Obst; Schatzjade schlug vor, sich ins Nebenzimmer zurückzuziehen, um die Spielerinnen nicht zu stören. Anmutig Minne kam herein und ermahnte Schatzjade, ihren jüngeren Bruder nachsichtig zu behandeln, falls er sich ungeschickt ausdrücke, und warnte auch ihren Bruder. Dann ging sie zurück zu Phönixglanz.
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Schatzjade und Liebglocke Anmutig Minne sprachen über Familienangelegenheiten. Liebglocke Anmutig Minne erzählte, sein Hauslehrer sei letztes Jahr gestorben, sein Vater sei alt und krank und habe noch keinen neuen Lehrer gefunden; er wiederhole einstweilen seine alten Lektionen zu Hause. Schatzjade rief begeistert: „Genau! Wir haben eine Familienschule — alle Clanangehörigen, die sich keinen Privatlehrer leisten können, dürfen dort lernen. Da auch mein Lehrer letztes Jahr verreist ist, bin ich gerade unbeschäftigt. Mein Vater wollte mich in die Familienschule schicken, aber meine Großmutter fürchtet, die anderen Jungen seien zu wild. Warum bittet Ihr Euren Vater nicht, und Ihr kommt zu uns in die Schule? Dann lernen wir zusammen — das wäre doch wunderbar!" Liebglocke Anmutig Minne freute sich sehr: „Mein Vater hat das tatsächlich schon erwogen! Wenn der junge Onkel mich empfiehlt, gibt es keinen Grund zu zögern!" Die beiden fassten den Plan, und Schatzjade versprach, die Großmutter zu bitten.
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Beim Abendessen stellte sich heraus, dass Anmutig Minne und You beim Kartenspiel verloren hatten und in einigen Tagen ein Festmahl schuldig waren. Es wurde dunkel; You ordnete an, den jungen Anmutig Minne von zwei Dienern nach Hause bringen zu lassen. Man meldete jedoch, dass der Alte Jiao Da<ref>Chin. 焦大 Jiāo Dà, wörtl. „Verbrannter Großer", alter Diener, der dem Ahnherrn des Stillfriede-Anwesen im Krieg das Leben rettete.</ref> [焦大] für den Dienst eingeteilt worden sei — und betrunken schimpfe. You und Anmutig Minne sagten: „Warum ausgerechnet der? Es gibt genug junge Leute!" Phönixglanz tadelte You: „Ich sage doch immer, Ihr seid zu nachgiebig — solche Zustände dürft Ihr nicht dulden!"
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You seufzte: „Du kennst diesen Jiao Da doch. Selbst der alte Herr kümmert sich nicht um ihn. Er war schon als Junge bei den Vorfahren und hat drei, vier Feldzüge mitgemacht. Er hat dem alten Herrn das Leben gerettet — trug ihn aus dem Leichenhaufen heraus, hungerte selbst, brachte seinem Herrn gestohlenes Essen, ging zwei Tage ohne Wasser und gab eine halbe Schale dem Herrn, trank selbst Pferdeurin. Wegen dieser Verdienste hat man ihn seit Generationen geschont. Jetzt ist er alt, achtet nicht mehr auf sein Benehmen und säuft nur noch — und wenn er betrunken ist, beschimpft er jeden. Ich sage den Verwaltern immer: Gebt ihm keine Aufgaben, behandelt ihn wie tot. Und trotzdem hat man ihn heute eingeteilt."
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Phönixglanz schlug vor, ihn weit weg auf ein Landgut zu schicken. Dann fragte sie, ob die Kutsche bereit sei. Als sie und Schatzjade aufbrachen und You sie zur Halle geleitete, war Jiao Da in hellem Aufruhr. Betrunken schimpfte er zunächst den Oberverwaltter Lai Er [赖二], er sei ungerecht und feige — gute Aufträge gebe er anderen, aber so einen Nachtdienst ihm. „Undankbare Hurensöhne! Scheinoberaufseher! Ihr solltet mal nachdenken — wenn der alte Jiao Da den Fuß hebt, ist er höher als euer Kopf! Vor zwanzig Jahren gab es für den alten Jiao Da keinen, der zählte! Von eurem Pack ganz zu schweigen!"
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Da kam Herrlichkeit Kaufmann, um Phönixglanzs Kutsche hinauszubegleiten. Man versuchte Jiao Da zu beruhigen, aber vergeblich. Herrlichkeit Kaufmann schimpfte ihn und ließ ihn fesseln: „Morgen, wenn er nüchtern ist, fragen wir ihn, ob er noch Lust aufs Sterben hat!" Aber Jiao Da nahm Herrlichkeit Kaufmann nicht ernst und brüllte ihm nach: „Jüngelchen Rong! Spiel nicht den Herrn vor dem alten Jiao Da! Nicht mal dein Vater und dein Großvater dürfen sich gegen mich aufbäumen! Ohne mich allein hättet ihr kein Amt, keinen Ruhm, keinen Reichtum! Euer Ahnherr hat unter Lebensgefahr das Familienvermögen aufgebaut — und jetzt, statt mir zu danken, spielt ihr den Herrn vor mir! Redet nicht weiter — sonst geht das rote Messer rein und das weiße kommt raus!"
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Phönixglanz rief aus der Kutsche Herrlichkeit Kaufmann zu: „Warum schickt ihr diesen gesetzlosen Kerl nicht endlich weg! Wenn Verwandte und Freunde das erfahren, lachen sie uns aus!" Herrlichkeit Kaufmann bestätigte. Die Diener packten Jiao Da, der nun sogar Herrlichkeit Kaufmann beim Namen nannte und brüllte: „Ich gehe zum Ahnentempel und weine beim alten Herrn! Was für Bestien sind da herangewachsen! Tag für Tag stehlen sie Hunde und treiben es mit Hühnern! Der eine kriecht in die Asche [Anm.: ‚die Asche kratzen' (爬灰) = Inzest mit der Schwiegertochter], die andere hält sich einen kleinen Schwager [Anm.: Ehebruch]! Ich weiß alles! Bei uns ‚bricht man sich den Arm und versteckt ihn im Ärmel'!" Die Diener erschraken zu Tode über diese unsäglichen Worte, packten ihn, fesselten ihn und stopften ihm den Mund mit Erde und Pferdemist.
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Phönixglanz und Herrlichkeit Kaufmann hörten alles aus der Ferne, taten aber so, als hätten sie nichts gehört. Schatzjade, der die Szene vom Wagen aus beobachtet hatte, fand es recht unterhaltsam und fragte Phönixglanz: „Schwester, was bedeutet ‚die Asche kratzen'?" Phönixglanz fuhr ihn zornig an: „Halt den Mund! Das ist betrunkenes Gewäsch! Du solltest so tun, als hättest du nichts gehört, statt noch nachzufragen! Warte nur, ich erzähle es der Mama — dann bekommst du Prügel!" Schatzjade erschrak und bat um Verzeihung. Phönixglanz wurde wieder freundlich: „Brav so! Wenn wir zu Hause sind, sagen wir der Großmutter, dass du mit dem jungen Neffen Anmutig Minne zusammen in die Schule gehen sollst — das ist wichtiger." Damit fuhr sie zurück zum Prunkwille-Anwesen.
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    Nicht die Schönheit macht zum Freund —
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    Die Empfindsamkeit erst führt zum Buch.
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[Ende des siebten Kapitels]
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Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 7 Beim Überbringen der Palastblumen vergnügt sich Kette Kaufmann [贾琏] mit Phönixglanz [熙凤] — Beim Festmahl im Stillfriede-Anwesen trifft Schatzjade [宝玉] auf Liebglocke Anmutig Minne[1]

