Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 55"
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(DE4 Korrektur-Update Kap. 55) |
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| − | + | Kapitel 55 | |
| − | + | Erkundefrühling<ref>Chin. 探春 Tànchūn, „Erkundefrühling".</ref> zeigt ihre Klugheit bei der Aufdeckung alter Missstände und verwaltet nun den Haushalt. Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Phönixglanz König".</ref> enthüllt im Gespräch die Sorgen um die Zukunft der Familie. | |
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| − | + | Das Laternenfest war nun vorüber. Da der gegenwärtige Kaiser sein Reich nach dem Grundsatz der Pietät regierte und eine kaiserliche Gemahlin im Palast erkrankt war, mussten sich alle Nebenfrauen und Konkubinen des Hofes in Speise und Schmuck einschränken. Es waren nicht nur keine Elternbesuche möglich, auch alle Festlichkeiten und Vergnügungen waren abgesagt worden. Daher fand auch im Kaufmann-Palast in diesem Jahr kein Laternenrätsel-Fest statt. | |
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| − | + | Kaum waren die Geschäftigkeiten des Jahreswechsels vorüber, da erlitt Phönixglanz eine Fehlgeburt. Sie musste sich einen Monat lang schonen und konnte den Haushalt nicht führen. Täglich kamen zwei oder drei Leibärzte, um sie zu behandeln. Phönixglanz vertraute jedoch auf ihre kräftige Konstitution, und obwohl sie das Haus nicht verließ, plante und rechnete sie wie gewöhnlich. Sobald ihr etwas einfiel, schickte sie Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, „die Friedfertige".</ref> los, um es Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame König".</ref> berichten zu lassen. Alles Zureden war vergeblich, sie hörte auf niemanden. | |
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| − | + | Dame König fühlte sich ihrer wichtigsten Stütze beraubt. Wie weit reichte schon die Kraft eines einzelnen Menschen! Grundlegende Entscheidungen traf sie selbst; alle kleineren Angelegenheiten des Haushalts überließ sie vorübergehend Frau Li<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán, „Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".</ref>. Seidenweiß Pflaume war jedoch jemand, der Tugend über Tüchtigkeit stellte, und so war es unvermeidlich, dass die Bediensteten unter ihrer Führung tun und lassen konnten, was sie wollten. Darum befahl Dame König, dass Erkundefrühling gemeinsam mit Seidenweiß Pflaume die Geschäfte führen solle. In einem Monat, so hieß es, wenn Phönixglanz wieder genesen sei, werde ihr alles wieder übergeben. | |
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| − | + | Niemand konnte freilich ahnen, dass Phönixglanz von Natur aus über zu wenig Lebenskraft verfügte. Verschlimmert wurde dies noch dadurch, dass sie sich seit ihrer Jugend nie Schonung gegönnt hatte. Ihr Leben lang wollte sie die Erste und die Klügste sein und hatte dadurch ihre Kräfte weiter aufgezehrt. So entwickelte sich die eigentlich harmlose Fehlgeburt zu einer echten Entkräftung, und nach einem Monat kamen noch Unterleibsblutungen hinzu. Phönixglanz sprach zwar nicht darüber, doch ihr fahles, abgemagertes Gesicht verriet jedem, dass sie sich nicht die nötige Schonung gönnte. Darum befahl man ihr, sich zu pflegen und ihren Geist nicht zu strapazieren. Auch Phönixglanz selbst bekam Angst, es könne zu einer ernsten Erkrankung kommen, die sie zum Gespött der Leute machen würde. Daher entschloss sie sich, die freie Zeit zur Genesung zu nutzen, und wünschte sich nichts sehnlicher, als über Nacht wieder die Alte zu sein. Doch wer hätte gedacht, dass es bis zum achten oder neunten Monat dauern würde, ehe es ihr nach beständiger Behandlung und größter Schonung allmählich besser ging und auch die Blutungen langsam aufhörten! Doch das ist ein Vorgriff. | |
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| + | Zunächst muss erzählt werden, was nun geschah. Als Dame König sah, wie es um Phönixglanz bestellt war und dass Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume ihre zusätzlichen Aufgaben so bald nicht würden abgeben können, und da im Garten viele Bewohner lebten und die Aufsicht zu fehlen drohte, ließ sie eigens Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".</ref> zu sich rufen und bat sie, überall ein wachsames Auge zu haben. „Die alten Frauen sind zu nichts nütze“, sagte sie. "Sobald sie Freizeit haben, spielen sie Karten und trinken Wein. Am Tage schlafen sie, und in der Nacht treiben sie ihr Unwesen. Das alles ist mir bekannt. Solange Phönixglanz draußen aufpasste, hatten sie noch ein wenig Angst; jetzt aber werden sie sich erst recht gehen lassen. Du bist ein verlässliches Kind. Dein Bruder und deine Schwestern sind noch klein, und ich habe keine Zeit. Nimm die Mühe ein paar Tage lang auf dich und führe die Aufsicht. Wenn etwas Unerwartetes geschieht, komm zu mir und berichte es. Warte nicht, bis die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".</ref> danach fragt und ich keine Antwort weiß. Wenn jemand etwas nicht recht macht, sag es ihm. Hört er nicht, dann komm zu mir. Auf keinen Fall darf etwas Schlimmes geschehen!“ Schatzspange hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen. | ||
| − | + | Es war bereits der Beginn des Frühlings. Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal Wald-Jade".</ref> litt wieder an ihrem Husten. Auch Xiangji<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, „Xiangfluss-Wolke".</ref> hatte sich eine Erkältung zugezogen und lag krank im Haselwurzpark darnieder; den ganzen Tag über nahm sie Medizin. | |
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| − | + | Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume wohnten in einiger Entfernung voneinander. Da sie nun gemeinsame Aufgaben hatten, war es nicht mehr wie in früheren Zeiten, als sie sich nur gegenseitig besuchten; auch für die Dienstboten, die Berichte zu erstatten hatten, war es umständlich. Daher hatten sich die beiden verständigt: Jeden Morgen wollten sie sich in der kleinen Halle mit drei Säulenzwischenräumen südlich des Gartentors treffen, um gemeinsam die Geschäfte zu führen. Dort nahmen sie auch ihr Frühstück ein und kehrten erst zur Mittagszeit in ihre Gemächer zurück. | |
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| + | Diese Halle war ursprünglich als Aufenthaltsraum für die diensthabenden Eunuchen während des kaiserlichen Elternbesuchs eingerichtet worden und war seither nicht mehr benutzt worden; nur nachts hielten dort ein paar alte Frauen Wache. Da es nun schon wärmer war, bedurfte es keiner großen Herrichtung; ein paar einfache Einrichtungsgegenstände genügten, und die beiden konnten dort ihren Dienst versehen. In der Halle hing eine Inschriftentafel mit den vier Zeichen „Die Menschlichkeit fördern, durch Tugend erziehen“, doch im Volksmund nannte man sie nur die "Beratungshalle“. Hier erschienen die beiden nun täglich um sechs Uhr morgens und gingen um die Mittagszeit. Während der ganzen Zeit riss der Strom der Verwalterinnen und Dienstfrauen nicht ab, die kamen, um Berichte zu erstatten und Anweisungen entgegenzunehmen. | ||
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| + | Als die Bediensteten zunächst gehört hatten, dass Seidenweiß Pflaume den Haushalt allein führen werde, hatten sich alle insgeheim gefreut, denn Seidenweiß Pflaume stand im Ruf, gütig und großzügig zu sein und niemanden zu bestrafen — sie würde gewiss leichter zu täuschen sein als Phönixglanz. Auch als man dann von Erkundefrühlings Ernennung erfuhr, dachten alle, sie sei nur ein junges Mädchen, das seine Kammern noch nie verlassen habe, dazu friedfertig und zurückhaltend von Natur. Darum machten sie sich keine Gedanken und faulenzten noch viel mehr als zu Zeiten von Phönixglanz. Doch nach drei oder vier Tagen, als Erkundefrühling bereits einige Entscheidungen getroffen hatte, wurde ihnen allmählich klar, dass ihre Gründlichkeit der von Phönixglanz in nichts nachstand — nur dass ihre Sprache ruhiger und ihr Charakter ausgeglichener waren. | ||
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| + | Nun wollte es der Zufall, dass sich tagelang hintereinander in über zehn Familien von Prinzen, Herzögen und Erbbeamten, mit denen die Kaufmann-Familie entweder verwandt oder befreundet war, Beförderungen, Degradierungen, Hochzeiten oder Todesfälle ereigneten, sodass Dame König mit Gratulationen und Kondolenzen, Empfängen und Abschiedsbesuchen mehr als genug beschäftigt war und sich um den Haushalt nicht kümmern konnte. So sassen nun Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume den ganzen Tag in der Halle. Schatzspange ihrerseits beaufsichtigte tagsüber die Räume von Dame König und kam erst heim, wenn jene zurückkehrte. Am Abend unterbrach sie ihre Nadelarbeit, um sich vor dem Zubettgehen in einer kleinen Sänfte, begleitet von den Nachtwächterinnen, durch den ganzen Garten tragen zu lassen und alles zu kontrollieren. | ||
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| + | Unter diesem Dreigestirn ging es noch strenger zu als unter der alleinigen Herrschaft von Phönixglanz. Im Innen- wie im Außenbereich murrte das Gesinde heimlich: „Kaum sind wir den einen Wachteufel los, der auf dem Meer patrouillierte, bekommen wir gleich drei Jupitergötter, die die Berge behüten. Nicht einmal zum heimlichen Trinken und Spielen hat man nachts noch Zeit!“ | ||
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| + | An diesem Tag war Dame König zu einem Festessen im Palast des Fürsten von Jinxiang eingeladen. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling hatten sich schon am frühen Morgen zurechtgemacht, Dame König beim Aufbruch assistiert und waren danach in die Halle gegangen. Sie hatten sich gerade hingesetzt und tranken Tee, als Wu Xindengs Frau hereinkam und meldete: "Zhao Guoji, der Bruder der Nebenfrau Zhao, ist gestern verstorben. Ich habe es gestern der gnädigen Frau gemeldet, und die gnädige Frau hat gesagt, sie wisse Bescheid, ich solle es dem gnädigen Fräulein und der jungen Herrin berichten.“ Damit ließ sie die Arme hängen, verharrte in dienstfertiger Haltung am Rand und sagte kein Wort mehr. | ||
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| + | Zu dieser Zeit waren etliche Frauen anwesend, die Berichte zu erstatten hatten, und alle warteten gespannt darauf, wie die beiden entscheiden würden. Würde die Entscheidung angemessen ausfallen, würden alle Respekt empfinden. Würde es jedoch auch nur den geringsten Anlass zum Einwand geben, würden sie nicht nur keinen Respekt zeigen, sondern nach dem Verlassen des Innentors auch noch allerlei Witze darüber reißen. | ||
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| + | Wu Xindengs Frau hatte natürlich ihre eigene Vorstellung davon, was zu tun war. Hätte Phönixglanz vor ihr gesessen, hätte sie längst ihren Eifer unter Beweis gestellt, mehrere Vorschläge gemacht und allerhand alte Präzedenzfälle herausgesucht, unter denen Phönixglanz hätte wählen können. Nun aber blickte sie auf Seidenweiß Pflaume herab, die ihr zu einfältig erschien, und auf Erkundefrühling ebenso, weil diese nur ein junges Fräulein war. Darum hatte sie absichtlich nur diesen einen Satz gesagt, um die beiden auf die Probe zu stellen. | ||
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| + | Erkundefrühling fragte Frau Li. Seidenweiß Pflaume dachte einen Moment nach und sagte dann: „Als neulich Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, "die Angreifende/der Dufthauch".</ref>s Mutter starb, hat man, wie ich gehört habe, vierzig Liang Silber ausgezahlt. Dann lasst uns hier ebenfalls vierzig Liang geben, und damit basta.“ | ||
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| + | Wu Xindengs Frau hörte das, sagte eilig „Jawohl!“, nahm die Anweisungsmarke entgegen und wollte gehen. | ||
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| + | "Halt, komm zurück!“, befahl Erkundefrühling. | ||
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| + | Notgedrungen kehrte Wu Xindengs Frau um. | ||
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| + | „Hol noch kein Silber“, fuhr Erkundefrühling fort. "Erst will ich dich etwas fragen: Bei den alten Nebenfrauen in den Gemächern der Herzoginmutter wurde stets unterschieden zwischen denen, die aus dem Haus stammten, und denen, die von draußen kamen. Wie viel wurde gegeben, wenn bei einer von hier jemand starb, und wie viel bei einer von draußen? Nenne mir ein paar Beispiele.“ | ||
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| + | Auf diese Frage hin wollte sich Wu Xindengs Frau plötzlich an nichts erinnern können und sagte eilfertig mit aufgesetztem Lächeln: „Das ist doch keine so wichtige Angelegenheit. Wer würde es wagen, über die Höhe zu streiten?“ | ||
