Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 26"

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Kapitel 26
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An der Wespentaillenbrücke werden Worte gewechselt, die Herzensgeheimnisse verraten
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">[1-10]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_22|<span style="color: #FFD700;">22</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_23|<span style="color: #FFD700;">23</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_24|<span style="color: #FFD700;">24</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_25|<span style="color: #FFD700;">25</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''26'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_27|<span style="color: #FFD700;">27</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_28|<span style="color: #FFD700;">28</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_29|<span style="color: #FFD700;">29</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_30|<span style="color: #FFD700;">30</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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In der Xiaoxiang-Bambushain<ref>Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn. Kajaljades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss und seinen Bambustränen-Legenden.</ref> weckt Frühlingsmüdigkeit verborgene Gefühle
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Wie erzählt wird, war Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann".</ref> nach dreiunddreißig Tagen des Krankenlagers nicht nur vollständig genesen und wieder bei Kräften, auch die Narben in seinem Gesicht waren verheilt, und so konnte er in den Garten der Großen Aussicht zurückkehren. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_26|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_26|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 26 =
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Sprechen wir zunächst von Efeu Kaufmann<ref>Chin. 贾芸 Jiǎ Yún, wörtl. „Efeu Kaufmann" — ein entfernter Neffe der Familie.</ref>. Während Schatzjades Krankheit hatte er mit den Dienern des Hauses Nachtwache gehalten, Tag und Nacht im Anwesen. Auch Rotjädchen<ref>Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjädchen". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.</ref> hatte zusammen mit den übrigen Mädchen bei Schatzjade Dienst getan, und so hatten sich die beiden tagelang sehen können und waren allmählich miteinander vertraut geworden. Dabei hatte Rotjädchen bemerkt, dass Efeu Kaufmann ein Taschentuch in Händen hielt, das ganz so aussah wie jenes, das sie einst verloren hatte. Sie hätte ihn gerne danach gefragt, doch das ging schlecht an.
== 蜂腰桥设言传心事 ==
 
=== 潇湘馆春困发幽情 ===
 
  
Nach dreiunddreißigtägigem Krankenlager war Bau-yü nicht nur wieder gesund und munter, sondern auch die Wunde in seinem Gesicht war verheilt, und so konnte er wieder in den Garten des Großen Anblicks ziehen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Nachdem dann der buddhistische und der daoistische Mönch erschienen waren und kein männliches Personal mehr bei Schatzjade gebraucht wurde, kehrte Efeu Kaufmann zu seiner Arbeit beim Bäumepflanzen zurück. Nun hätte Rotjädchen die Sache mit dem Taschentuch auf sich beruhen lassen können, doch ihr Herz ließ es nicht zu. Andererseits traute sie sich nicht zu fragen, aus Angst, bei anderen Verdacht zu erregen. So schwankte sie hin und her, während sich ihre Seele in Unruhe verzehrte, als sie plötzlich von draußen vor dem Fenster eine Stimme vernahm: „Schwester, bist du im Zimmer?"
Als Bau-yü krank geworden war, hatte Djia Yün mit den Sklavenjungen des Hauses bei ihm Nachtwache gehalten und hatte deswegen das Jung-guo-Anwesen Tag und Nacht nicht verlassen. Auch Hung-yü hatte mit den übrigen Sklavenmädchen zusammen bei Bau-yü Dienst getan, und so hatten sich die beiden tagelang sehen können und waren allmählich miteinander vertraut geworden. Dabei hatte Hung-yü ein Taschentuch in Djia Yüns Händen gesehen, das so aussah wie ihr eigenes, das sie verloren hatte. Sie hätte ihn gern danach gefragt, aber das ging schlecht an.
 
Nachdem dann der buddhistische und der dauistische Mönch dagewesen waren und kein männliches Personal mehr bei Bau-yü gebraucht wurde, führte Djia Yün wieder die Aufsicht beim Bäumepflanzen. Nun hätte ja Hung-yü die Sache mit dem Taschentuch auf sich beruhen lassen können, aber das brachte sie nicht über sich. Zu fragen traute sie sich auch nicht, um bei den anderen keinen Verdacht zu erregen. Während sie noch im Zweifel war, was sie tun sollte, und ihr Herz sich in Unruhe verzehrte, hörte sie plötzlich, wie draußen vor dem Fenster jemand fragte: „Bist du im Zimmer, Schwester?“
 
Hung-yü schaute hinaus und erkannte ein kleines Sklavenmädchen aus ihrem Gehöft, das auf den Namen Djia-huee hörte. Also antwortete sie: „Ja, ich bin hier. Komm herein!“
 
Djia-huee kam flink hereingelaufen, setzte sich aufs Bett und sagte strahlend: „Habe ich ein Glück! Vorhin habe ich im Hof gewaschen, da hat Bau-yü befohlen, jemand solle Tee zu Fräulein Lin bringen, und Schwester Hua hat mich geschickt. Als ich hinkam, hatte die alte gnädige Frau Fräulein Lin eben Geld geschickt, und sie verteilte es gerade an ihre Mädchen. Als sie mich sah, hat sie mir auch zwei Handvoll gegeben, ich weiß nicht einmal, wieviel es ist. Heb du es bitte für mich auf!“ Damit knüpfte sie ihr Taschentuch auf und schüttete die Münzen aufs Bett. Hung-yü zählte sie sorgsam durch und legte sie dann weg.
 
„Wie fühlst du dich eigentlich in der letzten Zeit?“ erkundigte sich Djia-huee jetzt. „Ich finde, du solltest für ein paar Tage zu dir nach Hause gehen, dich von einem Arzt untersuchen lassen und ein bißchen Medizin einnehmen, dann ist alles wieder gut.“
 
„Was redest du da?“ fragte Hung-yü. „Mir fehlt doch nichts. Wozu sollte ich nach Hause gehen?“
 
„Da fällt mir ein, Fräulein Lin ist auch schwächlich und nimmt ständig Medizin“, fuhr Djia-huee fort. „Du kannst dir also genausogut von ihr etwas geben lassen.“
 
„Unsinn!“ sagte Hung-yü. „Kann man denn mir nichts, dir nichts irgendwelche Medikamente einnehmen?“
 
„Aber so kann es mit dir auf die Dauer nicht weitergehen“, beharrte Djia-huee. „Du ißt nichts, du trinkst nichts, was soll denn aus dir werden?“
 
„Keine Bange!“ erwiderte Hung-yü. „Das beste ist, jung zu sterben, dann ist Schluß.“
 
„Wie kannst du nur so reden!“ sagte Djia-huee.
 
„Du weißt ja nicht, wie mir ums Herz ist“, entgegenete ihr Hung-yü darauf.
 
Djia-huee nickte und dachte ein Weilchen nach, dann sagte sie: „Man kann es dir nicht verübeln, wenn du meinst, du hättest hier einen schweren Stand. Gestern zum Beispiel, als die alte gnädige Frau – weil Bau-yü doch die ganze Zeit über krank war und sein Gefolge es dadurch so schwer hatte – befahl, daß jetzt, wo er wieder gesund ist und alle Gelübde erfüllt sind, ein jeder seinem Rang nach belohnt werden soll. Ich will nichts dagegen sagen, daß unsereins nicht mit bedacht wurde, denn wir gelten ja noch als klein. Aber damit, daß auch du nichts bekommen hast, kann ich mich nicht abfinden.
 
Hsi-jën mag meinetwegen die höchste Belohnung bekommen, dagegen will ich nichts sagen, das muß so sein. Denn wenn man ehrlich sein will, kann sich mit ihr keine andere messen. Ganz abgesehen davon, daß sie immer eifrig und aufmerksam ist. Selbst wenn sie das nicht wäre, könnte man auf sie nicht verzichten. Mich ärgert nur, daß auch solche wie Tjing-wën und Tji-hsiän allesamt mit zur höchsten Kategorie gehören sollen. Nur weil ihre Eltern Ansehen genießen, sind auch sie gut angeschrieben. Sag selbst, ob das ärgerlich ist oder nicht!“
 
„Was regst du dich über sie auf?“ fragte Hung-yü. „Sagt nicht das Sprich­wort: ‚Mag auch dein Festzelt tausend Li lang sein, es gibt keine Feier, die nicht zu Ende geht‘? Wer von uns bleibt schon sein Leben lang hier! In drei oder fünf Jahren geht jeder seines Weges und kümmert sich um die andern nicht mehr.“
 
Ihre Worte machten Djia-huee betroffen, und unwillkürlich bekam sie rote Augenränder. Aber weil es ihr peinlich war, einfach loszuheulen, zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Du hast ganz recht. Gestern hat Bau-yü davon gesprochen, wie er demnächst die Zimmer neu einrichten und was für Kleider er für uns machen lassen will. Das hörte sich an, als ob wir noch ein paar hundert Jahre hier auszuhalten hätten.“
 
Hung-yü lachte spöttisch und wollte eben etwas sagen, als plötzlich ein kleines Sklavenmädchen hereinkam, das sein Haar noch nicht wachsen ließ. In der Hand hielt sie ein paar Stickmuster und zwei Bogen Papier. „Hier sind Muster, die du abzeichnen sollst“, sagte sie, warf Hung-yü die Sachen hin, machte kehrt und lief wieder hinaus.
 
„Von wem ist denn das?“ rief Hung-yü ihr hinterher. „Du kannst doch nicht einfach weglaufen, ohne ordentlich mit mir gesprochen zu sagen. Wartet vielleicht jemand mit frischen Dampfbrötchen auf dich, die kalt werden könnten?“
 
„Von Schwester Tji-wën ist es“, rief das Mädchen durchs Fenster, dann warf sie die Beine in die Höhe und lief trapp, trapp! davon.
 
Ärgerlich warf Hung-yü die Stickmuster beiseite und suchte in der Schublade nach einem Pinsel. Aber so lange sie auch suchte, sie fand nur lauter abgenutzte. Darum sagte sie: „Wo habe ich neulich den neuen Pinsel gelassen? Warum fällt mir das nicht wieder ein?“ Und sie versank in Gedanken.aar noch nicht wachsen ließ. In der Hand hielt sie ein paar Stickmuster und zwei Bogen Papier. „Hier sind Muster, die du abzeichnen sollst“, sagte sie, warf Hung-yü die Sachen hin, machte kehrt und lief wieder hinaus.
 
„Von wem ist denn das?“ rief Hung-yü ihr hinterher. „Du kannst doch nicht einfach weglaufen, ohne ordentlich mit mir gesprochen zu sagen. Wartet vielleicht jemand mit frischen Dampfbrötchen auf dich, die kalt werden könnten?“
 
„Von Schwester Tji-wën ist es“, rief das Mädchen durchs Fenster, dann warf sie die Beine in die Höhe und lief trapp, trapp! davon.
 
Ärgerlich warf Hung-yü die Stickmuster beiseite und suchte in der Schublade nach einem Pinsel. Aber so lange sie auch suchte, sie fand nur lauter abgenutzte. Darum sagte sie: „Wo habe ich neulich den neuen Pinsel gelassen? Warum fällt mir das nicht wieder ein?“ Und sie versank in Gedanken. Dann lachte sie plötzlich auf und sagte: „Richtig! Ying-örl hat ihn sich neulich abend geholt.“ An Djia-huee gewandt, bat sie: „Geh du ihn mir holen!“
 
„Geh ihn selber holen! Schwester Hua wartet auf mich, ich soll Kästen für sie tragen“, erwiderte Djia-huee.
 
„Wie konntest du dann hier mit mir schwatzen, wenn sie auf dich wartet?“ fragte Hung-yü. „Hätte ich dich nicht nach dem Pinsel schicken wollen, würde sie auch nicht auf dich warten, du verdorbenes kleines Spitzbein, du!“
 
Damit ging sie hinaus, verließ den Hof der Freude am Roten und schlug den Weg zu Bau-tschais Gehöft ein. Als sie eben am Duftgetränkten Pavillon war, kam ihr Bau-yüs alte Amme Li entgegen, und sie blieb stehen, um sich lächelnd zu erkundigen: „Wohin wollt Ihr, Amme Li? Was macht Ihr hier?“
 
Amme Li blieb stehen, schlug die Hände zusammen und sagte: „Stell dir vor, jetzt hat er Gefallen an diesem Yün oder Yü gefunden, der hier Bäume pflanzt, und hat mir zugesetzt, ich solle ihn herbestellen. Wenn das morgen der gnädige Herr erfährt, gibt es wieder Ärger.“
 
„Und habt Ihr ihn wirklich herbestellt?“ fragte Hung-yü und lächelte dazu.
 
„Ja, was blieb mir denn anderes übrig!“ sagte Amme Li.
 
„Wenn er nur etwas Anstand besitzt, wird er wissen, daß er besser nicht hierher kommt“, meinte Hung-yü lächelnd.
 
„Aber er ist doch nicht dumm. Warum sollte er also nicht kommen?“ erwiderte Amme Li.
 
„Aber dann hättet Ihr ihn begleiten müssen“, hielt Hung-yü ihr vor. „Es ist doch nicht gut, wenn er allein hier herumläuft.“
 
„So viel Zeit, um mit ihm hier herumzulaufen, habe ich nicht“, sagte Amme Li. „Ich schicke ihm zur Begleitung eins von den Mädchen oder eine von den Alten, und damit Schluß!“ Und schon ging sie auf ihren Stock gestützt davon.
 
Hung-yü aber blieb stehen und hing ihren Gedanken nach, anstatt weiterzugehen und den Pinsel zu holen. Bald darauf kam ein kleines Sklavenmädchen gelaufen. Als es Hung-yü sah, machte es vor ihr halt und fragte: „Was tust du hier, Schwester Lin?“
 
Hung-yü blickte auf und erkannte in dem Mädchen, das vor ihr stand, Dschuee-örl. „Wohin willst du?“ fragte sie ihrerseits.
 
„Ich soll den jungen Herrn Yün hereinführen“, antwortete Dschuee-örl und lief mit schnellen Schritten davon.
 
Hung-yü war eben an dem Tor vor der Wespentaillenbrücke angelangt, als ihr Dschuee-örl mit Djia Yün zusammen entgegenkam. Djia Yün warf im Gehen rasch einen Blick auf Hung-yü, und unter dem Vorwand, mit Dschuee-örl sprechen zu wollen, schaute Hung-yü ihn ebenfalls an. Als ihre Blicke sich dabei trafen, wurde Hung-yü rot im Gesicht. Da wandte sie sich ab und ging in den Haselwurzpark. Aber mehr soll davon hier nicht die Rede sein.
 
Djia Yün folgte Dschuee-örl auf gewundenem Pfad in den Hof der Freude am Roten, und dort ging Dschuee-örl zunächst allein ins Haus, um ihn anzumelden, ehe sie ihn hineinführte. Als Djia Yün sich im Hof umsah, erblickte er ein paar künstliche Felsen und mehrere Bananenstauden. Unter Kiefernbäumen putzten zwei Mandschurenkraniche ihr Gefieder, und in einem Wandelgang hingen die verschiedensten Käfige mit seltenen Vögeln. Vor ihm lag ein kleiner Bau von fünf Säulenzwischenräumen Breite, dessen geschnitzte Gitter allerlei neuartige Muster zeigten. Oben hing eine Tafel mit der Aufschrift „Freude am Roten, Vergnügen am Grünen“.
 
„Deshalb also heißt es ,Hof der Freude am Roten‘, weil hier diese Schriftzeichen auf der Tafel stehen!“ dachte Djia Yün eben, da hörte er durch das Gazefenster die Worte: „Komm schnell herein! Wie habe ich dich nur monatelang vergessen können?“ Und weil er Bau-yüs Stimme erkannte, trat er schnell ins Haus. Hier leuchtete es golden und grün, und die Ornamente funkelten, aber Bau-yü war nirgends zu sehen. Als Djia Yün sich umsah, erblickte er linker Hand einen großen Ankleidespiegel, hinter dem jetzt zwei große Sklavenmädchen von fünfzehn, sechzehn Jahren hervorkamen und zu ihm sagten: „Nehmt bitte drinnen im Zimmer des jungen Herrn Platz!“
 
Djia Yün wagte nicht einmal, die beiden unverhohlen anzusehen. Er antwortete rasch: „Jawohl!“ und trat durch die Öffnung der mit grüner Gaze bespannten Trennwand ein. Hier erblickte er ein niedliches Bett mit einem lackierten Gestell, das mit Einlegearbeiten geschmückt war, und dunkelroten, mit goldenen Streublumen verzierten Vorhängen.
 
Bau-yü saß in Hauskleidung und Schuhen angelehnt auf dem Bett und hielt ein Buch in der Hand. Als er Djia Yün hereinkommen sah, warf er das Buch beiseite und stand mit lächelnder Miene vom Bett auf. Rasch trat Djia Yün näher und entbot seinen Gruß. Bau-yü bat ihn, er solle Platz nehmen, und so setzte er sich auf einen Stuhl.
 
„Seit ich dich damals traf und dir sagte, du solltest zu mir in die Bibliothek kommen, hat sich so viel ereignet, daß ich dich ganz vergessen hatte“, sagte Bau-yü lächelnd.
 
