Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 59"

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Kapitel 59
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Am Weidenufer wird die Drossel<ref>Chin. 莺儿 Yīng'ér, wörtl. „Drosselkind" — Schatzspanges geschickte Kammerzofe.</ref> gescholten und die Schwalbe gescheucht
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">[1-10]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">[11-20]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">[21-30]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_52|<span style="color: #FFD700;">52</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_53|<span style="color: #FFD700;">53</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_54|<span style="color: #FFD700;">54</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_55|<span style="color: #FFD700;">55</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_56|<span style="color: #FFD700;">56</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_57|<span style="color: #FFD700;">57</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_58|<span style="color: #FFD700;">58</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''59'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_60|<span style="color: #FFD700;">60</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Im Purpurwolken-Salon werden Befehle erlassen und Boten entsandt
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù — der Protagonist des Romans.</ref> hörte, dass die Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ — die Matriarchin der Familie Kaufmann.</ref> und die anderen zurückgekehrt seien, zog sich noch eine Jacke über, stützte sich auf seinen Stock und ging hinüber, um seinen Gruß zu entbieten. Da sich die Herzoginmutter und die anderen Tag für Tag hatten anstrengen müssen, wollten sie sich früh zur Ruhe legen. Über die Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache begaben sie sich wieder zum Hofe.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_59|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_59|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 59 =
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Da der Tag der Sargüberführung nicht mehr fern war, waren Mandarinenente<ref>Chin. 鸳鸯 Yuānyāng — die treue Kammerzofe der Herzoginmutter.</ref>, Bernstein, Jade und Glas emsig damit beschäftigt, die Sachen der Herzoginmutter zusammenzupacken. Jadearmbändchen, Farbwölkchen und Farbenglühen packten die Sachen der Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén — Aufrecht Kaufmanns Hauptfrau.</ref>. Stück für Stück wurden sie den mitreisenden Verwalterinnen und Dienstfrauen vorgezählt und übergeben. Mitfahren sollten insgesamt sechs größere und kleinere Dienstmädchen sowie zehn Dienstfrauen; die männlichen Diener nicht mitgerechnet. Tagelang wurden Maultiersänften und allerlei Gerätschaften hergerichtet. Mandarinenente und Jadearmbändchen selbst gehörten nicht zur Begleitung; sie sollten vielmehr zu Hause die Räume bewachen. Einige Tage im Voraus wurden Bettzeug, Vorhänge und andere Ausstattungsgegenstände vorausgeschickt: Vier oder fünf Dienstfrauen und einige männliche Diener nahmen sie in mehreren Wagen auf einem Umweg mit zu den Rastquartieren, um dort alles einzurichten und zu warten.
== 柳叶渚边嗔莺叱燕 ==
 
=== 绛芸轩里召将飞符 ===
 
  
Bau-yü zog sich noch etwas an und ging, auf seinen Stock gestützt, hinüber, um seine Grüße zu entbieten. Weil sich aber die Herzoginmutter und alle anderen Tag für Tag hatten anstrengen müssen, wollten sie sich früh schlafen legen, und so ist über die Nacht nichts zu berichten. Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache begaben sich alle wieder zu Hofe.
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Am Tag der Abreise bestieg die Herzoginmutter zusammen mit Hibiskus Kaufmann<ref>Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng — Kaufmann Kostbars Sohn, aus dem Stillfriede-Anwesen.</ref>' Frau eine Maultiersänfte, und Dame König folgte in einer zweiten. Herrlichkeit Kaufmann<ref>Chin. 贾珠 Jiǎ Zhū — Aufrecht Kaufmanns verstorbener ältester Sohn.</ref> ritt zu Pferde an der Spitze der Dienerschaft, die den Schutz übernahm. In mehreren großen Wagen folgten die Dienstfrauen und Mädchen mit den Kleiderbündeln und sonstigem Gepäck. An jenem Tag gaben Tante Schnee<ref>Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā — Dame Königs Schwester.</ref> und Dame Sonders<ref>Chin. 尤氏 Yóu Shì — Kaufmann Kostbars Ehefrau.</ref>, an der Spitze der Zurückbleibenden, den Abreisenden das Geleit bis vor das große Außentor. Auch Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn — Phönixglanz' Ehemann.</ref> wollte für die Bequemlichkeit auf der Reise sorgen: Sobald er seine Eltern verabschiedet hatte, machte er sich auf, holte die Sänften der Herzoginmutter und der Dame König ein und brachte sich mit seiner Dienerschar als Nachhut in Stellung.
Da der Tag der Sargüberführung nicht mehr fern war, waren Yüan-yang, Hu-po, Fee-tsuee und Bo-li emsig damit beschäftigt, die Sachen der Herzoginmutter zusammenzupacken. Yü-tschuan, Tsai-yün und Tsai-hsia packten die Sachen für Dame Wang. Stück für Stück wurde den mitreisenden Sklavinnen alles vorgezählt.
 
Mitfahren sollten sechs größere und kleinere Sklavenmädchen sowie zehn Sklavenfrauen, die männlichen Sklaven zählten extra. Tagelang wurden die Maultiersänften und alle Gerätschaften instand gesetzt. Yüan-yang und Yü-tschuan selbst gehörten nicht zur Begleitung, sie sollten vielmehr zu Hause die Räume hüten. Einige Tage im voraus mußten vier, fünf Sklavinnen und eine Anzahl von Sklaven in mehreren Wagen Bettzeug und Vorhänge auf Umwegen an die Absteigeorte bringen, um dort alles einzurichten und dann zu warten.
 
Als der Tag der Abreise gekommen war, nahm die Herzoginmutter mit Djia Jungs Frau zusammen in einer Maultiersänfte Platz und Dame Wang in einer zweiten. Djia Dschën ritt zu Pferde an der Spitze der Sklavenschar, die sie zum Schutz umgab. In mehreren großen Wagen folgten die Sklavenfrauen und -mädchen mit den Kleiderbündeln und anderen Dingen. Mit Tante Hsüä und Frau You an der Spitze gab die Familie den Abreisenden das Geleit bis vor das Außentor. Auch Djia Liän wollte, daß es die Herzoginmutter unterwegs möglichst bequem hatte, darum stieg er aufs Pferd, sobald er seine Eltern verabschiedet hatte, und begab sich hinter die Sänften mit der Herzoginmutter und Dame Wang an die Spitze des Gefolges.
 
Im Jung-guo-Anwesen setzte Lai Da zusätzliche Nachtwächter ein und ließ die Zugänge der beiden großen Gehöfte verschließen, so daß jedermann durch das kleine westliche Seitentor gehen mußte. Bei Sonnenuntergang wurde auch das Zeremonialtor geschlossen, und niemand durfte mehr passieren. Auch im Garten wurden das vordere und das hintere Tor sowie das östliche und das westliche Nebentor verschlossen. Offen blieb nur das Tor hinter der Haupthalle von Dame Wang, das von den Mädchen des Hauses ständig benutzt wurde, sowie das Nebentor im Osten, das zu den Räumen von Tante Hsüä führte.
 
Diese Tore gehörten zum inneren Hof, und so brauchten sie nicht verschlossen zu werden. Drinnen im inneren Bereich schlossen Yüan-yang und Yü-tschuan die Türen der Haupträume ab und schliefen bei den anderen Sklavenmädchen und -frauen in den Gesindestuben. Außerdem kam jeden Abend Lin Dschï-hsiaus Frau mit zehn weiteren Sklavinnen, um Nachtwache zu halten, und in den Durchgangshallen saßen zahlreiche zusätzliche Sklavenjungen mit Holzklappern. So war alles bestens eingeteilt.
 
Eines Morgens war Bau-tschai zeitig aus ihrem Frühlingsschlummer erwacht, und verspürte, als sie die Vorhänge zurückschob und vom Bett aufstand, eine leichte Kühle. Sie öffnete die Tür, um hinauszuschauen, und fand den Boden feucht und das Moos dunkel, denn in der fünften Nachtwache hatte es ein wenig geregnet. Nun rief sie Hsiang-yün und die anderen wach.
 
Als sie beim Frisieren und Waschen waren, klagte Hsiang-yün über ein Jucken in den Wangen und meinte, sie müsse wohl wieder die Aprikosenflechte haben. Deshalb bat sie Bau-tschai um etwas Rosensalpeter.
 
„Was von neulich noch übrig war, habe ich Kusine Bau-tjin gegeben“, sagte Bau-tschai. „Aber Dai-yü hat sich viel davon zubereiten lassen. Ich hatte sie schon darum bitten wollen, doch dann vergaß ich es wieder, weil es mich in diesem Jahr nicht juckt.“ Und sie befahl Ying-örl, sie solle gehen und etwas holen.
 
Ying-örl sagte: „Jawohl!“ und wollte eben losgehen, als Juee-guan erklärte: „Ich gehe mit und schaue nach Ou-guan.“ Und damit verließ sie mit Ying-örl zusammen den Haselwurzpark.
 
In ein fröhliches Zwiegespräch vertieft, gelangten sie zum Inselchen der Seekannenblätter und folgten dem Weidendamm. Hier zeigten die Weidenzweige erst ein zartes Grün und hingen wie goldene Schnüre herab. Lächelnd erkundigte sich Ying-örl: „Verstehst du dich auf Flechtarbeiten aus Weidengerten?“
 
„Was kann man denn daraus flechten?“ wollte Juee-guan wissen.
 
„Alles mögliche“, erwiderte Ying-örl, „zum Spielen und auch zum Gebrauch. Warte, ich will ein paar Gerten abbrechen und ein Blumenkörbchen daraus flechten, das füllen wir dann mit den verschiedensten Blüten. Mit den Blättchen zusammen sieht das sehr schön aus.“
 
Und anstatt nach dem Salpeterpuder zu gehen, streckte sie die Arme nach den grüngoldenen Zweigen aus und brach davon, soviel sie brauchte. Dann gab sie die Zweige Juee-guan zu tragen und begann im Weitergehen zu flechten. Wo sie unterwegs Blüten sahen, pflückten sie eine oder zwei, und zwischen den grünen Blättchen, von denen die Zweige voll saßen, sah das zierlich und originell aus.
 
„Schenk es mir!“ bat Juee-guan entzückt.
 
„Nein“, sagte Ying-örl, „das hier bekommt Fräulein Lin. Aber auf dem Rückweg brechen wir mehr Zweige und flechten noch ein paar Körbchen.“
 
Bei diesen Worten waren sie in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß angelangt, wo Dai-yü eben bei der Morgentoilette saß. Als sie das Mitbringsel sah, fragte sie lächelnd: „Wer hat das hübsche Körbchen geflochten?“
 
„Ich“, sagte Ying-örl, „ich möchte es Euch schenken, Fräulein.“
 
Dai-yü nahm das Körbchen in die Hand und bemerkte lächelnd: „Kein Wunder, daß man sagt, du hättest geschickte Hände! Das ist einmal etwas Besonderes.“ Und nachdem sie das Körbchen angesehen hatte, befahl sie Dsï-djüan, sie solle es aufhängen.
 
Erst nachdem sich Ying-örl auch nach Tante Hsüä erkundigt hatte, bat sie Dai-yü um den Salpeterpuder.
 