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| + | Erkundefrühling lachte: "Das ist Unsinn! Nach mir ginge es, hundert Liang zu geben. Aber wenn ich mich nicht an die bestehenden Regeln halte, werden nicht nur die Leute über mich lachen — ich könnte auch der zweiten jungen Herrin künftig nicht mehr ins Gesicht sehen.“ | ||
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| + | Wu Xindengs Frau sagte lächelnd: „Wenn dem so ist, werde ich die alten Rechnungsbücher nachschlagen. Im Augenblick kann ich mich nicht erinnern.“ | ||
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| + | Erkundefrühling lachte: "Du führst seit Jahren diesen Dienst und kannst dich nicht erinnern, aber uns willst du in die Enge treiben? Sagst du etwa auch deiner zweiten jungen Herrin, du müsstest erst nachschlagen? Wenn das so wäre, dann wäre Phönixglanz ja gar nicht so streng, sondern geradezu nachsichtig! Also beeil dich und bring mir die Unterlagen, damit ich sie selbst ansehen kann. Wenn die Sache auch nur um einen Tag verzögert wird, dann heißt es nicht, ihr wäret nachlässig gewesen, sondern wir hätten keine eigene Meinung.“ | ||
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| + | Wu Xindengs Frau war über und über rot geworden. Hastig machte sie kehrt und ging hinaus. Die Verwalterinnen draußen reckten verblüfft die Zunge heraus. Inzwischen wurden andere Angelegenheiten vorgetragen. | ||
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| + | Bald darauf kam Wu Xindengs Frau mit den alten Rechnungsbüchern zurück. Erkundefrühling sah sie durch und fand: In zwei Fällen, in denen die Nebenfrau aus dem Haus stammte, waren jeweils zwanzig Liang gezahlt worden; in zwei Fällen, in denen sie von außerhalb kam, jeweils vierzig Liang. Daneben gab es noch zwei Zahlungen an Frauen von außerhalb — einmal hundert Liang und einmal sechzig Liang. Bei beiden war ein besonderer Grund vermerkt: Im einen Fall waren die sechzig Liang zusätzlich für die Überführung der Elternsärge in eine andere Provinz gewährt worden, im anderen die zwanzig Liang zusätzlich für den Kauf einer Grabstätte. Erkundefrühling reichte die Unterlagen an Seidenweiß Pflaume weiter, dann sagte sie: „Gebt ihm zwanzig Liang Silber. Die Bücher lasst hier, wir werden sie uns noch genauer ansehen.“ | ||
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| + | Wu Xindengs Frau ging fort. Da kam plötzlich Nebenfrau Zhao herein. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling boten ihr eilig einen Platz an, doch kaum dass sie sich gesetzt hatte, brach sie schon los: "Alle Leute in diesem Haus trampeln auf meinem Kopf herum — das mag ja noch hingehen. Aber Ihr, Fräulein, solltet doch ein wenig nachdenken und mir zu meinem Recht verhelfen!“ Bei diesen Worten begann sie hemmungslos zu weinen. | ||
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| + | „Ich verstehe nicht, was Ihr meint, Tante“, erwiderte Erkundefrühling sofort. "Wer trampelt auf Euch herum? Sagt es mir, und ich werde Euch zu Eurem Recht verhelfen.“ | ||
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| + | Nebenfrau Zhao antwortete: „Ihr selbst seid es, die auf mir herumtrampelt! Bei wem soll ich mich also beschweren?“ | ||
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| + | Sofort sprang Erkundefrühling auf und sagte: "Ich würde so etwas niemals wagen!“ | ||
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| + | Auch Seidenweiß Pflaume stand auf, um zu beschwichtigen. Nebenfrau Zhao aber fuhr fort: „Setzt Euch doch und hört mich an! Ich bin in diesem Haus alt geworden, habe mich mein ganzes Leben lang abgerackert, habe Euch und Euren Bruder zur Welt gebracht — und jetzt bin ich nicht einmal so viel wert wie Dufthauch! Was bleibt mir da noch an Ansehen? Nicht einmal Ihr habt noch ein Gesicht, von mir ganz zu schweigen!“ | ||
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| + | Erkundefrühling lächelte: "So ist das also. Ich sage Euch: Ich bin nicht der Mensch, der gegen Recht und Vorschrift verstößt.“ Damit setzte sie sich wieder, nahm die Rechnungsbücher und blätterte sie Nebenfrau Zhao hin, las ihr daraus vor und sagte: „Das sind die alten Regelungen, die von den Ahnen auf uns gekommen sind. Jeder hält sich daran — soll ausgerechnet ich sie ändern? Das betrifft nicht nur Dufthauch. Wenn Huan einmal eine Nebenfrau von draußen nimmt, wird für sie selbstverständlich dasselbe gelten. Da gibt es nichts zu streiten, und von Gesichtsverlust kann keine Rede sein. Dufthauch ist eine Dienerin der gnädigen Frau, und ich handle nach den überlieferten Vorschriften. Wer sagt, es sei gut so, der genießt die Gnade der Ahnen und die Güte der gnädigen Frau. Wer es ungerecht findet, der ist dumm und weiß sein Glück nicht zu schätzen — soll er nur grollen! | ||
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| + | Wenn die gnädige Frau jemandem das ganze Haus schenkt, gewinne ich dadurch kein Ansehen, und wenn sie jemandem keinen einzigen Heller gibt, verliere ich auch keines. Wenn die gnädige Frau nicht zu Hause ist, tätet Ihr besser daran, Euch auszuruhen und Eure Kräfte zu schonen, anstatt Euch unnötig aufzuregen. Die gnädige Frau liebt mich von ganzem Herzen, doch weil Ihr, Tante, immer wieder Unruhe stiftet, war sie schon mehrmals bitter enttäuscht. Wäre ich doch nur ein Mann! Ich hätte längst das Haus verlassen, stünde auf eigenen Beinen und lebte nach meinen eigenen Grundsätzen. Aber weil ich ein Mädchen bin, steht es mir nicht zu, auch nur ein einziges unbedachtes Wort zu sagen. Das weiß die gnädige Frau ganz genau. Und eben weil sie mich schätzt, hat sie mich beauftragt, den Haushalt mit zu führen. Noch ehe ich auch nur eine einzige gute Tat vollbringen konnte, kommt Ihr und zieht mich in den Schmutz! Was, wenn die gnädige Frau davon erfährt und meint, die Sache sei mir zu unangenehm, und mir den Posten wieder abnimmt? Dann ist mein Ansehen wirklich dahin — und Eures genauso!“ | ||
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| + | Während sie sprach, liefen ihr unwillkürlich Tränen über das Gesicht. | ||
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| + | Nebenfrau Zhao wusste nichts Besseres zu erwidern als: "Wenn die gnädige Frau Euch so liebt, müsstet Ihr uns doch erst recht unter die Arme greifen. Aber Ihr denkt nur daran, Euch bei der gnädigen Frau einzuschmeicheln, und habt uns ganz vergessen.“ | ||
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| + | Erkundefrühling entgegnete: „Wie habe ich Euch vergessen? Und wie soll ich Euch unter die Arme greifen? Fragt Euch doch selbst: Welche Herrschaft liebt nicht die Bediensteten, die tüchtig und nützlich sind? Und welcher aufrechte Mensch ist auf die Fürsprache anderer angewiesen?“ | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume versuchte von der Seite her unablässig zu beschwichtigen und sagte: "Seid nicht böse, Tante. Man darf es dem Fräulein nicht verübeln — sie ist ja im Herzen ganz darauf bedacht, Euch zu helfen, nur aussprechen kann sie es nicht.“ | ||
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| + | Sofort protestierte Erkundefrühling: „Auch die Schwägerin redet nun Unsinn! Wen will ich denn unterstützen? In welcher Familie werden die Sklaven von den Fräulein des Hauses unterstützt? Ob es ihnen gut oder schlecht ergeht — das solltet Ihr wissen. Was hat das mit mir zu tun?“ | ||
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| + | Wütend sagte Nebenfrau Zhao: "Niemand verlangt von Euch, andere zu unterstützen! Wenn Ihr nicht den Haushalt führen würdet, wäre ich erst gar nicht zu Euch gekommen. Ihr habt doch jetzt das Sagen! Wenn Ihr mir für das Begräbnis Eures Onkels zwanzig oder dreißig Liang mehr gebt — meint Ihr wirklich, die gnädige Frau hätte etwas dagegen? Die gnädige Frau ist wahrhaftig eine gütige Herrin! Ihr seid es, die hartherzig und knauserig seid. Es ist Euch leid, dass die Güte der gnädigen Frau nicht zur Geltung kommt! Und es ist ja nicht Euer eigenes Silber! Ich hatte gehofft, wenn Ihr einmal verheiratet seid, würdet Ihr Euch um die Familie Zhao besonders gut kümmern. Aber Ihr habt vergessen, woher Ihr kommt, noch ehe Euch die Federn gewachsen sind, und wollt nur noch hoch hinaus!“ | ||
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| + | Noch ehe die letzten Worte verklungen waren, war Erkundefrühling vor Zorn bleich geworden und rang schluchzend nach Atem: „Wer ist mein Onkel? Mein Onkel ist zu Neujahr zum Oberbefehlshaber von neun Provinzen aufgestiegen — wo kommt auf einmal ein weiterer Onkel her? Ich habe mich stets respektvoll verhalten, wie es sich gehört, und zum Dank dafür wird mir nun solche Verwandtschaft angehängt! Wenn Zhao Guoji mein Onkel gewesen wäre — warum stand er dann jedes Mal auf, wenn Huan den Raum verließ? Warum begleitete er ihn zur Schule? Warum kehrte er da nicht den Onkel heraus? | ||
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| + | Wozu muss das alles sein? Jeder weiß doch, dass ich von Euch, einer Nebenfrau, geboren bin. Warum müsst Ihr alle paar Monate einen Vorwand suchen, alles gründlich aufzurühren, als hättet Ihr Angst, irgend jemand könnte es vergessen haben, und deshalb müsstet Ihr es wieder und wieder herausschreien? Ein Glück nur, dass ich vernünftig genug bin! Wäre ich dumm und unverständig, hätte ich schon längst die Geduld verloren.“ | ||
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| + | Während Seidenweiß Pflaume in ihrer Aufregung weiterzubeschwichtigen versuchte und Nebenfrau Zhao immer weiter palaverte, hörte man plötzlich jemanden melden: "Die zweite junge Herrin schickt Fräulein Friedchen mit einer Mitteilung.“ | ||
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| + | Jetzt endlich hielt Nebenfrau Zhao den Mund. Im nächsten Augenblick trat Friedchen ein. Sofort setzte Nebenfrau Zhao ein Lächeln auf, bot Friedchen einen Sitz an und fragte eilfertig: „Geht es deiner Herrin schon etwas besser? Eben wollte ich sie besuchen, kam aber nicht dazu.“ | ||
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| + | Seidenweiß Pflaume sah Friedchen kommen und fragte: "Was führt dich her?“ | ||
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| + | Friedchen erwiderte lächelnd: „Die junge gnädige Frau hat gesagt, da jetzt der Bruder von Nebenfrau Zhao verstorben ist, könnten die Herrin und das Fräulein vielleicht nicht über die alten Regelungen Bescheid wissen. Nach dem üblichen Brauch sind nur zwanzig Liang vorgesehen. Sie bittet das Fräulein, nach eigenem Ermessen etwas draufzulegen, wenn sie es für angemessen hält.“ | ||
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| + | Erkundefrühling hatte sich längst die Tränen abgewischt und erwiderte sogleich: "Warum ohne Grund etwas drauflegen? War der Verstorbene etwa ein Wunder, das nach vierundzwanzigmonatiger Schwangerschaft zur Welt kam? Oder war er ein Held, der im Krieg seinem Herrn das Leben rettete? Deine Herrin ist wirklich sonderbar — sie will, dass ich den Präzedenzfall schaffe, damit sie als die Wohltäterin dasteht. Mit dem Geld der gnädigen Frau lässt sich schön großzügig sein! Sag ihr: Ich wage es nicht, eigenmächtig etwas zu kürzen oder draufzulegen. Wenn sie etwas zulegen und Gnade walten lassen möchte, soll sie warten, bis sie genesen ist und wieder den Haushalt führt — dann mag sie zahlen, so viel sie will.“ | ||
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| + | Friedchen hatte schon beim Eintreten die Lage halb durchschaut, und bei diesen Worten war ihr alles klar. Da Erkundefrühling noch immer zornig dreinblickte, wagte sie nicht, sich so ungezwungen zu verhalten wie sonst in fröhlichen Zeiten, und blieb still und dienstfertig an der Seite stehen. | ||
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| + | Gerade kam auch Schatzspange aus den Räumen von Dame König herüber. Erkundefrühling und die anderen standen eilig auf und boten ihr einen Platz an. Noch bevor jemand etwas sagen konnte, kam wieder eine Verwalterfrau herein, um etwas zu berichten. Da Erkundefrühling soeben geweint hatte, brachten drei oder vier kleine Dienstmädchen eine Waschschüssel, Tücher, einen Handspiegel und Toilettenartikel. | ||
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| + | Erkundefrühling sass mit untergeschlagenen Beinen auf der niedrigen Ruhebank. Das Mädchen mit der Waschschüssel trat vor sie hin, kniete sich auf beide Knie nieder und hielt die Schüssel in die Höhe. Die beiden anderen Mädchen knieten ebenfalls nieder und reichten Tücher, Spiegel, Rouge und Puder dar. Da Dienstbuch nirgends zu sehen war, trat Friedchen eilig heran, krempelte Erkundefrühling die Ärmel hoch, streifte ihr die Armreife ab und breitete ein großes Handtuch über ihr Gewand, um es zu schützen. Erst dann streckte Erkundefrühling die Hände in die Schüssel und wusch sich. | ||