„Ich habe einfach kein Glück“, erwiderte Djia Yün, ebenfalls lächelnd. „Da hatte ich Euch einmal getroffen, und dann mußtet Ihr krank werden. Seid Ihr denn jetzt wieder ganz gesund?“
 
„Aber ja!“ versicherte Bau-yü. „Man sagte mir, daß du meinetwegen viel Mühe gehabt hast.“
 
„Das mußte doch sein“, sagte Djia Yün. „Wenn Ihr wieder gesund seid, ist das ein Glück für die ganze Familie.“ Bei diesen Worten kam ein Sklaven­mäd­chen herein und brachte Tee, den sie ihm reichte. Während Djia Yün weiter mit Bau-yü sprach, musterte er mit raschem Blick das Mädchen, das schlank gewachsen war und ein längliches Gesicht hatte. Gekleidet war sie in eine rosa Jacke mit einer schwarzen Satinweste darüber und einen Faltenrock aus weißer Seide. Es war niemand anders als Hsi-jën.
 
Als Djia Yün wegen Bau-yüs Krankheit ein paar Tage im Jung-guo-Anwesen verbrachte, hatte er sich ein Großteil der wichtigsten Personen eingeprägt, und wußte auch, daß Hsi-jën in Bau-yüs Räumen etwas anderes darstellte als die übrigen Sklavenmädchen. Als sie jetzt den Tee brachte und Bau-yü dabeisaß, stand Djia Yün rasch auf und sagte lächelnd: „Ihr braucht mir doch keinen Tee einzugießen, Schwester! Ich bin ja kein Gast bei meinem Onkel Bau-yü und kann mir den Tee selber eingießen.“
 
„Bleib doch sitzen!“ sagte Bau-yü. „Vor den Mädchen brauchst du dich nicht so anzustellen.“
 
„Auch wenn Ihr mir das sagt, Onkel, werde ich mir nicht erlauben, zu den Schwestern in Euren Räumen unhöflich zu sein“, erwiderte Djia Yün. Dann erst setzte er sich wieder hin und trank seinen Tee.
 
Bau-yü sprach mit ihm über Belanglosigkeiten und erzählte ihm, in welchen Familien es die besten Schauspieler, die schönsten Gärten, die hübschesten Sklavenmädchen und die üppigsten Festessen gab, wer die ausgefallensten Waren besaß und wer die seltensten Antiquitäten. Djia Yün antwortete ihm im gleichen Sinne, und als er nach einiger Zeit merkte, wie Bau-yü träger wurde, stand er auf und verabschiedete sich.
 
Bau-yü forderte ihn auch nicht groß zum Bleiben auf und sagte nur: „Komm ein andermal wieder, wenn du Zeit hast!“ Dann befahl er dem Sklavenmädchen Dschuee-örl, ihn wieder hinauszubegleiten.
 
Als sie den Hof der Freude am Roten verlassen hatten und Djia Yün feststellte, daß ringsum niemand zu sehen war, ging er immer langsamer, bis er schließlich ganz stehenblieb, und dann begann er, sich des langen und breiten mit Dschuee-örl zu unterhalten.
 
„Wie alt bist du?“, „Wie heißt du?“, „Was machen deine Eltern?“, „Wie lange bist du schon hier bei meinem Onkel?“, „Wieviel Geld bekommst du im Monat?“, „Wieviel Mädchen seid ihr hier insgesamt?“ fragte er zuerst.
 
Und nachdem Dschuee-örl auf alle diese Fragen geantwortet hatte, fragte er weiter: „Wer war das Mädchen, das vorhin mit dir gesprochen hat? Wird sie nicht Hsiau-hung genannt?“
 
„Ja, das war Hsiau-hung“, bestätigte Dschuee-örl. „Warum erkundigt Ihr Euch nach ihr?“
 
„Hat sie dich nicht vorhin nach einem Taschentuch gefragt?“ wollte Djia Yün wissen. „Ich habe nämlich eines gefunden.“
 
„Sie hat mich schon so oft gefragt, ob ich nicht ihr Taschentuch gesehen habe“, erzählte Dschuee-örl. „Aber habe ich vielleicht die Zeit, mich um so etwas zu kümmern? Heute fragte sie wieder danach und versprach mir sogar eine Belohnung, falls ich es finde.
 
Das war vorhin am Tor zum Haselwurzpark. Ihr habt es ja selbst gehört, junger Herr. Wenn Ihr das Taschentuch gefunden habt, lieber junger Herr, dann gebt es mir bitte! Ich will doch sehen, was sie als Belohnung dafür gibt!“
 
Nun hatte Djia Yün wirklich im vergangenen Monat, als er gekommen war, um Bäume zu pflanzen, ein Taschentuch aus dünner Seide gefunden und konnte sich denken, daß es jemand verloren hatte, der im Garten wohnte, nur wußte er nicht wer, darum hatte er nichts überstürzen wollen. Als er heute gehört hatte, wie sich Hung-yü bei Dschuee-örl danach erkundigte, und dadurch erfuhr, daß das Taschentuch ihr gehörte, war er unendlich froh. Und als ihn jetzt Dschuee-örl darum bat, stand sein Plan fest. Deshalb zog er sein eigenes Taschentuch aus dem Ärmel und sagte lächelnd zu Dschuee-örl: „Ich gebe es dir. Aber wenn du die Belohnung bekommst, darfst du sie mir nicht vorenthalten!“
 
Dschuee-örl versprach es bereitwillig und ließ sich das Taschentuch geben. Als sie Djia Yün hinausbegleitet hatte, kehrte sie zurück und machte sich auf die Suche nach Hung-yü, aber davon soll einstweilen nicht weiter die Rede sein.
 
Nachdem Bau-yü seinen Besucher verabschiedet hatte, fühlte er sich so müde, daß er sich auf dem Bett ausstreckte und einzuschlummern drohte. Da trat Hsi-jën heran, setzte sich zu ihm auf die Bettkante, stieß ihn an und sagte: „Willst du schon wieder schlafen? Wenn du so viel Langeweile hast, geh lieber draußen spazieren!“
 
Bau-yü griff nach ihrer Hand und sagte lächelnd: „Ich würde schon gehen, aber ich kann mich nicht von dir trennen!“
 
„Steh schon auf!“ sagte Hsi-jën lachend und zog ihn hoch.
 
„Aber wohin soll ich denn gehen?“ klagte Bau-yü. „Ich habe alles so satt!“
 
„Hauptsache, du gehst hinaus“, sagte Hsi-jën. „Vom Herumhocken wird es nur noch schlimmer.“
 
Lustlos gehorchte Bau-yü und trat taumelnd zur Tür hinaus. Im Wandelgang neckte er ein Weilchen die Vögel, dann verließ er das Gehöft und ging am Duftgetränkten Bach entlang, wo er ein Weilchen nach den Goldfischen schaute. Dann sah er auf einmal, wie zwei kleine Hirsche pfeilgeschwind den Hügel herabgelaufen kamen, und fragte sich, was das zu bedeuten habe. Während er sich noch darüber verwunderte, sah er, wie Djia Lan mit einem Bogen in der Hand den Hügel herabkam. Kaum daß er Bau-yü vor sich erblickt hatte, blieb er stehen und sagte lächelnd: „Ach, Ihr seid zu Hause, Onkel. Ich dachte, Ihr wäret ausgegangen.“
 
„Bist du schon wieder einmal unartig?“ schimpfte Bau-yü. „Was hast du auf die Hirsche zu schießen?“
 
„Ich habe keinen Unterricht“, erklärte Djia Lan lächelnd, „und wußte nicht, was ich machen soll, da wollte ich mich in der Jagd üben.“
 
„Du wirst noch so lange üben, bis du hinfällst und dir die Zähne ausschlägst“, sagte Bau-yü und ging weiter, wohin ihn die Füße führten, bis er vor einem Gehöft stand, wo dichter Bambus wuchs, der im Windhauch leise raschelte. Bau-yü schaute auf und erblickte über dem Tor eine Tafel mit der Inschrift „Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß“. Er schlenderte in den Hof hinein und sah, daß der Türvorhang aus Bambus bis auf die Erde hing. Überall herrschte lautlose Stille. Als er ans Fenster trat, nahm er vage einen feinen Geruch wahr, der durch die grüne Gaze drang, und als er sein Gesicht dem Fenster näherte, um hineinzusehen, hörte er auf einmal einen langen Seufzer und anschließend die Verszeile:
 
„Tag für Tag schlaf ich betäubt von Sehnsucht ein...“ Diese Worte kitzelten seine Seele, und als er bei genauerem Hinsehen Dai-yü erkannte, die sich auf dem Bett rekelte, fragte er lachend durchs Fenster: „Warum schläfst du jeden Tag betäubt von Sehnsucht ein?“ Und damit hob er den Türvorhang auf und trat ins Haus.
 
Dai-yü begriff, daß sie sich verraten hatte, und wurde unwillkürlich rot. Sie verdeckte ihr Gesicht mit dem Ärmel, drehte sich zur Wand und stellte sich schlafend. Bau-yü trat zu ihr heran und wollte schon den Arm um sie legen, aber da sah er, daß Dai-yüs alte Amme und noch zwei Sklavenfrauen mit hereingekommen waren. „Eure Kusine schläft“, sagten sie. „Kommt wieder, wenn sie wach geworden ist!“
 
Aber kaum hatten sie das gesagt, drehte Dai-yü sich herum, setzte sich auf und fragte: „Wer schläft hier?“
 
Lächelnd erklärten die Frauen: „Wir dachten, Ihr schlaft, Fräulein.“ Und schon riefen sie nach Dsï-djüan: „Das Fräulein ist wach. Komm herein, um ihr aufzuwarten!“ Damit gingen sie wieder hinaus.
 
Auf dem Bett sitzend, ordnete Dai-yü ihr Schläfenhaar und fragte Bau-yü dabei lächelnd: „Wozu schleichst du dich hier ein, während ich schlafe?“
 
Als Bau-yü sah, daß Dai-yüs Sternenaugen verschleiert und ihre duftigen Wangen rot überhaucht waren, gab das seiner Seele einen Stoß. Er nahm auf einem Stuhl Platz und fragte lächelnd: „Was hattest du da eben gesprochen?“
 
„Gar nichts habe ich gesprochen“, behauptete Dai-yü.
 
„Na, warte! Ich habe alles gehört“, sagte Bau-yü. Bei diesen Worten trat Dsï-djüan herein, und Bau-yü bat lächelnd: „Dsï-djüan, gieß mir eine Schale von eurem guten Tee ein!“
 
„Was haben wir denn für einen guten Tee?“ fragte sie. „Wenn du guten Tee willst, mußt du warten, bis Hsi-jën kommt.“
 
„Kümmer dich nicht um ihn!“ mischte sich jetzt Dai-yü ein. „Geh mir erst einmal Wasser schöpfen!“
 
„Er ist doch ein Gast“, sagte Dsï-djüan lächelnd darauf. „Natürlich gieße ich ihm erst Tee ein, ehe ich Wasser schöpfen gehe.“ Und sie ging wirklich nach Tee.
 
Da rezitierte Bau-yü lächelnd:
 
„Du liebes Mädchen, du!
 
Wenn ich mit deinem Fräulein sollt‘ das eheliche Lager teilen,
 
bist du zu gut,
 
das Bettzeug uns zu richten...“
 
Sofort blickte Dai-yü zu Boden und fragte: „Was hast du da gespro­chen?“
 
„Gar nichts habe ich gesprochen“, behauptete Bau-yü lächelnd.
 
Dai-yü aber sagte unter Tränen: „Ist das jetzt das Neueste, daß du vor mir die bäurischen Schimpfwörter wiederholst, die du draußen aufgeschnappt hast, und dich mit Ausdrücken aus verdorbenen Büchern über mich lustig machst? Dazu bin ich den Herren gerade gut genug, um ihre Langeweile an mir auszulassen!“ Damit stieg sie weinend vom Bett und ging hinaus.
 
Bau-yü wußte nicht, was er machen sollte, und ging ihr aufgeregt nach. „Liebste Kusine!“ bat er, „ich habe es verdient, auf der Stelle zu sterben. Geh es bitte niemandem sagen! Wenn ich so etwas noch einmal wage, soll mir ein Furunkel am Mund wachsen, und die Zunge soll mir verfaulen!“
 
Als er das eben sagte, trat Hsi-jën herein und forderte ihn auf: „Komm und zieh dich schnell um! Der gnädige Herr ruft nach dir.“
 
Bau-yü war wie vom Donner gerührt und hatte keinen Sinn mehr für andere Dinge. Hastig ging er sich umziehen und verließ den Garten. Als er am Innentor auf Bee-ming stieß, der dort auf ihn wartete, fragte er: „Weißt du, warum ich gerufen werde?“
 
„Macht nur schnell, Herr!“ erwiderte Bee-ming. „Hingehen müßt Ihr so oder so. Wenn Ihr dort seid, werdet Ihr es schon erfahren.“ Und er trieb ihn zur Eile an.
 
Bangen Herzens bog Bau-yü um die Haupthalle, da schlug ihm plötz­lich aus einer Ecke lautes Gelächter entgegen, und er erblickte Hsüä Pan, der lachend und in die Hände klatschend dort hervorkam und sagte: „Hätte ich nicht behauptet, der Onkel lasse dich rufen, wärst du nie so schnell hier gewesen!“ Bee-ming aber bat: „Seid mir nicht böse, Herr!“ Und schon kniete er nieder.
 