Sofort erhielt Dsï-djüan den Befehl, ein Päckchen davon einzuwickeln und Ying-örl zu geben, dann sagte Dai-yü: „Ich fühle mich wieder wohl und will heute spazierengehen. Sag also deinem Fräulein, sie brauche nicht herüberzukommen, um ihre Mutter zu begrüßen, und solle sich auch nicht die Mühe machen, nach mir zu sehen. Sobald ich frisiert bin, komme ich mit ihrer Mutter zu euch hinüber, und auch das Essen lassen wir uns zu euch bringen. Wenn wir alle zusammen sind, wird es lustiger!“
 
Ying-örl bestätigte den Auftrag und ging hinaus, um in Dsï-djüans Zimmer nach Juee-guan zu sehen. Aber Ou-guan und Juee-guan waren eben so in ihr Gespräch vertieft, daß sie sich nicht voneinander trennen mochten. Also schlug Ying-örl ihnen vor: „Das Fräulein kommt auch zu uns hinüber, da kann doch Ou-guan mit uns vorgehen und bei uns auf sie warten!“
 
„Das wäre gut, so ungezogen, wie sie ist!“ lobte Dsï-djüan den Vorschlag. Dann wickelte sie Dai-yüs Löffel und Eßstäbchen in ein europäisches Leinentuch und reichte Ou-guan das Päckchen mit den Worten: „Nimm das mit hinüber, damit du auch einen Auftrag hast!“
 
Freudestrahlend nahm Ou-guan das Päckchen entgegen und folgte den beiden hinaus. Als sie den Weidendamm entlanggingen, brach Ying-örl wieder Zweige von den Bäumen, dann nahm sie ungeniert auf einem Felsbrocken Platz und begann zu flechten, Juee-guan aber befahl sie, zuerst den Salpeterpuder abliefern zu gehen und dann wiederzukommen. Doch die
 
  
Ying-örl. Aus: Gai Qi 1879.
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Im Prunkwille-Anwesen ließ Verwalter Lai Da<ref>Chin. 赖大 Lài Dà — der Oberverwalter des Prunkwille-Anwesens.</ref> zusätzliche Nachtwächter einteilen und die Zugänge zu beiden großen Gehöften verschließen, sodass jedermann das kleine westliche Seitentor benutzen musste. Bei Sonnenuntergang wurde auch das Zeremonialtor geschlossen, und niemand durfte mehr passieren. Ebenso wurden im Garten das vordere und das hintere Tor sowie die östlichen und westlichen Nebentore verschlossen und verriegelt. Offen blieb nur das Tor hinter Dame Königs Hauptgemach, das die Schwestern ständig benutzten, sowie das östliche Nebentor, das zu Tante Schnees Räumen führte. Da diese beiden Tore zum inneren Hof gehörten, brauchten sie nicht verschlossen zu werden. Mandarinenente und Jadearmbändchen schlossen drinnen die oberen Räume ab und gingen mit den Dienstmädchen und Frauen hinunter in die Gesindestube, um dort zu schlafen. Jeden Tag kam Lin Zhixiao<ref>Chin. 林之孝 Lín Zhīxiào — ein Verwalter im Prunkwille-Anwesen.</ref>s Frau herein und brachte über zehn Dienstfrauen mit, die Nachtwache hielten. In der Durchgangshalle wurden zudem zahlreiche Dienstjungen aufgestellt, die mit Holzklappern die Wache schlugen. So war alles aufs Beste geordnet.
beiden waren so begierig, ihr beim Flechten zuzusehen, daß sie erst drohen mußte: „Wenn du nicht gehst, höre ich auf!“
 
Da erbot sich Ou-guan: „Ich gehe mit dir, und dann kommen wir schnell zurück!“
 
Als die beiden fort waren, erschien Tschun-yän, die Tochter der Sklavenfrau Hë, und fragte lächelnd: „Was flichtst du da, Schwester?“
 
Kaum hatte sie das gesagt, waren Juee-guan und Ou-guan wieder da, und nun erkundigte sich Tschun-yän bei Ou-guan: „Was für Papier hast du da neulich verbrannt, als meine Tante mütterlicherseits dazukam und dich melden wollte und es nur deshalb nicht tat, weil Bau-yü ihr einen Haufen Vorwürfe machte? Sie war so in Wut, daß sie meiner Mutter alles haarklein erzählte. Was hat sich in den zwei, drei Jahren, die du drüben warst, für ein Haß zwischen euch angestaut, daß ihr immer noch nicht darüber hinwegkommt?“
 
„Wieso Haß?“ fragte Ou-guan mit verächtlichem Lächeln. „Unersätt­lich sind die, aber uns machen sie Vorwürfe. Von allem andern ganz zu schwei­gen, was haben sie sich in diesen Jahren allein von unserm Essen eingesteckt! Was sie mit der Familie nicht schaffen konnten, haben sie Tag für Tag nach links und rechts verkauft. Aber wenn wir mal einen Auftrag für sie hatten, stöhnten und klagten sie. Sag selbst, kann man das gütig nennen?“
 
„Sie ist meine Tante, und ich kann schlecht vor andern über sie reden“, sagte Tschun-yän lächelnd. „Aber es ist kein Wunder, wenn Bau-yü sagt: ‚Ein unverheiratetes Mädchen ist eine unschätzbare Perle, aber wenn sie dann verheiratet ist, nimmt sie, ehe man sich‘s versieht, viele häßliche Fehler an und wird zu einer glanzlosen blinden Perle. Noch später aber, wenn sie älter wird, ist sie gar keine Perle mehr, sondern nur noch ein Fischauge. Wie kann sich ein und derselbe Mensch so verwandeln!‘ Das ist zwar Unsinn, aber es ist etwas Wahres daran.
 
Von andern kann ich nichts sagen, aber meine Mutter und meine Tante hängen immer stärker am Geld, je älter sie werden. Solange sie beide noch zu Hause saßen, klagten sie, sie hätten keinen Posten und keine Verdienstmög­lich­keit. Als dann der Garten da war und ich hier aufgenommen und ausgerechnet dem Hof der Freude am Roten zugeteilt wurde, da sparten sie zu Hause nicht nur meinen Unterhalt ein, sondern hatten jeden Monat sogar noch einen Gewinn von vier-, fünfhundert Bronzemünzen. Aber das war ihnen immer noch nicht genug. Später wurden meine Mutter und meine Tante in den Birnendufthof geschickt, um dort nach dem Rechten zu sehen, Ou-guan erkannte meine Tante als Pflegemutter an und Fang-guan meine Mutter. In den nächsten Jahren hatten wir dann wirklich reichlich.
 
Jetzt sind die Mädchen in den Garten gekommen, und sie müßten die Finger von ihnen lassen, aber sie geben noch immer keine Ruhe. Ist das nicht zum Lachen? Erst hat meine Tante mit Ou-guan gezankt und dann meine Mutter wegen des Haarewaschens mit Fang-guan. Nicht einmal den Kopf sollte sie sich waschen dürfen! Als es das Monatsgeld gab, konnte sie es ihr nicht länger verweigern und hat gekauft, was notwendig ist. Dann hat sie befohlen, zuerst solle ich mir das Haar waschen.
 
Aber ich sagte mir, ich habe doch mein eigenes Geld, und auch wenn ich es nicht hätte, brauchte ich nur Hsi-jën, Tjing-wën oder Schë-yüä etwas zu sagen, wenn ich mir den Kopf waschen wollte. Warum also sollte ich es auf ihre Kosten tun? Das ist doch Unsinn.
 
Also habe ich mir das Haar nicht gewaschen, und meine Mutter hat meiner kleinen Schwester Hsiau-djiu befohlen, sie solle sich das Haar zuerst waschen und Fang-guan erst danach. So ist es dann zum Streit gekommen. Anschließend wollte sie für Bau-yü die Suppe blasen. Sag selbst, ist das nicht lächerlich?
 
Als sie hier in den Garten kam, habe ich ihr gesagt, welche Regeln hier gelten, aber sie wollte alles besser wissen, und nun hat sie sich Ärger eingehandelt. Ein Glück nur, daß so viele Leute hier im Garten sind, daß sich niemand genau merken kann, wer mit wem verwandt ist! Was würde daraus werden, wenn alle wüßten, daß nur meine Familie so zänkisch ist?! Jetzt bist wieder du hierher gelaufen und machst solche Sachen. Aber hier hat meine Tante väterlicherseits die Aufsicht. Sie geht strenger damit um als mit einem Familienerbgut. Nicht nur, daß sie jeden Tag früh aufsteht und spät schlafengeht, weil sie sich so damit abmüht, sie zwingt auch uns noch, hier aufzupassen, weil sie fürchtet, jemand könnte etwas verderben. Dabei habe ich Angst, ich könnte meinen Dienst darüber versäumen.
 
Meine Tante und meine Mutter bewachen alles aufs sorgsamste, damit niemand auch nur einen Grashalm anrührt, du aber pflückst Blumen und brichst Zweige ab. Wenn sie jetzt kommen, kannst du dich darauf gefaßt machen, daß sie böse werden.
 
„Andere dürfen auch nicht einfach etwas abreißen, aber ich darf“, erwiderte Ying-örl darauf. „Seitdem die Gartenflächen vergeben sind, bekommt jedes Haus seine täglichen Zuteilungen. Von Eßbarem ganz abgesehen, haben auch die Frauen, die für die verschiedenen Blumen zu sorgen haben, jeden Tag von allen Sorten zu schicken, was die Fräulein und ihre Mägde im Haar tragen, und außerdem etwas für die Vasen. Nur unser Fräulein hat gesagt, ihr brauche man nichts zu schicken, wenn sie etwas haben wolle, lasse sie Bescheid sagen. Aber sie hat kein einziges Mal etwas verlangt. Da kann wohl schlecht jemand etwas dagegen einwenden, wenn ich mir heute etwas pflücke.“
 
Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als Tschun-yäns Tante, auf ihren Stock gestützt, herankam. Sofort baten Ying-örl und Tschun-yän, sie solle Platz nehmen. Die Alte sah, wie viele Weidengerten Ying-örl abgebrochen und wie viele Blumen Ou-guan gepflückt hatte, und war sehr unzufrieden, aber da sie Ying-örl flechten sah, konnte sie schlecht etwas dagegen sagen. Deshalb wandte sie sich an Tschun-yän und warf ihr vor: „Wenn ich dir sage, du sollst hier ein bißchen aufpassen, spielst du statt dessen. Und wenn du gerufen wirst, sagst du, du hättest von mir einen Auftrag. So versteckst du dich hinter mir und denkst nur an dein Vergnügen!“
 
„Und du gibst mir Aufträge und hast doch Angst deswegen, jetzt aber machst du mir Vorwürfe“, gab Tschun-yän zurück. „Kann ich mich vielleicht zerreißen?“
 
„Glaubt ihr nicht!“ sagte Ying-örl lächelnd. „Sie hat das alles abgerissen und hat verlangt, daß ich etwas flechte. Als ich sie wegschickte, ist sie nicht gegangen.“
 
„Laß diese Späße!“ verlangte Tschun-yän. „Für dich ist das Spaß, aber die Alte glaubt es.“
 
Die Frau, die ohnehin stets einen törichten Sinn gehabt hatte, kannte, seitdem ihr Verstand vom Alter getrübt war, nur noch ihren Gewinn, und jedes verwandtschaftliche Gefühl war ihr fremd. Als sie in ihrem hilflosen Zorn hörte, was Ying-örl behauptete, machte sie sofort vom Recht der Älteren Gebrauch, hob ihren Stock und schlug Tschun-yän ein paarmal damit. Dazu schimpfte sie: „Du kleines Spitzbein! Mußt du noch widersprechen, wenn ich etwas sage? Deiner Mutter jucken vor Wut schon die Zähne. Am liebsten möchte sie dir das Fleisch vom Leibe reißen, um es zu essen, du aber wirst hier noch laut vor mir!“
 
Erregt und beschämt heulte Tschun-yän: „Schwester Ying-örl hat nur einen Scherz gemacht, aber du nimmst es ernst und schlägst mich. Warum soll meine Mutter wütend auf mich sein? Habe ich vielleicht das Waschwasser anbrennen lassen?“
 
Ying-örl hatte sich wirklich nur einen Scherz erlauben wollen. Als sie jetzt sah, daß die Alte ihn ernst nahm und wütend wurde, trat sie schnell näher zu ihr, hielt ihren Arm fest und sagte lächelnd: „Ich habe doch eben nur Spaß gemacht. Ihr beschämt auch mich, wenn Ihr sie schlagt.“
 
„Misch dich nicht in unsere Angelegenheiten, Mädchen!“ sagte die Alte. „Darf ich vielleicht meine Nichte nicht erziehen, nur weil du dabei bist?“
 
Als Ying-örl diese unvernünftigen Worte hörte, wurde sie rot vor Zorn, ließ die Alte los und sagte mit kühlem Lächeln: „Ihr könnt sie doch erziehen, wann immer Ihr wollt. Warum müßt Ihr es ausgerechnet jetzt tun, nachdem ich einen Scherz gemacht habe? Aber erzieht sie nur!“ Mit diesen Worten setzte sie sich hin und flocht weiter an ihrem Körbchen.
 