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| + | Da begann die Verwalterfrau ihren Bericht: „Junge gnädige Frau und gnädiges Fräulein, die Familienschule verlangt die diesjährigen Unkosten für den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan.“ | ||
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| + | Friedchen ergriff als Erste das Wort: "Was soll die Eile? Siehst du denn nicht, dass sich das Fräulein gerade wäscht? Statt draußen zu warten, platzt du hier einfach herein! Würdest du dich vor der zweiten jungen Herrin auch so benehmen? Das Fräulein ist zwar nachsichtig, aber wenn ich drüben meiner Herrin berichte, dass ihr alle das Fräulein für nichts achtet, handelt ihr euch etwas ein. Dann macht mir aber keine Vorwürfe!“ Die Frau erschrak, setzte eilig ein Lächeln auf, entschuldigte sich — „Ich war unachtsam“ — und zog sich rasch nach draußen zurück. | ||
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| + | Erkundefrühling war inzwischen beim Schminken und wandte sich mit einem kühlen Lächeln an Friedchen: "Du bist einen Schritt zu spät gekommen. Es gab noch etwas Lächerlicheres: Selbst eine so altgediente Frau wie Wu Xindengs Gattin erschien hier, ohne sich vorher Klarheit verschafft zu haben, und wollte uns an der Nase herumführen. Als wir sie dann befragten, hatte sie sogar noch die Stirn zu behaupten, sie könne sich an nichts erinnern. Wenn sie deiner Herrin etwas meldet und sagt, sie müsse erst nachschlagen — glaubst du, deine Herrin hätte die Geduld, darauf zu warten?“ | ||
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| + | Friedchen erwiderte lächelnd: „Wenn so etwas auch nur ein einziges Mal vorgekommen wäre, hätte ihr meine Herrin gewiss schon längst die Sehnen aus den Beinen gerissen! Glaubt ihnen nichts, Fräulein. Die sehen, dass die Herrin hier ein gutherziger Bodhisattva ist und das Fräulein ein zartes junges Mädchen, und schon versuchen sie, es sich bequem zu machen und euch frech ins Gesicht zu lügen.“ Dann rief sie in Richtung Tür: "Treibt es nur weiter so! Wenn die junge Herrin wieder gesund ist, sprechen wir uns!“ | ||
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| + | Die Verwalterinnen draußen erwiderten lächelnd: „Fräulein, Ihr seid doch ein verständiger Mensch! Wie das Sprichwort sagt: ›Jeder muss seine eigene Zeche zahlen.‹ Wir würden es niemals wagen, das Fräulein zu hintergehen. Das Fräulein ist so zart und vornehm — wenn wir es wahrhaft erzürnten, verdienten wir es, dass unsere Gebeine unbegraben vermodern.“ | ||
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| + | "Gut, dass ihr das wisst“, erwiderte Friedchen kühl. Dann wandte sie sich wieder lächelnd an Erkundefrühling: „Ihr wisst ja, Fräulein, wie viel die zweite junge Herrin zu tun hat. Da kann sie sich unmöglich um alles kümmern, und es ist nicht ausgeschlossen, dass manches übersehen worden ist. Wie man sagt: ›Der Zuschauer sieht klarer als der Spieler.‹ In den letzten Jahren habt Ihr mit kühlem Blick zugesehen — vielleicht ist Euch aufgefallen, wo Mittel hätten gekürzt oder aufgestockt werden sollen, ohne dass die zweite junge Herrin es getan hat. Wenn Ihr das jetzt tut, ist es erstens im Interesse der gnädigen Frau, und zweitens beweist Ihr damit die Freundschaft, die Ihr unserer jungen Herrin schon immer entgegengebracht habt.“ | ||
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| + | Noch bevor sie den Satz beendet hatte, fielen Schatzspange und Seidenweiß Pflaume lachend ein: "Was für ein prächtiges Mädchen! Es ist wirklich kein Wunder, dass Phönixglanz ausgerechnet sie so gernhat! Du meinst also, wir sollten uns jetzt ein paar Dinge vornehmen, die bisher nicht erledigt worden sind? Da sollst du nicht enttäuscht werden!“ | ||
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| + | Auch Erkundefrühling lächelte: „Ich hatte einen Bauch voll Wut und keinen, an dem ich sie auslassen konnte. Schon hatte ich mir ihre Herrin dafür ausgesucht — da platzt sie herein und sagt diese Dinge, sodass ich gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht.“ Dann rief sie die Verwalterfrau von vorhin herein und fragte: "Wofür werden die Jahresgelder für den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan in der Familienschule verwendet?“ | ||
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| + | Die Frau antwortete: „Jeder erhält acht Liang Silber im Jahr für den Imbiss in der Schule und für Schreibpinsel und Papier.“ | ||
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| + | Erkundefrühling sagte: "Für den Aufwand der jungen Herren bekommt jeder Haushalt ein Monatsgeld. Für Huan erhält Nebenfrau Zhao zwei Liang, für Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, „Schatz Kaufmann-Jade".</ref> erhält Dufthauch zwei Liang aus den Gemächern der Herzoginmutter, und für Lan bekommt sie die ältere junge Herrin. Warum werden dann noch einmal acht Liang pro Person an die Schule gezahlt? Gehen sie etwa nur wegen dieser acht Liang in die Schule? Ab sofort wird dieser Posten gestrichen! Friedchen, wenn du nach Hause kommst, bestelle deiner Herrin, was ich gesagt habe: Diese Zahlung muss unbedingt abgeschafft werden.“ | ||
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| + | Friedchen erwiderte lächelnd: „Sie hätte schon längst abgeschafft werden sollen. Gegen Jahresende hatte die junge Herrin sie streichen wollen, vergass es aber, weil um den Jahreswechsel so viel zu tun war.“ | ||
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| + | Die Verwalterfrau sagte notgedrungen "Jawohl“ und ging. Darauf brachten Dienerinnen aus dem Garten der Großen Anschauung Speisekästen mit dem Essen. | ||
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| + | Dienstbuch und Suyun hatten längst einen kleinen Esstisch hereingetragen, und Friedchen half eilfertig beim Auftragen. | ||
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| + | Erkundefrühling sagte lächelnd: „Wenn du alles gesagt hast, geh ruhig. Was machst du dich hier noch zu schaffen?“ | ||
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| + | Friedchen erwiderte lächelnd: "Ich habe weiter nichts zu tun. Die zweite junge Herrin hat mich zum einen hergeschickt, um die Mitteilung zu überbringen, zum anderen, weil sie meinte, hier sei zu wenig Personal — ich soll den Mädchen helfen, die junge Herrin und das Fräulein zu bedienen.“ | ||
| + | |||
| + | Erkundefrühling fragte: „Warum hat man das Essen für Fräulein Schatzspange nicht gleich mitgebracht, damit wir zusammen essen können?“ | ||
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| + | Kaum hatten die Dienstmädchen das gehört, liefen sie hinaus zu den Verwalterinnen im Säulengang und riefen: "Fräulein Schatzspange isst heute hier mit — lasst ihr Essen herbringen!“ | ||
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| + | Als Erkundefrühling das hörte, sagte sie laut und bestimmt: „Kommandiert nicht so sinnlos herum! Das sind alles Verwalterfrauen, die für wichtige Angelegenheiten zuständig sind. Ihr schickt sie los, Essen und Tee zu holen, ohne den Unterschied zwischen hoch und niedrig zu kennen! Friedchen steht hier — sie kann Bescheid sagen gehen.“ | ||
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| + | Friedchen antwortete ohne Zögern "Jawohl“ und ging hinaus. Draußen fassten die Verwalterinnen sie sogleich am Arm, lächelten und flüsterten: „Fräulein, Ihr braucht nicht zu gehen. Wir haben bereits jemanden geschickt.“ Zugleich staubten sie mit ihren Taschentüchern eine Steinstufe ab und luden Friedchen ein: "Ihr steht nun schon so lange, Fräulein, setzt Euch doch ein wenig in den Schatten.“ | ||
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| + | Friedchen setzte sich. Zwei alte Frauen aus der Teeküche brachten ein Sitzkissen und legten es auf den Stein: „Der Stein ist kalt. Das Kissen ist ganz sauber — setzt Euch doch einen Moment darauf, Fräulein.“ | ||
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| + | Friedchen lächelte und dankte freundlich. Eine andere Frau brachte ihr eine Schale feinen, frischen Tee heraus und sagte leise und lächelnd: "Das ist nicht unser gewöhnlicher Tee, sondern der für die gnädigen Fräulein zubereitete. Erfrischt Euch ein wenig daran, Fräulein.“ | ||
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| + | Friedchen beugte sich eilig vor, um die Schale entgegenzunehmen, dann wies sie auf die Verwalterinnen und sagte leise: „Ihr treibt es wirklich zu weit. Sie ist ein Fräulein und tut sich weder wichtig, noch fährt sie aus der Haut — das ist ihre Würde. Aber ihr behandelt sie geringschätzig und tretet ihr zu nahe. Wenn ihr sie wirklich so weit treibt, dass sie in Zorn gerät — von ihr wird es nur heißen, sie sei ungehobelt gewesen, und damit ist es erledigt; ihr aber handelt euch etwas ein, was ihr nicht verkraften könnt. Wenn sie nur ein kleines Schmollen zeigt, muss selbst die gnädige Frau ihr nachgeben, und auch die zweite junge Herrin wagt nicht, etwas dagegen einzuwenden. Wenn ihr so frech seid, sie zu verachten, ist das nichts als ein Ei, das sich am Stein zerschlägt.“ | ||
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| + | Sofort verteidigten sich die Frauen: "Wie hätten wir es gewagt, frech zu sein! Das alles ist nur Nebenfrau Zhaos Schuld.“ | ||
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| + | Friedchen flüsterte weiter: „Lastt es gut sein, werte Damen! ›Wenn die Mauer einstürzt, schieben alle mit.‹ Nebenfrau Zhao handelt wirklich unüberlegt, aber immer wird alles ihr in die Schuhe geschoben. Meint ihr, ich hätte in all den Jahren nicht bemerkt, wie hochmütig und hinterhältig ihr seid? Wäre die zweite junge Herrin auch nur ein wenig angreifbarer, ihr hättet sie längst zu Fall gebracht. Und selbst so, wie es ist, lauert ihr auf jede Gelegenheit, um ihr Schwierigkeiten zu machen. Mehr als einmal wäre sie beinahe euren bösen Zungen zum Opfer gefallen. | ||
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| + | Alle Welt sagt, sie sei streng, und ihr hättet Angst vor ihr. Doch ich allein weiß, dass man wahrlich nicht sagen kann, sie hätte in ihrem Herzen nicht auch Angst vor euch. Neulich erst haben wir darüber gesprochen und festgestellt, dass hier nicht mehr alles im Lot ist und es mit Sicherheit noch ein paar hässliche Szenen geben wird. Das dritte Fräulein ist zwar noch ein Mädchen, und ihr seht sie alle scheel an. Aber unter all den Schwägerinnen der zweiten jungen Herrin ist sie die Einzige, vor der meine Herrin wirklich einigen Respekt hat. Und ausgerechnet sie nehmt ihr jetzt nicht ernst.“ | ||
| + | |||
| + | Kaum hatte sie das gesagt, erschien Herbstmuster im Hof. Die Verwalterinnen begrüßten sie eilig und sagten: "Ruht Euch ebenfalls ein wenig aus, Fräulein! Drinnen wird gerade gegessen. Wartet doch, bis der Tisch abgeräumt ist, bevor Ihr hineingeht.“ | ||
| + | |||
| + | Herbstmuster sagte lächelnd: „Mich kann man nicht mit euch gleichsetzen. Warum sollte ich warten?“ Schon wollte sie schnurstracks in die Halle eintreten, als Friedchen rief: "Komm sofort zurück!“ | ||
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| + | Herbstmuster drehte sich um, erblickte Friedchen und lachte: „Was machst du hier draußen — spielst du den Wachposten?“ Dann setzte sie sich neben Friedchen auf das Kissen. | ||
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| + | "Was willst du melden?“, fragte Friedchen leise. | ||
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| + | „Ich wollte fragen, wann endlich das monatliche Silber für Schatzjade und unser Monatsgeld ausgezahlt werden“, antwortete Herbstmuster. | ||
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| + | "Was für eine Wichtigkeit!“, meinte Friedchen. „Geh schnell zurück und sage Dufthauch, sie solle heute nichts melden lassen, gleich was es ist. Wenn sie eine Sache meldet, wird man ihr diese eine Sache abschlagen; meldet sie hundert, werden hundert abgeschlagen.“ | ||
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| + | "Warum das?“, wollte Herbstmuster wissen. | ||
| + | |||
| + | Friedchen und die Verwalterinnen erklärten ihr den Grund und fügten hinzu: „Man wartet geradezu darauf, dass jemand Gewichtiges mit etwas Wichtigem kommt, um ein Exempel zu statuieren und allen anderen eine Warnung zu erteilen. Wollt ausgerechnet ihr es sein, die es trifft? Wenn du jetzt hineingehst und sie das Exempel an euch statuieren will, stehen ihr die Herzoginmutter und die gnädige Frau im Weg. Lässt sie euch aber ungeschoren, dann heißt es, sie sei parteiisch — vor denen, die sich auf die Herzoginmutter und die gnädige Frau stützen können, habe sie Angst, nur an den Schwachen lasse sie alles aus. Glaub mir: Sie wird sogar der zweiten jungen Herrin ein paar Anordnungen aufheben, nur um den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.“ | ||
| + | |||