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Dem Kapitel vorangestellt:

   Zwölf Blumengesichter, die frischesten von allen —
   Wer weiß, wer die Blumen hütet?
   Wenn man bei der Begegnung nach dem Namen fragt:
   Am Südufer des Yangtze daheim, vom Geschlecht der Anmutig Minne.

Nachdem Frau Zhou Oma Liu verabschiedet hatte, ging sie hinauf, um Dame König Bericht zu erstatten. Dame König war jedoch nicht in ihren Gemächern — die Dienerinnen sagten, sie sei bei Tante Schnee[2] [薛姨妈] zum Plaudern hinübergegangen. Frau Zhou machte sich also zum Birnenduft-Hof auf. Am Eingang sah sie die Dienerin Goldarmreif[3][4] [金钏儿], die mit einem kleinen Mädchen auf den Stufen spielte. Als Goldarmreif Frau Zhou kommen sah, deutete sie mit dem Kinn nach innen. Frau Zhou schob leise den Vorhang beiseite und sah Dame König und Tante Schnee in ein langes Gespräch über Familienangelegenheiten und gesellschaftliche Beziehungen vertieft.

Da Frau Zhou sie nicht stören wollte, ging sie ins Nebenzimmer. Dort saß Schatzspange[5] in Hauskleidung, die Haare lose zusammengesteckt, am Rand des Ofenbettes über einem kleinen Tisch gebeugt, zusammen mit ihrer Dienerin Yinger [莺儿] Stickmuster abzeichnend. Als Schatzspange [宝钗] sie eintreten sah, legte sie den Pinsel nieder, drehte sich lächelnd um und bot ihr Platz an. Frau Zhou setzte sich an den Bettrand und fragte: „In den letzten zwei, drei Tagen war das Fräulein nicht drüben — hat der junge Herr Schatzjade sie vielleicht verschnupft?" Schatzspange lachte: „Nein, ganz und gar nicht. Nur hat meine alte Krankheit wieder eingesetzt, daher bin ich in den letzten Tagen nicht ausgegangen." Frau Zhou fragte besorgt nach der Ursache und riet ihr, einen guten Arzt aufzusuchen.