Da erschien auch Frau Hë und rief Tschun-yän an: „Willst du nicht Wasser schöpfen? Was machst du denn da?“
 
Doch an Tschun-yäns Statt sagte die Alte: „Komm her und sieh sie dir an, deine Tochter! Nicht einmal vor mir hat sie Respekt und macht mir hier Vorwürfe.“
 
„Was ist denn wieder einmal, Schwägerin?“ fragte Frau Hë, um dann, an Tschun-yän gewandt, fortzufahren: „Wenn schon deine Mutter nichts gilt in deinen Augen, solltest du wenigstens deine Tante achten.“
 
Ying-örl wollte Frau Hë alles erklären, aber die Alte ließ sie nicht zu Wort kommen. Sie wies auf die Blumen und die Weidenzweige und sagte: „Groß, wie dein Mädel ist, muß sie immer noch spielen. Wenn sie andere hierher bringt, um alles kaputt zu machen, was soll ich dann noch sagen?“
 
Frau Hë, deren Zorn auf Fang-guan noch nicht verraucht war und die sich ärgerte, daß Tschun-yän ihr nicht gehorchte, trat jetzt näher, gab Tschun-yän eine Ohrfeige und schimpfte: „Du kleines Hurending! Bist ein paar Jahre in feiner Gesellschaft und machst nach, was die liederlichen Weiber tun. Meinst du, ich werde nicht fertig mit euch? Wenn ich auch mit der Pflegetochter nicht fertig werde, aber du bist aus meinem eigenen Bauch geplumpst, glaubst du, da hätte ich Angst, dich zu belehren? Wenn ich auch dort nichts zu suchen habe, wo ihr kleinen Spitzbeine hingehört, so hast du doch dort aufzuwarten und dich nicht hier herumzutreiben!“
 
Dann griff sie nach den Weidenzweigen, fuchtelte damit vor Tschun-yäns Gesicht herum und fuhr fort: „Was soll das? Ein Dreck ist das, was du da flichtst!“
 
Sofort unterbrach Ying-örl sie: „Ich habe das geflochten. Zeigt doch nicht auf den Maulbeerbaum, wenn Ihr den Schnurbaum scheltet!“
 
Frau Hë beneidete die größeren Sklavenmädchen wie Hsi-jën und Tjing-wën zutiefst, weil sie wußte, daß sie mehr Ansehen und Macht besaßen als sie selbst. Wenn sie mit ihnen zusammentraf, war sie ängstlich und unterwürfig, zugleich aber auch wütend und ärgerlich, nur lud sie das stets bei anderen ab. Als sie jetzt Ou-guan erblickte, mit der ihre Schwester verfeindet war, floß all ihr Zorn in eins zusammen.  
 
Inzwischen ging Tschun-yän weinend in Richtung des Hofes der Freude am Roten davon, und weil Frau Hë fürchtete, dort könnte man
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Eines Morgens früh war Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi — Tante Schnees Tochter.</ref> aus ihrem Frühlingsschlummer erwacht. Sie schob den Vorhang beiseite, stieg vom Bett und spürte eine leichte Kühle. Als sie die Tür öffnete und hinausblickte, fand sie den Boden feucht und das Moos dunkelgrün: In der fünften Nachtwache hatte es einige Tropfen Regen gegeben. Sie rief Xiangji und die anderen, und man begann mit der Morgentoilette. Xiangji klagte, ihre Wangen juckten, und fürchtete, es sei wieder die Aprikosenflechte<ref>Chin. 杏癍癣 — eine saisonale Hautreizung im Frühling.</ref> <ref>eine saisonale Hautirritation im Frühling.</ref>. Deshalb bat sie Schatzspange um etwas Rosensalpeter<ref>Chin. 蔷薇硝 qiángwēi xiāo — ein mit Rosenessenz versetztes Salpeterpulver gegen Hautirritationen.</ref>.
Tschun-yän fragen, warum sie weine, und dann würde sie sagen, daß sie von ihr Schläge bekommen habe, was wieder einmal Tjing-wëns Zorn erwecken würde, rief sie ihr nach: „Komm zurück! Ich habe dir etwas zu sagen.
 
Aber Tschun-yän dachte nicht daran zurückzukommen. Also lief Frau Hë hinter ihr her, um sie zu fassen. Als Tschun-yän sich umschaute und dies bemerkte, stürzte sie um so schneller davon. Frau Hë, die nur den einen Gedanken hatte, sie einzuholen, achtete nicht auf den Weg, glitt auf dem feuchten Moos aus und stürzte zu Boden, worüber Ying-örl und die beiden anderen Mädchen sich ausschütten wollten vor Lachen. Dann warf Ying-örl die Blumen und die Weidengerten ärgerlich ins Wasser und ging in ihre Räume hinüber.
 
Die Alte aber blieb blutenden Herzens zurück, rief den Namen Buddhas an und fluchte: „So ein gemeines kleines Spitzbein! Die ganzen Blumen zu verderben! Der Donner soll sie erschlagen!“ Dann machte sie sich daran, andere Blumen zu pflücken, um sie in die einzelnen Häuser zu tragen. Doch genug jetzt von ihr.
 
Als Tschun-yän in den Hof gestürzt kam, traf sie dort auf Hsi-jën, die eben zu Dai-yü gehen wollte. Rasch klammerte sich Tschun-yän an ihr fest und bat: „Rette mich! Meine Mutter schlägt mich wieder einmal!“
 
Da Frau Hë wirklich herbeigeeilt kam, wurde Hsi-jën zornig und fragte: „Willst du zeigen, wieviel Kinder du hast, indem du gestern deine Pflegetochter schlägst und heute deine leibliche Tochter, oder weißt du tatsächlich nicht, was Recht und Gesetz ist?“
 
Frau Hë, die in der kurzen Zeit, die sie im Garten war, den Eindruck gewonnen hatte, Hsi-jën rede nicht viel und sei friedfertig, sagte nur: „Ihr wißt nicht, worum es geht, Fräulein, also kümmert Euch nicht um unsere Angelegenheiten. Ihr seid es, von der sie verzogen wird, was wollt Ihr Euch da einmischen?“ Und wieder versuchte sie, Tschun-yän zu fassen, um sie zu schlagen.
 
Wütend wandte Hsi-jën sich ab, um hineinzugehen, da sagte Schë-yüä, die eben unter dem Zierapfelbaum Taschentücher zum Trocknen ausbreitete und den Lärm gehört hatte: „Kümmer dich nicht um sie, Schwester! Wir wollen doch sehen, was sie macht!“ Und sie gab Tschun-yän einen Wink mit den Augen. Tschun-yän verstand, was gemeint war, und flüchtete zu Bau-yü.
 
„Das hat es noch nicht gegeben!“ sagten die Mädchen lachend, Schë-yüä aber riet Frau Hë: „Nun reg dich ein bißchen ab! Das bist du wohl den Anwesenden schuldig, oder nicht?“
 
Frau Hë mußte sehen, wie Tschun-yän bei Bau-yü Zuflucht suchte. Jetzt griff Bau-yü auch noch nach Tschun-yäns Hand und sagte: „Hab keine Angst, ich bin ja da.“ Immer noch weinend, erzählte Tschun-yän, was passiert war, und erregt sagte Bau-yü zu Frau Hë: „Ist es nicht genug, daß du hier Lärm machst, mußt du auch noch deine eigenen Angehörigen beleidigen?“
 
Zugleich an Frau Hë und an alle Anwesenden gewandt, sagte Schë-yüä: „Die Frau hat ja recht, wenn sie sagt, wir sollten uns nicht um ihre Angelegenheiten kümmern. Wir haben keine Ahnung und würden alles falsch machen, darum wollen wir jemand kommen lassen, der das Zeug hat, sich darum zu kümmern, und der sie wieder zu Verstand und zum Schweigen bringt und ihr gleichzeitig klarmacht, was sich hier gehört.“ Sie wandte den Kopf nach einem der kleineren Sklavenmädchen und befahl: „Hol Ping-örl her, und wenn sie keine Zeit hat, Lin Dschï-hsiaus Frau!“
 
Das Mädchen sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus, die alten Sklavenfrauen aber traten zu Frau Hë und rieten ihr lächelnd: „Bitte die Fräulein schnell, das Mädchen zurückzurufen, Schwägerin! Wenn Fräulein Ping-örl kommt, sieht es böse für dich aus.“
 
„Soll sie doch kommen und Recht sprechen!“ entgegnete Frau Hë. „Das gibt es wohl nirgends, daß eine Mutter ihr Kind nicht erziehen darf und sich statt dessen von den Leuten erziehen lassen muß.“
 
Lächelnd sagten die alten Sklavenfrauen: „Was glaubst du denn, welches Fräulein Ping-örl gemeint ist? Es ist das Fräulein Ping-örl aus den Räumen der zweiten jungen Herrin. Wenn sie in guter Stimmung ist, bekommst du ein paar Sätze zu hören, aber wenn sie wütend ist, geht es dir dreckig.“
 
Bei diesen Worten kam das kleine Sklavenmädchen schon zurück und berichtete: „Fräulein Ping-örl hat zu tun. Sie hat mich gefragt, worum es geht, und als ich es ihr erzählt hatte, hat sie gesagt, die Frau solle hinausgeworfen werden, außerdem solle Lin Dschï-hsiaus Frau Bescheid bekommen, damit sie ihr vor dem Seitentor vierzig Stockhiebe geben läßt.“
 
Frau Hë wollte natürlich den Garten nicht verlassen und flehte Hsi-jën mit tränenüberströmtem Gesicht an: „Mit so viel Mühe bin ich hier hereingekommen! Außerdem bin ich Witwe und habe niemand, der für mich sorgt. Ich diene Euch doch hier ehrlich und ergeben. Ihr habt es gut mit mir, und ich habe etwas zum Leben. Wenn ich jetzt fort muß, muß ich allein für mich sorgen und werde eines Tages nicht wissen, wie ich auskommen soll.“
 
Hsi-jën war bei diesem Anblick schon längst wieder weich geworden, aber sie sagte: „Hierbleiben willst du, aber dich nicht an die Regeln halten, auf niemand hören und prügeln, wie es dir gefällt. Was sollen wir mit so einem unverständigen Wesen, das jeden Tag zankt? Auslachen wird man uns, und unser Ansehen werden wir verlieren.
 
„Hör doch gar nicht auf sie!“ mischte Tjing-wën sich ein. „Das einzig Richtige ist, sie wegzuschicken. Wer will sich schon immer wieder mit ihr streiten?“
 
Aber Frau Hë bat weiter: „Ich habe zwar etwas falsch gemacht, aber nun habt Ihr mich belehrt, und in Zukunft werde ich mich bessern. Wollt Ihr nicht eine gute Tat vollbringen, die Euch später einmal angerechnet wird?“ Dann wandte sie sich an Tschun-yän und sagte: „Nur weil ich dich schlagen wollte, muß ich jetzt leiden, noch hatte ich dich nicht geschlagen. Bitte auch du für mich!“
 
Bau-yü tat Frau Hë inzwischen so leid, daß er nicht anders konnte, als ihr zu erlauben, sie dürfe bleiben. Aber er befahl ihr, sie solle in Zukunft keinen Skandal mehr machen.
 
Frau Hë bedankte sich bei jedem einzeln, dann ging sie hinaus. Nun kam Ping-örl und erkundigte sich noch einmal, was vorgefallen sei, aber rasch sagte Hsi-jën: „Es ist schon erledigt, und wir brauchen nicht noch einmal damit anzufangen.“
 
„Wo man nachgeben kann, soll man nachgeben, und Ärger soll man nach Möglichkeit vermeiden“, sagte Ping-örl lächelnd. „Kaum ist die Herrschaft ein paar Tage fort, fängt groß und klein an, sich aufzulehnen. Ehe man an der einen Stelle fertig ist, wird man zur nächsten gerufen, so daß man nicht weiß, worum man sich zuerst kümmern soll.“
 
„Ich dachte, nur hier bei uns hätte sich jemand widersetzt“, sagte Hsi-jën lächelnd, „und nun ist es woanders auch vorgekommen.“
 
„Was war das schon bei euch“, sagte Ping-örl und lächelte ebenfalls. „Gerade habe ich es mit der jungen gnädigen Frau von drüben zusammengezählt. In diesen drei, vier Tagen hat es schon acht oder neun Zwischenfälle gegeben. Der hier war noch der harmloseste und zählt gar nicht mit. Es hat schlimmere Dinge gegeben, bei denen man nicht wußte, ob man lachen oder weinen soll.“
 
Hsi-jën fragte, was das gewesen sei, aber wer wissen will, was Ping-örl darauf erwiderte, muß das nächste Kapitel lesen.
 