  
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Rotjädchen spähte durch die Fensterlöcher hinaus und erkannte ein kleines Mädchen aus ihrem eigenen Gehöft namens Schönorchidee [佳蕙]. Also antwortete sie: „Ja, ich bin hier. Komm nur herein!"
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Schönorchidee kam flink hereingelaufen, setzte sich aufs Bett und strahlte: „Was für ein Glück ich habe! Eben war ich gerade im Hof beim Waschen, da hat Schatzjade befohlen, Tee zu Fräulein Lin<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade Wald". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.</ref> zu bringen, und Schwester Hua hat mich damit losgeschickt. Als ich dort ankam, hatte die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Herzoginmutter, Oberhaupt der Familie Kaufmann.</ref> gerade Fräulein Lin Geld geschickt, und sie verteilte es eben an ihre Mädchen. Als sie mich sah, griff sie gleich zwei Handvoll heraus und gab sie mir – ich weiß gar nicht, wie viel es ist. Heb du es bitte für mich auf!" Damit knüpfte sie ihr Taschentuch auf und schüttete die Münzen heraus. Rotjädchen zählte sie sorgfältig durch, eine nach der anderen, und legte sie dann beiseite.
Bau-yü stand lange mit verdutztem Gesicht da, ehe er endlich begriff, daß Hsüä Pan ihn angeführt hatte, um ihn aus dem Garten zu locken. Rasch verbeugte sich Hsüä Pan mit zusammengelegten Händen vor ihm, um sich zu entschuldigen, und bat auch: „Mach dem Jungen keine Schwierigkeiten, ich war es, der ihn dazu gezwungen hat.
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Bau-yü blieb nichts weiter übrig, als zu lächeln, dann sagte er: „Daß du mich angeführt hast, macht ja weiter nichts, aber wie konntest du dich als mein Vater ausgeben? Das werde ich der Tante sagen, soll sie entscheiden, ob du das durftest oder nicht!
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Schönorchidee fragte nun: „Wie fühlst du dich eigentlich in letzter Zeit? Ich finde, du solltest für ein paar Tage nach Hause gehen, einen Arzt kommen lassen und ein wenig Medizin nehmen, dann wird es dir bald besser gehen."
„Liebster Vetter“, sagte Hsüä Pan, „ich wollte ja nur, daß du dich ein bißchen beeilst, und habe darüber ganz vergessen, daß so etwas tabu ist. Ein andermal führst du mich genauso an, dann sind wir quitt!
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„O weh“, stöhnte Bau-yü, „das wird ja immer schlimmer.Dann wandte er sich Bee-ming zu. „Was kniest du noch immer da unten, du Verräterbrut?“ fragte er.
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Rotjädchen erwiderte: „Was redest du da? Mir geht es doch gut. Wozu sollte ich nach Hause gehen?"
Rasch machte Bee-ming einen Stirnaufschlag und stand dann auf.
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„Ich hätte ja nicht gewagt, dich zu stören“, erklärte Hsüä Pan jetzt, „aber am dritten fünften habe ich Geburtstag, und der Antiquitätenhändler Tschëng Jï-hsing hat irgendwoher so dicke und so lange knackig frische Lotoswurzeln, so große Melonen, so einen langen frischen Stör und so ein großes mit feinstem Zypressenholz geräuchertes Schwein besorgt, das als Tributgabe aus Siam gekommen ist. Sag selbst, ob das nicht ein paar seltene Geschenke sind!
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Schönorchidee meinte: „Da fällt mir ein – Fräulein Lin ist doch auch von schwächlicher Konstitution und nimmt ständig Medizin. Du könntest dir ebenso gut etwas von ihr geben lassen, das käme aufs Gleiche hinaus."
Der Fisch und das Schwein sind einfach selten und teuer, aber bei den Lotoswurzeln und den Melonen fragt man sich, wie sie die wohl gezüchtet haben. Ich habe sofort meiner Mutter einiges davon verehrt und habe auch eurer alten gnädigen Frau, dem Onkel und der Tante etwas geschickt. Jetzt ist noch ein Teil übrig, aber wenn ich es allein äße, verdürbe ich wahrscheinlich mein Glück. Darum habe ich hin und her überlegt, aber außer mir bist nur du allein würdig, davon zu essen. Darum wollte ich dich einladen. Eben ist auch noch ein Sängerknabe gekommen. Also wollen wir uns einen vergnügten Tag machen, ja?
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Bei diesen Worten traten sie in Hsüä Pans Bibliothek, wo sie Dschan Guang, Tschëng Jï-hsing, Hu Sï-lai, Schan Ping-jën und den Sängerknaben vorfanden. Als diese Bau-yü hereinkommen sahen, begrüßten sie ihn und er-
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Rotjädchen schüttelte den Kopf: „Unsinn! Kann man denn einfach so irgendwelche Medizin einnehmen?"
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Schönorchidee beharrte: „Aber so kann es auf Dauer mit dir doch nicht weitergehen! Du isst kaum noch, trinkst kaum noch – wohin soll das führen?"
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Rotjädchen seufzte: „Was kümmert es mich? Es wäre besser, früh zu sterben, dann wäre wenigstens Ruhe."
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Schönorchidee rief: „Wie kannst du nur so reden! Einfach so, ohne Grund!"
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Rotjädchen entgegnete leise: „Du weißt ja nicht, was in meinem Herzen vorgeht."
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Schönorchidee nickte und dachte ein Weilchen nach. Dann sagte sie: „Man kann es dir wirklich nicht verübeln, wenn du denkst, du hättest hier einen schweren Stand. Nimm nur gestern, als die Herzoginmutter – da Schatzjade ja so viele Tage krank gewesen war – meinte, alle, die ihm während seiner Krankheit treu zur Seite gestanden hatten, sollten jetzt, da er wieder genesen und alle Gelübde erfüllt seien, ihrem Rang entsprechend belohnt werden. Dass wir nicht bedacht wurden, kann ich verstehen – wir gelten ja noch als zu jung, um mitzuzählen, und ich beschwere mich auch nicht. Aber dass auch du übergangen wurdest, das finde ich ungerecht!
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Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".</ref> mag meinetwegen die höchste Belohnung erhalten – dagegen sage ich kein Wort, das gehört sich so. Wenn man ehrlich ist, kann sich keine andere mit ihr messen. Ganz abgesehen von ihrer täglichen Gewissenhaftigkeit und Aufmerksamkeit – selbst wenn sie nicht so eifrig wäre, man könnte auf sie nicht verzichten. Was mich ärgert, ist, dass Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".</ref> und Qixia [绮霰] und ihresgleichen allesamt der höchsten Stufe zugerechnet werden, nur weil ihre Eltern Ansehen genießen und sie deshalb von allen hofiert werden. Sag selbst, ob das ärgerlich ist oder nicht!"
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Rotjädchen erwiderte: „Lohnt es sich, sich über sie aufzuregen? Sagt nicht das Sprichwort: 'Mag auch das Festzelt tausend Li lang sein – es gibt kein Gelage, das nicht zu Ende geht.' Wer von uns bleibt denn schon ein ganzes Leben lang hier? In drei oder fünf Jahren geht jede ihres Weges, und dann kümmert sich keine mehr um die andere."
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Diese beiden Sätze berührten Schönorchidees Herz so sehr, dass ihr unwillkürlich die Augen feucht wurden. Da es ihr aber peinlich war, einfach so loszuweinen, zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Du hast ganz recht. Gestern erst hat Schatzjade davon geredet, wie er demnächst die Zimmer neu einrichten und welche Kleider er anfertigen lassen will – als hätten wir noch ein paar hundert Jahre hier auszuhalten."
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Rotjädchen hörte es und lachte kalt, zwei kurze, spöttische Lacher. Gerade wollte sie etwas sagen, als ein kleines Mädchen hereingelaufen kam, das sein Haar noch nicht aufgesteckt trug. In der Hand hielt es einige Stickmuster und zwei Bogen Papier. „Hier sind zwei Muster, die sollst du abzeichnen", sagte das Mädchen, warf Rotjädchen die Sachen hin, drehte sich um und rannte davon.
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Rotjädchen rief ihr nach: „Von wem sind die denn? Man kann doch nicht einfach davonlaufen, ohne ordentlich Bescheid zu sagen! Wartet jemand mit frischen Dampfbrötchen auf dich, die kalt werden könnten?"
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Das kleine Mädchen rief von draußen durchs Fenster nur noch: „Von Schwester Qi!" Und schon trappelte es mit schnellen Schritten davon.
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Verärgert warf Rotjädchen die Stickmuster beiseite und suchte in der Schublade nach einem Pinsel. Doch wie lange sie auch suchte, sie fand nur abgenutzte. „Wo habe ich neulich den neuen Pinsel hingelegt?" murmelte sie. „Warum fällt mir das nicht mehr ein?" Dabei versank sie in Nachdenken. Nach einer Weile lachte sie plötzlich auf: „Ach ja, richtig! Neulich abends hat sich Yinger [莺儿] ihn geholt." Dann wandte sie sich an Schönorchidee: „Geh du ihn mir holen!"
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Schönorchidee wehrte ab: „Schwester Hua wartet doch auf mich, ich soll ihr einen Kasten tragen. Geh ihn dir lieber selbst holen!"
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Rotjädchen hielt dagegen: „Wenn sie auf dich wartet, wieso sitzt du dann hier und schwatzt? Hätte ich dich nicht zum Pinselholen schicken wollen, würde sie auch nicht auf dich warten. Du verdorbenes kleines Spitzbein!" Damit stand sie auf, verließ das Zimmer, trat aus dem Hof der Roten Freude [怡红院] und schlug den Weg zu Schatzspanges<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatzspange Schnee". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.</ref> Gehöft ein.
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Gerade war sie am Pavillon am Duftgetränkten Quell [沁芳亭] angelangt, als ihr Schatzjades alte Amme Li von der anderen Seite entgegenkam. Rotjädchen blieb stehen und fragte lächelnd: „Amme Li, wohin des Weges? Was verschlägt Euch hierher?"
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Amme Li blieb stehen, klatschte die Hände zusammen und sagte: „Stell dir vor! Jetzt hat er sich in den da verschaut, der die Bäume pflanzt, diesen Wolken- oder Regenjungen, und hat mir zugesetzt, ich solle ihn herbeordern. Wenn das morgen die Herrschaften oben erfahren, gibt es wieder Ärger!"
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Rotjädchen lächelte: „Habt Ihr wirklich zugestimmt und ihn holen lassen?"
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Amme Li seufzte: „Was blieb mir denn anderes übrig?"
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Rotjädchen meinte: „Wenn der Betreffende wüsste, was sich gehört, würde er erst gar nicht herkommen."
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Amme Li entgegnete: „Er ist doch nicht dumm. Warum sollte er nicht kommen?"
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Rotjädchen gab zu bedenken: „Dann hättet Ihr ihn wenigstens begleiten sollen. Wenn er allein hier herumläuft, ist das doch nicht schicklich."
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Amme Li winkte ab: „Hab ich etwa die Muße, mit ihm herumzulaufen? Ich habe es ihm ausrichten lassen, und dann kann ihn ja eines der kleinen Mädchen oder eine der älteren Frauen hereinführen – das reicht!" Sprach's, stützte sich auf ihren Stock und ging davon.
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Rotjädchen blieb stehen und hing ihren Gedanken nach, ohne daran zu denken, den Pinsel zu holen.
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Nach kurzer Zeit kam ein kleines Mädchen angelaufen. Als es Rotjädchen dort stehen sah, fragte es: „Schwester Lin, was machst du hier?"
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Rotjädchen blickte auf und erkannte das kleine Mädchen Anhänger [坠儿]. „Wohin willst du?" fragte sie.
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Anhänger antwortete: „Ich soll den zweiten jungen Herrn Duft hereinführen." Und schon lief sie in großen Schritten davon.
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Rotjädchen war eben an das Tor vor der Wespentaillenbrücke [蜂腰桥] gelangt, als ihr auf der anderen Seite Anhänger mit Efeu Kaufmann entgegenkam. Efeu Kaufmann ließ im Gehen seinen Blick über Rotjädchen gleiten, und auch Rotjädchen, unter dem Vorwand, mit Anhänger zu sprechen, warf einen verstohlenen Blick auf Efeu Kaufmann. Als sich ihre vier Augen trafen, wurde Rotjädchen unwillkürlich rot im Gesicht, wandte sich ab und ging zum Haselwurzpark [蘅芜苑]. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Efeu Kaufmann folgte Anhänger auf verschlungenen Pfaden zum Hof der Roten Freude. Anhänger ging zunächst allein hinein, um ihn anzumelden, und führte ihn dann erst herein. Als Efeu Kaufmann sich im Hof umschaute, erblickte er einige kunstvoll gesetzte Felsen und Bananenstauden. Dort drüben putzten zwei Mandschurenkraniche unter Kieferbäumen ihr Gefieder, und entlang des Wandelgangs hingen die verschiedensten Käfige mit allerlei seltenen und wundersamen Vögeln. Vor ihm erhob sich ein zierlicher Bau von fünf Säulenzwischenräumen, dessen geschnitzte Gitter neuartige Blumenmuster zeigten. Darüber hing eine Tafel mit vier großen Schriftzeichen: „Freude am Roten, Vergnügen am Grünen" [怡红快绿].
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Efeu Kaufmann dachte: „Daher also der Name 'Hof der Roten Freude' – nach diesen Schriftzeichen auf der Tafel!" Während er noch sann, hörte er von drinnen durch das Gazefenster eine lachende Stimme: „Komm schnell herein! Wie konnte ich dich nur zwei, drei Monate lang vergessen!"
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Da er Schatzjades Stimme erkannte, trat Efeu Kaufmann eilig ins Haus. Er blickte empor und sah nur Gold und Grün funkeln, glänzende Zierrate allenthalben, doch von Schatzjade keine Spur. Als er sich umwandte, erblickte er linker Hand einen großen Ganzkörperspiegel, hinter dem nun zwei gleich große Mädchen von fünfzehn, sechzehn Jahren hervortraten und sprachen: „Bitte, nehmt drinnen im Zimmer des zweiten jungen Herrn Platz!"
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Efeu Kaufmann wagte kaum, sie unverhohlen anzusehen, und antwortete rasch. Er trat durch eine weitere, mit grüner Gaze bespannte Trennwand und erblickte ein niedliches kleines Bett mit lackiertem Rahmen, über dem ein großer, dunkelroter, mit Goldbrokat und Streublumen verzierter Vorhang hing.
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Schatzjade saß in Hauskleidung, die Schuhe nur halb angezogen, an das Bett gelehnt und hielt ein Buch in der Hand. Als er Efeu Kaufmann hereinkommen sah, warf er das Buch beiseite, und schon stand er mit strahlendem Lächeln auf. Efeu Kaufmann trat rasch vor und verneigte sich zur Begrüßung. Schatzjade bat ihn, sich zu setzen, und so nahm er auf einem Stuhl unterhalb Platz.
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Schatzjade sprach lächelnd: „Seit ich dich damals traf und dir sagte, du solltest mich in der Bibliothek besuchen, hat sich so vieles ereignet, eines nach dem anderen, dass ich dich völlig vergessen habe."
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Efeu Kaufmann erwiderte lächelnd: „Es ist eben mein mangelndes Glück. Gerade erst hatte ich Euch getroffen, und schon musstet Ihr erkranken. Seid Ihr denn jetzt vollständig genesen, Onkel?"
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Schatzjade versicherte: „Vollkommen. Man hat mir erzählt, dass du meinetwegen viele Tage lang Mühe hattest."
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Efeu Kaufmann sagte: „Das war doch nur meine Pflicht. Dass Ihr wieder gesund seid, Onkel, ist ein Glück für unsere ganze Familie."
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Während er sprach, kam ein Mädchen mit Tee herein und reichte ihm eine Schale. Efeu Kaufmann unterhielt sich mit Schatzjade, ließ seinen Blick dabei aber verstohlen über das Mädchen gleiten: eine schlanke Gestalt, ein längliches Gesicht, gekleidet in eine silberrosa Jacke mit einer Weste aus schwarzem Satin darüber und einen weißen Seidenrock mit feinen Falten. Es war niemand anders als Dufthauch.
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Seit er während Schatzjades Krankheit ein paar Tage im Anwesen zugebracht hatte, kannte Efeu Kaufmann die wichtigsten Personen dort zur Hälfte. Er wusste auch, dass Dufthauch in Schatzjades Gemächern eine andere Stellung einnahm als die übrigen Mädchen. Als sie nun den Tee brachte und Schatzjade danebensaß, stand Efeu Kaufmann rasch auf und sagte lächelnd: „Wie könnt Ihr mir Tee eingießen, Schwester! Wenn ich zu meinem Onkel komme, bin ich doch kein Gast – erlaubt mir, ihn mir selbst einzuschenken!"
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Schatzjade sagte: „Bleib nur sitzen. Vor den Mädchen brauchst du dich nicht so zu zieren."
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Efeu Kaufmann erwiderte lächelnd: „Auch wenn Ihr das sagt, Onkel – wie könnte ich es wagen, mich vor den Schwestern in Euren Gemächern unhöflich zu benehmen!" Dann erst setzte er sich wieder und trank seinen Tee.
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Schatzjade plauderte mit ihm über allerlei Belanglosigkeiten – welche Familie die besten Schauspieler habe, welche den schönsten Garten, und erzählte ihm, wessen Mädchen am hübschesten seien, wessen Festessen am üppigsten, wer die ausgefallensten Raritäten und wer die seltensten Kostbarkeiten besitze. Efeu Kaufmann pflichtete ihm in allem bei, doch nach einer Weile bemerkte er, dass Schatzjade allmählich träge wurde. So stand er auf und verabschiedete sich. Schatzjade hielt ihn nicht weiter zurück und sagte nur: „Komm ein andermal wieder, wenn du Muße hast." Dann befahl er dem kleinen Mädchen Anhänger, ihn hinauszubegleiten.
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Als sie den Hof der Roten Freude verlassen hatten und Efeu Kaufmann sich umblickte, war ringsum kein Mensch zu sehen. So verlangsamte er seine Schritte immer mehr und begann, sich des Langen und Breiten mit Anhänger zu unterhalten. Zunächst fragte er: „Wie alt bist du? Wie heißt du? Was machen deine Eltern? Wie lange dienst du schon in Onkel Schatzjades Gemächern? Wie viel Geld bekommst du im Monat? Wie viele Mädchen gibt es insgesamt bei Onkel Schatzjade?"
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Anhänger beantwortete ihm bereitwillig alles, Punkt für Punkt. Dann fragte Efeu Kaufmann weiter: „Die da vorhin mit dir gesprochen hat – heißt sie etwa Kleine Rote [小红]?"
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Anhänger lachte: „Ja, sie heißt Kleine Rote. Warum fragt Ihr nach ihr?"
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Efeu Kaufmann sagte: „Vorhin hat sie dich nach einem Taschentuch gefragt. Ich habe tatsächlich eines aufgelesen."
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Anhänger hörte es und lachte: „Sie hat mich schon so viele Male gefragt, ob ich ihr Taschentuch gesehen hätte. Als ob ich die Muße hätte, mich um solche Dinge zu kümmern! Heute fragte sie wieder und sagte, wenn ich es für sie fände, wolle sie sich bei mir bedanken. Gerade eben, vor dem Tor zum Haselwurzpark, hat sie es gesagt – Ihr habt es doch selbst gehört, junger Herr, ich lüge nicht. Lieber junger Herr, wenn Ihr es gefunden habt, dann gebt es mir! Ich bin neugierig, womit sie sich bei mir bedanken wird."
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Nun hatte Efeu Kaufmann im vergangenen Monat, als er hereingekommen war, um Bäume zu pflanzen, tatsächlich ein Seidentuch aufgelesen. Er vermutete, dass es jemandem gehören musste, der im Garten wohnte, wusste aber nicht, wem, und hatte daher nichts überstürzt. Als er heute gehört hatte, wie Rotjädchen Anhänger danach fragte, und dadurch erfuhr, dass es Rotjädchens Tuch war, hüpfte sein Herz vor Freude. Und als nun Anhänger ihn darum bat, stand sein Entschluss bereits fest. Er zog aus seinem Ärmel sein eigenes Taschentuch hervor und sprach lächelnd zu Anhänger: „Ich gebe es dir. Aber wenn du ihre Belohnung erhältst, darfst du sie mir nicht vorenthalten!"
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Anhänger versprach es bereitwillig und nahm das Taschentuch entgegen. Sie begleitete Efeu Kaufmann hinaus und kehrte dann zurück, um Rotjädchen zu suchen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Sprechen wir nun davon, wie Schatzjade, nachdem er Efeu Kaufmann verabschiedet hatte, sich träge und lustlos auf das Bett fallen ließ und in einen halbwachen Schlummer zu gleiten drohte. Da trat Dufthauch heran, setzte sich auf die Bettkante und schob ihn an: „Was, du willst schon wieder schlafen? Dir ist langweilig – warum gehst du nicht hinaus und machst einen Spaziergang?"
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Schatzjade ergriff ihre Hand und sagte lächelnd: „Ich würde schon gehen, aber ich kann mich nicht von dir trennen."
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Dufthauch lachte: „Steh endlich auf!" Und schon zog sie ihn hoch.
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Schatzjade klagte: „Aber wohin soll ich denn gehen? Es ist alles so öde und langweilig."
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Dufthauch sagte: „Wenn du erst draußen bist, wird es schon besser. Je länger du hier so dahindämmerst, desto bedrückter wird dein Gemüt."
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Lustlos gehorchte Schatzjade und schlurfte zur Tür hinaus. Im Wandelgang neckte er eine Weile die Vögel, dann verließ er den Hof und schlenderte am Duftgetränkten Bach entlang, wo er eine Weile die Goldfische betrachtete. Plötzlich sah er, wie zwei kleine Hirsche pfeilschnell den Berghang herabgerannt kamen. Er konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte, und wunderte sich noch, da sah er schon Orchidee Kaufmann<ref>Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann", der junge Sohn der Witwe Seidenweiß Pflaume.</ref> mit einem kleinen Bogen in der Hand hinter ihnen herjagen. Kaum erblickte er Schatzjade, blieb er stehen und rief lächelnd: „Seid Ihr zu Hause, zweiter Onkel? Ich dachte, Ihr wäret ausgegangen!"
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Schatzjade schalt: „Bist du schon wieder unartig? Was schießt du auf die armen Hirsche?"
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Orchidee Kaufmann lachte: „Ich habe gerade keinen Unterricht. Was soll ich sonst tun, wenn ich nichts zu lernen habe? Da übe ich eben Reiten und Bogenschießen."
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Schatzjade meinte: „Pass auf, dass du dir nicht die Zähne ausschlägst! Dann wirst du schon aufhören zu üben."