Schatzspange lachte: „Ach, redet nicht vom Medizinnehmen! Für diese Krankheit haben wir schon unzählige Ärzte bezahlt — kein einziger Berühmter hat geholfen. Schließlich kam ein kahlköpfiger Mönch, der sagte, er heile namenlose Krankheiten. Er diagnostizierte ein angeborenes ‚Hitzegift' aus dem Mutterleib — zum Glück sei meine Konstitution robust. Gewöhnliche Medizin helfe nicht. Er verschrieb ein Rezept namens ‚Methode vom Meer' und gab ein Päckchen merkwürdig duftendes Pulver dazu. Er sagte, bei einem Anfall solle man eine Pille nehmen. Erstaunlicherweise wirkt seine Medizin tatsächlich."

Frau Zhou fragte nach dem Rezept. Schatzspange lachte: „Die Zutaten selbst sind nicht schwer zu beschaffen — nur die ‚Zufälle' sind das Problem: Man braucht zwölf Liang [两] weiße Pfingstrosenblüten vom Frühling, zwölf Liang weiße Lotosblüten vom Sommer, zwölf Liang weiße Hibiskusblüten vom Herbst und zwölf Liang weiße Pflaumenblüten vom Winter. Diese vier Blütensorten trocknet man am Tagundnachtgleiche-Tag des folgenden Frühlings und mischt sie unter das Pulver. Dazu braucht man zwölf Qian [钱] Regenwasser vom Tag des ‚Regenwasser'-Sonnenwendepunkts [雨水] ..." Frau Zhou rief: „Ach du meine Güte! Das dauert ja drei Jahre! Und wenn es am Regenwasser-Tag gar nicht regnet?" Schatzspange lachte: „Eben! Wo gibt es solche Zufälle? Wenn es nicht regnet, muss man eben ein weiteres Jahr warten. Dazu braucht man zwölf Qian Tautropfen vom Tag des ‚Weißen Taus' [白露], zwölf Qian Reif vom Tag des ‚Reiffalls' [霜降] und zwölf Qian Schnee vom Tag des ‚Kleinen Schnees' [小雪]. Diese vier Wässer mischt man gleichmäßig unter die Arznei, fügt zwölf Qian Honig und zwölf Qian weißen Zucker hinzu, formt Pillen so groß wie Longanfrüchte und bewahrt sie in einem alten Porzellankrug auf, der unter Blumenwurzeln vergraben wird. Bei einem Anfall nimmt man eine Pille mit zwölf Teilen Huangbai-Absud [黄柏, Phellodendron] ein."

Frau Zhou lachte: „Amitabha Buddha! Das ist ja ein Ding! In zehn Jahren trifft sich das vielleicht nicht einmal!" Schatzspange sagte: „Und doch — in ein, zwei Jahren nach seinem Besuch ergab sich tatsächlich alles wie von selbst. So konnte endlich eine Charge hergestellt werden. Sie ist aus dem Süden mitgebracht und liegt jetzt unter dem Birnbaum vergraben." Frau Zhou fragte: „Hat die Medizin einen Namen?" Schatzspange antwortete: „Ja — auch den hat der kahlköpfige Mönch gesagt: ‚Pille des Kalten Duftes' [冷香丸]." Frau Zhou fragte noch nach den Symptomen. Schatzspange sagte: „Es ist nicht schlimm — nur etwas Husten und Kurzatmigkeit. Eine Pille, und es wird besser."