  
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„Was neulich übrig geblieben war, habe ich alles der kleinen Schwester gegeben", sagte Schatzspange. „Aber Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù — Schatzjades Cousine.</ref> hat sich reichlich davon zubereiten lassen. Ich wollte sie schon lange darum bitten, doch da es mich dieses Jahr gar nicht gejuckt hat, habe ich es vergessen." Und sie schickte Drossel los, welche holen zu gehen.
[[Category:Hongloumeng]]
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Drossel sagte: „Jawohl!" und wollte eben aufbrechen, als die Schauspielerin Staubfäden<ref>Chin. 蕊官 Ruìguān — eine Schauspielerin aus dem Birnendufthof.</ref> <ref>Chin. 蕊官 Blütenstäubchen.</ref> sagte: „Ich gehe mit dir, dann kann ich gleich nach Lotosblatt<ref>Chin. 藕官 Ǒuguān — eine Schauspielerin aus dem Birnendufthof.</ref> <ref>Chin. 藕官 Lotoswürzlein.</ref> sehen." Und so verließen die beiden zusammen den Haselwurzpark<ref>Chin. 蘅芜苑 Héngwú Yuàn — Schatzspanges Wohnquartier im Großen Garten.</ref>.
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Plaudernd und lachend gingen sie weiter, und ehe sie sich versahen, hatten sie das Weidenblatt-Inselchen erreicht. Sie folgten dem Weidendamm. Da die Weidenblätter gerade erst ihr zartes Grün entfalteten und die Zweige wie goldene Fäden herabhingen, fragte Drossel lächelnd: „Kannst du aus Weidenzweigen etwas flechten?"
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„Was denn flechten?" fragte Staubfäden lächelnd zurück.
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„Alles Mögliche!" sagte Drossel. „Zum Spielen oder zum Gebrauch. Warte, ich breche ein paar Zweige ab, und mit den Blättern dran flechte ich ein Blumenkörbchen. Dann pflücken wir allerhand Blüten und legen sie hinein – das wird ein herrliches Spielzeug!" Statt also den Salpeter zu holen, streckte sie die Arme aus, pflückte die grüngoldenen Zweige und brach viele zarte Gerten ab, die sie Staubfäden zum Tragen gab. Im Gehen flocht sie ein Körbchen mit Tragbügel, und wo sie unterwegs Blüten sahen, pflückte sie eine oder zwei. An den Zweigen saßen von Natur aus die frischen grünen Blätter dicht beieinander; als sie die Blüten darauflegte, sah es zierlich und reizvoll aus.
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Staubfäden lachte erfreut: „Schwester, schenk es mir!"
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Drossel erwiderte: „Dieses hier bringen wir Fräulein Kajaljade. Auf dem Rückweg brechen wir noch mehr ab und flechten welche für uns alle zum Spielen." Bei diesen Worten kamen sie an der Xiaoxiang-Bambushain-Fluss<ref>Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn — Kajaljades Wohnquartier im Großen Garten.</ref> an.
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Kajaljade war ebenfalls gerade bei der Morgentoilette. Als sie das Körbchen erblickte, fragte sie lächelnd: „Was für ein hübsches frisches Blumenkörbchen! Wer hat das geflochten?"
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„Ich habe es geflochten und bringe es dem Fräulein zum Spielen", sagte Drossel lächelnd.
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Kajaljade nahm es entgegen und sagte lächelnd: „Kein Wunder, dass man dich für deine geschickten Hände lobt – dieses kleine Kunstwerk ist wirklich originell." Sie betrachtete es und befahl Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān — Kajaljades treue Kammerzofe.</ref>, es aufzuhängen.
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Nachdem Drossel sich auch nach Tante Schnees Befinden erkundigt hatte, bat sie Kajaljade um den Salpeterpuder. Kajaljade ließ sogleich Purpurkuckuck ein Päckchen einwickeln und es Drossel reichen. Dann sagte Kajaljade: „Mir geht es gut, und ich möchte heute ein wenig spazieren gehen. Sage deinem Fräulein, sie brauche nicht herüberzukommen, um meine Mutter zu begrüßen, und solle sich auch nicht die Mühe machen, nach mir zu sehen. Sobald ich frisiert bin, gehe ich mit meiner Mutter zu euch hinüber, und auch das Essen lassen wir uns dorthin bringen. Dann wird es für alle gemütlicher."
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Drossel bestätigte den Auftrag und ging hinaus, um in Purpurkuckucks Zimmer nach Staubfäden zu sehen. Dort waren Lotosblatt und Staubfäden gerade in ein angeregtes Gespräch vertieft und mochten sich gar nicht trennen. Also sagte Drossel: „Das Fräulein kommt doch auch herüber – wäre es nicht besser, Lotosblatt ginge mit uns voraus und wartete dort?"
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Purpurkuckuck, die das hörte, stimmte zu: „Das ist ein guter Einfall. Sie treibt hier sowieso nur Unfug." Damit wickelte sie Kajaljades Löffel und Essstäbchen in ein Tuch aus westlichem Stoff, gab es Lotosblatt und sagte: „Nimm das schon einmal mit – dann hast du auch gleich einen Auftrag erledigt."
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Lotosblatt nahm es lachend entgegen, und die drei verließen gemeinsam das Haus. Sie folgten dem Weidendamm, und Drossel brach wieder Weidenzweige ab. Dann setzte sie sich kurzerhand auf einen Felsblock und begann zu flechten. Staubfäden befahl sie, zuerst den Salpeter abzuliefern und dann wiederzukommen. Doch die beiden waren so fasziniert vom Zuschauen, dass sie sich nicht losreißen konnten. Drossel drängte: „Wenn ihr nicht geht, höre ich auf zu flechten!" Da sagte Lotosblatt: „Ich gehe mit dir, und wir kommen schnell wieder." So gingen die beiden.
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Während Drossel hier allein flocht, kam Frühlingsschwälbchen<ref>Chin. 春燕 Chūnyàn — jüngere Tochter der Dienstfrau He.</ref> <ref>Chin. 春燕 Frühlingsschwalbe.</ref>, die jüngere Tochter der Dienstfrau He, herbei und fragte lächelnd: „Was flichtst du da, Schwester?" Gerade als sie das sagte, kamen Staubfäden und Lotosblatt auch schon zurück.
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Frühlingsschwälbchen wandte sich an Lotosblatt: „Was für Papier hast du neulich eigentlich verbrannt? Meine Tante mütterlicherseits hat es gesehen und wollte dich melden, aber es gelang ihr nicht, und stattdessen bekam sie von Schatzjade einen Haufen Vorwürfe zu hören. Das hat sie so wütend gemacht, dass sie meiner Mutter alles haarklein erzählt hat. Was habt ihr euch in den zwei, drei Jahren draußen für einen Groll aufgebaut, dass ihr es bis heute nicht beilegen könnt?"
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Lotosblatt lachte kühl: „Was für ein Groll? Die können den Hals nicht vollbekommen und schieben die Schuld auf uns. Von allem anderen einmal abgesehen – allein was sie in diesen Jahren an unserem Reis und Gemüse eingesteckt haben! Was die ganze Familie nicht aufessen konnte, wurde noch täglich hin und her verschachert. Aber wenn wir sie einmal um einen kleinen Gefallen baten, jammerten sie Himmel und Erde an. Sag selbst, ist das anständig?"
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Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Sie ist nun einmal meine Tante, ich kann vor Fremden schlecht über sie herziehen. Aber es stimmt schon, was Schatzjade immer sagt: ‚Ein unverheiratetes Mädchen ist eine unbezahlbare Perle. Ist sie erst verheiratet, bekommt sie auf einmal allerlei schlechte Eigenschaften – zwar noch eine Perle, aber ohne Glanz und Schimmer, eine tote Perle. Und wird sie alt, ist sie gar keine Perle mehr, sondern nur noch ein Fischauge. Ein und derselbe Mensch – wie kann er sich dreimal so verwandeln?' Das klingt zwar nach Unsinn, ist aber nicht ganz falsch.
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Über andere kann ich nichts sagen, aber meine Mutter und meine Tante, die beiden alten Schwestern, hängen umso fester am Geld, je älter sie werden. Früher saßen sie zu Hause und klagten, sie hätten keinen Posten und kein Einkommen. Dann war zum Glück dieser Garten da, und ich wurde hineingenommen und ausgerechnet dem Hof der Purpurwolken <ref>Chin. 怡红院 Yihongyuan, Schatzjades Wohnhof.</ref> zugeteilt. Nicht nur, dass die Familie meinen Unterhalt sparte, es blieben jeden Monat noch vier- oder fünfhundert Kupfermünzen übrig – und trotzdem hieß es, das sei nicht genug. Dann wurden die beiden alten Schwestern in den Birnendufthof geschickt, um nach den Schauspielerinnen zu sehen: Lotosblatt erkannte meine Tante als Pflegemutter an und Duftlein<ref>Chin. 芳官 Fāngguān — eine der Schauspielerinnen.</ref> <ref>Chin. 芳官 Duftblümchen.</ref> meine Mutter. In jenen Jahren hatten sie es wirklich reichlich.
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Jetzt, wo die Mädchen in den Garten umgezogen sind, haben sie eigentlich keinen Zugriff mehr – aber sie geben noch immer keine Ruhe. Ist das nicht zum Lachen? Kaum hat meine Tante mit Lotosblatt gestritten, geht meine Mutter schon wegen des Haarewaschens auf Duftlein los. Nicht einmal den Kopf waschen sollte sie sich! Als dann das Monatsgeld kam und sie nicht mehr umhinkonnte, hat sie eingekauft und zuerst mich waschen lassen. Ich aber dachte mir: Ich habe mein eigenes Geld. Und selbst wenn ich keines hätte, brauchte ich nur Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén — Schatzjades Hauptzofe.</ref>, Heitermuster<ref>Chin. 晴雯 Qíngwén — eine von Schatzjades Zofen, temperamentvoll und stolz.</ref> oder Moschusmond<ref>Chin. 麝月 Shèyuè — eine von Schatzjades Zofen.</ref> ein Wort zu sagen, und man würde es mir ohne weiteres erlauben. Warum sollte ich also ihren Gefallen annehmen? Das ist doch sinnlos. Darum habe ich mich nicht gewaschen. Daraufhin hat meine Mutter meine kleine Schwester Kleine Taube waschen lassen, und erst danach war Duftlein an der Reihe – und prompt ist der Streit losgegangen. Als Nächstes wollte sie auch noch Schatzjade die Suppe kühlen! <ref>Chin. Die Dienstfrau wollte sich bei Schatzjade einschmeicheln indem sie ihm die Suppe kühlte – eine vertrauliche Handlung, die ihr nicht zusteht..</ref> Sag selbst, ist das nicht zum Totlachen?
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Als sie hier in den Garten kam, habe ich ihr gleich die Regeln erklärt. Aber sie wollte nicht hören und musste unbedingt alles besser wissen – und hat sich natürlich prompt blamiert. Ein Glück, dass so viele Leute im Garten leben, dass niemand genau weiß, wer mit wem verwandt ist. Wenn das herauskäme, dass immer nur unsere Familie streitet – was für ein Bild gäbe das ab!
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Und jetzt kommst du wieder hierher und treibst solche Sachen. Das ganze Gelände hier verwaltet meine Tante väterlicherseits. Seit sie dieses Stück Land bekommen hat, hütet sie es schärfer als ein Erbgut. Nicht nur, dass sie selbst Tag und Nacht auf den Beinen ist – sie jagt auch uns noch hinaus zum Aufpassen, aus Angst, jemand könnte etwas beschädigen, und zugleich fürchtet sie, ich versäume meinen Dienst. Jetzt, wo sie und meine Mutter gemeinsam aufpassen, achten sie auf jeden Grashalm und lassen niemanden etwas anrühren. Und du pflückst hier Blüten und brichst zarte Zweige ab! Die kommen gleich, und dann bekommst du Vorwürfe zu hören."
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Drossel erwiderte: „Anderen ist es nicht erlaubt, nach Belieben zu pflücken und zu brechen, aber mir schon. Seit die Gartenflächen verteilt sind, hat jedes Haus seine tägliche Zuteilung. Von den Lebensmitteln ganz abgesehen: Wer für welche Blumen zuständig ist, der muss jeden Tag in die einzelnen Häuser abgeschnittene Zweige liefern – für den Haarschmuck der Fräulein und ihrer Mädchen und für die Vasen. Nur bei uns hieß es: ‚Schickt uns nichts, wenn wir etwas brauchen, sagen wir Bescheid.' Aber bis heute hat unser Fräulein kein einziges Mal etwas verlangt. Wenn ich jetzt also ein wenig pflücke, können die schlecht etwas dagegen sagen."
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Kaum hatte sie ausgeredet, kam besagte Tante auch schon auf ihren Stock gestützt herangehumpelt. Drossel und Frühlingsschwälbchen baten sie höflich, sich zu setzen. Die Alte sah die vielen abgebrochenen Weidenzweige und die frischen Blüten, die Lotosblatt und die anderen gepflückt hatten, und war sofort verstimmt. Doch da sie Drossel beim Flechten zusah, konnte sie schlecht etwas sagen. Also wandte sie sich an Frühlingsschwälbchen: „Ich habe dich hergeschickt, damit du aufpasst, und du vergisst alles vor lauter Spielen. Wenn man dich dann ruft, sagst du wieder, ich hätte dich geschickt – du benutzt mich als Deckung und amüsierst dich auf meine Kosten!"
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Frühlingsschwälbchen erwiderte: „Du gibst mir Aufträge und hast dann Angst davor – und jetzt schiebst du es auf mich! Soll ich mich etwa in acht Stücke reißen?"
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Drossel sagte lächelnd: „Tantchen, glaub Kleine Schwalbe nicht. Das alles hat sie abgerissen und mich gebeten, es zu flechten. Ich habe sie weggeschickt, aber sie wollte nicht gehen."
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Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Lass doch die Späße! Wenn du Scherze machst, nimmt die Alte es gleich ernst."
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Die Frau war von Natur aus töricht und starrsinnig, dazu kam die Verwirrung des Alters: Sie kannte nur noch ihren Vorteil und nahm auf niemanden mehr Rücksicht. In ihrem hilflosen Zorn, der sie innerlich zerfrass, nahm sie Drossels Worte sofort für bare Münze. Sie hob ihren Stock und schlug auf Frühlingsschwälbchen ein, dabei schimpfte sie: „Kleines Biest! Ich rede mit dir, und du widersprichst mir noch! Deiner Mutter juckt es vor Wut in den Zähnen, am liebsten würde sie dir das Fleisch vom Leibe reißen! Und du erdreistest dich, mir frech zu kommen!"