| + | Herbstmuster ließ verblüfft die Zunge heraus, dann lachte sie: "Ein Glück, dass Schwester Friedchen hier war! Sonst hätte ich mir eine blutige Nase geholt. Ich sage lieber gleich drüben Bescheid!“ Damit stand sie auf und ging davon. | ||
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| + | Inzwischen wurde Schatzspanges Essen gebracht, und Friedchen ging wieder hinein, um bei Tisch aufzuwarten. Nebenfrau Zhao war mittlerweile gegangen. Die drei sassen auf der Holzbank und assen: Schatzspange in der Mitte mit dem Gesicht nach Süden, Erkundefrühling mit dem Gesicht nach Westen, Seidenweiß Pflaume mit dem Gesicht nach Osten. Alle Verwalterinnen standen draußen im Säulengang und warteten schweigend. Drinnen waren nur die engsten Vertrauten und ständigen Begleiterinnen der drei anwesend, um sie zu bedienen. Niemand sonst wagte hinein. | ||
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| + | Draußen berieten sich die Verwalterinnen flüsternd: „Lastt uns lieber vernünftig sein und keine unlauteren Pläne schmieden. Selbst Frau Wu hat vorhin eine Abfuhr erhalten — welches Ansehen genießen wir denn erst?“ So tuschelten sie miteinander und warteten auf das Ende der Mahlzeit, um ihre Berichte erstatten zu können. Drinnen aber herrschte Totenstille; kein Schüsselklirren, kein Stäbchenklappern war zu vernehmen. | ||
| + | |||
| + | Dann sah man, wie ein Dienstmädchen den Türvorhang hochhob und zwei andere den Tisch heraustrugen. In der Teeküche standen längst drei Mädchen mit Waschschüsseln bereit; als der Tisch herausgetragen war, trugen sie die Schüsseln hinein. Bald darauf kamen sie mit den Schüsseln und Mundspülschalen wieder heraus. Nun trugen Dienstbuch, Suyun und Oriole je ein Tablett mit einem Deckelschälchen Tee hinein. Als sie wieder herauskamen, befahl Dienstbuch den kleineren Mädchen: "Wartet drinnen ordentlich auf! Wenn wir vom Essen zurückkommen, lösen wir euch ab. Schleicht euch nicht wieder heimlich davon, um irgendwo herumzusitzen!“ | ||
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| + | Erst jetzt wagten sich die Verwalterinnen langsam, eine nach der anderen, wieder hinein und erstatteten der Rangfolge gemäß ihre Berichte. Dabei wagten sie nicht mehr, so geringschätzig und nachlässig zu sein wie zuvor. | ||
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| + | Erkundefrühlings Zorn war allmählich verraucht. Sie wandte sich an Friedchen und sagte: „Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen, das ich schon lange mit deiner Herrin besprechen wollte. Heute fällt es mir glücklicherweise wieder ein. Iss schnell und komm dann wieder her. Fräulein Schatzspange ist auch hier — wir können zu viert darüber beraten und es dann deiner Herrin im Einzelnen vortragen, ob es sich verwirklichen lässt oder nicht.“ | ||
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| + | Friedchen sagte "Jawohl“ und ging nach Hause. | ||
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| + | Phönixglanz fragte, warum sie den ganzen Tag fortgewesen sei, und Friedchen erzählte ihr lächelnd alles von Anfang bis Ende. | ||
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| + | Phönixglanz lachte: „Gut, gut, gut! Ein gutes Mädchen, diese dritte Schwester! Ich habe immer gewusst, dass sie etwas taugt. Nur schade, dass ihr kein gutes Los beschieden ist — sie hätte aus dem Leib der gnädigen Frau zur Welt kommen sollen.“ | ||
| + | |||
| + | Friedchen sagte lächelnd: "Nun redet auch Ihr Unsinn, junge Herrin. Auch wenn nicht die gnädige Frau sie geboren hat — wer würde es wagen, sie geringer zu schätzen als die anderen Töchter des Hauses?“ | ||
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| + | Phönixglanz seufzte: „Was weißt du schon! Obwohl die Kinder von Nebenfrauen dem Rang nach gleichgestellt sind, ist doch bei den Töchtern ein Unterschied, der sich bei der Verlobung zeigt. Heutzutage gibt es leichtfertige Menschen, die sich als Erstes erkundigen, ob ein Fräulein die Tochter der Hauptfrau oder einer Nebenfrau ist, und die eine Tochter der Nebenfrau zumeist verschmähen. Dabei weiß jeder, dass bei uns — ganz zu schweigen von den Töchtern der Nebenfrauen — selbst die Dienerinnen noch etwas Besseres sind als anderer Leute Fräulein. Wer weiß, welcher Pechvogel sein Glück verspielt, weil er zwischen Hauptfrau und Nebenfrau unterscheidet, und welcher Glückspilz Erkundefrühling einmal bekommt, weil er diesen Unterschied nicht macht!“ | ||
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| + | Dann fuhr Phönixglanz, wieder lächelnd, fort und wandte sich an Friedchen: "Du weißt ja, wie viele Sparmassnahmen ich in den letzten Jahren ersonnen habe. Es gibt wohl niemanden in der ganzen Familie, der mich deswegen nicht insgeheim hasst. Nun sitze ich einmal auf dem Tiger und muss weiterreiten — auch wenn ich manches klarer sehe als zuvor, kann ich es mir nicht leisten, jetzt lockerzulassen. Zumal unsere Ausgaben groß sind und die Einnahmen gering. Alle wichtigen und unwichtigen Dinge richten sich nach den Grundsätzen der Ahnen, obwohl die Einnahmen aus den Gütern bei weitem nicht mehr so hoch sind wie früher. Spare ich aber zu sehr, lachen die Leute, die Herzoginmutter und die gnädige Frau fühlen sich gekränkt, und das Gesinde beklagt sich über Geiz. Wenn wir jedoch nicht bald einen Weg zum Sparen finden, ist in wenigen Jahren unser ganzer Besitz aufgebraucht.“ | ||
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| + | Friedchen bestätigte: „So ist es. Drei oder vier Fräulein, zwei oder drei junge Herren und die Herzoginmutter — für all das werden noch große Summen gebraucht.“ | ||
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| + | Phönixglanz sagte lächelnd: "Das habe ich alles schon durchgerechnet; es wird wohl reichen. Wenn Schatzjade heiratet und Schwester Kajaljade einen Mann bekommt, brauchen wir dafür kein Geld aus der Familienkasse — die Herzoginmutter hat ihre eigenen Ersparnisse, die sie dafür aufwenden wird. Das zweite Fräulein Willkommensfrühling<ref>Chin. 迎春 Yíngchūn, „Willkommens-Frühling".</ref> gehört zum Haushalt des älteren Herrn und zählt daher nicht mit. Bleiben drei oder vier Fräulein. Rechnet man für jede höchstens zehntausend Liang, für die Hochzeit des jungen Herrn Huan höchstens dreitausend Liang — von irgendeiner Stelle lässt sich das schon einsparen. Wenn es mit der Herzoginmutter einmal so weit ist, ist das meiste schon vorbereitet; es bleiben nur Kleinigkeiten, die drei- bis fünftausend Liang kosten mögen. Wenn wir also jetzt noch etwas sparsamer leben, kommen wir aus. Ich fürchte nur, es könnten ein oder zwei unvorhergesehene Dinge dazwischenkommen — dann wären wir übel dran. | ||
| + | |||
| + | Aber lassen wir die Zukunft. Iss jetzt erst einmal und hör dir dann an, was sie beraten wollen! Die Sache kommt mir gerade recht, denn ich mache mir Sorgen, dass ich keine geeignete Stütze habe. Schatzjade ist zwar da, aber er taugt nicht für solche Aufgaben; selbst wenn ich ihn fügig machte, hätte ich keinen Nutzen von ihm. Die ältere junge Herrin Seidenweiß Pflaume ist eine Heilige und würde mir auch nichts nützen. Das zweite Fräulein Willkommensfrühling erst recht nicht, und sie gehört überdies nicht zu unserem Haushalt. Bedauerfrühling<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, „Bedaure-den-Frühling".</ref> ist zu jung, der kleine Herr Lan noch jünger. Und der junge Herr Huan ist nichts als ein frierendes Kätzchen, das sich gern das Fell versengt, wenn es nur in den Ofen kriechen kann. Da sind wahrhaftig zwei Kinder aus dem Leib derselben Mutter geboren, und zwischen ihnen klafft ein himmelweiter Unterschied! Sooft ich daran denke, kann ich mich nicht damit abfinden. | ||
| + | |||
| + | Dann haben wir noch Schwester Kajaljade und Fräulein Schatzspange. Beide wären nicht schlecht geeignet, aber ausgerechnet sie gehören zur Verwandtschaft und können deshalb nicht gut unseren Haushalt führen. Außerdem gleicht die eine einer gemalten Schönheit auf einer Papierlaterne — der erste Windstoß macht sie kaputt. Und die andere hat es sich zur Regel gemacht: ›Was mich nichts angeht, darüber rede ich nicht; wer mich fragt, dem schüttle ich dreimal den Kopf.‹ So kann man sich schlecht an sie wenden. Es bleibt einzig Erkundefrühling — bei der sind Herz und Mund am rechten Fleck. Außerdem gehört sie voll und ganz zu unserem Haushalt, und die gnädige Frau hat sie gern. Zwar macht sie immer ein gleichgültiges Gesicht, aber daran ist nur dieses alte Stück von einer Nebenfrau Zhao schuld. | ||
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| + | Innerlich gilt Erkundefrühling der gnädigen Frau genauso viel wie Schatzjade — ganz im Unterschied zum jungen Herrn Huan, der es einem wirklich schwer macht, ihn gernzuhaben; wenn es nach mir ginge, hätte ich ihn längst hinausgeworfen. Da sie nun solche Pläne hat, sollten wir uns zusammentun und einander unterstützen — dann bin ich nicht mehr auf mich allein gestellt. Vom Standpunkt der Allgemeinheit aus und nach allem, was Anstand und Gewissen verlangen, brauchen wir uns durch ihre Hilfe weniger das Hirn zu zermartern, und die Sache der gnädigen Frau hat einigen Nutzen. | ||
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| + | Von meinem eigenen, egoistischen Standpunkt aus ist es so, dass ich bisher wohl zu hart gewesen bin und deshalb in den Hintergrund treten und abwarten sollte. Setze ich den Leuten weiter so zu, treibe ich ihren Hass auf die Spitze, und hinter jedem Lächeln lauert dann ein Dolch. Wir beide zusammen haben nur vier Augen und zwei Köpfe — ein unachtsamer Augenblick, und wir sind verloren. Wenn in dieser heiklen Lage Erkundefrühling nach außen hin in Erscheinung tritt, wird der Hass, den die Leute gegen uns hegen, allmählich verfliegen. | ||
| + | |||
| + | Und noch etwas muss ich dir sagen: Sie ist zwar ein Mädchen, begreift aber alles und jedes — nur mit ihren Worten ist sie zurückhaltend. Und sie kann besser lesen und schreiben als ich, was sie noch tüchtiger macht. Nun heißt es im Sprichwort: ›Willst du die Bande fangen, fang zuerst den Anführer.‹ Wenn sie jetzt neue Maßstäbe setzen will, wird sie unweigerlich bei mir den Anfang machen. Wenn sie also eine meiner Anordnungen zurückweist, darfst du nicht widersprechen — du musst im Gegenteil umso demütiger sein und ihr recht geben. Auf gar keinen Fall darfst du dir Gedanken machen, ob mein Ansehen dadurch leidet. Wenn du auch nur ein einziges Wort gegen sie sagst, ist alles verdorben.“ | ||
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| + | Friedchen ließ sie gar nicht erst ausreden und sagte lächelnd: „Ihr haltet mich wirklich für zu dumm! Ich habe doch schon vorhin genau so gehandelt, und jetzt belehrt Ihr mich noch.“ | ||
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| + | Phönixglanz erwiderte lächelnd: "Ich fürchtete nur, in deinem Herzen und deinen Augen sei nur für mich Platz und für sonst niemanden — darum musste ich es noch einmal sagen. Aber da du schon danach gehandelt hast, bist du offenbar klüger als ich. Vor lauter Eifer hast du mich allerdings schon wieder einfach geduzt.“ | ||
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| + | Friedchen sagte: „Und ob ich ›du‹ sage! Wenn es dir nicht passt — hier sind meine Wangen. Schlag nur! Als ob sie noch nicht wüssten, wie sich das anfühlt!“ | ||
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| + | Phönixglanz lachte: "Du kleine Frechheit! Wie oft willst du mir das noch vorhalten? Obwohl ich so krank bin, musst du mich noch ärgern. Komm, setz dich her! Da ohnehin niemand kommt, können wir auch zusammen essen.“ | ||
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| + | In diesem Augenblick traten Fenger und drei oder vier andere Dienstmädchen herein und stellten ein kleines Tischchen auf das Ofenbett. Phönixglanz ass nur Schwalbennester-Reisbrei mit zwei Schälchen feiner Beilagen; ihre übliche Tagesration hatte sie bereits abbestellt. Fenger stellte Friedchens vier Portionen Essen auf das Tischchen und füllte ihr Reis in die Schale. Friedchen kniete sich mit einem Bein auf das Ofenbett und blieb mit dem anderen auf dem Boden stehen. So leistete sie Phönixglanz beim Essen Gesellschaft. Nachdem sie ihr auch noch beim Mundspülen und Händewaschen geholfen hatte, ermahnte sie Fenger noch mit einigen Worten und machte sich dann wieder auf den Weg zu Erkundefrühling. Im Hof dort war es still, die Leute hatten sich zerstreut. | ||
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| + | Wer wissen will, wie es weiterging, ... | ||
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| + | <references /> | ||
Latest revision as of 19:36, 28 April 2026
Kapitel 55 Erkundefrühling[1] zeigt ihre Klugheit bei der Aufdeckung alter Missstände und verwaltet nun den Haushalt. Phönixglanz[2] enthüllt im Gespräch die Sorgen um die Zukunft der Familie.