Frau Zhou wollte noch etwas sagen, als Dame König von nebenan rief: „Wer ist dort?" Frau Zhou eilte hinaus und antwortete, erstattete bei der Gelegenheit Bericht über den Besuch der alten Liu. Nach einer kurzen Pause, als Dame König nichts weiter sagte, wollte sie sich zurückziehen. Da rief Tante Schnee lachend: „Warte! Ich habe etwas, das du mitnehmen sollst." Sie rief nach Duftkastanie[6] [香菱]. Man hörte den Vorhang rascheln, und das kleine Mädchen, das vorhin mit Goldarmreif gespielt hatte, kam herein und fragte: „Was wünscht die gnädige Frau?" Tante Schnee sagte: „Hol die Blumen aus dem Kästchen." Duftkastanie brachte ein kleines Brokatkästchen. Tante Schnee sagte: „Das sind zwölf Blumen aus dem Palast — ganz neue Mode, aus Gaze aufgetürmt. Gestern fiel mir ein, dass es schade wäre, sie einfach liegen zu lassen — warum nicht den Mädchen zum Tragen geben? Gestern wollte ich sie schicken und habe es dann vergessen. Gut, dass du heute da bist — nimm sie gleich mit. Für die drei jungen Damen in eurem Haus je ein Paar; von den restlichen sechs gib Kajaljade zwei, und die übrigen vier bekommt Phönixglanz." Dame König meinte: „Behalte sie doch für Schatzspange." Tante Schnee lachte: „Die Schwester kennt Schatzspange nicht — sie hat noch nie etwas für Blumen und Puder übrig gehabt."

Frau Zhou nahm das Kästchen und ging hinaus. Vor der Tür saß Goldarmreif noch in der Sonne. Frau Zhou fragte sie: „Diese kleine Duftkastanie — ist das nicht die, die man immer erwähnt, die beim Aufbruch nach der Hauptstadt gekauft wurde und derentwegen der Mordprozess stattfand?" Goldarmreif bestätigte es. Da kam Duftkastanie lächelnd herbei. Frau Zhou nahm sie bei der Hand, betrachtete sie genau und sagte zu Goldarmreif: „Ein hübsches Ding! Sie hat tatsächlich Ähnlichkeit mit der jungen Frau Rong drüben im Ost-Haus." Goldarmreif stimmte zu. Frau Zhou fragte Duftkastanie nach ihrem Alter, ihren Eltern, ihrer Herkunft — doch Duftkastanie schüttelte bei jeder Frage den Kopf: „Ich erinnere mich nicht." Frau Zhou und Goldarmreif seufzten vor Mitleid.

Dann trug Frau Zhou die Blumen hinter Dame Königs Hauptgemächern hindurch. Die Großmutter hatte kürzlich befunden, die Enkelinnen seien zu viele an einem Ort, und nur Schatzjade und Kajaljade[7] [黛玉] bei sich behalten; Willkommensfrühling[8] [迎春], Erkundefrühling[9] [探春] und Bedauerfrühling[10] [惜春] waren in drei kleine Zimmer hinter Dame Königs Gemächern umgezogen, wo Seidenweiß Pflaume[11] [李纨] sie betreute. Frau Zhou ging daher zuerst dorthin. Willkommensfrühlings Dienerin Schachspielerin [司棋] und Erkundefrühlings Dienerin Shishu [侍书] kamen gerade heraus. Frau Zhou fand Willkommensfrühling und Erkundefrühling beim Schachspielen am Fenster, überreichte die Blumen und erklärte den Anlass. Beide dankten höflich und ließen die Blumen von den Dienerinnen verwahren.

Dann ging Frau Zhou zu Bedauerfrühling, die sie mit der kleinen Nonne Weisheitskraft[12] vom Wassermond-Kloster [水月庵] beim Spielen und Lachen fand. Bedauerfrühling lachte: „Gerade sage ich zu Weisheitskraft, morgen lasse ich mir auch den Kopf scheren und werde Nonne — und da bringt man mir Blumen! Wenn ich mir den Kopf scheren lasse, wo soll ich die denn hintragen?" Alle lachten; Bedauerfrühling ließ ihre Dienerin Ruhua [入画] die Blumen verwahren.

Frau Zhou fragte Weisheitskraft nach ihrer Meisterin und den monatlichen Opfergeldern. Dann machte sie sich auf zu Phönixglanz. Sie durchquerte den Verbindungsgang, passierte Seidenweiß Pflaumes Hinterfenster, stieg über die westliche Blumenmauer und betrat Phönixglanzs Hof. Im Durchgangsraum saß die kleine Dienerin Fenr [丰儿] auf der Schwelle und winkte Frau Zhou hastig zum östlichen Zimmer. Frau Zhou schlich auf Zehenspitzen hinein und fand die Amme, die die kleine Dajie in den Schlaf wiegte. Frau Zhou flüsterte: „Macht die junge gnädige Frau Mittagsschlaf? Soll sie nicht geweckt werden?" Die Amme schüttelte den Kopf. Da hörte man von nebenan Lachen — und die Stimme Kette Kaufmanns. Dann ging die Zimmertür auf, und Friedchen kam mit einem großen Kupferbecken heraus und rief Fenr, Wasser zu bringen. [Anm.: Die Szene deutet an, dass Kette Kaufmann und Phönixglanz sich tagsüber vergnügt haben.] Friedchen kam herüber, sah Frau Zhou und nahm das Kästchen entgegen. Sie öffnete es, nahm vier Blumen heraus und ging zurück. Nach einer Weile kam sie mit zwei Blumen und wies den Diener Caiming [彩明] an: „Bring die zur jungen Frau Rong drüben im Ost-Haus." Dann schickte sie Frau Zhou mit Dank zurück.