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Frühlingsschwälbchen weinte vor Zorn und Scham: „Schwester Drossel hat nur Spaß gemacht, und du schlägst mich gleich! Warum sollte meine Mutter wütend auf mich sein? Habe ich etwa das Waschwasser anbrennen lassen? Was habe ich denn verbrochen?"
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Drossel hatte wirklich nur einen Scherz gemacht. Als sie sah, dass die Alte ihn ernst nahm und in Wut geriet, trat sie schnell hinzu, hielt die Alte fest und sagte lächelnd: „Es war doch nur ein Scherz von mir. Wenn Ihr sie meinetwegen schlagt, bringe ich mich ja selbst in Verlegenheit."
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Die Alte sagte: „Fräulein, mischt Euch nicht in unsere Angelegenheiten! Darf ich etwa mein eigenes Kind nicht erziehen, nur weil Ihr zugegen seid?"
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Als Drossel diese unvernünftigen Worte hörte, wurde sie rot vor Ärger, ließ die Alte los und sagte mit kühlem Lächeln: „Erziehen könnt Ihr sie doch jederzeit! Warum gerade jetzt, ausgerechnet nachdem ich einen Scherz gemacht habe? Aber bitte – erzieht sie nur!" Damit setzte sie sich hin und flocht weiter an ihrem Weidenkörbchen.
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Da tauchte auch noch Frühlingsschwälbchens Mutter auf und rief: „Willst du nicht endlich Wasser holen kommen? Was treibst du denn da?"
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Die Tante antwortete sofort an ihrer Stelle: „Komm her und sieh dir das an! Deine Tochter hat nicht einmal vor mir Respekt. Da steht sie und macht mir Vorwürfe!"
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Die Mutter kam näher und sagte: „Liebe Schwägerin, was ist denn nun schon wieder? Wenn mein Mädchen schon für seine Mutter keinen Blick hat, so sollte sie wenigstens die Tante achten!"
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Drossel versuchte, den Vorfall zu erklären, aber die Tante ließ sie nicht zu Wort kommen. Sie zeigte auf die Blumen und Weidenzweige auf dem Stein und sagte zu Frühlingsschwälbchens Mutter: „Sieh dir das an – dein großes Mädchen muss immer noch spielen! Erst bringt sie die Leute her, die mir alles kurz und klein machen, und was soll ich da noch sagen?"
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Die Mutter, deren Zorn auf Duftlein noch nicht verraucht war und die sich außerdem ärgerte, dass Frühlingsschwälbchen nicht nach ihrem Willen tanzte, trat vor, versetzte Frühlingsschwälbchen eine schallende Ohrfeige und schimpfte: „Du kleines Luder! Ein paar Jahre in feiner Gesellschaft, und du machst den leichtfertigen Weibsstücken alles nach! Was bildet ihr euch ein – ich werde nicht mit euch fertig? Meine Pflegetochter kann ich vielleicht nicht belangen, aber du bist aus meinem eigenen Leib gekrochen – meinst du, ich traue mich nicht, dich zurechtzuweisen? Wenn ich schon an den feinen Orten, wo ihr kleinen Biester hingehört, nichts zu suchen habe, dann hast du dort gefälligst deinen Dienst zu tun und dich nicht hier draußen herumzutreiben!"
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Dann griff sie nach den Weidenzweigen und schlug sie Frühlingsschwälbchen ins Gesicht: „Was soll das hier? Ein Dreck ist das, was du da flichtst!"
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Drossel warf ein: „Das habe ich geflochten! Zeigt doch nicht auf den Maulbeerbaum, wenn Ihr die Akazie meint!" <ref>Sprichwort für: jemanden indirekt beschimpfen..</ref>
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Die Dienstfrau hegte einen tiefen Neid auf Dufthauch, Heitermuster und deren Kameradinnen, denn sie wusste wohl, dass die größeren Dienstmädchen mehr Ansehen und Einfluss besaßen als ihresgleichen. In deren Gegenwart war sie scheu und unterwürfig, innerlich jedoch voll Groll und Verdruss, den sie an anderen ausließ. Als sie nun auch noch Lotosblatt erblickte, die Feindin ihrer Schwester, floss aller Zorn von allen Seiten in einem einzigen Wutausbruch zusammen.
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Frühlingsschwälbchen aber rannte weinend in Richtung des Purpurwolken-Hofes davon. Die Mutter bekam es mit der Angst zu tun: Was, wenn man sie dort fragte, warum sie weine, und sie erzählte, dass die eigene Mutter sie geschlagen habe? Dann würde sie sich wieder den Zorn von Heitermuster und den anderen zuziehen. In ihrer Panik rief sie: „Komm zurück! Ich muss dir noch etwas sagen!"
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Aber Frühlingsschwälbchen dachte gar nicht daran, umzukehren. Die Mutter rannte ihr nach, um sie festzuhalten. Frühlingsschwälbchen schaute sich um, sah sie kommen und rannte erst recht los. Die Mutter, ganz darauf bedacht, sie einzuholen, achtete nicht auf ihre Füße, glitt auf dem feuchten Moos aus und stürzte zu Boden – worauf Drossel und die beiden Schauspielerinnen in schallendes Gelächter ausbrachen.
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Drossel warf vor Ärger alle Blumen und Weidenzweige in den Fluss und ging in ihre Räume zurück. Die alte Tante aber blieb zurück, und es schnitt ihr ins Herz. Sie murmelte Buddhas Namen und schimpfte: „So ein gemeines kleines Biest! Die schönen Blumen verderben – da soll sie doch der Blitz treffen!" Dann machte sie sich daran, andere Blumen zu pflücken und in die einzelnen Häuser zu tragen. Aber davon sei genug erzählt.
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Frühlingsschwälbchen rannte geradewegs in den Hof und stieß vor dem Eingang auf Dufthauch, die gerade zu Kajaljade gehen wollte, um ihr guten Morgen zu wünschen. Frühlingsschwälbchen klammerte sich an sie und rief: „Fräulein, rette mich! Meine Mutter schlägt mich wieder!"
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Als Dufthauch sah, dass die Mutter tatsächlich herbeigeeilt kam, wurde sie ärgerlich und sagte: „Einen Tag um den anderen – gestern die Pflegetochter, heute die Leibliche! Willst du etwa prahlen, wie viele Töchter du hast, oder weißt du wirklich nicht, was sich gehört?"
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Die Dienstfrau war erst seit wenigen Tagen hier und hatte den Eindruck gewonnen, Dufthauch sei eine Stille und Sanftmütige. Also sagte sie: „Fräulein, Ihr wisst nicht, worum es geht – kümmert Euch nicht um unsere Angelegenheiten! Ihr seid es doch, die sie so verzogen haben, und jetzt wollt Ihr eingreifen?" Und sie machte wieder Anstalten, Frühlingsschwälbchen zu fangen und zu schlagen.
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Dufthauch drehte sich wütend um, um hineinzugehen. Moschusmond, die gerade unter dem Zierapfelbaum Taschentücher zum Trocknen aufhängte und den Lärm gehört hatte, sagte: „Schwester, kümmere dich nicht darum. Schauen wir mal, was sie tut." Dabei gab sie Frühlingsschwälbchen mit den Augen ein Zeichen. Frühlingsschwälbchen verstand sofort und rannte schnurstracks zu Schatzjade.
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Die Anwesenden sagten lachend: „So etwas hat es noch nie gegeben – jetzt bricht alles auf einmal los!"
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Moschusmond wandte sich an die Dienstfrau: „Reiß dich doch ein wenig zusammen! Um der Anwesenden willen – ist es denn so schwer, ein gutes Wort zu sprechen und die Sache beizulegen?"
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Die Dienstfrau musste mit ansehen, wie ihre Tochter sich an Schatzjades Seite flüchtete. Schatzjade ergriff Frühlingsschwälbchens Hand und sagte: „Hab keine Angst, ich bin ja da." Unter Tränen erzählte Frühlingsschwälbchen den ganzen Vorfall mit Drossel und den anderen. Schatzjade wurde immer aufgebrachter und sagte: „Reicht es nicht, dass du hier im Hof Ärger machst? Musst du auch noch Gäste und Verwandte beleidigen?"
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Moschusmond wandte sich an die Dienstfrau und die Umstehenden: „Die Frau hat ja recht: Wir sind unwissend und mischen uns zu Unrecht ein. Dann lasst uns jemanden rufen, der das Recht hat, sich einzumischen – jemanden, der ihr die Regeln beibringt und sie zum Schweigen bringt." Sie drehte sich zu einem kleinen Dienstmädchen um und befahl: „Geh und ruf mir Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér — Phönixglanz' treue Kammerzofe.</ref> her! Und wenn Friedchen keine Zeit hat, dann hol Verwalter Lins Frau!"
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Das Mädchen sagte: „Jawohl!" und ging. Die älteren Dienstfrauen traten zu Frau He und rieten ihr lächelnd: „Schwester, bitte die Fräulein schnell, das Kind zurückzurufen! Wenn Fräulein Friedchen kommt, wird es böse für dich."
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Die Dienstfrau erwiderte: „Von mir aus soll dieses Fräulein Friedchen kommen und nach dem Recht urteilen. Das gibt es doch wohl nirgends, dass eine Mutter ihr eigenes Kind nicht erziehen darf und sich stattdessen von anderen den Kopf waschen lassen muss!"
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Die anderen lachten: „Weißt du denn, welches Fräulein Friedchen gemeint ist? Es ist Friedchen aus dem Haushalt der zweiten jungen Herrin. Wenn sie gut gelaunt ist, bekommst du ein paar Worte zu hören. Aber wenn sie verärgert ist – dann wirst du es nicht mehr los, Schwester!"
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Während sie noch redeten, kam das kleine Dienstmädchen zurück und berichtete: „Fräulein Friedchen hat gerade zu tun. Sie hat mich gefragt, worum es geht, und als ich es ihr erzählt habe, hat sie gesagt: ‚Wenn das so ist, dann jagt sie hinaus und sagt Verwalter Lins Frau Bescheid, sie soll ihr am Seitentor vierzig Stockhiebe geben lassen – damit ist die Sache erledigt.'"
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Als die Dienstfrau das hörte, wollte sie natürlich auf keinen Fall den Garten verlassen. Mit tränenüberströmtem Gesicht flehte sie Dufthauch und die anderen an: „Mit wie viel Mühe bin ich hier hereingekommen! Außerdem bin ich Witwe und habe daheim niemanden. Ich dachte, ich könnte hier sorglos den Fräulein dienen. Für die Fräulein ist es bequem, und ich habe ein Auskommen. Wenn ich jetzt hinaus muss, muss ich mich allein durchschlagen, und eines Tages werde ich nicht mehr wissen, wovon ich leben soll."
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Dufthauch war bei diesem Anblick schon längst wieder weich geworden, sagte aber: „Bleiben willst du, aber dich nicht an die Regeln halten, auf niemanden hören und prügeln, wie es dir einfällt. Was sollen wir mit einem so unverständigen Menschen anfangen, der Tag für Tag Streit sucht? Man wird uns auslachen und unser Ansehen wird darunter leiden."
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Heitermuster warf ein: „Lass sie doch reden! Das einzig Richtige ist, sie hinauszuwerfen. Wer will sich immer wieder mit ihr herumstreiten?"
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Aber die Dienstfrau flehte alle an: „Ich habe zwar einen Fehler gemacht, aber nun haben die Fräulein mich belehrt, und in Zukunft werde ich mich bessern. Wäre das nicht ein gutes Werk, das Euch dereinst angerechnet wird?" Dann wandte sie sich an Frühlingsschwälbchen: „Der ganze Ärger kam doch daher, dass ich dich schlagen wollte – geschlagen habe ich dich ja nicht einmal richtig. Und jetzt muss ich dafür büßen! Bitte, leg auch du ein gutes Wort für mich ein!"
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Schatzjade tat die Frau inzwischen so leid, dass er sie bleiben ließ und ihr nur einschärfte, in Zukunft keinen Skandal mehr zu machen. Die Dienstfrau bedankte sich bei allen der Reihe nach und ging hinaus.
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Da kam Friedchen herein und erkundigte sich, was vorgefallen sei. Dufthauch beeilte sich zu sagen: „Es ist schon alles erledigt, wir brauchen nicht noch einmal davon anzufangen."
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Friedchen sagte lächelnd: „‚Wo man nachgeben kann, soll man nachgeben.' Ärger, den man vermeiden kann, sollte man vermeiden. Kaum ist die Herrschaft ein paar Tage fort, fängt Groß und Klein an, sich aufzulehnen. Ehe die eine Sache beigelegt ist, bricht die nächste aus, und man weiß nicht mehr, um was man sich zuerst kümmern soll."
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Dufthauch sagte lächelnd: „Ich dachte, nur bei uns gäbe es Aufruhr, aber es ist woanders genauso passiert."
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Friedchen lachte: „Das hier ist doch gar nichts! Gerade habe ich mit der jungen Frau Herrlichkeit Kaufmann zusammen nachgerechnet: In diesen drei, vier Tagen hat es schon acht oder neun Zwischenfälle gegeben. Eurer war der allerkleinste und zählt nicht einmal mit. Es gab noch weit größere Geschichten, über die man gleichzeitig lachen und sich ärgern konnte."
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Was Dufthauch daraufhin fragte und was Friedchen antwortete, das erfahre man im nächsten Kapitel.
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Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 59 Am Weidenufer wird die Drossel[1] gescholten und die Schwalbe gescheucht Im Purpurwolken-Salon werden Befehle erlassen und Boten entsandt