Das Laternenfest war nun vorüber. Da der gegenwärtige Kaiser sein Reich nach dem Grundsatz der Pietät regierte und eine kaiserliche Gemahlin im Palast erkrankt war, mussten sich alle Nebenfrauen und Konkubinen des Hofes in Speise und Schmuck einschränken. Es waren nicht nur keine Elternbesuche möglich, auch alle Festlichkeiten und Vergnügungen waren abgesagt worden. Daher fand auch im Kaufmann-Palast in diesem Jahr kein Laternenrätsel-Fest statt.
Kaum waren die Geschäftigkeiten des Jahreswechsels vorüber, da erlitt Phönixglanz eine Fehlgeburt. Sie musste sich einen Monat lang schonen und konnte den Haushalt nicht führen. Täglich kamen zwei oder drei Leibärzte, um sie zu behandeln. Phönixglanz vertraute jedoch auf ihre kräftige Konstitution, und obwohl sie das Haus nicht verließ, plante und rechnete sie wie gewöhnlich. Sobald ihr etwas einfiel, schickte sie Friedchen[3] los, um es Dame König[4] berichten zu lassen. Alles Zureden war vergeblich, sie hörte auf niemanden.
Dame König fühlte sich ihrer wichtigsten Stütze beraubt. Wie weit reichte schon die Kraft eines einzelnen Menschen! Grundlegende Entscheidungen traf sie selbst; alle kleineren Angelegenheiten des Haushalts überließ sie vorübergehend Frau Li[5]. Seidenweiß Pflaume war jedoch jemand, der Tugend über Tüchtigkeit stellte, und so war es unvermeidlich, dass die Bediensteten unter ihrer Führung tun und lassen konnten, was sie wollten. Darum befahl Dame König, dass Erkundefrühling gemeinsam mit Seidenweiß Pflaume die Geschäfte führen solle. In einem Monat, so hieß es, wenn Phönixglanz wieder genesen sei, werde ihr alles wieder übergeben.
Niemand konnte freilich ahnen, dass Phönixglanz von Natur aus über zu wenig Lebenskraft verfügte. Verschlimmert wurde dies noch dadurch, dass sie sich seit ihrer Jugend nie Schonung gegönnt hatte. Ihr Leben lang wollte sie die Erste und die Klügste sein und hatte dadurch ihre Kräfte weiter aufgezehrt. So entwickelte sich die eigentlich harmlose Fehlgeburt zu einer echten Entkräftung, und nach einem Monat kamen noch Unterleibsblutungen hinzu. Phönixglanz sprach zwar nicht darüber, doch ihr fahles, abgemagertes Gesicht verriet jedem, dass sie sich nicht die nötige Schonung gönnte. Darum befahl man ihr, sich zu pflegen und ihren Geist nicht zu strapazieren. Auch Phönixglanz selbst bekam Angst, es könne zu einer ernsten Erkrankung kommen, die sie zum Gespött der Leute machen würde. Daher entschloss sie sich, die freie Zeit zur Genesung zu nutzen, und wünschte sich nichts sehnlicher, als über Nacht wieder die Alte zu sein. Doch wer hätte gedacht, dass es bis zum achten oder neunten Monat dauern würde, ehe es ihr nach beständiger Behandlung und größter Schonung allmählich besser ging und auch die Blutungen langsam aufhörten! Doch das ist ein Vorgriff.
Zunächst muss erzählt werden, was nun geschah. Als Dame König sah, wie es um Phönixglanz bestellt war und dass Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume ihre zusätzlichen Aufgaben so bald nicht würden abgeben können, und da im Garten viele Bewohner lebten und die Aufsicht zu fehlen drohte, ließ sie eigens Schatzspange[6] zu sich rufen und bat sie, überall ein wachsames Auge zu haben. „Die alten Frauen sind zu nichts nütze“, sagte sie. "Sobald sie Freizeit haben, spielen sie Karten und trinken Wein. Am Tage schlafen sie, und in der Nacht treiben sie ihr Unwesen. Das alles ist mir bekannt. Solange Phönixglanz draußen aufpasste, hatten sie noch ein wenig Angst; jetzt aber werden sie sich erst recht gehen lassen. Du bist ein verlässliches Kind. Dein Bruder und deine Schwestern sind noch klein, und ich habe keine Zeit. Nimm die Mühe ein paar Tage lang auf dich und führe die Aufsicht. Wenn etwas Unerwartetes geschieht, komm zu mir und berichte es. Warte nicht, bis die Herzoginmutter[7] danach fragt und ich keine Antwort weiß. Wenn jemand etwas nicht recht macht, sag es ihm. Hört er nicht, dann komm zu mir. Auf keinen Fall darf etwas Schlimmes geschehen!“ Schatzspange hatte keine andere Wahl, als zuzustimmen.
Es war bereits der Beginn des Frühlings. Kajaljade[8] litt wieder an ihrem Husten. Auch Xiangji[9] hatte sich eine Erkältung zugezogen und lag krank im Haselwurzpark darnieder; den ganzen Tag über nahm sie Medizin.
Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume wohnten in einiger Entfernung voneinander. Da sie nun gemeinsame Aufgaben hatten, war es nicht mehr wie in früheren Zeiten, als sie sich nur gegenseitig besuchten; auch für die Dienstboten, die Berichte zu erstatten hatten, war es umständlich. Daher hatten sich die beiden verständigt: Jeden Morgen wollten sie sich in der kleinen Halle mit drei Säulenzwischenräumen südlich des Gartentors treffen, um gemeinsam die Geschäfte zu führen. Dort nahmen sie auch ihr Frühstück ein und kehrten erst zur Mittagszeit in ihre Gemächer zurück.
Diese Halle war ursprünglich als Aufenthaltsraum für die diensthabenden Eunuchen während des kaiserlichen Elternbesuchs eingerichtet worden und war seither nicht mehr benutzt worden; nur nachts hielten dort ein paar alte Frauen Wache. Da es nun schon wärmer war, bedurfte es keiner großen Herrichtung; ein paar einfache Einrichtungsgegenstände genügten, und die beiden konnten dort ihren Dienst versehen. In der Halle hing eine Inschriftentafel mit den vier Zeichen „Die Menschlichkeit fördern, durch Tugend erziehen“, doch im Volksmund nannte man sie nur die "Beratungshalle“. Hier erschienen die beiden nun täglich um sechs Uhr morgens und gingen um die Mittagszeit. Während der ganzen Zeit riss der Strom der Verwalterinnen und Dienstfrauen nicht ab, die kamen, um Berichte zu erstatten und Anweisungen entgegenzunehmen.
Als die Bediensteten zunächst gehört hatten, dass Seidenweiß Pflaume den Haushalt allein führen werde, hatten sich alle insgeheim gefreut, denn Seidenweiß Pflaume stand im Ruf, gütig und großzügig zu sein und niemanden zu bestrafen — sie würde gewiss leichter zu täuschen sein als Phönixglanz. Auch als man dann von Erkundefrühlings Ernennung erfuhr, dachten alle, sie sei nur ein junges Mädchen, das seine Kammern noch nie verlassen habe, dazu friedfertig und zurückhaltend von Natur. Darum machten sie sich keine Gedanken und faulenzten noch viel mehr als zu Zeiten von Phönixglanz. Doch nach drei oder vier Tagen, als Erkundefrühling bereits einige Entscheidungen getroffen hatte, wurde ihnen allmählich klar, dass ihre Gründlichkeit der von Phönixglanz in nichts nachstand — nur dass ihre Sprache ruhiger und ihr Charakter ausgeglichener waren.
Nun wollte es der Zufall, dass sich tagelang hintereinander in über zehn Familien von Prinzen, Herzögen und Erbbeamten, mit denen die Kaufmann-Familie entweder verwandt oder befreundet war, Beförderungen, Degradierungen, Hochzeiten oder Todesfälle ereigneten, sodass Dame König mit Gratulationen und Kondolenzen, Empfängen und Abschiedsbesuchen mehr als genug beschäftigt war und sich um den Haushalt nicht kümmern konnte. So sassen nun Erkundefrühling und Seidenweiß Pflaume den ganzen Tag in der Halle. Schatzspange ihrerseits beaufsichtigte tagsüber die Räume von Dame König und kam erst heim, wenn jene zurückkehrte. Am Abend unterbrach sie ihre Nadelarbeit, um sich vor dem Zubettgehen in einer kleinen Sänfte, begleitet von den Nachtwächterinnen, durch den ganzen Garten tragen zu lassen und alles zu kontrollieren.
Unter diesem Dreigestirn ging es noch strenger zu als unter der alleinigen Herrschaft von Phönixglanz. Im Innen- wie im Außenbereich murrte das Gesinde heimlich: „Kaum sind wir den einen Wachteufel los, der auf dem Meer patrouillierte, bekommen wir gleich drei Jupitergötter, die die Berge behüten. Nicht einmal zum heimlichen Trinken und Spielen hat man nachts noch Zeit!“
An diesem Tag war Dame König zu einem Festessen im Palast des Fürsten von Jinxiang eingeladen. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling hatten sich schon am frühen Morgen zurechtgemacht, Dame König beim Aufbruch assistiert und waren danach in die Halle gegangen. Sie hatten sich gerade hingesetzt und tranken Tee, als Wu Xindengs Frau hereinkam und meldete: "Zhao Guoji, der Bruder der Nebenfrau Zhao, ist gestern verstorben. Ich habe es gestern der gnädigen Frau gemeldet, und die gnädige Frau hat gesagt, sie wisse Bescheid, ich solle es dem gnädigen Fräulein und der jungen Herrin berichten.“ Damit ließ sie die Arme hängen, verharrte in dienstfertiger Haltung am Rand und sagte kein Wort mehr.
Zu dieser Zeit waren etliche Frauen anwesend, die Berichte zu erstatten hatten, und alle warteten gespannt darauf, wie die beiden entscheiden würden. Würde die Entscheidung angemessen ausfallen, würden alle Respekt empfinden. Würde es jedoch auch nur den geringsten Anlass zum Einwand geben, würden sie nicht nur keinen Respekt zeigen, sondern nach dem Verlassen des Innentors auch noch allerlei Witze darüber reißen.
Wu Xindengs Frau hatte natürlich ihre eigene Vorstellung davon, was zu tun war. Hätte Phönixglanz vor ihr gesessen, hätte sie längst ihren Eifer unter Beweis gestellt, mehrere Vorschläge gemacht und allerhand alte Präzedenzfälle herausgesucht, unter denen Phönixglanz hätte wählen können. Nun aber blickte sie auf Seidenweiß Pflaume herab, die ihr zu einfältig erschien, und auf Erkundefrühling ebenso, weil diese nur ein junges Fräulein war. Darum hatte sie absichtlich nur diesen einen Satz gesagt, um die beiden auf die Probe zu stellen.
Erkundefrühling fragte Frau Li. Seidenweiß Pflaume dachte einen Moment nach und sagte dann: „Als neulich Dufthauch[10]s Mutter starb, hat man, wie ich gehört habe, vierzig Liang Silber ausgezahlt. Dann lasst uns hier ebenfalls vierzig Liang geben, und damit basta.“
Wu Xindengs Frau hörte das, sagte eilig „Jawohl!“, nahm die Anweisungsmarke entgegen und wollte gehen.
"Halt, komm zurück!“, befahl Erkundefrühling.
Notgedrungen kehrte Wu Xindengs Frau um.