Frau Zhou begab sich nun zur Großmutter. Im Durchgang traf sie plötzlich ihre Tochter, die gerade von ihren Schwiegereltern kam und einen dringenden Fall zu besprechen hatte: Ihr Schwiegersohn — kein anderer als Leng Selbstaufsteiger[13] [冷子兴], Regendorfs alter Freund — war in einen Rechtsstreit wegen Antiquitätenhandels geraten und sollte in seine Heimat zurückgeschickt werden. Die Tochter bat Frau Zhou um Vermittlung. Frau Zhou beruhigte sie und schickte sie nach Hause — abends werde sie Phönixglanz um Hilfe bitten, das sei eine Kleinigkeit.

Dann ging Frau Zhou zu Kajaljade. Kajaljade war jedoch nicht in ihrem eigenen Zimmer, sondern bei Schatzjade, wo sie zusammen ein Rätselspiel mit neun Ringen spielten. Frau Zhou trat lächelnd ein: „Fräulein Lin, die Frau Tante Schnee schickt Ihnen Blumen." Schatzjade rief: „Was für Blumen? Zeig her!" und griff nach dem Kästchen. Es waren kunstvolle Palastblumen aus aufgetürmter Gaze. Kajaljade warf nur einen Blick darauf und fragte: „Sind die nur für mich allein, oder haben alle Mädchen welche bekommen?" Frau Zhou antwortete: „Alle haben schon welche — diese beiden sind die Ihren." Kajaljade lachte kalt: „Das habe ich mir gedacht — was andere nicht mehr haben wollen, gibt man mir."

Frau Zhou verstummte. Schatzjade fragte: „Schwester Zhou, was hast du drüben gemacht?" Sie erzählte von ihrem Auftrag. Schatzjade fragte: „Was macht die Schwester Schatzspange? Warum kommt sie in den letzten Tagen nicht herüber?" Frau Zhou antwortete: „Ihr geht es nicht gut." Schatzjade schickte sogleich seine Dienerin Qianxue [茜雪] mit Grüßen hinüber und ließ fragen, was für eine Krankheit es sei und welche Medizin sie nehme, und er werde sie demnächst persönlich besuchen. Frau Zhou ging, und damit war diese Sache erledigt. [Anm.: Der Schwiegersohn von Frau Zhou ist eben jener Leng Selbstaufsteiger. Frau Zhou bat abends Phönixglanz um Hilfe, und die Sache war schnell erledigt.]

Am Abend erschien Phönixglanz abgeschminkt bei Dame König zum Bericht: Die Zhens hatten Geschenke geschickt; man müsse die Gegengeschenke mit deren Schiffen zurücksenden. Dann besprachen sie das Geburtstagsgeschenk für die alte Fürstin des Grafen von Lin'an und andere Angelegenheiten. Phönixglanz erwähnte, die Schwägerin Zhen [尤氏] habe sie für morgen zu einem Besuch eingeladen. Dame König erlaubte es: „Ob es Geschäfte gibt oder nicht — da sie nicht uns, sondern nur dich einlädt, zeigt es ihre aufrichtige Absicht, dich zu zerstreuen. Du solltest gehen." Phönixglanz stimmte zu. Seidenweiß Pflaume und die Schwestern kamen noch zur Gute-Nacht-Visite, dann gingen alle in ihre Zimmer.

Am nächsten Tag frühstückte Phönixglanz, meldete sich bei Dame König ab und verabschiedete sich bei der Großmutter. Als Schatzjade hörte, sie fahre zum Stillfriede-Anwesen, wollte er mit. Phönixglanz willigte ein; die beiden stiegen in die Kutsche und fuhren zum Stillfriede-Anwesen. Dort empfingen sie Herrlichkeit Kaufmann[14] [贾珍]s Gattin You [尤氏] und Hibiskus Kaufmann [贾蓉]s Gattin Anmutig Minne[15] [秦氏], Schwiegermutter und Schwiegertochter, mit einem Gefolge von Nebenfrauen und Dienerinnen am Zeremonielltor. You begrüßte Phönixglanz wie gewohnt mit neckenden Scherzen, nahm Schatzjade bei der Hand, und sie gingen gemeinsam in den Empfangsraum. Anmutig Minne servierte Tee. Phönixglanz fragte: „Wozu habt ihr mich hergebeten? Wenn ihr mir etwas Gutes anbieten wollt, dann schnell — ich bin beschäftigt!" You und Anmutig Minne hatten noch nicht geantwortet, als einige Nebenfrauen lachend sagten: „Wenn die Zweite Schwiegertochter schon da ist, gehört sie uns — sie kann sich nicht mehr wehren!"