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Schatzjade ging weiter, wohin ihn seine Schritte trugen, und gelangte vor ein Gehöft, wo dichter Bambus wie Phönixschwänze emporragte und der Wind leise wie ein Drachensummen durch die schlanken Halme strich. Er blickte empor zum Tor und las die Inschrift auf der Tafel: „Xiaoxiang-Bambushain<ref>Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn. Kajaljades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss und seinen Bambustränen-Legenden.</ref>" [潇湘馆]. Er schlenderte hinein und sah, wie der Bambusvorhang bis zum Boden herabhing. Lautlose Stille herrschte, kein Menschenlaut war zu vernehmen. Als er ans Fenster trat, nahm er einen zarten, verborgenen Duft wahr, der durch die grüne Gaze heraussickerte. Er presste sein Gesicht an das Gazefenster und spähte hinein, da vernahm sein Ohr einen feinen, langen Seufzer, gefolgt von den leise gesprochenen Worten:
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„Tag für Tag von Liebessehnsucht müd und schlaftrunken ..." [Anm.: Zitat aus dem Stück „Die Päonienlauben" (牡丹亭) von Tang Xianzu, Szene „Traumsuche" (寻梦). Die Zeile drückt Frühlingsschwermut und Liebessehnsucht aus.]
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Schatzjade hörte es, und sein Herz begann zu kribbeln. Als er genauer hinsah, erkannte er Kajaljade, die sich auf dem Bett räkelte und streckte. Lachend rief er durchs Fenster: „Warum bist auch du 'Tag für Tag von Liebessehnsucht müd und schlaftrunken'?" Und damit schob er den Vorhang beiseite und trat ein.
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Kajaljade erschrak über ihre eigene Unbesonnenheit, wurde unwillkürlich rot, bedeckte ihr Gesicht mit dem Ärmel, drehte sich zur Wand und tat, als schliefe sie. Schatzjade trat zu ihr und wollte sie gerade sanft zu sich drehen, da kamen Kajaljades alte Amme und zwei ältere Frauen hinterher herein und sagten: „Das Fräulein schläft. Kommt wieder, wenn sie aufgewacht ist!"
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Kaum hatten sie das gesagt, setzte sich Kajaljade auf und lachte: „Wer schläft denn hier?"
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Die zwei, drei Frauen sahen, dass Kajaljade aufgestanden war, und sagten lächelnd: „Wir dachten, Ihr schlaft, Fräulein." Dann riefen sie nach Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".</ref>: „Das Fräulein ist wach, komm herein und warte ihr auf!" Damit gingen sie hinaus.
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Kajaljade saß auf dem Bett, ordnete mit einer Hand ihr Schläfenhaar und fragte Schatzjade lächelnd: „Wozu kommst du herein, während andere schlafen?"
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Als Schatzjade ihre Sternenaugen halb verschleiert und ihre duftenden Wangen zart gerötet sah, gab es seinem Herzen einen Stoß. Er ließ sich schräg auf einen Stuhl sinken und fragte lächelnd: „Was hast du gerade eben gesagt?"
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Kajaljade erwiderte: „Ich habe nichts gesagt."
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Schatzjade lachte: „Warte nur, du bekommst eine Kopfnuss von mir! Ich habe alles gehört."
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Während die beiden noch redeten, trat Purpurkuckuck herein. Schatzjade bat lächelnd: „Purpurkuckuck, gieß mir doch eine Schale von eurem guten Tee ein!"
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Purpurkuckuck erwiderte: „Was sollen wir schon für guten Tee haben? Wenn Ihr guten Tee wollt, müsst Ihr warten, bis Dufthauch kommt."
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Kajaljade mischte sich ein: „Kümmere dich nicht um ihn! Geh mir erst einmal Wasser schöpfen!"
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Purpurkuckuck lachte: „Er ist doch ein Gast. Natürlich gieße ich ihm erst Tee ein, ehe ich Wasser schöpfen gehe." Damit ging sie, um Tee zu holen.
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Schatzjade rezitierte lächelnd:
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„Du liebes Mädchen, du!
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Wenn ich mit deinem schönen Fräulein unter dem Liebesvorhang läge,
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wie könntest du es über dich bringen, die Betten zu richten?" [Anm.: Zitat aus dem Drama „Das Westzimmer" (西厢记), in dem der junge Gelehrte Zhang Sheng zur Dienerin Hongniang spricht.]
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Kajaljade ließ sofort die Miene erstarren und sagte: „Zweiter Bruder, was hast du da gesagt?"
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Schatzjade beteuerte lächelnd: „Ich habe doch gar nichts gesagt!"
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Da brach Kajaljade in Tränen aus: „Ist das jetzt die neueste Mode, dass du draußen ordinäre Reden aufschnappst und sie mir ins Gesicht sagst? Dass du verdorbene Bücher liest und dich dann über mich lustig machst? Dazu bin ich den Herren wohl gerade gut genug – um ihre Langeweile an mir auszulassen!" Weinend stieg sie vom Bett und wollte hinausgehen.
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Schatzjade wusste nicht, was er tun sollte, Panik ergriff sein Herz, und er eilte ihr nach: „Liebste Schwester, ich habe es verdient, auf der Stelle zu sterben! Bitte, sag es niemandem! Wenn ich so etwas je wieder wage, soll mir ein Furunkel am Mund wachsen und die Zunge verfaulen!"
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Gerade als er noch sprach, kam Dufthauch herein und sagte: „Schnell, komm zurück und zieh dich um! Der gnädige Herr<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann".</ref> ruft nach dir!"
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Als Schatzjade das hörte, traf es ihn wie ein Donnerschlag. Ohne an etwas anderes zu denken, rannte er zurück, zog sich hastig um und eilte aus dem Garten. Am Innentor wartete bereits Beiming [焙茗] auf ihn. Schatzjade fragte: „Was ist los?"
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Beiming drängte: „Beeilt Euch nur, junger Herr! Hingehen müsst Ihr so oder so. Dort erfahrt Ihr alles." Und er trieb Schatzjade zur Eile an.
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Als Schatzjade um die große Halle bog, das Herz noch immer voller Bangen, ertönte plötzlich aus dem Mauerwinkel schallendes Gelächter. Er drehte sich um und sah Becken Schnee<ref>Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Schatzspanges älterer Bruder.</ref>, der klatschend und springend hervorkam und lachte: „Hätte ich nicht gesagt, der Onkel ruft nach dir, wärst du niemals so schnell herausgekommen!" Auch Beiming kniete lachend nieder.
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Schatzjade starrte lange verblüfft, bis er endlich begriff, dass Becken Schnee ihn nur aus dem Garten hatte locken wollen. Eilig verbeugte sich Becken Schnee mit zusammengelegten Händen, um sich zu entschuldigen, und bat: „Macht dem Jungen keine Schwierigkeiten, ich war es, der ihn dazu gezwungen hat."
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Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als zu lächeln, und sagte: „Dass du mich zum Narren hältst, sei noch dahingestellt. Aber wie konntest du dich als meinen Vater ausgeben? Das werde ich der Tante erzählen und sie urteilen lassen, ob man das tun darf!"
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Becken Schnee rief: „Liebster Bruder, ich wollte doch nur, dass du dich ein wenig beeilst, und habe dabei ganz vergessen, dass so etwas tabu ist. Ein andermal darfst du mich genauso anführen, dann sind wir quitt!"
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Schatzjade stöhnte: „O weh! Das wird ja immer schlimmer." Dann wandte er sich an Beiming: „Was kniest du Verräter noch da unten? Steh auf!"
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Beiming machte eilig einen Kotau und stand auf.
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Becken Schnee erklärte nun: „Ich hätte dich ja nicht gestört, aber am dritten Tag des fünften Monats ist mein Geburtstag, und der Antiquitätenhändler Cheng Rixing [程日兴] hat, wer weiß woher, so dicke und so lange, knackig-frische Lotosknollen aufgetrieben, dazu so riesige Wassermelonen, einen so langen, frischen Stör und ein so gewaltiges, mit feinstem Zypressenholzweihrauch geräuchertes Schwein, das als Tributgabe aus Siam [暹罗] gekommen war. Sag selbst, sind das nicht seltene Gaben? Der Fisch und das Schwein sind einfach teuer und schwer zu bekommen, aber bei den Lotosknollen und den Melonen fragt man sich, wie er sie nur herangezogen hat! Ich habe meiner Mutter sogleich etwas davon verehrt und auch eurer Herzoginmutter, dem Onkel und der Tante eilends etwas geschickt. Vom Rest, den ich aufhob, wollte ich selbst essen, doch fürchtete ich, mein Glück zu verspielen. Ich habe hin und her überlegt: Außer mir bist nur du allein würdig, davon zu kosten. Darum habe ich dich eigens eingeladen. Und zufällig ist eben auch noch ein Sängerknabe gekommen. Also wollen wir uns zusammen einen vergnügten Tag machen, was meinst du?"
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Bei diesen Worten gelangten sie in Becken Schnees Bibliothek. Dort saßen bereits Zhan Guang [詹光], Cheng Rixing, Hu Silai [胡斯来], Shan Pingren [单聘仁] und der Sängerknabe. Als sie Schatzjade eintreten sahen, begrüßten sie ihn mit Verneigungen und Höflichkeitsbezeugungen. Man tauschte Grüße, trank Tee, und dann befahl Becken Schnee, den Wein aufzutragen. Kaum hatte er es ausgesprochen, begannen die Diener eifrig, den Tisch herzurichten, und nach einer Weile war alles bereit, und man nahm Platz. Schatzjade überzeugte sich, dass die Melonen und Lotosknollen tatsächlich von seltener Güte waren, und sprach lächelnd: „Meine Geburtstagsgeschenke habe ich dir noch nicht geschickt, und du bewirtest mich schon!"
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Becken Schnee erwiderte: „Ja wirklich! Was gedenkst du mir denn morgen zu schenken?"
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Schatzjade sagte: „Was kann ich dir schon schenken? Silber und Gold, Essen und Kleider – das alles gehört ja gar nicht mir. Nur was ich selbst mit dem Pinsel schreibe oder male, das allein ist wirklich von mir."
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Becken Schnee lachte: „Da du gerade vom Malen sprichst, fällt mir etwas ein. Gestern habe ich bei jemandem ein Frühlingsbild gesehen [Anm.: ein erotisches Bild], das wirklich vorzüglich gemalt war. Es standen auch viele Schriftzeichen darauf, die ich mir nicht näher angesehen habe, aber die Signatur lautete 'Geng Huang' [庚黄]. Ein wahrhaft großartiges Bild!"
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Schatzjade überlegte verwundert: „Ich habe doch schon allerhand alte und neue Kalligraphien und Gemälde gesehen – einen 'Geng Huang' gibt es nicht!" Er sann eine Weile nach, lachte dann plötzlich auf, ließ sich einen Pinsel bringen und schrieb zwei Schriftzeichen auf seinen Handteller. Dann fragte er Becken Schnee: „Bist du dir sicher, dass dort 'Geng Huang' stand?"
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Becken Schnee sagte: „Natürlich! Wie sollte ich mich da irren?"
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Schatzjade öffnete die Hand und zeigte ihm die Zeichen: „Waren es nicht vielleicht diese hier? Die Ähnlichkeit mit 'Geng Huang' ist in der Tat groß."
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Alle schauten hin und lasen: „Tang Yin" [唐寅]. Lachend sagten sie: „Das werden sie wohl gewesen sein – der hohe Herr hat sich wohl einen Augenblick lang versehen."
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Becken Schnee fühlte sich beschämt und sagte unwillig: „Wer kennt sich schon aus, ob das 'Bonbonsilber' oder 'Obstsilber' heißt!" [Anm.: Wortspiel – 唐 tang klingt wie 糖 „Zucker", 寅 yin wie 银 „Silber"]
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Gerade als man noch darüber sprach, meldete ein Diener: „Der junge Herr Feng ist da!" Schatzjade wusste sofort, dass es Feng Ziying<ref>Chin. 冯紫英 Féng Zǐyīng, Sohn des Generals Feng Tang.</ref> sein musste, der Sohn des Generals Feng Tang von der Shenwu-Garnison.
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„Schnell hereinbitten!" riefen Becken Schnee und die übrigen wie aus einem Munde. Und noch ehe sie zu Ende gesprochen hatten, kam Feng Ziying auch schon lachend und plaudernd herein. Alle standen auf und baten ihn, Platz zu nehmen.
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Feng Ziying lachte: „Nicht übel! Statt auszugehen, macht ihr es euch fein zu Hause bequem!"
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Schatzjade und Becken Schnee erwiderten lächelnd: „Wir haben uns lange nicht gesehen. Ist der Herr Vater wohlauf?"
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Feng Ziying antwortete: „Meinem Vater geht es, Gott sei Dank, gut. Nur meine Mutter hat sich vor ein paar Tagen erkältet und war zwei Tage lang unwohl."
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Becken Schnee hatte einige blaue Flecke in Feng Ziyings Gesicht entdeckt und erkundigte sich lächelnd: „Mit wem hast du dich denn wieder geprügelt? Du hast ja ein richtiges Aushängeschild im Gesicht!"
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Feng Ziying lachte: „Seit ich damals bei der Schlägerei den Sohn von Oberst Qiu verletzt habe, habe ich mir geschworen, mich nicht mehr aufzubrausen. Warum also sollte ich mich geprügelt haben? Nein, das war neulich auf der Jagd. In den Eisennetzbergen [铁网山] hat mir ein Jagdfalke einen Hieb mit dem Flügel versetzt."
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Schatzjade fragte: „Wann war das denn?"
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Feng Ziying sagte: „Am achtundzwanzigsten des dritten Monats bin ich aufgebrochen, und vorgestern war ich zurück."
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Schatzjade meinte: „Dann ist es kein Wunder, dass ich dich am dritten oder vierten vorigen Monats nicht gesehen habe, als ich bei Shen zu Gast war. Ich wollte noch nach dir fragen, habe es dann aber irgendwie vergessen. Warst du allein, oder war dein Herr Vater auch mit?"
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Feng Ziying erwiderte: „Weil mein Vater auf die Jagd wollte, blieb mir ja nichts anderes übrig, als mitzugehen! Meinst du, ich wäre verrückt geworden? Lieber trinke ich hier mit euch und höre Lieder, statt mir diese Strapazen aufzuladen. Doch diesmal hatte ich großes Glück im Unglück."
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Da Becken Schnee und die Übrigen sahen, dass Feng Ziying seinen Tee ausgetrunken hatte, drängten sie: „Setz dich erst einmal zu uns an den Tisch und erzähle in aller Ruhe!"
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Doch Feng Ziying stand auf und sagte: „Eigentlich müsste ich wirklich ein paar Becher mit euch trinken, aber heute habe ich eine äußerst dringende Angelegenheit und muss meinem Vater noch persönlich Bericht erstatten, wenn ich zurückkomme. Ich wage es wirklich nicht, eure Einladung anzunehmen."
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Becken Schnee, Schatzjade und die anderen ließen sich das natürlich nicht bieten und hielten ihn mit aller Kraft fest. Feng Ziying lachte: „Das ist doch seltsam! Wir kennen uns nun schon so viele Jahre – wann hat es das zwischen uns jemals gegeben? Es ist mir wirklich nicht möglich. Aber wenn ihr darauf besteht, dann holt einen großen Becher, den ich zweimal leeren will – und dann muss ich gehen."
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Die anderen gaben sich widerwillig zufrieden. Becken Schnee führte die Kanne, Schatzjade hielt den Becher, und zweimal wurde der große Humpen randvoll gefüllt. Feng Ziying leerte ihn beide Male im Stehen in einem Zug.
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Schatzjade bat: „Aber erzähl uns wenigstens, was es mit dem 'Glück im Unglück' auf sich hat, bevor du gehst!"
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Feng Ziying lachte: „Wenn ich es jetzt erzähle, wird es nicht spannend genug. Ich werde euch eigens dazu einladen und alles in Ruhe berichten. Außerdem gibt es dann noch eine Bitte, die ich an euch habe." Damit ergriff er ihre Hände zum Abschied und ging.
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Becken Schnee rief ihm nach: „Jetzt hast du uns erst recht neugierig gemacht! Wann wirst du uns einladen? Sag es uns wenigstens, damit wir nicht im Ungewissen bleiben!"
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Feng Ziying antwortete: „Höchstens zehn Tage, mindestens acht." Damit ging er hinaus, stieg aufs Pferd und ritt davon.
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Die Zurückgebliebenen kehrten an den Tisch zurück und tranken noch eine Weile, ehe sie auseinandergingen.
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Als Schatzjade in den Garten zurückkam, hatte Dufthauch die ganze Zeit bangen Herzens auf ihn gewartet und sich gefragt, ob es Glück oder Unglück bedeute, dass Aufrecht Kaufmann ihn zu sich gerufen hatte. Als sie ihn nun angeheitert zurückkommen sah, fragte sie nach dem Hergang, und Schatzjade erzählte ihr alles der Reihe nach.
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Dufthauch warf ihm vor: „Hier sitzt man vor Angst wie auf glühenden Kohlen, und du amüsierst dich nach Herzenslust! Hättest du wenigstens jemanden mit einer Nachricht hergeschickt!"
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Schatzjade versicherte: „Das wollte ich ja. Aber als der junge Feng kam, habe ich es in dem Durcheinander ganz vergessen."
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Gerade als er noch sprach, trat Schatzspange lächelnd herein und sagte: „Die schönen Sachen habt ihr uns alle weggegessen!"
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Schatzjade erwiderte lächelnd: „Die kamen doch aus dem Hause der Schwester – da wurden natürlich zuerst wir bedacht!"
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Schatzspange schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Gestern hat mein Bruder mich eigens eingeladen, davon zu kosten, aber ich habe nichts gegessen und ihm gesagt, er solle es aufheben und Gäste einladen oder es verschenken. Ich weiß ja, dass mir ein kümmerliches Geschick bestimmt ist und es mir nicht gebührt, solche guten Dinge zu essen."
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Ein Mädchen brachte Tee, und sie plauderten beim Teetrinken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Wenden wir uns nun Kajaljade zu. Als sie gehört hatte, dass Aufrecht Kaufmann nach Schatzjade geschickt habe und dieser den ganzen Tag nicht zurückgekehrt war, hatte auch sie sich Sorgen um ihn gemacht. Nach dem Abendessen vernahm sie, Schatzjade sei zurück, und so trieb es sie, ihn aufzusuchen und zu erfahren, was vorgefallen war. Langsamen Schrittes ging sie hinüber. Da sah sie, wie Schatzspange eben in Schatzjades Hof verschwand. Also folgte sie ihr.
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Gerade an der Brücke am Duftgetränkten Quell [沁芳桥] angelangt, erblickte sie allerlei Wasservögel, die im Teich badeten. Sie konnte die einzelnen Arten nicht unterscheiden, sah nur, dass ein jeder bunt schillernde Federn trug und wunderbar anzusehen war. So blieb sie stehen und betrachtete sie eine Weile. Als sie dann zum Hof der Roten Freude weiterging, fand sie das Hoftor verschlossen. Sie klopfte mit der Hand dagegen.
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Nun hatten sich Heitermuster und Bihen [碧痕] gerade gestritten, und Heitermuster war übelster Laune. Als dann Schatzspange erschienen war, hatte Heitermuster ihren Ärger auf sie übertragen und im Hof geschimpft: „Ob was ist oder nicht, sie kommt einfach anmarschiert und sitzt herum, und wir kommen dann bis tief in die Nacht nicht zum Schlafen!"
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Als nun plötzlich wieder jemand ans Tor klopfte, steigerte das Heitermusters Zorn nur noch mehr. Ohne zu fragen, wer es sei, rief sie: „Es sind schon alle schlafen gegangen! Kommt morgen wieder!"
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Kajaljade kannte die Art der Mädchen und wusste, wie gern sie einander zum Narren hielten. Sie glaubte, das Mädchen im Hof habe ihre Stimme nicht erkannt und sie für eine andere Dienstmagd gehalten, die keinen Einlass brauchte. Darum rief sie mit erhobener Stimme: „Ich bin es! Willst du nicht endlich aufmachen?"
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Doch Heitermuster hatte immer noch nicht erkannt, wer da rief, und fauchte eigensinnig: „Ganz gleich, wer Ihr seid – der junge Herr hat befohlen, dass ausnahmslos niemand mehr eingelassen wird!"
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Als Kajaljade das hörte, erstarrte sie vor Zorn, dort draußen vor dem verschlossenen Tor. Schon wollte sie laut aufbegehren und ihrem Ärger Luft machen, doch dann besann sie sich: „Es heißt zwar, bei der Tante sei es wie zu Hause – doch am Ende bin ich hier nur zu Gast. Vater und Mutter sind beide gestorben, ich habe weder Rückhalt noch Zuflucht, und lebe auf die Gastfreundschaft dieser Familie angewiesen. Wenn ich jetzt einen Streit anfange, ist das auch nicht gerade würdevoll." Bei diesen Gedanken rollten ihr schon die Tränen über die Wangen.
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Es war ihr gleichermaßen unmöglich umzukehren wie dort stehen zu bleiben. Noch während sie unschlüssig dastand, drangen Gesprächsfetzen und Gelächter aus dem Inneren an ihr Ohr, und als sie genauer hinhörte, erkannte sie die Stimmen von Schatzjade und Schatzspange. Da wallte der Zorn in Kajaljades Brust noch heftiger auf. Sie dachte hin und her, und plötzlich fiel ihr der Vorfall vom Morgen wieder ein: „Gewiss ist Schatzjade böse auf mich, weil ich gedroht habe, mich über ihn zu beschweren. Doch habe ich mich je wirklich beschwert? Du hättest dich wenigstens erkundigen können, ehe du mich so behandelst! Heute lässt du mich nicht herein – aber morgen werden wir uns doch sehen müssen!"
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Je länger sie darüber nachsann, desto mehr grämte sie sich. Ohne auf das kalte, betaute Moos unter ihren Füßen oder den kühlen Wind auf dem Blumenpfad zu achten, stand sie einsam in einem Mauerwinkel unter blühenden Bäumen und schluchzte bitterlich.
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Nun war Kajaljade von einzigartiger Schönheit und unvergleichlicher Anmut. Als sie jetzt zu weinen begann, flogen die Vögel, die sich auf den Zweigen und Blüten ringsum zur Nacht niedergelassen hatten, bei ihrem Klagelaut allesamt mit rauschenden Flügeln auf und in die Ferne davon, weil sie es nicht ertragen konnten, dies länger mit anzuhören. Wahrlich:
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Stumm stehen die Blumengeister, ohne Regung,
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erschreckt flattern die traumverlorenen Vögel auf — wohin?
  