„Hol noch kein Silber“, fuhr Erkundefrühling fort. "Erst will ich dich etwas fragen: Bei den alten Nebenfrauen in den Gemächern der Herzoginmutter wurde stets unterschieden zwischen denen, die aus dem Haus stammten, und denen, die von draußen kamen. Wie viel wurde gegeben, wenn bei einer von hier jemand starb, und wie viel bei einer von draußen? Nenne mir ein paar Beispiele.“
Auf diese Frage hin wollte sich Wu Xindengs Frau plötzlich an nichts erinnern können und sagte eilfertig mit aufgesetztem Lächeln: „Das ist doch keine so wichtige Angelegenheit. Wer würde es wagen, über die Höhe zu streiten?“
Erkundefrühling lachte: "Das ist Unsinn! Nach mir ginge es, hundert Liang zu geben. Aber wenn ich mich nicht an die bestehenden Regeln halte, werden nicht nur die Leute über mich lachen — ich könnte auch der zweiten jungen Herrin künftig nicht mehr ins Gesicht sehen.“
Wu Xindengs Frau sagte lächelnd: „Wenn dem so ist, werde ich die alten Rechnungsbücher nachschlagen. Im Augenblick kann ich mich nicht erinnern.“
Erkundefrühling lachte: "Du führst seit Jahren diesen Dienst und kannst dich nicht erinnern, aber uns willst du in die Enge treiben? Sagst du etwa auch deiner zweiten jungen Herrin, du müsstest erst nachschlagen? Wenn das so wäre, dann wäre Phönixglanz ja gar nicht so streng, sondern geradezu nachsichtig! Also beeil dich und bring mir die Unterlagen, damit ich sie selbst ansehen kann. Wenn die Sache auch nur um einen Tag verzögert wird, dann heißt es nicht, ihr wäret nachlässig gewesen, sondern wir hätten keine eigene Meinung.“
Wu Xindengs Frau war über und über rot geworden. Hastig machte sie kehrt und ging hinaus. Die Verwalterinnen draußen reckten verblüfft die Zunge heraus. Inzwischen wurden andere Angelegenheiten vorgetragen.
Bald darauf kam Wu Xindengs Frau mit den alten Rechnungsbüchern zurück. Erkundefrühling sah sie durch und fand: In zwei Fällen, in denen die Nebenfrau aus dem Haus stammte, waren jeweils zwanzig Liang gezahlt worden; in zwei Fällen, in denen sie von außerhalb kam, jeweils vierzig Liang. Daneben gab es noch zwei Zahlungen an Frauen von außerhalb — einmal hundert Liang und einmal sechzig Liang. Bei beiden war ein besonderer Grund vermerkt: Im einen Fall waren die sechzig Liang zusätzlich für die Überführung der Elternsärge in eine andere Provinz gewährt worden, im anderen die zwanzig Liang zusätzlich für den Kauf einer Grabstätte. Erkundefrühling reichte die Unterlagen an Seidenweiß Pflaume weiter, dann sagte sie: „Gebt ihm zwanzig Liang Silber. Die Bücher lasst hier, wir werden sie uns noch genauer ansehen.“
Wu Xindengs Frau ging fort. Da kam plötzlich Nebenfrau Zhao herein. Seidenweiß Pflaume und Erkundefrühling boten ihr eilig einen Platz an, doch kaum dass sie sich gesetzt hatte, brach sie schon los: "Alle Leute in diesem Haus trampeln auf meinem Kopf herum — das mag ja noch hingehen. Aber Ihr, Fräulein, solltet doch ein wenig nachdenken und mir zu meinem Recht verhelfen!“ Bei diesen Worten begann sie hemmungslos zu weinen.
„Ich verstehe nicht, was Ihr meint, Tante“, erwiderte Erkundefrühling sofort. "Wer trampelt auf Euch herum? Sagt es mir, und ich werde Euch zu Eurem Recht verhelfen.“
Nebenfrau Zhao antwortete: „Ihr selbst seid es, die auf mir herumtrampelt! Bei wem soll ich mich also beschweren?“
Sofort sprang Erkundefrühling auf und sagte: "Ich würde so etwas niemals wagen!“
Auch Seidenweiß Pflaume stand auf, um zu beschwichtigen. Nebenfrau Zhao aber fuhr fort: „Setzt Euch doch und hört mich an! Ich bin in diesem Haus alt geworden, habe mich mein ganzes Leben lang abgerackert, habe Euch und Euren Bruder zur Welt gebracht — und jetzt bin ich nicht einmal so viel wert wie Dufthauch! Was bleibt mir da noch an Ansehen? Nicht einmal Ihr habt noch ein Gesicht, von mir ganz zu schweigen!“
Erkundefrühling lächelte: "So ist das also. Ich sage Euch: Ich bin nicht der Mensch, der gegen Recht und Vorschrift verstößt.“ Damit setzte sie sich wieder, nahm die Rechnungsbücher und blätterte sie Nebenfrau Zhao hin, las ihr daraus vor und sagte: „Das sind die alten Regelungen, die von den Ahnen auf uns gekommen sind. Jeder hält sich daran — soll ausgerechnet ich sie ändern? Das betrifft nicht nur Dufthauch. Wenn Huan einmal eine Nebenfrau von draußen nimmt, wird für sie selbstverständlich dasselbe gelten. Da gibt es nichts zu streiten, und von Gesichtsverlust kann keine Rede sein. Dufthauch ist eine Dienerin der gnädigen Frau, und ich handle nach den überlieferten Vorschriften. Wer sagt, es sei gut so, der genießt die Gnade der Ahnen und die Güte der gnädigen Frau. Wer es ungerecht findet, der ist dumm und weiß sein Glück nicht zu schätzen — soll er nur grollen!
Wenn die gnädige Frau jemandem das ganze Haus schenkt, gewinne ich dadurch kein Ansehen, und wenn sie jemandem keinen einzigen Heller gibt, verliere ich auch keines. Wenn die gnädige Frau nicht zu Hause ist, tätet Ihr besser daran, Euch auszuruhen und Eure Kräfte zu schonen, anstatt Euch unnötig aufzuregen. Die gnädige Frau liebt mich von ganzem Herzen, doch weil Ihr, Tante, immer wieder Unruhe stiftet, war sie schon mehrmals bitter enttäuscht. Wäre ich doch nur ein Mann! Ich hätte längst das Haus verlassen, stünde auf eigenen Beinen und lebte nach meinen eigenen Grundsätzen. Aber weil ich ein Mädchen bin, steht es mir nicht zu, auch nur ein einziges unbedachtes Wort zu sagen. Das weiß die gnädige Frau ganz genau. Und eben weil sie mich schätzt, hat sie mich beauftragt, den Haushalt mit zu führen. Noch ehe ich auch nur eine einzige gute Tat vollbringen konnte, kommt Ihr und zieht mich in den Schmutz! Was, wenn die gnädige Frau davon erfährt und meint, die Sache sei mir zu unangenehm, und mir den Posten wieder abnimmt? Dann ist mein Ansehen wirklich dahin — und Eures genauso!“
Während sie sprach, liefen ihr unwillkürlich Tränen über das Gesicht.
Nebenfrau Zhao wusste nichts Besseres zu erwidern als: "Wenn die gnädige Frau Euch so liebt, müsstet Ihr uns doch erst recht unter die Arme greifen. Aber Ihr denkt nur daran, Euch bei der gnädigen Frau einzuschmeicheln, und habt uns ganz vergessen.“
Erkundefrühling entgegnete: „Wie habe ich Euch vergessen? Und wie soll ich Euch unter die Arme greifen? Fragt Euch doch selbst: Welche Herrschaft liebt nicht die Bediensteten, die tüchtig und nützlich sind? Und welcher aufrechte Mensch ist auf die Fürsprache anderer angewiesen?“
Seidenweiß Pflaume versuchte von der Seite her unablässig zu beschwichtigen und sagte: "Seid nicht böse, Tante. Man darf es dem Fräulein nicht verübeln — sie ist ja im Herzen ganz darauf bedacht, Euch zu helfen, nur aussprechen kann sie es nicht.“
Sofort protestierte Erkundefrühling: „Auch die Schwägerin redet nun Unsinn! Wen will ich denn unterstützen? In welcher Familie werden die Sklaven von den Fräulein des Hauses unterstützt? Ob es ihnen gut oder schlecht ergeht — das solltet Ihr wissen. Was hat das mit mir zu tun?“
Wütend sagte Nebenfrau Zhao: "Niemand verlangt von Euch, andere zu unterstützen! Wenn Ihr nicht den Haushalt führen würdet, wäre ich erst gar nicht zu Euch gekommen. Ihr habt doch jetzt das Sagen! Wenn Ihr mir für das Begräbnis Eures Onkels zwanzig oder dreißig Liang mehr gebt — meint Ihr wirklich, die gnädige Frau hätte etwas dagegen? Die gnädige Frau ist wahrhaftig eine gütige Herrin! Ihr seid es, die hartherzig und knauserig seid. Es ist Euch leid, dass die Güte der gnädigen Frau nicht zur Geltung kommt! Und es ist ja nicht Euer eigenes Silber! Ich hatte gehofft, wenn Ihr einmal verheiratet seid, würdet Ihr Euch um die Familie Zhao besonders gut kümmern. Aber Ihr habt vergessen, woher Ihr kommt, noch ehe Euch die Federn gewachsen sind, und wollt nur noch hoch hinaus!“
Noch ehe die letzten Worte verklungen waren, war Erkundefrühling vor Zorn bleich geworden und rang schluchzend nach Atem: „Wer ist mein Onkel? Mein Onkel ist zu Neujahr zum Oberbefehlshaber von neun Provinzen aufgestiegen — wo kommt auf einmal ein weiterer Onkel her? Ich habe mich stets respektvoll verhalten, wie es sich gehört, und zum Dank dafür wird mir nun solche Verwandtschaft angehängt! Wenn Zhao Guoji mein Onkel gewesen wäre — warum stand er dann jedes Mal auf, wenn Huan den Raum verließ? Warum begleitete er ihn zur Schule? Warum kehrte er da nicht den Onkel heraus?
Wozu muss das alles sein? Jeder weiß doch, dass ich von Euch, einer Nebenfrau, geboren bin. Warum müsst Ihr alle paar Monate einen Vorwand suchen, alles gründlich aufzurühren, als hättet Ihr Angst, irgend jemand könnte es vergessen haben, und deshalb müsstet Ihr es wieder und wieder herausschreien? Ein Glück nur, dass ich vernünftig genug bin! Wäre ich dumm und unverständig, hätte ich schon längst die Geduld verloren.“
Während Seidenweiß Pflaume in ihrer Aufregung weiterzubeschwichtigen versuchte und Nebenfrau Zhao immer weiter palaverte, hörte man plötzlich jemanden melden: "Die zweite junge Herrin schickt Fräulein Friedchen mit einer Mitteilung.“
Jetzt endlich hielt Nebenfrau Zhao den Mund. Im nächsten Augenblick trat Friedchen ein. Sofort setzte Nebenfrau Zhao ein Lächeln auf, bot Friedchen einen Sitz an und fragte eilfertig: „Geht es deiner Herrin schon etwas besser? Eben wollte ich sie besuchen, kam aber nicht dazu.“
Seidenweiß Pflaume sah Friedchen kommen und fragte: "Was führt dich her?“
Friedchen erwiderte lächelnd: „Die junge gnädige Frau hat gesagt, da jetzt der Bruder von Nebenfrau Zhao verstorben ist, könnten die Herrin und das Fräulein vielleicht nicht über die alten Regelungen Bescheid wissen. Nach dem üblichen Brauch sind nur zwanzig Liang vorgesehen. Sie bittet das Fräulein, nach eigenem Ermessen etwas draufzulegen, wenn sie es für angemessen hält.“
Erkundefrühling hatte sich längst die Tränen abgewischt und erwiderte sogleich: "Warum ohne Grund etwas drauflegen? War der Verstorbene etwa ein Wunder, das nach vierundzwanzigmonatiger Schwangerschaft zur Welt kam? Oder war er ein Held, der im Krieg seinem Herrn das Leben rettete? Deine Herrin ist wirklich sonderbar — sie will, dass ich den Präzedenzfall schaffe, damit sie als die Wohltäterin dasteht. Mit dem Geld der gnädigen Frau lässt sich schön großzügig sein! Sag ihr: Ich wage es nicht, eigenmächtig etwas zu kürzen oder draufzulegen. Wenn sie etwas zulegen und Gnade walten lassen möchte, soll sie warten, bis sie genesen ist und wieder den Haushalt führt — dann mag sie zahlen, so viel sie will.“
Friedchen hatte schon beim Eintreten die Lage halb durchschaut, und bei diesen Worten war ihr alles klar. Da Erkundefrühling noch immer zornig dreinblickte, wagte sie nicht, sich so ungezwungen zu verhalten wie sonst in fröhlichen Zeiten, und blieb still und dienstfertig an der Seite stehen.
Gerade kam auch Schatzspange aus den Räumen von Dame König herüber. Erkundefrühling und die anderen standen eilig auf und boten ihr einen Platz an. Noch bevor jemand etwas sagen konnte, kam wieder eine Verwalterfrau herein, um etwas zu berichten. Da Erkundefrühling soeben geweint hatte, brachten drei oder vier kleine Dienstmädchen eine Waschschüssel, Tücher, einen Handspiegel und Toilettenartikel.
Erkundefrühling sass mit untergeschlagenen Beinen auf der niedrigen Ruhebank. Das Mädchen mit der Waschschüssel trat vor sie hin, kniete sich auf beide Knie nieder und hielt die Schüssel in die Höhe. Die beiden anderen Mädchen knieten ebenfalls nieder und reichten Tücher, Spiegel, Rouge und Puder dar. Da Dienstbuch nirgends zu sehen war, trat Friedchen eilig heran, krempelte Erkundefrühling die Ärmel hoch, streifte ihr die Armreife ab und breitete ein großes Handtuch über ihr Gewand, um es zu schützen. Erst dann streckte Erkundefrühling die Hände in die Schüssel und wusch sich.