Gerade da kam Herrlichkeit Kaufmann herein und begrüßte alle. Schatzjade fragte: „Ist der Große Bruder [Herrlichkeit Kaufmann] heute nicht zu Hause?" You antwortete: „Er ist aufs Land gefahren, um den alten Herrn zu besuchen. Du langweilst dich doch hier — warum gehst du nicht ein wenig spazieren?"

Anmutig Minne lachte: „Heute trifft es sich gut: Der jüngere Bruder, den der junge Onkel Bao letztes Mal unbedingt sehen wollte, ist heute auch da — wahrscheinlich im Studierzimmer. Warum geht der junge Onkel nicht hin?" Schatzjade sprang sofort auf. You und Phönixglanz riefen: „Vorsicht! Wohin so eilig!" Sie gaben den Dienern Anweisungen, gut auf ihn achtzugeben. Phönixglanz sagte: „Warum bringt man diesen jungen Herrn Anmutig Minne nicht herein? Ich möchte ihn auch sehen." You lachte: „Lass nur! Unsere Kinder sind wildes Herumtollen gewöhnt. Seine Kinder sind fein erzogen — wenn er dich Raufboldin sieht, wird man uns auslachen!" Phönixglanz lachte: „Alle Welt — ich lache über sie, und ein Knirps soll über mich lachen?" Herrlichkeit Kaufmann sagte entschuldigend: „Er ist eben schüchtern und hat große Gesellschaft nicht gewöhnt — die Tante würde sich nur ärgern." Phönixglanz rief: „Und wenn er Nezha wäre — ich will ihn sehen! Rede keinen Unsinn, oder du bekommst eine Ohrfeige!"

Herrlichkeit Kaufmann ging lachend hinaus und brachte tatsächlich einen jungen Mann herein — etwas schlanker als Schatzjade, mit feinen Brauen und klaren Augen, rosigem Gesicht und roten Lippen, von anmutiger Gestalt und elegantem Auftreten, das Schatzjades vielleicht noch übertraf. Nur war er schüchtern und verschämt, mit einer mädchenhaften Zurückhaltung, und verbeugte sich zaghaft vor Phönixglanz. Phönixglanz war entzückt, stieß Schatzjade an und lachte: „Gegen den siehst du alt aus!" Sie ergriff des Jünglings Hand, ließ ihn neben sich sitzen und fragte nach seinem Alter und seinen Studien. Sie erfuhr, dass sein Schulname Liebglocke Anmutig Minne [秦钟] war. Phönixglanzs Dienerinnen bemerkten, dass sie kein Begrüßungsgeschenk mitgebracht hatten, und eilten zu Friedchen, die eigenständig ein Stück Seide und zwei kleine Goldklumpen mit der Aufschrift „Erster Platz bei der Palastprüfung" [状元及第] herüberschickte. Phönixglanz sagte scherzhaft, das sei zu wenig. Anmutig Minne dankte. Man aß gemeinsam, und dann spielten You, Phönixglanz und Qin Mahjong.

Schatzjade und Liebglocke Anmutig Minne saßen beisammen und plauderten. Schatzjade war beim ersten Anblick von Liebglocke Minnes feiner Erscheinung wie verzaubert und sann eine Weile nach. Er dachte: „Welch ein Mensch! Neben ihm bin ich ein Schwein aus Schlamm und ein räudiger Hund! Wie bedauerlich, dass ich in einem Fürstenhaus geboren wurde! Wäre ich in einer bescheidenen Familie aufgewachsen, hätte ich mich längst mit ihm angefreundet — dann wäre mein Leben nicht umsonst gewesen. Trotz meines höheren Ranges — Seide und Brokat umhüllen nur dieses tote Holz; feiner Wein und Lammbraten füllen nur diese Schmutzgrube. Die zwei Worte ‚Reichtum und Adel' werden durch mich geschändet!" Liebglocke Anmutig Minne seinerseits bewunderte Schatzjades außergewöhnliche Erscheinung und sein vornehmes Auftreten und dachte bei sich: „Kein Wunder, dass alle ihn verhätscheln! Wie schade, dass ich in ärmlichen Verhältnissen geboren bin und ihm nicht nahe sein kann. Die Kluft zwischen Arm und Reich — das ist wahrlich die größte Ungerechtigkeit der Welt!" Beide versanken in ähnliche Grübeleien. Dann fragte Schatzjade, was Liebglocke Anmutig Minne lese; dieser antwortete aufrichtig. Nach zehn Sätzen hin und her fühlten sie sich einander schon eng verbunden.