Schatzjade[2] hörte, dass die Herzoginmutter[3] und die anderen zurückgekehrt seien, zog sich noch eine Jacke über, stützte sich auf seinen Stock und ging hinüber, um seinen Gruß zu entbieten. Da sich die Herzoginmutter und die anderen Tag für Tag hatten anstrengen müssen, wollten sie sich früh zur Ruhe legen. Über die Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Morgen in der fünften Nachtwache begaben sie sich wieder zum Hofe.

Da der Tag der Sargüberführung nicht mehr fern war, waren Mandarinenente[4], Bernstein, Jade und Glas emsig damit beschäftigt, die Sachen der Herzoginmutter zusammenzupacken. Jadearmbändchen, Farbwölkchen und Farbenglühen packten die Sachen der Dame König[5]. Stück für Stück wurden sie den mitreisenden Verwalterinnen und Dienstfrauen vorgezählt und übergeben. Mitfahren sollten insgesamt sechs größere und kleinere Dienstmädchen sowie zehn Dienstfrauen; die männlichen Diener nicht mitgerechnet. Tagelang wurden Maultiersänften und allerlei Gerätschaften hergerichtet. Mandarinenente und Jadearmbändchen selbst gehörten nicht zur Begleitung; sie sollten vielmehr zu Hause die Räume bewachen. Einige Tage im Voraus wurden Bettzeug, Vorhänge und andere Ausstattungsgegenstände vorausgeschickt: Vier oder fünf Dienstfrauen und einige männliche Diener nahmen sie in mehreren Wagen auf einem Umweg mit zu den Rastquartieren, um dort alles einzurichten und zu warten.

Am Tag der Abreise bestieg die Herzoginmutter zusammen mit Hibiskus Kaufmann[6]' Frau eine Maultiersänfte, und Dame König folgte in einer zweiten. Herrlichkeit Kaufmann[7] ritt zu Pferde an der Spitze der Dienerschaft, die den Schutz übernahm. In mehreren großen Wagen folgten die Dienstfrauen und Mädchen mit den Kleiderbündeln und sonstigem Gepäck. An jenem Tag gaben Tante Schnee[8] und Dame Sonders[9], an der Spitze der Zurückbleibenden, den Abreisenden das Geleit bis vor das große Außentor. Auch Kette Kaufmann[10] wollte für die Bequemlichkeit auf der Reise sorgen: Sobald er seine Eltern verabschiedet hatte, machte er sich auf, holte die Sänften der Herzoginmutter und der Dame König ein und brachte sich mit seiner Dienerschar als Nachhut in Stellung.

Im Prunkwille-Anwesen ließ Verwalter Lai Da[11] zusätzliche Nachtwächter einteilen und die Zugänge zu beiden großen Gehöften verschließen, sodass jedermann das kleine westliche Seitentor benutzen musste. Bei Sonnenuntergang wurde auch das Zeremonialtor geschlossen, und niemand durfte mehr passieren. Ebenso wurden im Garten das vordere und das hintere Tor sowie die östlichen und westlichen Nebentore verschlossen und verriegelt. Offen blieb nur das Tor hinter Dame Königs Hauptgemach, das die Schwestern ständig benutzten, sowie das östliche Nebentor, das zu Tante Schnees Räumen führte. Da diese beiden Tore zum inneren Hof gehörten, brauchten sie nicht verschlossen zu werden. Mandarinenente und Jadearmbändchen schlossen drinnen die oberen Räume ab und gingen mit den Dienstmädchen und Frauen hinunter in die Gesindestube, um dort zu schlafen. Jeden Tag kam Lin Zhixiao[12]s Frau herein und brachte über zehn Dienstfrauen mit, die Nachtwache hielten. In der Durchgangshalle wurden zudem zahlreiche Dienstjungen aufgestellt, die mit Holzklappern die Wache schlugen. So war alles aufs Beste geordnet.

Eines Morgens früh war Schatzspange[13] aus ihrem Frühlingsschlummer erwacht. Sie schob den Vorhang beiseite, stieg vom Bett und spürte eine leichte Kühle. Als sie die Tür öffnete und hinausblickte, fand sie den Boden feucht und das Moos dunkelgrün: In der fünften Nachtwache hatte es einige Tropfen Regen gegeben. Sie rief Xiangji und die anderen, und man begann mit der Morgentoilette. Xiangji klagte, ihre Wangen juckten, und fürchtete, es sei wieder die Aprikosenflechte[14] [15]. Deshalb bat sie Schatzspange um etwas Rosensalpeter[16].

„Was neulich übrig geblieben war, habe ich alles der kleinen Schwester gegeben", sagte Schatzspange. „Aber Kajaljade[17] hat sich reichlich davon zubereiten lassen. Ich wollte sie schon lange darum bitten, doch da es mich dieses Jahr gar nicht gejuckt hat, habe ich es vergessen." Und sie schickte Drossel los, welche holen zu gehen.

Drossel sagte: „Jawohl!" und wollte eben aufbrechen, als die Schauspielerin Staubfäden[18] [19] sagte: „Ich gehe mit dir, dann kann ich gleich nach Lotosblatt[20] [21] sehen." Und so verließen die beiden zusammen den Haselwurzpark[22].

Plaudernd und lachend gingen sie weiter, und ehe sie sich versahen, hatten sie das Weidenblatt-Inselchen erreicht. Sie folgten dem Weidendamm. Da die Weidenblätter gerade erst ihr zartes Grün entfalteten und die Zweige wie goldene Fäden herabhingen, fragte Drossel lächelnd: „Kannst du aus Weidenzweigen etwas flechten?"

„Was denn flechten?" fragte Staubfäden lächelnd zurück.

„Alles Mögliche!" sagte Drossel. „Zum Spielen oder zum Gebrauch. Warte, ich breche ein paar Zweige ab, und mit den Blättern dran flechte ich ein Blumenkörbchen. Dann pflücken wir allerhand Blüten und legen sie hinein – das wird ein herrliches Spielzeug!" Statt also den Salpeter zu holen, streckte sie die Arme aus, pflückte die grüngoldenen Zweige und brach viele zarte Gerten ab, die sie Staubfäden zum Tragen gab. Im Gehen flocht sie ein Körbchen mit Tragbügel, und wo sie unterwegs Blüten sahen, pflückte sie eine oder zwei. An den Zweigen saßen von Natur aus die frischen grünen Blätter dicht beieinander; als sie die Blüten darauflegte, sah es zierlich und reizvoll aus.

Staubfäden lachte erfreut: „Schwester, schenk es mir!"

Drossel erwiderte: „Dieses hier bringen wir Fräulein Kajaljade. Auf dem Rückweg brechen wir noch mehr ab und flechten welche für uns alle zum Spielen." Bei diesen Worten kamen sie an der Xiaoxiang-Bambushain-Fluss[23] an.

Kajaljade war ebenfalls gerade bei der Morgentoilette. Als sie das Körbchen erblickte, fragte sie lächelnd: „Was für ein hübsches frisches Blumenkörbchen! Wer hat das geflochten?"

„Ich habe es geflochten und bringe es dem Fräulein zum Spielen", sagte Drossel lächelnd.

Kajaljade nahm es entgegen und sagte lächelnd: „Kein Wunder, dass man dich für deine geschickten Hände lobt – dieses kleine Kunstwerk ist wirklich originell." Sie betrachtete es und befahl Purpurkuckuck[24], es aufzuhängen.

Nachdem Drossel sich auch nach Tante Schnees Befinden erkundigt hatte, bat sie Kajaljade um den Salpeterpuder. Kajaljade ließ sogleich Purpurkuckuck ein Päckchen einwickeln und es Drossel reichen. Dann sagte Kajaljade: „Mir geht es gut, und ich möchte heute ein wenig spazieren gehen. Sage deinem Fräulein, sie brauche nicht herüberzukommen, um meine Mutter zu begrüßen, und solle sich auch nicht die Mühe machen, nach mir zu sehen. Sobald ich frisiert bin, gehe ich mit meiner Mutter zu euch hinüber, und auch das Essen lassen wir uns dorthin bringen. Dann wird es für alle gemütlicher."

Drossel bestätigte den Auftrag und ging hinaus, um in Purpurkuckucks Zimmer nach Staubfäden zu sehen. Dort waren Lotosblatt und Staubfäden gerade in ein angeregtes Gespräch vertieft und mochten sich gar nicht trennen. Also sagte Drossel: „Das Fräulein kommt doch auch herüber – wäre es nicht besser, Lotosblatt ginge mit uns voraus und wartete dort?"

Purpurkuckuck, die das hörte, stimmte zu: „Das ist ein guter Einfall. Sie treibt hier sowieso nur Unfug." Damit wickelte sie Kajaljades Löffel und Essstäbchen in ein Tuch aus westlichem Stoff, gab es Lotosblatt und sagte: „Nimm das schon einmal mit – dann hast du auch gleich einen Auftrag erledigt."