Da begann die Verwalterfrau ihren Bericht: „Junge gnädige Frau und gnädiges Fräulein, die Familienschule verlangt die diesjährigen Unkosten für den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan.“
Friedchen ergriff als Erste das Wort: "Was soll die Eile? Siehst du denn nicht, dass sich das Fräulein gerade wäscht? Statt draußen zu warten, platzt du hier einfach herein! Würdest du dich vor der zweiten jungen Herrin auch so benehmen? Das Fräulein ist zwar nachsichtig, aber wenn ich drüben meiner Herrin berichte, dass ihr alle das Fräulein für nichts achtet, handelt ihr euch etwas ein. Dann macht mir aber keine Vorwürfe!“ Die Frau erschrak, setzte eilig ein Lächeln auf, entschuldigte sich — „Ich war unachtsam“ — und zog sich rasch nach draußen zurück.
Erkundefrühling war inzwischen beim Schminken und wandte sich mit einem kühlen Lächeln an Friedchen: "Du bist einen Schritt zu spät gekommen. Es gab noch etwas Lächerlicheres: Selbst eine so altgediente Frau wie Wu Xindengs Gattin erschien hier, ohne sich vorher Klarheit verschafft zu haben, und wollte uns an der Nase herumführen. Als wir sie dann befragten, hatte sie sogar noch die Stirn zu behaupten, sie könne sich an nichts erinnern. Wenn sie deiner Herrin etwas meldet und sagt, sie müsse erst nachschlagen — glaubst du, deine Herrin hätte die Geduld, darauf zu warten?“
Friedchen erwiderte lächelnd: „Wenn so etwas auch nur ein einziges Mal vorgekommen wäre, hätte ihr meine Herrin gewiss schon längst die Sehnen aus den Beinen gerissen! Glaubt ihnen nichts, Fräulein. Die sehen, dass die Herrin hier ein gutherziger Bodhisattva ist und das Fräulein ein zartes junges Mädchen, und schon versuchen sie, es sich bequem zu machen und euch frech ins Gesicht zu lügen.“ Dann rief sie in Richtung Tür: "Treibt es nur weiter so! Wenn die junge Herrin wieder gesund ist, sprechen wir uns!“
Die Verwalterinnen draußen erwiderten lächelnd: „Fräulein, Ihr seid doch ein verständiger Mensch! Wie das Sprichwort sagt: ›Jeder muss seine eigene Zeche zahlen.‹ Wir würden es niemals wagen, das Fräulein zu hintergehen. Das Fräulein ist so zart und vornehm — wenn wir es wahrhaft erzürnten, verdienten wir es, dass unsere Gebeine unbegraben vermodern.“
"Gut, dass ihr das wisst“, erwiderte Friedchen kühl. Dann wandte sie sich wieder lächelnd an Erkundefrühling: „Ihr wisst ja, Fräulein, wie viel die zweite junge Herrin zu tun hat. Da kann sie sich unmöglich um alles kümmern, und es ist nicht ausgeschlossen, dass manches übersehen worden ist. Wie man sagt: ›Der Zuschauer sieht klarer als der Spieler.‹ In den letzten Jahren habt Ihr mit kühlem Blick zugesehen — vielleicht ist Euch aufgefallen, wo Mittel hätten gekürzt oder aufgestockt werden sollen, ohne dass die zweite junge Herrin es getan hat. Wenn Ihr das jetzt tut, ist es erstens im Interesse der gnädigen Frau, und zweitens beweist Ihr damit die Freundschaft, die Ihr unserer jungen Herrin schon immer entgegengebracht habt.“
Noch bevor sie den Satz beendet hatte, fielen Schatzspange und Seidenweiß Pflaume lachend ein: "Was für ein prächtiges Mädchen! Es ist wirklich kein Wunder, dass Phönixglanz ausgerechnet sie so gernhat! Du meinst also, wir sollten uns jetzt ein paar Dinge vornehmen, die bisher nicht erledigt worden sind? Da sollst du nicht enttäuscht werden!“
Auch Erkundefrühling lächelte: „Ich hatte einen Bauch voll Wut und keinen, an dem ich sie auslassen konnte. Schon hatte ich mir ihre Herrin dafür ausgesucht — da platzt sie herein und sagt diese Dinge, sodass ich gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht.“ Dann rief sie die Verwalterfrau von vorhin herein und fragte: "Wofür werden die Jahresgelder für den jungen Herrn Huan und den jungen Herrn Lan in der Familienschule verwendet?“
Die Frau antwortete: „Jeder erhält acht Liang Silber im Jahr für den Imbiss in der Schule und für Schreibpinsel und Papier.“
Erkundefrühling sagte: "Für den Aufwand der jungen Herren bekommt jeder Haushalt ein Monatsgeld. Für Huan erhält Nebenfrau Zhao zwei Liang, für Schatzjade[11] erhält Dufthauch zwei Liang aus den Gemächern der Herzoginmutter, und für Lan bekommt sie die ältere junge Herrin. Warum werden dann noch einmal acht Liang pro Person an die Schule gezahlt? Gehen sie etwa nur wegen dieser acht Liang in die Schule? Ab sofort wird dieser Posten gestrichen! Friedchen, wenn du nach Hause kommst, bestelle deiner Herrin, was ich gesagt habe: Diese Zahlung muss unbedingt abgeschafft werden.“
Friedchen erwiderte lächelnd: „Sie hätte schon längst abgeschafft werden sollen. Gegen Jahresende hatte die junge Herrin sie streichen wollen, vergass es aber, weil um den Jahreswechsel so viel zu tun war.“
Die Verwalterfrau sagte notgedrungen "Jawohl“ und ging. Darauf brachten Dienerinnen aus dem Garten der Großen Anschauung Speisekästen mit dem Essen.
Dienstbuch und Suyun hatten längst einen kleinen Esstisch hereingetragen, und Friedchen half eilfertig beim Auftragen.
Erkundefrühling sagte lächelnd: „Wenn du alles gesagt hast, geh ruhig. Was machst du dich hier noch zu schaffen?“
Friedchen erwiderte lächelnd: "Ich habe weiter nichts zu tun. Die zweite junge Herrin hat mich zum einen hergeschickt, um die Mitteilung zu überbringen, zum anderen, weil sie meinte, hier sei zu wenig Personal — ich soll den Mädchen helfen, die junge Herrin und das Fräulein zu bedienen.“
Erkundefrühling fragte: „Warum hat man das Essen für Fräulein Schatzspange nicht gleich mitgebracht, damit wir zusammen essen können?“
Kaum hatten die Dienstmädchen das gehört, liefen sie hinaus zu den Verwalterinnen im Säulengang und riefen: "Fräulein Schatzspange isst heute hier mit — lasst ihr Essen herbringen!“
Als Erkundefrühling das hörte, sagte sie laut und bestimmt: „Kommandiert nicht so sinnlos herum! Das sind alles Verwalterfrauen, die für wichtige Angelegenheiten zuständig sind. Ihr schickt sie los, Essen und Tee zu holen, ohne den Unterschied zwischen hoch und niedrig zu kennen! Friedchen steht hier — sie kann Bescheid sagen gehen.“
Friedchen antwortete ohne Zögern "Jawohl“ und ging hinaus. Draußen fassten die Verwalterinnen sie sogleich am Arm, lächelten und flüsterten: „Fräulein, Ihr braucht nicht zu gehen. Wir haben bereits jemanden geschickt.“ Zugleich staubten sie mit ihren Taschentüchern eine Steinstufe ab und luden Friedchen ein: "Ihr steht nun schon so lange, Fräulein, setzt Euch doch ein wenig in den Schatten.“
Friedchen setzte sich. Zwei alte Frauen aus der Teeküche brachten ein Sitzkissen und legten es auf den Stein: „Der Stein ist kalt. Das Kissen ist ganz sauber — setzt Euch doch einen Moment darauf, Fräulein.“
Friedchen lächelte und dankte freundlich. Eine andere Frau brachte ihr eine Schale feinen, frischen Tee heraus und sagte leise und lächelnd: "Das ist nicht unser gewöhnlicher Tee, sondern der für die gnädigen Fräulein zubereitete. Erfrischt Euch ein wenig daran, Fräulein.“
Friedchen beugte sich eilig vor, um die Schale entgegenzunehmen, dann wies sie auf die Verwalterinnen und sagte leise: „Ihr treibt es wirklich zu weit. Sie ist ein Fräulein und tut sich weder wichtig, noch fährt sie aus der Haut — das ist ihre Würde. Aber ihr behandelt sie geringschätzig und tretet ihr zu nahe. Wenn ihr sie wirklich so weit treibt, dass sie in Zorn gerät — von ihr wird es nur heißen, sie sei ungehobelt gewesen, und damit ist es erledigt; ihr aber handelt euch etwas ein, was ihr nicht verkraften könnt. Wenn sie nur ein kleines Schmollen zeigt, muss selbst die gnädige Frau ihr nachgeben, und auch die zweite junge Herrin wagt nicht, etwas dagegen einzuwenden. Wenn ihr so frech seid, sie zu verachten, ist das nichts als ein Ei, das sich am Stein zerschlägt.“
Sofort verteidigten sich die Frauen: "Wie hätten wir es gewagt, frech zu sein! Das alles ist nur Nebenfrau Zhaos Schuld.“
Friedchen flüsterte weiter: „Lastt es gut sein, werte Damen! ›Wenn die Mauer einstürzt, schieben alle mit.‹ Nebenfrau Zhao handelt wirklich unüberlegt, aber immer wird alles ihr in die Schuhe geschoben. Meint ihr, ich hätte in all den Jahren nicht bemerkt, wie hochmütig und hinterhältig ihr seid? Wäre die zweite junge Herrin auch nur ein wenig angreifbarer, ihr hättet sie längst zu Fall gebracht. Und selbst so, wie es ist, lauert ihr auf jede Gelegenheit, um ihr Schwierigkeiten zu machen. Mehr als einmal wäre sie beinahe euren bösen Zungen zum Opfer gefallen.
Alle Welt sagt, sie sei streng, und ihr hättet Angst vor ihr. Doch ich allein weiß, dass man wahrlich nicht sagen kann, sie hätte in ihrem Herzen nicht auch Angst vor euch. Neulich erst haben wir darüber gesprochen und festgestellt, dass hier nicht mehr alles im Lot ist und es mit Sicherheit noch ein paar hässliche Szenen geben wird. Das dritte Fräulein ist zwar noch ein Mädchen, und ihr seht sie alle scheel an. Aber unter all den Schwägerinnen der zweiten jungen Herrin ist sie die Einzige, vor der meine Herrin wirklich einigen Respekt hat. Und ausgerechnet sie nehmt ihr jetzt nicht ernst.“
Kaum hatte sie das gesagt, erschien Herbstmuster im Hof. Die Verwalterinnen begrüßten sie eilig und sagten: "Ruht Euch ebenfalls ein wenig aus, Fräulein! Drinnen wird gerade gegessen. Wartet doch, bis der Tisch abgeräumt ist, bevor Ihr hineingeht.“
Herbstmuster sagte lächelnd: „Mich kann man nicht mit euch gleichsetzen. Warum sollte ich warten?“ Schon wollte sie schnurstracks in die Halle eintreten, als Friedchen rief: "Komm sofort zurück!“
Herbstmuster drehte sich um, erblickte Friedchen und lachte: „Was machst du hier draußen — spielst du den Wachposten?“ Dann setzte sie sich neben Friedchen auf das Kissen.
"Was willst du melden?“, fragte Friedchen leise.
„Ich wollte fragen, wann endlich das monatliche Silber für Schatzjade und unser Monatsgeld ausgezahlt werden“, antwortete Herbstmuster.
"Was für eine Wichtigkeit!“, meinte Friedchen. „Geh schnell zurück und sage Dufthauch, sie solle heute nichts melden lassen, gleich was es ist. Wenn sie eine Sache meldet, wird man ihr diese eine Sache abschlagen; meldet sie hundert, werden hundert abgeschlagen.“
"Warum das?“, wollte Herbstmuster wissen.
Friedchen und die Verwalterinnen erklärten ihr den Grund und fügten hinzu: „Man wartet geradezu darauf, dass jemand Gewichtiges mit etwas Wichtigem kommt, um ein Exempel zu statuieren und allen anderen eine Warnung zu erteilen. Wollt ausgerechnet ihr es sein, die es trifft? Wenn du jetzt hineingehst und sie das Exempel an euch statuieren will, stehen ihr die Herzoginmutter und die gnädige Frau im Weg. Lässt sie euch aber ungeschoren, dann heißt es, sie sei parteiisch — vor denen, die sich auf die Herzoginmutter und die gnädige Frau stützen können, habe sie Angst, nur an den Schwachen lasse sie alles aus. Glaub mir: Sie wird sogar der zweiten jungen Herrin ein paar Anordnungen aufheben, nur um den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen.“
Herbstmuster ließ verblüfft die Zunge heraus, dann lachte sie: "Ein Glück, dass Schwester Friedchen hier war! Sonst hätte ich mir eine blutige Nase geholt. Ich sage lieber gleich drüben Bescheid!“ Damit stand sie auf und ging davon.