Djia Lan. Aus: Gai Qi 1879.
 
kundigten sich nach seiner Gesundheit. Und nachdem er mit allen seinen Gruß gewechselt und dann seinen Tee getrunken hatte, befahl Hsüä Pan, den Wein aufzutragen.
 
Kaum hatte er das gesagt, begann eine ganze Schar von Sklavenjungen Hals über Kopf, den Tisch herzurichten, und als sie endlich damit fertig waren, nahm alles Platz. Bau-yü überzeugte sich, daß die Melonen und die Lotoswurzeln wirklich seltene Exemplare waren, dann sagte er lächelnd: „Meine Geschenke habe ich dir noch nicht geschickt, und du bewirtest mich schon.“
 
„Aber ja!“ erwiderte Hsüä Pan darauf und fragte: „Was wirst du mir denn schenken?“
 
„Was kann ich dir schon schenken?“ sagte Bau-yü. „Silber und Geld, Essen und Kleider gehören nicht mir. Wirklich von mir wären nur eine Kalligraphie, die ich schreibe, oder ein Bild, das ich male.“
 
„Weil du gerade vom Malen sprichst, fällt mir ein, daß ich gestern bei jemand ein erotisches Bild gesehen habe, das wirklich gut gemalt war“, sagte Hsüä Pan lächelnd. „Es stand noch eine Menge Schriftzeichen darauf, die ich mir nicht näher angesehen habe, aber unterzeichnet war es mit ‚Gëng Huang‘. Ein ganz tolles Bild war das.“
 
„Ich habe doch wirklich nicht wenig alte und neue Bilder und Kalligraphien gesehen“, sagte sich Bau-yü verwundert. „Seit wann gibt es einen Gëng Huang?“ Nach einigem Überlegen lachte er plötzlich auf und ließ sich einen Schreibpinsel bringen, mit dem er zwei Schriftzeichen auf seinen Handteller schrieb. Dann fragte er Hsüä Pan: „Hast du wirklich gesehen, daß dort Gëng Huang stand?“
 
„Warum denn nicht?“ fragte Hsüä Pan zurück.
 
Da ließ ihn Bau-yü die beiden Schriftzeichen auf seinem Handteller sehen und fragte: „Waren es nicht vielleicht diese beiden Zeichen? Viel unterscheiden sie sich nicht von den Zeichen gëng und huang.“
 
Alle sahen hin und lasen den Namen Tang Yin . Lachend erklärten sie: „Bestimmt waren es diese beiden Zeichen, und der hohe Herr hatte Augenflimmern.“ Hsüä Pan aber sagte unwillig: „Wen kümmert das schon, ob es Bonbonsilber oder Obstsilber ist!“
 
Bei diesen Worten meldete ein Sklavenjunge: „Herr Fëng ist gekommen!“ Und Bau-yü begriff, daß es Fëng Dsï-ying sein mußte, der Sohn von Fëng Tang, Marschall Schën-wu.
 
„Bitte ihn schnell herein!“ befahlen Hsüä Pan und seine Gäste. Und noch ehe sie richtig ausgesprochen hatten, kam Fëng Dsï-ying auch schon lachend und redend herein. Sofort standen alle auf und baten ihn, Platz zu nehmen.
 
Lächelnd bemerkte Fëng Dsï-ying: „Auch nicht schlecht, zu Hause vergnügt zu sein, anstatt auszugehen!“
 
Bau-yü und Hsüä Pan aber sagten: „Wir haben uns lange nicht gesehen. Ist dein Herr Vater wohlauf?“
 
„Danke! Mein Vater ist gesund“, sagte Fëng Dsï-ying, „nur meine Mutter ist seit zwei Tagen erkältet.“
 
Hsüä Pan hatte ein paar blaue Flecke in Fëng Dsï-yings Gesicht entdeckt und erkundigte sich lächelnd: „Wer hat da wieder mit den Fäusten seine Visitenkarte auf deinem Gesicht hinterlassen?“
 
„Seit ich damals bei der Schlägerei den Sohn von Oberst Tjiu verletzte, habe ich mir das eine Lehre sein lassen und bin nicht mehr so aufbrausend“, entgegnete Fëng Dsï-ying. „Warum also sollte ich mich geschlagen haben! Nein, da hat mir neulich auf der Jagd in den Tiän-wang-schan-Bergen der Jagdfalke einen Hieb mit dem Flügel versetzt.“
 
„Wann war das?“ wollte Bau-yü wissen.
 
„Am achtundzwanzigsten des dritten Monats brach ich auf, und vorgestern war ich zurück“, gab Fëng Dsï-ying Auskunft.
 
„Dann ist es kein Wunder, daß ich dich vorigen Monat am dritten oder vierten nicht gesehen habe, als ich bei Schën zu Besuch war“, sagte Bau-yü. „Ich wollte noch nach dir fragen, aber dann habe ich es aus irgendeinem Grunde vergessen. Warst du allein auf der Jagd, oder war dein Herr Vater auch mit?“
 
„Wo denkst du hin?“ fragte Fëng Dsï-ying. „Hätte nicht mein Vater auf die Jagd gewollt, dann wäre ich auch nicht gegangen. Meinst du, ich sei verrückt geworden, daß ich mir lieber diese Strapazen auflade, als hier mit euch zu trinken und Lieder anzuhören? Aber diesmal hatte ich noch Glück im Unglück.“
 
Weil Hsüä Pan und die anderen sahen, daß Fëng Dsï-ying seinen Tee inzwischen ausgetrunken hatte, forderten sie ihn auf: „Setz dich zu uns an den Tisch und erzähle in aller Ruhe!“
 
Aber Fëng Dsï-ying stand auf und sagte: „Eigentlich müßte ich wirklich ein paar Becher mittrinken, aber da ist noch eine ganz, ganz wichtige Sache, über die ich meinem Vater mündlich berichten muß, wenn ich nach Hause komme. Darum wage ich nicht, eure Einladung anzunehmen.“
 
Damit waren Hsüä Pan, Bau-yü und die anderen natürlich nicht einverstanden, darum hielten sie Fëng Dsï-ying mit aller Kraft fest. Lächelnd erklärte Fëng Dsï-ying: „Komisch! Wir kennen uns doch lange genug, und so etwas hat es zwischen uns nie gegeben. Ich kann eurem Befehl wirklich nicht Folge leisten. Aber wenn ihr darauf besteht, dann holt einen ordentlichen Humpen, den ich zweimal leeren will, und damit hat sich die Sache!“
 
Hiermit mußten sie sich zufrieden geben, und Hsüä Pan führte die Kanne, während Bau-yü den Becher hielt. Zweimal wurde er gefüllt, und beide Male trank Fëng Dsï-ying ihn stehend in einem Zug aus.
 
„Erzähl doch wenigstens, was das für ein Glück im Unglück war, bevor du gehst“, bat Bau-yü.
 
„Wenn ich es jetzt erzähle, macht es nicht den richtigen Spaß“, entgegnete Fëng Dsï-ying. „Ich werde euch einmal extra einladen, um euch alles ausführlich zu erzählen. Außerdem will ich euch dann um etwas bitten.“ Damit erhob er die Hände zum Gruß und wollte gehen.
 
„Nun hast du uns erst recht neugierig gemacht“, sagte Hsüä Pan. „Verrate uns wenigstens, wann du uns einladen willst, damit wir nicht ganz im Ungewissen sind!“
 
„Spätestens in zehn und frühestens in acht Tagen“, antwortete Fëng Dsï-ying, ging hinaus, stieg auf sein Pferd und ritt davon. Die anderen kehrten ins Zimmer zurück und setzten sich wieder an den Tisch. Erst nachdem sie noch ein Weilchen getrunken hatten, gingen sie auseinander.
 
Als Bau-yü in den Garten zurückkam, wurde er dort von Hsi-jën ungeduldig erwartet, weil sie nicht wußte, ob es Glück oder Unglück zu bedeuten hatte, daß Djia Dschëng ihn zu sich gerufen hatte. Als sie ihn jetzt angeheitert zurückkommen sah, fragte sie, was sich ereignet habe, und er gab ihr einen genauen Bericht.
 
„Da sitzt man hier wie auf glühenden Kohlen, und du amüsierst dich dort“, warf Hsi-jën ihm vor. „Hättest du wenigstens jemand mit einer Nachricht hergeschickt!“
 
„Das wollte ich ja“, versicherte Bau-yü. „Aber als dann der junge Fëng kam, habe ich es vergessen.“
 
Bei diesen Worten trat Bau-tschai herein und sagte lächelnd: „All die schönen Sachen hast du uns weggegessen!“
 
„Ihr hattet doch bestimmt schon davon genascht!“ gab Bau-yü lächelnd zurück. Aber Bau-tschai schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Mein Bruder hatte mich gestern extra eingeladen, davon zu kosten, aber ich habe nichts gegessen und habe ihm gesagt, er solle es aufheben und sich Gäste einladen und auch einen Teil verschenken. Ich weiß ja, daß mir ein ärmliches Geschick bestimmt ist und daß es mir nicht zukommt, solche guten Sachen zu essen.“
 
Ein Sklavenmädchen goß Tee ein, und sie plauderten beim Teetrinken weiter. Davon soll aber hier nicht die Rede sein.
 