Lotosblatt nahm es lachend entgegen, und die drei verließen gemeinsam das Haus. Sie folgten dem Weidendamm, und Drossel brach wieder Weidenzweige ab. Dann setzte sie sich kurzerhand auf einen Felsblock und begann zu flechten. Staubfäden befahl sie, zuerst den Salpeter abzuliefern und dann wiederzukommen. Doch die beiden waren so fasziniert vom Zuschauen, dass sie sich nicht losreißen konnten. Drossel drängte: „Wenn ihr nicht geht, höre ich auf zu flechten!" Da sagte Lotosblatt: „Ich gehe mit dir, und wir kommen schnell wieder." So gingen die beiden.

Während Drossel hier allein flocht, kam Frühlingsschwälbchen[25] [26], die jüngere Tochter der Dienstfrau He, herbei und fragte lächelnd: „Was flichtst du da, Schwester?" Gerade als sie das sagte, kamen Staubfäden und Lotosblatt auch schon zurück.

Frühlingsschwälbchen wandte sich an Lotosblatt: „Was für Papier hast du neulich eigentlich verbrannt? Meine Tante mütterlicherseits hat es gesehen und wollte dich melden, aber es gelang ihr nicht, und stattdessen bekam sie von Schatzjade einen Haufen Vorwürfe zu hören. Das hat sie so wütend gemacht, dass sie meiner Mutter alles haarklein erzählt hat. Was habt ihr euch in den zwei, drei Jahren draußen für einen Groll aufgebaut, dass ihr es bis heute nicht beilegen könnt?"

Lotosblatt lachte kühl: „Was für ein Groll? Die können den Hals nicht vollbekommen und schieben die Schuld auf uns. Von allem anderen einmal abgesehen – allein was sie in diesen Jahren an unserem Reis und Gemüse eingesteckt haben! Was die ganze Familie nicht aufessen konnte, wurde noch täglich hin und her verschachert. Aber wenn wir sie einmal um einen kleinen Gefallen baten, jammerten sie Himmel und Erde an. Sag selbst, ist das anständig?"

Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Sie ist nun einmal meine Tante, ich kann vor Fremden schlecht über sie herziehen. Aber es stimmt schon, was Schatzjade immer sagt: ‚Ein unverheiratetes Mädchen ist eine unbezahlbare Perle. Ist sie erst verheiratet, bekommt sie auf einmal allerlei schlechte Eigenschaften – zwar noch eine Perle, aber ohne Glanz und Schimmer, eine tote Perle. Und wird sie alt, ist sie gar keine Perle mehr, sondern nur noch ein Fischauge. Ein und derselbe Mensch – wie kann er sich dreimal so verwandeln?' Das klingt zwar nach Unsinn, ist aber nicht ganz falsch.

Über andere kann ich nichts sagen, aber meine Mutter und meine Tante, die beiden alten Schwestern, hängen umso fester am Geld, je älter sie werden. Früher saßen sie zu Hause und klagten, sie hätten keinen Posten und kein Einkommen. Dann war zum Glück dieser Garten da, und ich wurde hineingenommen und ausgerechnet dem Hof der Purpurwolken [27] zugeteilt. Nicht nur, dass die Familie meinen Unterhalt sparte, es blieben jeden Monat noch vier- oder fünfhundert Kupfermünzen übrig – und trotzdem hieß es, das sei nicht genug. Dann wurden die beiden alten Schwestern in den Birnendufthof geschickt, um nach den Schauspielerinnen zu sehen: Lotosblatt erkannte meine Tante als Pflegemutter an und Duftlein[28] [29] meine Mutter. In jenen Jahren hatten sie es wirklich reichlich.

Jetzt, wo die Mädchen in den Garten umgezogen sind, haben sie eigentlich keinen Zugriff mehr – aber sie geben noch immer keine Ruhe. Ist das nicht zum Lachen? Kaum hat meine Tante mit Lotosblatt gestritten, geht meine Mutter schon wegen des Haarewaschens auf Duftlein los. Nicht einmal den Kopf waschen sollte sie sich! Als dann das Monatsgeld kam und sie nicht mehr umhinkonnte, hat sie eingekauft und zuerst mich waschen lassen. Ich aber dachte mir: Ich habe mein eigenes Geld. Und selbst wenn ich keines hätte, brauchte ich nur Dufthauch[30], Heitermuster[31] oder Moschusmond[32] ein Wort zu sagen, und man würde es mir ohne weiteres erlauben. Warum sollte ich also ihren Gefallen annehmen? Das ist doch sinnlos. Darum habe ich mich nicht gewaschen. Daraufhin hat meine Mutter meine kleine Schwester Kleine Taube waschen lassen, und erst danach war Duftlein an der Reihe – und prompt ist der Streit losgegangen. Als Nächstes wollte sie auch noch Schatzjade die Suppe kühlen! [33] Sag selbst, ist das nicht zum Totlachen?

Als sie hier in den Garten kam, habe ich ihr gleich die Regeln erklärt. Aber sie wollte nicht hören und musste unbedingt alles besser wissen – und hat sich natürlich prompt blamiert. Ein Glück, dass so viele Leute im Garten leben, dass niemand genau weiß, wer mit wem verwandt ist. Wenn das herauskäme, dass immer nur unsere Familie streitet – was für ein Bild gäbe das ab!

Und jetzt kommst du wieder hierher und treibst solche Sachen. Das ganze Gelände hier verwaltet meine Tante väterlicherseits. Seit sie dieses Stück Land bekommen hat, hütet sie es schärfer als ein Erbgut. Nicht nur, dass sie selbst Tag und Nacht auf den Beinen ist – sie jagt auch uns noch hinaus zum Aufpassen, aus Angst, jemand könnte etwas beschädigen, und zugleich fürchtet sie, ich versäume meinen Dienst. Jetzt, wo sie und meine Mutter gemeinsam aufpassen, achten sie auf jeden Grashalm und lassen niemanden etwas anrühren. Und du pflückst hier Blüten und brichst zarte Zweige ab! Die kommen gleich, und dann bekommst du Vorwürfe zu hören."

Drossel erwiderte: „Anderen ist es nicht erlaubt, nach Belieben zu pflücken und zu brechen, aber mir schon. Seit die Gartenflächen verteilt sind, hat jedes Haus seine tägliche Zuteilung. Von den Lebensmitteln ganz abgesehen: Wer für welche Blumen zuständig ist, der muss jeden Tag in die einzelnen Häuser abgeschnittene Zweige liefern – für den Haarschmuck der Fräulein und ihrer Mädchen und für die Vasen. Nur bei uns hieß es: ‚Schickt uns nichts, wenn wir etwas brauchen, sagen wir Bescheid.' Aber bis heute hat unser Fräulein kein einziges Mal etwas verlangt. Wenn ich jetzt also ein wenig pflücke, können die schlecht etwas dagegen sagen."

Kaum hatte sie ausgeredet, kam besagte Tante auch schon auf ihren Stock gestützt herangehumpelt. Drossel und Frühlingsschwälbchen baten sie höflich, sich zu setzen. Die Alte sah die vielen abgebrochenen Weidenzweige und die frischen Blüten, die Lotosblatt und die anderen gepflückt hatten, und war sofort verstimmt. Doch da sie Drossel beim Flechten zusah, konnte sie schlecht etwas sagen. Also wandte sie sich an Frühlingsschwälbchen: „Ich habe dich hergeschickt, damit du aufpasst, und du vergisst alles vor lauter Spielen. Wenn man dich dann ruft, sagst du wieder, ich hätte dich geschickt – du benutzt mich als Deckung und amüsierst dich auf meine Kosten!"

Frühlingsschwälbchen erwiderte: „Du gibst mir Aufträge und hast dann Angst davor – und jetzt schiebst du es auf mich! Soll ich mich etwa in acht Stücke reißen?"

Drossel sagte lächelnd: „Tantchen, glaub Kleine Schwalbe nicht. Das alles hat sie abgerissen und mich gebeten, es zu flechten. Ich habe sie weggeschickt, aber sie wollte nicht gehen."

Frühlingsschwälbchen sagte lächelnd: „Lass doch die Späße! Wenn du Scherze machst, nimmt die Alte es gleich ernst."

Die Frau war von Natur aus töricht und starrsinnig, dazu kam die Verwirrung des Alters: Sie kannte nur noch ihren Vorteil und nahm auf niemanden mehr Rücksicht. In ihrem hilflosen Zorn, der sie innerlich zerfrass, nahm sie Drossels Worte sofort für bare Münze. Sie hob ihren Stock und schlug auf Frühlingsschwälbchen ein, dabei schimpfte sie: „Kleines Biest! Ich rede mit dir, und du widersprichst mir noch! Deiner Mutter juckt es vor Wut in den Zähnen, am liebsten würde sie dir das Fleisch vom Leibe reißen! Und du erdreistest dich, mir frech zu kommen!"

Frühlingsschwälbchen weinte vor Zorn und Scham: „Schwester Drossel hat nur Spaß gemacht, und du schlägst mich gleich! Warum sollte meine Mutter wütend auf mich sein? Habe ich etwa das Waschwasser anbrennen lassen? Was habe ich denn verbrochen?"

Drossel hatte wirklich nur einen Scherz gemacht. Als sie sah, dass die Alte ihn ernst nahm und in Wut geriet, trat sie schnell hinzu, hielt die Alte fest und sagte lächelnd: „Es war doch nur ein Scherz von mir. Wenn Ihr sie meinetwegen schlagt, bringe ich mich ja selbst in Verlegenheit."

Die Alte sagte: „Fräulein, mischt Euch nicht in unsere Angelegenheiten! Darf ich etwa mein eigenes Kind nicht erziehen, nur weil Ihr zugegen seid?"

Als Drossel diese unvernünftigen Worte hörte, wurde sie rot vor Ärger, ließ die Alte los und sagte mit kühlem Lächeln: „Erziehen könnt Ihr sie doch jederzeit! Warum gerade jetzt, ausgerechnet nachdem ich einen Scherz gemacht habe? Aber bitte – erzieht sie nur!" Damit setzte sie sich hin und flocht weiter an ihrem Weidenkörbchen.

Da tauchte auch noch Frühlingsschwälbchens Mutter auf und rief: „Willst du nicht endlich Wasser holen kommen? Was treibst du denn da?"

Die Tante antwortete sofort an ihrer Stelle: „Komm her und sieh dir das an! Deine Tochter hat nicht einmal vor mir Respekt. Da steht sie und macht mir Vorwürfe!"

Die Mutter kam näher und sagte: „Liebe Schwägerin, was ist denn nun schon wieder? Wenn mein Mädchen schon für seine Mutter keinen Blick hat, so sollte sie wenigstens die Tante achten!"

Drossel versuchte, den Vorfall zu erklären, aber die Tante ließ sie nicht zu Wort kommen. Sie zeigte auf die Blumen und Weidenzweige auf dem Stein und sagte zu Frühlingsschwälbchens Mutter: „Sieh dir das an – dein großes Mädchen muss immer noch spielen! Erst bringt sie die Leute her, die mir alles kurz und klein machen, und was soll ich da noch sagen?"

Die Mutter, deren Zorn auf Duftlein noch nicht verraucht war und die sich außerdem ärgerte, dass Frühlingsschwälbchen nicht nach ihrem Willen tanzte, trat vor, versetzte Frühlingsschwälbchen eine schallende Ohrfeige und schimpfte: „Du kleines Luder! Ein paar Jahre in feiner Gesellschaft, und du machst den leichtfertigen Weibsstücken alles nach! Was bildet ihr euch ein – ich werde nicht mit euch fertig? Meine Pflegetochter kann ich vielleicht nicht belangen, aber du bist aus meinem eigenen Leib gekrochen – meinst du, ich traue mich nicht, dich zurechtzuweisen? Wenn ich schon an den feinen Orten, wo ihr kleinen Biester hingehört, nichts zu suchen habe, dann hast du dort gefälligst deinen Dienst zu tun und dich nicht hier draußen herumzutreiben!"

Dann griff sie nach den Weidenzweigen und schlug sie Frühlingsschwälbchen ins Gesicht: „Was soll das hier? Ein Dreck ist das, was du da flichtst!"

Drossel warf ein: „Das habe ich geflochten! Zeigt doch nicht auf den Maulbeerbaum, wenn Ihr die Akazie meint!" [34]

Die Dienstfrau hegte einen tiefen Neid auf Dufthauch, Heitermuster und deren Kameradinnen, denn sie wusste wohl, dass die größeren Dienstmädchen mehr Ansehen und Einfluss besaßen als ihresgleichen. In deren Gegenwart war sie scheu und unterwürfig, innerlich jedoch voll Groll und Verdruss, den sie an anderen ausließ. Als sie nun auch noch Lotosblatt erblickte, die Feindin ihrer Schwester, floss aller Zorn von allen Seiten in einem einzigen Wutausbruch zusammen.