Inzwischen wurde Schatzspanges Essen gebracht, und Friedchen ging wieder hinein, um bei Tisch aufzuwarten. Nebenfrau Zhao war mittlerweile gegangen. Die drei sassen auf der Holzbank und assen: Schatzspange in der Mitte mit dem Gesicht nach Süden, Erkundefrühling mit dem Gesicht nach Westen, Seidenweiß Pflaume mit dem Gesicht nach Osten. Alle Verwalterinnen standen draußen im Säulengang und warteten schweigend. Drinnen waren nur die engsten Vertrauten und ständigen Begleiterinnen der drei anwesend, um sie zu bedienen. Niemand sonst wagte hinein.
Draußen berieten sich die Verwalterinnen flüsternd: „Lastt uns lieber vernünftig sein und keine unlauteren Pläne schmieden. Selbst Frau Wu hat vorhin eine Abfuhr erhalten — welches Ansehen genießen wir denn erst?“ So tuschelten sie miteinander und warteten auf das Ende der Mahlzeit, um ihre Berichte erstatten zu können. Drinnen aber herrschte Totenstille; kein Schüsselklirren, kein Stäbchenklappern war zu vernehmen.
Dann sah man, wie ein Dienstmädchen den Türvorhang hochhob und zwei andere den Tisch heraustrugen. In der Teeküche standen längst drei Mädchen mit Waschschüsseln bereit; als der Tisch herausgetragen war, trugen sie die Schüsseln hinein. Bald darauf kamen sie mit den Schüsseln und Mundspülschalen wieder heraus. Nun trugen Dienstbuch, Suyun und Oriole je ein Tablett mit einem Deckelschälchen Tee hinein. Als sie wieder herauskamen, befahl Dienstbuch den kleineren Mädchen: "Wartet drinnen ordentlich auf! Wenn wir vom Essen zurückkommen, lösen wir euch ab. Schleicht euch nicht wieder heimlich davon, um irgendwo herumzusitzen!“
Erst jetzt wagten sich die Verwalterinnen langsam, eine nach der anderen, wieder hinein und erstatteten der Rangfolge gemäß ihre Berichte. Dabei wagten sie nicht mehr, so geringschätzig und nachlässig zu sein wie zuvor.
Erkundefrühlings Zorn war allmählich verraucht. Sie wandte sich an Friedchen und sagte: „Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen, das ich schon lange mit deiner Herrin besprechen wollte. Heute fällt es mir glücklicherweise wieder ein. Iss schnell und komm dann wieder her. Fräulein Schatzspange ist auch hier — wir können zu viert darüber beraten und es dann deiner Herrin im Einzelnen vortragen, ob es sich verwirklichen lässt oder nicht.“
Friedchen sagte "Jawohl“ und ging nach Hause.
Phönixglanz fragte, warum sie den ganzen Tag fortgewesen sei, und Friedchen erzählte ihr lächelnd alles von Anfang bis Ende.
Phönixglanz lachte: „Gut, gut, gut! Ein gutes Mädchen, diese dritte Schwester! Ich habe immer gewusst, dass sie etwas taugt. Nur schade, dass ihr kein gutes Los beschieden ist — sie hätte aus dem Leib der gnädigen Frau zur Welt kommen sollen.“
Friedchen sagte lächelnd: "Nun redet auch Ihr Unsinn, junge Herrin. Auch wenn nicht die gnädige Frau sie geboren hat — wer würde es wagen, sie geringer zu schätzen als die anderen Töchter des Hauses?“
Phönixglanz seufzte: „Was weißt du schon! Obwohl die Kinder von Nebenfrauen dem Rang nach gleichgestellt sind, ist doch bei den Töchtern ein Unterschied, der sich bei der Verlobung zeigt. Heutzutage gibt es leichtfertige Menschen, die sich als Erstes erkundigen, ob ein Fräulein die Tochter der Hauptfrau oder einer Nebenfrau ist, und die eine Tochter der Nebenfrau zumeist verschmähen. Dabei weiß jeder, dass bei uns — ganz zu schweigen von den Töchtern der Nebenfrauen — selbst die Dienerinnen noch etwas Besseres sind als anderer Leute Fräulein. Wer weiß, welcher Pechvogel sein Glück verspielt, weil er zwischen Hauptfrau und Nebenfrau unterscheidet, und welcher Glückspilz Erkundefrühling einmal bekommt, weil er diesen Unterschied nicht macht!“
Dann fuhr Phönixglanz, wieder lächelnd, fort und wandte sich an Friedchen: "Du weißt ja, wie viele Sparmassnahmen ich in den letzten Jahren ersonnen habe. Es gibt wohl niemanden in der ganzen Familie, der mich deswegen nicht insgeheim hasst. Nun sitze ich einmal auf dem Tiger und muss weiterreiten — auch wenn ich manches klarer sehe als zuvor, kann ich es mir nicht leisten, jetzt lockerzulassen. Zumal unsere Ausgaben groß sind und die Einnahmen gering. Alle wichtigen und unwichtigen Dinge richten sich nach den Grundsätzen der Ahnen, obwohl die Einnahmen aus den Gütern bei weitem nicht mehr so hoch sind wie früher. Spare ich aber zu sehr, lachen die Leute, die Herzoginmutter und die gnädige Frau fühlen sich gekränkt, und das Gesinde beklagt sich über Geiz. Wenn wir jedoch nicht bald einen Weg zum Sparen finden, ist in wenigen Jahren unser ganzer Besitz aufgebraucht.“
Friedchen bestätigte: „So ist es. Drei oder vier Fräulein, zwei oder drei junge Herren und die Herzoginmutter — für all das werden noch große Summen gebraucht.“
Phönixglanz sagte lächelnd: "Das habe ich alles schon durchgerechnet; es wird wohl reichen. Wenn Schatzjade heiratet und Schwester Kajaljade einen Mann bekommt, brauchen wir dafür kein Geld aus der Familienkasse — die Herzoginmutter hat ihre eigenen Ersparnisse, die sie dafür aufwenden wird. Das zweite Fräulein Willkommensfrühling[12] gehört zum Haushalt des älteren Herrn und zählt daher nicht mit. Bleiben drei oder vier Fräulein. Rechnet man für jede höchstens zehntausend Liang, für die Hochzeit des jungen Herrn Huan höchstens dreitausend Liang — von irgendeiner Stelle lässt sich das schon einsparen. Wenn es mit der Herzoginmutter einmal so weit ist, ist das meiste schon vorbereitet; es bleiben nur Kleinigkeiten, die drei- bis fünftausend Liang kosten mögen. Wenn wir also jetzt noch etwas sparsamer leben, kommen wir aus. Ich fürchte nur, es könnten ein oder zwei unvorhergesehene Dinge dazwischenkommen — dann wären wir übel dran.
Aber lassen wir die Zukunft. Iss jetzt erst einmal und hör dir dann an, was sie beraten wollen! Die Sache kommt mir gerade recht, denn ich mache mir Sorgen, dass ich keine geeignete Stütze habe. Schatzjade ist zwar da, aber er taugt nicht für solche Aufgaben; selbst wenn ich ihn fügig machte, hätte ich keinen Nutzen von ihm. Die ältere junge Herrin Seidenweiß Pflaume ist eine Heilige und würde mir auch nichts nützen. Das zweite Fräulein Willkommensfrühling erst recht nicht, und sie gehört überdies nicht zu unserem Haushalt. Bedauerfrühling[13] ist zu jung, der kleine Herr Lan noch jünger. Und der junge Herr Huan ist nichts als ein frierendes Kätzchen, das sich gern das Fell versengt, wenn es nur in den Ofen kriechen kann. Da sind wahrhaftig zwei Kinder aus dem Leib derselben Mutter geboren, und zwischen ihnen klafft ein himmelweiter Unterschied! Sooft ich daran denke, kann ich mich nicht damit abfinden.
Dann haben wir noch Schwester Kajaljade und Fräulein Schatzspange. Beide wären nicht schlecht geeignet, aber ausgerechnet sie gehören zur Verwandtschaft und können deshalb nicht gut unseren Haushalt führen. Außerdem gleicht die eine einer gemalten Schönheit auf einer Papierlaterne — der erste Windstoß macht sie kaputt. Und die andere hat es sich zur Regel gemacht: ›Was mich nichts angeht, darüber rede ich nicht; wer mich fragt, dem schüttle ich dreimal den Kopf.‹ So kann man sich schlecht an sie wenden. Es bleibt einzig Erkundefrühling — bei der sind Herz und Mund am rechten Fleck. Außerdem gehört sie voll und ganz zu unserem Haushalt, und die gnädige Frau hat sie gern. Zwar macht sie immer ein gleichgültiges Gesicht, aber daran ist nur dieses alte Stück von einer Nebenfrau Zhao schuld.
Innerlich gilt Erkundefrühling der gnädigen Frau genauso viel wie Schatzjade — ganz im Unterschied zum jungen Herrn Huan, der es einem wirklich schwer macht, ihn gernzuhaben; wenn es nach mir ginge, hätte ich ihn längst hinausgeworfen. Da sie nun solche Pläne hat, sollten wir uns zusammentun und einander unterstützen — dann bin ich nicht mehr auf mich allein gestellt. Vom Standpunkt der Allgemeinheit aus und nach allem, was Anstand und Gewissen verlangen, brauchen wir uns durch ihre Hilfe weniger das Hirn zu zermartern, und die Sache der gnädigen Frau hat einigen Nutzen.
Von meinem eigenen, egoistischen Standpunkt aus ist es so, dass ich bisher wohl zu hart gewesen bin und deshalb in den Hintergrund treten und abwarten sollte. Setze ich den Leuten weiter so zu, treibe ich ihren Hass auf die Spitze, und hinter jedem Lächeln lauert dann ein Dolch. Wir beide zusammen haben nur vier Augen und zwei Köpfe — ein unachtsamer Augenblick, und wir sind verloren. Wenn in dieser heiklen Lage Erkundefrühling nach außen hin in Erscheinung tritt, wird der Hass, den die Leute gegen uns hegen, allmählich verfliegen.
Und noch etwas muss ich dir sagen: Sie ist zwar ein Mädchen, begreift aber alles und jedes — nur mit ihren Worten ist sie zurückhaltend. Und sie kann besser lesen und schreiben als ich, was sie noch tüchtiger macht. Nun heißt es im Sprichwort: ›Willst du die Bande fangen, fang zuerst den Anführer.‹ Wenn sie jetzt neue Maßstäbe setzen will, wird sie unweigerlich bei mir den Anfang machen. Wenn sie also eine meiner Anordnungen zurückweist, darfst du nicht widersprechen — du musst im Gegenteil umso demütiger sein und ihr recht geben. Auf gar keinen Fall darfst du dir Gedanken machen, ob mein Ansehen dadurch leidet. Wenn du auch nur ein einziges Wort gegen sie sagst, ist alles verdorben.“
Friedchen ließ sie gar nicht erst ausreden und sagte lächelnd: „Ihr haltet mich wirklich für zu dumm! Ich habe doch schon vorhin genau so gehandelt, und jetzt belehrt Ihr mich noch.“
Phönixglanz erwiderte lächelnd: "Ich fürchtete nur, in deinem Herzen und deinen Augen sei nur für mich Platz und für sonst niemanden — darum musste ich es noch einmal sagen. Aber da du schon danach gehandelt hast, bist du offenbar klüger als ich. Vor lauter Eifer hast du mich allerdings schon wieder einfach geduzt.“
Friedchen sagte: „Und ob ich ›du‹ sage! Wenn es dir nicht passt — hier sind meine Wangen. Schlag nur! Als ob sie noch nicht wüssten, wie sich das anfühlt!“
Phönixglanz lachte: "Du kleine Frechheit! Wie oft willst du mir das noch vorhalten? Obwohl ich so krank bin, musst du mich noch ärgern. Komm, setz dich her! Da ohnehin niemand kommt, können wir auch zusammen essen.“
In diesem Augenblick traten Fenger und drei oder vier andere Dienstmädchen herein und stellten ein kleines Tischchen auf das Ofenbett. Phönixglanz ass nur Schwalbennester-Reisbrei mit zwei Schälchen feiner Beilagen; ihre übliche Tagesration hatte sie bereits abbestellt. Fenger stellte Friedchens vier Portionen Essen auf das Tischchen und füllte ihr Reis in die Schale. Friedchen kniete sich mit einem Bein auf das Ofenbett und blieb mit dem anderen auf dem Boden stehen. So leistete sie Phönixglanz beim Essen Gesellschaft. Nachdem sie ihr auch noch beim Mundspülen und Händewaschen geholfen hatte, ermahnte sie Fenger noch mit einigen Worten und machte sich dann wieder auf den Weg zu Erkundefrühling. Im Hof dort war es still, die Leute hatten sich zerstreut.
Wer wissen will, wie es weiterging, ...
- ↑ Chin. 探春 Tànchūn, „Erkundefrühling".
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Phönixglanz König".
- ↑ Chin. 平儿 Píng'ér, „die Friedfertige".
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén, „Frau/Dame König".
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán, „Frau Li, die verwitwete Schwiegertochter".
- ↑ Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz Schnee-Spange".
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, „die Herzoginmutter der Kaufmann-Familie".
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal Wald-Jade".
- ↑ Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún, „Xiangfluss-Wolke".
- ↑ Chin. 袭人 Xírén, "die Angreifende/der Dufthauch".
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, „Schatz Kaufmann-Jade".
- ↑ Chin. 迎春 Yíngchūn, „Willkommens-Frühling".
- ↑ Chin. 惜春 Xīchūn, „Bedaure-den-Frühling".