Man brachte Tee und Obst; Schatzjade schlug vor, sich ins Nebenzimmer zurückzuziehen, um die Spielerinnen nicht zu stören. Anmutig Minne kam herein und ermahnte Schatzjade, ihren jüngeren Bruder nachsichtig zu behandeln, falls er sich ungeschickt ausdrücke, und warnte auch ihren Bruder. Dann ging sie zurück zu Phönixglanz.

Schatzjade und Liebglocke Anmutig Minne sprachen über Familienangelegenheiten. Liebglocke Anmutig Minne erzählte, sein Hauslehrer sei letztes Jahr gestorben, sein Vater sei alt und krank und habe noch keinen neuen Lehrer gefunden; er wiederhole einstweilen seine alten Lektionen zu Hause. Schatzjade rief begeistert: „Genau! Wir haben eine Familienschule — alle Clanangehörigen, die sich keinen Privatlehrer leisten können, dürfen dort lernen. Da auch mein Lehrer letztes Jahr verreist ist, bin ich gerade unbeschäftigt. Mein Vater wollte mich in die Familienschule schicken, aber meine Großmutter fürchtet, die anderen Jungen seien zu wild. Warum bittet Ihr Euren Vater nicht, und Ihr kommt zu uns in die Schule? Dann lernen wir zusammen — das wäre doch wunderbar!" Liebglocke Anmutig Minne freute sich sehr: „Mein Vater hat das tatsächlich schon erwogen! Wenn der junge Onkel mich empfiehlt, gibt es keinen Grund zu zögern!" Die beiden fassten den Plan, und Schatzjade versprach, die Großmutter zu bitten.

Beim Abendessen stellte sich heraus, dass Anmutig Minne und You beim Kartenspiel verloren hatten und in einigen Tagen ein Festmahl schuldig waren. Es wurde dunkel; You ordnete an, den jungen Anmutig Minne von zwei Dienern nach Hause bringen zu lassen. Man meldete jedoch, dass der Alte Jiao Da[16] [焦大] für den Dienst eingeteilt worden sei — und betrunken schimpfe. You und Anmutig Minne sagten: „Warum ausgerechnet der? Es gibt genug junge Leute!" Phönixglanz tadelte You: „Ich sage doch immer, Ihr seid zu nachgiebig — solche Zustände dürft Ihr nicht dulden!"

You seufzte: „Du kennst diesen Jiao Da doch. Selbst der alte Herr kümmert sich nicht um ihn. Er war schon als Junge bei den Vorfahren und hat drei, vier Feldzüge mitgemacht. Er hat dem alten Herrn das Leben gerettet — trug ihn aus dem Leichenhaufen heraus, hungerte selbst, brachte seinem Herrn gestohlenes Essen, ging zwei Tage ohne Wasser und gab eine halbe Schale dem Herrn, trank selbst Pferdeurin. Wegen dieser Verdienste hat man ihn seit Generationen geschont. Jetzt ist er alt, achtet nicht mehr auf sein Benehmen und säuft nur noch — und wenn er betrunken ist, beschimpft er jeden. Ich sage den Verwaltern immer: Gebt ihm keine Aufgaben, behandelt ihn wie tot. Und trotzdem hat man ihn heute eingeteilt."

Phönixglanz schlug vor, ihn weit weg auf ein Landgut zu schicken. Dann fragte sie, ob die Kutsche bereit sei. Als sie und Schatzjade aufbrachen und You sie zur Halle geleitete, war Jiao Da in hellem Aufruhr. Betrunken schimpfte er zunächst den Oberverwaltter Lai Er [赖二], er sei ungerecht und feige — gute Aufträge gebe er anderen, aber so einen Nachtdienst ihm. „Undankbare Hurensöhne! Scheinoberaufseher! Ihr solltet mal nachdenken — wenn der alte Jiao Da den Fuß hebt, ist er höher als euer Kopf! Vor zwanzig Jahren gab es für den alten Jiao Da keinen, der zählte! Von eurem Pack ganz zu schweigen!"

Da kam Herrlichkeit Kaufmann, um Phönixglanzs Kutsche hinauszubegleiten. Man versuchte Jiao Da zu beruhigen, aber vergeblich. Herrlichkeit Kaufmann schimpfte ihn und ließ ihn fesseln: „Morgen, wenn er nüchtern ist, fragen wir ihn, ob er noch Lust aufs Sterben hat!" Aber Jiao Da nahm Herrlichkeit Kaufmann nicht ernst und brüllte ihm nach: „Jüngelchen Rong! Spiel nicht den Herrn vor dem alten Jiao Da! Nicht mal dein Vater und dein Großvater dürfen sich gegen mich aufbäumen! Ohne mich allein hättet ihr kein Amt, keinen Ruhm, keinen Reichtum! Euer Ahnherr hat unter Lebensgefahr das Familienvermögen aufgebaut — und jetzt, statt mir zu danken, spielt ihr den Herrn vor mir! Redet nicht weiter — sonst geht das rote Messer rein und das weiße kommt raus!"