Frühlingsschwälbchen aber rannte weinend in Richtung des Purpurwolken-Hofes davon. Die Mutter bekam es mit der Angst zu tun: Was, wenn man sie dort fragte, warum sie weine, und sie erzählte, dass die eigene Mutter sie geschlagen habe? Dann würde sie sich wieder den Zorn von Heitermuster und den anderen zuziehen. In ihrer Panik rief sie: „Komm zurück! Ich muss dir noch etwas sagen!"

Aber Frühlingsschwälbchen dachte gar nicht daran, umzukehren. Die Mutter rannte ihr nach, um sie festzuhalten. Frühlingsschwälbchen schaute sich um, sah sie kommen und rannte erst recht los. Die Mutter, ganz darauf bedacht, sie einzuholen, achtete nicht auf ihre Füße, glitt auf dem feuchten Moos aus und stürzte zu Boden – worauf Drossel und die beiden Schauspielerinnen in schallendes Gelächter ausbrachen.

Drossel warf vor Ärger alle Blumen und Weidenzweige in den Fluss und ging in ihre Räume zurück. Die alte Tante aber blieb zurück, und es schnitt ihr ins Herz. Sie murmelte Buddhas Namen und schimpfte: „So ein gemeines kleines Biest! Die schönen Blumen verderben – da soll sie doch der Blitz treffen!" Dann machte sie sich daran, andere Blumen zu pflücken und in die einzelnen Häuser zu tragen. Aber davon sei genug erzählt.

Frühlingsschwälbchen rannte geradewegs in den Hof und stieß vor dem Eingang auf Dufthauch, die gerade zu Kajaljade gehen wollte, um ihr guten Morgen zu wünschen. Frühlingsschwälbchen klammerte sich an sie und rief: „Fräulein, rette mich! Meine Mutter schlägt mich wieder!"

Als Dufthauch sah, dass die Mutter tatsächlich herbeigeeilt kam, wurde sie ärgerlich und sagte: „Einen Tag um den anderen – gestern die Pflegetochter, heute die Leibliche! Willst du etwa prahlen, wie viele Töchter du hast, oder weißt du wirklich nicht, was sich gehört?"

Die Dienstfrau war erst seit wenigen Tagen hier und hatte den Eindruck gewonnen, Dufthauch sei eine Stille und Sanftmütige. Also sagte sie: „Fräulein, Ihr wisst nicht, worum es geht – kümmert Euch nicht um unsere Angelegenheiten! Ihr seid es doch, die sie so verzogen haben, und jetzt wollt Ihr eingreifen?" Und sie machte wieder Anstalten, Frühlingsschwälbchen zu fangen und zu schlagen.

Dufthauch drehte sich wütend um, um hineinzugehen. Moschusmond, die gerade unter dem Zierapfelbaum Taschentücher zum Trocknen aufhängte und den Lärm gehört hatte, sagte: „Schwester, kümmere dich nicht darum. Schauen wir mal, was sie tut." Dabei gab sie Frühlingsschwälbchen mit den Augen ein Zeichen. Frühlingsschwälbchen verstand sofort und rannte schnurstracks zu Schatzjade.

Die Anwesenden sagten lachend: „So etwas hat es noch nie gegeben – jetzt bricht alles auf einmal los!"

Moschusmond wandte sich an die Dienstfrau: „Reiß dich doch ein wenig zusammen! Um der Anwesenden willen – ist es denn so schwer, ein gutes Wort zu sprechen und die Sache beizulegen?"

Die Dienstfrau musste mit ansehen, wie ihre Tochter sich an Schatzjades Seite flüchtete. Schatzjade ergriff Frühlingsschwälbchens Hand und sagte: „Hab keine Angst, ich bin ja da." Unter Tränen erzählte Frühlingsschwälbchen den ganzen Vorfall mit Drossel und den anderen. Schatzjade wurde immer aufgebrachter und sagte: „Reicht es nicht, dass du hier im Hof Ärger machst? Musst du auch noch Gäste und Verwandte beleidigen?"

Moschusmond wandte sich an die Dienstfrau und die Umstehenden: „Die Frau hat ja recht: Wir sind unwissend und mischen uns zu Unrecht ein. Dann lasst uns jemanden rufen, der das Recht hat, sich einzumischen – jemanden, der ihr die Regeln beibringt und sie zum Schweigen bringt." Sie drehte sich zu einem kleinen Dienstmädchen um und befahl: „Geh und ruf mir Friedchen[35] her! Und wenn Friedchen keine Zeit hat, dann hol Verwalter Lins Frau!"

Das Mädchen sagte: „Jawohl!" und ging. Die älteren Dienstfrauen traten zu Frau He und rieten ihr lächelnd: „Schwester, bitte die Fräulein schnell, das Kind zurückzurufen! Wenn Fräulein Friedchen kommt, wird es böse für dich."

Die Dienstfrau erwiderte: „Von mir aus soll dieses Fräulein Friedchen kommen und nach dem Recht urteilen. Das gibt es doch wohl nirgends, dass eine Mutter ihr eigenes Kind nicht erziehen darf und sich stattdessen von anderen den Kopf waschen lassen muss!"

Die anderen lachten: „Weißt du denn, welches Fräulein Friedchen gemeint ist? Es ist Friedchen aus dem Haushalt der zweiten jungen Herrin. Wenn sie gut gelaunt ist, bekommst du ein paar Worte zu hören. Aber wenn sie verärgert ist – dann wirst du es nicht mehr los, Schwester!"

Während sie noch redeten, kam das kleine Dienstmädchen zurück und berichtete: „Fräulein Friedchen hat gerade zu tun. Sie hat mich gefragt, worum es geht, und als ich es ihr erzählt habe, hat sie gesagt: ‚Wenn das so ist, dann jagt sie hinaus und sagt Verwalter Lins Frau Bescheid, sie soll ihr am Seitentor vierzig Stockhiebe geben lassen – damit ist die Sache erledigt.'"

Als die Dienstfrau das hörte, wollte sie natürlich auf keinen Fall den Garten verlassen. Mit tränenüberströmtem Gesicht flehte sie Dufthauch und die anderen an: „Mit wie viel Mühe bin ich hier hereingekommen! Außerdem bin ich Witwe und habe daheim niemanden. Ich dachte, ich könnte hier sorglos den Fräulein dienen. Für die Fräulein ist es bequem, und ich habe ein Auskommen. Wenn ich jetzt hinaus muss, muss ich mich allein durchschlagen, und eines Tages werde ich nicht mehr wissen, wovon ich leben soll."

Dufthauch war bei diesem Anblick schon längst wieder weich geworden, sagte aber: „Bleiben willst du, aber dich nicht an die Regeln halten, auf niemanden hören und prügeln, wie es dir einfällt. Was sollen wir mit einem so unverständigen Menschen anfangen, der Tag für Tag Streit sucht? Man wird uns auslachen und unser Ansehen wird darunter leiden."

Heitermuster warf ein: „Lass sie doch reden! Das einzig Richtige ist, sie hinauszuwerfen. Wer will sich immer wieder mit ihr herumstreiten?"

Aber die Dienstfrau flehte alle an: „Ich habe zwar einen Fehler gemacht, aber nun haben die Fräulein mich belehrt, und in Zukunft werde ich mich bessern. Wäre das nicht ein gutes Werk, das Euch dereinst angerechnet wird?" Dann wandte sie sich an Frühlingsschwälbchen: „Der ganze Ärger kam doch daher, dass ich dich schlagen wollte – geschlagen habe ich dich ja nicht einmal richtig. Und jetzt muss ich dafür büßen! Bitte, leg auch du ein gutes Wort für mich ein!"

Schatzjade tat die Frau inzwischen so leid, dass er sie bleiben ließ und ihr nur einschärfte, in Zukunft keinen Skandal mehr zu machen. Die Dienstfrau bedankte sich bei allen der Reihe nach und ging hinaus.

Da kam Friedchen herein und erkundigte sich, was vorgefallen sei. Dufthauch beeilte sich zu sagen: „Es ist schon alles erledigt, wir brauchen nicht noch einmal davon anzufangen."

Friedchen sagte lächelnd: „‚Wo man nachgeben kann, soll man nachgeben.' Ärger, den man vermeiden kann, sollte man vermeiden. Kaum ist die Herrschaft ein paar Tage fort, fängt Groß und Klein an, sich aufzulehnen. Ehe die eine Sache beigelegt ist, bricht die nächste aus, und man weiß nicht mehr, um was man sich zuerst kümmern soll."

Dufthauch sagte lächelnd: „Ich dachte, nur bei uns gäbe es Aufruhr, aber es ist woanders genauso passiert."

Friedchen lachte: „Das hier ist doch gar nichts! Gerade habe ich mit der jungen Frau Herrlichkeit Kaufmann zusammen nachgerechnet: In diesen drei, vier Tagen hat es schon acht oder neun Zwischenfälle gegeben. Eurer war der allerkleinste und zählt nicht einmal mit. Es gab noch weit größere Geschichten, über die man gleichzeitig lachen und sich ärgern konnte."

Was Dufthauch daraufhin fragte und was Friedchen antwortete, das erfahre man im nächsten Kapitel.

  1. Chin. 莺儿 Yīng'ér, wörtl. „Drosselkind" — Schatzspanges geschickte Kammerzofe.
  2. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù — der Protagonist des Romans.
  3. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ — die Matriarchin der Familie Kaufmann.
  4. Chin. 鸳鸯 Yuānyāng — die treue Kammerzofe der Herzoginmutter.
  5. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén — Aufrecht Kaufmanns Hauptfrau.
  6. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng — Kaufmann Kostbars Sohn, aus dem Stillfriede-Anwesen.
  7. Chin. 贾珠 Jiǎ Zhū — Aufrecht Kaufmanns verstorbener ältester Sohn.
  8. Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā — Dame Königs Schwester.
  9. Chin. 尤氏 Yóu Shì — Kaufmann Kostbars Ehefrau.
  10. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn — Phönixglanz' Ehemann.
  11. Chin. 赖大 Lài Dà — der Oberverwalter des Prunkwille-Anwesens.
  12. Chin. 林之孝 Lín Zhīxiào — ein Verwalter im Prunkwille-Anwesen.
  13. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi — Tante Schnees Tochter.
  14. Chin. 杏癍癣 — eine saisonale Hautreizung im Frühling.
  15. eine saisonale Hautirritation im Frühling.
  16. Chin. 蔷薇硝 qiángwēi xiāo — ein mit Rosenessenz versetztes Salpeterpulver gegen Hautirritationen.
  17. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù — Schatzjades Cousine.
  18. Chin. 蕊官 Ruìguān — eine Schauspielerin aus dem Birnendufthof.
  19. Chin. 蕊官 Blütenstäubchen.
  20. Chin. 藕官 Ǒuguān — eine Schauspielerin aus dem Birnendufthof.
  21. Chin. 藕官 Lotoswürzlein.
  22. Chin. 蘅芜苑 Héngwú Yuàn — Schatzspanges Wohnquartier im Großen Garten.
  23. Chin. 潇湘馆 Xiāoxiāng Guǎn — Kajaljades Wohnquartier im Großen Garten.
  24. Chin. 紫鹃 Zǐjuān — Kajaljades treue Kammerzofe.
  25. Chin. 春燕 Chūnyàn — jüngere Tochter der Dienstfrau He.
  26. Chin. 春燕 Frühlingsschwalbe.
  27. Chin. 怡红院 Yihongyuan, Schatzjades Wohnhof.
  28. Chin. 芳官 Fāngguān — eine der Schauspielerinnen.
  29. Chin. 芳官 Duftblümchen.
  30. Chin. 袭人 Xīrén — Schatzjades Hauptzofe.
  31. Chin. 晴雯 Qíngwén — eine von Schatzjades Zofen, temperamentvoll und stolz.
  32. Chin. 麝月 Shèyuè — eine von Schatzjades Zofen.
  33. Chin. Die Dienstfrau wollte sich bei Schatzjade einschmeicheln indem sie ihm die Suppe kühlte – eine vertrauliche Handlung, die ihr nicht zusteht..
  34. Sprichwort für: jemanden indirekt beschimpfen..
  35. Chin. 平儿 Píng'ér — Phönixglanz' treue Kammerzofe.