Als Dai-yü gehört hatte, Djia Dschëng lasse Bau-yü rufen, und er dann den ganzen Tag lang nicht wiedergekommen war, hatte sie sich ebenfalls Sorgen um ihn gemacht. Nach dem Abendessen erfuhr sie, er sei jetzt zurück, und so drängte es sie, zu ihm zu gehen und sich zu erkundigen, was gewesen sei.
 
Während sie langsamen Schrittes hinüberging, sah sie, wie Bau-tschai eben in Bau-yüs Hof verschwand. Da sie gerade an der Duftgetränkten Brücke war, wo die verschiedensten Wasservögel auf dem Teich schwammen, von denen sie nicht einmal wußte, wie die einzelnen Arten hießen, und nur sah, daß jeder einzelne bunt und prächtig war, blieb sie stehen, um ihnen ein Weilchen zuzuschauen. Als sie dann zum Hof der Freude am Roten kam, war das Hoftor geschlossen, und so pochte sie mit der Hand dagegen.
 
Nun hatte sich Tjing-wën mit Bi-hën verzankt und war deshalb schlechter Laune. Als Bau-tschai unerwartet gekommen war, hatte Tjing-wën ihren Ärger auf sie übertragen und im Hof gegrollt: „Egal, ob etwas ist oder nicht, sie kommt angelaufen und sitzt hier herum, und wir kommen dann vor Mitternacht nicht ins Bett!“
 
Als jetzt plötzlich wieder jemand am Tor war und rief, sie solle aufmachen, ärgerte das Tjing-wën erst recht, und ohne zu fragen, wer es war, sagte sie: „Alle haben sich schon schlafen gelegt, kommt morgen wieder!“
 
Dai-yü kannte die Art der Sklavenmädchen und wußte auch, wie sie einander anzuführen pflegten. Sie glaubte, das Mädchen im Hof müsse ihre Stimme nicht erkannt haben und denken, es sei ein anderes Sklavenmädchen, das vor dem Tor stand, und wolle deshalb nicht aufmachen. Darum sagte sie laut: „Ich bin es. Willst du nicht bald aufmachen?!“
 
Aber Tjing-wën hatte immer noch nicht herausgehört, wer es war, und sagte wütend: „Ganz egal, wer da ist, der junge Herr hat befohlen, niemand mehr einzulassen!“
 
Unwillkürlich packte jetzt auch Dai-yü die Wut, und schon wollte sie laut herausplatzen, aber dann überlegte sie: „Es heißt zwar, ich sei bei der Tante wie zu Hause, trotzdem bin ich bei ihr nur zu Gast. Vater und Mutter sind tot, und ich habe nirgendwo anders eine Zuflucht als hier. Es ist sinnlos, wenn ich mich aufrege.“ Und bei diesem Gedanken begannen ihre Tränen zu fließen.
 
Während sie unschlüssig dastand, weil es ihr ebensowenig richtig erschien zu gehen wie zu bleiben, hörte sie von drinnen Wortfetzen und Gelächter, und bei genauem Hinhören unterschied sie die Stimmen von Bau-yü und Bau-tschai. Das machte sie nur um so wütender, und als sie hin und her überlegte, fiel ihr plötzlich der Vorfall vom Morgen wieder ein. „Bau-yü“, dachte sie, „bestimmt bist du mir gram, weil ich mich über dich beschweren wollte. Dabei habe ich es doch gar nicht getan, und du hättest dich wenigstens erkundigen müssen, ehe du so böse zu mir bist. Jetzt läßt du mich nicht herein, aber morgen werden wir uns doch wiedersehen.“
 
Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr grämte sie sich, und ohne darauf zu achten, wie kalt das betaute Moos war und wie kühl der Wind wehte, stand sie einsam in einem Mauerwinkel im Schatten der blühenden Bäume und weinte bitterlich.
 
Nun war Dai-yü von einmaliger Schönheit und einzigartiger Wohlgestalt. Als jetzt die Vögel, die sich auf den Bäumen und Sträuchern ringsum ein Nachtquartier gesucht hatten, ihr Weinen hörten, flogen sie mit rauschendem Flügelschlag auf und davon, weil sie es nicht ertragen konnten, dies mit anzuhören.
 
Wahrlich:
 
Stumm stehn die fühllosen Blumen da,
 
erschreckt fliehn die traumwirren Vögel.
 
 
Ein Gedicht sagt:
 
Ein Gedicht sagt:
Schön und begabt ist das Mädchen Dai-yü,
 
das einsam sein keusches Gemach verläßt.
 
Noch ehe ihr klägliches Schluchzen verstummt,
 
fall‘n die Blüten zu Boden, die Vögel fliehn.
 
Während Dai-yü noch vor sich hin weinte, ging auf einmal knarrend das Hoftor auf. Und wer wissen möchte, wer da heraustrat, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
[[Category:Books]]
+
An Schönheit und Begabung sucht Kajaljade auf Erden ihresgleichen,
[[Category:Hongloumeng]]
+
einsam tritt sie, den keuschen Duft im Arm, aus ihrem Boudoir hervor.
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Noch ehe ihr klägliches Schluchzen verhallt,
 +
fallen die Blüten zu Boden, die Vögel flattern erschreckt davon.
 +
 
 +
Während Kajaljade noch weinte und klagte, ging mit einem Knarren das Hoftor auf – doch wer dort heraustrat, das erfahre, wer es wissen will, im nächsten Kapitel.
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<references />

Latest revision as of 19:35, 28 April 2026

Kapitel 26 An der Wespentaillenbrücke werden Worte gewechselt, die Herzensgeheimnisse verraten In der Xiaoxiang-Bambushain[1] weckt Frühlingsmüdigkeit verborgene Gefühle

Wie erzählt wird, war Schatzjade[2] nach dreiunddreißig Tagen des Krankenlagers nicht nur vollständig genesen und wieder bei Kräften, auch die Narben in seinem Gesicht waren verheilt, und so konnte er in den Garten der Großen Aussicht zurückkehren. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Sprechen wir zunächst von Efeu Kaufmann[3]. Während Schatzjades Krankheit hatte er mit den Dienern des Hauses Nachtwache gehalten, Tag und Nacht im Anwesen. Auch Rotjädchen[4] hatte zusammen mit den übrigen Mädchen bei Schatzjade Dienst getan, und so hatten sich die beiden tagelang sehen können und waren allmählich miteinander vertraut geworden. Dabei hatte Rotjädchen bemerkt, dass Efeu Kaufmann ein Taschentuch in Händen hielt, das ganz so aussah wie jenes, das sie einst verloren hatte. Sie hätte ihn gerne danach gefragt, doch das ging schlecht an.

Nachdem dann der buddhistische und der daoistische Mönch erschienen waren und kein männliches Personal mehr bei Schatzjade gebraucht wurde, kehrte Efeu Kaufmann zu seiner Arbeit beim Bäumepflanzen zurück. Nun hätte Rotjädchen die Sache mit dem Taschentuch auf sich beruhen lassen können, doch ihr Herz ließ es nicht zu. Andererseits traute sie sich nicht zu fragen, aus Angst, bei anderen Verdacht zu erregen. So schwankte sie hin und her, während sich ihre Seele in Unruhe verzehrte, als sie plötzlich von draußen vor dem Fenster eine Stimme vernahm: „Schwester, bist du im Zimmer?"

Rotjädchen spähte durch die Fensterlöcher hinaus und erkannte ein kleines Mädchen aus ihrem eigenen Gehöft namens Schönorchidee [佳蕙]. Also antwortete sie: „Ja, ich bin hier. Komm nur herein!"

Schönorchidee kam flink hereingelaufen, setzte sich aufs Bett und strahlte: „Was für ein Glück ich habe! Eben war ich gerade im Hof beim Waschen, da hat Schatzjade befohlen, Tee zu Fräulein Lin[5] zu bringen, und Schwester Hua hat mich damit losgeschickt. Als ich dort ankam, hatte die Herzoginmutter[6] gerade Fräulein Lin Geld geschickt, und sie verteilte es eben an ihre Mädchen. Als sie mich sah, griff sie gleich zwei Handvoll heraus und gab sie mir – ich weiß gar nicht, wie viel es ist. Heb du es bitte für mich auf!" Damit knüpfte sie ihr Taschentuch auf und schüttete die Münzen heraus. Rotjädchen zählte sie sorgfältig durch, eine nach der anderen, und legte sie dann beiseite.

Schönorchidee fragte nun: „Wie fühlst du dich eigentlich in letzter Zeit? Ich finde, du solltest für ein paar Tage nach Hause gehen, einen Arzt kommen lassen und ein wenig Medizin nehmen, dann wird es dir bald besser gehen."

Rotjädchen erwiderte: „Was redest du da? Mir geht es doch gut. Wozu sollte ich nach Hause gehen?"

Schönorchidee meinte: „Da fällt mir ein – Fräulein Lin ist doch auch von schwächlicher Konstitution und nimmt ständig Medizin. Du könntest dir ebenso gut etwas von ihr geben lassen, das käme aufs Gleiche hinaus."

Rotjädchen schüttelte den Kopf: „Unsinn! Kann man denn einfach so irgendwelche Medizin einnehmen?"

Schönorchidee beharrte: „Aber so kann es auf Dauer mit dir doch nicht weitergehen! Du isst kaum noch, trinkst kaum noch – wohin soll das führen?"

Rotjädchen seufzte: „Was kümmert es mich? Es wäre besser, früh zu sterben, dann wäre wenigstens Ruhe."

Schönorchidee rief: „Wie kannst du nur so reden! Einfach so, ohne Grund!"

Rotjädchen entgegnete leise: „Du weißt ja nicht, was in meinem Herzen vorgeht."

Schönorchidee nickte und dachte ein Weilchen nach. Dann sagte sie: „Man kann es dir wirklich nicht verübeln, wenn du denkst, du hättest hier einen schweren Stand. Nimm nur gestern, als die Herzoginmutter – da Schatzjade ja so viele Tage krank gewesen war – meinte, alle, die ihm während seiner Krankheit treu zur Seite gestanden hatten, sollten jetzt, da er wieder genesen und alle Gelübde erfüllt seien, ihrem Rang entsprechend belohnt werden. Dass wir nicht bedacht wurden, kann ich verstehen – wir gelten ja noch als zu jung, um mitzuzählen, und ich beschwere mich auch nicht. Aber dass auch du übergangen wurdest, das finde ich ungerecht!

Dufthauch[7] mag meinetwegen die höchste Belohnung erhalten – dagegen sage ich kein Wort, das gehört sich so. Wenn man ehrlich ist, kann sich keine andere mit ihr messen. Ganz abgesehen von ihrer täglichen Gewissenhaftigkeit und Aufmerksamkeit – selbst wenn sie nicht so eifrig wäre, man könnte auf sie nicht verzichten. Was mich ärgert, ist, dass Heitermuster[8] und Qixia [绮霰] und ihresgleichen allesamt der höchsten Stufe zugerechnet werden, nur weil ihre Eltern Ansehen genießen und sie deshalb von allen hofiert werden. Sag selbst, ob das ärgerlich ist oder nicht!"

Rotjädchen erwiderte: „Lohnt es sich, sich über sie aufzuregen? Sagt nicht das Sprichwort: 'Mag auch das Festzelt tausend Li lang sein – es gibt kein Gelage, das nicht zu Ende geht.' Wer von uns bleibt denn schon ein ganzes Leben lang hier? In drei oder fünf Jahren geht jede ihres Weges, und dann kümmert sich keine mehr um die andere."

Diese beiden Sätze berührten Schönorchidees Herz so sehr, dass ihr unwillkürlich die Augen feucht wurden. Da es ihr aber peinlich war, einfach so loszuweinen, zwang sie sich zu einem Lächeln und sagte: „Du hast ganz recht. Gestern erst hat Schatzjade davon geredet, wie er demnächst die Zimmer neu einrichten und welche Kleider er anfertigen lassen will – als hätten wir noch ein paar hundert Jahre hier auszuhalten."

Rotjädchen hörte es und lachte kalt, zwei kurze, spöttische Lacher. Gerade wollte sie etwas sagen, als ein kleines Mädchen hereingelaufen kam, das sein Haar noch nicht aufgesteckt trug. In der Hand hielt es einige Stickmuster und zwei Bogen Papier. „Hier sind zwei Muster, die sollst du abzeichnen", sagte das Mädchen, warf Rotjädchen die Sachen hin, drehte sich um und rannte davon.

Rotjädchen rief ihr nach: „Von wem sind die denn? Man kann doch nicht einfach davonlaufen, ohne ordentlich Bescheid zu sagen! Wartet jemand mit frischen Dampfbrötchen auf dich, die kalt werden könnten?"

Das kleine Mädchen rief von draußen durchs Fenster nur noch: „Von Schwester Qi!" Und schon trappelte es mit schnellen Schritten davon.

Verärgert warf Rotjädchen die Stickmuster beiseite und suchte in der Schublade nach einem Pinsel. Doch wie lange sie auch suchte, sie fand nur abgenutzte. „Wo habe ich neulich den neuen Pinsel hingelegt?" murmelte sie. „Warum fällt mir das nicht mehr ein?" Dabei versank sie in Nachdenken. Nach einer Weile lachte sie plötzlich auf: „Ach ja, richtig! Neulich abends hat sich Yinger [莺儿] ihn geholt." Dann wandte sie sich an Schönorchidee: „Geh du ihn mir holen!"

Schönorchidee wehrte ab: „Schwester Hua wartet doch auf mich, ich soll ihr einen Kasten tragen. Geh ihn dir lieber selbst holen!"

Rotjädchen hielt dagegen: „Wenn sie auf dich wartet, wieso sitzt du dann hier und schwatzt? Hätte ich dich nicht zum Pinselholen schicken wollen, würde sie auch nicht auf dich warten. Du verdorbenes kleines Spitzbein!" Damit stand sie auf, verließ das Zimmer, trat aus dem Hof der Roten Freude [怡红院] und schlug den Weg zu Schatzspanges[9] Gehöft ein.

Gerade war sie am Pavillon am Duftgetränkten Quell [沁芳亭] angelangt, als ihr Schatzjades alte Amme Li von der anderen Seite entgegenkam. Rotjädchen blieb stehen und fragte lächelnd: „Amme Li, wohin des Weges? Was verschlägt Euch hierher?"

Amme Li blieb stehen, klatschte die Hände zusammen und sagte: „Stell dir vor! Jetzt hat er sich in den da verschaut, der die Bäume pflanzt, diesen Wolken- oder Regenjungen, und hat mir zugesetzt, ich solle ihn herbeordern. Wenn das morgen die Herrschaften oben erfahren, gibt es wieder Ärger!"

Rotjädchen lächelte: „Habt Ihr wirklich zugestimmt und ihn holen lassen?"

Amme Li seufzte: „Was blieb mir denn anderes übrig?"

Rotjädchen meinte: „Wenn der Betreffende wüsste, was sich gehört, würde er erst gar nicht herkommen."

Amme Li entgegnete: „Er ist doch nicht dumm. Warum sollte er nicht kommen?"

Rotjädchen gab zu bedenken: „Dann hättet Ihr ihn wenigstens begleiten sollen. Wenn er allein hier herumläuft, ist das doch nicht schicklich."

Amme Li winkte ab: „Hab ich etwa die Muße, mit ihm herumzulaufen? Ich habe es ihm ausrichten lassen, und dann kann ihn ja eines der kleinen Mädchen oder eine der älteren Frauen hereinführen – das reicht!" Sprach's, stützte sich auf ihren Stock und ging davon.

Rotjädchen blieb stehen und hing ihren Gedanken nach, ohne daran zu denken, den Pinsel zu holen.

Nach kurzer Zeit kam ein kleines Mädchen angelaufen. Als es Rotjädchen dort stehen sah, fragte es: „Schwester Lin, was machst du hier?"

Rotjädchen blickte auf und erkannte das kleine Mädchen Anhänger [坠儿]. „Wohin willst du?" fragte sie.

Anhänger antwortete: „Ich soll den zweiten jungen Herrn Duft hereinführen." Und schon lief sie in großen Schritten davon.

Rotjädchen war eben an das Tor vor der Wespentaillenbrücke [蜂腰桥] gelangt, als ihr auf der anderen Seite Anhänger mit Efeu Kaufmann entgegenkam. Efeu Kaufmann ließ im Gehen seinen Blick über Rotjädchen gleiten, und auch Rotjädchen, unter dem Vorwand, mit Anhänger zu sprechen, warf einen verstohlenen Blick auf Efeu Kaufmann. Als sich ihre vier Augen trafen, wurde Rotjädchen unwillkürlich rot im Gesicht, wandte sich ab und ging zum Haselwurzpark [蘅芜苑]. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Efeu Kaufmann folgte Anhänger auf verschlungenen Pfaden zum Hof der Roten Freude. Anhänger ging zunächst allein hinein, um ihn anzumelden, und führte ihn dann erst herein. Als Efeu Kaufmann sich im Hof umschaute, erblickte er einige kunstvoll gesetzte Felsen und Bananenstauden. Dort drüben putzten zwei Mandschurenkraniche unter Kieferbäumen ihr Gefieder, und entlang des Wandelgangs hingen die verschiedensten Käfige mit allerlei seltenen und wundersamen Vögeln. Vor ihm erhob sich ein zierlicher Bau von fünf Säulenzwischenräumen, dessen geschnitzte Gitter neuartige Blumenmuster zeigten. Darüber hing eine Tafel mit vier großen Schriftzeichen: „Freude am Roten, Vergnügen am Grünen" [怡红快绿].