Phönixglanz rief aus der Kutsche Herrlichkeit Kaufmann zu: „Warum schickt ihr diesen gesetzlosen Kerl nicht endlich weg! Wenn Verwandte und Freunde das erfahren, lachen sie uns aus!" Herrlichkeit Kaufmann bestätigte. Die Diener packten Jiao Da, der nun sogar Herrlichkeit Kaufmann beim Namen nannte und brüllte: „Ich gehe zum Ahnentempel und weine beim alten Herrn! Was für Bestien sind da herangewachsen! Tag für Tag stehlen sie Hunde und treiben es mit Hühnern! Der eine kriecht in die Asche [Anm.: ‚die Asche kratzen' (爬灰) = Inzest mit der Schwiegertochter], die andere hält sich einen kleinen Schwager [Anm.: Ehebruch]! Ich weiß alles! Bei uns ‚bricht man sich den Arm und versteckt ihn im Ärmel'!" Die Diener erschraken zu Tode über diese unsäglichen Worte, packten ihn, fesselten ihn und stopften ihm den Mund mit Erde und Pferdemist.

Phönixglanz und Herrlichkeit Kaufmann hörten alles aus der Ferne, taten aber so, als hätten sie nichts gehört. Schatzjade, der die Szene vom Wagen aus beobachtet hatte, fand es recht unterhaltsam und fragte Phönixglanz: „Schwester, was bedeutet ‚die Asche kratzen'?" Phönixglanz fuhr ihn zornig an: „Halt den Mund! Das ist betrunkenes Gewäsch! Du solltest so tun, als hättest du nichts gehört, statt noch nachzufragen! Warte nur, ich erzähle es der Mama — dann bekommst du Prügel!" Schatzjade erschrak und bat um Verzeihung. Phönixglanz wurde wieder freundlich: „Brav so! Wenn wir zu Hause sind, sagen wir der Großmutter, dass du mit dem jungen Neffen Anmutig Minne zusammen in die Schule gehen sollst — das ist wichtiger." Damit fuhr sie zurück zum Prunkwille-Anwesen.

   Nicht die Schönheit macht zum Freund —
   Die Empfindsamkeit erst führt zum Buch.

[Ende des siebten Kapitels]

  1. Chin. 秦钟 Qín Zhōng. 钟 zhōng „Glocke“. Der Name klingt wie 情种 qíngzhǒng „Liebessame“.Chin. 秦钟 Qín Zhōng, wörtl. „Anmutig Minne-Glocke" Jüngerer Bruder von Anmutig Anmutig Minne.
  2. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, wörtl. „Tante Schnee", Mutter von Schatzspange und Schwester von Dame König.
  3. Chin. 金钗 Jīn Chuàn. 金 jīn „Gold“; 钗 chuàn „Armreif“.
  4. Chin. 金钏儿 Jīn Chuàn'ér, wörtl. „Goldenes Armband".
  5. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange aus dem Hause Schnee".
  6. Chin. 香菱 Xiānglíng, wörtl. „Duftende Lotosknolle", das geraubte Kind Zhen Wahrheitsverberger's.
  7. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Jade in Kajal-Schwarz" aus dem Hause Lin.
  8. Chin. 迎春 Yíngchūn, wörtl. „Den Frühling willkommen heißen", zweite der Jia-Schwestern.
  9. Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Den Frühling erspüren".
  10. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Den Frühling hüten".
  11. Chin. 李纨 Lǐ Wán, wörtl. „Li Feingespinst", die junge Witwe von Aufrecht Kaufmanns ältestem Sohn.
  12. Chin. 智能儿 Zhìnéng. 智 zhì „Weisheit“; 能 néng „Fähigkeit/Kraft“.
  13. Chin. 冷子兴 Lěng Zìxīng, wörtl. „Kalt-Selbstaufsteiger", ein Antiquitätenhändler.
  14. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, wörtl. „Herrlichkeit Kaufmann", Oberhaupt des Stillfriede-Anwesen.
  15. Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng, Schwiegertochter im Stillfriede-Anwesen, von rätselhafter Herkunft.
  16. Chin. 焦大 Jiāo Dà, wörtl. „Verbrannter Großer", alter Diener, der dem Ahnherrn des Stillfriede-Anwesen im Krieg das Leben rettete.