Efeu Kaufmann dachte: „Daher also der Name 'Hof der Roten Freude' – nach diesen Schriftzeichen auf der Tafel!" Während er noch sann, hörte er von drinnen durch das Gazefenster eine lachende Stimme: „Komm schnell herein! Wie konnte ich dich nur zwei, drei Monate lang vergessen!"

Da er Schatzjades Stimme erkannte, trat Efeu Kaufmann eilig ins Haus. Er blickte empor und sah nur Gold und Grün funkeln, glänzende Zierrate allenthalben, doch von Schatzjade keine Spur. Als er sich umwandte, erblickte er linker Hand einen großen Ganzkörperspiegel, hinter dem nun zwei gleich große Mädchen von fünfzehn, sechzehn Jahren hervortraten und sprachen: „Bitte, nehmt drinnen im Zimmer des zweiten jungen Herrn Platz!"

Efeu Kaufmann wagte kaum, sie unverhohlen anzusehen, und antwortete rasch. Er trat durch eine weitere, mit grüner Gaze bespannte Trennwand und erblickte ein niedliches kleines Bett mit lackiertem Rahmen, über dem ein großer, dunkelroter, mit Goldbrokat und Streublumen verzierter Vorhang hing.

Schatzjade saß in Hauskleidung, die Schuhe nur halb angezogen, an das Bett gelehnt und hielt ein Buch in der Hand. Als er Efeu Kaufmann hereinkommen sah, warf er das Buch beiseite, und schon stand er mit strahlendem Lächeln auf. Efeu Kaufmann trat rasch vor und verneigte sich zur Begrüßung. Schatzjade bat ihn, sich zu setzen, und so nahm er auf einem Stuhl unterhalb Platz.

Schatzjade sprach lächelnd: „Seit ich dich damals traf und dir sagte, du solltest mich in der Bibliothek besuchen, hat sich so vieles ereignet, eines nach dem anderen, dass ich dich völlig vergessen habe."

Efeu Kaufmann erwiderte lächelnd: „Es ist eben mein mangelndes Glück. Gerade erst hatte ich Euch getroffen, und schon musstet Ihr erkranken. Seid Ihr denn jetzt vollständig genesen, Onkel?"

Schatzjade versicherte: „Vollkommen. Man hat mir erzählt, dass du meinetwegen viele Tage lang Mühe hattest."

Efeu Kaufmann sagte: „Das war doch nur meine Pflicht. Dass Ihr wieder gesund seid, Onkel, ist ein Glück für unsere ganze Familie."

Während er sprach, kam ein Mädchen mit Tee herein und reichte ihm eine Schale. Efeu Kaufmann unterhielt sich mit Schatzjade, ließ seinen Blick dabei aber verstohlen über das Mädchen gleiten: eine schlanke Gestalt, ein längliches Gesicht, gekleidet in eine silberrosa Jacke mit einer Weste aus schwarzem Satin darüber und einen weißen Seidenrock mit feinen Falten. Es war niemand anders als Dufthauch.

Seit er während Schatzjades Krankheit ein paar Tage im Anwesen zugebracht hatte, kannte Efeu Kaufmann die wichtigsten Personen dort zur Hälfte. Er wusste auch, dass Dufthauch in Schatzjades Gemächern eine andere Stellung einnahm als die übrigen Mädchen. Als sie nun den Tee brachte und Schatzjade danebensaß, stand Efeu Kaufmann rasch auf und sagte lächelnd: „Wie könnt Ihr mir Tee eingießen, Schwester! Wenn ich zu meinem Onkel komme, bin ich doch kein Gast – erlaubt mir, ihn mir selbst einzuschenken!"

Schatzjade sagte: „Bleib nur sitzen. Vor den Mädchen brauchst du dich nicht so zu zieren."

Efeu Kaufmann erwiderte lächelnd: „Auch wenn Ihr das sagt, Onkel – wie könnte ich es wagen, mich vor den Schwestern in Euren Gemächern unhöflich zu benehmen!" Dann erst setzte er sich wieder und trank seinen Tee.

Schatzjade plauderte mit ihm über allerlei Belanglosigkeiten – welche Familie die besten Schauspieler habe, welche den schönsten Garten, und erzählte ihm, wessen Mädchen am hübschesten seien, wessen Festessen am üppigsten, wer die ausgefallensten Raritäten und wer die seltensten Kostbarkeiten besitze. Efeu Kaufmann pflichtete ihm in allem bei, doch nach einer Weile bemerkte er, dass Schatzjade allmählich träge wurde. So stand er auf und verabschiedete sich. Schatzjade hielt ihn nicht weiter zurück und sagte nur: „Komm ein andermal wieder, wenn du Muße hast." Dann befahl er dem kleinen Mädchen Anhänger, ihn hinauszubegleiten.

Als sie den Hof der Roten Freude verlassen hatten und Efeu Kaufmann sich umblickte, war ringsum kein Mensch zu sehen. So verlangsamte er seine Schritte immer mehr und begann, sich des Langen und Breiten mit Anhänger zu unterhalten. Zunächst fragte er: „Wie alt bist du? Wie heißt du? Was machen deine Eltern? Wie lange dienst du schon in Onkel Schatzjades Gemächern? Wie viel Geld bekommst du im Monat? Wie viele Mädchen gibt es insgesamt bei Onkel Schatzjade?"

Anhänger beantwortete ihm bereitwillig alles, Punkt für Punkt. Dann fragte Efeu Kaufmann weiter: „Die da vorhin mit dir gesprochen hat – heißt sie etwa Kleine Rote [小红]?"

Anhänger lachte: „Ja, sie heißt Kleine Rote. Warum fragt Ihr nach ihr?"

Efeu Kaufmann sagte: „Vorhin hat sie dich nach einem Taschentuch gefragt. Ich habe tatsächlich eines aufgelesen."

Anhänger hörte es und lachte: „Sie hat mich schon so viele Male gefragt, ob ich ihr Taschentuch gesehen hätte. Als ob ich die Muße hätte, mich um solche Dinge zu kümmern! Heute fragte sie wieder und sagte, wenn ich es für sie fände, wolle sie sich bei mir bedanken. Gerade eben, vor dem Tor zum Haselwurzpark, hat sie es gesagt – Ihr habt es doch selbst gehört, junger Herr, ich lüge nicht. Lieber junger Herr, wenn Ihr es gefunden habt, dann gebt es mir! Ich bin neugierig, womit sie sich bei mir bedanken wird."

Nun hatte Efeu Kaufmann im vergangenen Monat, als er hereingekommen war, um Bäume zu pflanzen, tatsächlich ein Seidentuch aufgelesen. Er vermutete, dass es jemandem gehören musste, der im Garten wohnte, wusste aber nicht, wem, und hatte daher nichts überstürzt. Als er heute gehört hatte, wie Rotjädchen Anhänger danach fragte, und dadurch erfuhr, dass es Rotjädchens Tuch war, hüpfte sein Herz vor Freude. Und als nun Anhänger ihn darum bat, stand sein Entschluss bereits fest. Er zog aus seinem Ärmel sein eigenes Taschentuch hervor und sprach lächelnd zu Anhänger: „Ich gebe es dir. Aber wenn du ihre Belohnung erhältst, darfst du sie mir nicht vorenthalten!"

Anhänger versprach es bereitwillig und nahm das Taschentuch entgegen. Sie begleitete Efeu Kaufmann hinaus und kehrte dann zurück, um Rotjädchen zu suchen. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Sprechen wir nun davon, wie Schatzjade, nachdem er Efeu Kaufmann verabschiedet hatte, sich träge und lustlos auf das Bett fallen ließ und in einen halbwachen Schlummer zu gleiten drohte. Da trat Dufthauch heran, setzte sich auf die Bettkante und schob ihn an: „Was, du willst schon wieder schlafen? Dir ist langweilig – warum gehst du nicht hinaus und machst einen Spaziergang?"

Schatzjade ergriff ihre Hand und sagte lächelnd: „Ich würde schon gehen, aber ich kann mich nicht von dir trennen."

Dufthauch lachte: „Steh endlich auf!" Und schon zog sie ihn hoch.

Schatzjade klagte: „Aber wohin soll ich denn gehen? Es ist alles so öde und langweilig."

Dufthauch sagte: „Wenn du erst draußen bist, wird es schon besser. Je länger du hier so dahindämmerst, desto bedrückter wird dein Gemüt."

Lustlos gehorchte Schatzjade und schlurfte zur Tür hinaus. Im Wandelgang neckte er eine Weile die Vögel, dann verließ er den Hof und schlenderte am Duftgetränkten Bach entlang, wo er eine Weile die Goldfische betrachtete. Plötzlich sah er, wie zwei kleine Hirsche pfeilschnell den Berghang herabgerannt kamen. Er konnte sich nicht erklären, was das zu bedeuten hatte, und wunderte sich noch, da sah er schon Orchidee Kaufmann[10] mit einem kleinen Bogen in der Hand hinter ihnen herjagen. Kaum erblickte er Schatzjade, blieb er stehen und rief lächelnd: „Seid Ihr zu Hause, zweiter Onkel? Ich dachte, Ihr wäret ausgegangen!"

Schatzjade schalt: „Bist du schon wieder unartig? Was schießt du auf die armen Hirsche?"

Orchidee Kaufmann lachte: „Ich habe gerade keinen Unterricht. Was soll ich sonst tun, wenn ich nichts zu lernen habe? Da übe ich eben Reiten und Bogenschießen."

Schatzjade meinte: „Pass auf, dass du dir nicht die Zähne ausschlägst! Dann wirst du schon aufhören zu üben."

Schatzjade ging weiter, wohin ihn seine Schritte trugen, und gelangte vor ein Gehöft, wo dichter Bambus wie Phönixschwänze emporragte und der Wind leise wie ein Drachensummen durch die schlanken Halme strich. Er blickte empor zum Tor und las die Inschrift auf der Tafel: „Xiaoxiang-Bambushain[11]" [潇湘馆]. Er schlenderte hinein und sah, wie der Bambusvorhang bis zum Boden herabhing. Lautlose Stille herrschte, kein Menschenlaut war zu vernehmen. Als er ans Fenster trat, nahm er einen zarten, verborgenen Duft wahr, der durch die grüne Gaze heraussickerte. Er presste sein Gesicht an das Gazefenster und spähte hinein, da vernahm sein Ohr einen feinen, langen Seufzer, gefolgt von den leise gesprochenen Worten:

„Tag für Tag von Liebessehnsucht müd und schlaftrunken ..." [Anm.: Zitat aus dem Stück „Die Päonienlauben" (牡丹亭) von Tang Xianzu, Szene „Traumsuche" (寻梦). Die Zeile drückt Frühlingsschwermut und Liebessehnsucht aus.]

Schatzjade hörte es, und sein Herz begann zu kribbeln. Als er genauer hinsah, erkannte er Kajaljade, die sich auf dem Bett räkelte und streckte. Lachend rief er durchs Fenster: „Warum bist auch du 'Tag für Tag von Liebessehnsucht müd und schlaftrunken'?" Und damit schob er den Vorhang beiseite und trat ein.

Kajaljade erschrak über ihre eigene Unbesonnenheit, wurde unwillkürlich rot, bedeckte ihr Gesicht mit dem Ärmel, drehte sich zur Wand und tat, als schliefe sie. Schatzjade trat zu ihr und wollte sie gerade sanft zu sich drehen, da kamen Kajaljades alte Amme und zwei ältere Frauen hinterher herein und sagten: „Das Fräulein schläft. Kommt wieder, wenn sie aufgewacht ist!"

Kaum hatten sie das gesagt, setzte sich Kajaljade auf und lachte: „Wer schläft denn hier?"

Die zwei, drei Frauen sahen, dass Kajaljade aufgestanden war, und sagten lächelnd: „Wir dachten, Ihr schlaft, Fräulein." Dann riefen sie nach Purpurkuckuck[12]: „Das Fräulein ist wach, komm herein und warte ihr auf!" Damit gingen sie hinaus.

Kajaljade saß auf dem Bett, ordnete mit einer Hand ihr Schläfenhaar und fragte Schatzjade lächelnd: „Wozu kommst du herein, während andere schlafen?"

Als Schatzjade ihre Sternenaugen halb verschleiert und ihre duftenden Wangen zart gerötet sah, gab es seinem Herzen einen Stoß. Er ließ sich schräg auf einen Stuhl sinken und fragte lächelnd: „Was hast du gerade eben gesagt?"

Kajaljade erwiderte: „Ich habe nichts gesagt."

Schatzjade lachte: „Warte nur, du bekommst eine Kopfnuss von mir! Ich habe alles gehört."

Während die beiden noch redeten, trat Purpurkuckuck herein. Schatzjade bat lächelnd: „Purpurkuckuck, gieß mir doch eine Schale von eurem guten Tee ein!"

Purpurkuckuck erwiderte: „Was sollen wir schon für guten Tee haben? Wenn Ihr guten Tee wollt, müsst Ihr warten, bis Dufthauch kommt."

Kajaljade mischte sich ein: „Kümmere dich nicht um ihn! Geh mir erst einmal Wasser schöpfen!"

Purpurkuckuck lachte: „Er ist doch ein Gast. Natürlich gieße ich ihm erst Tee ein, ehe ich Wasser schöpfen gehe." Damit ging sie, um Tee zu holen.

Schatzjade rezitierte lächelnd:

„Du liebes Mädchen, du! Wenn ich mit deinem schönen Fräulein unter dem Liebesvorhang läge, wie könntest du es über dich bringen, die Betten zu richten?" [Anm.: Zitat aus dem Drama „Das Westzimmer" (西厢记), in dem der junge Gelehrte Zhang Sheng zur Dienerin Hongniang spricht.]

Kajaljade ließ sofort die Miene erstarren und sagte: „Zweiter Bruder, was hast du da gesagt?"

Schatzjade beteuerte lächelnd: „Ich habe doch gar nichts gesagt!"

Da brach Kajaljade in Tränen aus: „Ist das jetzt die neueste Mode, dass du draußen ordinäre Reden aufschnappst und sie mir ins Gesicht sagst? Dass du verdorbene Bücher liest und dich dann über mich lustig machst? Dazu bin ich den Herren wohl gerade gut genug – um ihre Langeweile an mir auszulassen!" Weinend stieg sie vom Bett und wollte hinausgehen.

Schatzjade wusste nicht, was er tun sollte, Panik ergriff sein Herz, und er eilte ihr nach: „Liebste Schwester, ich habe es verdient, auf der Stelle zu sterben! Bitte, sag es niemandem! Wenn ich so etwas je wieder wage, soll mir ein Furunkel am Mund wachsen und die Zunge verfaulen!"

Gerade als er noch sprach, kam Dufthauch herein und sagte: „Schnell, komm zurück und zieh dich um! Der gnädige Herr[13] ruft nach dir!"

Als Schatzjade das hörte, traf es ihn wie ein Donnerschlag. Ohne an etwas anderes zu denken, rannte er zurück, zog sich hastig um und eilte aus dem Garten. Am Innentor wartete bereits Beiming [焙茗] auf ihn. Schatzjade fragte: „Was ist los?"

Beiming drängte: „Beeilt Euch nur, junger Herr! Hingehen müsst Ihr so oder so. Dort erfahrt Ihr alles." Und er trieb Schatzjade zur Eile an.

Als Schatzjade um die große Halle bog, das Herz noch immer voller Bangen, ertönte plötzlich aus dem Mauerwinkel schallendes Gelächter. Er drehte sich um und sah Becken Schnee[14], der klatschend und springend hervorkam und lachte: „Hätte ich nicht gesagt, der Onkel ruft nach dir, wärst du niemals so schnell herausgekommen!" Auch Beiming kniete lachend nieder.

Schatzjade starrte lange verblüfft, bis er endlich begriff, dass Becken Schnee ihn nur aus dem Garten hatte locken wollen. Eilig verbeugte sich Becken Schnee mit zusammengelegten Händen, um sich zu entschuldigen, und bat: „Macht dem Jungen keine Schwierigkeiten, ich war es, der ihn dazu gezwungen hat."

Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als zu lächeln, und sagte: „Dass du mich zum Narren hältst, sei noch dahingestellt. Aber wie konntest du dich als meinen Vater ausgeben? Das werde ich der Tante erzählen und sie urteilen lassen, ob man das tun darf!"

Becken Schnee rief: „Liebster Bruder, ich wollte doch nur, dass du dich ein wenig beeilst, und habe dabei ganz vergessen, dass so etwas tabu ist. Ein andermal darfst du mich genauso anführen, dann sind wir quitt!"

Schatzjade stöhnte: „O weh! Das wird ja immer schlimmer." Dann wandte er sich an Beiming: „Was kniest du Verräter noch da unten? Steh auf!"

Beiming machte eilig einen Kotau und stand auf.

Becken Schnee erklärte nun: „Ich hätte dich ja nicht gestört, aber am dritten Tag des fünften Monats ist mein Geburtstag, und der Antiquitätenhändler Cheng Rixing [程日兴] hat, wer weiß woher, so dicke und so lange, knackig-frische Lotosknollen aufgetrieben, dazu so riesige Wassermelonen, einen so langen, frischen Stör und ein so gewaltiges, mit feinstem Zypressenholzweihrauch geräuchertes Schwein, das als Tributgabe aus Siam [暹罗] gekommen war. Sag selbst, sind das nicht seltene Gaben? Der Fisch und das Schwein sind einfach teuer und schwer zu bekommen, aber bei den Lotosknollen und den Melonen fragt man sich, wie er sie nur herangezogen hat! Ich habe meiner Mutter sogleich etwas davon verehrt und auch eurer Herzoginmutter, dem Onkel und der Tante eilends etwas geschickt. Vom Rest, den ich aufhob, wollte ich selbst essen, doch fürchtete ich, mein Glück zu verspielen. Ich habe hin und her überlegt: Außer mir bist nur du allein würdig, davon zu kosten. Darum habe ich dich eigens eingeladen. Und zufällig ist eben auch noch ein Sängerknabe gekommen. Also wollen wir uns zusammen einen vergnügten Tag machen, was meinst du?"

Bei diesen Worten gelangten sie in Becken Schnees Bibliothek. Dort saßen bereits Zhan Guang [詹光], Cheng Rixing, Hu Silai [胡斯来], Shan Pingren [单聘仁] und der Sängerknabe. Als sie Schatzjade eintreten sahen, begrüßten sie ihn mit Verneigungen und Höflichkeitsbezeugungen. Man tauschte Grüße, trank Tee, und dann befahl Becken Schnee, den Wein aufzutragen. Kaum hatte er es ausgesprochen, begannen die Diener eifrig, den Tisch herzurichten, und nach einer Weile war alles bereit, und man nahm Platz. Schatzjade überzeugte sich, dass die Melonen und Lotosknollen tatsächlich von seltener Güte waren, und sprach lächelnd: „Meine Geburtstagsgeschenke habe ich dir noch nicht geschickt, und du bewirtest mich schon!"

Becken Schnee erwiderte: „Ja wirklich! Was gedenkst du mir denn morgen zu schenken?"

Schatzjade sagte: „Was kann ich dir schon schenken? Silber und Gold, Essen und Kleider – das alles gehört ja gar nicht mir. Nur was ich selbst mit dem Pinsel schreibe oder male, das allein ist wirklich von mir."

Becken Schnee lachte: „Da du gerade vom Malen sprichst, fällt mir etwas ein. Gestern habe ich bei jemandem ein Frühlingsbild gesehen [Anm.: ein erotisches Bild], das wirklich vorzüglich gemalt war. Es standen auch viele Schriftzeichen darauf, die ich mir nicht näher angesehen habe, aber die Signatur lautete 'Geng Huang' [庚黄]. Ein wahrhaft großartiges Bild!"

Schatzjade überlegte verwundert: „Ich habe doch schon allerhand alte und neue Kalligraphien und Gemälde gesehen – einen 'Geng Huang' gibt es nicht!" Er sann eine Weile nach, lachte dann plötzlich auf, ließ sich einen Pinsel bringen und schrieb zwei Schriftzeichen auf seinen Handteller. Dann fragte er Becken Schnee: „Bist du dir sicher, dass dort 'Geng Huang' stand?"

Becken Schnee sagte: „Natürlich! Wie sollte ich mich da irren?"

Schatzjade öffnete die Hand und zeigte ihm die Zeichen: „Waren es nicht vielleicht diese hier? Die Ähnlichkeit mit 'Geng Huang' ist in der Tat groß."

Alle schauten hin und lasen: „Tang Yin" [唐寅]. Lachend sagten sie: „Das werden sie wohl gewesen sein – der hohe Herr hat sich wohl einen Augenblick lang versehen."

Becken Schnee fühlte sich beschämt und sagte unwillig: „Wer kennt sich schon aus, ob das 'Bonbonsilber' oder 'Obstsilber' heißt!" [Anm.: Wortspiel – 唐 tang klingt wie 糖 „Zucker", 寅 yin wie 银 „Silber"]

Gerade als man noch darüber sprach, meldete ein Diener: „Der junge Herr Feng ist da!" Schatzjade wusste sofort, dass es Feng Ziying[15] sein musste, der Sohn des Generals Feng Tang von der Shenwu-Garnison.

„Schnell hereinbitten!" riefen Becken Schnee und die übrigen wie aus einem Munde. Und noch ehe sie zu Ende gesprochen hatten, kam Feng Ziying auch schon lachend und plaudernd herein. Alle standen auf und baten ihn, Platz zu nehmen.

Feng Ziying lachte: „Nicht übel! Statt auszugehen, macht ihr es euch fein zu Hause bequem!"

Schatzjade und Becken Schnee erwiderten lächelnd: „Wir haben uns lange nicht gesehen. Ist der Herr Vater wohlauf?"

Feng Ziying antwortete: „Meinem Vater geht es, Gott sei Dank, gut. Nur meine Mutter hat sich vor ein paar Tagen erkältet und war zwei Tage lang unwohl."

Becken Schnee hatte einige blaue Flecke in Feng Ziyings Gesicht entdeckt und erkundigte sich lächelnd: „Mit wem hast du dich denn wieder geprügelt? Du hast ja ein richtiges Aushängeschild im Gesicht!"

Feng Ziying lachte: „Seit ich damals bei der Schlägerei den Sohn von Oberst Qiu verletzt habe, habe ich mir geschworen, mich nicht mehr aufzubrausen. Warum also sollte ich mich geprügelt haben? Nein, das war neulich auf der Jagd. In den Eisennetzbergen [铁网山] hat mir ein Jagdfalke einen Hieb mit dem Flügel versetzt."

Schatzjade fragte: „Wann war das denn?"

Feng Ziying sagte: „Am achtundzwanzigsten des dritten Monats bin ich aufgebrochen, und vorgestern war ich zurück."

Schatzjade meinte: „Dann ist es kein Wunder, dass ich dich am dritten oder vierten vorigen Monats nicht gesehen habe, als ich bei Shen zu Gast war. Ich wollte noch nach dir fragen, habe es dann aber irgendwie vergessen. Warst du allein, oder war dein Herr Vater auch mit?"

Feng Ziying erwiderte: „Weil mein Vater auf die Jagd wollte, blieb mir ja nichts anderes übrig, als mitzugehen! Meinst du, ich wäre verrückt geworden? Lieber trinke ich hier mit euch und höre Lieder, statt mir diese Strapazen aufzuladen. Doch diesmal hatte ich großes Glück im Unglück."

Da Becken Schnee und die Übrigen sahen, dass Feng Ziying seinen Tee ausgetrunken hatte, drängten sie: „Setz dich erst einmal zu uns an den Tisch und erzähle in aller Ruhe!"

Doch Feng Ziying stand auf und sagte: „Eigentlich müsste ich wirklich ein paar Becher mit euch trinken, aber heute habe ich eine äußerst dringende Angelegenheit und muss meinem Vater noch persönlich Bericht erstatten, wenn ich zurückkomme. Ich wage es wirklich nicht, eure Einladung anzunehmen."

Becken Schnee, Schatzjade und die anderen ließen sich das natürlich nicht bieten und hielten ihn mit aller Kraft fest. Feng Ziying lachte: „Das ist doch seltsam! Wir kennen uns nun schon so viele Jahre – wann hat es das zwischen uns jemals gegeben? Es ist mir wirklich nicht möglich. Aber wenn ihr darauf besteht, dann holt einen großen Becher, den ich zweimal leeren will – und dann muss ich gehen."

Die anderen gaben sich widerwillig zufrieden. Becken Schnee führte die Kanne, Schatzjade hielt den Becher, und zweimal wurde der große Humpen randvoll gefüllt. Feng Ziying leerte ihn beide Male im Stehen in einem Zug.

Schatzjade bat: „Aber erzähl uns wenigstens, was es mit dem 'Glück im Unglück' auf sich hat, bevor du gehst!"

Feng Ziying lachte: „Wenn ich es jetzt erzähle, wird es nicht spannend genug. Ich werde euch eigens dazu einladen und alles in Ruhe berichten. Außerdem gibt es dann noch eine Bitte, die ich an euch habe." Damit ergriff er ihre Hände zum Abschied und ging.

Becken Schnee rief ihm nach: „Jetzt hast du uns erst recht neugierig gemacht! Wann wirst du uns einladen? Sag es uns wenigstens, damit wir nicht im Ungewissen bleiben!"

Feng Ziying antwortete: „Höchstens zehn Tage, mindestens acht." Damit ging er hinaus, stieg aufs Pferd und ritt davon.

Die Zurückgebliebenen kehrten an den Tisch zurück und tranken noch eine Weile, ehe sie auseinandergingen.

Als Schatzjade in den Garten zurückkam, hatte Dufthauch die ganze Zeit bangen Herzens auf ihn gewartet und sich gefragt, ob es Glück oder Unglück bedeute, dass Aufrecht Kaufmann ihn zu sich gerufen hatte. Als sie ihn nun angeheitert zurückkommen sah, fragte sie nach dem Hergang, und Schatzjade erzählte ihr alles der Reihe nach.

Dufthauch warf ihm vor: „Hier sitzt man vor Angst wie auf glühenden Kohlen, und du amüsierst dich nach Herzenslust! Hättest du wenigstens jemanden mit einer Nachricht hergeschickt!"

Schatzjade versicherte: „Das wollte ich ja. Aber als der junge Feng kam, habe ich es in dem Durcheinander ganz vergessen."

Gerade als er noch sprach, trat Schatzspange lächelnd herein und sagte: „Die schönen Sachen habt ihr uns alle weggegessen!"

Schatzjade erwiderte lächelnd: „Die kamen doch aus dem Hause der Schwester – da wurden natürlich zuerst wir bedacht!"

Schatzspange schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: „Gestern hat mein Bruder mich eigens eingeladen, davon zu kosten, aber ich habe nichts gegessen und ihm gesagt, er solle es aufheben und Gäste einladen oder es verschenken. Ich weiß ja, dass mir ein kümmerliches Geschick bestimmt ist und es mir nicht gebührt, solche guten Dinge zu essen."

Ein Mädchen brachte Tee, und sie plauderten beim Teetrinken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.

Wenden wir uns nun Kajaljade zu. Als sie gehört hatte, dass Aufrecht Kaufmann nach Schatzjade geschickt habe und dieser den ganzen Tag nicht zurückgekehrt war, hatte auch sie sich Sorgen um ihn gemacht. Nach dem Abendessen vernahm sie, Schatzjade sei zurück, und so trieb es sie, ihn aufzusuchen und zu erfahren, was vorgefallen war. Langsamen Schrittes ging sie hinüber. Da sah sie, wie Schatzspange eben in Schatzjades Hof verschwand. Also folgte sie ihr.

Gerade an der Brücke am Duftgetränkten Quell [沁芳桥] angelangt, erblickte sie allerlei Wasservögel, die im Teich badeten. Sie konnte die einzelnen Arten nicht unterscheiden, sah nur, dass ein jeder bunt schillernde Federn trug und wunderbar anzusehen war. So blieb sie stehen und betrachtete sie eine Weile. Als sie dann zum Hof der Roten Freude weiterging, fand sie das Hoftor verschlossen. Sie klopfte mit der Hand dagegen.

Nun hatten sich Heitermuster und Bihen [碧痕] gerade gestritten, und Heitermuster war übelster Laune. Als dann Schatzspange erschienen war, hatte Heitermuster ihren Ärger auf sie übertragen und im Hof geschimpft: „Ob was ist oder nicht, sie kommt einfach anmarschiert und sitzt herum, und wir kommen dann bis tief in die Nacht nicht zum Schlafen!"

Als nun plötzlich wieder jemand ans Tor klopfte, steigerte das Heitermusters Zorn nur noch mehr. Ohne zu fragen, wer es sei, rief sie: „Es sind schon alle schlafen gegangen! Kommt morgen wieder!"

Kajaljade kannte die Art der Mädchen und wusste, wie gern sie einander zum Narren hielten. Sie glaubte, das Mädchen im Hof habe ihre Stimme nicht erkannt und sie für eine andere Dienstmagd gehalten, die keinen Einlass brauchte. Darum rief sie mit erhobener Stimme: „Ich bin es! Willst du nicht endlich aufmachen?"

Doch Heitermuster hatte immer noch nicht erkannt, wer da rief, und fauchte eigensinnig: „Ganz gleich, wer Ihr seid – der junge Herr hat befohlen, dass ausnahmslos niemand mehr eingelassen wird!"

Als Kajaljade das hörte, erstarrte sie vor Zorn, dort draußen vor dem verschlossenen Tor. Schon wollte sie laut aufbegehren und ihrem Ärger Luft machen, doch dann besann sie sich: „Es heißt zwar, bei der Tante sei es wie zu Hause – doch am Ende bin ich hier nur zu Gast. Vater und Mutter sind beide gestorben, ich habe weder Rückhalt noch Zuflucht, und lebe auf die Gastfreundschaft dieser Familie angewiesen. Wenn ich jetzt einen Streit anfange, ist das auch nicht gerade würdevoll." Bei diesen Gedanken rollten ihr schon die Tränen über die Wangen.

Es war ihr gleichermaßen unmöglich umzukehren wie dort stehen zu bleiben. Noch während sie unschlüssig dastand, drangen Gesprächsfetzen und Gelächter aus dem Inneren an ihr Ohr, und als sie genauer hinhörte, erkannte sie die Stimmen von Schatzjade und Schatzspange. Da wallte der Zorn in Kajaljades Brust noch heftiger auf. Sie dachte hin und her, und plötzlich fiel ihr der Vorfall vom Morgen wieder ein: „Gewiss ist Schatzjade böse auf mich, weil ich gedroht habe, mich über ihn zu beschweren. Doch habe ich mich je wirklich beschwert? Du hättest dich wenigstens erkundigen können, ehe du mich so behandelst! Heute lässt du mich nicht herein – aber morgen werden wir uns doch sehen müssen!"

Je länger sie darüber nachsann, desto mehr grämte sie sich. Ohne auf das kalte, betaute Moos unter ihren Füßen oder den kühlen Wind auf dem Blumenpfad zu achten, stand sie einsam in einem Mauerwinkel unter blühenden Bäumen und schluchzte bitterlich.

Nun war Kajaljade von einzigartiger Schönheit und unvergleichlicher Anmut. Als sie jetzt zu weinen begann, flogen die Vögel, die sich auf den Zweigen und Blüten ringsum zur Nacht niedergelassen hatten, bei ihrem Klagelaut allesamt mit rauschenden Flügeln auf und in die Ferne davon, weil sie es nicht ertragen konnten, dies länger mit anzuhören. Wahrlich:

Stumm stehen die Blumengeister, ohne Regung, erschreckt flattern die traumverlorenen Vögel auf — wohin?

Ein Gedicht sagt:

An Schönheit und Begabung sucht Kajaljade auf Erden ihresgleichen, einsam tritt sie, den keuschen Duft im Arm, aus ihrem Boudoir hervor. Noch ehe ihr klägliches Schluchzen verhallt, fallen die Blüten zu Boden, die Vögel flattern erschreckt davon.

Während Kajaljade noch weinte und klagte, ging mit einem Knarren das Hoftor auf – doch wer dort heraustrat, das erfahre, wer es wissen will, im nächsten Kapitel.

  1. Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn. Kajaljades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss und seinen Bambustränen-Legenden.
  2. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann".
  3. Chin. 贾芸 Jiǎ Yún, wörtl. „Efeu Kaufmann" — ein entfernter Neffe der Familie.
  4. Chin. 红玉 Hóngyù, wörtl. „Rotjädchen". Wegen des Tabuzeichens 玉 yù (Jade) im Namen Schatzjades wird sie meist 红儿 Hóng’ér, „Kleine Rote", genannt.
  5. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade Wald". Kajal (黛 dài) bezeichnet das schwarze Augenbrauenpuder.
  6. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Herzoginmutter, Oberhaupt der Familie Kaufmann.
  7. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch" — „den Menschen einhüllend (wie Duft)".
  8. Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heitermuster" — „klares Wolkenmuster bei heiterem Himmel".
  9. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatzspange Schnee". Eine 钗 chāi ist eine kostbare Haarnadel.
  10. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann", der junge Sohn der Witwe Seidenweiß Pflaume.
  11. Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn. Kajaljades Wohnstätte im Garten der Großen Anschauung, benannt nach dem Xiang-Fluss und seinen Bambustränen-Legenden.
  12. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck".
  13. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann".
  14. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Schatzspanges älterer Bruder.
  15. Chin. 冯紫英 Féng Zǐyīng, Sohn des Generals Feng Tang.